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Mānana
1 Sei dumm!
2 Neue Schuhe
3 Flughafenmagie
4 Der über Wolken wandelt
5 Die Sonne Mexikos
6 Tropengewitter
7 TacoTime
8 Kleine Geschichten
9 Mexikanisches Mädchen
10 Der König ist tot, lang lebe der König!
11 Traumhafte Realität
12 Reichtum
13 Macht der Gewohnheit
14 Verführer der Sonne
15 Willkommen im Dschungel
16 Die Legende des Jaguars
17 Sonntäglicher Ausflug
18 Tikal
19 Streit der Göttergeschöpfe
20 Sicherheitslücken
21 Matapalo
22 Mañana
23 Gringo
24 Mopán
25 Der wahrscheinlich schönste See der Welt
26 Abschiedsworte
27 Der fürchterliche Aufstieg oder das unvergessliche Erlebnis
28 Alte Hauptstadt
29 Neue Hauptstadt
30 Name, Wunsch & Erinnerung
31 Missverständnisse
32 Menschwerdung
33 Ich will schreiben
34 Epilog
Sei dumm!
Zwischen Leipzig und Berlin, den 30. Oktober 2019 Lass uns dumm sein, sagten wir einst zueinander, aber heute zittere ich. Mein Leib ist vom Zeh bis in die Haarspitze in reger Aufruhr, Wasser bräuchte ich, aber ich habe keinen Durst, so wie ich vom Proviant zehren müsste, doch dazu fehlt mir der Appetit. Mein Herzschlag zerreißt mir stattdessen die Brust! Aus Mangel an Konzentrationsfähigkeit flattert mein Blick schmetterlingsgleich und ist umtriebig, ich vermag ihn nicht einzufangen. Sobald ich glaube, dass er Rast findet, schwingt er sich von Neuem von seinem Platz empor und macht mich taumelig - zweifelsohne, so fühlt nur jemand, der aufgeregt ist. Das Wetter bei der Abfahrt in Leipzig war trotz der Kälte betörend schön. Das Ethanol im Thermometer kratzte kaum an einer zweistelligen Gradzahl, aber welch eine Lichtstimmung! Die eilenden Wolken waren mit Löchern durchbrochen, treibende Eisschollen, durch die die Sonne ihre milchigen Strahlen warf. Das Westin ist dadurch diffus beleuchtet und wird aus der Gebäudeflut herausgeschält, mehr als es die 27 Etagen ohnehin vermögen. Die glatte Fassade des Hochhauses gewann fast mein Interesse, doch bevor das geschah, füllte eine Wolke die Öffnung und ließ das Hotel in einen Schatten zurück sinken. Die Gunst des warmen Lichtes wandelte weiter, vielleicht mit uns, mit meiner Frau und mir. Die Stadt wurde währenddessen winziger, die bunt gefärbten Ahornbäume übertrumpften allmählich die schwindende Betonmasse, einzig die stark gezeichneten Wolken, blieben unverändert an Größe. Der Uniriese unternahm einen letzen verzweifelten Versuch, uns in Erinnerung zu bleiben, indem er gewaltvoll in das nun dichte Wolkengebälk griff. Mit seinem Verschwinden war Leipzig vergessen und mit ihm die warnenden Stimmen, jene die vor kurzem beharrlich in unsere Ohren drangen. Ist das nicht gefährlich dort? Gibt es dort zurzeit nicht Unruhen? Lasst euch dort ja nicht wegfangen! Aber wo ist dort? Dort ist auf der gegenüberliegenden Seite des Atlantiks, dort ist Mexiko, dort ist Belize und dort ist Guatemala. Diese Länder warteten sicherlich nicht auf uns zwei Europäer, aber sie werden uns die Ehre erweisen, sie in Bälde kennen lernen zu dürfen. Seit langem schon übt Zentralamerika einen unbeschreiblichen Reiz auf uns aus, der nahezu ins mystische ausartet. Wenn ich es als lang bezeichne, dann meine ich einen Zeitraum von etwa fünf Jahren, aber was uns bisher an einer ernsthaften Umsetzung zurückhielt, waren die eigenen Stimmen, die dem obigen Wortlaut nicht unähnlich waren, aber der Reiz wuchs weiter, wie Unkraut, das ungejätet zwischen den Steinplatten nach Existenz rief und sie überwuchert. Aber die Knospe namens Sehnsucht platzte auf und erblühte, verdrängte die ängstlichen Stimmen und antwortete ihnen: Lass uns dumm sein! Wie die Liebe macht Sehnsucht blind für das Offensichtliche. Gefahren werden bagatellisiert, sowie Durchschnittliches in unerschwingliche Höhen gehoben. In der Tat ist der Vergleich zur Liebe statthaft, nicht umsonst werden beide häufig in einem Satz genannt, aber wie kann ich lieben, ohne Kenntnis und ohne Wissen zu besitzen, was genau ich eigentlich liebe? Oh, der, der das vermag, liebt mit dem brodelnden Blut eines Jungspunds, der sein erstes und letztes Mädel erobern möchte, denn er liebt eine Vorstellung, die seinen ureigenen Wünschen entsprungen ist. Unbefleckt, ohne einen Funken Realität liebt es sich am Besten, darum ist keine Frage besser dazu geeignet, jetzt und nicht später gestellt zu werden, wo die ersten Eindrücke auf mich lauern und beeinflussen: Was stelle ich mir vor, bei dieser Reise zu finden? Ich atme ein. Die Zinnen in Dessau blenden meine mittlerweile wolkenlose Fernsicht. Eine Sonnenbank steht friedlich und verlassen versteckt hinter Schilf, umsäumt von der Beuge eine Bächleins. Ich puste aus und antworte: Das Paradies! Diese Betitelung, die pathetischer kaum sein könnte, und mannigfache Bilder von Honigflüssen und fliegenden Grillhähnchen hervorruft, bedarf einer näheren Erläuterung, da ein jeder seine eigene Definition davon im Inneren trägt. Anhand einschlägiger Literatur glaube ich mich gut vorbereitet zu wissen, auf welche Länder wir treffen werden. Mexiko, Belize, wie auch Guatemala durften sich einer hoch entwickelten Kultur, die maßgeblich von den Mayas beeinflusst wurde, erfreuen, die bis in die Neuzeit den Forschern Rätseln aufgab und teilweise noch immer gibt. In puncto Architektur, Astrologie und Medizin waren sie gleichsam leuchtende Vorbilder, wie bei ihren Opferhandlungen für die heidnischen Götter. Gerade wenn ich annehme, dass bei weitem nicht jede Jungfrau aus freien Stücken ihr Todeslos akzeptieren wollte, muss uns dieser Zwiespalt, den wir mit gehörig Abstand im Glauben in einer zivilisierten Welt zu leben, umso mehr erschrecken. Der Zerfall der Mayavölker begann wahrscheinlich noch vor den spanischen Eroberungszügen, die dadurch wohl leichteres Spiel gehabt haben. Seit jeher herrscht ein Tauziehen, welches sämtliche Epochen überdauert, darum, dass jene eroberten Länder nach Autonomie und Anerkennung eigener Interessen lechzen. Die Gegenspieler wechselten, aber weder Spanien, noch Großbritannien und schon gar nicht die USA, verstanden es, diesen Wunsch zu billigen. Sie missionierten, nutzten den Grund und Boden für landwirtschaftlichen wie industrielle Vorteile aus und degradierten die Länderein zu Ferienparadiese der Bourgeoisie. Die, die früher Wissenschaft betrieben, wurden zu Lakaien, wobei die Vergangenheitsform an dieser Stelle überflüssig ist, denn es passiert gerade in diesem Moment, in dem ich schreibe und Sie, werte Leserin oder werter Leser diese Zeilen lesen, aber nie haben diese Nationen ihren Kampfgeist gänzlich verloren, nie haben sie aufgehört zu hoffen, egal wie hoch die Anzahl an Nackenschlägen auch ist, die sie erdulden müssen. Gerechterweise sei dazu erwähnt, dass sie womöglich den falschen Leuten vertrauten und dass der eigene Vorteil, über das Gemeinwohl gestellt, viele Schicksale besiegelte, aber es ist jener Kampfgeist, jene undefinierten Grenzen, die mich neidisch machen. In Deutschland hingegen muss niemand kämpfen. Seit dem Mauerfall und der damit verbundenen Wiedervereinigung sind wir kastrierte Königspudel, die an der Leine geführt werden. Der Aufstand hat nichts gebracht? Dann beginne einen Neuen! Aber hierzulande wurden posthum nach einem Teilerfolg die Hände vom Steuerrad gezogen, weshalb niemand das Schiff bedauern muss, welches am Riff zerschellt. Persönlich denke ich aufgrund dieser Einschätzung, dass meine Kraft dort bestmöglich aufgehoben ist, wo sie im Stande ist zu bewegen und zu helfen. Wo? Dort in meinem Paradies! Nein ich liebe wahrlich nicht, wie ein Unwissender, ich liebe wie ein Hoffender, denn dieses Mal bin ich dumm.
Neue Schuhe
Berlin, den 30. Oktober 2019 Mein Schuhwerk! Es drückt Drum mein Gang wenig entzückt An der Ferse reibt es stark Die Sohle brennt nicht minder Und das Hühnerauge wird blinder Ach, der Schmerz dringt bis ins Mark Dabei sind die Botten neu Im Brühl kaufte ich sie ohne Scheu Denn die Alten verband bloß der Leim Weil sie mich Meile für Meile Begleiteten über eine ganze Weile Sodass ihnen vorauseilt mehr als Schein Also fläzte ich mich in den Stuhl Anschmiegsam fühlte ich den Sündenpfuhl Die wollte ich! Keine andren Schuhe Für eine neue Spur Auf einer neuen Tour Doch wer ahnte, dass passé war die Ruhe? Dieses Los hab ich nun zu leiden So ist es doch nicht zu vermeiden Dass Neues alt werden muss Bis es bequem sitzt Und keine Wunden ritzt Und Freude spendet bis zum Schluss
Flughafenmagie
Manchester, den 31. Oktober 2019 Flughäfen sind für wahr magische Orte, vor allem wenn man in einem erwacht. Anfangs reibt sich die Halle noch verschlafen die Augen, welche glasig die erste Menschenfuhre widerspiegelt. Desorientiert schweigen plötzlich die verhältnismäßig winzigen Räder der Koffer, bis ihr Bestimmungsort auf der Anzeigentafel auswendig gemacht wird, dann schnaufen sie erneut und wechseln kurz darauf vorübergehend den Besitzer, die nie zuvor leichteren Fußes davon eilten, aber es war nicht das Gewicht des Gepäcks, welches die Flüchtenden belastete, es war die Alltagslast, die sie am Check-In Schalter glaubten aufgegeben zu haben, aber wie Koffer findet auch sie zurück zu ihrem rechtmäßigen Besitzer. Vor vier Stunden schlief ich erstmals ein, dabei lag ich auf dem Bauch, weil das nun mal meine präferierte Position zum Einschlafen ist. Unterdessen vergrub ich mein Gesicht in die als Kissen umfunktionierten Arme. Was als Übergangslösung womöglich bequem wirkt, war das blanke Gegenteil von selbigen, denn meine Beckenknochen bohrten sich unentwegt in die steinharte Fensterbank mit eingelassener Heizung - wenigstens musste ich nicht frieren. Das Schlafsack-Inlett verstand wenig Linderung der Schmerzen, aber es vermittelte das Gefühl eines Nachtlagers, während unsere Rücksäcke Schutz vor Zugluft boten. Wenn nur der Untergrund weicher wäre, der meine im fortgeschrittenen Jugendalter befindlichen Knochen arg auf die Probe stellte. In regelmäßigen Zyklus wurde ich wach. Manchmal lag in unserer Nähe eine weitere Person, kein Reisender, sondern ein Obdachloser, der uns später anbetteln wird. Das monotone Geräusch der Poliermaschine mit ihrer schmalen Spur weckte mich abermals, diesmal floh ich jedoch nicht zurück in den leichten Schlaf. Ich drehte mich auf den Rücken, diesmal meine bevorzugte Position, um meine Gedanken schweifen zu lassen, während der dünne Stoff, der mich umhüllte, vollkommen verdreht war. Die Fensterfront ist komplett verglast und mündete in mein Sichtfeld. Viel intensiver hingegen verfolgte ich das Stangenwirrwarr, welches kreuz und quer den leeren Zwischenraum an der Decke füllte und mich an das Brüsseler Atomium denken ließ. Ich fragte mich, ob ich unter moderner Kunst oder einer Langzeitbaustelle erwachte. Aller Widrigkeiten zum Trotz wäre ein Hotelzimmer bei Namen wie Radisson Blu oder Hilton keine Option gewesen. Ein Stundenmotel mit moderaten Preisen hätte ich angenommen, aber die sind aus der Mode gekommen. Also vertrieb ich mir die Zeit ging gedanklich unseren gestrigen Weg ab, der uns ungewollt durch sämtliche Terminals des Flughafens führte. Angekommen sind wir im ersten, welches hauptsächlich aus einer Ankunftshalle bestand. Von dort liefen wir zum nächstgelegenen Terminal drei. Meine Schuhe drückten, bald schnürte ich sie lockerer, bald fester, dann entfernte ich schließlich die Einlegesohle, die anscheinend der Ursprung allen Übels war. Unsere vorab durchgeführten Recherchen ergaben, dass der Flughafen in Manchester überaus passagierfreundlich sein müsse, gemäß der Präsentation, in der von einer Escape Lounge mit bequemen Bänken die Rede ist, die extra zum Übernachten angedacht sind. Angepriesene Einkaufsmärkte, die einen rund um die Uhr mit Essen und Trinken versorgen, schienen ein weiterer Punkt zu sein, der längere Aufenthalte so angenehm wie möglich gestalten wollte. Bisher war keine Spur dessen vorhanden, weswegen wir zum Terminal zwei liefen. Dorthin unterwegs wurde es immer verlassener. Auf den Rollbändern fuhren wir durch blau beleuchtete Glasröhren und sahen Terminal eins und drei verschwinden. Wir fanden eine große Halle, aber nichts von dem Versprochenen. Spätestens als der Nachtwächter unser Ersuchen mit einem schiefen Grinsen quittierte, wussten wir Bescheid. Wenigstens gab es eine Etage tiefer wirklich ein Geschäft, dass 24 Stunden geöffnet hatte. Es war abgehalftert, gleichsam überladen, zudem chaotisch sortiert und zu allem Überfluss mit schwarzen Plüschspinnen dekoriert, immerhin ist Halloween. Unsere erste Mahlzeit kam somit aus dem Plastikbeutel und würde niemals schlecht werden, denn die Konservierungsstoffe machten es unendlich lang haltbar. Nach den Crackern, die mit Käse- und Schinkenscheiben garniert wurden und zwei Cidres aus der Dose konnte diese Anekdote mit den eingangs erwähnten Worten beendet werden. Wo aber bleibt die Magie? Das zauberhafte liegt zwischen den Zeilen verborgen, wohin nur der Leser, wie auch der aufmerksame Betrachter gelangt, der Flughäfen und Bahnhöfe nicht als Notwendigkeit ansieht, sondern als Bühne auf der mannigfache Stücke jeden Genres abgehalten werden. An diesen Orten werden Träume geboren und beerdigt. Sie sind das Nadelöhr durch welches der rote Lebensfaden gezogen wird. So beobachteten wir gestern in Berlin Tegel ... eine Frau, die es äußerst eilig hatte und mit ihrem Koffer, dessen Teleskopgriff aufs Maximum ausgefahren war, an uns vorbei hastete. Ihr Kind, welches auf dem Gestänge wie die Hexe auf dem Besen hintendrein ritt, hatte darum umso mehr Spaß. Ihr konnte es nicht schnell genug gehen, wenngleich aus anderen Beweggründen ... einen alten Mann, der auf einer Krücke lehnte, während ihm seine gebrochene Hand sichtlich Probleme bereitete, trotzdem verschwand er im selben Nichts, aus dem er gekommen war ... einen Vater mit seiner Tochter, die gemeinsam die Großeltern der Kleinen erwarteten. Das zumindest verriet ihr selbst bemaltes Willkommensblatt, doch musste sie sich für ihren Empfang lange in Geduld üben. Das Blatt wurde schwerer und entglitt der Hand, aus der es zu Boden fiel. Von da an übernahm der Vater die Obhut. Beide winkten, nun müssten sie gleich da sein! Nein, es musste falscher Alarm gewesen sein, denn niemand holte die zwei ab. In der Tat wusste man nun nicht mehr zu bestimmen, wer auf wen wartete. Das Kind wurde müde, ohne jedoch unleidlich zu werden, bis es schließlich doch mit den Großeltern belohnt wurde. Verlegen kehrte das Lächeln begleitet mit einer lebendigen Röte auf die Wangen zurück. "Ach du Ärmste musstest aber lange warten", sagte die korpulente Oma, indem sie liebevoll das Mädchen tätschelte, die sich schon jetzt ihrer davor ausgestandenen Qual des Wartens nicht mehr besann ... Eine junge Frau musste ebenso warten, aber als ihr Liebster durch die automatische Schiebetür trat, brachen die Dämme. Es eröffnete sich uns eine filmreife Szene. Sie umschlang seinen Hals, stellte sich auf die Zehenspitzen ihrer schwarzen Stiefel, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein und küsste gierig seine Lippen, er, der offensichtlich aus Dublin anreiste. Der Lippenstift war überall verteilt auf ihr und ihm, bloß nicht dort wo sie ihn ursprünglich aufgetragen hatte. In einer Unterbrechung bemerkten sie es selber und begannen herzhaft darüber zu feixen. Sie putzten sich so gut als möglich und begannen von Neuem. Als sie fort gingen, kamen sie stets weinige Meter voran, wo das Schauspiel von Neuem aufgeführt wurde, bis sie außerhalb unserer Reichweite gelangten. Das wahrhaft Schöne tritt selten in jener Pracht in Erscheinung, die ihr gebührt, deswegen ist sie nicht abstinent, sondern präsenter denn je, wenn wir ihrer nur empfänglich sind und wo könnte das besser trainiert werden, als an einem Flughafen? Im Moment bin ich im höchsten Maße lebensbejahend.
Der über Wolken wandelt
Zwischen Manchester und Cancún, den 31. Oktober 2019 Ich bin der Herr, Der barfuss wandelt Über Wolkengebilde! Sie verletzen mich nicht, Weil sie meine Berührung scheuen. Ich hinterlasse Abdrücke In diesem weißen Meer, Nein es ist mehr, Es ist ein echtes Meer, Heißt sich Atlantik! Die Elemente sind mir einerlei, Weil es keinen Unterschied macht, Was mich nicht verletzt, Hier gebietet einer Und das bin ich! Ich muss diese Freiheit Weder verhandeln Noch behaupten, Denn ich bin allein Der, der über den Wolken wandelt. Oft war ich hier - Nie blieb ich da, Obwohl es mir gefiel. Stets betrat ich die Erde An anderer Stelle, Wo ich zwar nie Herr war, Wohl aber hin gehörte!
Die Sonne Mexikos
Tulum, den 2. November 2019 Knapp 8.000 Kilometer flogen wir über den Atlantik und sahen Bermuda, den zerklüfteten Inselgürtel der Bahamas und Key West in Florida in einem abstrakten Gebilde aus Türkis- und Blauübergängen schwimmen, über denen grob verstreut einzelne Wolken hingen, die ihre fleckigen Schatten auf die Wasser- und Landoberfläche gleichermaßen warfen. Namen, die sonst ungreifbar fern liegen, waren Wegpunkte auf einer Strecke mit unvorstellbarer Distanz. Zonen wurden durchquert und machten die Zeit absurd. Erst als der Aeroplan herabsank, wussten wir, dass die Uhr bald wieder mehr Bedeutung gewinnen würde. Cancún mit seinem schmalen Küstenstreifen zwischen Lagune und Meer, der sichtlich mit All-Inklusive-Tempeln bis auf den letzen Zentimeter bebaut wurde, hatte Wiedererkennungswert. Uns genügte die Stadt als Anzeichen unter der Sonne Mexikos angekommen zu sein. Die Sonne ist in Mexiko kein bloßer Himmelskörper, sondern ein Kontrahent, mit dem die vielseitigen Gesichter des Volkes um die Wette stahlen. Bei der Passkontrolle, bei der es sonst gewohntermaßen trocken zugeht, begrüßten wir die Dame auf spanisch und versuchten mit dem Repertoire, welches wir Vokabular nannten, in Wortfetzen auf ihre Fragen zu antworten. Sie grinste dabei von einem Ohr zum anderen, stempelte unsere Reisepässe ab und lobte die guten Sprachkenntnisse. Wir verstanden auf Nachfrage und erröteten darüber. In Deutschland hätten wir uns gefragt, ob dies die erste Begegnung mit dem Sarkasmus war, hier in Mexiko wirkten solcherlei Komplimente, ungeachtet ihres Wahrheitsgehaltes, aufrichtiger. Womöglich freute sich die Dame einfach darüber, dass Mexiko im Ausland einen so hohen Zuspruch erfuhr. Sie stempelte jedenfalls nicht ausschließlich grüne Tinte, sondern auch ein Lächeln in unsere Reisepassseiten. Auf der Suche nach der Abfahrtsstation des Fernbusses, bekam jeder fragende Blick unsererseits unaufgefordert Antwort, obwohl die Ticketverkäuferin eine brauchbare Wegbeschreibung gab. Somit erreichten wir letztendlich die Bushaltestelle. Wir bekamen schnell zu spüren, dass die Sonne Mexikos nicht nur Gunstbezeigung unsererseits war, sondern ebenso sehr schweißtreibende Realität. Das feuchtwarme Klima mit seinen 30 Grad Celsius verhieß uns eine Reise durchs Gewächshaus und erinnerte uns an die Tropenhalle im Leipziger Zoo, namentlich dem Gondwanaland. Wie oft benutzten wir dort schon die Abkürzungen zum Ausgang, um vor dem stickigen Klima zu fliehen, die nächsten Wochen wird das schwerlich möglich sein, wobei der auf maximale Kälte klimatisierte Businnenraum eine Auszeit verschaffte. Könnte ich mit Worten malen, ich würde ein Gemälde sondergleichen entwerfen, um die ersten Stunden mit seinen mannigfachen Eindrücken festzuhalten! Dieses Vorhaben zu bewerkstelligen fällt jedoch meiner Beschränktheit zum Opfer, deswegen muss ich die Bilder einzeln aufzählen. Als erstes möchte ich die Beziehung zwischen den Mexikanern zum Tod nennen, denn als wir in den Bus von Cancún einstiegen, wurde ein Film abgespielt, der einen offenbar verwirrten Mann in den Fokus rückte, der seine Gefühle damit kanalisiert, indem er Puppen sammelt und ihnen äußere Attribute, vor allem aber Charaktereigenschaften verleiht, die er bei der eigenen Person vermisst. Er mimt sich selbst als einen Kommandanten, stark und abgeklärt, der keine Konfrontation scheut und dem eine leicht bekleidete weibliche Armee folgt, am liebsten in die Bar, um einander zu betrinken und neue Schlachtpläne zu entwerfen gegen den gemeinsamen Feind: Den Nazi. Ein abstrus wirkendes Machwerk mit rüden Schießereien und Beleidigungen (zumindest fluchte der einzige Deutsche häufig), denen aufgrund der Zugänglichkeit auch Kinder folgten, weswegen solche Ausstrahlungen wohl zum Alltagsprogramm dazu gehörten. Apropos Kinder. Beim Umstieg in der Stadt Playa del Carmen, die dem Küstenstreifen, den wir über einhundert Kilometer folgten, seinen Namen verleiht, fuhr eine mexikanische Familie mit uns einen Teilabschnitt der Strecke. Das Kleinkind, welches der gesamte Familienverbund beflissen zu beschäftigen versuchte, spielte daher ein besonderes Variante des Versteckspiels. Die Hände wurden wie für gewöhnlich vor die Augen gehalten, aber sobald dieser dunkle Schleier gelüftet war, formte das Mädchen seine noch vom Babyspeck wulstigen Finger zu einer Pistole und ahmte das für sich passende Geräusch dazu nach und fing an, auf den Gesuchten zu schießen - Peng. Allesamt lachten lauthals und jede Wiederholung wurde noch herzensfroher - Freude egal welcher Art kennt eben keine Sprache, weswegen ich angesteckt mitlächelte. Diese zwei alltäglichen Anekdoten zur Verbindung mit dem Tod schließe ich mit einem der wichtigsten mexikanischen Feiertage, dem 'Día de Muertos', übersetzt 'Tag der Toten', ab. Manche Besucher bereisen das Land mit besonderer Vorliebe, wenn die geschmückten Paraden durch Mexiko-Stadt, San Antonio und Merida ziehen. Wir, die wir eher zufällig zu dieser Zeit ankamen, die den Mexikanern über alles geht, erlebten eine weniger extrovertierte Darstellung der Feierlichkeiten, sondern eine ins private zurückgezogene. In der Zeit des Vorabends von Allerheiligen bis zu Allerseelen kehren dem Glauben nach die Verstorbenen zurück, die mit eigens dafür hergerichteten Schreinen begrüßt werden. Meist wurden diese von Palmenwedeln flankiert und mit allerlei bunten Blumen ausstaffiert. Flackerndes Kerzenlicht, tauchte die Portraitfotos, die im Zentrum eines jeden Altares standen, in warmes Licht. Die umliegende Luft war von Räucherstäbchen wie ein Tempel erfüllt. Auf mehreren Etagen fanden sich Utensilien, die der Verstorbene gern hatte. Die Bandbreite reichte dabei von lieb gewonnenen Kuscheltieren bis hin zu Flaschen der Lieblingsbiermarke. Die Andacht war keineswegs ein trauriger Anlass, denn die Menschen waren froh, den alten Geistern zu begegnen und mit ihnen gemeinsam die Wiederkehr zu feiern, denn in diesem Kulturkreis ist der Tod nicht das Ende, sondern ein Teil des Lebens, was bei tieferen Nachsinnen einen erheblichen Unterschied ausmacht. Oft ist aber zu beobachten, dass die Tage und vor allem die Nächte, gerade für Kinder, gewissermaßen eine Verlängerung des nordamerikanischen Halloweens darstellten. Tulum heißt übersetzt Festung und diesen Namen erhielt die Stadt aufgrund ihrer archäologisch wertvollen Maya-Fundstätte, die direkt an der Karibikküste liegt und die wir an unserem ersten vollständigen Tag ausgiebig besuchten. Der Sonnenaufgang tünchte die aufgetürmten Wolkenzipfel in Orangenlicht. Wir saßen derweil bereits auf unseren verrosteten Fahrrad-Cruisern und fuhren entlang der Highways 109 und 307, bis wir den Parkplatz erreichten, der kurz vor 8 Uhr völlig leer stand. Die Souvenirshops waren verriegelt, lediglich manche Händler begannen mit dem Aushang ihrer Badetücher. Die verbleibenden hundert Meter legten wir zu Fuß zurück und sahen einen pechschwarzen Vogel mit kobaltblauen Flügeln - den Yucatánblaurabe. Kurz darauf hörten wir die Bandbreite seiner Stimme, die vom typischen Krächzen bis zum paradiesischen Pfeifkonzert reichte. Pünktlich zum offiziellen Einlass schloss der Ticketschalter. Richtig gelesen er schloss, denn gegen einen nicht unerheblichen Mehrpreis, können Besucher vor der Einlasszeit die Maya-Stätte besuchen, nun hatte jedoch die Pause Vorrang. Zuvor wurde noch mit flinker Hand das selbst geschriebene Preisschild weg genommen. Keiner der Wartenden wagte es, zu klopfen, um ihn auf die Eröffnung hinzuweisen, warum auch, immerhin setzte gerade ein kurzer, aber heftiger Regenschauer ein. Das Trommeln der Tropfen ließ nach, ein Ruck und der Riegel fuhr die Schiene entlang und öffnete das Sichtfenster erneut, ein Gesicht sah ich nicht, lediglich zwei braune Arme. Wir waren die ersten, die das Gelände betraten, und folgten den tropfenden und gewundenen Pfad, bis wir den Schutz des Blätterdaches entbehrten und ins Freie traten und dabei die Sonnenkraft unmissverständlich spürten. Wir nutzten einen Spalt in der Mauer, um ins Innere der Ruinenstädte vorzudringen, die damals die Tempelanlage vor Eindringlingen schützte und nur zur Meerseite hin geöffnet ist. Ich schreckte eine Fledermaus auf, die wiederum mich aufgrund ihres unvorhersehbaren Fluges erschreckte. Doch nach der Enge des Durchgangs folgte die freie Fläche, die vom Rauschen des nahen Meeres erfüllt war und das farbenprächtige Wunder eines Regenbogen über die Ruinen spannte und sie zu altem Glanz erhob. Wir gingen direkt in Richtung des Castillo, seines Zeichens das höchste Gebäude Tulums und bewunderten das wahrhaft Göttliche! Ein Tempel erbaut auf den letzten Metern Land bevor die Steilküste in die Tiefe zum weißen Strand hin abfiel. Dunkle Felsen durchbrachen das Bild, wie auch langstielige Palmen, an deren Ende sich eine Explosion aus grünen Wedeln vom Wind tragen ließ. Der Tempel des Windgottes war ebenso schlicht wie beeindruckend auf einer Erhebung gebaut. Ich empfand die Schönheit als das, was sie ist und nicht das, was sie war. Das Grausame, was hier geschehen sein könnte, trat in den Hintergrund vor dieser Kulisse und gab der verdienten architektonischen Leistung Raum, um sie gebührend zu honorieren. Anhand kleiner Fensterspalte wurde an solchen Stätten der Mayakalender erstellt und permanent kontrolliert. Menschen wohnten hier keine mehr, die neuen Mieter waren die urigen Iguanas, die saurierähnlich anmuteten und sich auf den Gesteinen räkelten, aber auch andere Echsenarten waren präsent. Ein kleines grasgrünes Exemplar von eleganter Körperform war dabei besonders Fotogen. Die Gegend wurde ebenso von Nasenbären bewohnt, die aus dem Gebüsch drängten und anhand ihrer in die Luft gestreckten Ringelschwänze unschwer erkennbar waren. Es nahm uns wunder, dass wir, obwohl wir so nah an der Zivilisation waren, schon derartig viel von der Tierwelt mitbekamen. Ebenso bei unseren nachmittäglichen Ausflug zur Gran Cenote. Mexiko beherbergt ein gigantisches Höhlennetz unter seiner Oberfläche. Durch Einstürze entstanden dabei Kalksteinlöcher, die mit Süßwasser gefüllt sind. Diese natürlichen Pools werden als eine besondere Art der Badeanstalt verwendet. Hier schwammen wir durch kristallklares Wasser, das uns vorgaukelte, durch die Höhlen zu schweben, bei dem die Fledermäuse kreischend über unsere Köpfe flogen und ihr Windzug, der uns um die Ohren wehte, keine Einbildung war. Im kalten Wasser kitzelten mich kleine Guppyfische an den Füßen und nicht selten tauchte man neben einer Schildkröte auf, die ungestört ihre Bahnen zog. Ich würde gerne weitreichender beschreiben, weiß aber, dass ich das Bild nicht wahrheitsgetreu in vollen Umfang wiederzugeben verstehe, vielleicht heute, denn die Sonne von Mexiko beginnt gerade zu erwachen.
Tropengewitter
Bacalar, den 02.11.2019 Die Luft ist gespannt Gleich reißt sie in Stücke, Der Donnergroll, der sie übermannt, Offenbart keine Lücke Er schwängert die Luft Es fällt Tropfen auf Topfen Und aus der Erde dringt süßer Duft Ein jeder möchte nun schmarotzen Die Lagune ist in Aufruhr Und kein glatter Spiegel mehr Aber das Gewitter harrt Stur Und der Widerschein bleibt leer Weltuntergang! Jedoch ist in den Tropen Deswegen niemand bang Denn Frieden folgt aufs Toben
TacoTime
Bacalar, den 02. November 2019 Ein entscheidender Vorteil für unseren Körper ist, dass die Anzahl an Tagesstunden überschaubar bemessen sind, denn circa 6:30 Uhr beginnt die Morgendämmerung und damit die blaue Stunde, während 19 Uhr die Nacht fast vollständig über den Tag gesiegt hat. Wir möchten darum diese Stunden bestmöglich ausnutzen, vom ersten bis zum letzten Lichtstrahl. Da dieses Vorhaben allerdings außerordentlich kräftezehrend ist, empfinden wir es dadurch als positiv, dass der Sonnenzyklus unsere Zeit begrenzt, denn innerhalb der Tagesstunden zu schlafen, würde uns unverzeihbar erscheinen. Bisher überfiel uns mit Einbruch der Nacht eine abrupte Müdigkeit. Ganz als wisse unser Körper von dem gesetzten Vorhaben, sodass er mit Dunkelheit seine Leistungsfähigkeit auf ein Minimum herunterfährt. Teilweise schreibe ich es den unzähligen Sinneseindrücken zu, die dann, wenn sie keine Ablenkung erfahren, das Revue-Kino starten und mich ermatten. Eine weitere Begründung ist die angeregte Tätigkeit meines Magens, welche mich in Besitz nimmt, weil er erst noch gesagt bekommen muss, dass er auf einem Kontinent gelandet ist, bei dem die Essgewohnheiten unterschiedlich sind und er daher zu einer Umstellung gezwungen ist. Dank einer Dokumentationsreihe sind uns Taco-Namen wie al pastor, Asada, Carnitas und Co bekannt, die allesamt eine eigenständige, in sich weiter verzweigte Zubereitungsmethode begründen und wer glaubt, dass das Klischee vom Taco-essenden Mexikaner ein Märchen ist, der irrt gewaltig, denn die belegten Teigfladen gibt es morgens, mittags und natürlich abends bis spät in die Nacht hinein, wie auch zu Zwischenmahlzeiten. Der Taco ist damit so wenig ein Phantom, wie die Liebhaberei der Franzosen zum Baguette. Ein Beweis: Als wir mit unseren Fahrrädern stadteinwärts nach Tulum fuhren, kam uns ein mobiler Verkaufsstand entgegen geradelt, wie er typischer nicht sein könnte. Das Fahrrad hatte anstelle des Vorderrades einen breit zulaufenden Wagen mit Herdstelle, auf dem die Zubereitung stattfand und in dem sämtliche Zutaten einsortiert sind, so dass streng genommen aus dem Zweirad, ein Dreirad wurde. Wir begegneten dem Verkäufer auf exakt der Höhe, wo eine Art Bürgerwehr spontane Kontrollen auf dem Highway durchführte. Etwas verängstigt, als sei er ein Schmuggler, musterte er den Ordnungshüter, der in voller Montur auf der Mittelspur posierte. Plötzlich durchschnitt ein schriller Pfiff die morgendliche Hitze, der junge Verkäufer wurde heranzitiert, allerdings nicht wie er vielleicht selber glaubte zu einer Kontrolle, sondern zu einer Bestellung. Auch die Arbeitszeit stellt somit kein Hindernis dar, um in den Genuss des beliebten Essens zu gelangen. Unsere ersten Tacos aßen wir bei einem Streifzug durch die Hintergassen Tulums. Es war ein recht verlassenes Lädchen mit einem umso freundlicheren Koch. Was uns dazu einlud, uns niederzulassen und das Leben im diffusen Dämmerlicht zu beobachten, war aber die zur Straße hin geöffnete Durchreiche. Ehe wir uns versahen, hatten wir jeweils einen Taco mit drei Schälchen gefüllt mit verschiedenen Salsas vor uns. Etwas schüchtern trat uns die Bedienung mit Messer und Gabel entgegen. Als wir zu verstehen gaben, dass dies nicht notwendig sei, atmete der Mann beruhigt auf und sagte mit breitem Grinsen "Muy Bien" ("Sehr gut"). Unser zweites Taco-Erlebnis war bei einer jungen Straßenverkäuferin. Verlegen kochte sie für uns, als seien wir die ersten Touristen, die sie je gesehen hatte. Wieder erhielt jeder seinen Taco. Eine Mahlzeit, bei der eine Portion lediglich dem Geschmackserlebnis dient, denn ein Taco ist kein Taco. Verständlicherweise wollten wir aber verschiedene Verkäufer ausprobieren, zumal ein Exemplar gerade einmal 12-15 Pesos kostete, was umgerechnet 0,80 Cent entspricht. Sie reichte uns die mit Folie umwickelten Teller über die Garküche, auf der das Objekt der Begierde lag, welches im Nu verschlungen war. Die bloße Beobachtung der Zubereitung war allein ihr Geld schon wert. Unsere letzte Ration nahmen wir bei einem weiteren mobilen Taco-Verkaufsstand ein, welcher tatsächlich einen separaten Angestellten besaß, der vornehm herausgeputzt mit Schreibblock, wie in einem Restaurant, unsere Bestellung aufnahm. Es war jedoch nicht überkandidelt, denn die anderen Kunden konnten sichtlich dem Arbeiter Milieu zugeordnet werden. Ein skurriles Bild gab es trotzdem ab, aber so erhielten wir den Taco al pastor, dessen mariniertes Schweinefleisch bei offener Flamme am Spieß gegrillt und mit Ananas, Koriander, Zwiebeln und einer Chili-Limettensoße sehr schmackhaft zubereitet wurde. Ein weiteres Klischee bewahrheitete sich im Laufe unseres Rundgangs, nämlich jenes der Liebe zur Schärfe, denn es ist egal, ob über die frisch geschnittene Mangos oder Popcorn - Schärfe, im besonderen in Soßen, ist ein Muss in der mexikanischen Küche. So auch in Felipe Carrillo Puerto, wo wir mit dem Bus einen Zwischenstopp am Bahnhof einlegten, bei dem eine Frau ihre Tacoware hoch getürmt auf einem Tablett feilbot, die beim Kauf den letzten Schliff von ihr erhielten und uns den Weg nach Bacalar vortrefflich zu verschärfen wussten. Städte gab es ansonsten übrigens kaum, dafür grün über grün, kaum ein Seitenweg durchbrach diese Regel. An unserem Ziel angekommen, stiegen wir an einer Hauptstraße aus, nicht wissend, ob wir später noch Gelegenheit zu Essen haben würden, weil unsere Unterkunft außerhalb lag. Daher besorgten wir kurzerhand, inspiriert von den bisherigen Erfahrungen, sämtliche Zutaten für vegetarische Tacos zusammen. Maisfladen, schwarzer Bohnenmus, Kartoffeln, Tomaten, rote Zwiebeln, Limetten und selbstverständlich schärfende Habanero Soße et voilà, so wurden wir vom Konsumenten zusätzlich zum Produzenten, während in wiederkehrenden Abständen brausende Gewitter über unsere kleine Hütte an der Lagune hinweg fegten. Es ist Nacht und wir sind wieder müde von der Sättigung in sämtlichen interpretierbaren Varianten. Mit letzten Kräften verfolgen wir die ruckartigen Bewegungen der Geckos, die gerade zur Jagd nach Insekten ausschwärmen. Sie wären sicherlich weitaus weniger agil, wenn sie bereits wie wir gegessen hätten.
Kleine Geschichten
Bacalar, den 3. November 2019 Bacalar ist ein unscheinbares Örtchen, welches der Highway 307 durchkreuzt. Es ist damit an jener Hauptverkehrsader gelegen, die Cancún mit der Hauptstadt des Bundesstaates Quintana Roo, namentlich Chetumal, verbindet. Als wir ausstiegen, fanden wir eine staubige Straße vor, Gemüseläden mit mehr Fliegen als Ware, einen Drive-In namens Autobeer, diverse selbsternannte Gourmetlokalitäten zum Einkehren, Geschäfte für Handwerkerbedarf, sonstige Krimskramsläden, die vorwiegend für Touristen Sandalen und Handtücher verkauften, eine Tankstelle und natürlich den Fernbusschalter des uns bekannten Unternehmens ADO. Ich könnte mehr aufzählen, was jedoch über den ersten Eindruck hinweg täuschen würde in ein ziemlich armes und, fast wäre ich geneigt zu behaupten, heruntergekommenes Dorf geraten zu sein, denn bislang verhieß der Fernblick in die geradlinigen Seitenstraßen, dass das einzige Leben dieser Ortschaft an dieser viel befahrenen Straße beheimatet ist. 24 Stunden später entdeckten wir dann aber den wahren Ortskern von Bacalar und revidierten dadurch unsere Meinung marginal. Es gab eine nette Markthalle mit umliegenden Läden, die ihre Frischware anboten, einen begrünten Rathausplatz und gegenüber sogar eine Festungsanlage, das Fort San Felipe, welches einst den Angriffen der Piraten nachgab. Wir kauften aus einem privaten Hinterhof von einer Familienmutter, deren Waschtag wir kurzzeitig unterbrachen, einen Liter Kokoswasser samt Fruchtfleisch ab. Es war köstlich und an der nächsten Straßenecke verdunstet. Dafür trug die Hitze jedoch keinerlei Schuld. Wer nach Sehenswürdigkeiten dürstet, wird auf dem Trockenen bleiben, obwohl ich meine ganz persönlichen Höhepunkte in den zahlreichen Graffiti-Kunstwerken fand. Die ansonsten unansehnlichen Mauern waren besprüht mit farbenfrohen Motiven, die trotz jener Freude an Farben düster wirkten und so der Gegend einen unleugbaren Charme einhauchten. Davon abgesehen sind es die kleinen Geschichten, die lange in Erinnerung bleiben, so ein Vater, der mit seinem Sohn bedächtig die Fenstervergitterung seinen Hauses rostrot anstrich, wohl um dem natürlichen Lauf der Dinge zuvorzukommen, der sichtlich seinen Anfang nahm. Der Mann wird kaum für die herausragenden Sprühgemälde auf den Wänden verantwortlich sein, aber er hat ein anderes, nicht minder wertvolles Talent, was Genügsamkeit heißt. Ein Blick durch den offen stehenden Türspalt offenbarte, dass es nur drei Wände gab, die in den Innenhof mündeten. Ein Spinnennetz aus Wäscheleinen überspannte den dachlosen Raum und obwohl andernorts diese Umstände als Mangel an Lebensqualität zählen würden, strich er seelenruhig, Pinselzug um Pinselzug weiter mit seinem Sohn die Vergitterung, ohne dass das Endresultat frappierend vom Ursprungszustand abwich, er ist eben zufrieden mit dem, was er nicht hat. Das man hingegen auch mit nennenswerten Besitz glücklich sein konnte, zeigte uns Ginny, eine Mittsiebzigerin aus Oregon, die vor 20 Jahren nach Mexiko reiste und wusste, dass ihr Leben im Rentenalter nicht zu Ende ist, sondern erst beginnen würde und die deshalb ein Grundstück direkt an der bekannten Lagune der sieben Farben erwarb. Laut eigenen Aussagen, die die gastfreundliche Dame in Hülle und Fülle gewährte, kaufte sie zu erschwinglichen Preisen, mittlerweile soll der Grundbesitz Millionenschwer sein. Sie behauptete allerdings bei einer Autofahrt ins Zentrum auch, dass Bacalar früher, also als sie hierher zog, 10.000 und anno 2019 über 30.000 Einwohner hat, richtigerweise sind es jedoch 11.000. Doch selbst mit heraus gekürzter Übertreibung glauben wir ihr in Sachen Werthaltigkeit ihrer Immobilie. Nebst eines großen Grundstücks in Hanglage, hat sie weiterhin fünf Gebäude, ein Doppelstöckiges für sich, eines für das angestellte mexikanische Hausmeisterehepaar und drei weitere Häuser zum Vermieten, bei dem eines schöner ist als das nächste. Wir bewohnen aktuell das La Palapa. Eine Villa mit runden Grundriss, die sich in die exotische Pflanzenwelt zwischen Veitchia- und Kokospalmen einfügt. Innen führt eine Wendeltreppe zum Schlafbereich direkt unter das mit Palmwedeln gedeckte Dach. Außen ist eine üppige Terrasse mit geschwungenen weißen Steingeländer, von der aus das Lagunentürkis durch jede Lücke funkelt und nach Aufmerksamkeit lechzt. Von dort sehen wir ebenfalls den Steg, der zu unserer privaten Cabana führt. In dieser Umgebung würde ich gerne arbeiten! Nein nicht Ferien oder Urlaub machen, sondern morgens wie abends ein Bad nehmen, zwischendurch Siesta halten, Bücher lesen und nach Sonnenuntergang schreiben, bis mir der Stift vor Müdigkeit aus der Hand fällt. So bleibt uns von diesem Traum eine Kostprobe, die zwar nicht sättigt, aber von der wir trotzdem froh sind, probiert haben zu dürfen. Es ist Dunkel, nur die Grillen und Geckos singen ihr Abendständchen. Bereits mit Anbruch des neuen Tages packen wir unsere Taschen und sind verschwunden, nichts wird uns vermissen, deswegen nahmen wir eine Erinnerung mit und entrissen sie der Lagune! Wir schritten über den Steg bis wir bei der Cabana waren. Die Badesachen waren noch klamm vom vorherigen Schwimmen, weswegen sie unbenutzt auf der Liege blieben. In südlicher Himmelsrichtung erkennen wir den gedämpften Lichtkegel von Chetumal, der aber von einer Myriade aus Sternengeflechten verschlungen ward. Einen Moment zögern und der Sprung ins undurchsichtige Schwarz war getan. Den Kopfsprung habe ich von selbiger Position zig Mal getan, aber diesmal erhöhte er mein Adrenalin, denn je weniger ich sah, desto mehr erwachte meine Fantasie. Ist das wirklich Seegras unter mir? Da war es ohnehin zu spät. Lächelnd konstatierte ich, dass die Wassertemperatur selbst zu dieser fortgeschrittenen Stunde keine sonderliche Abkühlung bietet, wie eine Badewanne, aus der man ungern steigt. Wir ließen uns auf dem Rücken treiben, nein wir schwebten mit dem Kopf in den Sternen als seien wir die leuchtenden Himmelskörper und da passierte das Zauberhafte! Der Schweif einer Sternschnuppe wurde länger und länger, bis sie nach einem Aufflammen gänzlich verschwand. Ich hatte also einen Wunsch frei und wünschte mir, dass diese kleine Geschichte lange in Erinnerung bleibt.
Mexikanisches Mädchen
Caye Caulker, den 4. November 2019 Junges Mädchen Warum verbirgst du so Dein Städtchen Oder gar ganz Mexiko? Es ist Dunkel Zugezogen ist dein Vorhang Ich hör Gemunkel Sag, wovor ist dir bang? Von dunklen Flecken ruiniert? Am schönsten gilt der Jaguar Wenn die Scheckenpracht ihn ziert Drum sei für jede dankbar! Junges Mädchen Hab dank für deinen Mut Klein wirkt das Wehwehchen Wenn aus ihm wächst ein holdes Gut!
Der König ist tot, lang lebe der König!
Caye Caulker, den 4. November 2019 Adios Mexiko - Welcome Belize. Das Ende des einen, ist der Anfang des Nächsten, wie es die französische Heroldsformel zum Ausdruck bringt. Wir waren in den wenigen Tagen auf der Yucatán-Halbinsel in Mexiko ausgesprochen glücklich. Wir fühlten uns willkommen und hatten nach der Abfahrt sogleich Fernweh bekommen, obschon wir gerade eben nur knapp zwei Seestunden vom mexikanischen Festland entfernt sind, aber der Reihe nach. Für uns beide war der Tag des ersten internationalen Grenzübertritts angebrochen. Nachdem wir aus Erfahrung berichten konnten, dass ein Spaziergang in praller Hitze auf dem Highway möglich, aber nicht sinnvoll ist, hatten wir uns für den Rückweg von unserer Unterkunft nach Bacalar ein Taxi bestellt. Mit Marschgepäck wäre die Strecke ohnehin wesentlich beschwerlicher geworden. Ohne Bargeld in der Hosentasche setzte uns der Taxifahrer deswegen am Park neben den Geldautomaten ab. Während Bianca Geld abhob, verkürzte ich die Wartezeit, indem ich mit dem Fahrer über unser nächstes Ziel Chetumal sprach. "Mit dem Taxi?" "Nein, mit dem Bus." "Ah, zur Busstation fahren?" "Nein, wir laufen." Der Zeitfüller war geglückt und der Taxifahrer fühlte sich dem Anschein nach ebenso von der Bezahlung, wie von meiner Scharade beglückt, als ich ihm verständlich machen wollte, dass wir laufen. Es sah aus als wolle ich Skilaufen, aber das kannte er wahrscheinlich nicht. Kurzum, die Strecke ist von geringer Distanz, aber jeder Mexikaner, der eine adäquate Alternative zum Laufen sieht, nimmt diese wahr. Selbst in Europa, zum Beispiel im portugiesischen Lissabon, galt unmotorisierten Fortbewegen lange Zeit als Zugeständnis der eigenen Armut, deswegen blieb trotz eines grünen Rucks Fahrräder als verpönt. In Mexiko wurden Fußgänger mit Gepäck, nicht weniger seltsam beäugt. Der Eindruck entstand, dass das Geld für einen gebrauchten Pick-up oder einen nostalgischen VW Käfer nahezu immer ausreichte. Gerade die deutschen Modelle erfreuten sich großer Beliebtheit. In einem senffarbenen Käfer klebte in der Heckscheibe sogar die Schwarz-Rot-Goldene Flagge als Aufkleber mit der Inschrift 'Führer Wagon Club' - Deutsche sind im Allgemeinen hier besser angesehen, als auf anderen Erdteilen. Wir trafen unseren Taxifahrer wieder, als wir die Busstation erreichten. Prompt ahmte er meine vorherige Bewegung lachend nach, während er seinen nächsten Kunden bediente. Wir beobachten danach die Mechanismen, die griffen, sobald ein Bus anhielt. Ein Sandwich- und ein Knabbergebäckverkäufer stürmten ad hoc den Bus, der dritte im Bunde trug die Salsa und folgte mit etwas Verzögerung, durfte aber natürlich nicht fehlen. Ein schweißtreibendes Business seine Waren unter diesen Anstrengungen anzubieten, aber es funktionierte. Wir wurden natürlich auch angesprochen, jedoch nur einmal. Der Mexikaner drängt sich nicht auf, er fragt höchstens einmal und bohrt bei einer Verneinung nicht weiter. Diese Feststellung ist uns sooft widerfahren, weswegen wir sie ohne schlechtes Gewissen verallgemeinern können, so wie die Eigenheit, dass die Person, die mit einer Frage nichts anzufangen weiß, häufig einfach mit "Si" und noch häufiger mit "Si Si" bestätigt. Auf diese Weise warteten wir auf der falschen Straßenseite auf unseren Bus und stiegen aller Voraussicht nach auch zu früh aus diesem aus. Direkt nach dem Ausstieg konnten wir darüber bereits lachen, wenngleich der Weg durch Chetumal, bei dem ich mich permanent fragte, ob wir durch ein Ghetto oder einen noblen Vorort gingen, scheußlich anzusehen war. Die im Zenit stehende Sonne tat ihr übriges, aber trotz aller Widrigkeiten erreichten wir rechtzeitig den Hafen von Chetumal, um die einzige Fähre des Tages nach Belize zu bekommen. Auffällig waren die dort angebrachten Hinweisschilder, die vor Krokodilen warnten, aber warum? Bei dieser tristen Umgebung würde ich als Panzerechse vermutlich keine Zeit in Chetumal verschwenden. Die Tickets sind gezahlt nach erster Uneinigkeit über den Preis und wiederholtes Geldabheben, danach füllten wir das Immigrations-Formblatt für die Einreise nach Belize aus und mussten für die Ausreise 558 mexikanischen Pesos berappen, umgerechnet 63 Euro. Als Befürworter der 'No Borders, No Nations'-Idee wurde ich vom bürokratischen Eifer eingeholt. Eine einzelne Frau wies somit geschätzt 50 Menschen aus. Wo ihr Arbeitsalltag endete, begann der Auftritt eines Militärs. Auf der schmalen Zufahrt zum Abfahrtshäuschen wurden zwei Reihen gebildet und einander gegenüber gestellt, das Gepäck zwei Schritte entfernt davor. Nun waltete der Polizeispürhund seines Amtes, der dabei fürs Protokoll von seinem schwer bewaffneten Herrchen gefilmt wurde. Eine groteske wie gleichsam witzige Situation, zumal währenddessen aus den Hafenlautsprechern laut Umberto Tozzi mit seinem berühmten Lied 'Ti amo' tönte. Das Festland schrumpfte zu einem schwarzen Gürtel, der Himmel und Meer zusammen zuhalten versuchte. Die Einreise in San Pedro war simpel. Alle, auch die Weiterfahrenden stiegen aus, um sich einen Einreisestempel zu organisieren, die Einreisegebühr zu bezahlen und um den nominellen Gepäckscanner zu passieren. Nominell deswegen, weil es zwar Sicherheitspersonal gab, die sich aber nicht im geringsten für eine Kontrolle interessierten und lieber weiter miteinander plauschten. Erneutes Verstauen unseres Gepäcks unter Deck und eine letzte Etappe konnten beginnen, diesmal führte sie direkt in den Sonnenuntergang, vorbei an Mangroveninseln auf die offene See, bis das Eiland Caye Caulker so groß gewachsen war, dass wir darauf stehen konnten. Die Menschen, die hier ihre Chauffeursdienste zur Unterkunft anboten, wirkten schlagartig aufdringlicher, freilich der Armut geschuldet, denn als ehemalige Kolonie Britisch-Honduras wurde ihnen selten etwas geschenkt, als letztes die Unabhängigkeit im Jahr 1981, jedoch gibt es weiterhin tragende Verbindungen zum britischen Empire, wie das Konterfei von Queen Elisabeth II. auf Geldscheinen, sowie Münzen, erahnen lässt. Durch Kooperationsverträge ist Belize auch stark an Guatemala gebunden, welche stets darauf lauern, das Land komplett in Anspruch zu nehmen, wie natürlich ebenso der andere Nachbar Mexiko. Da bekommt der lateinische Sinnspruch auf der Nationalflagge 'Sub umbra floreo' ('Im Schatten blühe ich auf') gleich eine weitreichende Bedeutung. Auf der Suche nach unserer Unterkunft, die sich direkt an den Anlegern befinden sollte, verneinten wir jegliche Hilfe, denn wir konnten noch kein Vertrauen fassen, wo wir Mexiko schmerzlich vermissten! Wir überwanden uns schließlich und fanden, dank der Hilfe eines Rastafaris, unser Hostel - das Abenteuer Belize kann beginnen.
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