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Zaubertanz und weiser Funke
Zwei Novellen
neobooks, Oktober 2021
Copyright Anita Lang, Wien

Inhaltsverzeichnis
I. Wie ein Bissen Brot
II. Die schimmernde Tänzerin
1. bis 10. Kapitel
III. Felix und seine Heilsversprechen
1. bis 4. Kapitel
I. Wie ein Bissen Brot
Personal ist zur Ware geworden, zur Mangelware. Karin betrachtet die ihr Zugewandten vom Beifahrersitz aus.
„In Kürze werden wir in Wien ankommen. Einige von euch kennen die Patienten bereits.“ Pflegekräfte werden heutzutage gebraucht, wie ein Bissen Brot. Doris war Kellnerin.
„Macht es euch etwas aus, wenn wir per du sind?“ Scheint okay zu sein. „Doris, deine Patientin, achtundsiebzig, rüstig, in Währing. Ihr Gesundheitszustand hat sich nicht verschlechtert.“
„Gott sei‘s gepfiffen und getrommelt.“ Doris lächelt sonnig. Sie kennt die Gepflogenheiten, den Hausbrauch in der Villa. Ein angenehmer Auftrag.
Miriam hat früher Klaviere verkauft. Sie ist nach ihrer Ausbildung zum ersten Mal im Einsatz.
„Miriam, wir werden den ersten Tag gemeinsam arbeiten. Sondieren wir, was im Haushalt benötigt wird. Den Sollstand, sozusagen.“ Der alte Herr ist fünfundachtzig, Parkinson seit zehn Jahren. Kooperativ und geistig rege. „Gedächtnistraining nimmt er sehr positiv auf.“ Miriam ist sanft und ernst. Gelegentlich summt sie, wenn sie putzt. In der Ausbildung hat sie im März 2020 mit ‚sehr gut‘ abgeschlossen.
Ein wechselhaftes Aprilwetter, as usual, am Stadtrand von Wien sieht alles gleich aus. Die staubigen Metallplanken an der Autobahn lassen wir links liegen, wechseln die Spur an der Ausfahrt zur Bundesstraße. Den Abbiegestreifen eskortieren improvisierte, rot-weiße Schilder. Als Rauch aus der Kühlerhaube dringt, wird unsere Fahrt jäh unterbrochen.
„Jetzt wird’s brenzlig“, sagt der Fahrer. Abrupt lenkt er den Minibus an den Fahrbahnrand. Neben einer Leitplanke, die uns Gestrandete gegen die Böschung abschirmen soll.
„Bleibt bitte hier sitzen. Ich muss nachsehen, was da los ist.“ Herr Kerala schaltet die Warnblinkanlage ein und stellt den Motor ab. Rasch verlässt er das Fahrzeug und klappt geräuschvoll die Motorhaube hoch. Damit sich der Qualm in die Luft verziehen kann. Angeblich stehen die Sterne denkbar schlecht. Laut heutigem Radio-Horoskop stehen mir lästige, große Hindernisse bevor.
Wir sind auf einer zweispurigen Bundesstraße. Spärlich zeigen sich junge Laubbäume auf ausgeblichenem Rasen. Dahinter undurchdringliches Dickicht, wild wuchernde Sträucher, an welchen zarte Blätter sprießen. Von seinem Smartphone aus ruft er den Pannendienst. Eine angenehme, sonore Männerstimme gibt die Position durch. Versucht, alles in den Griff zu bekommen. Wir Reisende sitzen in diesem goldfarbenen Kleinbus fest. Vier Pflegekräfte haben sich in Linz am Sammeltreffpunkt, vor dem Viersternehotel nahe der A eins, eingefunden. Sie sollen unverzüglich zu ihren Patienten nach Wien, wo sie sehnlichst erwartet werden. Pietro war Fahrradbote in Salzburg.
„Pietro, du wirst das Ehepaar in Stammersdorf weiter betreuen.“ Zwei Jahre arbeitet er bereits für unser Dienstleistungsunternehmen. Acht Monate in dem Pensionistenhaushalt. Sie, ein zänkisches Weib, behäbig und renitent. Ihr Ehegatte ist flexibel, vernünftig und praktisch veranlagt.
„Mit ihm verstehe ich mich inzwischen bestens“, sagt der Betreuer. „Sie ist auch irgendwie auszuhalten. Man muss sie nur zu nehmen wissen.“ Beim Entblößen seiner Zähne kommt eine reizende Lücke zwischen seinen Schneidezähnen zum Vorschein. Wir können uns unsere Kunden nicht aussuchen. Siglinde war Gärtnerin, bevor sie zu uns kam.
„Siglinde, dein Auftrag ist klar. Das Seniorenheim in Brigittenau braucht Verstärkung. Die Belegschaft wird dich einschulen.“ Es ist ein Zeitauftrag, drei Monate, wenn’s hoch hergeht. Bringt lediglich siebzig Prozent ein, am üblichen Honorar gemessen.
„So, und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Vormittag?“ Kerala hat seine silberfarbene Stoffmaske aufgesetzt und wieder auf seinem Fahrersitz Platz genommen. Er sieht Karin erwartungsvoll in die Augen. „Etwas Orientalisches“, sagt er. „Die Covid 19-Masken haben etwas Orientalisches an sich.“
„Da könnte ich dir Sachen erzählen“, sagt sie. „Du würdest staunen.“
„Na dann los. Wir haben Zeit. Wer weiß, wann die eintrudeln.“
„Ja, bitte erzähl doch“, sagt Siglinde. „Es würde uns sehr interessieren.“
„Ich muss noch die Patienten informieren, dass wir uns verspäten werden. Um, sagen wir – zwei Stunden.“
„Mindestens“, sagt Kerala. „Wenn die in einer halben Stunde da sind, dann entweder flugs den Schaden beheben. Oder uns in die nächste Werkstatt abschleppen. Fahrtzeit zum Ziel: eine Stunde. Ergo zwei Stunden.“ Seine dichten Augenbrauen heben sich. Er interessiert sich für mich, denkt Karin. Grau-weiße Schläfen, volles Haar. Braune Augen, die funkeln. Ein liebenswürdiger Gentleman. Fragt sich, wie alt. Vielleicht sechzig. Schwer zu sagen, in der heutigen Zeit. Bei den vielen, meist rüstigen Senioren.
„Die Story, Karin Asminda. Die Story.“
„Ja doch, Kerala. Es ist die ausgefallenste Geschichte, von der ich je gehört habe.“
II.Die schimmernde Tänzerin
1.
Ich kannte sie gut, die Tänzerin Dajana. Sie tanzte bereits als Kind – nahezu wie ein Profi. Sie entstammte einer gutbürgerlichen Familie. Vater Gerichtsvollzieher, Mutter im Haushalt. In den Achtzigerjahren war sie Sachbearbeiterin in einer Kanzlei. Ein undramatischer Broterwerb, der nach einer aufregenden Freizeitgestaltung verlangte. So fand sie. Tagsüber im Büro, erledigte sie ihre Aktenberge, um sich anschließend mit Tanzstunden dafür zu belohnen. Mit dreiundzwanzig fand sie ihre Berufung im Bauchtanz. Sie genoss ihre Jugend und die Bewunderung ihres Publikums.
„Könnt ihr euch die exotischen Kostüme vorstellen?“ Sie waren die reinste Augenweide. Samtige, mit Pailletten besetzte Oberteile, wallende Röcke und Pluderhosen in knalligen Farben. Seidene Schleier, die Wolken gleich geschwungen wurden. Es war die Liebe zur Musik, die sie durch das Leben trug und gleichsam ernährte. Man taucht in einen Schwall von Gefühlen. Spielerisch, wie ein Fisch, der das Riff umkreist. Wendig tänzelnd, wie ein zartes Seepferdchen.
Bauchtanz entfacht gleichsam eine feine Welle. Im Nu erfasst sie das Publikum. Dutzende Augen verfangen sich in den vibrierenden Münzen, die der Shimmy klimpernd in Trance versetzt. Die Tänzerin ist zum Instrument geworden, zu einem Kleinod der Musizierenden. Röhrende Flöten nebst heiteren, lichten Zimbeln. Der hämmernde Rhythmus der Darbuka mitsamt ihrer Zauberkraft. Unweigerlich zieht dich das sinnliche Pochen der Trommeln in seinen Bann. Wiegt dich, und entführt dich, in ein glückverheißendes, träumerisches Land.
„Wusstest du, dass es eine Vielzahl von Shimmys gibt?“
„Das ist das Zittern in den Hüften, nicht wahr? In Hawaii haben sie das auch, soviel ich weiß.“
„Marilyn Monroe setzte ihn ein. Elvis ebenso. Den Handshimmy. Das ist der am meisten gebräuchliche.“
Kerala streckt seine Hand hoch und versucht, die Bewegung zu simulieren.
„Gar nicht so einfach.“
„Du sagst es. Es braucht eine entspannte Haltung. Der schwierigste ist der Bauchshimmy. Unser Meisterstück, wenn man so will.“
„Du verstehst etwas davon?“
„Ein wenig. Ich werde niemals so perfekt sein wie Dajana. Nicht in hundert Jahren.“
Es war an einem Wochentag, im Mai 1985 in der Nähe der Wiener Landstraße. Das Studio lag direkt am Park. Die mächtigen Bäume standen in üppigem Blätterwuchs. Die blühenden Fliederhecken versprühten verschwenderisch ihren leichten Duft. Auf den Parkbänken hatten sich junge Mütter mit ihren johlenden Kindern eingefunden. An einem der Tische dahinter, spielten seelenruhig zwei bärtige Männer Schach. Aus den Räumen des Kellergeschoßes drang Instrumentalmusik. Dajana kam die Treppe herauf, ihre Umhängetasche über die Schulter geworfen. Ihr langes Haar lag offen um ihre wohlgeformten Schultern. Sie war eine anmutige Person. Ihr Gesicht bezauberte durch große, ausdrucksstarke Augen und eine hohe Stirn über einer zierlichen Nase. Sie hatte eine dieser handgewebten Taschen, die man in Dritteweltläden erwerben kann. Orange und türkisfarben, mit breitem Tragegurt. In die man wahnsinnig viel hineinstopfen kann. Hinter ihr fiel scharf die Stahltür ins Schloss. Die Schatten wurden länger, die Laune der Werktätigen beschwingter, gegen Ende des Arbeitstages.
Eine Gruppe junger Männer pflanzte sich lasziv auf und um einen der Holztische. Für gewöhnlich fanden sie sich im Park ein, um sich zu unterhalten. Miteinander zu scherzen. „Herumlungern“, sagte die ältere Generation, die es nicht gerne sah, wenn sie ihre Zeit vergeudeten. Sie leben in kleinen Wohnungen, in denen sie zumeist nur ein Bett besitzen. Deshalb verbringen sie den Großteil ihrer Stunden im Freien. So es das Wetter erlaubt. Bei Regen sieht man sie in den Hauseinfahrten, gegen Wände gelehnt. In der Hocke oder auf ihren zusammengeknüllten Klamotten sitzend. Mit einer Zigarette zwischen den Fingern. Einer von ihnen, mittelblond und hochgeschossen. Sein ganzes Auftreten schien zu sagen: „Ich wollt, ich wäre ein Prinz.“ Sein ausgeprägtes Kinn fiel ihr als Erstes auf. Und dass er seinen Kumpels imponieren wollte, die ihn Eddy nannten.
„Ach bitte, schöne Lady“, raunte er. „Nur eine Kostprobe ihres Tanzes.“ Er faltete seine Hände und sah sie aus bittenden Augen an.
„Leider“, meinte Dajana achselzuckend und wandte sich zum Gehen. „Wir haben keine Musik.“
„Ach, bitte. Tun sie uns den Gefallen. Wir sind die Music Brothers.“ Kaum hatte er dies gesagt, begann die Gruppe auf den Tisch zu klopfen. Einer trommelte mit seinen Fingerkuppen auf den Bänken. Einer anderer schnipste mit den Fingern und pfiff melodisch. Unverkennbar, ein orientalischer Gig. Eddy und ein anderer seiner Freunde klatschten im Takt. Sie ließ sich erweichen. Zaudernd stellte sie ihre Tasche an den Wegesrand und ging in Position. Du musst immer lächeln, locker bleiben, deine Blicke ins Publikum wandern lassen. Jeder soll glauben, du tanzt nur für ihn. In deinem Kopf zählt nur die Musik. Sie wandert, strömt leise in deine Gesten. Deine Sohlen fühlst du gelegentlich, als würden sie abheben. In weichen Achterschleifen lässt die Bauchtänzerin ihre biegsamen Hüften kreisen. Ihre Arme schlängeln sich um die Konturen ihres Körpers, sinnlich und verführerisch. Einladend, wie er später ständig betonte. Bei der Frage nach einer Zugabe winkte sie ab. Höflich, doch entschieden.
„Ich muss jetzt wirklich gehen“, sagte sie entschlossen, und zwang sich zu einem Lächeln.
Dem jungen Mann, der ihr nachlief, misstrauten die meisten Menschen. Er schien etwas verrückt zu sein. An seinem Blick erkannte man es. Es war nur ein Aufblitzen. In seltenen Momenten, sporadisch zu sehen.
„Ich kann sie berühmt machen“, versprach er. „Edward Krenz, vielleicht haben sie schon von mir gehört.“ Als wäre er einer dieser Agenten auf Talentsuche. In Wahrheit jedoch war er Gelegenheitsarbeiter. Abladen eines LKWs, Hilfsarbeiten an einer Baustelle. Dies und das, wie befristete Jobs so gelagert sind. Ab diesem Augenblick wurde sie ihn nicht mehr los. Er klebte an ihr, wie eine dieser ausgemergelten Strauchfrüchte. „Wie heißt die noch?“
„Du meinst eine Klette.“
„Genau. Danke.“
Er war ein ausnehmend schöner Mann. Sein ebenmäßiges Gesicht, seine gerade Nase und sein wohlgeformter Mund erinnerten an eine Büste aus dem antiken Griechenland. Vor allem das Blau seiner Augen, wie die dunkle Tiefe eines Gebirgssees. Man konnte sich eines rätselhaften Staunens nicht erwehren. Seine lässige Haltung erschien mutig und tatkräftig zugleich. Er konnte sich geschmeidig bewegen und führte dies exemplarisch vor. Er war imstande, aus dem Stillstand auf eine Parkbank zu springen, ungestüm wie ein Puma. Viele hielten ihn für äußerst lebenstüchtig, dem ersten Anschein nach.
Seit dem tragischen Verlust ihrer Eltern, träumte Dajana von einem Menschen, bei dem sie sich erneut geborgen fühlen könne. Von einem Mann, der sie liebte, und sie auf Händen trug. Ihre Liebe zu ihm war hell und fürsorglich. Hin und her gerissen von seinem Charme, zog sie mit ihm. Er hatte eine Altbauwohnung in der Ungargasse aufgetan, die für ihn erschwinglich war. Sie brachte einige Möbelstücke aus ihrer alten Wohnung mit. Nico und Tom erklärten beflissen, beim Umzug mitzuhelfen. Eddy dirigierte sie lautstark, als sie die Teile des Einbauschranks, und anschließend das Doppelbett, die Stiegen hochschleppten. Eddy strahlte. Endlich war er unabhängig, der Herr im Haus. Das junge Paar fand sich spielerisch in die neue Umgebung ein. Das Glück des Neuanfangs setzte Berge von Energie frei. Beide waren voll der Hoffnung, einer wunderbaren Zukunft entgegenzugehen. Zimmer, Küche, Fensterscheiben aus gerilltem Glas trennten die Wohnung zum Gang ab. Von außen konnten Vorbeigehende die Konturen der Bewohner sehen. Dajana über den Herd gebeugt, im Kochtopf rührend. Eddy auf der Küchenbank, die Ellenbogen auf die kleine Tischplatte gestützt. Linsen mit Speck und Knödeln waren sein Leibgericht.
„Viel Knoblauch“, darauf bestand er. Es sollte nicht das Einzige sein, worauf er bestand.
Einige Male am Tag klingelte ihr Telefon im Büro und er war dran. Seine geistlosen Telefonanrufe langweilten sie bald. Er wollte minutiös wissen, wo sie war, wann sie ankäme. Wie lange sie für den Heimweg brauche. Wenn sie sich um eine Minute verspätete, löcherte er sie mit durchdringenden Fragen, wo sie denn gewesen wäre.
„Und was bitte hast du dir angesehen“, sagte er dann. „Was genau war so interessant?“
„Geschirr“, sagte sie. „Wir brauchen neue Suppentassen.“
„Und die musstest du dir alleine ansehen. Ohne mich?“
„Entschuldige.“ Meistens endete dies in einer Entschuldigung ihrerseits. Sein Gehaben befremdete sie sehr. Ihre Eltern hätten es als aufdringlich und penetrant angesehen. Allerdings schmeichelte es ihrem Selbst.
„Ich kann ohne dich nicht leben“, beteuerte er oft. Das musste doch Liebe sein, sagte sie sich. So lange, bis sie daran glaubte. Allem voran lobte er ihre Tanzkünste, ihr angestammtes Talent. Das gab ihr das Gefühl, einzigartig zu sein. Sie glaubte seinen Liebesschwüren. Dass er alles über sie wissen wolle, weil sie ihm doch so viel bedeute.
Erheitert erzählte Eddy davon, wie er seine Geschwister gegeneinander ausspielte. Er prahlte regelrecht damit. Ein breites Grinsen, wie ein verrutschter Mond, ging auf. Begleitet von einem Glucksen, während der Szenen, die er für lustig hielt. In seiner angestammten Familie hatte er die Machtverhältnisse zu seinen Gunsten verändert. Er nannte fünf Geschwister sein Eigen, die er allesamt unter seiner Fuchtel hielt. Nico und Tom waren älter, Adrian, Lukas und Gerhard jünger als er. Sein bevorzugtes Druckmittel waren Drohungen. Er hatte keine Scheu davor, die perfidesten Lügen zu erfinden. Die er anschließend dem Vater vertrauenerweckend vor die Füße legte. Er verstand es vortrefflich, sich als Opfer darzustellen. Seine älteren Brüder als unfair zu bezeichnen, die ihm Gewalt antäten. Längst hatte er sich einen Plan ausgedacht, wie er seine Sache glaubwürdig aussehen lassen könnte. Einmal schlug er sich den Kopf an einem Tisch blutig, um dann unbeirrt zu behaupten, Nico und Tom hätten ihn mit Faustschlägen traktiert. Eddy achtete darauf, genug Indizien zu legen, die jedem ins Auge stechen mussten. So auch seine Verletzungen auf Nase, Wangen und Stirn, die von den Gegenständen auf der Tischplatte herrührten. Die blutigen Tücher, mit welchen er alles sorgfältig abgewischt hatte, taten das Übrige, um seine Version zu untermauern. Ihr Vater zog wutentbrannt ins Feld und wendete „das Unangenehme“ an, wie sie es nannten. Worin das bestand, darüber verlor Eddy kein Sterbenswörtchen. Nicos Beteuerungen, dass das alles nicht stimme, halfen ihnen nicht. Zu schlimm waren die Verletzungen des Bruders, als dass ihr Vater an der Geschichte gezweifelt hätte. Mit den Jüngeren, Adrian, Lukas und Gerhard, begann er, ein ungleiches, böses Spiel zu inszenieren. Waren sie doch von Beginn ihres Lebens an seinen Launen ausgeliefert. Eddy war hellhörig darauf bedacht, keinem Außenstehenden unangenehm aufzufallen.
„Vielleicht kennt ihr solche Szenen aus eigener Erfahrung. In kleinerem Ausmaß oder vom Hörensagen. Einer stellt einem anderen unbemerkt ein Bein.“ Es entsteht ein Schaden, doch im Verborgenen. Eddy war komischerweise immer aus dem Schneider. Es war ihm nichts nachzuweisen. Ihre Mutter spielte eine loyale Rolle, ihrem Mann gegenüber. Er hatte das Sagen und es galt letztlich, die heranwachsenden Kinder zu bändigen. Sie zu einem geordneten Leben zu erziehen. Also erfüllte der halbwüchsige Eddy eine Funktion, die dem Familiensystem nützte. Er verbreitete die Angst, die nötig war, um die Geschwister in die schützenden Arme der Eltern zu treiben. Als er erwachsen wurde, hatten sie ihn satt. Seine Launen, sein herrschsüchtiges Wesen. Umso lieber sahen sie ihn hernach in der Rolle des Verlobten.
„Du bist die beste Frau für ihn, die man sich denken kann“, sagte seine Mutter zu Dajana, als sie auf Vorstellungsbesuch bei ihnen weilte.
„Dieser Glückpilz“, betonte Nico. „Dass eine solche Schönheit, wie du, sich um unseren Eddy kümmert…“ Sie lobten sie über alle Maßen. Außerdem schaffte sie ihnen den anstrengenden, ungeliebten Sohn und Bruder vom geplagten Hals.
Edward Krenz, der neue Mann in ihrem Leben, wurde schließlich lauter. Schimpfworte und Wutausbrüche dominierten ihr Leben, das schließlich aus dem Ruder lief. Sie verstand die Welt nicht mehr. Glaubte sie doch, alles getan zu haben, dass es ihrem Liebsten gut ginge. „Ich muss dir sagen: du hast dich verändert“, sagte ihre Freundin. „Im Freundeskreis munkelt man, dass er dich schlecht behandelt.“
„Er hat ein Problem, zur Zeit“, versuchte Dajana, ihn zu verteidigen.
„Es schmerzt mich, mit anzusehen, wie es mit dir bergab geht. Ich bin doch deine Freundin.“
„Eddy ist noch in der Probezeit, weißt du. Das wird sich legen, wenn er seinen Arbeitsvertrag hat.“
Einige ihrer Freunde verurteilten sie, weil sie sich Derartiges gefallen ließ. Auch war ihr mittlerweile anzusehen, dass sie litt. Ihr hübsches Gesicht war mager geworden, ihre Wangenknochen standen hervor. Die blauen Flecken versuchte sie, unter langen Ärmeln zu verstecken oder unter blickdichten Strumpfhosen. Trotz allem verlieh ihr dies eine geheimnisvolle Aura, eine elegante, blasse Schönheit.
Seine Arbeit verrichtete Eddy recht und schlecht. Es verdross ihn, seine Stunden mit Tätigkeiten zu verbringen, die ihm keinen Nutzen einbrachten.
„Es fadisiert mich, die Fahrtzeiten für den Transporter aufzuschreiben“, sagte er. „Ich bin doch keine Büroklammer. Soll das doch der Fahrer selbst tun.“ Ein anderes Mal war es der Partieführer, der ihn schief angesehen haben soll.
„Was glotzt du“, fragte er ihn herausfordernd. An diesem Tag kam es zu einer Rauferei. Er überwarf sich mit seinem Chef, wurde gekündigt. Erneut suchte er Arbeit, legte sich mit Kollegen an und verlor im Nu seine Stelle. Die Leute sahen ihn schief an, wenn er untertags an ihnen vorbeiging.
„Du solltest dich nützlich machen“, sagte ein Nachbar. Frustriert schlug er sich die Zeit um die Ohren und beschuldigte Dajana, wenn sie abends heimkam.
„Du hast mir das vermasselt. Deinetwegen wurde ich gefeuert“, warf er ihr vor. „Mit einer Frau wie dir kann man nicht gewinnen.“ Er beschuldigte sie, anderen schöne Augen zu machen. Dadurch könne er nicht mehr klar denken.
„Meine Arbeit leidet darunter. Alles nur wegen dem Stress mit dir“, sagte er. Im Grunde seines Herzens gloste die Eifersucht. Er wollte erreichen, dass einzig und allein er geliebt wurde. Dajanas beste Freundin und Arbeitskollegen, die sie mochten, standen ihm dabei im Wege und er nahm sie unter verbalen Beschuss.
„Sie wollen dich doch nur ausnützen“, stichelte er. „Siehst du nicht, wieviel Arbeit sie dir zusätzlich aufhalsen? Damit sie sich einen Lenz machen können.“
„Aber, ich arbeite gerne fürs Team“, sagte sie. Er legte nach, erfand Anschuldigungen, bezichtigte ihre Kollegen der Profitgier. Einer ihrer Freundinnen, die sie bereits seit der Schulzeit kannte, dichtete er den Ruf an, drogensüchtig zu sein.
„Merkst du das nicht: Ein schlechter Umgang für dich“, sagte er. Das Wesen, das er zu besitzen glaubte, durfte niemand anderen mögen oder gar lieben. Schlechte Schwingungen griffen um sich. Eddys Ärger schlug in Wut um. Unter dem Übermaß an Vorwürfen und bösen Worten, zog sich Dajana ratlos zurück.
Anfangs versuchte sie, ihre Clique zu verteidigen. Zu kostbar waren die Erinnerungen an glückliche, unbeschwerte Tage. An wolkenlose Sommertage, die sie mit ihren Freundinnen im Strandbad herumhing. Die freizügigen Bikinis, beschallt von den wildromantischen Songs der Transistorradios.
„Das stimmt nicht“, sagte sie. „Es sind Freunde. Völlig harmlos.“ Insgeheim wusste Sie, er hatte kein vernünftiges Argument. Es würde jedoch zu weit führen, ihm dies alles auseinandersetzen. Eines Tages, es war nicht einmal ein besonderer Tag, gab sie ermüdet auf, ohne Widerworte. Ihr Schweigen brachte sie nur noch mehr in Bedrängnis. Er legte es als ein Schuldeingeständnis aus. Steigerte sich in Rage, die ihn blind machte. Die darin gipfelte, dass er unangenehm wurde. Generationen, die, wie selbstverständlich, mit der Furcht vor der Strafe des Vaters aufwuchsen. „Das Unangenehme“ in abscheulichen Worten, meist in ebensolchen Taten.
Da siehst du dich plötzlich auf dich allein gestellt. Deine Freundinnen können dir nicht beistehen, wenn du geschlagen wirst. Sicherlich hätten sie sich vor dich gestellt, getragen von der Hoffnung, dass er einer ihm fremden Person nichts antun könnte. Du musst dich entscheiden, ob du dich wehrst oder verteidigst. Und Dajana versuchte, mit der Geduld eines gefallenen Engels, ihren Angreifer umzustimmen. An diesem Dienstag trug sie Abschürfungen an den Beinen davon. Für andere unübersehbar, ihre Blutergüsse im Gesicht. Als Eddy in die Küche ging, um sich eine Flasche Bier zu holen, konnte sie zu einer Freundin flüchten, die zwei Häuserecken weiter wohnte. Diese verarztete sie aus der Notapotheke, mit Wundsalbe und Pflastern. Eine Untersuchung bei einem Arzt lehnte sie ab. Sie befürchtete, dass Eddy angezeigt würde. Im Alltag versuchte sie krampfhaft, ihn nicht zu reizen. Ein Leben auf Zehenspitzen begann. In dem sie versuchte, ihm alles recht zu machen. Ihre Leidenschaft verblasste zusehends. Sie konnte und wollte ihm nicht mehr in die Augen sehen.
„Ich bin zu müde“, sagte sie, als er versuchte, sie zu küssen. Sie konnte seine Annäherungsversuche nicht mehr ertragen. „Die viele Arbeit im Büro, lass mich doch bitte schlafen.“ Als sie seinen Forderungen nach körperlicher Liebe nicht nachkam, beschlich ihn die Angst, er könnte sie verlieren. Er bewachte sie auf Schritt und Tritt, verlässlich wie ein Kettenhund. Abends nahm er ihr die Wohnungsschlüssel ab und versperrte die Tür von innen. Tagsüber erlaubte er ihr, ins Büro zu gehen. Akkurat bei Dienstschluss, stand er, wie ein Wärter in der Toreinfahrt gegenüber, passte sie ab und führte sie heim.
„Ich wünsche mir doch nur eine Familie“, beteuerte er wieder und wieder. „Ich will eine anständige Frau haben, die zu mir hält.“ Dann zweifelte sie an sich selbst. Nichts wollte sie mehr, als ihm eine gute Frau zu sein. Nun war sie weit davon entfernt, ihn zufrieden zu stellen. Eine geölte Stimme sang aus dem Radio: „Ramona, denk jeden Tag einmal daran, dass nichts vergeht, was so begann.“ Vielleicht hat er Recht, schoss ihr durch den Kopf und ein Hoffnungsschimmer glimmte auf.
2.
Insgeheim war Eddy jedoch noch immer fasziniert von Dajana, als Tänzerin. Er trug ein Bild von ihr in der Geldtasche, wie seine früheren Freunde zu berichten wussten. Darauf war ihr fein geschnittenes Gesicht, halb hinter dem himmelblauen Seidenschleier verborgen. Goldene, geprägte Münzen lagen aufgefädelt über ihrem Stirnansatz. Ein Teil ihres Kostüms, das sie in jener Zeit getragen hatte, als sie sich kennenlernten. Anfangs machte er ihr nur vereinzelt Szenen, freitags vor dem Wochenende. Nach einem Jahr schlugen seine Eifersuchtsanfälle jedes Mal in Gewalt um.
„Er war wohl das, was man unter einem Macho versteht.“ Egoistisch, selbstverliebt. Er sagte von sich, dass er ein Romantiker wäre. Treue und Ehre wären ihm wichtig.
„Warum verließ sie ihn nicht“, will Kerala wissen.
„Vorerst dachte sie, dass sich alles wieder einrenken würde“, sagt Karin. „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn er eine neue Stelle hat, die ihm gefällt, wird sich alles wieder normalisieren. Meinte sie.“
„Das lag sicherlich an ihren Selbstzweifeln“, mischt sich Miriam ein. „Sie fühlte sich nicht stark genug, um ihn zu verlassen.“
„Sie hätte sich einfach nur einen suchen müssen, der lieb zu ihr ist“, sagt Pietro. „Warum sich manche Frauen an solche Ekelpakete hängen, werde ich nie verstehen.“
„Sie erläuterte, es wäre wie eine Falle gewesen“, sagt Karin versonnen. „Du tappst hinein und bist gefangen, ehe du dich versiehst.“
„Macht ja nicht ohne mich weiter“, sagt Kerala und öffnet die Wagentüre. „Die gelben Engel sind da.“
Ein schmächtiger Mann in einer gelben Montur stellt seine Werkzeugkiste krachend auf den Boden. Der Rauch unter der Kühlerhaube hatte sich verzogen. Mit einer Zange in der Rechten macht er sich daran, das Problem zu finden.
„Der Bus muss in die Werkstatt“, verkündet Kerala. In gebückter Haltung sieht er durch das offene Autofenster von einem zum anderen. Vor allem wendet er sich Karin zu. „Ihr müsst aussteigen. Er schleppt mich zum Parkplatz dort drüben.“
Doris schnäuzt sich und runzelt die Stirn, als sie ein gelbes Sekret in ihrem Taschentuch bemerkt.
„Eiter“, sagt sie lakonisch und wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Ich sag‘s nur ungern. Ich hab Fieber.“ Beim Aussteigen aus dem Bus kommt ein Hüsteln hinter der Maske hoch.
„Jetzt haben wir wirklich ein Problem“, stellt Karin fest. „Wir müssen die Corona-Hotline informieren.“
„Vor allem rate ich euch, in einem sicheren Abstand zu Fuß zu gehen. Wegen der Ansteckungsgefahr“, ruft der Mechaniker herüber. Karin nickt verständnisvoll, mit einem Ohr klebt sie an ihrem Handy. Man hört das besänftigende Brabbeln der Warteschleife.
„Na kommt, die Taschen können wir im Bus lassen.“ Im Gänsemarsch trotten sie hinter einander. Kerala geht voran, wortlos und energischen Schritts. Weiter entfernt, in Sichtweite, rollt ein antriebsloser Bus. Dessen Motor dahin ist, fürs Erste.
„Immer heiter, dann kommst du weiter“, sagt Karin.
„Also, den Tag habe ich mir anders vorgestellt. Wie gut, dass du noch dichten kannst.“
„Es reimt sich, und was sich reimt, ist gut.“
„Sagt Pumuckl.“
„Also, alles Gute. Muss ja nicht immer der Virus sein“, ruft der Mann vom Pannendienst aus sicherer Entfernung. Dann steigen sie erneut ein. Karin schildert die Symptome in ihr Smartphone und starrt vor sich hin. „Wir sind auf dem ersten Parkplatz nach der Abfahrt.“
„Nun müssen wir warten. Sie kommen uns testen. Alle.“ Dann informiert sie die Kunden, gibt sich bedauernd und herzlich. „Tut mir leid“, sagt sie jedes Mal, in sanftem Ton. Autos brausen vorbei. Ein rauchender Auspuff lässt auf mangelnde Wartung schließen. Er gehört zu einem in die Jahre gekommenen LKW. Für die Werktätigen geht der Stoßverkehr weiter, an diesem Montag.
„Ich will unbedingt wissen, wie es der reizenden Tänzerin ergangen ist.“ Kerala reibt sich die Hände, um sich aufzuwärmen. „Frisch, hier am Stadtrand“, sagt er und lässt sich in den Polstersitz fallen. „Macht es dir etwas aus, wenn du weiter erzählst? Ich meine, trotz Maske.“
„Aber nein, ich brenne darauf. Wo war ich noch mal?“
„Der böse Eddy. Ihr besitzergreifender Mann“, sagt Pietro.
„Eines Tages, im Frühsommer. Sie hatte sechs Jahre lang alles Erdenkliche versucht, um mit ihm zurechtzukommen.“ Dajana sah keinen Ausweg mehr. Die Zeichen sprachen dafür, dass sie ein Kind erwartete. Wenn sie für ihr Baby sorgen müsse, wäre sie mehr denn je auf ihn angewiesen. Inzwischen kannte sie ihn gut genug, um zu wissen: er würde das Kind für sich beanspruchen, sobald es das Licht der Welt erblickt hätte. Also beschloss sie, ihn in Unkenntnis darüber zu lassen. Während der Bürostunden überlegte sie fieberhaft, wie sie ihn unbemerkt verlassen könnte. Sie fühlte sich am Ende ihrer Kraft, unfähig, sich gegen seine Gemeinheiten zu wehren.
„Worauf wartest du“, fragte ihre Kollegin. „Also besser wird der nicht.“
„Wahrscheinlich hast du Recht. Auf keinen Fall werde ich ihn heiraten. Das kann er sich abschminken.“ Der Anlass folgte auf den Fuß. Gewissermaßen der Stein, der das Geschehen unwiderruflich ins Rollen brachte. Ungeduldig wartete Eddy am späten Nachmittag. Die Menschen saßen in den Schanigärten. Schlürften genüsslich ihren Nachmittagskaffee, hinter blühenden Oleanderstauden. An diesem Montag harrte er vor dem Eingang aus, stieg rastlos von einem Fuß auf den anderen. Als er sie mit einer Kollegin im Hausflur scherzen sah, verzog sich seine Miene.
„Da brennen mir ja die Sicherungen durch“, schrie er. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, als er eine Schimpfkanone auf sie losließ. „Hure“ war hier noch das Mildeste, was er an Vokabular hervorstieß. Unterste Schublade, wie sie zu sagen pflegte. Dajana zog den Kopf ein, als könnte sie in einen Schildkrötenpanzer kriechen. Ein bitterer Geschmack machte sich in ihr breit. Was würden ihre Kollegen von ihr denken. Vor lauter Verlegenheit, konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Erst später, als sie sich im Badezimmer einschloss, überlegte sie hin und her. Sie musste dem Treiben ein Ende setzen. Ab dem Augenblick, in dem du erkennst, wie es sich verhält, kannst du nicht mehr zurück. Wie gerne würdest du weiter in deinen Zukunftsträumen schwelgen? Dir einen guten Ausgang ausmalen. Doch du hast es klar gesehen: er fügt dir Schaden zu. So sehr du auch möchtest, es wäre anders.
Am nächsten Tag ging sie, wie üblich, ins Büro. Ihrer Kollegin sagte sie, sie wäre krank, hätte eine Magenverstimmung.
„Ich habe mir alles mit angehört“, sagte diese. „Auch verstehe ich, dass wir Eddy keine Auskunft darüber geben dürfen. Ich werde es den anderen sagen.“ So kam es, dass sie sich Hals über Kopf von ihm trennte. Kurzerhand übergab sie ihre Aufgaben einer Kollegin, als Vertretung, und nahm sich zwei Tage frei. In einer Pension für Dauergäste, einige Blocks weiter, mietete sie ein Zimmer. Die klassizistische Fassade war ihr bereits früher aufgefallen. Von den Fensterbänken fielen rote und violette Petunienranken, wie ein Vorhang. Sie liebte die Farbenpracht ihrer feinen, trichterförmigen Blüten. Ein gutes Omen, dachte sie. Bei der Reservierung gab sie sich selbstsicher, die Blutergüsse unter getöntem Makeup und einer dunklen Brille verdeckt.
„Penelope Higgins“, sagte sie und fühlte sich ein wenig geborgen, des fremdländisch klingenden Namens wegen. „Ich zahle die erste Monatsmiete im Voraus.“ Die Geldscheine legte sie ohne Aufforderung auf das Pult. Sie benötigte einige Gegenstände für sich, entschloss sich aber, Geschäfte in der näheren Umgebung zunächst zu meiden. Wie rasch könnte er sie entdecken. So fuhr sie mit der Tramway den Ring entlang, bis zum achten Bezirk. In den Supermärkten besorgte sie sich Zahnbürste, Duschgel und einige Toilettenartikeln, eine Leggins, T-Shirts, das Notwenigste. Sie änderte ihre Dienstzeiten. An ihrer Arbeitsstelle konnte er sie schwerlich besuchen. Das vermied sie geschickt, indem sie die Rezeptionistin instruierte, ihn nicht vorzulassen. Dazu kopierte sie ein Foto von ihm, das im Empfang auflag. Einzig das Tanzstudio war eine heikle Stelle in ihrem Terminplan. Sie verlegte ihre Tanzstunden auf unorthodoxe Termine. Zehn Uhr abends, drei Uhr früh, dann tanzte sie allein zu orientalischen Klängen in den geräumigen Sälen. Der Besuch bei der Frauenärztin bestätigte es: sie war im dritten Monat schwanger.
Eddy blieb allein zurück. Er ahnte bereits, dass etwas nicht stimmte, als sie ihr Telefon nicht mehr abnahm. Ein weiterer Telefonanruf untertags wurde unterbrochen.
„Sie ist nicht erreichbar, im Moment“, sagte ihre Kollegin am anderen Ende der Leitung. Des Abends kam sie nicht nach Hause, was ihn vollends in Wut versetzte. Wie von Sinnen lief er ins Polizeirevier, um sie als vermisst zu melden. Sein Haar stand ihm wirr vom Kopf. In Badeschlapfen und Morgenrock tauchte er auf, was im Revier für Heiterkeit sorgte.
„Meine Frau ist spurlos verschwunden. Ich mache mir Sorgen“, begann er atemlos. Der Beamte erinnerte sich jedoch unterdessen, einen Meldezettel abgestempelt zu haben. Womit seinerseits die junge Dame als übersiedelt zu betrachten wäre.
„Sie hat sich an einer anderen Adresse gemeldet“, sagte er nüchtern.
„Ja, dann geben sie sie mir“, verlangte Eddy.
„Sie heißen Edward Krenz“, sagte der Beamte. „Hier hat sich eine Frau Dajana Dumont ordentlich gemeldet. Sie sind also nicht verheiratet.“
„Noch nicht. Das ist ihr Mädchenname, wir sind verlobt“, sagte er, sichtlich bemüht, seine Fassung nicht zu verlieren.
„Ich kann ihnen dazu keine Auskunft geben. Sie wird ihre Gründe haben, die junge Frau. So wie ich sie hier sehe…“ „Gehen sie nach Hause, beruhigen sie sich.“
Er musste wohl oder übel abziehen. Wie ein welker Birkenstamm schlich er davon. Seine weiteren Aktionen, mit ihr Kontakt aufzunehmen, scheiterten. Er schrieb eindringliche Briefe an ihre Büroadresse. Zunächst ihr Heimkommen fordernd, dann gesäuselte Liebesgeständnisse. Schließlich drohend und Unheil versprechend. Mehrmals täglich rannte er die Treppen hinunter, zu seinem Postkasten im Hausflur, dann wieder hoch in seine leere Zweizimmerwohnung. Von dem Prachtkerl, dem die Frauen hinterher sahen, war nichts übrig geblieben. Vielmehr glich sein Gang einem allein gelassenen, streunenden Köter. Sein Gesichtsausdruck verfiel in herabgezogenen Mundwinkeln. Seine Wangen färbten sich grau. Selbst sein Haar nahm eine kraftlose Konsistenz an.
Ein Cocktail aus gekränkter Eitelkeit und Wut schaukelte in ihm. Ließ ihn von einer weinerlichen Stimmung in eine zornerfüllte Hitzigkeit torkeln. Einmal hätte er vor Selbstmitleid zerfließen können, dann wieder schoss eine ungestüme Kraft in seine Fäuste und er hätte am liebsten alles kurz und klein geschlagen. Als jede Hoffnung auf ihre Rückkehr und auf eine Weiterführung ihrer Beziehung schwand, sann er auf Rache. Für einen Giftmord müsste er ihrer habhaft werden, was ihm unmöglich schien. Dajana hatte vorgesorgt, von dem Tag an, als sie vor ihm flüchten konnte. Als sie ihn bei der Polizei anzeigte, lief alles wie von selbst. Ein Wegweisurteil kam per Einschreiben und bekundete, dass er angehalten war, sich von ihr fernzuhalten. ‚Außer Sichtweite‘, war die exakte Bezeichnung. Damit fiel ein Messermord ins Wasser, sinnierte er. Zum Schießen reichte es nicht. Vielleicht lag es daran, dass er keine ruhige Hand hatte. Zudem hatte er kein Geld, um sich eine Waffe zu kaufen. Feuer kam ihm in den Sinn. Flammen, die eine reinigende Wirkung haben. Hexen wurden früher verbrannt, als die Sitten noch strenger gehandhabt wurden. Wie in einem bösen Traum sah er das Feuer vor sich. Für ihn war sie eine sittenlose Frau geworden, unanständig in ihrem Tun. Also eine, die brennen sollte. Er war sich sicher, dass sie noch einiges mit dem Tanzstudio am Hut hatte. Aber wie sollte er vorgehen, da er die Zeiten nicht wusste, an welchen sie trainierte. Also legte er sich auf die Lauer, um diese auszukundschaften.
3.
Seuchenschutzanzüge kannten wir bislang nur aus dem Katastrophenfilm. Wenn beispielsweise ein bis dato unbekanntes Mördervirus die Bevölkerung in Kürze dahinraffte. Von welchem kein Experte dieser Welt wusste, wie man es neutralisieren könnte. Noch ehe der dramatische Streifen zu Ende war, hatten sie das rettende Gegenserum, in letzter Sekunde, parat. Oder auch die lange experimentierenden Wissenschaftler in ihren Schutzanzügen, wenn man im Forschungszentrum Seibersdorf beschäftigt war. Aus dem Kastenwagen des Roten Kreuzes steigt eine weiß vermummte Person in flatterndem Gewand. Über der Chirurgenmaske menschliche, verständnisvolle Augen. Hinter dem Gesichtsschild aus Plexiglas spricht eine Männerstimme. Worin der PCR-Test bestünde, wird sachlich präzise erklärt.
„Es kann bis zu zwei Tagen dauern, bis ihre Proben ausgewertet sind.“ Wir gurgeln und spucken in separate, klinisch saubere Trichter. Das Set an Proben wird in einen metallenen Transportbehälter getan.
„Sie werden telefonisch vom Ergebnis unterrichtet“, sagt er und nimmt seine Ausrüstung mit sich. Danach müssen wir bis zum Eintreffen der Ergebnisse in Quarantäne bleiben. Lichtstrahlen brechen spähend durch den Wolkendunst, ein frisches Frühlingswetter. Es wurde uns zugesagt, dass reichlich Verpflegung vorbeigebracht werde. Neunzig Minuten später stellt uns ein Imbiss-Service Gabelbissen und Wurstbrote, Antialkoholisches in Getränkeflaschen, in gewahrtem Sicherheitsabstand auf. Einen Babyelefanten breit, ein mittlerweile geflügeltes Wort.
„Der Elefant braucht Sliwowitz“, sagt Miriam und lässt den klaren Schnaps reihum gehen. Kerala tut sich einen Schuss davon in seine Limo und nimmt einen herzhaften Schluck.
„Bis morgen muss ich sowieso nicht fahren“, stellt er fest. „Sind wir alle soweit? Karin, wie geht’s weiter mit Dajana und ihrem Eddy?“
„Bergab“, sagt sie. „Von da ab ging es stetig bergab.“ Als er nicht weiter wusste, gebeutelt von seiner übermächtigen Wut auf sein Schicksal und auf Dajana, der er die Schuld daran gab. Er kaufte zwei Kanister Benzin und stellte diese in sein Vorzimmer. Dajana hatte einen der Tanzsäle gemietet, um für ihren Auftritt zu proben. Am Vorabend wartete Eddy bis zur Dämmerung und brachte den Brandbeschleuniger in ein Gebüsch vor dem Studio. Während der abendlichen Probe schlich er sich ein.
„Halt warten sie“, sagte er zu einer Dame, die zum Unterricht kam, und hielt die Eingangstür auf. „Ich muss den Wasserschaden beheben. Bin von der Hausverwaltung.“ Er legte einen Keil unter die offene Türe. Sobald die Luft rein war, brachte er das Benzin in den Waschraum und versteckte sich hinter einem Duschvorhang. Zwei Stunden später war die letzte Trainingsgruppe fertig und verließ gut gelaunt die Räume. Dann schloss Dajana die Metalltüre auf und wähnte sich allein und ungestört. Sie summte vor sich hin, legte ihr Tanzkostüm an und schob eine Musik-CD ein. Die Choreographie musste bis ins kleinste Detail sitzen. Für den dritten September hatte sie einen Auftritt im Metropol geplant, einen Schleiertanz. Es hat sie einiges an Mühe gekostet, die glitzernden Teile an das Kostüm zu nähen. Den hauchdünnen, zartgelben Schleier mit einem Goldrand zu versehen. Die Illusion einer goldenen Wolke, die ihre Figur in überirdischem Zauber umspielte. Sie hört nicht die Geräusche, als die brennbare Flüssigkeit über Sitzmöbel und Teppiche im Vorraum ausgegossen wird. Sie hört nicht, als Eddys Feuerzeug mehrmals klickt. Auflodernde Flammen sind lautlos. Ebenso der Brandstifter, der die Metalltür bemüht leise schließt, um kein Aufsehen zu erregen, und in die Sommernacht verschwindet.
Graue Schwaden dringen durch die Ritzen der Schiebetür. Als sie sie einen Spalt aufschiebt, sieht sie entsetzt die hell lodernden Flammen im Eingangsbereich. Es brennt, schießt es ihr durch den Kopf. Ruckartig schiebt sie die Türe wieder zu, um sich zu sammeln. Es greift um sich, erkennt sie bestürzt. Ihre Straßenkleidung befindet sich in der Garderobe. Kann sein, dass sie schon verbrannt ist. Als beißender Rauch durch die Fugen am Boden kriecht, hält sie ihren Schleier vors Gesicht. Sie muss unverzüglich hinaus. Das war ihr klar. Panisch schnappte sie ihre Handtasche. Das einzige, was sie zu fassen bekam. Zum Glück lag der an diesem Tag benützte Tanzsaal nahe dem Treppenhaus. Sie holte tief Luft und lief los. Es waren nur wenige Schritte, doch schienen sie ihr wie eine Ewigkeit. Die Stahltüre fand sie versperrt vor. Hektisch wühlte sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel, als neben ihr ein Balken funkensprühend zu Boden krachte und ihr die Sehkraft nahm. Geschickt bekam sie den Bund Schlüssel zu fassen und drehte einen davon im Schlüsselloch. Als die Tür endlich nachgab. Von Husten geplagt, kämpfte sie sich, in gebückter Haltung, durch den Flur. Der dichte Qualm trieb ihr die Tränen in die Augen. Als sie versuchte, sie zu öffnen, verschwommen Treppenhaus und Bodenkacheln zu einem farblosen Einheitsbrei. Die Augen fest zugepresst, tat sie einen rettenden Luftzug.
„Ich habe meine Sehkraft verloren“, sagte sie heiser. Nahezu erblindet, stemmte sie sich gegen den Widerstand des automatischen Türschließers. Die Gasse war menschenleer. Noch hatte niemand den Brand entdeckt. Um diese Zeit saßen die Fußballfans, aus grünen und violetten Lagern, vor ihren Fernsehgeräten und fieberten mit ihren Tore schießenden Idolen. Niemand bemerkte Dajana, die sich mühevoll daranmachte, der Gefahrenstelle zu entkommen. Die Handflächen an den Raufaserverputz der Hausmauer gepresst, versuchte sie, den Halt nicht zu verlieren. Die aufkeimende Tücke zieht weite Kreise. Wie ein Stein, der sich im schroffen Fels gelockert hat. In einen wildromantischen Teich fällt, einen Wellenkreis nach dem anderen hervorbringt. Aus dem Nichts geboren, in Nullkommanichts aus den Blicken verschwunden. Es gibt eine vielschichtige Böswilligkeit, die dich aus einem geordneten Leben vertreibt. Plötzlich stehst du allein da, auf dich selbst zurückgeworfen.
„He hallo“, hörte sie eine Frauenstimme neben sich sagen, als sie sich an der Wand entlang tastete.
„Ich kann nicht sehen“, sagte Dajana mit erstickter Stimme und kämpfte gegen den Hustenreiz an.
„Kann ich dir helfen“, fragte die Dame freundlich. „Du hast ja fast nix an, Süße. Ich bring dich hier weg. Okay?“
„Danke.“
„Sag, wie heißt du eigentlich?“
„Ich bin mir nicht sicher. Ich war tanzen, dann war das Feuer, der Rauch.“
„Ja, kann man nichts machen. Wird schon werden.“ „Ich heiße Lexie.“
Verlegen befühlte Dajana ihre Kleidung. Ihr seidener Rock wies lange Risse und Spuren von geschmolzenem Gewebe auf. Das bauchfreie Top klebte schweißnass an ihr.
„Wo bin ich“, fragte sie.
„Wir sind in einem Beserlpark“, sagte Lexie und zog sie sanft auf eine Holzbank. „Am besten, du setzt dich. Tut dir etwas weh?“
„Mir brummt der Kopf. Das ist aber, denke ich, nicht das Problem.“
„Ich bin seit längerer Zeit unterwegs, penne mal da, mal dort.“
„Wie, hast du keine Wohnung?“
„Nop, bin seit zwei Jahren auf der Straße“, sagte sie langmütig. Fast selbstverständlich, fand die Gerettete und dachte angestrengt nach.
„Für eine Obdachlose drückst du dich sehr gewählt aus“, fand Dajana.
„Ich war einmal Sozialarbeiterin. Jetzt bin ich selbst ein Sozialfall.“
„Ich komm nicht drauf, wie ich heiße.“
„Du hast eine kleine, chice Tasche. Darf ich reinschauen?“ „Da haben wir’s schon“, sagte sie fröhlich. „Dajana Dumont, steht auf deinem Perso.“
Das zerschlissene Tanzkostüm, ihre schmutzverschmierten Arme, ließen sie kurz überlegen. War Dajana, die sie eben erst kennenlernte, auch obdachlos, so wie sie? Diese jedoch wiederholte wieder und wieder, wie dankbar sie ihr sei.
„Sowas, dass du dich um mich kümmerst…“„Nein sowas.“
„Eigentlich heiße ich Alex“, sagte sie und quasselte drauflos. Mitte dreißig habe sie das Glück verlassen. Durch ihre Scheidung wäre sie abgeschlittert. „Meine Scheidung, wie sich das anhört. Na jedenfalls, mir hat‘s gereicht. Nie wieder heiraten, das sag ich mir immer.“
Lexie wohnte unter freiem Himmel, neben dem Wienfluss. Bevorzugt im Sommer, wenn er in seinem betonierten Flussbett zu einem schmalen, dunklen Rinnsal verkommen ist. Von der vorbeirauschenden Stadtbahn aus nicht einsehbar, hatte sie ihre Habseligkeiten zu einem Knäuel zusammengepackt. Es war ihr wichtig, ihre lauernde Konkurrenz nicht wissen zu lassen, wo sie ihr Quartier bezog.
„Liebe Dame“, sagte sie. „Bei mir kannst du dich besinnen. Wir sollten erst einmal alles besprechen, was nötig ist.“
„Kannst du nachsehen, was noch da ist“, fragte Dajana. Lexie klopfte den Staub vom Leder. Eine dieser hellbraunen Handtaschen, die einer Satteltasche nachempfunden waren. „Ein Hunderter, drei Zwanziger, Kleingeld, in Summe zweihundert“, sagte sie und klimperte mit den Münzen. „Das bringt uns über die nächste Woche, ganz bestimmt. Arm bist du nicht.“
„Nein, ich glaub nicht.“ In der ersten Nacht lieh sie Dajana ihren Schlafsack aus Kunstfaser, ähnlich einer Steppdecke. Sie selbst hatte noch ihre blau-karierte, kuschelige Decke. Ausreichend für die laue, windstille Nacht im Freien. Allerdings war sie zu aufgekratzt, um einschlafen zu können. Wer war diese Frau, von der sie nur den Namen wusste?
„Dir ist etwas passiert“, mutmaßte sie. „Etwas, das dich herausgerissen hat.“
„Gewiss“, sagte Dajana. „Es war bedrohlich, soweit ich mich dunkel erinnere. Hingegen bei dir fühle ich mich in Sicherheit.“
„Kannst du mir sagen, wer deine Eltern sind? Mama und Papa?“
„Ich sehe sie vor mir, ihre lieben Gesichter. Herbert und Miranda.“ Ratlos zog sie ihre Augenbrauen hoch. Wie, um mit geweiteten Augen mehr sehen zu können. „Leider. Alles wie weggeblasen.“
Am nächsten Morgen rafften sie sich von ihrem unbehaglichen Lager auf, mit steifen Gliedern. Im Schacht über ihnen donnerte die U-Bahn vorüber. Der Frühverkehr mit all seiner Hektik war voll im Gange. Diese Lexie tat so, als wäre alles in bester Ordnung.
„Man gewöhnt sich daran“, sagte sie. „Unbequem, aber wir leben noch.“ An einem Hydranten im nahen Park konnten sie sich die Gesichter waschen. In den Bäumen waren unterschiedliche Vogelgesänge zu hören und morgendliche Sonnenstrahlen fielen vereinzelt durch die Blätterkronen.Die blühenden Rosenbeete verströmten liebliche Duftnoten.
„Siehst du, sie blühen für alle, arm oder reich. Was macht das schon“, sagte Lexie und legte ihr tröstlich die Hand auf die Schulter.
„Eine Zahnbürste“, erinnerte sich Dajana. „Das ist es, was ich brauche.“
„Wenn die Geschäfte öffnen, können wir das für dich besorgen“, meinte Lexie. Zu allererst müssten sie die Sachen für die Nacht wegpacken. Dann könnten sie weiterziehen.
Sie war breit gebaut, für eine Frau, jedoch nicht besonders groß.
„Ich schneide es mir selbst“, sagte sie, während sie ihr dichtes Haar sorgfältig kämmte. „Dem fehlen schon ein paar Zähne, aber er tut’s noch.“
„Ja, macht nichts“, sagte Dajana. „Was wurde aus deiner Wohnung, deinem Zuhause?“
„Du hattest doch eine, oder?“
„Ich hatte da so ein ungelöstes Problem“, meinte sie. „Miete nicht beglichen. Abends leischen, des Morgens verschlafen. Zu spät im Büro angetanzt. Nichts hat mehr gepasst. Kopf in den Sand gesteckt. Was weiß ich, ich kenn mich nicht aus.“ Danach hätte sie ihre Arbeit und alles andere verloren. „Man hat so seinen Stolz. Ich wollte niemanden um Hilfe bitten.“ Wenn man jung ist, fühlt man sich stark. Erfüllt von einem verschwenderisch satten Energieschwall, der einem kräftigen Wind gleicht. Eine Kraft, die nur darauf wartet, aufgebraucht zu werden. Die einem unhörbar zuflüstert, dass man nahezu alles erreichen kann.
„Du glaubst es nicht, wie rasch man verwelken kann, durch widrige Umstände.“
„Doch, ich kann dich gut verstehen. Ich erinnere mich an einen Mann. An sein Gesicht, das wutverzerrt näherkommt.“
„Bitte zieh meinen Sweater an und die Jogginghose.“ Lexie zerrte ein blitzblaues Oberteil und eine zitronengelbe Leinenhose aus einem abgegriffenen Plastiksack, der im Gebüsch versteckt war. Still saß Dajana da und wartete ab. Um sie war es grau geworden.
„Hör mal, du kennst mich doch gar nicht“, sagte sie plötzlich. „Trotzdem kümmerst du dich um mich, als wären wir mit einander verwandt.“
„Nicht der Rede wert.“ Ein zaghaftes Lächeln huschte über das Gesicht der obdachlosen Frau. Ein Gemisch aus Freude und Verlegenheit über eine Anerkennung, die Seltenheitswert hatte.
„An deinen gepflegten Fingernägeln und deinem Haarschnitt kann ich erkennen, dass du eine Dame sein musst.“ Sie führte sie zu einer hölzernen Parkbank, die feucht vom Morgentau in der Sonne stand. Aus einer Blechdose aßen sie Käsesandwiches und Tomaten. Lexie kommentierte jeden ihrer Handgriffe. Während sie ihr mütterlich einen Becher mit Wasser in die Hand drückte, sagte sie: „Wir sollten dich eigentlich in ein Krankenhaus bringen. Damit sie sich um deine Augen kümmern können.“
Als Dajana sie bat, doch bleiben zu dürfen, schwang ein Flehen in ihrer Stimme mit.
„Na gut“, sagte sie schließlich. „Solange du keine Schmerzen hast, ist es, denke ich, ganz okay.“„Wir treffen später meine Clique.“ Sie schien darum bemüht zu sein, sich einen Hauch von Gesellschaftsfähigkeit zu verleihen.
„Codo der dritte, aus der Sternenmitte“, tönte es aus einem Ghettobluster. Unüberhörbar hinter einer sauber geschnittenen Hecke, von einer Wegbiegung, die in die Innenstadt führte.
„Unglaublich, dass das ein menschlicher Kopf aushalten kann.“ Lexie beschrieb aufmerksam die Moves eines Breakdancers, der sich im Park bewegte. Sich im Kopfstand auf einer Unterlage drehte. „Zu schade, dass du das nicht sehen kannst. Ich bewundere Akrobaten.“
„Tanzen ist mein Metier“, sagte Dajana. „Bestimmt. Jetzt fällt’s mir wieder ein.“
Nach und nach trudelte ihre Partie ein. Meistens kamen sie unter der alten Linde zusammen. Fröhlich begrüßten sie einander und ließen Dajana ihr Ungemach für ein paar Stunden vergessen. Lexie war sehr beliebt und hatte gelernt, sich zu verteidigen. An diesem Tag führte sie einen Schlagstock vor.
„Ich habe ihn nach einem Kampf im Gras gefunden“, sagte sie wichtigtuerisch und schlug auf herabhängende Äste ein.
„Hörst Lexie, du Ninja“, meinte ein kahlköpfiger Mann, der einen Rucksack über der Schulter trug. „Ich engagier dich als Leibwächterin.“
„Geh plausch net, als ob du dich nicht selber wehren könntest.“
Das Gespräch wendete sich rasch dem Neuankömmling zu. Sie meinten es gut, als sie Dajana zuredeten. Im Krankenhaus wäre sie besser aufgehoben. Mit Augenleiden sei nicht zu spaßen. Die Ambulanz würde sie sicher aufnehmen. Einer hatte auch davon gehört, dass es eine spezielle Behandlung gäbe, um den Gedächtnisschwund zu heilen.
„Geh doch in die Rudolfstiftung“, sagte er. „Dort haben sie unlängst meinen eitrigen Zeh behandelt. Seht ihr, wie neu.“
„Tschaui, bleibt nicht zu lange in der Sonne“, rief Lexie. Dann zogen sie stadtauswärts und ließen sich im Schatten einer großen Buche nieder. Wieder allein, bemühte sich Lexie, die Sache voranzutreiben.
„Wenn es dir recht ist, sehe ich deine Tasche durch.“ Dajana war schwer davon zu überzeugen, zu fremden Leuten ins Spital zu gehen.
„Ich bin noch nicht so weit“, meinte sie.
„Ich bringe dich zu einer sozialen Station. Wie wäre das?“
„Okay, ist das weit?“ Sie müssten zum Karlsplatz, erklärte ihre Freundin. Doch plötzlich stockte sie im Redefluss und nahm Dajana aufgeregt bei der Hand.
„Ich habe einen Lottoschein gefunden, in deiner Tasche.“
„Ist das etwas Positives?“
„Aber ja. Wenn du Glück hast, hast du einen Haufen Geld gewonnen.“ Lexies Stimme überschlug sich bei dem Wort „Haufen“. „Zuallererst brauchen wir eine Zeitung.“
Бесплатный фрагмент закончился.
