Читать книгу: «Der Kolonisator und der Kolonisierte»
Die jüngsten Debatten über Postkolonialismus oder die Rückgabe von Kunstwerken aus den früheren Kolonien zeigen, dass das Trauma der Kolonialherrschaft auch nach der Erringung der politischen Unabhängigkeit auf vielen Ländern der Dritten Welt noch lastet. Nach wie vor existiert ein rassistisch oder kolonialistisch gefärbter
Überlegenheitsdünkel, den die Erste Welt gegenüber den Menschen und Gesellschaften in den früheren Kolonien einnimmt.
Auf hohem literarischen Niveau und mit einem unbestechlichen, präzisen Blick für die Realität seiner Gesellschaft zeichnete der in Tunesien als Jude geborene Albert Memmi erstmals in den 1950er Jahren mit seinen beiden Porträts einen Grundtext der antikolonialen Opposition.
Adam Shatz würdigt in seinem erstmals in der London Book Review erschienenen Artikel das Verdienst Alberts Memmis als bedeutendster Autor der Dekolonisierung. Seine hier wieder veröffentlichte Studie habe – auch wenn sie heute gewiss anders als in der Phase des Zerfalls der großen Kolonialimperien zu lesen ist – nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.
Albert Memmi Der Kolonisator und der Kolonisierte Zwei Porträts
Die Übersetzung folgt der französischen Ausgabe Portrait du colonisé précédé du Portrait du colonisateur, die 1966 im Verlag Jean-Jacques Pauvert erschienen ist. © Albert Memmi.
Aus dem Französischen von Udo Rennert
Das Vorwort von Jean-Paul Sartre wurde dem Band: „Kolonialismus und Neokolonialismus. Sieben Essays“ (S. 23–28) entnommen mit freundlicher Genehmigung © Rowohlt Taschenbuchverlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1968.
E-Book (ePub)
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021
Alle Rechte vorbehalten.
Covergestaltung: nach Entwürfen von MetaDesign
Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)
ePuB:
ISBN 978-3-86393-576-4
Auch als gedrucktes Buch erhältlich:
3. Auflage /Neuausgabe mit einem Nachwort von Adam Shatz: © CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021
Print: ISBN 978-3-86393-107-0
Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter
www.europaeischeverlagsanstalt.de
Inhalt
Jean-Paul Sartre: Vorwort
Vorwort des Autors zur französischen Ausgabe von 1966
Porträt des Kolonisators
1. Gibt es den Kolonialisten?
2. Der Kolonisator, der sich verneint
3. Der Kolonisator, der sich bejaht
Porträt des Kolonisierten
1. Mythisches Porträt des Kolonisierten
2. Die Situation des Kolonisierten
3. Die beiden Antworten des Kolonisierten
Schluss
Nachwort zur deutschen Ausgabe von 1980
Nachwort zur Neuausgabe von Adam Shatz
Jean-Paul Sartre
Vorwort
Nur der Südstaatler ist befugt, sich über Sklaverei zu äußern: er kennt den Neger*; die Leute im Norden, abstrakt denkende Puritaner, kennen nur den Menschen an sich. Dies schöne Argument erfüllt stets noch seinen Zweck: in Houston, in der Presse von New Orleans und endlich – immer ist man irgend jemandes Nordstaatler – im »französischen« Algerien; da werden die Zeitungen nicht müde, uns zu versichern, dass einzig der Kolonisator qualifiziert sei, über die Kolonie zu sprechen: wir, die Bewohner des Mutterlandes, verfügen nicht über seine Erfahrung; wir müssen Afrikas brennende Erde durch seine Augen sehen, oder wir sehen dort nichts als Flammen.
Leuten, die sich von solcher Erpressung einschüchtern lassen, empfehle ich, das Buch Der Kolonisator und der Kolonisierte zu lesen. Hier steht Erfahrung gegen Erfahrung: der Autor, ein Tunesier, hat in La Statue de sel (dt. Die Salzsäule) seine harte Jugend erzählt. Was ist er nun in Wahrheit? Kolonisator oder Kolonisierter? Er selbst würde sagen: weder das eine noch das andere; Sie vielleicht: sowohl das eine wie das andere; im Grunde kommt es auf dasselbe hinaus. Er gehört einer jener eingeborenen, aber nicht islamischen Gruppen an, die, »mehr oder minder begünstigt im Verhältnis zu den kolonisierten Massen … sich ausgeschlossen sehen … von der kolonisierenden Gruppe«, die ihren Bemühungen, sich in die europäische Gesellschaft zu integrieren, immerhin »nicht ablehnend gegenübersteht«. De facto mit dem Subproletariat solidarisch, durch magere Privilegien von ihm getrennt, befinden sich jene Individuen in einer permanenten Malaise. Memmi hat diese doppelte Solidarität und diese doppelte Zurückweisung erfahren: die Spannung, die die Kolonisatoren den Kolonisierten und die »sich selbst verneinenden Kolonisatoren« den »sich selbst bejahenden Kolonisatoren« entgegenstellt. Er hat sie so gut verstanden, weil er sie zuerst als seinen eigenen Widerspruch erfahren hat. Er zeigt in seinem Buch vortrefflich, dass diese seelischen Zerrissenheiten, bloße Verinnerlichungen der sozialen Konflikte, einen nicht zum Handeln disponieren. Derjenige aber, der darunter leidet, kann, wenn er sich seiner selbst bewusst wird, wenn er sein Komplizentum, seine Versuchungen und seine Ausgeschlossenheit erkennt, andere aufklären, indem er von sich selbst spricht: als »belangloser Faktor innerhalb der Konfrontierung« repräsentiert dieser Verdächtige niemanden; da er aber zugleich ist, was alle sind, spricht er als zuverlässiger Zeuge.
Aber Memmis Buch erzählt nicht; wenn es sich von Erinnerungen nährt, so hat es sie ganz assimiliert; es ist formgewordene Erfahrung; zwischen der rassistischen Usurpation der Kolonisatoren und der künftigen Nation, die die Kolonisierten schaffen werden und von der »er vermutet, dass er in ihr keinen Platz haben wird«, versucht er, seine Partikularität zu leben, indem er sie in Richtung auf das Universale überschreitet. Nicht auf den Menschen, der noch nicht existiert, sondern auf eine strenge Vernunft hin, die sich für alle als zwingend erweist. Dieses nüchterne und klare Werk reiht sich ein unter die »leidenschaftlichen Geometrien«; seine ruhige Objektivität ist überwundenes Leiden und Aufbegehren.
Deshalb wohl auch kann man ihm einen Anflug von Idealismus zum Vorwurf machen: gewiss wird alles gesagt, doch kann man die Reihenfolge bekritteln. So wäre es vielleicht besser gewesen, zu zeigen, wie der Kolonialist und sein Opfer gleichermaßen im Räderwerk des kolonialen Apparats stecken, jener schweren Maschine, die gegen Ende des Zweiten Kaiserreichs und in der Dritten Republik konstruiert wurde und sich nun, nachdem sie die Kolonialherren voll zufriedengestellt hat, gegen sie kehrt und sie zu zermalmen droht. Tatsächlich ist der Rassismus dem System immanent: die Kolonie verkauft Lebensmittel und Rohstoffe billig ans Mutterland und kauft dafür teure Fertigprodukte. Dieser sonderbare Handel ist nur dann für beide Teile profitabel, wenn der Eingeborene für nichts oder fast nichts arbeitet. Das ländliche Subproletariat kann nicht einmal auf die Benachteiligtesten unter den Europäern als Verbündete zählen: alle leben von ihm, selbst noch die »kleinen Kolonisatoren«, die, obwohl von den Großgrundbesitzern ausgebeutet, im Vergleich zu den Algeriern noch Privilegierte sind: das Durchschnittseinkommen der Algerienfranzosen ist zehnmal so groß wie das der Araber. Daher die Spannung. Damit Löhne und Lebenshaltungskosten möglichst niedrig bleiben, bedarf es einer heftigen Konkurrenz der eingeborenen Arbeiter untereinander, also einer Steigerung der Geburtenrate; da aber die Ressourcen des Landes durch die koloniale Usurpation begrenzt sind, sinkt bei gleichbleibenden Löhnen der Lebensstandard des Moslems unablässig, und die Bevölkerung lebt im Zustand permanenter Unterernährung. Die Eroberung geschah durch Gewalt; die Überausbeutung und die Unterdrückung erfordern die Aufrechterhaltung der Gewalt, also die Anwesenheit der Armee. Nun gäbe es da keinen Widerspruch, wenn überall auf der Welt der Terror herrschte: aber der Kolonisator erfreut sich drüben im Mutterland der demokratischen Rechte, die das Kolonialsystem den Kolonisierten verweigert: tatsächlich ist es das System, das das Anwachsen der Bevölkerung begünstigt, um den Preis der Arbeitskraft zu senken, und das System ist es auch, das die Assimilierung der Eingeborenen verbietet: hätten sie das Wahlrecht, würde ihre zahlenmäßige Überlegenheit das System augenblicklich sprengen. Der Kolonialismus verweigert die Menschenrechte Menschen, die er gewaltsam in Elend und Unwissenheit, also, wie Marx sagen würde, im Zustande des »Untermenschentums« hält. Den Fakten selbst, den Institutionen, der Art des Tausches und der Produktion ist der Rassismus immanent; der politische und der soziale Status stärken einander wechselseitig: da der Eingeborene ein Untermensch ist, betrifft die Erklärung der Menschenrechte ihn nicht; umgekehrt ist er, da er die Rechte nicht hat, schutzlos den unmenschlichen Kräften der Natur ausgesetzt, den »ehernen Gesetzen« der Wirtschaft. Der Rassismus ist bereits da, getragen von der kolonialistischen Praxis, in jedem Augenblick erzeugt durch den kolonialen Apparat und unterhalten durch Produktionsverhältnisse, die zwei Arten von Individuen unterscheiden: für die einen bilden das Privileg und das Menschsein eine Einheit; sie werden Menschen durch den freien Gebrauch ihrer Rechte; bei den anderen wird durch die Rechtlosigkeit ihr Elend, ihr chronischer Hunger, ihre Unwissenheit, kurz, das Untermenschentum sanktioniert. Ich habe immer gedacht, dass die Ideen sich in den Dingen abzeichnen und dass sie schon im Menschen sind, wenn er ihnen Form gibt, um sich seine Situation zu erklären. Der »Konservatismus« des Kolonisators, sein »Rassismus«, die ambivalenten Beziehungen zum Mutterland, all das ist im Voraus gegeben, schon ehe es sich im »Nero-Komplex« manifestiert. Memmi würde mir wahrscheinlich erwidern, er sage nichts anderes – das weiß ich*; im übrigen ist möglicherweise er es, der recht hat: indem er seine Ideen in der Reihenfolge ihrer Entdeckung, das heißt ausgehend von menschlichen Intentionen und gelebten Beziehungen darstellt, gewährleistet er die Authentizität seiner Erfahrungen: er hat zuerst in seinen Beziehungen zu den anderen, in seinen Beziehungen zu sich selbst gelitten; er ist, indem er den Widerspruch, der ihn zerriss, vertiefte, auf die objektive Struktur gestoßen; und er liefert sie uns ohne Zutaten, roh, noch ganz durchdrungen von seiner Subjektivität.
Doch lassen wir die Krittelei. Das Werk etabliert einige zwingende Wahrheiten. Zunächst die, dass es weder gute noch böse Kolonisatoren gibt: es gibt Kolonisatoren. Einige von ihnen verneinen ihre objektive Realität: durch den kolonialen Apparat trainiert, führen sie täglich in der Tat aus, was sie im Traum verdammen, und jede ihrer Handlungen trägt dazu bei, die Unterdrückung aufrechtzuerhalten; sie werden nichts ändern, niemandem nutzen und in der Malaise moralischen Trost finden, das ist alles.
Die anderen – und das ist die Mehrzahl – beginnen oder enden damit, sich selbst zu bejahen.
Memmi hat die Folge der Schritte, die zur »Selbst-Absolution« führen, hervorragend beschrieben. Der Konservatismus hat die Auslese der Mittelmäßigen zur Folge. Wie kann sie ihre Privilegien begründen, diese ihrer Mittelmäßigkeit bewusste Elite von Usurpatoren? Einziges Mittel: den Kolonisierten erniedrigen, um sich selbst zu erhöhen; den Eingeborenen den Status von Menschen absprechen, sie als bloße Privationen definieren. Das wird nicht schwerfallen, da ja gerade das System ihnen alles vorenthält; die kolonialistische Praxis hat die koloniale Idee den Dingen selbst aufgeprägt; es ist der Lauf der Dinge, der zugleich den Kolonisator und den Kolonisierten hervorbringt. So rechtfertigt sich die Unterdrückung durch sich selbst: die Unterdrücker schaffen und erhalten mit Gewalt die Übel, die in ihren Augen den Unterdrückten mehr und mehr zu dem machen, was er sein müsste, um sein Schicksal zu verdienen. Der Kolonisator kann sich die Absolution nur erteilen, wenn er systematisch die «Entmenschlichung« des Kolonisierten betreibt, das heißt, wenn er sich jeden Tag etwas mehr mit dem Kolonialapparat identifiziert. Der Terror und die Ausbeutung entmenschlichen, und der Ausbeuter ermächtigt sich selbst zu dieser Entmenschlichung, um weiter ausbeuten zu können. Die Maschine dreht sich im Kreis; unmöglich, die Idee von der Praxis und die Praxis von der objektiven Notwendigkeit zu unterscheiden. Diese Momente des Kolonialismus bedingen sich bald gegenseitig, bald gehen sie ineinander auf. Die Unterdrückung, das ist zunächst der Hass des Unterdrückers gegen den Unterdrückten. Nur eins steht dessen leibhaftiger Vernichtung im Wege: der Kolonialismus selbst. Hier stößt der Kolonisator auf seine eigene Widersprüchlichkeit: mit dem Kolonisierten würde die Kolonialherrschaft verschwinden, der Kolonisator inbegriffen. Wo es kein Subproletariat mehr gibt, da gibt es keine Überausbeutung mehr: man würde in die gewöhnlichen Formen der kapitalistischen Ausbeutung zurücksinken; die Löhne und Preise würden sich nach denen des Mutterlandes richten: es wäre der Ruin. Das System erfordert gleichzeitig den Tod und die Vermehrung seiner Opfer; jede Veränderung träfe es tödlich: ob man die Eingeborenen assimiliert oder massakriert, der Preis der Arbeitskraft wird fortwährend ansteigen. Die schwerfällige Maschine hält diejenigen, die gezwungen werden, sie in Gang zu halten, zwischen Leben und Tod – immer näher am Tod als am Leben; eine versteinerte Ideologie bemüht sich, Menschen als sprechende Tiere zu betrachten. Vergeblich: um ihnen Befehle geben zu können, und seien sie noch so hart, noch so beleidigend, muss man sie zuvor anerkennen; und da man sie nicht ununterbrochen bewachen kann, muss man sich wohl oder übel entschließen, ihnen zu vertrauen: niemand kann einen Menschen »wie einen Hund« behandeln, wenn er ihn nicht zuvor als Menschen anerkannt hat. Die unmögliche Entmenschlichung des Unterdrückten verkehrt sich in die Selbstentfremdung des Unterdrückers: er ist es, er selbst, der durch seine geringste Geste das Menschsein wieder hervorruft, das er zerstören möchte; und da er es bei den anderen verneint, muss er sich selbst versteinern, muss die Trägheit und Undurchdringlichkeit eines Felsblocks annehmen, muss, kurzum, sich seinerseits »entmenschlichen«.
Eine unerbittliche Wechselseitigkeit fesselt den Kolonisator an den Kolonisierten, sein Produkt und sein Los. Memmi hat das deutlich herausgestellt; wir entdecken mit ihm, dass das Kolonialsystem eine gegen die vorige Jahrhundertmitte entstandene Bewegung ist, die ihre eigene Zerstörung von selbst bewerkstelligen wird: lange schon kostet sie die Mutterländer mehr als sie ihnen einbringt: Frankreich wird erdrückt von der Last Algerien, und wir wissen jetzt, dass wir den Krieg aufgeben werden, ohne Sieg oder Niederlage, wenn wir zu arm sein werden, um ihn zu bezahlen. Aber vor allem anderen ist es die mechanische Starre des Apparats, die im Begriff ist, diesen zu zerstören: die alten Gesellschaftsstrukturen sind pulverisiert, die Eingeborenen »atomisiert«, und die koloniale Gesellschaft kann sie nicht integrieren, ohne sich selbst zu zerstören; sie werden also ihre Einheit gegen sie wiedergewinnen müssen. Diese Ausgeschlossenen werden ihren Ausschluss im Namen des nationalen Selbstbewusstseins fordern: es ist der Kolonialismus, der den Patriotismus der Kolonisierten hervorbringt. Diesen von einem Unterdrückungssystem auf dem Niveau von Tieren gehaltenen Menschen gewährt man keinerlei Recht, nicht einmal das Recht zu leben, und ihre Lebensbedingungen verschlechtern sich mit jedem Tag: wenn einem Volk nichts mehr bleibt als die Wahl seiner Todesart, wenn es von seinen Unterdrückern nur ein einziges Geschenk bekommen hat, die Verzweiflung –was hat es dann noch zu verlieren? Gerade aus seinem Unglück wird ihm sein Mut kommen; die ewige Zurückweisung, die die Kolonisation ihm entgegensetzt, wird es mit der absoluten Zurückweisung der Kolonialherrschaft erwidern. Das Geheimnis des Proletariats, hat Marx einmal gesagt, liegt darin, dass es die Zerstörung der bürgerlichen Gesellschaft in sich birgt. Man muss Memmi dankbar sein, dass er uns daran erinnert hat: auch der Kolonisierte hat sein Geheimnis, und wir wohnen dem gräulichen Todeskampf des Kolonialismus bei.
*Sartre benutzt hier die Sprache des Kolonisators. Diese zu ändern, wäre eine Verfälschung. Auch insgesamt folgt der Text der dt. Erstausgabe. (A.d.Verl.)
*Schreibt er nicht: »Die koloniale Situation erzeugt ebenso Kolonialisten, wie sie Kolonisierte hervorbringt«? Der ganze Unterschied zwischen uns liegt vielleicht darin, dass er eine Situation sieht, wo ich ein System sehe.
Vorwort des Autors zur französischen Ausgabe von 1966
Diese Neuauflage widme ich meinen
franko-kanadischen Freunden, weil sie
sowohl Kanadier als auch Franzosen
sein wollen.
Ich müsste lügen, wenn ich behaupten wollte, mir sei die ganze Bedeutung dieses Buches von Anfang an klar gewesen. Ich hatte einen ersten Roman geschrieben, La Statue de sel, die Lebensgeschichte einer Modellfigur, um zu versuchen, mich in meinem eigenen Leben zurechtzufinden. Aber die Unmöglichkeit eines menschenwürdigen Lebens im zeitgenössischen Nordafrika, die mir stattdessen klar wurde, bewog mich zu dem Versuch, den Ausweg in einer Mischehe zu suchen. Daraus wurde der Roman Agar, der mit einem erneuten Fehlschlag endete. Damals setzte ich große Hoffnungen auf das Paar, das für mich noch immer einen der dauerhaftesten Glückszustände des Menschen darstellt; vielleicht die einzig wirkliche Aufhebung der Einsamkeit. Aber am Ende entdeckte ich, dass auch das Paar keine isolierte Gemeinschaft ist, keine Oase der Erneuerung und des Vergessens inmitten der Welt; vielmehr enthielt es die ganze Welt in sich. Nun war dies für meine unglücklichen Helden die Welt der Kolonisation, und wenn ich das Scheitern ihres Abenteuers verstehen wollte, das eines gemischtrassischen Paares in einer Kolonie, musste ich den Kolonisator und den Kolonisierten verstehen, möglicherweise sogar das gesamte koloniale Verhältnis und die koloniale Situation. All das entfernte mich sehr weit von mir selbst und von meinen Lebensschwierigkeiten, aber die Auseinandersetzung kam immer wieder auf mich zu, und noch ohne zu wissen, wohin ich gelangen würde, und ohne den Anspruch, einen so komplexen Zustand ganz zu erfassen, musste ich zumindest ein Ende für meine Angst finden.
Ich müsste also gleichfalls lügen, wenn ich behaupten wollte, dieses »Porträt«, das ich schließlich von einem der bedeutendsten Unterdrückungsverhältnisse unserer Tage entworfen habe, sei von der Absicht geleitet worden, zunächst den Unterdrückten schlechthin zu zeichnen. Sicherlich werde ich eines Tages dieses allgemeine Bild des Unterdrückten liefern. Aber um genau zu sein, es müsste ein wirklich allgemeines Bild daraus werden, d.h. ein Porträt der Synthese, durch Überlagerung mehrerer Einzelzüge, mehrerer konkreter Porträts von verschiedenen Unterdrückten. Ein Bild des Unterdrückten schlechthin setzt meiner Meinung nach all diese Unterdrückten voraus, statt sie vorwegzunehmen, wie dies bestimmte Philosophen glauben, die ihre Konstruktion für ideale Schöpfungen ihres Geistes halten, mit denen sie dann die Wirklichkeit beherrschen möchten; dabei sind dies in den meisten Fällen Stilisierungen, denen keine Wirklichkeit entspricht. Jedenfalls hatte ich damals nicht die Absicht, alle Unterdrückten darzustellen, nicht einmal alle Kolonisierten. Ich war Tunesier und somit Kolonisierter. Ich entdeckte, dass es nur wenige Aspekte meines Lebens und meiner Person gab, auf die dieser Umstand keinen Einfluss hatte. Nicht nur mein Denken, meine persönlichen Vorlieben und mein Verhalten, sondern auch das Verhalten derer, mit denen ich zu tun hatte, war davon betroffen. Als ich als junger Student erstmals die Sorbonne besuchte, gab es Gerüchte, die mich beunruhigten. Hatte ich als Tunesier das Recht, meine »agrégation« in Philosophie einzureichen?* Ich fragte den Vorsitzenden des Prüfungsausschusses. »Ein Recht ist es nicht«, erklärte er mir, »es ist eine Gunst.« Er zögerte und suchte als Jurist nach den exakten Begriffen. »Nehmen wir an, es sei eine koloniale Gunst.« Ich habe bis heute nicht verstanden, was das eigentlich bedeutete, aber ich konnte aus ihm nichts weiter herausbekommen, und man kann sich vorstellen, mit welcher Seelenruhe ich in der Folgezeit arbeitete. Kurz gesagt, ich habe diese Bestandsaufnahme der Lage des Kolonisierten vor allem deshalb unternommen, um mich selbst zu verstehen und meinen Platz unter den anderen Menschen zu finden. Es waren meine Dozenten – keineswegs alles Tunesier –, die mich später davon überzeugten, dass dieses Bild zugleich das ihre war. Es waren die Reisen, die Gespräche, die Auseinandersetzungen und die Lektüre zahlreicher Bücher, die mir im Verlauf meiner Arbeit immer mehr bestätigten, dass das, was ich geschildert hatte, das Los vieler Menschen überall auf der Welt ist.
Zugleich machte ich die Entdeckung, dass sich alle Kolonisierten im Grunde ähnlich waren; ich musste in der Folgezeit feststellen, dass überhaupt alle Unterdrückten bis zu einem bestimmten Punkt Ähnlichkeiten aufweisen. So weit war ich anfangs noch nicht, und teils aus Vorsicht, teils weil ich andere Sorgen im Kopf hatte, sparte ich mir diese Erkenntnis lieber auf, die ich heute für unleugbar halte. Doch in diesem Bild erkannten sich so viele unterschiedliche Menschen wieder, dass ich die Vorstellung aufgeben musste, es sei nur das meinige oder das des kolonisierten Tunesiers oder sogar Nordafrikaners allein. Man hat mir gesagt, die Kolonialpolizisten hätten dieses Buch fast überall in den Räumen der militanten Kolonisierten beschlagnahmt. Ich bin überzeugt, dass ich ihnen nichts anderes gegeben habe, als was sie bereits waren, was sie bereits gelebt haben. Aber indem sie ihre eigenen Gefühlsregungen, ihr Aufbegehren und ihre Forderungen wiedererkannten, gewannen diese in ihren Augen, so nehme ich an, eine neue Legitimität. Und so getreu auch die Beschreibung unserer gemeinsamen Erfahrungen sein mochte – die Leser waren davon vielleicht doch weniger betroffen als von deren innerem Zusammenhang, den ich ihnen gezeigt hatte. Als der Algerienkrieg kurz bevorstand und schließlich ausbrach, prophezeite ich für mich die zu erwartende Dynamik der Ereignisse und wagte es schließlich auch, sie öffentlich anzukündigen. Das koloniale Verhältnis, das ich darlegen wollte, kettete den Kolonisierten wie den Kolonisator in einer Art erbarmungsloser Abhängigkeit aneinander, formte ihre Charakterzüge und diktierte ihr Verhalten. Ebenso wie es eine deutliche Logik im wechselseitigen Verhalten der beiden Partner der Kolonisation gab, musste meiner Meinung nach ein zweiter Mechanismus, der sich aus dem ersten ergab, unerbittlich die Auflösung dieser Abhängigkeit vorantreiben. Insgesamt bestätigten die Ereignisse in Algerien dieses Muster, das ich in der Folgezeit so oft in der Sprengung anderer kolonialer Situationen wiedergefunden habe.
Jedenfalls fügte sich die Vielfalt von Ereignissen, die ich von Kindheit an erlebt hatte und die in ihrer äußeren Erscheinung oft unzusammenhängend und widersprüchlich waren, auf diese Weise zu dynamischen Konstellationen zusammen. Wie konnte der Kolonisator seine Arbeiter anständig behandeln und zugleich von Zeit zu Zeit in eine Menge von Kolonisierten schießen lassen? Wie konnte der Kolonisierte sich selbst so unerbittlich verneinen und zugleich in so maßloser Weise das Recht auf sich selbst fordern? Wie konnte er den Kolonisator verabscheuen und zugleich leidenschaftlich bewundern (jene Bewunderung, die ich trotz allem auch in mir verspürte)? Das war es, was ich vor allem für mich selbst brauchte: meine Gefühle und Gedanken in eine Ordnung und mein Verhalten mit ihnen vielleicht in Einklang zu bringen. Aufgrund meines Charakters und meiner Erziehung musste ich dies freilich mit aller Strenge tun und den Konsequenzen so weit wie möglich folgen. Wäre ich auf halbem Wege stehengeblieben, hätte ich nicht alle Tatsachen berücksichtigt, hätte ich nicht versucht, all diesem Material einen inneren Zusammenhang zu verleihen und daraus so lange Bilder zu rekonstruieren, bis sie zueinander passten, so wäre es mir wohl kaum gelungen, mich zu überzeugen, und ich wäre vor allem mit mir selbst unzufrieden geblieben. Aber zur gleichen Zeit begann ich zu ahnen, welche Hilfe für die Menschen im Kampf die einfache, aber genaue und systematische Beschreibung ihrer Nöte, ihrer Demütigung und ihres objektiven Zustands der Unterdrückung sein konnte. Ich begann zu ahnen, wie explosiv die Enthüllung einer ihrem Wesen nach explosiven Situation für das ungetrübte Bewusstsein des Kolonisierten wie des Kolonisators sein konnte. Als ob die Enthüllung einer gewissen Zwangsläufigkeit in ihren jeweiligen Marschrouten den Kampf immer notwendiger und jeden Versuch, den anderen aufzuhalten, immer verzweifelter machte. Kurz, das Buch war meinen Händen entglitten.
Darf ich gestehen, dass mich das etwas beunruhigt hat? Nach den eigentlichen Kolonisierten, den Algeriern, Marokkanern oder Schwarzafrikanern wurde es allmählich von anderen anerkannt, in Anspruch genommen und genutzt, die in anderer Weise beherrscht werden, wie manche südamerikanische Länder, die Japaner oder die Neger in den Vereinigten Staaten. Die letzten in dieser Reihe waren die Kanadier französischer Abstammung, die mir die Ehre erwiesen, dass sie glaubten, zahlreiche Muster ihrer eigenen Entfremdung darin wiederzufinden. Ich konnte das Leben dieses Buches nur mit Erstaunen beobachten, so wie ein Vater mit einer Mischung aus Stolz und Besorgnis seinen Sohn beobachtet, der dabei ist, sich einen Ruf zu erwerben, bei dem sich Beifall und Entrüstung mischen. Tatsächlich hatte dies nicht nur Vorteile, denn ein solcher Wirbel hat gerade dazu geführt, dass etliche Passagen übersehen wurden, die mir sehr am Herzen lagen. Dazu gehören die Ausführungen über das, was ich als Nero-Komplex bezeichnet habe; die Beschreibung des kolonialen Verhältnisses als objektiver Zustand, dem beide Partner der Kolonisation unterworfen sind; oder der Versuch einer Definition des Rassismus im Zusammenhang mit der Herrschaft einer Gruppe über eine andere; oder auch die Analyse des Scheiterns der europäischen Linken, insbesondere der kommunistischen Parteien, weil sie den nationalen Aspekt der kolonialen Befreiungsbewegungen unterschätzt hatten; und vor allem außer einem Porträt, das ich so abgeklärt wie nur möglich wollte, die Bedeutung und der unersetzliche Reichtum der gelebten Erfahrung.
Denn trotz allem denke ich immer noch, dass zumindest in meinen Augen der Wert dieses Unterfangens in seiner ursprünglichen Bescheidenheit und Besonderheit liegt, so dass nichts in diesem Buch auf Erfindungen und Spekulationen oder sogar auf willkürlichen Extrapolationen beruht. Es handelt sich an jeder Stelle um eine Erfahrung, die zwar stilisiert und in eine Form gebracht, aber hinter jedem einzelnen Satz verborgen ist. Und wenn ich schließlich einverstanden war mit diesem allgemeinen Gang, den das Unternehmen am Ende angenommen hat, so eben deshalb, weil ich weiß, dass ich für jede Zeile, jedes Wort zahlreiche und völlig konkrete Tatsachen beibringen könnte.
Aus diesem Grund hat man mir vorgeworfen, dass meine Porträts nicht gänzlich auf einen ökonomischen Unterbau gestellt sind, obwohl ich es oft genug wiederholt habe, dass der Begriff des Privilegs im Zentrum des Kolonialverhältnisses steht, ohne Zweifel ein ökonomisches Privileg. Und ich benutze die Gelegenheit, nochmals nachdrücklich zu bestätigen: für mich ist der wirtschaftliche Aspekt der Kolonisation grundlegend. Geht aus diesem Buch nicht die Anprangerung einer vorgeblich moralischen und kulturellen Mission der Kolonisation und der Nachweis hervor, dass in ihr der Begriff des Profits eine wesentliche Rolle spielt?* Habe ich nicht immer wieder betont, dass zahlreiche Formen der Verarmung des Kolonisierten das nahezu unmittelbare Resultat der Vorteile sind, die der Kolonisator dort vorfindet? Sehen wir nicht auch heute noch, wie die Entkolonisierung in bestimmten Ländern deshalb so mühselig vor sich geht, weil der Ex-Kolonisator auf seine Privilegien nicht wirklich verzichtet hat und hinterlistig versucht, sie wiederzugewinnen? Aber das koloniale Privileg ist nicht ausschließlich wirtschaftlicher Natur. Wenn man das Leben von Kolonisator und Kolonisiertem betrachtet, so entdeckt man rasch, dass die tägliche Erniedrigung des Kolonisierten und seine objektive Vernichtung nicht allein ökonomischer Art sind. Der permanente Triumph des Kolonisators liegt nicht nur in der Ökonomie. Der kleine, der armselige Kolonisator hielt sich nichtsdestoweniger für etwas Höheres als der Kolonisierte, und in gewissem Sinne war er das auch wirklich – objektiv und nicht nur in seiner Phantasie. Und das machte ebenso einen Teil des kolonialen Privilegs aus. Die Marxsche Entdeckung von der Bedeutung der Ökonomie innerhalb jedes Unterdrückungsverhältnisses steht außer Frage. Aber dieses Verhältnis enthält noch andere Eigenschaften, die sich meiner Ansicht nach im Kolonialverhältnis auffinden lassen.
Aber, so wird man erneut einwenden, laufen all diese Erscheinungen in letzter Instanz nicht auf einen mehr oder weniger verborgenen ökonomischen Aspekt hinaus? Oder anders: ist der ökonomische Aspekt nicht der primäre Faktor, der Motor der Kolonisation? Möglicherweise, aber das ist noch nicht einmal sicher. Im Grunde genommen wissen wir überhaupt nicht, was der Mensch letztlich ist, was für ihn das Wesentliche ist, das Geld, der Sex oder der Stolz, ob die Psychoanalyse gegenüber dem Marxismus recht behält oder ob das von den einzelnen Individuen und Gesellschaften abhängt. Bevor ich hierüber zu dieser letzten Instanz gelangte, wollte ich jedenfalls die ganze Komplexität jener Wirklichkeit darstellen, die vom Kolonisierten wie vom Kolonisator gelebt wird. Weder die Psychoanalyse noch der Marxismus können unter dem Vorwand, die Triebkraft oder eine der grundlegenden Triebkräfte des menschlichen Verhaltens entdeckt zu haben, das gesamte menschliche Erleben, alle Gefühle, alles Leiden, alle verborgenen Ursprünge des Verhaltens einfach hinwegfegen, um darin lediglich das Profitstreben oder den Ödipuskomplex zu sehen.
Ich möchte noch ein Beispiel anführen, das wahrscheinlich gegen mich sprechen wird. (Aber so verstehe ich meine Rolle als Schriftsteller: sie kann sich sogar gegen meine eigene Person kehren.) Diesem Porträt des Kolonisierten, das nun einmal so sehr das meinige ist, geht ein Porträt des Kolonisators voraus. Wie kann ich es mir erlauben, mit einer derart bedrückenden Lebensgeschichte in gleicher Weise auch das Bild meines Gegners zu zeichnen? An dieser Stelle muss ich ein spätes Eingeständnis machen: in Wahrheit kannte ich den Kolonisator fast ebenso gut und aus dem Inneren heraus. Das muss ich erklären. Ich sagte bereits, dass ich Tunesier bin. Wie alle Tunesier wurde ich demnach als Bürger zweiter Klasse behandelt, bestimmter politischer Rechte beraubt, hatte keinen Zugang zu den meisten Verwaltungspositionen, war zweisprachig aufgewachsen, meine Ausbildung lag lange Zeit im Ungewissen usw…., man wird all das in meinem Porträt des Kolonisierten lesen. Aber ich war kein Moslem. In einem Land, in dem so viele Gruppen von Menschen nebeneinander lebten, aber jede ängstlich darauf bedacht war, ihre Eigenart zu wahren, hatte das eine wesentliche Bedeutung. Vereinfacht ausgedrückt können wir sagen, dass der Jude ebenso viel mit dem Kolonisator wie mit dem Kolonisierten gemeinsam hatte. War er einerseits unleugbar Eingeborener, wie man damals sagte, dem Moslem denkbar nahe durch das unerträgliche Elend seiner Armen, durch seine Muttersprache (meine eigene Mutter sprach in ihrem ganzen Leben kein Wort Französisch), durch Gemüt und Gebräuche, die Vorliebe für dieselbe Musik und dieselben Wohlgerüche und eine fast identische Küche, versuchte er andererseits, sich hingebungsvoll mit dem Franzosen zu identifizieren. Mit einer großen, schwungvollen Bewegung, die ihn zum Okzident hin entriss, der ihm als Inbegriff aller eigentlichen Zivilisation und Bildung erschien, kehrte er dem Orient leichten Herzens den Rücken, wählte unwiderruflich die französische Sprache, kleidete sich nach italienischer Mode und übernahm höchst bereitwillig sogar die Ticks der Europäer. (Womit er übrigens versuchte, einer der Ambitionen eines jeden Kolonisierten zu folgen, der sich noch nicht für die Revolte entschieden hat.) Noch besser – oder schlechter, wie man will –, in dieser Pyramide kleiner Tyrannen, wie ich sie zu beschreiben versucht habe und die das Gerippe jeder Kolonialgesellschaft darstellt, fand sich der Jude um genau einen Rang höher als sein mohammedanischer Mitbürger. Sein Privileg war lächerlich, aber es reichte aus, ihm einigen Dünkel zu verleihen und in ihm die Hoffnung zu wecken, er stehe nicht auf derselben Stufe wie die Masse der muselmanischen Kolonisierten, die die unterste Ebene der Pyramide bildeten. Es genügte zugleich, dass er sich seit dem Tag bedroht fühlte, an dem das Gebäude zum ersten Mal wankte. Man hat das recht gut bei den Barrikadenkämpfen in Algier beobachten können, wo zahlreiche Juden Seite an Seite mit den »Piedsnoirs«* ihre Schüsse abfeuerten. Nebenbei gesagt ist auch mein Verhältnis zu meinen Glaubensgenossen nicht gerade erleichtert worden, als ich mich entschlossen hatte, die Kolonisierten zu unterstützen. Kurz, wenn ich es auch für unumgänglich hielt, die Kolonisation anzuprangern, obwohl sie für die meisten weniger drückend gewesen ist, habe ich doch diese widersprüchlichen Regungen gekannt, die ihre Gemüter bewegten. Schlug denn nicht auch mein eigenes Herz beim Anblick der kleinen blau-weiß-roten Fahne auf den Schiffen der »Compagnie Générale Transatlantique«, die den Hafen von Tunis mit Marseille verband?
All dies, um zu sagen, dass dieses Porträt des Kolonisators zum Teil auch das meinige war; nehmen wir an, ein Bild in geometrischer Projektion. Insbesondere bei der Schilderung des wohlwollenden Kolonisators habe ich mich von einer Gruppe von Philosophiedozenten in Tunis anregen lassen, meinen Kollegen und Freunden, deren Großherzigkeit außer Zweifel steht, leider aber auch ihre Ohnmacht, ihre Unfähigkeit, sich für das Gehör zu verschaffen, was in den Kolonien vor sich ging. Nun habe ich mich gerade unter ihnen am wohlsten gefühlt. Als ich mühsam daran arbeitete, die von der Kolonisation aufgerichteten Mythen zu zerstören, konnte ich da gegenüber den in der Brust des Kolonisierten entstandenen Gegenmythen nachsichtig sein? Gleich meinen Freunden musste ich über seine freilich unsichere Behauptung unwillkürlich lächeln, die andalusische Musik sei die schönste der Welt oder darüber, dass der Europäer durch und durch hartherzig und bösartig sei, man brauche nur zu beobachten, wie grob er mit seinen Kindern umgehe. Aber trotz ihres beträchtlichen guten Willens in den Augen des Kolonisierten und obwohl sie bereits von der übrigen französischen Kolonie geächtet waren, brachte ihnen das letztlich nur den Argwohn des Kolonisierten ein. Nun war mir all dies nur zu sehr vertraut; ihre Schwierigkeiten, ihr notwendiger Zwiespalt und die damit verbundene Isolierung und, was am schwersten wog, ihr Zaudern vor der Aktion, all das war zu einem großen Teil auch mein Schicksal. (Ich wurde eines Tages heftig beschimpft, weil ich es für sinnlos und gefährlich gehalten hatte, ein Gerücht weiterzugeben, das sich der Medina* bemächtigt hatte, wonach der diplomatische Vertreter Frankreichs wahnsinnig geworden sei.) Würde ich weiter gehen als sie? Im Grunde genommen verstand ich selbst den »Piednoir« mit seinen höchst einfachen Gefühlen und Gedanken, wenngleich ich sein Verhalten missbilligte. Ein Mensch ist das, was seine objektive Lage aus ihm macht, das habe ich oft genug wiederholt. Ich habe mich gefragt, ob es mir wirklich gelungen wäre, die Kolonisation ebenso nachdrücklich zu verurteilen, wenn ich mehr von ihr profitiert hätte. Ich würde mir das natürlich wünschen; aber allein schon deshalb, weil ich unter ihr kaum weniger gelitten habe als die anderen, habe ich einen genaueren Begriff von ihr bekommen. Kurz gesagt, noch der eingefleischteste und bornierteste »Piednoir« war im Grunde von Geburt aus mein Bruder. Das Leben hat uns unterschiedlich behandelt: er wurde als legitimer Sohn des Mutterlandes anerkannt, als Erbe des Privilegs, das er dann um jeden Preis verteidigte, selbst um den schändlichsten; ich war eine Art Mischling der Kolonisation, der jedermann verstand, weil er niemandem gänzlich zugehörte.
* * *
Noch ein Wort zum Schluss dieses neuen Vorworts, das schon zu lang geraten ist. Dieses Buch hat bei seinem Erscheinen ebenso viel Unruhe und Wut wie Begeisterung hervorgerufen. Einerseits hat man darin eine unverschämte Provokation gesehen, andererseits ein Wegzeichen. Alle Welt war sich darin einig, das Buch als eine Waffe, als ein Werkzeug im Kampf gegen die Kolonisation zu kennzeichnen; das ist es allerdings geworden. Aber nichts scheint mir lächerlicher, als sich mit einem geborgten Mut und mit Heldentaten zu brüsten, die man nie begangen hat: ich habe diesen Text ziemlich unbefangen abgefasst, ich wollte einfach zunächst das koloniale Verhältnis verstehen, in das ich so fest verstrickt war. Nicht dass ich diese Philosophie nie gehabt hätte, die meiner Untersuchung zugrunde liegt und in gewisser Weise meinem Leben Farbe gibt. Ich bin bedingungslos gegen jede Form von Unterdrückung; ich sehe in ihr die Hauptgeißel der Menschheit, die die besten Kräfte des Menschen in eine falsche Richtung lenkt und verdirbt, überdies nicht nur die des Unterdrückten, sondern auch des Unterdrückers, denn man wird beides erleben: ebenso wie die Kolonisation den Kolonisierten zerstört, so zersetzt sie auch den Kolonisator. Aber das war eigentlich nicht die Absicht meines Buches. Die Wirkung dieses Textes hat sich in gewisser Weise während seines Entstehens eingestellt, und zwar allein durch die Tugend der Wahrheit. Das heißt, dass es wahrscheinlich genügt hat, möglichst genau das Kolonialverhältnis, die Art und Weise, wie der Kolonisator notwendig handeln musste, und die allmähliche und unerbittliche Zerstörung des Kolonisierten zu beschreiben, um die absolute Ungerechtigkeit der Kolonisation ans Licht zu bringen und zugleich ihre fundamentale Instabilität zu enthüllen und ihr Ende vorauszusagen.
Das einzige Verdienst, das ich mir demnach zurechne, besteht darin, dass ich versucht habe, jenseits meines eigenen Unglücks Rechenschaft abzulegen über einen Aspekt der menschlichen Wirklichkeit, der unerträglich und deshalb unannehmbar ist und der zwangsläufig immer neue Erschütterungen auslöst, unter denen alle bis ins Innerste zu leiden haben. Ich wünschte, dieses Buch würde nicht länger als Ärgernis angesehen, sondern es würden ruhige Überlegungen angestellt, warum diese Schlussfolgerungen, die sich mir aufgedrängt haben, weiterhin von so vielen Menschen spontan nachvollzogen werden, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Liegt das nicht einfach daran, dass diese beiden Porträts, die ich versuchsweise entworfen habe, schlicht ihre Modelle getreu wiedergeben, die meines vorgehaltenen Spiegels nicht bedürfen, um sich wiederzuerkennen, um ganz von sich aus den richtigen Weg in ihrem elenden Leben zu entdecken? Die hartnäckige Verwechslung zwischen dem Künstler und seinem Gegenstand ist bekannt (was wohl eines der Anzeichen für unsere fortwährende Barbarei, unser verzweifelt magisches Denken ist). Statt sich über die Äußerungen der Schriftsteller aufzuregen und ihnen vorzuwerfen, dass sie eine Unordnung schaffen wollen, die von ihnen lediglich beschrieben und prophezeit wird, täte man besser daran, ihnen aufmerksamer zuzuhören und ihre warnenden Hinweise ernster zu nehmen. Bin ich denn am Ende nicht im Recht, wenn ich jetzt, nach so vielen verheerenden und vergeblichen Kolonialkriegen und da sich Frankreich heute zum Vorkämpfer der Entkolonialisierung auf der Welt macht, meine, dass dieses Buch für den Kolonisator ebenso nützlich hätte sein können wie für den Kolonisierten?
Albert Memmi
Paris, Februar 1966
*Prüfung zur Erlangung der Lehrbefähigung an Schulen und/oder Universitäten in Frankreich (A. d. Ü.).
*»Die Kolonisation, das ist vor allem eine ökonomisch-politische Ausbeutung.« S. 125
*Die in Algerien geborenen und aufgewachsenen Franzosen (A.d.Ü.)
*Mohammedanischer Teil der Stadt (A.d.Ü.)
Porträt des Kolonisators
1. Gibt es den Kolonialisten?
Der Sinn des Aufbruchs in die Kolonien
Hier und da wird der Kolonisator gern noch als ein hochgewachsener Mann mit sonnengebräunter Haut, in Stiefeln und auf eine Schaufel gestützt dargestellt – denn er verschmäht es keineswegs, selbst Hand anzulegen, während sein Blick in die Ferne auf den Horizont seiner Ländereien gerichtet ist; inmitten zweier Handlungen gegen die Natur kümmert er sich um die Menschen, pflegt die Kranken und verbreitet die Kultur, kurz, ein edler Abenteurer, ein Pionier.
Ich weiß nicht, ob diesem naiven Klischee jemals eine gewisse Realität entsprochen hat oder ob es nur als Bildchen auf den kolonialen Banknoten vorkommt. Die wirtschaftlichen Motive des Kolonialunternehmens werden heute von allen Geschichtsschreibern des Kolonialismus ins Licht gerückt, kein Mensch glaubt mehr an die kulturelle und moralische Mission des Kolonisators, nicht einmal in den historischen Anfängen. Jedenfalls ist in unseren Tagen der Aufbruch in die Kolonie nicht die Entscheidung für einen ungewissen Kampf, der gerade um seiner Gefahren willen gesucht wird, es ist nicht die Versuchung des Abenteuers, sondern die der Bequemlichkeit.
Man braucht übrigens nur den Europäer über die Kolonien zu befragen: was hat ihn dazu bewogen, das Heimatland zu verlassen und vor allem, was hat ihn veranlasst, im Exil auszuharren? Zuweilen spricht er auch von Abenteuer, vom Pittoresken und Fremdartigen. Aber warum hat er dies nicht in Arabien oder einfach in Zentraleuropa gesucht, wo man nicht seine eigene Sprache spricht, wo er nicht auf eine zahlenmäßig bedeutende Gruppe seiner Landsleute trifft, auf eine Verwaltung, die ihm dient und eine Armee, die ihn schützt? Ein solches Abenteuer hätte mehr an Unvorhergesehenem bereitgehalten; aber dieses Fremdartige wäre für ihn dort zwar sicherer und echter, doch von zweifelhaftem Gewinn gewesen: das Fremdartige an der Kolonie, sofern es das für ihn überhaupt gibt, muss sich in allererster Linie rentieren. Unbefangen und präziser als die Sprachakrobaten wird unser Reisender uns die beste Definition anbieten, die es für »Kolonie« gibt: man verdient dort mehr und gibt weniger aus. Man begibt sich in die Kolonie, weil die Situationen dort gesichert, die Gehälter höher, die Karrieren steiler und die Geschäfte einträglicher sind. Dem frischgebackenen Universitätsabsolventen hat man eine Stelle angeboten, dem Beamten die Einstufung in eine höhere Besoldungsgruppe, dem Geschäftsmann beträchtliche Steuererleichterungen und dem Industriellen Rohstoffe und Arbeitskräfte zu ungewöhnlich niedrigen Löhnen.
Aber nehmen wir einmal an, dass es diesen naiven Reisenden wirklich gibt, der genauso zufällig in der Kolonie landet, wie er auch in Toulouse oder Colmar hätte ankommen können.
Wird er sehr lange brauchen, um die Vorteile seiner neuen Situation zu sehen? Auch wenn er erst im Nachhinein entdeckt wird, so drängt sich der ökonomische Sinn des Aufbruchs in die Kolonien kaum weniger stark oder schnell auf. Der Europäer in den Kolonien mag sicherlich auch die neue Landschaft lieben und das Malerische ihrer Gebräuche genießen. Wenn ihn jedoch das Klima abschrecken würde, wenn er sich inmitten dieser fremdartig gekleideten Menschenmassen unbehaglich fühlen und seiner Heimat nachtrauern würde, dann stellte sich das Problem, ob diese Widrigkeiten und Unannehmlichkeiten für die Vorteile der Kolonie in Kauf genommen werden sollen oder nicht.
Bald verhehlt er es nicht länger, überall kann man ihn vernehmlich träumen hören: noch ein paar Jahre, und er wird sich ein Haus im Mutterland kaufen … alles in allem eine Art Fegefeuer, aber eines, das sich auszahlt. Von jetzt an reicht es ihm zwar, das Exotische hat er satt, und manchmal wird er krank, aber er klammert sich an dieses Land – er steckt in der Falle bis zur Pensionierung oder sogar bis zu seinem Tod. Warum sollte er ins Mutterland zurückgehen, wo er seinen Lebensstandard auf die Hälfte reduzieren müsste? Wieder zurück in die Metropole, wo es mit den Beförderungen so quälend lange dauert? …
Als in den letzten Jahren die Geschichte in Bewegung geraten war und das Leben für die Kolonisatoren schwieriger und oft gefährlich wurde, da war es diese einfache, keinen Einwand duldende Rechnung, die sie zurückgehalten hat. Selbst diejenigen, die in der Kolonie als Zugvögel bezeichnet werden, haben keine übertriebene Eile an den Tag gelegt, abzureisen. Einige, die eine Rückkehr erwogen, fürchteten plötzlich überraschend eine neue Fremdartigkeit: sich in ihrer ursprünglichen Heimat wiederzufinden. Man kann ihnen ein Stück weit glauben; sie haben ihr Land vor so langer Zeit verlassen, dass mit ihm keine freundschaftlichen Verbindungen mehr bestehen, ihre Kinder sind in der Kolonie geboren, und dort haben sie auch ihre Toten begraben. Aber sie übertreiben ihren Trennungsschmerz. Sie haben sich zwar mit ihren täglichen Gewohnheiten innerhalb der Kolonialbevölkerung eingerichtet, aber sie haben ihr auch die Sitten des Mutterlandes mitgebracht und auferlegt, jenes Mutterlandes, in dem sie regelmäßig die Ferien verbringen, aus dem sie ihre verwaltungstechnischen, politischen und kulturellen Anregungen beziehen und auf das ihre Augen unverändert gerichtet bleiben. Im Grunde genommen ist ihr Gefühl des Fremdseins wirtschaftlicher Art, nämlich das des Neureichen, der Gefahr läuft, zu verarmen.
Deshalb werden sie so lange wie möglich ausharren, denn je mehr Zeit vergeht, um so länger dauern die Vorteile, die wohl einige Beunruhigungen wert sind und die man in jedem Fall zu früh verlieren wird. Aber erst wenn eines Tages die Wirtschaft betroffen ist, wenn die »Lage«, wie man sagt, wirklich gefährlich wird, erst dann fühlt sich der Kolonisator bedroht und denkt daran, diesmal ernsthaft, in die Metropole zurückzukehren.
Auf der kollektiven Ebene liegt die Angelegenheit noch klarer. Die kolonialen Unternehmungen haben nie einen anderen erklärten Sinn gehabt. Während der französisch-tunesischen Verhandlungen haben sich einige Unbedarfte über den relativ guten Willen der französischen Regierung insbesondere im kulturellen Bereich gewundert, aber auch über die insgesamt schnelle Nachgiebigkeit der Herren der Kolonie. Die klugen Köpfe der Bourgeoisie und der Kolonie hatten eben erkannt, dass das wesentliche an der Kolonisation weder das Prestige einer Fahne ist noch die kulturelle Expansion, ja nicht einmal die Leitung der Verwaltung oder das Wohlergehen eines Beamtenkörpers. Die Naiven wundern sich darüber, dass man in allem Zugeständnisse machen konnte, solange die Basis, d.h. die ökonomischen Vorteile, erhalten blieb. Und wenn Herr Mèndes-France seine berühmte Blitzreise unternehmen konnte, so geschah dies mit ihrem Segen und unter dem Schutz eines der ihren. Genau das war sein Programm und der wichtigste Inhalt der Abkommen.
Der Eingeborene und der Privilegierte
Wenn der Kolonisator – durch Zufall oder Zielstrebigkeit – einmal den Profit entdeckt hat, fehlt ihm allerdings noch die bewusste Einsicht in die historische Rolle, die ihm zugedacht ist. Zur Erkenntnis der neuen Situation bedarf es noch eines Schrittes: er muss zugleich den Ursprung und die Bedeutung dieses Profits verstehen. Freilich braucht man darauf nicht lange zu warten. Wie könnte er über längere Zeit hinweg das Elend des Kolonisierten und den Zusammenhang zwischen diesem Elend und seinem eigenen Wohlergehen übersehen? Es wird für ihn deutlich, dass dieser leichte Gewinn nur darum so leicht ist, weil er anderen entrissen wird. Kurz gesagt, er macht zwei Entdeckungen auf einmal: er entdeckt die Existenz des Kolonisierten und damit sein eigenes Privileg.
Zweifellos wusste er, dass die Kolonie nicht ausschließlich von Kolonisten oder Kolonisatoren bewohnt war. Er hatte sogar eine bestimmte Vorstellung von den Kolonisierten, die er der Lektüre von Büchern aus seiner Kindheit verdankte; im Kino hatte er diesen oder jenen Dokumentarfilm über einige ihrer Gebräuche gesehen, die meistens wegen ihrer Fremdartigkeit ausgesucht worden waren. Aber diese Menschen gehörten eben den Regionen der Phantasie, der Bücher oder der Kinovorstellungen an. Sie betrafen ihn nicht oder kaum, nur auf dem Umweg über die Vermittlung von Bildern, die seiner gesamten Nation gemeinsam waren, militärische Heldenepen, unbestimmte strategische Überlegungen. Das hatte ihn ein wenig beunruhigt, als er für sich den Entschluss fasste, selbst in die Kolonie zu gehen, aber nicht anders, als ihn das möglicherweise ungünstige Klima beunruhigt hatte oder das Wasser, das dort zu kalkhaltig sein sollte. Und auf einmal sind diese Menschen kein simples Zubehör einer geographischen oder historischen Kulisse mehr, sondern treten real in sein Leben ein.
Er kann sich nicht einmal dafür entscheiden, ihnen aus dem Weg zu gehen, er muss in beständiger Beziehung mit ihnen leben, denn gerade diese Beziehung ist es, die ihm dieses Leben ermöglicht, das er in der Kolonie freiwillig gesucht hat, diese Beziehung ist es, die so einträglich ist und die das Privileg schafft. Er befindet sich auf der einen Schale einer Waage, deren andere den Kolonisierten trägt. Ist sein Lebensstandard hoch, so deshalb, weil der des Kolonisierten niedrig ist; wenn er von Arbeitskräften profitieren kann, von einer zahlreichen und anspruchslosen Dienerschaft, so deshalb, weil der Kolonisierte nach Belieben ausgebeutet werden kann und von den Gesetzen der Kolonie nicht geschützt wird; wenn er so leicht einen Posten in der Verwaltung erhält, so darum, weil diese Stellen für ihn reserviert werden und der Kolonisierte von ihnen ausgeschlossen ist; je freier er atmet, um so mehr schnürt es dem Kolonisierten die Kehle zu.
Es ist unmöglich für ihn, das alles nicht zu entdecken. Er ist es nicht, den die öffentlichen Reden vielleicht überzeugen werden, denn diese Reden hat er selbst, sein Vetter oder sein Freund verfasst; die Gesetze, die seine weitgehenden Rechte und die Pflichten der Kolonisierten festhalten, sie sind von ihm gemacht, die kaum verhüllten Anweisungen zur Diskriminierung, die Quoten bei den Ausscheidungsprüfungen und Stellenvergaben; er ist zwangsläufig in das Geheimnis ihrer Anwendung eingeweiht, da er nun einmal damit betraut ist. Selbst wenn er sich gegenüber dem Funktionieren des gesamten Apparates blind und taub stellen wollte – es genügt, dass er dessen Früchte empfängt: der Nutznießer des gesamten Unternehmens ist eben er.
Der Usurpator
Es ist also unmöglich, dass er die fortdauernde Illegitimität seiner Situation überhaupt nicht wahrnimmt. Darüber hinaus ist es in gewisser Weise eine zweifache Illegitimität. Als Fremder, der in der Folge historischer Zufälle ins Land gekommen ist, hat er nicht nur erfolgreich einen Platz für sich erobert, sondern ebenso erfolgreich den des Einwohners genommen und sich unerhörte Privilegien auf Kosten der eigentlichen Anspruchsberechtigten gewährt. Und das nicht aufgrund örtlicher Gesetze, die auf ihre Weise aus der Tradition die bestehende Ungleichheit legitimieren, sondern indem er die hergebrachten Regeln außer Kraft setzt und an deren Stelle die eigenen einführt. Damit erweist er sich in doppelter Weise als ungerecht: er ist ein Privilegierter, dazu noch illegitim privilegiert, er ist ein Usurpator. Und schließlich ist er das nicht nur in den Augen des Kolonisierten, sondern auch in seinen eigenen. Wenn er gelegentlich einwendet, dass es auch unter den Kolonisierten Privilegierte gibt, Feudalherren oder Bourgeois, deren Reichtum dem seinen gleichkommt oder ihn übertrifft, so tut er das ohne Überzeugung. Dass man nicht der einzige Schuldige ist, kann einen zwar beruhigen, aber nicht freisprechen. Er würde rasch erkennen, dass die Privilegien der eingeborenen Privilegierten weniger empörend sind als die seinigen. Er weiß ferner, dass selbst die bevorzugtesten Kolonisierten nie etwas anderes als Kolonisierte sein werden, d.h. ihnen werden bestimmte Rechte auf ewig vorenthalten, bestimmte Vorteile strikt verweigert. Kurz gesagt, er weiß, dass er in seinen eigenen und in den Augen seines Opfers der Usurpator ist: mit diesen Aspekten und dieser Situation muss er sich abfinden.
Der kleine Kolonisator
Bevor wir sehen, wie diese drei Entdeckungen – Profit, Privileg und Usurpation –, diese drei Schritte im Bewusstsein des Kolonisators seine Person formen werden, durch welche Mechanismen sie aus dem Neuankömmling einen Kolonisator oder Kolonialisten machen, müssen wir erst einem häufig gemachten Einwand begegnen: in der Kolonie, so ist oft zu hören, leben nur Kolonisten (»colons«). Wie kann man bei Eisenbahnern von Privilegierten sprechen, bei mittleren Beamten oder selbst bei kleinen Landwirten, die hart rechnen müssen, um ebenso gut zu leben wie ihre Landsleute in vergleichbaren Stellungen im Mutterland? …
Einigen wir uns auf eine praktische Terminologie und unterscheiden zwischen dem Koloniebewohner (»colonial«), dem Kolonisator (»colonisateur«) und dem Kolonialisten (»colonialiste«). Der Koloniebewohner wäre der Europäer, der in der Kolonie lebt, allerdings ohne Privilegien, so dass seine Lebensbedingungen nicht besser sind als die jener Kolonisierten, die seiner wirtschaftlichen und sozialen Schicht angehören. Aus Charakterveranlagung oder moralischer Überzeugung wäre er der wohlwollende Europäer, der gegenüber dem Kolonisierten nicht die Haltung des Kolonisators einnimmt. Also gut, sagen wir es gleich, obwohl wir soeben scheinbar das Gegenteil geäußert haben: der so definierte Kolonialbewohner existiert nicht, weil alle Europäer in den Kolonien privilegiert sind.
Gewiss, nicht alle Europäer in den Kolonien sind Potentaten, erfreuen sich eines Besitzes von mehreren Tausend Hektar Land und sitzen in führenden Verwaltungspositionen. Viele von ihnen sind selbst Opfer der Herren der Kolonisation. Sie werden von ihnen wirtschaftlich ausgebeutet und politisch benutzt, um Interessen zu verteidigen, die oft nicht mit den eigenen übereinstimmen. Aber die gesellschaftlichen Verhältnisse sind fast nie eindeutig. Im Gegensatz zu allem, was man gern glauben möchte, zu den frommen Wünschen wie zu den betreffenden Beteuerungen: tatsächlich ist der kleine Kolonisator im Allgemeinen mit dem Kolonisator solidarisch und ein hartnäckiger Verteidiger kolonialer Prinzipien. Warum?
Solidarität mit seinesgleichen? Defensive Reaktion als Äußerung der Angst einer Minderheit, die inmitten einer feindseligen Mehrheit lebt? Zum Teil. Aber in den schönen Zeiten der Kolonisation, als die Europäer der Kolonien noch von Polizei und Armee sowie einer ständig interventionsbereiten Luftwaffe geschützt waren, da hatten sie keine Angst, jedenfalls nicht genug, um eine solche Einmütigkeit zu erklären. Mystifikation? Sicherlich eher. Es trifft zu, dass der kleine Kolonisator selbst einen Kampf führen, eine Befreiung zuwege bringen müsste, wenn er nicht so sehr von den eigenen Leuten hinters Licht geführt und von der Geschichte geblendet wäre. Aber ich glaube nicht daran, dass eine Mystifikation sich auf eine vollständige Illusion gründen, das menschliche Verhalten gänzlich beherrschen kann. Wenn der kleine Kolonisator das Kolonialsystem mit einer solchen Verbissenheit verteidigt, so deshalb, weil er mehr oder weniger davon profitiert. Die Mystifikation liegt darin, dass er mit der Verteidigung seiner höchst beschränkten Interessen zugleich andere, weit wichtigere verteidigt, deren Opfer er außerdem noch ist. Aber selbst als Betrogener und Opfer kommt auch er noch auf seine Rechnung.
Und zwar deshalb, weil das Privileg eine relative Angelegenheit ist: ob mehr oder weniger, jeder Kolonisator ist privilegiert, denn er ist es vergleichsweise und zum Schaden des Kolonisierten. Fallen die Privilegien der Mächtigen der Kolonisation ins Auge, so sind die winzigen Privilegien auch des kleinen Kolonisators doch zahlreich. Jede Geste seines täglichen Lebens bringt ihn in ein Verhältnis mit dem Kolonisierten, und mit jeder Geste profitiert er von einem anerkannten Vorteil. Hat er Schwierigkeiten mit den Gesetzen? Die Polizei und selbst die Justiz werden ihn milder behandeln. Benötigt er einen Dienst der Verwaltung? Das wird für ihn weniger bürokratisch erledigt; die Formalitäten werden abgekürzt, man wird ihm einen Schalter vorbehalten, vor dem weniger Bittsteller stehen und wo er nicht so lange warten muss. Er sucht eine Stelle? Muss er sich einem Auswahlverfahren unterziehen? Die Stellen und Posten werden für ihn im Voraus reserviert; die Prüfungen werden in seiner Sprache durchgeführt, was für den Kolonisierten Schwierigkeiten mit sich bringt, die ihm kaum eine Chance lassen. Ist er denn so mit Blindheit geschlagen, dass er niemals zu sehen vermag, dass er bei objektiv gleichen Umständen, gleicher wirtschaftlicher Stellung und bei gleichen Leistungen immer im Vorteil ist? Wendet er denn kein einziges Mal den Kopf, um all die Kolonisierten zu bemerken, einige unter ihnen ehemalige Mitschüler oder Kollegen, die er so weit hinter sich gelassen hat?
Aber auch wenn er nichts verlangen würde und nichts nötig hätte – es genügt bereits sein bloßes Erscheinen, damit sich an seine Person das positive Vorurteil all jener heftet, die in der Kolonie zählen, ja sogar noch das Vorurteil derer, die nicht zählen, denn er profitiert von dem positiven Vorurteil, vom Respekt des Kolonisierten selbst, der ihm mehr zugesteht als den Besten seinesgleichen, der z. B. seinem Wort mehr Vertrauen schenkt als einem seiner eigenen Landsleute. Und das alles, weil er von Geburt an eine Eigenschaft besitzt, die unabhängig von seinen persönlichen Leistungen oder seiner objektiven Klasse ist: er gehört zur Gruppe der Kolonisatoren, deren Werte herrschen und an denen er teilhat. Das Land richtet sich nach seinen traditionellen Feiertagen, ja selbst nach seinen religiösen Festen und nicht nach denen der Einheimischen; der arbeitsfreie Tag in der Woche ist der seines Herkunftslandes, es ist die Flagge seiner Nation, die auf den großen Bauwerken weht, es ist seine Muttersprache, die den gesellschaftlichen Umgang ermöglicht; selbst seine Kleidung, sein Akzent, sein Benehmen drängen sich schließlich dem Kolonisierten zur Nachahmung auf. Der Kolonisator partizipiert an einer überlegenen Welt, und er kann gar nicht anders als automatisch deren Privilegien zu genießen.
Andere Mystifizierte der Kolonisation
Und es ist abermals ihre konkrete, ökonomische, psychologische Situation innerhalb des kolonialen Komplexes, einerseits gegenüber den Kolonisierten, andererseits den Kolonisatoren, die etwas über den Charakter der anderen Bevölkerungsgruppen aussagt, über jene, die weder Kolonisatoren noch Kolonisierte sind: die Staatsangehörigen der anderen Mächte (Italiener und Malteser in Tunesien), die Anwärter auf eine Assimilierung (die Mehrheit der Juden) und die in neuerer Zeit Assimilierten (Korsen in Tunesien, Spanier in Algerien). Man könnte noch die Behördenangestellten hinzufügen, die aus den Kolonisierten selbst rekrutiert worden sind.
Die Armut der Italiener oder der Malteser ist so groß, dass es lächerlich scheinen mag, bei ihnen von Privilegien zu sprechen. Aber wenn sie auch oft genug schlimm dran sind, so tragen doch die wenigen Brosamen, die man ihnen achtlos hinwirft, dazu bei, sie aufzuspalten und tatsächlich von den Kolonisierten zu trennen. Mehr oder weniger im Vorteil gegenüber den kolonisierten Massen, zeigen sie eine Tendenz, ihnen gegenüber ähnliche Beziehungen herzustellen, wie sie zwischen Kolonisator und Kolonisiertem bestehen. Zugleich sind sie keineswegs identisch mit der Gruppe der Kolonisatoren, haben in dem kolonialen Komplex nicht dieselben Funktionen und unterscheiden sich von dieser Gruppe auf je spezifische Weise.
All diese Nuancen werden unmittelbar deutlich, sobald man das Verhältnis dieser Personen zur kolonialen Situation untersucht. Wenn die Italiener in Tunesien die Franzosen auch immer um ihre Privilegien in Justiz und Verwaltung beneidet haben, so sind sie dennoch in einer besseren Lage als die Kolonisierten. Sie stehen unter dem Schutz internationaler Gesetze und eines durchaus aktiven Konsulats, ständig unter den wachsamen Augen der Metropole. Vom Kolonisator alles andere als ablehnend behandelt, sind oft sie es, die sich lange Zeit nicht entscheiden können zwischen der Assimilierung und der Treue zu ihrem Heimatland. Schließlich sind es dieselbe europäische Herkunft, eine gemeinsame Religion und zumeist dieselben Sitten, die sie gefühlsmäßig dem Kolonisator näherbringen. Aus all dem resultieren am Ende gewisse Vorteile, die der Kolonisierte zweifellos nicht genießt: eine erleichterte Stellensuche, eine weniger große Ungesichertheit gegenüber Not und Krankheit und eine weniger ungewisse Schulbildung für die Kinder; schließlich auch bestimmte Rücksichten von Seiten des Kolonisators, eine weitgehend respektierte Menschenwürde. Man wird verstehen, dass sie – obwohl theoretisch ebenfalls benachteiligt – gegenüber dem Kolonisierten bestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen, die sie mit dem Kolonisator gemein haben.
Gegenbeweis: die Italiener, die aufgrund ihrer Verwandtschaft zweiten Grades mit dem Kolonisator von der Kolonisation nur aus zweiter Hand profitieren, stehen den Kolonisierten sicherlich näher als den Franzosen. Sie unterhalten mit ihnen nicht diese gezwungenen, förmlichen Beziehungen, sie haben nicht diesen Ton an sich, aus dem immer der Herr herausklingt, der sich an seine Sklaven wendet, ein Ton, von dem sich der Franzose überhaupt nicht freimachen kann. Im Gegensatz zu den Franzosen sprechen die Italiener fast alle die Sprache des Kolonisierten, pflegen mit ihnen dauerhafte Freundschaften, und, ein besonders aufschlussreiches Merkmal, sie gehen auch Mischehen mit ihnen ein. Kurz gesagt, die Italiener, die darin keinen besonderen Vorteil zu sehen vermögen, halten nicht auf große Distanz zwischen sich und den Kolonisierten. Dasselbe Resultat würde sich, um nur einige Nuancen verschoben, auch bei den Maltesern ergeben.
Die Situation der Juden – ewig schwankende und erfolglose Anwärter auf eine Assimilierung – lässt sich unter einem ähnlichen Aspekt sehen. Ihr beständiger und nur zu berechtigter Ehrgeiz dient dem Ziel, ihrer Lage als Kolonisierte zu entrinnen, eine zusätzliche Last in einer ohnehin drückenden Situation. Deshalb bemühen sie sich, dem Kolonisator zu gleichen, in der offen geäußerten Hoffnung, dass er in ihnen nicht länger etwas anderes als sich selbst sehen möge. Daher ihre Versuche, die Vergangenheit zu vergessen und gemeinsame Gewohnheiten abzulegen, daher ihre enthusiastische Übernahme der Sprache, der Kultur und der Sitten des Okzidents. Der Kolonisator weist zwar diese Aspiranten auf einen Platz unter seinesgleichen nicht immer offen zurück, aber er hat ihnen auch noch nie gestattet, einen solchen Platz zu erobern. So leben sie in einem schmerzlichen und beständigen Zwiespalt. Vom Kolonisator nicht angenommen, teilen sie manches von der konkreten Situation des Kolonisierten und sind mit ihm tatsächlich in vieler Hinsicht solidarisch, aber im Übrigen lehnen sie die Werte des Kolonisierten ab, als gehöre dieser einer untergehenden Welt an, der sie mit der Zeit zu entrinnen hoffen.
Die seit kurzem Assimilierten sind im Allgemeinen weitab vom durchschnittlichen Kolonisator anzusiedeln. Jeder von ihnen möchte den anderen als Kolonisator übertrumpfen; sie tragen eine stolze Verachtung des Kolonisierten zur Schau und kehren beständig ihren erborgten Adel heraus, was häufig ihre bürgerliche Rohheit und ihre Gier kaschieren soll. Noch zu unsicher im Umgang mit ihren Privilegien, können sie diese nur in Angst genießen und verteidigen sie besonders erbittert. Und wenn die Kolonisation einmal in Gefahr gerät, so stellen sie deren tatkräftigste Verteidiger, ihre Stoßtruppen und hier und da auch ihre Provokateure. Jene Kolonisierten, die eine Position unter den Behördenangestellten, Führungskräften, Polizisten oder als Kaid* usw. erlangt haben, bilden eine Gruppe, die das Ziel verfolgt, ihrer politischen und gesellschaftlichen Situation zu entfliehen. Indem sie sich jedoch entscheiden, zu diesem Zweck in den Dienst des Kolonialherren zu treten und ausschließlich seine Interessen zu verteidigen, übernehmen sie am Ende auch seine Ideologie, sogar den eigenen Leuten und sich selbst gegenüber.
Sie alle schließlich, die mehr oder weniger mystifiziert, mehr oder weniger Nutznießer sind, sie werden so weit missbraucht, dass sie das ungerechte System akzeptieren (indem sie es verteidigen oder sich damit abfinden), das so schwer auf dem Kolonisierten lastet. Ihre Verachtung kann nur eine Entschädigung sein für ihr Elend, so wie auch der europäische Antisemitismus nur allzu oft eine bequeme Ablenkung ist. Das also ist das Prinzip der Pyramide der kleinen Tyrannen: jeder wird von einem Mächtigeren gesellschaftlich unterdrückt und findet immer einen weniger Mächtigen, auf den er sich stützen und dem gegenüber er selbst Tyrann sein kann. Welche Genugtuung und welcher Stolz für einen kleinen Schreiner, der nicht kolonisiert ist, neben einem arabischen Hilfsarbeiter einherzugehen, der auf dem Kopf eine Bretterdiele und ein paar Nägel trägt! Für alle existiert zumindest jene tiefe Befriedigung, im Schlechten besser dazustehen als der Kolonisierte: sie sind niemals so ganz und gar in jene Erniedrigung verstrickt, in die sie durch die koloniale Tatsache gedrängt werden.
Vom Koloniebewohner zum Kolonisator
Den Koloniebewohner gibt es nicht, da es nicht vom einzelnen Europäer in den Kolonien abhängt, ob er Koloniebewohner bleibt, selbst wenn er die Absicht dazu hätte.
Ob er es ausdrücklich gewünscht hat oder nicht, er wird durch die Institutionen, die Sitten und die Menschen als Privilegierter empfangen. Vom Zeitpunkt seiner Ankunft oder von Geburt an befindet er sich in einer Situation vollendeter Tatsachen, in der sich jeder Europäer befindet, der in der Kolonie lebt, und die ihn zum Kolonisator macht. Tatsächlich stellt sich jedoch das moralische Grundproblem für den Kolonisator nicht auf dieser Ebene, nämlich das der Verpflichtung seiner Freiheit und damit seiner Verantwortung. Er hätte zweifellos auch die Wahl gehabt, das koloniale Abenteuer nicht zu wagen, aber sobald das Unternehmen gestartet ist, hängt es nicht mehr von ihm ab, dessen Bedingungen abzulehnen. Wir müssen noch hinzufügen, dass er sich vielleicht als Opfer dieser Bedingungen gefunden hat, unabhängig von jeder vorherigen Wahl, wenn er in der Kolonie als Kind von Kolonisatoren geboren wurde oder wenn er zum Zeitpunkt seiner Entscheidung den realen Sinn der Kolonisation wirklich nicht gekannt hat.
Das eigentliche Problem des Kolonisators stellt sich auf einer zweiten Ebene: wenn er einmal den Sinn der Kolonisation erkannt und sich seine eigene Lage sowie die des Kolonisierten und die notwendige Beziehung zwischen beiden bewusst gemacht hat, wird er dann diese Bedingungen akzeptieren? Wird er sich als Privilegierten verneinen oder bejahen und so das Elend des Kolonisierten, dieses zwangsläufige Korrelat seiner Privilegien verstärken? Wird er Usurpator bleiben und damit die Unterdrückung und das Unrecht gegenüber dem eigentlichen Einwohner der Kolonie bestätigen, diese notwendigen Bedingungen der eigenen weitgehenden Freiheit und des eigenen Prestiges? Wird er sich schließlich als Kolonisator bejahen, dieses Bild von ihm, das bereits auf ihn wartet, von dem er spürt, wie es bereits Gestalt annimmt unter der beginnenden Gewöhnung an das Privileg und die Unrechtmäßigkeit, ständig unter den Blicken der Usurpierten? Wird er sich mit dieser Situation abfinden, mit diesem Blick und mit seiner eigenen Verurteilung, der er bald nicht mehr entgehen kann?
*Höherer arabischer Beamter im Dienst der Kolonialmacht (A.d.Ü.)
2. Der Kolonisator, der sich verneint
Der wohlmeinende Kolonisator…
Auch wenn sich jeder Koloniebewohner in der unmittelbaren Lage des Kolonisators befindet, so liegt doch keine Zwangsläufigkeit darin, dass aus jedem Kolonisator ein Kolonialist wird. Und die Besten verweigern sich demgegenüber. Aber das Kolonialverhältnis ist keine bloße Idee, sondern ein Ensemble gelebter Situationen, und wer sie ablehnt, dem bleibt nur die Wahl, sich diesen Situationen physisch zu entziehen oder auf seinem Platz zu verharren und für deren Veränderung zu kämpfen. Es kommt vor, dass ein Neuankömmling, ein zufällig von seiner Firma versetzter Angestellter oder ein Beamter mit guten Absichten – seltener ein weniger naiver oder gedankenloser Geschäftsmann oder höherer Beamter – betroffen von seinen ersten Kontakten mit den kleinen Aspekten der Kolonisation, der Vielzahl der Bettler, den halbnackt herumirrenden Kindern, den Trachomen usw., irritiert angesichts einer ebenso offensichtlichen Organisation des Unrechts, empört über den Zynismus seiner eigenen Landsleute (»Beachten Sie das Elend einfach nicht, Sie werden sehen, man gewöhnt sich sehr schnell daran!«), nach kurzer Zeit erwägt, wieder abzureisen. Da er verpflichtet ist, bis zum Ablauf seines Kontrakts auszuharren, läuft er tatsächlich Gefahr, sich an das Elend und alles Übrige zu gewöhnen. Aber es kommt vor, dass unser Mann, der nichts anderes als Koloniebewohner sein wollte, sich nicht daran gewöhnt: dann wird er zurückkehren.
Es kann auch geschehen, dass er aus den verschiedensten Gründen nicht abreist. Aber nachdem er den ökonomischen, politischen und den moralischen Skandal der Kolonisation einmal erkannt hat und ihn unmöglich wieder vergessen kann, ist es ihm auch nicht mehr möglich, das zu werden, was seine Landsleute geworden sind. Er entschließt sich zu bleiben, und zwar mit der Absicht, die Kolonisation abzulehnen.
… und seine Schwierigkeiten
Aber das ist nicht unbedingt eine vehemente Verweigerung. Diese Empörung geht nicht immer Hand in Hand mit einer Entscheidung für eine aktive politische Betätigung. Es ist mehr eine prinzipielle Haltung, einige Beteuerungen, die einen Kongress von Gemäßigten nicht erschrecken würden, jedenfalls nicht in der Metropole. Ein Protest, von Zeit zu Zeit eine Unterschrift, vielleicht geht er so weit, einer Gruppe beizutreten, die dem Kolonisierten nicht ganz und gar feindlich gegenübersteht. Das genügt bereits, um ihm bald bewusst zu machen, dass er nichts anderes getan hat, als etwas an seinen Schwierigkeiten und seinem Unbehagen zu verändern. Es ist nicht so einfach, sich einer konkreten Situation in Gedanken zu entziehen, sich deren Ideologie zu verweigern und dabei fortwährend deren objektive Verhältnisse zu erleben. Sein Leben trägt fortan das Signum eines Widerspruchs, der bei jedem seiner Schritte auftaucht und ihm jede Übereinstimmung mit sich selbst und jede Ruhe nehmen wird.
Wehrt er sich im Grunde genommen nicht lediglich gegen einen Teil seiner selbst, gegen das, zu dem er allmählich wird, sobald er das Leben in der Kolonie für sich akzeptiert? Denn diese Privilegien, die er halblaut aufkündigt, sind auch die seinen, auch er genießt sie. Wird er weniger zuvorkommend behandelt als seine Landsleute? Profitiert er nicht von denselben Erleichterungen, wenn er reisen will? Wie sollte er nicht halb zerstreut überschlagen, dass er sich bald einen Kühlschrank, einen Wagen und vielleicht sogar ein Haus leisten kann? Wie sollte er es anstellen, sich dieses Prestiges zu entledigen, das ihn wie ein Heiligenschein umgibt und über das er sich gern empören möchte?
Sollte er seinen Widerspruch schließlich etwas abschwächen und sich in seiner unbehaglichen Lage einrichten, dann werden ihn auch seine Landsleute noch zur Raison bringen. Zunächst mit einer ironischen Nachsicht; sie kennen diese etwas alberne Befangenheit des Neuankömmlings aus eigener Erfahrung; sie wird sich in den Prüfungen des Koloniallebens unter einer Vielzahl kleiner und angenehmer Kompromisse von selbst geben.
Sie muss sich einfach geben, man besteht darauf, denn die humanitäre Romantik gilt in der Kolonie als schwere Krankheit, als die schlimmste aller Gefahren. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als der Übergang in das Lager des Feindes.
Wenn er hartnäckig bleibt, so wird er lernen, dass er sich auf einen unausgesprochenen Konflikt mit den Seinen einlässt, der stets offen bleibt und nur durch seine Niederlage oder seine Heimkehr in den Schoß der Kolonisatoren beendet werden kann. Es ist schon erstaunlich, wie heftig die Kolonisatoren auf jeden aus den eigenen Reihen reagieren, der die Kolonisation gefährdet. Offensichtlich können sie gar nicht anders, als in ihm einen Verräter zu sehen. Er stellt sie in ihrer ganzen Existenz in Frage, er bedroht das gesamte Mutterland, das sie repräsentieren wollen und letztlich in der Kolonie auch repräsentieren. Die Unstimmigkeit liegt nicht bei ihnen. Was wäre, strenggenommen, das logische Resultat der Haltung eines Kolonisators, der die Kolonisation ablehnt? Doch nur der Wunsch nach ihrem Verschwinden, d.h. nach dem Verschwinden der Kolonisatoren als solcher. Wie sollten sie sich nicht wütend gegen eine Einstellung verteidigen, die auf ihre Opferung hinauslaufen würde, auf dem Altar der Gerechtigkeit vielleicht, aber letztlich doch auf ihr Opfer. Und das um so mehr, wenn sie die ganze Ungerechtigkeit ihrer Position erkennen würden. Aber gerade sie haben sie akzeptiert und sich mit Mitteln daran gewöhnt, die wir noch kennenlernen werden. Wenn er diesen unerträglichen Moralismus nicht überwindet, der ihn am Leben hindert, wenn er daran so fest glaubt, dass er den Anfang damit macht, aus der Kolonie fortzugehen, dann beweist er, dass es ihm ernst ist mit seinen Gefühlen, er fängt an, seine Probleme zu lösen… und hört auf, seinen Landsleuten welche zu schaffen. Im anderen Fall darf er nicht darauf zu hoffen, sie völlig unbehelligt weiterhin beunruhigen zu können. Sie werden zum Angriff übergehen und ihm Schlag auf Schlag versetzen; seine Kollegen werden gehässig, seine Vorgesetzten bedrohen ihn; das geht bis zu seiner Frau, die sich ins Zeug legen und weinen wird – Frauen haben weniger Probleme mit einer abstrakten Humanität –, sie gesteht es ein, die Kolonisierten bedeuten ihr nichts, und sie fühlt sich nur unter Europäern wohl.
Gibt es also keinen anderen Ausweg als die reuevolle Heimkehr in den Schoß der kollektiven Kolonialität oder die Abreise? Doch, einen gibt es noch. Da sein Aufbegehren ihm die Tür zur Kolonisation versperrt hat und ihn inmitten der Kolonialwüste isoliert, warum sollte er nicht an die des Kolonisierten pochen, den er verteidigt und der ihn sicherlich dankbar und mit ausgebreiteten Armen empfangen würde. Er hat erkannt, dass das eine das Lager des Unrechts ist, demnach muss das andere das Lager des Rechts sein. Dann soll er doch noch einen Schritt tun und den Weg seiner Revolte zu Ende gehen, die Kolonie besteht ja nicht nur aus Europäern! Er lehnt die Kolonisatoren ab und wird von ihnen verurteilt – warum nimmt er nicht die Kolonisierten an und lässt sich von ihnen annehmen, warum wird er nicht zum Überläufer?
In Wirklichkeit gibt es so wenige Kolonisatoren, selbst wenn sie sehr guten Willen beweisen, die daran denken, diesen Weg einzuschlagen, dass das Problem eher theoretischer Natur ist; aber für das Verständnis der kolonialen Situation ist es entscheidend. Die Verneinung der Kolonisation ist eine Sache, den Kolonisierten zu bejahen und sich von ihm bejahen zu lassen, scheint eine andere zu sein, und zwischen beidem besteht alles andere als ein Zusammenhang.
Um diese zweite Sinnesänderung zuwege zu bringen, hätte unser Mann anscheinend ein moralischer Held sein müssen, und schon weit davor ergreift ihn ein Schwindelgefühl. In letzter Konsequenz, so haben wir gesagt, hätte er mit dem Lager der Unterdrücker, mit deren Wirtschaft und Verwaltung brechen müssen. Das wäre der einzige Weg, ihnen den Mund zu stopfen. Was für eine entscheidende Demonstration, auf ein Viertel seines Einkommens oder auf die bevorzugte Behandlung durch die Verwaltung zu verzichten! Aber lassen wir das; man gibt heutzutage durchaus zu, dass man in Erwartung der Revolution Revolutionär und Ausbeuter zugleich sein kann. Er stellt fest, dass die Kolonisierten das Recht auf ihrer Seite haben, dass er so weit gehen kann, ihnen zuzustimmen oder sogar Hilfe anzubieten, aber damit ist er auch am Ende mit seiner Solidarität: er gehört nicht zu ihnen und verspürt auch keinerlei Bedürfnis danach. Undeutlich ahnt er den Tag ihrer Befreiung, die Rückeroberung ihrer Rechte, aber er denkt nicht einmal ernstlich daran, ihre befreite Existenz mit ihnen zu teilen.
Ein Zeichen für Rassismus? Mag sein, ohne dass ihm das besonders bewusst wäre. Wer kann sich davon völlig befreien in einem Land, in dem jedermann von ihm befallen ist, einschließlich der Opfer? Ist es so natürlich, auch nur in Gedanken, ohne dazu verpflichtet zu sein, ein Geschick auf sich zu nehmen, auf dem eine so tiefe Verachtung lastet? Wie sollte er es überhaupt anstellen, diese Verachtung auf sich zu ziehen, die sich an die Person des Kolonisierten heftet? Und wie sollte er auf den Gedanken kommen, an einer schließlichen Befreiung teilzunehmen, da er doch schon frei ist? In der Tat, das alles ist nur ein Gedankenspiel. Und überdies handelt es sich gar nicht unbedingt um Rassismus! Er hat einfach Zeit gehabt, sich darüber klar zu werden, dass die Kolonie keine Verlängerung der Metropole und für ihn keine Heimat ist. Das steht nicht im Widerspruch zu seinen Grundpositionen. Im Gegenteil, weil er den Kolonisierten entdeckt hat, seine existenzielle Eigenständigkeit, weil der Kolonisierte plötzlich nicht länger Bestandteil seines exotischen Traums, sondern zur lebendigen und leidenden Menschheit geworden ist, weigert sich der Kolonisator, an dessen Vernichtung teilzuhaben und entschließt sich, ihm zu Hilfe zu kommen. Aber gleichzeitig hat er verstanden, dass er nichts anderes getan hat, als seinen Wohnsitz zu wechseln: er hat eine andere Zivilisation vor sich, andere Sitten als die eigenen und Menschen, deren Reaktionen ihn oft überraschen und mit denen er keine tiefe Übereinstimmung empfindet.
Und da wir einmal an diesem Punkt angelangt sind, sollte er sich auch eingestehen – selbst wenn er sich dagegen wehrt, hierin mit dem Kolonialisten übereinzustimmen –, dass er gar nicht anders kann, als diese Gesellschaft und diese Menschen negativ zu beurteilen. Wie könnte man leugnen, dass ihre Sitten merkwürdig verknöchert sind, ihre Technik hoffnungslos rückständig und ihre Kultur überholt ist? Nun, er zögert nicht mit der Antwort: für diese Fehler kann man die Kolonisierten nicht verantwortlich machen, sie gehen auf das Konto einer jahrzehntelangen Kolonisation, die ihre eigene Geschichte eingeschläfert hat. Bestimmte Argumente der Kolonialisten machen ihm manchmal zu schaffen, z.B. die Frage, ob die Kolonisierten nicht bereits vor der Kolonisation rückständig waren. Wenn sie sich kolonisieren ließen, dann gerade deshalb, weil sie nicht in der Lage waren zu kämpfen, weder militärisch noch technisch. Gewiss, ihr Versagen in der Vergangenheit bedeutet nichts für die Zukunft; kein Zweifel, dass sie diesen Rückstand aufholen würden, wenn man ihnen die Freiheit gäbe; er ist voll Vertrauen in die geistigen Fähigkeiten der Völker, eigentlich aller Völker. Trotzdem bleibt, dass er von einem grundlegenden Unterschied zwischen dem Kolonisierten und sich ausgeht. Das Kolonialverhältnis ist spezifisch historisch, die Lage und der Zustand des Kolonisierten, zum augenblicklichen Zeitpunkt natürlich, sind dennoch besonderer Art. Er räumt auch ein, dass dies für ihn weder sein Verhältnis noch seine Situation noch sein Zustand ist.
Zuverlässiger als die großen geistigen Erschütterungen werden ihn die kleinen Zermürbungen des täglichen Lebens in dieser entscheidenden Entdeckung bestärken. Anfangs hat er Kuskus aus Neugier gegessen, jetzt kostet er ihn nur noch von Zeit zu Zeit aus Höflichkeit, er findet, dass er schwer im Magen liegt und eine geisttötende Wirkung hat, ohne wirklich nahrhaft zu sein. »Es ist ›étouffechrétien‹ «, sagt er scherzhaft und meint damit, dass er stopft. Oder, wenn er Kuskus gern isst, dann kann er diese »Jahrmarktmusik« nicht ertragen, die ihm jedes Mal entgegenschlägt und ihn halb benommen macht, wenn er an einem Café vorbeigeht; »dass das immer so laut sein muss! wie können sie sich dabei noch unterhalten?« Er leidet unter diesem Geruch von ranzigem Hammelfett, der aus dem Hängeboden unter der Treppe oder aus dem Stockwerk dringt, in dem der kolonisierte Hausmeister wohnt, und der das Haus verpestet. Viele Eigenheiten des Kolonisierten schockieren oder irritieren ihn. Er empfindet einen Widerwillen, den er vergeblich zu verbergen sucht und der sich in seinen Bemerkungen verrät, die denen des Kolonialisten merkwürdig ähnlich sind. Tatsächlich hat er sich weit entfernt von jenem Augenblick, da er a priori sicher war, dass es überall auf der Welt nur eine menschliche Natur gebe. Sicherlich glaubt er noch daran, aber eher wie an eine abstrakte Universalität oder ein Ideal, das in der geschichtlichen Zukunft liegt …
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