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Der Beethoven Bumerang
Mordende Dirigentinnen, durchgeknallte Museumsdirektoren, selbstvergessene Aktivisten – in Alessandra Cominis Krimis lässt sich so manche Parallele zur heutigen Kunst- und Kulturszene erahnen. Hier fällt ein Schuss, dort werden unliebsame Zeitgenossen im Rhein versenkt. Die Schauplätze und Tatorte sind weltweit verstreut: etwa wenn am Bonner Münsterplatz direkt beim Beethoven-Denkmal eine brisante Demo stattfindet, oder wenn die Orion, ein Kreuzfahrtschiff der Luxusklasse, am Hafen der chinesischen Metropole Tsingtao anlegt. Und die Morde gehen weiter – aber warum? Dabei fängt alles so harmlos an: Das quicklebendige Alter Ego der Autorin, die amerikanische Kunstgeschichteprofessorin Megan Crespi aus Dallas, Texas, ist wieder einmal zu einem Symposium in Deutschland eingeladen.
Alessandra Comini
DER BEETHOVEN BUMERANG
Ein Megan Crespi-Krimi
Aus dem amerikanischen Englisch von
Pia Viktoria Pausch
Alessandra Comini: Der Beethoven Bumerang
Ein Megan Crespi-Krimi
Aus dem amerikanischen Englisch von Pia Viktoria Pausch
Hollitzer Verlag, Wien 2021
Originalausgabe: Sunstone Press, Santa Fe, New Mexico 2020
Coverabbildung: „Beethoven“ © Kevin Gordon
Abbildung*: © A. Comini, 2018
Lektorat: Paula Tiedge
Umschlaggestaltung: Nikola Stevanović
Satz: Nikola Stevanović
Hergestellt in der EU
Alle Rechte vorbehalten
© Hollitzer Verlag, Wien 2021
www.hollitzer.at
ISBN Druckausgabe 978-3-99012-875-6
ISBN epub: 978-3-99012-876-3
Dieses Buch ist ein fiktionales Werk. Namen, Orte, Personen und Handlungen sind entweder frei erfunden oder werden fiktiv verwendet. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Ereignissen oder Schauplätzen sind rein zufällig.
Gewidmet meinem bewährten Beethovenfreund, Dr. William Meredith, emeritierter Direktor des Ira F. Brilliant Center for Beethoven Studies in San José, Kalifornien, USA
und
zum Gedenken an den überragenden Beethoven-Interpreten
Maestro Kurt Masur (1927-2015),
mein geschätzter Begleiter an vielen gemeinsamen Tagen bei den Leipziger Gewandhaus-Symposien.
Liste der Figuren
Prof. Dr. Megan Crespi: amerikanische Universitätsprofessorin für Kunstgeschichte im Ruhestand; begeisterte Musikhistorikerin; Expertin für europäische Kunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts; gefragte Beraterin bei der Aufklärung von Verbrechen in der internationalen Kunst- und Klassikszene
Dr. William Meridian: emeritierter Gründungsdirektor des American Beethoven Center in Berkeley Heights, New Jersey, USA
Dr. Heike Musenberg: überfürsorgliche Direktorin des Beethoven-Hauses Bonn
Clemens Karl von Masuren: der beliebte Chefdirigent des Beethoven Orchesters Bonn
Bettina Brentano: ehrgeizige Chefdirigentin der Klassischen Philharmonie Bonn und Klaviervirtuosin
Nikolaus Schlau: Ehemann von Bettina Brentano, vielseitig handwerklich begabt; Klavierstimmer der Klassischen Philharmonie Bonn
Dr. Oskar Schnösel: umstrittener Musikwissenschaftler und Gründer des Wiener Beethoven und Du Museums
Miro Hernandez: zwielichtiger Agent, international tätiger Spezialist für heikle Fälle
Ernst Zimmermann: Erster Bratschist der Klassischen Philharmonie Bonn und Neffe von Theodor Zimmermann
Theodor Zimmermann: Bauingenieur in Leipzig und Onkel von Ernst Zimmermann
Reverend Balthasar Bridgetower: Engländer, vormals anglikanischer Priester im Bistum London, jetzt Aktivist; direkter Nachfahre von Beethovens schwarzem Freund, dem Geigenvirtuosen George Bridgetower (1778 – 1860)
Dr. Li Shutong: Beethoven-Verehrer aus Qingdao, China, angesehener Otologe und verschwiegener Milliardär
Takuto Nisemono: Dirigent und Komponist aus Tokio, einst der „Beethoven Japans“, dann in Ungnade gefallen, nun auf dem Weg zu seinem Comeback
Samuel Dunkel: Nachfahre eines amerikanischen GI, Musikstudent, Aktivist für die Anerkennung schwarzer Komponisten in der klassischen Musik
Leo Weissknab: Wiener Student der Musikwissenschaft an der Universität Bonn; überzeugter Anhänger der Rassentheorie; halbherziger Neonazi
Hannah Hahn: Ehefrau von Andrej Hahn und langjährige unentbehrliche Haushälterin des Dirigenten Clemens Karl von Masuren
Andrej Hahn: Ehemann von Hannah Hahn und Aufseher am Auktionshaus Von Zwengen in Bonn
Tobias Neidisch: aufdringlicher Nachtwächter der kürzlich eröffneten neuen Bonner Beethovenhalle
Louis van Hoven: selbst ernannter direkter Nachfahre von Ludwig van Beethoven; aus New Haven, Connecticut, USA
Hans Jäger: engagierter Kriminalbeamter, Bonner Hauptkommissar mit angenehmen Umgangsformen
Elise Ansel: erste Bratschistin, Pultnachbarin von Ernst Zimmermann bei der Klassischen Philharmonie Bonn
Dr. Annemarie Weil-Carr: Musikhistorikerin an der Universität Leipzig, bekannt für ihre Publikationen zu Beethovens Skizzenbüchern
Dr. Michael Sims: Musikhistoriker aus England, Experte für Beethovens 139 überlieferte Konversationshefte
Dr. Otto Hartnacken: Hamburger Kardiologe, überzeugt, dass Beethoven an einer bislang nicht diagnostizierten Krankheit starb

Das Beethoven-Monument vor der Skyline der chinesischen Hafenmetropole Qingdao ist das eigentliche Reiseziel unserer texanischen Kunstdetektivin Megan Crespi. Doch auf dem Weg dorthin geschehen ein paar Morde … in Bonn.*
1
„Na sowas! Eine Postsendung, die niemals den Adressaten erreicht hat. Dabei ist dieser Komponist schon seit fast zwei Jahrhunderten tot!“
Es war ein warmer Apriltag mitten in der geschäftigen Leipziger Innenstadt und Bauingenieur Theodor Zimmermann betrachtete das Paket, das ihm sein Mitarbeiter Horst gebracht hatte. Die zwei Männer standen in der Schillerstraße am Rand des Abrissgeländes eines baufälligen Hauses aus dem achtzehnten Jahrhundert. Die Absenderadresse lautete:
Breitkopf & Härtel
Schillerstraße 121, Leipzig
Königreich Sachsen
und adressiert war das Paket an:
Ludwig van Beethoven,
Schwarzspanierhaus, Wien
Kaiserthum Österreich
Diagonal darüber waren einige Worte in Großbuchstaben zu lesen, die aussahen, als seien sie mit einem antiquierten Handstempel gedruckt worden:
UNZUSTELLBAR: ZURÜCK AN DEN ABSENDER
„Das liegt wohl da unten in diesem Keller, seit es per Post von Wien nach Leipzig zurück ging“, sagte Horst, „Wie ein Bumerang.“
„Ja, wie ein Bumerang für Beethoven“, Zimmermann lächelte amüsiert über seine Alliteration. „Ein Beethoven-Bumerang.“
„Chef, wollen Sie das Paket jetzt gleich öffnen?“
„Tja also … nein. Ich denke nicht. Jedenfalls nicht hier im Freien, bei dem Wind.“
„Dann mach’ ich mich mal wieder an die Arbeit.“ Horst drehte sich um und ging wieder zu seiner Aushubstelle zurück. Dieser Abbruchauftrag war dringend und seine Arbeitswoche hatte sich schon jetzt viel zu weit ins Wochenende gezogen.
Zimmermann starrte weiter auf das Paket und wunderte sich immer mehr. Breitkopf & Härtel, das war doch eine legendäre Leipziger Firma. Sogar ihm war der Name ein Begriff. Vielleicht sollte er die einfach kontaktieren? Gab es den traditionsreichen Musikverlag aus dem achtzehnten Jahrhundert überhaupt noch? Oder wäre es klüger, das Paket gemeinsam mit seinem Neffen Ernst zu öffnen, der war immerhin Musiker, Bratschist bei der Klassischen Philharmonie Bonn. Vielleicht, je nach Inhalt, sollte man sogar das Bonner Beethoven-Haus kontaktieren? Oder ein Auktionshaus? Der Inhalt des Pakets könnte ein Vermögen wert sein!
Ja, Theodor würde das Richtige tun und sich an Ernst wenden. Er wusste, dass sein musikbegabter Neffe am kommenden Abend ein wichtiges Konzert zu spielen hatte. Vielleicht sollte er ihn heute nach der Arbeit anrufen und ihm das Paket gleich morgen, am Sonntag, höchstpersönlich zur Begutachtung überbringen.
2
Bettina Brentano war eine Frau mit Ambitionen. Sie war groß, muskulös, hatte eiskalte blaue Augen und dichtes, rabenschwarzes Haar, das sie meist kunstvoll hochgesteckt in einem auffällig großen Knoten trug. Für ihre siebenundvierzig Jahre sah sie gut aus. Ihre neue, mühelos erlangte Position als Dirigentin der Klassischen Philharmonie Bonn mit rund sechzig Instrumentalisten unter sich und einem Repertoire quer durch die Wiener Klassik – Haydn, Mozart, Beethoven – war für sie noch keineswegs der letzte Schritt auf ihrer Karriereleiter. Bald würde sie ihr jahrelang verfolgtes höchstes Ziel erreichen: Sie wollte die Leitung des viel größeren und berühmteren Bonner Beethoven Orchesters übernehmen, mit seinen hundertsechs Instrumentalisten und weltweit gefeierten Konzertaufnahmen.
Bettina hatte trotz ihrer frühen Heirat ihren Mädchennamen Brentano behalten, doch nie hatte sie diesen schillernden Familiennamen zum Anlass genommen, um sich wichtig zu machen. Aber geleugnet hatte sie ihre prominente Herkunft auch nicht. Und irgendwie schien jedem, der sie traf, mit ihr arbeitete oder auch nur mit ihr korrespondierte, ohnehin klar zu sein, dass ihre vielgerühmte Vorfahrin mütterlicherseits Bettina Brentano von Arnim war, die Freundin der großen Helden der deutschen Kultur, Goethe und Beethoven. Natürlich tat es ihrer Bekanntheit keinen Abbruch, dass das Porträt ihrer Ahnin bis zur Einführung des Euro auf jedem Fünfmarkschein abgedruckt gewesen war.
Eine ganze Reihe von Beethoven-Experten hielt die Bettina des 19. Jahrhunderts sogar für die „unsterbliche Geliebte“ Beethovens, jene nie eindeutig identifizierte Frau, die der Komponist in einem posthum berühmt gewordenen Brief mit dem zärtlichen „Du“ bedacht hatte, doch ohne ihren Namen zu nennen. All das hatte der jetzigen Bettina Vorschusslorbeeren eingebracht, ihre Ernennung zur Chefdirigentin von Bonns zweitgrößtem Orchester war damit vorgezeichnet gewesen.
Gewiss war die Bettina von heute mit vielen Talenten gesegnet. Als Wunderkind am Klavier hatte sie schon früh Beethovens viertes Klavierkonzert mit großem Orchester gespielt und später vom Flügel aus dirigiert. Sie fügte dabei Clara Schumanns Kadenz ein und brachte das Publikum zum Jubeln, vor allem das klassische Stammpublikum aus der Region Köln-Bonn, schließlich waren beide, Robert und Clara Schumann, am Bonner Friedhof begraben. Von ihrem Erfolg als Virtuosin ermutigt, brillierte die junge Brentano bei ihrer nächsten Konzertreihe an zwei aufeinanderfolgenden Abenden mit den Kadenzen, von Johannes Brahms und Camille Saint-Saëns. Dann entwickelte sie ein Programm für fünf Abende, bei dem sie das vierte Klavierkonzert jeweils mit einer anderen Kadenz präsentierte: zwei hatte Beethoven selbst in Noten gesetzt, dazu kamen die von Clara Schumann, Johannes Brahms, und Camille Saint-Saëns. Das Resultat waren bis zum letzten Platz gefüllte Konzertsäle, wo immer sie dieses Konzertprogramm aufführte, im Publikum viele Enthusiasten, die an jedem der fünf Abende wieder kamen. Der Zenit war erreicht, als Bettina auch die von ihr selbst komponierte, sehr modern klingende Brentano-Kadenz zur Aufführung brachte.
Bis zu diesem Geniestreich der dirigierenden Virtuosin hatte es nichts Vergleichbares gegeben und das Publikum war begeistert. Als dann der vormalige Dirigent der Klassischen Philharmonie Bonn wegen eines nie geklärten Unfalls mit Fahrerflucht arbeitsunfähig zurückblieb, und die Bonner Stadtväter dringend eine Nachfolge für ihn suchten, entschieden sie sich für frisches Blut: Bettina Brentanos hoher Bekanntheitsgrad sollte den sinkenden Publikumszahlen zu neuen Höhen verhelfen.
Damit hatte Bonn zwei renommierte Chefdirigenten: Bettina Brentano für die Klassische Philharmonie Bonn und Clemens Karl von Masuren, den regierenden, ja, angebeteten Leiter des Beethoven Orchesters Bonn.
Beide dirigierten ihre Bonner Aufführungen jeweils in der neuen Beethovenhalle, einer erst kürzlich fertiggestellten, großzügig dimensionierten Konzerthalle am Rhein, deren mächtiger, abgeflachter Kuppelbau über einen majestätischen Konzertsaal mit einer brillanten Akustik verfügte. Fast zwei Jahrzehnte lang hatte es so ausgesehen, als würde das ambitionierte Bauprojekt nie vollendet werden. Mehrmals wurde die Fertigstellung wegen fehlender Mittel unterbrochen, schließlich musste der zögerliche Baubetrieb sogar ganz eingestellt werden. Aber dann war völlig unerwartet ein geheimnisvoller Geldgeber aus China eingesprungen, ein Milliardär, der anonym bleiben wollte, und die neue Beethovenhalle konnte gerade noch rechtzeitig zum Beethoven-Jubiläumsjahr anlässlich seines 250-jährigen Geburtstages in aller Pracht eröffnet werden.
Wenn sie ihre Karten richtig ausspielte, würde Bettina Brentano bald die Musikdirektorin über beide Orchester sein und die Stadt Bonn, Beethovens Geburtsstadt, wäre ihr auf ewig dankbar.
3
Kein Mensch hätte geglaubt, dass die Amerikanerin, die ihrem Begleiter so flott über den Bonner Münsterplatz voraus sprang, schon Mitte Achtzig war. Seit ihrer Pensionierung war die emeritierte Universitätsprofessorin Megan Crespi mit neuen Herausforderungen beschäftigt. Als Kunsthistorikerin mit vielfältiger Expertise unterstützte sie die Polizei immer wieder bei der Aufklärung kniffliger Verbrechen in der internationalen Kunst- und Musikszene. Meistens führte sie diese Aufgabe weit weg von ihrer Heimatstadt Dallas und ihrem geliebten Malteserhündchen Button – Knöpfchen – und fast immer landete sie dann in Europa. Die ewige Brünette mit ihren funkelnden, kastanienbraunen Augen hielt sich mit einer strikten täglichen Gymnastikroutine fit und schlank, wenn auch nicht so schlank, wie sie es gerne hätte.
Ihr Reisebegleiter war diesmal ein hochgeschätzter Freund und Kollege aus gelehrten Kreisen, der um zwanzig Jahre jüngere und seit kurzem pensionierte Will Meridian, seines Zeichens Mitgründer und langjähriger Direktor des American Beethoven Center in Berkeley Heights, New Jersey. Er hatte eine umgängliche Persönlichkeit, freundliche blaue Augen und weißes Haar. Aufgrund seines sympathischen, doch stets Respekt gebietenden Auftretens, seines enormen Fachwissens und bester Kontakte war es ihm im Lauf der Jahre gelungen, eine Vielzahl von Sponsoren und Experten für das führende amerikanische Beethoven Center zu gewinnen. Nun war er mit Megan nach Bonn gereist, um mit fünf weiteren Beethoven-Forschern unterschiedlicher Expertisen an einem Symposium teilzunehmen.
Megan würde bei der geplanten Podiumsdiskussion über den Mythos Beethoven referieren, darüber, wie es zu dem sich stets wandelnden Bild Beethovens im Lauf der vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten gekommen war. Als Autorin eines reich bebilderten kunstgeschichtlichen Standardwerkes zur Geburt, wie sie es nannte, des Beethoven-Mythos, zählte sie zu den international nachgefragten Experten auf diesem Gebiet. In dem wissenschaftlichen Prachtband war sie dem Prozess der Mythenbildung rund um den Komponisten auf den Grund gegangen, hatte Beethoven-Porträts, Gemälde, Büsten und Denkmäler analysiert und so anhand der Ikonografie, aber auch anhand der musikalischen Beethoven-Rezeption neue Perspektiven eröffnet. Die Verknüpfung von Bild und Klang, von Gemäldekunst und musikalischem Werk war ihr immer ein Anliegen gewesen.
Die Diskussion versprach, lebhaft zu werden, denn Megan würde auch die neuesten Kunstwerke von bildenden Künstlern der Gegenwart einbeziehen, doch bekanntermaßen stellte sich eine Mehrheit der Teilnehmer entsetzt gegen alle neuartigen gemalten, gegossenen oder gemeißelten Darstellungen Beethovens, wie sie sich bisher im 21. Jahrhundert präsentierten. Im Großen und Ganzen war Megan selbst auch wenig begeistert davon, doch sie fand, dass es doch einige wenige künstlerisch gelungene oder zumindest clever gestaltete Ausnahmen gab. Wenig begeistert hatte sie zur Kenntnis genommen, dass die heutigen Künstler sich kaum darum scherten, ob ihr Werk noch irgendeine historische Ähnlichkeit mit Beethoven aufwies. Aber sie hatte vor, in ihrem Vortrag ein paar unschlagbare Argumente vorzubringen.
Wills Vortrag würde sich auf zwei ganz andere Themen konzentrieren, von denen eines bereits angekündigt, das andere hingegen ein sorgsam gehütetes Geheimnis war. Sein offizielles Thema war die neueste Untersuchung einer angeblich von Beethoven stammenden Haarlocke, die vor nicht allzu langer Zeit in den vorübergehenden Besitz des American Beethoven Center gelangt war. Seit er vor vielen, vielen Jahren die Leitung der renommierten Institution übernommen hatte, waren immer wieder angebliche Haarlocken Beethovens zur Analyse eingelangt, doch die neueste, wenn auch nur leihweise zur Verfügung gestellte Haarlocke, hatte eine Besonderheit: Die Haarwurzeln waren noch intakt. Genau das könnte den entscheidenden Unterschied ausmachen. Der mysteriöse Leihgeber, ein gewisser „Louis van Hoven“ aus New Haven, Connecticut, behauptete – wie so viele vor ihm –, er sei ein direkter Nachkomme des Junggesellen Beethoven. Würden die noch ausstehenden DNA-Ergebnisse ihm zum erhofften Nachweis seiner Abstammung verhelfen?
Bestimmt hatte er die Haarlocke mitsamt Wurzeln bereits in Wien oder anderswo in Europa testen lassen, vermutete Will. Womöglich war er mit den Ergebnissen nicht glücklich. Und so hatte er dem American Beethoven Center nicht nur leihweise die Haarlocke zur Überprüfung überlassen, sondern seine eigene Familiengeschichte und die Namen einiger der bekanntesten Wiener Prostituierten aus der Zeit des Komponisten gleich mitgesandt. Diese letzteren offenbar unentgeltlichen Auskünfte bekräftigte er mit einem Hinweis auf Beethovens langjährigen Freund Nikolaus Zmeskall und die überlieferte Korrespondenz der beiden Musiker. Alles deutete darauf hin, dass nicht nur der Freund, sondern auch der liebestolle Komponist selbst gelegentlich das eine oder andere Wiener Freudenmädchen aufgesucht hatte.
„All diese Behauptungen sind natürlich haarsträubend absurd, ein irrwitziges Narrativ, vor allem, was die Abstammung von Beethoven betrifft. Aber wir führen die DNA-Analyse trotzdem durch“, sagte Will über den Leihgeber der Haarlocke, als er Megan etwas außer Atem einholte. Ihr Sprint über den Bonner Münsterplatz hin zur Außenterrasse des gut besuchten Café Midi hatte ihnen einen exklusiven Ecktisch unter einem blauen Sonnenschirm beschert, quasi „erste Reihe fußfrei“ mit freiem Blick auf das imposante Denkmal mitten auf dem Münsterplatz und die ihn unaufhörlich umkreisenden Touristen und Bewunderer. Da stand er, der voranschreitende Beethoven mit einem Stift in der Hand, einstmals errichtet von Ernst Julius Hähnel, einem jungen Bildhauer des neunzehnten Jahrhunderts, seither die Attraktion Nummer Eins in der Bonner City.
Nur dank der finanziellen Großzügigkeit des Komponisten und Beethoven-Verehrers Franz Liszt war es damals gelungen, die lebensgroße Bronzestatue auf ihren reliefgeschmückten Bronzesockel zu stellen und dazu noch die allererste Bonner Beethovenhalle zu erbauen und rechtzeitig zu den dreitägigen Festlichkeiten zur Enthüllung des Monuments zu eröffnen. Es war das erste öffentliche Denkmal zu Ehren Beethovens in seiner Geburtsstadt Bonn und wurde an einem Dienstag im August des Jahres 1845 feierlich eingeweiht.
Die Stadt Wien hingegen, wo Beethoven den größten Teil seines Lebens verbracht hatte, hinkte zögerlich hinterher und schaffte es erst 1880 ihren weltberühmten Ehrenbürger mit einem entsprechenden Denkmal zu würdigen, obwohl doch Beethoven so viele Lebensjahre in der österreichischen Hauptstadt verbrachte und dort 1827 im Alter von sechsundfünfzig Jahren zu Grabe getragen werden musste.
„Und rate mal, was die größte Überraschung bei der Enthüllungszeremonie des Bonner Beethoven-Denkmals war“, wandte sich Megan mit einem herausfordernden Blick an Will, während beide an ihren Cappuccinos nippten und die Touristen bei ihrem beständigen Kommen und Gehen rund um die Statue beobachteten.
Er warf ihr einen argwöhnischen Blick zu, denn ihr Hang zu den kleinsten, oft von allen anderen übersehenen, doch stets auch sehr witzigen und interessanten historischen Details war ihm bestens bekannt.
„Hm. Ich will jetzt nicht herumrätseln. Sag’s mir einfach.“
„Na schön. Du weißt ja, dass die junge Queen Victoria mit ihrem geliebten Gemahl Prinz Albert eigens aus London nach Deutschland angereist kam, um an der Zeremonie teilzunehmen, nicht wahr?“
„Wenn du das sagst. Warte mal, ja. Jetzt fällt es mir wieder ein. Sie traf hier in Bonn ihren Cousin Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und Erzherzog Friedrich von Österreich, stimmt’s?“
„Stimmt. Und jetzt schau ein kleines Stück weiter nach rechts. Was siehst du dort, hinter der Statue?“
„Hinter der Statue? Nun, ein großes, gelbes Gebäude. Postamt steht auf der Fassade.“
„Das ist es heute. Aber im Jahr 1845 residierte der Graf von Fürstenberg in diesem Stadtpalais. Er war der Gastgeber der Majestäten aus England, genau in diesem Haus empfing er sie. Und der Balkon, den du dort siehst, war der Ehrenplatz für die königlichen Gäste bei der Enthüllung des Denkmals.“
Megan wartete und beobachtete Will, der, wie sie ahnte, blitzschnell kombinieren und dann in schallendes Gelächter ausbrechen würde. Es folgte unmittelbar.
„Ha! Ich verstehe, was du meinst. Bei der Enthüllungszeremonie mussten Victoria und Albert und die anderen Repräsentanten des Hochadels die ganze Zeit auf Beethovens Kehrseite schauen. Wie peinlich!“ Beide schmunzelten amüsiert.
„Aber war denn Victoria nicht in ihrer Ehre gekränkt?“, fragte Will schließlich.
„Es gibt sogar einen Tagebucheintrag von ihr, anlässlich des Ereignisses. Lass mich mal nachsehen.“ Megan tastete nach ihrem iPhone, das in seiner roten Silikonhülle leicht zu finden war. Im Internet, ja überhaupt in diesem ganzen Informationszeitalter mit seinen immer neuen Tools war sie in ihrem Element. Tatsächlich fragte sie sich oft, wie sie früher ohne all die praktischen Neuerungen der Technik auskommen konnte. Es war ihr mittlerweile schleierhaft, wie es ihr damals gelingen konnte, ihren immer noch relevanten Wälzer über die „Geburt“ des Mythos Beethoven zu schreiben. Damals war sie bei ihren Recherchen statt auf Internet und Google auf echte Bibliotheken und echte Bücher angewiesen, und nicht zu vergessen, auf ihr unvergessliches gelbes Lineal als Forschungswerkzeug.
„Der Punkt ist, dass Victoria diesen Fauxpas nicht als beleidigend empfand, wie einige andere aus ihrem Gefolge, sondern einfach nur als unglücklichen Moment. Ah, da ist die Stelle: Als die Statue enthüllt wurde, drehte sie uns bedauerlicherweise den Rücken zu.“
„Das ist alles? Mehr schrieb sie dazu nicht in ihr Tagebuch?“
„Tja. Das ist alles. Kein weiterer Kommentar.“
„Nun, apropos Kommentar, was hältst du selbst als Kunsthistorikerin von dem Bonner Beethoven-Denkmal?“, fragte Will, ernsthaft interessiert an dem Urteil seiner Kollegin über die Bronzefigur, deren Sockel aus dem massiven Zementfundament unmittelbar vor ihnen emporwuchs.
„Mir gefällt sie. Sehr sogar. Schließlich musste ein großer Kompromiss gefunden werden: einerseits sieht man die bildhauerische Akkuratesse anhand des Gesichts und der zeitgemäßen Kleidung, andererseits wird die Ausstrahlung des Heroischen vermittelt. Ich glaube, das ist Hähnel wirklich gelungen. Einerseits sind zum Beispiel seine Krawatte und die Jackenknöpfe ganz realistisch dargestellt, genauso, wie es in der damaligen bürgerlichen Kleidungsordnung üblich war. Andererseits repräsentiert der lange Umhang ganz deutlich das klassische Ideal und verwandelt ihn, während er mit dem Stift in der Hand voranschreitet, regelrecht zum Halbgott. Seinen Blick hat er nicht auf den Bonner Münster gerichtet, sondern er schweift ins Unendliche. Ganz wie seine Musik. Das ist der Stoff, aus dem dann der gigantische, weltweite Beethoven-Mythos gemacht ist!“
Noch bevor Will auf den enthusiastischen Kommentar seiner Kollegin antworten konnte, kam sie mit leuchtenden Augen auf ein ganz anderes Thema zu sprechen:
„Aber reden wir doch mal über China!“
Megan meinte damit ihre unmittelbar in dieser Woche bevorstehende gemeinsame Viking-Kreuzfahrt entlang der chinesischen Küste, die sie schon Monate zuvor gebucht hatten. Ihre Reiseroute würde sie zunächst von Bonn zum internationalen Flughafen Frankfurt bringen, für viele amerikanische Touristen der aufregende erste Kontakt mit Deutschland, für die vielreisende Megan ein schon gewohnter Ort des Ankommens, Umsteigens und wieder Abfliegens. Von dort aus startete mitten in der Nacht ein Air-China-Flug, mit dem sie aufgrund der gegenläufigen Zeitverschiebung schon am darauffolgenden Morgen um kurz nach sieben Uhr Ortszeit in Peking landen würden. Das war selbst für Megan neu.
Die Reise war Wills Idee gewesen, denn er hatte zu Recht gehofft, dass sich seine kunstgeschichtlich so bewanderte, langjährige Freundin genauso für die beiden großen chinesischen Beethoven-Denkmäler interessieren würde wie er selbst. Das eine stammte aus dem zwanzigsten Jahrhundert und befand sich in Tianjin, der großen Hafenstadt vor Peking. Das andere stammte aus dem ersten Jahr des einundzwanzigsten Jahrhunderts und stand in Qingdao, wo ihr Schiff ebenfalls anlegen würde. Will rekapitulierte in Gedanken noch einmal die Daten und Fakten, mit denen er Megan die gemeinsame China-Reise schmackhaft gemacht hatte. Das Beethoven-Denkmal in Tianjin war eine lebensgroße, bis hin zu den Details der Kleidung exakte Nachbildung des Wiener Beethoven-Denkmals aus dem Jahr 1880, das der renommierte Bildhauer Caspar von Zumbusch damals geschaffen hatte. Auf Fotografien hatte Will gesehen, dass lediglich die Haarmähne des etwas verdreht sitzenden Komponisten ein wenig anders gestaltet war: Der chinesische Beethoven hatte auffallend lockiges Haar, scheinbar durchweht von einer unsichtbaren Brise.
Was nun das Denkmal in Qingdao betraf … Wills geistiges Bild wurde jäh von donnernden Posaunenstößen in unmittelbarer Nähe unterbrochen. Eine für das Instrument völlig unpassende a-Moll-Melodie quälte sich in verzerrten Stößen bis zu Wills Trommelfell und er erkannte eine vage Ähnlichkeit mit Beethovens bekannte Klavierbagatelle aus dem Jahr 1810, Für Elise. Die Posaune kam näher und als sich Will und Megan zu der Lärmquelle hinwandten, fiel ihr Blick auf ein regelrechtes Spektakel, eine in buntem Durcheinander heranmarschierenden Menschenmenge. Die Menge war klein, aber laut. Es schienen Studierende zu sein, Megans Blick fiel auf eine junge Frau mit Bongos unterm Arm. Ein schwarzer, distinguierter, schon etwas älterer Herr mit einem prägnanten Schnurrbart schien die Demonstration anzuführen. Erst als die jungen Leute anfingen, einen Kreis um das Beethoven-Denkmal zu bilden und dabei einen wiederkehrenden Slogan zu skandieren, bemerkten Will und Megan, dass der Großteil der Demonstranten schwarz war. In Amerika war das normal. Aber hier? Der Sprechgesang wurde lauter, als die immer größer werdende Gruppe die stumme Hähnel-Statue umringte.
„Beethoven war schwarz!“, riefen die durchwegs jungen Demonstranten im Chor. Einige der Studierenden hielten Transparente mit dem Slogan in die Höhe. Auf einem Poster war in starker Vergrößerung das berühmte Antlitz des Komponisten zu sehen, wobei seine legendären, dunklen, saturnischen Gesichtszüge plakativ hervorgehoben waren.
Ein hochgewachsener junger Mann mit Dreadlocks trat plötzlich aus der Gruppe heraus und wandte sich der wachsenden Schar neugieriger Schaulustiger zu. Er war demonstrativ im Biedermeierstil der Beethovenzeit gekleidet, wie Beethoven auf dem Sockel daneben, nur in Farbe: mit einem weißen Halstuch und einer blauen Jacke mit goldenen Knöpfen. Er hielt ein Megafon an seine Lippen und begann eine flammende Rede, deren Schlüsselwörter, soweit Megan und Will des Deutschen mächtig waren, „Polyrhythmie“, „linke Hand“, „bester Freund“ und „Geigenvirtuose“ lauteten.
Das letztere Wort veranlasste den Posaunisten, nach vorne zu treten und ein ansteigendes Arpeggio mit vier Tönen zu schmettern, die entfernt an die ersten vier Takte von Beethovens Kreutzersonate erinnerten. Aber die konnte es unmöglich sein. Oder doch? Die beiden Liebhaber von Beethovens Musik am ersten Tisch auf der Terrasse des Café Midi, Megan und Will, sahen sich verdutzt an.
Die Posaune lieferte sogleich die Antwort. Die Melodie war fünfzehn Takte nach vorne gesprungen und kam gerade zum ersten Presto der berühmten Sonate für Violine und Klavier. Und dann kam gleich die nächste musikalische Überraschung. Das Mädchen mit den Bongos setzte sich neben dem Posaunisten auf den Boden und trommelte mit kaskadenartigen, abrupten Schlägen los, abwechselnd mit gedämpften Dreifingerzügen.
„Das ist wohl die ‚polyrhythmische‘ Begleitung, die der Student vorhin meinte“, sagte Megan fröhlich. Sie erinnerte sich an ihre eigene Studentenzeit, als sie sich mit dem ersten Geld nicht etwa einen Lippenstift oder ein schickes Tuch gekauft hatte, sondern – ein hübsches Bongo-Set.
„Ja, ich glaube, all das bezieht sich auf die theoretische Annahme, dass Beethoven afrikanische Wurzeln gehabt haben könnte. Manche wollen in seinen Klaviernotationen für die linke Hand afrikanische Polyrhythmen erkennen – vorausgesetzt, dass der Pianist die linke Hand lauter als üblich spielt. Dann kann man angeblich afrikanische Gesangs-, Tanz- und Musikstrukturen erkennen“, sagte Will, wenig überzeugt.
„Das ist ziemlich weit hergeholt! Aber tatsächlich erinnere ich mich lebhaft, dass damals, als ich für mein Beethoven-Buch recherchierte, auch eine solche Theorie kursierte und mit öffentlichen Demonstrationen vor allem bei uns in Amerika publik gemacht wurde. Da gab es sogar passende T-Shirts mit dem Slogan ‚Beethoven war schwarz‘.“
„Richtig! Gehörte schon zur Black-Power-Bewegung der Sechzigerjahre. Ich erinnere mich auch daran. Die Beethoven-was-Black-Theorie scheint alle dreißig Jahre neu aufzupoppen. Das hier ist anscheinend der neueste Fall.“ Will musste fast schreien, denn das musikalische Getöse übertönte bereits ihre Unterhaltung.
„Was, glaubst du, ist der Grund?“ Auch Megan hatte ihre Stimme erhoben, um von Will gehört zu werden, und noch lauter rief sie ihm zu: „Wir wissen ja, dass Beethovens Familienname flämischen Ursprungs ist und dass der Name mit ‚Rübenfeld‘ übersetzt werden kann. Und anders als das deutsche ‚von‘ bezeichnete das ‚van‘ nicht etwa eine adelige Herkunft, wie Beethoven die Leute in Wien gerne glauben ließ, sondern ‚van Beethoven‘ bedeutet einfach ‚vom Rübenfeld‘ auf Niederländisch. Was also soll dafür sprechen, dass er afrikanischer Abstammung gewesen wäre?“
„Es gibt die Annahme, dass irgendwann in seiner Abstammung maurisches Blut in sein Genom eingeflossen sei – entweder mütterlicherseits oder väterlicherseits“, antwortete Will.
„Aber dafür gibt es doch nicht den geringsten Beweis!“ Megan hatte die genealogische Herkunftsgeschichte Beethovens eingehend studiert, und der Gedanke, dass Beethovens Mutter, Maria Magdalena Keverich, afrikanischer Abstammung gewesen sein könnte, erschien ihr besonders abstrus.
„Sie war die Tochter des Hofkochs am Erzbistum Trier und es gibt absolut keine Aufzeichnungen darüber, dass sie oder ein Elternteil schwarz gewesen wären.“
„Erklär das mal den Leuten hier“, meinte Will.
„Und hast du eine Ahnung, warum sie auch irgendwas mit ‚bester Freund‘ rufen?“, fragte Megan.
„Ich denke schon. Sie beziehen sich wahrscheinlich auf Beethovens Freundschaft mit dem jungen schwarzen Geigenvirtuosen George Bridgetower. Beethoven komponierte diese technisch höchst anspruchsvolle Violinsonate für ihn – nicht für die Posaune! – und die beiden brachten sie gemeinsam zur Uraufführung. Beethoven betitelte das erste Autograf scherzhaft Sonata mulattica composta per il mulatto Brischdauer – Komma! – gran pazzo e compositore mulattico. Nun, wie würdest du das übersetzen, Dottoressa Crespi?“
„Hm, ich denke, das wird am besten ‚Sonata mulattica, komponiert für den Mulatten Bridgetower‘ übersetzt. Und nach dem Komma unterzeichnete Beethoven die Widmung nicht mit seinem Namen, sondern mit ‚großer Verrückter und Mulatten-Komponist‘ und meinte sich selbst damit. Das war ganz typisch für Beethovens Humor, den er in jüngeren Jahren noch hatte.“
„Ganz genau. Aber kurze Zeit später gerieten sie über eine junge Frau in Streit, in die sich beide verliebt hatten und daraufhin schrieb Beethoven seine Widmung um, sie lautete dann zu Ehren des französischen Geigenvirtuosen Rodolphe Kreutzer, er signierte mit seinem eigenen Namen, und seither wird sie Kreutzersonate genannt. Ironischerweise hat Kreutzer die Sonate offenbar nie gespielt, er fand sie zu schwierig. Er bezeichnete sie sogar öffentlich als ‚unverständlich‘.“
Genau in diesem Moment, auf ein Signal des jungen Mannes mit Dreadlocks hin, verstummten Rufe und Bongotrommeln. Das an eine Karikatur grenzende Plakatporträt Beethovens wurde für alle sichtbar in die Höhe gehalten.
Megan identifizierte es sofort als eine Kopie des Schwarz-Weiß-Stichs des Wiener Künstlers Blasius Höfel aus dem Jahr 1814. Das Bild war beträchtlich vergrößert worden, und eingefärbt: ein gelbliches Braun für den Teint und ein glänzendes Schwarz für die gewellte Haarmähne. Die neugierige Menge wuchs von Minute zu Minute, doch als der Junge mit den Dreadlocks erneut sein Megafon schwang und laut deklamierend auf das Bild zeigte, wurde es still.
„Jedes Detail hier bestätigt, dass Beethoven schwarz war! Beethoven was black! Jeder kann es sehen: dichtes, schwarzes, lockiges Haar, ein dunkler Teint, eine flache, breite Nase und ein breiter Mund. Seine Haut war so dunkel, dass die Zeitgenossen ihn als ‚Spanier‘ oder ‚Mulatte‘ bezeichneten. Was wollen Sie noch …“
Ein 116 Dezibel lautes Projektil traf den Jungen in den Hals und tötete ihn auf der Stelle. Nur der schmale, sehr kurze Lauf der 22-Kaliber-Pistole blitzte den Bruchteil einer Sekunde lang aus der Jacke des Schützen hervor, doch ihr Besitzer verschwand ebenso wie alle anderen in der erschrocken auseinanderlaufenden Menge.
4
Man könnte sagen, dass er Beethoven bis zum Exzess verehrte. Oskar Schnösel war der Spross einer gutsituierten Wiener Berufsmusikerfamilie, und schon als Kind erkannte er, jedes Mal stolz auf sich selbst, welche der neun Sinfonien Beethovens gerade im Radio übertragen wurde. Er war sowohl am Klavier als auch an der Geige begabt, doch einen Namen hatte er sich erst im Alter von dreiundzwanzig Jahren gemacht, und zwar als streitbarer Musikwissenschaftler.
Sein erster Artikel und seine Thesen zur bekannten Tatsache, dass Richard Wagner einen Großteil seiner musikalischen Form und Inspiration Beethoven verdankte, hatte in der Musikwelt viele aufhorchen lassen und teils verärgerten Widerspruch hervorgerufen.
Der Artikel trug den provokanten Titel „Wagner: Beethovens bester und schlechtester Schüler“. Ein Aufschrei war durch Teile der Musikwelt gegangen, und Oskar hatte sich damit seinen hohen, wenn auch umstrittenen Bekanntheitsgrad dauerhaft gesichert. Seine körperliche Erscheinung wirkte genauso kämpferisch wie seine Publikation. Ein blonder Bürstenschnitt verlieh ihm einen aggressiven Ausdruck und seine prominent hervorstehende Nase sah aus, als wäre sie permanent aus den Fugen geraten.
In den vergangenen siebzehn Jahren seit seiner großen Publikation hatte Oskar all seine Kräfte ausschließlich in ein einziges Projekt investiert: in die Errichtung eines interaktiven Museums für Beethoven in Wien, dort, wo der Komponist seine letzten 35 Jahre verbrachte und seine größten Werke komponierte.
Oskar war es dank eines unerwarteten Familienerbes gelungen, das Museum mit seinen vierzehn Ausstellungsräumen unter dem Namen Beethoven und Du in der Probusgasse in Heiligenstadt, im neunzehnten Wiener Gemeindebezirk anzusiedeln, und zwar buchstäblich im Anschluss an die Hausnummer 6. Genau dort, an dieser inzwischen legendären Adresse, hatte der einunddreißigjährige Komponist seinen beiden Brüdern in einem traurigen, nie abgeschickten Brief seine Taubheit eingestanden. In Oskars Museum war ein ganzer Raum dem als Heiligenstädter Testament bekannt gewordenem Brief geweiht. Auf drei Wänden konnte man den stark vergrößerten Text in sechs Sprachen, darunter Mandarin, Englisch und Arabisch, lesen. Die vierte Wand zierten drei lebensgroße, im Stil der damaligen Zeit gekleidete Schattenfiguren: Die Silhouette von Beethoven am Schreibtisch sitzend, ihm gegenüber seine beiden Brüder Karl und Johann.
Die Wiener Presse war zu gleichen Teilen gespalten in schwärmerischen Beifall und frömmelndes Herabwürdigen, und das setzte sich in den internationalen Medien fort – ein entscheidender Faktor, wenn es darum ging, Horden von neugierigen Besuchern aus aller Welt in sein Museum zu locken. Unmittelbar vor der Wandsilhouette luden ein echter historischer Schreibtisch und ein Stuhl die Besucher ein, mit Feder und Tinte zu experimentieren und aufzuschreiben, warum ihrer Meinung nach Beethoven seinen Bruder Johann seltsamerweise nie namentlich im Heiligenstädter Testament erwähnte. Wöchentlich wurde die interessanteste Erklärung ausgewählt und auf dem Schreibtisch präsentiert. Das war es, was Oskar unter „interaktiv“ verstand: Eine Garantie für Wiederholungsbesuche.
In den angrenzenden Räumen waren Kopien von Gegenständen aus dem Besitz des Komponisten ausgestellt, darunter eine Reihe von Beethovens Hörrohren und Ohrtrompeten zum Ausprobieren, sowie Repliken von Beethovens Porträts zusammen mit Abbildungen seiner männlichen und weiblichen Zeitgenossen. Mehrere der letzteren wurden als mögliche „unsterbliche Geliebte“ des Komponisten hervorgehoben. Die größte Attraktion jedoch war ein lebensgroßer Pappkamerad in Gestalt von Hähnels stehendem Bonner Beethoven mit einem ausgeschnittenen Loch, durch das die Besucher ihr eigenes Gesicht stecken und für Fotos posieren konnten. Das Fotografieren, auch mit Blitz, war im ganzen Museum erlaubt.
Der bei Weitem innovativste und beliebteste Raum war ein großes, schalldichtes, mit mehreren Fenstern ausgestattetes Klavierzimmer mit den exakten Nachbildungen zweier berühmter Flügel, auf denen Beethoven selbst gespielt hatte. Da stand zum einen der robuste Broadwood-Flügel, mit dem Schriftzug BEETHOVEN eingelegt in das Ebenholz des Fallbretts über den Tasten. Schon 1823 war das englische Originalinstrument dank Beethovens wildem Spiel einerseits und wegen seiner vielen Übersiedlungen andererseits zu einem traurigen Gebilde mit stummen Tasten, gebrochenen Hämmern und gerissenen Saiten heruntergekommen. Das zweite Instrument war eine Nachbildung des Conrad-Graf-Flügels aus demselben Jahr, mit einer schnellen, leichten Mechanik und klarem, nuancierten Klang, das der Wiener Klavierbauer damals Beethoven als Ersatz für den Broadwood angeboten hatte. Die meisten Saiten waren vierfach bespannt, anstatt der traditionellen dreifachen Bespannung, um die höheren Töne für den tauben Komponisten zu verstärken. Zum Preis von vierundzwanzig Euro konnte man den Raum jeweils fünf Minuten lang mieten und beide Klaviere ausprobieren.
Es gab viele Enthusiasten, die die Mechanik und den Klang der beiden legendären Instrumente vergleichen wollten, und die Warteliste war stets lang. Auf jedem Notenständer befand sich die gleiche Partitur, und das war, wie nicht anders zu erwarten, Beethovens revolutionäre vierzehnte Klaviersonate mit ihren drei Sätzen, die sich untypisch von langsam über mittel bis schnell entwickelten. Die Welt kennt sie als die Mondscheinsonate nach den beschreibenden Worten des Musikkritikers Ludwig Rellstab. Unnötig zu erwähnen, dass Oskars Museum einen Teil seiner beträchtlichen Einnahmen aus der überwältigenden Anziehungskraft des Klavierzimmers bezog.
Zudem verfügte das Museum über einen faszinierenden Dokumentenraum voll mit bisher unbekannten Notenblättern in der Handschrift des Komponisten, sicher versperrt, doch für alle zu sehen in einer Reihe von Glasvitrinen. Wie die wertvollen Autografe in den Besitz des Museums gelangt waren, blieb ein streng gehütetes Geheimnis, doch es gab Gerüchte über eine Zusammenarbeit mit passionierten Beethoven-Sammlern und Spezialisten aus dem Fernen Osten. Oskars Museum kam hervorragend an.
Ein Museumsbesucher aus China hatte ihm allerdings kürzlich eine harsche Kritik zugesandt. Offenbar empörte er sich über den stehenden Beethoven aus Pappe mit dem Loch anstelle des Gesichts, durch das die Besucher ihre eigenen Köpfe stecken konnten, um sich fotografieren zu lassen. Der Brief hatte den kargen Wortlaut: „Sie haben Ihr Museum in einen Kindergarten verwandelt!“. Unterzeichnet war er schlicht mit „ein Beethoven-Verehrer“, der Poststempel lautete auf „Qingdao“, eine Hafenstadt in China.
Jeder der neun weiteren Räume war in chronologischer Reihenfolge einer der neun Sinfonien Beethovens gewidmet. Die Farbgestaltung der einzelnen Räume sollte den besonderen Charakter und, so weit möglich, auch die Botschaft der jeweiligen Sinfonie vermitteln und zum „Lustwandeln“ in Beethovens Musik einladen. Die Erste mit ihren klassischen Wurzeln präsentierte sich in sanftem Porzellanblau und strahlendem Weiß. Passend zur heiteren Natur der Zweiten war der ihr zugeordnete Raum in sonnigem Gelb gehalten, während für die Dritte, vom Komponisten selbst Eroica betitelt, blutrote Töne verwendet worden waren, um die musikalische Anspannung und Verzweiflung zu vermitteln, während die heroischen Aspekte von kontrastierenden Silbernuancen an der Decke symbolisiert wurden. Die weniger bekannte Vierte mit ihrem Verweis auf den Klassizismus und der Dynamik ihres packenden Finales, spiegelte sich in sämtlichen Blautönen an den Wänden wider. Für die erhebende und mitreißende Fünfte, definiert durch ihre acht ersten Noten, waren acht Farbkreis-Explosionen in den Deckenhimmel gemalt. Der Raum für die Sechste, ganz im Sinne von Beethovens Titel Pastorale, war mit einem sich allmählich bis zur himmelblauen Decke emporwindenden Kranz von natürlichen Grüntönen ausgestattet, dazu zwitscherten lebendige Vögel in herabhängenden Käfigen. Die lebensfrohe Siebte, drei Jahre nach dem Ende von Napoleons zweiter Belagerung Wiens vollendet, und ihre von feierlichen Gefühlen und rhythmischen Tanzelementen erfüllte Partitur, wurde an Wänden und Decke mit Silber und Gold gleichgesetzt. Die kurze Achte mit ihren wechselnden orchestralen Klangfarben und rhythmischen Obsessionen inspirierte spiralförmige, mehrfarbige Sternschnuppen, die an den Wänden entlang und über die Decke hinweg flogen. Und der Raum für die gigantische, alles krönende Neunte, von Beethoven selbst als Chorsinfonie bezeichnet, bot alle Farben des Regenbogens als Gruß der reinen Freude.
Der größte Raum des Museums fungierte als kompakter, aber akustisch hervorragender Konzertsaal, in dem allwöchentlich Kammerkonzerte mit Werken Beethovens aufgeführt wurden, was dem Museum weitere Bekanntheit und stetig steigende Einnahmen einbrachte.
Der Erfolg von Oskars Beethoven und Du Museum in der Probusgasse Nr. 4 entbehrte nicht einer gewissen Ironie, die ihn insgeheim zu einer gewissen Schadenfreude anstachelte. Denn unmittelbar nebenan, im Haus Nr. 6, dort, wo Beethoven tatsächlich das Heiligenstädter Testament verfasst hatte, lauerte die Konkurrenz, das städtische Beethoven-Museum. Doch trotz einer Renovierung und Erweiterung vor zwei Jahren waren dessen Besucherzahlen weit niedriger und erreichten gerade mal ein Viertel des viel erfolgreicheren Nachbarn, Beethoven und Du.
Bisweilen frönte Oskar in Gedanken seinen Fantasien – was wäre beispielsweise, wenn im rivalisierenden Nachbargebäude mit all seinen Originalexponaten, in der Probusgasse Nummer 6, rein zufällig ein Feuer ausbräche? Eine Tragödie! Oder nicht?
5
Bettina Brentano traf diesmal einige Stunden früher in der Beethovenhalle ein als üblich, um vor dem abendlichen Sonntagskonzert, in dem sie sowohl als Klaviersolistin als auch als Dirigentin mit Beethovens fünftem Klavierkonzert auftreten würde, noch einige Details durchzugehen. Fast wäre sie auf dem Gang mit einem ihrer Bratschisten zusammengestoßen. Ernst Zimmermann bog gerade um die Ecke neben der Musikerlounge und war dabei so tief in ein Gespräch mit dem älteren Mann neben ihm vertieft, dass er die Dirigentin erst bemerkte, als sie abrupt vor ihm stehen blieb. Hinter ihr baute sich Nikolaus Schlau auf, ihr großer, stämmiger Ehepartner, ein Mann mit wenig Humor, doch vielen Fertigkeiten – allen Orchestermusikern als der hauseigene Klavierstimmer bekannt.
„Oh, Maestra! Ich bitte um Verzeihung! Gerade ist etwas so Fantastisches passiert, dass mir ganz entgangen ist, wo wir hinlaufen. Verehrte Maestra, darf ich vorstellen, mein Onkel, Theodor Zimmermann, gerade eben aus Leipzig hier angekommen. Lieber Onkel, das ist unsere hochgeschätzte Dirigentin Maestra Bettina Brentano.“
Sie reichten sich die Hände und Bettina lächelte. Ihr Mann wurde nicht weiter beachtet und das kam diesem gerade recht.
„Und? Was ist denn gerade ‚Fantastisches‘ passiert?“ Bettina musterte Ernst mit kühler Neugierde. Er warf seinem Onkel einen fragenden Blick zu, und dieser nickte im Gegenzug.
„Schauen Sie, das Paket hier … in den Händen meines Onkels … Bitte sehen Sie sich nur die Adresse an!“ Bettinas Augen weiteten sich, als sie erkannte, was auf dem Paket stand. Sie begriff sofort.
„Es muss einige Tage nach Beethovens Tod nach Wien versandt worden sein, und dort kam es wohl zu spät an, weil die Adresse in der Wiener Schwarzspanierstraße bereits aufgelöst war“, stellte sie fest und betrachtete das Paket nun genauer. Ihr Interesse wuchs und verwandelte sich in blanke Gier.
„Wie um alles in der Welt kommt es in Ihren Besitz?“, fragte Bettina den älteren Herrn Zimmermann. Ihr Blick und ihre Stimme waren ruhig, allenfalls skeptisch, doch ihre Gedanken überschlugen sich.
„Gnädige Frau, ich bin Hochbauingenieur, und wir waren gerade dabei, ein altes Gebäude in der Leipziger Innenstadt abzureißen, als mir einer meiner Arbeiter etwas brachte, das er im Keller des halb abgerissenen Gebäudes entdeckt hatte. Es war dieses schwere Paket. Ich dachte, ich sollte es meinem Neffen persönlich bringen, der einzigen musikalischen Autorität, die ich kenne. Wissen Sie, er ist ja nicht nur Bratschist, sondern auch ein ausgewiesener Musikwissenschaftler, und deshalb dachte ich mir …“
„Und haben Sie es geöffnet?“, unterbrach Bettina den Wortschwall des Baumeisters mit messerscharfer Stimme. Ihr Mann Nikolaus brachte sich diskret an ihrer Seite in Stellung.
„Noch nicht“, antwortete Ernst für beide. „Mein Onkel kam soeben vom Bahnhof direkt hierher. Ich dachte, wir könnten es gleich hier unten in der Lounge öffnen, vor dem Konzert, bevor …“
„Es hier in der Lounge öffnen, wo gleich massenhaft Leute eintreffen werden?“, unterbrach Bettina erneut. „Sicherlich nicht. Gehen wir in mein Büro, dort können wir das Paket in Ruhe aufmachen.“
Die Zimmermanns sahen einander an und nickten. Ja, es wäre viel besser, das Paket in der vertraulichen Atmosphäre der Dirigentensuite zu öffnen. Als Beethoven-Expertin könnte die Maestra bei der Beurteilung des Inhalts hilfreich sein. Die dynamische Dirigentin wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern machte eine Kehrtwendung und entfernte sich rasch von der Lounge.
6
„Nein. Ich bin den ganzen Tag nicht vom Schreibtisch weggekommen. Ein Notfall beim Fundraising. Dann kam einer unserer Wachleute angerannt und informierte mich über den Mord am Münsterplatz.“
Dr. Heike Musenberg, die langjährige, von vielen hochgeschätzte Direktorin des Beethoven-Hauses Bonn, stand in dem kleinen Innenhof von Beethovens Geburtshaus am Seiteneingang und unterhielt sich leise mit Megan und Will. Die beiden Amerikaner hatten beschlossen, ihre deutsche Kollegin ausfindig zu machen, nachdem die Demonstration auf dem Münsterplatz zu ihrem Entsetzen durch einen tödlichen Schuss beendet worden war. Glücklicherweise hatten sie die Musenberg, obgleich es ein Sonntag war, im Beethoven-Haus angetroffen.
„Gestern hat sich hier im Museumsgarten eine ganz eigene Variante der Protestaktion ‚Beethoven war schwarz‘ abgespielt“, erzählte sie sichtlich gereizt.
Sie war eine nicht sehr große Frau Ende fünfzig, mit einem dichten, zerzaust wirkenden weißen Haarschopf und einem langen Gesicht, dem das kantig vorstehende Kinn eine Note verlieh, die so eigentümlich war wie ihre sonderbar nachdrückliche, kehlige Stimme, die sie nicht nur beim Umgang mit potenziellen Geldgebern für das Museum zu ihrem Vorteil zu nutzen gelernt hatte.
„Gab es denn gestern hier genauso ein irres Tohuwabohu wie da, wo wir gerade herkommen?“, fragte Megan.
„Nein. Ganz so schlimm war es nicht. Wir hatten das übliche Samstagnachmittagsgedränge im Museum, als plötzlich ein distinguiert wirkender Mann mit einem Priesterkragen dort bei der Hecke auf die Wiese trat, seine Hand auf Naoum Aronsons Beethovenbüste legte und jedem in Hörweite verkündete, dass Beethoven schwarz gewesen sei. Das wiederholte er eine ganze Weile immer wieder. Immer mehr Leute fanden das witzig und umringten ihn, bis einer unserer Wachleute ihn aus dem Museum hinausbugsierte. Der Mann widersetzte sich nicht, er wiederholte nur immer wieder seine Behauptung. Wir hielten es für harmlos und da er widerstandslos ging, machten wir uns nicht die Mühe, die Polizei zu rufen oder dergleichen. Aber wirklich, sowas!“, ärgerte sich Heike Musenberg händeringend.
„Ich frage mich, wie er darauf kommt, dass Beethoven schwarz gewesen sein soll“, sinnierte Will.
„Oh, das kann ich Ihnen sagen!“, antwortete Musenberg mit der ihr eigenen schallenden Stimme, „Als meine Mitarbeiterinnen am Ende des Tages das Haus abschlossen, sah eine von ihnen ins Gästebuch, wo sich die Museumsbesucher mit Namen, Adresse und Kommentaren verewigen, und sie bemerkte einen in schwarzer Tinte geschriebenen Eintrag mit einer Londoner Adresse. Da stand in etwa folgendes: ‚Beethoven war schwarz. Ich muss es wissen. Ich bin der direkte Nachfahre seines großen Freundes, des Violinisten George Bridgetower‘. Die Unterschrift lautete ‚Balthasar Bridgetower‘.“
„Aber das ist doch jenseits!“, protestierte Megan. „Bloß weil George Bridgetower schwarz war, heißt das noch lange nicht, dass sein Freund Beethoven es auch gewesen wäre.“
„Und außerdem hat diese Freundschaft nicht gehalten“, fügte Will hinzu.
„Glauben Sie denn, dass der, nun ja, nennen wir ihn ‚Reverend‘, glauben Sie wirklich, dass er der Anführer der Demonstration war, die Sie gerade eben auf dem Münsterplatz erlebt haben?“, fragte Musenberg.
Will fühlte sich angesprochen.
„Moment mal! Das könnte hinkommen. Ich habe einen schwarzen, älteren Mann an der Spitze der Demonstranten bemerkt, gerade als sie auf dem Platz auftauchten.“
„Ja, Will, den habe ich auch gesehen“, bestätigte Megan. „Er skandierte mit den anderen, aber er strahlte eine gewisse Autorität aus, vielleicht weil er mit seinem weißen Kragen wie ein Geistlicher wirkte.“ Musenberg legte die Hand auf Megans Schulter und bedeutete den beiden, ihr zu folgen.
„Na schön, all das kann kein Zufall sein. Es wird jedenfalls Zeit, dass wir die Polizei verständigen, wir haben ja sogar einen Namen und eine Beschreibung von dem Mann.“
„Aber das wird nicht dabei helfen, den Mörder des jungen Demonstranten zu finden, oder?“ Will zögerte.
„Vielleicht, vielleicht auch nicht, aber die Polizei sollte diese Information haben. Es könnte eine Verbindung geben, egal wie abwegig sie ist“, murmelte Musenberg im Gehen.
Etwas skeptisch folgten die beiden Amerikaner ihrer deutschen Kollegin in das Direktionsbüro im angrenzenden Gebäude und hörten mit Erleichterung, dass sie bei der Polizei anrief.
7
„Hier sind wir ganz ungestört und haben viel Platz und Licht“, sagte Bettina betont sanftmütig, als sie die beiden Zimmermanns in den an ihr Privatbüro angrenzenden Konferenzraum im Untergeschoss führte. Sie zeigte auf einen Besprechungstisch aus edlem Holz, der sich fast über die gesamte Länge des Raumes erstreckte. Ihre Gäste blickten auf die große, saubere Fläche, während Bettina unbemerkt die Tür hinter ihnen verschloss.
„Legen Sie es einfach dorthin“, kommandierte sie unmissverständlich. Erich Zimmermann gehorchte und legte sein Paket vorsichtig auf den Tisch. Neon-Deckenleuchten erhellten den Raum. Wuchtige Bücherregale dominierten das Konferenzzimmer entlang der Wand, auf der anderen Seite eine geschlossene Tür, dahinter ein Abstellraum. Eine weitere Tür stand offen und führte in Bettinas Büro.
„Nikolaus, hol mir die Handschuhe aus meiner obersten Schreibtischschublade, und bring auch gleich die große Schere mit“, forderte Bettina ihren wortkargen Ehemann auf. Sie wandte sich ihren Gästen zu und lächelte freundlich.
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, werde ich das Paket jetzt öffnen. Ich bin den Umgang mit derart heiklen Objekten gewohnt.“
„Natürlich, natürlich“, sagte Ernst, erfreut über die ungewöhnlich vertrauliche Begegnung mit seiner Maestra.
Nachdem ihr Gatte mit den gewünschten Utensilien zurückgekehrt war, zog Bettina die weißen Stoffhandschuhe an und begann fachmännisch, eines der Seitenenden des großen Pakets mit der Schere aufzuschneiden. Es war ein langsamer und sorgfältiger Vorgang, und die Spannung stieg. Alle schwiegen, nur das Rascheln von Papier und Schere war zu hören. Bettina war noch nicht zufrieden; sie setzte die Schere auch oben an. Es war ein vorsichtiger, konzentrierter und erfolgreicher Arbeitsvorgang. Nun war das Paket so weit geöffnet, dass die Hände der Maestra hineinschlüpfen und den geheimnisvollen Inhalt vorsichtig herausziehen konnten.
Ein erstauntes kollektives Luftholen erfüllte den Raum. Drei Dokumente in kaum vergilbtem Papier kamen zum Vorschein: ein einseitiges Anschreiben, daneben eine handschriftliche Orchesterpartitur von mehr als vierzig Seiten und eine zweite handgeschriebene Partitur, die gut acht- oder neunhundert Seiten umfasste.
„Du lieber Gott, das ist Beethovens Handschrift“, sagte die Maestra leise und tastete fast zärtlich über das Titelblatt der kleineren der beiden Partituren. „Und das hier auch!“ Ihre Finger wanderten vorsichtig zu dem größeren Packen Papier. Jede der Partituren war mit einer dünnen braunen Schnur zusammengebunden.
„Was steht wohl in dem Brief?“, fragte Ernst ehrfürchtig. Bettina hielt das Schreiben mit beiden Händen hoch und las laut vor.
Sehr verehrter Herr van Beethoven,
mit Bedauern senden wir Ihnen die beigefügten Manuskripte zurück. Leider sind wir, Breitkopf & Härtel, aus gewissen Gründen nicht in der Lage, nach bereits vier Leonoren-Ouvertüren auch noch eine fünfte zu veröffentlichen. Was Ihre beiliegend ebenfalls retournierte Gesamtneufassung der Oper Fidelio betrifft, so müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir uns außerstande sehen, die Kosten für den Druck zu übernehmen, denn wir können keinen wesentlichen Unterschied zur bekannten Fassung feststellen.
Mit besten Empfehlungen
Hans Beckmesser
Sekretär für Eingaben
Breitkopf & Härtel
Bestürztes Schweigen erfüllte den Raum, bis endlich der jüngere Zimmermann mit bebender Stimme das Wort ergriff. Er blickte zu seiner hochgeschätzten Dirigentin hoch.
„Mein Gott. Eine neue Version des Fidelio! Was für ein unermesslicher Schatz!“
Sein Onkel nickte energisch beipflichtend, während Bettina ihren Mann mit vor Aufregung geröteten Wangen gebieterisch ansah. Sie hatten immer perfekt aufeinander abgestimmt zusammengearbeitet, und das taten sie auch jetzt.
Die Maestra stieß einen plötzlichen Seufzer aus und griff sich mit einer dramatischen Geste ans Herz. Mit der anderen Hand packte sie Theodor Zimmermann am Arm, ließ sich zu Boden fallen und zog ihn mit sich, sodass er unversehens auf ihr zu liegen kam.
Während Ernst erschrocken auf die Szene blickte, war Nikolaus Schlau schnell hinter ihn getreten. Er rammte dem Bratschisten in Sekundenschnelle ein Hubertus-Springmesser in den Hals und durchtrennte geräuschlos dessen rechte äußere Halsschlagader und auch die innere mit einem einzigen Stoß.
Der nun hervorschießende massive Blutstrahl traf Theodors Rücken, als dieser gerade versuchte, der gestrauchelten Maestra zu helfen und sich selbst aufzurichten. Gerade als er überrascht aufblickte, wiederholte Schlau sein Stichmanöver und auch der zweite Zimmermann ging tödlich getroffen zu Boden.
Bettina sprang auf, richtete sich in aller Ruhe die blutbesudelte Kleidung und zischte ihrem Mann zu:
„Gut gemacht, Niki. Versteck die Leichen erst mal in der Abstellkammer und mach den Boden sauber, während ich mich für die Aufführung umziehe. Wir entsorgen die Zimmermanns nach dem Konzert, oder du versuchst es noch vor der Pause. Je früher, desto besser.“
Bettina hielt inne, ihr Blick wanderte von den zwei Toten auf dem Boden zu den wertvollen Dokumenten auf dem Konferenztisch. Bis zum Beginn des Konzerts blieb nicht mehr viel Zeit. Sie zog ihre wie durch ein Wunder von dem Blutexzess verschonte Jacke aus und legte sie vorsichtig über den Papierstoß, sodass nichts mehr davon zu sehen war. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt, um sich wie sonst auch für das Konzert umzuziehen. Im Gehen wandte sie sich noch kurz an Nikolaus und sagte sanft:
„Freu dich, Liebling, wir haben soeben einen echten Beethoven-Schatz gehoben.“
8
Oskar Schnösel verließ Wien selten. Nur ungern überließ er den Betrieb seines erfolgreichen Museums Beethoven und Du der kompetenten, aber viel zu redseligen Frau Theresa Klatsch, der guten Seele des Hauses. Der heutige Tag war allerdings eine Ausnahme und so befand er sich am späten Sonntagnachmittag in einem AUA-Flieger von Wien nach Bonn. Undenkbar, dass er die morgige Versteigerung im altehrwürdigen Bonner Auktionshaus Von Zwengen verpasste. Nicht nur eine typisch fahrige frühe Porträtstudie von Oskar Kokoschka war mit einem Startpreis von 60.000 Euro zu haben, sondern, was ihm viel wichtiger war, das Fragment eines Beethoven-Briefs, den dieser an seinen besten Freund seit Kindertagen geschrieben hatte, den angesehenen Bonner Mediziner Franz Gerhard Wegeler. Die Reproduktion im Auktionskatalog, offenkundig der originalsignierte Teil eines möglicherweise um 1816 datierten Briefes, war Schnösel gleich ins Auge gefallen. Gebannt hatte er mehrmals die Endzeilen des Briefes gelesen, mit der zunehmenden Sorge, dass auch andere die potenziell gigantische Bedeutung von Beethovens mehrdeutigen Schlussworten begreifen würden: Leb wohl, du bist Mann, Vater, ich auch, doch ohne Frau – grüße mir alle die deinigen und die unsrigen.
Du bist Mann, Vater, ich auch … fantastisch! Er wusste natürlich, worauf sich dies in Wahrheit bezog, aber sollten die Dummköpfe, die sich für Nachkommen Beethovens hielten, jemals einen Beweis dafür geltend machen können, dann wäre es diese Formulierung. Weiß Gott, wie viel diese Sorte von Leuten für den Erwerb solch eindeutiger Zeilen zu zahlen bereit wären, unmissverständlich wie sie waren, das würde er, der Beethoven-Experte aus Wien, ihnen dann schon begreiflich machen. Zu seinem Bedauern war er selbst wegen all der laufenden Kosten seines Beethoven und Du Museums kaum in der finanziellen Lage, bei einem so wertvollen Exponat mitzubieten. Aber er hatte einen Kontaktmann in Bonn – Miro Hernandez –, der sich seit Langem bestens auf die erforderlichen Winkelzüge, ja manchmal sogar unter Körpereinsatz, auf komplexe Akquisitionen wie die hier erforderliche verstand.
Die Zeit war schnell vergangen. Oskar unterbrach seine Tagträumereien und erkannte beim Blick aus dem Fenster, dass sein Flieger bereits auf den Flughafen Köln/Bonn zusteuerte. Für die zwanzigminütige Fahrt zu seinem Hotel, dem Consul Retro, würde er sich ein Taxi nehmen, und dort würde ihn sein Alleskönner Miro schon erwarten.
Das modern ausgebaute Hotel hatte er ausgesucht, weil es verkehrsgünstig in unmittelbarer Nähe der malerischen Stiftsgasse lag, wo jenes ehemaligen Tanz- und Festspielhaus aus dem 19. Jahrhundert stand, das seit 2001 Standort des altehrwürdigen Auktionshauses Von Zwengen war. Dort kamen seither jährlich über zwölftausend Kunstgegenstände zur Versteigerung.
Als das Taxi in den Innenhof des Hotels einfuhr, erblickte er Miro, der diskret im verglasten Eingangsbereich des Gebäudes wartete. Er war ein athletischer Mann mit schwarzem Haar und einem unscheinbaren Gesicht. Nur seine Augen hatten etwas Auffälliges an sich, und das auch nur, wenn man ganz genau hinsah. Beide Pupillen zogen sich längs von oben nach unten durch die Iris, ein seltenes Phänomen namens Kolobom oder Katzenaugen-Syndrom.
Die zwei Männer gaben einander schweigend die Hand. Dann ergriff Miro Hernandez das Wort:
„Ich war bereits im Auktionshaus und weiß, was zu tun ist.“
„Gut so!“ Oskar fasste ihn anerkennend am Arm und drückte kräftig zu. Der Beethoven-Brief würde ihm gehören.
9
Oskars Taxi war nicht das einzige, das vom Konrad-Adenauer-Flughafen zum Hotel Consul Retro Hotel fuhr. Li Shutong, angesehener Otologe und zudem aufgrund einer Erbschaft geheimer Milliardär, hatte die weite Reise von Peking nach Bonn absolviert und nahm sich nun ein Taxi. Auch er wollte am Montagvormittag wegen des ungewöhnlichen Beethoven-Brieffragments im Auktionshaus Von Zwengen diskret mit seiner Anwesenheit glänzen.
Als Initiator und alleiniger Finanzier des kolossalen Beethoven-Denkmals in seiner Heimatstadt Qingdao, errichtet im Jahr 2000, begleitet von gigantischen Millenniumsfeierlichkeiten, sah sich Li Shutong verpflichtet, das kostbare Dokument mit Beethovens eigenhändiger Signatur, auch wenn es nur ein Fragment war, für seine Sammlung und letztlich für das Beethoven-Museum, das er für Qingdao plante, zu erwerben.
An der Küste des Gelben Meeres gelegen, zwischen Peking im Norden und Hongkong im Süden, war die Stadt Qingdao einer der meistfrequentierten Häfen der Welt. Doch zu viele Jahrzehnte lang war die boomende Metropole mit ihren kühnen neuen Wolkenkratzern, Stränden, Parks und dem alten, im deutschen Stil erbauten Stadtkern für etwas ganz anderes berühmt: Tsingtao Bier. Das Tsingtao-Biermuseum, im Grunde ein Erbe der deutschen Besatzung von 1898 bis 1914, war der alljährliche Schauplatz eines viel besuchten internationalen Bierfestivals. Aber Li Shutong, ein großer, schlanker, weißhaariger Mann weit über achtzig, war dem Alkohol in jeglicher Form ganz und gar abgeneigt. Eines seiner vielen selbstauferlegten Lebensziele war es, die bierselige Sicht der Welt auf seine Heimatstadt zurechtzurücken. Deshalb hatte er den Auftrag für die Errichtung des großen Beethoven-Denkmals erteilt und alle Kosten auf sich genommen. Er sah es als seine größte Leistung im Namen der Kultur, doch für Beethoven wollte er noch viel mehr erreichen. Das ging ihm nun durch den Kopf.
In Qingdaos Musikpark am Meer gelegen, beeindruckt das Denkmal, ein massiver Kopf aus weißem Stein mit der berühmten gefurchten Stirn des Komponisten selbst den gleichgültigsten Passanten, dachte Li voll Stolz. Das riesige Kunstwerk erhebt sich vor der architektonisch abwechslungsreichen, gewaltigen Skyline. Das Haar des Komponisten wogt in wallenden Wellen, während der lose geknotete Schalkragen seinen Hals freigibt. Beethovens eindringlicher Blick spiegelt sich jeden Tag hundertfach in den Augen selbst des beiläufigsten Betrachters wider, und das freute den Mäzen.
Li Shutong wurde niemals müde, das Denkmal zu besuchen. Sein Ur-Urgroßvater, dessen Namen auch er trug, wäre so stolz auf ihn. Denn dieser, der erste Li Shutong war es schließlich gewesen, der Ludwig van Beethoven überhaupt erst in China bekannt gemacht hatte. Zwar erklang Beethovens Musik dort schon 1911 zum ersten Mal in einer Aufführung des Shanghai Municipal Orchestra, aber der kunstsinnige und kreative Li Shutong hatte bereits 1906 in seinem kleinen Musikblättchen einen viel beachteten Essay über den deutschen Meister veröffentlicht.
Shutongs damalige Hommage an Ludwig van Beethoven trug den schlichten Titel Der Weise der Musik und bedurfte keiner musikalischen Begründung. Es waren Beethovens lebenslanger Kampf und sein beharrlicher Widerstand gegen das Schicksal der Taubheit, die den Verfasser inspirierten und von denen er hoffte, dass sie seine Leser ebenso beflügeln würden. Denn diese allererste Begegnung Chinas mit Beethoven fiel in die Zeit einer großen allgemeinen Verunsicherung, nach dem Boxeraufstand von 1900, als China sich politisch und kulturell neu definieren musste. In diesem ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts begann nach fast drei Jahrhunderten der Macht der endgültige Zusammenbruch der alten Qing-Dynastie. Die Zukunft erschien den Menschen bedrohlich und barg zugleich Hoffnungen. In dieser kollektiven Gemütslage wurde das Beispiel von Beethovens triumphalem Genie und seiner Kraft, persönliche Missstände zu überwinden, – „dem Schicksal in den Rachen zu greifen“, wie er selber einmal sagte, – sofort zu einem überzeugenden Bild, in das sich das neu entstehende China unsterblich verliebte. Aber dann, während der Kulturrevolution von Mao Tse-Tung in den 1960er und 1970er Jahren, wurde es demselben China verboten, den Meister zu verehren: Beethoven galt nun als eine Erfindung der privilegierten bürgerlichen Klasse. Nur allmählich schwang das Pendel zurück zu einer erneut aufflammenden glühenden Verehrung des Komponisten als inspirierendes persönliches Vorbild und Held der Weltkultur.
Für den modernen Li Shutong, den Otologen, der Beethoven genauso unendlich bewunderte wie sein gleichnamiger Vorfahre, kam ein weiterer Faktor hinzu. Wie der große Weise der Musik ertaubte auch er langsam und irreversibel.
10
Obwohl sie ihre amerikanischen Kollegen gut leiden konnte, war Heike Musenberg erleichtert, dass die beiden bald abreisen würden. Es gab mehrere andere dringende Angelegenheiten, die ihre ganze Aufmerksamkeit erforderten, und am wichtigsten war die unverzügliche Einführung höherer Ticketpreise, so wie sie es seit Monaten bei den Vorstandsmeetings gefordert hatte. Die Besucherzahlen des Museums waren in den vergangenen zwei Jahren drastisch gesunken, und auch die diesjährige touristische Sommersaison hatte nicht gerade erfreulich begonnen.
Die Einnahmen des Museumsshops waren zurückgegangen, auch der Onlineshop mit seinen rund 800 Artikeln vom wissenschaftlichen Wälzer bis zu allerlei kitschigen Beethoveniana war rückläufig. Stattdessen hatte Heike immer wieder mitansehen müssen, wie Museumsbesucher ihre Handys im Shop hochhielten, um sich mit einigen oder mit allen achtzehn ausgestellten Miniatur-Porträtbüsten und Beethoven-Statuetten zu fotografieren, anstatt sie zu kaufen, obwohl sie schon ab zehn Euro zu haben waren. Sogar CDs und Buchcover schienen sich bestens als Hintergrund für Selfies, diese neue Art von „visuellen Souvenirs“, zu eignen. Und das trotz der allgegenwärtigen Verbotsschilder, die jegliche Fotografie im gesamten Museumsgebäude untersagten.
Die Technik in dem modern ausgestatteten Kammerkonzertsaal im Untergeschoss des Nebengebäudes verursachte immer wieder Probleme, und auch die Besucherzahlen des Archivs waren zurückgegangen, weil die umfangreiche Bibliothek des Museums nun vollständig digitalisiert und online verfügbar war. Die neuen Technologien hatten ihren Tribut gefordert und den Besuch im Museum teilweise obsolet gemacht, was Heike ihrem frustrierten Vorstand und den ehrenamtlichen Mitgliedern des Verwaltungsrates immer wieder aufs Neue erklären musste. Der Verwaltungsrat des Bonner Beethoven-Hauses war vier Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet worden, ein letzter Gewaltakt der NS-Regierung zum Erhalt des nationalen Kulturerbes.
Seit eine Gruppe von zwölf Bonner Bürgern im Jahr 1889 den Verein Beethoven-Haus gegründet hatte, war Heike die erste Frau auf dem Direktionsposten. Ihr dynamischer Stil passte zu den Anforderungen des modernen Museumsmanagements und nach anfänglichem Widerwillen und mangelnder Unterstützung stand ihr der Vorstand im Großen und Ganzen wohlwollend gegenüber. Allerdings hatten im letzten Jahr zwei neue Mitglieder des Verwaltungsrates aufgrund der rückläufigen Besucherzahlen damit begonnen, sich für ihre Abberufung stark zu machen. Sie strebten die Leitung des Hauses durch eine „Persönlichkeit mit überregionalem Renommee“ an. Sie verwiesen auf den berühmten Leipziger Dirigenten Kurt Masur, der von 2004 bis 2012 den Vorsitz des Verwaltungsrates des Museums innehatte. Doch in der schnelllebigen Gegenwart gehörten Masur und das Jahr 2012 bereits einer fernen Vergangenheit an, deshalb sei gerade jetzt eine neue Berühmtheit vonnöten, so die beiden Herren. Die gesuchte prominente Persönlichkeit von Weltrang sollte die Bemühungen des beratenden Verwaltungsrates mit denen des amtierenden Vorstands in Einklang bringen. Informelle Sondierungsbestrebungen hatten bereits begonnen.
Heike Musenberg wusste, dass ihr Job in Gefahr war. Das war ihr völlig klar, und so hatte sie bereits Abwehrmaßnahmen ergriffen. Ein erster Schritt war der Tumult um den „Beethoven war schwarz“ predigenden Engländer gestern Nachmittag im Beethoven-Haus, bei dem auch „rein zufällig“ und ganz exklusiv ein eingeweihter Pressevertreter anwesend war.
Natürlich war es bedauerlich, dass die heutige Demonstration auf dem Münsterplatz vor Hähnels geheiligter Beethoven-Statue derart aus dem Ruder gelaufen war. Aber die Berichterstattung in den Medien würde sicherlich mehr Besucher in ihr Museum bringen als sonst, dachte Musenberg. Was wäre, wenn sich noch mehr bedauerliche Vorfälle dieser Art ereigneten?
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Noch ein rascher Zwischenstopp in ihrem Hotel, um den Tascam-Recorder zu holen, dann fanden Megan und Will das China-Restaurant Kolaila ohne Schwierigkeiten. Dort gab es leckere Frühlingsrollen, und beide bestellten sich als Hauptgang ein köstliches Moo-Shu, erfreut, dass es diesen in Amerika beliebten Klassiker der chinesischen Küche – eine spezielle Zubereitung von Schweinefleisch mit Bambussprossen, Morcheln und Ei – auch hier in Bonn gab. Feinster weißer Tee rundete ihre Mahlzeit ab. Danach wollten sie das Konzert in der neuen Beethovenhalle besuchen. Das Tischgespräch kreiste deshalb zunächst um die grotesken Ereignisse rund um den plötzlichen Baustopp und die ebenso plötzliche Fertigstellung jenes neuen Konzerthauses, das nach viel Hin und Her endlich anstelle der alten Beethovenhalle von 1959 errichtet wurde. Dieses Prestigeprojekt der Stadt Bonn wurde zu Ehren des zweihundertfünfzigsten Geburtstages von Bonns berühmtestem Sohn, Ludwig van Beethoven, eröffnet, doch das wäre beinahe kläglich gescheitert.
„Dann würde dort an diesem schönen Platz nahe der Rheinaue heute noch eine Bauruine stehen!“ bemerkte Megan trocken. Denn nach einer Reihe von Planungsfehlern, Verzögerungen und falschen Entscheidungen waren die Baukosten ins Uferlose gestiegen und die Finanzierung durch Privatleute, Institutionen und Unternehmen war versiegt, wusste Megan. Dann, als Bonn das Projekt offiziell aufgab und alles verloren schien, kam ein anonymer Geldgeber zu Hilfe und der neue Konzertsaal konnte in voller Pracht gerade noch rechtzeitig fertiggestellt werden.
„Und deshalb können wir uns auf das Konzert heute Abend freuen!“ betonte Megan und sah zu Will.
„Gerüchte gingen um, dass die Rettungsgelder aus dem fernen China gekommen seien, doch Beleg gab es dafür keinen.“, setzte dieser nachdenklich fort, doch Megan brachte die ungeheuerlichen Todesschüsse auf den schwarzen Studenten zur Sprache. Von der Terrasse des Café Midi aus hatten sie den schrecklichen Tod des jungen Mannes mitansehen müssen, doch niemand wußte, wer der Täter war, keiner hatte ihn bemerkt, alle Augen und Handykameras waren auf den jungen Mann mit Dreadlocks gerichtet gewesen. Die grauenhafte Szene mitten auf dem Münsterplatz war in Megans Kopf wieder und wieder abgelaufen, und wie sich herausstellte erging es Will nicht anders. Die beiden Amerikaner waren entsetzt darüber, dass so etwas auch mitten in Deutschland geschehen konnte.
Es war noch hell, als sie an der Theaterstraße ankamen, wo das mächtige sechseckige Gebäude, die neue Beethovenhalle mit ihrer elegant geschwungenen Kuppel, errichtet worden war. Megan zückte ihre „iCamera“, wie sie ihr iPhone nannte, und eilte zu dem modernen Beethoven-Denkmal, einem überdimensionalen Betonkopf mit den Zügen Beethovens, das mit seinem ganzen Gewicht auf dem grünen Rasen vor der neuen Konzerthalle thronte.
Im Jahr 1986 hatte der Fotograf und Bildhauer Klaus Kammerichs dieses plastische, durch den Schattenwurf schwarz, grau und weiß leuchtende dreidimensionale Werk errichtet und Beethon getauft, ein Wortspiel aus dem Werkstoff, Beton, und dem Dargestellten, Beethoven. Die unverkennbaren Gesichtszüge und die wilde Haarmähne waren Joseph Karl Stielers berühmtem Beethoven-Ölporträt von 1820 entlehnt. Je näher Megan der modernen Skulptur kam, umso dichter und unübersichtlicher erschien ihr die Fülle an Betonfalten, Vertiefungen und Wirbel. Von vorne betrachtet war der Gesichtsausdruck des Komponisten von intensiver Konzentration geprägt, seine Stirn war gefurcht und seine Augen schienen gen Himmel zu wandern. Von der Seite jedoch bildeten Betonwülste und geschwungene Faltungen ein in sich verschlungenes Ensemble, in dem jede Ausbuchtung mit einem Hohlraum auf der gegenüberliegenden Seite korrespondierte. Megan wurde bald klar, dass sie das Werk in seiner Gesamtheit nur aus einem gewissen Abstand mit der Kamera einfangen konnte. Als sie die Rückseite des überdimensionalen Beethoven-Hauptes erreichte, erkannte sie erneut Beethovens Antlitz, aber nun wirkte es ganz anders auf sie. Aus dieser Perspektive war sein auf der Vorderseite weiß erscheinendes Gesicht unbestritten dunkelgrau. Womöglich eine Anspielung auf den maurischen, schwarzen Beethoven? Oder waren die finstere, zerfurchte Stirn, die scheinbar zertrümmerte Nase und die angespannt zusammengepressten Lippen ein Hinweis auf die Qualen der Taubheit?
Aber es war nur der Stand der Sonne und ihr Schattenwurf in diesem Moment, der die Vorderseite so hell und die Hinterseite so dunkel erscheinen ließ. Megan wollte diesen Beethon eigentlich von Herzen verabscheuen, aber stattdessen freundete sie sich mit ihm an und beschloss sogar, ihn bei ihrem am nächsten Tag bevorstehenden Vortrag im Beethoven-Haus positiv zu erwähnen. Was für eine erfreuliche, nun ja, fast unheimliche Wendung, dachte sie.
Will hatte sie gerade eingeholt, als die Sonne langsam hinter dem Horizont versank. Die letzten Sonnenstrahlen fielen schmeichelnd auf Beethons der Sonne zugewandtes Antlitz und verlieh dem zeichensetzenden Ensemble ein anhaltendes Leuchten. Sie hatten den Zeitpunkt ihres Besuchs gut gewählt.
Megans Blick fiel nun auf das erst kürzlich fertiggestellte Gebäude der Beethovenhalle, das sich mit machtvoller Eleganz aus dem Gelände erhob. Es unterschied sich deutlich von der Nachkriegsarchitektur der Stadt. Sie dachte daran, dass im Grundstein der alten Beethovenhalle ein Geschenk aus Wien begraben lag, eine Urne mit Erde aus Beethovens Grab.
Doch nun war es an der Zeit, den eleganten modernen Konzertsaal zu betreten und zu hören, was die umtriebige Maestra Bettina Brentano für ihr Publikum auf Lager hatte.
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Kaum hatte er im Hotel Consul Retro eingecheckt, seinen Agenten getroffen und sein Zimmer bezogen, war es auch schon an der Zeit, ein weiteres Taxi zu rufen. Oskar Schnösel hatte seine Ankunft zeitlich so gelegt, dass er abends das höchst ungewöhnliche Konzert in der neuen Beethovenhalle besuchen konnte, das den verlockenden Titel Beethovens First and Final trug.
Bettina Brentano, die Dirigentin der Klassischen Philharmonie Bonn, wartete mit einer doppelten Dosis Beethoven auf: Zum einen stand das berühmte Kaiserkonzert, sein fünftes Klavierkonzert in Es-Dur auf dem Programm. Es hatte sich schon herumgesprochen, dass die Maestra an diesem Abend sowohl Beethovens Kadenzen als auch ihre eigene vortragen würde – äußerst ungewöhnlich für ein reguläres Konzert, aber ganz typisch für Bettina Brentano, die gerne mit der Tradition brach. Aber ihr ungewöhnlicher Streifzug durch das fünfte Klavierkonzert sollte erst in der zweiten Hälfte des Abends stattfinden.
Den Anfang dieses Abends sollte Beethovens allererste Komposition für Orchester und Klavier einleiten, an die er sich im Alter von vierzehn Jahren gewagt hatte und die Kenner heute als das „nullte“ Klavierkonzert bezeichnen. Allgemein herrschte die Meinung, dass er dieses Jugendwerk wahrscheinlich 1784 noch in seiner Geburtsstadt Bonn komponiert hatte. Musikexperten wussten, dass es genauso wie sein letztes Klavierkonzert, das fünfte, in Es-Dur komponiert war und aus drei Sätzen bestand: „Allegro moderato“, „Larghetto“ und einem abschließenden „Rondo allegretto“. Was könnte die Brentano mit diesem Stück vorhaben? Die Paarung der beiden Klavierkompositionen – das Erste und das Letzte, also First and Final – war eine typisch fulminante Brentano-Idee. Kein Wunder, dass die dirigierende Virtuosin nicht nur in Bonn, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum und auch in Amerika eine große Anhängerschaft hatte.
Aber, so fragte sich auch der Beethoven-erfahrene Oskar, was würde Brentano mit dem frühen „nullten“ Klavier-Konzert anstellen, von dem doch nur der Klavierpart überliefert war? Würde sie sich ans Klavier setzen und Solo spielen, dabei das Orchester untätig zusehen lassen? Oder würden die Musiker abseits der Bühne warten? Möglicherweise hatte Bettina eine Orchestrierung ausgearbeitet? Als das Konzert um 1890 auftauchte, war nur noch der Soloklavierpart vollständig, vom Orchester war nur die Besetzung erhalten; die Noten für die einzelnen Orchesterstimmen waren verloren gegangen. Aber wenn Bettina tatsächlich ihre eigene Orchestrierung für diese Aufführung von Beethovens „nulltem“ Klavierkonzert komponiert hatte, konnte sie dann diejenige übertreffen, die der Schweizer Beethovenforscher Willy Hess – Musikwissenschaftler, Fagottist und Komponist – im Jahr 1943 veröffentlicht hatte? Zuzutrauen wäre es ihr, dachte Oskar, aber unwahrscheinlich, selbst für die Maestra.
Während er auf seinen Sitzplatz zusteuerte, schaute er sich im Saal um und fragte sich, ob er vielleicht die eine oder andere Beethoven-Prominenz erblicken würde? Ja, er erkannte eine Person, mit der er eine Reihe von lapidaren E-Mails ausgetauscht und ein paar verkrampfte Telefongespräche geführt hatte, es war die Museumsdirektorin des Bonner Beethoven-Hauses, Heike Musenberg, mit ihrem kantigen Gesicht.
Ihre Blicke trafen sich. Keiner der beiden hatte ein besonderes Verlangen, sich mit dem anderen zu unterhalten. Die beiden Beethoven-Liebhaber wandten sich voneinander ab und begaben sich eilig auf ihre Plätze.
13
Es ist eine gute Gelegenheit, zu testen, wie sehr sich mein Gehör verschlechtert hat, sagte sich Li Shutong und schaute sich ehrfürchtig im Auditorium des Konzertsaals um. Er justierte diskret den Knopf seines Hörgeräts im linken Ohr.
Heute Abend Beethoven zu hören, um dann am nächsten Tag ein handgeschriebenes Brieffragment des Meisters zu erwerben, war für ihn höchstes yú – reine Freude. Besonders nach dem, was er gerade eben auf dem Weg zur neuen Beethovenhalle gesehen hatte. Li war fast übel geworden, als er an dem geköpften, grauenhaften Riesenschädel mit Beethovens karikiertem Gesicht vorbeikam, der als „Kunst“ auf dem Rasen in der Nähe des Eingangs ausgestellt war. Seine Gedanken wanderten rasch wieder zu dem Schriftstück, das er am nächsten Tag im Auktionshaus Von Zwengen erwerben wollte. Ein echtes Brieffragment mit Beethovens eigenhändiger Unterschrift, das in Lis Privatsammlung von Beethoveniana eine ganz außerordentliche Rolle spielen könnte. Ob er wirklich als siegreicher Bieter bei der morgigen Auktion hervorgehen würde?
Aber jetzt, nachdem er seinen Platz in der ersten Reihe gefunden hatte, wollte sich Li nur noch auf die positiven Dinge konzentrieren. Die leicht nach vorne abfallende Bühne erlaubte ihm volle Sicht auf alle Orchestermitglieder. Und dann war da noch die himmlische Heerschar von Leuchtkörpern an der immensen Decke über ihm, die den Raum ausleuchteten. Jede der großen Lampen war in dasselbe gebeizte Ahornholz eingefasst, das auch für die Lamellen und die Vertäfelung an den Wänden des Saals verwendet worden war. Diese Gestaltung für eine optimale Akustik war ganz offenkundig eines der vorrangigen Ziele des Gebäudes, dachte er anerkennend.
Auch die Lage war fantastisch. Die neue Beethovenhalle befand sich im nordöstlichen Teil der alten Bonner Innenstadt, fast unmittelbar am Rheinufer, getrennt nur durch eine Straße und eine schmale Promenade. Vom Beethoven-Haus war es ein kurzer Spaziergang. Doch dafür hatte Li an diesem Abend keine Zeit gehabt. Er hatte gerade noch seinen Koffer im Hotel abstellen können, bevor ihn das Taxi zur Beethovenhalle bringen konnte. Und nun war er im Begriff, ein ganz besonderes Beethoven-Konzert mit dem faszinierenden Titel First and Final zu hören. Sein Hörgerät saß gut, und mit geschlossenen Augen fühlte sich Li, als wäre er in den Himmel emporgehoben. Yú. Genau das Wort, mit dem Schiller seine Ode An die Freude begonnen hatte: Freude! In seinen Gedanken ließ Li die Worte, die sich Beethoven für den Schlusssatz seiner letzten Sinfonie geliehen hatte, fließen:
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
Deine Zauber binden wieder
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder
Wo dein sanfter Flügel weilt.
Ja, pure Freude. Doch plötzlich übertönte eine laute Stimme den Chor in seinem Kopf. Es war die Stimme einer Frau und sie sprach ganz andere deutsche Worte als jene, die gerade in seinem Inneren erklungen waren.
Li öffnete die Augen. Maestra Bettina Brentano, mit ihrem charakteristisch hochgesteckten rabenschwarzen Haar, gekleidet in ein funkelndes, schwarzes Jackett und eine schwarze Samthose, war allein auf die leere Bühne getreten und wandte sich direkt an das erwartungsvolle Publikum.
„Ich weiß, meine Damen und Herren, dass Sie sich heute Abend eine Aufführung erwarten, bei der ich sowohl dirigiere als auch Klavier spiele. Und so soll es auch in der zweiten Hälfte unseres Konzerts sein, das, wie Sie ja wissen, den Titel First and Final trägt.“
Ein verwundertes Raunen erfüllte den Saal. Brentano sprach weiter.
„Doch wir werden zunächst ein Klavierkonzert hören, das Beethoven im Alter von vierzehn Jahren komponierte, und wir werden hören, wie es von einem vierzehnjährigen Jungen gespielt wird.“
Erstaunte Anerkennung war aus dem Auditorium zu vernehmen. Mit einer einladenden Geste deutete Brentano von der Bühne aus nach rechts. Ein schmaler Junge im Smoking trat aus dem Auditorium auf die Bühne und ging mit einem schüchternen Lächeln auf die Dirigentin zu. Die Maestra legte ihren Arm um seine Schultern und wandte sich wieder an das Publikum.
„Meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen Carl Marko Czerny vorstellen. Er kommt aus Wien und ist mit seinen vierzehn Jahren wahrhaft ein Wunderkind.“
Begeistert und von Bettinas überzeugender Einführung völlig hingerissen, begann das Publikum zu klatschen und zu jubeln.
„Überlassen wir nun die Bühne Carl Marko“, sagte die Brentano und deutete wieder nach rechts.
Innerhalb weniger Minuten rollten Bühnenarbeiter ein rechteckiges, historisches Klavichord mit einer passenden Sitzbank herbei. Sie positionierten es in der Bühnenmitte und stellten dahinter elf Notenständer auf und weiter hinten noch zwei Pauken. Dann setzte sich Carl Marko Czerny an das Klavichord und fünfzehn Orchestermusiker betraten mit ihren Instrumenten die Bühne. Es waren sechs Geigen, zwei Bratschen, zwei Celli, ein Kontrabass, zwei Flöten und zwei Hörner. Genau die Besetzung, die auf Beethovens erhaltenem Klavierauszug angegeben war.
Das Publikum war vor Freude kaum zu bremsen und begann erneut zu applaudieren – zustimmend und überrascht. Der Applaus wurde lauter, als Brentano ihren Platz neben dem Klavichord einnahm und sich zu den Musikern wandte. Das Publikum verstummte erwartungsvoll. Brentano hob ihren Taktstock. Czerny saß bereit, seine Hände schon ganz leicht auf den Tasten. Die Maestra gab den Einsatz. Aber die Musik war nicht von Beethoven. Es war Bach! Sein viertes Brandenburgisches Konzert, das er selbst noch als Solo-Cembalokonzert Nr. 6 in F-Dur bearbeitet hatte. Nach einigen orchestralen Takten stimmte der musikalische Junge auf dem Klavichord mit ein und gemeinsam spielten alle noch etwa vierzig Takte weiter, bis Brentano ein Ende signalisierte.
Nun wandte sie sich an das verblüffte Publikum und stellte die Frage, die allen durch den Kopf ging:
„Warum Bach? Weil Johann Sebastian Bach im Leben des vierzehnjährigen Ludwig van Beethoven eine ganz zentrale Rolle spielte. Er beherrschte zu dieser Zeit bereits alle Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers, die sein großes Vorbild Bach für alle vierundzwanzig Dur- und Molltonarten komponiert hatte. Also Bach, was sonst!“ Die Maestra hielt inne, und ließ ihre Worte auf das Publikum wirken. Dann fuhr sie fort:
„Der junge Beethoven studierte die Noten aller berühmten deutschen Komponisten vor ihm. Deshalb werden wir jetzt gleich auch ein wenig von Georg Friedrich Händel hören, der im selben Jahr wie Bach geboren wurde, und dessen Musik heute noch genauso aktuell ist wie zu Zeiten des jungen Beethoven.“
Das Publikum begriff, worauf die Maestra hinauswollte, wurde ruhiger und verfolgte mit großem Interesse den Vortrag dieser „musikalischen Lektion“. Das Orchester schwieg während der junge Czerny Händels Klavier-Allemande in G-Dur bis zum Schluss fehlerlos durchspielte und der Junge erntete dafür den zu Recht verdienten jubelnden Beifall. Wieder sprach die Brentano zum Publikum, das ihre Worte nun regelrecht verschlang.
„Und jetzt werden wir ein Werk des berühmtesten Zeitgenossen Beethovens hören, als dieser erst vierzehn Jahre alt war. Ahnen Sie, wer das sein könnte?“
Voller Freude über die Frage riefen kundige Zuhörer ihre Antworten. Die meisten nannten den Namen Mozart, andere riefen Haydn.
Brentano lächelte, sagte aber nichts, sondern winkte eine Schar zusätzlicher Musiker herbei, die sich dem kleinen Orchester anschlossen. Hinter ihnen trugen Bühnenarbeiter Notenständer herein. Zu den neuen Instrumenten gehörten Klarinetten, zwei Oboen, zwei Fagotte, weitere Hörner, Trompeten und dazu kam noch die Paukistin, deren große Instrumente bereits auf der Bühne standen, sowie ein mittelgroßer Bösendorfer-Flügel, der nun anstelle des Klavichords hereingerollt wurde. Nachdem die Musiker Platz genommen hatten – Czerny war nun am Konzertflügel –, sprach Brentano erneut.
„Diejenigen, die mit ‚Mozart‘ geantwortet haben, liegen richtig. Es war tatsächlich Wolfgang Amadeus Mozart. Es war der größte Wunsch des jungen Beethoven, nach Wien zu reisen und bei ihm Unterricht zu nehmen. Und das tat er auch, im Alter von sechzehn Jahren, ausgestattet mit dem Empfehlungsschreiben eines gemeinsamen Freundes. Mozart empfing ihn in seinem Musikzimmer und forderte ihn auf, etwas vorzuspielen. Der junge Beethoven gab ein Stück zum Besten, das Mozart erst kürzlich komponiert hatte …“ Brentano wandte sich zu den Musikern, hob den Taktstock, hielt ihn länger als üblich in der Luft und gab dann den Einsatz zu Mozarts ergreifendem Klavierkonzert Nr. 24 in c-Moll aus dem Jahr 1786. Mozart hatte nur zwei seiner Klavierkonzerte in einer Moll-Tonart geschrieben, und den Zuhörern wurde rasch klar, warum der aufbrausende junge Beethoven gerade das eine hier so sehr geschätzt hatte. Am Ende des langen, stürmischen Allegros ließ Brentano den Taktstock sinken und blickte wieder zum Publikum.
„Möchten Sie wissen, wie Mozart auf Beethovens Interpretation reagiert hat?“
„Ja! Ja!“
„Sagen Sie es uns, Maestra!“
„Sagen Sie es!“ Das ganze Publikum flehte um eine Antwort.
„Mozart sagte: ‚Nicht das! Das kann jeder spielen. Spiele er etwas Eigenes.‘ Und das tat Beethoven.“
Doch die nächsten Worte der Maestra wirkten unbefriedigend auf das Publikum.
„Und was hat er für Mozart gespielt? Wir wissen es nicht.“ Sie setzte rasch fort: „Wahrscheinlich improvisierte er aufwändig über ein Thema, das ihm dort auf der Stelle einfiel. Was immer es auch war, es veranlasste Mozart, seine Frau Constanze herbeizuholen und ihr ganz aufgeregt folgende Worte zu sagen, die in die Geschichte eingegangen sind: Der wird eines Tages in der Welt von sich reden machen.“ Da ging ein zustimmendes Raunen durch das Publikum. Brentano sprach weiter:
„Mozart willigte ein, Beethoven als Schüler aufzunehmen, aber als der Knabe in sein Quartier zurückkehrte, fand er dort eine dringende Depesche seines Vaters, der ihm befahl, mit der nächsten Postkutsche nach Bonn zu eilen. Seine Mutter war schwer an der Schwindsucht erkrankt und die Ärzte fürchteten um ihr Leben. Natürlich kehrte er sofort nach Bonn zurück, doch seine Mutter Maria Magdalena starb drei Monate später. Als Beethoven im November 1792 nach Wien zurückkehrte, war auch Mozart bereits gestorben.“
Das Publikum seufzte einstimmig, Brentano nickte verständnisvoll, sprach aber sofort weiter.
„Nun, bei welchem anderen berühmten Komponisten in Wien hoffte der junge Beethoven dann zu studieren?“
„Joseph Haydn!“ Der Name lag jedem interessierten Zuschauer auf der Zunge.
„Ganz genau. Und genauso wie man im frühen Beethoven immer ein bisschen Mozart heraushören kann, so kann man auch ein bisschen Haydn in Beethoven finden, wenn man will. Nehmen wir ein heiteres Beispiel für Joseph Haydn: den dritten Satz seines relativ späten Klavierkonzertes Nr. 11 in D-Dur. Wir wollen Ihnen jetzt diesen verspielten Schlusssatz präsentieren.“
Brentano wandte sich an das vergrößerte Orchester, begrüßte besonders die beiden Hörner und die zwei Oboen, nickte Czerny zu und hob den Taktstock. Mit diesem Einsatz begannen Orchester und Klavier gemeinsam das lebhafte und schelmische ungarische Rondo.
Nachdem der Applaus verhallt war, sprach Brentano ein letztes Mal zum Publikum, während einige Instrumentalisten diskret die Bühne verließen und damit das Orchester auf die vom vierzehnjährigen Beethoven angegebene Instrumentierung reduzierten.
„Und nun werden wir für Sie Beethovens erstes, sein allererstes Klavierkonzert spielen, nämlich das nullte Klavierkonzert.“
Will Meridian und Heike Musenberg neigten sich unwillkürlich in ihren Sitzen nach vorne. Würde es die Orchestrierung von Willy Hess sein oder eine neue, von der Maestra selbst arrangiert? Das marschähnliche Thema der beiden Flöten und der beiden Hörner zu Beginn dieses Jugendwerks wurde bald von den Streichern aufgegriffen. Das Klavier setzte mit einer überraschend virtuosen Variation ein und präsentierte anschließend noch mehr melodisches Material, bis dieses überraschend in ernsthaftere Klänge überging, und die Fähigkeit des späteren, erwachsenen Beethovens zum Ernsten und Großen erahnen ließ. Die ausgesprochen delikate Orchestrierung war nicht die von Hess, sondern ganz offenkundig Brentanos eigene, bewusst zurückhaltende Interpretation.
Beethovens Kadenz erklang meisterhaft und glanzvoll. Der zweite Satz, ein Larghetto, war ebenso ergreifend wie schön. Es gelang Brentanos Schützling, die unerwartet intensive Beschwörung der Wehmut im ersten Thema ganz ohne Kitsch zum Klingen zu bringen, obwohl das früher oft anders praktiziert wurde. Wie bei Haydns „Ungarischem Rondo“ war Beethovens Schlusssatz zunächst ein heiteres Getümmel, das plötzlich und unerwartet von einem Moll-Intermezzo im ungarischen Stil abgelöst wurde.
Als der letzte Ton verklang, lösten sich Carl Marko Czernys Finger sanft von den Tasten des Klaviers. Der begeisterte und langanhaltende Applaus verebbte erst, als der Junge und die Maestra nach mehreren Verbeugungsrunden die Bühne endgültig verließen.
Der Gast aus China, Li Shutong, war noch dabei, sich die Tränen fortzuwischen und pries im Stillen Beethoven, den Menschen, und Beethoven, den Schöpfer. Wie dankbar war er, dass er die Musik des Meisters trotz seiner fortschreitenden Gehörschwäche immer noch hören konnte, wenn auch etwas gedämpft.
Die Pause würde zwanzig Minuten dauern. Zeit genug für Society-Löwen und stille Beobachter, um ihre Runden zu machen.
14
Keiner, der sich auf der Suche nach den Lebensstationen Beethovens vor der rosafarbenen Fassade seines Geburtshauses in der Bonngasse Nr. 20 wiederfindet, kann umhin, rechts daneben das etwas höhere, gelbe Haus Nr. 18 zu bemerken. Dort wohnte zur Zeit von Beethovens Geburt ein Bonner Ratskämmerer namens Baum und seine Frau, Gertrude. Sie war nicht nur Nachbarin, sondern auch enge Freundin von Maria Magdalena, vormalige Keverich, und Johannes van Beethoven.
Als Ludwig van Beethoven zur Welt kam, bat die Familie Beethoven die Freundin und Nachbarin in diesem gelben Haus, Patin des Kindes zu werden, und sie war es, die die Taufe am 17. Dezember 1770 organisierte.
Diese Verbindung der beiden Häuser mit Beethoven wurde 1907 erneuert, als der Verein Beethoven-Haus das gelbe Nachbarhaus aus dem Jahre 1700 erwarb. Es wurde renoviert und diente zunächst als Mietshaus, bis 1927 dort die Lager-, Arbeits- und Bibliotheksräume für das damals neu gegründete Beethoven-Archiv entstanden. 1936 erfolgte ein weiterer umfangreicher Innenausbau. Seither gibt es nur noch eine einzige kleine Wohneinheit, eine Dachgeschosswohnung im hinteren Teil des Gebäudes, deren privater Eingang einer amerikanischen Feuerleiter ähnelt. Heute wird sie gelegentlich von der Direktion des Beethoven-Hauses zur Unterbringung wichtiger Gäste genutzt. 2004 wurde im vorderen Teil des Erdgeschosses der Museumsshop eingerichtet und im hinteren Teil befindet sich das „Digitale Beethoven-Haus“ mit mehreren Computerarbeitsplätzen. Das Kellergewölbe ist ein beliebter „digitaler Beethoven-Salon“ für spezielle Anlässe.
Aber eigentlich war das gelbe Haus in der Bonngasse 18 schon im 19. Jahrhundert wegen der lebensgroßen Holzfigur berühmt, die die Fassade im zweiten Stock schmückt. Sie ist auch heute noch in einer Nachbildung an derselben Stelle zu sehen und zeigt einen jungen Schwarzen, der mit nichts als einem kurzen Zeremonienrock bekleidet ist.
Auf dem Kopf trägt er eine große Krone und in der rechten Hand hält er eine lange Tabakspfeife, während seine linke Hand auf einem großen grünen Fass ruht. Neben dieser Statue prangt eine Inschrift in großen Lettern: „Im Mohren“. Die fast 80 Kilogramm schwere Figur wird gemeinhin mit Balthasar in Verbindung gebracht, dem jüngsten und darüber hinaus einzigen Schwarzen der drei Weisen aus dem Morgenland. Balthasar ist jener der heiligen drei Könige, der dem Jesuskind die Myrrhe brachte. Doch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts beherbergte das historische Gebäude einen Gewürzladen mit Spezereien aus fernen Ländern und Historiker vermuten, dass dies der wahre Grund für die Statue des „Mohren“ und das Schild an der Fassade gewesen sei.
Einer derjenigen, die sich mit der Geschichte des Hauses Nr. 18 bestens auskannten, war Balthasar Bridgetower. Der ehemalige Geistliche hatte seinen klerikalen Gemeindedienst im Bistum London aufgegeben, um seinen weiteren Lebensweg einem einzigen, ganz anderen Ziel zu widmen. Er wollte beweisen, dass der Komponist Ludwig van Beethoven afrikanischer Abstammung war. Seit zwei Tagen schon logierte Balthasar als geheimer Gast der Direktorin des Beethoven-Hauses, Dr. Heike Musenberg, in der Dachgeschosswohnung des gelben Hauses.
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Will und Megan waren unter den ersten, die gleich zu Beginn der Pause den Zuschauerraum verließen, aber vor den Toiletten hatten sich bereits zahlreiche Wartende sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen angestellt. Als sie sich wieder trafen, war Will atemlos vor Aufregung.
„Rate mal, wer heute Abend hier ist! Ich habe gerade gesehen, wie er sich auf der Toilette die Hände gewaschen hat!“
„Wie sollte ich das erraten?“, sagte Megan und beäugte die lange Reihe von Männern vor dem Raum, aus dem Will gerade gekommen war. Anders als sonst immer, stellte sie fest, war die Warteschlange der Männer hier so lang wie sonst nur die vor dem Frauen-WC in jedem Konzertsaal der Welt.
„Wer auch immer es war, es ist gut zu wissen, dass er sich die Hände wäscht“, scherzte sie.
„Na schön. Ich gebe dir einen Tipp.“ Will beobachtete die Herrentoilette und wartete darauf, dass der geheimnisvolle Konzertbesucher herauskam.
„Um deine Bemerkung zum Händewaschen aufzugreifen, gleich dazu mein Tipp: Es ist jemand, der vor nicht allzu langer Zeit tatsächlich versucht hat, seine Hände von allerlei Betrug reinzuwaschen.“
„Wie aufregend! Aber ich habe wirklich keine Ahnung, von wem du sprichst. Hat es etwas mit Beethoven zu tun?“
„Aber das hat es doch immer!“
„Bitte lass mich nicht raten. Sag es mir.“
In diesem Moment trat ein Mann, vielleicht Mitte fünfzig, mit asiatischen Gesichtszügen, auffälliger dunkler Brille und schulterlangem schwarzen Haar aus der Tür. Will raunte Megan zu.
„Schau! Da ist er. Da ist er!“
„Wer? Ist er Chinese, Japaner, vielleicht Koreaner?“
„Er ist Japaner. Du erkennst ihn immer noch nicht?“
„Nein, tut mir leid, keine Ahnung.“ Megan wand sich vor Verlegenheit.
„Es ist Takuto Nisemono. Höchstpersönlich. Ich bin erstaunt, dass er die Anmaßung besitzt, hier zu erscheinen.“
„Du meinst den sogenannten japanischen Beethoven? Diesen Dirigenten und angeblichen Komponisten, der behauptete, er sei völlig taub wie Beethoven, bis sich herausstellte, dass alles nur vorgetäuscht war?“
„Ja, genau der ist es.“
„Stimmt, ich erinnere mich irgendwie an die Sache. Wie hat man denn herausgefunden, dass er nicht taub war?“
„Seine Konzerte waren gerade wegen seiner angeblichen Taubheit sehr populär und sein spektakuläres Auftreten als ‚Japans moderner Beethoven‘ brachte ihm viel Publicity. Aber dann beobachtete ein Zeitungsreporter beim Interview in seinem Haus in Yokohama ein paar Ungereimtheiten. Der angeblich taube Nisemono reagierte beispielsweise sofort auf ein Klingeln an der Tür und beantwortete die Fragen des Reporters mehrmals schon vor der Übersetzung des Gebärdendolmetschers.“
„Jetzt erinnere ich mich wieder“, sagte Megan und blickte indigniert hoch, „Er konnte gar nicht komponieren, sondern hatte einen Ghostwriter, der all seine Kompositionen für ihn schrieb. Richtig?“
„Genau. Das war Tiigaki, ein Musiklehrer, der im Stillen komponierte, und dieser ließ dann alles auffliegen indem er in aller Öffentlichkeit sagte, dass er der eigentliche Komponist von Nisemonos angeblich erster – und einziger – Sinfonie war. Und dass dieser Möchtegern-Beethoven auch gar nicht taub war. Nisemono hatte alles nur vorgetäuscht, um sein Image in der öffentlichen Wahrnehmung ganz eng mit Beethoven zu verknüpfen und sich dadurch mit dem Mythos der Genialität zu umgeben.“
Megan betrachtete den schlanken, langhaarigen Mann mit unverhohlener Missbilligung, als er an ihnen vorbeiging. Er hingegen schenkte ihr sogar ein kurzes Lächeln. Sie ignorierte ihn. Der Mann erhoffte offenbar immer noch Aufmerksamkeit, dachte sie. Selbst nachdem man ihn schonungslos als Japans falschen Beethoven entlarvt hatte. So ist das also, gar keine Aufmerksamkeit ist für manche immer noch unerträglicher als negative Aufmerksamkeit. Aber was hatte er eigentlich in Bonn zu suchen?
In diesem Moment klärte sich das Rätsel zumindest teilweise auf. Denn Nisemono schüttelte jetzt einem anderen asiatisch wirkenden Mann die Hand. Will konnte seine Anspannung kaum verbergen.
„Megan, ist dir klar, wem Nisemono gerade die Hand schüttelt?“
Dieses Mal war Megan im Bilde.
„Das muss der Ur-Urenkel von Li Shutong sein, der Beethoven als Erster in China bekannt machte. Aber warum sollte der heutige Li Shutong überhaupt mit diesem japanischen Ganoven sprechen?“
16
Nikolaus Schlau, der Klavierstimmer, war keineswegs untätig, während seine Frau die erste Hälfte ihres First and Final Konzerts absolvierte. In ihrem Büro im Untergeschoss verfolgte er den Beginn noch kurz auf dem Bildschirm, dann machte er sich an die Arbeit. Aus dem Tiefgeschoss holte er eine übergroße, rollende Mülltonne herauf, schob sie in das Konferenzzimmer seiner Frau und holte dann noch eine zweite.
Er versperrte die Tür von innen und öffnete vorsichtig die Abstellkammer, wo er die beiden Leichen versteckt hatte. Der ältere Zimmermann lag in einer Blutlache, und Nikolaus sah sich nach etwas um, um seine eigene Bekleidung zu schützen. Er fand eine Plastiktischdecke auf einem der Regale, faltete sie auseinander und bedeckte die Leiche damit. Dann stemmte er den bluttriefenden, leblosen Körper hoch und ließ ihn langsam in die erste Mülltonne gleiten.
Der Tote sackte in sich zusammen, als Nikolaus ihn losließ, und sein Kopf hing schwer auf seiner Brust. Sorgfältig zog Nikolaus das blutige Plastiktischtuch heraus, rollte die Tonne beiseite und schob dann den zweiten Behälter in die Abstellkammer. Die andere Leiche, die des jüngeren Mannes, war schwerer, so dass sich das blutbeschmierte Plastiktuch nur schwer um ihn wickeln ließ. Dieser Vorgang war anstrengender, und Nikolaus musste sich danach für einige Minuten setzen und ausruhen.
Schritte waren im Flur zu hören. Nikolaus erstarrte und hielt den Atem an. Die Schritte wurden lauter und schienen vor dem Konferenzraum anzuhalten. Es vergingen endlose Sekunden, bis sie sich endlich wieder zu entfernen schienen. Außer Nikolaus’ schweres Atmen war nun nichts mehr zu hören. Er musste noch einen weiteren Ausflug in das Tiefgeschoss machen.
Mit wieder halbwegs normaler Atemfrequenz wagte er sich erneut hinaus, schloss die Tür hinter sich von außen ab, ging zum Aufzug und fuhr ins Tiefgeschoss zurück. Niemand war zu sehen und er fand rasch, was er suchte – den Rollwagen und den Wischmopp des Putztrupps. Er war im Begriff, das Wägelchen zum Aufzug zu rollen.
„Na, und Ihnen einen wunderschönen guten Abend, Herr Schlau!“ Eine dröhnende Männerstimme hallte durch den Flur. Nikolaus fiel fast um vor Schreck.
„Soso“, fügte der Mann ironisch hinzu, „wie ich sehe, sind Sie auf einen neuen Posten befördert worden.“
Es war der Nachtwächter, der ihn wiedererkannt hatte. Diesem war der selbstgefällige Klavierstimmer des Orchesters, der noch dazu unbegreiflicherweise der Ehemann der großen Maestra war und dies auch stets durchblicken ließ, schon oft unangenehm aufgefallen.
„Ha! So scheint es, ähm, Herr Neidisch, nicht wahr? Sie wissen ja, wie penibel unsere Maestra auf Sauberkeit achtet. Ich habe gerade meine Cola auf dem Boden in ihrem Büro verschüttet und muss das noch vor Beginn der Pause wegwischen.“
„Na sowas aber auch! Brauchen Sie Hilfe?“, höhnte der Nachtwächter. Dieser Wichtigmacher würde von ihm bestimmt keine Hilfe bekommen. Er und seine Frau, so prominent und berühmt sie auch sein mochte, hätten doch in Bonn keine Chance, wäre da nicht der tragische Motorradunfall gewesen, bei dem der vorherige Chefdirigent der Klassischen Philharmonie Bonn fast ums Leben gekommen wäre. Der Motorradfahrer, der den Unfall verursacht und dann Fahrerflucht begangen hatte, war von der Polizei nie gefasst worden. Neidisch erinnerte sich an die Zeitungsberichte, in denen es hieß, ein Zeuge habe eine Maschine der Marke BMW gesehen, aber ob ein Sport- oder Tourenmodell, das hatte er nicht sagen können, auch nicht, wie viele Zylinder sie hatte. Im Grunde war sich der Zeuge nicht einmal sicher, ob es sich bei dem Motorrad wirklich um eine BMW handelte. Wie seltsam, dass gerade der etwas nervös wirkende Nikolaus Schlau ihn an dieses Ereignis erinnerte, dem die Maestra und ihr Mann ihre jetzigen Arbeitsplätze in der Beethovenhalle verdankten.
„Nettes Angebot, aber mit der Sauerei werde ich schon allein fertig, wenn ich mich jetzt beeile. Himmel, es sieht aus wie eine Blutlache, wenn Sie wissen, was ich meine.“ Nikolaus konnte die Aversion seines Gegenübers förmlich spüren und versuchte, seine Sympathie zu gewinnen.
„Nein, ich weiß ganz und gar nicht, was Sie meinen. Aber ich wünsche viel Erfolg beim Aufwischen.“ Tobias Neidisch amüsierte sich köstlich über seine eigenen Sticheleien, es schüttelte ihn fast vor Lachen, als er seinen Weg den Flur hinunter fortsetzte und er blickte noch einige Male zurück. Wozu brauchte der athletische Klavierstimmer einen Wischmopp und den Putzwagen? Wie war es bloß dazu gekommen, dass diese wunderbare Frau, die Maestra, mit einem solchen Tölpel verheiratet war?
Die Aufräumarbeiten in Bettinas Dirigentensuite dauerten länger, als es Nikolaus lieb war. Dann musste er alle beiden Leichen noch aus dem Gebäude schaffen, und das wollte er vor der Pause erledigen.
Jetzt ist die Luft rein, dachte Nikolaus, schloss die Tür des Konferenzraums auf, überblickte noch einmal den Korridor und schob dann die erste Mülltonne in den Flur hinaus. Er versperrte die Tür hinter sich und steuerte seine Fracht ins Tiefgeschoss durch den Kellerflur bis zur Personaltür und zur Laderampe. Von dem überheblichen Nachtwächter war keine Spur mehr zu sehen. Dieselbe Prozedur noch einmal, und als die beiden Mülltonnen endlich wieder nebeneinanderstanden, überdeckte Nikolaus sie mit einer herumliegenden Plane.
Er verließ das Gebäude und ging flotten Schrittes zum Personalparkplatz und zu seinem grauen Mercedes Van. Rasch lenkte er den Lieferwagen vor den Personaleingang des Gebäudes und parkte so, dass die Sicht auf die Tür für alle Vorbeikommenden blockiert war. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass keine Passanten in der Nähe waren, öffnete er lautlos die Hecktüren, dann den Personaleingang, und schob die beiden Mülltonnen mit einiger Mühe bis auf wenige Zentimeter an das Fahrzeug heran. Er überprüfte noch einmal, ob die Luft rein war, und stemmte eine Tonne nach der anderen in den Transporter.
Dann stellte er den Wagen wieder auf seinen ursprünglichen Parkplatz, ging zurück zur inzwischen zugefallenen Personaltür, schloss sie mit seinen Generalschlüssel auf, schlich hinein und ging den ganzen Weg wieder zurück durch den Keller. Der impertinente Nachtwächter Neidisch war wieder auf Patrouille, aber sie beachteten einander nicht. Wieder im Konferenzraum machte sich Nikolaus an die weiteren Aufräumarbeiten um noch vor der Pause alles sauber zu bekommen. Er hoffte inständig, dass seine Frau ihr Podium nicht eher verlassen würde, bis er fertig war. Bettina konnte doch kein Blut sehen.
17
Megan und Will waren nicht die einzigen, die das Konzert an diesem Abend besuchten und dabei den berüchtigten „falschen japanischen Beethoven“ erblickten. Li Shutong aus China hingegen, immer noch in Euphorie, immer noch voller yú, hatte seinen Logenplatz in Richtung Hauptfoyer verlassen, um etwas frische Luft zu schnappen. Als er das untere Foyer betrat und an den Toiletten vorbei zum Eingangsbereich der Halle ging, versperrte ihm jemand mit einer tiefen Verbeugung den Weg, und er spürte, dass seine rechte Hand ergriffen wurde. Unversehens fand er sich in einer Begrüßungszeremonie wieder, der er nicht ausweichen konnte, denn ein übertrieben herzlicher, sich ständig verbeugender Fremder hatte begonnen, seine Hand zu schütteln und ihn dabei wortreich für die Errichtung des genialen und gigantischen Beethoven-Denkmals in Qingdao zu loben.
Wer war dieser geschwätzige Mensch, der ihn auf Englisch begrüßte und den Namen seiner chinesischen Heimatstadt mit japanischem Akzent aussprach? Er war ganz eindeutig asiatischer Herkunft, offenbar aus Japan, und seine Beschreibung des Beethoven-Denkmals von Qingdao war absolut zutreffend.
„Ach, hochverehrter Li Shutong, welch überaus große Ehre, Ihnen hier zu begegnen, in Bonn Ihrem ruhmreichen Antlitz gegenüberzustehen, an einem so idealen Ort für uns beide, versteht sich.“
Der Mann hielt Li Shutongs Hand immer noch fest umklammert und hörte nicht auf, sie energisch zu schütteln. Li bemühte sich, dem Händedruck zu entkommen, vergeblich. Er versuchte, die Wortkaskade des Fremden mit einer Frage zu unterbrechen.
„Verzeihung, aber wer sind Sie?“
„Oh, es spielt doch überhaupt keine Rolle, wer ich bin. Sie sind es, der hier von Bedeutung ist. Sie, dem die ganze Beethovenwelt zu Dank verpflichtet ist. Dem vor allem diese Bonner Beethovenhalle zu Dank verpflichtet ist.“
Jetzt überwog Lis Neugierde seinen Ärger. Er befreite sich endlich von der Hand des Unbekannten mit dem langen Haar und der unnützen Sonnenbrille und beschloss, auf eine Antwort zu drängen.
„Nein, ich muss wissen, wer ein solcher Fan von Beethoven ist. Sagen Sie mir, wer Sie sind.“ Ganz automatisch überprüfte er rasch mit den Mittelfingern beider Hände, ob sein Hörgerät richtig saß.
„Ich bin Dirigent, Komponist und ein stolzer Japaner.“
Das genügte. Li erkannte mit Entsetzen, wer der unerwünschte Gesprächspartner war. Es war dieser skandalumwobene Hochstapler aus Tokio, der seine Taubheit vorgetäuscht hatte, ein Scheinkomponist, der die Werke eines gedungenen Kollaborateurs als seine eigenen ausgab, es war Takuto Nisemono!
Und hier stand er selbst, Li Shutong, und hatte mit einer echten, fortschreitenden Taubheit zu kämpfen. Oh, welch heimtückische, grausame Ironie des Schicksals! Er kehrte dem Scharlatan den Rücken zu und ließ ihn stehen.
18
Wie sein Vater vor ihm, so glaubte auch Leo Weissknab an die Überlegenheit der weißen Rasse. Er hielt sich nicht für einen typischen Neonazi oder etwas dergleichen Proletenhaftes. Aber er war davon überzeugt, dass er und seine weißen Kommilitonen sich deutlich von all den vielen Migranten unterschieden, die jetzt die einst stolze Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn bevölkerten. Das war sogar im Fachbereich Musikwissenschaft so, wo er sich bereits im zweiten Semester befand. Nicht nur, dass viele der Studierenden fremdartig aussahen – einige kamen aus Afrika, andere aus Asien –, sie sprachen auch lieber in ihren Landessprachen miteinander, anstatt ihre erbärmlichen Deutschkenntnisse zu vertiefen. Daran war der wissenschaftliche Forschungsschwerpunkt der Fakultät schuld, da war sich Leo ganz sicher: „Globale Musikkulturen in modernen Gesellschaften“. Wie das schon klang! Was sollte das überhaupt sein, dachte Leo, der sich nur und ausschließlich für die deutsche Musikkultur interessierte. Zwar rühmte sich sein Fachbereich als kompetent für die europäische Musik seit 1700, doch wo waren Pachelbel, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn und Schumann? Sie waren in nur anderthalb Wochen abgehandelt worden! All diese Meister in nur ein paar Vorlesungen und vier Hörstunden! Es war ein Wunder, dass sie nicht auch noch Brahms in dieses Kurzprogramm eingebaut hatten, dachte er zornig.
Er sah sich als angehender Pianist mit gebotener Ehrfurcht vor den Meisterwerken seines Instruments und sah sich überhaupt nicht als Rassist, Chauvinist, oder gar als überzeugter Neonazi, um Gottes Willen, nein! Er sah sich vor allem als überzeugten Beethoven-Verehrer.
Aber am Tag zuvor hatte er miterleben müssen, wie ein dummer Hetzredner sich auf dem Bonner Universitätsgelände wichtig gemacht hatte, indem er die Studenten aufforderte, am kommenden Tag auf dem Münsterplatz zu demonstrieren, und da war ihm schon die Galle übergelaufen, ja, da wäre Leo fast ausgerastet. Denn dieser Volksverhetzer war, wenig überraschend, ein Schwarzer – ein Mann mittleren Alters mit einer Beanie-Mütze und einem mächtigen Schnauzbart – und seine einfältigen, gutgläubigen Zuhörer waren auch alle überwiegend dunkelhäutig. Das Widerwärtige daran war, dass er ihnen mit Erfolg einredete, Beethoven sei schwarz gewesen! Und diese Idioten glaubten ihm auch noch!
Deshalb hatte sich Leo geschworen, ebenfalls auf dem Münsterplatz zu erscheinen, dort wo das erhabene Standbild seines Idols stolz und mächtig auf seinem Sockel alles überragte. Und er hielt seinen Schwur nicht nur, sondern nahm auch ein ganz besonderes Stück aus dem Besitz seines Vaters mit. Es war eine wunderschöne kleine Pistole Kaliber 22. Und sie passte tadellos unter seine braune Weste.
19
„Erkennen Sie mich denn nicht, Frau Direktorin?“
Heike Musenberg war darauf konzentriert, sich so weit wie möglich von dem Wiener Plagegeist Oskar Schnösel fernzuhalten, der im Foyer der Beethovenhalle die Leute der Reihe nach ansprach. Nun fuhr sie überrascht herum und sah zu dem ausdruckslosen Gesicht eines Mannes mittleren Alters hoch, der einen ganzen Kopf größer war als sie. Er blickte aus glanzlosen braunen Augen auf sie herab. Ein Schwarzer, dachte sie irritiert.
„Leider nein“, antwortete sie knapp.
Ein flüchtiges Lächeln huschte über das glattrasierte Gesicht des glatzköpfigen Mannes, der sich nun zu ihr hinunterbeugte.
„Ich bin es, Balthasar Bridgetower“, murmelte er ihr ins Ohr.
Fast wäre die ansonsten unerschrockene Museumsdirektorin entgeistert zurückgewichen.
„Du liebe Zeit! Sie sehen ja völlig anders aus!“ Gestern noch hatte er eine schwarze Mütze getragen, die, wie sie jetzt erkannte, offensichtlich seine Glatze verbergen sollte, doch er hatte auch einen buschigen, tiefschwarzen Oberlippenbart gehabt. Der war jetzt verschwunden. Völlig verschwunden. Er sah aus wie ein komplett anderer Mensch.
„Ja, ich habe ihn abrasiert“, las Bridgetower Musenbergs Gedanken. „Ich denke, nach den heutigen Ereignissen auf dem Münsterplatz war es richtig, mein Erscheinungsbild zu verändern.“
„Das ist Ihnen durchaus gelungen“, wieherte sie etwas zu laut. „Und natürlich sind Sie heute Abend nur wegen der Musik hier.“ Das klang nun leiser, aber auch sehr sarkastisch.
„Wegen Beethoven, sicher, unbedingt, aber auch, um Ihnen zu sagen, dass ich unsere Abmachung aufkündigen muss.“
„Jetzt? Hier?“
„Wo sonst, Frau Musenberg? Da Sie mich darum baten, erst morgen Abend zu meinem Vortrag in Ihr Museum zurückzukehren, erschien es mir nur zweckmäßig, Sie heute hier zu treffen.“
„Tut mir leid. Ich war nach der unglückseligen Demonstration auf dem Münsterplatz mit einem unerwarteten Besucherandrang beschäftigt und dann einfach zu sehr eingespannt, um mich bei Ihnen zwecks weiterer Details zu melden. Ich hatte wirklich vor, Sie gleich nach dem Ende des Konzerts anzurufen.“ Und das war nicht einmal gelogen, dachte Musenberg.
„Es wird keine weiteren Details mehr geben, Frau Direktorin. Ich steige hier und jetzt aus unserer Vereinbarung aus. Mit Mord hatte ich nicht gerechnet, als ich die Studenten zum Demonstrieren motivierte.“
„Moment mal“, fauchte Musenberg. „Wo bleibt Ihre Dankbarkeit? Ich habe wie versprochen für einen exklusiven, hochrangigen Medienvertreter im Museum gesorgt, als Sie Ihre kleine ‚Beethoven war schwarz‘-Show aufführten. Damit haben Sie Ihre Presseberichterstattung für Ihren schwarzen Beethoven bekommen wie gewünscht. Und ich habe Sie in der Privatwohnung des Vereins Beethoven-Haus untergebracht, damit Sie alles in der Nähe haben. Und um schnell wegzukommen, falls nötig. Das hat doch alles funktioniert, oder nicht?“
„Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass es nicht auch zu Ihrem Vorteil war, die Aufmerksamkeit der Medien auf Ihr Museum zu lenken!“
Heike Musenberg kochte. Sie hatte Großes mit diesem fehlgeleiteten Bridgetower-Nachfahren vorgehabt. Hätte ihn für mehrere Inszenierungen gut gebrauchen können. Und jetzt kündigte er ihr die Vereinbarung auf, die sie drei Tage zuvor bei ihrem geheimen Treffen im weit entfernten Muffendorfer Postamt ausgehandelt hatten. Nur weil bei einer Demonstration, die er angezettelt hatte, jemand zu Tode gekommen war! Sollte sie ihn bei der Polizei anzeigen? Damit könnte sie ihm zumindest drohen. Aber dann würde er vielleicht das Gleiche tun. Immerhin war sie es gewesen, die sich an ihn gewandt und ihn nach Bonn eingeladen hatte, nachdem sie von ihm eine E-Mail erhalten hatte, die nicht nur an sie, sondern an Dirigenten, Musiker, Beethoven-Museen und Bibliothekare in aller Welt gerichtet gewesen war. Ein Manifest mit der These, dass Beethoven schwarz gewesen sei. Dies wäre doch ein fabelhafter Anlass, Besucherscharen ins Beethoven-Haus zu locken, wenn man die Dinge nur richtig anpacken würde, hatte sie gedacht. Ja, sie hatte einiges angedacht und alles sollte im persönlichen Auftritt und im Vortrag von Bridgetower in ihrem Museum gipfeln. Sie hatte sogar geplant, seine Rede mit einer eigenen kurzen Präsentation einzuleiten. Eine Präsentation, bei der sie die Tatsache behandeln würde, dass Beethoven von manchen seiner Zeitgenossen als „dunkelhäutig“, ja sogar als „Mohr“ bezeichnet wurde. Sie wollte den Keim des Hasses und des Misstrauens säen, den das Wort „Mohr“ auslöste. Dann sollte der Reverend Bridgetower übernehmen, doch kein Publikum der Welt wäre mehr der lächerlichen These gefolgt, dass Beethoven schwarz gewesen sei, dachte sie.
Dr. Heike Musenberg war eine versierte Expertin, vor allem im Fach der Sabotage von anderen. Um auch eine musikalische Einstimmung für Bridgetowers Rede zu bieten und sich nichts nachsagen zu lassen, hatte sie sich sogar die Mühe gemacht, eine Pianistin und einen Geiger zu engagieren und die sogenannte Kreutzersonate aufs Programm gesetzt, die der russische Schriftsteller Leo Tolstoi in seiner gleichnamigen Novelle so berühmt gemacht hatte. Ursprünglich hatte Beethoven sie 1804 für seinen schwarzen Freund George Bridgetower geschrieben, und das Originalmanuskript scherzhaft mit Sonata mulattica, komponiert für den Mulatten Brischdauer übertitelt. Heike hatte gestaunt, wie Beethoven mit seiner Schwerhörigkeit und seinem phonetischen Englisch zur Schreibweise Brischdauer gekommen war. Sie wollte diese witzige Widmung dem Publikum vorlesen, bevor das Duo das schwierige Stück spielte. Was konnte schließlich falsch daran sein, anhand dieses von Beethoven so festgelegten Titels darauf hinzuweisen, dass Bridgetower selbst ein ‚Mulatte‘ war?
Sogar der frühere Präsident von Amerika ist ein ‚Mulatte‘, mit einem schwarzen Vater und einer weißen Mutter, dachte sie. Warum sollte das Wort ‚Mulatte‘ für irgendjemanden eine Beleidigung darstellen? Und gleich nach der Aufführung von Beethovens Violinsonate würde Musenberg dem Publikum erklären, dass der Grund, warum sie Kreutzersonate und nicht Bridgetowersonate heißt, darin lag, dass der großartige, sicherlich nicht schwarze Beethoven und der allerdings sehr schwarze Bridgetower über eine Frau in einen unversöhnlichen Streit geraten waren, weil der Geiger sich abfällig über sie geäußert hatte, wogegen Beethoven dieselbe sehr schätzte. Und so habe er die Sonate ostentativ umgewidmet, und zwar zugunsten des französischen Geigenvirtuosen Rodolphe Kreutzer, der sie dann allerdings nie spielte, und sie gar als zu schwierig bezeichnete. Das wäre doch ein untadelig legitimer Weg, die Bridgetower-Verbindung zu verunglimpfen, dachte sie.
Da erhob der Mohr ihr gegenüber plötzlich die Stimme und wagte es, ihre Gedanken zu unterbrechen.
„Natürlich werde ich morgen Abend meinen Vortrag in Ihrem Museum halten, wie versprochen. Aber ich kann nicht mehr guten Gewissens an etwas mitwirken, das möglicherweise zu weiteren rassistischen Gewalttaten Anlass geben könnte.“
„Ich verstehe. Wenn das Ihre Entscheidung ist, werde ich nicht versuchen, Sie umzustimmen. Doch weder Sie noch ich sind verantwortlich für den Mord, der heute begangen wurde. Das war das Werk eines Geisteskranken, und ich hoffe, dass er gefasst wird.“
„Das hoffe ich auch, Frau Musenberg. Danke für Ihr Verständnis. Als ein Mann Gottes kann ich nicht an Ereignissen teilnehmen, die zu solcher Gewalt führen oder auch nur führen könnten.“
„Klar.“
„Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Bis morgen Abend, Frau Musenberg.“ Bridgetower versuchte mit einer zaghaften Geste, ihr die Hand zu reichen, aber Musenberg ignorierte es.
„Bis morgen Abend“, sagte sie zurückhaltend. Sie blickte dem Mann nach und wiederholte noch einmal verächtlich für sich: „Bis morgen Abend, Herr ‚Mulatte‘.“
20
„Und du bist absolut sicher, dass niemand gesehen hat, wie du die Leichen in den Lieferwagen verfrachtet hast, Niki?“
Es war die Konzertpause und Bettina Brentano stand in ihrem frisch geschrubbten Konferenzraum im Untergeschoss der Beethovenhalle und lauschte mit wachsender Unruhe dem Bericht ihres Mannes über die Entsorgung der zwei toten Zimmermanns. Dass der Nachtwächter ihren Mann angesprochen, ja sogar bis zur Tür ihres Konferenzraumes begleitet hatte, war nicht erfreulich, aber gerade noch glimpflich verlaufen.
„Ich bin mir da ganz sicher. Gut ist, dass ich danach an derselben Stelle parken konnte, wie vorher.“
„Ja, das ist gut. Na schön, dann werde ich mir nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen.“
„Keine Sorge, Liebste. Ich denke, dass ich nach der Pause auch die Beethoven-Manuskripte in den Wagen legen sollte.“
„Unbedingt! Bring sie in Sicherheit! Und zieh’ unbedingt die Handschuhe an, wenn du den Brief und die beiden Partituren zurück in die Originalverpackung steckst.“
Vorsichtig hob sie ihre Jacke vom Tisch hoch und betrachtete die Schätze, die sie in der Eile darunter versteckt hatte.
„Hm, warte, Niki. Ich würde sagen, anstatt zu versuchen, alles wieder in das aufgeschnittene alte Paket zu stecken, sollten wir alles zusammen in einen der leeren Aktenkartons packen, die wir im Abstellraum stehen haben.“
Bettina öffnete den Abstellraum, warf einen anerkennenden Blick auf den blitzeblank sauber gewischten Boden, zog eine leere braune Schachtel aus einem der obersten Regale und stellte sie auf einen Stuhl neben dem Tisch. Das Behältnis schien wie maßgeschneidert für ihre Zwecke. Nikolaus blickte darauf und nickte zustimmend.
„Moment, warte mal. Hier, nimm das! Leg alles hier rein.“ Bettina hatte auch einen großen grauen Rucksack aus dem obersten Regal genommen.
„Perfekt. Und wenn alles eingepackt ist, bringe ich es sofort in den …“
Es klopfte dreimal kurz und einmal lang an der Tür und das Paar verstummte. Bettina schob Nikolaus hastig zurück in ihr Büro und schloss die Tür hinter ihm. Es blieb keine Zeit, die noch immer auf dem Konferenztisch ausgebreiteten Beethoven-Partituren wegzuschaffen.
Das Klopfen, das den drei Achteln und einer halben Note entsprach, die Beethovens fünfte Sinfonie einleiten, ertönte erneut. Diesmal begleitet von einer tiefen Männerstimme.
„Bettina, meine Liebe? Bist du da? Ich kann dich hören!“
In ihrer Verzweiflung warf Bettina ihre Jacke erneut über die Beethoven-Schätze auf ihrem Konferenztisch. Wie zuvor waren sie nur behelfsmäßig verdeckt.
„Ja, ja, ich komme ja schon“, rief sie. „Nur eine Sekunde.“ Einen Moment später öffnete sie die Tür des Konferenzraums.
Vor ihr stand Clemens Karl von Masuren, der Chefdirigent des Bonner Beethoven Orchesters, den sie sehnlichst eines Tages ersetzen wollte.
„Ich bin’s, Karl“, strahlte er sie an. Der hochgewachsene, vornehm wirkende Mann mit schütterem schwarzem Haar und einem gepflegten weißen Vollbart überragte sie noch um einiges.
„Ich wollte dir alles Gute für das fünfte Klavierkonzert wünschen, meine Liebe. Die erste Hälfte des heutigen Abends war zauberhaft, so gekonnt vorgetragen, aber es sind doch alle hier, um dein Spiel zu hören, was denn sonst. Also toi, toi, toi.“ Masuren breitete seine Arme aus, umarmte sie kurz und fort war er.
Bettina spürte einen Schauer des Ekels durch ihren Körper laufen. Eine Umarmung von dem Mann, den sie von der Bühne abservieren wollte! Am liebsten hätte sie ihm gleich die Tür vor der Nase zugeschlagen, doch das wäre unmöglich gewesen, und nun bebte sie am ganzen Körper. Doch sie fasste sich rasch wieder, und öffnete die Tür zu ihrem Büro.
„Ich hab’ alles gehört“, flüsterte Nikolaus. Er blickte auf den Konferenztisch. „Gott sei Dank konntest du die Beethoven-Partituren noch rechtzeitig zudecken.“
„Ja, Gott sei Dank. Wenn das Konzert vorbei ist, dann warte einfach im Wagen auf mich. Ich komme so schnell ich kann.“ Bettina warf einen Blick auf die große Wanduhr und erschrak.
„Du liebe Zeit! Ich muss mich umziehen! Du packst die Dokumente in den Karton und dann den Karton in den Rucksack.“ Trotz der gebotenen Eile blieb sie noch kurz, um ihren Mann dabei zu überwachen. Mit größter Sorgfalt legte Nikolaus das aufgeschnittene Paket und die Beethoven-Partituren in den stabilen Aktenkarton. Bettina reichte ihrem Mann augenblicklich den Rucksack. Dieser war groß genug für den Karton und bot auch noch Platz für mehr.
„Ja, prima Idee“, sagte er dankbar. Seine Frau hatte immer solch gute, praktische Lösungen parat.
Bettina verschwand noch einmal kurz in ihrem Büro und kam in dem umwerfenden Outfit heraus, das sie für die zweite Hälfte des Konzerts vorbereitet hatte. Sie war startklar. Seltsamerweise verspürte sie, die sonst nie nervös war, jetzt einen leichten Anflug von Lampenfieber. Mach dich bloß nicht selbst verrückt, sagte sie sich. Eine Minute später, als sie auf die Konzertbühne zusteuerte, war sie wieder die gleiche selbstbewusste Erscheinung wie eh und je.
21
Nach der ‚Beethoven war schwarz‘-Aktion auf dem Münsterplatz fühlte er sich zum ersten Mal seit Monaten wieder lebendig und wichtig. Leopold Weissknab fragte sich an diesem Abend, was er als Nächstes tun könnte, um seiner Berufung im Namen Beethovens zu folgen oder, wie er es für sich selbst nannte, mit brauner Scheiße auf vorlaute Schwarze zu zielen. Sein Geld reichte zwar nicht aus, um eine Karte für das große Konzert in der Beethovenhalle zu kaufen, aber um richtig Zoff zu machen, brauchte er das mächtige Gebäude noch nicht einmal zu betreten. Ihm war der wahnwitzige, große, abgetrennte Kopf von Beethoven eingefallen, der auf dem Gelände davor stand. Wie wäre es, wenn er mal den ‚Beethoven war schwarz‘-Fanatiker spielte und diesen Kopf aus Beton entsprechend ‚bearbeiten‘ würde, während das Konzert drinnen in vollem Gange war?
Eine solche Aktion würde drei achtbaren Zwecken dienen: erstens, diese schwarzen Fanatiker als das elendige Pack zu entlarven, das sie waren; zweitens, für Empörung bei den beschaulichen Bonner Bürgern sorgen, deren unerhörte Ausländerfreundlichkeit zur Überfremdung an der Rheinischen Universität geführt hatte; drittens würde er Ludwig van Beethoven die ihm gebührende deutsche Ehre zurückgeben.
Ja, wenn die Schwarzen es weiterhin wagten, den größten Bürger Bonns zu erniedrigen, indem sie ihn als ihresgleichen verunglimpften, dann würde er, Leopold Weissknab, es ihnen ebenso heimzahlen.
22
Das Publikum war nach der Pause auf seine Plätze zurückgekehrt und wartete gespannt auf den neuerlichen Auftritt der Maestra. Die Saalbeleuchtung war bereits heruntergedimmt, der mittelgroße Wiener Bösendorfer war gegen den gigantischen Steinway-Konzertflügel der Beethovenhalle ausgetauscht worden und stand dem Orchester zugewandt in der Bühnenmitte. Der Klavierdeckel war komplett entfernt worden, um der dirigierenden Pianistin einen ungehinderten Blickkontakt zu jedem einzelnen Mitglied ihres Orchesters zu gewähren. Das war nicht ganz neu: Der große Pianist und Dirigent Daniel Barenboim hatte diese Anordnung mit dem Rücken zum Publikum schon oft praktiziert. Die Orchestermitglieder stimmten ihre Instrumente, und warteten nun ebenfalls auf den Auftritt ihrer Solistin und Dirigentin. Und wie immer erfüllte die Maestra in jeder Hinsicht alle Erwartungen.
Applaus und begeisterte Zurufe begleiteten Bettinas Erscheinen, als sie mit würdevoller Eleganz in einer goldgleißenden Gewandung an den ersten Geigen vorbei zum Klavier schritt. Anders als im ersten Teil, als sie ganz in schimmerndem Schwarz aufgetreten war, trug sie nun einen exquisiten, hauchzarten, knielangen, goldgewebten Umhang, der ihre schlanke Figur umspielte, darunter ein enganliegendes goldenes Oberteil und eine dazu passende goldglänzende Hose. Sie nahm den Applaus voll gespielter Demut mit einer Hand am Herzen entgegen, wandte dem Auditorium den Rücken zu und setzte sich an den Flügel. Doch anstatt den Einsatz zu geben, hob sie mit geschlossenen Augen beide Hände über die Tastatur und hielt sie dort. Dann senkte sie langsam ihre Finger auf die Tasten und die ersten fünf ruhigen Solotakte erklangen. Jedoch nicht die des fünften Klavierkonzerts, sondern die des vierten!
Orchester wie Publikum waren verblüfft, denn der Unterschied zwischen dem einzigartigen Klaviersolo-Auftakt des vierten Konzerts und dem traditionellen Orchester/Klavier-Initialakkord des meisterhaften fünften Konzerts mit seiner unmittelbar darauf einsetzenden ausführlichen Solokadenz war den meisten wohlbekannt.
Eine unheimliche Stille erfüllte den Saal. Die Hände der Maestra schwebten wieder direkt über den Tasten und schienen dort zu erstarren. Ihre Augen waren immer noch geschlossen. Die Zeit schien stillzustehen. Endlich öffnete sie die Augen und starrte ausdruckslos auf das verdutzte Orchester. Sie errötete, denn sie war sich ihres Fehlers bewusst geworden. Du lieber Himmel! Was ist nur mit mir los? Wie konnte mir nur so ein schrecklicher Ausrutscher passieren? Diese unangenehme Sache mit den Zimmermanns hat mir mehr zugesetzt, als ich dachte! Ich muss mich zusammenreißen und tief durchatmen. Bettina schloss die Augen und atmete einige Male tief durch, bis sie spürte, dass ihre gewohnte Selbstsicherheit zurückkehrte. Wie elektrisiert stand sie auf, ging hoch erhobenen Hauptes um die Klavierbank herum, wandte sich dem Publikum zu und öffnete dabei in einer grandiosen Geste die Arme. Sie wusste ganz genau, was sie jetzt sagen würde.
„Meine lieben Beethoven-Freunde! Ich habe Sie soeben mit fünf Takten an das herrliche Werk erinnert, das dem Kaiserkonzert, dem edelsten unter Beethovens Klavierkonzerten, vorausging.“ Das Publikum nickte bestätigend bei der Nennung des bekannten Konzerttitels, den die Nachwelt diesem Ende 1808 begonnenen und drei Monate vor Napoleons Einmarsch in Wien im Juli 1809 fertiggestellten Konzert verliehen hatte, wie einige unter ihnen wussten.
„Und nun endlich, nachdem wir vor der Pause das aller-allererste, das nullte Klavierkonzert des Meisters hörten, wollen wir alle gemeinsam sein letztes, das fünfte, genießen.“
Mit diesen Worten hatte die Maestra ihre treuen Fans besänftigt, wandte sich wieder dem Klavier zu, setzte sich, ließ ihre Hände über der Tastatur schweben und gab dem Orchester mit einem energischen Nicken zu verstehen, dass nun mit einem prachtvollen Es-Dur-Akkord das eigentliche Konzert begann. Es folgte die ausgedehnte, von Beethoven selbst komponierte Kadenz mit ihren kunstvollen Tonleitern, Trillern und Arpeggien über drei mit Nachdruck gehaltenen Akkorden, bis das volle Orchester mit dem krönenden Thema brillierte. Beethoven hatte auch die zweite Kadenz, die traditionell am Ende des Satzes steht, auskomponiert, anstatt sie, wie es sonst üblich war, der Improvisation des jeweiligen Solisten zu überlassen. Und die Maestra gehorchte Beethovens Anweisungen. Sie tauschte seine Kadenz nicht gegen eine eigene aus. Denn der Komponist hatte es mit einer Notiz in der Partitur festgelegt: Non si fa una Cadenza, ma s’attacca subito il seguente. Man spiele keine eigene Kadenz, sondern setze unmittelbar fort.
Der erste Satz des fünften Klavierkonzerts war länger als die beiden anderen zusammen und als er endete, zeigten die Kundigen unter den Zuhörern ihre Anerkennung. Sie hatten auch wohlwollend bemerkt, dass die Maestra den als „deutsch“ geltenden Stil der rechten Hand anwendete, bei dem der Fokus auf der Bewegung des Handgelenks und reduzierter Fingerbewegung lag. Weder „russische“ Akrobatik noch exaltierter, „französischer“ Ästhetizismus sollte die Emotionen in der Bonner Beethovenhalle überlagern.
Das kurze, scheinbar improvisierte Adagio un poco mosso – langsam, mit etwas Bewegung – des zweiten Satzes begann fast radikal, jedenfalls unerwartet in H-Dur und entwickelte sich klangvoll und träumerisch, bis eine neue thematische Idee, die zweimal langsam vom Klavier vorgetragen, ein drittes Mal abrupt erklang und die Zuhörer mit einem Übergang ohne die übliche Pause zwischen den Sätzen in das heitere, schnelle Tempo des abschließenden Rondos katapultierte. Am Ende des dritten Satzes gab eine kurze Beruhigung dem gedämpften Geben und Nehmen zwischen dem Klavier und einer einzelnen Pauke Raum, bevor das Konzert mit einem letzten, überwältigenden Ausbruch von Jubel und Triumph endete.
Das Publikum war hingerissen. Ihre geliebte Maestra hatte es wieder einmal geschafft. Eine tadellose Interpretation, die nicht nur von Beethoven kühn komponiert, sondern von Brentano gleichermaßen mit Kühnheit und Besonnenheit vorgetragen worden war. Brava! Bravissima! Das war Beethovens Bonn, seine Geburtsstadt, wo er gelebt und gelernt hatte. Aber es war auch das Bonn der Bettina Brentano, wo die Maestra gleichzeitig als Pianistin und Dirigentin reüssierte. Was hätte sie sich noch mehr wünschen können?
23
Der donnernde Applaus, die Pfiffe und der Jubel zum Abschluss des First and Final Beethoven-Klavierkonzerts schienen kein Ende nehmen zu wollen. Selbst als der Großteil des Publikums bereits den Saal verlassen hatte, standen noch einige Unentwegte in den Reihen und klatschten im rhythmischen Gleichklang.
„Alle Achtung, sie weiß wirklich, wie man ein Publikum in Stimmung bringt, das muss ich ihr lassen“, murmelte Will zu Megan, als sie sich durch den überfüllten Gang zur Eingangshalle drängten.
„Darauf kannst du wetten. Bis zur Ekstase. Die Leute waren absolut begeistert. Und ich fand es ziemlich beeindruckend, wie die Brentano von ihrem Klavier aus dirigierte, so vis-à-vis dem Orchester zugewandt. Auch wenn ich es nach einer Weile leid war, nur ihren Rücken zu sehen“, resümierte Megan.
Schließlich hatten die beiden das große Foyer erreicht, wo Heike Musenberg mit einem distinguiert wirkenden schwarzen Glatzkopf an ihnen vorbeirauschte, offensichtlich um das Gebäude zu verlassen.
Als auch Will und Megan hinaus in die milde Frühlingsnacht traten, bot sich ihnen ein erstaunlicher Anblick. Die Leute vor ihnen tuschelten und deuteten auf ein Objekt auf der anderen Seite des Rasens. Andere gingen zügig, ja rannten sogar auf den Bereich zu, auf den sich alle Blicke richteten. Wenige Augenblicke später erklangen überraschte Rufe und schnell sprach sich die Nachricht herum.
Das Wahrzeichen der Beethovenhalle, die Beethon genannte Skulptur von Beethovens Kopf, war über und über mit schwarzer Farbe besprüht worden.
24
Am nächsten Morgen beim Frühstück sprachen alle darüber. Will war der Meinung, dass der Vandalismus an der Beethon-Skulptur nur das Werk von jugendlichen Strolchen gewesen sein konnte. Megan hingegen glaubte, darin eine viel subtilere Absicht zu erkennen. Was könnte es sonst sein als ein drastisches Statement zur ethnischen Herkunft Beethovens? Bonns Beethon war nun buchstäblich schwarz, absichtlich geschwärzt, von oben bis unten.
„Erklär mir doch endlich, was außer den so genannten ‚Afro-Rhythmen‘ in der linken Hand seiner Klaviersonaten für die Behauptung spricht, dass Beethoven schwarz gewesen sein soll?“, fragte Megan ihren Begleiter, während sie sich aus dem reichhaltigen Angebot an Früchten und Joghurts am Buffet ein Morgenmüsli zusammenstellte.
„Das ist nicht schwer. Hier, ich zeige dir eine der Webseiten, die das behaupten.“
Will nahm sein Smartphone, tippte eine Internetadresse ein, so dass Megan sie sehen konnte, und reichte ihr das Gerät. Sie blickte auf eine Seite namens „Black History“ und erkannte das bekannte Beethovenporträt, des Wiener Künstlers Höfel von Beethoven in seinem dreiundvierzigsten Lebensjahr, daneben die berühmte einzige Lebendmaske Beethovens, die Franz Klein zwei Jahre zuvor, im Jahr 1812, angefertigt hatte. Megan wusste, dass der markant finstere Ausdruck dieser Lebendmaske deshalb entstanden war, weil es dem Komponisten größtes Unbehagen verursacht hatte, mit einer Masse feuchten Gipses auf dem Gesicht das Trocknen abzuwarten und dabei nur durch zwei Strohhalme in der Nase zu atmen. Auf diese Weise war es zu dem verärgert wirkenden Gesichtsausdruck mit der zerfurchten Stirn gekommen, der später so gut wie alle Abbildungen des Komponisten prägte. Der Gesichtsausdruck hatte viele Beethoven-Verehrer des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts dazu verleitet, die allgegenwärtigen Kopien der Lebendmaske für die Totenmaske des Komponisten zu halten, und als solche wurde sie von den kunstbeflissenen Bildungseliten über Generationen in ganz Europa und Amerika verehrt und in zahllosen Wohnzimmern und Musiksalons ausgestellt. Selbst Persönlichkeiten wie der schwedische Schriftsteller August Strindberg, der italienische Dramatiker Gabriele D’Annunzio und die französische Malerin Rosa Bonheur präsentierten in ihren Wohnzimmern stolz Nachbildungen dessen, was sie für Beethovens Totenmaske hielten, obwohl es die Lebendmaske des Komponisten war. Darüber hatte sich Megan, die auf ihren Reisen in viele dieser Wohnungen kam, immer gewundert.
Nur wenige Amerikaner kannten die wahre Geschichte vom zornigen Beethoven, der sich beim ersten Modellierversuch die trocknende Gipsmasse ungeduldig vom Gesicht riss und auf den Boden warf, wo sie in sieben große Stücke zerbrach. Dann stürzte er laut Legende fluchtartig aus Kleins Atelier. Der Bildhauer sammelte die Stücke ein, klebte sie zusammen, und das Ergebnis war neben der bekannten Lebendmaske auch die Vorlage für eine berühmte Büste des Komponisten – die authentischste Beethoven-Darstellung der Welt, erneut mit zerfurchter Stirn. Megan erläuterte dies alles genau, während sie eigentlich auf die „Black History“-Webseite blickte, doch Will wartete ungeduldig darauf, dass sie nicht nur ihr Lieblingsthema, den Mythos Beethoven, dozierend die Bilder betrachtete, sondern auch den Text darunter las.
„Aber das ist doch völliger Blödsinn!“ Wie Will es erwartet hatte, war Megan empört über den Bildtext, denn da stand wortwörtlich: Im Alter von einundzwanzig Jahren übersiedelte Beethoven von Deutschland nach Italien, um dort zu studieren.
„Beethoven war doch kein einziges Mal in Italien!“, sagte Megan entrüstet, „Die verwechseln ihn glatt mit Mendelssohn!“
„Aber das ist noch gar nichts. Lies mal weiter.“ Megan nahm noch einen Bissen von ihrem Frühstück, dann las sie weiter.
„Ah, ich verstehe. Der Text spielt auf die alte Vermutung an, Beethovens Mutter sei möglicherweise eine Maurin gewesen, also nordafrikanischer Abstammung. Aber um Himmels willen, all das ist inzwischen von jeder Menge Experten gründlichst untersucht und eindeutig widerlegt worden. Es würde mich überhaupt nicht stören, wenn Beethoven schwarz gewesen wäre, aber er war es eben einfach nicht.“
„Ich bin ganz deiner Meinung, Megan. Aber lies weiter.“
„Herrje, was da steht ist ja fürchterlich! Da werden so genannte eurozentrische Historiker beschuldigt, die Wahrheit über Beethovens Erbgut zu vertuschen. Ach, und hier kommen die angeblich wichtigsten Eckdaten.“
Megan las laut vor, was auf der Internetseite stand: „Beethovens dunkler Hautton veranlasste ihn, bei öffentlichen Auftritten weißen Puder im Gesicht aufzutragen. Angeblich setzte er auch Körperdoubles für Porträts ein.“ Fast hätte Megan Wills Smartphone auf den Boden geworfen.
„Angeblich, genau. Dann wäre ja alles, was ich in meinem Buch über die Künstler, die Beethoven zu Lebzeiten porträtiert haben, recherchiert und geschrieben habe, falsch, haltlos, völlig daneben. Ha!“
„Verstehst du nun, warum ich wollte, dass du dir diese Webseite ansiehst?“
„Ja. Aberwitzige Behauptungen, aber einige davon kannte ich schon. Wenn hier doch mit richtigen Daten und echten Fakten gearbeitet würde! Dann wäre das alles doch viel glaubwürdiger!“, seufzte Megan, „Aber um dem Ganzen eine zeitgemäße Wendung zu geben: Kennst du den Rapper Kanye West und seine Yeethoven-Konzerte mit Sinfonieorchester?“
„Allerdings, die kenne ich. Und ich finde das Ergebnis – die Vermischung der beiden Genres – sehr spannend.“
„Ja, finde ich auch. Es gab ja tatsächlich schon seit Mozarts Zeiten einige schwarze Komponisten, die allerdings leider in der Geschichte untergingen, genau so wie die komponierenden Frauen übrigens auch … Darauf sollte man sich konzentrieren, recherchieren, wissenschaftliche Arbeiten schreiben. Aber, apropos Live-Konzerte, weißt du was?“, sagte Megan triumphierend und griff nach ihrer Umhängetasche.
„Was?“
„Ich habe das gesamte Konzert gestern Abend mit meinem Tascam-Recorder aufgenommen. Willst du ein bisschen hören?“ Megan zog das kleine leistungsstarke Aufnahmegerät aus ihrer Tasche und hielt es Will aufmunternd hin.
„Entweder das oder wir sind pünktlich beim Auktionshaus. Du weißt doch, die Ausstellung der Versteigerungsobjekte beginnt um zehn.“
„Was? So spät ist es schon?“ Megan warf einen Blick auf ihre geliebte Apple-Watch.
„Tja, würdest du nicht immer vor dem Frühstück fünfundvierzig Minuten für deine Fitnessübungen verschwenden, dann hätten wir jetzt vielleicht mehr Zeit“, spöttelte Will. Er spielte damit auf Megans Morgengymnastik an, die sie konsequent jeden Tag durchführte und ihre ‚FKAB‘-Übungen nannte, Flexibilität, Kraft, Aerobic und Balance, die sie dazu noch am liebsten mit dem altbekannten Spiritual Swing Low Sweet Chariot absolvierte.
„Aber deshalb stehe ich ja auch eine Stunde früher auf als du“, konterte Megan gut gelaunt, während sie den letzten Rest ihres Müslis verschlang.
„Bist du sicher, dass du zu Fuß zum Auktionshaus gehen willst, oder sollen wir lieber ein Taxi nehmen?“, fragte Will und steuerte auf den Seitenausgang zu, der direkt auf den kleinen, geschlossenen Hotelparkplatz an der belebten Oxfordstraße führte. Dort waren eben Gäste aus einem Taxi ausgestiegen, das nun einladend vor ihnen stand.
„Oh ja, einverstanden, nehmen wir das Taxi.“ Megan war klar, dass der Fußweg zum Auktionshaus bis zehn Uhr nur mit hohem Tempo zu bewältigen wäre. Und sie wollte auf keinen Fall die Vorbesichtigung der Objekte verpassen, die dort heute zur Versteigerung gelangten. Das traditionsreiche Auktionshaus Von Zwengen war für seine spektakulären Saalauktionen bekannt, verzichtete weitgehend auf elektronisches Bieten und ermöglichte es potenziellen Käufern, die Objekte ihres Interesses unmittelbar vor der Auktion persönlich aus nächster Nähe zu begutachten. Megan rechnete fest damit, dass auch das Beethoven-Brieffragment ausgestellt sein würde, denn es war für die heutige Versteigerung angekündigt. Allerdings wusste sie nicht, welche Art von Auktion dort stattfinden würde. Will, der erfahrene Sammler, war in solchen Dingen immer kundig und so fragte sie ihn.
„Nun, es hängt wirklich davon ab, in welche Richtung das Auktionshaus gehen will. Es kann so ablaufen, wie wir es aus Filmen kennen, wo die Teilnehmer offen so lang gegeneinander bieten bis der Höchstbietende den Zuschlag erhält und der versteigerte Gegenstand ihm gehört. Diese Methode wird als englische Auktion bezeichnet. Es gibt aber auch die so genannte holländische oder blinde Auktion, bei der alle Bieter gleichzeitig versiegelte Gebote abgeben. In diesem Fall kennt niemand die von den anderen Bietern gebotenen Beträge, so dass das Schauspiel erst dann beginnt, wenn das höchste Gebot ausgerufen wird. Ich wette, dass wir eine Auktion im englischen Stil erleben werden.“
„Ich verstehe. Es ist aber nicht nur spannend, welche Art von Auktion wir erleben werden, sondern auch, wer aus der Beethoven-Welt dort auftaucht“, lächelte Megan und fügte schelmisch hinzu: „Ich nehme an, du wirst auch mitbieten?“
„Ganz sicher nicht!“ Will lachte. „Vergiss nicht, dass ich jetzt emeritierter Direktor des Beethoven Centers bin.“
Das Taxi hielt in der engen Stiftsgasse direkt vor dem Auktionshaus, und sie konnten die Türme der für Bonner Verhältnisse bescheidenen Stiftskirche dahinter sehen. Es war neun Uhr siebenundfünfzig, etwa dreißig Personen waren bereits vor dem Eingang des Auktionshauses versammelt und unterhielten sich angeregt miteinander. Megan fiel auf, dass die Gruppe fast ausschließlich aus Männern bestand.
Sie bezahlten gerade ihr Taxi, als die Türen geöffnet wurden. Ungeduldig eilten sie hinter den Frühankömmlingen hinein. Eine geräumige Vorhalle öffnete sich zu den geschlossenen Türen des eigentlichen, großzügig angelegten Auktionssaals. Links davon gelangte man in einen großen, fensterlosen Raum. Es war der burgunderrot tapezierte Ausstellungsraum, in dem jedes Objekt gut beleuchtet vorab zu besichtigen war. Schon von weitem erspähte Megan ein Werk des Österreichers Oskar Kokoschka an der Wand. Sie erkannte das schwarz gerahmte Kohleporträt sofort als Studie für das faszinierende expressionistische Ölporträt, mit dem Kokoschka im Jahr 1909 Adolf Loos verewigt hatte. Der berühmte Wiener Architekt ist nachdenklich mit verkrampft ineinander verschränkten Fingern zu sehen, mitten in einer wirbelnden Fläche aus bedrohlich düsteren Pinselstrichen. Sehr gut, dachte Megan, heute werden einige außergewöhnliche Kunstwerke versteigert.
Im Ausstellungsraum angekommen, schwärmten die Besucher in Richtung der einzelnen Exponate aus. Weiß eingefasste Glasvitrinen verliefen entlang aller vier Wände in Brusthöhe und innerhalb weniger Minuten bildete sich unter aufgeregtem Gemurmel ein Gedränge vor einer der Vitrinen in der Mitte der hinteren Wand. Offensichtlich befand sich in dieser Vitrine das Beethoven-Brieffragment. In der Ecke daneben stand ein großer Mann mit dunklem Haaren und einem ausdruckslosen Allerweltsgesicht und musterte die Menge vor der Vitrine mit gelangweiltem Blick.
An der Wand über der Beethoven-Vitrine hing, weniger beachtet, eine gerahmte Straßenszene, offensichtlich ein Aquarell des Bonner Künstlers August Macke aus dem Jahr 1914. Megan erkannte, dass es eine frühe Version von Mackes Mobilmachung war, auch bekannt als Abschied, jenes düstere letzte Gemälde, das dieser begnadete Expressionist schuf, bevor er wenige Wochen nach Beginn des Ersten Weltkriegs an die Front ging und fiel – er war erst siebenundzwanzig. Megan dachte daran, wie viele Millionen Menschenleben dieser furchtbare Krieg gekostet hatte und dass auch Mackes Freund Franz Marc, ebenfalls ein Mitglied des Blauen Reiters, nie mehr von dort zurückkehrte. Dann wanderten ihre Gedanken zu Beethoven, der ebenfalls von Kriegswirren beeinträchtigt war, als Wien 1805 und erneut 1809 an Napoleon fiel, und dass er beim zweiten Einmarsch der Franzosen in den Keller seines Bruders flüchtete und sich die Ohren mit Kissen zuhielt, um sein schwindendes Gehör zu schützen.
„Sag’ mal, wolltest du nicht den Beethoven-Brief sehen?“ Wills Frage unterbrach Megans Gedankenflüge und holte sie in die Gegenwart zurück. Er schob die Freundin sanft mit seinen Händen auf ihren Schultern vor sich her in Richtung der Vitrine am anderen Ende des Ausstellungssaals. Bis auf einen drahtigen, bärtigen Beethoven-Verehrer hatte sich die Menge zerstreut, und es schien als kämen sie gerade richtig, um den Brief ungestört zu begutachten.
Auf dem Weg dorthin zog Megan, die ewig unverdrossene Kunsthistorikerin, ganz automatisch ihr iPhone aus der Umhängetasche, um unbemerkt ein rasches Foto zu machen. Da lag es, das Brieffragment, zu einem ausgesprochen hohen Rufpreis, und da stand in Beethovens unverkennbar krakeliger und doch schwungvoller Handschrift der etwas selbstmitleidige Satz: Du bist Mann, Vater, ich auch, doch ohne Frau …
Megan und Will wussten, dass Beethovens Worte nicht bedeuteten, dass er ein Kind gezeugt hatte. Er nannte sich selbst deshalb einen Vater, weil er sich zunehmend in einer Vaterrolle für seinen jungen Neffen Karl sah. Denn dessen leiblicher Vater, Ludwigs Bruder Kaspar Anton Karl van Beethoven, war 1815 gestorben und hatte Beethoven als Vormund eingesetzt, was in der Folge zu erbitterten gerichtlichen Sorgerechtsstreitigkeiten mit Karls Mutter, der verhassten Schwägerin Johanna – einer wegen angeblicher ‚Unterschlagung‘ verurteilten Straftäterin – geführt hatte.
Der Junge war erst neun Jahre alt, als dem Komponisten das Sorgerecht zugesprochen wurde, aber der hatte diese enorme Verantwortung etwas unüberlegt auf sich genommen. Zwei Jahre lang legte Beethoven sein musikalisches Schaffen größtenteils auf Eis, während er sich fanatisch seinem verständlicherweise hin- und hergerissenen Neffen widmete. Einen Tag schimpfte und wütete der selbst ernannte „Vater“, am nächsten Tag überschüttete er den Jungen mit übertriebener Fürsorge und unerfüllbaren Aufträgen. Daraus wurde eine für beide belastende Beziehung, wie aus den Briefen – von Beethoven oft mit „Dein Vater“ gezeichnet – und besonders aus den Konversationsheften hervorgeht. Das waren Notizhefte, die Beethoven, inzwischen völlig taub, für die Kommentare und Fragen der ihn umgebenden Menschen bereithielt. Die Vater-Sohn-Beziehung war für beide verhängnisvoll und führte schließlich zu Karls Selbstmordversuch im Jahr 1826.
„Und selbst mit zwei Pistolen hat der arme Karl das verbockt“, murmelte Will in Megans Richtung als könne er ihre Gedanken lesen.
In diesem Moment ertönte aus einem Lautsprecher unaufdringlich das charakteristische Motiv von Beethovens Fünfter Sinfonie, der Morsecode für den Buchstaben V: kurz, kurz, kurz, lang. Mit diesem Signal eröffnete das Bonner Auktionshaus Von Zwengen traditionell jede Versteigerung, ganz im Sinn der Geburtsstadt Beethovens.
Der Auktionssaal war groß und schien mindestens hundert Personen aufnehmen zu können. Der Einlass verlief jedoch schleppend, da sich alle mit Namen, Adresse und Kontaktdaten in ein Auktionsregister eintragen mussten. Dann erhielt jeder ein Bieterpaddel mit einer überdimensionalen Ziffer zum Mitbieten. Es war also eine Auktion im englischen Stil, und es musste kein Geld hinterlegt werden.
Im Saal selbst gab es durchgängige Sitzreihen ohne Mittelgang. Auch Megan und Will hatten Bieterpaddel bekommen, obwohl sie diese nicht benutzen würden, und ergatterten mit Glück zwei Plätze direkt neben dem linken Seitengang und nur wenige Reihen von der Auktionsbühne entfernt. Dort am Kopfende des Saals stand ein schweres, altertümliches Rednerpult aus Mahagoni, rechts und links davon hing je eine große Projektionswand von der Decke.
Heike Musenberg kam an den beiden Amerikanern vorbei, als sie den linken Seitengang hinunterging, blieb stehen, und flüsterte mit einem vertrauensvollen Lächeln: „Ich bin nur hier, um zu sehen, wer da ist.“
„Wir auch“, flüsterte Megan zurück. „Werden Sie beim Brieffragment mitbieten?“
„Alles ist möglich, warten Sie’s ab“, war die verschmitzt ausweichende Antwort der Direktorin des Beethoven-Hauses.
Ein großer, weißhaariger Mann in dunkelbraunem Anzug mit azurblauer Krawatte kam aus der Tür unter der linken Leinwand und ging zielstrebig auf das Rednerpult zu. Es war Wolf Lauter, ein bewährter Auktionator mit zweiunddreißig Jahren Erfahrung. Zwei Angestellte folgten ihm und nahmen an den kleineren Pulten zu beiden Seiten des Auktionators Platz, um die Gebote zu notieren. Eine Staffelei stand rechts neben dem Auktionator, auf dem Pult vor ihm warteten Mikrofon und Hammer. Die Besucher stellten ihr Geplauder ein und bald herrschte eine erwartungsvolle Stille.
Die Auktion begann.
25
Balthasar Bridgetowers Morgen war von Sorge überschattet, denn er übte für seinen Vortrag im Beethoven-Haus, und das machte ihn unruhig. Schon am Abend zuvor hatte er gespürt, dass die Schwingungen, die von der Museumsdirektorin ausgingen, keine guten waren. Aber er konnte sich nicht erklären, warum. Immerhin hatte sie ihn als ihren persönlichen Gast nach Bonn eingeladen, seinen Hin- und Rückflug bezahlt, seine Unterbringung in der Dachwohnung des Beethoven-Hauses organisiert und ihn als Vortragenden für das Symposium eingeplant. Das war ein Privileg! Und eine großartige Gelegenheit, die Beweiskette für sein Credo zu präsentieren, dass nämlich Beethoven afrikanischer Herkunft gewesen war.
Und doch verspürte Balthasar ein gewisses Unbehagen.
26
Takuto Nisemono hatte das Konzert mit der stets umwerfenden Maestra Bettina Brentano wahrlich genossen. Doch er hatte die lange Reise aus Japan nach Bonn aus einem ganz anderen Grund angetreten. Er wollte heute im Auktionshaus Von Zwengen ein bedeutendes Brieffragment von Beethoven ersteigern. Dann würde er dieses kostbare Originaldokument großmütig der angesehenen japanischen Beethoven-Gesellschaft überreichen, und damit wäre sein Ansehen im In- und Ausland sicher wiederhergestellt.
Glücklicherweise war der in Ungnade gefallene Dirigent im Besitz beträchtlicher finanzieller Mittel für ein solches Unterfangen. Ein unbekannter Wohltäter hatte nach Nisemonos öffentlichem Sündenfall Kontakt zu ihm aufgenommen. Die Tatsache, dass Nisemonos „Erste Sinfonie“ als Plagiat entlarvt, und dass seine angebliche Beethovensche Taubheit als öffentlichkeitswirksame Erfindung aufgeflogen war, hatte den anonymen Gönner nicht abgeschreckt. Wenn überhaupt, dann hatte Nisemonos tiefer Fall die fürstliche Geldzuwendung überhaupt erst ausgelöst. Die handschriftliche Notiz, die der Benachrichtigung über das auf seinem Namen eingerichtete großzügige Bankkonto beilag, wirkte zittrig, war aber gut zu lesen. Konventionell in chinesischen Schriftzeichen von rechts nach links geschrieben, lautete sie:
Für Sie, Maestro, der Sie so viel für unseren Beethoven getan haben, und wie er das Schicksal der Taubheit tapfer erträgt, erlauben Sie einem unerschütterlich an Sie Glaubenden, Sie in Demut zu noch größeren Höhenflügen zu ermutigen. Für mich werden Sie immer der Beethoven Asiens sein.
Die Notiz wies eine weitere Besonderheit auf. Sie war in klassischem Chinesisch geschrieben und daher für Nisemono nicht schwer zu entziffern. In seiner Studentenzeit hatte er wie alle japanischen Studenten alte chinesische Gedichte und Literatur gelesen und war daher mit den Kanji vertraut – chinesischen Ideogrammzeichen, die in die neuere japanische Sprache Eingang gefunden hatten und zu den drei in Japan gebräuchlichen Schriftarten zählten.
Eines der ersten Dinge, die Nisemono nach dieser glücklichen Wendung des Schicksals in Angriff nehmen wollte, war eine ernsthafte Bestandsaufnahme seines Lebens. Er würde zwar eine Zeit lang nicht mehr in Japan dirigieren können, aber in Europa war sein Ruf im Großen und Ganzen immer noch gut genug. Das hatten ihm seine Freunde dort bestätigt, allesamt Musiker und mit denen er Beethovens Fidelio als Dirigent aufgeführt hatte: Mitglieder einer Reihe von Opernorchestern, darunter Amsterdam, Paris, Mailand, Berlin, Wien und Bonn. Am meisten interessierte ihn die offensichtliche Wertschätzung der letztgenannten Stadt. Fast jedes Jahr ohne Ausnahme spielte das renommierte Bonner Beethoven Orchester den Fidelio im dortigen Opernhaus. Es war sehr wahrscheinlich, dass er wieder eingeladen werden würde, dort eine Aufführung zu dirigieren. Außerdem hatte Nisemono, bevor sich die Dinge an seiner Heimatfront zugespitzt hatten, einen vertraulichen Brief von zwei Vorstandmitgliedern des Beethoven-Hauses erhalten mit der Anfrage, ob er den Vorsitz des Verwaltungsrats übernehmen wolle. Der zu Grunde liegende Gedanke sei, dass man mit Hilfe einer weltbekannten Musikerpersönlichkeit den amtierenden Vorstand des Beethoven-Hauses mit dem Beirat zusammenlegen könne, was letztlich zur Auswahl und Ernennung eines neuen Museumsdirektors führen sollte.
Da ihn Intrigen jeglicher Art stets außerordentlich reizten, hatte Nisemono seine grundsätzliche Bereitschaft signalisiert, wobei er die Sache aber für ziemlich aussichtslos hielt. Doch gerade in der vergangenen Woche hatten sich die beiden Vorstände wieder bei ihm gemeldet und gefragt, ob er immer noch Interesse am Verwaltungsratsvorsitz des Beethoven-Hauses habe. Nach einigem Zögern hatte er geantwortet, dass er der Idee offen gegenüberstehe und in der Tat noch in dieser Woche geschäftlich nach Bonn kommen würde, um dort an einer Auktion teilzunehmen. Schnell wurde ein Treffen für den Mittwochvormittag, einen Tag nach der Auktion im renommierten Bonner Auktionshaus Von Zwengen, anberaumt.
Nisemono war zunehmend von der Idee angetan und erkannte, dass eine solche ehrenvolle Position die ersehnte Rückkehr zu seinem früheren Prominentenstatus einleiten könnte. Bonn, die Geburtsstadt Beethovens, war jedem Liebhaber klassischer Musik in Japan ein Begriff. Vielleicht könnte er in dieser gesellschaftlich relevanten Position sogar die neuesten Entwicklungen der japanischen Suzuki-Methode in den Bonner Kreisen verbreiten! Sicherlich würde dieser musikpädagogische Lernansatz unter Einbeziehung der Eltern, die so genannte Muttersprachenmethode, den Kindern der Stadt und der Bürgerschaft im Allgemeinen zugutekommen. Ja, er, Takuto Nisemono, Sohn eines Überlebenden der Atombombe, wie er in Presseinterviews oft betont hatte, wäre ein großer Glücksfall für Bonn. Für ganz Deutschland!
27
Die Maestra hatte an diesem Tag keine Orchesterverpflichtungen, und so besuchte sie mit ihrem Mann vormittags das Beethoven-Haus, um dort die neueste Sonderausstellung zu erkunden. Zu sehen waren einige bisher nicht gezeigte persönliche Gegenstände des Komponisten: ein braun gebeiztes Eichenkästchen mit drei Schubladen, das ihm als Nachttisch gedient hatte, eine Zuckerdose, ein Salz- und ein Pfefferstreuer und eine biedermeierliche Tischstanduhr mit dekorativen Metallbeschlägen, eine Leihgabe aus Wien.
Interessanter als diese Haushaltsgegenstände war für sie ein kolorierter Stich mit dem Einmarsch der Truppen Napoleons in Wien am 13. November 1805 – also nur sieben Tage vor der Uraufführung des Fidelio. Dieser Termin hätte für Beethoven nicht ungünstiger fallen können, denn ein Großteil seines Stammpublikums, die Wiener Adelsfamilien, hatte die Stadt bereits fluchtartig verlassen und so musste seine erste und einzige Oper nach nur drei Aufführungen vom Spielplan genommen werden, weil das Publikum fehlte.
Neben diesem Stich war ein Faksimile des Programms jener Fidelio-Premiere ausgestellt, mit der vielbeachteten Sängerin Pauline Anna Milder in der Rolle der Leonore. Diese Partie verkörperte sie danach noch in weiteren Aufführungen der ersten und zweiten Wiederaufnahme des Fidelio und auch in der dritten vom 23. Mai 1814 in Wien.
„Stell dir das mal vor!“, flüsterte Bettina ihrem Mann zu, „Vielleicht sind wir jetzt tatsächlich im Besitz einer bis dato unbekannten, überarbeiteten, der echten Letztfassung des Fidelio.“
Nikolaus nickte in freudiger Erregung, während sie das Porträt der Sängerin betrachteten, eine Lithografie, die neben dem Programmzettel hing. Abgerundet wurde die Bildersammlung zu Beethovens Fidelio mit einer aquarellierten Sepia-Zeichnung von 1815, einer Darstellung der Kerkerszene: Pizarro, drauf und dran, Florestan zu erstechen, doch Leonore, verkleidet als junger Mann – Fidelio – wirft sich unter dem entsetzten Blick des Kerkermeisters Rocco schützend vor ihren Mann.
Erfüllt von neuer Begeisterung für diese Oper, zumal sie nun eine höchstwahrscheinlich von Beethoven selbst überarbeitete Fassung besaßen, kam das Paar gegen Mittag wieder zu Hause an. Dort erwartete sie bereits ihre eifrige junge Haushaltshilfe Lili wie jeden Tag mit dem veganen Mittagessen, einem köstlich zubereiteten Rohkostsalat.
Danach beschlossen sie, den Nachmittag der Untersuchung ihres außergewöhnlichen „Fundes“ zu widmen, jener beiden Fidelio-Manuskripte, die auf so unaussprechliche Weise in ihren Besitz gelangt waren, wenngleich nicht ohne beträchtliche Anstrengungen ihrerseits. Ihre großzügige Wohnung im obersten Stockwerk eines modernen Bonner Apartmenthauses an der Ecke Windmühlenstraße/An der Windmühl lag zentral, nahe der breiten Theaterstraße, und damit in unmittelbarer Nähe zur Beethovenhalle. Von dieser Wohnung aus hatten sie all die Jahre das sich zuspitzende Drama um die Entstehung der neuen Beethovenhalle beobachten können, die vielen Baustopps, die peinlichen Verzögerungen, den fatalen Rückzug der Stadt von ihrem eigenen Prestigeprojekt, und dann, als alles verloren schien, die wie ein Geschenk des Himmels anmutenden finanziellen Mittel eines anonymen Spenders, so dass die Beethovenhalle letztendlich doch fertiggestellt und feierlich eröffnet werden konnte. Wer der Geldgeber war, würde man wohl nie erfahren, aber die Stadt Bonn war sehr dankbar für das, was man im Volksmund bereits „das Beethovenwunder“ nannte.
Mit der fest installierten Leica-Großformatkamera über seinem Arbeitstisch gleich neben dem Schreibtisch seiner Frau begann Nikolaus, jede Seite des kleineren der beiden Manuskripte, die mutmaßliche „fünfte“ Leonoren-Ouvertüre, zu fotografieren, wobei Bettina jedes einzelne Blatt fachkundig in die richtige Position brachte. Beide trugen Latexhandschuhe und die Arbeit ging zügig voran. Ob sie die „Absage“, das abweisende Begleitschreiben von Breitkopf & Härtel an Beethoven, ebenfalls fotografieren sollten oder nicht, war noch nicht entschieden. Aber im Grunde fanden weder Bettina noch Nikolaus Gefallen an der Konservierung eines so negativen Dokuments.
Sie hatten mit der kleineren der beiden Orchesterpartituren begonnen. Diese Partitur hatte kein eindeutig namengebendes Titelblatt, nur ein erstes Blatt mit dem Wort „Ouvertüre“ darauf. Auf dessen Rückseite hatte Beethoven notiert, wie viele von jedem einzelnen Orchesterinstrument zum Einsatz kommen sollten: überraschenderweise waren doppelt so viele Holz- und Blechbläser vorgesehen. Auf der zweiten Seite begann die vollständige Notation. Während sie arbeiteten, erzählte Bettina von der komplexen Geschichte der bis dato vier offiziell existierenden Ouvertüren.
„Weißt du, Niki, für jede Neuaufnahme des Fidelio zu Beethovens Lebzeiten schrieb er eine neue Ouvertüre. Im Jahr der Uraufführung, 1805, war er vierunddreißig. Bei dieser ersten Aufführung wurde die Oper mit dem eröffnet, was als Leonoren-Ouvertüre Nummer zwei bekannt geworden ist.“ Bettina sah ein verwundertes Stirnrunzeln über das Gesicht ihres Mannes huschen.
„Warum wird es Leonoren-Ouvertüre genannt, wenn die Oper Fidelio heißt?“, fragte er. Bettina lächelte über die Frage, über die sich schon so viele Beethoven-Verehrer den Kopf zerbrochen hatten.
„Die ganze Oper sollte eigentlich Leonore heißen. Nun ja, der ganze Titel lautete eigentlich Leonore, oder Der Triumph der ehelichen Liebe. Eine so genannte Rettungsoper, das war damals populär, und die ursprüngliche Leonore, alias Fidelio, war bereits die Heldin einer früheren französischen Oper mit dem Titel Léonore, ou L’amour conjugal. Beethoven wollte diesen schwülstigen Titel, auf Deutsch eben Leonore, oder Der Triumph der ehelichen Liebe, für die Uraufführung seiner Oper am Theater an der Wien verwenden. Aber die Theaterdirektion verlangte stattdessen den Titel Fidelio, um Verwechslungen mit dem französischen Werk zu vermeiden.“
„Ach so, ich verstehe. Aber wenn es sich um die Uraufführung der Oper handelte, warum wird dann die Ouvertüre als Leonoren-Ouvertüre Nummer zwei bezeichnet?“ Er fotografierte bereits die sechste Seite der alten Partitur.
„Es ist kompliziert. Ich erkläre es dir. Für die Uraufführung überarbeitete Beethoven seine Eröffnungsmusik zu der groß angelegten Leonoren-Ouvertüre, die wir heute alle kennen und die jetzt als Nummer drei bezeichnet wird. Bitte schau doch nicht so! Es ist diese dritte Leonoren-Ouvertüre, die wegen ihrer packenden Dramatik von Dirigenten wie Mahler und Toscanini gerne vor dem zweiten und letzten Akt eingesetzt wurde. Und ich gebe zu, sie ist fast eine Oper für sich.“
„Das ist wohl wahr. Ich habe dich oft beobachtet, wenn du sie dirigiert hast. Aber was geschah mit der ersten Leonoren-Ouvertüre? Du hast jetzt die Zweite und die Dritte angesprochen, aber wo ist die Erste?“
„Es gibt eine, aber auch das ist eine komplizierte Angelegenheit. Beethoven hat die mächtige dritte Ouvertüre gekürzt, weil es für eine geplante, dann aber doch abgesagte Aufführung in Prag 1808 so verlangt wurde. Diese gekürzte Version nennt man heute die Leonoren-Ouvertüre Nr. 1.“
„Aber wieso, wenn sie doch erst nach der zweiten und dritten komponiert wurde?“ Nikolaus runzelte die Stirn.
„Weil diese Fassung überhaupt erst nach Beethovens Tod gefunden und dann irrtümlich als die erste bezeichnet wurde.“
„Aha, also dachte derjenige, der sie entdeckte, dass diese Partitur Beethovens erster Entwurf gewesen sein musste, den er dann verwarf?“ Nikolaus runzelte immer noch die Stirn.
„Ja, genau. Die Nummerierung ist verwirrend, das gebe ich zu. Und obwohl wir heute von vier Leonoren-Ouvertüren sprechen, ist die vierte ein völlig neues Werk, das er für die Wiederaufnahme des Fidelio im Jahr 1814 geschrieben hat, und deshalb auch Fidelio-Ouvertüre genannt wird. Diese ist aber musikalisch weniger eindrucksvoll als die dritte Ouvertüre, da sie kein düsteres Drama ankündigt, sondern das Publikum stattdessen lediglich recht heiter in die Oper einführt. Mit dieser Ouvertüre beginnt man den Fidelio heute standardmäßig.“
Bettina hielt inne. Konnte ihr Mann ihren Worten folgen? Sie wechselte die Tonart.
„Führ dir mal vor Augen, welch aufregende Zeit es damals war, im Jahr 1814! Österreichs Erzfeind Napoleon war gerade zur Abdankung gezwungen worden und befand sich im Exil auf der Insel Elba. Für das Wiener Publikum und vor allem für Beethoven symbolisierte die Oper Fidelio mehr denn je den Sieg über die Tyrannei.“
„Man nennt sie also die vierte, aber es ist nicht die vierte?“
Bettina warf ihrem Mann einen ungeduldigen Blick zu. „Doch, doch, es ist definitiv die vierte. Aber sie heißt Fidelio-Ouvertüre.“
„Na schön. Ich glaube, jetzt verstehe ich es. Die chronologische Reihenfolge lautet zweite, dritte, erste, vierte“, Nikolaus sah seine Frau unsicher an. Sie nickte erleichtert. Zufriedengestellt fuhr Nikolaus fort.
„Jetzt stellt sich also die Frage: Ist die Partitur der Fidelio-Ouvertüre, die wir gerade abfotografieren, der vierten ähnlich oder ist sie doch etwas ganz anderes?“ Nikolaus hatte die Erläuterungen seiner Frau endlich begriffen und stellte nun die richtigen Fragen.
„Ich würde sagen, sie ist auf interessante Weise anders, nach dem zu urteilen, was wir bisher abgelichtet haben. Sie enthält neues Material, und soweit ich sehe, ist diese Partitur größtenteils mit einer gewissen Leichtigkeit komponiert, so dass sie ähnlich funktionieren könnte wie die Ouvertüre, die heutzutage verwendet wird. Ein paar Takte scheinen jedoch, und das ist interessant, viel von der wirklich ergreifenden Musik am Ende der Oper vorwegzunehmen. Viel eindringlicher als in der vierten.“
„Eine Aufführung dieser fünften Ouvertüre wäre also eine Neuheit, etwas nie zuvor Gehörtes?“
„Korrekt. Mir fällt zum Beispiel auf, dass viel mehr Blechbläser und Pauken verwendet werden und weniger Streicher, zugunsten von verstärkten Holzbläsern und Flöten. Durchwegs mehr Moll-Tonarten, jedoch mit einem triumphalen Ende in C-Dur. Das ist musikalisch sehr interessant.“
„Wäre es nicht eine Sensation, wenn du alle fünf Leonoren-Ouvertüren an einem Abend dirigieren würdest?“ Nikolaus strahlte.
„Genau das denke ich auch.“
„Aber wie würdest du erklären, wie du auf diese bisher unbekannte Fassung gekommen bist?“
„Mit ein bisschen Fantasie, mein armer Liebling. Das ist ganz einfach. Ich könnte zum Beispiel sagen, dass mich ein Wiener Antiquariat telefonisch kontaktiert hat, wegen einer alten, nicht mehr identifizierbaren Orchesterpartitur, die ein Kunde dort in Kommission gab. Ich könnte erzählen, dass man mir dann Bilder von ein paar Partiturseiten gemailt hat, die mir aber damals musikalisch unbedeutend erschienen. Und dass ich mich trotzdem entschloss, die Partitur zu kaufen, nur so zum Vergnügen, für den Fall, dass ich irgendwann Zeit finden würde, ihr größere Aufmerksamkeit zu schenken. Als ich dann tatsächlich das ganze Manuskript durchsah, erkannte ich, was für ein Juwel es ist, und dass es nur von Beethoven stammen kann.“
„Aha. Und das wäre dann deine Story für die Medien und für die Horde von Musikwissenschaftlern, die sich auf dich stürzen würden? Klingt zu schön, um wahr zu sein. Und was ist, wenn du nach dem Namen jenes Wiener Antiquariats gefragt wirst, und ob es dort noch mehr davon gibt?“
„Tja, dann würde ich einfach sagen, dass der Besitzer des Antiquariats nicht genannt werden will.“
„Warum sollte er das nicht wollen?“
„Ich werde mir etwas einfallen lassen, wenn es so weit ist.“
„Alles klar, daran habe ich keine Zweifel … das gelingt dir immer.“ Nikolaus blickte seine Angebetete bewundernd an. Bettina nickte ihm zu und sah auf ihre Armbanduhr. Es war fast vier Uhr nachmittags. Die Versteigerung des Beethoven-Brieffragments im Auktionshaus Von Zwengen musste längst gelaufen sein. Wer der siegreiche Bieter war, interessierte sie herzlich wenig. Was zählte schon ein halber Brief im Vergleich zu den zwei vollständigen Partituren, die sie nun in ihrem Besitz hatte! Zwei Originalhandschriften!
„Hör mal, Schatz“, sagte sie, „es gibt etwas, das mich viel mehr interessiert als hypothetische Verbindungen zu irgendwelchen Wiener Antiquariaten. Machen wir doch eine Pause, lassen wir das Fotografieren und diese fünfte Ouvertüre mal sein. Ich brenne vor Neugierde darauf, einen Blick in die andere, umfangreichere Partitur zu werfen, die mit dem Titel Der Triumph der ehelichen Liebe auf dem Deckblatt. Das muss die von Breitkopf & Härtel abgelehnte Neufassung des Fidelio sein.“ Sie deutete auf ihren Schreibtisch. Die dünne braune Schnur, die die Blätter zusammenhielt, hatte sich stark gelockert und schien tatsächlich im Begriff, sich aufzulösen.
„Ja sicher, schauen wir mal. Mit der fünften Ouvertüre können wir später weitermachen.“ Sie gingen zu dem Schreibtisch und Bettina warf den Ablehnungsbrief der ignoranten Verleger in den bereits randvollen Papierkorb.
Mit höchster Vorsicht zog sie die alte Schnur auseinander, eine Schere war gar nicht mehr nötig. Sie hob die oberste Seite an und studierte andächtig den Titel in Beethovens Handschrift: Der Triumph der ehelichen Liebe. Bettina sagte die Worte leise vor sich hin, ließ sie auf sich wirken. Dann, als hätte sie bereits einen Taktstock in der Hand und stünde ihrem Orchester gegenüber, wendete sie das erste Blatt. Ihre Augen wurden groß, als ihr Blick auf die zweite Seite fiel. Dort war, immer noch in Beethovens Handschrift, die Besetzung aufgelistet. Es waren dieselben Namen, wie man sie kannte, aber eine Neuerung fiel auf.
„Oh mein Gott!“, rief Bettina.
„Was?“
„Oh mein Gott!“, wiederholte Bettina und riss die Augen weit auf.
„Was ist denn, mein Schatz?“
„Die Rolle der Leonore alias Fidelio ist hier einer Figur namens – ich kann es nicht glauben – einer Figur namens Brentano zugeordnet!“
„Brentano?“ Nikolaus schnappte nach Luft, dann sprach er aus, was sie beide dachten.
„Dann ist Bettina Brentano die ‚unsterbliche Geliebte‘!“
28
Im überfüllten Auktionssaal des Auktionshauses Von Zwengen konnte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Gerade kam das erste bedeutende Objekt unter den Hammer, und zwar die eindrucksvolle Porträt-Kohlestudie, die Oskar Kokoschka 1909 von dem revolutionären Wiener Architekten Adolf Loos gezeichnet hatte. Das elegant in Schwarz gerahmte Werk stand auf der Staffelei rechts neben dem Auktionator. Ein Bieter nach dem anderen hob sein Paddel, und der Rufpreis stieg rasch von 60.000 Euro auf 72.000 Euro. Zwei Bieter lieferten sich ein Match: der eine aus Österreich, der andere aus der Schweiz. Beide vertraten bedeutende Museen – das Wiener Leopold Museum und das Kunsthaus Zürich. Beide waren erfahrene Bieter, die sich gegenseitig zu übertrumpfen wussten, und bei diesem Werk stand viel auf dem Spiel. Für beide Museen war es entscheidend, dass das Porträt des kühn-minimalistischen Wiener Architekten nicht in Privatbesitz gelangte. Loos war ein echter Revolutionär in der Epoche des Jugendstils, wo es nur noch um das Dekor zu gehen schien. In seinem erstmals 1910 veröffentlichten Text mit dem Titel Ornament und Verbrechen übte er harsche Kritik an Gustav Klimt und seinem Kreis. Es ergab Sinn, dass das „Seelenbildnis“ dieses Architekten der Moderne gerade von einem Expressionisten wie Kokoschka dargestellt und von ihm inmitten der existenziellen Leere scheinbar zielloser Pinselstriche visualisiert worden war.
Megan und Will, beide in lebenslanger wissenschaftlicher Verbundenheit mit Wien, hofften, dass der Vertreter des Wiener Leopold Museums sich gegen den Schweizer durchsetzen würde. Der Wunsch erfüllte sich, als der Auktionator seinen Countdown für das letzte österreichische Gebot begann, ohne dass ein weiteres Gegengebot kam. Der Hammer fiel: „Verkauft für sechsundsiebzigtausend Euro!“
Megan und Will lächelten einander vielsagend zu.
„Hätte Egon Schiele diese Porträtstudie von Loos gemacht, wäre sie wohl nicht unter eineinhalb Millionen Euro weggegangen“, konstatierte Megan trocken. Sie wusste genau, wie hoch die Preise für den österreichischen Ausnahmekünstler gestiegen waren, den sie vor vielen Jahrzehnten als Thema ihrer Dissertation an der New Yorker Columbia University gewählt hatte. Und sie wusste auch genau, was jene Schiele-Zeichnung in schwarzer Kreide und Aquarell jetzt wert war, die ihr Österreichs führender Schiele-Sammler, Viktor Fogarassy, vor vielen Jahren bei ihrem Besuch in Graz geschenkt hatte. Sie war bereit gewesen, diesen einzigartigen Künstler mit der Welt zu teilen und hatte das Bild später dem Dallas Museum of Art überlassen. Es war ein Selbstporträt Schieles aus dem Jahr 1913, das ihn selbst dabei zeigt, wie er gerade seinen Künstlerkollegen Gustav Klimt zeichnet.
„Kein Zweifel, ein Schiele hätte diesen Kokoschka bei weitem übertroffen“, erwiderte Will, der von Megans Geschenk an das amerikanische Museum wusste.
Als Nächstes kam das Aquarell von August Macke, eine Version seines letzten Gemäldes „Mobilmachung/Abschied“. Die beiden Assistenten, die zuvor den Kokoschka hereingetragen hatten, manövrierten nun das gerahmte Macke-Werk auf die Bühnenstaffelei. Es war von einem Privatmann zum Verkauf angeboten worden, und es gab kaum Zweifel daran, wer der letzte Bieter sein würde. Es würde höchstwahrscheinlich für das Museum August-Macke-Haus ersteigert werden, den imposanten neuen dreistöckigen Erweiterungsbau des letzten Bonner Wohnhauses des Künstlers an der Bornheimerstrasse. Und tatsächlich gab es nur wenige Gebote, die den Eröffnungspreis von 40.000 Euro überstiegen. Spärlicher Beifall schallte durch den Saal, als der Zuschlag für das Bonner Macke-Museum bei 45.000 Euro fiel. Der Auktionator erlaubte sich ein mildes Lächeln, bevor er fortfuhr.
„Und nun, meine Damen und Herren, kommen wir zur Dokumentenkategorie der heutigen Auktion und damit zur letzten Seite eines kostbaren Briefes aus der Feder des größten Bonner Bürgers, Ludwig van Beethoven.“ Es herrschte die erwartete Stille, nur ein Nachzügler zeigte sich hörbar überrascht. Megan schaute sich im Saal um. Heike Musenberg lehnte sich in ihrem Sitz nach vorne und starrte auf die Projektion des Brieffragments, das auf den zwei Leinwänden zu beiden Seiten des Auktionators zu sehen war. Megan musste sich eingestehen, dass es aufregend war, Beethovens Handschrift so stark vergrößert zu sehen. Zweimal las sie langsam den letzten Satz des Briefes, von dem allgemein angenommen wurde, dass er an seinen Arztfreund aus Bonner Tagen gerichtet war. Du bist Mann, Vater, ich auch …
Noch eine weitere Person im Auktionssaal war ähnlich begeistert von dem, was auf den Projektionswänden zu sehen war. Für ihn, einen braungebrannt wirkenden Mann mit schwarzem, lockigem Haar, war nicht die Handschrift des Komponisten das Wunderbare, sondern der Inhalt der Worte. Dass Beethoven sich selbst als Vater bezeichnete, war für ihn von ganz entscheidender Bedeutung. Er hoffte, am Dienstag bei dem lang angekündigten öffentlichen Symposion im Beethoven-Haus mehr zu erfahren, weil dort eine internationale Expertenrunde darüber diskutieren würde. Er war eigens aus New Haven, Connecticut, angereist, um die heutige Auktion des ‚Vater‘-Briefes und dann als Zuschauer das öffentlich zugängliche Beethoven-Symposion zu beobachten.
Ein weiterer Auktionsbesucher lehnte sich nach vorne, um das Dokument auf dem Bildschirm mit gierigem Interesse zu studieren. Es war der umstrittene Gründer des unverschämt kommerziellen, aber immens erfolgreichen Beethoven und Du Museums in Wien, ein in Beethoven-Kreisen wohlbekannter Wiener namens Oskar Schnösel. Ihm war völlig klar, dass Beethovens Hinweis, ein „Vater“ zu sein, seine Art gewesen war, sich in Bezug auf seinen jugendlichen Neffen Karl zu brüsten und zu vermitteln, dass er die alleinige Vormundschaft über ihn erlangt hatte. Ja, er, Oskar Schnösel, verstand, was das Wort „Vater“ in Beethovens Handschrift bedeutete, aber viele seiner raffgierigen Kunden, geblendet von dem Gedanken, etwas Seltenes und Einzigartiges zu besitzen, würden das gar nicht begreifen. Und sie würden viel Geld bezahlen, um auch nur das Fragment eines Briefes zu besitzen, den Ludwig van Beethoven selbst geschrieben hatte. Und mancher Schwachkopf, der Beethoven als Vorfahren und Blutsverwandten bezeichnete, würde alles dafür geben, einen solchen „Nachweis“ sein Eigen zu nennen. Deshalb wäre dieses Schriftstück eine einmalige Kapitalanlage, dachte Schnösel.
Der Österreicher in Bonn wartete mehr als gespannt auf das sich anbahnende Schauspiel. Er klemmte sein Paddel zwischen die Beine und musterte die etwa neunzig oder mehr Anwesenden im Saal. Kurz fiel sein Blick auf einem kleinen, dunkelhaarigen Mann auf der anderen Seite des Saals. Verflucht, wenn der nicht ein bisschen wie Beethoven aussah! Aber zurück zur entscheidenden Frage. Wer würde den Zuschlag für das Brieffragment erhalten? Er selbst würde nicht mitbieten.
Will beobachtete den Wiener Museumszampano. Er nahm ganz unauffällig die Leute, die um ihn herum saßen, unter die Lupe, nun stieß er Megan mit dem Ellbogen an und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Mann drei Reihen rechts vor ihnen.
„Weißt du, wer das ist?“
„Der Blonde mit dem Bürstenschnitt und der kolossalen Nase? Keine Ahnung.“
„Das ist Oskar Schnösel.“
„Oskar Schnösel vom Beethoven und Du Museum in Wien?“
„Genau der.“
„Sieh an! Ich war zwar schon in seinem Museum, doch ihn habe ihn noch nie getroffen. Das Museum ist wirklich sehr innovativ. Es bietet eine Menge Unterhaltung zum Anfassen. Aber er selbst ist mir irgendwie nicht ganz geheuer. Nun, das ist vielleicht etwas übertrieben. Sagen wir, er wirkt markant.“
„Es leuchtet ein, dass er hier ist. Noch eine Beethoven-Trophäe für sein Museum“, mutmaßte Will. „Ich bin neugierig, wie weit er mitbieten wird.“
„Das sagt zumindest etwas über den finanziellen Erfolg seines Hauses aus.“ Megan bemühte sich, eine bessere Sicht auf den Wiener zu bekommen.
An den jeweils entgegengesetzten Seiten in der letzten Reihe nahe der Eingangstür des Auktionssaals saßen zwei asiatische Herren und warteten anscheinend gelassen auf das Eröffnungsgebot. Beide hielten sich kerzengerade, die Augen auf die Projektionswand gerichtet, ohne zu bemerken, dass sie von mindestens zwei Anwesenden wiedererkannt wurden. Megan und Will hatten sie schon vorhin entdeckt und rätselten nun, warum die beiden Asiaten, die sie noch gestern Abend in der Konzertpause beim endlosen rituellen Händeschütteln beobachtet hatten, heute an den gegenüberliegenden Enden des Raumes saßen und einander ignorierten.
„Li Shutong soll ein sehr bescheidener Mann sein. Womöglich möchte er nicht in der Gesellschaft von Japans in Ungnade gefallenem Dirigenten gesehen werden?“, vermutete Will und betrachtete den vornehmen älteren Herrn auf der anderen Seite der letzten Reihe.
„Und eigentlich war der Händedruck, den wir gestern Abend miterlebt haben, gar nicht so herzlich, wenn du dich erinnerst“, fügte Megan hinzu und fragte sich insgeheim, ob die beiden Männer nur als Zuschauer oder als Bieter da waren. Die Antwort sollte nicht lange auf sich warten lassen.
„Wenn alle so weit sind, kann die Versteigerung beginnen“, verkündete Auktionator Wolf Lauter in Kommandoton. Ein leichtes, kollektives Wippen der Paddel war die sichtbare Reaktion, und es wurde still im Saal.
„Der Rufpreis für dieses wertvolle, signierte Brieffragment von Ludwig van Beethoven beträgt sechzigtausend Euro.“
Der ganze Saal schnappte förmlich nach Luft. Heike Musenberg hatte die Vorab-Schätzung im Ausstellungsraum gesehen. Ihr war ohnehin klar, dass das Beethoven-Haus sicher nicht die Mittel für eine solche Ausgabe hatte. Sie war nur deshalb gekommen, weil sie wissen wollte, wer die Magnaten waren, die über die finanziellen Ressourcen und das Interesse verfügten, um ein so wertvolles Exponat zu ersteigern. Denn vielleicht ließen sie sich auch zu einer finanziellen Unterstützung für das Beethoven-Haus bewegen. Und schon wurde das erste Gebot abgegeben.
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