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Der blaue Kavalier
Albert Emil Brachvogel
Inhaltsverzeichnis
Erster Teil
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Impressum
Erster Teil

Erstes Kapitel
In der ersten Hälfte der Regierung König Jakobs I. von Britannien »grünte und blühte«, wie die Chronik prunkhaft meldet, Sir William Craven, Gewandschneider Sr. Majestät und Vorsteher jener ehrsamen Gilde, welche mit Nadel, Zwirn und Schere beflissen war, aus den Londonern und Londonerinnen »Leute« zu machen. Er »grünte« gewiss, denn in den Werkstätten seines alten Hauses auf der Drury-Lane, dem vormals berühmten Drury-Hause, lagen über 50 Gesellen und Schneiderinnen diesem löblichen Geschäfte seit langen Jahren ob. Sir Craven hatte ja nicht allein den hohen Leib der großen Elisabeth, welche allein gegen 6000 Staatsroben hinterließ, sondern auch das ganze, nunmehr herrschende Geschlecht der Stuarts und ihre Hofhaltung modisch verschönt, und es gab wenig Leute bürgerlichen Schlages, welche sich reicher nennen durften als er, etwa Sir Thomas Gresham, den Fürsten aller Goldschmiede im Lombard und etliche India-Kaufleute ausgenommen. Er stand also in der City wie Westminster im höchsten Ansehn, war vor drei Jahren Lord-Major gewesen und hatte sich seitdem aus einem simplen Mister Craven in einen Sir William verwandelt, was sich bei dem etwas verdächtigen Nebenbegriffe, welchen sein Name erweckte, allerdings wunderlich genug ausnahm. — Er grünte aber nicht bloß, er »blühte« auch, und zwar in zwei Söhnen und einer Tochter, deren einst zu erhoffende Früchte eine unendliche Fortsetzung des seltenen Geschlechts der Craven und ihrer unsterblichen Kunst in Aussicht stellten. Dies allseitige Glück hatte jedoch, wie alles Menschliche, seine erheblichen Schatten. Das Ominöseste aber war, dass diese Schatten den Blicken des Hofschneiders teils überaus licht und schön vorkamen, ihnen auch teils ganz entgingen, oder doch viel zu gering für seine Sorge erachtet wurden. So demütig kriecherisch er auch den Mächtigen der Erde begegnete, so unedelmännisch behutsam auch sein gewöhnliches Auftreten war und so seinen Namen durch die Tat zu rechtfertigen schien, er hatte doch von seiner Würdigkeit, Klugheit und seinem Reichtume einen sehr erhabenen Begriff, so wie, dass der Schneider eigentlich das unerlässlichste Geschöpf dieser Erde, der nötigste Mann im Staate sei. Er hegte deshalb den starken Glauben, seinen Kindern könne es im Leben gar nicht fehlen.
Sein ältester Sohn ward gleichfalls William geheißen, aber nicht Sir, weil des Vaters Adel nur persönlich war, sondern einfach Mister William oder — — kurzweg der Mister. Er hatte ziemlich mit dem neuen Jahrhundert und gerade um die Zeit das Dasein erblickt, als Prinz Carl von Wales geboren ward. Mister William war seinem kleinen gedrungenen Papa an Leib wie Seele aber höchst unähnlich, denn er besaß ein schlankes, kavaliermäßiges Aussehen, und es gab wenig Mädchen, die ihn nicht einen »hübschen Burschen« genannt und ihn gar holdselig angelächelt hätten. Eigentlich stolz oder eitel war er nicht, denn er zeigte eine milde Freundlichkeit, eine gesetzte Höflichkeit gegen jedermann, aber dennoch galt er für sehr vornehm und abgeschlossen.
Sein Wesen erschien nämlich als ein seltsames Gemisch von Träumerei und Feuereifer, nur dass sich beides nicht auf die Schneiderei bezog, sondern auf irgendein Wesenloses, von dem er selber wohl nur einen etwas dunklen Begriff hatte. Eins wusste er indes, dass ihm sein Name Craven in der Seele zuwider war, dieses Synonym einer »feigen Memme« den eigentlichen Gram seines Herzens bildete und ihm zum geheimen Stachel wurde, der schimpflichen Eigenschaft, die seinen Namen bezeichnete, Trotz zu bieten und sie in ihr Gegenteil zu verwandeln.
Mister Will hatte zeitig über sich nachzudenken begonnen, hatte aus den Büchern mehr gelernt, als ein Schneider braucht, und durch den Anblick von Shakespeares Zauberwerken war jenes holde Gift in seine Seele gekommen, was man Phantasterei nennt.
Er saß lieber über Sidneys Liedern und Bacons Schriften, als mit gekreuzten Beinen auf dem väterlichen Werktische, galt nicht nur als ein guter Reiter, sondern auch für weit erfahrener in der Kunst, mit dem Rapier seinem Nebenmenschen ein Loch in den Leib, als ihm ein Kleid auf denselben zu machen. Dass dies sehr bedenkliche Eigenschaften für den sonstigen Beruf des jungen Mannes waren, bemerkte Sir William nicht. Im Gegenteil, es freute ihn, dass ein so gebildeter, kavaliermäßiger Sprössling einst seiner unsterblichen Firma vorstehen und bei den »Herrschaften« durch sein nobles Aussehen mehr Glück und »Aufträge« erlangen werde, als man daheim bewältigen könne. Genug für ihn, dass sein Ältester höchst manierlich zu reden und zierlich Maß zu nehmen wusste.
Zum eigentlichen Betriebe des Geschäfts passte sein zweiter Sohn Edward, ein Jahr jünger als William, aber umso besser. Das war die vollendete Schneiderseele, der wahre Heros von Schere und Lappen, ein dürrer Simpel sonst, dessen kläglich täppisches Wesen und herbe Mienen schlechte Aussichten hatten, einem Lord mit Glück das erste Wams anzulegen, oder eine Herzogin auf gewinnende Weise zum neuesten Schnitt zu überreden.
Beide Brüder im Verein aber mussten jegliche Rivalität anderer Zunftgenossen auf mindestens ein Menschenalter hinaus unmöglich machen.
Dass endlich seiner sechsjährigen Maggy eine gute Partie einst gar nicht fehlen könne, bedurfte bei Sir Craven keiner weiteren Erwägung. —
Diese klugen Familienberechnungen waren vom väterlich hofschneiderlichen Standpunkte aus gar nicht so falsch. Wie sollte es denn anders kommen? War dieser Weg des gemeinsamen Familienwohls nicht der sicherste und natürlichste? Der gute Sir war nur für eins blind, wofür ein Vater nie blind sein darf, für den eigentlichen Seelenzustand und Charakter seiner Söhne. Die Herzen seiner Kinder waren ihm unbekannte Länder, in welche Entdeckungsreisen zu machen er sich niemals die Mühe nahm, die sich ihm von selber aber gewiss nicht erschlossen.
Sir Craven war eher Witwer geworden, als seine Kinder der Mutter entbehren konnten; sie mussten sich selbst erziehen.
Im Oberstock des Druryhauses, sowohl die Straßenfront wie den einen Seitenflügel beanspruchend, lag die wunderbare Verschönerungs-Offizin dieses Ehrenmannes. Der erste Raum, den man von dem Treppenflur betrat, glich einer Art Laden, insofern ringsum unter Glasschränken alle denkbaren Arten kostbarer Stoffe, Stickereien, Fransen, Schnüren und Spitzengarnituren aufgehäuft lagen, an verschiedenen Kleiderrechen aber reiche Garderobenstücke umherhingen, denen man ansah, dass sie erst kürzlich aus den Händen ihrer Erzeuger gekommen waren. Das Gemach glich aber auch einem Comptoir, denn am Fenster stand ein mächtiges Pult und dabei ein Zähl- oder Warentisch. Kontobücher waren da bemerkbar, an denen zwei Schreiber arbeiteten, vor allem aber das riesige Schuldbuch lag majestätisch gebläht, in dessen stummen Tiefen das Toilettengeheimnis mancher Schönen, das halbe Vermögen manches Edelmanns schlummerte. Sir William schlug oft genug in wohlgefälligem Stolze schallend auf diesen Codex und sagte: »Das kauft mir Se. Majestät mit keiner Parlamentssubsidie ab!« —
Besagtes Zimmer stand rechts mit des Meisters Wohnräumen, links mit den Werkstätten in Verbindung, deren erste, ein weites majestätisches Gemach, gotisch gewölbt und vordem Bankettsaal der alten Drurys, an dreien seiner hohen Fenster einen ungeheuren kreisrunden Werktisch beherbergte, auf welchem Edward Craven, wie ein General unter Stabsoffizieren, in Mitte von zehn Gesellen die Nadel schwang, indes die beiden andern Fenster der große Zuschneidetisch einnahm, welchen Sir William unter Assistenz zweier Gehilfen höchstselbst zu beaufsichtigen pflegte, falls er nicht grade auswärts war.
In keiner andächtigen Gemeinde, keinem Audienzzimmer beim Nahen des Monarchen hätte feierlichere Ruhe herrschen können, als hier. Nur das schnalzende Zuschnappen der Scheren, welche die Zuschneider handhabten, und der gemessene Schritt Sir Williams selbst, welcher, mit wichtigen Mienen und festlich gekleidet, auf und ab schritt, tönte mechanisch wieder, während Edward und seine Umgebung mit einer so leidenschaftlichen Wut nähten, dass ihnen der helle Schweiß auf die Stirn trat. In nicht weniger fieberischer Aufregung beobachtete Sir William die Arbeit, welche sich bei jedem Stiche förderte, und teilte seinen Blick zwischen seinem zweiten Sohne, seiner dicken silbernen Taschenuhr und den Reihen von männlichen und weiblichen Arbeitern, die in den angrenzenden Zimmern in automatenhafter Gleichförmigkeit ihre Arbeiten verrichteten.
»Fertig!« sagte einer der Gesellen und reichte sein Pensum hin, das der Sir hastig abnahm, musternd betrachtete und dann an einen leeren Ständer hing.
»Fertig! — Fertig!« klang es bald von verschiedenen anderen Lippen um Edward her, und dieselbe Handlung des Ablieferns wiederholte sich bei verschiedenen Individuen, so dass Hose, Mantel und Bandelier, durchweg von köstlichem dunkelblauem Seidendamast, alsbald den hölzernen Träger füllten. Nur das Letzte, Wichtigste, das dickgesteppte blaue Wams mit weißem Atlas aufgeschlagen, das Werk Edwards, fehlte.
»Eine Stunde ist nur noch Frist, heiliger Dunstan!« murmelte der Sir, und seine Unruhe verwandelte sich in Angst. »’s gilt meine Ehre, die Gnade Sr. geheiligten Majestät und all’ unsere Reputation, Mensch!« schrie er halblaut auf. Aber er bezähmte sich mittels des noch furchtbareren Gedankens wieder, dass durch eine unzeitige Hitze das wichtigste Kleidungsstück vielleicht grade im letzten Stadium noch verdorben werden könne. Er begann jedoch an seiner Kappe zu rücken, an seinen Nägeln zu kauen, und seine Schritte verdoppelten sich im Hin- und Widerrennen, so dass er einer angstvollen Maus in der Falle nicht ganz unähnlich sah.
Plötzlich schnellte Edward auf.
»Auch fertig!« und auf dem Werktisch triumphierend wie ein Apoll auf seinem Postamente stehend, hob er das vollendete Wams empor und wendete es lachend nach allen Seiten.
»Also doch! Ach, wie ist mir wohl!« —
Der Sir stand still und atmete auf.
»Gott segne Dich, mein Junge! Gib mir’s, gib und komm herab!«
Er nahm das Wams und betrachtete es. —
»Ein Wunderwerk, hol’ mich dieser und jener! Ein Gewand, wie nie gesehen ward, seit ein König Altenglands Krone trägt! Kostbar, unbezahlbar! Ruft das ganze Haus her! Ruft den Mister, meinen Sohn, dass alle sich satt sehen an dem unvergleichlichsten Stück, das je auf einem allerhöchsten Leibe gesessen.«
Während Sir William sich seinem vollen Entzücken überließ, das Gewand nach allen Seiten drehte und seine Vorzüge in Ausdrücken pries, wie ein Verliebter etwa an seine Braut verschwendet, strömte das ganze Personal tumultuarisch zusammen und stimmte im Chorus das Loblied dieses Meisterwerkes, seines Urhebers Edward, vor allen aber Sir Williams selbst an. Wie ein Monarch mit würdevollem Behagen die Schmeichelworte seines Hofstaats, so nahm der Hofschneider die Huldigungen seiner Leute hin.
»Genug, genug! ’s ist, wie gesagt, kein Werk in London je gemacht, das den Vergleich mit ihm aushält! O, und wie wird es der Majestät sitzen! Der hohe Herr muss in dem blauen Kleide aussehen wie die strahlende Sonne am Himmel! Haha, ein köstlicher Vergleich, den ich ja nicht vergessen will, Sr. Majestät devotest vorzutragen! Packt — packt ein! Wo ist Mister Will, ich muss sogleich Mister Will haben!«
»Doderidge ist hinüber zu ihm, er muss alsbald kommen«, sagte der älteste Zuschneider.
»Gut, gut, Belper. Lasst zwei Pferde satteln und den großen Tragkorb bringen, den mit Linnen gefüttert, den königlichen Kleider-Tragkorb! Ridgebourn und Cower aber sollen ihn zierlich tragen. Indes tu Dir gütlich, Edward mein Sohn, Krone aller Schneider! – Wo nur der Will bleibt?«
Mister Williams hohe Gestalt trat eben ein und schnitt alle ferneren Ausbrüche väterlicher Ungeduld ab. —
»Was befehlt Ihr, Vater? Ich war eben über dem Fortschritt der Wissenschaften und der Weisheit der Alten, um —«
»Was Wissenschaften, Will! Ich frage Dich, gibt’s einen größeren Fortschritt der Wissenschaften, als dieser Dein Bruder Edward in diesem Wams hingestellt hat, was?! Ist’s nicht, dass einem ’s Herz im Leibe selber himmelblau vor Freude wird? Weisheit der Alten! Junge, Junge, lass alle anderen Alten laufen und nimm dafür Deines eigenen Alten Weisheit an! Die aber ist: Kleider machen Leute, Handwerk hat ‘nen goldnen Boden, und ohne den Schneider ist Bischof und König selbst nur ein armseliges Ding auf Gottes Erde!!«
William lächelte halb zerstreut, halb verächtlich.
»Nun ja, Ihr habt Recht, und das Wams ist sehr schön. Aber was befehlt Ihr denn, das ich noch daran tun soll?«
»Er daran tun!« lachte Edward höhnisch auf.
»Von Dir? — Dran tun sollst —? Haha, da käm’ ich an den Rechten! Du wirst nie so ein Meisterstück machen können, Freund! Was Du sollst? Mich nach Whitehall begleiten, es seiner geheiligten Majestät anlegen helfen, die Ehre und den Ruhm Deines Vaters teilen, das sollst Du, mein Schatz!! Was? Macht Dich das Glück starr?! Unter die Augen treten sollst Du dem Könige, mit Deiner eigenen leibhaftigen Gestalt sollst Du’s zum ersten Male! Ist das nicht besser, als aller Fortschritt der Wissenschaft und alle Weisheit der Alten?!«
William war glutrot geworden und hatte sich steif aufgerichtet.
»Ich? Vor die Majestät mit Euch? Wahrhaftig, Vater, das lohnt wirklich, die Bücher einmal liegen zu lassen!«
»So? Lohnt es?« und Edward sprang vom Werktisch. »Also ich, Sir, ich habe das Kleid gemacht, und er, der nur reitet, ficht und Bücher liest, oder höchstens einmal das Maß zur Hand nimmt, soll jetzt die ganze Ehre davon haben?!«
»Ich lasse sie Dir ja von Herzen gern, Edward!« lächelte der Mister. »Du glaubst doch nicht, dass ich König Jakob weismachen will, ich habe das Kleid gefertigt!«
»Wer’s machte, kann’s ihm auch anlegen, nicht dass ’n anderer ihm königliche Blicke und Gunst wegfängt!« schäumte Edward bleich.
»Stille, Kinder, stille doch, sag’ ich! Ist’s nicht ’n rechtes Leiden, wenn man berühmt ist und deshalb ehrgeizige Söhne hat? Gib Dich, Edward, ich befehl’s Dir! Trink ein halb Dutzend Flaschen Claret mit den Leuten und spüle Deinen Groll hinunter, haha! Du bist der Meister mit der Nadel, und das soll Se. Majestät wissen, aber Du taugest nicht in Whitehall mit Deinen krummen Beinen und Deiner linkischen Art. Es muss ein feiner, wohlanstelliger Mann sein, sag’ ich Dir, der der Majestät unter die Augen geht! Hab ich’s Euch nicht zehn Mal gesagt, Klugheit ist die Seele im Geschäft? Du fürs Innere, Edward, William fürs Äußere, so werdet Ihr viel Geld zusammenschlagen; Eintracht macht stark! Vorwärts, leg Dein bestes Zeug an, William. Ich mag weiter kein Einreden leiden in meinem eigenen Hause! Bin ich nicht Sr. Majestät Gewandmacher und muss wissen, was für ihn und uns taugt?!«
Damit warf der Alte lachend eine Hand voll Rosenobles auf den Werktisch.
In sich hinein einen Fluch knurrend, nickte Edward, strich die blanken Füchse ein und begann lautlos mit ein paar Gehilfen sein Meisterwerk in den »königlichen« Tragkorb unter des Vaters Augen zu verpacken, während der Mister mit großer Aufregung nach seinem Zimmer eilte, um sein schönstes Kleid anzulegen.
Er war plötzlich aus seiner Träumerei gerissen worden, die andere chevalereske Seite seiner Natur war erwacht. Das erste Mal bei Hofe, — der Kopf wirbelte ihm, und er vergaß hierbei, dass es einigen Unterschied ausmacht, in welcher Eigenschaft man vor seinen Herrscher tritt. Während er nach dieser Richtung hin seinen Gedanken zügellose Audienz gab, nichts desto weniger aber eifrig beflissen war, seinen äußeren Menschen in vorteilhaftes Licht zu setzen, öffnete sich leise die Tür, und ein Geselle seines Vaters huschte herein, derselbe, welcher ihn vorhin von seinem Studium gerufen hatte.
»Du, Doderidge! Was soll’s? Ich habe jetzt keine Zeit, Freund!«
»Ich wollte Euch nur beim Ankleiden helfen, Mister«, sagte der junge Mann schüchtern und senkte den ernsten Blick, »und Euch dabei wenig Worte sagen. Möchten sie Euren Ohren wohl eingehen und Eure verblendeten Augen öffnen, dass Ihr die Werke der Gottlosen sehet und ein Gefäß der ewigen Allmacht werdet, den Sünder zu werfen in das wüste Tal Hinnom!«
»Kein Wort, ich bitte Dich. Hilf mir, wenn Du willst, aber verschone mich mit Predigten. Wie oft soll ich Dir sagen, dass ich Deine Sermone nicht mag. Haha, einen puritanischen Text, wenn man zu Hofe will; das ist ’was Neues. Weißt Du nicht, Mann, dass mein Vater Dich sicher wegjagt, wenn er Dich wieder perorieren hört, und Du vielleicht noch Deinen Hals in Gefahr bringst, armer Narr. Du kennst doch das scharfe Edikt der Sternenkammer gegen Deine Sekte!«
Doderidge begann mit dem Ernste eines Totengräbers und der Gewandtheit eines Sachkundigen William Hilfe zu leisten.
»Ich kenne es, und Ihr habt Recht, Mister. Ich wage auch nur vor Euch das Siegel von meinem Munde zu nehmen und die Sprache der Wahrheit zu reden. Was nützt der Kampf gegen Achitophel, wo der Stern der Verheißung noch ferne steht? Einst aber wird die Stunde kommen, wo die Kinder Gottes ihr Haupt erheben und —«
»Sei so gut und warte bis dahin, Doderidge. Ein ander Mal will ich Dich widerlegen, mache nur schnell.«
»O, schnell genug für Euer Verderben, da Ihr das Wort des Rates von Euch stoßt und die Gotteswaffe wegwerft, die ich in Liebe Euch bot. Mögt Ihr über uns blutende Schafe der gehetzten Herde Gottes denken, was Ihr wollt, ich verdank’ Euch aber, dass Euer Vater mich nicht fortgejagt hat, trotz meinem Bekenntnis, und ich mit meiner armen Mutter und Schwester mein Brot in der Stille essen darf. Soll ich Euch nicht darum vergelten, was Ihr mir Gutes getan? Wenn ich’s nun könnte! Wenn ich, — mit der Sprache der Heiden und Weltkinder zu reden, — Euch etwas sagen könnte, wodurch Ihr bei diesem Jerobeam Euer Glück machtet.«
»Du sprichst vom König, Schlingel! — Doch Du meinst’s mit mir gut, haha. Nenne ihn Salomo, das hört er lieber! Und was wolltest Du mir denn sagen, armer Wicht, was mein Glück bei ihm machte? Sprich’s kurz aus, ohne alttestamentarische Wortseligkeit!«
»Gut, — kurz genug wird’s sein. Ritter Oversbury, der vor drei Jahren am November im Tower starb, ist durch den Apothekersjungen Franklin auf Befehl Mylord Rochesters — vergiftet worden!«
»Wer? — Vergiftet? Durch Rochester?« William Craven entfärbte sich und blickte Doderidge starr an. »Mensch, wie willst Du diese scheußliche Anklage gegen einen Lord und Herzog, einen Mann verantworten, der in der Gunst König Jakobs allmächtig ist?!«
»Die Allmacht der Irdischen wird stets Gewalt, weil Wollust und Sünde mit ihnen zu Tische sitzen! Sie müssen dahinfahren ins Verderben! Ich sage Euch, Mister, Oversbury ward im Tower von Franklin vergiftet, gemordet auf Anstiften Rochesters! Franklin hat’s letzte Nacht in der Trunkenheit seinem Genossen Winwood ausgeschwatzt, dieser aber wohnt neben meiner Mutter, in der Woodstraße. Als er taumelnd in der Nacht nach Hause kam, und ich ihm aus gutem Herzen öffnete, erzählte er’s lallend auf der Treppe. Hatt’ ich also nicht Recht, dass Ihr der Becher des Zorns sein sollt, diese tyrannische Brut zu verderben? Wollt Ihr’s nicht, Craven? Wahrlich, so passt Euer Name besser auf Euch, als ich jemals gedacht habe!!«
»Beim Satan, Mensch, ich will, ich will! ’s ist nur die Frage, ob ich’s kann! — Genug, ich höre meinen Vater, leb’ wohl!« —
Er eilte, den Hut aufstülpend und den Raufer ins Gehänge stoßend, hinaus. —
»Was treibst Du denn, wo bleibst Du nur? Ich sage Dir, ’s ist fast schon über die Zeit!«
»Verzeihung, Vater, — ich — ich wurde eben erst fertig. Kommt!«
»Aber was hat der hochedle Bruder denn da?« fuhr Edward heraus. »Ich glaube gar, Sir, Euer stolzer Sohn geht mit ’nem Degen zu Hofe?«
»’nem Degen?! Heiliger Gott, bist Du irrsinnig, Bursche?«
Der Alte zog William heftig und erschreckt die Waffe aus dem Bandeliere.
»Hoho, er weiß nicht, dass zu Whitehall einem Schneider kein Schwert gebührt, sondern ein Bügeleisen, wenn er auch sonst rasselnd durch die Gassen fegt!«
Damit wendete sich Edward schadenfroh um und ging lachend in die Werkstatt zurück.
»Wahrhaftig! Und dazu hasst Se. Majestät noch alles Gewehr auf den Tod, das solltest Du doch wohl wissen!«
Tief errötend warf William nun auch das Bandelier ab, ohne ein Wort zu erwidern, und folgte dem Vater, der hastig hinunter zu den Pferden eilte.
Bald darauf setzten sich beide, den Tragkorb hinterher, gegen die Residenz in schleunigste Bewegung.
Die Zuversicht des jungen Mannes war jetzt, wo er sich Whitehall näherte, keineswegs so kühn, und sein Eifer, vor der Majestät von England zu erscheinen, so hitzig mehr, als im ersten Augenblick. Zweierlei hatte ihn verwirrt und herabgestimmt. Seine hochfliegende Kühnheit war vom neidischen Hohne seines Bruders niedergeschlagen und ihm die Lehre mitgegeben worden, dass er eben ein — Schneiderssohn sei und bleibe und durch alle Anstrengungen, seinem Stande zu entfliehen, die er bisher innerlich wie äußerlich gemacht hatte, nur unfehlbarster Lächerlichkeit und Verachtung anheimfalle. Nicht minder bedrückte Doderidges Mitteilung sein Gemüt und erfüllte ihn mit Zweifeln. Was war auf den Ausspruch eines Trunkenen zu geben, zumal derselbe den stolzen Liebling eines Fürsten betraf? War Oversbury nicht vordem Mylord Rochesters Freund gewesen? In Ungnade gefallen, wegen Unehrerbietigkeit auf des Monarchen Befehl in den Tower gesetzt, war er gestorben. Wo war da ein Zusammenhang, wo ein Verdacht zu finden? So vielfach auch Mister Will mit oder ohne Begleitung des Vaters schon in vornehmen Häusern gewesen war, den hohen männlichen und weiblichen Adel des Hofes und so manche verdächtige Bedientengeschichte von demselben kannte, an die bloße Möglichkeit eines solchen Verbrechens zu glauben, das gar keinen Zweck verriet, war absurd. Wenn andererseits die Sache aber doch Grund hatte, gebot seine Untertanenpflicht ihm nicht, zu reden? Machte er sich denn nicht zu einem Hehler der Tat, wenn er schwieg?
Dass Doderidge nicht selbst den Kläger abgeben konnte, lag auf der Hand. Man hätte ihm deshalb nicht geglaubt, weil er Puritaner war, seine Ehrlichkeit wäre nur sein Untergang geworden. Derlei mischte sich bunt durch des jungen Mannes Hirn, und sie waren bereits im innern Hofe von Whitehall, ohne dass er zu irgendeinem Entschlusse gelangt war. Gleich manchem in seiner Lage überließ er sich also dem Ohngefähr, zumal er sein Augenmerk jetzt auf die Erahnungen zu richten hatte, die ihm für diesen außergewöhnlichen Fall der Vater mit der ängstlichen Sorgfalt eines Zeremonienmeisters erteilte.
Whitehall, die königliche Residenz, war bis vor kurzem noch schlechthin der »Hof« genannt worden und bestand eigentlich auch nur aus einem weiten, von unregelmäßigen gotischen Baulichkeiten gebildeten Hofe, welcher sich der Themse entlang nördlich von Westminster reckte. In dessen Mitte nun, die Fassade gen Süden gekehrt, erhob sich ein alter, normannischer Bau, in welchem Jakob I. residierte. Das alte Banketthaus, welches vordem im rechten Winkel an dasselbe stieß, es mit der Hofkapelle verband und unter Elisabeth nur aus Fachwerk errichtet worden, um zu Festlichkeiten mehr Raum zu gewähren , war niedergerissen worden, und an einer Stelle erhoben sich bereits die lichten Marmorwände mit Säulen im besten Renaissance, welche Inigo Jones als künftigen Fürstensitz erbaute, für die Rubens bereits die Kartons seiner Apotheose des britischen Salomos entwarf. Von diesem Bau nannte man bereits die ganze Residenz die »weiße Halle«, Whitehall. Dass unter diesem Chaos alter Bautrümmer und neuer Steinblöcke und unter dem Gewirr der Handwerker zur Zeit der Fürstensitz weder sehr imposant noch majestätisch ruhig war, kann man sich denken.
Trotz besagter Hindernisse aber gelangte der ortskundige Craven bald an die rechte Adresse, nämlich an Mister John Trehearne, den Türsteher und — wie man sagte, gelegentlichen Vertrauten Sr. Majestät, welcher den Sir alsbald wissen ließ, nur gleich mit seiner Korbe zum alten Saale herauf zu kommen.
Der Raum, wo man die kostbare Last endlich nieder T setzte, war ein düsteres, hohes und weites Gemach, das sein Licht von Norden durch drei Bogenfenster empfing, links und rechts aber verschiedene Türen hatte, so dass es schien, als bilde es die gemeinsame Verbindung aller übrigen Zimmerreihen des Geschosses.
Als Vater und Sohn in diesem Raume erschienen, ging Trehearne mit seinem goldenen Stabe in feierlicher Ruhe langsam darin auf und ab. Er gab ihnen einen stummen Wink, den Korb niederzusetzen und auszupacken.
»Verhaltet Euch ganz still, Craven! Ganz still! Se. Majestät ist noch bei Tische! Se. Hoheit, der Prinz, Mylord Villier, der Kanzler, und Se. Herrlichkeit der Herzog sind bei ihm, da ist nicht geraten, zu stören. Nehmt die Sachen auf Euren Schoß und setzt Euch ans Fenster, bis sie heraustreten.«
Dem Gebot ward peinlichst Folge geleistet. Der Korb nebst Trägern verschwanden geräuschlos. Der Hofschneider, sein Meisterwerk zierlich über dem Arm, nahm am Fenster Platz und unterhielt sich flüsternd mit Trehearne. Von links her, durch mehrere Türen gedämpft, hörte man Lachen, Geschwirr und Gläserklingen. Mister Will war mit dem Hut in der Hand an das andre Fenster getreten, und voll Beklommenheit wie Neugier zugleich streiften seine Blicke in der Halle umher und blieben plötzlich an einem fast lebensgroßen Bilde hängen, das an der Wand gegenüber befindlich war. Was in dem Erstgebornen des Hofschneiders in diesem Augenblicke vorging, hätte er um die Welt keiner lebendigen Seele vertraut. Eine Wonne und ein erschrecklich Weh, trunkene Wollust und namenlose Traurigkeit überkamen ihn mit einem Male. Das dunkle, wesenlose Rätsel seiner Träume war hier gelöst, der Inhalt seines Sehnens und Strebens. Er fühlte fortan, dass die Person, die dieses Bild darstellte, sein — Schicksal sei! Nur einer Frage bedurfte es noch, den letzten, schwachen Zweifel zu lösen. Zitternd und alle Kraft aufraffend, um sich nur nicht zu verraten, schritt er leise zu Trehearne und seinem Vater, zwang sich zu arglosem Lächeln und deutete auf das Bild.
»Wollt Ihr so gütig sein und mir sagen, Mister, wer diese Dame ist; mir däucht, ich habe sie schon I gesehen?«
»Diese Dame, junge Mann, ist niemand Geringeres als Sr. Majestät erhabne Tochter Elisabeth, Kurfürstin von der Pfalz!«
»Ich dachte es!« flüsterte der Mister.
»Ei — Du erinnerst Dich wohl?« fiel der Hofschneider lächelnd ein. »Du hast Ihro Gnaden mit Ihrem Gemahl vor drei Jahren gesehn, als die Bürgerschaft ihnen das große Bankett in der Guildhall gab! — Ihr wisst, Mister Trehearne, ich war Lordmayor der Zeit, und dieser mein ältester Sohn gab als Page die Schüsseln um. Haha, als er sie der Frau Kurfürstin reichen wollte, zitterte er vor Angst, als sie sagte: Pfui, wie kann ein so hübscher Bursch sich fürchten! – drückte ihm auf die Stirn einen höchsteigenhändigen, durchlauchtigen Kuss und denkt, — nahm ihm lachend selber die Schüssel ab! Das hat er nicht vergessen, wie Ihr seht!«
»Ich hörte von dem Spaß! Ja, ja, ’s war ganz in ihrer fröhlichen, herzgewinnenden Art; Gott helf’ ihr im fremden Deutschland, mir ist bange — gar bange um sie!«
»Weshalb, Mister Trehearne?« rief der junge Mann hastig.
»Sie sieht nämlich ihrer Großmutter, der unglückseligen holden, schuldlos geopferten Maria von Schottland bis aufs Verkennen ähnlich! — Wir haben ein Bild hier von ihr, ein ander Mal sollt Ihr’s sehn, das gleicht diesem Zug für Zug, nur dass Ihro Gnaden Elisabeth natürlich viel jünger ist. Die arme selige Königin soll auch dieselbe Manier und Fröhlichkeit wie sie gehabt haben. — Ach, wenn Elisabeth nur ein besser Geschick einst hätte! So was spricht man freilich nicht laut, aber — ’n alter treuer Diener wie Unsereins denkt doch oft dran.«
Der Mister erbleichte.
»Ich dank’ Euch, Herr«, flüsterte er und ging bewegt auf seinen Platz zurück, sich in das Abbild dieses unendlichen Frauenliebreizes versenkend.
In ihm stieg die ferne Fürstin mit ihrer Lichtgestalt selbst wieder vor seiner Erinnerung auf, wie sie als Braut in der Guildhall gesessen, und er ihr hocherrötend im Dienst genaht. Sah er dies jugendstrahlende Gesicht nicht fast leiblich wieder? Dies lustige und doch zauberisch schwimmende, nussbraune Augenpaar, dies Ringelgelock? Dieses edle Profil, halb kindlich noch und wieder so frauenhaft sinnend? Dieser weiße Hals und Nacken und diese bebende Brust? Hatte er nicht den Kuss ihrer Lippen auf seiner Stirn, ihren duftigen Atem um seine Schläfe gefühlt? Hatte er nicht in dieser einen wahnsinnigen, holden Sekunde Gift getrunken für sein langes Leben? —
Vielleicht hätte Mister William, in das Bild versenkt, bis in die Ewigkeit hinein geträumt, wäre er nicht — von gellen Lauten erweckt und durch das plötzliche Erscheinen gewichtiger Personen in sehr bittrer Weise der Wirklichkeit bewusst geworden.
Das Gläserklingen, Lachen und Geschwätz da drinnen war lauter, ausgelassener als sonst geworden, so dass selbst Trehearne, dem diese Dinge nicht fremd waren, horchend an die Tür trat, und Sir Craven sich erhob.
Plötzlich wurden heftig Stühle gerückt, man erhob sich sehr tumultuarisch, ein Sessel fiel um. Darauf ward die Tür aufgerissen, und eine Gesellschaft erschien in der Halle, die sich entschieden in einer Weinseligkeit befand, welche die Grenzen des Zeremoniells nicht mehr gebührend innehielt.
Der Allerangeheitertste und, wie es schien, derjenige, welcher auch die Kosten der Lustigkeit am meisten bestritten hatte, war der allgefürchtete Robert Carr von Rochester, Herzog von Somerset. Ihm voraus schritt Carl, Prinz von Wales, der zwar nicht so straff wie immer ging, aber trotz aller Heiterkeit doch seine gemessene Würde nicht ganz verleugnete. Lord Villier, der Mundschenk, folgte, ohnfehlbar am nüchternsten und, nach seinen schalkhaften Zügen zu urteilen, am erbautesten von der eben gehabten Unterhaltung.
Einige Herren, schien’s, blieben im Speisegemach bei der Majestät zurück.
»Was schnüffelst Du wieder, wohlweiser Trehearne?« rief Rochester. »Wenn Du nicht drei Mal zu wenig Hirn für ein Menschenkind hättest, müsste man Dir’s mit Deinem eigenen goldenen Stabe ausklopfen! Hüte die Tür, Cerberus, aber am meisten vor Deinen eigenen törichten Ohren!«
»Recht, gebt’s ihm, Mylord!« lachte Villier.
»Ich fürchte selbst, er hat auf diese Weise ein gutes Pack von Euren Gnaden Geheimnissen in der Tasche!«
»Um Vergebung, Hoheit und Mylords!« und der Türsteher trat tiefgebückt zurück. »Ich wartete mit Ihro Gnaden Erlaubnis nur das Ende der Tafel ab, um Sr. Majestät den Hofgewandschneider Sir William Craven zu melden!«
»Den Schneider?« und Rochester musterte den tiefgebückten Künstler. »Sir William Craven nennt sich das Geschöpf. Haha, welch’ ein Wappen habt Ihr denn, Sir William Feigheit, außer einer Elle und ’nem Bügeleisen, wenn’s nicht ’n laufender Hase im grünen Klee ist?!«
»Bei Gott ’n Hase! Den muss ihm der Wappenkönig geben!« rief Villier entzückt, und der Prinz lachte.
»Was hast Du, Schuft, da für ’nen himmelblauen Staat? Solltest Du nicht als Edelmann lieber ’n guten Schild am Arm und ein Schwert in der Rechten führen? Verteidige Dich, Deine Lappen und Deinen Sir, oder ich will Dich in alle Winkel des Erdballs hetzen!«
Im Augenblicke, ehe noch der Stabträger dazwischentreten konnte, hatte der tolle Herzog den Degen gezogen, gegen den Schneider eine Fechterstellung genommen und begann unter Jauchzen und Gelächter den zitternden Ritter von der Nadel in die Enge zu treiben und im Saale umherzujagen. Prinz Wales schien zwischen peinlichem Unwillen und Heiterkeit im Streite zu liegen; während Villier sich vor Lachen die Seite hielt.
In der Tat bot der Hofschneider ein unnachahmliches Bild komischen Entsetzens. In dem Wunsche, dem Streiche seines Feindes zu entgehen, hielt er demselben das neue Kunstwerk seiner Offizin vor, was schon deutliche Spuren der Verwundung zeigte. Dies innewerdend, suchte er dann wiederum das teure Kleid zu retten, gab dadurch seinen eigenen Körper bloß und vermochte nur durch krampfhafte Sprünge dem Stahl seines halbberauschten Gegners zu entgehen.
Wenige Sekunden währte nur dies ausgelassene Spiel, als es durch eine jähe und ernste Katastrophe unterbrochen wurde.
Mister William litt grenzenlos bei dieser Szene.
Die Gedanken, welche er im stillen Anschauen des Bildes der schönen Elisabeth gehegt, selbst wenn er auch betreffs seines Namens und Standes weniger empfindlich gewesen wäre, waren schlecht geeignet, solchen Anblick kalten Blutes zu ertragen. Es sah seinen Erzeuger nicht nur mit Worten insultiert, sondern auch der lächerlichsten Art der Entwürdigung anheimgegeben, die dadurch wuchs, dass der Betroffene ein wehrloser Greis war, und die hellen Augen jenes schönen, heißgeliebten Frauenbildes auf den gemarterten Sohn herniedersahen und ihn zu ermutigen schien.
Eben war der Hofschneider atemlos durch einen kolossalen Bocksprung einer neuen Attacke entgangen, als Mister William aus der Fensternische wie ein deus ex machina hervorbrach, mit kunstgerechtem Faustschlage aufs Handgelenk des Peinigers denselben entwaffnete und, ihn an der Brust packend, in die nächste Ecke schleuderte.
»Noch sind die Craven, Mylord, so feige nicht, heimlich den Freund zu vergiften, wenn sie auch ihr nied’rer Stand Eurem billigen Spotte feil gibt!«
»Um Gotteswillen, zurück!« rief Trehearne.
»Was redet der Mann da!« rief Prinz Carl, scheu zurücktretend. »Wer ist das?«
»Was wollt Ihr mit dem Vergiften sagen!«
Villier sprang herzu.
»An ihn! Lasst mich an dieses Vieh!« stöhnte wild der Herzog und suchte nach seinem Dolche.
»Ich sage, Hoheit«, wendete sich William heftig zu dem Prinzen, »dass wenn der Herzog den Ritter Oversbury im Tower vergiften lassen konnte, sein Mut wohl unter dem eines Schneiders steht!!«
»Heiliger Gott, nein! Es ist nicht wahr, ich selber tat’s nicht, ich —!!«
Rochester stand totenbleich, der Rausch war verflogen, Entsetzen lähmte ihn.
»Weil’s Franklin, der Apotheker, für Euch tat! Bei meinem Leben, es ist so!«
»Wachen her!« donnerte Prinz Carl. »Ihr seid Gefangener des goldnen Stabs, Mylord Rochester! Nimm den jungen Menschen fest, Villier, das muss untersucht werden! Still, Herzog, kein Wort, bei Eurem Haupte!«
Hellebardiere drangen ein, es herrschte augenblicklich eine unbeschreibliche Verwirrung.
»Was, was ist hier los! Verrat? Wer hat das Wort gesprochen? Wo, wie! –«
»Die Majestät«, murmelte alles und trat zurück.
Jakob I., welcher heftig und schneidend diese Frage getan, stand zitternd mitten in der Versammlung. Alle Häupter entblößten sich.
Prinz Carl trat vor und erzählte den Hergang, die Beschuldigung des Herzogs durch William Craven, und wie sich der Herzog wider Willen halb schuldig bekannt. Villier und Trehearne bestätigten mit einem Eifer, der ziemlich parteiisch aussah, die Angaben des Thronerben.
»Aber das ist doch eine schreckensvolle Geschichte, Mylords! O Herzog, Herzog, müssen Wir das von Euch denken? Fatum Bachumque! Fatum Bachumque! Aber es soll alles rechtmäßig untersucht werden, alles! Wo ist Bacon, Mylord Bacon!«
»Hier, zu Euer Majestät Befehl«, und der berühmte Rotkopf drängte sich heran.
»Vernehmt den Herzog augenblicklich in der grünen Kammer, lasst ihn gut bewachen! Villier, führt den jungen vorlauten Burschen in die hintere Galerie und haltet ihn wohl, dann kommt sogleich zu Uns. Cecil und Du, Kindlein Carl, lasst Uns aber diese vermaledeite Geschichte überlegen. Es sind schlimme Zeiten! Mors in calice! Aber Wir wollen ein strenger Richter sein! Wahre jeder indes seine Zunge!«
Damit ging der König hastig durch die aufgeregte Versammlung nach seinem Zimmer, gefolgt von den Befohlenen. Trehearne schloss es sogleich und postierte sich davor, während die äußere Tür von Leibtrabanten besetzt blieb. In demselben Augenblicke wurde der bleiche, ganz nüchtern gewordene Rochester und Mister William nach zwei verschiedenen Seiten abgeführt.
Der Hofschneider mit seinem defekten Kunstwerk aber blieb, vor Schreck, Erschöpfung und Staunen außer sich, in der Halle zurück.
Sein Sohn folgte, von Bewaffneten umgeben, indes Lord Villier gesenkten Hauptes. Wider Willen hatte er sich zum Helden des Tages gemacht, wider seine eigentliche Absicht Rochester angeklagt. Nun sein Blut kühler ward, stellte er sich alle Folgen vor Augen.
Er beschloss, sie männlich auf sich zu nehmen, und gab sich heilig das Wort, den armen Doderidge nicht in die Sache zu verwickeln.
Durch verschiedene Zimmer gelangte er endlich an eine Tür, welche Villier öffnete, den Wachen bedeutete, zurückzubleiben, und William befahl, ihm zu folgen.
Derselbe leistete stumm Gehorsam und befand sich in einer Art Galerie mit dem Höflinge allein. —
Villier hieß ihn setzen und betrachtete ihn lange mit sonderbaren Blicken.
»Sagt, Mister Craven, hat Eure Anklage wirklich ernsten Grund? Wenn Euch Eure Ohren und Eure rechte Hand lieb sind, sagt offen, was Ihr wisst, denn die verliert Ihr unfehlbar, wenn man Euch als Verleumder eines Herzogs überführt! Wie kommt Ihr zu der Sache?«
William wiederholte ihm alle Angaben, die ihm Doderidge gemacht hatte, aufs Genaueste, nur dass er dessen Namen verschwieg.
»Und wer ist der Jemand denn, der Euch das mitteilte? Ihr begreift doch, dass es ein Zeuge ist?«
»Nein, denn der Mann ist ein — Puritaner und Ihr wisst, Mylord, dass man solchem nicht Glauben beimisst. Ich sollte meinen, darauf käme aber wenig an, und der arme Bursche bliebe füglich außer Spiel. Wenn die beiden Apotheker, der Herzog, und wer noch dabei half, zum Geständnis gebracht werden, braucht’s dieses Mannes wohl nicht mehr. Zeigt sich aber, dass alles Dunst war, so bin ich allein der Verleumder und will einen Freund nicht ins Verderben ziehen. Er hat Mutter und Schwester zu ernähren, Mylord!« —
»Wahrhaftig, für ’nen Schneider habt Ihr nicht bloß Geschicklichkeit und Mut, sondern auch Ehre! Ihr seid Sir Cravens ältester Sohn?«
»Zu dienen, Mylord!«
»Was Ihr angabt, könnt Ihr doch beeiden? —«
»Dass ich es so und nicht anders gehört habe!«
»Gut, mein mutiger Held von der Elle. Wenn sich des Herzogs Schuld ausweist, werdet Ihr nicht nur viel königliche Huld empfangen, nicht nur bei vielen hohen Leuten Euer Glück machen, sondern ich werde, beim Eide eines Kavaliers, Euer ewiger Schuldner sein. Seid gewiss, dass ich den ausgezeichneten Dienst auf glänzende Art wettmachen werde, den Ihr mir heute geleistet!«
»Ich Euch, Mylord?«
»Ganz gewiss, mein allerliebster Goldkerl. Wenn Ihr Rochester stürzt, habt Ihr Villier an seine Stelle gehoben, und bei Gott, diese Schneiderarbeit soll Euch mehr einbringen, als hättet Ihr hundert Jahre den königlichen Hof mit Atlas versorgt!«
Er drückte lachend an einer Feder in der Wand, eine Tür rauschte im Getäfel auf, er verschwand, und die Öffnung schloss sich wieder. William war allein.
Wie lange er in krausen Gedanken verloren gesessen hatte, wusste er kaum, nur dass der Tag sank und die Galerie dunkel wurde. So ungewiss, so drohend ihm sein Schicksal erschien, er fühlte wenigstens, dass er wie ein Mann dem Schimpfe begegnet war, den er öffentlich im Palast erlitten. Das beruhigte ihn. War ihm doch, als habe er unter den Augen der hohen Dame selbst, die ihn einst eines Kusses gewürdigt, sich der Verachtung seines Namens und der Niedrigkeit seines Gewerbes entledigt. Jung und phantastisch, wie er war, entschädigte dies einigermaßen sein sehnsuchtsvolles Herz.
Fast war’s ganz finster in der Galerie, als die geheime Tür sich wieder öffnete. Lord Villier trat heraus, von Pagen mit Windlichtern begleitet. Er eilte lächelnd auf William zu und ergriff seine Hand.
»Es steht köstlich, alles ist entdeckt! Folgt mir, Euer Glück winkt, und vergesst ja nicht, ich bin Euer Schuldner!«
Er nahm ihn am Arm und schob ihn durch die Panele, öffnete ein zweites Pförtchen, und William stand vor König Jakob, dem Prinzen Carl, der Königin Anna und einem Kreise glänzender Herren und Frauen. Sein erster Blick fiel auf seinen Vater, der krampfhaft noch das blaue Wams im Arme hielt.
»William Cravenius, filius hominis, qui vestimentis faciendas victum quaerit, tritt her!«
Der Jüngling trat gebückt vor den Monarchen.
»Weil Du nicht bloß heute ein Beispiel Deiner mutigen Kindesliebe gegeben hast, nicht bloß der Erstgeborne eines würdigen Mannes, Unsers getreuen Dieners bist, der von Uns bei Gelegenheit der Vermählung Unserer kurfürstlichen Tochter zum Nobilis gentilis gemacht worden, und es billig ist, dass diese Ehre sich in seinem Blute fortpflanze, sondern weil Du Uns heute mannhaft zu der Entdeckung des schimpflichen, schreckvollen Mordes Sir Oversburys verholfen und Uns wie Unser Haus von diesem verbrecherisch ehrlosen Manne Rochester erlöst hast, also — knie nieder!« —
William sank verwirrt dem Könige zu Füßen.
»Denn Wir — Villier, gebt Uns Euer Schwert, — aber um Gotteswillen vorsichtig! So! — Also schlagen Wir Dich, William Craven, zum Edelmanne und Ritter, armigero, im Namen Gottes, des Sohnes und des Geistes, und befehlen, dass Du das blaue zerfetzte, für Unsern königlichen Leib bestimmte Gewand als adlig Kleid tragest, es im Schilde führen und Dich den ›blauen Kavalier‹, eques coloris caerulei fortan nennen sollst, haha!«
Er reichte ihm zum Kuss die Hand.
»Steh’ denn auf und gehe heim!«
William, nicht mehr Mister, sondern Ritter, wusste nicht, wie ihm geschah. Aber die Verwirrung musste ihm sehr artig anstehen, denn er sah sich mit einer Fülle von Huld ringsum überhäuft, die er gar nicht begriff.
Endlich traten Vater und Sohn den Heimweg an, — erst stumm genug. Bei Charingcross hielt der Alte an und fiel William um den Hals.
»Sohn, Sohn, Du bist Sir, bist Ritter! Herr du meines Lebens, der wird die Schneiderei groß machen!«

Zweites Kapitel
Der Fall des allmächtigen Rochester hatte für William anfänglich wahrhaft betäubende, für das Schicksal des Hauses Craven höchst entscheidende Folgen. Unser Held wurde nicht mehr Mister, nicht einmal bloß Sir, sondern Sir William, Ritter von Craven, am Allgemeinsten aber der »blaue Kavalier« genannt. Im ersten Staunen waren Vater und Sohn über das eigene Glück ganz verblüfft. Der Alte konnte gar nicht begreifen, was eigentlich sein Sohn für eine besondere Tat getan habe, William selbst fasste die Größe solcher Gunst nicht einmal, da er sich doch nur bewusst war, zum Schutze seines Vaters aufgetreten zu sein und seine Untertanenpflicht erfüllt zu haben, sich nur zu sehr bewusst war; wie der Zufall hierbei weit mehr als sein eigner Wille die bewegende Ursache gewesen. Dass kraftlose Fürsten gerade das zufällige Verdienst, sobald es sie nur in glücklicher Minute von einer persönlich drückenden Fessel, von den natürlichen Folgen ihrer eignen Schwäche befreit, am höchsten belohnen, ahnte er ebenso wenig, als dass solide, aus sich selbst erlangte Tüchtigkeit eines Untertans denselben selten mehr als eine zögernde, höchst laue Anerkennung abringt.
Das plötzlich entdeckte Verbrechen Lord Robert Carrs von Rochester, Herzogs von Somerset, war schwer, aber es war nicht ganz sein eignes.
Er schien mehr Mitschuldiger als eigentlicher Täter. —
Graf Essex, der Sohn des enthaupteten Lieblings Elisabeths, anfänglich König Jakobs Günstling, war durch Sir Robert Cecil, den Minister, an die schöne Franziska Howard aus dem königlichen Hause der Suffolk vermählt worden, ohne dass letztere ihn liebte. Sie lernte bei Hofe Rochester kennen.
Beide fassten eine wilde Leidenschaft füreinander, Essex’ Ehe ward hierdurch die leibhaftige Zwietracht, und die Scheidung wurde von Franziska alsbald mit den schamlosesten Mitteln betrieben. Der Ritter Oversbury, Rochesters vertrauter Freund, war hiergegen aufgetreten. Er hatte versucht, den Herzog von der Verbindung mit einer Frau abzuhalten, die weder in dem Rufe der Keuschheit noch Treue stand.
Franziska, racheerfüllt, wusste aber den schwachen Geliebten zu bestimmen, dass er Oversbury höchst hinterlistig um des Königs Gnade, ja in so schweren Verdacht brachte, dass man ihn in den Tower warf.
Dort, unter Rochesters Vorwissen, hatte Franziska durch ihre Kreaturen den Giftmord an diesem Unglücklichen verübt, und über seinem Grabe war ihre Trennung von Essex, wie die Verbindung mit dem mächtigen Günstlinge erfolgt. Hätte es im Plane des Hofes gelegen, Rochester aufrecht zu halten, sicherlich wäre William Craven, statt zum Ritter geschlagen zu werden, als Verleumder exemplarisch genug bestraft worden, und man hätte sich beeilt, alle Zeugen und Beweise für die Tat beiseite zu schaffen. Rochester, der in unumschränkter Gewalt sich nach und nach über den eignen Herrn erhoben hatte, war diesem indes längst lästig geworden. Der größte Teil des Hofes, besonders Villiers, hasste ihn und hatte an seinem Fall gearbeitet, ohne ihm beikommen zu können. Dieselbe Schwäche Jakobs, welche Robert Carr erhoben, hielt ihn auch, und die Koterien arbeiteten fruchtlos gegeneinander. William Cravens Entdeckung kam Jakob, der Königin, dem Prinzen und Villiers somit als eine Erlösung, und die summarische Hast, mit der Rochesters Prozess betrieben, möglichst bitter und beschimpfend gemacht, und somit ein Skandal, der dem Hofe selbst wenig zur Ehre gereichte, absichtlich der Öffentlichkeit preisgegeben wurde, bewies, wie sehr man froh war, den überlästig Mächtigen unterm Schilde des unparteiischen Gesetzes vernichten zu können.
Rochester und Franziska wie ihre Helfershelfer wurden von der Sternkammer zum Tode verurteilt.
Indes nicht auf strenges Gericht, sondern moralische Vernichtung, auf die Unschädlichmachung des ehemaligen Günstlings nur war’s abgesehen, denn der König begnadigte das verbrecherische Paar zum Tower; nachdem die Sache der Erinnerung der Menschen aber entrückt war, verbannte er sie auf ihre Güter.
Rochesters Sturz aber war zur Zeit für jedermann das außerordentlichste und froheste Ereignis.
Die Königin, Prinz Carl von Wales und Villiers, der seine Bahn nun frei sah, überschütteten unmittelbar nach begonnenem Prozesse den »blauen Kavalier« mit glänzenden Beweisen ihrer Gunst. Als Rochester verurteilt worden war, besuchten Mitglieder des Parlaments scharenweise des Hofschneiders Haus und gratulierten ihm zu dem furchtlosen Patriotismus seines Sohnes, der das Land wie den Thron von einem »übermütigen Bedrücker« erlöst habe, und stellten William die stolzeste Zukunft in Aussicht. Bei der Bürgerschaft und dem niederen Volke erlangte die Familie Craven aber eine Popularität, als ob ihrem Schoße ein Volksbefreier entstiegen wäre, und nie hatte Meister Craven mehr Bestellungen, als in diesem gesegneten Jahre. Solchem Übermaße von Glück war der Geist des Hofschneiders kaum gewachsen.
»Nein«, rief er mitten im Taumel dieser Tage, »nein, mein lieber Junge, der Ruhm ist zu groß für mich, meine alten Schultern können die Last der Ehre nicht mehr tragen! Ich bin ein leidlicher Lordmayor gewesen und habe in der Gilde wie vor der Stadt Robe und Barett mit gutem Anstande getragen. Aber dass unser Haus in Dir zu solcher Höh’ gelangen solle, das hat wohl Deine selige Mutter, die des Fassbinders Uleswather ehrsame Tochter gewesen, im Traume nicht gedacht! Da Du uns und die Schneiderei nun so zu Ansehen gebracht hast, ein Ritter bist, und — wie die Herren vom Parlamente, die Leute vom Hofe und wer mich nur ansieht, versichern, — Dir wer weiß welche Stellen und Würden noch bevorstehen, ja man in diesen bewegten Zeiten doch noch gar nicht wissen kann, ob Du nicht ’n mal wie der selige Osborne Herzog und Peer wirst, obwohl er nicht ’n mal ’n reicher Bürgerssohn wie Du, sondern nur ’n armer Weberjunge und Bettelschüler von St. Paul gewesen, — darum ist’s billig, dass unser Haus und die Schneiderei Dir dafür auch erkenntlich sei, zu allem Guten verhelfe und in Dich seinen größten Stolz und seine Wohlfahrt setze! So wie’s gewesen ist, kann die Sache nicht mehr bleiben! Du bist für das Geschäft zu vornehm! Sollst mir nicht mehr mit Elle und Maß in der Leute Häuser rennen, was sich auch für keinen Ritter schickt, sondern als ein Kavalier und Herr leben, wie Dir behagt, studieren und tun, was Du magst. Allenfalls in den Kontobüchern kannst Du zum Rechten sehen, denn Du bist einmal, wenn der alte Craven die Augen schließt, doch das Haupt der Familie, und ich bin sicher, Du wirst ihrer auch im höchsten Glanze nicht vergessen, wirst Deinen Geschwistern beispringen, wenn’s Not tut, und dieses alte gute Haus in Ehren halten!«
William küsste dem Überschwänglichen bewegt die Hand.
»Das, lieber Vater, will ich gewiss und werde nie meines Ursprungs, Eurer Güte und meiner Pflichten uneingedenk bleiben. Ihr wisst ja, ich habe niemals für den Werktisch getaugt, und danke Euch recht innig, dass Ihr mich nicht länger in Fesseln schmiedet, die mein kindlicher Gehorsam doch auf die Länge nicht zu tragen vermocht hätte. Wohl sehe ich nicht ab, wie die guten Erwartungen der Leute an mir in Erfüllung gehen sollen, aber ich habe den besten Willen, den Lebenszweck, welchen Gott mir einst zuteilen mag, zu seiner wie Eurer Ehre und des Vaterlandes besten zu erfüllen.«
»Wohlgesprochen und ritterlich, mein Sohn, Gott segne Dich und uns alle!«
»Damit er’s aber tue, Vater, lasset uns auch gerecht sein. Nimmer wäre Rochester durch mich gefallen, nimmer solche Ehre an uns geschehen, wenn nicht, — ehe wir nach Whitehall gingen, Doderidge mir von dem Verbrechen Mitteilung gemacht hätte. Winwood, Franklins Genosse, wohnte ja im selbigen Hause wie seine Mutter und Schwester! Ihm hatte sich der Elende in seinem Rausche in der Nacht, da er heimkam, verraten! Wir verdanken Doderidge also unser Glück, und es ist billig, ihn zu belohnen. Da er ’n guter Arbeiter ist, obwohl ’n Puritaner, solltet Ihr ihn im Lohn und Arbeit verbessern, zumal die Seinen gar so arm sind!«
»Versteht sich, Kind, versteht sich! Alles das soll geschehen! Ich will über seine Sekte und seine Niedrigkeit ganz wegsehen, er soll die Hülle und Fülle haben! Schon deshalb, mein Junge, dass er uns wegen der Geschichte mit Rochester reinen Mund hält und Deine Verdienste vor den Leuten etwa nicht schmälert! Ruf’ ihn mir sogleich, William, Du sollst mit Deinem Alten wohl zufrieden sein.«
Infolge dieses Gesprächs erhielt Doderidge nicht nur ein namhaftes Geldgeschenk, ward nicht allein mit doppeltem Lohn unter die ersten Gehilfen aufgenommen, denen neben Edward nur Sammet, Seide und Brokat durch die Finger ging, auch des jungen Mannes Bitte, seine Schwester unter die Näherinnen des Geschäftes aufzunehmen, ward gegen das Versprechen des Schweigens erfüllt.
Alsbald erschien Jeany Doderidge, ein sanftes, blauäugiges Mädchen im Cravenhause, dem die Purpurwangen mit den Grübchen und die milchweiße Haut vortrefflich zu dem hohen, braunen Tuchmieder mit breitem, puritanischem Kragen und der schwarzen, engen Kappe passten, die ein schmaler Spitzensaum lieblich um dies Gesichtchen abschloss. Das Mädchen war von mildem, bescheidenem Ernste, höchst arbeitsam und zurückhaltend. Bei alledem sprach sich in ihrem Benehmen aber eine Bestimmtheit aus, dass man sah, die kleine dralle Person habe einen sehr entschiedenen Charakter.
Seit dem Tage ihres Erscheinens ging in Edward eine auffällige Veränderung vor. Er kleidete sich sauberer als sonst und war zu den Arbeiterinnen fortan viel höflicher. William, der »blaue Kavalier«, lebte nunmehr nach dem Willen seines Vaters höchst kavaliermäßig und ging seinem Studium wie seinen Vergnügungen mit schrankenloser Freiheit nach. Für andere junge Leute seines Schlages wäre dies leicht höchst verderblich geworden. Die Affenliebe eines splendiden Vaters hätte jeden anderen zum Verschwender und Wüstling gemacht, das allgemeine Lob und die Gunst des Hofes ihn zu dünkelvoller Anmaßung verleitet. William Craven war nicht von so windigem Stoffe. Studien wie Waffenübungen machten ihm ein wahrhaftes Vergnügen.
Sein ernster, träumerischer Sinn bekümmerte sich weit mehr um den Weltlauf und seines Vaterlandes Geschicke, als die Völlerei seiner Altersgenossen, und sein Umgang galt weit mehr gesetzteren Leuten, von denen er lernen , konnte, als leichtfertigen Genossen, die zwischen Kegelspiel, Karten, Sektflaschen und Raufhändeln ihre Muße teilten. Seine Schwärmerei für edle und hohe Taten, wodurch er einst sein Rittertum verdienen wollte, sein heißes Sehnen, des Kusses jener hohen Dame einst wert zu sein, deren Bild auf ihn herab gesehen, als er Rochester entlarvte, und die Überzeugung, zwischen ihr und ihm bestehe eine sonderbare, aber absichtliche Schicksalsverkettung, hielten ihn von allem Nichtigen und Gemeinen fern. Seine Liebe für den Vater, sein Pflichtgefühl gegen die eigene Familie; und dass er sich als das natürliche Haupt derselben ansah, machten, dass er gern das Rechnungswesen des Hofschneiders fortführte und so eine Mitregierung ausübte, die der Vater ihm selber angetragen. Ritter William fand trotz allem indes keine besondere Veranlassung, sein Glück für ungetrübt zu halten, und alle Ehre wie Unabhängigkeit vermochten nicht, die Wunden zu heilen, welche ihm der heimliche Groll und Neid seines Bruders täglich — ja stündlich schlug. War Edwards Verhältnis zu ihm vordem schon ein liebloses, bitteres gewesen, jetzt wurde es ein fast feindseliges. Nur Feigheit und Eigennutz zwangen ihn zu einer Verstellung, die allein dem blöden Auge des von sich selbst berauschten Hofschneiders entgingen. Dass sein Meisterwerk, das wundervolle blaue Wams, zerfetzt worden, und der König nun ein anderes haben müsse, war Edward schon ärgerlich genug, aber William in einen Ritter verwandelt zu sehen, sein Lob in Londons Munde zu hören, dulden zu müssen, dass derselbe über alles erhaben, der Abgott und Tonangeber des Hauses werde, ja, dass er gezwungen war, besagtes blaues Wams auch noch auszubessern und zu ändern, damit es zu seinem Grimme als adliges Prunkkleid auf dem Leibe des »blauen Kavaliers« prange, das setzte seiner Erbitterung die Krone auf. So wenig William mit dem Bruder auch im Charakter übereinstimmen mochte, liebte er ihn doch, suchte dessen Fehler vor sich selbst zu entschuldigen und belächelte einen Neid, der ihm zwar verzeihlich schien, dessen er aber an Edwards Stelle unfähig gewesen wäre. Die heimliche und berechnete Bosheit desselben jedoch, der Hohn, welchen Edward allen brüderlichen Annäherungen entgegensetzte, sein offener Widerwille, der sich bei des Vaters Erscheinen in heuchlerische Freundlichkeit zu verwandeln vermochte, fielen William schwer aufs Herz, denn Edwards ganzes Benehmen zeigte ihm, dass am Sarge des Vaters einst die Maske fallen, derselbe ihm als offener Feind gegenübertreten werde.
So ging man nebeneinander hin. Rochesters Fall wie das blaue Rittertum Williams machten bald anderen, wichtigeren Begebenheiten Platz.
Villiers, nun Herzog von Buckingham, hatte des gefallenen Günstlings Platz zum Ärger der Nation eingenommen. Die Unzufriedenheit im Lande wuchs und der Streit der Parteien.
In Deutschland aber hatte jener heillose Krieg begonnen, der unterm Banner der Religion dreißig Jahre den Kontinent nach allen Richtungen durchrasen sollte. Die protestantische Union und die Böhmen hatten sich gegen den Kaiser erhoben, Graf Thurn stand gegen Dampierre, Ernst von Mansfeld gegen Bouquoi im Felde, Kurfürst Friedrich v. von der Pfalz, Elisabeths Gemahl, hatte sich zum Haupte der Union erklärt, und von den Böhmen zum Könige erwählt, hatte der törichteste aller Fürsten zu Prag die Krone genommen.
»Elisabeth von England — Böhmens Königin!« tönte es in Williams schmerzlich bewegter Brust, weshalb, wusste er selbst nicht, wider. Ach, die hohe Frau ahnte gewiss nicht, dass überm Kanal für sie das sehnsüchtige Herz eines Schneidersprösslings schlug, und ihr munterer Kuss in der Guildhall, ihr Bild in der Residenz zu London die Magnete waren, welche den Ärmsten mit fast krankhafter Sehnsucht zu ihr zogen.
Mehr denn ein Jahr war vergangen, als der Hofschneider eines Tages den Besuch Mister Trehearnes empfing. Es war seit dem Sturze Rochesters zwar nichts Ungewöhnliches mehr, ihn im Cravenhause zu sehen, aber diesmal zeigte Sr. Majestät Türsteher schwermutsvollen Ernst, tiefe Traurigkeit. William, der sich im Comptoir über den Büchern befand, rief den Vater aus der Werkstatt.
»Ei, ei, Mister Trehearne«, sagte der Hofschneider, »das ist für Euch eine ganz ungewohnte Tageszeit. Sonst mögt Ihr um diese Stunde doch wenig abkommen? Und was für ein Gesicht! Ist’s nicht, als wenn Ihr eben zu ’ner Leiche gingt? Um Ihro Majestät die Königin könnt Ihr unmöglich so den Kopf noch hängen, ist’s doch bereits zwei Jahre, dass sie erblich, und Euer Trauerrock muss längst verschossen sein.«
»Der König ist mit dem Prinzen und Mylord Buckinghams auf ’ne Woche gen York. Sie haben den langen Evans und ihr Zwergenvolk Jeffrey Hudson und Archias mit, da hab’ ich indessen Ruh’!« —
Er setzte sich schwer atmend und starrte den blauen Kavalier an.
»Was ist Euch aber denn, Mister?« sagte dieser beunruhigt, »Ihr seid wie abwesend?« —
»Wie abwesend, ja! — Mein altes Herz ist bei der, die wohl ’ne treue Seele brauchen könnte in ihrem grenzenlosen Weh, ’n redliches, altenglisches Herz, das die Heimatlose grüßte von der Heimat!«
»Herr, ich — ich kann nicht fassen, was Ihr sagt!« stotterte William bleich.
»Von wem redet Ihr denn nur, Mann?« rief der Hofschneider.
»Erinnert Ihr Euch beide wohl noch des Tags mit dem Rochester? Des Bildes unserer lieblichen Elisabeth, die den Pfälzer nahm? Und dass ich Euch sagte, sie sei ihrer Großmutter so gar ähnlich, und wie mich das oft traurig mache? — Meine Voraussicht trog mich nicht! — Friedrich der Böhmenkönig, ist vor ’nem Monate, grade am 8. November, bei Prag am weißen Berge von Tilly geschlagen worden! Ist entthront, ist in die Kaiseracht getan, Prag und ganz Böhmen ist erobert! Der Spanier Spinola aber hat die ganze Pfalz weggenommen! Flüchtig durch Schlesien und die Mark irrte die Unselige mit Gatten und Kindern, bis sie in Holland endlich zu Reenen Zuflucht fand!«
Tränen rollten über des alten Mannes Wangen.
»Entthront?! — Beraubt?! — Heimatslos?!« schrie William auf.
»Heiliger Christ, ist das ein Unglück!«
Der Schneider schlug die Hände zusammen.
»Wo blieben denn aber die deutschen protestantischen Fürsten alle, deren Haupt Friedrich doch war?«
»Weg! Sie blieben alle weg in der Stunde der Gefahr! Die Herren von der Union hatten ja vorher schon heimlich ihren Frieden mit dem Kaiser gemacht — und ließen Friedrich nun im Stiche! Hab’ ich nicht immer gefürchtet, dass bei der deutschen Heirat nichts Gutes ’rauskommen werde?!«
»Nein, nein, Trehearne, das allein ist nicht die Schuld«, meinte der Schneider. »Hätten sie sich eben nur an der Pfalz genügen lassen, sich nicht in die Händel mit dem Kaiser gemischt und die Krone eines Volkes von halben Wilden genommen, die eine barbarische Sprache reden! König Jakob selber war dagegen, sagt man. Aber die liebe Eitelkeit und der Ehrgeiz, das ist das Ganze!«
William wollte heftig auffahren, als ihm Trehearne zuvorkam.
»Schämt Euch, Freund, schämt Euch, so von einer Tochter der königlichen Stuarts zu reden! Galt’s nicht die protestantische Lehre gegen kaiserliche Übermacht? — Freilich tat Friedrich nicht wohl daran, sich von Elisabeth aufreden zu lassen, die böhmische Krone zu nehmen, aber, lieber Gott, ist der Hang nach Größe denn einer Königstochter so unwürdig? War die Ärmste denn nicht kaum aus den Kinderschuhen, als sie in die fremde deutsche Welt hineinkam? Dazu an eines Mannes Seite, dem noch nicht der erste Flaum ums Kinn spross! Ist’s ein Wunder, wenn sie da irrte?!«
»Und königlich hat diese hohe, unglückliche Frau geirrt!« rief William eifrig. »Die Majestät wird doch gleich das Parlament versammeln, gegen den Kaiser rüsten und mit allen braven englischen Herzen ausziehn, um der beraubten Elisabeth zu ihrem Lande zu verhelfen?!«
»Ausziehn? Unser Herr? Das Parlament berufen? — Wo denkt Ihr hin, Sir? — Wisst Ihr denn nicht, wie schlimm er mit den Gemeinen steht? Dass sie ihm wohl mit den alten Forderungen und Klagen auf den Leib rücken, aber keinen Rosenoble bewilligen werden, es sei denn, er demütige sich? Dazu des Volkes Hass gegen Mylord Buckingham und dieser neue unselige Prozess Lord Bacons. Unser armer Herr kann ja nichts tun, Ihm sind die Hände überall gebunden! Hätte er aber auch Geld und Truppen, kann er denn offen gegen den Kaiser ins Feld ziehen? Würde sich denn nicht das Heiratsprojekt zwischen dem Prinzen Carl und der Infantin Maria gleich zerschlagen, das mit so vieler Mühe glücklich in Gang gekommen?!«
»Für den künftigen Vorteil des Sohnes also«, entgegnete William heftig, »lässt der König die Tochter im Elend?! O, nie hat’s ’ne herzlosere, unwürdigere Politik in England gegeben, und Schmach wie Unglück wird das Ende sein!«
»Aber Junge, Junge, was geht Dich denn das an? Kannst Du den Weltlauf ändern? Willst Du Sr. Majestät weisliches Regiment tadeln? Jeder schläft, wie er sich bettet! Ist der Kurfürst von unserem Herrn nicht gewarnt worden genug? Musste ihn denn der Teufel reiten, mit dem Kaiser anzubinden?«
»Ob der Kurfürst Recht tat oder nicht, das weiß Gott allein, er ist dafür genug gestraft, Vater! So viel aber weiß ich, dass, wenn ein Kind so in Unglück, Schmach und Trauer gekommen, wie Elisabeth, ein Vater helfen muss! Einem wahren Könige steht es wohl an, mit dem Schwerte seinem Kinde Recht zu verschaffen, statt sich hinter politische Rücksichten und jene spanische Heirat zu verkriechen, die das Volk wie die Pest hasst und verwünscht! Woher dieser Hader im Lande, der Trotz der Parteien, die man sich über den Kopf wachsen ließ, als um Günstlinge zu mästen, die da enden wie Rochester, und nun Bacon, der, groß und weise als Denker, mit greisen Haaren auf der Höhe seines Ruhms vor den Schranken der Lords zitternd bekennen muss, er sei doch nur ein Schuft und Blutsauger seines Landes gewesen?! Hatte die tote Elisabeth je Furcht vor den Gemeinen, und legte das Volk ihr nicht Gut und Blut zu Füßen, wenn’s Ehr und Glauben und eine gute Sache galt? Wenn jener Geist der Kühnheit und der Liebe, des Rittertums und Opfermuts noch wie in ihren Tagen in den Seelen unseres feigen Krämergeschlechts lebte, die Tochter Englands sollte nicht vergebens in der Fremde weinen und ihre Hände hilflos nach der Heimat strecken! Für einen Mann im Lande wenigstens steh’ ich gut!«
Damit stürmte der junge Mann hinaus. Staunend blickten ihm beide nach. —
William barg seine furchtbare Erregung in seiner einsamen Klause. Die Schlacht am weißen Berge hatte auf einmal seinem Leben die rechte Deutung, seinen nebelhaften Phantastereien ein greifbar Ziel gegeben. Durch das Unglück war ihm Elisabeth näher gerückt, menschlicher geworden. Der Wunsch, sich ihrem Dienst zu weihen, war kein fernes unbestimmtes Sehnen mehr, es war ihm Pflicht, Naturnotwendigkeit geworden. Er sah seine Liebe zu ihr, den Ritterschlag und ihr jetzig Elend als etwas Zusammengehöriges, — eine Veranstaltung Gottes an, um ihn zum Retter der Frau zu machen, welche mit ihm einen wunderbar geheimnisvollen Seelenbund geschlossen. Sein Entschluss, das Vaterhaus zu verlassen, nach Deutschland zu gehen und der Kurfürstin seinen Degen anzubieten, stand fest, er erwog nur noch die Art, das zu bewerkstelligen, und die Mittel, welche ihm hierbei zu Gebote standen.
Während dieses alles wie mit Feuerflammen noch durch sein Hirn loderte, trat der Vater bedächtig und lauernden Blickes zu ihm ein. Die Gefühlsexpektorationen seines Ältesten hatten ihn denn doch stutzig gemacht, und nach Trehearnes Weggehen sah er sich veranlasst, dahinter zu kommen, inwieweit sein Argwohn sich bewahrheite.
»Was ist denn das mit Dir, William, dass Du Worte sprichst, die sich eher für’n Puritaner, für den Pym, Elliot oder Hollis im Parlament als für’n gehorsamen Untertan schicken, den Seine Majestät obenein zum Ritter schlug?«
»Ja, zum Ritter, und ritterlich drum und treuer, als der König selbst, will ich handeln! Seit ich weiß, diese edle Frau sitzt in so namenlosem Jammern, leidet mich’s hier nicht mehr! Ich muss weg, Vater! Nach Deutschland! Und für altenglische Ehre und Stuarts Tochter das Schwert ziehen! Das ist das Rittertum, dessen ich wert bin, und das sie auf die Stirne mir geküsst hat in der Guildhall, da sie noch nicht ahnte, sie gehe lächelnd in ihr Elend!«
»Und Du glaubst, ich bin Narr genug, das ruhig anzusehen?« schrie der Hofschneider außer sich. »Ich glaube gar, er ist in sie verliebt! —Heiliger Georg, will der Mensch hinüber laufen und sich für ’ne verjagte Frau totschlagen lassen! O willst Du nicht gar auf meine Kosten ’ne ganze Rotte landloses Volk auflesen und als blauer Ritter ins Blaue reiten?«
»Warum nicht!«
»Das wirst Du bleiben lassen, Mensch!« kreischte der Alte. »Hab’ ich darum gearbeitet, darum Vermögen erworben, dass Du’s mit solcher Windbeutelei vertun darfst? Bist Du darum zu Ehre und Ansehen gekommen, um in die Welt zu rennen und wie’n deutscher Landsknecht hinter der ersten besten Hecke zu sterben, statt daheim Glück, Gunst und Gewicht zu erlangen? Wenn Dich der Ehrgeiz schon so kitzelt, gibt’s im Lande nicht genug Gelegenheit, Dich vorwärts zu bringen? Willst Du ins Parlament, sag’s, ich will Dich bei der Wahl schon durchbringen, und wenn Du halbwegs Dein Maulwerk brauchst für den König, wie vorhin gegen Trehearne, kann Dir’s nicht fehlen! Mit dem Fortlaufen in den Krieg aber bleibe mir vom Leibe, oder — so wahr ich Dich liebe, nicht ’nen Fahrding geb’ ich Dir mehr! Ich will Dir zeigen, dass Du doch noch in meiner Gewalt stehst!!«
»Ins Parlament? Ich? — Um für den König zu reden, diesen König, der sein Kind verleugnet? Der für seinen Günstling das Volk plündert? Nun, wahrhaftig, Pym und Hollis, sag’ ich Euch, würden Lämmer an Sanftmut neben mir sein! Das wäre für den — Hofschneider freilich ’n Todesstoß! Beim ewigen Gotte, dass Jakob so sein Kind verlässt, wird ihm einst fürchterlich selber heimkommen! Am eigenen Volke wird er die Untreue noch erleben, die er an Elisabeth bewiesen hat! Ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben, will sein Ritter nicht sein! Wenn ich je durch die Tat meinem Stande und Namen Ehre mache, allein fürs Recht der verlassenen Elisabeth soll’s geschehen!«
»Schon gut, Du setzt Deinen Kopf auf! Aber ich habe auch einen, Sir, und sage Dir, Sir, bei meinem Vaterfluche, Du wirst still sitzen hier im Lande und leben, wie Du gelebt hast! Eher in den Tower wegen Deiner gotteslästerlichen Reden über die Majestät sollst Du, als dass ich so alle Hoffnungen, die ich auf Dich setzte, wie Spreu und Rauch verfliegen seh’! Das merk’ Dir. Nun tu’, was Du Lust hast!«
Der wütende Hofschneider ließ seinen verzweifelnden Sohn allein. William bestand jetzt einen Kampf mit sich, der ihn bis hart zur Narrheit führte. Nach diesem Gespräch war nur ewige Trennung vom Vater oder gehorsame Unterordnung möglich. — Die Pietät und Vernunft siegte. — Was konnte er, mittellos, verlassen von den Seinen, einer Frau nützen, die an ihrem eigenen Grame gerade genug zu tragen hatte? Was ihm vorher so hoch und heilig erschienen war, wenn er’s im Verein wackrer Herzen, von der Hoffnung des Volkes begleitet, unternahm, wie elend und lächerlich sah es nun aus, wie eine Irrfahrt, von einem einsamen, bettelhaften Abenteurer unternommen. In den Staub mit seinem brechenden Herzen sank sein nutzloses Rittertum, der hohe Minnedienst für Maria Stuarts Enkelin. —
Der Sohn des Hofschneiders beugte sich seinem Schicksale. Aber nicht leicht und willig wie ein feiger Schwächling, sondern finster, grollend über sein Geschick und mit düsterer Melancholie, die sich wie ein Bahrtuch jetzt über alle seine Wünsche legte. Teilnahmslos gegen alles, vegetierte er von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, mit schmerzvoller Bitterkeit das Wechselspiel des Krieges in Deutschland betrachtend, und wie Georg von Baden-Durlach, Ernst von Mansfeld, der wilde Christian von Braunschweig, Graf Thurn und Christian von Dänemark vergebens den großen Ringkampf gegen Habsburg kämpften, mit jeder Niederlage, die ihnen Tillys Arm bereitete, die Hoffnung Friedrich V. von der Pfalz geringer, Elisabeths Zukunft aussichtsloser ward. Musste es ihn nicht ebenso wie die ganze englische Nation mit Verachtung erfüllen, dass Jakob mit den Summen, welche man ihm zu kriegerischer Unterstützung seiner bedrängten Kinder bewilligt hatte, die glänzenden Marmorhallen Whitehalls vollendete?
Vom Plafond des Bankettsaales, der seinesgleichen kaum in Paris hatte, blickte Rubens’ prunkvolle Apotheose des königlichen Jakob auf den Beschauer in einer Zeit herab, in der dieser Monarch die schmählichsten Beweise seiner Erbärmlichkeit und Beschränktheit als Mensch wie Monarch gab und von den Höfen zu Madrid und Wien am diplomatischen Narrenseil gelenkt wurde, um ihn politisch ganz ohnmächtig zu machen! —
Williams düstrer Seelenzustand, sein fast einsiedlerisch Abschließen, seine unverhohlene Disharmonie mit dem Vater hätten jeglichem auffallen, die Veranlassung hierzu den Insassen von Cravenhaus auch ohne weitere Auslassungen bald bekannt werden müssen. Im ersten Überwallen seines Zorns aber hatte der Hofschneider mit höchst unzarter Schwatzhaftigkeit die Pläne und Wünsche des »blauen Ritters« dem spöttischen Urteile seiner Umgebungen preisgegeben. Mit wahrer Höllenfreude stimmte Edward in den Zorn des Alten ein, begünstigte den Riss zwischen ihm und dem Bruder auf alle Weise, bemächtigte sich ganz des Vaters Vertrauens, überschüttete William bei jeder Gelegenheit mit dem spitzen Geschoss seiner Sarkasmen und demütigte das heiligste Gefühl in dessen Brust durch spießbürgerlich plumpe und lächerliche Anspielungen. Oft war William ihm gegenüber in einer Seelenverfassung, wo er des Äußersten fähig gewesen wäre, hätte nicht die Heiligkeit der Blutsverwandtschaft und das Sittengesetz in seiner Brust ihn von Dingen zurückgehalten, die nur Reue, Schmach und ewiger Bruch mit den Seinen im Gefolge haben konnten. Man lebte notgedrungen wohl zusammen, aber es war ein trauriges, liebloses Leben.
Ende des Jahres 24 trat aber ein Ereignis ein, das die drückende Schwüle zu Cravenhaus plötzlich unterbrach, seine Bewohner aufs Lebhafteste beschäftigte und das Einerlei ihres Daseins mit dem Reize des Geheimnisvollen durchflocht. Ein ziemlich zerlumpter Kerl, wie deren im Comptoir des Hofschneiders eben nicht oft gesehn wurden, trat eines Tages plötzlich in dasselbe und fragte nach Mister Craven, dem Hofschneider.
»Ihr meint Sir Craven?« entgegnete Edward trocken. »Was habt denn Ihr mit ihm zu schaffen?«
»Sir oder Mister, das ist gleich, in der Grube fault er genauso sicher, als ob er’s Hosenband am Knie hätte. Was ich von dem Hofschneider will? — Das werd’ ich ihm selber sagen.«
»Ich bin Mister Edward, sein Sohn, Freund, und das ist ebenso gut. Der Sir ist nicht für Leute Eures Schlags zu haben!«
»Hm, seht mir an! Ja, ja, beim Schneider tun’s die Kleider, aber ’s liebe Geld noch mehr. So sage ich Euch denn, dass Ihr Eurem Vater kundtut: ’n Bote von Harry Welby wolle ihn gleich sprechen! Er ist gewohnt, dass man seiner Aufforderung folgt!«
Edward machte große Augen. —
»Sir — Sir Harry Welby meint Ihr? — Den — den Esquire von Lincolnshire?«
»Na ja!«
»Den — den in der Grubstreet doch?«
»Ja doch!«
»Wartet! Seid so gut und setzt Euch! Mein Vater soll gleich zu Diensten sein!«
Damit stürzte Edward in die Werkstatt, der Bote aber lachte hell auf und machte vom ersten besten Stuhle Gebrauch.
»Vater, Vater!« eilte Edward an den Zuschneidetisch. »Denk’ nur, der reiche Esquire von Lincolnshire schickt her und will Dich sprechen!«
Alle Köpfe richteten sich staunend empor ob dieser Nachricht.
»Wer? Sir Welby, sagst Du? Der in der Grubstreet? Der reichste – lumpenhafteste Mann Londons? Schade, dass er weder ehrlich ist noch ’n adlig Haus hält, da kann er nicht viel werden. — Seit 40 Jahren, Leute, kam er nicht aus seinem alten düstern Hause. Niemand kennt ihn, doch ist er stets in aller Munde. Was in der Welt kann der mit mir haben?!« —
Der Hofschneider eilte ins Comptoir, Edward hinter sich.
»Also von Esquire Welby kommt Ihr, Freund?« redete er den Boten an. »Soll ich denn zu ihm kommen, wie?«
»Das weiß ich nicht; glaub’s kaum. Da ist ein Brief.«
Der Hofschneider erbrach hastig das Schreiben, Edward blickte ihm gespannt über die Schulter.
»Schickt mir gleich einen Eurer Söhne, den, der am besten maßnehmen, auch leidlich nähen kann, er soll bei mir arbeiten. Wie lange ich ihn brauche, weiß ich nicht, 20 Pfund auf den Tag werden wohl genug sein. Lasst es indes den Herzhaftesten sein, ’s dürfte sonst zu seinem und Eurem größten Schaden gereichen. Harry Welby.«
Vater und Sohn sahen sich starr an, lasen den Brief abermals, und ihr Staunen blieb unvermindert, ja schwankte bereits lebhaft zwischen Furcht und Begehrlichkeit. — Harry Welby war das Geheimnis von ganz London. — Man trug sich mit den schrecklichsten und zugleich abenteuerlichsten Gerüchten über ihn, die dieser Brief nur leider zu sehr zu bestätigen schien. Was dieser Mann auch Gutes oder Schlimmes getan haben oder noch tun mochte, sein ungeheurer Reichtum und seine unsichtbare Gewalt, die, wie man sagte, bis zum Throne sich erstreckte, machten ihn für die bürgerlichen Gesetze unantastbar. 20 Pfund Lohn für den Tag waren indes ein ungeheures, noch nie verdientes Geld, das sich Craven doch nicht entgehen lassen konnte. Was für ’ne Schneiderarbeit musste aber das wohl sein, welche Mut erforderte? Craven wie Edward bekamen eine gelinde Gänsehaut bei diesem Gedanken. Welby besaß jedenfalls die Mittel, der Familie Craven auf eine ebenso geheimnisvolle Art zu nützen, als zu schaden, wie es denn auch bekannt war, dass er hinter alles zu kommen verstand, was ihm eben zu erfahren beliebte.
»Na, wird’s bald? Antwort oder nicht!«
»Ja, ja!« schrak der Alte auf. — »Sag’, Edward, willst Du?«
»Jjj — nnnein! — Nein, ich nicht, Vater, so gern ich Euch sonst gehorche! — Seht, — was — was man so gewöhnlich Mut — Kriegsmut nennt, da — da ist mir der William doch voraus. Hat’s ja geübt mit seinem Fechten und Reiten. Will ich denn ’n blauer Kavalier sein? Gott behüt’ mich! Als Schneider leb’ ich und sterb’ ich! Hat er so große Lust, übers Wasser in den deutschen Krieg zu ziehen und für Frau Elisabeth seine Glieder zu wagen, wird er doch wohl für seines Vaters Beutel auch Mut genug haben, dem Esquire einmal unter die Augen zu gehen. Maßnehmen kann er, und so viel nähen am Ende auch.«
Der Bote lachte wieder. — Craven ging ganz verstört hinüber in Williams Kabinett, wo er denselben über seinen Büchern fand. Mit einer gewissen Schüchternheit, die aus dem Gefühle entsprang, den guten Willen dessen jetzt beanspruchen zu müssen, welcher mit ihm seit langer Zeit auf gespanntem Fuße stand, reichte er ihm Welbys Brief.
»Edward will nicht zu dem Esquire, er fürchtet sich. Willst Du nicht hin und mir — ausnahmsweise — das schöne Geld verdienen? ’s ist zwar unter unserer Würde, außer’m Hause zu arbeiten, und für Dich, ’nen Ritter, erst recht, aber bei ’nem Manne, der einem — so nützen und schaden kann, dacht’ ich, würdest Du’s wohl tun. Wer erfährt’s denn?«
William blickte regungslos auf die Schrift, indes der Alte in ihn liebevoll dringend hineinredete. Langsam stand er auf und blickte mit finsterem Spott auf den Vater.
»Ich gehe hin! Vielleicht trägt’s so viel ein, wie ich Euch seither gekostet habe.«
»Mein lieber Junge, wie Du so ’was nur reden kannst! — Du willst also wirklich hin? Wirklich? Sieh’ das ist schön, das macht mir Freude, Gott segne Dich!«
Damit eilte er hastig ins Comptoir zurück.
»Er geht hin, William wird gleich kommen!«
Der Bote lachte und erhob sich.
»Also in der Grubstreet, dicht bei Cripplegate, das graue hohe Haus rechter Hand. Lebt wohl.«
»Wollt Ihr denn nicht ’n Schillingsstück für den Gang nehmen? Und hört, braucht denn der Esquire kein Zeug zu dem Gewande, das er will?«
»Wer mich schickt, bezahlt mich auch. Wenn Welby bloß ’nen Schneider will, so will er kein Zeug, sonst hätt’ er’s geschrieben.«
»Aber herzhaft, Mensch, soll doch einer sein! Es – es geschieht doch nichts Gottloses da?«
»Haha, das weiß ich nicht. Wenn Euer Sohn Furcht hat, so bleibe er heim.«
William trat eben, den Brief in der Hand, ein.
»Wer spricht von Furcht? Ich habe gesagt, ich komme; das ist genug.«
»Willst Du Dir keine Waffe mitnehmen?« sagte der Hofschneider halblaut und bänglich an ihn herantretend.
»Eine Waffe? Nein. Ich gehe, um dem Esquire Dienste zu leisten, nicht mit ihm zu streiten. Ich fürchte nichts mehr im Leben, am wenigsten die Schrecken, welche mir Esquire Welby, haha, bereiten mag! Gott ist um mich überall, und dieser Mann sein Geschöpf so gut, wie ich.«
Der Bote sah William starr an.
»Hoho, Herr, habt Ihr wirklich so viel kalt’ Blut? — Desto besser, Ihr könnt es, wo Ihr hingeht, brauchen!«
»Ihr habt doch welches, da Ihr um den Esquire seid?«
»Ich um den Esquire? — Ich kenne ihn nur aus seinen Wirkungen, die aber machen Mannesseelen mürbe. Gehabt Euch wohl!«
Der Bote schritt hinaus. Der Hofschneider und Edward standen noch immer starr und träumend.
Ohne ein Wort weiter zu erwähnen, traf William seine Zurüstungen, hing den Mantel um, und dem Vater zunickend, verließ er das Haus, um dem Rufe des sonderbaren Briefes zu folgen.
Die Gedanken, mit welchen sich der Hofschneider in den ersten Stunden nach Williams Entfernung beschäftigte, waren zwischen Befürchtungen für dessen Sicherheit, der Berechnung des wahrscheinlich zu hoffenden ansehnlichen Gewinns und den Mutmaßungen geteilt, welcherlei Arbeit der reiche Sonderling wohl von seinem Ältesten verlangen könne. Edward hingegen war froh, dass er einer so fatalen Aufgabe entgangen war, und William sich durch seine trotzige Kühnheit hatte verleiten lassen, eine Weile demjenigen Gewerbe zu huldigen, für das ihn der Vater seit dem Ritterschlage zu vornehm gefunden.
Es vergingen drei, vier Tage, eine Woche, William kehrte nicht zurück. — Das Personal begann unruhig zu werden, besonders Doderidge. Man erging sich flüsternd in allerlei Mutmaßungen. Der Hofschneider begann schlecht zu schlafen und von beängstigenden Träumen gequält zu werden. Selbst Edward, der sonst nie Neigung für William hatte blicken lassen, ihm höchstens ein negatives Interesse gewidmet hatte, konnte eine steigende innere Aufregung nur mühsam unterdrücken und war einsilbig wie noch nie. War’s vielleicht eine Reaktion seiner besseren Natur, oder etwa die peinliche Erwartung einer Katastrophe, die ihn für immer von dem stolzen Erstgebornen, dem Teilhaber am väterlichen Vermögen erlöse? Er hütete jedenfalls seine Zunge und suchte eine Gleichgültigkeit zu heucheln, die niemand im Hause teilte, und welche er in Augenblicken, wo er sich nicht genug bewachte, selbst Lügen strafte. —
Die zweite Woche neigte sich ihrem Ende, und William erschien nicht wieder. Da litt es den Alten nicht länger. Eine unerklärliche Angst überfiel ihn, und er sprach laut aus, dass er nach der Guildhall oder nach Mansion-Haus gehen, in seiner Not beim Lordmayor und den Aldermans Rats holen wolle. Edward bestärkte ihn eifrig darin, und der Hofschneider machte sich auf den Weg.
Sir Baptist Hicks von Campden, der große Seidenhändler, zur Zeit mit der obersten Würde der Stadt betraut und seines menschenfreundlichen Wohltätigkeitssinns wegen berühmt, hörte die Besorgnisse Cravens mit Ruhe an und sah den Brief des Esquire.
»Dagegen, Sir, so leid mir’s tut, ist nichts zu machen. Wer mit Welby anbindet, mag sehen, wie er fertig wird. Dieser Brief ist so gut wie ein Vertrag. Trotz seiner eigenwilligen und gefahrdrohenden Bedingungen habt Ihr freiwillig Euren Sohn, großen Lohnes wegen, dem Esquire überlassen. Der junge Mann ist gleichfalls freiwillig zu ihm gegangen, hat sich also die Folgen selbst zuzuschreiben. Ihr habt auf nichts Anspruch, als das Geld, und zwar so lange, als Euer Sohn nicht in Eure vier Pfähle zurückgekehrt ist, was Euch der Esquire auch auf die erste Mahnung gewiss zahlen wird. Macht Euer Gewissen Euch darüber Vorwürfe, Freund, so kann ich wohl Eure Vaterangst mitfühlen, Euch sehr bedauern, aber weder meine richterliche Macht, noch die eines anderen Gerichtshofes reicht hin, Euch William wiederzuschaffen, wenn er nicht von selbst kommt.«
»Sagt das nicht, Mylord«, rief Craven bebend, »sagt nicht, dass ich mein Kind, den Stolz meines Hauses, das Glück meines Alters für Mammon verschachert habe! An die Sternenkammer, zum Könige selbst, will ich gehen! Mein Vaterrecht muss mir doch werden!?«
Der Lordmayor schüttelte mitleidig, ja fast verächtlich das Haupt.
»Es ist nichts damit, täuscht Euch nicht. Wollt Ihr ein Narr sein, erhebt Geschrei, so viel Ihr wollt, aber die Lords der Sternenkammer werden Euch auslachen und sagen, Esquire Welby sei ein Ehrenmann, falls es nicht gar einem seiner stillen Freunde einfällt, Euch auf Beschimpfung eines Mannes vom ältesten Adel anzuklagen. Der König weiß aber wohl am besten, dass er dem nicht an den Leib kann, der ihn in — Verlegenheit bringen und — aus Verlegenheit ziehen kann! So lange Euer Sohn nicht selbst über Gewalttat und Verletzung seiner Rechte als Engländer klagt, tut Ihr am besten, Geduld zu haben. Ich rate es Euch.«
Blass und verzweifelnd kehrte der Hofschneider in sein Haus zurück.
»Ich habe meinen Sohn verkauft, ich elender Mann! Ich habe ihn verloren, auf immer verloren! Vermaledeit alles, Glück und Wohlstand, die Zierde ist hin, die schönsten Hoffnungen, die ihm erst Wert gegeben haben!«
Tiefe Bestürzung und Ratlosigkeit herrschte im Cravenhause. Edward allein machte den eifrigen Tröster, weil er vielleicht selbst am getröstetsten war, und mit jedem neuen Tage, mit welchem die Hoffnung von Williams Wiederkehr geringer wurde, klangen Edwards Perorationen in frömmerer Zuversicht und wurden über den göttlichen Schutz beredter. Die dritte Woche begann und verrann. Alle Befürchtungen vergewisserten sich. Denn dass Welby William wirklich so lange und für 420 Pfund beschäftigen könne, war eine Verrücktheit, an die kein Schneiderkalkül glaubte.
Doderidge trat endlich tief bewegt zu dem Meister. —
»Sir, heute ist Freitag, der Tag, an dem der Herr litt, der Tag, da der Ärmste vor drei Wochen von uns wegging. Was Gott auch über Euer Haus im Zorn verhängte, nicht länger darf unsere Hand in den Schoß gelegt sein. Ich will hin und die Satansmacht, in deren Klauen er vielleicht schon unterging, zerschmeißen mit dem Worte der Kraft und die Finsternisse dieses argen Mannes Welby durchdringen! Hilft keiner uns zum Rechte, so ist eine Macht noch, die der Sternenkammer, dem Welby und dem Obersten dieser Rotte Korah noch gewachsen ist, das Parlament! Vielleicht ist der Erzfeind Williams, der ihn auf dem Gewissen hat, näher, als wir meinen!«
Doderidge schoss einen wilden, starren Blick auf Edward. Edward erbleichte und wendete sich bebend ab.
»So gehe denn, Freund, geleite Dich der Himmel! Wenn Du ihn wieder —«
Die Tür ging auf, William stand vor ihnen. Edward prallte zurück, als sähe er einen Geist.
Aufschreiend stürzte der Alte in des Wiedergekehrten Arme.
»Da? Doch da, endlich? Dir lieber, guter Junge, Du mein Herzenssohn und Kleinod? Und gesund? Wahrhaftig, und gesund ist er! Kommt her, alle, seht ihn an! Er ist wieder da! Gott sei gelobt in seiner Herrlichkeit, Amen!«
»Das sei er!« erwiderte William hellen Auges mit sanftem Lächeln. »Ihr ahnt wohl nicht, wie sehr auf mich gerade der Ausruf passt? Ja, in seiner Herrlichkeit gepriesen sei er, aber nicht jeder kann sie sehen, Vater, und das wunderbare Getriebe durchschauen, was wir Leben nennen und doch oft so wenig verstehen!«
»Aber sage mir nur, wo und weshalb bliebst Du so lange denn? Wir waren in Todesschrecken um Dich. Ich bin schon beim Lordmayor deshalb gewesen.«
»Glaubtet Ihr denn, mir könne was geschehen? Jedes Wesen hat seine abgesteckte Bahn, und aus der Welt geht keiner, der nicht das Teil erfüllt, was ihm oblag auf Erden. Wenn ich mir selber nur nichts tue, wer sollte mir dann was anhaben? Bei dem Esquire Welby bin ich gewesen, sonst nirgends. Warum so lange? — Die Arbeit, Vater, die da geübt wird«, er lächelte, »ist keine, wie Ihr hier macht, keine, die so bald fertig wird. Ich gehe drum auch wieder hin.«
»Wieder hin?« rief Edward starr. »Gott behüte mich!«
Craven faltete die Hände. »Und wann denn?«
»Wenn mich der — Esquire rufen wird!«
»Und das Geld, Junge, das Geld! Ist’s denn möglich, dass Du so viel verdient hast? Das schaffen in derselben Zeit ja die Hälfte unserer Leute nicht!«
»Ist’s Dir um das Geld, Vater, so brauchst Du nur ’ne Anweisung an Welby zu Gresham, dem Goldschmied, zu bringen, dann hast Du’s. Der Esquire meint aber, Du tätest besser, Du ließest es, bis mehr dazu kommt, dann hättest Du doch auch die Zinsen.«
»Auch die Zinsen!« echote Edward wie abwesend.
»Nein, wenn ich Dich nicht leibhaftig sähe, Willy, ich hielt’s für ’nen Traum! Welby muss Golcondas Schätze ja besitzen, wenn er das zahlen kann!?«
»Er hat mehr Schätze, als sonst das weite England fasst, verlasst Euch darauf.«
»Und welche Arbeit, beim Himmel, ist das denn?« stöhnte Edward. »Sage mir nur, Mensch, ist’s in Samt, Atlas — oder in was Kostbarem sonst ist sie denn gewesen?«
»Mein Christenwort befiehlt mir Schweigen, Bruder. Das aber glaube mir, der Stoff, den ich zur Arbeit hatte, ist der köstlichste, seltenste und zarteste, den je Menschenhand berührt. Unter rohen, gemeinen Händen wird er vernichtet. Genug, ich habe anderes mit Euch zu sprechen. Im Groll und Unmut, trübem Brüten und finsterem Trotze habe ich sonst unter Euch gelebt. Verzeih mir, Vater, Du sollst fortan ein willig Kind in allen Stücken an mir finden. Kränkte ich Dich aber jemals, Edward, vergiss es, gib mir die Hand, und — was uns am meisten Not tut, lass uns — Brüder sein.«
Er umarmte den Alten und ergriff herzlich Edwards Hand. Blöde und scheu die Augen niederschlagend, ließ dieser ihm die Rechte.
»Ich habe ja aber gar nichts wider Dich!«
Dann wendete sich Edward ab und ging wie zerschlagen in die Werkstube.
»Heiliger Dunstan, Junge, was hat der Welby denn aus Dir gemacht? ‘nen Engel!«
»Ein Engel, Vater«, lächelte William, »wird man auf Erden nicht. ’s ist schon schwer genug, ein Mensch zu werden. Nicht jeder bringt’s so weit.«

Drittes Kapitel
Die eigentümliche Gemüts- und Geistesveränderung des blauen Kavaliers übte auf alle Bewohner von Cravenhaus einen unerklärlichen Zauber. Nicht dass William nicht vorher schon ein wackerer Mann gewesen sei und die Zuneigung seiner Umgebungen verdient habe, aber alle seine guten Eigenschaften traten vordem gewissermaßen nur willenlos aus ihm heraus, so dass man sagen konnte, es sei weniger sein Verdienst, als seine Gewohnheit, gut zu sein. Dabei hatte er Schattenseiten besessen, die, wenn sie auch nicht unedel genannt werden konnten, auch nicht geradezu schädlich wirkten, ihm selber doch Schaden gebracht, ihn weniger glücklich gemacht und von der freien Entfaltung seiner eigentlichen Seelenkräfte abgehalten hatten. Das Bewusstsein, eines reichen Mannes Sohn zu sein, hatte einen gewissen Stolz in ihm befördert und den Ehrgeiz, sich über seinen Stand in Sphären zu erheben, die doch nimmer seine dauernde Heimat waren. Er hatte den Stand seines Vaters heimlich zu verachten sich gewöhnt, welcher ihm doch die Mittel bot, seinen unbürgerlichen Neigungen zu folgen. Sein vormaliges Traumleben, zumal seine phantastische Schwärmerei für Elisabeth von der Pfalz und der Ritterschlag hatten ihn umso mehr seinen angeborenen Verhältnissen entfremdet, als die eitle Liebe seines Vaters seine vornehme Abgeschlossenheit begünstigt hatte, bis endlich seine Überhebung und romantische Torheit durch die Schlacht am weißen Berge zu solch einer Höhe erwachsen war, dass wenig gefehlt hätte, ihn für immer vom Vaterhause zu trennen.
Jedenfalls war er demselben innerlich durchaus entfremdet und in einen Gemütszustand gebracht worden, der weder ihn selbst noch irgendwen in seiner Nähe beglücken konnte. Seit er von dem wunderbaren Esquire aber zurückgekehrt war, schien er ein neuer Mensch, in seinem Wesen gänzlich verwandelt zu sein. Ich sage »schien«.
Denn in Wahrheit hatte sich sein eigentliches Wesen jetzt nur voll und ganz entfaltet und durchs Bewusstsein geklärt. Sein Hirn war nun frei von hohlen Phantasten, eigensüchtigem und zugleich widersinnigem Sehnen. Die Eitelkeit seines Rittertums belächelte er jetzt ebenso sehr, als er von ihr vordem geschwellt wurde, und das peinigende Mitleid um Elisabeth, seine glühende Liebe und Vergötterung der schönen Unglücklichen waren einem ruhigen, ernsten Gefühle tiefer Verehrung, zugleich aber zu einer festen Hoffnung geworden, die gänzlich rein von eigenen Wünschen war. —
Die ganze Welt, das Vaterhaus, hatten ihm jetzt eine neue, höhere Bedeutung, er in sich selbst einen neuen, sichereren Zweck, und dies Gefühl, das zugleich Glaube und Wissen, ja eine Art höherer, geheimnisvoller Weisheit war, breitete den Schimmer froher Ruhe und gewinnender Herzlichkeit über sein ferneres Leben. An allem im Hause nahm er teil, ohne nach dem Regimente desselben zu geizen oder sich in Dinge des Geschäfts zu drängen; für welche er sonst keinen Sinn gehabt. Er war da, wo man ihn zu brauchen gesonnen war, lebte jedoch ebenso eifrig seinen Büchern und den Waffenübungen, zu welchen sein Stand ihn berechtigte. Besonders aber nahm er sich seiner kleinen Schwester Maggy an, der er sonst nur geringe Beachtung gegönnt hatte. Diesen seinen Einflüssen konnte sich denn auch keiner, der im alten Cravenhause lebte, entziehen. Der Vater, die Arbeiter vergötterten ihn, Maggy hing an ihm mit wahrer Begeisterung, und so wenig er sich auch den Anschein gab, bestimmen oder befehlen zu wollen, genügte doch seine leichteste Bemerkung, ja der Ausdruck seiner Mienen, um die Handlungsweise seiner Umgebung zu bestimmen.
Edward selbst vermochte sich nicht seinen Einwirkungen und der brüderlichen Innigkeit zu entziehen, mit der er ihm überall entgegenkam und bei diesem spröden Gemüte um Gegenliebe warb. Wenn auch noch so erzwungen, Edward musste doch seine Freundlichkeit erwidern. Der reiche Verdienst, den William so seltsam dem Säckel des Hauses zubrachte, die Art der rätselhaften Arbeit bei Welby, verbunden mit der Neugier, hinter den Schleier dieser Geldquelle und die Seltsamkeiten des grauen Hauses in der Grubstreet zu kommen, welche auf William gar so tief gewirkt hatten, verbunden mit dem Verlangen, vielleicht selber der Vorteile zu genießen, die dort unzweifelhaft zu erringen waren, vermochte geraume Zeit den Dämon der Zwietracht und des Übelwollens, die kleinlichen und doch so heftigen Leidenschaften nieder zu halten, welche in Edward lebten.
»Sag’, Willy, ist’s wirklich denn so gefährlich bei dem Esquire, dass man außergewöhnlichen Mut nötig hat? Könnte Unsereins nicht auch ’n Mal es wagen, bei ihm zu arbeiten? Scheint mir doch eher Gutes zu sein, was einem da geschieht, weil Du seitdem so gar glücklich und zufrieden geworden bist?«
»Willst Du’s mit dem Esquire versuchen?« erwiderte William lebhaft. »Mein erstes Wort bei ihm soll sein, zu bitten, dass er auch Dich bei sich arbeiten lässt! Gefährlich, in jenes Haus zu treten, ist’s ganz sicher für den, dessen Gewissen nicht rein ist. Auf ihn würden alle schrecklichen Folgen dessen fallen, was in ihm an verwerflichen Gedanken, frevlen Wünschen und giftigen Leidenschaften wohnt. Wer aber die Prüfung seines Innern erst bestand, wird nie mehr unzufrieden sein. Selbst wenn ich auch treulos geworden wäre, Edward, Dir alles zu sagen, was ich über jenen Mann weiß, den sie einen Sonderling nennen und nur seines Reichtums wegen gelten lassen, Du würdest es doch so wenig verstehen, wie etwa eine fremde Sprache. Das will gesehen, gefühlt, im Herzen erlebt sein, Edward. Ich versprech’ Dir aber, einst sollst Du sicher in dies Haus; gedulde Dich bis dahin.«
Mehr erfuhr Edward trotz aller Bemühungen nicht, und was er erfahren, war ebenso sehr geeignet, ihn zu erschrecken, als ihn nur desto lüsterner zu machen, das Dunkel zu durchdringen, welches den unbegreiflichen Welby umgab.
Mehrere Jahre gingen hin. — Zu verschiedensten Malen war William längere oder kürzere Zeit bei dem Esquire gewesen, um zu arbeiten, und seine glückliche Heiterkeit blieb sich immer gleich. So oft ihn aber auch Edward ungeduldig fragte, »wann er denn nun auch einmal dort zur Arbeit komme«, — antwortete ihm William nur: »Ich habe gefragt und zur Antwort erhalten: er wird gerufen sein, wenn — seine Zeit gekommen ist!« —
Diese Zeit schien nie kommen zu sollen. Dafür aber kam etwas anderes, Unerfreulicheres. —
Das menschliche Gemüt, durch Klugheit und eigenen Vorteil gezügelt, kann wohl eine Zeit lang sein wahres Wesen verleugnen, seine Antipathien und Gelüste zurückdrängen, aber nicht auf die Dauer. Die Spannung, welche innerer Kampf stets erzeugt, die Unnatur jeder Verstellung, der Widerstreit zwischen dem inneren Fühlen und äußeren Tun des Menschen wird endlich so groß und unerträglich, dass er alle Bande sprengt, und seine ursprüngliche Natur nur umso wilder dann hervortritt. Dies geschah mit Edward und wurde durch eine neue Leidenschaft bewirkt, die alle anderen überwucherte und seine eigene Zukunft entschied. Dass er das Haus des Esquire nicht betreten durfte, erfüllte ihn mit tiefem Misstrauen und dem alten, schlecht unterdrückten Neide zu William. Er war der Meinung, dass es gewiss nur in dessen Absicht und Vorteil liege, ihn von Welby fern zu halten, dass diese von aller Welt gepriesene, in den Himmel erhobene Sanftmut, Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit des Bruders aber nichts sei, als eine verdammt schlaue Berechnung, um sich der Macht über alle Gemüter, über das Haus und die Erbschaft zu versichern, welche er durch seine romantischen Tollheiten schon beinahe verloren gehabt.
Edward glaubte fest, dass dieses Benehmen Williams auch die beste Manier sei, ihn bei Welby beliebt und unentbehrlich, ja sich vielleicht zum Herren des Sonderlings zu machen, indem er alle verrückten Gewohnheiten, wie die Geheimniskrämerei desselben begünstige, und es wahrscheinlich sehr gut zu Williams Plänen passe, den Ruf der Gefährlichkeit und des rätselhaften Schreckens mit verbreiten zu helfen, in welchem das Haus auf der Grubstreet stand. Die alte, tiefe Abneigung, der mühevoll bezwungene Hass gegen den Bruder kehrte mit doppelter Stärke in sein Herz zurück. Sonst hatte er ihm seines kavalieren Lebens, seiner Überhebung wegen übelgewollt, und nicht ganz ohne einen gewissen natürlichen, entschuldbaren Grund, jetzt feindete er ihn wegen seiner Vortrefflichkeit an, welche bei Williams ritterlichem Stande doppelt hochgeachtet wurde und Edwards gewöhnliche Denkungsart nur umso greller erscheinen ließ.
Ein neues Moment aber wirkte entscheidend. Vom Augenblick an, wo Jeany Doderidge Cravenhaus betrat, hatte sie tiefen Eindruck auf Edwards Herz gemacht, und er hatte ihr von Stunde an besondere Aufmerksamkeit gewidmet, soweit sich dies nämlich mit seiner Vorsicht und der Furcht vor dem Vater vertrug.
Mit höflichem Ernst hatte die Kleine solch verstohlene Galanterien hingenommen.
Ob sie Edwards Absichten merkte, war schwer zu entscheiden, aber sie war Weib genug, um einen Galan hinzuhalten, ohne ihn zu ermüden, denn das verstehen Evas Töchter alle. Edward zweifelte einige Zeit auch nicht im Entferntesten, Jeany werde freudig »Ja« sagen, sobald er es für gut finden möge, seine eigentliche Bewerbung anzubringen. Seines Vaters zweiter Sohn wusste sehr genau, was sein Ehering wert war, und wie hoch die Puritanerin mit seiner Liebe geehrt werde. Diese Siegesgewissheit hatte indes einen argen Stoß empfangen, nachdem William das erste Mal von Welby zurückgekommen, und sein Auftreten ein so verändertes war. Jeany Doderidge errötete jedes Mal, wenn William mit ihr sprach, und verriet ein Interesse, eine Ergebenheit zu demselben, die über das bloße Verhältnis der Dienstbarkeit hinaus ging, in welchem sie und ihre Genossinnen zum Cravenhause standen. William, so schien’s, sprach aber öfterer und in herzlicherer Weise als sonst mit ihr. Nur noch die Eifersucht der Liebe hatte gefehlt, Edwards Hass gegen den Bruder unversöhnlich zu machen, sobald er sich nur erst überzeugt glaubte, dass derselbe ihn, wie bisher überall, nun auch in seinem heiligsten Interesse, dem höchsten Glück seines Lebens bedrohe. Sich diese Überzeugung zu verschaffen, nahm er den Augenblick wahr, wo Jeany sich einmal im Comptoir allein befand, um unter den Stoffen und Garnituren das Passendste zu einer Robe für Lady Falkland auszusuchen. Vater und Bruder waren fort, die beiden Schreiber in Geschäften des Hauses ausgegangen und alles ringsum still.
»Ein Wort im Vertrauen, Jeany«, er stockte.
»Ich höre, Mstr. Edward.«
»Ihr wisst, Jeany, dass, seitdem Ihr in unserem Hause seid, ich Euch immer sehr höflich und zuvorkommend behandelt habe.«
»Ihr wart immer gütig, Mister.«
»Sehr zuvorkommend sogar, kann man sagen! Was ich Euch nur an Artigkeit erzeigen konnte, wie ich Euch nur bevorzugen und meinem Vater empfehlen konnte, ich tat’s.«
»Gottes Gnade möge dafür groß an Euch werden.«
»Ja, und keiner andren, glaubt mir, hätt’ ich’s getan, Jeany, obwohl Ihr ’ne Puritanerin seid und nichts herbrachtet, als Euer hübsches Gesicht und Eure geschickten Hände.«
»Das Gesicht, Mister Edward, kann Alter und Krankheit bald entstellen, diese Hand kann erlahmen und alles, was Ihr an mir lobt, dahinfallen, so gut wie dieses prachtvolle Gewebe und selbst Eures Vaters Reichtum. Es sind Dinge dieser Welt, die Motten und Rost fressen. Aber das reine Licht der Schrift, die rechte Lehre, ohne Schlacken und Zutat, das Herz in unserer Brust, kann weder gefälscht, noch alt werden, noch erlahmen in mir, und spottet des Glanzes und Hochmuts, auf den Ihr pocht.«
»Wohl, Jeany, richtig. Und ich bin diesem Eurem Glauben nicht etwa gram, obgleich es gefährlich ist, ihn zu hegen, und es Unehre bringt, ihn gar zu offen in unserm guten, ansehnlichen Hause zu bekennen. Aber das soll mich nicht abhalten, Jeany, und ich will über alles hinwegsehen, denn ich — ich — liebe Euch! Ich will Euch zu meiner Frau machen und werde meines Vaters Abneigung gegen Eure Sekte nach und nach überwinden. Einst sollt Ihr hier allein gebieten, Doderidge soll mein Bruder und Geschäftsteilhaber, Ihr werdet die reiche, geehrte Frau Edward Cravens sein, die mit niemand tauschen mag!«
Jeanys Gesicht glühte purpurrot. Das Zeug, was sie ausgebreitet gehalten, war ihren Fingern entglitten, und mit gesenkten Wimpern hatte sie zugehört.
Langsam erhob sie ihr Auge:
»Und wenn Ihr alles mit mir teilen wollt, was Eures Vaters ist, und so tut, als seiet Ihr schon der Herr darüber, was bleibt denn Eurem edlen Bruder, dem Erstgebornen, der nach dem Gesetz Euch voransteht?!«
Edward fuhr heftig zurück.
»Meinem Bruder? Was geht Euch mein Bruder an, und was er hat oder nicht hat? Wenn ich um Euch werbe, steht’s Euch an, nach ihm zu fragen, sich um sein Wohl zu härmen?«
»Noch bin ich nicht Eure Braut, Mister Edward! — Was soll mir nicht anstehen, nach ihm zu fragen? War er’s nicht, der allein vordem für Doderidge ein Herz gehabt, ihn geschützt in seinem Glauben, ihn aus der Not gezogen, und dem ich, was ich habe, verdanke? Er ist der Engel des Herrn gewesen, der uns aus der Traurigkeit gerissen hat! Wer seinen Bruder nicht lieben kann, Mister Edward, kann auch keinem Weibe die rechte Liebe geben, denn sein Herz ist starr und tot, und der Himmel von ihm gewendet! Das ist meine Antwort auf Euren Antrag!«
Sie raffte das Zeug hastig und tief bewegt zusammen, um sich zu entfernen.
»Das Eure Antwort?! Ihr — Ihr verwerft mich?!«
»Ich nicht, Ihr habt Euch — selbst verworfen!«
»Nein, Mädchen, verstelle Dich nicht. Er ist’s, den Du mir vorziehst, den schlanken, blauen Kavalier, den Herrn Tugendspiegel mit dem ewigen Lächeln und den verführerischen Worten, der mir alles stiehlt, alle meine Wege kreuzt und mich nicht mehr atmen lässt. Aber ich will mit ihm abrechnen, glatt und schnell, und auf Dein Gewissen allein lad’ ich alle Folgen!!« —
Außer sich stürzte er hinweg und schloss sich ins Wohngemach. Jeany stand wie vernichtet. Dann fuhr sie auf und blickte starr vor sich hin.
»Das, Herr der Gnade, das darf nimmer geschehen! Du wirst Deinen Erwählten nicht verlassen!«
Edwards tiefe Abneigung gegen William, durch eine Eifersucht verstärkt, deren blinde Wildheit nur aus dem langen Zwang erklärt werden kann, den er seinen Leidenschaften angetan, hatte nunmehr die Höhe erreicht, welche ihn zu jeder Abscheulichkeit fähig machte, sobald sie ihn nur von demjenigen befreite, in welchem er den Todfeind und glücklichen Nebenbuhler in allem sah, was er Lebensglück nannte. Das Gefühl seiner eignen körperlichen Ohnmacht, die Furcht allein, sich durch eine gewaltsame Tat selbst zu verderben, hielt ihn noch ab. Dafür gab’s aber in London Rat. —
Dass er über einem heillosen Plane von Stund’ an brüte, es auf irgendeine Art mit den Brüdern ein schlechtes Ende nehmen musste, verriet Edwards scheues, lauerndes Benehmen, dies Starren, In-sich-hinein-Flüstern, sobald er allein war, und dass er den forschenden Blick Doderidges mied. Jeany hatte diesem ihre schweren Besorgnisse mitgeteilt, war seit Edwards Gespräch mit ihr sofort gegen William höchst zurückhaltend geworden und wich ihm aus, wo es schicklicher Weise nur geschehen konnte, ohne geradezu zu beleidigen. Gern hätte Doderidge William von der Werbung Edwards wie dessen Eifersucht in Kenntnis gesetzt und ihn gewarnt. Aber ersteres unterließ er auf Jeanys flehentliche Bitten. Die Tränen, welche ihr die Scham bei dem Gedanken auspresste, William könne eine solche Eröffnung anders auffassen, in derselben vielleicht nur eine ehrgeizige Spekulation erblicken, von welcher die Puritanerin sehr weit entfernt war, ließen ihren Bruder Josuah schweigen. Sie bestand darauf, dass diese Werbung als gar nicht geschehen angesehen werde, und Doderidge gab ihren Gründen umso mehr nach, da es allerdings außer der Möglichkeit lag, der Hofschneider könne jemals seine Einwilligung zur Verbindung eines seiner Söhne mit einem armen Mädchen von so niederer Herkunft geben, deren Glaubenslehren nicht nur verfolgt wurden, sondern auch für schimpflich und gottlos galten. Sir Craven, der ehemalige Lordmayor, wäre ja aus der Gilde gestoßen, von der Liste der Aldermans gestrichen worden, hätte Hofgunst und öffentliche Achtung eingebüßt, wenn er seine Familie so erniedrigt hätte. Wo also jede Voraussetzung eines solchen Falls aufhörte, erschienen alle Befürchtungen, die man gegen William aussprechen mochte, überaus gewagt. Dass Edward dies nicht selbst einsah, und wie töricht seine Eifersucht sei, dass er ferner Williams Gefühle nicht besser kannte, bewies, wie die Leidenschaft seiner Neigung aller vernünftigen Schranken spotte, und, weil er Jeany blind liebte, ohne die Unmöglichkeit seiner Werbung zu bedenken, er umso mehr eine gleiche Leidenschaft bei seinem Bruder voraussetzte. William endlich bloß vor Edward im Allgemeinen zu warnen, ohne ihm Gründe anzugeben, war ebenso widersinnig und hieß Zwietracht säen, ohne ihre Quelle zu verstopfen.
»Sei getrost, Mädchen«, sagte Doderidge; »der, dessen Auge die Schatten der Nacht und die Rinde der Erde so gut durchdringt, wie die Herzen der Boshaften, wird auch seine Rechte recken über ihn als Schirm, ich aber will sein Wächter sein und zu ihm stehn, wie Jonathan zu David!«
Die Geschwister kamen nun gewissenhaft überein, Edward unter die strengste heimliche Kontrolle zu stellen, namentlich sollte ihn Doderidge, so oft er allein, besonders zu ungewohnter Zeit ausgehe, was jetzt öfter geschah, genau beobachten, um allen Übeln zuvorzukommen, welche derselbe etwa gegen William ins Werk zu setzen versuche.
Von dem, was um ihn vorging, hatte der blaue Kavalier keinen Begriff. Er bemerkte nicht einmal das zurückhaltende Benehmen Jeanys. Zwar sah er ein, alles Entgegenkommen nütze ihm bei Edward nichts, ja, derselbe sei misstrauischer, bitterer denn sonst, aber William hatte die Zuversicht, dass er doch einst seines Bruders Hartherzigkeit durch Mittel besiegen werde, denen kein menschlich Herz so leicht widerstand. Andre Dinge gingen ihm im Kopfe herum, und wenn auch durch dieselben sein Glauben an die Kraft der Überzeugungen, die nun sein Herz mit Frieden füllten, nicht gerade getrübt ward, sein Gemüt wurde doch von ihnen herabgestimmt.
Die Dinge der Außenwelt zogen ihn mehr als sonst, mehr als er wollte, vom Vaterhause ab. Es gibt einen Trübsinn, den die festeste Zuversicht nicht immer bemeistern kann.
Zu demselben war reichlicher und zwiefacher Anlass.
Selbst Leute, die viel weniger den Gang der Weltereignisse zu beachten pflegten, als William, sahen bereits mit höchst besorgten Blicken in die Zukunft. —
Das Regiment der toten Elisabeth war ein volkstümliches unter despotischen Formen gewesen, es hatte einem Volke gegolten, das unter ihr erst in die Reihe der großen Staaten getreten war und seinen Handel und Wandel kaum in Blüte gebracht hatte. Jakobs I. Regiment aber war ein despotisches, das sich in volkstümliche Formen hüllte, und zwar einer Generation gegenüber, die nicht bloß weit selbstbewusster, gereifter war, sondern sich auch bereits eines Reichtums, einer industriellen und merkantilischen Macht erfreute, welche nur bei einer offenen, reellen und kraftvollen Politik gedeihen konnte. Elisabeth, bei aller ihrer Schwäche, wusste genau, wie weit sie bei der Nation gehen konnte. Als gegen Ende ihres Lebens das Parlament zum ersten Male wider die Monopole einmütig aufgetreten war, hatte sie sich beeilt, der Nation auf halbem Wege entgegen zu kommen; die Monopole waren gefallen. Es kam ihr auch nie in den Sinn, zu leugnen, dass sie ihre Krone vom Volke habe, denn Erringung der Volksliebe war gerade das große Geschäft ihres Lebens gewesen, und selbst in den Herzen der finstern Puritaner, die sie doch brav gehetzt hatte, wurde ihr Andenken als das einer großen Königin geehrt. Jakob dagegen hatte das für jeden Engländer unerhörte Dogma aufgebracht, »er habe seine Krone allein von Gott, und es sei bloß guter Wille, wenn er dem Parlamente gestatte, bei gewissen Dingen mitzureden«. Das Günstlingswesen, der Druck der Monopole war zehnfach schlimmer wiedergekehrt, die Gelder des Staates waren sinnlos in Nichtigkeiten verschwendet worden. Der Handel mit Ämtern und Titeln hatte als neue unbekannte Plage begonnen.
England, das einst Spaniens Weltmacht niedergeworfen, war im Ansehen Europas unter Dänemark herabgesunken, und Jakobs klägliche Art, das königliche Amt zu verwalten, hatte dahin geführt, das demokratische Prinzip zur Blüte zu bringen. Das war der trübe Hintergrund dieser Epoche, die Quelle aller künftigen Erschütterungen. Ohnmächtiger, wie Jakob gewesen, da er Elisabeths leeren Sitz eingenommen hatte, war er im März 1625 ins Grab gesunken. Außer dem bittern Andenken an Rochesters und Bacons skandalösen Fall, und dass er Elisabeth von der Pfalz um der spanischen Heirat Willen dem Kaiser preisgegeben, einer Heirat, die dennoch nicht zustande gekommen war, hinterließ er seinem träumerischen Sohne Carl, den seine jüngst erkorene Gemahlin Henriette von Frankreich und Buckingham, sein Günstling, lenkten, eine mächtig erstarkte Opposition, erschöpfte Finanzen, königlichen Allmachtsdünkel und alle Folgen seiner unredlichen und feigen Politik. Der ewig witzelnde Hof von St. Germain machte auf ihn den verächtlichen Vers:
Tandis qu’ Elisabeth fut Roi,
l’Anglais fut d‘Espagne l’effroi,
Maintenant, devise et caquette
Regie par la Reine Jaquette.
In Deutschland indes warf Wallenstein alles vor sich nieder. Ein protestantischer Streiter um den andern erlahmte in dieser Kriegshetze, Blatt um Blatt fiel von dem Hoffnungsbaume der betrogenen Elisabeth, und jeder Vernünftige musste sich sagen, dass die Zukunft nur noch Trüberes versprach. Das war wohl Grund genug für Williams Herz, sich dem Unmut und der Trauer zu übergeben, mochte er auch noch so sehr vertrauen, dass es nicht so bleiben, der Leiter der Weltgeschicke solch allgemeines Unheil nicht ewig dauern lassen werde.
Um diese Zeit nahm Edward plötzlich wieder die Miene des Arglosen, Freundlichen an, tat gerade so, als habe er nie an Jeany gedacht, und wie wenn keinerlei Übelwollen gegen William in ihm wohne. Er hatte endlich seinen Plan gefasst, er bedurfte nur der Ausführung.
Eines Abends, der Alte schlief schon, Maggy saß noch bei William auf dessen Zimmer, denn er pflegte ihr oft vorzulesen, war’s, dass Edward in den Mantel gewickelt fortschlich, sorgsam das Haus schloss und durch Wichstreet, bei Holwell und Essexstreet vorbei eilig seinen Weg den Strand östlich bis zur Fleet nahm und durch Temple-Bar in das abgeschlossene und unheimliche Revier trat, welches zu der Zeit der alte Temple und Blackfriars bildeten. Dieser düstere, isolierte Stadtteil, längst von den Tempelrittern und dem Orden der schwarzen Büßer verlassen, war Zufluchtsort aller derjenigen geworden, die den Arm des Gesetzes zu meiden Ursache hatten. Der Abschaum der Londoner Verbrecherwelt, der Liederlichen und Herabgekommenen oder solcher, die nur noch im gewaltsamen Umstürzen aller bürgerlichen Ordnung sich emporbringen konnten, fand hier seine Heimat, und die klägliche Handhabung der damaligen Polizei bewies sich gänzlich unfähig, diese Brut aus ihren Schlupfwinkeln zu vertreiben. Unter Jakob I. zumal hatte sich hier ein förmlicher Staat im Staate gebildet, der seine eigene Obrigkeit und Organisation besaß, durch das Recht des Stärkeren in Ordnung gehalten wurde und bei allen Gelegenheiten, wo es galt der Obrigkeit zu trotzen, eine heillose Verbrüderung bildete, zu blutigem Widerstande stets bereit. Ein Regiment Soldaten hätte genügt, diese Hornisse auszutreiben, aber Soldaten kannte man zur Zeit in England nicht, und die Miliz von London bildete die einzige Sicherheit der Hauptstadt, die geringe adlige Leibgarde des Königs abgerechnet. So schlagfertig erstere auch bei jeder öffentlichen Gefahr dastand, oft genug die Empörung gedämpft und fremden Eindringlingen die Stirn geboten hatte, aber Polizeidienste zu tun verschmähte sie.
Das Gesindel blieb daher unbelästigt mitten im Herzen der Einwohnerschaft. —
Wie alles übertäubend musste der leidenschaftliche Hass in Edward nicht gären, da derselbe seine sonstige Furcht gänzlich überwunden hatte und unempfindlich für die Gefahren geworden war, denen er sich in diesen Regionen aussetzte. So tief in sein heilloses Brüten war er versenkt, dass er nicht bemerkte, wie Doderidge ihm fast auf dem Fuße folgte.
Durch verschiedene winklige Gässchen, von Baracken und Häusern eingefasst, denen man das Elend und die Verworfenheit ansah, gelangte der Sohn des Schneiders endlich zu einer Taverne, die den Namen »Der lustige Holländer« führte, und in welcher die Lustigkeit in der Tat einen Grad erreicht zu haben schien, der ziemlich an Raserei grenzte.
Edward stand still, horchte, sah sich zögernd um und trat rasch ins Haus.
Doderidge hätte notwendigerweise von ihm bemerkt werden müssen, wäre er nicht zu rechter Zeit hinter den dicken Pfeiler eines vorspringenden Torweges geschlüpft, der sich dicht, bei der Tür der Schänke befand.
Edward in dieselbe zu folgen, konnte nur seine Entdeckung und einen sicheren Untergang zur Folge haben.
Doderidge beschloss deshalb, in seinem notdürftigen Versteck zu bleiben und Edward zu erwarten, vielleicht dass bei ihm dann eine Sinnesänderung zu bewirken war, sobald er sich bei seinem bübischen Anschlage ertappt sah.
Ein Zwischenraum des Torgebälks, das ihn schützte, vergönnte ihm, die Schänke im Auge zu behalten, vor der eine trübe Laterne schwankte und ihren matten Schein auf das Schild zum lustigen Holländer und die nächste Umgebung ausgoss. In der Straße war’s öde.
Hin und wieder nur huschte eine zerlumpte Gestalt vorüber, und das Gebrüll der Zecher nebenan klang weit durch die Nacht. Länger denn eine Stunde harrte er in peinigender Ungewissheit und Sorge.
Endlich öffnete sich die Schänke, Edward und drei andere traten heraus.
»Also von morgen früh an«, sagte Edward rau. »Ihr trefft ihn, wo Ihr ihn findet!« —
»Ihr sollt mit uns zufrieden sein, Herr«, versetzte ein langer Kerl, dessen Raufdegen gegen das Pflaster klirrte. »Kommt denn und zeigt mir das Haus in Drurylane, damit man weiß, wo des Vogels Nest ist. In einer Stunde bin ich zurück, Crivor! Haltet ’n steifen Trunk bereit!«
»Sollst ihn haben, Rore, so stark als ihn Dein Stierschädel immer vertragen kann.«
Schritte klangen. Edward kam mit dem Raufbold vorüber, einem würdigen Exemplare jener Menschengattung, welche man Londoner Brüllbuben nannte, und die, den italienischen Bravis gleich, ihre Klingen dem Meistbietenden ganz unbedenklich zu verhandeln pflegten.
Die beiden andern, von denen der kurze Dicke mit rot gedunsenem Gesicht sich durch die Schürze als der würdige Inhaber der Spelunke erwies, der zweite vermöge des Stoßdegens und Schlapphuts aber das Pendant zu Edwards Begleiter bildete, sahen den Dahineilenden nach und flüsterten eine ganze Weile. Dann traten sie ins Haus zurück und schlossen die Tür. Angstschweiß stand auf Josuah Doderidges Stirn, seine schlimmsten Befürchtungen waren bestätigt. Edward hatte Mörder für den eigenen Bruder gedungen, jetzt zeigte er einem von ihnen die Gelegenheit. Zitternd verließ der Puritaner sein Versteck und eilte dem verworfenen Sohne seines Meisters nach. So schnell er indes auch lief, derselbe war ihm längst aus dem Gesichte. Der Raufer wusste unfehlbar in dem Häuser und Straßen-Labyrinthe viel besser als er Bescheid und hatte Edward einen näheren Weg geführt. Denn als Doderidge an der südlichen Ecke der Drurylane anlangte, kehrte Rore der Raufer bereits zurück und schritt der Wichstreet zu.
Doderidge fand vor Cravenhaus alles still, Edward längst daheim; er war zu spät gekommen.
Jetzt noch Einlass zu begehren, offen zu sagen, was er wusste, hätte nur eine Katastrophe in der Familie herbeigeführt, ihn nutzlos selber gefährdet, vielleicht William aber nur desto sicherer ins Verderben gebracht. Denselben ins Geheime zu warnen war das einzige, was er einstweilen tun konnte. Traurig ging er nach Haus und legte sich nieder, ohne Jeany seine Entdeckung mitzuteilen, damit diese in ihrer Angst sich morgen nicht verrate. Die ganze Nacht tat er kein Auge zu, und kaum graute der Tag, so stand er schon vor dem Cravenhause, damit William nicht dasselbe ohne sein Wissen verlasse, ehe er Zeit gewonnen, mit ihm zu sprechen.
Niemand hatte eine Ahnung des Unheils, welches bevorstand. Edward war in sich gekehrt und still, er suchte unter übereifriger Arbeit zu verbergen, was in ihm vorging. Nur wenn sein scheues Auge sich erhob und Doderidges forschenden Blick traf, lief es wie ein Schauer über ihn hin. Die Regsamkeit der vielen Menschen, das Treiben des Geschäfts, vor allem des Meisters gewöhnliche Redseligkeit, verhinderten Doderidge, eine Frage an Edward zu richten, welche ihn etwa einschüchtern konnte. Was war auch damit getan? Was geschehen sollte, geschah darum doch. Eine kurze Abwesenheit Sir Cravens benutzte indes Josuah, hinüber zu William zu schlüpfen, der sich gerade zum Ausgehen rüstete.
»Wollt Ihr weg, Sir?«
»Gewiss, Freund. ’s ist ja die Zeit, wo ich auf dem Schottenhofe meine Fechtübungen zu machen pflege. Man kann heutzutage nie wissen, wie bald man’s einmal ernstlich braucht.«
»Geht nicht aus! Bei der Gnade der Gerechten, geht nicht aus, wenn Euer Wohl Euch lieb ist!«
»Bist Du närrisch? Und dies blasse Gesicht, dieser schreckhafte Blick! Was fällt Dir denn ein?«
»Ihr gleicht einem lächelnden Kinde, das Blumen pflückt und den Molch nicht ahnt, der drunter lauert. Ich sage Euch nur eins, und möge ich fallen in die Hand des Verderbers hier und dort, wenn ich lüge, aber — hütet Euch vor Eurem Bruder, damit der Tag von Kain und Abel in diesem Hause sich nicht erneuere!«
William fuhr zurück.
»Mensch, Du siehst Gespenster am hellen Tage! Unnatürlich ist, was Du sagst! Wohl seh’ ich, dass meine größte Willfährigkeit nicht imstande ist, mir Edward zu gewinnen, aber zu einer Tat, wie — Du andeutest, ist doch sein Herz nicht fähig. Haha, Du, der Du ihn lange genug kennst, müsstest Dir doch bei kaltem Blute sagen, dass er dazu nicht einmal den Mut hat! Nenne mir die Gründe, ihn zu solchem Entschlusse zu bewegen! Was tat ich ihm je zuleide?«
»Da Ihr’s anders doch nicht glaubt, so sag’ ich denn, Edward hat sein Auge auf Jeany geworfen, hat das Wort des Unheils ausgesprochen, und — sie hat ihn abgewiesen, denn sein Herz ist dürre, wie der Feigenbaum, der verflucht ward. Da Ihr aber leider öfters freundlich zu Jeany ward, glaubte er, Ihr hättet des Mädchens Gunst, und aller Neid, alle Missgunst, die er gegen Euch seit langer Zeit wie Otternbrut in sich genährt, sind Leviathane und Drachen geworden durch seine blutdürstige Wut der Eifersucht. Gestern war er in Temple in einer Spelunke und hat —«
Die Tür ging auf. Ein Schreiber trat ein, der einen Brief brachte.
»Vergebt, Sir, dass ich störe. Ein Bote von Esquire Welby, er will Antwort.«
William erbrach das Schreiben.
»Gut, gut, ich komme.«
Er durchflog den Brief, indes der Schreiber hinausging.
»Gott sei Dank, endlich! Edward wird mit mir heute zu dem Esquire gehen!«
William wollte ins Comptoir.
Doderidge packte ihn fest am Arme.
»Ich beschwöre Euch, geht nicht fort. Ich hörte selbst, wie er die Mörder gedungen!«
William entfärbte sich.
»Also doch? Er konnte es doch?« —
Dann reichte er aufatmend Doderidge die Hand, feierliche Ruhe kehrte auf sein Gesicht zurück.
»Ich danke Dir, Freund. Sei ganz ruhig, ’s ist Gottes Fingerzeig, dass wir zu Welby gehen. Mir wird nichts geschehen, verlass Dich drauf. Schweige, warte, alles wird gut, ja vielleicht besser als vordem.«
Er schritt hinaus.
»In einer Stunde sind wir beide da«, rief er dem Boten zu und trat in die Werkstatt.
»Dein Wunsch ist erfüllt, Edward, lies diesen Brief. Esquire Welby fordert uns beide heut’ zur Arbeit. Rasch, zieh’ Dich an, in einer Stunde müssen wir dort sein.«
»Wir — beide hin?« schrie Edward auf, als, weckte ihn die Posaune des Gerichts. »Zu dem — Esquire?« — Er erhob sich schaudernd, das Schreiben entfiel seiner Hand. »Gerechter Gott im Himmel, jetzt gerade! Es — ’s ist nicht möglich!«
Des Bruders ernst forschender Blick ruhte auf ihm.
»Fürchtest Du Dich? Wie?«
Er lächelte.
»Sei ruhig, Edward, ich bin ja bei Dir. Komm, sei einmal ein Mann. Du hast’s ja selbst gewünscht und lange genug gewartet. Du findest mich auf meinem Zimmer, Doderidge mag aber dem Vater den Brief geben, wenn er kommt. Ich denke, wir werden· nicht allzu lange fort sein.«
William entfernte sich ruhig, als empfände er nicht das Mindeste.
Stier blickte Edward, mechanisch reichte er Doderidge des Esquires Bestellung, schwankend wie ein Trunkener verließ er die Werkstatt. Verzweiflung und Entsetzen rangen mit ihm. Mochten die Besorgnisse Doderidges auch wirklich noch so groß sein, die Ruhe Williams brachte endlich selbst mehr Ruhe in sein Herz, und auf Edwards Mienen war etwas wie Gewissenspein und Reue zu lesen. Es schien Doderidge wenig glaublich, dass William gerade an des Bruders Seite überfallen werden könne, zumal ihr nächster Weg sie durch die belebtesten Teile der City führte. Seine Sorge ernstlich niederkämpfend, ging der Puritaner an seine gewöhnliche Arbeit.
Welche Selbstpein Edward, während er sich auf den unerwarteten Gang vorbereitete, erlitten, das stand auf seinem fahlen Gesicht, da er zu William eintrat.
»Du hast wirklich große Furcht, man sieht es Dir an. Fasse Dich doch, der Redliche hat bei Welby nichts zu fürchten.«
»Der Redliche, o mein Schöpfer! Das eben ist es. — Ich bin gegen Dich nicht — immer redlich gewesen, Bruder, und — ich fürchte mich.«
William reichte ihm die Hand.
»Ich vergebe Dir alles gern, so bist Du also nicht mehr schuldig. Komm nur.«
Edward wollte sprechen und presste Williams Hand, aber das Wort blieb ihm zwischen den Zähnen.
Er rang nach Luft. —
»Gib mir unterwegs Deinen Arm und gehe dicht bei mir; willst Du?«
»Warum denn nicht? Wir sind wohl selten genug Arm in Arm gegangen.«
Als die Brüder auf die Straße kamen, fasste Edward William mit ängstlicher Hast unter den Arm und blickte sich scheu überall um.
»Sonderbarer ist aber niemand wie Du, Edward! Fast glaub’ ich, Du bist krank.«
»Ja, krank, — ich glaub’ es selbst.«
»Was hast Du denn, dass Du so scheu umher und hinter Dich blickst?«
»Es — es ist in London nicht immer sicher. — Man hat schon oft von Anfällen am lichten Tage gehört, und statt durch die City führst Du mich über Holbornhill und Smithsfield. Nimm Dich in Acht, ich bitte Dich!«
»Sei unbesorgt. Wen sollte es denn reizen, uns anzufallen? Lass’ uns lieber den Geist auf das wenden, was uns nun bevorsteht, denn es ist sehr wohlgetan, mit reiner Hand und reinem Herzen zur Arbeit in das Haus zu kommen, dessen Geheimnisse Deine Geduld so lange auf die Probe gesetzt haben. Zwischen uns zumal, die Gott aus einer Mutter Schoß erweckte, darf fortan keinerlei Heimlichkeit mehr sein.«
Edward atmete schwer, er rang nach Fassung.
»Du sagtest vorhin, Du seiest nicht immer redlich gegen mich gewesen, Edward, aber das Warum sagtest Du nicht. Soll ich’s?«
»Ja, schone mich nicht, ich — ich habe Deinen Hass, Deine volle Verachtung, verdient!!«
»Hassen und verachten? Und meinen Bruder? Weinen müsste ich eher, hätte ich das Mittel nicht, Deiner Seele Krankheit endlich zu heilen, denn Deine Seele ist krank, Edward!«
»Meine arme — elende Seele!« flüsterte er.
»Warum hast Du denn nie das Herz gehabt, mir zu sagen, dass Du die kleine Jeany Doderidge liebst? Sie so über alle Beschreibung liebst, Edward, dass Du Deiner Vernunft nicht mehr mächtig bist? Freilich ist sie arm und ’ne Puritanerin. Unser Vater würde außer sich drüber sein, aber weißt Du denn nicht, dass treue Liebe alle Hindernisse besiegt, hoch und niedrig, arm und reich ausgleicht? In welcher Form wir zu Gott beten, ob puritanisch oder anders, das, glaube mir, ist jenem majestätischen Allwesen gleich, wenn wir’s nur mit wahrhaftigem Herzen tun. Sieh’, auch ich liebe! Liebe unglückseliger, törichter wie Du, Freund! Das Weib meiner Anbetung ist mir fern, steht sternenweit über mir, ach, meines Herzens Wahn ist eine Königstochter, ein Weib, eine Mutter! — Sag’, ist solche Narrheit nicht weit mehr zum Lachen, als Deine Leidenschaft für Jeany? Und dennoch bin ich etwa nicht traurig oder verzweifelt, denn ich weiß, über mir wacht der Regierer der Zeit, der alle wunderbaren Fäden der Menschengeschicke spinnt. Er führt dennoch zusammen, was er einander bestimmte, er legt in uns den starken Mut und Willen, die Träume unsers Herzens wahr zu machen! So denke Du nur auch, und dass Jeany Dein sein kann, wenn Du der Mann nur bist, ehrlich und frohen Vertrauens um sie zu ringen!«
Edward, der staunend, brennenden Auges ihn angeblickt, stand still und ließ ihn los.
»Du — Du liebst Jeany also nicht? Du stellest Dich meinem Glück nicht in den Weg, bist nicht mein Gegner und mein Feind?!«
Er schlug entsetzt die Hände zusammen.
»Hätte ich Jeany je geliebt, Dir hätt’ ich’s doch gewiss zuerst gesagt. Nein, nein, mir ist so ruhiges Glück, wie sie Dir bereiten mag, nicht beschieden. Meine Bahn geht weit davon, und ich werde vielleicht im fernen Kampfestaumel enden, während Du, der Herr vom Druryhause, der reiche behäbige Alderman, neben Jeany nichts von der Zwietracht der Welt empfindest. Wir sind am Barbican. Es ist die höchste Zeit, lass’ uns eilen.«
Er bot Edward wiederum den Arm.
Mechanisch, in tiefer Niedergeschlagenheit schritt dieser neben ihm, Redcross hinab, auf Cripplegate zu.
»Ich wünschte, ich könnte sterben, William; mir wäre dann besser!«
»Kein Sterben ist aber ohne — Auferstehen! Aus dem Leben feige entfliehen wollen, ist Torheit, denn der Tod ist nur die Pforte einer — andern Welt. Hast Du noch immer Furcht?«
»Je mehr ich mich verschuldet und verdammt fühle, und an Dir, Bruder, desto schrecklicher ist mir jeder Schritt, jeder neue Atemzug, den ich tue!«
»Wir sind zur Stelle, drüben an der Ecke der Grubstreet ist Welbys Haus. Wenn die Furcht Gottes der Weisheit Anfang ist, Edward, dann ist Gewissensfurcht Anfang der — Bess’rung. Dein alter Mensch geht in dies Haus hinein, lass’ ihn — dort sterben! Neu tritt aus dieser Pforte, und neu wird Dir das Leben sein. Deine Hand, folge mir!«
Sie schritten auf das erwähnte Haus zu.
Grau und finster, ein sonderbares Ding, für ein gewöhnliches Haus zu hoch für einen Turm zu breit, ein Würfel von uraltem Gemäuer lag es da, fast einem viereckigen Kastell vergleichbar, zumal seine weite Fassade nur drei breite gotische Fenster hatte. Es mochte augenscheinlich einst zu den Befestigungen gehört haben, welche die alten britischen Könige gegen ihre Feinde im Innern des Landes, namentlich die Waliser, errichtet hatten.
William zog Edward vorwärts, und in verzweifelter Stumpfheit überließ sich derselbe willenlos allem Kommenden. Die Tür sprang auf, sie traten ein, die Pforte fiel rasselnd zu, dass alle Glieder Edwards bebten.
»Ich muss Dich hier verlassen, doch nur auf kurze Zeit. Geh’ jene Treppe da hinab, sie führt Dich zu einer Tür. Durch diese tritt ein. Du findest dort — Deine Arbeit.«
Ehe Edward ihm etwas erwidern konnte, war William durch eine Seitentür verschwunden.
Die tiefe Stille dieser düstern Hallen vermehrte nur noch den Schrecken und die Bangigkeit, welche er empfand. Hätte er fliehen können, er hätte es in diesem Augenblicke gewiss getan, aber die Haustür war zu, und nirgend sah er in dem weitläufigen, gewölbten Raume eine Möglichkeit zum Entrinnen. Bebenden Schritts folgte er der erhaltenen Weisung und stieg langsam die Treppe hinab, die ins Dunkle, Unterirdische zu führen schien, bis er endlich gegen ein Pförtchen rannte, das er nicht hatte erkennen können. —
Es sprang auf. — Einer Lampe matter Schein, der auf die angrenzenden Wände fiel, ließ ihn undeutlich erkennen, dass er sich in einem ziemlich weiten Gemach befand. Ratlos umherblickend und seiner Sinne kaum Herr mehr, blieb er stehen. — Die Flamme ward voller, heller. Er erkannte die Gestalt eines alten Mannes, die unter derselben auf mächtigem Eichenstuhle hinter dunkel verhangenem Tische saß. Zwei Sessel standen links und rechts an den Wänden.
»Setze Dich dorthin!« klang des Unbekannten Stimme, und er deutete auf den linken Sitz.
Der junge Mann gehorchte. — Ihm war es, wie wenn ein Flüstern rings sich erhöbe.
»Edward Craven, Dein jahrelanger Hass gegen William, Deinen eignen Bruder, die wilden Wünsche Deines selbstsüchtigen Herzens haben Dich dahin gebracht, gestern Nacht im Temple Mörder zu dingen, um Dich von ihm zu befreien! Was Dein Herz überwinden und Dein Hirn ausbrüten konnte, muss auch Dein Auge zu sehen imstande sein. — William soll hier vor Dir sterben! Du wirst das Totenkleid ihm nähen! Das ist die Arbeit, die Deiner wartet!«
Ein Schlag, der durch den Raum dröhnte, erstickte jeden Laut, welcher den Lippen des Verratenen entfliehen wollte.
William stand vor ihm mitten im Gemach. Es war, als sei er plötzlich aus dem leblosen Gestein der gegenüberliegenden Wand gekommen. Zu gleicher Zeit öffnete sich eine andere Tür, die beiden ihm allzu wohl bekannten Raufer Fiery und Rore traten, sich erschrocken umblickend, ein.
»Zieht Eure Waffen! Auf den Wink dessen, der Euch gestern im Temple gedungen, tut hier sogleich Euer Werk!« —
Verdutzt und an allen Gliedern bebend, wendeten die Mörder ihr fahles Antlitz zu Edward. — —
Derselbe stieß einen entsetzlichen Schrei aus. Er stürzte zu seinem Bruder und umklammerte ihn fest.
»Erbarmen! Tut ihm kein Leid, ich widerrufe meinen Auftrag! Mich, mich schafft aus dieser Welt, die ich geschändet habe, sie soll ein Ungeheuer, wie ich bin, nicht mehr tragen! O Du unerforschlicher, allmächtiger Manu, der Du gleich Gott die Frevel wunderbar entdeckst und verderbliche Gedanken in der Menschenbrust liest, richte Du mich! Tu’ mir, was ich verdiente! Nur lass mich nicht ganz ohne Hoffnung, ohne Versöhnung von hinnen gehen!«
Weinend hielten die Brüder sich umschlungen. Das Ungeheure, Unmittelbare hatte Edward niedergeworfen.
»Verzeih’ mir, William! O verzeih’, ich —«
Ohnmächtig glitt er zu Williams Füßen nieder. — —
Es war ein langer, schwerer Traum, ein tiefer Schlaf, aus dem er erwachte. Wie Blumenduft und Frühlingsodem wehte es ihn an. —
Als er das Auge aufschlug, blendete ihn Lichterglanz. Feierlich und wehmütig, sanft wie Orgelton und Engelssänge umtönte es ihn. Zweie, die still neben ihm gesessen, William und jener furchtbare Mann aus dem finstern Gemache, standen vor ihm.
»Sieh auf«, sagte der Alte, und unaussprechliche Freude durchglühte sein Gesicht, das schneeige Locken umwallten. »Die Bruderliebe hat Dich gerettet und erneut. Sei neugeboren für das Leben und fühle das Glück, ein Mensch zu sein. Dann wirst Du wert des Bruderbundes sein, der hier uns eint, wert der Arbeit, die wir hier treiben, und würdig des Lohns, den Dir der Meister einst geben wird, der Erde und Meer, den Glühwurm wie den Sternenreigen gemacht hat! Auch ich, den sie den Esquire Welby nennen, hatte einst einen Bruder, den Geldgier, Neid, Eifersucht und gemeine Triebe dahin geführt, die Hand gegen mich zu heben. Er starb, glücklich und versöhnt. In der Liebe schönen Taten hat er ausgelöscht, was er gewesen, und sein Leib ruht in dem finstren Gemache an der Stelle von allen Erdenkämpfen aus, wo Du Deine Schuld bekannt hast. Über seiner Asche sollten alle die bekennen und alle die büßen, die gleich ihm gefehlt, das war sein letzter Wille. Erhebe Dich, Wiedergeborener! Vergessen, begraben ist, was Du gewesen!«
William umarmte Edward und zog ihn empor.
In langem, schmerzvoll-seligem Weinen hing Edward an seinem Halse und wollte ihn gar nicht lassen.
»Ermanne Dich und werde fröhlich. Hier wirst Du lernen, Jeanys wert und selbst im größten Lebensschmerz beglückt zu werden«, flüsterte William.
Edward ergriff hastig des Esquire Hand und presste sie an seine Lippen.
»Auf meinen Knien möchte’ ich Euch danken, Sir!«
»Hier gibt es keine Sirs, nichts Reiches und nichts Hohes, nur Brüder. Schließ’, was Du hier erlebt und erleben wirst, als Heiligtum in Deines Herzens Tiefe. Nur Deine Taten sollen draußen beweisen, was Du geworden bist; folge mir!«
Ein hohes Portal sprang auf, eine Fülle von Licht strömte herein. Edward glaubte, er sei einer der Erlösten im Paradiese, und aller Erdenjammer falle von ihm ab. —
Die Brüder waren drei Tage später nach Cravenhaus zurückgekehrt. Das Erstaunen des Hauses, namentlich Doderidges und Jeanys, über Edwards Veränderung war ganz unbeschreiblich. Seine Hingebung, ja Unterordnung gegen William, seine Freundlichkeit und eine Art von Demut, die er sonst nicht gekannt, dazu eine heitere, männliche Ruhe und Klarheit ließen ihn fast als ein anderes Wesen erscheinen. Er zeigte plötzlich für Dinge Wärme und Teilnahme, welche er sonst übersehen hatte, namentlich für das Wohlbefinden und Glück derer, die seines Vaters Brot aßen. Kurz, Cravenhaus ward im Laufe der Zeiten unmerklich eine Stätte, wo Glück und Zufriedenheit zu wohnen begannen.
»Miss Jeany«, sagte bald nach seiner Rückkehr Edward, »habe ich Euch wehe getan, verzeiht mir wie eine Christin. Was Leidenschaft gefehlt, lasst es Demut büßen. Ihr hattet Recht. Wer den Bruder nicht einmal liebte, wie will der sonst wem Liebe einflößen! Eine gute Lehre, die ich zu Herzen nahm, Gott segne Euch dafür.«
Sie errötete tief und gab ihm die Hand. —
»Wenn Ihr mit Reue Euer Herz erfüllet, dann hat sie der Engel des Herrn auch vor des Ewigen Thron getragen. Sie wird Euch Früchte tragen, dessen seid gewiss!«
William und Edward arbeiteten noch oft zusammen in der Grubstreet, und mancher stand noch in jener dunklen Kammer auf der Stelle, wo der Bruder des Esquire Welby von allen seinen Irrtümern ausruhte.

Viertes Kapitel
Das Jahr 1630 ging zu Ende, und was hatte sich in der kurzen Spanne Zeit seit Jakobs Tode nicht in England und der übrigen Welt verändert? Man lebte in einer Epoche der Metamorphosen, und die Geschicke schritten rasch. Dem blödsinnigen Regierungsdogma des Vaters war Carl I. treu gefolgt, nur mit schärferer, mannhafterer Konsequenz. Drei Parlamente waren eröffnet und fortgeschickt worden, die Puritaner hatten in Scharen am Pranger gestanden und Nasen oder Ohren verloren. Die Presbyterianer waren durch Lauds Liturgie und die Einführung papistischer Gebräuche verletzt, Mitglieder des Parlaments waren verhaftet, ungesetzliche Steuern, Schiffs-, Tonnen- und Gewichtsgelder zwangsweise erhoben worden. Und doch stand das Parlament trotziger, mächtiger da als je, denn die Opposition war in Vorahnung ihres gewissen Sieges nur allgemeiner, offener, furchtloser geworden. Seinen Liebling Buckingham hatte Carl I. vor den beschimpfenden Anklagen des Parlaments mit all seiner Macht doch nicht retten können, denn an Villiers Namen klebte die Lächerlichkeit der missglückten Expeditionen von Cadix und Rochelle. Das Messer des Puritaners Felton allein überhob ihn der sicheren Verurteilung.
Königtum und Volkswille standen fortan im Entscheidungskampfe einander gegenüber, Verständigung war unmöglich geworden. Seit Carl seinen Liebling und Jugendgefährten durch den Mordstahl verloren, und dieses Volk über die Tat laut jubeln gekonnt, hielt er jedes Mittel der Gewalt und des Betrugs für Recht, um ein Land niederzuwerfen, dem er alles Gewissen und jegliche Treue absprach. Sicher hätte er es auch augenblicks und mit Energie getan, hätte alle Opposition im Blute der Redner erstickt, und England wäre wahrscheinlich die absoluteste Monarchie Europas geworden, aber ihm fehlten Geld und Soldaten, ein großes, schlagfertiges Heer, das seinem Augenwinke allein gehorchte. Um beides sich zu schaffen, musste er deshalb notgedrungen den langen Weg der Intrige gehen, ebenso entwürdigend wie gefährlich. Denn je schlaueren, weiteren Umweg er zu demselben nahm, um seine wahren Absichten zu verbergen, umso mehr musste er sich in Widersprüche verwickeln und von seinem Ziele entfernen. In Deutschland hatte Wallenstein die protestantischen Fürsten gänzlich gedemütigt, Tilly hingegen das dänische Hilfsheer bei Lutter am Baremberge geschlagen.
Christian von Braunschweig, der seit der Schlacht am weißen Berge Elisabeths Handschuh als ihr Paladin am Hute durch alle Schlachten getragen, war seinen vielen Wunden zu Wolfenbüttel erlegen, Ernst von Mansfeld, vor Wallenstein auf der Flucht, hatte, als er zu Schiffe von Venedig nach London wollte, zu Zara seinen Tod gefunden, Christian Wilhelm von Brandenburg, in schlesisch Friedberg überwunden, war zu Bethlen Gabor, Christian von Dänemark aber auf seine Inseln entwichen und hatte mit dem Kaiser demütig Frieden geschlossen. Alles war stumm gemacht. Habsburgs Gewalt ragte von den Alpen bis zu den Fjorden, und Imperator Ferdinand hatte im Siegerhochmut das Restitutionsedikt erlassen, das alle Kirchengüter in Deutschland der römischen Kurie zurückgab! Die Gräuel der Verwüstung, die allgemeine Verwünschung, das Klagen selbst der getreuen katholischen Stände war so groß geworden, Ferdinand fürchtete den eigenen Generalissimus selbst so sehr, dass er Wallenstein nun entließ und 18.000 Reiter abdankte. —
Schweigen des Todes herrschte auf germanischer Erde, das Volk hatte ja fast nichts mehr als seine Armut und seine Wunden. Da hob sich’s wie ein tröstliches Frühlingsatmen über die zertretene deutsche Erde!
Da bist Du, Leu’ aus Mitternacht,
Du starker Held gekommen,
Des Kaiseradlers Übermacht
Hast Du von uns genommen! —
Gustav Adolph, der Schwedenkönig, war mit 15.000 Mann zu Usedom am 24. Mai als Erlöser protestantischer Lehre ans Land gestiegen, hatte Stettin und dann ganz Pommern dem kaiserlichen General Torquato entrissen, mit Mecklenburg sich verbunden, Demmin, Kolberg, Frankfurt an der Oder genommen, Kursachsen hatte sich ihm in die Arme geworfen, und die protestantischen Fürsten hoben schüchtern ihre gebeugten Häupter wieder. —
Es war dem englischen Hofe längst kein Geheimnis mehr, dass Frankreich heimlich mit Schweden verbunden sei, Gustav Adolph aber von König Carl ein Hilfscorps erwarte, das seine Gemahlin Maria Leonore mit schwedischen Truppen vereint nach Deutschland führen sollte. Carl I. hatte ein weit lebendigeres Gefühl für die Schmach und das Unglück seiner Schwester; sein ritterlicher Stolz hatte sich längst empört gegen die feige Vorsicht seines Vaters.
Die Pfalz zurückzuerobern und Elisabeth in Heidelberg wieder residieren zu sehen, war deshalb einer seiner ersten Gedanken gewesen, als er den Purpur auf seinen Schultern fühlte. Die unglückliche Doppelsinnigkeit, das Familienlaster der Stuarts, aber die Manier, nie gerade und offen auf eine gerechte Sache loszugehen und sich ihr ungeteilt zu widmen, sondern Carls Absicht, mit dem Guten auch das Profitable, mit dem Edlen das Arglistige zu verbinden und dieselben Truppen, welche seiner Schwester helfen sollten, zugleich zur Pflanzschule eines Heeres zu machen, das, in deutschen Schlachten geschult, seinen Engländern alle Gelüste des Selfgovernements austreiben sollte, war bisher schuld gewesen, dass ihm keines von beiden zu erreichen glückte. Schon einmal in den Niederlanden hatte er heimlich werben lassen, aber das Parlament war dahinter gekommen, hatte ihm den Beutel dicht vor dem Griffe zugezogen und, um den Sturm der allgemeinen Empörung zu beschwören, den die Entdeckung seiner eigentlichen Absicht hervorgerufen, hatte er die Soldaten in Holland auseinandergehen lassen und die »Bitte um Recht« den Gemeinen gewähren müssen. Jetzt stand die Sache bei weitem günstiger. Mochte man Carl’n auch hassen und misstrauen, jedes englische Herz schlug in Begeisterung und Entzücken Gustav Adolph, dem Horte des Protestantismus, entgegen. Ihm wollte man gern das Blut seiner Söhne und sein Geld, aber ihm allein, anvertrauen. Zwar hatte Jakob die Kriegsgelder, welche zur Hilfsleistung für Elisabeth mehrmals gebilligt worden, sinnlos verschwendet, um Whitehall zu bauen und seine Günstlinge zu mästen, aber Buckingham war nun tot, Carl hatte keinen Liebling mehr, und Whitehall war ja erbaut. Als der König daher dem Parlament den Vertrag mit Gustav Adolph vorlegte, in welchem der Schwedenkönig für Englands Hilfe sich anheischig machte, den protestantischen Glauben, sei’s selbst mit seinem eigenen Blute, wieder herzustellen und Kurpfalz für Friedrich V. zurückzugewinnen, votierte man sogleich 6000 Mann nebst Ausrüstung, Geldern und Schiffen. Dass diese Macht allerdings von Marquis von Hamilton, die Reiterei aber von dem Ritter von Scott, also zweien Schotten und eifrigsten Anhängern Carls, kommandiert werden sollte, es ferner auch kein Geheimnis blieb, wie man zur Reiterei nur junge Edelleute der strengsten königlichen Partei zuließ, erregte neuen Verdacht und heftiges Murren.
Es war aber eine unzweifelhafte Prärogative der Krone, die Anführer des Heeres nach Belieben zu ernennen und die Truppen nach Gutdünken zusammenzusetzen. Auch lag auf der Hand, dass die Qualifikation zum Reiterdienste fast ausschließlich in den Reihen des Adels zu suchen sei. Die Vorbereitung zu dieser Expedition war nun in vollem Gange, das Land aber hegte jedenfalls die Hoffnung, dass Englands Söhne unter dem schwedischen Löwenbanner den alten, nationalen Waffenruhm aus Elisabeths Tagen besser erneuern würden, wie unter Buckingham vor Rochelle und Cadix. — —
Die Brüder Craven saßen eines Abends, wie sie jetzt sehr oft zu tun pflegten, in ernstem Gespräche beisammen. Der alte Sir William verherrlichte eben eine Beratung und Aldermansessen mit seiner Person, Maggy war aber auf ihrem Zimmer, wo ihr Jeany Doderidge bereitwilligst Unterricht in den ersten Elementen weiblicher Nadelfertigkeit erteilte.
»Edward, ’s ist meine Pflicht, Dich nun auf eine Veränderung vorzubereiten, die ich vordem schon selbstsüchtig und mit phantastischer Sehnsucht gewünscht, die aber gewaltsam und unbedacht zu erzwingen mich Welby abgehalten hat. Nichtsdestoweniger wird sie aber jetzt dennoch eintreten, und zwar mit seinem Willen.«
»Welche Veränderung? Lass mich nicht fürchten, dass ich das Richtige ahne!«
»Vermutlich. — Ich muss weg von England!«
»Und in den deutschen Krieg? Ist Dein alter Traum wieder erwacht, für Elisabeths Sache zu streiten? Wie, hoffst Du, selbst wenn Dir der Esquire seine mächtige Hilfe leiht, des Vaters Widerstand, seinen tiefen Gram und seinen festen Entschluss zu besiegen, dass wir nach ihm einst friedlich beieinanderbleiben und das Geschäft gemeinschaftlich weiterführen sollen? Sind wir darum denn endlich einig und einander so lieb geworden, mein Gott, um — vielleicht für immer — getrennt zu werden?!«
»Wie jedes Geschöpf in sich seinen Zweck, sein Naturgesetz hat, so auch der einzelne Mensch. Dahin drängt’s ihn, er muss ihn erfüllen! Dass er es aber nicht nach seinem eigenen leidenschaftlichen Sinne bloß und verkehrt tue, sondern im Dienste göttlichen Willens, dazu braucht’s schwerer, tränenvoller Prüfungen und Irrtümer, oder eines starken, liebevollen Leiters, dessen Auge weit in die wirren Getriebe des Daseins schaut. Wo Der zu finden ist für mich und Dich, — wir wissen’s! Wäre ich vor Jahren so wild, wie ich wollte, hinausgerannt, ich läge jetzt nutzlos geopfert unter all den Tausenden auf deutscher Flur und hätte nicht einmal — Deine Tränen!«
»Mahne mich nicht dran, William!«
»Nein, Dich an Deinen Irrtum nicht, mich an den meinen mahnen will ich, zu der Betrachtung Anlass geben nur, wie gefahrvoll es ist, dunklen, allmächtigen Seelen trieben rücksichtslos zu folgen, und wie das Beste selbst heillos enden muss, wenn’s übereilt geschieht. Als ich das erste Mal zu jenem wunderbaren Manne ging, von dessen Weisheit, hoher Güte und Gewalt Du so vielfache Beweise an Dir wie anderen erlebtest, er mich nötigte, mein ganzes Herz vor ihm mit all seinen törichten Hoffnungen auszuschütten, erwiderte er mir: ›Wenn das Geschick Dich wirklich ausersehen hat, Elisabeths letzter Hort und Retter zu werden, wenn zwischen Euch, wie Du sagst, das Verhängnis einen Bund der Seele stiften wollte, dann warte auch, bis das Geschick Dich dazu ruft! Es wird das, ist Deine Behauptung wahr, dann gewiss zur rechten Stunde, in rechter Weise, unterm Beifalle aller, die Dich lieben, und zum wahren Besten Elisabeths selbst tun. Du brauchst dann sicher nicht gegen Deines Vaters Willen und in leidenschaftlicher Hast wie ein Abenteurer dem Heimatlande zu entfliehen. Benutze inzwischen die Frist, Dich dazu ganz geschickt zu machen, Dein Herz von Leidenschaften und einer eitlen Liebesraserei zu reinigen, die Dir schlecht ansteht und nur eine Beleidigung des Unglücks dieser hohen, beklagenswerten Frau und Mutter sein würde.‹ — Ich lernte des Lebens wahren Sinn und die Fügungen der ewigen Vorsicht ringsum verstehen, Edward. Sieh, alle Helden des Protestantismus fielen, Mansfeld, Braunschweig; der Dänenkönig floh. Warum denn? Weil sie mehr für sich als um Elisabeth und die Glaubenssache stritten. Alles musste erst öde, die Rat- und Trostlose ganz verlassen, der Kaiser im Übermute ganz verblendet sein und Wallenstein, seinen rechten Arm, von sich getrennt haben, damit Gustav Adolph, der Befreier, erstehen, seine Siegesbahn beschreiten konnte. — Jetzt kommt die Zeit, Deiner Jugend Heldentraum zu reifen, sagte letzthin der Esquire.«
»Er selber schickt Dich hinüber? — Aber wie? — Unter dem gemeinen Fußvolk wirst Du, ein Ritter, doch nicht dienen wollen? Scotts Reiterscharen indes sind so gut wie vollzählig, der ganze junge Adel drängte sich ja dazu. Glaubst Du, da habe es noch Raum für den Sohn — des —?«
Edward brach ab.
»Des Hofschneiders, für den bürgerlichen Edelmann, willst Du fragen! — Sehr wahr. Auch ich habe es mir, habe es dem Esquire gesagt. Er lächelte und meinte, ich solle auch darüber mich beruhigen und nur mein Haus bestellen. Das will ich heut bei Dir!«
»Dein Haus bestellen?«
»Mein und Dein Haus, das Haus unseres Vaters. — Ein Kriegsmann zu sein ist mein Los, das Deine ein friedlicher Bürger. Lasse uns dem genügen und einander brüderlich dazu helfen. Du musst, bin ich fern, mich bei dem Vater ganz ersetzen. Je mehr seine Eitelkeit mich zu seinem Lieblingskinde gemacht hat, desto mehr musst Du es jetzt werden, wir beide wollen in Brüderlichkeit das zu erreichen suchen, was unsere blinden Leidenschaften vordem nie vermochten.«
»Nein«, rief Edward heftig und schmerzvoll. »Glaube nicht, dass ich das will, es noch wollen kann! Seit jenem schrecklichen und doch so schönen Tage, da ich zerschlagen zu Deinen Füßen lag, ist’s unmöglich geworden! Mit Dir im Leben zusammenzustehen, Dich nie mehr zu entbehren, ist mir Bedürfnis, Trost, ist der Inhalt aller Pläne von Glück geworden, die ich nach jener Stunde zu hegen noch berechtigt war. Und dies sollte zerstört, sollte nicht wahr sein?!«
»Es ist wahr und wird nicht zerstört! Wir werden zusammenstehen im Leben! Bezweifelst Du denn das? — Dir bleibt hier eine ebenso ernste, schwere, — ja lächle nur, eine ebenso ritterliche Arbeit, wie dort meiner wartet.«
»Ich verstehe Dich nicht, William? Was kann ich hier tun, als mich in der Gewohnheit des Daseins bewegen, die mir Pflicht ist, meinen Trost, den Leitstern meiner Zukunft aber allein unter denen finden, die in der Grubstreet mit mir — das lichte Gewand der Väter tragen?« —
»Deine Arbeit hier wird doch noch eine andere sein. — Es zittert ein Geist des Zorns und des Unheils durch England, den keine Macht der Welt beschwören kann. Der eine Mann, welcher das vermöchte, König Carl, wird in seiner stolzen Verblendung nur alles Elend beschleunigen. Dunkle Tage werden über das Land kommen, wenn ich fern bin, und Du wirst, wie der Steuermann im Sturme, dem Hause Deines Vaters, der Arche unseres Glückes; durch die Brandung helfen müssen, wenn’s nicht zerschellen soll. Du wirst der einzige dann sein, auf den viel tausend Augen sehen werden, und zu dem meine bange Hoffnung aus der Ferne vielleicht als auf den einzigen Helfer blickt! Denke an meine Worte!«
»Glaubst Du denn, das Parlament werde sich noch aufrührerischer gegen den König erheben, ein Bürgerkrieg entbrennen, wie in den Tagen der Rosen?«
»Er wird, und — schlimmer als in jener Zeit! Habe offene Augen für alles und folge meinem Rate. Er wird Dich nicht bloß zum höchsten Glücke führen, sondern Du wirst auch das edelste Werkzeug Gottes sein.«
»Was aber soll ich tun?«
»Tritt Du beim Vater ganz in meine Stelle. Lass Doderidge fortan Deinen Platz einnehmen und schließe ihn fest an Dich, als wäre er ein Stück von mir. Er ist es wert. Sieh jetzt doch nur diese seine verachtete Sekte an, wie hoch sie das Haupt erhebt, wie reißend sie wächst, je wilder man sie auch bedrängt? Liegt in des sanften Josuah Augen selbst nicht nun ein Etwas von starkem Bewusstsein des nahen Sieges seiner Sache? Es kann kommen, Edward, dass er es sogar ist, der Dich und unser Vaterhaus einst deckt und schützt mit seinem Ansehen, wenn alles, was dem Thron ergeben im Lande war, so gehetzt wird, wie man die Puritaner bisher hetzte. Die Vorsehung liebt gar oft, die Verhältnisse umzukehren, um den eitlen Menschen zu zeigen, dass sie doch alle vor ihr gleich sind. Wenn Du dann Jeanys Gatte bist, fest stehst, wo andere fallen, wirst Du dann nicht der Retter so manches werden können, vor Dem Du Dich nun bückst, und dessen Leib Du mit verschwenderischem Flitter sonst überludest? Wie klein, wie närrisch, wie verachtet wird dann Dein Bruder, der gute ›blaue Kavalier‹, erscheinen, indes Dein großes Herz, Deinen wohltätigen Einfluss viele segnen werden, die dem Verderben schon fast verfallen waren.«
Edward sprang auf und ging hastig umher, seine Lippen zitterten, sein Auge leuchtete.
»Ich — ich fasse jetzt, was Du meinst! Sprich, glaubt das Welby auch von mir?«
»Wärst Du sonst je über seine Schwelle gekommen, wenn er nicht wusste, was Du — arbeiten sollst?«
»Bei der ewigen Liebe, ich werde tun, was Ihr von mir hofft! Ich schwör’s Dir bei jener unvergesslichen Stunde, die mich also verwandelte! Aber wie soll meines Vaters Widerwillen gegen das Puritanertum weichen, wann der stolze Alderman, der reiche — Hofschneider je dahin kommen, Jeanys Hand in die meine zu legen?!«
»Wann? — Wenn es — keine Hofschneider mehr geben wird, sobald er alles wanken und brechen sieht! Unser Vater ist ein Ehrenmann, aber er hat seine Schwächen wie ein Mensch, der nie über seinen Beruf hinauskam. Sein Haus ist ihm die Welt, sein Ansehen unter den Leuten der einzige Erholungsgedanke nach rastloser Geschäftigkeit. Er beugt sich allen Verhältnissen wie ein Rohr, nur damit er nie entwurzelt werde. So wird er von selber dazu kommen, Dir Jeany anzutragen.«
»Aber sie, sie! Wird sie je mein Weib sein wollen? Wird sie mich — lieben können?«
»Dies einzige Rätsel, was ungelöst vor uns liegt, — ehe ich gehe, werd’ ich’s lösen, verlass’ Dich darauf!«
»Du wolltest ihr sagen, dass —«
Edward umarmte glühenden Gesichts den Bruder.
»Was Du wert bist! Wir sehen uns gegenseitig auf unserer Seelen Grund wie in ein kristallenes Wasser das unser Abbild zurückstrahlt! So wollen wir’s stets halten im Leben.« — — —— — — —
Was es auch immer mit dem seltsamen Treiben in Welbys Hause für Bewandtnis haben mochte, wie weit die Verzweigungen jener Männerschar auch reichten, die sich dort einte, wie hoch oder niedrig man schließlich ihre Weisheit in vergangenen und künftigen Dingen auch anschlagen möchte, soviel stand sicher fest, dass die Gärung beider einander widerstreitender Parteien im Lande zu groß und die ganze Nation durchdringend war, als dass nicht schon damals einsichtige Männer voraussehen mussten, dass der Streit nur noch mit blanker Waffe entschieden werden könne. Wer in demselben schließlich Sieger blieb, lag freilich allen irdischen Berechnungen fern, dass des Königs Macht seinem zürnenden Volke gegenüber aber eine höchst beschränkte war, dass seine und seiner Ratgeber törichte Gewaltmaßregeln immer größere Scharen seiner Getreuen in die Reihen der Gegner führten, dennoch aber nicht imstande waren, ihm die Mittel zu schaffen, sich vom Parlament dauernd unabhängig zu machen, dass Englands Volk schließlich, seit Alters zu stolz und eifersüchtig auf seine Rechte und Gesetze, deren Kränkung noch lange und in der ausgesuchten Art ertragen könne, mit welcher Jakob I. und Carl alles Herkömmliche vor den Kopf stießen, das waren Tatsachen, die es schon jetzt mehr als glaublich machten, dass der verblendete Herrscher endlich doch den Kürzeren ziehen müsse, wenn ihm das Ausland nicht etwa Beistand leiste. Dies anzunehmen war indes ziemlich widersinnig. Spanien und Frankreich waren Englands erklärte Feinde, Letzteres hatte überdem genug mit den Hugenotten und dem eigenen, empörten Feudaladel tun. Deutschland war ohnmächtig, die nordischen Königreiche teils zu schwach, teils ebenso wenig wie Holland geneigt, einem Könige gegen sein Volk beizuspringen, der eine katholische Frau hatte, welche ihn regierte, und der auf den Protestantismus seines Landes bereits die bedenklichsten Angriffe gemacht hatte. Die Misslichkeit von Carls Stellung war keinem Menschen im Lande mehr verborgen; außer ihm allein und dem engen Kreise derer, die ihn auf diese abschüssige Bahn leiteten.
Im Februar 1631, wo die Hilfstruppen für Deutschland vollzählig geworden, ihre Ausrüstung beendet war, und sie sich in Londons Nähe nunmehr zum Abmarsch sammelten, befanden sich mehrere Herren, vom höchsten Adel in Whitehall um die Person des Monarchen vereint. Nicht in jenem düsteren, gotischen Südbau mit seinen verworrenen Gängen und engen Zimmern und in der melancholischen, alten Halle residierte Carl, sondern in den weiten und lichten Sälen des Banketthauses, welches Inigo Jones geschaffen, dessen Plafond ein Rubens, dessen Wände Van Dyks Meisterhand verschwenderisch geschmückt hatte. Das Vorzimmer des königlichen Gemachs hütete endlich nicht mehr Jakobs alter Türsteher Trehearne mit seiner steifernsten Würde. Er war mit seinen Ersparnissen hinüber nach Holland gegangen, seine Dienste und altenglische Treue der Kurfürstin Elisabeth darzubringen. Die goldene Amtskolbe trägt nun der Riese Evans, Jeffrey Hudson und der bucklige Archias, die beiden Hofzwerge und Possenreißer, aber treiben mit ihm ihre lustigen Neckereien.
Wie damals harrte Sir William, der Hofschneider, mit seinem ältesten Sohne, dem blauen Kavalier, wiederum der Audienz, zu der man beide plötzlich befohlen, und der Ritter trägt das blaue Atlaswams, was lange Jahre in der Truhe gelegen. Seit Rochesters Fall war zwar der Alte oft genug, aber der Ritter nicht mehr in Whitehall erschienen. Diese Säle mit ihrem marmornen Säulenwerk waren William deshalb fremd, und er sollte das erste Mal wieder vor Carl treten seit dem Augenblicke, wo dessen gebietendes »Halt« drüben in der Halle des Seitenflügels seinen Strauß mit Rochester beendet hatte. All den Glanz rings hätte William gar gern für jenen düsteren Raum und das Bild der einzigen hingegeben, das damals auf ihn niedersah. Was sollte er hier? Was mochte die Majestät Englands von ihm wollen? Um Carl I. befanden sich Erzbischof Laud, Le Roy, der Kronanwalt, Sir Thomas Wentworth, sonst Redner der Opposition im Parlament, nunmehr Graf Straffort und des Monarchen Stütze, endlich Marquis von Hamilton und der Ritter Scott.
Unter seinen Räten und Ministern, die in den leuchtendsten Gewändern prunkten, saß König Carl wie der Geist der Melancholie. Er trug ein schwarzes Sammetkleid ohne Stickerei und Schmuck, nur der Stern des Hosenbandes glänzte an breiter Kette auf seiner Brust. Hatte er doch seit Buckinghams Tode geschworen, nie mehr das Trauerkleid abzulegen, und sein schwermütiges, träumerisches Antlitz, die Fülle dunkelbraunen Haares und die lange Liebeslocke, welche von der Stirn in leichten Ringen die Schläfe herabrollte und auf der Halskrause spielte, vollendeten jenes Bild trauernder Hoheit, das Van Dyk uns verewigt hat. Der unbeugsame Stolz aber, sobald er sprach, dies kurze, versteckte Lächeln und das verächtliche Emporziehen der Oberlippe verrieten alle die unseligen Eigenschaften, denen er dies schwarze Kleid verdankte.
Straffort gab ihm mit tiefer Verbeugung eben ein Schreiben zurück, das derselbe gelesen hatte.
»Welche Bedenken Ritter Scott auch äußerte, ich finde, dass die Gründe des Esquire von Welby höchst treffend und politisch sind. Der Antrag ist nicht von der Hand zu weisen.«
»Eine Huldigung ist’s nur, die man diesem meuterischen, religionslosen Pöbelgeiste bringt, Graf!«
Laud warf den Kopf zurück.
»Wenn je der Tanz losgeht, und er wird losgehen, Bischof, dann wird man den Pöbelgeist aber brauchen, falls Ihr nicht mit Euren ehrwürdigen Amtsbrüdern gesonnen seid, die Lücken der königstreuen Streiter zu ergänzen!« sagte Hamilton spöttisch. »Die Craven haben großen Einfluss in der City, sie sind Sr. Majestät unbedingt ergeben. Einen von ihnen so auszeichnen, ist, wie Welby sehr richtig argumentiert, ein Weg, sehr viele Freunde in der Hauptstadt, eine Partei in der reichen City für sich zu gewinnen, ganz abgesehen von der großen Anerbietung, die der Esquire für Gewährung seines Wunsches macht.«
»Zehntausend Pfund sind eine schöne Sache«, lächelte Le Roy, »dafür ließen sich Scotts Standesbedenken und die Missstimmung der adeligen Ritter in den Kauf nehmen. Aber wenn der Esquire wirklich von so wunderbarem Reichtum ist, was opfert er nicht, ein kinderloser Mann, sein vieles Geld dem gemeinen Besten, da der Majestät damit möglicherweise für alle Zeiten geholfen wäre? Ist doch mancherlei in dem Leben dieses Mannes verdächtig genug und mit der Staatsordnung, dem Gesetze unvereinbar. Grund genug, ihm mit irgendeiner Gesetzesklausel zur Ader zu lassen, sobald –«
»Wenn Ihr diesen schönen Plan Eures Finanzhirns wirklich ins Werk setzen wollt«, dabei färbte sich Hamiltons Antlitz zornesrot, »so unternehmt Ihr eine ebenso gefährliche Sache, als rührtet Ihr glühend Eisen an, und würdet Sr. Majestät den schlimmsten Dienst Eures Lebens tun! Die erste Folge wäre, Herr, dass Hamilton auf die Ehre verzichten würde, Sr. Majestät Truppen nach Deutschland oder überhaupt wohin zu führen!!«
Der Herzog verbeugte sich.
»Nein, nein, Le Roy!« rief Carl, »wir werden nimmermehr dulden, dass Ihr die Finger an einen Mann von erprobter Treue und so allgemeinem Ansehen wie den Esquire Welby legt. Lasst ihn zufrieden. Mache er, was er immer wolle. Wir wissen, in seinem Herzen steht ein besser Gesetz, als Ihr ihm beibringen werdet. Wir vertrauen nicht nur Hamiltons Empfehlung, sondern legen auf die besonderen Wünsche des Herzogs Richmond für diesen jungen Mann noch ganz besonderes Gewicht!«
»Wo Richmond und Hamilton sich verbürgen schweigen weitere Bedenken«, erwiderte Straffort, »und Ihr möget ruhig sein, Sir Scott, Geist und Disziplin Eurer Gentlemen wird um einen Bürgersohn noch nicht Schiffbruch leiden. Ich denke, die Sache, für die sie kämpfen, hält ihre Treue genug wach. Bei der Bevölkerung wird’s aber ’nen guten Eindruck machen, wird die Volkstümlichkeit Sr. Majestät erhöhen, und das ist wohl in einer Zeit zu achten, wo unsere Pläne gegen die Widerspenstigen reifen sollen. Wir müssen durch, und werden’s! Jedes Mittel hierzu muss uns willkommen sein!«
»Ganz Unsere Meinung, Graf. Es soll so sein! Lasst Vater und Sohn kommen!«
»Eine Frage noch, Majestät«, warf Scott ein. »Kann William Craven wohl die Qualitäten haben, als ein Kriegsmann in den Reihen derer zu gelten, die seit Kindesbeinen mit Schwert und Ross Bescheid wissen?«
»Damit weiß er Bescheid!« rief Hamilton.
»Wenn er den adligen Geist nur hat, das Kriegswerk lässt sich lernen«, lächelte Carl. »Wir erinnern Uns seiner sehr wohl, seit Rochesters Fall trauen Wir ihm sehr Gutes zu.«
»Und was bestimmen Ew. Majestät wegen Zulässigkeit Sir Harry Vaughams und des Grafen Essex?«
»Schreibt beide in die Liste. Man ist Essex wegen seines häuslichen Unglücks durch Rochester eine Art Vergeltung schuldig, und wenn Vaughams Vater auch als ein Feind Unseres Vaters in der Verbannung starb, sein Sohn soll uns willkommen sein. Bringt beide Craven vor Uns!«
Hamilton öffnete die Tür des Vorsaales und winkte. Der Hofschneider und sein Sohn traten ein und blieben in tiefer Verbeugung stehen.
Des Königs Auge funkelte, als er Williams schlanke Gestalt in seinem zierlichen Wams sah. Fragend blickte er auf seine Umgebung und nickte.
»Sir William, Ihr seid doch jener Craven, den Unsers Vaters Majestät zum Ritter schlug und den blauen Kavalier nannte, weil Ihr Rochesters Verbrechen entdecktet?«
»Derselbe, Majestät«, erwiderte William. »Das Wams, das ich zum Gedächtnis daran trage, ist dasselbe, das für die selige Majestät damals gefertigt und von Lord Rochester zerfetzt wurde.«
»Wir erinnern Uns, und dass Euch Unser lieber, armer Buckingham ein sehr dankbares Gedächtnis bewahrte. Was, habt Ihr ihn nie an Euer Verdienst erinnert, warum Euch Uns nie wieder vorstellen lassen?«
»Weil ich glaubte, es zieme einem Untertan nur dann, sich seinem Könige bemerkbar zu machen, wenn seine Dienste ersprießlich sind. Ich habe nicht vergessen, Majestät, dass ich der Sohn eines Bürgers bin, den königliche Gnade wohl ritterlich machen, der aber dem Boden sich nicht entfremden kann, dem er entspross, ohne sich lächerlich zu machen.«
»Wohl gesprochen und bescheiden dazu. Uns dünkt aber, Ihr hättet zu Eurer eigenen Rittermäßigkeit allzu schlechtes Vertrauen?«
»Zu der meinen nicht, nur dazu, dass man sie anerkenne! Man kann ritterlich — fühlen und doch Sohn eines Schneiders sein.«
»Wenn Ihr so fühlt, sprecht aus, was Euch im Herzen zum Ritter macht, und wie Ihr es betätigen wollt, wenn man Euch ein ritterlich Werk zu tun gebe?«
William trat vor, sank auf das Knie und presste die Rechte auf seine Brust.
»Für seines Fürsten Ehre streiten, die Wahrheit ohne Scheu bekennen, die Unschuld schützen, den Falschen strafen und in der Liebe Gottes sterben! —«
»Ein edles und hohes Wort, Herr Ritter!« Carl reichte ihm die Hand. »Wir werden’s nicht vergessen und sind gewärtig, dass Ihr es haltet! In einer Zeit, wo rings die Treue wankt, Verrat und Ungehorsam gar so gewöhnlich sind, steigt hoher Sinn bei Uns im Preise und löscht die Niedrigkeit der Geburt aus. Steht auf. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass Ihr Mut habt und ein guter Sohn seid, auch sagt man, Ihr wäret im Waffenwerke geschickt. Dieser Eurer Gaben und Gesinnungen wegen, und um Euch zu unserem Streiter zu erziehen, befehlen Wir, dass Ihr Euch den adligen Reitern zugesellt, die unter dem Ritter Scott im Hilfscorps des Marquis von Hamilton bestimmt sind, in Deutschland für die protestantische Lehre und die gekränkten Rechte Unsers kurfürstlichen Schwagers Friedrich und Unserer königlichen Schwester zu streiten als ein echter blauer Kavalier, dessen Kleid des Himmels Farbe trägt, die Farbe der tiefen Treue, welche Euch im Herzen wohnt! Wir ernennen Euch, — seid Zeugen, Mylords, zum Lieutenant der ersten Schwadron Unsers berittenen Adels, damit Ihr allen voran an den Feind geht und beweist, wie Wir in Euch unser Bürgertum, unsere Hauptstadt und den treuen Sinn derer ehren und über allen Adel der Geburt stellen wollen, welche sich unserem Dienste mit solchen Gesinnungen wie Ihr geweiht haben!! Ihr, Sir William«, der König legte huldvoll seine Hand auf des erschrockenen Hofschneiders Achsel, »werdet gewiss als Unser alter Freund nichts dagegen einzuwenden haben. Das Glück ist mit dem Mutigen. Wenn Ihr aus Deutschland wiederkommt, mon chevalier d’azur« er reichte William die Hand zum Kuss und lächelte zweideutig, »werdet Ihr hier noch genug Ritterliches zu tun finden! Dort steht Sir Scott, Euer Obrist, er wird Euch weitere Befehle geben. Auf Wiedersehen zu Hounslow bei der Musterung!«
Mit huldreicher Handbewegung entließ er Vater und Sohn, welche Scott ins Vorzimmer begleitete, um William dort seine Instruktion in einem Tone zu geben, der deutlich verriet, dass er sich mit dieser übermäßigen Auszeichnung nicht sehr einverstanden fühle.
Die Stimmung des Hofschneiders, als er mit seinem Ältesten zurück zur City ging, war keine sehr rosenfarbene. Dass er sich von der Ehre seines Sohnes aufs Höchste geschmeichelt fühlte, und die Ehrfurcht vor dem Könige jede Einrede verbot, war zwar gewiss, aber mit dieser hohen Ehre brach auch das Gebäude seiner Pläne zusammen, das er zur Wohlfahrt seines Hauses so mühsam aufgerichtet hatte. Er liebte William viel zu sehr, um nicht mit Schreck und Schmerz daran zu denken, dass er seinen Liebling und Erstgebornen verlieren sollte.
»William, William, das ist ein harter Schlag für mich, den alle Ehre nicht heilen mag. Nicht mehr meines Alters Stütze, meine Freude wirst Du sein! Wirst nicht, wenn ich in die Grube fahre; mit Edward unser schönes Geschäft, unser Haus weiter in Flor bringen, sondern Deine gesunden Glieder in den wüsten Krieg wagen, auf fremde Erde! Ist Deine Träumerei denn doch wahr geworden?! — Nun, nun, ich will nicht fragen, ob Du etwa selber hinter dem allen steckst! Kann’s kaum annehmen. Aber dass dabei der Alte in der Grubstreet seine Hand hatte, drauf möcht ich tausend Ellen Sammet setzen! — Des Königs Wille ist freilich Gesetz, dass ich aber keine Freude mehr haben werde, weiß ich, all meine Hoffnung ist ja in Scherben gegangen!« —
»Sprecht doch so kleinmütig nicht, lieber Vater. Ihr seid stets ein kluger, einsichtiger Mann gewesen und werdet die Sache, sobald der erste Schreck vorüber ist, besser ansehen. Dass ich von Jugend aus nicht zu unserm Gewerbe passte, —«
»Du nahmst gut genug Maß, und Lords wie Ladys hatten Dich gern! —«
»Aber Ihr sagtet doch selbst, es vertrüge sich mit meinem Stande nicht mehr, und ließt mich dem Waffenwerk und den Büchern nachhängen? Sollte das ewig denn so bleiben? Ziemt’s einem Manne meines Alters denn, ewig den vornehmen Faulenzer zu spielen, der von Eurem Schweiße lebt? Gelingt mir’s in Deutschland, Ruhm zu erwerben, kann ich mich wackrer Taten rühmen, steig’ ich in Glück und Rang und komme wieder, wird dann Cravens Sohn nicht ein anderer Mann sein an seines Königs Seite, als wenn er hier als Müßiggänger gesessen hätte? Wie trübe die Zeiten sind, fühlt Ihr selbst. Der alte Glanz weicht, die alte Pracht; — klagt Ihr doch selbst, dass niemand mehr ein gesticktes Kleid tragen wolle. Noch schlimmere Zeiten werden kommen. Ein Sturm naht dem Lande, graue Wämser und Puritanerkragen werden im Preise steigen. Ein Mann wie Doderidge wird Euch und Edward dann unbezahlbar sein, während man über Euren adligen Sohn spotten, ihn hassen, ja Euch vielleicht seinetwegen verfolgen dürstet.«
»Ja, ja, sie reden allerlei Drohendes im Volke, und der arme König scheint wenig Freude mehr zu haben. Denkst Du, es könnte doch so schlimm kommen, das Parlament wirklich die Oberhand behalten?«
»Ich fürchte es. Seid drum auf unser Haus bedacht. Doderidge ist ein Kleinod in solcher Zeit, beachtet das wohl. Ich aber werde dann sicher sein, und wird der Himmel wieder klar, kann ich nicht desto besser dann der Halt unsrer Familie sein?«
Der Alte sann lange düster nach, dann lächelte er.
»Versteh’ Dich jetzt, bist doch eigentlich ein kaufmännischer Kopf! — Hast recht, so winden wir uns durch die schlimme Zeit! ’s ist wirklich ’ne bessere Compagnieschaft, wie Du sie vorhast, als ich gedacht habe. Will’s überlegen, — will drauf denken! Wirst Du, falls Gott Dich hoch erheben sollte, aber auch nicht vergessen, dass Du im alten Cravenhause geboren bist?«
»Gott bewahre mich vor solchem Hochmut!«
»O, wenn’s so gut ausginge, wie Du es hoffst! Aber der Krieg, der wüste Krieg! Ich zittere, wenn ich Dich in ihm weiß.«
»Der Krieg, in den ich geh’, wird weniger schlimm sein, als jener, den ich über dies Land kommen sehe, Puritaner gegen Hochkirchenmänner, Volk gegen König!«
»Wahr, nur zu wahr! Gott verzeih mir, aber wenn’s dahin kommt, gilt’s still zu liegen, wie ein Dachs im Loche!«
»Dürfte ich’s aber, ich, den König Jakob zum Ritter schlug? Im Bürgerkriege muss jeder seine Partei nehmen, furchtlos wie ein Mann. Der, welcher keiner Sache dann anhängen mag, wird das sicherste Opfer des Kampfes werden.«
»Du würdest zum König halten?«
»Wenn ich hierbliebe, müsst’ ich’s. Mit welchen Schmerzen, das ist nur Gott bekannt! Aber ich werde dann ferne sein. Ihr seht, das ist noch das Beste für mich und Euch. Unser Haus aber muss dem Volke anhängen, dem’s angehört, seinen gekränkten Freiheiten und Rechten. Das, Vater, ist nicht bloß klug oder, wie Du sagst — kaufmännisch — es ist redlich gehandelt! Den Redlichen ehrt aber Freund wie Feind!« —
Welche Art von Gesinnung der Hofschneider nun auch hegen mochte, angenommen, dass er überhaupt eine hatte, er nahm sich die Andeutungen seines Ältesten fortan sehr zu Herzen. Da Williams Jugendschwärmerei für Elisabeth von der Pfalz sich so wider des Alten Willen durch einen königlichen Befehl verwirklichte, war es Letzterem wirklich ganz unzweifelhaft, dass sein Sohn, sobald ein offener Kampf der Parteien in England entbrenne, sicher auf Seite des Königs stehen werde. Dieser Kampf war augenscheinlich nahe genug, und so schwer Sir Craven auch der Abschied von William wurde, war es ihm doch insofern also lieb, ihn außer Landes zu wissen. Das bisherige Glück des Schwedenkönigs erfüllte schließlich alle Engländer mit Begeisterung und gewöhnte den Hofschneider an den Gedanken: sein Sohn werde einst wohlbehalten und reich an Ehren zurückkehren, wenn der bürgerliche Streit in England längst entschieden sei.
Die Nachricht, der König habe William Ritter von Craven zum Lieutenant bei Scotts adligen Reitern ernannt, machte in der City großartiges Aufsehen. Es war eine zu außergewöhnliche, der Bürgerschaft selbst viel zu schmeichelhafte Gnade, um nicht Guildhall, Mansionhaus und die Gewandschneiderzunft mit gerechtem Stolze zu erfüllen. Dazu war die Expedition selbst so überaus volkstümlich, dass angesichts derselben für einen Augenblick der große Streit verstummte, in welchem Land und Krone begriffen war. In Cravenhaus selbst aber herrschte eine sehr natürliche Trauer.
Am Tage nach der Audienz nahm William Gelegenheit, mit Doderidges Schwester zu sprechen.
»Miss Jeany«, und er ergriff ihre Hand, »bald werden mich das Meer und weite Länderstriche von der Heimat trennen. Ich würde viel getrösteteren Herzens scheiden, wäre ich um — eine Sorge leichter, die niemand außer Euch zu heben vermag.«
Verlegen hob sie ihr Gesicht.
»Ich, Sir? Und welche Sorge?«
»Um dieses Hauses Wohl, um das Glück derer, die ich hinter mir lassen muss. Ihr kennt Edwards Gesinnungen gegen Euch und wisst, dass seine Eifersucht hauptsächlich es war, die ihn unbrüderlich gegen mich machte. Dass er sich änderte, die törichte Täuschung erkannte, welche ihn gegen mich mit Hass erfüllte, dass er sich wahrhaft mir versöhnte und seines Herzens Wünsche tief in sich barg, hat Euer strenges Wort und meine Offenheit bewirkt. Soll das denn nie belohnt sein? Soll er die Neigung zu Euch, so tief, untilgbar und geläutert, mit sich ins Grab nehmen, Jeany, während Ihr dieses Hauses guter Engel sein könnt, wenn ich fort bin, Ihr in Euch meinem Vater eine treue Tochter, Maggy eine sorgsame Schwester geben, Doderidge zu meinem und Edwards Bruder machen könnt durch ein einzig Wort? Jeany, vor Gottes Antlitz als ein offener Mann steh’ ich und werbe um meinen Edward! Er hat mich lieben lernen, da er mich doch um Euch hasste! Habt Ihr denn keine Liebe für ihn? Ist er Euer denn jetzt nicht wert?«
Jeany atmete schwer. Sie war sehr blass und kämpfte ihre Tränen nieder.
»Wenn ich dieses Hauses Glück gründen könnte, Sir, kein Opfer wäre mir zu groß«, ich brächt’s! Ob ich Mister Edward lieben kann?! — Ich — ich will ihn zu lieben versuchen, er muss meine Liebe verdienen! — Was aber tut denn mein, was Edwards Wille hier? Steht zwischen uns nicht Euer Vater, dem ich und mein Bruder höchsten Dank schuldig sind? Steht nicht zwischen uns unsere Armut, unser Glaube, das öffentliche Gespött, was sich gegen Sir Craven erheben wird?«
»Damit, Jeany, entschlüpft Ihr mir nicht. Gebt Edward nur wenigstens die Hoffnung Eurer Liebe, das andere bringt die Zeit. Mein Vater hat Euch lieb, schätzt Euren Bruder, und bald wird er zwischen ihm und Edward keinen Unterschied mehr machen. Es kann ein Tag kommen, wo Doderidge ihm ein besserer Sohn und Helfer sein wird, als ich es je konnte. Dann wird er Euch mit Freuden Tochter nennen. Wolltet Ihr’s von Euch weisen?«
»Ihr meint, wann unser geknechtet Häuflein frei das Haupt im Siege erheben wird?«
»Ja, Jeany. Dann wird Sir Craven weder Reichtum noch Ansehen nützen, Ihr aber mögt stolz genug dastehen, um Cravenhaus den Rücken zu kehren.«
»Nie, Sir William! Nie! —« und flammend blickte sie ihn an, »dann, dann werde ich Edwards Weib!«
»Darf ich ihm das sagen?«
»Ihr dürfet es, Sir!«
»Gott segne Dich.« —
Er küsste ihre Stirn und ging. Jeany blickte ihm starr und lange nach, dann setzte sie sich nieder, verhüllte ihr Haupt und weinte.
Die Musterung auf der Heide von Hounslow war der Abschieds- und zugleich Ehrentag Williams wie der Familie Craven. Halb London war hinausgeströmt. Der hohe Adel, die Deputationen beider Häuser, Lordmayor und Aldermen, die Zunft der Schneider mit ihrer Gildefahne hatten dem militärischen Schauspiel beigewohnt. Eine seltene populäre Stunde für Carl I. war’s gewesen, da er den blauen Kavalier vor die Fronte zu sich heranrief, ihm die Hand drückte und sagte, »er möge Englands Bürgertum und Glaubenseifer übers Meer tragen zum Schutze der Bedrängten und es beweisen, dass ein Londoner Bürgerssohn durch hohe Taten den Ritterschlag eines Königs verdienen könne.«
An die Gewandschneidergilde heranreitend rief dann der Monarch:
»Wir wünschen Euch Glück, dass solch ein treuer, herzhafter Mann, wie Sir William Cravens Sohn, aus Eurer ehrsamen Zunft hervorging! Möge es nicht der letzte Streiter für seinen Gott und König sein, der Euren Reihen ersteht!«
Unermesslicher Jubel hatte sich erhoben.
»Gott segne Ew. Majestät!« war’s von den Lippen Tausender gekommen, als Carl I. wegritt.
Schmetternd zogen nun die blitzenden Reihen hinweg, nordwärts London vorbei, Tilbury und den Schiffen zu. Noch einmal grüßte William zum Vater, zu Edward und Doderidge hinüber.
»Er ist fort!« seufzte der Hofschneider. »Es musste wohl so sein! Wenn Ehre Schmerzen hebt, so wäre ich lustig genug, denn die Majestät war sehr gnädig. Wer aber ersetzt ihn mir, wenn der Tod auf dem blutigen Felde ihn ereilt?«
»Ersetzen, Vater«, erwiderte Edward bewegt, »wird uns ihn niemand. Gott aber hat ihn nicht umsonst erhoben, er hat ihm sicher was Großes anvertraut. Das aber, glaubt es nur, führt William auch zu glücklichem Ende!«
»Der Geist der ewigen Liebe ist ja bei ihm, Herr!« klang Josuah Doderidges tiefe Stimme. —
Der Abend des 7. Septembers 1631 senkte seine dunklen Fittige auf Leipzig und seine Umgebung, und der rote Sonnenball, halb schon unter den Horizont getaucht, schoss glühe Streiflichter auf die zerstampften Fluren von Podelwitz, die bleichen Gewässer der Lober und das wüste Schlachtgefilde, aus dem soeben Tilly, der bisher Unbesiegte, der Mordbrenner von Magdeburg, seine Kriegsehre und über zwei Drittel der kaiserlichen Armee gelassen hatte. Zu Abertausenden lagen die Reichsknechte, die stolzen Dragoner, gleich hingemähten Ähren auf dem Plan, die Artillerie, ihr Lager und eine Menge Standarten als Siegesbeute zurücklassend. Rechts, nach Halle zu, im fernen Gehölz, war noch heftig Schießen und wildes Geschrei, und während die Sturmglocken der Dörfer rings die Bauern weckten, zu fangen oder totzuschlagen, was ihnen von kaiserlichem Volke in die Hände fiel, lag Gustav V. Adolph mit erhobenen Händen im Dankgebet auf den Knien, entblößten Hauptes, um ihn alles Kriegsvolk samt den Generalen, und »eine feste Burg ist unser Gott« brauste es von den Lippen der Sieger, deren Antlitze im letzten Abendgolde glühten, als habe Gott sie selbst mit der heiligen Lohe des Siegerentzückens gesegnet.
Das ferne Tosen und Schießen war endlich in der Hymne erstorben, in die sich nah und ferne die Kirchenglocken mischten. Die Sterne glitzerten herab, der Abendwind wehte, ein Friedegruß ging durch die ganze streiterfüllte Welt und weckte ein heimatlich süßes Kindersehnen im Gemüte der Menschen auf. Ein ähnlich, unnennbar wehmutsvolles und dennoch entzückendes Gefühl durchzitterte die Brust des Reiters, der mit gezücktem Pallasch vom Gehölze, dem Schauplatz des letzten verzweifelten Gefechtes, verhängten Zügels daher schoss, bald aber langsamer ritt und dann den dampfenden Schimmel zum Schritte mäßigte, um das flatternde Gotteslied zu hören, teilzunehmen am Preise Dessen, der auch des Schlachtenglückes Waage in seinen prüfenden Händen hält. Über seinem dunkelblauen Seidenwams flatterte die blaurote Feldbinde, und seinen Hut zierte die schwedische Schleife. Wirr hing sein langes Haar über Stirn und Schläfe, und der letzte Tagesschimmer umspielte sein schönes, mannhaftes Gesicht, das Andacht und Träumerei verklärte. Er zog den Hut und horchte dem Gottesdienste. Sein Ross stand still und rupfte gierig etliche Halme.
Sie haben kein Gewinn,
Gottes Reich muss uns doch bleiben!
zog jubelnd mit Trompetenklang die letzte Strophe in die Lüfte dahin. —
Die Masse der Knienden erhob sich.
Die Scharen lösten sich. Der Reiter nahm aufschreckend sein Ross zusammen, wischte seine Klinge an dessen Mähne ab, stieß sie in die Scheide, und lenkte sein Ross in den weiten Kreis, welchen die Truppen um ihren königlichen Helden bildeten. Als der Reiter demselben und seiner Suite nahe genug gekommen war, um bemerkt zu werden, hielt er und harrte wie eine Bildsäule des königlichen Winks.
König Gustav, dessen hohe, korpulente Figur über seine Umgebung ragte, spendete eben seinen tapferen Generalen das herzlichste, gerührteste Lob für ihren Anteil an der Entscheidung des Tages, und seine Hand streute Gunst und Ehren in seines Herzens hoher Freude reichlich aus. Banner, der ohnweit von ihm stand, hatte endlich den Reiter bemerkt. —
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