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Axel Rudolph
Der Stern von Südafrika
Ein heiterer Roman
Saga
Der Stern von Südafrika
German
© 1937 Axel Rudolph
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711445136
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Personenverzeichnis:
Hans Balck, Angestellter der Skuller Mine Co. in Kimberley — könnte Hans Albers sein.
Piet Keulen, sein Freund und Kollege — könnte Heinz Rühmann sein.
Molly Reeve — so was gibt’s nur einmal.
Mr. Skuller, der Herr Generaldirektor der Minencompanie.
Guy Barnes — der die Diamanten lieber andern abjagt als sie selber aus der Erde zu buddeln.
Dazu eine Gesellschaft von Filmleuten, bestehend aus:
Lätitia Brandt, geborene Lena Molkenbrand, prominente Filmdiva.
Ottomar Härzele, Kameramann.
Alfred Schirrmann, Regisseur.
Gert Rönne, Held und Liebhaber.
I
Glühende Sonne, vor Hitze vibrierende Luft, Staub, Sand und Schutt. Vor dem mit Starkstrom geladenen Stacheldrahtzaun reibt sich der Lagerposten den Rücken am rohgezimmerten Pfahl, der das Schild „No admittance“ trägt. Hinter den Stacheln, bis zur offenen Tür des Holzschuppens, der die Control Office enthält, steht eine Schlange von Arbeitern: Weiße, schwarze, braune, gelbe Menschen, alle Schattierungen der Erde, die sich hier im Camp der Skuller Diamond Mines Co. zusammenfinden.
„Tempo! Tempo! Nicht so pomadig, Jungs, wenn ich bitten darf!“
Hans Balck, der lange, blonde Clerk der Kontollstelle, läßt seine Hände blitzschnell über die spärlichen Kleider der Arbeiter gleiten. Erfahren, sachlich durchwühlen diese Hände das Futter der umgewendeten Taschen, tasten die Körperstellen ab, an denen es möglich wäre, etwas zu verbergen.
„Nimm die Arme hoch, mein Junge! Oder haste was unter die Achselhöhlen geklemmt? Na also! Jetzt die Futterluke auf! Mensch, dich haben wohl die Kidnapper Muttern entwendet?“
Wie ein Zahnarzt dreht Hans den Kopf des „Rekruten“ gegen das grelle Licht und schaut ihm forschend in den Hals. „Danke! Nun kannste die Klappe wieder schließen! Der Nächste, bitte!“
Hans Balck macht diese Arbeit jeden Tag kurz vor Feierabend, ein ganzes Jahr schon, seitdem er aus dem Hauptverwaltungsbüro der Skuller Mine Co. hier in das Camp Office versetzt worden ist. Fast mechanisch verrichten seine Hände die Arbeit. Mit einem halben Auge ist Hans dabei drüben bei seinem Freund und Kollegen, dem Clerk Piet Keulen, der am Schreibtisch genießerisch sich in eine Serie von Postkartenphotos vertieft hat.
„Hast du schon die neuen Reklamekarten vom Kohinoor gesehen, Hans?“ Piet hebt sein treuherziges Ohrfeigengesicht und zieht den Mund erheblich in die Breite, während er ein paar der Photos in die Höhe hebt und seinem Freund aus der Ferne zeigt. „Burmann hat weder Mühe noch Kosten gescheut. Ganz große Klasse!“
„Werden wir uns heute abend mal ansehen!“ Hans wirft über die Schulter einen interessierten Blick nach den verlockend lächelnden Frauenköpfen auf den Photos, während seine Hände weiter ihre Arbeit verrichten.
Der Nigger Samuel Augustus ist der Nächste in der Reihe. Er hat schon seit einiger Zeit etwas unruhig die erfahrene, sichere Arbeit der Hände des Clerks beobachtet. Kurz bevor die Reihe an ihn kommt, macht er eine rasche Bewegung. Er hält einen Augenblick die Hand vor den Mund, als wolle er ein Gähnen verdecken, und krault sich dann mit derselben Hand den schwarzen Wuschelkopf.
„Hoppla!“ So stark ist Hans Balck noch nicht von den verführerischen Frauenköpfen gefesselt, daß ihm die kleine Bewegung entgangen wäre. Er schiebt den eben „Abgefertigten“ fort und langt sich den schwarzen Samuel. „Mensch, bist du vornehm! Ein Nigger, der sich beim Gähnen die Hand vorn Mund hält, das ist ja ganz was Neues hier im Camp!“ Hans Balcks Hand fährt rasch in das Kraushaar des langen Samuel, wühlt mit gespreizten Fingern und schließt sie plötzlich jäh zusammen.
„Na, siehste! Das ist ja . . . Donnerwetter!“ Samuel Augustus stößt ein kurzes Gebrüll aus, duckt sich und rennt mit gesenktem Kopf wie ein Sturmbock gegen den Clerk. Ein blitzschnell von unten herauf geführter Fauststoß fängt den Schwarzen ab und läßt sein Kinn hochschnellen. Da sind auch schon die beiden Aufseher, die bisher gelangweilt an den Türpfosten gelehnt haben, über ihn her, packen ihn und zerren seine Arme auf den Rücken.
„Hat der Mensch Worte!“ Hans betrachtet verblüfft den Stein, den er aus dem Haar des Negers gefischt hat. Auch Piet und die Umstehenden drängen sich unter erstaunten Ausrufen näher. Samuel Augustus weiß, daß jetzt jede Sekunde gilt. Grubendiebstahl wird hart bestraft. Mit einem gewaltigen Ruck reißt er sich los und bricht sich durch die Umstehenden Bahn, stürmt hinauf, ist jenseits des kleinen Durchlasses im Drahtverhau, bevor der dösende Außenposten die Situation erfaßt hat.
Wilder Aufruhr in und vor der Kontrollstelle. Die Arbeiter schreien und drängen sich durcheinander, versperren ungewollt den beiden Aufsehern, die dem Flüchtling nachsetzen wollen, den Weg. William, der eine der Aufseher, reißt seine Pistole aus der Hüftentasche.
„Laßt ihn laufen“, schlägt Hans Balck vor und betrachtet noch immer den Stein, den er in der Hand hält. „Seinen Kinnhaken hat er weg und — Donner und Doria, Jungs! Seht euch das hier mal an! Der Stein könnte noch ganz andere Leute in Versuchung führen als so ’nen armen Nigger!“
„Ist das ein Brocken!“
„Ein Riesendiamant!“
„Der größte Stein, den ich gesehen hab’! Und ich bin doch schon acht Jahre Digger!“
Die Aufseher wie die Arbeiter drängen sich aufgeregt um Hans Balck. So groß wie der „Regent“ oder der „Kohinoor“ ist der Stein zwar nicht, aber immerhin ein sensationelles Ereignis. Der größte Diamant, der in den letzten zehn Jahren hier in Kimberley ans Tageslicht gefördert worden ist.
Piet Keulen ist schon ans Telephon gestürzt und hat das Direktionsbüro benachrichtigt. Einer der Aufseher übernimmt die Leibesvisitation der noch wartenden Arbeiter. Sie geht jetzt sehr schnell von statten. Die Arbeiter diskutieren laut und erregt den Fund und die Flucht des langen Samuel, der Aufseher ist auch nur mit halbem Herzen bei der Sache, und Hans Balck kümmert sich überhaupt nicht mehr um die Abfertigung. Er steht hinter dem Schreibpult und betrachtet mit Kennermiene von allen Seiten den gefundenen Stein.
Hupensignale. Vom Verwaltungsgebäude her rast ein Auto heran. Schwerbewaffnete Lagerpolizisten stehen auf dem Trittbrett, springen vor dem Kontrollbüro ab und drängen die gaffenden Arbeiter fort. Aus dem Innern des Wagens steigt breit und gewichtig Mr. Josuah Skuller persönlich, Generaldirektor und Hauptaktionär der Skuller Mine Co.
„Das ist das gute Stück, Mr. Skuller!“
Hans reicht dem Generalgewaltigen den Diamanten hin, und auch Mr. Skullers Augen beginnen sanft zu glänzen, obwohl er sich bemüht, ein gleichgültiges Gesicht zu zeigen.
„In der Tat! Ein Fund!“
„Und was für einer, Mr. Skuller! Der Stein da bringt mindestens seine fünfzehntausend Pfund, wenn er geschliffen ist!“
Mr. Skuller nickt vergnügt. „Es ist jedenfalls ein ungewöhnlich großer Stein. Wir wollen ihn den „Stern von Südafrika“ taufen.“ Mr. Skuller wickelt den Diamanten bedächtig in ein Stück Papier und versenkt ihn in seine Hosentasche. Hans Balck sieht stumm und ein bißchen neidisch zu. Tja, das ist immer so. Die Anderen stecken immer die hübschen, kostbaren Dingerchen ein und tragen sie fort. Hans Balck hat keine Diamanten.
„Meine Anerkennung für Ihre Wachsamkeit, Mr. Balck.“ Der Generaldirektor schüttelt seinem Clerk kräftig die Hand. „Bin überhaupt zufrieden mit Ihnen, in jeder Beziehung. Übrigens: Kommen Sie nach Büroschluß doch mal zu mir rüber in mein Büro.“
Mr. Skuller hat sich zum Gehen gewandt, bleibt an der Tür aber noch einmal stehen und wirft einen nachdenklichen Blick auf die beiden Clerks. „Und Sie, Mr. Keulen, ebenfalls!“
„Sauber, sauber!“ Der kleine Piet Keulen sammelt, als der Chef gegangen ist, mit bedrückter Miene seine Papiere zusammen. „Antreten zum Zigarrenempfang!“
„Hast denn was ausgefressen, Piet?“ Hans Balcks Gedanken sind noch halb bei dem schönen, großen Stein. „Ich hab keine Ahnung, was der Alte von uns will.“
Der kleine Piet seufzt. „Von dir natürlich nur Gutes. Wahrscheinlich will er dir ’ne Belohnung geben für deine Wachsamkeit, oder wenigstens vierzehn Tage Urlaub. Aber ich! Wenn der Alte mich rufen läßt, dann ist bestimmt was faul. Bei meinem Pech!“
„Quatsch, mein Junge!“ Hans langt seinen Rock aus dem Wandschrank und zieht ihn an. „Na, hoffentlich dauert die Geschichte nicht zu lange. Feierabend ist Feierabend, und ich möcht nachher noch einen Sprung hinüber in den ‚Kohinoor‘ machen.“
„Und welches enthält den Diamanten?“
Mr. Skuller blickt, ohne aufzusehen, auf die beiden völlig gleichartigen, versiegelten und verschnürten Päckchen, die vor ihm auf dem Schreibtisch liegen. Die schmale, gepflegte Hand des Sekretärs taucht vor seinem Gesicht auf und weist auf das links liegende Päckchen.
„Dieses hier, Mr. Skuller, enthält den „Stern von Südafrika. Das andere Päckchen, wie üblich, nur einen Kiesel von ähnlicher Größe.“
Mr. Skuller greift nach dem Päckchen mit dem fingierten Inhalt und schiebt es achtlos in die Schublade. Das andere, das den kostbaren Stein birgt, behält er sinnend in der Hand. Der Sekretär räuspert sich diskret.
„Wollen Sie nicht doch lieber drei Ausfertigungen beordern, Mr. Skuller? Wir pflegen doch sonst immer drei Kuriere abzusenden.“
Mr. Skuller schaut auf. „Zwei Mann genügen auch. Dazu natürlich die übliche Überwachung. Ich bin ein bißchen abergläubisch, Seymour, das wissen Sie doch. Der Mann, dem ich den „Stern von Südafrika“ zu übergeben gedenke, bringt ihn entweder sicher nach London oder — zehn Kuriere nützen auch nichts. Ist Mr. Balck da?“
„Wartet im Vorraum, Mr. Skuller. Auch Mr. Keulen.“
„Well. Lassen Sie erst einmal Mr. Balck reinkommen.“
„Ich möchte Ihnen mein ganz besonderes Vertrauen beweisen, Mr. Balck“, sagt der Chef langsam, als Hans vor ihm steht. „In diesem Päckchen liegt der „Stern von Südafrika“. Sie werden ihn wohlbehalten nach Amsterdam bringen. Name und Anschrift der Schleiferei, an die Sie den Stein abliefern sollen, finden Sie in Ihrer schriftlichen Instruktion, die Sie jedoch erst bei der Ankunft in Amsterdam öffnen werden.“
Hans Balck ist kein Neuling im Betrieb. Er weiß sofort, worum es sich handelt. „Schön, Mr. Skuller. Wann soll ich fahren?“
„Am Donnerstag geht der deutsche Dampfer „Köln“ von Port Elizabeth. Den können Sie noch erreichen, wenn Sie morgen mittag von hier aufbrechen.“
„Gemacht, Mr. Skuller.“
Der Generaldirektor betrachtet nachdenklich das forsche, vielleicht ein bißchen leichtsinnige Gesicht des jungen Mannes. „Sie erhalten eine reichliches Spesenpauschale, Mr. Balck und dazu eine Extravergütung von hundert Pfund, die sich auf das Doppelte erhöht, sobald der Stein richtig abgeliefert ist. Außerdem läuft Ihr Gehalt hier natürlich ungekürzt weiter. Ja, und was ich noch sagen wollte: Ihre Heimat ist Berlin, nicht wahr?“
„Berlin an der Spree, Mr. Skuller.“
„Well. Ich gebe Ihnen sechs Wochen besonderen Urlaub, damit Sie nach Ablieferung des Steines eine Erholungsreise in Ihre Heimat machen können.“
„Besten Dank!“
Mr. Skuller reicht das Päckchen über den Tisch. Seine Hand zögert unwillkürlich eine Sekunde dabei. „Ich brauche Ihnen besondere Vorsicht wohl nicht anzuempfehlen, Mr. Balck! Der Fund des „Sterns von Südafrika“ ist durch die Begleitumstände ja leider im Camp bekannt geworden. Es könnte Leute geben, die sich für Diamanten interessieren. Deshalb rate ich Ihnen zu strengster Verschwiegenheit gegen jedermann.“
„Mr. Skuller“, sagt Hans Balck, sich vertraulich über den Schreibtisch lehnend. „Ich bin mit sechzehn Jahren meinem Onkel ausgerissen. Ich hab die Ostküste befahren von Singapur bis hinauf nach Wladiwostok, ich hab am Amazonas Wälder gerodet und bin in USA als Scharfschütze im Cirkus aufgetreten, und hab als Digger zwei Jahre im afrikanischen Busch gelegen. Der Mann, der mir den Diamanten klaut, muß erst noch geboren werden!“
„Ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen kann“, lächelt Mr. Skuller, „wenn Sie zurückkehren, hoffe ich Ihnen einen handgreiflichen Beweis dafür geben und Sie auf einen anderen Posten als bisher berufen zu können. Reisen Sie also getrost.“
„Na, Hans, was wollte der Alte?“
Piet Keulen, der wie ein Häuflein Elend auf der Bank im Vorraum hockt, sieht neugierig auf, als sein Freund aus dem Direktionsbüro tritt. Hans Balck schlägt ihm munter auf die Schulter.
„Hast richtig getippt, mein Junge! Sowohl mit der Belohnung wie mit dem Urlaub! Beides in der Tasche!“
„Bist ein Glückspilz, Hans! Aber ich . . .“
„Warte doch erst mal ab, was er von dir will, alte Trauerunke. Was mich anbelangt, ich hab erst noch ’ne Kleinigkeit zu besorgen, aber dann bin ich im „Kohinoor“ zu finden. Natürlich kommst du hin, so bald du hier fertig bist. Mann, heute abend wird aufgedreht, daß Sam Wymmers ganze Bude wackelt!“
„Mr. Keulen, bitte!“ Das Gesicht des Sekretärs ist in der Tür erschienen. Hans Balck knufft dem gehorsam sich erhebenden Kollegen aufmunternd in den Rücken und eilt mit langen Schritten die Treppe hinunter. Extragage, Beförderung und Gehaltsaufbesserung in Aussicht, raus aus dem staubigen Camp und der Schufterei in der Kontroll-Office, Seereise und — Hurra! — Deutschland in Sicht! Hans Balck trägt den Kopf unverschämt hoch und pfeift laut und frech, unbekümmert um das mißbilligende Gesicht, das der würdige, uniformierte Pförtner unten am Portal des Verwaltungsgebäudes macht.
II
Es gibt entschieden bessere Lokale in Kimberley als Sam Wymmers „Kohinoor-Bar“, aber keines, das die Digger mehr anheimelt, als dieses, ein wenig außerhalb der Stadt zwischen der Barackensiedlung und dem Schürfgebiet der Skuller Mine Co. gelegen, weiß eben den Geschmack seiner Leute zu treffen.
Zunächst einmal ist die „Kohinoor-Bar“ ein „weißes“ Lokal. Nigger und Japs finden dort keinen Einlaß und — wenn sie mit Diamanten um sich schmissen. Alle überbrückenden Gleichheitsbestrebungen der Südafrikanischen Union haben daran nichts ändern können. Sam Wymmers weiß genau, daß der „white man zwar zur Not neben einem Nigger schuftet, aber nicht gern seinen Whisky am gleichen Tische trinkt.
Äußerlich entspricht die „Kohinoor-Bar“ ebenfalls dem Digger-Geschmack. Der Hauptraum ist betont blockhausartig eingerichtet und gäbe mit seinen ungehobelten Tischen, niedrigen Deckbalken und primitivem Musikpodium eine echte „Filmkulisse“ für einen Wildwestfilm ab, wenn man statt der wirklichen Besucher wohlgebaute Komparsen in hohen Schaftstiefeln, verwegenen Halstüchern, bunten Hemden und Cowboyhüten in das Lokal setzte. Denn die tatsächlichen Gäste Sam Wymmers sehen ganz anders aus und passen eigentlich gar nicht zu der primitiven Aufmachung. Es verkehren dort zwar nicht nur die Angestellten der Skuller Minen, die „white collar men“ aus den Büros, sondern noch viel mehr Arbeiter und Digger, aber gerade diese halten streng darauf, nach der Schicht nur in vollem bürgerlichen „dress“ zu erscheinen, und es ist ganz im Sinne der Gäste selbst, daß Petrus, der baumlange, schwarze Portier des „Kohinoor“, den strengen Befehl hat, Herren ohne Kragen und Schlips an der Tür zurückzuweisen.
Übrigens ist natürlich nicht die ganze Kohinoor-Bar auf Wildwest eingerichtet, sondern nur das große vordere Lokal, das den langen Schenktisch enthält, den bevorzugten Aufenthaltsort der Digger. Weiter hinten schließen sich noch ein paar „Claims“ an, mit gedeckten Tischen und dunkelroten Plüschmöbeln, ja sogar ein paar lauschige „chambres séparées“. Diese werden allerdings selten benutzt, denn die glücklichen Diamantengräber, die aus dem Busch heimkehren und blaue Erde mitbringen, pflegen ihre Freudenfeste selten in Sam Wymmers Bar abzuhalten, und die Arbeiter aus den Minen vertrinken ihren Lohn lieber in gemütlicher Gemeinschaft als in vornehmer Zurückgezogenheit.
Sam Wymmers ist Witwer, aber selbstverständlich gibt es auch Frauen in der Kohinoor-Bar. Sogar sehr hübsche. Einige von ihnen bezieht Sam durch die „Southern Coast Concert-Agency“. Sie unterhalten die Gäste allabendlich durch ein paar Liedchen oder einen temperamentvollen Tanz, verdienen ihre Gage aber in der Hauptsache durch das vertraglich festgesetzte „Konsum machen“ nach der Vorstellung. Sam Wymmers ist nobel in Bezug auf die Prozente, die er seinen „girls“ vom Verzehr der Gäste zugesteht. Er ist überhaupt ein tadelloser Wirt und sorgt sogar für reichliche Attraktionen, indem er jeden Monat sein Programm und mit ihm seine „girls“ wechselt.
Augenblicklich ist gerade eine neue „Gruppe“ in die Kohinoor-Bar eingezogen, fünf fesche, verzückt lächelnde Mädel. Drei davon sind allerdings schon ein bißchen angejahrt, und ihr süßes Lächeln vermag nicht ganz die Müdigkeit zu verdecken, die ein erfolgloses, enttäuschtes Leben über ihre Gesichter gegossen hat. Die zwei anderen dagegen sind wirklich jung und nett, besonders Molly, die kleine Braune, die als „seriöse Sängerin“ auf dem kleinen Podium sentimentale Lieder singt. Molly ist nicht gerade eine ausgesprochene Schönheit, aber ihr Gesicht hat etwas Frisches, Unverbrauchtes, das stark absticht gegen das eingefrorene Berufslächeln ihrer Kolleginnen. Außerdem hat sie ein Paar lustig-freche Schelmenaugen, eine tadellose Figur und ein resolutes Mundwerk, mit dem sie bereits am ersten Abend ein paar allzu Zudringliche derart überlegen abgefertigt hat, daß Sam Wymmers sich schmunzelnd hinter der Bar die Hände rieb: Die ist richtig!
Als Hans Balck, frisch rasiert und geschniegelt, gegen neun Uhr die „Kohinoor-Bar“ betritt, richten sich die Augen fast aller Anwesenden auf ihn, und es gibt eine fühlbare Stockung in den Gesprächen, denn selbstverständlich hat man an allen Tischen mehr oder weniger interessiert den heutigen großen Diamantenfund erörtert und die Rolle, die der Clerk Balck dabei gespielt hat. Die plötzlich eingetretene Stille ist so auffallend, daß auch Molly Reeve, die neben einem schwarzbärtigen Digger an der Bar einen Sherry Cobler lutscht, sich unwillkürlich umwendet. Ihre erstaunten Blicke begegnen dem lustigen, siegeszuversichtlichen Hans Balcks, und es dauert eine geraume Weile, bis sie sich wieder davon trennen.
„Halloh, Balck! Heute müssen Sie einen ausgeben!“ Ein Minenaufseher, der zu Sam Wymmers Stammpublikum zählt, haut dem blonden Clerk derb seine Tatze auf die Schulter. „Nach dem Schwein! Kalkuliere, die hohe Direktion hat Ihnen mindestens zwei Prozent vom Reinertrag des Diamanten bewilligt!“
„Dieses nun weniger! Aber Urlaub hat der Alte gegeben. Urlaub bis in die Puppen!“ Hans Balck klatscht in die Hände und läßt seine Blicke vergnügt in der Runde umhergehen. „Morgen gehts raus auf die hohe See! Erholungsreise ins alte Land! Aber heute wird erst noch mal gefeiert, Jungs! Heraus aus deiner Höhle, Sam, alter Buschklepper! Die Gentlemen nehmen einen drink mit mir!“
Während die Digger und Kontoristen unter fröhlichem Halloh zur Bar drängen, krault der „Freier“ der kleinen Molly nachdenklich seinen schwarzen Schnauzbart, so nachdenklich, daß er gar nicht zu bemerken scheint, daß seine Dame plötzlich von seiner Seite weggedrängt und mitten im Trubel der lustigen Corona ist.
Molly Reeve hat gar nichts dagegen, daß man sie einfach einbezogen hat in die lärmende, um Hans Balck gedrängte Gesellschaft, denn der schnauzbärtige Kavalier da drüben war für ihren Geschmack reichlich uninteressant und langweilig. Merkwürdigerweise aber hat auch der Kavalier selbst, den Sam Wymmers einfach mit „Guy“ anredet, nichts dagegen, daß man ihm Molly entführt hat. Er hockt ganz rechts auf dem letzten Barschemel und beobachtet blinzelnd Hans Balck, der fröhlich das Kommando führt.
„Morgen gehts auf Urlaub in das alte Land“, wiederholt er in Gedanken die Worte Hans Balcks. „Erholungsurlaub nach Germany? Das glaub der Teufel. Wetten, daß er der Kurier ist, der den „Stern von Südafrika“ nach London oder Amsterdam bringt?“
Guy Barnes, gemeinhin einfach „Guy“ genannt, ist eine bekannte Figur in den Camps von Kimberley. Ab und zu arbeitet er auch in einem derselben, schlecht und recht wie die übrigen Digger. Aber lange hält er es nie aus. Eines Tages ist er wieder verschwunden und bleibt monatelang fort. Im Busch — sagt er selber, wenn er wieder auftaucht, und Tatsache ist, daß er dann immer gut bei Kasse ist. Es gibt Leute, die der Meinung sind, daß Guy Barnes irgendwo im Inneren einen zwar nicht allzu großartigen aber immerhin ergiebigen Claim hat, den er geheim hält. Es gibt aber auch Leute, die von ganz anderen Dingen tuscheln, denn „Guy“ ist durchaus kein unbeschriebenes Blatt. Man weiß, daß er in Johannisburg ein halbes Jährchen hinter schwedischen Gardinen gesessen hat, weil er irrtümlicherweise annahm, die goldene Uhr eines Brauereibesitzers gehöre ihm. Es gibt da auch einige böse Sachen, Diebstähle und Betrügereien, sogar einen Einbruch, bei denen „Guy“ ein bißchen im Verdacht steht, nicht ganz unbeteiligt gewesen zu sein. Nachweisen hat ihm niemand etwas können, und zum Glück ist „Guy“ schon ein Duzend Jahre in der Union, aber wenn er den Namen nennen wollte, den er früher geführt hat, so würde man bei einer Nachfrage in Scotland Yard ein hübsches, langes Sündenregister erfahren können.
Guy also trinkt bedächtig seinen Whisky und langt so nebenbei nach dem Kursbuch Sam Wymmers’, das zum gefälligen Gebrauch neben dem Telephonbuch auf der Ecke des Schanktisches liegt, blättert scheinbar aus Langeweile darin und stellt befriedigt fest, daß am Donnerstag der Steamer „Köln“ in Port Elizabeth fällig ist. Route: Kapstadt, Teneriffa, Amsterdam, Hamburg.
Hans Balck ist heute wieder mal im Zuge. Er ladet immer wieder zu neuen drinks ein, kommandiert, lacht, wettet und boxt aus reinem Übermut Jim Halvorsen, den Amateur-Meisterschaftsboxer des Distrikts, zum Jubel der Zechgenossen k.o.
Als die Musik den Lärm mit einem flotten Step durchdringt, schnappt Hans Balck ohne weiteres die hübsche Molly Reeve um die Taille und wirbelt mit ihr davon. Mollys glänzende Augen bezeugen deutlich, daß sie Gefallen findet an dem starken Erobererarm und am liebsten den Tanz stundenlang fortgesetzt hätte. Aber das ist nicht nach Hans Balcks Geschmack. Je toller, um so besser. Mitten im Tanz läßt er Molly plötzlich stehen und langt sich eine andere von den „girls“. Die Musiker spielen und spielen und werfen schon mahnende, vorwurfsvolle Blicke auf ihren Dirigenten, aber sobald der zu Ende kommen will, donnert Hans Balks Stimme durch den Saal:
„Weiterspielen! Keine Müdigkeit vorschützen!“ und „Weiterspielen“ verlangen lärmend die von Hans Balcks Übermut angesteckten Digger. Die sonst hier im Lokal gewahrte äußere Form fällt ab, die gute alte Diggermanier bricht durch. Man pfeift, stampft zum Takt der Musik den Fußboden, schwingt verwegen sein Girl, flucht und lacht. Sam Wymmers’ „Kohinoor-Bar“ wird trotz Abendanzug und weißem Kragen einmal wieder zu einer richtigen Goldgräberbar wie in längst entschwundenen Zeiten, als auf den Feldern, die jetzt der Skuller Mine Co. gehören, noch die Digger selbständig mit Hacke und Sieb nach blauer Erde schürften. Hans Balck aber tanzt unentwegt. Er nimmt den Kameraden einfach die Tänzerinnen aus den Armen und schiebt ihnen dafür seine eigene zu, und selbst die „wildesten“ Digger lassen es sich lachend gefallen, denn Hans Balck kann man unmöglich böse sein, wenn er „seinen Tag“ hat. Die Mary, die Kitty, die Mabel, die Sonja— Hans Balck tanzt sie alle tot und lebendig. Er setzt sogar mit einem Hechtsprung über die Bar und holt Mrs. Field, die würdig-behäbige Küchenbeherrscherin, trotz ihres aufgebrachten Protestes in den Trubel.
Er hat eben wieder einmal Molly Reeve erwischt und schwingt sich mit ihr, als sein Blick auf Piet Keulen fällt, der eben eingetreten ist und düster in die lärmende Fröhlichkeit blickt. So bedrückt und niedergeschlagen, fast verzweifelt sieht Piet aus, daß Hans Balck jäh seine Tänzerin losläßt und auf den Freund zugeht.
„Mensch, was machst du denn für’n Gesicht! Ist was passiert?“
Die Musikanten setzen ihre Instrumennte ab, wischen sich den Schweiß von der Stirn und werfen dankbare Blicke auf Piet Keulen, aber er sieht sie nicht. Er schüttelt auf Hans Balcks Frage nur den Kopf und seufzt aus kummervollem Herzen. Hans packt ihn am Arm.
„Schieß los, Piet! Was wollte der Alte von dir? Du bist doch nicht am Ende — entlassen?“
„Schlimmer, Hans! Tausendmal schlimmer!“
„Nanu?“ Hans zieht den Freund mit sich in eine Ecke und drückt ihn auf einen Stuhl. „Erst mal einen Whisky, mein Junge! So! Nicht so zaghaft! Runter mit dem Gift! Und nun erzähl gefälligst!“
Das scharfe Getränk scheint Piets Lebensgeister wirklich ein wenig aufzufrischen. Er faßt die Hand seines Freundes und neigt sich flüsternd über den Tisch.
„Weißt du, wer den „Stern von Südafrika“ übers Meer bringen soll, Hans?“
„Nee.“ Hans Balck blinzelt ein wenig verwundert. „Keine Ahnung.“
„Ich“, sagt Piet Keulen mit Grabesstimme. „Ich bin der Unglückliche.“
„Mach keinen Quatsch, Piet! Du?“
„Leider, leider. Hör zu, Hans, und bemitleide mich. Ich bin der Kurier. Der Alte hat mich nur rufen lassen, um mir das mitzuteilen und mir das versiegelte Päckchen zu übergeben. Ich reise mit der „Köln“ von Port Elizabeth aus.“
Hans Balck pfeift durch die Zähne und betrachtet den Kleinen nachdenklich. „Na und?“ sagt er gedehnt. „Darum brauchst du doch nicht so ne Jammermiene aufzusetzen.“
„Bei meinem Pech, Hans!“ Piet Keulen schluckt schwer. „Mein Todesurteil ist gesprochen. Verlaß dich drauf, ich werde unterwegs ermordet, erschossen, über Bord geworfen, erdolcht. Und wenn ich schon lebend nach Amsterdam kommen sollte, dann bestimmt ohne den Diamanten. Möchte wissen, welcher unselige Dämon dem Alten eingegeben hat, grade mich zum Kurier zu bestimmen!“
Hans Balck betrachtet mitleidig das verstörte Gesicht des Freundes. Ein Feigling ist Piet Keulen keineswegs, er leidet nur an einem unausrottbaren Minderwertigkeitskomplex. Vielleicht weil er so klein und schmächtig ist. Außerdem aber ist er ein kreuzbraver, großartiger Kamerad. Hans Balck und Piet Keulen haben schon manchen Sturm zusammen erlebt und immer kräftig an einem Strang gezogen in den vier Jahren, die sie nun schon Arbeitsgenossen und Freunde sind.
„Du machst dir unnötige Kopfschmerzen, mein guter Junge“, sagt Hans Balck ruhig und gießt vorsorglich dem Freund einen neuen Whisky ein. „Du weißt doch, sie schicken immer mehrere Kuriere ab, wenn ein wertvoller Stein fortgebracht werden soll. Wer sagt dir denn, das gerade du den „Stern von Südafrika“ in deinem Päckchen hast?“
Piet Keulen schüttelt trostlos den Kopf. „Ich bin ein Pechvogel, Hans. Ich sage dir, ich weiß bestimmt, daß ich und kein anderer den Stein hat.“
„Meinetwegen. Aber schließlich sind wir zwei, mein Junge. Wir machen die Reise ja zusammen.“
„Wieso?“ Piet hebt verwundert den Kopf. „Fährst du denn auch ....“
„Am Donnerstag mit der „Köln“, vollendet Hans ruhig. Ich sagte dir ja schon: Ich hab Urlaub bekommen. Wir werden bis Amsterdam gemeinsam reisen. Was soll dir da passieren? Also steck ruhig deine Totengräbermiene ein, und wenn ich dir einen guten Rat geben soll, dann erzähl nicht jedem, daß du der Kurier bist.“
Bei der Aussicht, mit dem Freunde zusammen zu reisen, hebt Piet wirklich etwas getröstet den Kopf. „Ich werde mich selbstverständlich hüten.“
„Na, mir hast du’s doch eben erzählt.“
„Dir, Hans!“ Der Kleine sieht Hans Balck mit einem treuherzig bewundernden Blick an. „Meinem besten Freunde kann ich doch wohl ....“
„So ein Monstrum von Diamant hat schon aus Brüdern Todfeinde gemacht, mein Kerlchen. Also Vorsicht, wenn ich bitten darf. Vor allem laß die Indianer hier nichts merken. Trink, tanz und sei fidel. Ja, ich komme schon, Molly!“ unterbricht sich Hans Balck, denn die Musik hat sich inzwischen erholt und Molly Reeve tänzelt quer durch den Saal auf ihn zu. Eine Minute später walzt er wieder übermütig mit Molly durch das Lokal.
III
Es wird eine lange Nacht in der „Kohinoor-Bar.“ Sam Wymmers schmunzelt zufrieden, legt aber vorsorglich auch seinen Gummiknüppel unter dem Schanktisch zurecht, denn so übermütige Gelage haben schon oft genug mit einer tüchtigen Rauferei geendet. Die Tanzbegeisterung ist langsam abgeflaut. Dafür haben die Gäste selber das Vergnügungsprogramm in die Hand genommen. Ein Paar deutsche Digger sind auf das Podium geklettert und haben die Musiker verdrängt. Sie singen zu einer Zupfgeige „german - songs“, Heimatlieder, alte Wanderlieder. Ihre Stimmen sind ungeschult und rauh, aber man lauscht ihnen doch gern, denn die Melodien klingen so ganz anders als die gewohnten Schlager. Piet Keulen, der in seinem Kummer fleißig dem Whisky zugesprochen hat, bekommt darüber sogar den Schluckauf und wird elegisch. Er will unter allen Umständen das Lied von „Piet Heim“ zum Besten geben, dessen Namen klein, aber dessen Taten so groß waren. Gesang ist Piet Keulen nicht gegeben. Er wird nach den ersten schüchternen Tönen unter lautem Halloh wieder vom Podium heruntergezerrt.
An der Bar ist es ziemlich leer geworden. Die einzelnen Gruppen haben sich an den Tischen festgesetzt und trinken dort weiter. Molly Reeve verschmäht es heute, von Tisch zu Tisch zu flattern. Sie hängt wie eine Klette an dem blonden Hans Balck und hat sich mit ihm und Piet Keulen an einen Tisch gesetzt.
„Ach, du bist Deutscher?“ Molly schmiegt sich zutraulich an Balck, als er schallend den Heimatliedern applaudiert. „Meine Mutter war auch aus Deutschland.“
„So?“ Hans äugt über die Schulter scharf auf das Mädchen an seiner Seite. „Vorhin hast du dem Digger Dubois an der Bar erzählt, du wärst in Paris geboren.“
„Nun ja — bin ich auch. Darum kann meine Mutter doch eine ....“
„Ich will dir mal was sagen, Mädel?“ Hans faßt die Kleine unter das runde Kinn und hebt ihren Kopf zu sich in die Höhe. „Das Schmusen und Schwindeln kannst du dir für andere aufheben. Bei mir — ist nicht! Haste auch gar nicht nötig. Du bist ein liebes Mädel, und ich will den ganzen Camp drüben umschaufeln, wenn du nicht viel zu schade bist, um hier beim ollen Sam als Animiermamsell herumzutanzen!“
„Ich danke dir, Hans!“ sagt Molly Reeve ganz ernst. Ihre Augen haben alle Lustigkeit verloren und sind plötzlich ganz weich und verschämt geworden. Balck sieht sie mit einem langen Blick an und fühlt einen warmen Strom zum Herzen steigen. Ganz unmotiviert haut er die Faust auf den Tisch, daß Piet Keulen erschrocken aus seinem Brüten auffährt, und springt hoch:
„Kinder, das Geschäft flaut ab! Ich werd mal wieder Leben in die Klabauterkiste hier bringen! Alles herhören!
Ladies and gentlemen, ich habe die Ehre, Ihnen meine Verlobung mit Miß Molly Reeve anzuzeigen!“
In den schmetternden Tusch der Musik mischt sich das lachende Halloh der Gäste. Mollys überraschter Ausruf geht verloren in dem Lärm der andrängenden Stimmen. Lachende Gesichter stehen vor dem Tisch, Whiskygläser strecken sich dem blonden Hans entgegen.
„Mensch, gibst du heute an!“
„Nimm’s nicht zu leicht mit der Molly! Die kratzt!“
„Drei Hurras für das junge Paar!“
Hans Balck hat eines der ihm dargebrachten Whiskygläser ausgetrunken und sieht plötzlich ärgerlich in die vor Lachen rot angelaufenen Männergesichter ringsum.
„Ach, ihr meint, das wäre Spaß, Jungs? Geschnitten! Ich werde doch nicht eine Dame, wie die Molly hier ....“
Neues Lachen unterbricht ihn. „Mensch, du wirst doch nicht im Ernst behaupten wollen ....?“
„Shut up, Jonny!“ Hans Balck hat sich hoch aufgereckt und gebietet Ruhe. „Ich erkläre nochmals, daß ich heute abend Verlobung feiere mit Miß Molly Reeve! Hat jemand etwas dagegen einzuwenden? Der trete vor! Aber mit numerierten Knochen!“
Einen Augenblick ist es ganz still im Saal. Dann brüllt einer der Digger plötzlich laut auf: „Hol mich der Satan, Boys, die Molly sagt keinen Ton dazu! Da muß es wohl stimmen, denn das Mädel ist sonst nicht um Antwort verlegen!“
„Wirklich Ihr Ernst, Mr. Balck?“ Sam Wymmers drängt sich vor und streckt Hans etwas zögernd seine breite Hand hin. „Darf man gratulieren?“
„Immerzu, alter Junge! Und wenn Sie ’n geschäftstüchtiger Budiker sind, dann sorgen Sie dafür, daß binnen zehn Minuten ein anständiger Blumenstrauß hier auf dem Tisch steht. Für die dazugehörigen Pullen sorgen wir schon selber!“
Das Lachen erstirbt in der Sensation. Eine Menge Hände strecken sich jetzt ernsthaft den beiden entgegen, dem blonden Hans Balck und Molly, die ungläubig, selig, über und über errötet sich an seine Seite schmiegt. Einen Augenblick ist es fast, als wolle eine direkt feierliche Stimmung aufkommen, aber als Hans kurzerhand seine Molly beim Kopf nimmt und ihr vor aller Öffentlichkeit einen herzhaften Verlobungskuß gibt, bricht wieder tosender Jubel los.
Tusch! Musik! Hurrarufe! Hans und Molly tanzen nur eine kurze Ehrenrunde, dann ist der ganze Saal wieder voll von lustig umherwirbelnden Paaren. Der mächtige Blumenstrauß, den Sam Wymmers persönlich herbeischleppt und Molly überreicht, löst neues Halloh aus. Sam Wymmers zieht sich verständnisvoll lächelnd zurück. Das mit der Verlobung ist natürlich Nonsens. Mr. Balck als respektabler Gentleman und wohlbestallter Clerk der Skuller Mine Co. wird im Ernst nicht daran denken, sich mit so einer kleinen, hergelaufenen Krabbe zu verloben. Aber das ist ja auch egal. Der Zweck ist erreicht. Die schon abgeflaute Stimmung brandet wieder auf. Mr. Balck ist wirklich ein Hauptkerl. Wo er ist, da ist immer etwas los. Sam Wymmers beschließt dankbar, heute abend Mr. Balck wirklich keinen einzigen Whisky mehr auf die Rechnung zu setzen, als er tatsächlich bestellt und getrunken hat.
Als Hans und Molly, heiß und erregt vom Tanz an den Tisch zurückkehren, faßt der kleine Piet den Freund vorwurfsvoll am Arm. „Hans, du willst doch nicht im Ernst diese . . diese . .
„Na? Diese . .?“ Hans sieht einen Augenblick den jäh verstummenden Piet mit einem stählernen Blick an. „Sehr vernünftig, daß du schweigst, mein Junge, denn meine Braut laß ich auch vom besten Freund nicht beleidigen. Verstanden?“
„Aber ....!“
„Über das Aber sprechen wir morgen.“ Hans drückt den besorgten Kollegen auf seinen Platz zurück und rückt für Molly und sich selbst Stühle herbei. „Heut gibts kein Aber. Heut wird gefeiert, Junge! Und die Molly ist der Mittelpunkt!“
„Prost, Mr. Balck! Wenn Sie noch können!“
„Können! Ich?“ Hans Balcks Kopf fährt mit einem Ruck herum zu Guy Barnes, der ihm vom Nebentisch aus Bescheid tut. „Euch Grünhörner trink ich noch alle miteinander unter den Tisch!“
Lachen und kräftiger Widerspruch schallt ihm vom Nebentisch entgegen. Die drei Digger, die dort mit Guy Barnes gezecht haben, trumpfen auf. Guy ist sofort bereit, den Handschuh aufzunehmen: „Wetten, daß Sie das nicht können, Mr. Balck!“
„Geht in Ordnung! Wer übrig bleibt, zahlt nicht! Immer ran, meine Herren! Aufschließen! Der Tisch hier ist groß genug.“
Immer neue Flaschen muß Sam Wymmers anfahren lassen. Selbst Piet trinkt mit Begeisterung. Er ist der Erste, der müde den Kopf auf die Tischplatte sinken läßt und in selige Gefilde entschwebt. Aber auch die Digger müssen allmählich aufgeben. Nach einer Stunde verschwindet der eine torkelnden Ganges und kehrt nicht mehr zurück. Der Zweite leistet bereits Piet Gesellschaft, und nach einer weiteren halben Stunde rutscht auch der Dritte sanft unter den Tisch.
Guy Barnes kann einen Stiefel vertragen. Er trinkt Hans Balck immer wieder von Neuem zu. Seine Augen haben zwar auch schon einen wässerigen Glanz, aber seine Gedanken funktionieren noch. Guy weiß, was er will. Dieser Hans Balck ist unzweifelhaft der Kurier und ein leichtsinniger Bursche dazu. Wer weiß, ob er nicht den „Stern von Südafrika“ bei sich trägt. Man pflegt nicht kneipen zu gehen, wenn man so ein Wertstück unbewacht zu Hause hat, denn ein Safe hat Mr. Balck in seiner Junggesellenbude schwerlich. Guy ist entschlossen, festzustellen, ob seine Kalkulation richtig ist.
Ganz so leicht, wie er sich das gedacht hat, ist die Sache allerdings nicht. Hans hat zwar auch schon die rote Fahne aufgezogen, aber er denkt nicht daran, zu kapitulieren. Nicht einmal Molly Reeve gibt auf. Sie ist natürlich nicht verpflichtet, jedes Glas mitzutrinken, das die beiden Duellanten vertilgen, aber Guy tut ihr sehr häufig Bescheid, und Molly trinkt dann natürlich als wohlerzogene „Artistin mit Konsum-Verpflichtung“ jedesmal mit. Daß sie dabei einen kleinen Berufstrick anwendet und den Inhalt ihres Glases immer blitzschnell im Spucknapf verschwinden läßt, wenn Guy sein eigenes Glas herunterkippt, das merken weder Guy noch Hans.
Hans Balck trinkt nur der Wette halber. Seine Aufmerksamkeit gehört viel mehr dem hübschen Mädel, das sich so zutraulich und froh an seine Seite schmiegt, als dem Alkohol oder seinem Gegner. Um so aufmerksamer sind dafür Mollys Augen. Grade als Hans sich wieder einmal über sie beugt, um den schweren Duft ihres Haares einzuziehen, sieht Molly unter halbgeschlossenen Lidern, daß Guy Barnes heimlich und blitzschnell etwas in Hans Balcks Glas schüttet, aus einer kleinen Phiole, die er in seiner Hand verborgen hält.
„Da! Da brennts ja!“
Mollys ausgestreckter Arm weist plötzlich in eine Ecke des Saales. Die Köpfe der Männer fahren unwillkürlich herum. Es ist nur eine Sekunde, aber sie genügt für Molly, um mit fabelhafter Fixigkeit und Geschicklichkeit Guys und Hans Balcks Gläser zu vertauschen.
„Wo denn?“
„Siehst wohl weiße Mäuse, Molly?“
„Ach, ich dachte nur . . . dort drüben . . . der Rauch . . .“
„Wird Zeit, daß du ins Heiabettchen kommst“, lacht Hans gutmütig, „wenn du schon den Tabakqualm für ein Schadenfeuer ansiehst!“
„Keine Unterbrechung!“ mahnt Guy, eifrig das Glas ergreifend. „Der nächste Schuß, Mr. Balck!“
Es bleibt kein Tropfen in den beiden Gläsern, aber als Guy sein Glas wieder auf den Tisch setzt, bekommen seine Augen plötzlich einen sonderbar starren Ausdruck.
„Was zum Teufel . . .?“ Guy bricht ab und macht einen unwillkürlichen Versuch, aufzustehen. Seine Beine fallen ihm förmlich unter dem Körper weg. Die Augendeckel klappen noch ein paarmal, seine Hand tastet ziellos über den Tisch, — dann sinkt Guy Barnes besinnungslos von seinem Stuhl auf den Fußboden.
„. . . acht, neun — zehn!“ Hans zählt den geschlagenen Gegner ordnungsgemäß aus und schiebt dann seinen eigenen Stuhl zurück. Breitbeinig, etwas schwankend, mit rotem Gesicht steht er da, aber als Sieger. Sein Blick fliegt triumphierend über die zu Boden Getrunkenen.
„Das hätten wir wieder mal gepinselt!“ Als Sam dienstbeflissen eine neue Flasche Whisky bringen will, schiebt Hans sie kopfschüttelnd zurück. „Genug für heute. Ruf den Kindergarten an, Sam, und laß die Babies da abholen. Meinen Freund Piet bring ich selber nach Hause.“
Es kostet Hans doch einige Mühe, sich niederzubeugen und den schlafenden Piet aufzulesen. Als er ihn hoch bekommen hat und den Kleinen mit einem Schwung über die Schulter wirft, drängt sich Molly mit bettelnden Augen an ihn.
„Hans! Du kommst doch morgen abend wieder? Bestimmt?“
„Selbstverständlich, Molly!“ sagte Hans im Brustton der Überzeugung, ohne im Augenblick daran zu denken, daß er morgen abend, wenn Sam seinen Laden aufmacht und die kleine Molly ihr Liedlein singt, schon auf dem Weg nach Port Elizabeth ist.
Ohne Hut, den immer noch fest schlafenden Piet über der Schulter, schreitet Hans Balck wohlgemut in die Nacht hinaus. Zwei große, nachdenkliche Mädchenaugen sehen ihm nach.
IV
Hans und Piet haben eine gemeinsame Wohnung, ein richtiges Junggesellenheim in einem der modernen Siedlungshäuser, die für die Minenangestellten an der Peripherie Kimberleys errichtet sind. Dort lädt Hans seinen „lebenden Leichnam“ ab und läßt den kleinen Piet sanft auf die Couch gleiten. Einen Moment macht Piet Miene, zu erwachen. Er wälzt sich unruhig auf die andere Seite, stöhnt tief auf und murmelt sogar ein paar unverständliche Worte.
„Du mich auch.“ Hans, der zur Vorsicht jedes ihm unverständliche Wort auf Götz von Berlichingen bezieht und dementsprechend beantwortet, bleibt vor Piet stehen und betrachtet ihn tiefsinnig. „Willste noch ’n Whisky, Piet?“
Aber Piet antwortet nicht mehr. Er liegt auf dem Rücken und schnarcht leise. Hans wendet sich ab und reckt die Arme. Die Alkoholgeister rumoren noch mächtig in seinem Kopf, aber von Müdigkeit fühlt er keine Spur. Nicht einmal genügend fällig füllt er sich, um den Kopf unter die Brause zu stecken.
Das war wieder mal ein Abend! Und Molly Reeve, — allerhand Achtung! Das Mädel hatte Rasse! Und dazu ein so unverschämt liebes Gesichtchen, daß man beinahe weich werden konnte, wenn ihre großen Frageaugen auf einem ruhten. Tja — Molly Reeve! Das mit der Verlobung war natürlich nur ein Ulk gewesen. Würde sie selber auch kaum anders auffassen. Aber sonst — bei allen Goldklumpen und Diamantensplittern! Das Mädel war wirklich zu schade für Sams Tingeltangel. Schien auch wirklich anständig zu sein. Na ja — jetzt noch. Aber laß sie erst mal ein halbes Dutzend Jährchen in den Bars von Kimberley, Pretoria, Johannisburg, Bloomfontein herumgetingelt haben, — was wird dann übrig sein von dem lieben, anständigen Gesichtchen? Dann wird die kleine Molly genau so aussehen wie die anderen geschminkten Ziegen in Sams Budike! Schade, jammerschade!
Hans Balck ist schon viele Jahre hier unten in Südafrika, und die Heimat hat er eigentlich seit seinem sechzehnten Lebensjahr kaum wiedergesehen. Aber Blut bleibt Blut. Ein Deutscher ist er deshalb doch geblieben, und dieses Wörtchen „deutsch“ in seinem Wesen überlegt eine Viertelstunde allen Ernstes, ob es nicht seine, Hans Balcks Pflicht sei, die kleine Molly Reeve vor dem traurigen Zukunftsschicksal zu bewahren. Zum Beispiel, indem er sie tatsächlich heiratete?
Es ist nicht die Rührseligkeit des „grauen Elends“, die diesen Gedanken in ihm aufkommen läßt. Hans überlegt ganz nüchtern und ernsthaft, ob er nicht morgen früh doch noch einmal zu Sam hingehen und die „Verlobung“ offiziell anerkennen soll. Erst nach reiflichen Erwägungen kommt er von dem Gedanken wieder ab. Was weiß er schließlich von der kleinen Molly. Sie waren ein bißchen verliebt heute abend ineinander, na ja — aber vielleicht hat sie einen jungen Mann in ihrer Heimat, der ihr Leben ausfüllt. Oder einen reichen Freund hier in Kimberley oder sonstwo. Die Vernunft behält die Oberhand über das Gefühl, aber Hans beschließt doch, sich auch weiterhin um die kleine Molly zu kümmern. Das heißt — Donnerwetter! Ganz plötzlich fährt es ihm durch den Sinn, daß er ja morgen — nein heute schon! — auf großer Fahrt ist. Übers Meer, nach Amsterdam und dann in die alte Heimat. Wenn er nach Monaten zurückkehrt hierher nach Kimberley, dann wird das „Programm“ in der „Kohinoor-Bar“ längst gewechselt haben und Molly Reeve Gott weiß wo sein. Nun, man kann ihr ja schreiben von unterwegs. Einen netten Brief mit der Bitte um ein späteres Wiedersehen. Wenn sie wirklich das ist, wofür Hans sie hält, dann wird man in Verbindung bleiben, man kann sie später aufsuchen und immer noch tun, was man will.
Tja, die Reise! Seine Gedanken gleiten von Molly hinweg zu der bevorstehenden Aufgabe. Zum ersten Male Diamantenkurier! Da, in dem verschlossenen Brief auf dem Schreibtisch stehen seine Verhaltungsmaßregeln. „Blödsinn!“ denkt Hans Balck. „Ich weiß selber, wie ich mich zu verhalten habe. Mit guten Ratschlägen bin ich versehen!“ Was ist auch groß zu tun: Aufpassen, die Augen offen halten, die Fäuste bereit und auf keine Tricks reinfallen! Hans zweifelt keinen Augenblick daran, daß er den „Stern von Südafrika“ prompt und sicher an seinem Bestimmungsort abliefern wird.
Der kleine Piet stöhnt gräßlich im Schlaf. Hans schaut hinüber auf den Schlafenden und denkt plötzlich daran, daß Piet Keulen ja der zweite Kurier ist. Merkwürdig, daß sie gerade ihn dazu bestimmt haben! Nach Piets Gejammer vorhin hat ihm offenbar Mr. Skuller sogar genau dasselbe gesagt wie Hans, nämlich, daß er den Diamanten in seinem Päckchen hat. Oder — Hollah! Ein neuer Gedanke fährt durch seinen Kopf und zaubert eine nachdenkliche Furche auf seiner Stirn. Ist es vielleicht so? Hat Piet wirklich den „Stern von Südamerika“ und er, Hans, nicht? By Jove, es wäre nicht unmöglich, daß die neunmalgescheiten Herren in der Direktion eine hübsche kleine Rechnung aufgestellt haben, etwa folgendermaßen: Mr. Balck ist ein großer, kräftiger Bursche, anerkannter Draufgänger und Boxer, ein Kerl, dem man es auf zehn Schritte ansieht, daß er bis jetzt das Gruseln noch nicht gelernt hat, kurz: der geborene Kurier. Wenn es jemand gibt, der Absichten auf den Diamanten hat, so wird er sehr leicht auf Mr. Balck als Kurier tippen. Mr. Piet Keulen dagegen ist klein und schmächtig, ein guter, harmloser Junge. Kein Mensch wird auf den Gedanken kommen, daß man ihm den kostbaren Stein anvertraut hat.
Je länger Hans über die Sache nachdenkt, um so klarer erscheint sie ihm. Natürlich kann es so sein. Die Kuriere kennen einander nicht. Er hat ja auch nur zufällig durch Piets Redseligkeit erfahren, daß der Kleine da in doppeltem Sinne jetzt sein Kollege ist. Wenn jemand beobachtet, wer von den Skuller-Leuten in den nächsten Tagen abreist, und dabei zu der Überzeugung kommt, daß Mr. Balck und Mr. Keulen die Kuriere sind, so wird er bestimmt sich an die Sohlen Balcks heften und den kleinen Piet ungeschoren lassen. Das ist vielleicht der Zweck der Übung.
Hans hat bisher als selbstverständlich angenommen, daß die Worte Mr. Skullers ernstgemeint waren und daß er selber den „Stern von Südafrika in seinem Päckchen hat. Die neue Überlegung versetzt seinem Selbstbewußtsein einen starken Stoß. Ärgerlich holt er das kleine, verschnürte Päckchen aus der verschlossenen Reisetasche und dreht es mißmutig in den Fingern.
„So’n Ball mit mir schieben! Die ganze Reise über wie ein Höllenhund aufpassen auf das Paketchen da, das womöglich nur einen wertlosen Stückchen Dreck enthält! Nee! Können Sie mit mir nicht machen, Mr. Skuller. Mit mir nicht!“
Hans beginnt vorsichtig die Verschnürung zu lösen, schält die Umhüllung, ohne das Siegel zu verletzen, an einer Ecke auf. Ein Beamter aus Metternichs schwarzem Briefkabinett hätte ihn beneiden können um die Geschicklichkeit, die er dabei entwickelt. So! Jetzt ist eine kleine Öffnung da. Hans bläst hinein, um die innere Umhüllung zur Seite zu drücken, und schüttelt dann das Päckchen. Es rappelt drinnen. Kiesel oder Diamant. Hans schüttelt vorsichtig das Päckchen über der flachen Hand, bis sich ein Stein in die Öffnung klemmt, den er mit spitzen Fingern herauszieht.
Der „Stern von Südafrika!“
Hans betrachtet gründlich und aufmerksam den Stein, der in seiner flachen Hand glitzert. Jawohl, das ist der „Stern von Südafrika“, ein richtiger, unzweifelhaft echter Diamant.
„Na also!“ Befriedigt steckt Hans den Stein in seine Umhüllung zurück, schließt und verschnürt das Päckchen ebenso vorsichtig und sauber, wie er es geöffnet hat. Kein Mensch kann dem Ding ansehen, daß es eben noch offen war. Hans weiß natürlich, daß er absolut gegen seine Instruktion gehandelt hat. Mr. Skuller würde ihn fristlos entlassen, wenn er wüßte, daß sein Kurier einfach das versiegelte Päckchen geöffnet hat, das heißt, falls der Herr Generaldirektor nicht vor Entsetzen bei der Nachricht einem Schlaganfall erliegen würde.
„Wenn die Herren wollen, daß ich auf das Ding aufpassen soll, muß ich schon wissen, daß sich das Aufpassen lohnt“, brummt Hans, seine nachträglichen Bedenken abschüttelnd. „Jetzt weiß ich’s also, und alles ist in Butter. Gute Nacht, Marie!“
Die Müdigkeit macht sich nun doch geltend. Hans steht auf und reckt gähnend die Arme. Ein Blick auf die Uhr. „Donnerwetter! Schon zwei Uhr durch! Da wollen wir rasch noch ’n paar Kilometer schlafen!“ Die Couch, wie sonst, in ein regelrechtes Bett umzuwandeln, verlohnt sich nicht mehr. Hans zieht nur Rock und Weste aus und langt sich seinen Bademantel. Die Reaktion nach der tollen Trinkerei macht sich plötzlich stark bemerkbar. Hans ist mit einem Male so müde, daß ihm die Augen fast zufallen. Ein letzter Blick erhascht noch das auf dem Tisch liegende Päckchen. Ach so! Der „Stern von Südafrika“.
„Ruhe sanft!“ murmelt Hans gähnend und wirft mit sicherem Schwung das Päckchen in die auf dem Tisch stehende offene Reisetasche. Dann haut er auch schon lang auf sein Lager hin.
Hans Balck schläft, den Kopf in die Couchkissen gewühlt, tief und ruhig den Schlaf eines Mannes, der ein hervorragend gutes Gewissen hat. Piet Keulen aber wälzt sich drüben an der anderen Längswand des Zimmers qualvoll auf seiner Couch hin und her.
Der arme Junge träumt schauerliche Dinge. Krallenhände greifen nach seinem Hals, ein langes, spitzes Brotmesser senkt sich von oben her aus dem Unsichtbaren langsam herab gegen seine Kehle. Er hat das schreckliche Gefühl, an Händen und Füßen gefesselt dazuliegen und dieses drohende Messer sehen zu müssen. Dann wieder tanzen glühende Kreise um ihn. Tausend Augen lauern im Dunkel, Finger zeigen auf ihn, Revolver und Dolche heben sich gegen einen Wehrlosen, der gefesselt im Bett liegt. Nein, jetzt geht er durch eine dunkle Straße, wie durch einen Schacht. Pfiffe gellen auf aus dem Dunkel, grinsende Verbrecherfratzen lauern um die Ecke, die Häuserwände neigen sich vornüber, als wollten sie über ihm zusammenstürzen. „Das ist er!“ krächzt irgendwo eine Stimme. „Das ist der Mann, der den Diamanten bei sich hat!“
Piet beginnt in seinem Angsttraum zu laufen, eine keuchende, blutgierige Meute hinter ihm her. Dann ist da auf einmal ein Strand, ein Meer. Drüben am anderen Ufer steht riesengroß sein Freund Hans Balck, die Shagpfeife im Mund, die Hände in den Hosentaschen und schaut gelassen herüber. Piet Keulen hört die Meute hinter sich, fühlt Hände, die nach ihm greifen, läuft, läuft — hinein in das Wasser, immer tiefer — eine Woge rollt heran und schlägt über seinem Kopf zusammen, daß er gurgelnd versinkt. Dann ist plötzlich wieder ein Arm da, der ihn packt und hochzieht, ein Riesenarm. Hans Balck steht vor ihm und schaut ihm drohend ins Gesicht. Piet will schon aufatmen, da verwandelt sich die ganze Gestalt vor ihm, der Arm wird zu einer Riesenschlange, das Gesicht zu einem breiten Schlangenkopf, in dem ein einziges Auge funkelt: ein tückisch schillernder Diamant. Mit einem schrillen Angstschrei erwacht Piet Keulen. — — —
„Morjen!“ Auch Hans Balck ist wach geworden bei dem lauten Aufschrei. Er sitzt auf seiner Couch und schaut verschlafen hinüber auf das schweißgebadete, verstörte Gesicht des Freundes. „Dich hat wohl ne Kuh gebissen, daß du hier plötzlich um Hilfe schreist!“ Er reckt und dehnt sich ein paarmal, schlürft dann zum Fenster und zieht die Vorhänge auf. Der Morgen dämmert in das Zimmer.
„Also raus aus den Kartoffeln!“ Hans wirft die Schlaftrunkenheit endgültig ab und geht in den kleinen Waschraum nebenan, wo er ein mächtiges Pusten und Plätschern anhebt. Der kleine Piet Keulen sitzt wie verloren auf dem Rand seines Lagers und schaut starr vor sich hin. Dieser furchtbare Traum! Das hat doch was zu bedeuten! Der unglückselige Diamant. . .
Er greift mit zitternden Händen nach der Geldkassette, die unter seiner Couch steht, und schließt sie auf. Da ist das Päckchen, das schreckliche, das ihn in den Tod hetzen wird. Ob man nicht zu Mr. Skuller gehen könnte und ihn bitten, einen anderen zu senden? Lieber sofortige Entlassung als . . .
Piet Keulens Blicke, die ratlos im Zimmer hin und her gehen, bleiben plötzlich an der offenen Reisetasche auf dem Tisch haften. Ganz starr und groß werden seine Augen. Da liegt ja . . . Wahrhaftig, da obenauf in Hans Balcks Tasche liegt ein zweites Päckchen, völlig gleich seinem eigenen! Piet Keulen atmet schwer. Also Hans! Hans ist der zweite Kurier! Das heißt, er hat natürlich nur einen Kiesel oder sonst eine Atrappe in seinem Päckchen. Er, Piet Keulen, hat den „Stern von Südafrika“. Mr. Skuller hat es klar genug gesagt, und sein innerstes Gefühl sagt es ihm noch deutlicher.
Während Hans Balck nebenan ausgiebig den Kopf unter die Brause steckt, durchtobt den kleinen Piet ein wilder Sturm. Die beiden Päckchen sind völlig gleich. Niemand kann es bemerken, wenn man sie vertauscht. Warum soll grade er . . . der Pechvogel . . . Warum nicht Hans? Hans Balck, der starke, siegesbewußte, sorglose Hans, der Mann, für den es einfach keine Gefahr gibt, — Hans wird den Diamanten sicher und ungefährdet über das Meer bringen!
„Du, Piet!“ kommt zwischen Prusten und Klatschen aus dem Nebenraum die Stimme des Freundes. „Was meinst du? Wenn wir hier losgondeln, machen wir erst noch ’nen kleinen Abstecher zum „Kohinoor“ und sagen Molly Lebewohl.“
„Wer . . . wen meinst du, Hans?“
„Na, Molly!“
„Ach so . . . ja . . . deine Braut . . .“
„Red keinen Zinnober, Mensch. Aber Adjö können wir doch dem Mädel sagen, nicht? So! Freie Bahn! Verpaß dir mal ne tüchtige kalte Abreibung, mein Junge. Du warst gestern töter als tot!“
„Ja, Hans, ich komme schon.“ Piet Keulen kämpft einen letzten, kurzen und schweren Kampf. Aber das Bewußtsein, daß Hans der rechte Mann ist, den Stein ungefährdet zu überbringen, während er selber verloren ist mit dem Diamanten in seinen Händen, siegt über alle Bedenken. Scheu und heimlich, die Augen ängstlich auf dem Waschraum gerichtet, nimmt Piet das Päckchen aus der Reisetasche und legt sein eigenes hinein.
„Willst wohl eine ganze Kaltwasserkur absolvieren?“
Hans, der sich bereits angezogen und seinen schon am Abend vorher gepackten Kabinenkoffer hervorgeholt hat, wirft einen ungeduldigen Blick nach dem Waschraum, in dem Piet immer noch steckt. „Tempo, Tempo, mein Junge! In einer halben Stunde müssen wir abtrudeln!“
„Ja, ja, Hans! Ich bin gleich fertig!“
„Na, dann werd ich mal unsere stolze Limousine von der Klamottenhalde drüben holen, während du deine Toilette beendigst.“ Hans Balck steckt Uhr und Zigarettenetui in die Tasche, überzeugt sich mit raschem Blick, daß das Päckchen in der Reisetasche vorhanden ist, und schließt mit einem hörbaren Schnapp befriedigt die Tasche, ohne zu ahnen, daß durch eine Spalte des Vorhangs zum Waschraum zwei ängstliche Augen ihn beobachten.
„Er hat nichts gemerkt!“ Piet Keulen atmet tief auf und fühlt das Zittern in seinen Beinen schwinden, als Hans die verschlossene Tasche ergreift und hinausgeht, um das Auto startbereit zu machen. Er hört ihn noch draußen auf dem Flur sorglos und vergnügt ein Liedchen summen:
„Put all your troubles in your old Kit — Bag — and loose it!“
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