Читать книгу: «Vor der Zeit»

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Beat Portmann, geboren 1976 in Luzern. Vorkurs an der Jazzabteilung der Musikhochschule Luzern. Er wurde mit einem Werkpreis des Kantons und der Stadt Luzern ausgezeichnet. Sein Kartenspiel «jarmony» wurde von der Musikhochschule Luzern herausgegeben. 2013 wurde sein Theaterstück «Wetterleuchten» von Volker Hesse uraufgeführt. Im Limmat Verlag sind die beiden ersten Romane der Trilogie mit dem namenlosen Ermittler-Erzähler, «Durst» und «Alles still», lieferbar. Beat Portmann lebt als freier Autor und Singer / Songwriter in Emmenbrücke.

BEAT PORTMANN

VOR DER ZEIT

Roman


Meinen Eltern

Ein jedes Ding hat seine feste Zeit,

im Todesschicksal enden alle Wünsche.

In ihrem unentwegten Wandel trägt

die Zeit die Farben des Chamäleons.

In ihrer Hand sind wir die Schachfiguren –

wie oft erliegt ein König einem Bauern.

Ibn al-Labbâna

Wie jede Geschichte vom Werden und Vergehen hat auch diese Geschichte weder Anfang noch Ende. Ihre Erzählung beginnt in der Erinnerung oder der Vorstellungskraft, sie beginnt damit, dass ich den alten Park heraufbeschwöre, das Kreisen der Mücken, den ekstatischen Gesang der Zikaden, den Windhauch in den Kronen der Kiefern; Zwergpalmen, Dattelpalmen, Orangenbäume und wilde Farne – mit leichter Hand um die kleine Normannenkirche angeordnet, die wie eine Erhebung der Erde selbst in der Brandung der Zeit steht.

Ich stelle mir vor, wie Ralph Thelmann dort über das verdorrte Gras ging, mit seiner ganzen Größe und den linkischen Bewegungen des Gelehrten, Schritt vor Schritt setzte und seinen Gedanken nachhing, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Er sah zu der Stelle und erblickte eine Rotte schwarzer, bulliger Körper. «Wildschweine!», schoss es ihm durch den Kopf. Sie mussten ihn schon etwas früher entdeckt haben und näherten sich entschlossen. Er sah sich um, wich zögernd zurück. Ein großes Tier trieb ihn vor sich her – Meter um Meter, mit dem ihm eigenen Ernst –, bis er sich schließlich umwandte, zu laufen begann und durch den Seiteneingang in die Kirche floh.

Ein Mitarbeiter, der das poröse Fundament der Westmauer präparierte, sah auf. Thelmann ging geradewegs auf eine Tasche zu, die an einem Fuß des marmornen Sarkophages lehnte, und zog eine Feldflasche hervor. Ein Schuss fiel, und kurz darauf ein zweiter. Die Männer in dem hohen, von einer zentralen Kuppel überdachten Raum erstarrten – der Zeichner, der sich bei der Apsis befand, der Grabungstechniker im Sondierfenster, Thelmann. Nach einigen Sekunden erschien im gleißenden Rechteck der Tür eine Silhouette, eine zweite folgte. Die Eindringlinge hatten ihre Gewehre über die Schultern gehängt und sahen sich grußlos um. Der Erste zeigte auf Thelmann und bedeutete ihm, mit ihnen mitzukommen. Ihre Entschlossenheit und der Umstand, dass sie bewaffnet waren, ließen keinen Gedanken an Widerspruch aufkommen. Nur der Grabungstechniker erkundigte sich mit fester Stimme, was sie hier zu suchen hätten. Niemand beachtete ihn.

Einer der Männer trat auf Thelmann zu, legte ihm die Hand auf den Rücken und führte ihn zur Tür. Draußen wartete ein weiterer Bewaffneter. Gemeinsam verließen sie den Park und gelangten zu einem schwarzen Geländewagen, der vor einer Zeile Zypressen stand. Etwas später bog der Wagen in die unbefestigte Straße ein und verschwand in einer Staubwolke, die noch lange in der Luft stehen blieb.

Es war einer dieser unwirklichen Föhntage, an denen die Hitze direkt aus dem Innern des Planeten kommt und die Dinge mit einer Gewalt durchdringt, die sie stärker noch als die Schwerkraft an die Erde bindet. Das Licht schien nicht von einem bestimmten Punkt, der Sonne, auszugehen, vielmehr leuchteten die Gegenständen aus sich heraus – eine Überdeutlichkeit der Farben und Konturen, die schmerzte. Wie eine Luftspiegelung standen die Alpen über den Dächern der Stadt und ritzten mit ihren Firsten den Himmel, dessen Blau an alte kolorierte Postkarten erinnerte.

Ich saß in einer Gartenwirtschaft an der Reuss, trank und nahm gelegentlich von den Passanten Notiz, die im beschädigten Film meiner Wahrnehmung auftauchten und wieder verschwanden. Irgendwo erhielt das Rattern eines Presslufthammers das Prinzip ökonomischer Betriebsamkeit aufrecht, ansonsten lag Ruhe über den Gassen und Plätzen der Stadt. Schläfrig ließen sich Schwäne, Enten und Blesshühner stromabwärts treiben. Die Hitze hatte den Tag in ein Negativ der Nacht verwandelt.

Ich legte mir Rechenschaft ab über mein Leben. Nicht aus Sentimentalität oder Pflichtbewusstsein oder gar in der Absicht, eine Entscheidung zu treffen. Es war mir einfach zur Gewohnheit geworden. Seit meinem letzten veröffentlichten Roman waren beinahe neun Jahre vergangen. In diesen neun Jahren hatte mein Verlag mehrere Arbeiten abgelehnt, darunter eine siebenhundertseitige Erzählung, die im Stil eines experimentellen Märchens von der Geworfenheit des Menschen in die Welt handelte. Mein Verleger hatte formelle Mängel vorgeschoben – «eine Geschichte muss sich aus sich selbst erklären» –, schließlich aber durchblicken lassen, dass er sich von mir etwas Verkäufliches wünschte, also noch einmal einen Kriminalroman.

Ich bestellte ein weiteres Bier. Menschen schlichen vorbei wie ihre bewusstlosen Doppelgänger. Ich ließ den Blick über die Häuserfront am jenseitigen Ufer schweifen und atmete den Seegeruch der Reuss – eine Ahnung von immer schattigen Buchten und sonnenglitzernden Wassern, von Fischen, Algen und dem Treibstoff der Motorboote.

Ich hatte mit einer Frau, die ich kaum kannte, ein Kind gezeugt, das ich so gut wie nie sah. Ich war mit den Alimentenzahlungen um Monate im Rückstand und lebte mehr schlecht als recht von der Hinterlassenschaft meiner Mutter. Ich trank viel, und ich verwirrte meinen Geist regelmäßig mit dem Konsum von Cannabis. Trotzdem stand ich jeden Mittag auf und saß meine Stunden am Schreibtisch ab, feilte an Sätzen, rang um Worte, haschte nach flüchtigen Metaphern; brütete oft auch nur dumpf vor mich hin.

Es war kurz vor Feierabend. Die narzisstische kleine Stadt, seit jeher gegen Süden ausgerichtet, gefiel sich in der Nachahmung ihrer mediterranen Vorbilder, Bühne und Protagonist der kultivierten Lebensart zugleich zu sein. Endlich konnten ihre alten Gemäuer austrocknen, ihre Büsten und Pilaster, Voluten und Rustikaquader aus dem Dämmerlicht des Nordens treten.

Auf einem Balkon hoch über der Reuss hatten sich drei Männer versammelt. Sie trugen elegante Anzüge und gestikulierten, wie es eher südlich der Alpen üblich ist. Oder stritten sie sich? Ich stellte mein Glas ab, vergaß die Zigarette im Aschenbecher. Bahnte sich da ein Handgemenge an?

Als der eine von ihnen stürzt, ist es zu spät zu reagieren. Ich kann nur zusehen, wie er das Geländer touchiert, sich überschlägt und ins Wasser klatscht. Der Schreck ist lautlos; es ist zu heiß, als dass sich jemand die Mühe zu schreien machte.

Hätte ich so einen letzten Kriminalroman beginnen können? Warum sollte ich mir die Handlung nicht einfach ausdenken, vom Anfang bis zum Ende, statt mich wie bisher auf wahre Begebenheiten zu stützen? Ich hätte jederzeit alles unter Kontrolle, würde mich in keine amourösen Geschichten verstricken und könnte mich zum strahlenden Helden aufschwingen, der im richtigen Moment die richtige Entscheidung trifft und entschlossen zur Tat schreitet.

Ein Kellner am gegenüberliegenden Ufer beugte sich übers Geländer. Was sah er da? Ich bezahlte meine Rechnung und stand auf. Mir wurde schwindlig, aber das kannte ich. Nach einigen Sekunden war es vorbei.

Ich ging das linke Ufer entlang und blieb beim Nadelwehr stehen. Ich versuchte mir vorzustellen, wohin der leblose Körper treiben würde. Würde er sich im Rechen des Kraftwerks verfangen oder wäre es ihm vergönnt, entlang dem Stirnwehr in den unteren Flusslauf zu gelangen? Das Rauschen meiner Blutzirkulation überlagerte das Tosen des Wassers, ich konnte seinen Hauch auf meiner Haut spüren – alles war in Bewegung, alles strebte der smaragdgrünen Wasserzunge zu, in die sich zu versenken Erlösung bedeuten müsste. Ich raffte mich auf und trat den Heimweg an.

Zu Hause legte ich mich aufs Sofa. Als ich wieder erwachte, verwischte die Dämmerung gerade die letzten Spuren des Tages. Ich richtete mich auf und stützte den Kopf in die Hände. Dann musste ich an den stürzenden Mann denken, daran, wie er auf dem Geländer aufschlug. Ich spielte es vor meinem inneren Auge durch, so lange, bis ich mir sicher war, das Knacken des Genickbruchs im Ohr zu haben. Ich stand auf und kochte Kaffee. Natürlich hatte ich mir das alles nur ausgedacht.

Ich wollte mir gerade eine Tasse einschenken, als das Telefon klingelte. Mit Befremden lauschte ich der Melodie, die ich tatsächlich vergessen zu haben glaubte. Seit meinem Zerwürfnis mit Adnan gab es nicht mehr allzu viele Leute, denen es in den Sinn hätte kommen können, mich anzurufen. Ich nahm den Hörer ab und räusperte mich.

Eine männliche Stimme sprach mich mit meinem Nachnamen an und erkundigte sich, ob ich der gleichnamige Schriftsteller sei.

Ich räusperte mich ein zweites Mal, diesmal kräftiger, worauf die Stimme die Frage wiederholte. Ich bestätigte, dass ich unter genanntem Namen Bücher veröffentlicht hätte. Der Mann stellte sich vor und erklärte, im Auftrag eines bedeutenden Mäzens anzurufen, dessen Namen er jedoch nicht preisgeben dürfe. Dieser sei ein Bewunderer meiner Werke und habe ihm aufgetragen, mich zu kontaktieren, um mit mir über eine interessante Sache zu sprechen.

Mir war klar, dass sich da jemand einen Scherz erlaubte – ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, von jemandem bewundert zu werden. Dennoch stimmte ich einer Verabredung am nächsten Tag zu und schlug das Restaurant Adler vor. Wenn er sich schon auf meine Kosten amüsieren wollte, dann konnte er sich zumindest zu mir in die Agglomeration bemühen. Ich beschrieb ihm den Standort und beendete das Gespräch.

Es war, als würde ein Fluch auf dem Gasthaus liegen, das der wechselvollen Geschichte der kleinen Industriestadt seit jeher ein unverzichtbarer Resonanzraum war. Noch in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren war es darin wild zugegangen, seither aber hatte es so manchen Wirt in den Konkurs getrieben. Dem zuletzt Angetretenen war es immerhin gelungen, den «Adler» auch für jene wieder salonfähig zu machen, die auf ihren guten Ruf bedacht sind, und seine Nachfolgerin schien nebst dem Sinn fürs Machbare die Beharrlichkeit mitzubringen, die es wohl brauchte, um den Bann endgültig zu brechen.

Als ich das Lokal betrat, saß sie mit einem mir unbekannten Mann an einem Tisch und begrüßte mich. Ich wich ihrem Blick aus und sah mich um. Die anderen Tische waren leer. Ich hatte mich verspätet und befürchtete, meine Verabredung verpasst zu haben, als ich ihren Satz realisierte: «Da kommt er ja!»

Der Unbekannte hatte sich nach mir umgedreht und sah mir erwartungsvoll entgegen. Zögernd näherte ich mich und reichte ihm die Hand. Sein Name, kaum ausgesprochen und von mir repetiert, war mir bereits wieder entfallen.

Ich hatte mir fest vorgenommen, an diesem Tag nicht zu kiffen. Aber es ging bereits gegen Feierabend, und vor ungefähr einer Stunde hatte ich der Versuchung nicht länger widerstehen können. Ich war in meiner Jugend gelegentlich mit dem Stoff in Berührung gekommen, ohne dass ich mir viel daraus gemacht hätte. Erst nach dem Tod meiner Mutter hatte ich begonnen, mich regelmäßig damit zu betäuben, und inzwischen war er zu einem festen Bestandteil meiner Selbstmedikation geworden. Andere konsumierten Drogen, um leistungsfähig, den Anforderungen des Alltags gewachsen zu sein. Das war die zeitgemäße Handhabung von verbotenen Substanzen. Mir aber ging es darum, mein Bewusstsein auf eine möglichst gleichförmige, wattige, leicht vernebelte Wahrnehmung einzustellen – immer ein wenig schläfrig, immer ein wenig entrückt und verspätet, sodass die Hiebe ihre Wirkung erst in der Reflexion entfalten konnten.

Ich setzte mich, bestellte ein Bier und streifte mein Gegenüber mit einem flüchtigen Blick. Der Mann war irgendwo um die sechzig, vielleicht auch älter, hatte schmale Lippen und eine wolkig aus der Stirn gekämmte, grau melierte Mähne. Er betrachtete mich mit diesem wohlwollenden Blick, mit dem man junge Kulturschaffende bedenkt – zu denen ich mich seit meinem neununddreißigsten Geburtstag definitiv nicht mehr zählte.

Nachdem mir die Wirtin das Getränk hingestellt hatte, hob der Mann seine übereinandergelegten Hände und sprach: «Es freut mich, Sie im Namen meines Auftraggebers kennenzulernen. Vielleicht ist es ihm zu einem späteren Zeitpunkt möglich, Sie persönlich zu treffen.»

Hatte er das wirklich so gesagt? Ich netzte meinen trockenen Mund und stellte das Glas vorsichtig ab.

«Er ist, wie bereits erwähnt, ein Bewunderer Ihrer Kriminalromane. Ihm imponiert, dass Sie sich nicht einfach – wie andere Schriftsteller – eine spannende Geschichte ausdenken, sondern sich mutig ins Geschehen stürzen und dabei auch vor gefährlichen Situationen nicht zurückschrecken.» Er lächelte und meinte: «Ich persönlich bin leider noch nicht dazugekommen, sie zu lesen, habe es mir aber fest vorgenommen.»

Verdammt, ich hätte nüchtern bleiben sollen. Niemand auf der Welt spricht in diesem Ton mit einem Schriftsteller, der nicht mindestens ein paar Jahre tot ist. Ich ärgerte mich über meine Selbstsabotage, darüber, dass ich die Situation überhaupt nicht einzuschätzen vermochte.

Er lächelte wieder konziliant. «Nun, die Sache ist die: Mein Auftraggeber weiß um das harte Brot junger Schriftsteller und möchte Ihnen mit einer kleinen Geste unter die Arme greifen.» Er ließ das Gesagte ein wenig nachwirken und präzisierte mit unmerklich zur Seite geneigtem Kopf: «Er gedenkt, Sie während der nächsten – sagen wir – zwei Jahre finanziell zu unterstützen. Wir haben da an einen monatlichen Zuschuss in der Höhe eines Handwerkergehalts gedacht. Damit Sie in aller Ruhe arbeiten können.» Er verstummte und sah mich erwartungsvoll an.

Ein Glücksgefühl schwappte über mir zusammen wie ein warmer, wohlriechender Brei. Ich biss auf die Zähne, hielt mich an meinem Glas fest und zischte: «Finden Sie das etwa witzig? Sie erwarten doch nicht, dass ich in Gelächter ausbreche?»

Sein Gesicht brachte ehrliche Verwunderung zum Ausdruck. «Sie glauben mir nicht? Ich versichere Ihnen, es ist unser voller Ernst.»

Eine Weile sahen wir uns wortlos in die Augen wie zwei Ringkämpfer, die die Stärke des Gegners einzuschätzen versuchen.

«Diese Zuwendung», brach er schließlich das Schweigen, «ist allerdings an eine kleine Gefälligkeit gebunden.»

Er hielt einen Zeitungsartikel in der Hand und reichte ihn mir.

Es handelte sich um ein Interview mit dem «renommierten Mittelalterforscher Ralph Thelmann, emeritierter Professor für semitische Philologie und Islamwissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg». Das Gespräch enthielt Thelmanns Ankündigung, in Kürze der Weltöffentlichkeit ein Schriftstück präsentieren zu wollen, «das unser Verhältnis zum Islam auf eine grundlegend neue Basis stellen wird.» Er sei bereits vor Jahren in einer Handschrift aus dem normannischen Sizilien auf einen Hinweis gestoßen, wonach Roger der Zweite, König von Sizilien, Herrscher über Apulien und Kalabrien, eine streng geheime Zusammenkunft aus hochrangigen Vertretern der drei monotheistischen Religionen angeregt habe, um in einem vergleichenden Verfahren die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.

Ich ließ den Blick über die Fotografie des bärtigen Philologen gleiten, las die Bildlegende und überflog die mit großer Schrift hervorgehobenen Zitate. Neben dem erwähnten König Roger war da noch von einem gewissen Kaiser Friedrich dem Zweiten die Rede, der sich Jahrzehnte später höchstpersönlich der Sache angenommen haben soll.

Ich hatte keine Ahnung, um was es da ging, zumal sich meine Gedanken um die in Aussicht gestellte finanzielle Zuwendung drehten. Ich hob den Kopf und bemühte mich um einen halbwegs verständigen Ausdruck.

Der Mann hatte inzwischen einen weiteren Zeitungsausschnitt zur Hand und wies mit dem Zeigefinger auf eine Kurznachricht, wonach Ralph Thelmann, der sich zurzeit an einer Ausgrabung im Südwesten Siziliens beteilige, vor einigen Tagen entführt worden sei.

Wieder begegneten sich unsere Blicke. Ich ahnte etwas. Aber ich zog die Brauen hoch und fragte: «Und was – bitte sehr – habe ich mit der ganzen Geschichte zu tun?»

Ich befand mich in meinem cremefarbenen Zweierabteil des Nachtzugs Milano–Palermo, draußen zog die toskanische Landschaft mit ihren Zypressen und Kirchtürmen vorbei, es war heiß, betäubend heiß, obschon die Sonne vor einiger Zeit untergegangen war. Meine Unterarme klebten auf dem Metall des Fensterrahmens, ich hielt mein Gesicht in den Fahrtwind und tat von Zeit zu Zeit einen Zug an meiner Zigarette. Ich war auf Reisen, unterwegs im Land immerwährender nordischer Sehnsucht, die Fahrt kannte nur eine Richtung – Süden, immer weiter in den Süden, diesen ganzen unglaublichen Damenstiefel hinunter bis fast nach Afrika. Ich hatte genug Geld in der Tasche, zwei Unterhaltszahlungen im Voraus bezahlt, kleinere Schulden beglichen und – das Bemerkenswerteste – ich war nüchtern. Seit meiner Abreise morgens um neun hatte ich keinen Joint mehr geraucht. Und damit das so blieb, hatte ich meinen gesamten Vorrat zu Hause gelassen.

Mein Leben am Rand der Voralpen schien unendlich weit zurückzuliegen. Die bleierne Lethargie, der ewig gleiche Alltagstrott, ja selbst die Verabredung im «Adler» kamen mir vor wie die Wirklichkeit eines Fremden. Ich war an jenem späten Nachmittag noch sitzen geblieben und allmählich ins assoziieren geraten. Stunden später hätte ich nicht mehr mit Gewissheit sagen können, ob unser Treffen tatsächlich stattgefunden oder ob ich es mir nur ausgedacht hatte. Aber als nach zwei Tagen eine erste Überweisung auf meinem Konto einging und mir tags darauf die Fahrkarten inklusive Reisespesen zugesandt wurden, hielt ich mich nicht länger mit meinen Zweifeln auf.

Der Haken an der Sache? Darüber wollte ich mir nicht den Kopf zerbrechen. Mein Auftrag war denkbar einfach: Ich sollte meine Sachen packen, den Nachtzug nach Palermo nehmen und mich dort mit einem Informanten treffen. Ich vermutete, dass ich über Thelmanns Entführung Recherchen anstellen und später darüber einen Tatsachenbericht verfassen sollte. Das hatte ich mir zumindest aus den Ausführungen des grau Melierten zurechtgelegt.

Ich überließ mich dem Rhythmus der Eisenbahn und schlief darüber ein. Stunden später schreckte ich auf und stellte fest, dass der Zug stillstand. Ich trat ans Fenster und starrte hinaus auf die menschenleeren Perrons und die verheißungsvolle Weite der italienischen Nacht. Langsam nahm der Zug seine Fahrt wieder auf, ein Pergamentmond zog über bewaldete Hügelketten, manchmal tauchte eine mittelalterliche Festung auf oder eines dieser anziehenden südlichen Dörfer. Und dann endlich das Meer, das Meer.

Als ich das nächste Mal aufwachte, standen wir an der Meerenge von Messina. Während der Zug zu einzelnen Waggonkombinationen zerlegt in den Bauch der Fähre verfrachtet wurde, stieg ich an Deck und tauchte ein in die Euphorie des Morgens, unter dem blauen Himmel am Meer.

Die Rückkehr ins enge Abteil war umso beklemmender. Immer in Sichtweite zum tyrrhenischen Meer reihte sich Ortschaft an Ortschaft, Barcellona, Capo d’Orlando, Castel di Tusa, Cefalù, Trabia, Bagheria und endlich Palermo. Ich nahm meinen Koffer und trat in die drückende Hitze der Bahnhofshalle.

Sizilien – alle waren sie hier gewesen: Elymer, Karthager, Griechen und Römer, Vandalen und Ostgoten, die Byzantiner ebenso wie die Sarazenen, Normannen, Staufer, Franzosen und Spanier, die Italiener schließlich und die Alliierten; nicht zu reden von den «Clandestini», den Flüchtlingen vom schwarzen Kontinent, die von Tunesien aus die Überfahrt wagen in ein vermeintlich besseres Leben. Goethe war hier gewesen, Johann Gottfried Seume und Lawrence Durrell, sie alle waren nach Sizilien gekommen – und nun also auch ich.

Hatte ich zuvor die Klimaanlage als unzureichend empfunden, so wurde mir nun ihre wahre Leistung bewusst. Betäubt schritt ich auf die Fast-Food-Kette am Ende der Perrons zu – den vereinbarten Treffpunkt. Ich trat durch die Glastür und hielt nach meiner Verabredung Ausschau; im Gegensatz zu Goethe, der vom Vizekönig persönlich zur Tafel gebeten worden war, schien mich hier niemand erwartet zu haben. Ich beschloss, an der Theke einen Cheeseburger zu bestellen.

Als mein Informant schließlich doch noch auftauchte, hatte ich bereits eine geraume Weile in der «Italienischen Reise» gelesen und erfahren, dass der Meister während der Überfahrt trotz Seekrankheit fleißig an seinem «Tasso» gearbeitet hatte. Obwohl ich die Person nie zuvor gesehen hatte, war es mir ein Leichtes, an ihrem etwas steifen Gang den Landsmann zu erkennen. Er war um die sechzig, trug Leinenhosen, ein Poloshirt und eine bedruckte Stofftasche. Seine kurz geschorenen Haare waren grau wie seine Augen hinter der randlosen Brille, die in scharfem Kontrast zu seiner Freizeitkleidung stand. Er wirkte wie jemand, der auf keinen Fall den Eindruck erwecken möchte, vermögend zu sein.

Er trat an den Tisch, sprach fragend meinen Namen aus und wedelte mit meinem Porträt, das er sich wohl von der Verlagswebseite heruntergeladen hatte. Ein flüchtiger Blick verriet mir, wie ich mich über die Jahre von mir entfremdet hatte.

«Hier ist es nicht gut …», er flatterte mit der Rechten. «Zu viel Betrieb, zu viele Leute.»

Ich hatte inzwischen wieder Platz genommen.

«Wir gehen besser woanders hin.»

Ich wartete, dass er sich mir zuwandte.

«Ist das alles, was Sie an Gepäck haben?» Er besah sich meinen fleischfarbenen Rollkoffer – eine Hinterlassenschaft meiner Mutter.

Ich bejahte.

«Dann gehen wir jetzt, kommen Sie.»

Ich zwängte Goethe in die Außentasche, stand auf und folgte ihm.

«Palermos Verkehr – eine einzige Katastrophe», entschuldigte er sich für seine Verspätung.

Als wir aus der Bahnhofshalle traten, schloss ich zu ihm auf.

Er sah sich nach allen Seiten um. «Diese Hitze! Wie sollen die Leute da arbeiten? Man vergisst das immer, wenn man daheim ist.»

Ich prägte mir seine überhastete Sprechweise ein – die Art, wie er die Silben verschluckte.

Wir setzten uns in ein Straßencafé. Mein Gegenüber konsultierte sein Smartphone und legte es griffbereit vor sich auf den Tisch.

«Ah, Sie sind Raucher.» Er streifte mich mit einem Blick. «Vergessen Sie nicht, dass das Rauchen – in geschlossenen Räumen – italienweit verboten ist.»

Er fixierte den Kellner mit aufgerissenen Augen und hob den Arm. Falls er darauf aus war, den Mann zu verärgern, so war ihm der Anfang schon ganz gut gelungen.

«Sie sehen krank aus», versetzte er, nachdem der Kellner unsere Bestellung entgegengenommen hatte.

Ich erwiderte seinen Blick.

«Ein paar Tage sizilianische Sonne werden Ihnen guttun.»

Ich nahm einen tiefen Zug und sprach in den Rauch hinein: «Sie haben sich noch nicht vorgestellt.»

«Tatsächlich?» Er rückte näher an den Tisch heran, sodass ich sein Aftershave riechen konnte. «Dann holen wir das gleich nach: Mein Name ist Notter, Ernst. Ihr Auftraggeber hat mich gebeten, Sie am Bahnhof abzuholen.»

Er warf einen Blick auf sein Smartphone und sagte: «Von Ralph Thelmann fehlt nach wie vor jede Spur. Sie sind über seine Entführung unterrichtet?»

Ich nahm die Zeitungsartikel hervor, die ich zusammen mit den Reisespesen erhalten hatte.

«Ja, ja, sehr gut! Er wurde vor den Augen seiner Mitarbeiter gekidnappt. Ich versuche seither, mit den Entführern Kontakt aufzunehmen.» Er sah sich um und lehnte sich ein wenig vor. «Ihr Auftraggeber hat bereits viel Geld in Thelmanns Forschung gesteckt. Er möchte, dass Sie der Sache nachgehen, Informationen zusammentragen und darüber schreiben. Ihm schwebt so etwas wie ein Kriminalroman vor.»

Ich sah ihn stirnrunzelnd an.

«Die Ausgrabungsstätte übrigens befindet sich westlich von Castel Vetrano. Ich hab Ihnen in der Nähe ein Hotelzimmer gebucht.» Er unterbrach sich, um den Mann zu mustern, der sich an den Nebentisch setzte. «Wichtig ist, dass Sie sich immer als Tourist ausgeben. Niemand soll erfahren, womit Sie sich wirklich befassen. Verstehen Sie, zu niemandem ein Wort.»

«Haben sich die Entführer denn schon gemeldet?»

«Nichts, nichts dergleichen. Bis jetzt.»

Ich nahm meinen Reiseführer zur Hand und entfaltete die Karte. Notter kam mir zu Hilfe und zeigte auf einen Punkt im Südwesten der Insel, nur wenige Kilometer von der Küste entfernt.

«Und wie geht es nun weiter?»

«Ich werde Sie anschließend zu Ihrem Hotel fahren, dort können Sie sich erst einmal erholen. Morgen dann treffen Sie sich mit einem Informanten, der Ihnen mehr über die Umstände von Thelmanns Verschwinden erzählen kann.»

Er schielte wieder zum Nebentisch.

«Ich würde gern erfahren, wer mein Auftraggeber ist.»

«Er will unter allen Umständen anonym bleiben.»

«Dann können Sie mir vielleicht verraten, warum er gerade mich auserkoren hat.»

«Das kann er Ihnen vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt selbst erklären.»

Er brach ab und wandte sich in nahezu akzentfreiem Italienisch an den Mann vom Nebentisch. Ein kurzes Wortgefecht entstand, das immer hitziger zu werden drohte, bis plötzlich beide in Gelächter ausbrachen.

Als sich Notter wieder zu mir wandte, sah ich ihn fragend an.

«Ich wollte wissen, warum er uns die ganze Zeit belauscht. Er meinte, er habe sich über unsere Sprache gewundert. Raten Sie mal, was er dachte?»

«Keine Ahnung.»

«Hebräisch – er dachte, wir würden Hebräisch sprechen.»

Er verstummte und legte ein paar Münzen auf den Tisch. «Los, gehen wir.»

Der mysteriöse Mäzen ließ sich nicht lumpen. Mein Hotel im kleinen Fischerort Marinella war ein modernes Gebäude mit all dem Komfort, den gut betuchte Gäste für ihren Badeurlaub offenbar voraussetzen. Vom Balkon meines Zimmers hatte ich freie Sicht aufs Mittelmeer und die westlich gelegene Anhöhe, auf der sich die Überreste der antiken Stadt Selinunt befinden.

Ich zog mich um und ging an den Strand, wo ich im noch recht frischen Wasser das Unbehagen abstreifte, das Notters Bekanntschaft in mir ausgelöst hatte. Während ich meine weißen Glieder in der afrikanischen Sonne ausstreckte, dachte ich über meinen Auftrag nach. Informationen zusammentragen über Thelmanns Entführung, um daraus einen Kriminalroman zu konstruieren? Wie stellten die sich das vor? So billig war Unterhaltung nun auch wieder nicht zu haben, und um einen anständigen Fall loszutreten, brauchte es etwas mehr als die spektakuläre Ankündigung eines Mittelalterforschers in einem Zeitungsinterview.

Ich richtete mich auf und bemerkte eine junge Frau ganz in meiner Nähe, die bäuchlings auf ihrem Badetuch lag und in einem Buch las. Die Lektüre schien sie ungemein zu fesseln, denn sie hatte keine Augen für ihre Umgebung; nicht einmal, als eine Gruppe spielender Kinder direkt an ihrem Kopf vorbeirannte. Manchmal hob sie einen ihrer braunen Unterschenkel, ließ ihn ein wenig wippen und bewegte dazu die Zehen. Ich nahm mein Buch zur Hand und versuchte mich zu konzentrieren. Vielleicht würde sie es bemerken, das Geheimzeichen, mit dem sich Lesende einander zu erkennen geben.

Ich hatte kaum einen Abschnitt überflogen, als ich einen frisch geschlüpften Gecko entdeckte, der seine Wanderung durch die rötlichen Dünen aufgenommen hatte. Ich beugte mich über ihn und verfolgte eine Weile, wie er sich unverdrossen auf dem rutschigen Terrain fortbewegte. Entweder hatte er keine Ahnung, wie weit der Weg war, der vor ihm lag, oder es war ihm egal. Ich legte das Buch zur Seite und zündete eine Zigarette an.

Die junge Frau hatte sich inzwischen aufgesetzt. Sie hatte das kurze schwarze Haar eines verträumten Knaben. Plötzlich stand sie auf, streifte sich ein Strandkleid über und packte ihre Sachen. Sie war schön, schön wie der Tod, wie die Sünde – sie kam direkt in meine Richtung! Ich klammerte mich an mein Buch und sah verstohlen auf, als sie nur noch wenige Schritte von mir entfernt war. Ich erschrak – fast hätte ich sie angesprochen, ich glaubte sie zu kennen, aber dann war sie auch schon an mir vorbei, ohne mich zu beachten.

Mein Herz schlug bis zum Hals. War es möglich? Sie hier, auf Sizilien, am gleichen Strand? Die Ähnlichkeit war frappant. Auf einmal war alles wieder präsent: Anitas südostasiatische Augen, ihre Lippen, ihr Haar.

Am nächsten Tag machte ich mich zu Fuß auf den Weg zum archäologischen Park. Laut Notter sollte ich mich dort mit meinem Informanten treffen. Die Landschaft gab sich der Sonne hin, als gehörte sie zu ihr wie das Meer oder der feine Sand, der sich unaufhaltsam ausbreitete. Ich bezahlte beim Eingang mein Eintrittsgeld und begab mich zum Tempel E, den ich auch ohne die Hilfe meines Reiseführers leicht gefunden hätte. Als einziges Gebäude in seinen Grundzügen wieder aufgerichtet, ragten seine Säulen wohl an die zehn Meter in die Höhe. Trotz der Verwitterung waren die Kannelüren gut sichtbar, auch ein Teil des Gebälks war unlängst rekonstruiert worden.

Ich blieb in einiger Entfernung zum Treppenaufgang stehen und versuchte mir begreiflich zu machen, dass zwischen mir und der Errichtung dieses Gebäudes an die zweitausendfünfhundert Jahre lagen – zweitausendfünfhundert Jahre, in denen sich Generationen und Epochen in einem endlosen Stafettenlauf ablösten, ein Gewimmel von Schicksalen und Lebensentwürfen, das sich flimmernd über den Planeten legte. Dieses Monument einer übers Meer gekommenen Hochkultur hatte bereits zu einer Zeit hier gestanden, als meine Vorfahren – so stellte ich mir vor – wie Tiere gehaust hatten, glückliche behaarte Wilde ohne Vorstellung vom kulturellen Aufbruch der südlichen Völker, geistig genügsam und vollauf damit zufrieden, die letzte Eiszeit einigermaßen heil überstanden zu haben. Und während sich meine Gedanken an der schlichten dorischen Schönheit des Tempels entzündeten, kehrte mein Blick immer wieder zu einer Schönheit von anderer, vergänglicherer Natur zurück, die etwas abseits bei einem Trümmerhaufen stand.

Die junge Frau war mir gleich bei meiner Ankunft aufgefallen. Ich war mir nicht sicher, ob es dieselbe Person war, die ich tags zuvor am Strand beobachtet hatte. Plötzlich wandte sie den Kopf in meine Richtung. Hatte sie meine Aufdringlichkeit bemerkt? Ich versuchte ihrem Blick standzuhalten, während sie langsam auf mich zukam.

«Das gibts doch nicht!», rief sie aus, während sie einen Schritt vor mir stehen blieb.

«Anita?»

Sie schüttelte den Kopf, als versuchte sie ein Trugbild loszuwerden. «Dass wir uns hier begegnen?»

Ich glaubte, mich zu erinnern, von ihr geträumt zu haben. «Ich hätte dich kaum wiedererkannt …»

«Es sind seither ja auch mehr als zehn Jahre vergangen.»

«Du hast dir die Haare geschnitten …»

«Schon lange», winkte sie ab und trat auf mich zu.

Die Umarmung fühlte sich vertraut und fremd zugleich an.

«Du kamst mir irgendwie bekannt vor», sagte ich, nachdem ich einen Schritt zurückgetreten war, und es klang wie eine Rechtfertigung.

«Du mir auch.» Sie warf ihr asymmetrisch geschnittenes Haar aus der Stirn. «Aber erzähl, was machst du hier?»

«Was ich hier mache?» Ich sah mich um. «Ferien. Ich mache Ferien, Bildungsreisen und so.»

Sie nickte.

«Und du?»

«Was wohl? Dasselbe wie du. Ich wollte schon lange nach Sizilien.»

Sie verstummte, und ich überlegte, wie ich das Gespräch wieder in Gang bringen konnte.

«Bist du allein hier?», kam sie mir zuvor.

Ich nickte.

Sie warf einen Blick in die Runde. «Wollen wir uns den Park gemeinsam anschauen?»

«Gemeinsam?» Ich sah auf die Anzeige meines Mobiltelefons. Mein Informant hatte schon mehr als zwanzig Minuten Verspätung. «Ja, doch, zusammen machts bestimmt mehr Spaß.»

«Das klingt ja richtig begeistert.»

«Nicht doch. Ich bin einfach ein wenig – konfus»

Sie musterte mich lächelnd. «Komm, gehen wir. Warst du schon im Tempelinnern?»

Ich verneinte, und also stiegen wir die Stufen zum Podium hoch, besichtigten die Überreste der Cella und stolperten in den Trümmern der beiden Tempel F und G herum, bevor wir den Weg zur Akropolis unter die Füße nahmen. Sie lag weiter westlich auf einem Hügel, der zum Meer hin senkrecht abfiel.

Wir setzten uns in den Schatten einer Pinie, tranken aus Anitas Wasserflasche und gaben uns der überwältigenden Aussicht hin.

«Wohnst du auch in Marinella?»

Ich nickte.

«In welchem Hotel?»

Ich verriet ihr den Namen.

«Nicht übel.»

«Ja.» Ich hatte einen schlechten Geschmack im Mund. «Ich dachte, wenn ich schon mal Ferien mache …»

Anita schlüpfte aus den Sandalen und begutachtete ihre Nägel in der Farbe geronnenen Blutes.

Mein Blick schweifte wieder aufs Meer hinaus. «Irgendwo da drüben liegt der unbekannte schwarze Kontinent …»

«Sag mal, hast du dich etwa nicht eingecremt?»

«Eincremen? Wozu?»

«Damit du dich nicht verbrennst zum Beispiel.»

«Ich glaube nicht, dass das nötig ist …»

«Das denkst du jetzt, aber heut Abend wird es dir leidtun …»

Sie griff in ihren kleinen Rucksack und zog eine Tube hervor. «Hier. Mit extra hohem Schutzfaktor für Nordmänner.»

Ich öffnete sie und roch daran.

«Was ist?»

«Ich lieg ja nicht den ganzen Tag in der Sonne.»

«Wie du willst.»

Wir sahen uns die Ruinen der Akropolis an. Beim Anblick der Trümmerhaufen musste ich an meine zweijährige Tochter denken, daran, wie sie die von mir aufgebauten Bauklötze jeweils umgehend wieder zum Einstürzen brachte.

«Gehst du heute noch an den Strand?», fragte Anita, als sich in Marinella unsere Wege trennten.

Ich zuckte mit den Achseln. «Ich werd mich ein wenig hinlegen, glaube ich – hab kaum geschlafen letzte Nacht.»

Sie sah mich mit gespieltem Mitleid an.

«Aber wir können zusammen zu Abend essen», schlug ich vor.

«Gute Idee. Willst du mich gegen sieben abholen?»

Ich nickte, verabschiedete mich und ging zu meinem Hotel, ohne mich noch einmal nach ihr umzusehen.

Die Sonne explodierte am Himmel, transformierte die Vorhänge in holografische Bilder, das Zimmer in eine tausendfach glitzernde Lichtzelle. Ich lag im Bett und wartete, dass die Tabletten zu wirken begannen.

Meine Gedanken kreisten um Anita. Wie viel Zeit vergangen war, seit wir uns kennengelernt hatten. Ich war damals mit einer Geschichte beschäftigt, in die am Rand auch sie verwickelt war. Sie hatte sich in der Folge mit mir angefreundet, sich meine Nachforschungen einverleibt und schließlich für eine aufsehenerregende Reportage verwendet, ohne dass ich dagegen etwas hätte unternehmen können.

Ich drehte mich vorsichtig auf die Seite und winkelte die Beine an. Wann ich wohl das letzte Mal an sie gedacht hatte? Bruchstücke ihrer Biografie stiegen auf – Tochter einer Filipina, aufgewachsen bei Adoptiveltern, einige Semester Publizistik und Germanistik, diverse Reportagen für die Wochenendbeilage einer großen Tageszeitung.

Dass sie zum Vergnügen hier war, glaubte ich nicht. Bestimmt war sie hinter der Sache mit Thelmann her. Ich musste unbedingt herausfinden, was sie darüber wusste.

Ich drehte mich wieder auf den Rücken. Wenn ich die Augen schloss, sah ich Anita. Die neue Frisur stand ihr nicht einmal schlecht. Überhaupt hatte sie sich gut gehalten – wenn ich daran dachte, was die Zeit bei mir an Spuren hinterlassen hatte.

Ich ging zum Vorhang und schloss eine Lücke. Dann legte ich mich wieder hin. Wegen Anita hatte ich meinen Informanten verpasst. Wahrscheinlich hatte er sich verspätet und mich am vereinbarten Treffpunkt nicht vorgefunden. Oder er hatte mich zusammen mit Anita gesehen und war deshalb im Hintergrund geblieben.

Kurz nach sechs erwachte ich. Die Kopfschmerzen waren weg. Dafür brannte mein Gesicht, als wäre es noch immer der Sonne ausgesetzt. Ich stand auf, ging ins Badezimmer und wechselte einen Blick mit meinem Spiegelbild – einem cholerischen Gymnasiallehrer, der kurz davorstand, die Beherrschung zu verlieren.

Pünktlich um sieben fand ich mich vor Anitas Hotel ein. Sie ließ mich eine ganze Weile warten und erschien endlich in einem Sommerkleid, das sich über ihren Knien im Rhythmus ihrer Schritte hob und senkte. Ich registrierte die Blicke der anwesenden Passanten, während sie sich mit maliziösem Lächeln näherte.

«Ein bisschen Schadenfreude kannst du mir nicht verübeln.» Sie hauchte mir drei Küsschen auf die Backen. «Du glühst ja regelrecht!»

«Du siehst aber auch nicht schlecht aus.»

Sie überhörte das Kompliment. «Gehen wir zur Strandpromenade?»

«Ich hab gelesen, dass man hier auch ganz gut isst …»

«Hier? Im Hotel?»

«Im Innenhof – eine Empfehlung meines Reiseführers.»

Sie lachte. «Deines Reiseführers? Den musst du mir mal vorstellen. Aber wenn du darauf bestehst …»

Ich bestand darauf.

«Nehmen wir etwas Wein?», fragte Anita, nachdem wir uns die Speisekarte angesehen hatten.

«Ein Schluck zum Essen, warum nicht», antwortete ich, wohl wissend, dass es dabei nicht bleiben würde.

Anita ertappte mich, wie ich meine Stirn befühlte.

«Es hat dich wirklich bös erwischt», stellte sie fest. «Im Zimmer hab ich eine kühlende Salbe – soll ich sie holen?»

Ich zögerte den Bruchteil einer Sekunde. «Morgen ist es wieder vorbei.»

«Wirklich, kein Problem.» Sie nahm den Zimmerschlüssel aus der Handtasche. «Den muss ich sowieso noch abgeben.»

«Danke, lass gut sein …»

Nachdem wir angestoßen hatten, erkundigte sich Anita, was ich in den vergangenen Jahren denn so getrieben hatte.

Ich nahm einen kräftigen Schluck und kalauerte, dass nach meinem letzten Roman «Alles still» um mich geworden sei. «Ich hab zwar zwei, drei größere Arbeiten fertiggestellt, aber mein Verleger hielt sie allesamt für unverkäuflich.»

Ich merkte, dass in diesen Worten eine Verheißung lag, etwas wie Trost und Hoffnung; aber vielleicht war es auch nur die Wirkung des Weins auf nüchternen Magen, von dem ich mir in dem Moment ein zweites Glas nachschenkte.

Um zu verhindern, dass ich mir Anitas Abriss der letzten Jahre anhören musste, in dem sich Erfolgsmeldungen mit den Taten verantwortungsvoller Erwachsener abwechselten, lenkte ich das Gespräch auf unser gemeinsam erlebtes Abenteuer, darauf, wie wir im Drogen-und Rotlichtmilieu ermittelt und uns in große Gefahr gebracht und dabei die Machenschaften einiger einflussreicher Persönlichkeiten aufgedeckt hatten. Anita zeigte sich dieser heroisierenden Darstellung nicht abgeneigt und begann ihrerseits in Erinnerungen zu schwelgen, ohne freilich unsere amourösen Verwicklungen zu erwähnen.

Je länger der Abend dauerte und je mehr Wein ich trank, desto entschlossener sah ich dem entscheidenden Augenblick entgegen. Als sich Anita mit einem Lächeln entschuldigte und das Publikum für Sekunden von ihren braunen Beinen in Anspruch genommen war, langte ich in ihre Handtasche und nahm den Zimmerschlüssel an mich. Ich wartete einige Sekunden und stieg dann in den ersten Stock. Dort vergewisserte ich mich, dass mich niemand bemerkte, schloss die Tür auf und trat ein. Auf der gehäkelten Decke des Tisches lagen ein Laptop, ein Notizheft und ein Stapel Bücher. Bis auf zwei waren es Leihbücher, Werke mit Titeln wie «Das Zeitalter der Hohenstaufen in Sizilien», «Sizilien im Mittelalter. Das Reich der Araber, Normannen und Staufer» oder das abgegriffene «Die Regentschaft Papst Innozenz iii. im Königreich Sizilien», das Anita wohl antiquarisch erworben hatte. Nach Ferienlektüre sah das nicht aus. Ich nahm das Notizheft zur Hand. Es war zu einem Drittel beschrieben mit einer Schrift, die ich unmöglich entziffern konnte. Mein Blick irrte durch den Raum, als ich Schritte auf dem Gang vernahm. Ich hielt den Atem an. Dann hörte ich Lachen – die Schritte entfernten sich wieder.

Ich ging auf den Nachttisch zu, wo ein weiteres Buch lag: «Stupor mundi: Friedrich der Zweite und das arabische Zeitalter», verfasst von – mein Atem stockte – Ralph Thelmann. Als ich das Buch zur Hand nahm, fiel ein Blatt Papier zu Boden. Ich bückte mich und las es auf. Es handelte sich um jenes Interview mit Ralph Thelmann, das ich zum ersten Mal im «Adler» gesehen hatte. Verflucht, ich lag mit meinem Verdacht genau richtig!

Ich ließ das Blatt sinken. Vom Gang her waren entschlossene Schritte zu hören. Ich überlegte noch, die Tür zu verschließen oder unters Bett zu kriechen – aber es war bereits zu spät. Anita erwischte mich mitten auf meiner Flucht ins Badezimmer.

«Was tust du hier?!»

Ich räusperte mich umständlich. «Weißt du …»

Sie stemmte die Arme in die Hüften. «Du nimmst meinen Schlüssel und spionierst in meinem Zimmer?!»

«Nun ja … Dafür gibt es eine plausible Erklärung …»

«Da bin ich aber gespannt.»

«Es ist …», begann ich, während ich fieberhaft nach einer Ausflucht suchte, «das ist mir nun wirklich sehr peinlich …»

Ihre Haltung, zwar immer noch drohend genug, entspannte sich ein wenig.

«Es geht … um den Sonnenbrand», fiel mir der rettende Gedanke zu. «Dass ich mich schämte, dieses parfümierte Zeug … auf deine Hilfe angewiesen zu sein …»

Ich sah ihr abwartend entgegen.

«Du warst … zu stolz?», sie sah mich ungläubig an.

«So ungefähr, ja.»

Sie begann zu lachen. «So was Verrücktes!»

«Also, ich verzieh mich dann mal …» Ich wollte an ihr vorbei zur Tür zu gehen.

«Moment!», sie lief ins Badezimmer und kam mit einer Tube zurück. «Da, ich schenk sie dir.»

Ich hatte keine Wahl, ich musste mir das Gesicht und – weil Anita darauf bestand – den Nacken einfetten, bis ich roch wie ein Modepüppchen. Dann gingen wir, Anita einen halben Schritt hinter mir, zurück an unseren Tisch im Innenhof.

Als ich am nächsten Tag den Speisesaal betrat, waren die Frühstückszeiten längst vorbei. Ich setzte mich an einen Fensterplatz und blinzelte auf die glitzernde Fläche des Meers hinaus. Ein Kellner servierte mir den Kaffee und zog sich wieder zur Theke zurück, wo er an einen Pfosten gelehnt in sarazenischen Gleichmut verfiel.

Anita und ich hatten nach dem peinlichen Zwischenfall noch einen Streifzug durch die Strandbars unternommen und dabei zu unserer alten Vertrautheit zurückgefunden. Ich hatte erfahren, dass sie noch immer für dasselbe Zeitungsmagazin arbeitete, Mutter einer dreijährigen Tochter und mit einem Greenpeace-Biologen verheiratet war. Das Wissen um ihren tatsächlichen Aufenthaltsgrund hatte mir keine Ruhe gelassen; aber solange sie glaubte, ich sei zur Erholung hier, hatte ich zumindest einen kleinen Vorteil. Nachdem sie gegen drei Uhr schlafen gegangen war, hatte ich noch eine geraume Weile am Strand gestanden und unter der sternfunkelnden Unendlichkeit in meine betäubte Seele hineingehorcht.

Für den späteren Nachmittag war ich mit ihr am Strand verabredet. Die bis dahin verbleibende Zeit wollte ich nutzen, um ihren Wissensvorsprung über das mittelalterliche Sizilien wenigstens in Grundzügen wettzumachen. Ich bestellte einen weiteren Kaffee, setzte mich auf die beschattete Terrasse und begann im Geschichtsteil meines Reiseführers zu blättern. Als die Normannen im elften Jahrhundert Sizilien eroberten, blickte die Insel auf beinahe zweihundert Jahre arabischer Herrschaft zurück. In dieser Zeit war Palermo zu einer bedeutenden Stadt aufgestiegen – ein Begegnungsort von Gelehrten aus Ost und West, Zentrum des kulturellen und geistigen Lebens. Die neuen Herrscher waren klug genug, die Errungenschaften ihrer Vorgänger wie die bestehende Verwaltung beizubehalten. Griechisch, Arabisch und Lateinisch waren Amtssprachen. Bemerkenswert im Zusammenhang mit Thelmanns Ankündigung erschienen mir die «Assisen von Ariano», die Gesetzgebung Rogers des Zweiten, in der nach arabischem Vorbild die Gleichbehandlung von Untertanen verschiedenen Glaubens festgeschrieben war. In diesem Licht, so Thelmann in seinem Interview, sei auch die «streng geheime Zusammenkunft aus hochrangigen Vertretern der drei monotheistischen Religionen» zu betrachten. Der Normannenkönig hatte sich davon entscheidende Impulse versprochen, wie sein Reich, in dem griechische und lateinische Christen, Muslime und Juden lebten und das von Apulien über Sizilien bis nach Nordafrika reichte, in Fragen der Religion zu gestalten sei.

Ich legte den Reiseführer beiseite und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Das viele Lesen hatte mich schläfrig gemacht. Ich beschloss, auf mein Zimmer zu gehen und mich eine Weile hinzulegen.

Anita lag unter einem Sonnenschirm im Halbschatten, stützte sich auf die Ellbogen und las in einem kleinen Buch, das sich beim Näherkommen als Reclamheft herausstellte. Der Sand glühte in der nachmittäglichen Sonne.

Ohne aufzublicken wies sie mir den Schattenplatz neben ihrem Badetuch an. Ich ignorierte den Geruch von Sonnenmilch und erhitzter Haut, breitete mein Badetuch aus und schälte mich aus meinen Kleidern. Als ich bei den Badehosen angelangt war, forderte ich Anita zu einem Sprint ins Wasser auf, aber sie lehnte ab.

«Siehst aus wie eine Leiche», schimpfte sie, als ich etwas später neben ihr Platz nahm.

Ich steckte mir eine Zigarette an. «Was liest du eigentlich?»

«Lessing, Nathan der Weise …», sagte sie mit ihrer immer ein wenig heiseren Stimme.

Ich zeigte ihr meinen Goethe.

«Dieser snobistische Höfling!», zischte sie. «Zu seiner Zeit stöhnte Sizilien unter der Bourbonenherrschaft. Aber für solche sozialen Niederungen interessiert sich der Schöngeist natürlich nicht – mal abgesehen von seiner Anteilnahme am Schicksal einer betrogenen Familie, der er zu helfen vortäuscht, um ein bisschen Milieustudie betreiben zu können.»

«Immerhin hat er den Tourismus gefördert.»

«Du siehst ja, wozu das geführt hat», verwies sie auf das nah gelegene Strandhotel, wo ein Animator eine Gruppe Frauen anstiftete, sich im Rhythmus fröhlicher Popmusik zu verausgaben.

Ich überlegte, ob ich sie mit irgendetwas verärgert hatte. Vielleicht hatte sie mich inzwischen durchschaut und ahnte, dass ich – genau wie sie – wegen Thelmann auf Sizilien war.

Sie begann wieder zu lesen, was ich ebenfalls versuchte. Aber schon nach wenigen Seiten taten mir alle Glieder weh. Ich bewunderte Anita, die in ihre Lektüre versunken war, mal sitzend, mal liegend, immer in den anmutigensten Posen, und dabei vollkommen entspannt wirkte.

Als ich von einem Spaziergang entlang des Uferstreifens zurückkam, war sie in ein Telefongespräch vertieft. Anscheinend sprach sie mit ihrer Tochter; sie erkundigte sich, ob sie auch Gemüse esse und gut schlafe, und war über jeden Ausspruch der Kleinen entzückt. Dann wechselte sie den Tonfall, und ich folgerte, dass sie nun mit ihrem Biologen sprach. Ich wartete, bis sie das Gespräch beendet hatte, und nahm wieder auf meinem Badetuch Platz.

«Ich vermisse sie schon ein wenig», sagte sie auf einmal ganz verändert. «‹Mama, musst du noch lange weit weg sein?›»

Ich räusperte mich und fragte nach ihrem Namen.

«Elena. Sie geht nun seit einiger Zeit auf die Toilette und ist mächtig stolz darauf.»

Ich musste an meine eigene Tochter denken, daran, dass ich keine Ahnung hatte, ob sie Gemüse aß, immer noch in die Windeln machte und ob sie mich allenfalls vermisste.

Anita hielt mir eine Fotografie hin, die sie als Lesezeichen verwendete. Ich studierte den koboldgesichtigen Blondschopf und murmelte etwas, was als Ausdruck begeisterter Anteilnahme aufgefasst werden konnte.

«Wie siehts eigentlich bei dir aus? Möchtest du auch mal Kinder haben?»

«Ich bin bereits Vater», sagte ich, ohne lange zu überlegen.

Anita sah mich verwundert an. «Und das sagst du erst jetzt? Erzähl, wie alt ist es, Mädchen oder Bube?»

Ich begriff, dass ich durch meine Vaterschaft in ihrer Achtung stieg.

«Ein Mädchen, ungefähr drei Jahre.»

«Was heißt hier ungefähr?»

«Sie wird im September drei.»

«Und wie heißt sie?»

Das Mädchen – ich hatte bei der Namensgebung mein Mitspracherecht bereits verwirkt – hieß Jessica-Anastasia.

«Ihr Name ist Hanna.»

«Hanna?! So wollte ich meine Tochter auch nennen – aber Roland meinte, das erinnere ihn an ‹Homo Faber›.»

«Meine Freundin ist zum Glück nicht so belesen …»

«Was macht sie denn? Ich erzähl dir meine ganze Lebensgeschichte, und du verschweigst mir, dass du eine Familie hast!»

Ich genoss es, mit einem Mal als verantwortungsvoller Familienvater dazustehen und verdrängte den fahlen Beigeschmack der Lüge.

«Sie ist in der Modebranche tätig», umschrieb ich den Umstand, dass sie zwei Tage die Woche in einem Kleidergeschäft arbeitete.

«Sie ist sicher sehr schön.»

Vermutlich war sie das. Ich nickte und versuchte, das Gespräch auf andere Dinge zu lenken.

Als die Sonne sich anschickte, irgendwo in der Straße von Gibraltar unterzugehen, fragte ich, ob wir später zusammen essen gehen wollten.

«Weißt du», Anita wich meinem Blick aus. «Bin dummerweise schon verabredet. Ich treffe mich mit einer Freundin, sie macht in der Nähe Ferien … Aber vielleicht morgen wieder.»

«Ja, klar doch.» Ich hatte auf einmal einen trockenen Mund. «Vielleicht morgen wieder.»

Im Hotel erkundigte ich mich, ob eine Nachricht hinterlegt worden war. Dann kaufte ich an einem Marktstand einen Strohhut und eine dunkle Sonnenbrille und setzte mich in eine Gartenwirtschaft, von der ich Anitas Hotel bequem überblicken konnte.

Kurz vor neun erschien sie auf der Straße, sah sich um und brach in Richtung Strandpromenade auf. Ich folgte ihr unauffällig. Nachdem sie mehrmals die Straßenseite gewechselt hatte, machte sie einen Schwenker und verschwand in einer Seitengasse. Einen Moment lang fürchtete ich, sie verloren zu haben, aber da erblickte ich sie inmitten einer Gruppe deutscher Touristen. Plötzlich wandte sie den Kopf in meine Richtung. Ich trat blitzschnell in einen Hauseingang zurück, wo ich mich einige Sekunden nicht zu rühren wagte. Dann spähte ich vorsichtig hinter der Mauer hervor und stellte fest, dass sie mich nicht bemerkt hatte. Nach einer Weile ging sie weiter und setzte sich in eine Strandbar. Ich bezog hinter einer schiefen Palme Stellung und wartete.

Nach einigen Minuten tauchte aus der entgegengesetzten Richtung ein Mann auf. Ich traute meinen Augen nicht: Es war Ernst Notter, derselbe Mann, der mich vor zwei Tagen in Palermo abgeholt hatte! Er sah sich um und setzte sich zu Anita. Ich war so nah an ihrem Tisch, dass ich jedes Wort verstehen konnte.

«Und, wie gefällt es Ihnen?», fragte Notter und provozierte mit seinem Gefuchtel den Kellner.

«Ist ganz in Ordnung», sagte Anita trocken.

Sie machten ihre Bestellungen.

Notter fragte: «Haben Sie es ihm ausgerichtet?»

«Soll ich ihn rufen?»

«Rufen?»

«Ja, rufen.»

«Sie meinen anrufen?»

«Nein, ich meine das hier.» Sie drehte sich um und sagte: «Willst du dich vielleicht zu uns setzen?»

Sie sah genau in meine Richtung. Ich warf einen Blick über die Schulter, aber da war niemand.

«Kannst ruhig aus deinem Versteck hervorkommen.» Es klang, als rede sie mit einem ungezogenen Kind.

Ich spielte mit dem Gedanken, mich rückwärts aus dem Staub zu machen; setzte mich dann aber zu ihnen an den Tisch. Notter schien nicht recht zu begreifen, was für ein Spiel wir trieben, und Anita beließ ihn im Glauben, es handle sich um einen Scherz unter alten Freunden.

Ich bestellte ein Bier und versuchte vergeblich, mit Anita Blickkontakt aufzunehmen.

Notter legte sein Smartphone auf den Tisch und sagte an mich gewandt: «Ich nehme an, Frau Felder hat Sie informiert. Wegen gestern.» Weil ich nicht reagierte, sah er von mir zu Anita. «Jedenfalls haben wir heute morgen miteinander telefoniert. Der Informant, den Sie beim archäologischen Park hätten treffen sollen, war leider verhindert. Deshalb habe ich diesen Treffpunkt vereinbart.»

«Wusste ich doch, dass du nicht zum Vergnügen hier bist», raunte ich.

Anita tat, als ob sie mich nicht hörte.

«Es ist der Wunsch Ihres Auftraggebers, dass Sie über Thelmanns Arbeit umfänglich berichten. Mit ihren je eigenen Möglichkeiten als Journalistin beziehungsweise als Verfasser eines Kriminalromans.»

«Kriminalroman», murmelte ich. «Wie stellen Sie sich das vor?»

«Er lässt Ihnen freie Hand. Legen Sie ein besonderes Augenmerk auf die Entführung, ihren Ausgang, die Hintergründe. Ihnen wird schon was einfallen.»

Anita, deren Auftrag vergleichsweise konkret formuliert war, konnte ihren Ärger nur mit Mühe unterdrücken. «Warum erfahre ich erst jetzt, dass ich nicht allein auf die Geschichte angesetzt werde?»

«Sie können sich in Ihren Recherchen doch ein wenig unterstützen. Das hat sich ja, wie ich mir sagen ließ, schon einmal bewährt.»

«Das erklärt noch lange nicht dieses alberne Versteckspiel.»

«Es sollte eine Überraschung sein.»

«Überraschung?»

Notter winkte ab. «Vielleicht kann ich zu einem späteren Zeitpunkt mehr darüber verraten. In dieser Sache ist höchste Diskretion gefordert. Außerdem führe ich zurzeit schwierige Verhandlungen mit Thelmanns Entführern.»

«Haben die sich nun doch gemeldet?», fragte ich.

Notter nickte. «Aber ich kann Ihnen dazu im Moment nichts sagen, ohne die Verhandlungen zu gefährden.» Er warf einen Blick auf sein Smartphone. «Ich werde Sie morgen Nachmittag zur Ausgrabungsstätte fahren, wo Thelmann entführt wurde. Ich denke, das könnte Sie interessieren.»

Er gab Ort und Zeitpunkt bekannt, und ehe wir noch eine weitere Frage stellen konnten, legte er etwas Geld auf den Tisch, entschuldigte sich und verschwand aus unserem Gesichtsfeld. Zurück blieb der Geruch nach Altherrenschweiß und seinem vermutlich unsinnig teuren Aftershave.

Nach einer Weile unbehaglichen Schweigens wandte ich mich an Anita: «Dann wusstest du also schon seit heute morgen Bescheid?»

Sie sah mich an, als hätte sie vergessen, dass ich mit ihr am gleichen Tisch saß.

«Warum hast du mir nichts gesagt?»

Sie zog die Brauen hoch. «Das Gleiche könnte ich dich fragen.»

«Stimmt. Aber warum verschweigst du, dass uns Notter hier treffen will? Du solltest es mir doch ausrichten.»

«Du bist in mein Hotelzimmer eingedrungen, hast in meinen Sachen spioniert!»

Darauf wusste ich nichts zu erwidern.

Sie beugte sich ein wenig vor. «Du wolltest mich beschatten? Hast du gesehen, wie viele Männer hier Strohhüte tragen?»

Ich sah mich unter den Flanierenden um.

«Siehst du?», sagte sie und wandte sich wieder ab.

Durch eine üppig blühende Parkanlage gelangten wir in das umzäunte Gelände, auf dem sich die kleine Normannenkirche aus dem zwölften Jahrhundert befand. Bereits vom Parkplatz aus hatte ich einen Blick auf den fein ausgestalteten Kubus geworfen, wie er sich da inmitten von Kiefern und Dattelpalmen präsentierte – ein Gebäude wie eine Offenbarung aus Tausendundeiner Nacht mit seinen harmonisch geschwungenen Apsiden, seiner rötlichen Zentralkuppel und dem arabisch anmutenden Maßwerk in den Fensteröffnungen.

Im Innern der Kirche deutete nichts darauf hin, dass darin vor noch nicht allzu langer Zeit Sondierungen vorgenommen worden waren. Ich tat ein paar Schritte auf den glatten Steinfliesen und hob den Blick zur zentralen Kuppel, die auf vier korinthischen Säulen ruhte.

«Vielleicht sind sie unten in der Krypta», sagte Notter, der in der Tür stehen geblieben war.

Wieder im Freien, gingen wir um die Apsiden herum zur Außentreppe, die in einen gemauerten Schacht eingelassen war. Sie war aus demselben rötlich gelben Kalksandstein gefertigt, der dem Gebäude seine charakteristische Farbe verlieh. Wir traten in die von einem Kreuzgewölbe überspannte Gruft, in deren Nischen Grabplatten eingelassen waren. Auch hier war niemand.

Notter trat zurück in den Treppenaufgang, führte ein Gespräch auf seinem Smartphone und ging plötzlich mit hastigen Schritten zur Rückseite der Kirche. Zu unserer Überraschung entdeckten wir dort ein Grabungsfeld, das wir zuvor übersehen hatten.

Der Mann, der uns entgegenkam, stellte sich als der verantwortliche Grabungsleiter vor. Er bat uns unter das Sonnendach, wo auf einer Fläche von vier auf acht Metern systematisch Schicht um Schicht abgetragen worden war. Er wies auf die Fundamente einer Mauer. Notter übersetzte, dass sie vermutlich zu einem basilischen Kloster gehört hätten. Thelmann selbst habe nicht ausgeschlossen, dass an der Stelle der heutigen Kirche bereits eine Moschee gestanden habe, die wiederum auf den Fundamenten einer frühchristlichen Basilika errichtet worden sei.

Neben den Mauerresten waren sie auf Keramikscherben, einige Münzen und zwei Gräber gestoßen. Der Grabungstechniker zog einen Schädel aus einer Klarsichttüte. Er sei kein Anthropologe, sagte er und fuhr zärtlich über die Schädeldecke, der Form nach aber könnte es ein Grieche gewesen sein. Ich betrachtete die gebleckten Zähne und stellte mir vor, wie sie einst von der Zunge des Besitzers unendlich oft berührt worden waren.

Auf Thelmanns Verschwinden angesprochen begann er zu schildern, was an jenem Nachmittag vorgefallen war. Die Entführer seien bewaffnet gewesen und äußerst entschlossen vorgegangen. Trotzdem hätte er sich gewundert, wie bereitwillig Thelmann ihrer Aufforderung nachgekommen sei.

Anita erkundigte sich, inwiefern diese Ausgrabung mit Thelmanns Forschung zusammenhänge.

«Thelmann hat die Grabungen punktuell als wissenschaftlicher Berater begleitet», erklärte Notter.

Auf der Rückfahrt durch die bukolische Landschaft, die von Notters klimatisierter Limousine aus wie eine überbelichtete Vergangenheit erschien, erkundigte ich mich nach dem Stand der Verhandlungen.

«Sie werden darüber mehr erfahren, sobald ich Thelmann wieder freibekommen habe», sagte Notter.

«Haben Sie denn eine Vermutung, wer hinter der Entführung stecken könnte? Geht es um Geld, oder steht die Tat im Zusammenhang mit Thelmanns Arbeit?»

«Auch hier: Ich kann dazu im Moment nichts sagen.»

«Haben Sie denn gar keine Spur?» fragte Anita.

Notter dachte einen Moment nach. «Thelmann erwähnte, dass er nach dem Erscheinen des Interviews anonyme Anrufe erhalten hat.»

«Was war denn der Inhalt dieser Anrufe?», hakte sie nach.

Notter warf einen Blick in den Rückspiegel. «Nichts. Es wurde kein Wort gesprochen. Nur immer irgendso eine arabische Melodie im Hintergrund …»

Am nächsten Tag stand ich rechtzeitig auf, um das Frühstück nicht zu verpassen. Draußen ging das Meer unvermindert gegen den Strand an, die Sonne schien, und es war bereits wieder brütend heiß.

Ich hatte mich kaum angezogen, als es an der Tür klopfte.

«Du musst dich beeilen», sagte Anita. «In einer halben Stunde solltest du ausgecheckt haben.»

Ihr nasses Haar war nach hinten gekämmt in der Art, wie es das Hollywood der frühen Neunzigerjahre für seine starken Frauencharaktere vorgesehen hatte. Ich bat sie herein und ging ins Badezimmer, um mir den Schlaf aus den Augen zu waschen.

«Ich versteh dich nicht – warte einen Moment», rief ich, als ich damit fertig war.

«Also, noch einmal alles der Reihe nach.»

Sie drehte sich zu mir um. «Notter hat mich heute Morgen angerufen. Am Mittag soll in Palermo die Übergabe stattfinden – sie lassen Thelmann gegen Lösegeld frei.»

«Tatsächlich?»

«Er möchte, dass wir ihn begleiten. In einer halben Stunde kommt er uns abholen.»

Sie trug Jeans, Ballerinas und eine fliederfarbene Bluse, und sie sah so entschlossen wie hinreißend aus.

«Warum ruft er eigentlich immer dich an?»

«Keine Ahnung. Am besten fragst du ihn gleich selbst.»

Während das Mittelmeer aus unserem Blickfeld verschwand, dachte ich mit Bedauern, dass ich Anita nun nicht mehr am Strand treffen konnte, und somit die Attraktion meiner verstohlenen Blicke ein Gegenstand der Erinnerung bleiben würde. Die Autobahn entrollte das Inselinnere mit seinen Olivenhainen und einsamen Gehöften, den sonnenverbrannten Weiden und den Agaven, die ihre bizarren Arme beschwörend nach allen Seiten ausstreckten.

Gegen Mittag rückte Palermo näher, und ehe wir uns versahen, steckten wir im wilden Verkehr der Stadt. Notter, der sich offenbar so gut auskannte, dass er sich in dieses Durcheinander aus Vespas, Personenwagen, Bussen, Lastkarren, Pferdekutschen und Fußgängern hineinwagte, fluchte und hupte abwechselnd, während ihm der Schweiß wie flüssiger Wachs über die Stirn lief.

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9783038550006
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