Читать книгу: «Resilienz im Erwachsenenalter»
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PD Dr. Bernhard Leipold vertritt die Professur für Entwicklungs- und Gesundheitspsychologie an der Universität der Bundeswehr München.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
UTB-Band-Nr.: 4451
ISBN 978-3-8252-4451-4
© 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München
Dieses Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Printed in Germany
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Covermotiv: © Pupkis – Fotolia.com
Satz: JÖRG KALIES – Satz, Layout, Grafik & Druck, Unterumbach
Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München
Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de
Inhalt
Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuches
Ganz normale Magie – Geleitwort von Werner Greve
Vorwort
1 Einführung
1.1 Psychische Widerstandsfähigkeit und positive Entwicklung trotz widriger Umstände
1.2 Fragestellungen und Inhalte des Buches
1.3 Historische Vorläufer und verwandte Konzepte
1.4 Die Struktur der Resilienz
1.5 Methodische Grundkenntnisse
1.5.1 Korrelative Studien
1.5.2 Studien mit systematisch variierten Gruppen
1.6 Zusammenfassung
1.7 Fragen zum Stoff
2 Rahmenbedingungen der Resilienz: Ursachen, Konsequenzen und Bewertungskriterien
2.1 Die Psychologie der Lebensspanne als Rahmenperspektive
2.2 Herausforderungen und Krisen im Erwachsenenalter
2.2.1 Gesundheit und körperliche Funktionstüchtigkeit
2.2.2 Soziale Erwartungen: Entwicklungsaufgaben und -übergänge
2.2.3 Kritische Lebensereignisse und traumatische Erfahrungen: Zufall und Unberechenbarkeit
2.2.4 Historische und kulturelle Ereignisse
2.3 Reaktionen auf Stress und Kriterien positiver Entwicklung
2.3.1 Körperliche Reaktionen auf Stress
2.3.2 Subjektives Wohlbefinden
2.4 Zusammenfassung
2.5 Fragen zum Stoff
3 Ressourcen der Adaptation
3.1 Persönlichkeitsunterschiede
3.1.1 Personenorientierter Ansatz
3.1.2 Stabilität von Persönlichkeitseigenschaften und Resilienz
3.2 Bewältigungsressourcen
3.2.1 Relationaler Ansatz
3.2.2 Formen von Bewältigung
3.3 Altersunterschiede
3.3.1 Bewältigung im Erwachsenenalter und Alter
3.3.2 Langfristige Altersunterschiede und Veränderungen auf der Prozessebene
3.3.3 Die Rolle des Alters im Bewältigungsprozess
3.4 Soziodemografische Faktoren und soziale Normen
3.4.1 Soziodemografische Faktoren
3.4.2 Soziale Normen
3.5 Soziale Unterstützung
3.6 Zusammenfassung
3.7 Fragen zum Stoff
4 Entwicklung und Handeln
4.1 Entwicklung als Adaptation und Handeln
4.2 Intentionale Selbstgestaltung
4.2.1 Intentionale Selbstentwicklung
4.2.2 Übergreifende Themen und Funktionen der intentionalen Selbstentwicklung
4.2.3 Ziele und Volitionen
4.2.4 Volitionspsychologische Ansätze
4.3 Möglichkeiten und Grenzen intentionaler Selbststeuerung
4.3.1 Die Steuerung von emotionsregulierendem Coping
4.3.2 Grenzen der intentionalen Kontrolle: Automatische Selbstregulation
4.4 Ein ordnungsgebender Rahmen: Adaptive Prozesse ermöglichen Resilienz
4.5 Zusammenfassung
4.6 Fragen zum Stoff
5 Die Förderung von Resilienz in der Praxis
5.1 Prävention und Intervention
5.2 Psychologische Frühintervention und Krisenintervention
5.3 Spezifische Interventionen bei der Behandlung von Traumata
5.4 Prävention und Intervention in den Gesundheitswissenschaften
5.4.1 Kognitive und gesundheitsbezogene körperliche Trainings
5.4.2 Training von Bewältigungskompetenzen
5.4.3 Interventionen zur Förderung sozialer Beziehungen
5.4.4 Musikalische Interventionen (von Tim Loepthien)
5.5 Intervention, Entwicklung und Handeln
5.6 Zusammenfassung
5.7 Fragen zum Stoff
6 Ausblick
Glossar
Literatur
Register
Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuches
Zur schnelleren Orientierung werden in den Randspalten Piktogramme benutzt, die folgende Bedeutung haben:
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Ganz normale Magie – Geleitwort von Werner Greve
Es ist oft zweischneidig, wenn Begriffe Karriere machen. Die Konnotationsinflation, die mit breiter Verwendung regelmäßig einhergeht, wird dem Bemühen um Genauigkeit entgegenwirken, und die fachgrenzenüberschreitende Popularität einer Idee bahnt nicht selten den Weg zur unbestimmten Metapher. Andererseits dient es einer ungewöhnlichen Idee, wenn Viele sie bedenken, denn die Chance auf substanzielle Kritik an ihr steigt mit ihrer Bekanntheit, und nur durch Kritik kann Klarheit gewonnen werden.
In jedem Fall sinkt mit der Konjunktur eines Konzeptes die Übersichtlichkeit der Debatte, und so ist es ein durchaus anspruchsvolles Unterfangen, ihren Stand in einer synoptischen Monografie zusammenfassen zu wollen. Das Dilemma zwischen Fairness und Position, die Notwendigkeit, gerecht sein zu wollen und gleichzeitig selektiv sein zu müssen, erschwert die Aufgabe. Aber was soll man machen, wenn das Thema unwiderstehlich ist?
Und dieses Thema ist unwiderstehlich. Warum gelingt es manchen Menschen manchmal, Umstände umstandslos zu meistern, die den meisten schwer zu schaffen machen, Krisen zu durchlaufen, ohne dass sie selbst oder andere spüren, dass es eine Krise hätte werden können? Dieses faszinierende Phänomen eben bezeichnet der Begriff der „Resilienz“: Belastungen nicht belastend zu finden, an denen alle anderen schwer tragen. Völlig klar: Wenn wir besser verstehen würden, was Resilienz ausmacht, wie sie entsteht, was günstige Bedingungen für sie sind, dann könnten wir all jenen vielleicht helfen, für die Belastungen belastend, Krisen kritisch, Hürden unüberwindlich, Konflikte lähmend sind. Nichts könnte wichtiger sein, denn „all jene“ – sind wir selbst.
So scheint es uns jedenfalls. Denn mit den meisten Krisen kommen die meisten von uns nicht gut zurecht – so denken wir. Aber ist das wirklich so? Erinnern wir uns nicht deswegen an Krisen, weil sie kritisch waren, und vergessen die, die andere so erlebt hätten, wir aber nicht? Haben wir solche Krisen, die für uns keine wurden, womöglich erst gar nicht bemerkt? Sind wir, womöglich, selbst resilient, jedenfalls mitunter? Wenn es so wäre: Woran könnten wir das erkennen?
Theoretische Herausforderungen
„Ein Bumerang ist, wenn man ihn wegwirft, und er nicht zurückkommt, dann war’s keiner.“ Seltsamerweise ist diese Definition nicht seltsam (abgesehen von der Grammatik), es macht keine Mühe, sie zu verstehen. Offenbar ist ein Bumerang etwas, das zurückkommt, wenn man es (auf die richtige Weise) wegwirft. Warum kommt der Bumerang zurück? Nun, wenn man ihn wegwirft, und er kommt nicht zurück, dann ist es eben keiner. So verführerisch einfach das klingt, es gibt hier offenbar ein ernstes Problem: Das ist keine Erklärung. Gewiss, wenn er nicht zurückkommt, ist es kein Bumerang, aber damit ist nicht erklärt, warum er zurückkommt, wenn er einer ist. Man nennt Dinge, die zurückkommen, Bumerang, aber das ist nur ihr Name, nicht die Erklärung.
Resilienz bezeichnet den Umstand, dass Menschen unter Umständen Belastungen oder Herausforderungen schadlos überstehen, die anderen Menschen schwer und lange zu schaffen gemacht oder sie sogar nachhaltig geschädigt hätten. Das ist bemerkenswert, höchst interessant, aber es ist keine Erklärung. Gewiss, die Konstellationen, in denen die Schädigung doch eintritt, nennen wir deswegen dann gerade nicht „Resilienz“ – aber das hilft eben nicht weiter: Wir wollen gerne wissen, warum und wie man potentiell schädigende Umstände gut überstehen kann.
Dies genau ist das Anliegen von Bernhard Leipolds Buch: Der Versuchung zu widerstehen, eine tautologische Eigenschaftserklärung zu formulieren (etwa: „Es ist eben die individuelle Eigenschaft ‚Resilienz‘, die diese Menschen so resilient sein lässt.“), sondern stattdessen nach den zugrunde liegenden Prozessen und Mechanismen zu fragen, die seitens der betroffenen Personen dazu beitragen, dass sie in einer Konstellation von Herausforderungen und Umständen resilient bleiben.
Es ist klug, hierzu mehr als einen Ausgangspunkt zu wählen und verschiedene historische und systematische Entwicklungslinien des Resilienzkonzeptes zu verfolgen. Zunächst entsteht so ein facetten- und detailreiches Bild der Herausforderungen und Erträge, die mehr als ein halbes Jahrhundert psychologischer Resilienzforschung erbracht haben. Wenn man das Buch von Bernhard Leipold liest, wird man viel darüber erfahren, welche Wege die Suche nach der Erklärung von Resilienz gegangen ist, und eben dadurch viel darüber, wie weit das Fach in dieser Zeit auch schon gekommen ist. Manches war gleichzeitig, nicht alles konvergent, nicht wenig auch kontrovers, und längst nicht alles ist geklärt. Aber auch wenn das Bild auf diese Weise bunt(er) geworden ist – es ist auch schärfer geworden.
Die Polyvalenz der Resilienz
Aber es steckt mehr im Thema, und in Bernhard Leipolds Buch, als eine Synopse der Geschichte der Resilienzdebatte. Beim genaueren Besehen zeigt sich, dass zentrale Fragen der Entwicklungspsychologie – die Spannung zwischen Stabilität und Wandel, die Auslösebedingungen für Veränderung, um nur zwei Beispiele zu nennen – ebenso zwanglos wie anschaulich als Implikationen von Resilienz behandelt werden können.
Sind beispielsweise nicht „kritische Lebensereignisse“ genau die Sorte von Erfahrungen, bei denen sich Resilienz erweisen kann, muss? Oder gerade nicht? Sind kritische Lebensereignisse nicht deswegen (und nur dann) „kritisch“, wenn sie die Entwicklung des betroffenen Menschen nachhaltig verändern? Wenn aber dies Ereignis eine nachhaltige Wirkung hatte, dann war der, der von ihm betroffen war, jedenfalls in Bezug auf dieses Ereignis offenbar gerade nicht resilient (... ein Bumerang ist, wenn ...). Wie kann man das lösen, wie Resilienz verstehen? Wenn die Bewältigungsforschung einen Konsens erbracht hat, dann den, dass nicht das objektive Ereignis, sondern seine subjektive Verarbeitung – die schon bei der Wahrnehmung beginnt – zählt. Sind also die Personen besonders resilient, die kritische Lebensereignisse erst gar nicht erleben? Erlebt aber nicht jeder Mensch kritische Lebensereignisse, Wendepunkte im Leben, die, auch wenn sie uns im Einzelfall unerwartet treffen mögen, meistens dann doch so außerordentlich nicht sind: Scheidungen, Unfälle, Überfälle, Erkrankungen, schwere Verluste oder Enttäuschungen? Und wenn diese kritischen Lebensereignisse für die meisten von uns nicht eben dies wären: Belastungen, Bedrohungen, dann würden wir sie nicht so nennen. Die meisten von uns haben an den meisten von diesen zu kauen. Manche von uns aber nicht. Manche von uns leben trotz solcher Ereignisse, vielleicht nach kurzem Innehalten, vielleicht auch sofort, einfach weiter, als hätte es sie nicht gegeben, als wären sie keine „kritischen“ Ereignisse. In der Tat: Für diese Menschen sind sie nicht kritisch gewesen. Wie ist das nur möglich? Eben: Seit rund einem halben Jahrhundert hat sich der Begriff „Resilienz“ als Name für diese Frage eingebürgert. Und ganz gewiss hat sich die Frage, wie denn manche Menschen mit Schwierigkeiten und Belastungen fertig werden, mit denen die meisten nicht so gut fertig werden, als äußerst fruchtbar erwiesen.
Die Faszination des Themas Resilienz liegt eben darin: Einfache Antworten führen sofort ins Unwegsame. Gewinnend an dem Buch von Bernhard Leipold ist es, derartige Schwierigkeiten weder ausgespart noch übertrieben zu haben. Denn bei allen Zirkelschlussgefahren (vom Bumerang-Typus) ist das Phänomen selbst schwer zu bezweifeln: Mit Lebenskonstellationen, die die meisten von uns nicht ohne Weiteres meistern, kommen manche von uns fast mühelos zurecht. Dafür eine gute Erklärung zu finden würde, nicht zuletzt, fruchtbare Pfade für Intervention und eines Tages sogar Prävention eröffnen. Zu den Besonderheiten seines Buches gehört es, gerade dieser Perspektive hinreichend Raum, ja ein eigenes Kapitel gewidmet zu haben.
Entwicklung als Rahmen, nicht Störungen
Eines der Verdienste des Themas Resilienz ist es, den Blick einer ganzen Disziplin verändert, jedenfalls geweitet zu haben. Die klassische Perspektive der Entwicklungspsychologie war es bis weit über die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinaus, „Entwicklung“ zwingend als „Veränderung“ zu lesen: Wenn sich nichts verändert, dann kann sich also nichts entwickelt haben. Der Fokus auf Resilienz hat diese vermeintliche konzeptuelle Gewissheit nachhaltig infrage gestellt: Entwicklung kann auch erklären (helfen), warum man manchmal keine Veränderung sehen kann.
Es ist deswegen nicht nur sinnvoll, sondern tatsächlich nötig und überdies fruchtbar, Resilienz nicht einfach nur als protektiven Faktor zu sehen, als Schutzschild gegen eine ansonsten kaum vermeidliche Schädigung, sondern vielmehr als Fenster zum besseren Verständnis der grundlegenden Spannung zwischen Stabilität und Wandel. Deswegen ist es nicht nur sachlich fruchtbar, Entwicklungsregulationstheorien breiten Raum in der Diskussion zu gewähren, es führt die Diskussion auch über das Thema hinaus. So wird die Diskussion eines – auf den ersten Blick: speziellen – Themas wirklich fruchtbar.
Normale Magie
Ist Resilienz wirklich besonders? Selbst bei sehr schweren Belastungen (z.B. Gewalt- und Kriminalitätserfahrungen, schwere Erkrankungen) gelingt es vielen Menschen (tatsächlich der Mehrzahl der Betroffenen), einen Weg in ein konstruktives Weiterleben zu finden, eine Rückkehr in die Hoffnung, eine Neugewinnung lohnender Ziele. Das höhere Alter, ein Lebensabschnitt in dem Verluste sich häufen, lässt die allermeisten Menschen die allermeiste Zeit nicht verzweifeln, im Gegenteil. Offenbar ist das Wunder (der Resilienz), wie Ann Masten es treffend formuliert hat, fast alltäglich. Wir können das (fast) alle, (fast) immer schon.
Ein Grund mehr, sich von der Perspektive des Spektakulären zu verabschieden, die in Resilienz nicht das Allgemeine vermutet, sondern das Außergewöhnliche sucht. Daher ist der vielleicht überzeugendste Gedanke in Bernhard Leipolds Buch der Ansatz, von einem allgemeinen Modell der Entwicklungsregulation auszugehen, davon eben, dass wir alle fast immer resilient sind – oder besser gesagt: dass die meisten Lebenskonstellationen aus Herausforderungen, Fähigkeiten und Ressourcen die Stabilität nicht gefährden. Man spricht immer dann von „Resilienz“, wenn einmal auffällt, dass man an dieser Herausforderung auch hätte scheitern können. Nichts besseres kann man von einem Überblicksbuch sagen: dass es, durch den Überblick, den Blick verändern kann. Entwicklung kann sich, je nach Perspektive, in Beharrung zeigen. Gern mag man auch dem Buch selbst in diesem Sinne Bestand wünschen.
Hildesheim, den 8. März 2015
Prof. Dr. rer. nat. Werner Greve
Universität Hildesheim, Institut für Psychologie
Vorwort
Resilienz, ein bereits populär gewordenes Thema, ist der Gegenstand des vorliegenden Buches. Es geht um die vielversprechend klingende, aber gleichzeitig schwierig zu beantwortende Frage, wie die Bewältigung von sehr belastenden Lebensumständen (Krisen, Traumata) gelingen kann. Bei der Behandlung des Stoffes und Sichtung der mittlerweile sehr umfangreichen Fachliteratur wurden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt.
Einer konzentriert sich auf das Problem der Entwicklung von Resilienz. Emmy Werner hat sich um die Erforschung von Resilienz verdient gemacht und den Begriff entscheidend geprägt. Sie machte darauf aufmerksam, dass es unterschiedliche Ressourcen gibt, die sich gegenseitig ergänzen und schließlich einen Bewältigungsprozess positiv verlaufen lassen können. Ein entwicklungspsychologischer Blick sollte zum besseren Verständnis beitragen:
„Um das Phänomen der Resilienz zu verstehen, brauchen wir eine Zeitperspektive, da Resilienz keine Persönlichkeitseigenschaft ist, sondern das Endprodukt von Prozessen, bei denen es nicht um die Beseitigung, sondern das ‘Abfedern’ von Risiko und Stress und somit um die Ermöglichung eines erfolgreichen Umgangs damit geht.“ (Werner, 2007a, S. 48)
Dass man das Risiko bzw. das Problem oft nicht völlig beseitigen kann, ist zwar schade, trifft aber das Thema im Kern. Schließlich meint man, wenn von Resilienz die Rede ist, den Umgang mit gravierenden Belastungen und nicht den Umgang mit kleineren alltäglichen Aufgaben. Jeder Lebensabschnitt beinhaltet Herausforderungen, die man aufgrund des Alters von Personen erwarten kann, und Risiken (z.B. schwere Unfälle, Verluste), die unverhofft eintreten können. Im Folgenden geht es um Resilienz im Erwachsenenalter, dem Altersbereich, der in der Forschungsliteratur weniger Beachtung gefunden hat als das Kindesalter.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Behandlung psychologischer Prozesse, was meinem persönlichen Bildungsweg geschuldet ist. Biologische, medizinische oder etwa soziologische Aspekte werden zwar angesprochen, aber nicht in der gleichen Ausführlichkeit behandelt wie die kognitiven, motivationalen und emotionalen Prozesse der Bewältigung. Für die Darstellung des Themas Resilienz aus der Perspektive von angrenzenden Fächern muss auf deren jeweils eigene Literatur verwiesen werden.
Worum geht es im Einzelnen? Das erste Kapitel befasst sich damit, was unter Resilienz verstanden wird. Es behandelt die Struktur von Resilienz sowie verwandte Konzepte und führt in methodische Grundkenntnisse ein (korrelative Studien, Studien mit Kontrollgruppen und experimentelles Vorgehen). Man soll die Aussagekraft, die Schwierigkeit und Grenzen empirischer Studien beurteilen können, die Hinweise auf Resilienz geben. Die vorliegenden Studien wurden mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Inhalten konzipiert und leisten einen spezifischen Beitrag zur Erforschung von Resilienz.
Das zweite Kapitel behandelt die Rahmenbedingungen der Resilienz samt Ursachen und Konsequenzen. Die Psychologie der Lebensspanne dient dabei als theoretischer Rahmen und verstärkt den entwicklungspsychologischen Blick dafür, dass es um Veränderungen und Prozesse geht. Resilienz ist nicht einfach schon da, sondern ein Produkt, das erlebte Krisen und adaptive Prozesse voraussetzt. Zu den Herausforderungen im Erwachsenenalter gehören, im positiven wie im negativen Sinn, Entwicklungsaufgaben wie der Erhalt der körperlichen Funktionstüchtigkeit oder soziale Beziehungen in unterschiedlichen Lebensabschnitten (z.B. soziale Erwartungen bezüglich der Rollenausübung im privaten oder beruflichen Kontext). Diese können sich zu kritischen Lebensereignissen und traumatischen Erfahrungen verdichten (z.B. etwa Erfahrungen mit lebensbedrohlichen körperlichen Veränderungen, aber auch den Schlichen der Diplomatie). Schließlich wird hervorgehoben, dass es sehr unterschiedliche Reaktionen auf Stress gibt (Kriterien positiver Entwicklung wie körperliche Reaktionen und die zahlreichen Facetten der subjektiven Lebensqualität, die, sofern man ihnen aufgeschlossen ist, zu Resilienz beitragen können).
Im dritten Kapitel werden die Ressourcen der Adaptation genauer beleuchtet. Es werden unterschiedliche Bewältigungsprozesse vorgestellt, die zu Stabilität führen können, die sich jedoch teilweise in Abhängigkeit des Lebensalters unterscheiden. Es wird untersucht, welche Rolle soziodemografische Faktoren, soziale Normen und Formen der sozialen Unterstützung bei der Bewältigung von Krisen und Problemen spielen.
Das vierte Kapitel befasst sich mit der intentionalen Selbstgestaltung und Selbstentwicklung. Es geht darum, inwieweit Menschen handeln, wenn sie Krisen bewältigen. Sich Ziele setzen, einen konkreten Plan fassen und strategisch umsetzen, dies wird häufig empfohlen, um Krisen erfolgreich bewältigen und Probleme beseitigen zu können. Aber wie verhält es sich mit den Prozessen und Ereignissen, die sich nicht intentional steuern lassen? Es wird gezeigt, dass automatische Prozesse der Aufmerksamkeitsregulierung und kognitive Voreinstellungen (Vorurteile, Einstellungen, Gewohnheiten, Schemata) an der Entwicklung der adaptiven Prozesse und somit auch an der Entwicklung von Resilienz beteiligt sind.
Im fünften Kapitel wird anwendungsbezogenen Fragen Raum gegeben. Es werden Konzepte der Prävention und Intervention sowie Ansätze vorgestellt, die in der Praxis mit belasteten Personen und Berufsgruppen zum Einsatz kommen und erprobt wurden. Zielgruppenbezogene Ansätze, spezifische Dienste für Risikogruppen und Bausteine präventiver und therapeutischer Maßnahmen werden hier behandelt. Dr. Tim Loepthien widmet sich der Frage, wie Musik zu Resilienz beitragen kann.
Im sechsten Kapitel werden die Konzepte, die sich als zentral für das Zustandekommen von Resilienz erwiesen haben, noch einmal zusammengeführt: der entwicklungspsychologische Blick auf die Prozesse der Bewältigung und der Bezug zum menschlichen Handeln im sozialen und kulturellen Kontext. Die Abstimmung der persönlichen Ziele auf soziale Angebote und Erwartungen erweist sich auch im Resilienzprozess als wichtige Aufgabe.
Schließlich möchte ich den Personen danken, die an der Entstehung dieses Buches in seinen unterschiedlichen Entwicklungsstadien mitgewirkt haben. Wertvolle Hinweise zu einer früheren Fassung der Manuskriptteile haben Herr Niklas Bayer, Herr Torsten Birk, Frau Dr. Cathleen Kappes, Herr Maurice Landré und Frau Barbara Loidl gegeben. Mein Dank gilt nicht zuletzt dem Ernst Reinhardt Verlag für die effektive Zusammenarbeit, namentlich Frau Franziska Thiel und Frau Ulrike Landersdorfer, die diesem Buchprojekt den ersten Impuls gegeben, es freundlich begleitet und entscheidend vorangebracht hat.
Donaueschingen im März 2015
Bernhard Leipold
1 Einführung
Das vorliegende Kapitel führt zunächst in das Konzept der Resilienz ein. Resilienz wird im Folgenden schwerpunktmäßig aus Sicht der Psychologie behandelt und es werden damit verbundene Frage- und Problemstellungen vorgestellt. Dies geschieht insbesondere aus entwicklungspsychologischer Sicht, wobei das Erwachsenenalter im Vordergrund stehen wird. Nach der Einführung in das Problem werden historische Vorläufer der aktuellen Resilienzforschung vorgestellt und ein vorläufiges Arbeitsmodell vorgeschlagen, das sich als ordnender Rahmen zur Untersuchung von Resilienzphänomenen eignet, und anhand dessen die Vielzahl an Studien und Befunden zum Thema Resilienz im weiteren Verlauf des Buches dargestellt, vertieft und diskutiert wird. Schließlich werden methodische Zugänge eingeführt, die zur Beurteilung der Aussagekraft der zahlreichen nachfolgend dargestellten empirischen Studien beitragen.
1.1 Psychische Widerstandsfähigkeit und positive Entwicklung trotz widriger Umstände
Zahlreiche Publikationen und Überblicksarbeiten zur psychischen Resilienz beziehen sich auf die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner und machten ihre Untersuchungen, insbesondere die an Kindern auf der Hawaii-Insel Kauai, zu den weltweit bekanntesten zum Thema (Werner, 1993, 2007b). In einer Längsschnittstudie über einen Zeitraum von mehreren Jahren wurde gezeigt, dass sich Kinder, die teilweise auch mehreren bedrohlichen sozialen, körperlichen oder biologischen Faktoren ausgesetzt waren (z.B. Armut, Komplikationen bei der Geburt), im Durchschnitt erwartungsgemäß ungünstiger entwickelten als Kinder, die nicht mit vergleichbaren Risikofaktoren konfrontiert gewesen waren. Vor diesem Hintergrund ist es geradezu bemerkenswert, dass es dennoch manchen Kindern gelang, sich trotz zahlreicher Risikofaktoren positiv zu entwickeln, d.h. sie wurden später nicht auffallend delinquent und zeigten auch kaum psychische oder gesundheitliche Beeinträchtigungen.
Resilienzbegriff
Man spricht in der Psychologie von Resilienz, wenn eine erfolgreiche Anpassung gelingt, obwohl widrige Umstände vorliegen (Greve & Staudinger, 2006; Masten & Wright, 2010; Masten et al., 1990). In einem allgemeineren Sinn bezeichnet Resilienz auch die Fähigkeit, mit Veränderungen umgehen zu können, lässt sich dann aber kaum von Konzepten wie Coping/Bewältigung, Plastizität oder Selbstregulation unterscheiden.

Medienlink: Einführung in die Resilienz: Bei dem folgenden Beitrag handelt es sich um ein Interview mit dem Psychologen Denis Mourlane, in dem einige zentrale Facetten des Resilienzkonzepts vorgestellt werden. Es informiert anhand von alltagsnahen Beispielen sehr anschaulich, durch welche psychischen Prozesse resiliente Personen gekennzeichnet sind. http://www.management-radio.de/karriere-management-resilienz/
Der Resilienzbegriff wird außerhalb der Psychologie auch in Disziplinen wie der Ökologie und der Soziologie verwendet. Wir konzentrieren uns in diesem Buch jedoch auf die psychologischen Verwendungen, die bei genauerer Betrachtung trotz gemeinsamer Elemente doch sehr unterschiedliche Akzente setzen.
Ein Blick auf die ursprüngliche Wortbedeutung von „Resilienz“ ist aufschlussreich, weil es hier schon mehrere und durchaus unterschiedliche Facetten sind, die mit dem Begriff verbunden werden. „Resilienz“ wurzelt im lateinischen Verb resilire und kann übersetzt werden mit „zurückspringen, abprallen, abspringen“, aber auch mit „sich zusammenziehen, sich verkleinern, schrumpfen“. Das klingt sportlich, verweist aber gleichzeitig auf Zurücknahme und Bescheidung. Ein verwandter Begriff, resistere, bedeutet „sich widersetzen, Widerstand leisten“. Heute würde man dabei an den Umgang mit „Krisen“ oder „Stress“ denken. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Resilienz kein Trumpf ist, der wie im Skat bei gutem Blatt von oben runter gespielt wird, um der Gegenpartei keinen Stich zu lassen. Die Verhältnisse liegen anders und es gibt keinen Anlass zu einem Durchmarsch: Resilienz bedeutet vielmehr, dass gravierende Bedrohungen, Schäden oder Verluste vorliegen (Filipp & Aymanns, 2010) und man dennoch die Kraft besitzt, Widerstand zu leisten. Die Bewältigung von alltäglichen Aufgaben und Bagatellen ist nicht gemeint.
Resilienz ist möglich und oft auch wahrscheinlich, wenn Individuen über gewisse soziale oder individuelle Ressourcen verfügen, wie es mittlerweile zahlreiche empirische Befunde belegen (Glantz & Johnson, 1999; Masten & Wright, 2010). Menschen, die zeitweise in schwierigen familiären und finanziellen Verhältnissen leben, können sich durchaus positiv entwickeln und die Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen, erfolgreich bewältigen. Es konnte eine große Variationsbreite in der Anpassung an Herausforderungen beobachtet werden. Risikofaktoren wie gesundheitliche Beeinträchtigungen, familiäre Armut, Arbeitslosigkeit oder migrationsbedingte soziale Isolation können bewältigt und gravierende langfristige psychische Beeinträchtigungen vermieden werden.
Entwicklungspsychologische Perspektive
Allerdings sollte man einräumen, dass eine Bewältigung im späteren Lebensverlauf, also im mittleren und höheren Erwachsenenalter, unter extremen Belastungen nicht immer gelingt und individuelle Anstrengungen häufig auch scheitern. Vieles erledigt sich ja im Alter nicht einfacher als in der Jugend, und es waren Vertreter der Psychologie der Lebensspanne, die mit Nachdruck darauf hingewiesen haben, dass die Entwicklung von Gewinnen und Verlusten differenziert voneinander betrachtet werden sollten (P.B. Baltes, 1987). Resilienz aus einer entwicklungspsychologischen Sicht bedeutet, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren und Ressourcen, die koordiniert werden müssen, zur Widerstandsfähigkeit beitragen, und sich zum Teil mit dem Alter systematisch verändern. Im Folgenden wird unter der entwicklungspsychologischen Perspektive hauptsächlich verstanden, dass es um Veränderungen von individuellen Anpassungsprozessen geht.
Resilienz beruht auf dem Zusammenspiel von persönlichen Kompetenzen (z.B. Strategien der Bewältigung, persönliche Zielstruktur) sowie sozialen Strukturen und kulturellen Förderungsangeboten (z.B. Familie, Freizeit und Beruf; Weiterbildungs- und Interventionsangebote), die zur Verfügung stehen und ihrerseits die Entwicklung von individuellen Bewältigungskompetenzen kanalisieren und beeinflussen können (Brandtstädter, 2001).
Während sozialpsychologische Zugänge stärker die Rolle der sozialen Interaktion bei Resilienz fokussieren und persönlichkeitsorientierte Ansätze häufiger von stabilen Eigenschaften (Dispositionen) und individuellen Unterschieden handeln (vgl. auch Kap. 1.3 und 3.1), wird Resilienz hier als Gegenstand von Entwicklung im Erwachsenenalter konzipiert. Resilienz wird also im Folgenden nicht als eine stabile Eigenschaft aufgefasst, über die manche Menschen in einem höheren Ausmaß verfügen als andere: Vielmehr wird sie als ein Produkt des Zusammenspiels vieler Ressourcen und psychischer Prozesse verstanden, die sich ihrerseits entwickeln. Resilienz ist ein temporärer Zustand, der erklärungsbedürftig ist. Im günstigen Fall bedeutet Resilienz eine positive Anpassung im Sinne einer Weiterentwicklung („Man wächst mit seinen Krisen.“), oder sie bedeutet, dass der Status quo in gewissen Lebensbereichen aufrechterhalten werden kann, obwohl andere beeinträchtigt sind (Leipold & Greve, 2009; Staudinger et al., 1995). Im weniger günstigen Fall wird der Schaden begrenzt, was durchaus auch als Erfolg gewertet werden kann. Ausschließliche Verluste oder Abbauprozesse in schwierigen Lebenssituationen werden in der Regel nicht als Formen von Resilienz bezeichnet.
1.2 Fragestellungen und Inhalte des Buches
In diesem Buch geht es insbesondere um folgende Fragen: Wie kann Resilienz gelingen? Von welchen Faktoren und Prozessen hängt Resilienz ab? Wie entwickelt sich Resilienz im Erwachsenenalter und Alter (Reich et al., 2010)? Zur ansatzweisen Beantwortung dieser durchaus schwierigen Fragen sollen insbesondere drei Bereiche bzw. Blickwinkel genauer beleuchtet werden, die als zentral für die Genese und Beurteilung von Resilienz angesehen werden:
1 Die Risikofaktoren, die tatsächlich zu einem gravierenden Problem werden können und die individuellen Bewältigungskompetenzen herausfordern (z.B. ernsthafte Veränderungen des Gesundheitszustands, Entwicklungsaufgaben und kritische Lebensereignisse, Zustände des Ungleichgewichts; Kap. 2).
2 Die Kriterien, nach denen beurteilt wird, inwieweit Resilienz vorliegt (Konzepte wie erfolgreiches Altern, Baltes & Baltes, 1990; Baltes & Carstensen, 2003; positive Entwicklung, Brandtstädter, 2011; persönliches Wachstum und Lebenssinn, Ryff, 2013; Ryff & Singer, 1998; Kap. 2).
3 Die strukturellen Merkmale von Bewältigungsprozessen (Prozesse der Adaptation), über die Menschen verfügen, um mit ihren Problemen umzugehen. Es wird untersucht, wie die Bewältigungsprozesse funktionieren, womit diese zusammenhängen und inwieweit hier Regelmäßigkeiten zu beobachten sind, wenn Individuen ihre Reserven nutzen oder ausbauen, um den Risiken und Anforderungen zu begegnen (Kap. 3).
Resilienz aus entwicklungspsychologischer Perspektive (Greve & Staudinger, 2006) befasst sich mit den altersbezogenen Veränderungen der Risikofaktoren und der adaptiven Prozesse.
Das Buch möchte zu einem besseren Verständnis beitragen, wie das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren zu Resilienz führt oder eben nicht. Zwei Konzepte sind bereits angeklungen, mit anhand derer nun Resilienz genauer bestimmt werden soll: Gleichgewicht und Prozesse der Adaptation.
Herstellung von Gleichgewicht
Ungleichgewichtszustände oder Stress verursachen adaptive Prozesse bzw. fordern sie heraus. Sind beispielsweise die eigenen Ziele blockiert und die gewohnten Handlungen führen nicht zur Lösung eines Problems, wird ein solcher Zustand als unangenehm bzw. als Bedrohung oder Herausforderung interpretiert. In zwei entwicklungspsychologischen Theorien sind die Vorstellungen zu Gleichgewicht (Äquilibration; Piaget 1975) bzw. Ist-Soll-Diskrepanzen (Brandtstädter, 2011, S. 102) zentrale Elemente. Ungleichgewichtszustände sind Störungen, und es werden Prozesse der Regulierung angenommen, die korrigierend eingreifen und ausbalancieren (Piaget, 1974, S. 14). Wenn ein Zustand des Gleichgewichts (wieder) hergestellt wurde, werden die Prozesse nicht (mehr) beansprucht.
Gleichgewicht, ein allgemeines und grundlegendes Konzept in Piagets Entwicklungstheorie, beschreibt die balancierten Zustände, die durch Prozesse der Anpassung hergestellt wurde. Im Gleichgewichtskonzept wird auch ein wichtiger Mechanismus dessen auf den Punkt gebracht, was Resilienz ausmacht: Resilienz wurde über eine erfolgreiche Anpassung trotz widriger Umstände (z.B. Entwicklungsprobleme) definiert und der Vergleich mit einer Wiederherstellung von Gleichgewicht liegt nahe.
Das Bild der Waage veranschaulicht diese abstrakte Annahme, die wichtig für das Verständnis dafür ist, wie Resilienz funktioniert. Das angemessene Verhältnis, das durch Entwicklungsaufgaben oder kritische Lebensereignisse ins Ungleichgewicht gebracht wurde und durch adaptive Prozesse ständig wiederhergestellt (balanciert) wird, ist in Abbildung 1.1 dargestellt. Das Ungleichgewicht ist hier kaum sichtbar. Das kann daran liegen, dass keine Entwicklungsprobleme vorliegen oder daran, dass die adaptiven Prozesse wirksam waren. Formen des Ungleichgewichts, womit hier zunächst sämtliche Formen von Stress, Problemen, Schwierigkeiten bezeichnet werden, welche die Kräfte eines Organismus deutlich beanspruchen, finden sich im Erwachsenenleben in vielfältigen Ausprägungen. Der Weg aus der Arbeitslosigkeit oder der Umgang mit einer nicht heilbaren Erkrankung sind zwei Beispiele, bei denen körperliche und psychologische Prozesse beansprucht werden. Albrecht Dürer gibt in seinem Holzstich dem Reiter eine stark strapazierte Waage zur Hand (Abb. 1.2). Er zeigt bewegtes und zu Ende gehendes Leben, und dass viele Krisen, zumindest Wind und Wetter, auf die Waagschalen wirken.

Abbildung 1.1: Beinahe balancierte Waage

Abbildung 1.2: Nicht balancierte Waage (Albrecht Dürer, 1498: Die vier apokalyptischen Reiter, Ausschnitt)
Insbesondere zwei psychologische Prozesse sind von Bedeutung, wenn es darum geht, Anpassung zu lernen oder zu trainieren, wie es ein Ziel praktischer Ansätze zur Förderung von Resilienz ist: die des Wollens (Erhöhung bzw. Mäßigung der eigenen Ansprüche) und die des Könnens (erfolgreiche Bewältigung im Sinne kognitiver Meisterung der Probleme). Das Verhältnis von zielbezogenem Handeln (Brandtstädter, 2011) und kognitiver Bewältigung (Piaget, 1974; Meumann, 1908) ist auch entscheidend für Resilienz.
Das erinnert an Platons Metapher der Mischung von Lust und Vernunft, in der das Gute im menschlichen Leben zu suchen ist (Gadamer, 1978/1997), in seinem Dialog „Philebos“: Weder ein Leben in Lust noch ein Leben in Vernunft ist gut, sondern nur ein aus beiden gemischtes. Erfolgskriterien für Resilienz, die das Angemessene zum Maßstab haben, haben mit dem Mittleren zwischen Extremen zu tun. Entscheidungen, die in schwierigen Situationen getroffen werden müssen, schließen einen Moment der Ungewissheit mit ein (Gadamer, 1978/1991, S. 196). Der Mensch setzt sich Maßstäbe und verbindet sein Handeln mit bestimmten Ansprüchen. Die Anwendung einer Technik erfordert mitunter Übung und fachmännische Erfahrung; häufig sind dabei bestimmte Konsequenzen des menschlichen Handelns nicht vorauszusehen, etwa wenn Interventionen zu unerwünschten Nebeneffekten führen. Was angemessen ist, lässt sich erst beurteilen, wenn man sich auf Kriterien geeinigt hat, wonach beurteilt werden soll. Zum Schwierigen und mitunter Spannenden des Lebens gehört neben der Erfahrung von Schwierigkeiten und Verlusten die (psychologische) Auslotung durch kognitive und motivationale Prozesse. Ein besseres Verständnis der Funktionsweise der adaptiven Prozesse kann möglicherweise dazu beitragen, dass man sie gezielt beeinflussen und optimieren kann.
Prozesse der Adaptation
Aus einer entwicklungspsychologischen Perspektive sind gerade die alterskorrelierten Veränderungen der biologischen Wachstums- und Abbauprozesse, die Veränderungen der sozialen Erwartungen an alternde Menschen und die systematischen Veränderungen der persönlichen Werte- und Zielstruktur inklusive des Anspruchsniveaus von Interesse (Baltes et al., 2006). Diese Veränderungen, die teilweise auch unverhofft eintreten können, etwa wenn man Opfer eines Verkehrsunfalls mit bleibenden Schäden wird, werden in diesem Buch genauer beleuchtet.
Aber was genau tun Menschen in prekären Situationen, wenn sie sich bemühen, die Umstände den eigenen Bedürfnissen anzupassen? Wie werden Pläne geschmiedet? Was passiert auf psychologischer Ebene, wenn man sich mit seiner Situation abfindet – oder besser gesagt: abfinden muss? Einen relativ breiten Raum sollen die psychologischen Prozesse der Adaptation erhalten: persönliche Ziele, Erwartungen der Selbstwirksamkeit, individuelle Kontrollüberzeugungen und emotionale Begleitumstände zählen dazu. Von diesen und weiteren Prozessen des Denkens und Problemlösens, der Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitssteuerung hängt es ab, inwieweit Individuen ihre Krisen und Herausforderungen meistern und auch langfristig bewältigen können (vgl. das „flexible Selbst“, Brandtstädter, 2007a).
Assimilation und Akkommodation
Piaget hat bekanntlich zwei Formen der Anpassung unterschieden, die Assimilation und die Akkommodation (Piaget, 1975). Im Falle der Assimilation sind kognitive Vorgänge gemeint, bei denen ein vorhandenes kognitives Schema auf verschiedene Situationen angewendet und beibehalten wird. So neigen Kinder im Vorschulalter häufig zu der Annahme, dass Personen, die sich auf einer anderen räumlichen Position befinden (z.B. auf der anderen Seite eines im Zimmer arrangierten Spielzeug-Gebirges), das sehen, was sie selbst aus ihrer Position wahrnehmen können. Die eigene Perspektive wird assimilativ auf andere Personen übertragen, bis gelernt wird, dass Personen, die sich woanders im Raum befinden, möglicherweise ein anderes Wahrnehmungsfeld zur Verfügung steht. Ist nämlich die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme hinreichend entwickelt, können die Kinder „erkennen“ oder wissen, dass beispielsweise die Sicht auf die Spielzeug-Kühe verstellt sein kann, wenn man sich auf der anderen Seite des Gebirges befindet. Diese Einsicht in die verstellte Sicht kann als Akkommodation bezeichnet werden. Im Falle der Akkommodation werden bestimmte Schemata sachgemäß revidiert, sie passen sich den Gegebenheiten an.
Zwei-Prozess-Modell
Im Rahmen des Zwei-Prozess-Modells, einer ausgewogenen und differenziert formulierten Entwicklungstheorie des Erwachsenenalters, verwendet Brandtstädter (2011) die beiden Begriffe in einer anderen Bedeutung. Assimilation bedeutet hier das Festhalten an persönlichen Lebenszielen, die durch wahrgenommene Diskrepanzen zur Realität und altersbezogene Veränderungen bedroht sind. Der Fokus liegt stärker auf motivationalen und emotionalen Prozessen bei Zielbindungs- und –lösungsprozessen. Piagets Kriterium ist dagegen eher die Adäquatheit der Anpassung (Intelligenz) und der Bezug zu evolutionären Entwicklungstheorien (Piaget, 1975), weniger der motivationale Prozess, inwieweit man die eigenen Ziele verfolgen möchte oder davon ablässt. Auf der Ebene von Handlungen setzt Piaget zwar ein strukturierendes, intentionales Subjekt voraus (darin Brandtstädter ähnlich), aber eben auch eine logische Koordination und erkennendes Denken. Akkommodation im Sinne von Piaget beruht auf der Erfahrung oder lediglich der Tatsache, dass ehemals assimilative Operationen sich als korrekturbedürftig erwiesen haben. Akkommodation im Sinne Brandtstädters bezeichnet die Veränderung der eigenen Zielstruktur, die eintreten kann, wenn die Verfolgung der Ziele bedroht ist und nicht umgesetzt werden kann. Akkommodativ in diesem Sinn wäre es, wenn man sich vom Unerreichbaren abwendet und seine Konzentration auf alternative Ziele verlagert, die besser verwirklicht werden können.
Sowohl Prozesse des Denkens als auch Zielbindungen und –lösungen sind von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung von Resilienz. Es stellt sich das Problem, wann ein Festhalten an den eigenen Zielen und wann eine flexible Zielanpassung angemessener ist. Assimilation und Akkommodation tragen jedenfalls beide dazu bei, dass Ungleichgewichtszustände wieder ausgeglichen werden.
Die Prozesse, die zur Anpassung und Balance beitragen, verändern sich mit zunehmendem Alter, sie entwickeln sich. Viele Veränderungen werden im fortgeschrittenen Alter als Verlust eingeschätzt (Heckhausen et al., 1989) und insbesondere Veränderungen der körperlichen und kognitiven Funktionstüchtigkeit erschweren die Anpassungsprozesse mitunter erheblich. Sie stellen also zum einen die widrigen Umstände dar, die Anpassungsprozesse herausfordern, können aber auch die Funktionstüchtigkeit der Anpassungsprozesse erschweren.
Inwieweit man aber von erfolgreicher Anpassung, also Resilienz, sprechen kann, hängt von der jeweiligen Messlatte, eben den Erfolgskriterien ab, die zur Bewertung herangezogen werden. Letztere müssen spezifiziert werden, wenn empirisch-wissenschaftlich belegt werden soll, inwieweit Resilienz vorliegt. Dabei geht es um Fragen wie die, ob eine Lähmung geheilt werden muss, um von Resilienz sprechen zu können, oder ob es „genügt“, sich mit der Krankheit zu arrangieren, also mit der Querschnittslähmung zu leben, ohne daran zu verzweifeln. Es geht schließlich um die Trauben von Äsop und Phaedrus, die so hoch hängen, dass man als hungriger Fuchs an sie nicht herankommt. Ist es eine Niederlage, wenn man sich eingestehen muss oder kann, dass sie außer Reichweite liegen, oder ist es ein Zeichen von Resilienz, dass man daran nicht verzweifelt?
Auch wenn der Begriff der Resilienz seit den letzten sechzig Jahren verstärkt in der Psychologie verwendet wird, wäre es vorschnell zu behaupten, dass die Fabeldichter Konjunktur haben, und zwar deswegen nicht, weil sich das Thema, die Bewältigung von Krisen, wie ein Kontrapunkt durch die Geschichte der Menschheit zieht. Seit alters her bewegen sich „Glücksrezepte“ und Empfehlungen zwischen stoischer Gelassenheit, körperlichen Trainings und strategischen Taktiken. Gleichwohl geben die empirischen Befunde der letzten Jahre ein differenziertes Bild auf die zugrundeliegenden Prozesse von Resilienz und zeigen auf, wo individuelles Gestaltungspotential ausgeschöpft werden kann und wo bislang (noch?) Grenzen liegen.
Eugen Roth hat die Aufgabe, die sich für den Einzelnen daraus ergibt, in der Nachdenklichen Geschichte in Verse gekleidet. Er macht darauf aufmerksam, dass der Umgang mit Krisen und die damit verbundene Sorge um die nachfolgenden Generationen zur Entwicklungsaufgabe des Menschen gehört.
„Ein Mensch hält Krieg und Not und Graus,
Kurzum, ein Hundeleben aus,
Und all das, sagt er, zu verhindern,
Daß Gleiches drohe seinen Kindern.
Besagte Kinder werden später
Erwachsne Menschen, selber Väter
Und halten Krieg und Not und Graus ...
Wer denken kann, der lernt daraus.“ (Roth, 1975, S. 54)
Der ironische Unterton, den man aus der letzten Zeile herauslesen kann, sei dem Dichter gestattet; er schickt sich jedoch nicht für ein wissenschaftliches Buch, wenn er so missverstanden würde, dass sich der Autor zurücklehnen kann, weil der Lauf der Dinge unterschiedliche Generationen immer wieder herausfordert bzw. zurückwirft, und sowieso jeder seines Glückes Schmied ist.
Es werden im Folgenden zahlreiche empirische Befunde zu Resilienz im Erwachsenenalter vorgestellt und teilweise auch einer Bewertung unterzogen. Die Wissenschaft mit ihren empirischen Studien kann dem Einzelnen allerdings den Lernprozess nicht abnehmen. Aber sie kann zeigen, unter welchen Bedingungen welche Konsequenzen wahrscheinlicher werden, und so auf Ansatzpunkte aufmerksam machen, die in einer anwendungsbezogenen Forschung trainiert oder modifiziert werden, um den jeweiligen Herausforderungen erfolgreich begegnen zu können.
Anwendungsbezug
Aus Sicht der Anwendungsforschung gewinnt die Frage an Bedeutung, ob und wie Resilienz gefördert bzw. trainiert werden kann (Kap. 5). In Zeiten schwerer Krisen, in Situationen der Vulnerabilität oder des Verlustes brauchen, so scheint es, viele Betroffene durchaus Unterstützung dabei, dass sie die richtigen Entscheidungen treffen. Opfer von Katastrophen, Kriegen und Gewalt sind mitunter so stark belastet, dass ihre Kompetenzen nicht ausreichen, sich allein aus eigener Anstrengung den Krisen zu widersetzen. Die Entwicklung von Präventions- und Interventionsmöglichkeiten, welche die adaptiven Prozesse fördern und damit zur Überwindung von Krisen beitragen, gehört zu den Anliegen der Gesundheitswissenschaft. Trainings, die kognitive Leistung, Handlungs- und Problemlösestrategien steigern, werden allgemein als wichtig angesehen, setzen aber in der Regel ein gewisses Ausmaß an Eigenmotivation der Betroffenen voraus, die zunächst gefördert werden muss, bevor sie aktiv werden und sich anstrengen, die Widrigkeiten strategisch zu bewältigen. Interventionen, welche jedoch Prozesse wie das Akzeptieren von nicht mehr korrigierbaren gesundheitlichen Beeinträchtigungen ermöglichen sollen, würden vernünftigerweise vielleicht weniger an der Selbstmotivierung ansetzen als vielmehr an den automatischen psychischen Prozessen, welche eine Ablösung sowie Umdeutung begünstigen und die Verlagerung zu neuen Interessen und Sinnperspektiven ermöglichen (Brandtstädter, 2000).
1.3 Historische Vorläufer und verwandte Konzepte
Der Begriff Ich-Resilienz (ego-resiliency) wurde zusammen mit der Ich-Kontrolle (ego-control) in der Psychologie bereits in den 1950er Jahren von Jack Block verwendet (Letzring et al., 2005).
Ich-Kontrolle
Die Ich-Kontrolle bezieht sich auf die Hemmung bzw. den Ausdruck von Impulsen, worin sich Personen mitunter deutlich unterscheiden, und variiert zwischen den Dimensionen der Über- bzw. Unterkontrolle. Überkontrollierte Personen halten ihre Impulse und affektiven Reaktionen in der Grundtendenz eher zurück. Sie haben Schwierigkeiten, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, schieben Belohnungen auf und sind in der Lage, Aufgaben über einen langen Zeitraum hinweg zu verfolgen, ohne sich ständig ablenken zu lassen. Sie haben sich bzw. ihre unmittelbaren Reaktionen „unter Kontrolle“, was je nach Situation vorteilhaft, aber auch mit Nachteilen verbunden sein kann. Unterkontrollierte Menschen reagieren hingegen oftmals eher impulsiv und spontan, d.h. sie sind emotional schnell erregbar, aufbrausend, eingeschnappt oder erfreut. Inwieweit das jeweils sozial angemessen ist, sei dahingestellt. Sie bevorzugen eher unmittelbare Belohnungen und lassen sich schneller ablenken.
Ich-Resilienz
Die sog. Ich-Resilienz wurde als eine weitere zentrale Facette der Persönlichkeit vorgestellt, welche die dynamische Fähigkeit von Personen bezeichnet, das Ausmaß an Ich-Kontrolle zu verändern, wenn es die Situation erfordern sollte. Sie können ihre Impulsivität anpassen, was vielfach vorteilhafter erscheint als das Verharren in einer Reaktionstendenz. Auf eine solche adaptive Kapazität bzw. Flexibilität wird noch ausführlich eingegangen, weil die Idee der Anpassung für Resilienz von zentraler Bedeutung ist.
hardiness
Ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal, auf das in der Resilienzforschung häufig verwiesen wird (Knoll et al., 2013), ist die hardiness (Widerstandsfähigkeit; Kobasa, 1979; Maddi, 2013). Kobasa verglich zwei Gruppen von Männern, die zwar ein vergleichbares, hohes Ausmaß an kritischen Lebensereignissen erlebt hatten, aber einen unterschiedlichen Gesundheitszustand berichteten, der über eine Krankheitsliste erhoben wurde. Es zeigte sich, dass die Gruppe mit viel Stress und wenig Krankheiten (die Resilienten) über mehr Selbstverpflichtung (commitment) sowie mehr internale Kontrollüberzeugungen (control) verfügten und Veränderungen als Herausforderung (challenge) interpretierten. Dieses Persönlichkeitsmuster bezeichnete Kobasa als hardiness.
Persönlichkeitstheoretische Zugänge zeigen also unterschiedliche Merkmale (z.B. Kompetenzen, Fähigkeiten) auf, über die Personen mehr oder weniger verfügen und die zur Erklärung von Resilienz herangezogen werden. Dabei stellt sich allerdings auch die Frage nach deren Entwicklung und Beeinflussbarkeit. Maddi (2013) spricht von einem Muster von Einstellungen und Strategien (bestehend aus commitment, control, challenge), die alle drei hardiness konstituieren. Sie können seiner Ansicht nach durch die soziale Unterstützung von Eltern oder Mentoren erlernt werden, sie sind also veränderbar.
Coping
Hardiness im Verständnis Maddis weist Ähnlichkeiten mit Bewältigungsformen auf, die als problemorientiertes Coping bezeichnet wurden (Folkman & Lazarus, 1980). Vermeidende Bewältigungsformen und Verdrängung des Problems wären der gegenteilige Pol. Der Begriff „Coping“ wird sehr häufig in der neutralen Form verwendet (Wentura et al., 2002), d.h. Menschen wenden unterschiedliche Bewältigungsformen an, aber inwieweit dies mit Erfolg verbunden ist, ist eine offene empirische Frage.
Sehr häufig wird in Anlehnung an Lazarus und Folkman zwischen problemorientiertem und emotionsorientiertem Coping unterschieden (Smith & Kirby, 2011). Im ersten Fall sind Strategien gemeint, die das Problem beseitigen, im zweiten Fall handelt es sich um Bewältigungsformen, welche die emotionalen Reaktionen auf Stress verändern oder lindern. Wenn man die beiden Formen einander gegenüberstellt, wird man vielleicht schnell geneigt sein, der Problembeseitigung den Vorzug zu geben und die emotionale Bewältigung als die Form zweiter Wahl anzusehen. Gerne wird auch die Fuchsfabel so interpretiert: Besser wäre es doch, er käme an die Trauben ran! Dass er sich denkt, dass die Trauben sauer sind und deswegen seine Unzulänglichkeit nicht beklagen muss, ist nicht viel mehr als ein Zugeständnis, das aus der Not eine Tugend macht. Wenn man die (künstliche) Dichotomie so aufspannt, ist es verständlich, dass viele in der Tat dazu tendieren, die selbstgestalterische Kraft und Potenz zu bevorzugen und die Akzeptanz ihres Schicksals denjenigen zu überlassen, die zu mehr nicht in der Lage sind. Dass es Formen der Stressbewältigung gibt, die in jeder Situation anderen überlegen wären oder generell als günstig bezeichnet werden können, ist jedoch mit guten Gründen bezweifelt worden (Greve, 2008). Wir werden in Kapitel 3 noch ausführlicher darauf eingehen, wenn es um die adaptiven Prozesse geht, die zu Resilienz führen.
Stadien der Resilienzforschung
Die psychologische Resilienzforschung hat während der letzten Jahrzehnte unterschiedliche Schwerpunkte durchlaufen und eine Reihe von wichtigen Fragen untersucht. Gerade wurde das vierte Forschungsstadium durchschritten, wenn man der Zählung von Masten folgt (Masten & Wright, 2010). In den frühen Studien stand noch im Vordergrund, wodurch Resilienz charakterisiert ist, wie sie definiert und gemessen werden kann. Darauf folgte eine Fokussierung der Prozesse, die zu Resilienz führen (die Wie-Frage nach der Funktion). In einem dritten Stadium verfolgte man die Fragestellung, wie durch geeignete Interventionen die dafür nötigen Kompetenzen und skills gefördert werden können. In jüngster Zeit wurden schließlich vermehrt die Einflüsse von genetischen und neurologischen Faktoren auf die Entwicklung von Resilienz untersucht. Während man sich in den frühen Studien zu Resilienz häufig auf die Kindheit und die Untersuchung von Persönlichkeitsunterschieden konzentrierte, erfuhr das Forschungsfeld schließlich auch eine theoretische und empirische Ausweitung auf die gesamte Lebensspanne (Greve & Staudinger, 2006; Staudinger et al., 1995).
biologische Stresskonzepte
Der amerikanische Physiologe Walter Cannon und der in Wien gebürtige Mediziner Hans Selye begründeten die Stressforschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Cannon, 1932; Selye, 1936), noch bevor es ein Resilienzkonzept gab, wie es heute in der Psychologie verwendet wird. Beide interessierten sich vor allem für neurobiologische Abläufe in Stress- oder Gefahrensituationen.
Cannon prägte das Fight-or-flight-Syndrom, das die schnellen und unmittelbaren körperlichen und psychischen Anpassungsformen in Gefahrensituationen beschreibt. Kämpfen oder die Flucht ergreifen sind Reaktionsformen eines Organismus, bei denen Energie für ein Verhalten bereitgestellt wird, welches das Überleben in Gefahrensituationen sichert.
Hans Selye entwickelte in den 1930er Jahren die Grundlagen für die Stressforschung (Szabo et al., 2012). Er begründete den Begriff Stress und das allgemeine Adaptationssyndrom, ein Reaktionsmuster auf länger anhaltenden Stress. Ist ein Organismus längere Zeit Stressoren (z.B. Hunger, Hitze, Leistungsdruck etc.) ausgesetzt, kann dies kurzfristig zu einer erhöhten Widerstandskraft führen, langfristig jedoch zu körperlichen Schäden und Erschöpfung. Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol sowie körperliche Anpassungsreaktionen verursachen zwar eine erhöhte Leistungsbereitschaft, aber ihre Aufrechterhaltung kostet den Organismus Kraft. Körperliche Anpassungen von Lebewesen in Gefahrensituationen als Stressreaktion beinhalten die Freisetzung von Adrenalin sowie Veränderungen des Herzschlags, der Atmungsfrequenz und der Muskelanspannung. Eine Dauerbelastung führt zum Nachlassen der Körperkraft und zum Zusammenbruch des Organismus. Die Funktionstüchtigkeit der biologischen Prozesse ist aus der biologischen Perspektive wesentliches Kennzeichen von Resilienz.
Salutogenese
Das Konzept der Salutogenese (Antonovsky, 1987; Bengel & Lyssenko, 2012) ist ein Rahmenkonzept, das sich mit der Entstehung und der Erhaltung von Gesundheit beschäftigt und in den Sozialwissenschaften sowie in der Medizin weit verbreitet ist. Der Sozialmediziner Aaron Antonovsky prägte den Begriff und stellte der westlichen medizinischen Forschung in Abgrenzung zur Pathogenese ein Konzept entgegen, das sich auf positive Gesundheits- und Entwicklungszustände konzentriert (vgl. auch die positive Psychologie; Seligman & Csikszentmihalyi, 2000). Im Vordergrund steht die Suche nach Antworten darauf, was Menschen gesund hält, und nicht die Frage, warum man erkrankt, wie es im biomedizinischen Denkmodell verbreiteter ist. Auch das Konzept der Resilienz betont positive Umstände, d.h. Faktoren, die zur Widerstandsfähigkeit beitragen, während das Konzept der Vulnerabilität die negativen Aspekte stärker fokussiert.
Kohärenzgefühl
Antonovsky entwickelte einen Fragebogen zur Lebensorientierung, der das Kohärenzgefühl (sense of coherence, SOC), also ein Gefühl der Stimmigkeit des Lebens als Grundhaltung oder Zielgröße erfasst. Das Kohärenzgefühl hängt mit Gesundheitsvariablen zusammen und beinhaltet drei Komponenten:
a die Verstehbarkeit (sense of comprehensibility; konsistente und geordnete kognitive Verarbeitung),
b die Bewältigbarkeit (sense of manageability; wahrgenommene Ressourcen, um den Anforderungen zu begegnen) und
c die Sinnhaftigkeit (sense of meaningfulness; das Ausmaß, in dem man das Leben emotional als bedeutsam ansieht).
Die drei Faktoren weisen eher Gemeinsamkeiten auf und lassen sich empirisch nicht scharf trennen, so dass man sie häufig inhaltlich zusammenfasst.
Kohärenzsinn ähnelt den bereits beschriebenen Konzepten (vgl. Hardiness; Coping). Die Fähigkeit oder Bereitschaft, sich sog. „positiven“ Konzepten zuzuwenden, kann durchaus förderlich im Stress-Bewältigungsprozess sein und zu einer erhöhten Lebensqualität beitragen. Antonovsky betont Zusammenhänge zwischen Kohärenzsinn und organismischen Funktionen (Immunsystem, Zentralnervensystem, Hormonsystem). Dass Kohärenzsinn mit gesundheitsbezogenen Variablen zusammenhängt, ist zwar noch kein überzeugender Beleg dafür, dass Kohärenzsinn auch zu Gesundheit führt, allerdings ein Ausgangspunkt für die Untersuchung von Resilienz.
Will man den Kohärenzsinn verändern, bedeutet das eine Veränderung der eigenen Ziel- und Wertestruktur. Dies ist, neben der Fähigkeit zur Einsicht in die relevanten Strukturen, eine Schlüsselvariable, wenn man die eigene Resilienz steuern oder beeinflussen möchte. Die psychologischen Prozesse und die Definition von Gesundheit werden im Folgenden noch ausführlicher behandelt. Zunächst wird ein Arbeitsmodell der Resilienz als Rahmen vorgestellt, anhand dessen sich die beteiligten Prozesse ordnen und empirisch untersuchen lassen.
1.4 Die Struktur der Resilienz
Die unterschiedlichen disziplinären Zugänge zu Resilienz (vgl. auch Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse, 2011; Knoll et al., 2013), die bisher nur kurz und sehr selektiv angesprochen wurden, lassen bereits erkennen, dass das Thema fächerübergreifend von Bedeutung ist. Dabei wird deutlich, dass Resilienz unterschiedlich aufgefasst werden kann: als biologisch-körperliche Veränderungen und als psychische Anpassungen an die jeweiligen Umstände. Soziale Prozesse und ökologische Systeme wurden bislang zwar nicht weiter ausgeführt, sind jedoch auch mit dem Resilienzkonzept verflochten. Überhaupt liegt mittlerweile eine Vielzahl an theoretischen Überlegungen, empirischen Befunden und Übersichtswerken zum Thema vor (Glantz & Johnson, 1999; Reich et al., 2010), so dass vieles, auch wenn man sich auf die psychologische Literatur im Erwachsenenalter beschränkt, nicht erschöpfend rezipiert, geschweige denn in einem einführenden Buch erwähnt werden kann. Das hier Vorgestellte in eine geordnete Struktur zu bringen ist schon deswegen nicht einfach, weil die vorliegenden Arbeiten trotz Überschneidung teilweise doch sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzen, wo die entscheidenden Faktoren zu suchen sind, die zu Resilienz beitragen. Es soll im nächsten Schritt ein ordnungsgebender Rahmen als Arbeitsmodell der Resilienz vorgestellt werden, anhand dessen eine Vielzahl der vorliegenden Befunde und Überlegungen eingeführt und diskutiert wird.
Arbeitsmodell der Resilienz
In Anlehnung an theoretische Überlegungen (Garmezy, 1991; Greve & Staudinger, 2006; Rutter, 1993) wird der Vorschlag gemacht, Resilienz als relationales Konstrukt aufzufassen. Dadurch soll zum Ausdruck gebracht werden, dass sich Resilienz aus mehreren Komponenten zusammensetzt und dass eine Dynamik zwischen den Komponenten besteht, also Kräfte bzw. (adaptive) Prozesse unterstellt werden. Es werden, wie bereits angesprochen wurde, Risikofaktoren bzw. Vulnerabilitätsfaktoren angenommen, die einen Organismus längerfristig schädigen und die sich auf andere Lebensbereiche auswirken können bzw. mit diesen verflochten sind. Resilienz ist demnach keine stabile Eigenschaft und umfasst nicht allein internale Vorgänge.
Inwieweit sich die „Krisen“ (Stress, wahrgenommene Diskrepanzen) ausbreiten und andere Lebensbereiche belasten, hängt von Prozessen der Adaptation ab, über die Personen verfügen. Diskrepanzen treten beispielsweise dann auf, wenn man man feststellen muss, dass die Lebensumstände nicht den Ansprüchen genügt. So kann man gesundheitliche Veränderungen registrieren und dies zum Anlass nehmen, seinen Lebensstil zu ändern. Ob die eigenen Bemühungen zur Entwicklung einer Widerstandsfähigkeit führen, ist eine empirisch offene Frage. Menschen, denen dies gelingt, bezeichnen wir als resilient. Wenn man neben gesundheitlichen Problemen noch Familienangehörige hat, um die man sich kümmern muss, und zudem noch berufstätig ist, kann es allerdings sein, dass sich die Situation ungünstig auf die Konzentrationsfähigkeit am Arbeitsplatz auswirkt. In Abbildung 1.3 ist ein – aus Gründen der Übersichtlichkeit zunächst sehr vereinfachtes – Resilienzmodell dargestellt.

Abbildung 1.3: Relationales Resilienzmodell: Dargestellt ist das Resilienzphänomen, dass Risikofaktoren (z.B. starker Stress am Arbeitsplatz) zu einer Widerstandsfähigkeit führen und nicht zu Burnout. Dies kann durch adaptive Prozesse gelingen, indem man etwa zum Ausgleich andere Hobbies oder Identitätsprojekte verfolgt.
In dem Modell ist der relationale Charakter von Resilienz zentral, wonach Resilienz durch eine bestimmte Person-Situations-Konstellation definiert wird, die aus drei Komponenten besteht.
Demnach wird angenommen, dass Resilienz aus dem Zusammenspiel von Risikofaktoren und adaptiven Prozessen entsteht. In zahlreichen empirischen Studien wurde das Zusammenspiel untersucht, sehr häufig in Querschnittstudien, seltener im Längsschnitt. Um die Befunde besser interpretieren zu können, werden zwei methodische Grundgedanken erläutert.
1.5 Methodische Grundkenntnisse
Die adaptiven Prozesse vermitteln, so wurde häufig argumentiert, ob und wie stark die Risikofaktoren zu negativen Konsequenzen führen (Greve & Staudinger, 2006; Staudinger et al., 1995). In der Literatur wird häufig danach unterschieden, ob die Wirkung direkter oder indirekter Art ist und wie man sich die Wirkmechanismen der adaptiven Prozesse dabei vorstellen kann. Dies soll an dieser Stelle schon kurz vertieft werden, weil später auf zahlreiche empirische Studien und deren Ergebnisse verwiesen wird. Um den Gehalt der Ergebnisse und die Vor- und Nachteile der Studien besser beurteilen zu können, erscheint es wichtig, die Machart der gängigen Studien zu verstehen, mit denen man das Resilienzphänomen empirisch stützt. Schließlich würde man gerne wissen, was Menschen resilient macht - und man bezieht sich deswegen auf empirische Studien, um sich im günstigen Fall dem Ursache-Wirkungs-Gefüge nach dem Vorbild der sog. exakten Wissenschaften und Naturwissenschaften anzunähern.
Es werden nun zwei methodische Zugänge anhand ihrer Grundidee vorgestellt. Wir unterscheiden zunächst nur korrelative Studien von Experimentalstudien, in denen Personen bestimmten Gruppen zugewiesen werden. Dabei wird die jeweilige Argumentationsstruktur erläutert und auf Vor- und Nachteile hingewiesen, ohne dass fortgeschrittene Statistik- und Methodenkenntnisse vorauszusetzen sind. So können die Befunde zumindest in Grundzügen nachvollzogen werden.
1.5.1 Korrelative Studien
In korrelativen Studien werden Ausprägungen von Merkmalen erhoben, wie man sie zum Zeitpunkt der Messung vorfindet, und in einer statistischen Auswertung miteinander in Beziehung gesetzt. Wenn mehrere Personen zu einem Messzeitpunkt befragt werden, lassen sich Korrelationen (Eid et al., 2013, Kap. 15) zwischen Variablen berechnen.

So lässt sich z.B. ermitteln, ob es in der untersuchten Stichprobe einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß einer gefühlten Belastung und regelmäßiger sportlicher Betätigung gibt. Sport könnte also zu Resilienz beitragen, indem er den „Kopf frei macht“ und von temporären Schwierigkeiten ablenkt. Andererseits ist es aber auch nicht unplausibel, dass eine geringere Belastung die sportliche Aktivität begünstigt.
Querschnitt Längsschnitt
Wenn zudem Menschen unterschiedlichen Alters untersucht werden und das Lebensalter mit sportlicher Aktivität oder gefühlter Belastung korreliert wird, spricht man auch von Querschnittstudien. Um eine Längsschnittstudie (Schmiedek & Lindenberger, 2012) handelt es sich dann, wenn Ausprägungen oder Merkmale derselben Studienteilnehmer zu mehreren Untersuchungszeitpunkten erhoben werden (mindestens zweimal, besser häufiger). Man kann dann von Veränderungen oder Verläufen sprechen, z.B. von einem Genesungsverlauf nach schwerer Krankheit. Auch längsschnittliche Studien sind Korrelationsstudien, weil die Vorhersage der Veränderungen über die Zeit auch auf Korrelationen beruht.
Korrelative Studien zählen zu den am häufigsten durchgeführten in der aktuellen psychologischen Resilienzforschung. In korrelativen Studien werden beispielsweise das Ausmaß möglicher Stressoren (z.B. chronische Erkrankungen, finanzielle Engpässe, erfahrene Gewalt), aber auch mögliche protektive Faktoren (z.B. individuelle Ressourcen wie Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, soziale und emotionale Unterstützung, Medikamente oder eine Therapie) zu einem oder zu mehreren Untersuchungszeitpunkten erhoben. Man kann damit zeigen, ob etwa das Ausmaß eines oder mehrerer (wahrgenommener) Risiken mit einer unerwünschten Konsequenz wie einer erhöhten Depressivität korreliert.
Das Vorliegen von Risiken und unerwünschten Folgen oder Begleiterscheinungen wird in vielen Studien als Ausgangspunkt herangezogen, um sich dem Resilienzproblem zu nähern. Man interessiert sich für statistisch bedeutsame Zusammenhänge zwischen Risiken und Konsequenzen, die in querschnittlichen und längsschnittlichen Studien untersucht werden. Als Hinweis für Resilienz wird es gewertet, wenn sich zeigen lässt, dass die Zusammenhänge zwischen Risiken und Konsequenzen geringer werden bzw. sich ganz auflösen, wenn bestimmte protektive Faktoren oder adaptive Prozesse vorliegen. Im Folgenden werden zwei Wirkmechanismen der adaptiven Prozesse vorgestellt, die üblicherweise als Mediation und Moderation bezeichnet werden (Baron & Kenny, 1986; Eid et al., 2013). Auf diese Unterscheidung wird hier kurz eingegangen, weil die Begriffe in vielen Studien (teilweise unterschiedlich) verwendet und als empirische Evidenz dafür herangezogen werden, inwieweit die adaptiven Prozesse den Zusammenhang zwischen möglichen Risiken und Konsequenzen regulieren. Es handelt sich um verfeinerte korrelative Auswertungsmethoden.
Mediation
Wenn eine Mediation vorliegen soll, erwartet man, dass, methodisch ausgedrückt, erstens ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen einem Prädiktor (z.B. Risiko, Stressor, wahrgenommene bedrohliche Situation) und einem Kriterium (z.B. Depressivität) besteht, d.h. es muss eine Korrelation zwischen beiden Größen bestehen (Baron & Kenny, 1986). Zweitens muss die potentielle Mediatorvariable (die „vermittelnde“ oder erklärende Variable, z.B. Coping, soziale Unterstützung) sowohl mit dem Prädiktor als auch mit dem Kriterium korrelieren. Wenn in einer Studie noch drittens gezeigt werden könnte, dass ein Risiko mit sozialer Bewältigung (z.B. die Suche nach emotionaler Unterstützung) korreliert und soziale Bewältigung mit weniger Depressivität einhergeht, wären die Voraussetzungen für eine Mediation erfüllt. Wenn sich nun darüber hinaus zeigen lässt, dass die soziale Unterstützung über den eben beschriebenen Weg dazu führt, dass der Zusammenhang zwischen Risiko und Depressivität geringer wird bzw. gar nicht mehr vorhanden ist (d.h. statistisch bedeutungslos ist), würde man soziale Unterstützung als Mediator interpretieren. Mit sozialer Unterstützung steht und fällt in diesem Beispiel der Zusammenhang zwischen Risiko und Depressivität. In Abbildung 1.4 ist eine Mediation anhand eines weiteren Beispiels dargestellt.

Abbildung 1.4: Beispiele für Mediation und Moderation
Meditation: Schwarzer und Knoll (2007) haben gezeigt, dass das Ausmaß an erhaltener sozialer Unterstützung nach einer schweren Operation nicht direkt mit einer Symptomreduktion zusammenhängt (der Pfad von sozialer Unterstützung zu der Reduktion körperlicher Krankheitssymptome war nicht signifikant), sondern über den Weg der Selbstwirksamkeit. Sie interpretieren, dass Selbstwirksamkeit durch soziale Unterstützung mobilisiert wird und diesen Zusammenhang vermittelt.
Moderation: Der Zusammenhang zwischen Stress und eingeschränkter Funktionstüchtigkeit ist bei Personen, die über wenige Ressourcen verfügen, besonders stark. Bei Personen mit vielen Ressourcen ist er hingegen schwächer.
Moderation
Nun ist es aber fraglich, inwieweit Risiken tatsächlich mit sozialer Unterstützung zusammenhängen bzw. zu deren Erhöhung führen, wie man genauer formulieren müsste. Es kann doch sein, dass Menschen in einer ähnlichen Risikosituation sind und über ein mehr oder weniger gutes soziales Netzwerk verfügen, ohne dass man annehmen muss, dass das Risiko die soziale Unterstützung mobilisiert. In diesem Falle kann man in der Studie prüfen, ob ein Moderator vorliegt.
Wenn unterschiedlich starke statistische Zusammenhänge zwischen Risiko und Kriterium vorliegen, je nachdem, wie eine dritte Variable (eben der Moderator, z.B. die soziale Unterstützung oder andere Ressourcen) ausgeprägt ist, kann man sagen, dass die Drittvariable den Zusammenhang moderiert. Wenn man, anders ausgedrückt, zwei Gruppen unterscheiden kann, wobei in der einen mit wenig sozialer Unterstützung das Risiko mit Depressivität korreliert, in der anderen mit viel Unterstützung nicht, dann wird die soziale Unterstützung als Moderator bezeichnet.
Kausalität
Hinter den Begriffen „Mediation“ und „Moderation“ steht letztlich die Frage nach (bzw. das gewichtige Problem) der Kausalität. Man würde gerne die relevanten Faktoren und Prozesse kennen, um zu verstehen, warum sich Vulnerabilität oder Widerstandskraft entwickelt. Es geht um das Verhältnis von Ursache und Wirkung und um die wissenschaftstheoretische Diskussion des hinreichenden und notwendigen Grundes. Neben dem reinen Erkenntnisinteresse bemüht man sich auch um das kausale Verständnis der Ursachenketten, um die Entwicklungsverläufe nach Möglichkeit positiv zu gestalten.
Bewertung von Korrelationen
Ohne an dieser Stelle eine differenzierte Methodenkritik führen zu können, sollen einige Vor- und Nachteile korrelativer Studien genannt werden.
Querschnittsstudien sind vergleichsweise ökonomisch; mit Fragebogenstudien lassen sich Personen einer großen Altersspanne erfassen, was den Forderungen nach repräsentativen Stichproben leichter genügen sollte. Wenn man stattdessen medizinische Diagnosen stellt oder Interviews führt und die Ergebnisse anschließend mathematisch quantifiziert, ist das zwar aufwendiger, ändert aber nichts an der Aussagekraft. Es wird geprüft, ob es statistisch bedeutsame Zusammenhänge zwischen möglichen Stressoren und Kriterien gibt, und ob diese abnehmen (bzw. sich erklären lassen), wenn Moderatoren oder Mediatoren berücksichtigt werden.
Die Kritik, die hier angeführt wird, ist, dass man an die Kausalität nur unzureichend heranreicht, weil die Richtung der Interpretation offen und uneindeutig ist. Zudem kann soziale Unterstützung ihrerseits mit Extraversion oder Offenheit für neue Erfahrungen zusammenhängen (und manche sind geneigt, hier den Genen das Haupt-Erklärungspotential zuzusprechen), und/oder sie kann auf frühere Lernerfahrungen, Erziehungsstile oder berufliche Sozialisation zurückzuführen sein. Man kann sich zwar bemühen, möglichst viele Einflussfaktoren zu erheben und deren Rolle als Moderatoren bzw. Mediatoren in der statistischen Auswertung zu prüfen, aber es bleiben zu viele alternative Erklärungsmöglichkeiten übrig. Somit gilt die gängige Merkregel aus dem Statistik-Grundkurs, dass man aus Korrelationen keine Kausalität ableiten kann. Auch Veränderungen lassen sich in Querschnittstudien nicht beobachten. Umso wichtiger erscheint die Formulierung theoretischer Annahmen darüber, durch welche Faktoren sich welche Konsequenzen erklären lassen, d.h. die Formulierung von Annahmen der Wirkrichtung, die dann anhand der Stichprobendaten empirisch überprüft werden können (Pedhazur, 1997, Kap. 18; Schmiedek & Lindenberger, 2012).
In längsschnittlichen Studien kann man zwar die zeitliche Reihenfolge von Lern- und Entwicklungsprozessen berücksichtigen, aber zahlreiche Alternativerklärungen oft nicht ausschließen. Man hat neben dem hohen Erhebungsaufwand noch das Problem, dass mit zunehmender Studiendauer mit einem Stichprobenausfall zu rechnen ist. Wenn dieser nicht nach dem Zufallsprinzip geschieht und sehr groß ist, entstehen durch Selektionseffekte ernsthafte Probleme bei der Interpretation und Generalisierbarkeit der Ergebnisse. Emmy Werner (2007a, S. 54) erinnert daran, dass gerade in Längsschnittstudien zu Resilienz, die eine lange Zeitspanne umfassen und ins höhere Alter der Probanden hineinreichen, Personen mit der größten Resilienz überrepräsentiert sind, weil Personen mit höherer Vulnerabilität wegen Krankheiten nicht mehr teilnehmen können oder bereits gestorben sind. Wenn dies der Fall ist, muss man fragen, für welche Personengruppen die Ergebnisse der Längsschnittstudie repräsentativ sind.
Ebenso kann es sein, dass durch die mehrmalige Bearbeitung derselben Fragen Übungseffekte entstehen, d.h. dass die Beantwortung durch eine häufige Präsentation des Aufgabenmaterials erlernt wurde.
Gleichwohl ist es möglich, dass korrelative Studien Hinweise auf kausale Mechanismen geben, die sich in alternativen methodischen Zugängen wie Experimenten oder Interventionsstudien erhärten lassen.
1.5.2 Studien mit systematisch variierten Gruppen
Bei einem Experiment handelt es sich um eine Studie, bei der bestimmte Faktoren systematisch variiert werden, von denen man annimmt, dass sie eine zentrale Rolle bei der Vorhersage von bestimmten Zuständen spielen. Gleichzeitig wird versucht, störende Faktoren konstant zu halten. Menschen werden deswegen mitunter in Laborbedingungen untersucht, in denen nach Möglichkeit nur die zu untersuchenden Bedingungen variiert werden. Wenn alles andere vergleichbar ist und nur einer Gruppe ein Medikament oder eine Instruktion gegeben wird, einer anderen Gruppe aber nicht, können die möglichen Unterschiede in der sog. abhängigen Variable, nur auf die Manipulation zurückzuführen sein. Um diese Interpretation plausibel zu machen, ist die Randomisierung (zufällige Zuweisung) der zu untersuchenden Personen in die Experimental- oder Kontrollbedingungen die wichtigste Kontrollform. So sollten sich auch biografische Unterschiede, die die Personen mitbringen, auf die Gruppen gleichmäßig verteilen oder „ausmitteln“, damit möglichst eindeutig erkennbar wird, ob die systematisch herbeigeführte Variation der Bedingungen zu Veränderungen führt.
Interventions- vs. Evaluationsstudie
In entwicklungsorientierten Interventionsstudien wird der Versuch unternommen, geplante und gewünschte Veränderungen herbeizuführen, die Alterns- und Entwicklungsprozesse beeinflussen (Wahl et al., 2012). Man ist dabei bemüht, altersbezogene Abbauprozesse zu verlangsamen, zu kompensieren und bestimmte Fähigkeiten zu optimieren. In Evaluationsstudien werden die Effekte einer kritischen Bewertung unterzogen. Häufig führt man die Studien mit Kontrollgruppen durch, um einen Vergleichsstandard für die möglichen Effekte von Interventionen zu erhalten. In der angewandten Forschung ist eine zufällige Zuweisung zur Interventions- bzw. Kontrollgruppe z.B. aus ethischen Gründen nicht immer möglich, was dann die Interpretation der Intervention als Ursache von Verhaltensänderungen problematisch macht. Falls sich die Intervention über einen längeren Zeitraum erstreckt (z.B. Therapie), kann man schwer vermeiden, dass unkontrollierbare Nebeneinflüsse wirksam werden, was sich ebenfalls erschwerend auf die Interpretation der Befunde auswirkt.
Bewertung von Experimenten
Vergleicht man die Aussagekraft eines sauber kontrollierten Experiments (mit randomisierter Bedingungszuweisung) mit einer korrelativen Studie, so ist der empirische Nachweis einer kausalen Wirkung bestenfalls in einem exakten Experiment gewährleistet. Allerdings steckt der Preis dafür in einer künstlich geschaffenen experimentellen Situation, welche das Problem aufwirft, inwieweit das Ergebnis auf alltägliche Situationen übertragbar ist.
In der anwendungsbezogenen Forschung, wozu Studien zu Resilienz oder Gesundheitsförderung gehören, stößt man allerdings auf Schwierigkeiten. Manche Medikamente verändern ihre Wirkung, wenn gleichzeitig andere Medikamente eingenommen werden. Bestimmte Wirkungen von Interventionen zeigen sich vielleicht nur im Experiment, aber nicht mehr, wenn Personen ihren Alltagsaktivitäten nachgehen und sich in ihrem gewohnten Milieu befinden, das möglicherweise den erwarteten Effekten abträglich ist. Nicht zuletzt ist es häufig eine Kombination aus verschiedenen Behandlungsformen, die zu Synergieeffekten führt.
Es ist wichtig, die Wirkweise von Interventions- und Behandlungsformen unter vergleichbaren und unterschiedlichen Bedingungen zu replizieren, um dem komplexen Zusammenspiel der Prozesse, die zu Resilienz oder Vulnerabilität führen, gerecht zu werden. Man kann von einzelnen empirischen Studien nicht zu viel verlangen: Sie können nur in einem begrenzten Umfang spezifische Faktoren untersuchen und Bedingungen realisieren und hinterlassen Fragen, die in weiteren Forschungsarbeiten geklärt werden müssen. Gleichwohl bedarf es gut kontrollierter Studien, welche substanzielle Effekte aufzeigen und somit die Struktur der Resilienz genauer beleuchten.
Die zugegebenermaßen sehr knappe methodische Behandlung hatte den Zweck, auf einige Vor- und Nachteile der gängigsten Untersuchungsdesigns aufmerksam zu machen, weil im Folgenden empirische Befunde vorgestellt und diskutiert werden und es hilfreich erscheint, die Aussagekraft besser beurteilen zu können. Dies sollte eine gründlichere Auseinandersetzung mit Methoden der aktuellen Entwicklungspsychologie nicht ersetzen. Dazu sei beispielhaft auf die Arbeit von Schmiedek und Lindenberger (2012) verwiesen.
1.6 Zusammenfassung
Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, trotz widriger Umstände in einer komfortablen Situation weiterzuleben, und es ist und bleibt eine spannende Herausforderung, die Prozesse und Faktoren zu identifizieren, die zu Resilienz beitragen.
Die Resilienzforschung ist ein fächerübergreifendes Anliegen: Neben der Psychologie sind es die Fächer der Biologie und der Medizin (aber auch die Soziologie und Gesundheitswissenschaften), die sich mit Resilienz beschäftigen. Es wurden Konzepte vorgestellt (z.B. Stress, Bewältigungsformen/Coping, hardiness, Ich-Resilienz), die für das Thema relevant sind und auf die wir zurückkommen werden, wenn theoretische Überlegungen und empirische Befunde im Detail behandelt werden. Mittlerweile liegen zahlreiche empirische Befunde vor, die sehr häufig in korrelativen oder Kontrollgruppendesigns identifiziert wurden. Aufgrund der Vielfalt der Beiträge wurde ein Arbeitsmodell vorgeschlagen, anhand dessen sich die weitere Darstellung des Themas orientiert. Es werden im Folgenden Risikofaktoren und Kriterien für Resilienz vorgestellt sowie adaptive Prozesse, denen eine Vermittlerrolle im Zusammenhang zwischen Risiko (z.B. Stress) und Konsequenzen zugeschrieben wird.
1.7 Fragen zum Stoff

1. Was versteht man in der Psychologie unter Resilienz?
2. Was sind Prozesse der Adaptation?
3. Welche methodischen Zugänge sind in der psychologischen Resilienzforschung verbreitet?
2 Rahmenbedingungen der Resilienz: Ursachen, Konsequenzen und Bewertungskriterien

Unter den Ursachen der Resilienz werden im Folgenden die Ereignisse verstanden, die häufig als „kritisch“ oder belastend wahrgenommen werden (Filipp & Aymanns, 2010), also die Auslöser von Bewältigungsprozessen.
Weit verbreitet haben sich Konzepte der Krisen-Episoden, wie beispielsweise die Pubertätskrise oder die Midlife Crisis, die beschreiben, wie sich typische und belastende Herausforderungen in einem bestimmten Lebensabschnitt verdichten und bewältigt werden. Kritisch erlebt werden im Erwachsenenalter beispielsweise starke Beeinträchtigungen der körperlichen Funktionstüchtigkeit, Krankheiten, finanzielle Notzeiten, Stress im Beruf oder in der Familie. Zu den Belastungen, die einen hohen Anspruch an die menschliche Resilienz stellen, gehören stark ausgeprägte Formen von Opfer- sowie Gewalterfahrungen und Kriminalitätsfurcht (Greve & Montada, 2008; Kappes et al., 2013), Verlusterfahrungen (Nolen-Hoeksema & Larson, 1999) sowie traumatische Erlebnisse und Naturkatastrophen. Sie können Phasen eines Menschenlebens zu einer großen Belastung werden lassen und die persönlichen Anpassungskompetenzen deutlich strapazieren. Einige der Krisen sind in bestimmten Lebensabschnitten wahrscheinlicher, andere treten eher unverhofft ein und nehmen einem die Chance, sich gezielt darauf vorbereiten zu können.
Einige zentrale Annahmen der Psychologie der Lebensspanne, welche die Forschung zu Resilienz im Erwachsenenalter befruchtet haben (Staudinger et al., 1995; Greve & Staudinger, 2006), werden im Folgenden zunächst aufgegriffen und zur Diskussion herangezogen. Dabei sollen einige Ursachen, die an der Entstehung von wahrgenommenen Diskrepanzen und Stress häufig beteiligt sind, genauer betrachtet werden. Dadurch soll auch deutlich werden, dass Resilienz ein zentrales Entwicklungsziel für viele darstellt, das sich aus unterschiedlichen Quellen (Krisenherden) speist, z.B. die wahrgenommenen altersbezogenen Veränderungen des eigenen körperlichen Zustands (nachlassende körperliche Funktionstüchtigkeit) und die Veränderungen in den sozialen Beziehungen (z.B. soziale Erwartungen an Menschen im mittleren und hohen Erwachsenenalter). Das Ausmaß der erlebten Belastung hängt davon ab, inwieweit eine Krise vorhersehbar war und wie man sich mit ihr auseinandersetzt. Die Erinnerung an bzw. Auseinandersetzung mit erlebten Ereignissen (d.h. historisch und autobiographisch bedeutsame Erlebnisse, Lebensrückblick und Reflexion) ist Teil der psychischen Verarbeitung von Traumata.
In bedrohlich wahrgenommenen Situationen werden psychische Prozesse (Gefühle, Erwartungen, Gedächtnisprozesse) aktiviert, die deswegen so interessant sind, weil sie vermitteln und regulieren, inwieweit eine Anpassung gelingt oder missrät und somit auch der weitere Entwicklungsverlauf beeinflusst wird. Dabei erweist sich die Unterscheidung zwischen kurzfristigen und längerfristigen Veränderungen als zentral, wobei in Fällen von Resilienz Veränderungen gemeint sind, die nicht nur punktuell auftreten, sondern für eine gewisse Zeit auf einem gewissen Niveau gehalten werden.
Schließlich sollen unterschiedliche Ebenen vorgestellt werden, auf denen Menschen auf Stress reagieren. Belastungen können sich in der Beeinträchtigung der körperlichen Funktionstüchtigkeit niederschlagen und Stresshormone freisetzen. Sie können sich aber auch auf die psychische Verfassung auswirken (vgl. Kriterien positiver Entwicklung, Brandtstädter, 2011; psychologisches Wohlbefinden, Ryff & Singer, 2003; ethische Haltungen, Waterman, 1993; Selbstwert). Es können nur einige der durchaus interessanten Konzepte und Befunde vorgestellt werden, die zeigen, dass subjektives Wohlbefinden viele Facetten hat, die zur Beurteilung von Resilienz herangezogen werden könnenist (Kriterien der Resilienz). Dadurch eröffnen sich für Individuen auch Interpretationsspielräume und Möglichkeiten einer akkommodativen Bewältigung im Sinne einer flexiblen Zielanpassung (vgl. Kap. 3).
2.1 Die Psychologie der Lebensspanne als Rahmenperspektive
Zusammenspiel von Biologie und Kultur
Die Lebensspannenpsychologie (P.B. Baltes, 1987, 2003) und verwandte Ansätze (vgl. auch Alwin, 2012) stellen wichtige Konzepte, Überlegungen und Perspektiven bereit, die auch zahlreiche Studien zu Resilienz im Erwachsenenalter und Alter inspiriert haben. Es handelt sich um einen Ansatz, der Annahmen darüber trifft, wie das Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und kulturellen Faktoren die Entwicklung im Erwachsenenalter charakterisiert und erklärt wird. In einer der letzten Publikationen des Alternsforschers Paul Baltes ist von dem biokulturellen Co-Konstruktivismus (biocultural co-constructivism) die Rede (Baltes, Röseler & Reuter-Lorenz, 2006), wonach allgemein formuliert neuronale Aktivitäten sowie körperliche Vorgänge der Anpassung und genetische Dispositionen (vgl. das Konzept der Plastizität) in ihrem wechselseitigen Austausch mit soziokulturellen Umweltbedingungen (gesellschaftliche Rahmenbedingungen, technischer und medizinischer Fortschritt, veränderte Kommunikationstechnologien, soziales Lernen) die menschliche Entwicklung gestalten und formen.
Entwicklung als Gewinn und Verlust
Eine Annahme des Lebenspannenansatzes, nämlich dass Älterwerden mit wahrgenommenen Gewinnen und Verlusten verbunden ist, mag auf den ersten Blick trivial erscheinen. Man sollte hier jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass sich im Erwachsenenalter häufig die Herausforderung stellt, nach positiven Deutungen der eigenen Lebenslage zu suchen oder die persönliche Gewinnperspektive anzupassen und zu erweitern. Was schließlich als Gewinn, Erfolg oder Verlust im Einzelfall „verbucht“ wird, ist häufig relativ und situationsabhängig und besitzt einen dehnbaren Interpretationsspielraum. Es hängt von dem Urteilshintergrund, der Fähigkeit oder Bereitschaft der Personen ab, die ihren Erlebnissen einen Sinn abgewinnen müssen, der ihnen einleuchtend oder plausibel erscheint.
Es wäre aus theoretischen und praktisch motivierten Gründen sehr wünschenswert, mehr darüber zu erfahren, wie die zugrundeliegenden Prozesse genau funktionieren, welche zu qualitativen Urteilen (subjektiven Bewertungen) wie „Gewinnen“ oder „Verlusten“ führen. Dies würde zu einem besseren Verständnis dessen beitragen, wie Menschen handeln, wenn sie in Entscheidungssituationen geraten. Diese Werturteile haben mit der Bindung und Verfolgung von Zielen zu tun (vgl. Achtziger & Gollwitzer, 2006) und motivieren unser Verhalten.
Die Steigerung der eigenen Bewältigungskompetenzen (Baltes & Baltes, 1990; Freund, 2008) ist ein zentrales Anliegen der entwicklungspsychologischen Grundlagen- und Interventionsforschung, dessen Verwirklichung mit zunehmendem Alter der Zielgruppe in vielerlei Hinsicht nicht einfacher wird. Ein fundiertes Fachwissen über altersbezogene, normative Veränderungen in kognitiven, neuronalen und biologischen Bereichen (z.B. Veränderungen der fluiden Intelligenz, neuronalen Plastizität, Morbidität im Erwachsenenalter) und über die bereits existierenden und erprobten Möglichkeiten einer Beeinflussung ist für die Planung von Interventionen und altersangemessenen gesundheitsfördernden Angeboten von entscheidender Bedeutung.
Weitere Annahmen des Lebensspannenansatzes, die wichtig für das Verständnis von Resilienz sind, beziehen sich auf die Multikausalität, die Multidimensionalität und die Multidirektionalität von Entwicklungsverläufen.
Multikausalität
So ist beispielsweise die Effektivität von Fitnesstrainings von unterschiedlichen Faktoren wie dem gesundheitlichen Status einer Person, der Motivation und Ausdauer sowie soziokulturellen Bedingungen (Qualität des aktuellen Angebots) abhängig (Multikausalität), um nur einige wesentliche zu nennen. Diese Faktoren interagieren, bündeln sich bei Individuen in spezifischen Ausprägungen (z.B. individuelle Motivations- und Anspruchsprofile) und können je nach Kombination das körperliche Durchhaltevermögen fördern oder einschränken.
Multidirektionalität
Das Zusammenspiel von Biologie und Kultur beschreibt die allgemeinen Rahmenbedingungen, welche die Form des Lebensverlaufs bestimmen und zu Multidirektionalität führen. Es entwickelt sich, wie Paul und Margret Baltes mehrfach argumentiert haben, so, dass im jüngeren Alter kulturelle Stützsysteme (z.B. Sehhilfen, Hörgeräte, Behandlungsmethoden) effizienter wirken, aber weniger benötigt werden. Im fortgeschrittenen Erwachsenenalter hingegen, wenn etwa die körperlichen und viele geistige Funktionseinbußen gravierender ausgeprägt sind, werden die Interventionen oftmals weniger effizient. Von der Art der kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen hängt es ab, wie sich einzelne Funktionsbereiche entwickeln werden. Dass also Entwicklungsverläufe in verschiedene Richtungen gehen können (Wachstum, Stabilität, Rückgang), wurde als Multidirektionalität bezeichnet.
Multidimensionalität
Multidimensionalität am Beispiel von Resilienz bedeutet, dass Resilienz auf verschiedenen Ebenen zum Ausdruck kommt. So kann etwa der Umgang mit einer schweren Erkrankung am Genesungsgrad (Minimierung der Beeinträchtigung durch eine Krankheit, Begrenzung der Folgeschäden) oder an der emotionalen Anpassung bzw. Akzeptanz der Krankheit angesetzt werden (das Leben nach einem Schlaganfall oder mit unheilbarem Krebs). Beide Formen der Bewältigung (vgl. auch Kap. 1.2 und Kap. 3), die Steigerung von Ressourcen, um ein Problem zu beseitigen und die flexible Anpassung an die Umstände, können zu unterschiedlichen Effekten führen. Sie eröffnen so einen Interpretationsspielraum bei der Bewertung, inwieweit ein Wunsch erfüllt wurde oder krisenbedingte Abstriche gemacht werden mussten, wenn die eigenen Bewältigungskompetenzen nicht ausreichend waren. Konzepte wie Stabilität und Veränderung (z.B. in den Bereichen des körperlichen und kognitiven Wachstums resp. Abbaus) werden bei der Interpretation der Entwicklungsverläufe über die Zeit insofern wichtig, weil unterschiedliche Entwicklungsbereiche unterschiedliche Entwicklungsverläufe hervorbringen: In einigen Bereichen entwickeln Erwachsene Expertisen (z.B. Einsichten in grundlegende Fragen des Lebens, Staudinger & Glück, 2011), auch wenn bereits kognitiv-motorische Defizite spürbar werden.
Untersuchungen zu Expertise und bereichsspezifischen Kompetenzen (Krampe & Baltes, 2003) haben gezeigt, dass es eine Vielzahl von speziellen Kompetenzen (z.B. Hobbies wie Schach spielen, Musik machen, Expertise im Maschineschreiben) gibt, die im Erwachsenenalter auf hohem Niveau ausgeführt werden können. Auch wenn die Verarbeitungsgeschwindigkeit nachlässt (Salthouse, 1996), können spezifische Kompetenzen bei entsprechender Übung auch im höheren Erwachsenenalter mobilisiert und vergleichsweise gut aufrechterhalten werden. Das heißt, dass die Zuwendung zu erfahrungsabhängigen (lernbaren, trainierbaren) Kompetenzen im Alter die körperlichen Abbauprozesse nicht (unbedingt) aufhalten bzw. ersetzen kann, aber doch im Einzelfall ein Ansporn besteht, etwas einzuüben, zu kultivieren und zu verbessern. Wenn es freilich um schnelles Lernen, um Höchstleistungen der motorischen Geschwindigkeit, der Organfunktionen und des Gedächtnisses geht, dann erreichen wenige der älteren Menschen das Niveau der jüngeren. Hier begnügt man sich in Studien schon eher damit, dass ein altersbezogener Abbau gebremst werden kann, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die nicht spezifisch trainiert wurde. Eine differenzierte Betrachtung der persönlichen Kompetenzen und der eigenen Defizite ermöglicht es, bestimmte Bereiche gezielt zu fördern bzw. ihren Abbau zu verhindern.
In Abbildung 2.1 sind die Konzepte der Multidimensionalität und Multidirektionalität graphisch veranschaulicht, wobei jeder der vier unterschiedlichen Verläufe einen eigenen Inhaltsbereich darstellt (vgl. Baltes & Sowarka, 1983). Die durchgezogenen Linien könnten inhaltlich für stark alterskorrelierte Bereiche wie die körperliche Reifung oder die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit stehen, die in der Adoleszenz bzw. im frühen Erwachsenenalter den höchsten Leistungs- oder Entwicklungsstand erreichen und anschließend nach einer Plateauphase mit zunehmendem Alter deutlich abnehmen (z.B. der biologische Abbau, die Geschwindigkeit und die körperliche Kraft). Die nicht durchgezogenen Linien demonstrieren mögliche Verläufe von individuellen Kompetenzen und Fähigkeiten, die stärker von der Vorerfahrung abhängen und durch Üben beeinflusst werden können. (Vgl. die provozierende, weil ohne Einschränkung überlieferte Aussage Bachs: Er studierte die Werke unterschiedlicher Komponisten, lernte aus ihnen durch Hören, Lesen, Abschreiben und Bearbeiten, und behauptete von sich, dass er fleißig sein musste; Bach meinte, wer ebenso fleißig sei, würde es ebenso weit bringen; Forkel, 1802).

Abbildung 2.1: Unterschiedliche Verlaufsformen von spezifischen Entwicklungsprozessen (nach Baltes & Sowarka, 1983).
In dem Konzept der Interaktion wird zum Ausdruck gebracht, dass sich die Verläufe einzelner Bereiche nicht unabhängig voneinander entwickeln, sondern dass sich menschliche Entwicklung in Form von gebündelten Effekten und sich daraus ergebenden Wechselwirkungen vollzieht. Solange die in der Öffentlichkeit und auch in engeren Wissenschaftskreisen kontrovers diskutierten Fragen, z.B. was die entscheidenden Kräfte von Entwicklungs- und Anpassungsprozessen sind (Anlage- oder Umweltfaktoren, die man häufig gegenüberstellt) nicht eindeutig beantwortet werden können, wird man auf einen allgemeinen und offenen Begriff wie den der Interaktion als Wirkungskonzept schwer verzichten können.
SOK-Modell
Im Modell der Selektion, Optimierung und Kompensation (SOK; Baltes & Baltes, 1990; Freund, 2008; Riediger et al., 2006; vgl. auch Boerner & Jopp, 2007 im Überblick) wird angenommen, dass Entwicklungseinbußen durch Strategien und kluges Ressourcenmanagement in bestimmten Bereichen kompensiert werden können. Es handelt sich um ein Entwicklungsmodell, das zeigt, wie eine positive Entwicklung gelingen kann, auch wenn die Bürden des Alterns deutlicher zu spüren sind. Insbesondere drei Prozesse werden hervorgehoben, die zum Erreichen der selbstgesteckten Ziele beitragen und bedrohliche Einbußen abwehren bzw. die negativen Auswirkungen auf andere Bereiche gering halten:
1 Selektion bei der Auswahl der eigenen Ziele
2 Optimierung der eigenen Kompetenzen (durch Übung)
3 Kompensation von Einbußen durch Strategien

Das SOK-Modell wurde häufig anhand des eindrucksvollen Beispiels veranschaulicht, wie es dem Pianisten Arthur Rubinstein auch im hohen Alter möglich war, öffentlich zu konzertieren. Aus seinen Interviews ging hervor: Rubinstein schränkte sein Repertoire ein (Selektion), probte das Wenige häufiger (Optimierung) und verwendete gezielt das Ritardando (eine Verlangsamung des Spiels), um einen Kontrasteffekt bei den Hörern zu erzeugen. Die folgende Passage wirkte dadurch ausreichend schnell.
Das bedeutet für das Altern, dass zwar Abstriche gemacht werden müssen, Strategien der Optimierung und Kompensation, die sich sehr ähnlich sind, aber die Aufrechterhaltung auf einer hohen Entwicklungsstufe ermöglichen können, zumindest für eine gewisse Zeit. Ein verstärktes körperliches Training kann nötig werden, die Dinge so gut und schnell zu erledigen, wie man es noch vor ein paar Jahren konnte. Die Nutzung von Sehhilfen oder eine erfolgreich durchgeführte Augenoperation können die abhanden gekommene Sehschärfe kompensieren.
In zahlreichen Studien wurden Hinweise erbracht, dass die Prozesse der Selektion, Optimierung und Kompensation an der Bewältigung von entwicklungsbedingten Einbußen beteiligt sind und zu einer Stabilisierung des Wohlbefindens beitragen (z.B. Freund, 2008; Krampe & Baltes, 2003). Allerdings zeigte sich auch, dass die Prozesse im höheren Erwachsenenalter teilweise schwächer ausgeprägt sind als im mittleren Erwachsenenalter (Freund & Baltes, 2002), was auch als Hinweis dafür angeführt werden kann, dass es im Alter möglicherweise schwerer wird, die Prozesse aufrechtzuerhalten. Was die Trainierbarkeit oder Herbeiführbarkeit der Prozesse betrifft, also ob es sich um „Strategien“ handelt, die der persönlichen Kontrolle unterliegen, verdient an dieser Stelle einer genaueren Hinterfragung.
Wie kann man die Prozesse der Selektion, Optimierung und Kompensation strategisch einsetzen, um die eigenen Ziele zu verwirklichen und der Entwicklung einen positiven Verlauf zu geben?
Es scheint wenig kontrovers, dass regelmäßiger Sport die körperliche Ausdauer und ein tägliches Instrumentalspiel die musikalischen Fertigkeiten erhöht. Dass man sich dabei kontraproduktiv anstellen und sich Verletzungen zuziehen kann, ist hier nicht gemeint. Entscheidend ist vielmehr, dass man an den eigenen Zielen festhält und diese sogar immer höher stecken kann, z.B. durch Ausdauer, Disziplin und Bescheidung in anderen Lebensbereichen. Man kann von einer Strategie sprechen, wenn man die eigenen Ressourcen und Kompetenzen klug einsetzt, um die Ziele der Sportlichkeit bzw. Musikalität aufrechtzuerhalten bzw. zu steigern.
Wie sieht es mit der Setzung der eigenen Ziele aus? Im SOK-Modell wird bei der Selektion unterschieden, ob sie verlustbasiert oder elektiv umgesetzt wird. Im ersten Fall ist es so, dass man ein Ziel aufgeben muss, weil es außer Reichweite geraten ist. Eine Lähmung kann für Sportler und Pianisten eine Karriere frühzeitig beenden und emotionale Bewältigungsreaktionen hervorrufen. Mit elektiver Selektion ist gemeint, dass klare Prioritäten gesetzt werden, auch wenn keine vorausgehende Bedrohung dies erzwungen hat. Sie bezieht sich auf die Auswahl von Zielen und ermöglicht die Konzentration der Ressourcen. Inwieweit kann man hier strategisch vorgehen? Der Versuch, sich Klarheit über die jeweiligen Ziele zu schaffen und das Setzen von Prioritäten setzen allerdings voraus, dass man bereits mehrere Ziele hat, aus denen man wählen kann und dass diese mit persönlichem Wert verbunden sind. Das selbständige, intentionale Umstrukturieren von Zielen funktioniert vor dem Hintergrund einer positiven Valenz, die ein sog. Widerfahrnismoment mit einschließt (etwas, das von außen an einen herankommt und auf bisherigen Erfahrungen beruht). Die nicht-intentionalen Prozesse bei der Zielbindung werden in Kapitel 4 noch ausführlicher besprochen, weil sie für die Entwicklung von Resilienz von entscheidender Bedeutung sind.
Plastizität
Was trägt die Lebensspannenpsychologie nun zum Verständnis von Resilienz bei? Staudinger et al., (1995) sind der spannenden und schwierigen Frage nachgegangen, was Resilienz im Erwachsenenalter ausmacht. Ein wichtiges aber bislang leider noch nicht befriedigend enträtseltes Konzept für Resilienz ist das der Plastizität, die Fähigkeit der Formbarkeit eines Organismus, sein Potential, neue Strukturen einzunehmen.
Plastizität bezieht sich auf die Eigenschaft von Organismen, formbar zu sein und in der neuen Form für eine gewisse Zeit verharren zu können. Es handelt sich um eine Grundvoraussetzung eines lebendigen, entwickelbaren Organismus, adaptiv auf Umwelteinflüsse reagieren zu können und Zustände des Ungleichgewichts auszugleichen. Plastizität bedeutet die Anpassungsfähigkeit oder Veränderbarkeit eines Organismus, eine flexible Dehnbarkeit der adaptiven Mechanismen auf unterschiedlichen Ebenen. Dies bezieht sich auf neuronale und kognitive Prozesse (Lernen und Informationsverarbeitung), die so weit intakt und eben plastisch sein müssen, dass sich ein Organismus auch weiterhin entwickeln kann. Kurz: Der Organismus muss noch am Leben sein und eine gewisse Stabilität einnehmen können, damit er sich entwickeln kann. Resilienz wird als Form von Plastizität aufgefasst. Dabei ist auch eine gewisse Dauerhaftigkeit der Veränderung oder Modifizierbarkeit von Verhaltensmustern impliziert; punktuelle Reaktionstendenzen werden nicht als Entwicklung bezeichnet.
Testing-the-Limits-Studien
Die Variationsbreite, in der sich der Umgang mit den Herausforderungen und die Anpassung an das Notwendige gestalten, nimmt mitunter ein beachtliches Ausmaß an; manchmal kommt es sogar zu einer Steigerung der eigenen Leistung. Plastizität unterliegt allerdings individuellen, biologischen und soziokulturellen Einflüssen (vgl. Lövdén et al., 2010) und die Dehnbarkeit der menschlichen Fähigkeiten hat ihre Grenzen.

In Studien zu Testing-the-Limits wurde demonstriert, dass nach mehreren Trainingsstunden irgendwann eine obere Schranke nicht mehr überschritten wird. Die Frage war, inwieweit altersbezogene kognitive Plastizitätsgrenzen durch Trainings erreicht werden können, indem man gezielte Strategien in mehreren Trainingseinheiten anzuwenden lernt. Wenn Merkstrategien systematisch eingeübt werden und anschließend ein Gedächtnistest durchgeführt wird, so zeigen es die Befunde von Kliegl et al., (1989), stagnieren die Erinnerungsleistungen ab einem gewissen Punkt und es macht keinen bemerkenswerten Unterschied mehr, ob man 20 oder 30 Trainingseinheiten durchlaufen hat.
Plastizität ist ein Schlüsselkonzept für das Verständnis von Resilienz: Eine hinreichendes Ausmaß an Veränderbarkeit muss vorausgesetzt werden, damit eine positive Entwicklung erst möglich werden kann. Plastizität kann im günstigen Fall Wachstum oder Steigerung einer Fähigkeit bedeuten, aber auch die Fähigkeit, mit Verlusten neu umzugehen; sie zeigt, dass die Bewältigungsressourcen noch intakt sind. Es hat sich eingebürgert, die Bewältigungsprozesse neutral zu betrachten, weil die gleichen Prozesse in einer Situation vorteilhafte, in einer anderen aber negative Konsequenzen nach sich ziehen können. Will man aber beurteilen, inwieweit Bewältigung gelungen ist, braucht man geeignete Kriterien und Gütemaßstäbe.
Entwicklungseinflüsse
In Zeiten erhöhter Belastung (Episoden des Ungleichgewichts, Stress; vgl. Kap. 1.2) wirken normativ-lebenszyklische, normativ-historische oder nicht-normative Einflüsse auf die menschliche Entwicklung ein und kanalisieren die individuelle Anpassungsfähigkeit (Baltes, et al., 2006).
Normativ-lebenszyklische Veränderungen weisen einen Zusammenhang mit dem Lebensalter auf. Dies zeigt sich beispielsweise in der Veränderung der wahrgenommenen Gewinn-Verlust-Bilanz, die im höheren Alter ungünstiger ausfällt.
Während in der Kindheit und im Jugendalter die Entwicklung der körperlichen und kognitiven Funktionen vielfach als Wachstum erscheint, rücken im Zuge des Älterwerdens der Erhalt des Status quo und die Minimierung der Verluste, d.h. eine Schadensbegrenzung, vermehrt in den Vordergrund (Baltes et al., 2006; Heckhausen et al., 1989).
Zu den normativ-historischen Einflüssen zählen der gesellschaftliche Wandel und die Modernisierung, Wirtschaftskrisen und auch Krieg oder Naturkatastrophen. Diese Einflüsse betreffen viele Menschen, die im Wirkungsfeld einer geschichtlichen Periode leben.
Die Auswirkungen kriegsbedingter Einschränkungen und der „eingeprägte“ Verzicht auf gewisse Lebensstandards mögen späteren Generationen vielleicht unverständlich erscheinen, aber doch die Werte und Ansprüche einer älteren Generation entscheidend geprägt haben. Erfahrungen, die einem die Geschichte aufgedrängt hat, werden individuell erlebt und bewältigt, aber von vielen Menschen geteilt und nicht selten kontrovers interpretiert.
Nicht-normative Einflüsse sind dadurch gekennzeichnet, dass sie eher zufällig eintreten und einen idiographischen Charakter haben (vgl. Kritische Lebensereignisse, individuelle Lebenskrisen). Sie erzeugen Stadien des Ungleichgewichts und gehen häufig mit psychischen und körperlichen Erkrankungen einher (vgl. Filipp, 2007; Filipp & Aymanns, 2010). Nicht-normative Ereignisse setzen einer direkten, problemorientierten Bewältigung insofern Grenzen, als sie schwer vorhersehbar sind und sich einer direkten Prävention häufig entziehen. Sie können einzelnen Personen z.B. bei der Verwicklung in einen Verkehrsunfall widerfahren. Sofern sie ganze Menschengruppen betreffen (z.B. die Auswirkungen von Epidemien oder Reaktorkatastrophen), ist der Übergang zu dem normativ-historischen Einflusssystem fließend.
Wir können uns zunächst auf die bisher erwähnten Annahmen und Thesen des Lebensspannenansatzes beschränken, die einen deutlichen Bezug zur Entwicklung von Resilienz aufweisen. Viele spannende Konzepte und weitere Annahmen konnten nicht angesprochen werden, obwohl sie auch zu einer fruchtbaren Diskussion und Erforschung des Resilienzkonzepts beitragen könnten.

Wer sich für die Forschungsanliegen und Themen der Lebensspannenpsychologie noch mehr interessiert, sei auf diesen Link zu einer kurzen Einführung in den theoretischen Hintergrund des Lebensspannenansatzes mit anschaulichen Beispielen für Multidimensionalität, Multidirektionalität und weitere Annahmen verwiesen: http://www.youtube.com/watch?v=h7wM55HjKEk
Im Folgenden soll nun genauer beleuchtet werden, ob es im mittleren und höheren Erwachsenenalter typische Krisen und Aufgaben zu bewältigen gibt, auf die man sich frühzeitig einstellen und so möglicherweise vorbereiten kann.
2.2 Herausforderungen und Krisen im Erwachsenenalter
Gibt es die Midlife Crisis?
Unter der „Midlife Crisis“ können sich laut einer größeren Umfrage sehr viele Menschen etwas vorstellen (Wethington, 2000). Es handelt sich um eine weit verbreitete Vorstellung von altersbezogenen Veränderungen und Umbrüchen in der Lebensmitte, die als Krise erlebt werden. Was hat man in der Lebensmitte zu erwarten bzw. zu befürchten? Gibt es typische Entwicklungsaufgaben?
Nach Levinsons (1986) stufentheoretischem Modell sind es die Übergänge von einer in die nächste Lebensperiode, welche mit vielen Umbrüchen und Turbulenzen verbunden sind. Der Übergang vom jungen ins mittlere Erwachsenenalter liegt nach diesem Modell im Altersbereich von 40 bis 45 Jahren. Es wurde hinterfragt, inwieweit dieser Altersabschnitt mit normativen Veränderungen einhergeht, die so gravierend sind, dass man von einer Krise sprechen sollte, die sich zudem noch qualitativ von anderen Krisen unterscheidet.

Freund und Ritter (2009) haben das Konzept der Midlife Crisis einer Kritik unterzogen und bringen überzeugende Einwände auf konzeptueller und empirischer Ebene vor, was den normativ-krisenhaften Charakter überdenkenswert erscheinen lässt. Zunächst einmal gibt es Unschärfen, was das genaue Zeitfenster des mittleren Lebensabschnittes betrifft, in dem die sog. Krise anzusiedeln ist. Oft wird in der Literatur der Abschnitt zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr angegeben. Die Meinungen gehen hier allerdings weit auseinander. Freund und Ritter haben in der Schweiz eine querschnittliche Studie durchgeführt und eine Stichprobe von 474 altersheterogenen Erwachsenen danach gefragt, wann das mittlere Erwachsenenalter ihrer Ansicht nach beginnt und wann es endet. Im Durchschnitt wurde der Beginn bei 35 Jahren und das Ende bei 53 Jahren definiertangesetzt, wobei es auf beiden Seiten deutliche Abweichungen gab (7.5 Jahre betrug die durchschnittliche Abweichung von der Untergrenze, 9.5 Jahre von der Obergrenze). Die eingeschätzten Grenzen waren dabei nicht vom Alter der Befragten abhängig. Eine größere Studie von Wethington (2000) ergab, dass mehr als 90% der Befragten eine Definition oder Assoziation dazu parat hatten, was man unter dem Begriff der „Midlife Crisis“ versteht. 26% aller Befragten (724 Personen im Alter von 28-78 Jahren bildeten die Gesamtstichprobe) gaben an, eine Midlife Crisis erlebt zu haben, bei den 50-Jährigen und Älteren betrug der Anteil 35%. Die Definitionen fielen insgesamt eher unterschiedlich aus und verteilten sich auf mehrere Kategorien. Ein vergleichsweise hoher Anteil verband mit der Midlife Crisis ein gesteigertes Bewusstsein für das Älterwerden und die verrinnende Zeit (ca. 20%), eine Zeit des Lebensrückblicks und der Veränderung von Evaluationsprozessen (ca. 13%) oder der Lebenshaltung bzw. -einstellung (14%), gefolgt von selteneren Nennungen. Das Alter, im dem die besagte Krise erlebt wurde, variierte interindividuell sehr stark – das jüngste wurde auf 17 Jahre datiert, das älteste auf 75 Jahre, und die große Streubreite ist auch nicht verwunderlich angesichts der unterschiedlichen Vorstellungen, die die befragten Amerikaner mit dem Konzept verbanden.
Insgesamt gibt es wenig Evidenz dafür, dass es im mittleren Erwachsenenalter eine besondere Qualität gravierender Krisen gibt, welche die anderer Altersgruppen an psychischen Anpassungsproblemen übertrifft. Gibt man die Forderung der Normativität auf, dass es eine Krisenverdichtung für die meisten Erwachsenen der mittleren Altersgruppe gibt, verliert das Konzept seinen generellen Anspruch. Freund und Ritter (2009) ziehen das Resümee, dass das Konzept der Midlife Crisis in einer schwächeren Lesart durchaus sehr nützlich für das Verständnis von Bewältigungsprozessen im Erwachsenenalter ist. Man kann das mittlere Erwachsenenalter als ein Zeitfenster betrachten, in welchem altersbezogene Aufgaben und Veränderungen hervortreten (z.B. Verantwortung für die eigenen Kinder und die alternden Eltern, Nachlassen des körperlichen Durchhaltevermögens, Kinder verlassen das Elternhaus). Diese Veränderungen lösen auch Bilanzierungs- und Lebensrückblicksprozesse aus und man sollte diese Herausforderungen nicht übersehen, weil sie wichtig für das Verständnis von Entwicklung im Erwachsenenalter sind. Der Verzicht auf den Krisenbegriff nimmt dem mittleren Lebensabschnitt die damit verbundene generelle Dramatik.
Bereits etablierte Konzepte wie die altersgebundenen Entwicklungsaufgaben (Havighurst, 1948) haben zwar auch konzeptuelle Schwierigkeiten, bezeichnen das Phänomen aber vielleicht angemessener. Auch der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung hat der Lebensmitte eine gewisse Bedeutung beigemessen, die sich durch physische Abbauprozesse bemerkbar macht und gekennzeichnet ist von einer geistigen Neuorientierung und Wertverschiebung. Das in der Alltagssprache als Torschlusspanik bezeichnete Gefühl ist ebenfalls ein Kennzeichen der Übergangszeit in der Lebensmitte: Versäumnisse, von denen man glaubt, sie nicht nachholen zu können (Pongratz, 1983, S. 364). Wenn sich Entwicklungsziele nicht so verwirklicht haben, wie man es sich gewünscht hat, können Zustände der Bilanzkrise oder Schuldgefühle dominieren und von psychischen Störungen begleitet sein.
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