Читать книгу: «Ein Leben in zwei Welten»
Das Buch
Die Geschichte einer Familie, die durch Träume und Vorahnungen über Generationen hinweg zu Babaji, einem Mahavatar im Himalaya, fand.
Vollgepackt mit mystischen Erfahrungen, einzigartigen Begegnungen und wertvollen Lehren. Gottlinde Tiedtke nimmt die Leser mit auf eine fantastische spirituelle Reise. Sie erzählt von unglaublichen Begebenheiten in den Wirren des Ersten und Zweiten Weltkrieges, von den außergewöhnlichen Erfahrungen einer achtjährigen Ordenszeit bei der Self-Realization Fellowship, gegründet von Paramahansa Yogananda, und von unvergesslichen Augenblicken bei Babaji, den sie mit ihrer Familie über sechs Jahre lang am Fuße des heiligen Berges Kailash in Indien besuchte.
Die Autorinnen
Gottlinde Tiedtke
Geboren 1940 in Dresden. Geprägt durch ihr Elternhaus wurde Gottlinde Tiedtke bereits in frühester Jugend mit christlicher Mystik, Traumdeutung und den Schriften bekannter Philosophen und indischer Meister konfrontiert. Als sie 1950 die von Paramahansa Yogananda verfasste „Autobiographie eines Yogi“ las, ging sie sieben Jahre später im Alter von 17 Jahren nach Los Angeles und trat der Self-Realization Fellowship bei. Acht Jahre später änderte sich ihr Leben schlagartig. Sie heiratete und gründete eine Familie. 1979 las sie das Buch „Babaji – Botschaft aus dem Himalaya“ von Dr. Maria-Gabriele Wosien und erkannte in ihm den Babaji aus Yoganandas Lehren wieder. Sie reiste nach Indien und wurde seine Schülerin.
Alexandra Thurmayr
Wurde 1967 in München geboren. Die Geschichten ihrer Großmutter Johanna und ihr Talent als Kartenlegerin haben ihr die Augen dafür geöffnet, dass sich vieles auf dieser Welt nicht mit dem Verstand erklären lässt. Als Teenager reiste sie mit ihren Eltern nach Indien und wurde stark von der Zeit in Babajis Ashram in Haidakhan geprägt. Nach dem Studium arbeitete sie als Werbetexterin für renommierte Agenturen. Seit 20 Jahren ist sie freiberuflich als Texterin, Autorin und Redakteurin für Hochglanzmagazine und international agierende Verlage tätig.
Gottlinde Tiedtke
Alexandra Thurmayr
Ein Leben in zwei Welten
Eine Zeitreise zu Babaji


„Ihr, die ihr Leid tragt, fürchtet nicht die
Begrenzung der Zeit, denn ich werde zu euch
kommen und euch lehren im Traum.“
Babaji

Ich träumte, ich war in einem Haus. Es war mein Haus und doch sah es ganz anders aus, es fühlte sich vertraut an. Ich ging durch einen Gang, öffnete eine Tür. Dahinter war mein Zimmer, ich war mir ganz sicher, aber stattdessen eröffnete sich ein großer neuer Raum vor mir. Er führte zu einem anderen Haus, einem, das ich mir schon immer erträumt hatte. Eines, das nach meiner Kindheit roch, einem Versprechen von Glück und einer Liebe so groß wie der Ozean. In diesem Moment erwachte.
„Es gibt eine unsichtbare Welt, die unsere sichtbare durchdringt.“
Gustav Meyrink

Familienbild v. l. n. r.: Johanna mit Bruder Helmuth, Vater Bruno, Mutter Tosca und Sohn Gerhard
Inhaltsverzeichnis
Umschlag
Das Buch/ Die Autorinnen
Titel
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Die Gabe
Die Truhen und der Teufel
Das Ende der Kindheit und eine fantastische Begebenheit
Johannas große Liebe und ein Traum
Die Obstbäume, ein Zauberpulver und ein Geist
Johanna und die Vorhersehung
Gottlinde und der Klabautermann
Der Untergang
Die Russen und die Rettung
Der Garten - Ein unheimliches Gefühl
Das lebensrettende Traumbüro
Das seltsame Porzellanspiel
Die Weisheit der Karten
Die Flucht
Heidenau, ein Yogi und ein Poltergeist
Hollywood - Das India Center
SRF - Jahre der Selbstverwirklichung
Tausendundein Rezept für Spiritualität
Die stärkste Macht der Welt
Die Prophezeiung
Kecap und viel Herzblut
Hans und der Sinn des Seins
Babaji stellt die Weichen
babaji - die erste Begegnung
Von Vrindavan nach Haidakhan
Delhi und ein Lebenstraum
Die Entlarvung
Shivas Tanz
Wie alles zusammenhängt - Leben für Leben
Babaji ist keine Religion, sondern Wahrheit, Einfachheit und Liebe
Sadhus, Dämonen und ein Weltenwandler
Karma Yoga
Der Himmel ist in uns und alle Wege führen zu Babaji
Herr der Elemente
Gott kennt keine Grenzen - er ist wahre Liebe
Ein Koch, ein Schirm und eine Schlange
Die große Reise
Ein Abschied, der keiner ist
Haidakhan ist überall – Jahre der Erkenntnis
Von der Überwindung des Geistes und dem anderen Haidakhan
Ein Buddha, ein Kind und ein König, der den Kopf verliert
Epilog
Briefe aus Haidakhan
Hansu Babas Tagebuch
Chandras Tagebuch
Babajis Lehren
Glossar
Literaturhinweise
Fußnoten
Impressum
Die Gabe
Man hatte meiner Mutter wohl die Gabe der Traumvorhersehung in die Wiege gelegt. Bereits im Alter von fünf Jahren träumte sie alltägliche und auch erschreckende Dinge voraus. Die Träume sollten es sein, die unser aller Leben über Generationen hinweg bestimmen und leiten sollten.
„Na, wie haben wir denn heute Nacht geschlafen?“, fragte mein Großvater meine Mutter, während er gemütlich auf der Ofenbank saß und in der bunten Kaffeemühle den Frühstückskaffee mahlte. Die Luft war durchtränkt vom Duft frisch gemahlenen Kaffees.
„Papa, ich habe geträumt, dass sie heute einen Toten bringen, und du musst da sein zum Unterschreiben“, erzählte meine Mutter eifrig.
Mein Großvater war Schulleiter, zweiter Bürgermeister und Kantor. Kurz nach dem Frühstück klopfte es und der Gemeindehelfer stand vor der Tür.
„Herr Kantor, wir haben einen Toten dabei, anscheinend wieder ein russischer Gefangener, der sich verirrt hat. Wir brauchen Ihre Genehmigung für die Durchfahrt nach Sebnitz.“
Mein Großvater nickte und unterschrieb.
Wir schrieben das Jahr 1914 und der Erste Weltkrieg hatte gerade begonnen. Russische Gefangene wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet und nutzten jede Gelegenheit zur Flucht. Dann verirrten sie sich in der steinigen, kargen Landschaft der sächsischen Schweiz und starben kläglich.
Meine Mutter war unerschrocken und neugierig. Es reizte sie ungemein, den Toten genau zu studieren. In einem Augenblick, in dem sie sich unbeobachtet wähnte, zog sie leicht an dem Tuch, das sein Gesicht bedeckte.
Ihr Vater ertappte sie und fragte leise: „Ist das der Mann aus deinem Traum?“
„Ja, ich erkenne ihn wieder, genau so sah er aus.“
Für meinen Großvater war dieser Vorfall nicht außergewöhnlich. Meine Mutter hatte schon oft etwas vorausgeträumt und empfand diese Fähigkeit als vollkommen normal, ja sie glaubte sogar, dass jeder über sie verfügte.
Meine Mutter war die Älteste von sechs Geschwistern, benannt nach der Heiligen Johanna von Orleans, die meine Großmutter zutiefst bewunderte. Diese war eine sehr resolute Frau, klein von Gestalt, aber mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gesegnet.
So wie auch meine Urgroßmutter Katharina, die bereits zur damaligen Zeit viel Aufsehen auf sich zog, als sie ganz in Schwarz gekleidet mit ihrer Kutsche bei Wind und Wetter über die Kämme des Erzgebirges fegte, um das von ihren Sägemühlen erwirtschaftete Geld einzutreiben.
Meine Urgroßmutter Katharina hatte ihrem Mann das Leben gerettet, als die Franzosen ihn 1870 im Krieg erschießen wollten.
An einem schönen Sommertag sah sie die Feinde von weitem kommen und band ihn kurzerhand unter das Mühlrad, wo er unentdeckt blieb – und überlebte.
Nach zwölf Ehejahren starb mein Großvater und ließ sie mit zwölf Kindern zurück. Jedes von ihnen trug einen Namen aus einer Oper: Tristan, Isolde, Melusina, Aida, Carmen, Salome, Giovanni, Othello, Genoveva, Daphne, Carlos und Tosca.
Meine Großmutter Tosca wurde im November 1882 geboren. Sah man von einem missgestalteten Klumpfuß ab, war sie von schöner Statur. Sie hatte dunkelbraune, fast schwarze Augen, denen nichts zu entgehen schien. Ihre langen dunklen Haare trug sie immer in einem strengen Dutt. Meine Großmutter war pragmatisch, schon damals sorgte sie dafür, dass jedes ihrer Kinder eine gute Ausbildung erhielt. Das galt auch für meine Mutter, die wie sie zur Diakonissenschwester ausgebildet wurde.
Was meine Großmutter Tosca aber wirklich auszeichnete, waren ihre intuitiven Fähigkeiten. Nachdem sie viele Jahre als Krankenschwester gearbeitet hatte, entschied sie sich eines Tages, auf Bitten eines Arztes eine Stelle in der nah gelegenen Heilanstalt für psychisch kranke Menschen anzunehmen.
Meine Mutter interessierte sich brennend für die Geschichten der sogenannten „Verrückten“.
Einmal erzählte meine Großmutter von einer Frau, die in jeder ihrer Schwangerschaften derart durchdrehte, dass ihr Mann sie in einem Möbelwagen anliefern musste, da sie wild um sich schlug und alles demolierte. Obwohl sie eine zarte Person war, hatte sie eine unglaubliche Kraft. Niemand traute sich an sie heran, aber meine Großmutter ging ruhig und gefasst auf sie zu, sah ihr in die Augen und sprach mit ihr. Dann wurde die Frau ganz handsam und benahm sich wie ein erschöpftes Kind.
Kurz nach der Geburt waren alle Symptome verschwunden und sie war wieder vollkommen normal.
Eine andere Frau, eine sehr vornehme Dame, die von ihrem Mann betrogen worden war und dies nicht verwinden konnte, hatte meiner Großmutter aus Apfelkernen und Haar in mühseliger und unvorstellbarer Feinarbeit einen ganzen Mantel geknüpft. Als diese Frau dann Jahre später starb, schlug die Uhr, obwohl diese sonst niemals zu dieser Stunde die Zeit verkündete.
Während der Erste Weltkrieg tobte, wurden viele Ärzte an die Front geschickt. Die Frauen traten an ihre Stelle, mussten die Kranken pflegen und manchmal sogar den Mediziner ersetzen. Meine Großmutter war pausenlos im Einsatz, denn nach ihrer Heirat hatte man sie zur Assistentin des hiesigen Landarztes erkoren. Als auch dieser einberufen wurde, war sie auf sich selbst gestellt. Dank ihrer Intuition und ihrem Wissen war sie sehr schnell im ganzen Umkreis bekannt. Sie arbeitete mit Kräutern, Homöopathie und Handauflegen.
Schließlich war Krieg und es gab kaum Medikamente.
Einmal kam ein Junge zu ihr, der sich den Griff einer Holzgabel ins Auge gerammt hatte. Der Augapfel hing weit heraus. Meine Großmutter desinfizierte kurzerhand die Augenhöhle und drückte den Augapfel wieder an seinen Platz zurück. Der Junge bekam keine Infektion und behielt sein Augenlicht.
Was Großmutter Tosca und meine Mutter Johanna verband, war eine Gabe, die sich mehr als einmal auch als Fluch erweisen sollte. Johanna war eine Seherin, sie wusste weit vor der Zeit, wenn ihre Patienten dem Tod geweiht waren. Auch sprachen diese innerlich zu ihr, bevor sie ihre Augen schlossen, und verabschiedeten sich. Jedes Mal schlug dann die Uhr zu einer unerwarteten Zeit, ein Glas zersprang und kurz darauf erzählte sie uns, wer gegangen war.
Die Truhen und der Teufel
Oftmals rief man meine Großmutter spät in der Nacht:
„Frau Kantor, können Sie bitte kommen, da ist wieder einer, der nicht sterben kann.“

Großmutter Tosca als Diakonissin mit ihrer Schwester Isolde
Es war eine Zeit voller Aberglauben und Hexerei.
Viele überlieferte Sagen rankten sich um das raue Erzgebirge. Wenn jemand nicht sterben konnte, dann glaubte man, dass er es mit dem Teufel hielt.
Meine Großmutter berichtete von vielen solchen Fällen. Oft sagte sie dann: „Ja, mit dem lieben Gott hat dieser es nicht zu tun haben wollen. Ich habe ihm Pferdedung auf den Kopf gelegt, damit er endlich die Augen schließen konnte.“
Ich war nicht sonderlich erstaunt über solche Äußerungen.
Zu jener Zeit wusste jeder im Erzgebirge, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gab. Man wusste um Schwüre, seltene Kräuter, Nixen, Feldgeister, Kobolde, Riesen, Waldteufel, die Macht der Magie.
Noch dazu wohnten meine Großeltern in einer alten Schule, in der oftmals unheimliche und unbegreifliche Dinge vor sich gingen. Man hörte seltsame Geräusche, flüsternde Stimmen, Sachen verschwanden oder bewegten sich auf unerklärliche Weise.
Oft erzählte meine Mutter von einem ganz besonderen Spuk, der sich immer auf dem alten Dachboden ereignete, wenn die „große Wäsche“ gemacht wurde:
Gewaschen wurde nur alle vier Wochen im separat gelegenen Waschhaus. Jedes Mal galt es, einen riesigen Berg Wäsche zu bewältigen. Der große Kessel wurde den ganzen Tag mit Holz beheizt, um dann Bottich für Bottich befüllt zu werden. Nach dem Kochen lief die Wäsche durch eine große Presse. Bei schlechtem Wetter wurde die Wäsche auf dem alten Dachboden getrocknet.
Der Schuldachboden war ein unheimlicher Ort. Voller Spinnweben und dunkler Nischen. Man lief über knarrende, staubige Dielen.
Nur spärlich drang das Tageslicht durch die Dachsparren und es roch nach Kräutern, die meine Großmutter dort trocknete.
Jedes Mal, wenn meine Mutter dort oben die Wäsche aufhängte, vernahm sie dicht an ihrem Ohr, manchmal auch in weiter entfernter Distanz eine Stimme, die sie bei ihrem Namen rief. Jedes Mal lief sie dann die alte Holztreppe mit den ausgetretenen Stufen hinunter und fragte meine Großmutter: „Was ist, hast du mich gerufen?“
Eines Tages, als dies wieder passierte, nahm ihre Mutter sie zur Seite, strich ihr durchs Haar und sah sie mit ihrem durchdringenden Blick an: „Hör nicht hin, wenn sie dich rufen, und hab keine Angst.“
Meine Mutter versuchte ihren Rat zu beherzigen, doch nicht immer gelang ihr das. Manchmal waren die Stimmen einfach zu unheimlich und sie fühlte eine dumpfe, negative Energie. Dann sputete sie sich und rannte so schnell sie konnte davon.
Noch etwas Geheimnisvolles befand sich auf diesem Dachboden: zwei große, reich verzierte alte Holztruhen.
Es hieß, sie wären aus der Zeit, in der die Pest gewütet hätte. Jeder, der sie geöffnet hätte, wäre gestorben.
Meine Mutter war die Erstgeborene. Neben ihren Brüdern Karl, Gerhard und Helmut hatte sie zwei Schwestern namens Ruth und Gudrun.
Die Truhen übten einen ganz besonderen Reiz auf die Kinder aus. Gleich einer Mutprobe setzten sie sich darauf, baumelten mit den Beinen und warteten. Dann dauerte es nicht lange, bis sie Stimmen vernehmen konnten, die ihre Namen riefen. Manchmal flüsternd neben sich, manchmal in langsam ziehenden Tönen von überall.
In Rekordgeschwindigkeit rutschten sie dann von den Truhen und rasten in wilder Panik mit Donnergetöse die ausgetretenen knarrenden Stufen hinunter.
Oft spürten sie auch einen eisigen Luftzug oder einen kalten Hauch, der sie umhüllte – trotz des warmen Sommers.
Jahre später, als die alte Schule einer neuen weichen musste, hatte man die Truhen geöffnet.
Es seien wunderschöne, reich bestickte und verzierte Kleider darin gewesen. Dennoch hatte man sie vorsichtshalber zusammen mit den Truhen verbrannt.

Spukschule mit Glockenturm
Neben all den merkwürdigen Vorgängen, die sich auf dem Dachboden der alten Schule ereigneten, sorgte auch eine alte Glocke für Gesprächsstoff.
Der alte Wirt im Ort hatte all sein Hab und Gut verloren und war auf unerklärliche Weise zu viel Geld gekommen. Man munkelte, er würde es mit dem Teufel halten. Eines Tages erklärte dieser Gastwirt, dass er mit einem Pferdefuß begraben werden wolle, man sollte ihm diesen auf die Brust legen. Der ansässige Pfarrer gewährte ihm diesen Wunsch natürlich nicht, worauf der Alte wutschnaubend kundtat, dass zur Strafe in jedem Jahr an dem Tag, an dem sich sein Todestag jährte, die alte Glocke auf dem Schulboden ertönen würde.
Als der Gastwirt eines Nachts zur Mitternachtsstunde verstarb, verspottete jeder im Dorf den alten Kauz. Doch prompt ein Jahr später, als bereits niemand mehr an die Drohung dachte, begann die Glocke genau an seinem Todestag zu schlagen.
Erst sprach man von einem Zufall, doch dann wiederholte sich das Ereignis im nächsten und auch im kommenden Jahr.
Nun nahmen die Dorfbewohner den Glockenschlag nicht mehr so heiter hin, sie bekamen es mit der Angst zu tun.
In einem Jahr, in dem die Glocke gar nicht mehr aufhörte zu schlagen, entschied man sich, auf den Dachboden zu klettern, um diese zu stoppen, doch dies war ganz und gar unmöglich, die Glocke schlug und schlug.
Schließlich musste man sie demontieren, nur so konnte man dem Spuk ein Ende setzen.
Auch mein Großvater Bruno, der ein sehr belesener Mann mit scharfem Intellekt war, wusste gespenstische Geschichten zu erzählen. So war er in seiner Jugend mit einem Bauern auf einem Floß einen Fluss entlanggefahren. Es hatte ihn sehr verwundert, dass der Mann mehrere große leere Milchkannen mit sich führte. An den Henkel jeder Kanne war ein Seil gebunden, das in die Kanne ragte. Bald kamen sie an einem anderen Bauern vorbei, der am grasigen Ufer seine Kuh melkte. Prompt begann der Mann auf dem Floss fest an dem Seil zu ziehen, fast so, als würde er das Seil melken. Mein Vater staunte nicht schlecht, als sich die Kanne zusehends mit Milch füllte.
Der melkende Bauer am Ufer brachte in der Zwischenzeit keinen Milliliter Milch aus dem Euter seiner Kuh heraus.
Er schrie hinüber zum Floß, kam ans Ufer gelaufen, fluchte und hantierte wild mit seinen Händen in Drohgebärden. Doch der Bauer auf dem Floß lachte nur. Dieses wundersame Ereignis soll sich die ganze Fahrt über bei jedem Bauern, den sie passierten, so oft wiederholt haben, bis all die mitgeführten Milchkannen gefüllt waren. Für meinen Großvater war es pure Hexerei, nichts von all dem war mit logischem Menschenverstand erklärbar, und doch, wenn er die Geschichte erzählte, zweifelte sie niemand an.
Kommen wir zurück auf meine Großmutter. Sie wurde nicht nur für medizinischen Beistand, sondern bei nahezu jedem Problem gerufen. Ich kann mich noch genau entsinnen, wie einmal ein Bauer auf sie zukam, dessen Kühe dick aufgeblähte Euter hatten und keine Milch geben konnten. Meine Großmutter nahm Salz, streute es in jede Ecke des Stalls und betete dazu jedes Mal ein Vaterunser.
Nach einiger Zeit gaben die Kühe wieder Milch.
Doch als sie das Anwesen des Bauern verlassen wollte, um nach Hause zu gehen, kam ein anderer Bauer drohend auf sie zu: „Wenn du dich noch einmal in meine Angelegenheiten mischst, dann kannst du aber etwas erleben“, schrie er.
Da wusste sie, dass der eine Bauer den anderen verflucht hatte. In diesem Fall erwies sich die Angelegenheit auch für meine Mutter als äußerst unangenehm, denn bei dem wutentbrannten Bauern handelte es sich um den Vater ihrer Freundin Hildchen, durch die sie so manche Annehmlichkeit genoss.
Dazu muss ich vorausschicken, dass meine Großeltern sehr entlegen und einsam wohnten. Das einzige Vergnügen, das meine Mutter als Kind hatte, war der Besuch des Kinos im nächsten, einen zweistündigen Fußmarsch entfernten Ort. Das Kino war eigentlich nicht mehr als ein Zimmer mit Leinwand und dem Projektor in einem Gasthof.
Dort saß man auf roten abgewetzten Gartenstühlen und konnte einmal in der Woche einen Stummfilm in Schwarz-Weiß ansehen.
Eifrig hatten sich die Kinder die elegante Attitüde und die Gestik der damals populären Stummfilmstars abgeschaut. Hildchen verfügte seltsamerweise immer über Geld, das sie auch großzügig für meine Mutter ausgab.
Das war eine wunderbare Sache.
Sommer wie Winter saßen die beiden in diesem Kino. Mit nackten Füßen in Holzschuhen oder in kratzenden schwarzen Strümpfen und wenn möglich immer mit einer kleinen Flasche Apfelsaft bewaffnet.
Da meine Mutter kein Taschengeld bekam, lud Hildchen sie oft ins Kino ein. Ein bisschen verwunderte es sie schon, dass Hildchen immer so viel mehr Geld zur Verfügung hatte als sie, und es sollte nicht lange dauern, bis sie begriff, warum das so war.
Als die beiden wieder einmal ins Kino wollten, beobachtete meine Mutter, wie ihre Freundin die Küchenschranktür öffnete und eine Tasse herausnahm, aus der sie das Geld für die Kinokarten entnahm. Doch verwunderlicherweise wurde das Kleingeld in der Tasse nicht weniger, die Tasse blieb randvoll.
Meine Mutter muss ihre Freundin wohl derart erstaunt angesehen haben, dass diese ihr ins Ohr flüsterte: „Wir haben doch das Hänschen, das darfst du aber niemals, schwöre es bei deinem Leben, irgendjemandem sagen.“
Zu Hause konnte meine Mutter natürlich nicht den Mund halten und berichtete ihrem Vater sogleich von der seltsamen Begebenheit.
Mein Großvater, der immer genau wusste, was sich im Dorf so tat, nickte nur und meinte, meine Mutter solle da mal lieber vorsichtig sein und kein Geld mehr von Hildchen nehmen. Nicht dass das „Hänschen“ auch noch im Haus der Großeltern Einzug halten würde.
Das „Hänschen“ war ein liebevoller Ausdruck für einen ausgewachsenen Dämon, der durch schwarzmagische Rituale heraufbeschworen wurde.
Die beiden besuchten dennoch weiter das Kino. Meine Mutter allerdings nicht mit den durch „Hänschen“ erworbenen finanziellen Zuwendungen – ihre Eltern zahlten fortan für sie.
Der Marsch zum Kino blieb meiner Mutter vor allem aber auch noch aufgrund anderer aufregender Begegnungen im Gedächtnis.
Einmal fuhr eine prächtige Karosse mit Fahne und Wappen an den zwei Freundinnen vorbei und bot ihnen eine Mitfahrgelegenheit an. Ein sehr gut angezogener Herr, der ihnen viele Fragen stellte, saß darin: Wie es ihnen denn so ginge und ob sie genug zum Essen hätten, wollte er wissen. Bereitwillig berichtete meine Mutter, dass sie vier Ziegen und ein paar Hühner hätten und auch ein Schwein namens Moritz. Als die Kutsche ihr Elternhaus erreichte, stand ihr erstaunt dreinblickender Vater am Fenster: „Was macht ihr denn beim König von Sachsen?“
Meine Mutter und ihre Freundin hatten natürlich keine Ahnung gehabt, dass sie sich in so nobler Gesellschaft befunden hatten.
Zu einem anderen Zeitpunkt war es ein Automobil, das für die Kinder stoppte. Damals war das eine absolute Seltenheit.
Der Chauffeur fragte die zwei, ob man sie mitnehmen dürfe. Hocherfreut, in so einem exotischen Gefährt mitfahren zu dürfen, willigten sie ein. Ein imposanter Mann saß auf dem Rücksitz. Meine Mutter war ein äußerst redseliges Kind und beantwortete all seine Fragen bereitwillig: „Kannst du denn schon lesen?“
Sie hatte ihm erzählt, dass sie eine echte Leseratte sei, sie lese alles, was ihr unter die Finger komme, am liebsten aber Indianergeschichten von Karl May.
„Soso, das freut mich aber“, habe der Mann schmunzelnd bemerkt.
Dann habe er eine große schwarze Ledertasche geöffnet, die zu seinen Füßen stand, und daraus zwei neue Bände von „Old Shatterhand“ gezogen. Er signierte sie und schenkte die Bücher meiner Mutter und Hildchen. Karl May hatte seinen Chauffeur sogar angewiesen, die zwei in die Schule zu fahren.
Leider ist diese handsignierte Ausgabe in den Wirren des Zweiten Weltkrieges abhandengekommen.
Inzwischen erreichte der Erste Weltkrieg seinen Höhepunkt.
Mein Großvater wurde an die Front geschickt.
Meine Großmutter kümmerte sich um die vielen Verwundeten. Als Älteste war sie jetzt für fünf Geschwister, vier Ziegen, zwanzig Hühner und das Schwein Moritz verantwortlich.
Um Nahrung zu finden, musste sie weite Fußmärsche unternehmen, besonders schlimm war der Rückweg mit dem schweren Rucksack. Bald gab es weit und breit keine Vorräte mehr. Die Familie aß das, was sonst dem Schwein verfüttert wurde. Das Schwein zu schlachten war inzwischen verboten.
Trotzdem fiel der geliebte Moritz dem Hunger zum Opfer und wurde heimlich geschlachtet – das ausgerechnet an dem Tag, als eine örtliche Kontrolle des Landtages bei meinen Großeltern vorbeischaute. Tosca hatte die kleine Delegation geistesgegenwärtig im Garten abgefangen. Sie lenkte sie ab und zeigte ihr die übrig gebliebenen letzten zwei Hühner und die abgemagerten Ziegen.
„Ach, Frau Kantor, sie haben ja gar kein Schwein. Na, dann können wir ja wieder gehen“, hatte einer der Männer gesagt.
In der Küche kochte derweil in großen Töpfen die Wurstration, die alle eine ganze Weile über Wasser hielt.
Tosca war äußerst penibel und hatte einen ausgeprägten Putzwahn. Für meine Mutter Johanna bedeutete das, dass sie zwei Mal am Tag die rauen Sandsteinstufen des Schulhauses putzen musste. War das geschehen, kontrollierte Tosca ihre Arbeit mit dem Zeigefinger. In die gute Stube, das Wohnzimmer, durften Johanna und ihre Geschwister nur zu Weihnachten. Dort auf dem Biedermeiersofa saß auch Johannas wunderschöne Kugelgelenk-Porzellanpuppe Gerda. Spielen durfte sie nicht mit ihr. Sie durfte sie nur anschauen.
Als endlich das Kriegsende nahte, hatten die Kinder durch die einseitige Ernährung überall Geschwüre. Johannas Bruder Gerhard hatte die Ruhr. Er hatte Gänsedreck gegessen.

Stillleben mit Schinken v. r. n. l.: Vater Bruno, Metzger, Tosca mit Tochter Ruth, Sohn Karl und hinter der Leiter Tochter Gudrun
Mein Großvater kam heil von der Front zurück. Abgemagert und verstört durch die unglaublich schrecklichen Erlebnisse versuchte er, sich wieder in einer fast normal wirkenden Welt zurechtzufinden.
Bald darauf wurden meine Großeltern in eine andere Landschule im Erzgebirge versetzt.
Es war eine sehr arme Gegend, in der es viele Leinenweber gab. In den Küchen hing ein geräucherter Hering über dem Holztisch, an dem man seine Kartoffel rieb, damit sie ein bisschen mehr Geschmack hatte – mehr gab es nicht.
Alternativ wurde die obligatorische Pellkartoffel mit „Brächelsalz“ gegessen – eine in etwas Fett angeröstete dicke Paste aus Mehl und Salz.
Das Lieblingsessen meiner Mutter war Rauchemat: Eine geriebene gekochte Kartoffel, die mit etwas Mehl vermischt, in eine gebutterte Pfanne gedrückt und dann auf einer Seite knusprig gebraten wurde.
Das Ende der Kindheit
und eine fantastische Begebenheit
Die Jahre vergingen. Mein Großvater wurde wieder an eine neue Schule versetzt, meine Mutter und ihre Geschwister wurden erwachsen. In der Zwischenzeit studierte Johannas Bruder Gerhard Jura. Karl hingegen war in Alter von 14 Jahren Hals über Kopf von zu Hause fortgelaufen. Er wollte unbedingt zur See fahren.
Er hatte bereits auf einem Schiff angeheuert, als mein Großvater ihn in letzter Sekunde noch davon abhalten konnte und ihn zurück nach Hause brachte. Karl wollte die große, weite Welt sehen, doch er einigte sich mit meinem Großvater darauf, dass er erst auf die Seemannsschule gehen würde, um das Kapitänspatent zu machen.
Im Laufe dieser Zeit war er 1. Offizier auf der „Padua“, einem Schwesterschiff des Viermasters „Pamir“, und fuhr um Kap Horn. Dort musste er bei Windstärke 12 in unglaublicher Höhe in die Segel.
Später war er Kapitän bei der Handelsmarine, die dann kurzerhand ab 1938 zur Kriegsmarine erklärt wurde.
Jedes Mal, bevor er in See stach, besuchte er meine Mutter und bat um ihren Rat: „Hannel, wie sieht es aus, werde ich wiederkommen?“
Meine Mutter hatte keine Angst. Von ihr ging eine unglaubliche Kraft aus. Karl erzählte mir oft, dass ihn meine Mutter durch schwere Situationen in seinem Leben geleitet hatte. Wenn er in ihre Augen sah, fand er dort einen unbeirrbaren Glauben.
Auch dieses Mal sagte sie zu ihm: „Es wird alles gut, du kommst wieder.“
Was kurz darauf passierte, ist so unglaublich, dass Karl immer sagte, er könne es immer noch nicht fassen, obwohl er die Geschichte bereits so oft erzählt habe.
Die kommenden Ereignisse begannen damit, dass Karl das Kommando der „Wilhelm Gustloff“ übernehmen sollte. Das war eigentlich nichts Außergewöhnliches, denn er hatte dieses Schiff schon viele Male als Kapitän navigiert.
Karl stand bereits an Deck, als er die Order erhielt, abzubrechen und ein anderes Schiff zu übernehmen. Er sagte, in diesem Moment habe er sich wirklich bemühen müssen, seinen Unmut über die spontane Planänderung nicht lautstark kundzutun. Er habe dann gerade noch seine Emotionen unter Kontrolle bekommen und dann schweigend das andere Schiff übernommen. Wenige Stunden später sollte er dem Schicksal unendlich dankbar sein.
Denn an diesem Tag, dem 30. Januar 1945, sank die „Wilhelm Gustloff“ mit mehr als 9 000 Menschen an Bord durch einen russischen Torpedoangriff.
Karls Freund, der das Kommando für ihn übernommen hatte, starb mit vielen anderen seiner Kameraden.
Lange Zeit kämpfte Karl mit Schuldgefühlen.
Warum hatte ausgerechnet er überlebt und alle anderen mussten sterben? Doch wie viele andere in der Marine lebte er jeden Tag mit dem Tod. Immer wieder musste er über die Ostsee hinauf nach Skandinavien und Norwegen, um Munition, Kriegsgerät und Pferde in die Kriegsgebiete zu liefern.
Er berichtete immer davon, dass es erst nur ein paar Verletzte gewesen seien, die sie auf den Schiffen transportierten, später beförderten sie nichts anderes mehr als Verwundete. Schwer verletzte Menschen, die man unter entsetzlichen Bedingungen bergen musste. Es war kaum möglich, bis an die Steilufer heranzufahren, weil die Engländer ihre Schießanlagen in den Hängen angebracht hatten. Jedes Schiff, das sich näherte, wurde sofort beschossen.
Entsetzliche Szenarien spielten sich ab. Man fuhr mit Begleitschiffen im Spitfire der Alliierten.
So auch eines Tages. Karl war mit seinem Schiff gerade in ein Geschwader der Alliierten geraten. Zwei Schiffe waren bereits gesunken. Er stand auf der Brücke. Sein Steuermann war schwer verletzt. So übernahm er selbst das Ruder. Mit nur mehr einer Handvoll an Besatzung im Hagel der Geschosse. Als er wie durch ein Wunder mit dem Schiff doch noch den sicheren Hafen erreichte, bemerkte er, dass seine Jacke total durchschossen war. Überall sah man Schmauchspuren, Durchschüsse, die Ärmel waren komplett zerfetzt.
Während des Granatenhagels und der damit verbundenen Todesangst hatte er plötzlich das unglaubliche Erlebnis gehabt, über seinem eigenen Körper zu stehen. Er konnte sich genau unter sich sehen. Es sei ein fantastisches und erhebendes Gefühl gewesen, so frei zu sein, so völlig ohne Angst.

In diesem Zustand und in dieser Euphorie hatte er anscheinend das Ruder bedient. Während er sich mit dem Gottvertrauen, vom dem meine Mutter Johanna so oft sprach, der übermenschlichen Aufgabe stellte, die Situation unter Beschuss zu bewältigen, hatte er gefühlt, wie er in eine andere Realität versetzt wurde, in der er Herr der Lage wurde. Nach den zahllosen Einschüssen in seiner Jacke zu urteilen, hätte er hundertmal den Tod finden müssen.
Er hatte die Jacke behalten und sie als Erinnerung rahmen lassen, damit er nie vergessen würde, was ihm damals widerfahren war und zu welch unglaublichen Fähigkeiten der Geist in der Lage ist.
Johannas große Liebe und ein Traum
Meine Mutter hatte in der Zwischenzeit eine Gesangsausbildung absolviert. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, in einem früheren Leben eine berühmte Sängerin gewesen zu sein. Tatsächlich hatte Johanna eine wunderschöne Stimme. Doch das Singen war nur eines ihrer vielen Talente. Sie war sehr intelligent und hatte praktisch das Jurastudium und das Seemannspatent mit ihren Brüdern gemacht. Ich bin mir sicher, dass sie die Prüfungen auch selbst hätte ablegen können. Doch obwohl die Frau seit der Jahrhundertwende endlich auch studieren durfte, war es dennoch unüblich. Das Klischee, dass die Frau an den Herd gehöre, war noch zu fest in den Köpfen verankert. Das galt auch für meine Großmutter. Johanna ging nach Bad Elster und wurde Krankenschwester. Zudem war meine Mutter äußerst kreativ, sie malte und schrieb Gedichte.
Bald hatte sie auch einen glühenden Verehrer. Er hieß Willy. Er war ein attraktiver, braungebrannter sportlicher Mann mit blondem Haar, blauen Augen und einem sympathischen Lachen.
Sein Vater war nach Südamerika ausgewandert und besaß dort eine große Plantage. Willy war nach Deutschland gekommen, um neue Farmgeräte zu kaufen. Bald verband die beiden mehr als nur Freundschaft. Willy war fest entschlossen, meine Mutter zu heiraten. Sie war die Liebe seines Lebens.
Johanna sollte mit ihm nach Südamerika gehen. Er wollte erst ein Haus für sie bauen, dann sollte sie nachkommen. In der Zwischenzeit wollten sich die beiden schreiben.
Meine Mutter wartete, bekam aber keine Post. Sie schrieb Willy, bekam aber nie eine Antwort. So ging es Tage, Monate, ein Jahr. Irgendwann gab sie unter Tränen auf. Während dieser Zeit träumte sie immer wieder von einer Frau, die ihre Briefe zerriss. Obwohl meine Mutter sonst jeden Traum zu deuten wusste, diesen einen konnte sie sich seltsamerweise nicht erklären.
Zerriss diese Frau ihre Briefe, weil sie die neue Frau an Willys Seite war? War meine Mutter ihm inzwischen gleichgültig, weil er diese andere Frau liebte?
Es schien alles drauf hinzudeuten. Sich aufzudrängen war Johanna fremd, dazu war sie viel zu stolz. Erst als sie längst verheiratet war, sollte sie Willy wiedersehen.
Sie erzählte mir und der ganzen Familie oft von ihrer enttäuschten Liebe und was Willy damals zu ihr gesagt hatte. Er habe sie gefragt, warum sie nie seine Briefe beantwortet und ihn gleich vergessen habe. Er habe so lange gehofft und gewartet.
Vollkommen außer sich hatte meine Mutter entgegnet:
„Natürlich habe ich dir geschrieben, du hast niemals geantwortet. Ich habe von dir und einer Frau geträumt, deshalb war ich mir sicher, du hättest mich vergessen. Die Frau hatte lange dunkle Haare, blaue Augen und Grübchen – und sie zerriss all meine Briefe.“ Willy war daraufhin leichenblass geworden und hatte geantwortet:
„Die Beschreibung trifft genau auf meine Frau zu. Nachdem ich so viele Jahre vergeblich auf ein Zeichen von dir gehofft hatte, dachte ich, du hättest jemand anderen gefunden.“

Johanna mit Rosen
Willy stellte seine Frau, die damals seine Haushälterin gewesen war, zur Rede, und siehe da, sie hatte die Post meiner Mutter abgefangen und vernichtet. Sowohl Willy als auch Johanna waren inzwischen verheiratet.
Der Mann an der Seite meiner Mutter hieß Johannes – und die Geburtstage der beiden lagen genau vier Tage auseinander.
Das Lied der Liebenden
Immer wenn der Mond dunkle Täler beglänzt und der Wind silberne Pappeln bewegt, gehn die Liebenden der Welt in ihr eigenes Land.
Wandern mit lächelnd erhobenem Gesicht an blauen Weihern vorbei, wo im Gebüsch der Vogel Nacht zärtlich sein Lied verströmt.
Dann stehen sie still und atmen – süßer denn je schwillt der Duft der Dolden des Baumes, und das helle Band langer Straßen von innen tut sich hoffnungsvoll auf.
Wenn dann die Sterne im Kranz lächelnd den Liebenden leuchten, sind sie der Welt entrückt, im eigenen Land.
Johanna Tiedtke
Die Obstbäume, ein Zauberpulver
und ein Geist
Johannes war Lehrer und Künstler, vor allem aber auch ein Freigeist und Pianist. Er gehörte gleich zur Familie. Da die Geschwister meiner Mutter alle frei nach Gehör Klavier spielten und jede Operette auswendig kannten, musizierten und sangen bald alle gemeinsam und erlebten wunderbare Abende.
Meine Mutter schrieb zu dieser Zeit sehr viele Gedichte. Mein Vater Johannes war so begeistert von ihrer lyrischen Ader, dass er einige davon dem Schriftsteller Gerhard Hauptmann übersandte. Dieser antwortete sogar und lobte ihr außergewöhnliches Talent. Johannesʼ Vater hatte nur unter einer Bedingung in sein Musikstudium eingewilligt: dass er begleitend dazu einen bodenständigen Beruf erlernen würde. Nachdem Johannes sein Lehrerexamen gemacht hatte, bekam er das Angebot, in einer Landschule in Sachsen zu arbeiten. Diese Schule zeigte sich bald in den Träumen meiner Eltern – und zwar immer mit einem Garten, auf dem 45 Obstbäume standen.
Als es dann so weit war und Johannes und Johanna den Ort das erste Mal besichtigten, konnten sie allerdings keinen einzigen Baum entdecken. Die Enttäuschung der beiden war groß. Glaubten sie doch an ihre Träume und waren fest davon überzeugt, dass es mehr auf dieser Welt gab, als der einfache Geist erfassen kann.
Als der Bürgermeister sie zu der obligatorischen Besichtigungstour begrüßte, fragte mein Vater vorsichtshalber: „Ein Garten mit Obstbäumen gehört wohl nicht zum Schulgrund?“
Der Bürgermeister lachte und öffnete eine Tür, die in einer hohen Mauer verborgen war, und meine Eltern blickten auf einen riesigen Obstgarten. Sie konnten es kaum fassen und dann zählten sie nach. Es waren exakt 45 Obstbäume.
932 – ein Jahr nachdem meine Eltern eingezogen waren, wurde meine Schwester Gabriele geboren.
Die Schule war in einem moorigen feuchten Gebiet erbaut worden. Johannes war Wünschelrutengänger und konnte Wasseradern erspüren.

Johanna mit Geschwistern Roth und Karl im Garten mit den 45 Obstbäumen
Oft waren ihm die Bauern sehr dankbar dafür. Mit seiner Hilfe konnten sie auf ihren Weiden Brunnen für ihr Vieh bauen. Jahre später waren die Brunnen immer noch in Betrieb.
Auf diese Weise lernte er auch einen Schäfer kennen.
Dieser hatte eine Tochter, die sich anbot, Erledigungen für meine Eltern zu übernehmen. Irgendwann kam diese nicht mehr. Stutzig geworden erkundigte sich meine Mutter nach ihr. Der Schäfer erklärte daraufhin traurig, dass seine Tochter an Tuberkulose erkrankt und sehr schwach sei.
Meiner Mutter fiel gleich ein wundersames Kräuterpulver ein. Es stammte von einem ungarischen Magier, der im 18. Jahrhundert in einem sehr kalten Winter von Ungarn nach Deutschland reiste. Während eines Schneesturms brach die Achse seiner Kutsche und er blieb im Schnee stecken. Halb erfroren saß er am Straßenrand, als ihn ein vorbeifahrender Landwirt entdeckte, ihn mit nach Hause nahm und ihn gesund pflegte.
Zum Dank schenkte der Ungar ihm ein Kräuterpulver, das wahre Wunder bewirken sollte. Eingenommen wurde es mit den abnehmenden Mondphasen, ohne Wasser, es war sehr bitter und das trockene Pulver war sehr schwer zu schlucken. Vor und auch nach der Einnahme musste man mehrere Stunden fasten.
Meine Eltern hatten durch Freunde von diesem Pulver gehört und es selbst getestet. Es machte sich die Heilkraft des Wiesengamanders aus der Theiß in Ungarn zunutze. Meine Mutter hatte ein Geschwür im Kiefer, an dem sie bereits mehrfach operiert worden war. Das Mittel ersparte ihr eine erneute Operation, das Geschwür heilte ab und sie hatte zeitlebens nie wieder Probleme damit.
Johanna war also von dessen Wirkung überzeugt und gab das Pulver an den Schäfer weiter. Seine Tochter nahm es genau den Anleitungen folgend ein und in kürzester Zeit verschwand der Husten und sie wurde wieder vollkommen gesund.
Leider verschwand auch das wunderbare Pulver nach einiger Zeit wie so manch anderes Heilmittel aus dieser Zeit alsbald aus dem Handel. Irgendwann musste der Gastwirt eine Analyse machen lassen, die zu kostspielig für ihn war.
Langsam wurden meine Eltern heimisch und wieder einmal erwies sich das Schulgelände als ein Ort mit übernatürlichen Präsenzen. Es war fast schon so, als ob meine Mutter all die ruhesuchenden Geister dieser Welt magisch anziehen würde.
Es spukte wieder.
Einer der Lehrer der Schule war depressiv gewesen und hatte sich im Klassenzimmer erschossen.
Jeden Abend, Punkt 19:00 Uhr, knarrte die Küchentür und öffnete sich – wie von Zauberhand – von ganz alleine. Johanna hatte in unmittelbarer Umgebung einen geflochtenen Korbhocker mit rundem Kissen positioniert. Das Kissen senkte sich und eine unsichtbare Gestalt nahm Platz.
Jeder wollte das Phänomen sehen.
Auf diese Weise hatten meine Eltern viel Besuch, denn das Schauspiel wiederholte sich mit hoher Zuverlässigkeit jeden Abend.
Die Mutter von Johannes, eine gebürtige Ostpreußin, kam oft zu Besuch und sagte dann immer: „Herrjott, jibt der Kerl denn jar keine Ruhe.“
Natürlich sprachen meine Eltern auch mit dem Geist und baten ihn, ins Licht zu gehen.
Einmal, als Johanna abends noch Stifte aus der Schulstube holen wollte, stand er plötzlich vor ihr. Im ersten Moment war sie sehr erschrocken. Ein anderes Mal passierte dies mit Gabriele, die laut aufschrie. Sie hustete dann sehr eigenartig, als wäre sie gewürgt worden. Ab da wurde es meinen Eltern zu viel. Sie baten um Versetzung – und die kam glücklicherweise auch sehr schnell.
Der Zweite Weltkrieg begann und auf dem Lande klopften pro Tag bis zu 23 Bettler an die Tür. Man konnte nicht allen etwas geben, dennoch versuchten Johanna und Johannes das wenige, das sie hatten, zu teilen. Obwohl die Spannungen im Land zunahmen, verbrachten sie viele lustige Stunden in der Schule. Irgendwann – fast schon über Nacht – zog der Fortschritt ein. Das erste Versandhaus eröffnete in Dresden. Plötzlich konnte man alles bestellen. Kleider, extravagante Hüte, Spitzenunterwäsche.
Johannesʼ Kollege Kurt war bereits sehr von den Nationalsozialisten angetan. Überall gärte es.
Der Umschwung war spürbar, rasend nahm er die Gemüter in Beschlag. Jeder steckte jeden an. Es war wie eine große Welle, die alles und jeden erfasste.

Johannes vor der Schule
Mitgerissen von einem großen Versprechen nach diesem letzten Krieg, der so viel von allen gefordert hatte. Auch meine Mutter war anfangs von den neuen politischen Parolen begeistert. Liebte sie doch das Nordische: die Edda, die Runen, die ganze Mythologie, die der Nationalsozialismus geschickt eingebettet hatte.
Ein Lügengespinst nach dem anderen wurde gewoben.
Ein neues Zeitalter begann – und meine Eltern zogen um.
Endlich wohnten sie nicht mehr weit von der Stadt entfernt. Man konnte die Konzerte in Dresden besuchen, ohne lange Wegstrecken zurücklegen zu müssen.
Kulturell betrachtet war das eine Offenbarung. Meine Eltern waren sehr kontaktfreudig, knüpften schnell Freundschaften und meine Mutter war wieder schwanger. Doch plötzlich wendete sich das Blatt: Johannes wurde an die Front einberufen.
Johanna und die Vorhersehung
Endlich war es so weit. Nach langem Warten bekam mein Vater Johannes ein paar Tage Heimaturlaub. Meine Mutter ging zum Friseur. Dies war der Ort, an dem nichts geheim blieb. Alle Geschichten, die sich im Ort ereigneten. machten hier die Runde. Die Friseuse, eine hübsche Blondine, erzählte eifrig drauflos.
„Ach, wie schön für Sie. Mein Mann hat keinen einzigen Tag frei, die haben Urlaubssperre im Moment.“
Doch kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, entgegnete meine Mutter spontan: „Nein, da irren Sie sich, Ihr Mann hat Sonderurlaub. Jetzt machen Sie mal ganz schnell. Der steht schon mit einem Blumenstrauß vor Ihrer Tür.“
Solche Geschichten ereigneten sich ständig. Ungläubig starrten die Frauen dann meine Mutter an. In diesem Fall musste Johanna heftig insistierten, erst dann erwog die Friseuse, meiner Mutter Glauben zu schenken, und bat ihre Chefin darum, nach Hause gehen zu dürfen.
Diese schaute zwar etwas zweifelnd, sagte dann aber: „Na ja, jetzt bin ich aber gespannt, ob das stimmt. Also lauf mal schnell nach Hause, und falls dein Mann wirklich zu Hause ist, dann kannst du dir heute freinehmen.“
Als alles so passierte, wie Johanna es vorausgesagt hatte, sprach sich das wie ein Lauffeuer herum.
Das nächste Mal, als Johanna zum Friseur ging, standen da viele wissbegierige Frauen, die sie befragten, wie es ihren Männern ginge. Ob sie verletzt seien, in Gefangenschaft geraten waren und wann sie nach Hause kämen. Zu ihrem eigenen Erstaunen konnte sie all diese Fragen beantworten und sogar deren Heimkunft exakt auf die Stunde vorausprophezeien.
Mehr und mehr warfen aber auch die unangenehmen Dinge wie Krankheit und Tod ihren Schatten voraus.
Meine Schwester Gabriele war zu dieser Zeit die ganze Stütze meiner Mutter. Als sie acht Jahre alt war, wurde sie sehr krank. Scharlach mit Rückfall. Das war damals oftmals tödlich.

Danach bekam sie Nierenversagen und Wassersucht.
Es dauerte lange, bis sie wieder gesund war – und irgendwie schien es so, als ob sie sich nie mehr ganz von dieser Krankheit erholte.
Als sie älter war, studierte Gabriele Musik, um wie ihr Vater Pianist zu werden. Der Plan war, nach Italien zu gehen und dort Klavierkonzerte zu geben, doch dann bekam sie Beschwerden mit der Sehne ihres kleinen Fingers.

Schwester Gabriele
Der Traum platzte, sie sattelte auf die Malerei um und besuchte die Zeichenschule der Meißner Porzellanmanufaktur. Nicht um Porzellanmalerin zu werden, sondern um das Zeichnen zu erlernen.
Egal auf welche Kunstschule sie später ging, immer behielt man ihre Arbeiten.
1940 – mitten in den Kriegswirren – wurde dann ich geboren. Meine Mutter ließ mich auf den in diese Zeit passenden und seltsam gottesfürchtigen Namen Gottlinde taufen. Ich sollte eine ganz besondere Bindung zu meiner Schwester Gabriele haben – lange über ihren Tod hinaus. Doch dazu komme ich noch.
An meinen Vater Johannes kann ich mich eigentlich erst ab meinem vierten Lebensjahr erinnern. Alle Erlebnisse basieren auf den Erzählungen meiner Mutter oder Schwester.
In den kurzen Zeitspannen, in denen er auf Heimaturlaub war, war es kaum möglich, eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Ich glaube, er war sehr unglücklich darüber – irgendwie blieben wir uns immer ein bisschen fremd.
1944 hatte man Johannes todkrank nach Hause transportiert. Viele Monate verbrachte er in einem Wehrmachtslazarett, ehe man ihn als unheilbar krank entließ.
Mein Vater war bei der Luftwaffe. Dort war er für den Nachschub der Waffen nach Russland verantwortlich. Als Teil von Hitlers teuflischer Mission, dem Russlandfeldzug „Barbarossa“, diente er an der „Rollbahn“, der Hauptverkehrsader zwischen der weißrussischen Grenze und Moskau. Konvoi für Konvoi transportierte man dort unablässig Munition und Waffen bis nach Stalingrad.
Alle Straßen waren vermint. Der Zug fuhr in einer Kolonne.
Plötzlich ging eine Mine los und das Schicksal nahm seinen Lauf.
Nur zwei Fahrzeuge des gesamten Konvois erreichten ihren Bestimmungsort. Alle anderen waren entweder den Partisanen zum Opfer gefallen oder durch die Minen gestorben.
Johannes, der ein musischer und äußerst feinsinniger Mensch war, konnte die Schrecken des Krieges nie verwinden. Er wurde schwer magenkrank, depressiv und war zeitlebens gezeichnet. Aufgrund ihrer seherischen Fähigkeiten erlebte meine Mutter den Krieg besonders intensiv mit.
Eines Nachts, erzählte sie, sei sie schweißgebadet aufgewacht. Sie habe gefühlt, dass sich ihr Mann in großer Gefahr befand.
Sie setzte sich an den Bettrand und betete bis zum Morgengrauen unablässig. Erst nach vielen Stunden wich das Gefühl der Angst einer inneren Ruhe und Gewissheit, dass die Gefahr vorüber sei. Als mein Vater zurückkam, erzählte er, dass sein Bataillon in dieser Nacht nur knapp dem Tod entronnen war.
Er berichtete Folgendes: Wenn die Truppen nachts eine Pause einlegten, formatierten sie alle Fahrzeuge im Kreis. Auf diese Weise wollte man verhindern, ein allzu offenes Ziel für die Partisanen darzustellen, von denen es in den russischen Wäldern nur so wimmelte.
Eine Zeit lang ging alles gut, doch eines Nachts wurden sie dann doch von den Partisanen überrascht. Am nächsten Morgen fand Johannes die Hälfte seiner Kameraden mit durchgeschnittenen Kehlen in ihren Wagen. Gerade mal zwei hatten überlebt. Von diesem Tag an ging das Kommando an einen neuen Oberbefehlshaber, der anordnete, dass die Fahrzeuge von nun an in einer anderen Formation aufgestellt werden sollten.
Daraufhin kam es in einer der darauffolgenden Nächte zu folgender Begebenheit:
Der Soldat, der Wache halten sollte, war bekannt dafür, gerne einzuschlafen. Also bot sich mein Vater freiwillig als zusätzliche Wache an.
Es war stockfinster, man konnte kaum die Hand vor Augen sehen, als er gegen Mitternacht plötzlich Stimmen vernahm. Die Zweige knackten, ringsherum brach die Hölle los. Die neu angeordnete Position erwies sich als folgenschwerer Fehler – die Fahrzeuge waren zu weit voneinander entfernt, um sich gegenseitig Schutz zu bieten.
„Wie viele sind es? Sind sie in der Übermacht?“
All diese Fragen gingen meinem Vater durch den Kopf. Er weckte den schlafenden Soldaten neben sich, der eigentlich Wache schieben sollte, und wies ihn an, sich absolut still zu verhalten. Irgendetwas sagte ihm, dass sie alle keinen Laut von sich geben durften.
Die ganze Nacht war erfüllt von dieser Stille, die einer Todesstarre glich. Keiner griff an. Von keiner Seite vernahm man einen Ton. So ging das bis zum Morgengrauen. Im Licht der Scheinwerfer brach ein neuer Tag an und der Feind war verschwunden.
Mein Vater wusste, dass er von einer höheren Macht behütet worden war. Meine Mutter wusste, dass ihre Gebete erhört worden waren.
Eines Tages kam Johannes von der Front zurück und sagte: „Hannel, Hitler wird diesen Krieg nicht gewinnen.“
Er hatte gesehen, was mit den Juden gemacht wurde, wie sie deportiert wurden, um dann den Tod zu finden.
„Das ist Völkermord und die Tat eines Wahnsinnigen.“
Im Krieg war Johannes spontan zum Fotografen ernannt worden und musste Fotos von den in Russland erbauten Straflagern der Deutschen anfertigen.
Anfangs waren diese Lager noch leer. Später, als die Russen einmarschierten, hat meine Mutter all die Fotos von den Straflagern drei Tage lang in unserem Kachelofen verbrannt. Man hätte Johannes sofort erschossen, hätte man diese Bilder gefunden.
Meinem Vater ging es zwischenzeitlich sehr schlecht, seine Magenprobleme wurden immer schlimmer, oft konnte er die wenige Nahrung, die er zu sich nahm, kaum bei sich behalten. Also setzte meine Mutter Himmel und Erde in Bewegung, um ihm zu helfen. Über Bekannte hatte sie einen alten Professor ausfindig gemacht. Er war Gastroenterologe in der Charité in Berlin und empfahl, dass Johannes Vulkanasche und frisch ausgepressten Kartoffelsaft zu sich nehmen sollte.
Meine Mutter presste Unmengen an Kartoffelsaft. Die Vulkanasche, die nur sehr schwer erhältlich war, sollte sich anscheinend wie ein Film über die Magenwand legen. Ich habe keine Ahnung, wie meine Mutter an dieses exotische Heilmittel herangekommen war.
Wie auch immer, der Zustand meines Vaters besserte sich von Tag zu Tag. Johannes war nun nicht mehr kriegstauglich, eine Wendung, der er bestimmt nicht nachtrauerte. Endlich konnte er stundenweise wieder Unterricht geben. Er war ein sehr einfühlsamer Lehrer. Noch Jahre später besuchten ihn seine Schüler, um sich bei ihm zu bedanken. Doch so gern Johannes seinen Beruf auch ausübte, seine wahre Passion blieb die Musik. Parallel zum Lehramt war er Kapellmeister, Dirigent und gab Konzerte.
Gottlinde und der Klabautermann
Es war im Herbst 1944.
Ich war gerade vier Jahre alt, da begleitete ich meinen Vater zu einem Militärflughafen nach Dresden. Dort sollte er seine Entlassungspapiere vom Militär abholen.
Ich war aufgeregt, die Flieger faszinierten mich. Ich beobachtete, wie sie sich gleich Wasservögeln elegant in den Himmel hoben und schwerelos hinabglitten, bis sie zum Stehen kamen. Ich war viel zu neugierig, um artig in der Baracke zu bleiben, während mein Vater sich um die notwendigen Formalitäten kümmerte und die Papiere unterschrieb. Ich fragte, ob ich draußen warten dürfe, um das Treiben zu beobachten. Bald darauf gesellte sich mein Vater zu mir. Er unterhielt sich mit seinen Kameraden und wir blieben noch einige Zeit.
Gegen 12 Uhr mittags verließen wir das Gelände. Zwei Stunden später kam ein Geschwader der Alliierten und bombardierte den Flugplatz – alle starben. Wir waren dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen.
Von da an wurde das Leben zunehmend gefährlicher. Meine Eltern überlegten, welcher Ort wirklich sicher war, und entschieden sich für Dresden, das bislang von den Angriffen verschont worden war.
Damals nannte man die Stadt das Florenz des Ostens. Durch einen Wohnungstausch hatten wir eine sehr schöne Altbauwohnung in einem Vorort von Dresden angeboten bekommen. Das einzige Manko war die Toilette. Es gab nur ein Plumpsklo, das sich außerhalb der Wohnung befand. Nur in den modernen Häusern waren bereits Toiletten mit Wasserspülung installiert.
Alle, die von unserem Vorhaben hörten, waren entsetzt. Wieso wir so nah an der Stadt wohnen wollten in diesen gefährlichen Zeiten? Doch meine Eltern hatten keine Angst, im Prinzip fanden die Bombenangriffe ja so gut wie überall statt.
Also zogen wir nach Radebeul – einen Vorort von Dresden. Eine der Ersten, die uns dort besuchte, war meine Nenntante Maria, eine Freundin meiner Mutter, aus Hamburg. Ihr Mann fuhr zur See und sie war Kindererzieherin.
Tante Maria zeigte sich ganz begeistert von unserer 5-Zimmer-Wohnung, die sich in einer imposanten Villa befand. Sie schwärmte von den lichten, großen Räumen mit dem vielen Stuck an den Decken und dem Fischgrätparkett. Zum Wohnzimmer führte eine Flügeltüre und in jedem Raum befand sich ein Kachelofen. Die Wohnung war so groß, dass wir ohne Probleme unseren großen Konzertflügel und auch noch das Klavier unterbringen konnten.
Die Wände des Wohnzimmers waren mit einer matten, in Rosé gehaltenen Tapete mit kleinen silbernen Pünktchen tapeziert. An einer Wand stand eine graue Biedermeiercouch mit lila Veilchen, dazu gruppiert fand man einen Tisch und die passenden Sessel. Gegenüber platziert befanden sich ein geschnitzter Bücherschrank und eine große Glasvitrine.
Im Eck thronte der große weiße Kachelofen. Rund um das Wohnzimmer verlief ein Balkon. Meine Mutter war sehr stolz auf ihre schönen Möbel, die sie von ihren Eltern als Ausstattung zur Hochzeit bekommen hatte. In diesem Wohnzimmer tanzte Tante Maria mit mir herum, sang mit mir und machte allerlei Späße.
Irgendwann erzählte sie meiner Mutter eine seltsame Geschichte, die ihrem Mann Arthur widerfahren war. Er war Maschinist auf einem Frachtschiff.

Aussicht von der Wohnung in Radebeul
Tante Maria war eine Friesin und auch sie hatte seherische Fähigkeiten. Immer wenn ihr Mann lange auf See war, traf sie sich in ihren Träumen mit ihm. Ihre Seelen sprachen dann miteinander. Sie erzählte ihm von all den Dingen, die in seiner Abwesenheit geschehen waren, und er tat das Gleiche. So mussten sie sich niemals Briefe schreiben, sie korrespondierten jeden Tag auf einer anderen Bewusstseinsebene miteinander. Als Kind kann ich mich noch daran erinnern, dass Tante Maria immer vorher wusste, was geschehen würde.
Doch nun zu der Geschichte, die ihr Mann erlebt hatte.
Eines Tages war die See sehr rau und die Maschinen setzten aus. Das Schiff schaukelte wild und unkontrolliert hin und her. Arthur hatte sprichwörtlich alle Hebel in Bewegung gesetzt, alles ausprobiert, doch er war mit seinem Latein am Ende. Er wusste sich keinen Rat mehr, wie er die Motoren wieder in Bewegung setzen sollte.
Alle umliegenden Schiffe waren bereits alarmiert worden, um Hilfe zu leisten.
Da überkam ihn ein merkwürdiges Gefühl, etwas in ihm wusste, er durfte jetzt nicht aufgeben. Also versuchte er ein letztes Mal, die Maschine in Gang zu setzen. Eine Sekunde später glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen.
Saß da nicht ein rotes Wesen auf einer Stange? Er näherte sich ihm vorsichtig und betrachtete es genau.
Es war ein kleines Männchen mit spindeldürren Beinchen, einem langen Bart und einer roten Zipfelmütze. Es sah aus, als wäre es direkt aus einem Märchenbuch geschlüpft.
Er blinzelte, schloss die Augen und öffnete sie wieder, doch das Männlein war immer noch da. Sekunden später sah er, wie es zwischen den Stangen und Motorteilen verschwand. Er glaubte zu träumen, doch genau in diesem Moment sprang die Maschine wieder an.
Der Krieg wurde immer unbarmherziger. Doch immer noch glaubte man an den Sieg. Die Bombengeschwader griffen zahllose Städte an und auch das Elbtal, in dem wir jetzt wohnten, wurde inzwischen von zwei Seiten beschossen.
Allein Dresden blieb immer noch verschont. Jeden Tag flogen Scharen von Bombern mit Donnergetöse über uns hinweg und wir verbrachten viele Tage und Nächte im Keller. Es herrschte ein eisiges, beklemmendes Schweigen.
Ertönte der Luftschutzalarm, fand in unserem Hause jedes Mal das gleiche Ritual statt. Meine Mutter erschien gelassen als Letzte und setzte sich demonstrativ auf die notdürftig mit dünnen Brettern abgedeckte Jauchegrube.
Dort fing sie in aller Ruhe an, in einem ihrer spirituellen Bücher zu lesen. Sobald sie das tat, ging ein erleichtertes Aufatmen durch unsere Reihen. Keiner wagte es, sich auf diese Grube zu setzen, denn falls eine Bombe eingeschlagen hätte, das wusste jeder, wäre derjenige, der dort saß, in die tiefe Grube gefallen.
Meine Mutter hatte keine Angst, sie war gläubig.
Bereits seit Ende der 1920er Jahre hatte sie sich für das Spirituelle interessiert und sie fühlte sich beschützt.
Anfangs hatten sich meine Eltern mit der christlichen Mystik nach Karl Weinfurter beschäftigt, den meine Eltern auch persönlich kannten.
Bald begeisterten sie sich auch für andere spirituelle Autoren wie den Bulgaren Surya Omraam Mikhaël Aïvanhov oder den Theosophen und Freimaurer Dr. Franz Hartmann. Auch die Geheimlehre von Helena Blavatsky und die Bücher von Gustav Meyrink beeindruckten sie. Zu Letzterem fällt mir auch gleich ein Erlebnis ein, das sich in unserer Waschküche ereignete, nachdem meine Mutter „Das grüne Gesicht“ von Meyrink gelesen hatte.
In diesem Buch ging es unter anderem um „Chedir Green“ – ein unheimliches magisches Wesen. In Gedanken hatte sie sich den ganzen Tag mit ihm beschäftigt und immer wieder einen Spruch aus dem Buch vor sich hingemurmelt.
Als sie den Holzdeckel des Zubers, in dem die Wäsche kochte, wegzog und in Richtung Tür blickte, sah sie in den Dampfschwaden, die den Raum füllten, Chedir Green an der Wand lehnend, sie hämisch anlächelnd.
Ihr wurde sehr unwohl zumute, und sie wusste instinktiv sofort, dass sie ihn mit ihren Gedanken und Worten herbeigerufen hatte.
Daraufhin verschwand sie sehr schnell aus dem Waschhaus.
An einem anderen Tag mitten im Krieg klopfte unverhofft ein Ortsgruppenleiter an die Tür meiner Mutter und forderte sie auf, ihren Bücherschrank zu öffnen. Er betrachtete all die esoterischen Bücher, von denen einige bereits verboten waren, und meinte, dass man diese nach dem Reichssicherheitsgesetz verbrennen müsse. Da stellte sich meine Mutter vor den Bücherschrank und sagte ihm ins Gesicht:
„Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir toleranter werden, wir sind ja nicht mehr in den Zeiten der Weimarer Republik. Ich kann mich erinnern, damals hatte mir ein Beamter der Kommunisten einen Besuch abgestattet und hatte die gleichen Worte über meine Bücher verloren wie jetzt Sie. Jetzt möchten Sie sich tatsächlich auf die gleiche Stufe mit ihm stellen? Haben Sie denn die gleichen Werte wie die Kommunisten?“
Der Polizist runzelte die Stirn, kniff die Augen zu und sagte irritiert: „Nein, natürlich nicht. Darum geht es doch gar nicht, aber lassen wir das jetzt mal. Tun Sie mir einfach den Gefallen und stellen Sie die besagten Bücher ganz hinten in den Schrank.“
Meine Mutter nickte bereitwillig, doch nachdem er ging, blieben alle Bücher genau dort, wo sie auch vorher gestanden hatten.
Die Gefahr war unser ständiger Begleiter.

Im Obstgarten: Gottlinde, Johanna, Gabriele und Tosca
Das galt vor allem auch für uns Kinder. Selbst die alltäglichsten Dinge konnten uns das Leben kosten. So war es zum Beispiel ein äußerst gefährliches Unterfangen, wenn wir in die zwei Straßen weiter entfernte Molkerei gehen mussten, um dort Milch zu holen. Oft wurden wir auf unserem Weg von Tieffliegern überrascht und mussten vor den Scharfschützen in Deckung gehen. Geistesgegenwärtig warfen wir uns dann ins Gebüsch, den wertvollen Milchkrug dabei fest im Auge, damit ja nichts von dessen kostbarem Inhalt verloren ging. Tack, Tack, Tack knallten die Geschosse ganz dicht an uns vorbei.
Doch nicht nur der Feind, vor allem auch der Hunger trachtete uns nach dem Leben. Wir hatten Glück, denn wir hatten einen Gemüsegarten, der nicht nur uns, sondern auch vielen unserer Freunde über die schlimmste Zeit hinweghalf. Ganz gleich wie gefährlich die Lage war, meine Mutter vergaß niemals, den Garten zu gießen.
Oft verkroch sie sich während der Scharfschützenangriffe in ihren Zwiebeln und betete.
Der Untergang
Mein Onkel Gerhard, Mutters zwei Jahre jüngerer Bruder, hatte Jura studiert. Er sah zudem sehr gut aus, war blond und breitschultrig. Oft brachte er seine Tanzstunden-Partnerinnen nach Hause, immer waren es Töchter aus gutem Hause, die schnell Freundschaft mit meiner Mutter schlossen. So auch Josepha. Ihr Vater war ein Tuchfabrikant. Sie liebte schöne Kleider, teuren Schmuck und kostbare Pelze. Als einzige Tochter wohnte sie mit ihren Eltern in einer luxuriösen Villa. Es sollte nicht lange dauern und Josepha fand ihren Traummann.
Reuter war 20 Jahre älter als sie und Doktor der Philosophie, der in Kalifornien studiert hatte. Als Spezialist für den Überseefunkverkehr hatte er lange für die Amerikaner gearbeitet.
Am 14. April 1912 war er auf dem Dampfer „Amerika“ stationiert und sandte von dort aus eine Warnung, die das Geschick des größten Luxusliners der Welt, „Titanic“, hätte ändern können. Doch wie man später erfahren sollte, verdienten die Funker des Dampfers der Olympic-Klasse als Angestellte der Marconi-Gesellschaft ihr Geld mit den Privatnachrichten der Passagiere und mussten auch nicht direkt an die Brücke berichten. Sie ignorierten die Eisbergwarnungen – so wie auch Kapitän Edward John Smith.

Josephas Mann informierte sowohl die Küstenfunkstelle „Cape Race“ als auch die Titanic selbst.
Zwei Stunden und vierzig Minuten später sank die Titanic. In rasender Geschwindigkeit stürzte sie 4 000 Meter tief auf den Boden des Nordatlantiks. Von den 2200 Menschen an Bord überlebten lediglich 700 die Jungfernfahrt des berühmten Ozeangiganten.

Wie viele andere arbeitete Reuter später für die Nazis. Doch auf einer Mission in Griechenland machte er einen fatalen Fehler. Seine Frau liebte Schuhe, es war Krieg, es gab nichts. Er stand in einem bereits brennenden Haus und bemerkte einen Sessel, der mit rotem Leder bezogen war, das perfekt für ein paar Schuhe geeignet gewesen wäre.

In letzter Minute, ehe dieser vom Feuer verschlungen wurde, nahm er sein Taschenmesser, schnitt das rote Leder auf und riss es herunter. Ein Untergebener und ihm nicht wohlgesinnter Gefreiter beobachtete das und zeigte ihn an.
Er wurde sofort suspendiert, aller Ämter enthoben und auf die Krim gebracht. Dort saß er monatelang in Untersuchungshaft. Josepha hatte durch dieses Ereignis eine Totgeburt.
Sie machte zwei Gnadengesuche. Als beide abgelehnt wurden, verfiel sie in eine Depression.
Meine Mutter konnte das Drama bald nicht mehr mit ansehen. Sie schlug Josepha vor, dass auch sie einen Versuch starten würde. Diese entgegnete zwar, dass sie nichts von dieser Idee halte, denn wenn sie als Ehefrau schon nichts erreiche, warum solle dann eine Fremde mehr Gehör finden.
Meine Mutter schrieb an Goebbels privat. Sie legte das Foto des toten aufgebahrten Kindes bei, verfasste einen herzerweichenden Brief über einen Mann, der seiner schwangeren Frau mit einem bisschen rotem Leder für ein Paar Schuhe eine Freude bereiten wollte – in Zeiten, die so schwer für alle waren.
Kurz darauf passierte das Unvorstellbare.
Meine Mutter bekam Post – und zwar von Goebbels höchstpersönlich.
Ihr Gesuch war erhört worden. Josephas Mann bekleidete mit sofortiger Wirkung wieder alle ihm innehabenden Ämter. Vorsorglich verbrannten meine Eltern alle diesbezüglichen Unterlagen, als die Russen kamen. Reuter war meiner Mutter allerdings ewig dankbar. Leider kam er kurz darauf in russische Kriegsgefangenschaft.
Josepha hing so an ihrem Besitz. Ihr Mann hätte sich, anstatt auf sie zu hören, in den Westen absetzen sollen. Denn inzwischen war das Land vom Krieg gespalten und Sachsen zählte zur DDR.
Dort war das einstige Genie ein kleines Rädchen im Getriebe. Während im Osten niemand seine Fähigkeiten zu schätzen wusste, warteten im Westen die Angebote der Amerikaner auf ihn.
Doch nun war es zu spät.
Jahre später musste Josepha noch einmal einen hohen Preis für ihren Starrsinn bezahlen. Sie musste viele ihrer Villen an den Staat verschenken. Die Mieten in der DDR waren so niedrig, dass die Hausbesitzer sich nicht einmal die notwendigsten Renovierungsarbeiten leisten konnten.
Dann kam der 13. Februar 1945.
Mein Vater riss uns Kinder aus dem Schlaf. „Heute wird es ernst“, rief er aufgeregt.
Meine Schwester und ich wurden in alle verfügbaren Kleidungsstücke gepackt.
Die Sirenen heulten, als wir auf unserem kleinen Balkon standen. Ein Geschwader überflog uns und setzte Leuchtkugeln ab. Der Himmel über uns leuchtete – es war ein einziges Funkenmeer. Für die Bomber, die dann etwas später folgten, dienten die Feuerkugeln als Positionsangabe für die Bomben, die abgeworfen werden sollten.
Über uns lag eine unheimliche Stille, kein Windhauch war zu spüren.
Für einen Moment konnte man nicht einmal den dröhnenden Hall der Motoren der Kampfflugzeuge hören.
Minuten später wurde ein unglaublicher Wind entfesselt. Dieser riss all die „Christbäume“ aus loderndem Phosphor mit sich und trug sie weit fort. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig in den Keller. Der alte Hauswirt war so schwerhörig, dass er die Sirenen nicht gehört hatte. Er war der Einzige, der einen Schlüssel zum Luftschutzkeller hatte. Man schlug sein Fenster ein und rüttelte ihn wach. Wir saßen alle versammelt im Keller, als er laut rief:
„Schaut euch das Inferno an. Dresden brennt!“
Eine Stadt mit Tausenden von Flüchtlingen, die am Bahnhof und überall in den Straßen rastend auf die Weiterfahrt aus dem Osten warteten, ging in Flammen auf.
Am Tag danach kamen die Bomber wieder und gaben der Stadt den Rest. Alle Feuerwehren im Umkreis waren dort, um die Feuer zu löschen. Keiner kam wieder.
Es sind Bilder, die ich niemals vergessen werde. Meine Schwester und die Kinder aus unserem Haus standen an der Straße, die in das ca. 25 km entfernte Dresden führte.
Es kamen Gestalten auf uns zu, die an Horrorfilme erinnern: Zombies – schwarz vom Rauch mit zerfetzten Kleidern und versengten Haaren.
Zu Hunderten zogen sie an uns vorbei.
Die Freundin meiner Schwester Gabriele wohnte zu dieser Zeit direkt in Dresden. Sie erzählte, sie seien im Luftschutzkeller gewesen, als eine Brandbombe das Haus traf.
Ihr Vater hatte ihre Mäntel in ein Fass Wasser getaucht, das an der Treppe stand. Dann waren sie durch das Kellerfenster hinaus auf die Straße in das brennende Inferno gerannt.
Die nassen Mäntel bewahrten sie davor, selbst in Flammen aufzugehen. Die Freundin traf ein Spritzer Phosphor am Bein, der sich blitzschnell bis auf den Knochen durchbrannte. Als sie ausgebombt in unsere Nachbarschaft zog, musste man sie in einem Handwagen fahren.
Auch meine Großmutter väterlicherseits wohnte in Dresden. Es dauerte Tage, ehe die Stadt wieder passierbar war. Mein Vater machte sich auf, um nach seiner Mutter zu suchen. Der Stadtteil, in dem sie lebte, war fast komplett zerstört worden, aber das Haus, in dem Auguste wohnte, stand noch.
Als er wiederkam, roch er entsetzlich nach Rauch und verbrannten Leichen.
Die Russen und die Rettung
Die Russen rückten immer näher. Sie waren bereits auf der einen Seite des Elbufers. Auf der anderen befand sich das Regiment von General Schörner, der vorher das Afrika-Kommando unter sich hatte. Radebeul lag im Tal. So beschossen sich die Kämpfenden tagelang mit Stalinorgeln, wie wir die Geschosse nannten.
Es war der 8. Mai, der Tag der Befreiung!
Die Menschen standen auf ihren Balkons und schwenkten weiße Tücher. Ich sehe sie noch. Sie kamen die lange Straße hinunter. Die russischen Einheiten. Zuerst mongolische Reiter, dann die Panzer. Amerikanische Panzer mit vielen Geschützen.
Die Amerikaner hatten die Russen voll ausgestattet, weil diese kein Kriegsgerät mehr hatten, sagte mein Vater. Im Prinzip trugen sie nur den roten Stern anstatt der amerikanischen weißen. Die Männer hatten sich in den Weinbergen versteckt.
Die Soldaten schossen auf alles und jeden. Der aufgestaute Hass war zu groß.
Meine Schwester ging aufs Gymnasium. Man hatte die jungen Mädchen versteckt, denn Vergewaltigungen gehörten zur Tagesordnung.
Einmal war ich als Fünfjährige allein mit meiner Mutter, als Offiziere ins Haus kamen. Sie trieben alle Frauen und Kinder auf dem Rasen vor dem Haus zusammen. An den Platz, an dem immer die Wäsche gebleicht wurde. Ich saß allein im ersten Stock in der Küche mit einer Blechtasse mit Radieschen am Küchentisch.
Man hatte mich irgendwie vergessen.
Plötzlich stand ein baumlanger mongolischer Russe lautlos in der Küchentür. Das Gewehr über dem Arm. Ich versteinerte buchstäblich, aber er war freundlich. Er lächelte mich an und ging.
Unten auf der Bleiche ging es nicht so lustig zu. Alle Frauen sollten in Lastwägen verfrachtet werden und nach Sibirien gebracht werden. Das Gleiche geschah in den umliegenden Häusern.
Der Oberkommandant war ein eiskalter, gnadenloser Typ. Intuitiv wusste meine Mutter plötzlich, dass er ein russischer Jude war. Sie stellte sich neben ihn und sprach ihn leise auf Deutsch an. Er schaute sie verdutzt an, dann redete sie ihm ins Gewissen. „Wollen Sie wirklich Gleiches mit Gleichem vergelten? Ist es denn nicht genug, was Ihr Volk bereits erlitten hat? Ein Volk, das sich als auserwählt fühlt, muss doch besser sein. Es muss doch einmal genug sein mit all dem Hass.“
Es war ein gewagtes Spiel.
Er solle doch ein Exempel im guten Sinne statuieren und die Frauen bei ihren Kindern lassen. Sie redete und redete, bis er ihr auf die Schulter griff, nickte und mit mürrischer Miene den Befehl gab, dass alle Frauen in ihre Häuser zurückkehren und nicht mehr auf die Straße gehen sollten.
Erst nach der Wende fand man in der Nähe von Heidenau die Massengräber mit all den Frauen, die aus ihren Häusern getrieben worden waren, um erschossen zu werden.
Jeder musste jetzt den Preis für den verlorenen Krieg zahlen. Zahllose Menschen wurden heimatlos oder enteignet. Meine Mutter hatte vorgesorgt, die Gardinen abgemacht, die Teppiche verschwinden lassen, so dass unsere Räume kahl und unwohnlich wirkten. Dazu hatten wir ja zu unserem Glück kein Spülklosett und kein Bad, sondern nur das „Örtchen“ auf halber Treppe.
Das russische Oberkommando hatte Radebeul zum Hauptquartier erkoren. Wir lebten jetzt unter 220 000 Russen.
Da unsere Wohnung nicht den Ansprüchen der Besetzer genügte, durften wir sie weiterhin bewohnen. Die Russen holten ihre Familien nach. Junge Russinnen mit roten Backen und Kopftüchern. Viele wirkten wie Mamuschkas.
Auch in die Villa neben uns zog eine russische Familie ein. Die Mutter mit dicken roten Backen und kräftigen Waden. Zu ihrer Schürze trug sie Stöckelschuhe, nachmittags um drei servierte sie das Mittagessen: Makkaroni mit Hackfleischsoße – eine Delikatesse.
Die Russin mit den aufgetürmten rotblonden Locken nahm mich gleich unter ihre Fittiche. Ich durfte mitessen, mehr als einmal. Ich war ihr ewig dankbar.
Während wir die Nudeln verschlangen, flüsterte sie, dass wir ruhig sein sollen. Im Hintergrund hörte man das laute Schnarchen ihres schwer betrunkenen Mannes, der inzwischen in voller Montur im Ehebett eingeschlafen war. Wir Kinder unterhielten uns in Zeichensprache oder spielten draußen Ball.
Neben all den schrecklichen Erinnerungen, die diese Zeit mit sich brachte, fällt mir auch etwas sehr Komisches ein:
Die Russen waren begeistert von unseren Spültoiletten. Sie wuschen ihre Kartoffeln darin und spülten dann. Natürlich landeten die Kartoffeln damit zum Teil in der Kanalisation, die verstopfte. Der ratlose dazugeholte Mann schoss vor lauter Wut in die Toilette!
Solche Geschichten kursierten überall.
Auch die Besetzung forderte ihren Tribut. Nun verloren alle ihre Jobs. Unser Nachbar, ein Justizbeamter, war jetzt bei der Müllabfuhr. Auch mein Vater wurde wie viele andere seines Postens als Lehrer enthoben. Die Kommunisten übernahmen das Ruder.
Gut, dass meine Eltern in weiser Voraussicht alle bedenklichen Unterlagen verbrannt hatten.
Mein Vater verdiente zusätzliches Geld jetzt als Pianist in einer Band in einem Vergnügungslokal für die Russen. Erst um drei Uhr morgens war sein Tag zu Ende. Der Heimweg war dann aber lebensgefährlich.
Die sturzbetrunkenen Russen rissen einem die Kleidung vom Leibe, nahmen einem das bisschen Geld ab, prügelten oder erschossen einen.
Meine Mutter ging nun nachts in den Garten, um ihn zu spritzen. Tagsüber gab es kein Wasser, und wir waren auf den Garten angewiesen.
Dresden hatte bei der ersten kommunistischen Wahl der DDR am schlechtesten abgeschnitten. Dafür wollte man die Menschen vor Ort büßen lassen. Das russische Kommando strich die Lebensmittel einfach auf ein erbärmliches Minimum.
Einmal gab es Kartoffelmehl, alle stürzten sich drauf. Was viele nicht wussten, für das Mehl hatte man nur die Schalen und die giftigen Kartoffelkeime zermahlen. Die älteren Leute starben wie die Fliegen.
Mein Vater hatte auch eine Wassersuppe mit diesem Mehl gegessen. Er wurde schwer krank.
Die Nachbarin erbarmte sich. Sie hatte ein kleines Kind und bekam etwas Milch. Sie gab meinem Vater jeden Tag etwas davon ab, bis es ihm langsam besserging.
Wir Kinder bekamen dicke Bäuche. So wie die afrikanischen Kinder in den Hungergebieten. Monatelang gab es nur Suppe. Wasser mit einem kleinen bisschen Gemüse aus dem Garten.
Wir alle überlebten durch den Garten.
Meine Mutter hatte heimlich zwischen den Tomaten Tabak angebaut. Das war streng verboten. Doch sie machte es trotzdem und verkaufte den Tabak anschließend auf dem Schwarzmarkt.
Der Garten – Ein unheimliches Gefühl
Meine Erinnerung an all die Geschehnisse im Krieg reichen zurück bis zu meinem dritten Lebensjahr. Ich konnte mich auch daran entsinnen, sehr unglücklich gewesen zu sein, nicht bis zur Türklinke hinaufreichen zu können, um diese zu öffnen. Mit knapp sechs Jahren hatte ich dann mein erstes intuitives Erlebnis.
Ich verbrachte viel Zeit in unserem Garten. Eigentlich war es eine Grünfläche, die in vier einzelne Parzellen aufgeteilt war.
Mein ganzer Stolz war der Sandkasten darin. Die anderen drei Hälften teilten sich unsere Mitbewohner. Erreichbar war der Garten über ein großes Eisentor mit hohen Spitzen. Wir verschlossen es immer sorgfältig, wenn wir ihn verließen.
Es war gegen Mittag. Keine Menschenseele irgendwo. Nachdem ich aufgesperrt hatte, ging ich schnurstracks zu meinem Sandkasten, doch auf einmal überkam mich ein ganz mulmiges Gefühl. Ich nahm den Schlüssel und versperrte das Tor von innen. Das hatte ich noch nie gemacht. Dann konzentrierte ich mich wieder auf den Sandkasten, bis mein Blick erneut auf das Tor fiel.
Dort sah ich einen Russen mit einem Offiziersmantel, der sich an dem Schloss zu schaffen machte, um in den Garten zu kommen. Er versuchte sogar, über den Eisenzaun zu klettern, blieb aber mit seinem Mantel an den hohen Spitzen des Zaunes hängen. Ich spürte instinktiv, dass er nichts Gutes im Sinn hatte, und mir war klar, ganz egal wie laut ich geschrien hätte, keiner hätte mich gehört. Nach einer gefühlten Unendlichkeit gab der Mann endlich auf und verschwand.
Unser anderer Nachbar war ein Deutscher, der eine Lederbekleidungsfabrik besaß. Viele russische Offiziere fuhren in ihren Militärwagen bei ihm vor, um sich neue Ledermäntel von ihm machen zu lassen. Uns Kindern schenkten die Soldaten ab und zu Speck.
Ein Junge aus dem Haus war recht frech und warf in unserem Beisein einen Stein in die Scheibe eines Wagens. Der Fahrer schlief derweil am Steuer, während der Offizier drinnen Maß nehmen ließ. Die Scheibe zersplitterte und wir rasten um unser Leben.
Es gab einen Schuppen hinter dem Haus. Der gehörte einem Klempner. Dahinter, ein wenig abseits, lag ein weiterer. Dort stand ein alter Anhänger, in dem eine alte Plane lag, unter der wir uns verkrochen. Die Soldaten waren uns den ganzen Weg gefolgt und standen nun fluchend vor unserem Versteck. Uns blieb fast der Atem stehen. Wer weiß, was sie mit uns gemacht hätten, wir wollten es uns gar nicht vorstellen.
Wir atmeten auf, als sie nach einer Weile verschwanden.
Am darauffolgenden Tag trafen die Offiziere in aller Herrgottsfrüh ein, alle Türen des Büros des Lederfabrikanten standen offen, keiner war zu sehen.
Die Familie hatte unbemerkt alles stehen und liegen lassen und war heimlich in der Nacht mitsamt der achtzigjährigen Großmutter in den Westen geflüchtet.

Gabriele mit Nachbarskindern und dem Dienstmädchen Gudrun
Das lebensrettende Traumbüro
Ein ganz besonderes Steckenpferd meiner Mutter war die Traumdeutung und Tiefenpsychologie nach C. G. Jung.
Sie hatte alles über analytische Psychologie gelesen. Eine gute Bekannte hatte selbst bei C. G. Jung in Zürich studiert und dort auch promoviert. Meine Mutter legte Karten, aber es waren nicht die Karten, die zu ihr sprachen, sondern ihre Intuition.
Die beiden Frauen verstanden sich nicht nur ausgezeichnet, sie waren komplett auf der gleichen Wellenlänge, ergänzten sich in ihren Fähigkeiten und bildeten ein hervorragendes Team.
Frau Dr. Haack war eigentlich ganz zufällig auf meine Mutter gestoßen. Sie konnte sich ihre eigenen Träume nicht richtig deuten. Meine Mutter schon. Sie sah, dass die Ehe der anderen in Gefahr war, und half ihr, diese zu retten.
Bald machte diese Sensation die Runde.
Im „grünen Zimmer“ unserer Wohnung, der Name ging auf den grünen Kachelofen darin zurück, begannen meine Mutter und Frau Dr. Haack, zusammen zu praktizieren.
Die Menschen kamen, erzählten ihre Träume und sie deuteten diese. Ich weiß nicht, wie vielen Hunderten Menschen beide weiterhalfen. Jeden Mittag, wenn ich aus der Schule kam, waren die Diele und das ganze Treppenhaus voller Leute, sie alle wollten zu den zwei Traumspezialisten in unsere Altbauwohnung. Sie alle warteten geduldig bis zum späten Abend, und das sechs Tage in der Woche.
Frau Dr. Haack und meine Mutter verlangten nie nach einer Bezahlung. Manchmal revanchierten sich die Leute und brachten ein Viertel Brot mit.
Während dieser Zeit probte mein Vater zur Freude unserer Mitbewohner in unserer guten Stube mit seinem Orchester. Dazu gab es jede Menge Gesang, denn er bildete auch eine Koloratursängerin aus.
Da das florierende Traumbüro meiner Mutter keine Zeit mehr für den Haushalt ließ, hatten wir ein Mädchen aus Schlesien aufgenommen, das alsbald zur Familie gehörte. Auch meine Großmutter Auguste aus Dresden wohnte jetzt bei uns.
Wir lebten nun in einem Mietshaus, auf jeder Etage befanden sich zwei Wohnungen. Auf unserem Stockwerk wohnte ein Tontechniker, der bei SABA gearbeitet hatte.
Der Name stand für die Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt August Schwer Söhne GmbH, die Radiofunkgeräte und Tonbänder herstellte.
Dieser Mann bekleidete bei der Wehrmacht eine hohe Position im Nachrichtendienst, was natürlich keiner wusste. Seine Frau stand mit Mutter auf der Treppe, als er gegen Abend nach Hause kam: Er grüßte und sagte: „Ich hatte heute Nacht so einen blöden Traum.“
„So“, sagte meine Mutter.
„Dann kommen Sie gleich mal rein, ich leg Ihnen die Karten.“
Plötzlich wurde sie leichenblass und sprang auf: „Packen Sie sofort eine Tasche mit dem Allernötigsten und verschwinden Sie von hier. Zögern Sie nicht, wenn Sie sich nicht sofort auf den Weg machen, holt sie der Geheimdienst. Sie müssen sofort verschwinden, verlieren Sie keine Minute. Gehen Sie nach Westberlin.“
Mit diesen Worten schob sie ihn aus der Wohnung.

Es ist kaum vorstellbar, wenn man es nicht erlebt hat, aber meine Mutter war eine unglaublich starke und überzeugende Persönlichkeit. Der Mann folgte ihren Anweisungen auf der Stelle und ließ alles zurück: Einen gut bezahlten Job, seine Freunde, seine Familie, sein Zuhause.
Seine Frau half ihm, die Tasche zu packen. Zehn Minuten später war er fort.
Es war gerade mal eine Stunde vergangen, und schon stand der Geheimdienst der DDR vor der Tür, um Herrn Kurz abzuholen. Akribisch suchten sie jeden Winkel nach ihm ab.
Nachdem die Polizei gegangen war, kam seine Frau zitternd zu uns: „Ich habe gesagt, mein Mann kommt heute später. Er trifft sich noch mit Freunden.“
Meine Mutter nickte verständnisvoll und gab ihr Geld. Daraufhin nahm Frau Kurz ihre zwei Kinder und schlich sich leise aus dem Haus. Sie wusste, dass sie niemals wiederkommen würde.
Als wir dann 1950 aus der DDR flüchteten, war es Familie Kurz, die uns in Westberlin aufnahm.
Das seltsame Porzellanspiel
Eine andere seltsame Begebenheit verband ich mit meiner Tante Hilde. Sie war eine Freundin einer Freundin meiner Mutter und war Zahnärztin in Dresden. Ihre Praxis stand noch.
Als die Straßenbahnen wieder fuhren, besuchte ich sie, unangemeldet – und ganz allein.
Ich war damals gerade mal acht Jahre alt und hatte natürlich nicht an das Geld für eine Fahrkarte gedacht. Ich fuhr einfach, ohne zu bezahlen. Jeder wähnte mich irgendwo zu Hause, keiner wusste, dass ich einfach auf Reisen gegangen war.
Die Fahrt war beeindruckend.
In Dresden stand nichts mehr, man fuhr durch riesige Schuttberge und sah meilenweit nur Ruinen. Es war ein morbides Szenario. Unwirklich, aber doch grausam real.
An den Wänden der zerstörten Häuser waren immer noch Tapeten zu sehen. Manchmal war da ein schmales Fußbodenstück, das noch intakt war, manchmal standen da auch ein Stuhl oder ein Bett in schwindelnder Höhe.
Überall an diesen gespenstischen Wänden hatte man Suchlisten angebracht.
Suchlisten überall.
Mit all diesen niederschmetternden Eindrücken hatte ich langsam die Motivation verloren. Ich hatte plötzlich keine Lust mehr, meine Tante zu besuchen und meine Zähne anschauen zu lassen. Als ich dann in ihrer Praxis stand, wunderte sie sich, glaube ich, sehr über mich. Vor allem, als ich mich kurz darauf wortlos und unverrichteter Dinge wieder auf den Heimweg machen wollte.
Abermals ohne einen Pfennig Geld.
Doch meine Tante schritt ein. Sie nahm mich an die Hand und sagte: „Wir gehen jetzt zu meiner Freundin, trinken Tee und essen Kuchen. Du brauchst eine Aufmunterung.“
Tante Hildes Freundin war Bibliothekarin.
Sie wohnte in einem alten romantischen Winzerhaus mit einem Garten in Hanglage. Dort stand eine riesige Linde, um die man eine Bank gebaut hatte. Ihr Mann war Maler und mir gefielen seine Bilder. Ihre Tochter Ingrid war ein bisschen älter als ich, trotzdem verstand ich mich auf Anhieb gut mit ihr.
Vor allem das lichtdurchflutete Eckzimmer mit den großen Fenstern hatte es mir angetan. In unmittelbarer Nähe standen ein Bücherregal und ein Tisch mit Stühlen. Die eigentliche Attraktion in diesem Zimmer aber war ein Spiel, das mir Ingrid zeigte.
Es befand sich in einem kostbaren Holzkasten und war ganz aus Porzellan.
Ähnlich einem Puzzle bestand es aus bemalten Quadraten und Dreiecken, die mit wunderschönen, filigran gearbeiteten Blumenmotiven verziert waren.
Man konnte dieses Puzzle in allen möglichen Formen zusammensetzen, jedes Mal entstand ein neuer wunderschöner Garten. Manche Stücke waren schon etwas abgegriffen, es muss schon sehr alt gewesen sein.
Viele Jahre später erzählte mir Tante Hilde, dass meine Spielkameradin in ein Kloster gegangen sei. Sie habe das Gelübde abgelegt und sei sehr jung gestorben. Auf meinen Wunsch erkundigte sich meine Tante bei Ingrids Mutter, was denn aus dem Porzellanspiel geworden sei, ob sie es vielleicht noch hätten.
Ingrids Mutter war sehr erstaunt über diese Frage und erklärte, dass sie noch nie solch ein Spiel besessen hätten. Ich beschrieb es ihr daraufhin ganz genau. Es war alt, ich vermutete, es stammte mindestens aus dem 18. Jahrhundert, die Glasur war matt, mit kleinen Kratzern versehen und Goldverzierungen, die schon abblätterten.
So vielen Menschen hatte ich schon von diesem wunderbaren Spiel erzählt. Die gesamte Familie wurde befragt und jeder Einzelne beteuerte immer wieder, dass ein solches Spiel niemals im Hause gewesen sei. Ich fragte daraufhin sogar in Meißen nach, da ich mir ziemlich sicher war, dass das Spiel aus Meißner Porzellan gefertigt worden war.
Doch auch dort wusste man nichts von solch einem Spiel.

Gottlinde mit Freundin
Eines Nachts träumte ich von meiner Freundin Ingrid. Zusammen spielten wir mit dem Porzellanspiel, doch sie war kein Kind mehr, sondern bereits eine Nonne. Ich fragte sie, woher sie das Spiel denn hätte und sie erklärte mir, dass sie es in einer anderen Welt gefunden habe und für mich in unsere hineintransformiert hatte.
„Was für ein wundersamer Zauber“, hörte ich mich noch sagen, dann wachte ich auf.
Die Weisheit der Karten
Meine Großeltern mütterlicherseits wohnten in einer alten Landschule in Mautitz, der Großvater war längst pensioniert. Wenn wir sie besuchen wollten, fuhren wir mit dem Schaufelraddampfer ein Stück die Elbe entlang. An Bord gab es immer eine heiße Gemüsebrühe in einem Keramikbecher ohne Henkel. Eigentlich schmeckte die grün-graue Suppe nur salzig, aber ich liebte sie heiß und innig. Waren wir dann endlich an der Anlegestelle angekommen, mussten wir noch sehr weit laufen.
Schon von weitem sah man die Schule. Als Begrüßungskomitee kamen immer ein paar Hühner. Auf dem Hof stand ein riesiger Birnbaum mit einer Schaukel. Die Birnen waren so groß und saftig, dass es einen Platsch-Ton tat, wenn sie herunterfielen und in Stücke zerbarsten. Auch konnte es passieren, dass einem beim Schaukeln eine dieser Birnen auf den Kopf fiel und dann zerplatzte.
Meine Schwester und ich teilten uns ein Schlafzimmer und ein Bett. Dieses war so hoch, dass ich Schwierigkeiten hatte hineinzuklettern. Hatte man das geschafft, versank man in einem Meer aus weichen Federbetten und frisch gestärkter geblümter Bettwäsche.
Im Herbst war der behäbige, große Kleiderschrank ganz von dem süßen Duft der Äpfel und Quitten erfüllt, die dort lagerten. Überall roch es so gut.
Fast immer wurde ein Huhn geschlachtet, und meine Großmutter bereitete davon eine köstliche Suppe, die man dann mit den tiefen Esslöffeln aß, die schon so alt waren, dass sie bereits ganz ausgehöhlt waren. Einer hatte sogar ein Loch in der Mitte, das war mein Lieblingslöffel. Es bereitete mir ein diebisches Vergnügen, damit zu essen, während die Brühe in einem dünnen Strich langsam zurück in den Teller lief.
Jeden Morgen wurden wir von dem krähenden Hahn geweckt. Nach einem Frühstück mit kernigem Brot und dicker Wurst rannte ich in die Laube.

Frühstück mit Hühnern
Sie erinnerte an einen sechseckigen Pavillon, der mit edlem Holz ausgekleidet war. Durch das Innere der Laube zog sich eine Bank. In unmittelbarer Nähe, mittig platziert, befand sich ein riesiger Holztisch. Bei Regenwetter machten wir dort gemeinsam Spiele.
Es war eine heile Welt.
Leider dauerte es nicht lange und das Familienidyll fand ein jähes Ende. Das neue Regime warf meine Großeltern aus ihrer Schule. Nun mussten sie zusammen mit der jüngsten Schwester meiner Mutter in eine Notwohnung ziehen. Die Wohnung war so klein, dass sie sich von all ihren schönen Möbeln trennen mussten.
In der neuen Wohnung funktionierte nicht einmal der Ofen. Für meine Großeltern brach eine Welt zusammen – und für uns Kinder auch.
Meine Mutter deutete derzeit weiterhin Träume und legte Karten. Die Freundin, mit der sie das Traumbüro führte, hatte einen Chemiker geheiratet, der seit Jahren an der Erforschung der Sulfonamide beteiligt war. Das Unternehmen Boehringer interessierte sich sehr für seine Arbeit und wollte ihn in den Westen holen.
Also bat er meine Mutter, ihm die Karten zu legen.
Er war sich sicher, dass sie den perfekten Zeitpunkt seiner Flucht voraussehen konnte. Ob er recht hatte oder nicht, weiß niemand, auf jeden Fall gelang ihm die Flucht und er fiel nicht in die Hände der Volkspolizei.
Angespornt von diesem Erfolgserlebnis entschloss sich seine Frau Leoni, ihm mit ihren zwei Töchtern nachzufolgen. Sie hatte einen Führer gefunden, der sie bis an die Grenze bringen sollte, das letzte Stück des Weges musste sie allerdings alleine mit den Kindern bewältigen.
Meine Mutter schlug folgende List vor:
„Nimm nichts mit außer einem Wäschekorb mit verknitterten Kleidungsstücken und trage den ganz entspannt über die Grenze. So, als wolltest du nur in den Nachbarort gehen. Sei mutig, glaube an ein Gelingen. Du schaffst das, es geht alles gut.“
Leoni beherzigte ihren Rat, nahm ihre Mädels und machte sich auf den Weg. „Johanna hat gesagt, wir schaffen das.“
Immer wieder habe sie diesen Satz wiederholt, erzählte sie mir Jahre danach. Tatsächlich geriet sie sogar in einen Trupp der Volkspolizei. Die blickten allerdings nur gelangweilt auf den Korb Wäsche und ließen sie passieren.
Unendlich erleichtert kam sie im Westen an.
Inzwischen stieg die Zahl der Menschen, die sich bei meiner Mutter Rat und Trost holten.
Es wurden immer mehr.
Eines Tages suchte auch die einstige Tanzstundenpartnerin meines Onkels Gerhard meine Mutter auf. Hildas Vater war Baumeister und ihm gehörten ganze Straßenzüge in den teuren Villenvierteln. Sie war verheiratet, doch ihr Mann war in Gefangenschaft geraten und sie hatte schon lange nichts mehr von ihm gehört.
In Hildas Haus wurde eine russische Offizierin einquartiert. Diese hatte ihr gestanden, dass sie sich nach Westberlin absetzen wolle, und bat sie um Hilfe.
Hilda erzählte das meiner Mutter. Diese legte ihr daraufhin die Karten und warnte sie eindringlich. Sie habe ein ganz schlechtes Gefühl. Die Karten stünden schlecht. Die Russin sei nicht vertrauenswürdig, sie solle die Finger davon lassen und ihr nicht bei ihren Fluchtplänen helfen. Hilda sah das anders. Sie entschloss sich, der Russin dennoch zu helfen, und gab ihr eine Kontaktadresse in Westberlin. Die Offizierin setzte sich nach West-Berlin ab und zeigte Hilda sofort an.
Kurz darauf wurde sie von der Volkspolizei festgenommen und zu sieben Jahren im KZ Buchenwald verurteilt.
Für Hilda, die eine sehr intelligente und mondäne Frau war, ein undenkbarer Schicksalsschlag. Sie überlebte das KZ, aber wurde nie wieder sie selbst.
Ihr Mann wurde wenig später aus der amerikanischen Gefangenschaft entlassen, und tatsächlich hatte er es auch geschafft, seine beiden Töchter aus der DDR in den Westen zu holen.
Viele andere, die ein ähnliches Schicksal teilten, hatten sich scheiden lassen, er nicht. Er wartete auf Hilda, obwohl er sie all die Jahre nicht ein einziges Mal sehen durfte.
Die Flucht
Eines Nachts hatte mein Vater einen seltsamen Traum, aus dem er schweißgebadet aufschreckte. Eine laute Stimme sagte zu ihm:
„Du bist krank. Wenn du hierbleibst, wirst du sterben. Du musst über die Grenze in den Westen gehen.“
Er zweifelte nicht an dem Traum, deshalb ließ ihn die Idee an eine Flucht fortan nicht mehr los.
Er sprach mit seiner Frau Johanna. Sie bestätigte ihn in seinem Vorhaben und zusammen organisierten sie heimlich seine Flucht.
Nachts brachte ihn ein Schleuser bis an die Grenze. Er zeigte ihm den Weg, den er einschlagen musste, um nicht entdeckt zu werden. Auch dieser Fluchtversuch glückte. Johannas Brüder, die schon lange im westlichen Teil Deutschlands lebten, nahmen meinen Vater auf.
Als meine Mutter den Anruf aus dem Westen erhielt, blieb sie ganz ruhig. Sie hatte ja den erfolgreichen Ausgang der Mission bereits in den Karten gesehen.
Ganz anders als in der DDR wurden Lehrer in Westdeutschland dringend gesucht. Mein Vater fand sofort eine Anstellung. Nun war er froh, dass er neben seiner Musikerausbildung auch das Lehramt studiert hatte. Denn als Musiker hatte man es schwer, viele waren arbeitslos.
Dann geschah eines Tages etwas Sonderbares. Mein Onkel und seine Frau standen an ihrem Fenster und erblickten einen Mann mit einer Laterne.
Dieser ging auf meinen Vater zu, blieb neben ihm stehen und begrüßte ihn. Beide schüttelten sich die Hände und umarmten sich. Die Begegnung dauerte nur ein paar Minuten und der alte Mann, in dem mein Onkel sofort seinen eigenen Vater erkannte, verschwand so schnell, wie er gekommen war.
Als die beiden meinen Vater etwas später auf diese Begegnung ansprachen, wusste dieser von nichts. Sie waren sich jedoch sicher, Zeuge eines spirituellen Erlebnisses gewesen zu sein, denn der Vater lebte schon geraume Zeit nicht mehr, hatte sich aber niemals von Johannes, seinem Sohn, verabschieden können.
1950 arbeitete mein Vater wieder als Lehrer. Man hatte ihm eine Stelle in einem kleinen, verwunschenen Heidedorf in der Nähe von Bremen angeboten. Statt Großstadtflair fand man hier reetgedeckte Fachwerkhöfe und uralte Eichen.
Im Osten bereitete uns meine Mutter derweil auf die Flucht vor. Sie hatte überall die Geschichte erzählt, dass mein Vater jetzt Kapellmeister in Stralsund an der norddeutschen Küste in der DDR sei.
Schlau, wie sie war, hatte sie sich bereiterklärt, der Familie einer verstorbenen Nachbarin den Nachlass zu ordnen und ihn ihr zuzuschicken. So fiel es nicht auf, dass sie viele persönliche Dinge einpackte und zu ihrem Bruder Karl nach Hannover sandte. Sie verschickte auch das Radio, obwohl das verboten war. Die Kupferdrähte im Radio waren aus Buntmetall. Das war sehr waghalsig und es stand Zuchthaus darauf, wenn man erwischt wurde. Ganz ehrlich, ich hätte es nicht gewagt, aber meine Mutter war in dieser Beziehung einzigartig.
Sie fühlte sich beschützt, manch einer würde sagen, sie hatte einfach Glück. Doch wie viel Glück kann man haben? Meine Mutter hatte immer Glück, was rein logisch betrachtet auch kaum nachzuvollziehen ist. Ich würde sagen, Gott hielt seine schützende Hand über sie.
Als bereits die halbe Wohnung ausgeräumt war, klingelte an einem Abend die Volkspolizei bei uns.
Meine Mutter behielt die Nerven. Die Polizei hatte nur über jemanden eine Auskunft einholen wollen, aber uns Kindern saß der Schrecken tief in den Gliedern.
Ein paar Tage später drückte sie meiner Schwester und mir eine Tasche in die Hand und wir verließen still das Haus. Wir fuhren nach Dresden zu Tante Bertha.
Am Dresdner Hauptbahnhof angekommenen, übersah meine Mutter auch noch einen Bombentrichter und verdrehte sich den Fuß, sie konnte kaum laufen. Das erste Mal in meinem Leben sah ich Angst in ihren Augen. In dieser Nacht, wie auch in der vorangegangen, hatte sie von Plakaten und Wegweisern in kyrillischer Schrift geträumt.
„Hoffentlich schnappen sie uns nicht“, meinte sie besorgt.
Weiter ging es mit dem Zug nach Ostberlin, wo uns Frau Kurz abholte. Dort gab es noch eine U-Bahn-Verbindung nach Westberlin. Es waren ein oder zwei Stationen. Wir fuhren stillschweigend.
„Macht ja nicht den Mund auf! Seid ganz still!“, hatte man uns eingebläut.
Mit uns im Waggon saßen ein Kontrolleur und die Volkspolizei. Endlich nach einer halben Ewigkeit hielt die U-Bahn. Wir atmeten auf. Wir waren im Westen – und in Sicherheit.
In den ersten Tagen wohnten wir bei Familie Kurz, dort warteten wir darauf, dass mein Vater uns die Flugtickets für die Reise nach Hamburg schickte. Ich war zehn Jahre alt und sah das erste Mal eine Banane. Frau Kurz lief gleich in den Laden und kaufte sie mir.
Mit einem großen Militärflugzeug flogen wir ein paar Tage später von Berlin Tempelhof, das damals noch in amerikanischer Hand war, nach Hamburg. Der amerikanische Kapitän trug eine Bomberjacke. Als er mich sah, blieb er stehen, kniff mich in die Wange und sagte kaugummikauend: „Hi Baby!“
Zwei Worte und meine Liebe zu Amerika und zur Luftfahrt war entbrannt.
Als wir ankamen, stand mein Vater auf dem Rollfeld und strahlte – er freute sich unheimlich, uns alle wiederzusehen. Es war unser ganz persönliches Happy End.
Die Reise ging weiter. Wir fuhren mit dem Zug in den Ort in der Heide.
Die Gutshöfe waren eingerahmt von Mauern, die aus den Steinen alter Hünengräber erbaut worden waren. Als wir aus dem Zug stiegen, entdeckten wir am Bahnhof, der etwas außerhalb des Ortes lag, viele Wegweiser: alle in kyrillischer Schrift.
Meine Mutter staunte und lachte, erkannte sie die Wegeweiser doch aus ihren Träumen wieder, die sie erst jetzt wirklich verstand. Insgeheim hatte sie befürchtet, dass die Wegweiser in ihren Träumen auf ein russisches Straflager hindeuten würden, in das wir deportiert worden wären, wenn sie uns auf unserer Flucht festgenommen hätten.
Doch die Wegweiser waren nur ein Symbol dafür, dass wir sicher an unserem Wunschort ankommen würden. Sie wiesen auf ein ukrainisches Flüchtlingslager hin, das nach dem Krieg für die Menschen erbaut worden war, die aus der Ukraine geflohen waren, um den Kommunisten zu entkommen.
Die Parallele war allzu deutlich.
Heidenau, ein Yogi und ein Poltergeist
Endlich konnten meine Schwester und ich wieder Kinder sein. Wir wohnten jetzt auf einem alten Gutsherrenhof, den wir uns mit mehreren Flüchtlingsfamilien teilten. Meine Mutter hatte die Puppen und unser Lieblingsspielzeug für uns gerettet. Die Kinder der hiesigen Bauern kannten kaum Spielzeug und waren hellauf begeistert. So brutzelten wir draußen unter den mächtigen Eichen auf einem kleinen Puppenherd Pfannkuchen.
Ein paar Kilometer von Heidenau entfernt lag das Dörfchen Dohren. Es grenzte an einen kleinen Wald und war nur über eine schmale Feldstraße erreichbar, die hauptsächlich von den Bauern befahren wurde.
Dieser Weg, der nach Dohren führte, war eines der Lieblingsmotive meiner Schwester Gabriele, die zu dieser Zeit gerade die Kunstakademie in Hamburg besuchte. Sie malte ihn gern und oft. Insbesondere dann, wenn die Heide blühte. In dem unberührten Waldstück wuchsen viele Pilze. An einem sonnigen Spätsommertag nahmen meine Schwester und ich unsere Fahrräder und machten uns auf, um dort Pilze zu sammeln.
Es war sehr still, kein einziger Vogel war zu hören, was uns aber zu dem Zeitpunkt nicht weiter auffiel.
Als wir tiefer in den Wald kamen und so dahinliefen, hörten wir plötzlich Schritte hinter uns. Wir drehten uns erschrocken um und blieben stehen. Im gleichen Moment stoppte das Geräusch.
Nichts rührte sich, alles war still. Wir blickten uns ratlos an.
„Du hast es doch auch gehört?“, sagte ich zu meiner Schwester. „Ja, die Schritte, als ob uns jemand verfolgen würde“, flüsterte sie.
Nach einer Weile liefen wir weiter. Wenige Minuten später wiederholte sich der Vorfall. Nur klang es jetzt so, als ob uns jemand mit schweren Stiefeln folgte. Jetzt war es uns sehr unheimlich zumute. Jedes Mal, wenn wir stehen blieben, passierte das Gleiche. Erst waren da Schritte zu hören und sobald wir uns umdrehten, verstummten die Geräusche.
Inzwischen waren wir an einer kleinen Lichtung angelangt, an der lauter Birkenpilze wuchsen. Wir stellten unsere Körbe ab, um sie zu pflücken.
Doch in dem Moment, als wir uns bückten, geschah etwas ganz und gar Unglaubliches. Quer durch die Lichtung schoss eine ca. 20 cm große Feuerkugel. Sie rollte ungefähr in einem Meter Entfernung an uns vorbei, gefolgt von weißem Rauch.
Entsetzt nahmen wir den Korb und rannten, so schnell wir konnten, davon. Panikartig verließen wir den Wald, schwangen uns auf unsere Fahrräder und rasten nach Hause.
Als wir zur Tür hereinpreschten, begegnete uns der Hausherr. Er war Geologe und auch mein Lehrer. Wir konnten ihm gar nicht schnell genug berichten, was wir gerade erlebt hatten.
Er hörte gelassen zu und erklärte uns dann, dass dieser Wald berüchtigt sei. Viele schauerliche Dinge seien dort passiert, denn während der Zeiten des 30-jährigen Krieges sei er eine Hinrichtungsstätte der Schweden gewesen. Es habe dort sogar einen Blutstein gegeben, der den Hinrichtungen gedient habe. Jeder meide diesen Ort, weil sich dort immer seltsame Dinge ereignen würden. Nun war uns klar, warum keiner die schönen Pilze wollte, die dort in unberührter Natur wuchsen.
Wir schrieben jetzt das Jahr 1952. Meine Eltern waren seit Jahren mit einem Ehepaar befreundet. Beide waren Musiker. Die Frau war sehr attraktiv, mein Vater bildete sie zu dieser Zeit zum Koloratursopran aus. Kurz nachdem die Frau ihr zweites Kind gebar, trennte sich das Paar aus heiterem Himmel. Eines Tages stand die Frau mit beiden Kindern vor unserer Tür. Der Junge war gerade mal eineinhalb Jahre alt.
Die Dame blieb ein paar Stunden und verschwand wieder, doch sie nahm nur eines ihrer Kinder mit. Das andere, der kleine Junge, blieb bei uns. Sie hatte meine Eltern gebeten, sich um ihn zu kümmern, da sie sich als Alleinerziehende mit zwei Kindern überfordert fühlte.
Ich kann mich nicht mehr genau entsinnen, wie sich alles zugetragen hatte, aber es war äußerst merkwürdig, vor allem weil sich das Paar kurz nach diesem Arrangement wiederfand und erneut heiratete. Meine Mutter stand im engen Briefkontakt zu Dagmar, doch auch nachdem ihre Ehe wieder funktionierte, wollte sie den Jungen nicht mehr zu sich nehmen, er sollte bei uns bleiben.
Ich dachte mir damals nicht viel dabei, mir kam das gerade recht. Ich hatte den Kleinen sofort in mein Herz geschlossen – er war vom ersten Moment an mein Bruder. Seine Eltern waren zum Buddhismus konvertiert und hatten ihm den Namen Carl Ananda gegeben. Ein halbes Jahr später war er ein fester Bestandteil unserer Familie, wir hatten ihn adoptiert.
Da ein Freund meines Vaters auch ein Kind adoptiert hatte und sich der junge Mann das Leben nahm, als er erfuhr, dass er nicht das leibliche Kind seiner Eltern war, beging mein Vater einen großen Fehler. Er verbot der gesamten Familie, Ananda von der Adoption zu erzählen.
Erst nachdem Ananda selbst Vater geworden war und seinen eigenen Sohn adoptieren musste, da er nicht verheiratet war, erfuhr er von der Adoption. Mein Bruder verzieh unseren Eltern nie. Bald brach er auch den Kontakt zu mir und der gesamten Familie ab. Ich sollte ihn niemals wiedersehen.
Heute habe ich wieder Kontakt zu seinen Kindern und ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Vater Johannes sein leiblicher Vater war und Dagmar seine Mutter. Ob Johanna das ahnte, ich weiß es nicht.
Ich hatte diese Theorie noch kurz bevor er den Kontakt abbrach mit ihm besprochen, ihn gefragt, ob er einen DNA-Test in Erwägung ziehen würde, aber das wollte er nicht. Ich glaube, er hatte zu viel Angst, dass sich herausstellen könnte, dass er doch nicht Teil unserer Familie war – und ich habe das respektiert. Er war mein Bruder – nichts hätte das geändert.
Die Geschichte sollte sich übrigens wiederholen. Auch Ananda hatte seine Geheimnisse, die er aus Angst, seine Kinder zu verlieren, nicht preisgab.
So ist das mit dem Karma. Löst man es nicht auf – kommt es immer wieder zurück.
Jahre später träumte ich von meinem Bruder. Er war bei Babaji und arbeitete für ihn als Architekt und Baumeister. Er winkte mir zu. Einen Tag später rief uns sein Sohn an und erzählte uns, dass er gestorben ist.

Doch zurück zu meinen Eltern.
Sie hatten sich gerade eingerichtet, als Tante Maria ihnen wieder mal einen Besuch abstattete. Unsere Wohnung war nun nicht mehr mit der alten zu vergleichen. Als Möbel dienten uns Orangenkisten. Unseren alten Tisch und die Stühle hatte meine Mutter in weiser Vorsehung auseinandergebaut und nach Heidenau geschickt. Wir schliefen auf Lazarett-Feldbetten und hatten nur eine Glühbirne als Lampe.
Die Toilette war draußen in einem kleinen Häuschen und das Wasser kam aus dem Brunnen. Trotzdem, obwohl wir kaum etwas besaßen, schickte meine Mutter weiter Lebensmittelpakete zu all den armen Verwandten in die DDR. Ich glaube, dass sie sich allein mit all den Paketen, die sie ihr Leben lang versandte, ihren Weg in den Himmel gepflastert hat.
Tante Maria hatte auch nicht viel, aber sie brachte ein Buch mit, das sich bald als großes Geschenk für meine Familie herausstellen sollte.
Es nannte sich „Autobiographie eines Yogi“, geschrieben von einem Inder namens Paramahansa Yogananda. Meine Eltern hatten sich ja schon immer mit Esoterik befasst, aber das Buch übertraf alles. Sie waren so begeistert, dass sie sofort Mitglieder der Self-Realization Fellowship wurden und damit auch regelmäßig die Lehrbriefe von Yogananda erhielten.
Für uns Kinder bedeutete dies eine Kehrtwende in unserem Leben, da wir ab sofort jeden Tag meditieren mussten. Es wurde eine feste Uhrzeit in den frühen Abendstunden vereinbart, in der wir Yoganandas „Pranayama“-Atemübungen praktizierten.
Ich war zunächst skeptisch und las erst einmal das Buch, doch irgendwie sprach es mich an und ich beschloss, die Übungen, die Körper und Geist harmonisieren sollten, einfach mal auszuprobieren.
Anfänglich saß ich meine Zeit einfach nur ab und konnte dem ganzen Spektakel nicht viel abgewinnen, aber besser als Hausaufgaben machen war es allemal. Dann, nach ein paar Wochen, stellte ich fest, dass ich viel ruhiger und gelassener wurde. Ich begann, das zufriedene Gefühl, dass die Atemübungen in mir auslösten, zu schätzen. Nach einiger Zeit konnte ich mir einen Tag ohne Meditation gar nicht mehr vorstellen. Im Gegenteil, mir war das nicht genug – ich war neugierig, was da noch so alles hinter dieser Lehre steckte. Besonders fasziniert war ich von dem Meister dieses Inders.
In seinem Buch beschreibt Yogananda einen Mahavatar Babaji, der seit Beginn der Welt im Himalaya die Geschicke der Menschen lenkt. Immer wenn irdische Umwälzungen bevorstehen, greifen große Meister in das Schicksal der Menschheit ein, um sie zu warnen, zu schützen und ihnen zu einem höheren Bewusstseinszustand zu verhelfen.
Babaji war ein Mahavatar. Übersetzt bedeutet der Begriff „großer Avatar“. Im Sanskrit symbolisiert er „das Herabsteigen der Gottheit in das Fleisch“, also in einen menschlichen Körper.
Babaji soll ehrwürdige Meister wie Shankara und Kabir in den Yoga eingeweiht haben, seine bedeutendsten Schüler sind Lahiri Mahasaya, Mahendra Baba und viele mehr.
In der Hindu-Kosmologie kommt dem großen Avatar die entscheidende Rolle in dem sogenannten „wiederkehrenden Ende der Welt“, dem ewigen Kreis der Wiedergeburt zu.
Sri Ramakrishna, der große Heilige des 19. Jahrhunderts, vergleicht einen großen Avatar (Mahavatar) mit den Wellen des unendlichen göttlichen Ozeans.
Wie in einem kosmischen Meer lebt die Energie in Geist und Materie. Diese unendliche Energie nimmt während einer bestimmten Zeit eine konkrete Form an, und so erscheint dieses große Wesen als Mensch.
Der Avatar bleibt immer der Gleiche. Er projiziert sich in die See des Lebens, taucht an einer bestimmten Stelle auf und wird Krishna benannt. Er taucht wieder unter und erscheint an einem anderen Platz als Christus. Der Avatar ist eins mit Gott. Er ist weder den kosmischen noch den Gesetzen der Natur unterworfen. Sein Wesen ist transzendent, sein Geist lässt sich nicht erfassen, sein Körper wirft keinen Schatten und er hinterlässt keine Fußspuren im Sand.
Seitdem Babaji Anfang des 19. Jahrhunderts in einer Höhle am Fuße des Himalaya, nahe dem Dorf Haidakhan erschienen ist, wird er als „Baba Haidakhan“ verehrt. Für Yogananda ist Babaji die große göttliche Inkarnation.

Seit Urzeiten ist Babaji als Shiva Avatar in den Himalayas bekannt. Er hat 1008 Namen, er ist der Anfang und das Ende, Licht und Schatten, Wahrheit, Einfachheit und Liebe. Seine Botschaft erreicht diejenigen, die zwischen den Zeilen lesen können:
„Ich bin nur hier, um zu geben, seid ihr bereit zu empfangen?“
Yogananda schreibt in seiner Autobiografie: „Jeder, der den Namen Babaji‘s ehrfürchtig ausspricht, zieht augenblicklich seinen Segen auf sich.“
Diese Worte beeindruckten mich damals schon tief.
Mein Vater hatte Fotos von Babaji und indischen Meistern wie Lahiri Mahasaya, Sri Yukteswar und Paramahansa Yogananda aufgestellt. Es zog mich magisch in den Raum, in dem diese Bilder standen, und ich verbrachte viel Zeit dort, vor allem wenn ich meine Hausaufgaben machte. Dann sprach ich oft mit Babaji. Ich teilte meine Nöte und kleinen Probleme mit ihm und hatte ein inneres Bedürfnis, mehr über ihn zu erfahren. Ich schaute lange in seine Augen, bis sich diese auf einmal bewegten, was mich wiederum erschreckte. Ich spielte mit dem Gedanken, vielleicht später, wenn ich größer wäre, in Yoganandas Ashram zu leben.
Auf der Titelseite des „Life“-Magazins hatte ich fast nackte, mit Asche bedeckte Sadhus gesehen. Die Bilder waren eindrucksvoll, ich wollte einfach alles über diese exotische Religion erfahren.
In dem Heft entdeckte ich auch ein Bild von einem wunderschönen Shiva, dem höchsten Gott der Hindus. Ich organisierte mir einen übergroßen Bogen Papier und malte ihn. Das Bild platzierte ich dann hinter all den Fotos der Meister.
Ich war so besessen von der Idee, in den Ashram nach Glendale, Los Angeles zu gehen, dass mein Vater jedes Jahr in ein Reisebüro mit mir fahren musste, damit wir uns nach den aktuellen Flugpreisen erkundigen konnten. Der Dollar war damals sehr hoch, die Preise für ein Ticket entsprechend teuer.
Mit 14 Jahren erkrankte ich an Hepatitis und hatte sehr hohes Fieber. Antibiotika gab es noch nicht, aber die Krankheit veränderte mein Leben.
Als ich krank in meinem Bett lag, erlebte ich etwas, an das ich mich auch aus frühen Kindertagen erinnern konnte. Ich stand plötzlich vor einer Höhle und ging in sie hinein. Irgendwo am Ende konnte ich ein schwaches Licht erkennen. Ein wohliges Gefühl überkam mich. Ich fühlte mich geborgen.
Doch im Gegensatz zu meinen Visionen in der Kindheit sah ich dieses Mal noch etwas anderes. Da waren unendlich viele Gesichter und ich erblickte meinen Körper unter mir – freischwebend im Raum.
Engelhafte Geschöpfe fassten nach meinen Händen und zogen mich hinauf in blaue Höhen, die lichtdurchstrahlt waren. Ich sah Christus, der mir zunickte, und Yogananda, der mich anlächelte. Wesen mit langen Gewändern flüsterten mir zu: „Wie schön, dass du jetzt kommst.“
Als ich meinem Vater davon erzählte, war er beeindruckt. Schon immer wollte er so etwas erleben. Auch nach dem Fieber, als ich wieder ganz gesund war, hielten die seltsamen Visionen an. Es war, als ob ich mich auf Knopfdruck von meinem Körper lösen und in eine andere Welt gehen konnte. Einer der Räume, die ich oft betrat, glich einem riesigen Opernsaal. In der Mitte war er ganz blau. Man konnte senkrecht in diverse „Ränge“ aufsteigen, in andere schwebte man einfach hinein.
Die Decke des Raumes war nicht fest, sie war eher wie eine wolkige Schicht. Diese konnte man durchstoßen und man befand sich in einem neuen, noch höheren Raum. So setzte sich das immer weiter fort, bis man sich ganz weit oben nur noch in strahlendem Licht befand.
Das Licht führte wiederum in eine neue Welt. Dort ertönte wunderbare Musik. Ich lief auf sanften grünen Wiesen. Bäche aus Licht flossen an mir vorbei. Die Welt blieb nie gleich, jedes Mal offenbarte sich mir eine neue.
Fasziniert von diesen innerlichen Erlebnissen bemühte ich mich, immer mehr in diese fantastischen Welten einzutauchen. Ich musste mich nur setzen, mich auf mein geistiges Auge konzentrieren und schon zog es mich durch meine Wirbelsäule spiralförmig hinauf. In meinem Hinterkopf angekommen, stieg ich ein paar Stufen auf einer Wendeltreppe aus weißen Knochen hinauf bis unter die Schädeldecke, schon war ich in einer anderen Dimension.
Ich hatte dort Freunde. Ich konnte mit Tieren reden oder mich auf ihnen fortbewegen. Manchmal stieg ich durch einen alten hohlen Baum abwärts, dann fand ich mich bei Gnomen und sonderbaren Tierwesen wieder.
Wie ein Fisch konnte ich unter Wasser schwimmen, ganz ohne zu atmen. Schwebte ich hinauf in die lichten Welten, dann war ich ein Ritter in schimmernder Rüstung, der mit anderen gegen das Böse kämpfte. Mal waren es Schlangen, ein anderes Mal unheimliche Missgeburten. Ich nahm diese Kämpfe keineswegs leicht, waren sie doch zu real. Ich wusste, dass ich alles geben und gewinnen musste. Oft waren es Erlebnisse, in denen ich zerstückelt wurde, bis nichts mehr von mir übrig blieb.
Irgendwie war ich dann aber doch noch da. Nur als körperloses Wesen. Ich war dann reines Bewusstsein. Ich lernte Wesen aller Art kennen, die mir Kräuter zeigten und Weisheiten verrieten. Wenn ich wieder in meinen normalen Bewusstseinszustand kam, schien mir die eigentliche Welt im Vergleich dazu oft dumpf und schwer.
Oft begegnete mir Yogananda auf einer Wiese voller sprechender, im Wind wehender Blumen, die dann in einem Singsang riefen: „Jetzt kommt sie!“
Er nickte dann nur und segnete mich.
Da war mir klar, wenn ich mehr über diese fremden Welten wissen wollte, dann gab es nur einen Weg für mich: Ich musste in Yoganandas Ashram.
Mein Vater hatte all meine Erlebnisse akribisch aufgezeichnet und diese an Frau Dr. Erba-Tissot geschickt, die damals von Yogananda beauftragt worden war, seine Botschaft in Europa zu verbreiten. Sie reiste durch die Welt und hielt Lichtbildervorträge. Den Brief meines Vaters beantwortete sie mit folgenden Worten: „Oh Gott, das Kind muss seine Jugend genießen, Kreuzworträtsel lösen und Freunde haben.“
Sie konnte sich keineswegs erklären, was ich da so sah und erlebte. Sie sei mit dem Bericht, den mein Vater ihr geschickt hatte, total überfordert gewesen, gestand sie mir, als ich sie viele Jahre später einmal in Rom besuchte. Auch sei es ihr nie möglich gewesen, wirklich an die Existenz Babajis zu glauben.
Nachdem ich so einen starken innerlichen Kontakt zu Yogananda verspürte, war mein Entschluss, in den Ashram nach Mount Washington zu gehen, in Stein gemeißelt.
Ich hatte ganz klare Vorstellungen von meinem Leben, wollte etwas Sinnvolles machen, und hatte keine Lust auf so ein normales Durchschnittsleben, wie meine Mitschülerinnen es führten. Heiraten, Kinder kriegen, das sollte alles gewesen sein?
Die Hälfte meiner Klassenkameradinnen war mit 17 schon schwanger. Die Pille gab es damals noch nicht. Ich wollte etwas anderes. Ich spürte den inneren Ruf, Yoganandas Lehre weiter in die Welt hinauszutragen, und wollte etwas zum Wohle der Menschheit beitragen.
Meine Eltern waren in der Zwischenzeit wieder umgezogen. Diesmal in die Nähe von Frankfurt am Main. Das Taunusklima bekam meiner Mutter besser. Mein Vater war in diesem kleinen Ort unter anderem auch Lehrer für die evangelische Minderheit.
Seltsamerweise wohnten wir im alten katholischen Pfarrhaus, aus dem der Pfarrer ausgezogen war. Nachdem wir die erste Nacht in diesem Haus verbracht hatten und mein Vater morgens mit dem katholischen Pfarrer auf dem Schulhof zusammengetroffen war, fragte dieser sofort: „Na, wie war denn Ihre erste Nacht im Haus?“
Mein Vater sah ihn erstaunt an und erwiderte: „Ziemlich bewegt, wenn ich das so formulieren darf.“
Mitten in der Nacht wurden wir nämlich von einem wahnsinnigen Gepolter geweckt. Das Geräusch kam von der Holztreppe, die vom ersten Stock hinunter zum Erdgeschoss führte.
Der Spuk passierte zwei Mal in dieser, unserer ersten Nacht. Meine Eltern sahen sich nur an und tuschelten. Von da an hörten wir das Getöse jede dritte Nacht. Meine Mutter war inzwischen routiniert mit dem Austreiben sämtlicher Geister. Sie räucherte, sprach Gebete, streute Salz. Jede Nacht, eine ganze Woche lang. Dann war Ruhe.
An einem Abend, einige Tage später, blieb ich allein zu Hause, weil ich für die Schule lernen musste. Meine Eltern waren ins Theater gegangen. Als ich so am Schreibtisch meines Vaters saß, verspürte ich plötzlich einen kalten Luftzug hinter mir, gleich einem Wirbel aus Energie. Ich drehte mich erschrocken um und schaute in eine dunkelgraue Masse, die hinter mir stand.
Ich kann nicht genau beschreiben, was ich da sah, aber es sorgte dafür, dass mir förmlich das Blut in den Adern gefror. Ich war wie erstarrt, traute mich nicht, mich zu bewegen oder umzudrehen. Die Masse fegte durch die Tür ins angrenzende Zimmer, kam wieder zurück mit eisiger Luft und tobte durch den Raum.
In meiner Verzweiflung fiel mir auf einmal ein, dass ich in einem spirituellen Buch gelesen hatte, dass die drei Worte „OM TAT SAT“ alle Geister vertreiben sollten. Wenn man zum Beispiel in alle vier Ecken des Bettes „OM TAT SAT“ mit dem Finger schreiben würde, dann könne sich kein Geist nähern.
Das Mantra würde einen schützenden Bann um einen legen. Also schrie ich in meiner Angst laut immer wieder „OM TAT SAT“.
Ich weiß nicht mehr wie viele Male. Ich traute mich weder aufzustehen noch zu fliehen. Da sah ich aus den Augenwinkeln, wie die graue Masse durch die Wand verschwand.
In meiner Panik muss ich so laut geschrien haben, dass ich nicht bemerkte, dass meine Familie zurückgekehrt war. Alle sahen mich entsetzt an und fragten, was denn los sei. Nachdem ich ihnen vollkommen aufgelöst erzählt hatte, was passiert war, meinten meine Eltern, dass es besser wäre, wenn keiner mehr allein im Hause bliebe.
Doch mit der Zeit stellten wir fest, dass das Wesen tatsächlich verschwunden war, keiner sah es jemals wieder.
Der Pfarrer hatte sich zwischenzeitlich mit meinen Eltern angefreundet. Obwohl er Katholik war, interessierte er sich sehr für Yoga und Reinkarnation. Er erzählte uns daraufhin, dass dieser Geist seit Jahren alle Pfarrer, die dort tätig waren, belästigt hatte. Der Bischof habe mehrere Male versucht, ihn mit Weihrauch und Gebeten zu vertreiben. Das war aber nicht gelungen. Aus diesem Grund habe man das neue Pfarrhaus gebaut.
Man belustige sich jetzt im Stillen, erzählte uns der Pfarrer, dass es gerade einem „evangelischen“ Lehrer gelungen sei, diesen Polterer zu vertreiben.
Meine Eltern waren davon überzeugt, dass sich manche Geister besonders wohlfühlten, wenn einem Haus eine gute Schwingung anhaftet, und es dann besonders schwer ist, sie wieder von dort zu vertreiben. Aber wie man sieht, darf man die Hoffnung nie aufgeben.
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