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Antje Maria T. Frings

Gesternland

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1.Fernweh

2.Sharjah Police-Department

3.Expat-Enklave: Arabian Ranches

4.Einweihungsparty in Mirdif

5.Begegnungen

6.Kochkurs

7.Expat-Alltag

8.Ausflug in die Wüste

9.Sveas Affaire

10.Karama

11.Gartenparty

12.Glaubensfragen

13.Aufbruch

14.Abschied

Impressum neobooks

1.Fernweh

Nadja beugt ihre Schultern vor, zieht die Vorderseiten der grauen Alpaka-Strickjacke übereinander und verschränkt die Arme. Sie schaut durch das weiße Sprossenfenster in den Garten. Kraftlos vegetiert der moosdurchsetzte Rasen vor sich hin. Die Blätter der alten Bäume und mannshohen Büsche haben sich bunt verfärbt. Nur noch wenige Wochen und die Bäume werden wie Mahnmale im Garten stehen. Dann passt das graue Licht dazu. Oder wird es nur noch einige Tage dauern, bis das letzte Laub abgeworfen ist? Sie erinnert sich nicht mehr genau. Zu lange ist ein Herbst her, den sie in Deutschland verbracht hat. Zu viel ist geschehen, dass sie sich an diese Jahreszeit erinnern könnte. Und eigentlich will sie sich auch nicht erinnern.

Hinter dem bedeckten Himmel steckt irgendwo die Sonne. Die Sonne, die woanders auf der Welt genau jetzt zu diesem Zeitpunkt strahlend scheint. Was würde sie darum geben, die Zeit zurückdrehen zu können. Warme Sonnenstrahlen auf der Haut spüren, orangefarbenes Licht hinter d en geschlossenen Augen wahrnehmen und sich leicht und lebendig fühlen. Stattdessen schleppt sie sich schwer und träge in die Küche, stellt den Wasserkocher an und bereitet eine Kanne für schwarzen Tee vor. Sie lächelt. Wie oft hat sie in den vergangenen Jahren morgens Tee gekocht und Mohamad davon in einer Thermoskanne mitgebracht, wenn sie zum Schwimmen an den Pool ging. Er hat sich jedes Mal über die Geste gefreut. Den Tee hingegen hatte er kritisiert. Zu dünn oder zu lange gezogen oder die Bergamotte-Note im Earl Grey passte ihm nicht. Sie hatte sich darüber immer amüsiert. Bei grauem Novemberhimmel und nasskaltem Wind hätte sie sich dagegen maßlos geärgert und den Tee-Service sofort eingestellt. Er hatte sich auch immer gefreut, sie frühmorgens zu sehen. Eine der wenigen Bewohnerinnen der Community, die sich auf Augenhöhe mit dem Lifeguard unterhielt. Die ihm das Gefühl gab, nicht nur Service-Personal zu sein. Und sie? Sie hatte den fremdartigen Einfluss in ihrem Leben genossen. Vielfältige Freundschaften – nicht nur hinsichtlich der geografischen Herkunft.

‚I don’t feel comfortable to keep in touch with you.‘ Nadja lässt sich seine letzten, an sie gerichteten Worte auf der Zunge zergehen. Du biegst Dir deine Welt, wie sie Dir gefällt. Ich hätte allen Grund gehabt, den Kontakt zu beenden! Ich, nicht Du! Wäre so etwas wie eine Freundschaft überhaupt jemals möglich gewesen? Nach all dem? Eine Freundschaft zwischen einer Christin und einem Moslem?

Sie greift zu ihrem Handy. Der WhatsApp-Info zu urteilen war Rebecca bereits online. „Ich bin‘s Nadja.“ Nadja stellt sich vor, wie Rebecca verschlafen im Yoga-Outfit ihre Sonnengrüße in Angriff nimmt und dieser Anruf das Vorhaben gerade vereitelt.

„Ich ruf Dich in zehn Minuten zurück.“

„Ich freu mich darauf!“ Sie meint es ernst und schenkt sich lächelnd eine Tasse Tee ein. Der Geruch katapultiert sie augenblicklich wieder zurück. In die räumlich und zeitlich ferne Welt. Nicht die real gemessene Zeit, mit einem aktuellen Zeitunterschied von drei Stunden. Die gefühlte Zeit, die sie glauben lässt, ihr Leben dort muss lange her gewesen sein oder vielleicht auch nur geträumt. Der durchdringende Telefonton reißt sie aus ihrem Versunkensein. +41 – die Schweizer-Vorwahl.

„Bist Du mit deinem Yoga-Programm schon durch?“

„An Yoga ist momentan gar nicht zu denken. Der Morgen ist dem Baby vorbehalten. Und der süße Fratz hat für mich derzeit kein morgendliches Yoga vorgesehen.“

„Lass uns zusammen in die Emirate fliegen!“

Rebecca verschluckt sich, ringt nach Luft und räuspert sich. „Fernweh, meine Liebe?“

„Ich weiß nicht…. Vielleicht…Ich glaube schon. Und ich wollte deine Stimme hören.“

„Meine Stimme gibt es nur noch im Doppelpack: hör mal…“ Nadja hört zufriedenes Gebrabbel und Gegluckse.

„Pack ihn ein, nimm ihn mit. Wird höchste Zeit, dass er alles dort kennenlernt. Seinen Zeugungsort.“

Stille.

„Du hast Nerven!“

„Ich meine es ernst. Wir besuchen Nina.“ Nadja lächelt bei dem Gedanken an Nina und ist sich in dem Moment hundertprozentig sicher, dass sich Nina über nichts mehr freuen würde. „Nina, Du und ich – wir drei. Als wäre keine Zeit vergangen, alles so wie früher. Ich komme mit dem Direktflug ‚Hamburg – Zürich‘ und hole Dich ab.“

„Nadja, nichts kann mehr so sein wie früher. Nach all dem was passiert ist. Und Du weißt auch, dass ich mir meinen gegenwärtigen Alltag anders vorgestellt habe. Bei Dir ist alles glimpflich ausgegangen. Überlege mal, was damals hätte passieren können. Dann wärst Du froh gewesen, noch rechtzeitig nach Deutschland zu kommen. Hast Du das denn alles vergessen?“

Ein Kloß macht sich in Nadjas Hals breit.

Wieder Stille.

„Nadja, es tut mir leid, ich lebe im Hier und Jetzt. Alles andere war gestern.“

Langsam lässt Nadja den Telefonhörer sinken. Sie scheint in ein Scheinwerferlicht zu starren.

2.Sharjah Police-Department

Reflexartig kneift sie die Augen zusammen. „Was ist das?“

„Bolice! Fahr los!“

Vorsichtig blinzelt sie. Der grelle Scheinwerferstrahl leuchtet direkt in ihr Gesicht und schmerzt in den Augen. Ihre Gedanken erhalten einen Turbo-Boost, alle gleichzeitig, in Bruchteilen von Sekunden. Durchatmen. Sortieren. Sie schließt die Augen und atmet. Warum fällt den Arabern die Unterscheidung von B und P nur so schwer?

„Worauf wartest Du, Nadja, gib Gas, verdammt.“

In ihrem Gesicht zuckt es. Danke für die Kostprobe deiner Bauernschläue. Bolice. Dazu noch mit einer Betonung auf der ersten Silbe. Dann kann dein Ratschlag auch nichts taugen.

Als wäre eine Weiterleitung von Gehirn zur Hand unterbrochen, drückt sie trotzdem den Startknopf. Der Motor beginnt zu brummen. Sie muss irgendwie, und vor allem schnell, von diesem Parkstreifen herunter, zurück auf die Straße. Geradeaus, an dem auf der Straße stehenden Polizeiauto vorbei, und auf die Fahrbahn einscheren. Sie stellt den Schalthebel auf „D“. Als neben ihr eine Sirene aufheult, erstarrt sie, lässt ihre Schultern fallen und verliert sich für einen Moment auf dem monströsen Fahrersitz. Mohamad flucht und lässt hektisch die Rückenlehne des Beifahrersitzes aufrecht fahren. Aus Augenschlitzen funkelt sie ihn an. „Das hast Du mir eingebrockt.“ Und fügt auf Deutsch hinzu, „triebgesteuerter Macho-Arsch.“

Schnell anfahrend und abrupt bremsend schneidet der Streifenwagen den einzig möglichen Weg ab und parkt schräg vor ihrem Wagen auf dem Seitenstreifen. Das Blaulicht kegelt rhythmisch über der weißen Motorhaube. Nadja schließt erneut die Augen. Wegfahren zu wollen - was hat mich gerade bloß getrieben? Wie erkläre ich, dass nur ein Scheinwerferlicht für mich keine Polizeikontrolle bedeutet?

Erneut drückt sie den Startknopf und der Motor verstummt. Zwei Polizisten in khakifarbenen Uniformen und mit Schusswaffe am roten Gürtel steuern auf ihren Wagen zu. Vor jedem Fenster ein Beamter.

Gott-sei-Dank, der Rock reicht über die Knie. Ich trage ein langärmeliges Shirt. Meine Haare sind wenigstens hochgesteckt. Und mein Dekolleté ist bedeckt.

Sie fährt die Scheibe herunter. Ein Polizist steckt den Kopf in ihr Fenster, schnüffelt und schaut ihr ins Gesicht. „Die Papiere.“

Könnte man Sex eigentlich riechen? Sie greift ihre Umhängetasche von der Rückbank und zieht ihr Portemonnaie heraus. Sie reicht ihm einen emiratischen Führerschein.

„German?“

Sie nickt und hört gleichzeitig, wie Mohamad lautstark mit dem anderen Beamten spricht oder streitet.

Selbst ein „ich liebe Dich“ muss auf Arabisch aggressiv und bedrohlich klingen – jedenfalls von einem erregten Mann gesprochen.

Angestrengt versucht sie Wortfetzen aus dem Dialog neben sich herauszuhören: „eine Bekannte…bringt mich nach Hause…in Sharjah… einem Arbeitercamp….“

Okay, keinerlei falsche Anschuldigungen von Verführung...vielleicht haben sie seine Körperhaltung vorher nicht bemerkt…

Ihr Herz schlägt bis zum Hals.

„Your car?“ Der Polizist hält fordernd eine Hand in die Fensteröffnung. Drei Finger der ausgestreckten Handfläche schwingen energisch auf den Handballen und zurück.

Fahrzeugpapiere. Er will die Fahrzeugpapiere.

Sie wühlt erneut in ihrer Handtasche und schüttelt den Kopf. „My husband‘s car“ und streckt ihm das Dokument entgegen.

Er neigt sein Gesicht tiefer in das Fenster und zieht langsam die Augenbrauen hoch. „That’s interessting.“ Er riecht nach Zigarettenrauch.

Mit ihren Papieren in der Hand schlendert er zum Streifenwagen.

Der andere Polizist schaut ins Beifahrerfenster. „Aussteigen.“

Sie schluckt, riskiert einen Seitenblick zu Mohamad. Er zieht eine Augenbraue schräg und schüttelt langsam den Kopf. „Du bist ver-hei-ra-tet!“, und lauter zum Polizisten gewandt: „Ich auch?“

„Natürlich Du auch. Los jetzt.“

Ich weiß nicht, ob meine Knie mich tragen.

Beim Aussteigen greift der Polizist ihren Ellenbogen. Reflexhaft löst sie ihren Arm aus seiner Umklammerung, dreht sich zum Wagen und verriegelt ihn. Er packt sie am Oberarm. „Gib mir dein Handy.“

Zittrig fingert sie mit einer Hand ihr Mobiltelefon aus der Umhängetasche. Mit ihrem Handy in der Hand öffnet er die Fahrzeugtür des Streifenwagens und drängt sie auf die Rückbank. Gegenüber öffnet der andere Beamte die Tür, schaut Mohamad an und nickt ins Wageninnere. Mohamad rührt sich nicht. „Wohin fahren wir?“

„Auf die Wache. Steig‘ ein.“ Er schlägt hinter Mohamad die Tür zu. Sie fahren los. Vom Beifahrersitz dreht er sich langsam nach hinten, betrachtet Nadja von Kopf bis Fuß und hält ihr schließlich ihr Handy entgegen. „Die Nummer deines Ehemanns, bitte.“

Vorgebeugt drückt Nadja die Tastenkombination für die Entsperrung, geht auf ihre Anrufliste und tippt auf den obersten Eintrag: Henny. Er lehnt sich zurück und wählt. „Vermissen Sie Ihre Frau gar nicht? Wir haben sie aufgegriffen. Kommen Sie bitte zur Polizeiwache in Sharjah. Al Buhairah.“

Nadja schluckt und befeuchtet ihre Lippen. Sie greift an ihren Hals und schluckt erneut. Aus den Augenwinkeln sieht sie die Leuchtreklamen der kleinen Shops, die wie bunte Plastikperlen auf einer Kette den Straßenverlauf säumen.

Lautes Stimmengewirr, Menschengewusel, unterschiedliche und schrille Klingeltöne prallen auf sie ein, als sie in den Eingang des Polizeigebäudes geschoben werden. Weißes Neonlicht scheint aus den Deckenröhren. Mohamad und Nadja werden in unterschiedliche Büros geführt. Nadja schaut sich hilfesuchend um. Telefone und Kaffeebecher stehen auf zwei Schreibtischen. In der Ecke ein Schreibplatz mit PC. Man weist ihr einen Holzstuhl zu. Mitten im Raum. Ständig gehen Türen auf und wieder zu und Uniformierte betreten die Schreibstube. Nach einiger Zeit des Wartens öffnet sich die Tür in ihrem Rücken und sie kann nur ahnen, wer kommt. Henny streicht ihr über den Schultergürtel. „Nadja, alles in Ordnung?“

Sie steht auf und stolpert in Hennys Arme, Tränen laufen über ihr Gesicht. Sie vergräbt ihr Gesicht in seine Halsbeuge und flüstert: „Ich habe Mohamad nach dem Unterricht nach Hause gebracht. Sein Bus war weg.“

„Schluss mit der Theatralik. Setzen Sie sich bitte. Beide.“ Henny wird ein Stuhl an der Seite eines Schreibtisches angeboten. Er zwinkert ihr zu, und wendet sich an den Polizisten, der ihn hereingeführt hat. „Das ist ein blödes Missverständnis, und Sie tun uns einen großen Gefallen, wenn wir das hier schnell aus der Welt bringen. Unsere kleinen Kinder sind allein zu Hause.“

Der Polizist nickt. „Mr. Nasser wird gleich hier sein.“

Eine Tür schwingt auf. Der eintretende Polizist hält mit der linken Hand ein Handy an sein rechtes Ohr und spricht. Über den Brillenrand mustert er kurz Nadja auf ihrem Stuhl. Er setzt sich auf die Tischplatte vor Henny. Abwechselnd bölkt er auf Arabisch oder nickt. Nach einer längeren Folge, von „tayib…tayib…tayib…“ legt er schließlich auf und dreht sich zu Henny. „Das“, er zeigt mit dem Finger auf Nadja, „ist Ihre Frau?“

Henny nickt.

„Und was macht Ihre Frau nachts mit einem Mann in Ihrem SUV in Sharjah?“

Henny schluckt. „Mohamad ist der Lifeguard in unserer Community und bringt meiner Frau Arabisch bei. Sie hat ihn freundlicherweise nach Hause fahren wollen.“

Der Beamte richtet seinen Blick auf Nadja und spricht sie auf Arabisch an. Nadja reagiert, mit einem langgezogenen „yanni, al-Hamdu’lillah.“

Der Polizist grinst, dreht sich zu Henny. „Vielleicht melden Sie ihre Frau besser für einen offiziellen Sprachkurs bei einer ausgebildeten Lehrerin an. Dann lernt sie nicht Ägyptisch.“ Er steht auf, spricht zu seinem Kollegen, der Nadjas Papiere und Mobiltelefon Henny überreicht. Mr. Nasser greift zur Türklinke und dreht sich zu Henny. „Und passen Sie ein bisschen besser auf ihre Frau auf. Sie braucht offensichtlich Rechtleitung.“ Er verlässt den Raum.

Die Straßenlaternen verströmen wohlig gelbes Licht und weisen den Weg in der Dunkelheit. Mitten in der Nacht. Nadja seufzt, „danke, Henny.“ Sie schaut aus dem Beifahrerfenster und lässt die auf sie zukommende Skyline auf sich wirken. Sie schließt die Augen und atmet tief ein und aus.

Henny schweigt und gibt Gas.

„Es tut mir leid. Ich habe niemanden in Schwierigkeiten bringen wollen“, flüstert sie, „am wenigsten Dich.“

Mit durchgestreckten Armen krallt Henny in das Lenkrad und starrt geradeaus auf die Fahrbahn. „Tu mir einen Gefallen und lass mich mit Deinem Scheiß in Ruhe.“ Er drückt das Gaspedal weiter durch.

Nadja schaut durch einen Tränenfilm auf die Bauzäune entlang der Sheik Mohammad bin Zayed Road.

3.Expat-Enklave: Arabian Ranches

„Ich hätte fast nicht mehr mit Dir gerechnet“, ruft Nina von ihrem Liegestuhl und beobachtet wie Nadja blitzschnell mit einem Fuß die massive Tür zum Pool vor dem Zufallen bewahrt und sich seitwärts in voller Größe und mit eingezogenem Bauch dagegen presst. Zwei Jungs drängeln sich an ihrer sperrigen Umhängetasche und einem aufgeblasenen Schwimmtier vorbei und rennen zum Planschbecken.

„Noch habe ich es nicht geschafft.“ Nadja lacht. „Du könntest mir ja mal helfen!“

In zackigem Gang kommt Nina auf sie zu, durchtrainiert und athletisch. Ihr Körper hat seine Turner-Vergangenheit nicht vergessen. Im selben Moment ertönt erst ein Platschen, dann ein Schrei. Alexander scheint konzentriert abzuwägen, ob er es mit seiner kurzen Hose noch eine weitere Stufe tiefer ins Wasser des Planschbeckens wagen kann und reicht seinem Bruder schließlich die Hand. Fred lässt sich lachend zum Rand ziehen und setzt sich klitschnass auf eine Stufe. Bevor der Lifeguard am anderen Ende des Schwimmerpools überhaupt etwas bemerkt, ist Nadja bei ihren Kindern. Fred schlägt abwechselnd die Füße auf die Wasseroberfläche des knietiefen Beckens und johlt, wenn die Spritzer Alexander erreichen. Vorwurfsvoll schaut Alexander seine Mutter an. „Ab jetzt passe ich nicht mehr auf“, und läuft zum Ausgang zurück. Nadja streckt ihren Hals und sieht Alexanders Freund Fin an der Tür stehen und Alexander zu sich winken. Sie nickt, hockt sich neben Fred und lässt sich bespritzen. Fred gluckst vor Vergnügen, reißt seine wenigen Klamotten herunter und springt ins Becken zurück.

„Nein, erst eine Badehose anziehen. Komm wieder raus, Fred.“ Noch während sie spricht geht sie zu ihrer hektisch abgeworfenen Badetasche und kramt nach passenden Badesachen. „Muss doch hier irgendwo drin sein“, murmelt sie. Während sie sucht, planscht Fred vergnügt im Becken und quietscht vor Freude. „Was ist eigentlich dabei, einen kleinen Jungen nackt planschen zu lassen? Der geht schon auf Klo, wenn er muss. Aber nun gut…“. Nadja schimpft vor sich hin und sucht immer noch nach einer Badehose. „Ein bisschen eng vielleicht…mittlerweile“, brummelt sie, zieht eine Badeshorts hervor und legt sie auf die Steinfliesen. Aufgerichtet zeigt sie mit dem Finger auf den Boden. „Fred, anziehen!“. Sie schwingt den Taschenhenkel über ihre Schulter und steuert auf die freie Liege zu, die Nina gerade dichter an ihre rückt. Nadja setzt sich. „So, der Nachmittag kann beginnen.“

Nina nickt mit dem Kopf zum Planschbecken. „Ungewohntes Bild, übrigens.“

„Dass er nackt in den Pool springt?“

„Dass er sich selbst anzieht.“

„Ich bitte Dich, er ist vier Jahre alt“, murmelt Nadja. „Nur weil andere von ihren Maids angezogen werden...." Sie schüttelt den Kopf.

„Hi. Fred is all right?“ Der Lifeguard steht etwas unschlüssig vor ihnen.

„Because of his jump into the water half an hour ago you mean? You’re the lifeguard on duty today?” Herausfordernd grinst Nadja ihn an. „Hi Mohamad, how’re you? How’s your everyday life here without the most welcome family?“

„Al-Hamdu’lillah, thank you, kullu tamam – everything is fine.“ Nadja zieht ein Badelaken aus ihrem Korb, zieht ihr Trägerkleid über den Kopf und macht es sich auf der Liege bequem. Mohamad schaut erst auf den Fliesenboden, dann in die Bougainville-Büsche hinter dem schmiedeeisernen Zaun, nickt schließlich Nina und Nadja zu und verdrückt sich an seinen Platz unter dem verblichenen Sonnenschirm.

Nina schaut hinterher. „Ist irgendwie auch ätzend den ganzen Tag hier in der Hitze am Pool.”

„Fünfzehn Stunden lang.“

„Wie lange?“

„Der Pool öffnet morgens um halb Acht und schließt abends um halb Elf.“

„Aber da gibt es doch einen Schichtwechsel.“

„Klar und einen Betriebsrat.“

„Wer kann es denn fünfzehn Stunden bei über 45 Grad draußen aushalten?“

„Auf den Baustellen gibt es keine Sonnenschirme.“

„Von seinen Arbeitszeiten wusste ich nichts. Aber ich bin auch nicht so konsequent morgens, mittags und abends am Pool wie Du. Zumindest früher.“ Sie wartet auf eine Reaktion. Aber Nadja döst. Nach einer Weile fragt sie schläfrig, „bist Du heute eigentlich schon geschwommen?“

„Halbherzig. War so voll als ich kam… Naja, und auch heiß. Also eher heiß als voll.“ Sie lacht und fährt fort, „tatsächlich war nur die disziplinierte Italienerin im Pool und zog eisern in sengender Hitze ihre Bahnen. Mindestens vierzig.“

„Die, die sich mal über Mohamads Beten am Pool beschwert hat?“

„Die Story kenn‘ ich gar nicht.“

„Echt nicht? Mohamad hat früher immer irgendwann seinen Gebetsteppich da hinten am Zaun ausgerollt und gebetet. Und sie hat ihn dann gefragt, ob Gott in der Zeit ein Auge auf die Nichtschwimmer hätte.“

Nina kann sich vor Lachen kaum auf der Liege halten. „Ist aber auch eine berechtigte Frage.“

Nadja grinst. „Klar. Aber es gibt in der fünfzehn- Stunden-Schicht auch keine Pausen. Da fallen dann, lass mich überlegen, Dhur, Asr, Mahgrib und Isha, also bis auf das Sonnenaufgangsgebet eigentlich alle Gebete während seiner Arbeitszeit an.“

Nina bläst ihre Wangen auf und dreht sich um. „Wo sind Fin und Alexander überhaupt?“

Durch die rotblühenden Bougainville und die dahinter beginnende Abtrennung des Tenniscourts sieht sie ihren Sohn einen Tennisball mit der Hand übers Netz schlagen. Auf der gegenüberliegenden Seite erkennt sie Alexander, der den Ball annimmt und zurückschlägt. Nadjas Blick kreist zum Kinderbecken. Fred plantscht zusammen mit einem britischen Jungen unter der Aufsicht einer Maid. Sie dreht sich zu Nina und gibt das Startsignal: „Wir können ungestört schwimmen!“

„Na, dann los.“

Sie haben das Becken fast für sich allein und schwimmen ihre Bahnen. Jede in ihrem Tempo und ohne Gequatsche – so war es immer schon. Mohamad steht am Beckenrand und kommentiert, „good Swim-Style, Nadja!“ Nadja streckt ihren Kopf kurz aus dem Wasser. „Thank you – thanks for having taught me.“

Wieder geht die schwere Tür zum Pool-Bereich auf. Rebecca. Sie ist allein. Ihr dunkles Gesicht und ihr ledriges Dekolleté bezeugen ihre tägliche Beschäftigung: das Chillen am Pool. Sie stellt sich an den Beckenrand. „Nadja! So eine Überraschung! Hattest Du Heimweh?“

„Ich fühle mich, als wäre ich nie weggewesen.“

Nadja schwimmt zur Treppe und setzt sich auf eine der unteren Stufen.

„Wie ist es denn in Mirdif? Habt ihr euch schon eingelebt?“

„Es ist okay. Nicht mit dem Komfort hier zu vergleichen, aber in Ordnung. Das einzige, was echt nervt, ist der Fluglärm. Du kannst Dich auf unserer Einweihungsparty davon überzeugen.“

„Oh cool. Wann denn?“

„Erstes Wochenende im Oktober.

„Ich weiß nicht, ob Stefan dann schon zurück ist, aber mich und meinen Beitrag zum Buffet kannst Du fest einplanen.“

„Gekochtes, Gebackenes oder Eingelegtes von Dir! Eine gesunde Party!“

Rebecca grinst. Sie rutscht eine Stufe tiefer und steckt ihre Füße in das Becken. „Das mit dem Fluglärm sagen ja viele. Aber das verändert sich doch, oder? Das hängt doch mit der Windrichtung zusammen. Dachte ich zumindest.“

„Kann ich mir nicht vorstellen, dass der Wind bei unserer Lage noch etwas ausrichten kann. Die Flieger gehen über unserem Pool runter. Die Jungs finden es super, die Nummern der Emirates-Maschinen lesen zu können. Alexander hat schon mit einer Art Flugtagebuch angefangen.“ Nadja schaut über sich in den blauen, flugzeuglosen Himmel. Alles ist hier größer, freundlicher, angelegter. Vielleicht kultivierter? Mirdif ist dagegen schäbig.

Mohamad schlurft langsam um den Pool und steuert scheinbar zufällig auf sie zu. „Hi Rebecca. How’re you? Where have you been this morning?“

Nadja guckt ihn irritiert an. So viel Vertrautheit. Macht er das absichtlich? Meint er, er könne mich eifersüchtig machen, in dem er sich für die nächste interessiert?“

„Svea had to see the doctor. Nothing serious but it took its time.”

„Svea?“, wiederholt er. „She’s all right, I hope.”

„As I’ve said, nothing serious. Just a check-up.”

Nadja mustert ihn von Kopf bis Fuß. Wieviel Neugier. Was geht es Dich an, welche Töchter hier wann zum Arzt gehen? „Hopefully she’s not pregnant“, wirft Nadja amüsiert ein. Sie grinst, als sie in Mohamads versteinertes Gesicht schaut. Rebecca wirft lachend den Kopf zurück. „Better not. I don’t want to become a Grandma that early!“

Mohamad starrt Nadja einen Moment direkt und trotzdem regungslos an, nickt dann in Rebeccas Richtung und geht weiter.

„Warum reagiert er denn jetzt so beleidigt?“

Nadja zuckt mit den Schultern. „Man muss ihn ja mal konfrontieren dürfen. Mit dieser Scheinheiligkeit, Doppelmoral, Bigotterie….“

„Ach, Du meinst, er ist echauffiert, weil wir ‚keinen Sex vor der Ehe‘ so leichtfertig abtun?“

„Auch. Obwohl ich das durchaus respektiere. Aber diese Maßstäbe sollten für ihn genauso gelten.“

„Habt ihr eigentlich einmal über diesen Vorfall in Sharjah gesprochen?“

Nadja schüttelt den Kopf. „Wir tun beide so, als wäre nie etwas gewesen. Klappt ganz gut, wie man sieht.“

„Er war verwirrt damals, oder? Er konnte deine freundliche Geste nicht von einem unmoralischen Angebot unterscheiden, nicht wahr?“

Nadja zuckt erst mit den Schultern und dreht sich dann zu ihr. „Willst Du seinen versuchten Übergriff etwa entschuldigen?“ Nadja beobachtet Mohamad auf der anderen Seite des Beckens. „Rebecca, eines Tages werde ich ihm noch einmal einen Spiegel vorhalten.“

Nina kommt zu den Treppenstufen geschwommen. „Sag mal, was ist eigentlich mit eurer Einweihungsfeier?“

„Ach ja, da waren wir stehen geblieben. Also, am Freitag in zwei Wochen. Dann wären wir, hoffe ich zumindest, soweit fertig… Ich meine, wenigstens soweit, dass man Gäste einladen kann.“

„Klingt gut, ist notiert. Was können wir mitbringen?“

„Ganz ehrlich, alkoholische Getränke. Wir haben unser Kontingent bei African + Eastern ausgereizt, als Hennis Vater neulich da war.“

Nina lacht. „Ich erinnere mich. Die lieben Schwiegereltern haben den sorgsam angesammelten Wein-Vorrat in kürzester Zeit dezimiert.“

Nadja schüttelt den Kopf. „Als wäre es Traubensaft! Und wir rationieren streng das ganze Jahr. Sparen für besondere Gelegenheiten. Und dann so etwas. Unsere Alkohol-Lizenz setzt uns einen recht strengen Rahmen…bei Hennis Einkommen.“

Rebecca blickt von ihren frisch lackierten roten Fußnägeln auf. „Ist das einkommensabhängig, wie viel man kaufen darf?“

Nadja nickt.

Nina setzt ihre Schwimmbrille ab. „Kein Problem. Jochen kommt bis dahin noch mindestens zweimal am Duty Free vorbei. Das ist ja auch eine Option an Alkohol zu kommen.“

„Dann kann ich über diesen Vertriebsweg auch gleich noch zwei, drei Flaschen Prosecco bei Dir bestellen?“

Nina hält abrupt inne. „A propos Prosecco kaufen, wie spät ist es eigentlich?“ Nina schaut auf ihr Handy und fährt erschrocken zusammen. „Was? Schon dreiviertel sechs? Ich dachte, es wäre höchstens vier Uhr!“

Nadja lacht. „Wie spät ist es eigentlich genau um dreiviertel sechs?“

„Witzig. Ich muss Jochen vom Flughafen abholen. Der kommt aus Doha zurück!“

„Dann kann er gleich die ersten beiden Flaschen mitbringen.“

„Deshalb fiel es mir doch ein!“ Nina springt auf und ruft in Richtung der Tennisplätze ihren Sohn, der nicht antwortet.

„Ich bring ihn Dir nachher rum“, sagt Rebecca.

„Ich trete auch demnächst meine Rückreise nach Mirdif an. Könnte Dir daher anbieten, deinen Mann abzuholen, falls er nicht schon in unserem Pool gelandet ist.“

Nina grinst und wendet sich an Rebecca. „Es wäre hilfreich, wenn Du Fin fährst. Er weiß, wo ein Schlüssel liegt, falls wir noch nicht zurück sind.“ Hektisch stopft sie ihre Badelaken ein und verschwindet mit einem „bis bald dann.“ Sie schüttelt den Kopf und kichert vor sich hin. „Hätte ich doch fast meinen Mann vergessen!“ Bis die Tür mit einem metallischen, dumpfen „Klock“ ins Schloss fällt.

Nadja setzt sich zu ihrem Sohn ins Wasser und begießt ihn mit einem Wasserstrahl aus einem Sandförmchen, das im Pool schwimmt. Fred juchzt. Könnte ich doch auch gleich zu Fuß in unsere Villa zurückgehen. Weiterhin in Nachbarschaft mit Rebecca. Sie taucht ins Wasser ein, saugt Wasser in ihren Mund und zielt es in einem geraden, starken Strahl mitten in Freds Gesicht. Fred schüttet sich aus vor Lachen. Der britische Junge ist mit seiner Maid schon nach Hause gegangen. It’s tea-time.

4.Einweihungsparty in Mirdif

Nadja schlendert mit verkniffenem Blick durchs Haus. Es ist keine große und stattliche Villa, wie vorher in den Arabian Ranches, aber es reicht für uns Vier. Und wir sind die ersten Mieter. Das Haus bildet zusammen mit fünf weiteren eine Reihe. Ein Townhouse. Klingt eigentlich ganz gut. Ein unspektakuläres Reihenhaus. Klingt nicht so gut. Aber das ist es. Versetzt zu dieser Reihe steht jeweils seitlich ein alleinstehendes Haus, das vom Makler als Villa angeboten wird. Diese unterbrochene Hufeisen-Formation umgibt einen Gemeinschaftspool. Eine hohe eingrenzende Mauer zur anderen Seite des Pools schließt das kleine Compound hermetisch. Blicke und Schritte nicht autorisierter Lebewesen sind hier drin unmöglich, in dem zubetonierten Hinterhof. Ein Hinterhof mit Pool, erreichbar über die Terrassen der Häuser. Hier muss man sich verstehen, wenn man ein entspanntes Leben führen will, war der erste Gedanke gewesen, der Nadja bei der Besichtigung durch den Kopf ging. Henny hatte es so gewollt: raus aus der Expatriate-Enklave. „Wenn Vereinigte Arabische Emirate, dann auch authentisch.“ Diese Worte klingen noch in ihrem Ohr, als er in der Nachbarschaft den bevorstehenden Umzug rechtfertigte. Auch wenn sich ein Gefühl von Tausend und einer Nacht hier nicht einstellen will. Es war nicht die einzige Motivation gewesen, in den einheimisch besiedelten Stadtteil zu wechseln.

Nicht alle Häuser sind bewohnt. Einige Nachbarn hatte Nadja am Pool kennengelernt und gleich zur Einweihungsfeier eingeladen: eine kanadische Familie mit zwei Töchtern im Teenageralter, Zwillinge offensichtlich, und eine schwedische Familie mit Kleinkind in Freds Alter. Mit dem alleinlebenden Schotten aus dem mittleren Haus hatte Henny auf der Straße Bekanntschaft geschlossen.

Wie Nadja dem Haus etwas Wohnliches verpassen sollte, ist ihr bis heute ein Rätsel geblieben. Und bisher gab es jeden Tag Besseres zu tun, als sich damit abzuquälen und so hatte sie die alten Vorhänge aufgehängt, die nun mit einem halben Meter Überlänge über den Boden wischen. Die zu großen, massiven Möbel stehen dicht gedrängt wie in der Lagerhalle eines orientalischen Möbelgeschäftes. Der Marmorboden ist kalt, das Plastikfurnier der Einbauschränke dunkel und die größte Herausforderung: die Beleuchtung. Insofern ein Problem, da die getönten Scheiben auch tagsüber künstliches Licht erfordern. Ein indirektes Neonlicht aus Leuchtstoffröhren, versteckt hinter der abgehängten Decke, leuchtet den gesamten Raum grell aus. So eine Atmosphäre hatte sie zuletzt in einer Garküche in Bangkok erlebt. Heute passt es. Sie haben Essen bei einem thailändischen Caterer in Jumeirah bestellt. Pünktlich um sieben Uhr wurde es geliefert und wartet seit dem, fachgerecht auf Gaskochern in der Küche aufgebaut, auf einen Ansturm.

Vor der Haustür begutachtet Nadja noch schnell den ummauerten Hof in der Breite ihres Hauses, von der Hauswand bis zur Straße. Die einzige Privatsphäre im Außenbereich. Eine achteckige, arabische Laterne mit bunten Glasscheiben hängt an den Streben für eine mögliche, nachträglich zu befestigende Überdachung. Eine Überdachung aus weißem gewölbtem Plastik, den beduinischen Zeltplanen einer Oase nachempfunden. Die Lampe hat Nadja bei Lucky’s, einem Möbelgeschäft für importierte indische Möbel im Nachbaremirat Sharjah erstanden, zusammen mit dem lebensgroßen, hölzernen Maharadscha, der jetzt auf der oberen Stufe den Eingang bewacht. Später entdeckte sie für östliche Deko-Gegenstände das Antique-Museum, in das sie Nina nur einmal hineinschleppen konnte. In brütender Hitze bei schummrigem Licht fiel es beiden schwer, verstaubte Gegenstände zu identifizieren. Dafür ließ sich handeln, wie auf einem Bazar, und das hatte zweifelsohne einen exotischen Reiz.

Henny telefoniert. Energisch schließt Nadja die Tür des Arbeitszimmers und hastet die Treppe hinunter. Fred und Alexander hocken nebeneinander auf dem Sofa und schauen gebannt in den Fernseher. Der flüchtige Blick über das Treppengeländer bestätigt Nadjas Vorahnung: Tom und Jerry. „Habt ihr gegessen?“ Die Jungs reagieren nicht. Ist okay. Ich bin gar nicht da. Ignoriert mich. Lasst mich ruhig alle im Stich – kurz vor der Feier. Nadja inspiziert die Küche, bewahrt durch schnelles Umrühren das thailändische Essen in den Edelstahlwannen vor dem Anbrennen, öffnet schließlich den Kühlschrank und greift nach einer Flasche Prosecco. Es ploppt. Sie schenkt sich ein Glas ein, schaut zwischen den Holzlamellen am Küchenfenster auf die bunt leuchtende Lampe im zubetonierten Vorgarten, hebt das Glas und prostet der Laterne zu: „Auf eine gelungene Feier!“ Langsam und genussvoll lässt sie den perlenden Wein die Speiseröhre hinunterlaufen, setzt ab und wieder an. Sie stellt das leere Glas auf die dunkle Granit-Arbeitsfläche und geht ins Wohnzimmer zurück. „Wenn die Gäste kommen, macht ihr die Glotze aus.“ Prompt klingelt es an der Tür.

Abigail und Jack stehen vor ihr. Beim Einkaufen hätte ich sie ohne ihren riesigen Sonnenhut nicht wiedererkannt, denkt Nadja. „Schön, dass ihr da seid.“

Abigail lächelt. „Vielen Dank für die Einladung.“ Und hält Nadja zwei Schalen entgegen.

„Hmmm…das sieht lecker aus und duftet herrlich, vielen Dank.“ Rückwärts geht sie den engen Flur entlang bis zur Küche.

„Das ist ja lustig. Ich dachte, die Häuser hätten alle den gleichen Grundriss. Bei uns kommt man durch die Haustür sofort ins Wohnzimmer. Direkt und unmittelbar.“

„Na, da fällt man dann wohl mit der Tür ins Haus.“ Nadja schließt kurz die Augen, was rede ich, wo bleibt Henny, ich hasse Small-Talk und ich will und kann das jetzt auch nicht. Sportlich-dynamisch tänzelt Henny die Treppe herunter. „Habt ihr auch so eine schlechte Internet-Verbindung?“ Er reicht erst Abigail, dann Jack die Hand. „Hallo überhaupt erst mal.“ Er lächelt und erklärt übergangslos, „seit einer Woche telefoniere ich jeden Tag mit Etisalat aber es passiert… nichts.“

„Willkommen in Dubai.“ Jack grinst. „Ein wochenlanges Unterfangen!“

Henny runzelt die Stirn. „Läuft das Internet bei euch denn jetzt?“

Jack nickt. „Nahezu einwandfrei.“

„Das lässt mich hoffen!“ Henny lacht. „Was mögt ihr trinken?“

Alle vier haben sich in die Küche vorgearbeitet. Aus dem Wohnzimmer klingen weiterhin die typischen Cartoon-Geräusche. Nadja stellt die Schüsseln auf die noch freien Flächen der Arbeitsplatte. Henny öffnet den Kühlschrank, schaut auf den Verschluss der Prosecco-Flasche, sucht mit den Augen die Anrichte ab und stolpert über ein benutztes Glas. Nadjas und sein Blick treffen sich. Er nimmt ein Sektglas vom vorbereiteten Gläsertablett und füllt es für Abigail. Nadja nimmt ihm die Flasche aus der Hand und schenkt sich nach. Mit routiniertem Handgriff greift Henny zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und streckt Jack eines entgegen. „Auf gute Nachbarschaft!“

Ein harmonisch, warmes Klingeln unterbricht die lebendiger werdende Unterhaltung in der Küche. Der Klingelton passt nicht zur Beleuchtung, denkt Nadja während sie zur Haustür geht und öffnet. Das Paar aus dem alleinstehenden Haus ist da. Am späten Nachmittag hatte Nadja das Bobby-Car-Rennen zwischen deren Sohn und Fred im Hinterhof beobachtet. Fred sauste vergnügt und für ein Bobby-Car in beachtlicher Geschwindigkeit vor der Umzäunung des Pools entlang. Dem anderen Jungen war das nicht geheuer gewesen. Er hatte immer wieder zu weinen angefangen und war schließlich zu seiner Mutter gelaufen. Nadja hatte gesehen, wie seine Mutter in die Hocke ging, ihren Sohn in den Arm nahm und mit ausgestrecktem Finger auf Fred zeigte. Dann erhob sie sich und ging mit ihrem Kind an der Hand zu Fred, baute sich vor ihm auf und redete auf ihn ein, was Nadja leider nicht verstehen konnte. Sie sah nur, wie Fred nickte. Und diese sich Kinderspiele einmischende Frau steht jetzt mit ihrem Mann vor mir, denkt Nadja, vor uns. Nadja weicht ein wenig zur Seite, soweit es der Flur zulässt. Henny eilt aus der Küche hinzu.

„Hallo, ich bin Inja.“

„Hi Inja.“

„Carl und Fred haben sich ja schon kennengelernt, nicht wahr. Wie geht es euch? Schon eingelebt?“

„Nadja, ich heiße Nadja, das ist mein Mann Henny.“ Nadja zeigt auf Henny, der bereits mit Injas Mann in ein Gespräch vertieft ist.

Inja deutet mit einer Handbewegung auf den Mann an ihrer Seite. „Jasper, mein Mann.“

In jetzt neu formatierten Zweierreihen schieben sie sich durch den Flur und Inja ruft in die Küche, „Abigail, begeisterst Du mal wieder mit kulinarischen Köstlichkeiten?“

Nadja steht, sich etwas überflüssig fühlend, in der Küchentür und eilt zur Haustür als es erneut klingelt. Niemand da. Sie durchquert den kleinen Hof und öffnet die Tür zur Straße mit blickdichter, gelber Plastikscheibe, die bei jeder Bewegung in ihrer schmiedeeisernen Einfassung scheppert.

Auf dem Sandstreifen zwischen Straße und Mauer steht eine kleine blondierte Frau im Stil der ausklingenden 80er gekleidet, obwohl sie dafür zu jung wirkt. Sie versteckt sich hinter einem gewaltigen Blumenbouquet. „Eileen, bist Du es?“ Nadja kann sich das Lachen nicht verkneifen. Der Prosecco wirkt langsam. „Schön, dass es geklappt hat!“

„Ist ja nur einmal über die Straße.“ Eileen lächelt gewinnend, ungekünstelt, herzlich. Sie wirkt trotz dieser ganzen russischen Aufmachung erstaunlich natürlich, fast kindlich, denkt Nadja.

„Dein Mann ist bei Konstantin geblieben?“

„Nein, der ist gerade in Deutschland. Aber wir haben seit zwei Wochen eine Maid.“

„Ehrlich?“ Nadja zieht die Stirn hoch. „Bei euch im Haus?“

„Ja, ganz klassisch. Sie stammt aus Manila.“ Eileen streckt Nadja nun lächelnd die Blumen entgegen.

„Wow, welch‘ üppiger Strauß. Kennst Du die anderen aus unserem Compound schon?“

„Inja treffe ich manchmal auf der Straße. Sie ist dann eigentlich immer gerade auf dem Sprung und unter Zeitdruck. Wirkt zumindest jedes Mal so gehetzt, dass ich ihr kein Gespräch aufdrängen mag.“

Nadja nickt, passt.

Während sie sich den Flur entlang arbeiten, dreht sich Eileen zu Nadja um. „Arbeitest Du auch?“

„Housewife – not allowed to work. So steht es in meinem Pass.“ Nadja grinst.

Inja steht in der Türöffnung zur Küche und zieht die Augenbrauen hoch. „Also, mir würde die Decke auf den Kopf fallen. A propos Decke, das ist ja mutig, wie Du das Haus eingerichtet hast. So orientalisch. Sehr gewagt. Gefällt mir.“

„Das hat mir wirklich auch sehr viel Spaß gemacht. Ich mein das Einrichten. Alles wohnlich zu gestalten – damit sich alle wohl und zu Hause fühlen.“

Injas Blick verfängt sich in dem halben Meter überschüssigen Vorhang im Ornamentmuster, der auf den kalten Bodenfließen Wellen schlägt und schaut dann auf gestapelte Umzugskartons in der Wohnzimmerecke. „Du musst mal zu uns kommen, wir haben es ganz puristisch gehalten. Allein dieser Kontrast bringt eine arabische Villa ganz besonders zur Geltung.“

Nadja mustert Inja von Kopf bis Fuß. Und wartet ab. Lässt sacken. „Machst Du beruflich etwas mit Design?“

„Ich mache ganz viel Verschiedenes. Was mach‘ ich eigentlich nicht?“ Sie lacht gekünstelt. „Momentan kaufe ich Stoffe für Kinderkollektionen ein. Der Job flog mir zu, die brauchten eine Europäerin, die weiß, wo und wie der Hase läuft.“

Na, guck mal, jetzt hast Du es endlich ausspucken können. „Wie schön, dass sie scheinbar die Richtige gefunden haben.“ Sie erinnert mich an Bobby Brown und ist wahrscheinlich auch ähnlich erfolgreich. Augenblicklich fühlt sich Nadja klein und unbedeutend. Sie hält Ausschau nach Jasper. Wie hält es so ein stiller Mann neben dieser lauten, präsenten Frau aus? Oder braucht ein Stiller den lauten Gegenspieler? Brauche ich nicht auch Henny? Vermutlich bringt Jasper den wahren Erfolg nach Hause. So wird es sein. Nadja lächelt zufrieden und stellt sich neben Henny, um dem Gespräch zwischen Jasper und ihm zuzuhören.

Das Wohnzimmer füllt sich. Nina ist mit ihrem Mann Jochen aus den Arabian Ranches ‚angereist‘ und schleppt jetzt eine große Sporttasche ins Haus. Fin flitzt nach oben. „Halt. Nimm deine Schlafsachen gleich mit!“ Fin kehrt auf der Treppe um und lässt sich, gespielt genervt, die Tasche vor die Füße stellen. Jochen nimmt Nadja in den Arm. „Gut siehst Du aus. Wie immer. Mirdif scheint Dich nicht altern zu lassen.“

Nadja verzieht das Gesicht zu einem gequälten Grinsen.

„Sag mal, ist es okay, wenn ein Geschäftsfreund von mir mit seiner Frau später vorbeikommt? Das hat sich kurzfristig ergeben. Der muss mich dringend sprechen… ich wollte euch natürlich nicht absagen.“

„Kein Problem.“

Nina steht hinter Jochen und winkt mit einer Champagnerflasche. „Für Dich!“

„Der einzige Champagner heute! Ich sag es lieber gleich – bei uns hat es nur zu Prosecco gereicht. Und die stell ich sicher. Für einen gemeinsamen After-Golf-Abend mit Dir.“

„Ach, willst Du doch noch weiterspielen?“

Nadja zuckt mit den Schultern.

Bevor sie sich noch in Erklärungen verheddern kann, betritt Rebecca in einem Salwar Kameez den Wohnbereich. Ihre Lederriemchen-Sandalen klackern auf den Steinfliesen. „Warst wieder in Karama shoppen?“, platzt es aus Nina heraus. Sie mustert Rebecca von Kopf bis Fuß.

„Wieso? Ist doch gar keine copied hand-bag dabei. Oder wofür ist Karama gleich noch bekannt?“ Nadja nimmt Rebecca in den Arm. „Steht Dir super.“

Inja schnappt die Wortfetzen auf und steuert auf die Kleingruppe zu. Rebecca lächelt, schaut geheimnisvoll von Nina zu Nadja, neigt sich leicht vornüber und legt dabei die Handflächen vor der Brust aneinander: „Namasté!“

Und Stefan ergänzt, „und das ist erst der Anfang.“

„Lass mich raten, Stefan. Du hast Dich jetzt auch für einen Yoga-Kurs angemeldet.“ Nina kichert.

Stefan verzieht das Gesicht. „Hä? Nein, mit mir hat das erst einmal überhaupt nichts zu tun. Ich bin nur ihr Mann.“

Rebecca wartet auf einen Moment der Stille und eröffnet: „Ich habe Neuigkeiten!“

„Du hast Nina und mir auch so eine bezaubernde, verzaubernde Tunika mit passender Hose und Schal aus dem Little India Dubais mitgebracht.“ Nadja hakt sich bei Rebecca ein und befühlt mit der anderen Hand den Stoff, der sich mit einer goldenen Abschlusskante um Rebeccas Handgelenk legt.

Rebecca kommt wieder nicht zu Wort. Ein für alle Beteiligten unbekanntes, offensichtliches Fotomodel betritt die provisorische Bühne der Selbstdarstellungen. „Hello, good evening, I’m Zula“, kommt es aus dem wohlgeformten Mund einer Frau, die ihre langen Antilopenbeine gekonnt bewegt. Eine gewellte braune Mähne rahmt ein makelloses, milchkaffeebraunes Gesicht mit hohen Wangenknochen. Die einsetzende Stille erinnert Henny daran, dass er die JBL-Box noch nicht verbunden hat, vergisst darüber den Paradiesvogel und nimmt zwei Stufen gleichzeitig nach oben ins Arbeitszimmer. Keiner der Anwesenden kann das exotische Model oder den ihr folgenden, leicht untersetzten Mann zuordnen. „Hi Jochen!“, dröhnt der laut ins Wohnzimmer und scheint zumindest damit seine Frau zu übertreffen. Jochen eilt herbei. Sie umarmen sich und schlagen sich wie alte Kumpels auf die Schultern.

Diesen Geschäftskontakt muss er später noch einmal genauer erklären, denkt Nadja und hält nach Nina Ausschau, die gerade auf Zula zudrängelt.

„Hi. I’m Nina. Jochen’s wife.“

Schneeweiße Zähne blitzen und Zula zieht Nina an sich. Nadja schluckt, ich will nicht von einer Wildfremden in den Arm genommen werden, nur weil ich zufällig Gastgeberin bin.

Inja nimmt sich vom Tablett ein Glas Prosecco und prostet in die versammelte Gesellschaft ein fröhliches „auf einen schönen gemeinsamen Abend!“ Rebecca kneift kurz die Lippen aufeinander und flüstert dann Nadja zu: „Unsere Auftritte kommen auch noch. ‚Je später der Abend‘ und-so-weiter – weißt Du doch.“

Nadja stammelt, „nein, vielen Dank, ich möchte gar keinen!“

Rebeccas Augen blitzen. „Ich hätte da aber noch ein kleines Announcement zu machen“.

Langsam zieht Nadja eine Augenbraue hoch.

Rebecca legt einen Finger auf ihren Mund. „Wenn Nina sich da drüben aus der High-Society gelöst hat.“

Eileen huscht in weißer Karottenjeans mit Strass-besetztem Gürtel an Nadjas Seite. „Muss man die irgendwoher kennen?“

„Aus Funk und Fernsehen, meinst Du?“ Nadja kichert und beobachtet Zulas Gehabe. „Ich kenne sie jedenfalls nicht.“ Sie schielt auf Eileens Glas. „Aperol-Spritz? Gute Idee. Rebecca, Du auch einen Aperol?“

Rebecca prüft ihr halbleeres Prosecco-Glas, nickt, rückt weiter auf und bleibt neben Eileen stehen. „Was so ein bisschen Aufmachung bewirkt, oder?“

Inja schnappt sich ein weiteres Glas Prosecco, steuert auf Zula zu und streckt es ihr entgegen: „Herzlich Willkommen in Mirdif!“

Mit gekonntem Wimpernaufschlag mustert Zula Inja von Kopf bis Fuß. „Ihr wohnt hier also. Interessant. Authentisch.“

„Nein!“ Vehement wiederholt Inja, „nein, nein. Wir wohnen da drüben.“ Und zeigt demonstrativ mit ausgetrecktem Arm auf die beleuchtete Villa, die sich durch die Fensterfassade in voller Pracht zeigt. „Ich mache Dich aber gern mit den Gastgebern bekannt.“

Zula winkt mit der Hand ab und fährt fort, „es scheint ein eher älterer Stadtteil zu sein, in dem ihr hier wohnt. Kannte ich noch gar nicht.“

„Möglich. Vor allem ist man schnell am Flughafen. Wir jetten viel hin und her.“

Rebecca winkt Nina zu sich heran. „Mit wem macht Jochen denn Geschäfte, sag mal?“

Etwas unbeholfen dreht sich Nina zur Seite, zuckt mit den Schultern und rempelt versehentlich Abigail an, die einen überfüllten Teller vom Buffet vor sich her balanciert. „Oh, Entschuldigung!“

Abigail lacht. „Alles an Ort und Stelle, also auf dem Teller geblieben.“

Nach einem flüchtigen Blick darauf ruft Nina Rebecca zu: „Guck mal, wenn das keine ayurvedische Kost ist!“

Rebecca streckt ihren Hals.

Abigail hält ihr den Teller hin. „Ich hole mir gern einen neuen.“

Schnell zieht Rebecca ihren Kopf wieder ein. „Oh, Gott, so hab ich das nicht gemeint.“ Sie sieht sich im Wohnzimmer um. „Im Stehen sollte man aber nicht essen.“

„Deshalb gehe ich auf die Terrasse. Da gibt es Stühle.“

Mit einer schnellen Handbewegung verdeckt Rebecca ihre Augen. „Ich bin heute kein Kommunikationstalent. Ich hatte überlegt, wenn ich mir jetzt auch einen Teller holen würde…“

Abigail unterbricht, „dann könntest Du mit mir zusammen auf die Terrasse kommen, die noch keiner entdeckt zu haben scheint.“

Rebecca streckt einen Daumen in die Höhe. „Bin gleich da.“

Abigail öffnet die Glasschiebetür zur Terrasse. Angenehme, milde Luft strömt ihr entgegen. Der Mondschein macht es offensichtlich: die Hitze des Tages ist erst einmal wieder geschafft. Anfang Oktober. Schon bald beginnt die schönste Jahreszeit. Grillen zirpen und die Flugzeuge haben sich wenigstens für diesen Moment verflüchtigt. Der beleuchtete Pool strahlt ruhig. Keine tobenden Kinder mehr, nur noch das sich brechende Licht auf dem türkisgrünen Wasser. Die Kerzen ringherum wirken verloren, verbreiten wenigstens punktuell harmonisches Licht und täuschen an den Stellen darüber hinweg, dass alles zubetoniert ist. Nichts mehr mit Wüste. Abigail setzt sich auf einen Terrassenstuhl, stellt ihren Teller auf die Balustrade, große Pflanzen in Kübeln, vielleicht sogar Palmen, rings um den Pool. Hm. Ich werde Nadja mal darauf ansprechen, was sie von der Idee hält.

Mit Nina im Schlepptau betritt Rebecca die Terrasse. „Das ist doch schön hier! Idyllisch! Nadja klingt immer so besorgt.“

„Ich glaube, das braucht sie nicht.“ Abigail nimmt ihren Teller wieder auf ihren Schoß. „Wir werden hier eine gute Nachbarschaft abgeben. Aber ich kann sie gut verstehen. Mir ging es nicht anders.“

„Von der guten Nachbarschaft bin ich überzeugt!“ Nina setzt sich auf eine Gartenbank. „Und welche Sorgen hatten Dich getrieben, Abigail?“

„Wir kennen einige Expats, die in ihren Communities in den Golfstaaten ein Leben wie in Kanada führen. Nur noch das Klima macht den Unterschied aus.“ Abigail lächelt. „Wir waren daher wild entschlossen, alles anzunehmen, uns vollständig in die neue Kultur zu integrieren, wenn wir schon so eine Chance bekommen.“

Nina unterbricht sie, „und jetzt gibt es keinen Zweifel mehr: ihr werdet euch verdammt gut verstehen!“

Rebecca nickt. „Und was hatte Dich beunruhigt?“

Abigail räuspert sich. „Wir wohnten vorher in Sharjah. Für vier Jahre. In einem Compound mit drei weiteren Familien. Ein schönes Compound. Auch mit einem Pool. Ganz ähnlich wie hier.“ Ihr Blick schweift über den Hof. „Und unser Integrationsprojekt ist dort gescheitert. Wir, mein Mann, unsere Zwillinge und ich, sind nun einmal westlich geprägt. Und das lässt sich nicht so einfach abschütteln. Meine Töchter hätten einen Burkini am Pool anziehen müssen. Plötzlich, quasi von einen Tag auf den anderen, als sie sich zu entwickeln begannen. Um keine bösen Blicke aus der Nachbarschaft auf sich zu ziehen, sind sie stattdessen nicht mehr in den Pool gegangen.“

Rebecca nickt. „Verstehe.“

„Es ist gar nicht so einfach…mit der Toleranz. Auf beiden Seiten nicht. Ich habe mir dort angewöhnt, einen großen Sonnenhut zu tragen, sozusagen als Kompromiss für eine Kopfbedeckung. Ich war einfach gefangen. Klar hätte ich mich verhüllen können, aber ich wäre mir selbst fremd geworden.“

„Und ihr wusstet nicht genau, ob euch hier ein gemäßigteres Leben erwartet. Ob es hier ein mehr oder weniger ähnliches Verständnis über das Zusammenleben in einem Compound geben würde?“

Abigail nickt. „Ganz genau. Ich habe ein großes Interesse an anderen Einflüssen, so lange ich bestimmen darf, wie viel ich für mich und meine Familie zulassen kann. Wenn ich zum Beispiel so einen schicken Sari hätte tragen können, wäre alles in Ordnung gewesen. Das ist doch einer, oder?“

„Nein, kein Sari. Eine Salwar Kameez.“ Rebecca lacht.

Abigail lächelt amüsiert. „Was auch immer. Es sieht toll aus. Aus Indien?“

Rebecca schaut geheimnisvoll zu Nina.

„Jetzt komm mal raus mit den News, Rebecca.“

„Wo ist denn Nadja? Dann erzähle ich nicht doppelt.“

Nina rollt mit den Augen. „Das wird sie notfalls von Abigail oder mir erfahren müssen. Aber Du spannst uns jetzt bitte nicht weiter auf die Folter.“

„Okay, Katze aus dem Sack: ich habe mich zu einer Yoga-Ausbildung in einem Ashram angemeldet.“

„Wie lange ?“ Nina starrt sie mit großen Augen an.

„Der Kurs dauert acht Wochen.“

„Donnerwetter. Das ist ja … das ist ja…toll. Und aufregend und mutig auch.“

Abigail fragt: „Wo liegt denn der Ashram?“

„In Kerala. Ich wäre lieber in den Norden, am liebsten nach Uttarkashi in den Himalaya gereist, unweit der Quelle des Ganges. Aber das ginge erst wieder im Sommer. Witterungsbedingt.“ Rebecca räuspert sich. „Und so lange wollte ich nicht mehr warten.“

„Wow, Rebecca! Du traust Dich was.“

„Ich hoffe, mein Mut verlässt mich nicht. Der Alltag ist streng strukturiert und startet früh… um 5.20 Uhr.“

Nina holt Luft und fährt zuckend zusammen. „Man, hab ich mich erschrocken!“ Aus der Dunkelheit erscheint eine junge Frau. „Entschuldigung. Der Kerzenschein reicht wohl nicht aus, um uns anzukündigen.“

Abigail streckt sich. „Emily, wen hast Du denn da mitgebracht?“

Nina antwortet für sie, „Fred, das ist Fred wie er leibt und lebt. Fred, wo kommst Du denn um diese Zeit her?“

„Ich wollte meinen neuen Freund besuchen.“ Er grinst über das ganze Gesicht. „Aber der soll schon schlafen.“

„Ist ja auch richtig. Es ist schon spät. Ist bei Dir denn noch keine Schlafenszeit ausgerufen worden?“

Fred zuckt mit den Schultern.

Emily verdreht die Augen. „Carl denkt gar nicht daran, zur Ruhe zu kommen, solange sein neuer Freund an die Terrassentür hämmert. Er wohnt doch hier, oder?“

„Ich hole seine Mutter.“ Rebecca steht auf, dreht sich zu Fred: „Oder kommst Du gleich mit, Fred?“.

Fred schüttelt verschmitzt den Kopf. „Ist so schön hier draußen.“

„Hab ich mir gedacht, Banause.“

„Hast Du nicht freitags deinen freien Tag?“ Abigail schlägt sich an die Stirn. „Ach klar, logisch, Du hast wegen der Party getauscht.“

Emilys Augen werden schmal. „Von einem freiwilligen Tauschen kann nicht die Rede sein.“

Nadja stürmt auf die Terrasse. „Du Ausreißer! Kannst doch nicht einfach weglaufen!“ Und zu Emily gewandt: „Danke fürs Vorbeibringen. Magst Du vielleicht ein bisschen reinkommen?“

Emily legt ihren Kopf schräg und stemmt ihre Hände in die Hüfte. „Ich kann ja schlecht Carl allein lassen.“

„Nein, stimmt, sorry. Okay, dann aber trotzdem noch einmal danke fürs Bringen!“

„Tschüss, viel Spaß noch“, raunt sie und ist schon wieder in der Dunkelheit verschwunden. Kurze Zeit später ertönt das Knallen einer Terrassentür.

Nadja fragt Abigail: „Ist sie die Babysitterin bei Inja und Jasper?“

„Das Au-Pair-Mädchen. Aus Deutschland übrigens.“

Die Tür hinter ihnen wird aufgerissen. Inja düst heraus und rauscht wortlos an dem Grüppchen vorbei.

„Vielleicht sollten sie sich lieber eine philippinische Maid für ihren Sonnenschein zulegen, als ein deutsches, aufmüpfiges Au-Pair-Mädchen.“ Nina streckt nacheinander einzeln ihre Finger aus, als zähle sie Sekunden. „Wobei mir allerdings nicht ganz klar ist, was das AuPair-Mädchen gerade falsch gemacht haben könnte.“

„Ganz im Gegenteil.“ Nadja stützt sich auf Freds Schultern ab. „Aber ein gutaussehendes AuPair-Mädchen macht wahrscheinlich allein durch die Tatsache ihrer Anwesenheit schon Probleme.“

„Gute Nacht!“, ertönt es im Chor als Nadja mit Fred an der Hand im Haus verschwindet. Rebecca schenkt die Gläser wieder voll. „Wie viele Models werden denn heute noch erwartet?“

Nina prustet. „Vor allem von niemand erwartete! Jochen versucht immer noch hinter seinen eigenen Geschäftskontakt zu steigen.“

„Jochen kennt den gar nicht? Den Michael mit seiner Zula?“

Nina schüttelt den Kopf und lacht. „Der bietet irgendwie IT-Dienstleistungen an. Aber von jedweder Digitalisierung ist Jochens Firma weit entfernt. Und das Email-Programm läuft.“ Dann registriert Nina ihre zehn ausgestreckten Finger in ihrem Schoß und guckt zur Villa mit den beleuchteten Fenstern am anderen Ende des Compounds. „Das Türknallen ist ausgeblieben.“

Eileen rückt dichter an Nadja heran und flüstert, „jedes Glas und jede Stunde werde ich morgen früh bitter bereuen. Das ahne ich jetzt schon.“

„Dann legst Du Dich halt wieder hin. Du hast doch jetzt eine Maid.“

Sie seufzt. „Das kann ich ihr noch nicht zutrauen. Mit Konstantin allein zu bleiben. Es wäre grundsätzlich besser, ich bin immer dabei, zumindest wenn Konstantin wach ist.“

Lächelnd legt Nadja ihren Arm um sie. „Die werden bestimmt schnell miteinander vertraut. Sie kennen sich doch erst seit zwei Wochen.“

Nadja beobachtet, wie sich ein Mann, den sie noch nie gesehen hat, am Buffet bedient. Verstohlen dreht sie sich zu Henny. „Wer ist das denn? Der sich jetzt gerade Fried Rice auffüllt?“

„Das ist Jamie. Der Schotte aus dem mittleren Haus. Witziger Kerl, bisschen verschroben vielleicht.“

„Ach, der geheimnisumwobene Schotte, der ganz alleine in einem Haus mit vier Schlafzimmern lebt. Da stimmt doch was nicht.“ Nadja guckt amüsiert zu ihm rüber.

„Ich stelle euch gleich einmal einander vor. Dann kannst Du alles herausfinden, was Du wissen musst.“ Henny versucht Nadja in die Küche zu führen. Weit kommen sie nicht.

„Und?“, fragt Stefan, „vermisst ihr eure alte Nachbarschaft?“

Nadja lächelt Stefan an. „Ach Stefan. Es war immer so schön, Dich morgens am Pool zu treffen. Wenn wir unsere Bahnen in den frühen Stunden gezogen haben, bei Tagesanbruch. Wenn alles noch ruhig, unverbraucht und voller Energie ist….“ Nadja schaut versunken ins Leere und wacht auf, als sie Hennys Stimme hört: „Aber wir sind trotz Mirdif-Residenz eurer noch würdig, oder?“

„Jederzeit willkommen. Und vor allem seid ihr ja nicht aus der Welt. Hätte alles auch anders kommen können, nicht wahr… Und wir hätten euch zukünftig in Deutschland besuchen müssen.“

„Ganz so weit ist es noch nicht. Dubai braucht mich noch.“

„Na sicher, Henny. Und Zweifel der Firma über den Nutzen deiner Entsendung lassen sich doch nun hervorragend mit den gesunkenen Personalkosten ausräumen, oder? War ein kluger Schachzug von Dir, hierher zu ziehen.“

Henny nimmt einen Schluck aus seiner Bierflasche. Er murmelt, „und weg vom schillernden Glanz- und Glamour-Dubai mit all seinen Versuchungen.“

„Komm doch im November mal vorbei. Da habe ich so etwas wie sturmfreie Bude oder Stubenarrest. Irgendetwas dazwischen.“

Nadja kneift ihre Augen zusammen, „und wo ist deine Familie derweil?“

„Hat Rebecca etwa immer noch nicht von ihren Plänen berichten können?“

„Ich weiß von nichts.“

„Yoga. Yoga hat sie vor. Und dieses Mal in Indien.“

„Dann hat sich nur die Location verändert. Ansonsten nichts Neues.“ Henny kratzt sich am Kopf. „Die beeindruckenden Verrenkungen auf der Wiese vor dem Pool habe ich noch genau vorm Auge. Und dann macht man die Pooltür auf und sieht den nächsten Verrückten, der seine achthundertste Bahn schwimmt.“

Stefan grinst. „Andere joggen bei 45 Grad um die Ranches. Ob das so viel normaler ist?“

„Ich komme zum Männer-BBQ vorbei! Mit Verstärkung.“

Henny fasst dem vorbeigehenden Jamie auf die Schulter. „Jamie, ich möchte Dir unseren ehemaligen Nachbarn Stefan vorstellen und natürlich auch meine Frau. Nadja.“ Mit einem Kopfnicken deutet Henny auf Stefan, dann auf Nadja.

Vielen Dank für die Reihenfolge, denkt Nadja und streckt Jamie die Hand entgegen. Stefan schaut auf Jamies Teller und bemerkt zwei Flaschen Bier in Jamies Gesäßtaschen. „Henny hat ein Kennenlernen soeben schon geplant. Bei mir zu Hause. Bei Fleisch und Bier.“

Durch das plötzliche Grinsen verschieben sich Jamies Ohren an seinem hohlwangigen Gesicht. „Wann?“

Henny räuspert sich. „Wenn seine Frau dahin geht, wo der Pfeffer wächst.“

Stefan lacht. „Sie kommt Gott-sei-dank ja wieder. Ein Donnerstagabend im November? Vielleicht gleich der erste?“

„Ich bin dabei“, nuschelt Jamie mit vollem Mund, schluckt herunter und wischt sich mit dem Hemdärmel über den Mund. „Ist ja noch ein bisschen hin. Vielleicht machen wir vorher einen gemeinsamen Trip in die Wüste? Alle Mann?“

Nadjas Fäuste zittern vor ihrer Brust. „In vollen Familienbesetzungen aber.“

Jamie nickt ihr zu. „Das meinte ich.“ Und schiebt den nächsten Löffel Fried Rice in den Mund.

Nadja guckt ihn durchdringend an, Du hast doch noch mehr zu sagen.

„Ich muss allerdings alleine mitkommen. Oder gilt ‚for families only‘?“ Jamie kaut, schluckt und leckt mit der Zunge einen Rest aus dem Mundwinkel, dann vom Handrücken. „Ihr kennt doch das Schild? An machen Stränden steht es.“

Henny nickt. „Du lebst allein?“

Danke Henny.

„Meine Familie kommt noch.“

Nadja nickt ausdauernd, schade. Unspektakulär. Doch kein unzähmbarer Robert-Redford-Frauenversteher-Typ ohne Manieren.

Plötzlich steht Inja neben ihnen. Sie wickelt eine Strähne um ihren Finger und nippt an ihrem Glas. „Deine Familie kommt nach?“

„Inja. Hi.“ Er räuspert sich und legt die Gabel auf den Teller. „Ja, so ist es geplant.“

„Hm.“ Inja und Jamie schauen sich an. Henny gähnt. Nadja starrt weiterhin und ungeniert den Mann ohne Manieren an und verlagert dabei das Gewicht langsam auf das andere Bein.

Mit einer Mischung aus Schalk und Sympathie lächelt Jamie Inja an. „Ich habe Dich lange nicht gesehen. Weder am Pool, noch an der Straße…“

„Ich Dich auch nicht.“ Inja legt ihren Kopf schräg. „Arbeitest Du momentan so viel? Soll ja ablenken, wenn die Familie nicht da ist.“

Fast unbemerkt stellt sich Jasper zum Grüppchen und legt einen Arm um Injas Taille.

Nickend zieht Jamie beide Flaschen aus den Hosentasche, öffnet eine mit dem Kronkorken der anderen und lässt die geschlossene wieder in seiner Gesäßtasche verschwinden. Er setzt an und stößt die hochkommende Luft kontrolliert aus. „Wagen wir noch einmal eine Runde zusammen, Jasper? Schotte gegen Schwede?“

Jasper streckt einen Daumen in die Höhe. „Mir würde es gefallen, wenn wir unser Early-Bird-Golfspiel freitags zu einer festen Routine werden ließen. Dann hätte Schweden irgendwann auch mal eine Chance gegen Schottland.“ Jasper dreht sich zu Inja. „Um die Zeit schläfst Du ja ohnehin noch.“ Er verstummt. „Habe ich euch unterbrochen?“

„Nein. Nein, gar nicht.“ Inja stammelt etwas Unverständliches und beißt sich dann doch auf die Unterlippe.

Nadja fragt, „ihr kennt euch schon länger, oder?“

Ruckartig hebt Inja den Kopf. „Nein, wie kommst Du denn darauf? Wir kennen uns exakt seit dem Einzug. Fand am selben Tag statt.“

„Ach tatsächlich?“

„Das war natürlich verbindend, ein gemeinsamer Einzug sozusagen. Fast wie früher, in eine Studenten-WG zu ziehen.“ Inja lacht etwas zu schrill. „Und dann waren wir auch noch die ersten im Compound.“ Sie versinkt in Gedanken. „Ein Möbelpacker trug prompt eine unserer Kommoden bei Jamie ins Haus und baute sie dort sogar auf.“

Jamie lacht. „Schade, dass es nur eine Kommode war!“

Inja lächelt ihn an.

Jasper atmet hörbar und kommentiert, „Besitzverhältnisse sind nicht immer ganz eindeutig.“

Jamie winkt ab. „Die Kommode steht ja wieder bei euch. Alles gut. Und so schön finde ich die auch nicht.“

Jasper hält den Augenkontakt zu Jamie und führt das Weißweinglas an die Lippen.

„Hat das nicht gerade geklingelt?“ Fragend schaut Nadja in die Runde. „Das werden wir gleich sehen.“ Schemenhaft erkennt sie eine Gestalt hinter der gelben Plastikscheibe, durchquert den Hof und öffnet die Tür. Vor ihr, an der Straße ein zartes Mädchen, das sie aus mandelförmigen Augen anschaut. Sie trägt ein Baby.

Nadja schluckt, so etwas habe ich hier noch nie erlebt.

Das asiatische Mädchen hat kurzgeschnittenes, struppiges Haar. Das Baby ist hingegen groß und kräftig. Nadja beugt sich über das Bündel, atmet geräuschvoll aus und lässt die Schultern fallen. „Konstantin will nicht schlafen?“

Mit Tränen in den Augen schüttelt die Filipina den Kopf. „Ich habe alles versucht.“ Die Tränen beginnen zu fließen. Sie flüstert, „ist Mam hier?“

Nadja holt tief Luft, streckt ihren Arm aus und will ihr über die Schulter streichen, aber das Mädchen zuckt und tritt einen schnellen Schritt zurück.

„Wie heißt Du?“

Sie schaut auf den Boden. „Mali.“

„Du scheinst erfahren mit Babys. Bist Du selber auch schon Mama?“

Energisch schüttelt Mali den Kopf. „Nein, Ma’am.“ Sie zögert und stammelt, „aber ich habe viele Erfahrungen. Mit Babys, Putzen, im Haushalt. Ich bin immer fleißig.“

„Das glaube ich Dir, Mali. Ich hole Eileen.“

Mali nickt.

Nadja findet Eileen auf der Terrasse in einer angeregten Unterhaltung mit Abigail. „Eileen, Deine Maid steht mit Konstantin vor der Tür.“

Eileens Gesichtszüge erstarren. „O Gott, sie ist mit ihm allein über die Straße gekommen?“ Der Terrassenstuhl fällt um, als Eileen aufspringt und sich an Nadja vorbei durch die Terrassentür drängt.

Nadja ruft ihr hinterher, „es ist nichts passiert. Er ist nur aufgewacht.“

Eileen schiebt sich durch das Wohnzimmer, bahnt sich ihren Weg durch die Gäste und die vielen sperrigen Möbelstücke.

Nadja schüttelt ihren Kopf. „Steht da plötzlich ein Kind mit Baby auf dem Arm vor mir.“ Sie legt ihre Hand an die Stirn, Daumen und Finger drücken ihre Schläfen, und schließlich läuft sie Eileen hinterher.

Als sie in den Hof kommt, drückt Eileen ihren Sohn fest an sich. Mali steht abseits und starrt auf den Boden.

Mit Tränen in den Augen schaut Eileen von Konstantin auf. „Mali, Du hättest mich anrufen müssen.“ Trotz Tränenschleier funkelt es jetzt aus ihren Augen. „Und nicht einfach kopflos mein Kind nehmen und nach draußen gehen.“

Nadja beobachtet, wie Mali schützend ihre Hände über den Kopf hält. „Ma’am, I’m so sorry.“ Mali ringt nach Luft und beginnt zu schluchzen. Sie hält abwechselnd beide Hände vor ihr Gesicht und wieder über ihren Kopf.

Nadja schaut von Mali zu Eileen. Mit fester Stimme fragt sie: „Eileen, wo drückt eigentlich dein Schuh?“

Eileen schließt die Augen und legt ihren Kopf in den Nacken. „Ich hätte sie nicht zu uns holen dürfen. Seither ist Angst mein ständiger Begleiter.“

„Wovor hast Du Angst?“

Eileens Körper beginnt zu beben, sie weint, holt Luft und presst hervor, „ich habe solche Angst, dass Konstantin etwas zustößt. Dass er entführt wird, wenn sie Mali finden.“

„Warum sollte das passieren? Wer will Mali finden?“

„Ihr früherer Arbeitgeber sucht sie. Sie ist abgehauen…in einer Nacht- und Nebelaktion ist sie aus einer emiratischen Familie geflohen.“

Mali senkt die Hände. Ein fleckig verweintes Kindergesicht mit struppigem Haar kommt zum Vorschein.

Stefan lehnt an der Hauswand neben dem Maharadscha und steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Er greift in seine Hosentasche und zieht ein Feuerzeug heraus. Als er die Flamme an die Zigarette hält, schaut er auf, blickt in Nadjas Gesicht. Sie halten Blickkontakt und Stefan schüttelt langsam mit demn Kopf.

Und plötzlich stolpert eine wohlduftende antilopenhafte Gestalt in seine Seite. Zula ist auf den Stufen vor der Haustür auf ihren High Heels umgeknickt. Eine entkorkte Flasche Champagner fest am Flaschenhals umklammernd. Reflexhaft fängt Stefan sie auf und hält sie am Arm fest. Als sie schwankend Stabilität erlangt, lockert er seinen Griff. „Geht’s? Gefährlich diese Stufen.“

Michael folgt und lallt, „die Frau will jeder im Arm halten!“ Laut lachend schlägt er mit der flachen Hand Stefan zwischen die Schulterblätter. Stefan öffnet den beiden schweigend die Tür zur Straße. Auf dem Sandstreifen vor dem Haus parken mehrere Autos. Michael wählt den Porsche Cayenne und die beiden brausen davon.

Nadja und Stefan gucken sich wortlos an. Nadja zuckt mit den Schultern. Stefan deutet mit einem Fingerzeig auf Eileen und Mali und räuspert sich dann. „Ich kann euch gern nach Hause begleiten.“

Eileen schaut auf, wartet und nickt schließlich.

Sehr behutsam schließt Nadja die Tür hinter ihnen, und trotzdem klappert die Plastikscheibe. Sie setzt sich auf die Stufen vor der Haustür. Die Laterne flackert noch einmal auf und erlischt. Sie schaut in den dunklen Himmel. Kein Stern am Firmament. Nadja fühlt neben sich etwas auf der Treppe, greift nach Stefans Zigarettenschachtel und steckt sich eine Zigarette an.

5.Begegnungen

Nadja steckt ihren Kopf in Hennys geöffnete Tür zum Arbeitszimmer. „Wir sind zum Isha-Gebet wieder da“.

„Wie bitte?“

„Alexander, Fred und ich sind zwischen halb sieben und sieben wieder hier. Pünktlich zum Abendessen.“

„Wo wollt ihr denn hin?“

„Zu Nina und Rebecca.“

Henny schiebt die Tastatur dicht vor den Bildschirm. Die Rückenlehne biegt sich zurück als er die Arme vor dem Bauch verschränkt. „Kannst Du mir mal erklären, was das soll? Du fährst seit unserem Umzug fast täglich in die Ranches.“ Nach einer Pause fährt er fort, „dabei müsstest Du doch am besten wissen, warum wir jetzt hier wohnen. Und hier sollte auch dein Lebensmittelpunkt sein. So viel zu deiner Rechtleitung. Kannst Du ja mal in das Isha-Gebet integrieren.“

Nadjas Blick erkaltet. „In den Ranches lebt mein sorgsam aufgebauter Freundeskreis. Mein Alltag! Und die Freunde unserer Jungs leben ebenfalls dort. Nicht hier.“

Henny spannt die Mundwinkel kurz an, schüttelt den Kopf und beugt sich wieder zum Schreibtisch vor. Er schaut auf den Bildschirm und murmelt, „und deine Affaire.“

Nadja schlägt mit der flachen Hand gegen die Türzarge. „Daran hältst Du immer noch fest, nicht wahr? An einer haltlose Unterstellung, die Dir vermeintlich das Recht gibt, Dich im Selbstmitleid zu suhlen. Hast Du Dir einmal überlegt, wie Du mich damit verletzt? Da war nie irgendetwas anderes als Schwimmtraining und Arabischunterricht. Ich hoffe, das geht irgendwann einmal in deinen Kopf rein.“

Nadja schlägt die Zimmertür zu, leck mich am Arsch.

Sie bleibt stehen, wartet bis sich die Atmung und der Herzschlag beruhigt. Mit etwas zittrigen Beinen schaut sie in Alexanders Zimmer, beugt sich über ihn und schaut auf das Heft, das vor ihm auf dem Schreibtisch liegt. Alexander schreibt, radiert und unterstreicht sorgsam mit einem Geodreieck das akribisch und mühsam Geschriebene. Mit dem Daumenballen wischt sich Nadja eine Träne aus dem Augenwinkel. „Brauchst Du noch lange für deine Hausaufgaben?“

„Ich bin fast fertig. Ich muss noch zwei Strophen auswendig lernen. Aber das kann ich im Auto machen.“

„Prima, dann kann es ja losgehen!“ Sie klatscht in die Hände und hält inne: „hast Du dein Zimmer so picobello aufgeräumt?“

Alexander nickt.

„Respekt.“

Vorsichtig öffnet sie die Tür zu Freds Zimmer und sieht ihn schlafend auf seinem Bett liegen. Sie schleicht hinein, setzt sich auf die Bettkante und streicht Fred die Haare aus der Stirn. Ihr beide entschädigt mich für alles. Ihr seid der Sinn meines Lebens. Sie beugt sich über ihn und küsst ihn auf die Wange. Wie auf Knopfdruck öffnen sich Freds runde Kinderaugen und blicken sie groß an. „Mama“, murmelt er, nimmt ihre Hand und schiebt sie unter seinen Kopf.

Eine halbe Stunde später sitzen die drei im Auto. Auf der alten Bypass-Road wird nichts los sein, aber die Strecke ist lang und langweilig. Wenn ich die Emirates Road nehme, bin ich schneller am Ziel. Sie schaut auf das Display. Um diese Zeit ist dort bestimmt noch nicht viel los, denkt sie und startet den VW in Übergröße. Der Wagen blubbert und setzt sich in Gang. Sie schaut aus dem Seitenfenster zu Eileens Haus. Ob bei Dir alles okay ist? Morgen gehe ich mal rüber.

Zwischen den bebauten Grundstücken sind Wüstenstreifen, Erinnerungen an einen urban gemachten Landstrich und willkommene Abkürzungen zu Fuß.

Ihr Blick wandert zum Rückspiegel. Sie lächelt. Alexander hat den Ausdruck des Gedichts vor der Nase. Seine Lippen murmeln, „Herr von Ribeck von Ribeck im Havelland….“

„…ein Birnenbaum in seinem Garten stand. Das habe ich in meiner Schulzeit auch auswendig gelernt, Alexander.“ Alexander schaut von seinem Zettel auf. „Eine Dattelpalme in seiner Oase stand.“

Fred hat sich ein Bilderbuch aus der Tasche des Vordersitzes gezogen und saugt zufrieden am Strohhalm eines Trinkkakaos.

Die Sonne steht hoch und trotz getönter Scheibe blendet die Helligkeit. Nadja klappt den Blendschutz herunter. „Alexander, magst Du mal in meine Handtasche gucken, ob meine Sonnenbrille darin liegt?“

Alexander reicht ihr die Sonnenbrille aus dem Etui entgegen. Auf der rechten Seite türmt sich das Mirdif City Center auf. Und Nadja fährt auf die Sheik Mohammed bin Zayed Road, die ehemalige Emirates Road. Wie viel Taxen Chaos es nach der Umbenennung in 2012 wohl gab?, geht es Nadja durch den Kopf.

„Willst Du schon mal probieren, die erste Strophe aufzusagen? Also die Original-Strophe?“

„Mama, guck nach vorn. Papa hat gesagt, die E311 ist die unfallreichste Straße in den Emiraten.“

Nadja schmunzelt und kann den Blick trotzdem nicht vom Rückspiegel loseisen. „Was ist das denn für ein Spinner. Warum fährt der denn so dicht auf? Ja, klar, und Lichthupe. Hier sind nur 130 erlaubt. Vollpfosten.“ Im Seitenspiegel sieht sie, wie ein Muscle-Car mit A-Kennzeichen überholt. „War ja klar. Ich weiß, wer da drin sitzt.“ Sie riskiert einen Blick zur Seite und schaut in ein grinsendes, von einer rotweißen Kufiya gerahmtes Gesicht eines jungen Emiratis auf dem Beifahrersitz. Die makellose Dishdasha hebt sich weiß von dem beigen Ledersitz ab. „Ihr braucht mich nicht herauszufordern. Ihr Söhne.“ Die Araber geben Gas und mit Getöse nehmen sie Fahrt auf. „Vergesst nicht zu bremsen. Die Radarkontrollen filtern die A-Kennzeichen nicht heraus.“

„Mama, stimmt es, dass die Kontrollen die durchschnittliche Geschwindigkeit zwischen zwei Stationen bestimmen und daraus eine Geschwindigkeitsüberschreitung feststellen können?“

„Ja, das habe ich auch gehört. Hat Papa uns das mal erzählt?“

„Weiß nicht mehr so genau.“

„Es wird aber auch immer viel geredet. Sollte es sich nur um ein Gerücht handeln, das zur Abschreckung in Umlauf gebracht wurde, ist es wenigstens mal ein Sinnvolles.“

Sie überlegt, wird nicht auch immer behauptet, rebellierende Arbeitsmigranten würden in der Wüste ausgesetzt? Bauarbeiter, die gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen protestieren? Dieses Gerücht hält sich auch hartnäckig…

Nach der Emarat Tankstelle fährt Nadja auf die rechte Spur. „Gleich haben wir es geschafft, Jungs.“ Sie fährt ab und ordnet sich in der rechten Spur für den Fly-Over über die E311 ein. Ein plötzlicher Ruck lässt den Wagen kurz beschleunigen, fast von der Fahrbahn abkommen. Nadja fühlt ein unkontrollierbares Anschieben. Sie hält die Luft an. Was ist das, was passiert, wann hört das auf? Sie beginnt in kurzen Zügen schneller zu atmen. Im Rückspiegel sieht sie, wie ein Taxi an ihrer Stoßstange klebt und sich dann zurückfallen lässt. Erneut gibt es Gas, versucht zu überholen und mit einem ‚Rumms‘ sitzt es in der Seite. „Alexander“, schreit Nadja. Alexander schaut gebannt aus dem Fenster in das Taxi. Nadja schließt für eine Sekunde die Augen. „Gott sei Dank – nichts passiert.“

„Mama, was war das?“, Freds Stimme zittert.

„Uns ist ein Auto reingefahren, mein Schatz.“

Sie sitzen dort Oben in ihrem Wagen auf dem Fly-Over. Nadja verdrängt in Bruchteilen von Sekunden alle Gedanken, was bei mehr Geschwindigkeit hätte passieren können. Immer wieder drängt sich der Gedanke in den Vordergrund, ob es Absicht war. Das Taxi kommt vor ihnen zum Stehen. Der Fahrer steigt aus und schlendert zu Nadjas Wagen. Nadja holt tief Luft, fährt ihre Fensterscheibe herunter und streckt den Kopf heraus, jetzt nichts Unüberlegtes sagen und nicht die Fassung verlieren, egal was kommt.

„Du hast mich wohl nicht gesehen, wie?“

Nadja schaut ihn irritiert an.

„Kann ja passieren. Bist Du versichert?“

Nein, nein, so läuft das nicht, denkt Nadja. „Ich rufe die Polizei.“

„Ach, das kriegen wir auch so geregelt. Du bist doch versichert, oder etwa nicht?“

Nadja antwortet nicht und nimmt ihr Handy vom Beifahrersitz. Der Taxifahrer greift ins Fenster und versucht ihr behutsam das Handy aus der Hand zu nehmen.

„Finger weg!“, schreit Nadja. Fred fängt an zu weinen. Die Autos hinter ihnen hupen. Der Taxifahrer zieht die Hand zurück. „Ist ja gut.“

Nadja macht durch die Windschutzscheibe Fotos von dem Taxi. „Wir fahren jetzt weiter bis zur Umm Suqeim. Am ersten Roundabout rechts, Abfahrt Motor City. Da können wir parken und auf die Polizei warten.“

„Blöde Schlampe.“

„Wie bitte? Denk übrigens nicht ans Abhauen. Dafür ist es jetzt zu spät.“

Er wendet sich ab und guckt auf die Wagennummer auf der Rückseite seines Wagens. Nadja startet den Motor, beugt sich aus dem Fenster und sagt, „und die Beleidigung gebe ich auch zu Protokoll.“

„Saudi-Arabien hat einen großen Fehler gemacht, Frauen ans Steuer zu lassen.“ Er geht zu seinem Taxi und steigt ein. Sie dreht sich zur Rückbank, lächelt ihre Jungs an. „Alles klar, ihr zwei?“

Alexander ist auf den mittleren Sitz gerutscht und hat einen Arm um Fred gelegt. Nadja schaut auf seine Hüfte „Schnall Dich bitte an.“ Sie streichelt Freds Bein, das vom Kindersitz herunterbaumelt. Alexander schließt den Gurt. „Mama, haben wir Schuld?“

„Nein, mein Schatz. Nicht das kleinste bisschen. Wir rufen gleich die Polizei und dann ist alles gut.“

Nach einer Ewigkeit kommt ein Polizei-SUV und hält vor dem Taxi auf dem Seitenstreifen. Nadja steuert auf die Beamten zu.

„Geh in deinen Wagen und warte.“

Nadja schluckt. „Wie bitte? Ich bin die Geschädigte des Unfalls. Ich möchte eine Aussage machen.“

„Ja, ja, alles zu seiner Zeit. Geh in deinen Wagen, bitte. Wir vernehmen den Taxifahrer und kommen danach zu Dir.“

Neben ihr steht plötzlich der Taxifahrer und beginnt auf Arabisch mit den Polizisten zu sprechen.

„Geh.“ Der Polizist zeigt auf ihren Wagen.

Sie geht zurück, steigt ein, sitzt auf dem Fahrersitz und starrt durch die Windschutzscheibe ins Leere. Schnaps wäre jetzt gut.

Ein Polizist reicht ein Formular durch das Fenster. „Hier. Unterschreiben.“ Er hält ihr ungeduldig ein rosarotes Blatt vor das Gesicht.

„Das ist auf Arabisch. Was unterschreibe ich da?“

Der Polizist schiebt seine Sonnenbrille auf den Kopf. „Dass Du Schuld an dem Unfall hast.“

„Nein! Das stimmt nicht. Das Taxi hat mich abgedrängt.“

„Die Sache ist geregelt. Du hast nicht geguckt. Unterschreib!“

„Nein. Das ist so nicht richtig. Ich bestehe auf eine Anhörung.“

Der Polizist beugt sich in ihr Fenster. „Wir können Dich auch mitnehmen. Dann bleibst Du eine Nacht auf der Wache. Wir hätten da ein Plätzchen für Dich.“

Alexander beginnt zu weinen. Nadja dreht sich zu ihm. „Schatz, alles gut. Wir müssen nicht zur Polizeiwache fahren.“ Nadja grabscht den ihr hingehaltenen Kugelschreiber und unterschreibt.

Der Beamte nickt und sie schließt das Fenster, schaut zu, wie die Beamten in ihren Wagen steigen und schlägt mit der flachen Hand auf ihr Lenkrad. Sie schließt kurz die Augen, hält sich mit beiden Händen die Schläfen und setzt sich dann aufrecht hin. Schließlich rutscht sie auf der großen Sitzfläche zurück und wirft den Motor an. Bevor sie losfährt, dreht sie sich noch einmal zur Rückbank und schaut in die erschrockenen Gesichter ihrer Jungs. „Es wird alles gut. Verspreche ich euch. Jetzt fahren wir erst einmal zum Pool und verbringen einen supercoolen Nachmittag, okay?“ Zögerlich erwidern Fred und Alexander das Lächeln.

Als sie das Gate für die Community Mirador – La Collection passiert, parkt am Straßenrand ein Taxi. Sie gibt Gas, „Nein! Raus aus meinem Kopf. Wir haben jetzt einen schönen Nachmittag – verdammt noch mal!“

„Mama?“ Alexander beobachtet im Rückspiegel das Gesicht seiner Mutter.

„Tut mir leid.“ Sie lächelt in den Rückspiegel und parkt auf dem Seitenstreifen vor dem Park.

„Endlich!“ Fin legt Alexander eine Hand auf die Schulter. „Ich habe schon eine Ewigkeit auf Dich gewartet!“

„Wir hatten einen Unfall. Und mussten auf die Polizei warten. Die Polizisten tragen Waffen an ihrer Uniform!“

Nina schaut von Fred zu Nadja. Nadja nickt. „Total doof und überflüssig. Aber es ist niemandem etwas passiert. Al-Hamdu lillah“

„Und das Auto?“

„Muss in die Werkstatt. Da ist bestimmt irgendetwas verzogen. Das Lenkrad knirscht in den Kurven.“

„Ist ja glücklicherweise immer alles versichert.“

Nadja fängt an zu lachen. „Das ist heute wirklich das einzige, was zu zählen scheint! Der Taxifahrer, der mir reingefahren ist, war auch nur an meiner Versicherung interessiert.“

„Wieso? Hast Du Schuld gehabt?“

„Nein, aber er wollte sie mir in die Schuhe schieben und mit Unterstützung der Polizei ist ihm das auch wunderbar geglückt.“

„Was?“

„Naja, die kennen ja nur seine Darstellung.“

Weiter kommt sie nicht. Rebeccas Tochter Svea nähert sich dem Pool. Nadja öffnet den Mund, setzt zum Sprechen an und schweigt. Groß und langgliedrig schlendert Svea auf sie zu. Ihr langes hellbraunes Haar schimmert in der Sonne und umrahmt ein Puppengesicht. Aus dem schlichten, ärmellosen Kleid ragen braune Arme und knochige Knie. Gezielt, aber nicht hektisch, steuert sie die freie Liege neben ihrer Mutter an, ihre Tasche über der Schulter baumelnd. Sie setzt sich und lächelt reihum die Freundinnen ihrer Mutter an. Keiner spricht. Svea scheint das Schweigen zu genießen, das plötzliche Verstummen schnatternder Mittvierzigerinnen. Mohamad schielt von der anderen Seite des Pools zu dem Grüppchen um Svea. Nahezu regungslos und gespielt unbeteiligt, taxiert er Svea und scannt danach um sich herum die Liegeflächen und den Pool ab. Er wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn.

Rebecca bricht das Schweigen. „Schön, dass Du da bist, Svea.“ Svea setzt ihre Sonnenbrille auf und streckt sich auf der Liege aus. Sie antwortet nicht. Langsam zieht sie ein Bein heran und wendet das Gesicht der Sonne zu. Rebecca täuscht eine abwinkende Geste an. „Man muss ja auch nicht mit jedem sprechen.“

Nina greift den Faden wieder auf. „Du hast der Polizei nicht den Unfall aus deiner Sicht geschildert?“ Und beobachtet, wie Svea Mohamads Aufmerksamkeit immer stärker auf sich zieht.

„Die haben mich einfach nicht zu Wort kommen lassen.“

Langsam schiebt Svea die Sonnenbrille ins Haar und lächelt zu Mohamad herüber. Er nickt ihr zu und fährt sich erneut mit der Hand über die Stirn. Er räuspert sich, schlägt das Pool-Buch auf und kritzelt hinein. Svea greift neben sich in ihre Tasche und zieht einen dunkelblauen Bikini heraus, legt sich den auf den Bauch und bleibt liegen. Sie döst und blinzelt in die Sonne. Nach einer Weile steht sie gemächlich auf und schlendert zu den Umkleiden. Mohamad guckt von dem Notizbuch auf, ihr hinterher. Kaum ist sie im Umkleidebereich verschwunden, dreht sich Nina zu Rebecca und guckt sie durchdringend an.

„Was ist?“, fragt Rebecca.

„Bemerkst Du das nicht?“

„Was genau bemerke ich nicht, liebste Nina?“

„Da braut sich doch etwas zusammen.“

„Warum braut sich etwas zusammen? Weil Nadja der Polizei nicht den Unfallhergang schildern konnte?“

„Nun sei doch nicht so begriffsstutzig. Deine Tochter verdreht dem Lifeguard den Kopf.“

Rebecca lacht. „Soll sie doch.“

„Mein ja nur.“

Nadja richtet sich auf. „Naja, der Hinweis ist berechtigt und nicht ganz unwichtig. In diesem Land gibt es für Teenager-Flirts kein Moratorium.“

„Komm, erzähl mir nicht, dass die muslimischen Mädchen nicht flirten. Sofern sie eine Gelegenheit dazu haben. Aber hier...“, Rebecca zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Steinplatten, „könnten sie es definitiv.“

„Es sieht nach Außen immer alles ganz westlich locker aus. Liberal und offen. Aber wenn es darauf ankommt, gilt die verbriefte Vorstellung von Recht, Tugend, Moral und, und, und…mit einem Wort die Scharia.“

Rebecca seufzt. „Ich lese auch die 7DAYS, den ablenkenden, bunten und kostenlosen Zeitvertreib, und weiß, was hier angeblich mit Mädchen passiert, die vor der Ehe Sex haben. Aber entschuldigt mal bitte“, Rebecca kichert, „davon ist meine Tochter meilenweit entfernt. Sie geht schwimmen!“

Nina gluckst.

Nadja schaut von Nina zu Bettina. „Ich sag ja nur, was ich sehe.“

„Mir tut der Kerl da drüben auch ein bisschen Leid.“ Rebecca räuspert sich. „Und ich bin heilfroh, dass meine Tochter nicht artig den Blick zu Boden senkt, senken muss, wenn ein Mann auf der Bildfläche erscheint.“

Svea kommt zurück, fasst dabei das Haar am Hinterkopf zusammen und wickelt es zu einem Knoten am Oberkopf. Nadja, Rebecca und Nina sitzen auf ihren Sonnenliegen wie Zuschauer in einer Manege. Svea setzt sich auf die Stufen im Pool, die Füße im Wasser. Sie stützt sich auf den Handflächen ab und rutscht eine Stufe tiefer. Langsam beugt sie sich vor, holt Luft und stößt sich mit den Füßen an der Treppe ab und gleitet unterhalb der Wasseroberfläche. Sie kommt hoch, atmet aus, dreht sich auf den Rücken und streckt sich, bevor sie einige Züge krault. Elegant wendet sie sich auf den Bauch, holt mit den Beinen Schwung und kommt am Beckenrand an. Sie hält sich an dem Handlauf fest. „Hi!“ Sie strahlt Mohamad an.

„Hi Svea.“

„How are you?“ Sie lacht auf und verbessert sich, „kief halak?“

Mohamad grinst. „Al-Hamdu lillah, shukran.“

Nina stößt Rebecca in die Seite. „Guck!“

„Ist doch alles gut. Ich würde auch mit ihm sprechen, wenn ich gerade meine Bahn beende.“

„Du würdest dabei nicht so aussehen.“

„Danke.“

Nina dreht sich grinsend zu Nadja, aber die stimmt nicht ein. Abwartend beobachtet Nina, wie Nadja nachdenklich auf ihrer Liege sitzt und die beiden anstarrt, ohne eine Miene zu verziehen. Schließlich fasst sie Nadja ans Knie. „Dich nimmt der Unfall ganz schön mit, oder?“

Nadja schrickt auf. „Wie bitte?“

„Der Unfall. Der steckt Dir in den Knochen.“

„Ach so. Ja, schon.“

Ein metallisches ‚Krawumms‘ lässt alle drei zusammenfahren und sich zur zufallenden Tür umdrehen.

Batul zuckt zusammen, wirft die Hand auf die Brust und dreht sich noch einmal zur Tür um. Sie lächelt gleich darauf in die sich entspannenden Gesichter von Nina, Rebecca und Nadja. Mit ihrem kleinen Sohn an der Hand kommt sie auf die drei zu, deutet auf die freie Liege neben Nadja. „Darf ich?“

Nadjas ausgestreckte Hand zeigt auf die Liege. Sie nickt und zwinkert Faisal zu, der sich zum Pool umdreht und Fred zaghaft zuwinkt. „Da wird sich Fred ja freuen.“

Batul beugt sich zu Faisal hinunter und spricht zu ihm. Eine warme dunkle Stimme. Faisal lächelt. Und flitzt dann in die Umkleide.

Rebecca schmunzelt. „Außer Habib habe ich nichts verstanden. Du bist Hayats Mutter, nicht wahr?“

„Ja, Hayat ist meine Tochter.“ Batul schiebt ihre riesengroße schwarze Sonnenbrille auf ihren Hijab und kneift die Augen zusammen. „Wir kennen uns von einem Elternabend an der Deutschen Schule. Aber ich kann Dir gerade gar nicht das passende Kind zuordnen.“

„Svea. Und Jacob. Aber in diesem Fall ist es Svea. Sie hat nämlich Hayat schon öfter erwähnt.“

„Ach, Svea! Okay.“ Batul zieht die Ärmel ihrer taillierten Jeansjacke über die Handgelenke. Erst den einen, dann den anderen. Unter der Jeansjacke trägt sie ein langes beiges Kleid.

„Ja.“ Batul blickt auf. „Svea ist oft bei uns.“ Und zu Nadja gewandt: „seid ihr nicht umgezogen?“

„Sind wir auch. Aber alte Gewohnheiten lassen uns so einige Nachmittage hier verbringen.“ Nadja lächelt sie an. „Und was treibt Dich hierher? Du wohnst doch auch in einer anderen Community?“

„Ich hatte gehofft, Zaina mit ihren Kindern hier zu treffen. Ahmed und Amal. Ihre Maid hatte gesagt, dass sie wohl hier am Pool wären. Zumindest hatte ich das so verstanden.“

Rebecca nickt. „Zaina kommt nachmittags meistens ohne ihre Kinder.“

Über Batuls Nasenwurzel entsteht eine kleine Furche. „Ohne Kinder? Zum Pool?“

„Ja, einfach zum Quatschen. So wie wir gerade.“ Rebecca lacht.

Batul nickt und starrt auf den Pool. Rebecca folgt ihrem Blick und sieht wie ihre Tochter, sich am Beckenrand festhaltend, langsam den Hinterkopf auf das Wasser legt. Auf dem Beckenrand hockt Mohamad und beugt sich weit über den Pool. Er scheint, etwas Lustiges zu erzählen. Svea lacht.

Batul richtet sich auf. „Ist das Svea da drüben?“

„Ja.“

Svea lacht und wirft abwechselnd die langen Armen hinter sich auf die Wasserfläche. Mohamad lächelt sie an und gestikuliert mit den Händen.

Batul seufzt und murmelt, „das ist eure Kultur, nicht wahr?“

Rebecca schiebt eine Augenbraue hoch. Ihr Kieferknochen zeichnet sich kurz unter der Wange ab. Sie schweigt.

„Was machen unsere Töchter eigentlich, wenn sie sich treffen. Weißt Du das, Rebecca?“

„Chillen wahrscheinlich.“

„Aber bitte nicht hier. Das wäre für Hayat nicht in Ordnung.“

Rebecca bläst die Wangen auf und gibt ein kaum hörbares „Puh“ von sich.

Plötzlich steht Zaina mit einer großen Korbtasche vor ihnen. Sie mustert Batul. „Was für eine Überraschung! Du hier, Batul.“

Batul streckt ihren Kopf und hält die Handfläche über den Rand ihrer Sonnenbrille. „Ich hoffte, Dich hier anzutreffen. Und hörte auch schon, dass Du Deine Nachmittage öfter hier verbringst.“

„Ja, wir wohnen hier. In Mirador La Collection.“ Zaina lacht.

Ein prüfender Blick.

Svea kommt aus dem Wasser und erkennt Batul. Ihre Schultern fallen ein wenig nach vorn. Zügig steuert sie auf ihre Tasche zu, zieht ein Badelaken heraus, und hält es sich mit beiden Händen vor die Nase. Um sie herum entsteht eine Formation von Wassertropfen auf dem Boden. Sie atmet in den Zipfel des Handtuchs, greift dann die Enden und hüllt sich in das Laken. Der Frotteestoff wird durch die angewinkelten Achseln festgeklemmt. Die Schlüsselbeine stechen wir Verbindungsstreben von den Schultern zum Brustbein hervor. „Hi Batul.“

Ohne ein Lächeln nickt Batul ihr schweigend zu.

„Ist Hayat zu Hause?“

„Nein, sie ist bei ihrer Koranlehrerin.“

„Wann ist sie denn zurück?“

„Ich hole sie nach dem Mahgrib-Gebet.“

„Also, so gegen halb sechs?“

„Genau. Sehr gut.“

„Ich dachte, vielleicht könnte ich sie heute Abend noch treffen, damit wir an unserem Referat für nächste Woche arbeiten.“

„Ich sag ihr Bescheid, dass sie Dich anrufen soll.“

Svea nickt. „Danke.“ Sie bückt sich zu ihrer Umhängetasche und geht in dem Handtuch-Wickelkleid zum Dusch- und Umkleidehäuschen. Zaina schaut ihr hinterher und lässt gleich darauf den Blick schweifen. Jetzt nimmt sie Mohamad ins Visier. Das Du schwitzt, liegt nicht an der Außentemperatur.

Batul reißt sie aus ihren Beobachtungen. „Ich hatte Dir neulich von einem Buch erzählt. Erinnerst Du Dich?“

Zaina dreht sich zu ihr. „Ein Buch?“

„Ja. Ich wollte es Dir bringen, aber wollte es nicht unkommentiert bei deiner Maid abgeben. Sie sagte, dass ich Dich hier finden würde.“

„Meine Maid hat die Tür aufgemacht?“

„Darf sie das nicht?“

„Sie hat strikte Anweisung, die Tür nicht zu öffnen.“ Zaina schüttelt den Kopf. „Ich glaube, ich muss zukünftig abschließen.“

Rebecca zupft Fusseln von ihrem Handtuch. „Du willst deine Maid im Haus einschließen?“

„Das ist nun wirklich nichts Ungewöhnliches, Rebecca.“

Rebecca blickt sie durchdringend aber schweigend an.

Batul schaut abwechselnd von Rebecca zu Zaina und wartet. Schließlich sagt sie, „ich bin mir sicher, dass Dir das Buch gefallen wird.“ Etwas zögerlich zieht sie aus ihrem Korb ein Buch.

Nadja streckt den Hals und starrt neugierig auf den Titel. „Don’t be sad!“, ruft sie aus, „das kenn ich!“ Sie guckt Batul an. „Das ist wirklich großartig. Hat mir auch schon einige Relationen wieder gerade gerückt.“

Batul lächelt. „Das freut mich sehr, zu hören.“

Zaina beginnt im Buch zu blättern. „Gott belastet keinen Menschen mit mehr als er gut zu tragen vermag. Das ist aus der zweiten Sure, Al Baqara. Meine Lieblingssure.“

Batuls Augen glänzen. Sie nickt Nadja zu. Nadja lächelt und murmelt, „heute Abend werde ich darin eine passende Stelle suchen, um das Unrecht von heute Nachmittag verdauen zu können.“

Zaina vertieft sich in das Buch. Dann blickt sie Batul an. „Batul, Du bist für mich ein Muslima-Role-Model!“

„Role-Model für Muslima? Weil ich Dir das Buch gegeben habe?“

„Ja, auch. Du möchtest anderen den Weg zeigen, weil Du deine Religion streng und selbstbewusst lebst. Als würde es Dich keine Opfer kosten, sondern Spaß machen.“

„Spaß machen?“

„Zum Beispiel Dein Kleidungstil. Man könnte Dich als modernes Beispiel für einen islamischen Dress-Code nehmen.“

Batul zieht die Stirn hoch, atmet kurz kraftvoll aus und wiederholt, „islamischer Dress-Code“.

Svea kommt unauffällig und umgezogen zurück, schnappt hektisch ihre Sonnenbrille und raunt ihrer Mutter zu, „ich geh nach Hause.“ Sie lächelt Batul kurz an und geht. Bevor sie die schwere Tür öffnet, dreht sie sich noch einmal zu Mohamad und winkt. Unbeholfen hebt er die Hand und nickt.

6.Kochkurs

7.Expat-Alltag

Rebecca parkt auf dem frisch gewalzten Sand des Parkplatzes vor der Deutschen Schule. Sie lässt ihren Blick über die großen Autos schweifen. Mal sehen, wen ich gleich treffe. Sie grüßt den Pförtner am Schultor. Er nickt ihr zu, scheint sie zuordnen zu können und gewährt ihr Eintritt auf das Schulgelände. Sie hält sich dicht an der Hauswand des Gebäudes und schlendert im Schatten zum Eingang. Die ersten gelben Schulbusse rollen über den Schulhof auf das Tor zu. Und Rebecca beobachtet, wie Frau Hutschenreuther, eine Deutschlehrerin, den Assistentinnen auf den Bussen die Listen der mitfahrenden Kinder überreicht. Die indischen Busfahrer starren sie an, ihre blond-glänzenden, glatten Haare, die stark geschminkten Augen mit unnatürlich langen Wimpern und ihre wohlgeformten Waden in ihrem sommerlich-knappen Outfit. Sie stöckelt zum Schuleingang zurück und grüßt Rebecca mit einer winkenden Geste.

Nina holt Rebecca im Laufschritt ein, gemeinsam steuern sie auf Nadja zu, die bereits vor dem Eingang wartet. „Nina, bevor ich es wieder vergesse, wer war eigentlich der Geschäftsfreund von Jochen mit seiner auffälligen Frau auf unserer Einweihungsfeier?“

Nina bückt sich, schlägt die Hände auf die Oberschenkel und bricht in Gelächter aus. „Das wüssten wir auch gern!“

Nadja verzieht das Gesicht. „Ihr wisst nicht, wer das war?“

Nina japst nach Luft. „Nein, wirklich nicht. Der Typ hat Jochen angerufen und wollte sich mit ihm treffen. Und Jochen hat gesagt – immerhin war es Freitag – dass er keine Zeit hätte. Und Michael, so hieß er, meine ich, hat irgendwie nicht locker gelassen.“

Rebecca prustet. „Wie gewieft! Das machen wir zukünftig auch: wir suchen Firmen, googlen die Nummern der Verantwortlichen im Internet und prüfen mal, wo die freitags so eingeladen sind.“

Nadjas Augen werden immer größer. „Ich bin sprachlos!“

Nina wischt mit dem Handrücken Lachtränen aus dem Gesicht. „Wir suchen uns aber westliche Firmen, sonst wird auf den Partys am Ende kein Alkohol ausgeschenkt. Und alles war umsonst.“

Die Schulglocke ertönt. Rebecca dreht sich zu Nadja und sucht um sie herum. „Wo hast Du denn Fred gelassen?“

„Du wirst es kaum glauben: der verbringt den Vormittag bei Inja.“

„Die etwas spezielle Schwedin aus eurem Compound? Die jetzt zu Hause hockt, weil sie in der Firma alles besser wusste?“

„Genau die. Fred ist heute Morgen rüber gedampft und hat sich zum Frühstück bei denen eingeklinkt. Inja war nicht da, hat heute Behördengänge auf dem Plan. Aber ihr AuPair, Emily, war ganz begeistert, dass er vor der Terrassentür stand und hatte den gemeinsamen Spielvormittag sofort von sich aus angeboten.“

„Hat sie ein bisschen Luft für sich, wahrscheinlich. Hoffentlich weiß sie, dass sich so eine Spielstimmung von jetzt auf gleich dramatisch ändern kann. Und dann ist es schlimmer als mit einem Kind.“

„Wird sie dann erleben. Wichtige Erfahrungen für ein AuPair, oder?“ Nadja lacht. „Mir war das heute Morgen alles nur Recht. Außerdem verstärkt es die nachbarschaftlichen Beziehungen.“

Die Schultür öffnet sich und die Schülerinnen und Schüler in ihren Uniformen stürmen heraus, quetschen sich durch die doppelflügelige Tür wie durch ein Nadelöhr. Teilweise zu Dritt gleichzeitig. Einige der herausströmenden Polohemden mit Schulemblem haben den Vormittag nicht im persil-frischen Weiß überstanden. Dafür strahlen Frau Hutschenreuthers Zähne umso weißer in ihrem überschminkten Gesicht, als sie die ersten Kinder zu den Bussen begleitet.

„Kommst Du nachher zu uns an den Pool?“ Nina schaut Nadja durchdringend an.

„Ich wohne jetzt woanders!“

„Vielleicht packst Du deine Brut trotzdem ein und kommst vorbei. Die Jungs würden sich freuen.“

„Und ich mich auch“, ergänzt Rebecca.

„Ich weiß noch nicht. Mal gucken, wie lange die Hausaufgaben heute so dauern.“

„Komm schon.“ Nina schubst sie freundschaftlich an.

Ein Seufzer von Nadja. „Mal sehen.“ Sie sieht Hennys Gesicht vor sich.

In kurzen, knittrigen Hosen und mit frisch gebügeltem, hellblauem Business-Hemd steht Henny in kunstledernen Flipflops auf dem Sandstreifen vor dem Haus. „Eileen war hier.“ Er geht in die Hocke und schließt Alexander in die Arme. „War die Schule wieder mal extrem gut heute?“ Er lächelt ihn an, richtet sich aus der Hocke auf und streicht Alexander über den Kopf. „Du Glücklicher, mit Spaß am Unterricht. Das war bei mir oft anders.“

Nadja greift sich an den Kopf, Eileen! „Was wollte Eileen? Hat sie etwas gesagt?“

Henny schüttelt den Kopf.

„Und war Emily schon da?“

„Wer ist das?“

„Das AuPair-Mädchen von Inja und Jasper.“

„Ach die. Nein, warum sollte sie?“

„Um Fred zu bringen. Ist Dir noch gar nicht aufgefallen, dass der gerade fehlt?“

„Wäre ja nicht das erste Mal, dass er auf dem Rücksitz eingeschlafen ist.“

Die Luft steht zwischen den hohen Mauern. Das Weiß der Wände blendet. Nadja schaut auf den Pool, schön ist was anderes. Ich muss das mit Abigail besprechen oder am besten in Injas Designer-Hände legen. Zeit hat sie ja jetzt.

In der Villa springt die Terrassentür auf und Fred stürmt hinaus. „Mama!“, tönt es quer über den Hof. Emily stolpert hinterher. „Fred, wolltest Du das Bild nicht für deine Mama mitnehmen?“ Sie trägt ihm einen großen Fotokarton hinterher. Fred dreht sich um, kommt ihr entgegen und nimmt ihr lächelnd den Bogen aus der Hand. Sie lächelt zurück. Hübsch ist sie, denkt Nadja, und ganz offensichtlich mag sie Fred. „Na, lief alles gut?“

„Ja, war klasse. Die haben richtig gut und ausdauernd zusammen gespielt. Ich konnte mich tatsächlich einmal anderen Dingen widmen.“ Sie grinst.

„Und Carl schläft jetzt?“

„Den habe ich vor einer halben Stunde hingelegt. Der schafft das noch nicht ohne Mittagsschlaf.“

„Um diese Uhrzeit versäumen wir ja alle nicht viel.“ Nadja wischt mit dem Handrücken über die Stirn. „Ich könnte mich jetzt auch gut und gerne hinlegen.“

Emily rollt mit den Augen. „Frag mich mal, ich war gestern erst um drei Uhr zu Hause.“

„Nachts?“

Emily grinst. „Ich hatte gestern Abend frei.“

„Hut ab. Du hast ja Party-Kondition.“

„Ich warte nur das Inja zurückkommt und dann hätte ich eigentlich wieder frei“, und schiebt leise hinterher, „mal sehen, ob es dabei bleibt oder wie sie sich jetzt alles so vorstellt.“ Emiliys Blick geht ins Leere.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass sie in ihrer Einsatzplanung nicht mit spontanen Überraschungen geizt.“

Emily richtet sich auf, fokussiert ihren Blick, blinzelt und schaut Fred hinterher, wie er mit der großen Pappe in der Hand die Terrassentür aufschiebt und im Haus verschwindet. Dann schaut sie Nadja in die Augen, seufzt und senkt den Blick auf ihre makellos pedikürten Füße.

„Wir können das auch gerne einmal umdrehen, dann kommt Carl morgens zu uns und Du hast ein bisschen frei.“

Langsam wandert Emilys Blick an Nadja hoch zurück in ihr Gesicht. Sie räuspert sich. „Braucht ihr vielleicht ein Au-Pair?“

Reflexhaft streckt Nadja die Hand nach Emily aus und senkt sie wieder. „So schlimm?“

Emilys Augen füllen sich mit Tränen. „Ich wurde heute Morgen gefeuert.“

„Was? Aber nicht weil Du Fred zu Carl eingeladen hattest, hoffe ich?“

Emily schüttelt den Kopf. „Davon weiß Inja gar nichts. Muss sie auch nicht.“ Sie versucht mit ihrem Flipflop eine Ameise in der Fuge der Steinplatten gefangen zu halten und schaut auf. „Wenn ich nicht bis zum Monatsende eine neue Anstellung gefunden habe, läuft mein Visum aus und ich muss zurück nach Deutschland.“

„Hat Inja Dir einen Grund genannt?“

Die Frage scheint sie nicht zu erreichen. Tränen laufen jetzt über Gesicht. „Ich will hier nicht weg!“

Nadja geht einen Schritt auf sie zu und nimmt sie in den Arm. Aus ihrem Haus dringen laute Geräusche heraus. Hektisch dreht sich Nadja um, löst die Umarmung und schaut Emily an.

„Emily, willst Du heute Nachmittag mal rüberkommen?“

„Geht auch heute Abend?“

„Geht genauso gut. Bis später dann.“ Im Eilschritt läuft Nadja zur Terrasse. Wieder nicht die Terrassentür hinter sich zugemacht – trotz laufender AirCon. Wann lernt er es? Was gibt es jetzt schnell zum Mittagessen? Was haben wir überhaupt noch zu Essen im Haus? Hat Inja sie rausgeschmissen, weil man eine Maid besser kommandieren kann?

Nadja verlangsamt ihren Schritt. Oder braucht sie Eileen einfach nur nicht mehr, weil sie jetzt arbeitslos ist?“

„Was gibt’s heute zu essen?“ Alexander, Fred und Henny stehen aufgereiht nebeneinander im Wohnzimmer.

„Wir haben alle sehr starken Hunger.“ Henny lächelt.

Nadja fängt an zu lachen. Du hast mich lange nicht mehr angelächelt, Henny. „Das weiß ich gerade auch noch nicht so hundertprozentig genau.“

Henny seufzt. „Jetzt habt ihr doch diesen Kochkurs gemacht. Und noch immer ist nichts von dem Gelernten bei uns auf dem Tisch gelandet!“

Nadja verdreht die Augen. „Dafür braucht es auch Vorbereitungszeit.“ Sie zieht das Wort in die Länge. So schnell ist ein Lächeln wieder neutralisiert. Und was ist eigentlich im Gefrierschrank?

„Papa, Fred und ich hatten eine richtig gute Idee!“

„Na, dann lasst mal hören.“

„Wir gehen in den FoodCourt in Uptown-Mirdif!“

„Super Idee!“

Laut dröhnt das Motorengeräusch ihres eigenen Autos als sie den Zugang in die dunkle, staubige Tiefgarage von Uptown Mirdif hinunter fahren. Henny parkt das Auto dicht am Aufgang. Ein kleiner vollständig verglaster Raum mit Leuchtstoffröhren, von dem eine Rolltreppe nach Oben führt. Abgase schlagen ihnen beim Aussteigen entgegen. Nadja hält sich ihr Tuch vor Mund und Nase.

„Carwash?“ Dunkle Augen schauen Nadja an.

„How much?“

„Fifteen Dirhams.“

„I‘ll give you twelve.“

Der Autowäscher nickt und streckt eine Hand entgegen. Najda schüttelt den Kopf. „I pay you when we’re back.“

Henny nimmt Alexander und Fred an die Hände und sie eilen zur Rolltreppe. Kaum treten sie ins Freie, holt Henny tief Luft. „Das ist einzigartig in Dubai.“

„Die abgasverseuchte Parkgarage?“

„Diese Einkaufsstraße unter freiem Himmel. Eine Fußgängerzone, wenn Du so willst. Eine Open-Roof-Mall ohne Aircon.“

Nadja blinzelt und streckt das Gesicht zum Himmel. „Stimmt. Und obwohl es immer noch heiß ist, lässt es sich hier ganz gut aushalten.“

Nadjas Handy klingelt. Sie wirft einen schnellen Blick darauf. Eine Nachricht von Batul:

Hallo Nadja, hast Du Zeit und Lust, Dich mit mir einmal zu treffen? Magst Du zum Beispiel morgen zum Frühstück zu mir kommen? Liebe Grüße von Batul

Der Foodcourt liegt etwas abseits. Fred und Alexander sind vorausgeeilt und geben der Drehtür Schwung. Ein Security-Mitarbeiter in Uniform versucht immer wieder vorsichtig die Tür anzuhalten. So behutsam wie es möglich ist, eine zum Karussell umfunktionierte Tür zu stoppen. Ruhig spricht er die Jungs an. Hilfesuchend blickt er sich um und sieht Nadja und Henny in weiter Distanz auf sich zukommen. Zaghaft versucht er Fred von der Tür fernzuhalten und zeigt auf Freds Finger und den schmalen Spalt, wenn die Abtrennung der Tür ihre Einfassung erreicht. Fred guckt erst auf die Tür und dann dem Mann in die Augen. Und dann nimmt er Reißaus. „Fred. Komm zurück. Wir sollen nur nicht mit der Tür spielen! Weil wir uns die Finger klemmen könnten. Fred!“ Alexander läuft ihm hinterher. Fred hat sein Ziel fixiert: große Sitzsäcke und Sitzkissen auf der Terrasse der Shisha-Bar nebenan. Der Eingang ist durch zwei Abtrennpoller mit roter Kordel markiert. Fred huscht hindurch und steuert zielgerichtet auf ein Paar zu, dass es sich auf zwei rotgemusterten Sitzkissen gemütlich gemacht hat. Die Frau schaut auf. „Fred!“

Lachend fällt er in ihre Arme.

Nadja und Henny schieben sich durch die Drehtür in den FoodCourt.

„Wo sind die zwei denn?“

„Bestimmt am Subway-Stand.“

„Da sehe ich sie aber nicht.“ Nadja lässt ihren Blick durch die gefühlte Schul-Mensa schweifen und bleibt an der Eingangstür haften. Alexander hat brav den Arm um Fred gelegt, und führt ihn behutsam hinein. Nadja stößt Henny in die Seite. „Guck mal.“

Fred läuft auf seine Mutter zu und schlittert die letzten Meter auf dem spiegelglatten Boden. „Mama, da draußen sitzt Emily.“

„Ach, ehrlich? Dann ist sie aber auch schnell unterwegs gewesen. Wollt ihr etwas von Subway?“

Mit zusammengekniffenen Augen versucht Henny die Anzeigetafeln der verschiedenen Imbiss-Ketten zu inspizieren. Bunte, meist schlechte Fotografien von Salaten, Burgern, Pommes und anderem FastFood prangen auf den Tafeln neben sehr kleiner Schrift und den dazugehörigen Preisen.

„Ich nehme etwas von Arz Lebanon. Soll ich Dir eine Falafel mitbringen, Nadja?“

„Ja, das wäre klasse. Mit Pommes bitte.“ Nadja schluckt und grinst. „Jetzt merke ich erst meinen Hunger.“

Fred schaut angestrengt aus dem Fenster und spricht zu sich selbst, „Emily und dieser Mann.“

„Welcher Mann, Fred?“ Mit einer Serviette wischt sie über den Plastiktisch.

„Der in der Dishdasha. Und ich weiß nämlich, wie man das Tuch auf dem Kopf rollen muss.“ Freds Augen leuchten. Er klettert auf einen der Plastikstühle.

Nadja legt die Serviette an das äußerste Ende des Tisches. „Emily sitzt dort mit einem Mann, der ein arabisches Gewand trägt?“

Fred springt auf und läuft seinem Papa entgegen, der im Schneckentempo vorsichtig zwei zu voll gestellte Tabletts balanciert. Fred streckt die kurzen Arme vor und nickt Henny zu.

„Danke Fred, aber lass mal, hab das gerade einigermaßen im Griff.“ Etwas unbeholfen schiebt er die Tabletts schließlich seitwärts auf den Tisch. Schwarzer Tee kleckert aus einem Styroporbecher. Der Stapel Papierservietten schwimmt in der Lache. Alexander verteilt die Plastik- und Styrophorboxen und legt jeweils Plastikbesteck dazu.

Nadja behält kauend die halbrunde Fensterfront im Blick, ein Araber.

Alexander folgt ihrem Blick. „Ich habe Fred dort herausgeholt. Der Kellner wollte nicht, dass wir da drin toben und hat uns raus gescheucht.“

„Rausscheuchen – der hat Nerven!“ Henny lacht. Er räuspert sich. „Wenn ihr gleich noch hier bleiben wollt, geh ich zu Fuß nach Hause. Hab um drei die nächste Telefonkonferenz.“

Nadja wendet den Blick vom Fenster ab. „Und wir gehen dann noch kurz einkaufen. Oder Jungs? Vielleicht erst noch einen kleinen Abstecher zu Baskin-Robbins für einen Nachtisch?“

„Ja!“ Alexander und Fred schlagen mit den Handflächen auf die Tischplatte. „Hokey Pokey, Hokey Pokey!“

Als Nadja mit ihren Jungs und dem Kofferraum voller gelber Spinneys-Tüten aus Uptown Mirdif zurückkommt, steht Abigail vor dem Compound, „hätten wir uns ja beinahe getroffen. Ich war auch gerade einkaufen.“

„Dann hätte ich Dir bei Baskin-Robbins auch ein Hokey-Pokey-Eis spendiert.“ Sie dreht sich zu ihren Söhnen. „Nehmt ihr bitte gleich die Tüten aus dem Kofferraum mit?“

„Jack und ich haben uns Gedanken über unseren Wüstenausflug gemacht. Hättet ihr am kommenden Wochenende Zeit und Lust?“

„Total gerne.“

„Wir hatten an die Rub al-Khali gedacht. Die riesige Wüste entlang der saudischen Landesgrenze. Die größte Sandwüste der Welt übrigens. Kennt ihr die schon?“

„Wow. Da wollten wir immer schon einmal hin. Aber ganz schön weit weg, oder?“ Nadja reißt die Augen auf. „Ach, mit Übernachtung meinst Du?! Wie cool. Das wird ja ein richtiges Erlebnis!“

„Als Tagesausflug lohnt sich das überhaupt nicht. Und selbst mit Übernachtung, sollten wir am Freitag zeitig aufbrechen.“

Nadja hält einen ausgestreckten Daumen in die Luft. „Wir sind dabei.“

Alexander öffnet den Kofferraum und drückt seinem Bruder eine Tüte in jede Hand als sie von einem dumpf röhrenden Autosound ablenkt werden. Ein maigrüner Maserati fährt an ihnen vorbei und kommt am Ende des Compounds zum Stehen. Nachdem Emily ausgestiegen ist, fährt der Wagen mit blubbernden Motorengeräuschen an und beschleunigt geräuschvoll in der ruhigen Wohnstraße.

Emily verschwindet durch das Tor zur Auffahrt der Villa. Abigail und Nadja wechseln Blicke. Nadja schaut dem Sportwagen hinterher. „Nur ein Local kauft so einen Wagen, oder?“

„Ach, nein, das würde ich nicht sagen.“

„In diesem Fall ist es aber so. Treffen wir uns später am Pool, Abigail? Weiterer Wüsten- und allgemeiner Austausch über PKW-Vorlieben?“

„Unbedingt!“

Fred ist mittlerweile in den Kofferraum gekrabbelt und prüft die Inhalte der noch verbliebenen Tüten.

Er zieht ein Paket eingeschweißtes Gemüse heraus, „was ist das?“

Nadja schaut in den Kofferraum und seufzt. „Fred, hilf mir, alles wieder zurück in die Tüten zu packen. Ich möchte rein und die Lebensmittel müssen in den Kühlschrank. Und ich am liebsten auch.“

„Was ist das, Mama?“

„Okra. Gemüse. Leckeres, wohlschmeckendes Gemüse.“

„Esse ich nicht.“

„Hast Du doch noch nie probiert.“

„Weiß ich aber trotzdem, dass ich das nicht mag.“

Fred schaut in eine weitere Tüte. „Mama, hier ist nur ein Becher Labneh drin!“

„Ich weiß. Irgendjemandem ist mal ein Paket Labneh ausgelaufen und dann hat er sich ganz gehörig beschwert, weil er zu blöd war, seine Einkäufe zu transportieren. Und seitdem wird möglichst alles Verpackte noch einmal einzeln verpackt.“

Nadja greift ein Paket Toilettenpapier, hält es Fred hin. „Ich konnte gerade noch dem Einpacker hinter der Kasse zeigen, dass das Klopapier hier einen Henkel hat.“ Nadja hält das Paket hoch. „Und damit ist es eine Tüte.“

Alexander schaut sich das in der Luft baumelnde Toilettenpapier an. „Mama, warum beschwerst Du Dich? Warum nehmen wir nicht unsere Taschen mit zum Einkaufen?“

Nadja hält Inne, guckt ihren Sohn an. „Alexander, Du hast vollkommen Recht.“ Sie schüttelt den Kopf und murmelt, „sind nicht immer einfach ‚die anderen‘.“ Sie klemmt sich eine Packung Cornflakes unter den Arm. „Ihr erinnert mich bitte das nächste Mal an die Einkaufstaschen im Kofferraum.“

Fred stapelt das abgewogene Obst an den Rand des Kofferraums und schlägt verschmitzt seine Hand auf den Mund, als die erste Mango aus dem Kofferraum auf den staubigen festgetretenen Sand- und Bauschuttboden plumpst.

Alexander sitzt am Esstisch über den Hausaufgaben, Fred ist auf dem Sofa eingeschlafen und Nadja reibt die Hände. Sie flüstert: „Meine Gelegenheit!“ Schnell tippt sie noch eine Nachricht ins Telefon:

Komme morgen gern zu Dir. Wann?

Und legt sich dann auf das andere Sofa. Sie denkt an Batul, sieht sie vor sich, ihr lächelndes, ebenmäßiges Gesicht, schaut in ihre großen dunklen Augen. Ihre Gedanken beginnen eine Eigendynamik zu entwickeln. Sie hört Batuls warme, ruhige Stimme mit diesem typischen Akzent und sieht sie am Pool stehen. In der Hand eine Papiertüte mit dem Logo einer deutschen Bäckerei.

Henny schlurft die Treppe hinunter. Auf dem unteren Absatz reckt er sich in voller Länge. „Warum ist es denn so ruhig hier?“

Alexander macht eine Drehbewegung mit dem Kopf zu den Sofas.

„Ach, und ich dachte, ich könnte einen Kaffee abstauben.“ Nadja öffnet ein Auge und holt tief Luft. „Herrlich so ein Nickerchen“. Sie streckt sich, kommt zum Sitzen und nickt Henny zu. „Ich mache uns einen Kaffee.“

Sie bohrt die Spitze des großen scharfen Schneidemessers in eine Wassermelone, die mit einem dumpfen Geräusch aufspringt und über die gesamte Länge einen Riss zieht. Der rote Saft läuft über die Hand als sie ein Viertel abtrennt und dieses in Scheiben schneidet. Danach schlitzt sie eine Mango in Igelhälften, schneidet die entstandenen Klötze ab und lässt sie in eine weitere Schüssel fallen. Die Kaffeemaschine läuft und die geschäumte Milch wartet in einer Stahlkanne auf dem Gasherd. Sie leckt den Fruchtsaft vom Handgelenk ab. „Ich treffe mich gleich mit Abigail am Pool. Sie fragt, ob wir am kommenden Wochenende mit in die Wüste wollen. Mit Übernachtung.“

„Bestimmt spaßig. Wer kommt denn alles mit? Inja und Jasper auch?“

Nadja bläst die Wangen auf. „Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Inja zeltet.“

„Wer weiß.“

„Jamie hingegen ist bestimmt ein Camper, oder? Und vielleicht findet Inja Zelten dann plötzlich doch ganz gut…Ob Jasper überhaupt einem Ausflug in die Wüste zustimmt, ist allerdings fraglich. Vor allem, wenn Jamie mitkommt.“

„Was hast Du eigentlich gegen die beiden?“

„Gegen Jasper nichts. Aber ihre affektierte Art kann ich nicht ertragen. Dieses Selbstherrliche. Vielleicht sollten wir für eine gute Wüstenstimmung normale Menschen einladen? Unsere alte Nachbarschaft zum Beispiel: Rebecca, Stefan, Nina und Jochen. Auch wegen der Jungs.“

Henny zuckt mit den Schultern. „Warum nicht.“

„Würde eine große Truppe.“ Nadja lacht. „Allzu oft sollten wir nicht mehr umziehen.“

„Der nächste Umzug geht sowieso nach Deutschland.“

Nadja erstarren die Gesichtszüge. „Wieso? Was ist denn jetzt wieder los?“

„Nichts, ich meine nur. Es wird mit Sicherheit nicht zu meiner Freizeitbeschäftigung, in Dubai umzuziehen.“

„Es war doch dein ausdrücklicher Wunsch, dass wir die Ranches verlassen!“ Geräuschvoll lehrt sie den Espressobehälter über dem Mülleimer aus. „Damit ich weniger ‚Ablenkung‘ habe.

Henny verlässt die Küche.

Mach Dir deinen Kaffee doch selbst, denkt sie und legt Servietten auf das Tablett neben die Schalen mit Obst.

Sie blickt durch die Durchreiche zum Esstisch. „Brauchst Du noch lange für deine Hausaufgaben?“

Gequält schaut Alexander hoch. „Ich habe solche Kopfschmerzen.“

Nadja stellt das Tablett auf dem Esstisch ab und legt die Hand auf seine Stirn. „Du glühst ja. Komm, mach Pause, leg Dich hin.“

Oben zieht sie die dunkelblauen Vorhänge vor dem großen runden Fenster zu. Sie setzt den großen Bären vom Bett auf den Schreibtischstuhl und schlägt die Bettdecke auf. Alexander steht hinter ihr und fasst sich an den Kopf. Er sinkt auf sein Bett und lässt sich bereitwillig die Hose der Schuluniform ausziehen.

„Hast Du in der Schule etwas getrunken?“

„Hm“, bringt Alexander hervor und rollt sich zur Wand. Er nuschelt, „aber jetzt ist die Trinkflasche weg.“ Nadja seufzt, deckt ihren Großen zu und dreht die Klimaanlage am Regler neben dem Lichtschalter herunter. Das ist die dritte Trinkflasche in diesem noch jungen Schuljahr, denkt sie und schleicht leise hinaus.

„Mama!“

Nadja geht hinunter ins Wohnzimmer und setzt sich auf die Sofakante. Behutsam streicht sie Fred über die Stirn. „Bist Du von deinem Nachmittagsschläfchen erwacht?“

„Mama, kann ich Kakao?“

„Ja, mein Schatz. Du kannst einen Kakao bekommen oder einen Kakao trinken oder einen Kakao haben. Am Pool. Einverstanden?“

Fred nickt, nimmt seine Mutter in den Arm und lehnt sich an ihre Brust. „So hat sich Emily an den Mann gelehnt.“

Nadja schaut ihren Sohn groß an. „In dem Café heute?“

„Nein, in Carls Haus. Und dann hat er uns gezeigt, wie man das Tuch zur Mütze macht.“

„Heute Morgen? Als Du bei Carl gespielt hast? Der Gleiche aus dem Café“

Fred nickt.

Nadja starrt ins Wohnzimmer, Kindermund tut Wahrheit kund, ob Carl davon auch seinen Eltern berichten wird?

Die Sonne hat den Zenit ihrer Bahn bereits überschritten. Ein leichter Wind verteilt die warme, staubige Luft innerhalb der Mauern. Abigail döst auf einer Liege. Nadja stellt das Tablett leise auf einen der Plastikhocker und deckt das Obst mit einem Insektensieb ab. Die Fliegen nerven.

Abigail rafft sich zum Sitzen auf, die Haare angedrückt am Kopf.

Nadja schenkt Kaffee in Becher und überlegt, Alexander hat oft Kopfschmerzen. Jedenfalls häufiger als früher…in Deutschland.

Abigail angelt eine Keksdose aus ihrem Korb, öffnet den Deckel und hält sie Fred hin. Fred macht konzentriert Knoten in die Kordel seiner Badehose, blickt auf, greift sich einen Keks aus der Dose und stopft ihn in den Mund.

Nadja nippt am Kaffee. Sie setzt sich, lehnt sich zurück und schließt für einen Moment die Augen. Früher in Deutschland….Was meinte Henny mit ‚der nächsten Umzug‘? Gibt es irgendwelche Überlegungen der Firma, die er mir vorenthält? Ich will nicht zurück – niemals. Der Geschmack weichen Milchkaffees mit einer Spur Kardamom füllt ihre Mundhöhle. Abigail hält ihr die Keksdose unter die Nase. Sie schnuppert feines Kakao-Aroma und schnappt sich einen Keks. „Hmmm. Abigail. Mögen deine Hände nicht schmerzen.“

Abigail lacht. „Wusste gar nicht, dass Dir die Redewendung vertraut ist.“

„Ist aber im Original Farsi und nicht Arabisch, glaube ich.“

Sie hört Wasser platschen. Laut, als wäre jemand hineingesprungen. Sie richtet sich kerzengerade auf und sieht Fred vollständig unterhalb der Wasseroberfläche an der tiefen Seite des Pools. Sie springt auf. Während sie rennt, zieht sie das Kleid über den Kopf. Fred erreicht prustend die Wasseroberfläche und schwimmt souverän in ausgefeilter Schwimmtechnik auf die gegenüberliegende Seite des Beckens. Nadjas Schultern fallen herunter, sie lächelt und bückt sich nach ihrem Kleid ohne Fred aus den Augen zu lassen. „Super, mein kleiner Großer“, murmelt sie.

„Seit wann kann er denn schwimmen?“ Abigail hält die Handfläche an die Stirn.

„Seit heute“, Nadja dreht sich um, „ob er das schon realisiert hat, ist allerdings die zweite Frage.“ Sie lacht, geht zur Liege zurück und hebt ihren Kaffeebecher vom Boden und trinkt im Stehen. Ohne den Blick vom Pool abzuwenden fragt sie, „wer kommt eigentlich mit in die Wüste?“

„Im Moment weiß ich von Inja, Jasper und Jamie.“

Nadja dreht sich ruckartig zu Abigail. „Tatsächlich? Die drei zusammen!“

„Hat mich auch gewundert. Aber ist doch schön.“

Nadja geht mit ihrem Becher zurück an den Pool und hockt sich an den Beckenrand. „Fred, weißt Du eigentlich, dass Du gar keine Schwimmflügel anhast?“

Fred hält sich am Beckenrand fest. Er strahlt über das ganze Gesicht. „Ich kann jetzt schwimmen!“

„Du bist super.“

„Holst Du Alexander und Papa raus, Mama?“

„Alexander darf heute nicht raus. Aber Papa sage ich Bescheid, dass hier eine Überraschung auf ihn wartet.“

Oben, in der Häuserwand, geht ein Fenster auf und Henny beugt sich heraus. „Fred, Du schwimmst ja! Das ist der Hammer! Ich komme gleich dazu.“

Fred winkt seinem Papa zu, gluckert dabei unter, kommt wieder hoch und lacht.

Abigail setzt sich zu Nadja und lässt die Beine in den Pool baumeln. „Du bist eine geborene Wasserratte, Fred.“

„Kommt Emily mit in die Wüste oder kann sich mit dem Maserati-Typ treffen?“

Abigail lächelt verschmitzt. „Sturmfreie Bude würde ich sagen.“

Gedankenversunken schaut Nadja auf die Front der Villa von Inja und Jasper, so lange ihr diese Luxus-Bude noch zur Verfügung steht.

Barfuß und in kleinen, aber schnellen Schritten kommt Henny zum Pool. Der gepflasterte Boden hat die Tageshitze gespeichert. Er reißt die Pforte zum Poolgehege auf, schmeißt sie zu und springt mit dem Kopf voran ins Wasser. Lachend taucht er neben Fred auf, nimmt ihn in den Arm und wirft ihn hoch in die Luft. Er fängt das jauchzende Kind vor dem Eintauchen in den Pool ab. Nadja lässt sich am Beckenrand in den Pool gleiten und schwimmt auf beide zu. Henny gibt ihr einen Kuss. „Habe mir einen sehr leckeren Kaffee selbst gekocht.“ Er grinst. Nadja springt auf seinen Schultern in den Stütz und presst ihn mit aller Kraft herunter. Henny schießt aus dem Wasser wieder hoch, schüttelt die Haare und lacht. Er holt Luft. „Ach, kannst Du mal nach Alexander schauen? Der hat eben gespuckt.“

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9783754172094
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