Читать книгу: «Der Kampf um die Wahrheit»

Originalausgabe
1. Auflage 2021
Verlag Komplett-Media GmbH
2021, München
www.komplett-media.de
ISBN (Print): 978-3-8312-0584-4
ISBN (EPUB): 978-3-8312-7077-4
Lektorat: Kirsten Krebber
Korrektorat: UMP Lektorat M. Paff
Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München
Satz, Layout und E-Book: Daniel Förster, Belgern
Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.
Inhalt
Vorwort
1. Verschwörungstheorien in der wissenschaftlichen Diskussion
Verschwörungstheorien überall
Probleme bei der Begriffsbestimmung
Eine kurze Begriffsgeschichte
Merkmale und Typen von Verschwörungstheorien
Die Sache mit der Wahrheit
Zur Psychologie von Verschwörungstheorien
Wie entstehen Verschwörungstheorien?
2. Zur Geschichte von Verschwörungen und Verschwörungstheorien
Verschwörungen als historische Konstante
Die Verschwörung der Hexen
Antisemitische Verschwörungstheorien
Freimaurer und Illuminaten
Verschwörungstheorien im Wandel
3. Geheimdienste – im Namen des Staates?
Das Celler Loch
Mythos und Praxis der Geheimdienste
Drogen, Gehirnwäsche und Mind Control – Die geheimen Menschenversuche der CIA
P2, Gladio und die Strategie der Spannung
Rote Linien
Provokationen unter falscher Flagge
Aufklärung und Konspiration
4. Verschwörungstheorien zum 11. September 2001
Ein Tag, der die Welt veränderte
Verschwörungstheorien und Leitmedien
Die offizielle Version und alternative Deutungen
Die Streitpunkte
Hintergründe und Spekulationen über mögliche Motive
Die Wahrheit ist irgendwo da draußen
5. Die Verschwörungen der Rechten
Von den politischen Rändern
Milizen, Selbstverwalter und Reichsbürger
Der große Austausch
Vom Tiefen Staat zum Deep State: QAnon
Der NSU-Komplex
Die Nazi-Verschwörung: Realitäten und Zerrbilder
6. Donnerwetter!
Regendiebe und Erdbebenmaschinen
Das HAARP-Projekt
Giftige Zeichen am Himmel
Die Klimaverschwörung
7. Die im Dunkeln sieht man nicht – okkulte Verschwörungstheorien
Die Reptilien-Agenda und der multidimensionale Kosmos
Grenzwissen, Häresie und Selbstermächtigung
Ritueller Missbrauch – ein gefährlicher Verschwörungsmythos?
Dunkle Erinnerungen und multiple Perspektiven
UFOs – Verschwörer aus dem All?
8. Covid-19: Das Virus Verschwörungstheorie
Corona und die Neue Weltordnung
Ein Virus befällt die Welt
»Gates kapert Deutschland!«
Die Konjunktur der Faktenchecker und die »Infodemie«
Biosicherheit und Paranoia
Protest als »Widerstand« und »Querdenken«
Ein Virus aus dem Labor?
Wie ein Virus die Welt verengt
9. Medien und Spektakel
Eskalation im Netz
Die Verschwörung der Algorithmen
›Lügenpresse‹ und Meinungsmacht
Digitale Dissidenz: Das Spektrum der Alternativmedien
Spektakel und Reiz der Verschwörung
10. Der Kampf gegen Verschwörungstheorien
Historische Varianten eines Deutungskonfliktes
›Skeptiker‹: Der Kampf gegen Parawissenschaft
Rechte Ideologie oder russische Desinformation?
Verschwörungsangst und Gegenkonspiration
11. Verschwörungstheorien in der offenen Gesellschaft
Willkommen in der Paranoiagesellschaft!
Das redaktionelle Ich
Verschwörungstheorie-Wissen
Verschwörungstheorien und Extremismus
Gefangen in der Matrix
Misstrauensbildende Maßnahmen
Schlussfazit: Herausforderungen
Literatur
Über die Autoren
Vorwort
Verschwörungstheorien sind in aller Munde. Nicht nur sogenannte ›Verschwörungstheoretiker‹ wie Xavier Naidoo, Attila Hildmann oder Michael Wendler bevölkern seit der Corona-Krise immer wieder die Bildschirme und Schlagzeilen der Massenmedien. Auch Experten, die Verschwörungstheorien erklären, sozialpsychologische Ursachen aufzeigen und Handlungsempfehlungen im Umgang mit ihnen abgeben, sind längst Teil der Medienberichterstattung – und damit auch unseres Alltagswissens. Warum also dieses Buch? Wozu noch eine weitere x-te, Bestandsaufnahme über Verschwörungstheorien? Ist zu diesem Thema denn nicht schon alles – und nicht nur einmal – gesagt? Sind wir als Gesellschaft nicht längst informiert und gewarnt über die Gefahren, die von Verschwörungstheorien ausgehen? Falls Sie, lieber Leser, diese Fragen spontan bejahen, möchten wir Ihnen die Lektüre der folgenden Seiten umso dringlicher empfehlen.
Das vorliegende Buch ist möglicherweise anders, als Sie es erwarten. Im Unterschied zu den meisten anderen Experten zu diesem Thema halten wir Verschwörungstheorien nicht per se für falsch und gefährlich. Stattdessen möchten wir gerne näher hinschauen und differenzieren. Wir möchten anhand von diversen Beispielen bekannter und weniger bekannter verschwörungstheoretischer Deutungen zeigen, dass die Sache mit der Wahrheit in vielen Fällen nicht ganz so einfach ist, wie es von Politikern, Medienschaffenden und auch Wissenschaftlern oftmals suggeriert wird. Das gilt insbesondere für die Gefahr von Verschwörungstheorien. Unbenommen können Verschwörungstheorien eine Gefahr für die Gesellschaft oder einzelne Personen darstellen. Doch das trifft nur auf einen Teil von ihnen zu. In vielen Fällen entfalten Verschwörungstheorien sogar eine positive Wirkung, indem sie auf bestimmte Probleme oder Ungereimtheiten aufmerksam machen. Das Spekulieren über verborgene Machenschaften ist darüber hinaus ein völlig normaler Teil unseres alltäglichen Lebens und – wie Verschwörungen selbst – eine geschichtliche Konstante.
In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit zentralen Eigenschaften von Verschwörungstheorien beschäftigen, aber auch aufzeigen, dass sie untrennbar mit ›echten‹ Verschwörungen verbunden sind. Dabei werden wir auch den gesellschaftspolitischen und massenmedialen Umgang mit Verschwörungstheorien thematisieren, der allzu oft von pauschalen Abwertungen und undifferenzierten Darstellungen geprägt ist. Schließlich werden wir auf dieser Basis Konzepte für den individuellen und gesellschaftlichen Umgang mit Verschwörungstheorien entwickeln. Nur durch einen offenen, sachlichen und differenzierten Umgang mit dem Thema, so unsere Überzeugung, können Ängste, hasserfüllte Identitätskonstruktionen oder Vorurteile eingedämmt werden, die durch Verschwörungstheorien, aber zum Teil auch durch den Kampf gegen sie gesellschaftlich verbreitet werden.
Beginnend bei wissenschaftlichen Theorien über verschwörungstheoretische Deutungen schlagen wir einen Bogen von der Geschichte von Verschwörungstheorien über das Attentat auf John F. Kennedy, die Anschläge vom 11. September 2001, Geheimdienstoperationen und Verschwörungstheorien sowie tatsächlichen Verschwörungen am politisch rechten Rand. Es geht darüber hinaus um Verschwörungstheorien über Wettermanipulation, Reptiloide, Satanisten, UFOs und das SARS-CoV-2-Virus. Mehrfach mussten wir im Schreibprozess Kapitel und Abschnitte an aktuelle Entwicklungen anpassen. Galt etwa zu Beginn unserer Arbeit am Kapitel über Covid-19-Verschwörungstheorien die Behauptung, SARS-CoV-2 stammt aus einem Labor, noch als eine ›krude‹ Verschwörungstheorie, hat sich dies im Laufe unserer Recherchen überraschenderweise deutlich geändert. Aus der vermeintlichen verschwörungstheoretischen Randmeinung wurde binnen von Monaten eine gesellschaftlich ernst zu nehmende ›seriöse‹ Hypothese. Erfahrungen wie diese bestätigen uns, dass wir mit unserer ›offenen‹ Herangehensweise an das Phänomen Verschwörungstheorie richtigliegen. Wir hoffen, dass die Lektüre dieses Buches Ihnen nicht nur Spannung und Lesefreude, sondern vor allem auch Einsichten und Erkenntnisse beschert, die dazu beitragen können, Gräben im Kampf um die Wahrheit zu überwinden und wieder stärker an verbindenden Brücken zu bauen.
1. Verschwörungstheorien in der wissenschaftlichen Diskussion
Verschwörungstheorien überall
Am 17. Mai 2019 wurde im Kloster Dalheim bei Lichtenau eine Ausstellung mit dem Titel Verschwörungstheorien früher und heute eröffnet. Die Ausstellung stand unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der zur Eröffnung eine Rede hielt, bei der er den Kampf gegen Desinformation und Verschwörungstheorien als eine der großen Herausforderungen für die liberale Demokratie bezeichnete. Dieser Kampf gehe jeden etwas an und müsse in Familien, Schulen, Büros und Betrieben ebenso ausgetragen werden wie in Zeitungsredaktionen, sozialen Netzwerken und Parlamenten. Denn trotz allen Fortschritts in Wissenschaft und Gesellschaft und trotz aller Aufgeklärtheit und Rationalität, würden bis heute viele Menschen daran glauben, dass sich Verschwörer im Geheimen zusammentun, um dunkle, verbrecherische Komplotte zu schmieden, so Steinmeier.1 Der Bundespräsident bezog sich in seiner Rede auf eine kurz zuvor veröffentlichte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland.2 Sie erschien im Rahmen der sogenannten Mitte-Studien, die seit 2006 regelmäßig antidemokratische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung messen. 2019 wurde erstmals auch explizit die Zustimmung zu Verschwörungstheorien erfasst. Das Ergebnis: Fast die Hälfte der für die Studie befragten Personen stimmte der Aussage zu, es gäbe geheime Organisationen, die Einfluss auf politische Entscheidungen haben, und fast ein Viertel der Befragten meinte, Medien und Politik steckten unter einer Decke.3
Steinmeier erwähnte in seiner Rede auch das im Jahr zuvor erschienene Buch »Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien des Tübinger Amerikanistik-Professors Michael Butter. Das Buch erfuhr eine erhebliche mediale Aufmerksamkeit. Für einen Rezensenten der Welt stellte es gar »womöglich (…) das Buch des Jahrzehnts«4 dar. Butters Kernthese in dem Buch lautet, dass die hitzigen Diskussionen über Verschwörungstheorien Symptom einer tiefer liegenden Krise demokratischer Gesellschaften seien: »Wenn Gesellschaften sich nicht mehr darauf verständigen können, was wahr ist, können sie auch die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts nicht meistern.«5 Zu diesem Zeitpunkt war Butter in leitender Position im Rahmen des groß angelegten, von der EU finanzierten Forschungsprojektes COMPACT (Comparative Analysis of Conspiracy Theories) zur Erforschung von Verschwörungstheorien tätig, an dem über 150 Wissenschaftler aus über 30 Ländern beteiligt waren. Eines der Ziele des Projektes bestand darin, Leitlinien für den sozialen und politischen Umgang mit Verschwörungstheorien zu entwickeln.
Das alles war vor Corona. Die SARS-CoV-2-Krise hat die gesellschaftlichen Diskussionen rund um das Thema Verschwörungstheorien noch einmal erheblich angeheizt und zugespitzt. Folgte man den Einschätzungen unzähliger alarmierender Presseartikel während der Corona-Krise, aber auch einiger Politiker und Experten, so hätten sich neben den gefährlichen Corona-Viren mindestens ebenso epidemisch gefährliche Fake News und Verschwörungstheorien zum Thema Corona ausgebreitet. Viele Beobachter sahen hierin einen weiteren Beleg dafür, dass Verschwörungstheorien die Gesellschaft spalten und eine Gefahr für die Demokratie darstellen. Mitte Mai 2020, also mitten in der COVID-19-Pandemie, erschien das Buch Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen der Politikwissenschaftlerin und Netzaktivistin Katharina Nocun und der Sozialpsychologin Pia Lamberty. Das Buch erzielte einen ähnlichen, wenn nicht größeren Erfolg wie das zwei Jahre zuvor erschienene Nichts ist, wie es scheint von Michael Butter. Es schaffte es in die Spiegel-Bestellerliste und wurde von Ralf Dörwang für die Redaktion der ARD-Kultursendung titel, thesen, temperamente zum »Buch zur Stunde«6 gekürt.
Diese Beispiele verdeutlichen zweierlei: Es gab in den letzten Jahren nicht nur eine intensive gesellschaftliche und politische Debatte rund um Verschwörungstheorien. Das Thema hat sich darüber hinaus trotz oder gerade wegen seines verruchten Charakters zu einem anerkannten und populären akademischen Forschungsfeld entwickelt. Letzteres war über lange Zeit völlig anders. Verschwörungstheorien waren über Jahrzehnte kaum Thema wissenschaftlicher Forschung. Dies hing sicher nicht damit zusammen, dass Verschwörungstheorien früher weniger gesellschaftliche Relevanz gehabt hätten, sondern eher damit, dass das Thema als randständig, unseriös und fragwürdig galt – jedenfalls nicht als Thema, auf dem man eine akademische Karriere aufbaut. Seit Mitte der 1990er-Jahre hat sich die Situation grundlegend geändert. Seither ist eine kaum noch zu überblickende Flut an wissenschaftlichen Arbeiten unterschiedlicher Fachrichtungen zum Thema entstanden. Verschwörungstheorien sind gewissermaßen von einem akademischen ›Schmuddelthema‹ zu einem legitimen Forschungsgegenstand avanciert. Befeuert wurde diese Entwicklung unter anderem durch die intensiven gesellschaftlichen und politischen Diskussionen rund um die Themen ›Fake News‹, ›alternative Fakten‹, ›Filterblasen‹ oder das ›postfaktische Zeitalter‹. Doch wie so oft, wenn sich Wissenschaftler auf ein neues Thema stürzen, beginnt der Streit schon bei der Definition des Forschungsgegenstandes. Was genau sind Verschwörungstheorien?
Probleme bei der Begriffsbestimmung
Es gibt bislang keine einheitliche wissenschaftliche Definition des Begriffs ›Verschwörungstheorie‹. Klar ist, dass es bei Verschwörungstheorien um Vermutungen oder Behauptungen über Verschwörungen geht. Letztere wiederum lassen sich recht eindeutig bestimmen. Nach dem australischen Philosophen David Coady zeichnet sich eine Verschwörung im Wesentlichen durch zwei Aspekte aus: Erstens muss es eine Gruppe von Verschwörern geben (denn allein kann man sich nicht verschwören) und zweitens muss die Verschwörung geheim sein (denn so etwas wie eine offene Verschwörung kann es nicht geben).7 In einigen Ländern gelten Verschwörungen als Straftatbestand, etwa in den USA. Hier wird eine Verschwörung als Vereinigung von zwei oder mehr Personen zu dem Zweck der Durchführung einer illegalen oder verbrecherischen Tat definiert.8 Verschwörungen müssen allerdings nicht in jedem Fall eine illegale, kriminelle oder zumindest moralisch fragwürdige Zielsetzung haben. Fest steht aber: Verschwörungen folgen einem Plan oder haben ein Ziel. Man könnte, um es auf eine generelle Formel zu bringen, eine Verschwörung daher wie folgt definieren: Eine Verschwörung liegt vor, wenn zwei oder mehrere Personen in geheimer Kooperation einen Plan entwickeln und diesen umsetzen oder umzusetzen versuchen, um ein konkretes Ziel zu erreichen.
Sind Verschwörungstheorien dann nicht einfach Annahmen über solche Verschwörungen? Ganz so einfach ist es leider nicht. Verschwörungstheorien, darin sind sich alle Wissenschaftler einig, handeln von Verschwörungen. Darüber, was diese Verschwörungen auszeichnet, herrscht allerdings größte Uneinigkeit. Viele Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen, betonen, dass der Kern von Verschwörungstheorien darin besteht, dass sie Vermutungen über Verschwörungen anstellen, die aber real nicht existieren. Sie behaupten, es sei ein Charakteristikum von Verschwörungstheorien, dass sie immer falsch sind. Diesen Standpunkt vertritt etwa der bereits erwähnte Amerikanist Michael Butter. Er unterscheidet daher strikt zwischen echten Verschwörungen auf der einen und Verschwörungstheorien auf der anderen Seite, die nach seinem Verständnis von imaginären oder fiktiven Verschwörungen ausgehen.9 Dieses Verständnis entspricht in gewisser Weise auch der Verwendung des Begriffes ›Verschwörungstheorie‹ in den Massenmedien und in der Alltagssprache. Hier gilt er in aller Regel als Synonym für irrationale, unwahre, abwegige oder gar gefährliche Haltungen. Daher weisen einige Forscher darauf hin, dass der Begriff inzwischen derart negativ konnotiert ist, dass er eigentlich gar nicht mehr in einem neutralen oder gar analytischen Sinne gebraucht werden kann. Er tauge letztlich nur noch als Schimpfwort, als Kampfbegriff und als Mittel zur Abwertung und Ausgrenzung missliebiger Meinungen.10 Und in der Tat: Es gibt kaum jemanden, der sich selbst gerne als Verschwörungstheoretiker bezeichnet.11 Hinzu kommt eine zunehmende Verwässerung des Begriffs. Als Verschwörungstheorien werden heute auch Ansichten bezeichnet, die gar nichts mit einer behaupteten Verschwörung im eigentlichen Sinne zu tun haben. Wenn etwa Menschen glauben, dass die Erde vor geraumer Zeit von Außerirdischen besucht wurde und es dafür archäologische Belege gibt, ist dies zunächst keine Verschwörungstheorie. Auch nicht, wenn Menschen glauben, dass es sich bei manchen gesichteten UFOs um außerirdische Raumschiffe handelt. Zu einer Verschwörungstheorie wird das Ganze erst dann, wenn angenommen wird, dass eine geheime Verschwörung die Beweise für eine außerirdische Präsenz auf der Erde systematisch vertuscht. Man nennt diese Art der Vertuschung auch eine »Cover-up«-Verschwörung.12
Wie sollte die Wissenschaft nun also mit dem belasteten Begriff ›Verschwörungstheorie‹ umgehen? Ihn vermeiden? Einen alternativen Begriff wählen? Aus unserer Sicht ist die negative Bedeutung des Begriffs im allgemeinen Sprachgebrauch kein zwingender Grund, ihn im Rahmen einer wissenschaftlichen Diskussion komplett zu vermeiden – und die meisten wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit dem Thema beschäftigen, nutzen ihn auch weiterhin. Allerdings erscheint es uns wichtig, deutlich zwischen der alltagssprachlichen Bedeutung des Begriffs und einer wissenschaftlichen Definition zu unterscheiden, die möglichst sachlich und neutral sein sollte.
Der Begriff ›Verschwörungstheorie‹ wird von manchen Wissenschaftlern aber auch aus anderen Gründen abgelehnt. Da Verschwörungstheorien keine Theorien im wissenschaftlichen Sinne seien, sei der Begriff irreführend und sollte durch andere Begriffe ersetzt werden. Der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber etwa schlägt vor, statt von Verschwörungstheorien von ›Verschwörungshypothesen‹, ›Verschwörungsideologien‹ oder ›Verschwörungsmythen‹ zu sprechen. Die drei Formen unterscheiden sich vor allem dadurch, wie offen sie für Kritik und Gegenargumente sind und ob die vermutete Verschwörung realen oder fiktiven Personengruppen zugeschrieben wird.13 In ähnlicher Weise argumentieren auch Katharina Nocun und Pia Lamberty. Bei Verschwörungstheorien, so die beiden Autorinnen, könne man nicht von Theorien im wissenschaftlichen Sinne sprechen, da sie sich einer systematischen Überprüfung ihrer Argumente entziehen würden. Daher sei der Begriff ›Verschwörungstheorie‹ abzulehnen. Als Alternativbegriff schlagen sie ›Verschwörungserzählungen‹ vor.14 Auch Katrin Götz-Votteler und Simone Hespers, beide wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikation der Universität Erlangen, legen Wert auf die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen Theorien und Verschwörungstheorien. Verschwörungstheorien seien nicht das Ergebnis eines wissenschaftlichen oder epistemischen Prozesses, sondern das Resultat einer subjektiven Interpretation selektiver Wahrnehmungen und würden in der Regel für ihre Aussagen keine belastbaren Beweise liefern.15
Die strikte Unterscheidung zwischen Verschwörungstheorien auf der einen und wissenschaftlichen Theorien auf der anderen Seite mag auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Sie ergibt aus unserer Sicht jedoch analytisch wenig Sinn. Zum einen gibt es durchaus verschwörungstheoretische Spekulationen, die wissenschaftlichen Theorien ziemlich nahekommen. Wenn etwa ein investigativer Journalist auf der Grundlage recherchierter Fakten über eine mutmaßliche Verschwörung spekuliert und nach Belegen dafür sucht, bei fehlenden Hinweisen aber auch von dieser Vermutung Abstand nimmt, entspricht dies im weitesten Sinne einer ergebnisoffenen wissenschaftlichen Herangehensweise zur Überprüfung einer Theorie. Zum anderen gibt es verschiedene Bedeutungen des Begriffs ›Theorie‹. Eine Theorie kann nicht nur im (natur-)wissenschaftlichen Sinne eine wissenschaftlich begründete Aussage zur Erklärung bestimmter Erscheinungen sein, sondern, was der Bedeutung des Begriffs im allgemeinen Sprachgebrauch entspricht, auch schlicht eine zunächst unbewiesene Behauptung oder These.16 Der Philosoph Karl Hepfer betont, dass Theorien, egal ob in der Wissenschaft oder im Alltag, letztlich immer dazu dienen, uns mit Erklärungen für Fremdes und Unbekanntes zu versorgen und damit einerseits unsere Neugierde zu befriedigen, uns andererseits aber auch die Angst vor dem Unbekannten, Unverstandenen zu nehmen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Verschwörungstheorien nicht von anderen Theorien. Mit den Worten Hepfers: »Theorien treten allgemein mit dem Versprechen an, uns zu einem besseren Verständnis der Welt zu verhelfen, und Verschwörungstheorien sind hier keine Ausnahme.«17
Letztlich gibt es keinen zwingenden Grund, in der wissenschaftlichen Diskussion auf den Begriff ›Verschwörungstheorie‹ zu verzichten oder ihn durch einen anderen zu ersetzen.18 Eine Verschwörungstheorie ist, fasst man die vorangegangenen Überlegungen zusammen, zunächst einmal nichts anderes als ein Erklärungsansatz, der aktuelle oder historische Zustände oder Ereignisse als Ergebnis einer Verschwörung interpretiert.19 Diese Definition unterscheidet sich deutlich von der negativen Verwendung des Begriffs im allgemeinen Sprachgebrauch. Doch woher kommt eigentlich der schlechte Ruf von Verschwörungstheorien?
Eine kurze Begriffsgeschichte
Wann der Begriff ›Verschwörungstheorie‹ zum ersten Mal auftaucht, lässt sich nicht genau sagen. Nach dem Blogger und Autor Bernd Harder erscheint er bereits 1787 im Journal für Freymaurer. Im englischsprachigen Raum kursiert das englische Äquivalent ›conspiracy theory‹ mindestens seit den 1860er-Jahren. Der Begriff wurde zur Beschreibung von Spekulationen über politische Verschwörungen, aber auch im Zusammenhang mit der Aufklärung von Verbrechen verwendet. In amerikanischen Zeitungen aus den 1880er-Jahren wurden bei einem ungelösten Todesfall eine ›conspiracy theory‹, eine ›murder theory‹ und eine »suicide theory« als mögliche Erklärungen gegenübergestellt – der Begriff war also keineswegs abwertend gemeint.20 Die eindeutig negative Bedeutung (und zwar sowohl im Deutschen als auch im Englischen) etablierte sich erst wesentlich später. Im Internet liest man häufig, dass die negativen Assoziationen des Begriffs ›Verschwörungstheorie‹ insbesondere auf ein CIA-Dokument aus dem Jahr 1967 zurückzuführen seien, dass die CIA den Begriff gar erfunden hätte, um Menschen zu diskreditieren, die an der offiziellen Version der Ermordung von John F. Kennedy zweifelten.21 Diese Geschichte ist zum Teil eindeutig falsch, zum Teil aber auch nicht ganz unwahr. Was war geschehen?
Kurz nachdem Kennedy am Mittag des 22. November 1963 in Dallas von zwei Gewehrschüssen tödlich getroffen worden war, wurde als Tatverdächtiger der 24-jährige Gelegenheitsarbeiter Lee Harvey Oswald festgenommen. Er galt als Hauptverdächtiger und Schütze. Zwei Tage später wurde Oswald selbst von dem Nachtclub-Besitzer Jack Ruby getötet. Um den Gerüchten über ein Mordkomplott Einhalt zu gebieten, setzte Lyndon B. Johnson, Kennedys Nachfolger, eine Kommission unter der Leitung des Obersten US-Bundesrichters Earl Warren ein, die die genauen Hintergründe der Tat aufklären sollte. Die Warren-Kommission kam zu dem Ergebnis, dass Oswald die Ermordung Kennedys allein zu verantworten habe und weitere Mittäter ausgeschlossen seien. Dies änderte allerdings nichts daran, dass in den folgenden Jahren eine ganze Welle von Publikationen erschien, in denen die Alleintäterschaft Oswalds in Zweifel und verschiedene Verschwörungs-Szenarien in Erwägung gezogen wurden.
Die CIA war offenbar besorgt darüber, dass die Kritik an den Schlussfolgerungen der Warren-Kommission dem Ansehen der US-amerikanischen Regierung und auch dem Geheimdienst selbst schaden könnte. Denn schließlich wurde, neben anderen potenziellen Drahtziehern, auch die CIA immer wieder verdächtigt, in das Kennedy-Attentat involviert zu sein. In dem 1967 verfassten Dokument Dispatch 1035–960 finden sich Anweisungen für CIA-Mitarbeiter, wie mit Verschwörungstheorien zur Ermordung Kennedys umzugehen sei. Das Ziel des Memos, das 1976 auf Betreiben der New York Times freigegeben wurde, bestand darin, Argumente und Strategien zur Verfügung zu stellen, um Verschwörungstheorien zur Kennedy-Ermordung im In- und Ausland zu widerlegen und zu diskreditieren. So wurde den CIA-Agenten etwa empfohlen, etablierte Politiker und Redakteure davon zu überzeugen, dass die Spekulationen der Kritiker ohne jede Grundlage und jede weitere Diskussion schädlich seien. Teile der Verschwörungsdiskussion seien gar von »kommunistischen Propagandisten« erzeugt worden. Die CIA-Agenten sollten, heißt es in dem Memo weiter, Politiker und Redakteure dazu drängen, ihren Einfluss geltend zu machen, um »unbegründeten und unverantwortlichen Spekulationen entgegenzuwirken«.22
Die Einschätzungen über die Bedeutung und die Wirksamkeit der in dem CIA-Memo vorgeschlagenen Maßnahmen gehen weit auseinander. Die einen sehen darin lediglich einen etwas hilflosen Versuch, die Ergebnisse der Warren-Kommission zu verteidigen und einem befürchteten Ansehensverlust der US-Regierung entgegenzuwirken. Andere betrachten das Memo als Beleg für den illegitimen Eingriff in eine öffentliche Debatte, als eine manipulative Operation zur Diskreditierung abweichender Meinungen und zur Durchsetzung einer regierungskonformen Deutung.23 Fest steht: Auch nach der Verteilung des Dokuments innerhalb der CIA rissen die Diskussionen über die Ermordung Kennedys nicht ab. Sie halten vielmehr bis heute an.24 Nach zwischen 1963 und 2013 in den USA jährlich durchgeführten Meinungsumfragen zur Ermordung Kennedys glaubten in diesem Zeitraum nie mehr als 36 Prozent der US-Bürger an die Einzeltäter-Erklärung der Warren-Kommission. Zwischen 50 und 81 Prozent gingen davon aus, dass neben Oswald weitere Personen in die Ermordung involviert waren.25 Bis heute sind zwischen 1.000 und 2.000 Bücher zur Ermordung Kennedys erschienen. Die allermeisten gehen von einer Verschwörung aus.26 Damit verfehlte das CIA-Memo langfristig gesehen ganz offensichtlich sein Ziel.
Wie gezeigt, kursierte der Begriff ›Verschwörungstheorie‹ schon lange vor dem CIA-Dokument aus dem Jahr 1967. Dass die CIA den Begriff mit diesem Memo erfunden oder eingeführt hätte, ist also schlichtweg falsch. In dem CIA-Dokument findet sich keinerlei Erklärung oder Definition zu dem Begriff ›Verschwörungstheorie‹. Es scheint so, als hätte man in dem Text lediglich einen bereits gebräuchlichen Begriff aufgegriffen.27 Doch hat die CIA mit ihrer Absicht, Verschwörungstheorien zum J.F.K-Attentat zu diskreditieren, zum schlechten Ruf von Verschwörungstheorien beigetragen? Das kann zumindest nicht ausgeschlossen werden. Der amerikanische Politikwissenschaftler Lance DeHaven-Smith kommt zu dem Schluss, dass »im Schatten des McCarthyismus und des Kalten Krieges« die CIA-Anweisungen dazu beigetragen hätten, das »Verschwörungstheorie-Label mit mächtigen negativen Assoziationen« aufzuladen.28 Allerdings war ›Verschwörungstheorie‹ auch schon 1967 kein neutraler Begriff, sondern eindeutig negativ konnotiert. Dazu haben insbesondere zwei bedeutende Intellektuelle beigetragen: der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper und der amerikanische Historiker Richard Hofstadter.
Als Karl Popper vor über 70 Jahren in seinem einflussreichen Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde den Begriff ›Verschwörungstheorie‹ mitprägte, stand er stark unter dem Einfluss der schrecklichen Erfahrungen der Menschheit mit totalitären Systemen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, namentlich mit dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus. Popper entstammte einer jüdischen Familie, floh 1937 gemeinsam mit seiner Ehefrau vor dem Nationalsozialismus von Österreich nach Neuseeland und verlor durch den Holocaust zahlreiche Familienangehörige. Eine gemeinsame Wurzel von Nationalsozialismus und Stalinismus lag für Popper im Historizismus, also der Vorstellung der Gesetzmäßigkeit, Planbarkeit und Vorhersagbarkeit der Geschichte. Der Historizismus ist für Popper reiner Aberglaube, da der zukünftige Verlauf der menschlichen Geschichte unmöglich bestimmt werden könne. Popper schreibt: »Eine wissenschaftliche Theorie der geschichtlichen Entwicklung als Grundlage historischer Prognosen ist unmöglich.«29 Geschichtliche Ereignisse seien in nur sehr wenigen Fällen das Ergebnis bewusster menschlicher Planung und Handlung, sondern in der Regel unbeabsichtigte, indirekte, zufällige und oftmals auch unerwünschte Nebenprodukte sozialer Interaktion. Daher könne es nicht das Ziel der Sozialwissenschaften sein, Prognosen über den Verlauf der menschlichen Geschichte anzustellen. Vielmehr müsse sie sich auf die Analyse des aktuellen sozialen Geschehens konzentrieren, um zu verstehen, wie und warum sich Gesellschaften verändern, aber auch, was einer gesellschaftlichen Entwicklung im Wege steht. Diesem eigentlichen Ziel der Sozialwissenschaften stehe etwas entgegen, was Popper die Verschwörungstheorie der Gesellschaft nennt. Interessanterweise spricht Popper immer nur von Verschwörungstheorie und nie von Verschwörungstheorien. Was genau versteht Popper unter der Verschwörungstheorie der Gesellschaft? Lassen wir ihn selbst antworten: »Diese Theorie behauptet, daß die Erklärung eines sozialen Phänomens in dem Nachweis besteht, daß gewisse Menschen oder Gruppen an dem Eintreten dieses Ereignisses interessiert waren und dass sie konspiriert haben, um es herbeizuführen. (Ihre Interessen sind manchmal verborgen und müssen erst enthüllt werden). Diese Ansicht vom Ziel der Sozialwissenschaften entspringt der irrigen Theorie, daß, was immer sich in einer Gesellschaft ereignet, das Ergebnis eines Planes mächtiger Individuen oder Gruppen ist. Besonders Ereignisse wie Krieg, Armut, Mangel, Arbeitslosigkeit, also Ereignisse, die wir als unangenehm empfinden, werden von dieser Theorie als gewollt und geplant erklärt. Ein solches Ergebnis ist auch der moderne Historizismus, der, wie seine primitive, theistische Form zeigt, eine Abwandlung der Verschwörungstheorie ist.«30
Für Popper ist die Verschwörungstheorie (der Gesellschaft) also im Wesentlichen ein Element eines spezifischen Geschichtsverständnisses, das maßgeblich durch den deutschen Idealismus und den Philosophen G. W. F. Hegel geprägt und unter anderem von Karl Marx aufgegriffen wurde. Nach diesem entstehen gesellschaftliche Ereignisse und Entwicklungen nicht zufällig, sondern sind Ausdruck des sogenannten ›Weltgeistes‹, einer Dialektik von Klassengesetzen oder, in der Fokussierung auf Akteure, das Ergebnis planvollen (konspirativen) Handelns. Popper bestreitet dabei gar nicht, dass es in der Geschichte reale Verschwörungen gegeben hat, im Gegenteil: Verschwörungen sind für Popper ein »typisches soziales Phänomen«.31 Dennoch sei die Verschwörungstheorie der Gesellschaft am Ende widerlegt, da nur wenige Verschwörungen erfolgreich seien und die meisten nicht funktionieren würden. Oder wie Popper es ausdrückt: »Verschwörer genießen am Ende nur selten die Früchte ihrer Verschwörung.«32
Poppers Verständnis des Begriffs ›Verschwörungstheorie‹ unterscheidet sich also deutlich von dem, was wir heute darunter verstehen. Er hatte totalitäre Systeme und deren Machthaber im Blick, nicht jedoch alternative Deutungen bestimmter Ereignisse, die sich gegen gesellschaftliche Autoritäten richten (was Verschwörungstheorien heute oftmals sind). Für Popper war die Verschwörungstheorie der Gesellschaft Teil eines fast schon religiösen, teleologischen Denkens, nach welchem sich alle geschichtlichen Ereignisse nach einem bestimmten ›Plan‹ vollziehen. Popper bezeichnete die Verschwörungstheorie der Gesellschaft daher auch als Ergebnis einer »Verweltlichung religiösen Aberglaubens«.33 Besonders interessant erscheint uns Poppers Bemerkung, dass die Verschwörungstheorie falsch sei, weil Verschwörungen am Ende meistens scheitern. Hier ist zu beachten, dass Popper damit nicht meint, dass Verschwörungstheorien (im heutigen Sinne) grundsätzlich falsch sind, sondern dass groß angelegte Verschwörungen aufgrund der mangelnden Plan- und Steuerbarkeit gesellschaftlicher Entwicklungen nicht funktionieren können.34
Popper hatte also etwas sehr Spezielles im Blick, als er über die Verschwörungstheorie der Gesellschaft schrieb: umfassende Verschwörungsideologien, die verwandt sind mit dem Historizismus und die davon ausgehen, dass nichts auf der Welt zufällig geschieht und alles einem bestimmten Plan folgt. Doch wie viele Verschwörungstheorien, über die wir heute sprechen, sind tatsächlich von einem derartigen ›totalen‹ Denken geprägt oder motiviert? Selbstredend gibt es unzählige Verschwörungstheorien über gigantische (Welt-)Verschwörungen, die die gesamte Weltgeschichte prägen. Zu den bekanntesten solcher Theorien gehört etwa die antisemitische Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung, aber auch verschiedene Varianten der Theorie einer Neuen Weltordnung, einer vermeintlichen Agenda globaler Eliten, der verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen zugeschrieben werden. Wie sieht es jedoch mit Verschwörungstheorien über spezifische Ereignisse wie Attentate, Regimewechsel, fingierte Kriegsgründe, Wirtschaftskomplotte, Geheimdienstaktivitäten usw. aus? Diese Sorte von Verschwörungstheorien setzt kein Weltbild voraus, nach dem das gesamte Weltgeschehen nach dem Plan einer geheimen Machtgruppierung abläuft. Und derartige verschwörungstheoretische Deutungen hatte Popper auch definitiv nicht im Sinn.35 Dies änderte allerdings nichts daran, dass in der wissenschaftlichen Diskussion über Verschwörungstheorien Poppers Argumente gegen die Verschwörungstheorie der Gesellschaft zu Argumenten gegen Verschwörungstheorien im Allgemeinen gemacht wurden.36 Dies wiederum trägt ganz wesentlich zum schlechten Ruf von Verschwörungstheorien bei. Popper wurde zu einer Art wissenschaftlichem Kronzeugen für die akademische Delegitimierung und Problematisierung des Verschwörungsdenkens. Die Grundlage dafür ist allerdings, wie wir gezeigt haben, eine Fehlinterpretation oder zumindest eine Überstrapazierung seiner Aussagen zum Thema Verschwörungstheorien. Karl Popper starb im Jahr 1994 in London. Einen erheblichen Teil der Rezeption seiner Gedanken zu der Verschwörungstheorie der Gesellschaft bekam der große Denker nicht mehr mit. Man kann nur mutmaßen, wie Popper, der wie kein anderer die offene, freie Gesellschaft begründete und verteidigte, es bewertet hätte, dass sein Name mit der pauschalen Abwertung verschwörungstheoretischer Spekulationen assoziiert wird – eine Abwertung, die, wie wir noch zeigen werden, gegenwärtig auch dazu beiträgt, Debattenräume zu verengen und abweichende Stimmen zu zensieren. Wir vermuten: Popper hätte das nicht gutgeheißen.
1964, also drei Jahre bevor das berühmt-berüchtigte CIA-Memo zu Verschwörungstheorien über die Ermordung Kennedys verfasst wurde, erschien die erste Fassung des einflussreichen Essays The Paranoid Style in American Politics von Richard Hofstadter. Hofstadter lehrte amerikanische Geschichte an der Columbia University und gilt als einer der wichtigsten amerikanischen Intellektuellen der Nachkriegsära. Hintergrund für die Entstehung des Essays war Hofstadters Auseinandersetzung mit der wachsenden Bedeutung rechtsradikaler Strömungen und Gruppierungen in den 50er- und 60er-Jahren in den USA wie etwa der John Birch Society. Hofstadter sieht eine spezielle Bewusstseinsform (»style of mind«) als gemeinsame Ursache für verschiedene politisch extreme Bewegungen, die stark durch verschwörungstheoretisches Denken geprägt sind. Da diese Bewusstseinsform einige Parallelen zur klinischen Paranoia aufweise, bezeichnet er sie als paranoid style. Gemeint sei damit ein Hang zur Übertreibung, zum Misstrauen und zu Verschwörungsfantasien. Hofstadter betont, dass er mit dem paranoid style keine Paranoia im klinischen Sinne beschreibt, sondern den Begriff gleichsam aus dem klinischen Kontext entlehnt, um damit ein politisches Phänomen zu beschreiben. Ein wesentlicher Unterschied zwischen klinischer Paranoia und dem paranoid style bestehe darin, dass bei Ersterer davon ausgegangen wird, dass sich die wahrgenommenen Bedrohungen und Verschwörungen gegen die Betroffenen selbst richten, während bei Letzterem ganze Nationen, Kulturen oder Lebensweisen als Angriffsziel oder Opfer verschwörerischen Wirkens gesehen werden.37 Der paranoid style erhalte überhaupt erst dadurch seine Bedeutung, dass es sich nicht um den Ausdruck einer psychischen Erkrankung handele. Hofstadter schreibt: »In der Tat hätte die Idee des ›paranoid style‹ als eine Kraft in der Politik wenig zeitgenössische Relevanz oder historischen Wert, wenn sie nur auf Menschen mit tief gestörtem Geist angewandt würde. Es ist die Verwendung paranoider Ausdrucksweisen durch mehr oder weniger normale Menschen, die das Phänomen bedeutsam macht.«38
Hofstadter lässt also keinen Zweifel daran, dass er den paranoid style als politische und nicht als klinisch-psychologische Kategorie versteht. Wie auch Popper bestreitet Hofstadter nicht die Realität von politischen Verschwörungen. Klar ist jedoch auch, dass ›paranoid‹ ein stark negativ besetzter, wertender Begriff ist und Verschwörungstheorien nach Hofstadters Verständnis etwas Abzulehnendes und Gefährliches sind. Hofstadters assoziative Verknüpfung von Verschwörungstheorien und Paranoia hat darüber hinaus den Weg für die Pathologisierung verschwörungstheoretischer Spekulationen gebahnt. In der Folge entstand eine Vielzahl von Studien, die nach psychologischen Auffälligkeiten oder gar psychischen Störungen bei Menschen suchen, die an Verschwörungstheorien glauben (dazu später mehr).39 Wie wirkmächtig Hofstadters Essay bis heute ist, zeigt sich auch daran, dass die gedankliche Verbindung von Verschwörungstheorien und (klinischer) Paranoia ein fester Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses westlicher Gesellschaften geworden ist.40
Fassen wir zusammen: Den Begriff ›Verschwörungstheorie‹ gibt es schon lange, seine klar negative Konnotation erhielt er allerdings erst Mitte des 20. Jahrhunderts, insbesondere durch die Überlegungen Karl Poppers und Richard Hofstadters zum Thema. Das heutige Verständnis des Begriffes speist sich jedoch zumindest zum Teil aus einer Miss- oder Überinterpretation der Argumente Poppers und Hofstadters. Zur Zeit der Entstehung des CIA-Dokuments Dispatch 1035-960 war das Wort ›Verschwörungstheorie‹ in seiner negativen Bedeutung zumindest im akademischen und intellektuellen Diskurs geläufig, die CIA hat den Begriff also lediglich aufgegriffen. Durch die Anweisung, Verschwörungstheorien zur Kennedy-Ermordung gezielt zu diskreditieren und mit kommunistischer Propaganda gleichzusetzen, hat das CIA-Memo aber sehr wahrscheinlich zum schlechten Ruf von Verschwörungstheorien beigetragen.41 Die negativen Bedeutungszuschreibungen zum Begriff ›Verschwörungstheorie‹ sind bis heute vorherrschend und erschweren eine sachliche Diskussion zum Thema. Innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses führt die unkritische Übernahme der negativen Verwendungsweise des Verschwörungstheoriebegriffs regelmäßig in analytische Sackgassen. Will man zu einem umfassenden Verständnis des komplexen sozialen Phänomens Verschwörungstheorien gelangen, sollte man den Blick weiten und auch denjenigen Aspekten des Verschwörungsdenkens Beachtung schenken, die bisher aufgrund des eingeschränkten Blickwinkels zwangsläufig ausgeblendet wurden.
Merkmale und Typen von Verschwörungstheorien
Was sind typische Merkmale von Verschwörungstheorien? Nach dem amerikanischen Politikwissenschaftler Michael Barkun zeichnen sich Verschwörungstheorien im Wesentlichen durch drei Grundannahmen aus: (1) Nichts geschieht durch Zufall: Verschwörungstheorien implizieren für Barkun eine Weltsicht, in der alles auf Intentionalität beruht und der Zufall ausgeschlossen wurde. Alles, was geschieht, geschieht, weil jemand es so gewollt hat. (2) Nichts ist, wie es scheint: Da die Verschwörer alles daransetzen, ihre Aktivitäten und Identität zu verbergen, täuschen und manipulieren sie die Öffentlichkeit. Der Schein trügt, der Fassade ist zu misstrauen und es gibt eine dahinterliegende Wahrheit. (3) Alles ist miteinander verbunden: Da es innerhalb von Verschwörungstheorien keinen Platz für Zufälle gibt, werden überall geheime Codes oder Muster erkannt, wenn diese auch versteckt vor den Augen der Öffentlichkeit sind. Verschwörungstheoretiker suchten daher ständig nach Verbindungen und Zusammenhängen, um diese verborgenen Codes oder Muster zu erfassen. Auf diese Weise wären Verschwörungstheorien, so Barkun weiter, zugleich beängstigend und beruhigend. Sie sind beängstigend, weil sie den Raum für das Wirken böser Mächte erweitern. Sie sind beruhigend, weil sie eine Welt beschreiben, in der alles aus einem Grund geschieht und in der eine klare Identifikation des Feindes innerhalb eines Dualismus aus Gut und Böse dem Leben Ordnung und Sinn gibt.42
Diese Merkmalszuschreibungen erscheinen auf den ersten Blick plausibel, da sie einige zentrale Charakteristika von Verschwörungstheorien benennen. In der Tat sehen Verschwörungstheorien hinter bestimmten Ereignissen absichtsvolles Handeln und nicht Zufall, vermuten in der Regel eine geheime Wirklichkeit hinter den Dingen und suchen nach verborgenen Verbindungen und Mustern. Allerdings sind die Attribute von Verschwörungstheorien, so wie von Barkun formuliert, analytisch nicht sonderlich hilfreich, da sie sich auf Größen beziehen (»Nichts«, »Alles«), die unbestimmbar sind. Es gibt keine Verschwörungstheorie, die behauptet, dass nichts durch Zufall geschieht, nichts ist, wie es scheint, und alles miteinander verbunden ist. Wenn man Barkuns Merkmale von Verschwörungstheorien aber als idealtypische Beschreibungen auffasst, also als absichtlich überzeichnete, überspitzte Eigenschaften, die in der Realität immer nur graduell oder von der Tendenz her zu finden sind, können sie dennoch nützlich sein, um Verschwörungstheorien zu identifizieren. Allerdings können auf diese Weise auch Deutungen als Verschwörungstheorien erfasst werden, die sonst kaum so bezeichnet werden würden. Stellen wir uns etwa vor, eine Regierungskoalition verabschiedet ein Gesetz zur Erhöhung der Renten. Die Opposition übt wie üblich Kritik daran und argumentiert dabei wie folgt: Das Gesetz wird nicht zufällig zum jetzigen Zeitpunkt (kurz vor der Wahl) auf den Weg gebracht. Die wahren Gründe für das Gesetz werden der Bevölkerung verschwiegen (z. B.: Es geht nicht um soziale Gerechtigkeit, sondern um Stimmenfang). Außerdem basiert das Gesetz auf einem heimlichen Deal: Die stärkere Partei der Regierungskoalition, von der die Gesetzesvorlage kommt, konnte das Gesetz nur durchsetzen, weil sie den Koalitionspartner im Gegenzug dafür eine Forderung aus dessen Wahlprogramm umsetzen ließ, die mit dem Profil der stärkeren Partei eigentlich unvereinbar war. Und natürlich zeigt sich hier auch ein Dualismus zwischen Gut und Böse: Die Regierung ist böse, die Opposition gut – oder, je nach Perspektive, umgekehrt. Derartige Geplänkel zwischen Regierung und Opposition, die in parlamentarischen Demokratien praktisch an der Tagesordnung sind, würde man nicht mit dem Begriff ›Verschwörungstheorie‹ in Verbindung bringen. Dennoch finden sich in dem gewählten Beispiel zumindest von der Tendenz her sämtliche Eigenschaften, die Barkun Verschwörungstheorien zuschreibt. Wir selbst würden bei unserem Beispiel im Sinne unserer neutralen Definition auch tatsächlich von einer Verschwörungstheorie sprechen, denn schließlich geht es bei der Kritik der Opposition darum, dass sie der Regierung vorwirft, in geheimer Übereinkunft und Zusammenarbeit die Bevölkerung zu ›täuschen‹, um ein bestimmtes Ziel (Wiederwahl) zu erreichen. Dieses Beispiel illustriert gleichzeitig, was wir meinen, wenn wir schreiben, dass sich durch die Überwindung der negativen Konnotation des Begriffs ›Verschwörungstheorie‹ die Perspektive weitet und so Phänomene in den Blick geraten, die vorher außer Acht gelassen wurden; Phänomene, die unseres Erachtens aber untrennbar mit dem Themenkomplex Verschwörungstheorien und Verschwörungen verbunden sind.
Ein Merkmal, mit dem verschiedene Typen von Verschwörungstheorien unterschieden werden können, ist für Barkun das Ausmaß der behaupteten Verschwörung. Er unterscheidet zwischen ereignisbezogenen Verschwörungen, systemischen Verschwörungen und Superverschwörungen. Eine ereignisbezogene Verschwörung ist immer an einen bestimmten, räumlich und zeitlich begrenzten Fall oder eine Ereigniskette geknüpft und richtet ihren Fokus auf ein ganz spezielles Ziel oder Objekt. Als Beispiel hierfür nennt Barkun die behaupteten Verschwörungen in Bezug auf die Ermordung John F. Kennedys. Systemische Verschwörungen hingegen haben weiterreichende Zielsetzungen, die über längere Zeiträume und über Ländergrenzen hinweg existieren. Beispiele hierfür sind laut Barkun Vorstellungen über konspirative Machenschaften der Katholischen Kirche, der Juden, der Freimaurer, des internationalen Kapitals etc. Bei Superverschwörungen schließlich handelt es sich um ein umfassendes konspiratives Konstrukt, das mehrere Verschwörungen der ersten beiden Kategorien einschließt und in einer Art Hierarchie verbindet, an dessen Spitze geheime Machteliten stehen, die die Akteure der unteren Ebenen steuern und manipulieren, um so bestimmte Ziele zu erreichen.43 Als Beispiel hierfür nennt Barkun die Verschwörungstheorien des ehemaligen britischen Profi-Fußballers David Icke. Icke veröffentlicht seit Mitte der 1990er-Jahre Bücher und hält Vorträge über eine angeblich weltumspannende geheime Organisationsstruktur, die seit langem die menschliche Zivilisation kontrolliere und deren Ziel die Errichtung einer ›Neuen Weltordnung‹ und damit die Versklavung der gesamten Menschheit sei. An der Spitze der Geheimorganisation stünde eine Machtelite, bestehend aus Mischwesen zwischen Menschen und reptilienartigen Außerirdischen, die praktisch hinter allen Ereignissen stecken würden, um die sich Verschwörungstheorien ranken.44 Wir werden uns diesem Thema im siebten Kapitel ausführlicher widmen.
Auch wenn die eindeutige Zuordnung verschiedener Verschwörungstheorien im Rahmen dieser Klassifikation in einigen Fällen schwierig sein dürfte, erscheint die Unterscheidung von Verschwörungstheorien nach dem Ausmaß der behaupteten Verschwörung, die auch bei anderen Autoren45 zu finden ist, sehr hilfreich. Verschwörungstheorien, die von seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden wirkenden, gleichsam allmächtigen Verschwörern ausgehen, die die Geschicke der gesamten Menschheit kontrollieren, haben vollkommen andere Grundannahmen und Implikationen als Verschwörungstheorien, die hinter bestimmten Ereignissen konspirative Strukturen sehen, die in ihren räumlichen und zeitlichen Ausdehnungen sowie hinsichtlich der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen begrenzt sind. Mit dem Ausmaß der mutmaßlichen Verschwörung sind in den meisten Fällen weitere Charakteristika verbunden. Als grobe Faustregel kann gelten: Je größer das Ausmaß der angenommenen Verschwörung, desto schwieriger ist die Verschwörungstheorie zu widerlegen. Denn: Jede Behauptung gegen die Verschwörung kann als Beleg für die umfassende Macht der Verschwörer uminterpretiert werden. Und: Mit zunehmender zeitlicher und räumlicher Ausdehnung der angenommenen Verschwörung sinkt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die entsprechende Verschwörungstheorie sich auf realistische Annahmen bezieht. Der umgekehrte Fall gilt allerdings nicht, d. h., eine Verschwörungstheorie wird nicht automatisch plausibler, wenn die Reichweite der behaupteten Verschwörung sehr begrenzt ist. Wenn der Mitarbeiter einer Firma vermutet, dass sich mehrere seiner Kollegen mit dem Ziel verschworen haben, ihn aus der Firma zu mobben, muss dies nicht unbedingt plausibler sein als die Vermutung eines investigativen Journalisten, dass sich mehrere Unternehmen einer bestimmten Branche zu einem Kartell zusammengeschlossen haben.
Unabhängig von der Ausdehnung der vermuteten Verschwörungen unterscheidet der amerikanische Philosoph Brian L. Keeley zwischen Verschwörungstheorien im Allgemeinen und ungerechtfertigten Verschwörungstheorien. Unter Verschwörungstheorien im Allgemeinen versteht er Erklärungen für ein Ereignis oder mehrere Ereignisse, bei denen das Wirken einer relativ kleinen, im Geheimen agierenden Gruppierung (den Verschwörern) als ursächlicher Faktor beschrieben wird. Generell können Verschwörungstheorien nach Keeleys Verständnis durchaus legitim und zutreffend sein. Dies gilt allerdings nicht für die ungerechtfertigten Verschwörungstheorien, die nach Keeley eine Unterkategorie von Verschwörungstheorien im Allgemeinen bilden und folgende fünf Charakteristika aufweisen: (1) Sie richten sich stets gegen offizielle oder offensichtliche Erklärungen bestimmter Ereignisse; (2) den mutmaßlichen Verschwörern werden stets schädliche Absichten unterstellt, (3) sie versuchen, Ereignisse miteinander zu verknüpfen, die nichts miteinander zu tun haben; (4) bei den von den Verschwörungstheorien angebotenen Erklärungen zu bestimmten Ereignissen handelt es sich aus Sicht der Verschwörungstheoretiker immer um von den Verschwörern behütete Geheimnisse; (5) das wichtigste Werkzeug ungerechtfertigter Verschwörungstheorien sind Ungereimtheiten, Unerklärtes und Widersprüchliches im Hinblick auf die offizielle Erklärung von Ereignissen (»errant data«).46
Keeley möchte also gewissermaßen ›gute‹ von ›schlechten‹ Verschwörungstheorien unterscheiden. Doch sind seine Unterscheidungsmerkmale dafür wirklich geeignet? Das Problem ist, dass es einige durchaus plausible Verschwörungstheorien gibt, auf die Keeleys Kriterien allesamt zutreffen, und dass es umgekehrt unsinnige Verschwörungstheorien gibt, welche die Kriterien nicht alle erfüllen.47 Nehmen wir etwa die Behauptung der US-Regierung unter Präsident George W. Bush im Vorfeld des 2003 begonnenen Irak-Krieges, dass es bei den Anschlägen vom 11. September 2001 eine Zusammenarbeit zwischen der Terrororganisation Al-Quaida und Saddam Hussein gegeben habe. Obwohl es keinerlei handfeste Beweise für eine solche Zusammenarbeit gab, wiederholten Präsident Bush und Vertreter seines Kabinetts die Anschuldigungen immer wieder und machten sie zu einem der Hauptgründe für den Krieg der USA gegen den Irak. Diese Verschwörungstheorie – und nichts anderes ist die Behauptung der Kooperation von Al-Qaida und dem Irak bei den Anschlägen vom 11. September – erfüllt alle von Keeley beschriebenen Merkmale einer unberechtigten Verschwörungstheorie, bis auf ein entscheidendes: Sie richtete sich nicht gegen eine offizielle Erklärung, sondern sie war die offizielle Erklärung. Die Frage, ob eine Verschwörungstheorie sich gegen eine offizielle Erklärung richtet oder nicht, ist also nicht zwingend entscheidend dafür, ob sie plausibel ist oder nicht. Ein zweites Argument gegen Keeleys Kriterienkatalog ist seine Blindheit gegenüber verschiedenen sozialen Kontexten, in denen Verschwörungstheorien entstehen. Innerhalb von repressiven politischen Systemen etwa können Verschwörungstheorien, die sämtliche Kriterien von Keeley für ungerechtfertigte Verschwörungstheorien erfüllen, vollkommen berechtigt und zutreffend sein.48 Insgesamt bietet Keeleys Bestimmung also nicht die Möglichkeit einer trennscharfen Unterscheidung zwischen plausiblen und unsinnigen Verschwörungstheorien.
Der amerikanische Historiker Geoffrey Cubitt unterscheidet drei grundlegende Eigenschaften von Verschwörungen: Es gibt (1) eine Kooperation von mehreren Akteuren, die (2) einen gemeinsamen Plan oder ein gemeinsames Ziel haben und (3) im Verborgenen agieren. Verschiedene Verschwörungstheorien betonen unterschiedliche Aspekte der Verschwörung: Mal geht es mehr um die Verschwörer, mal mehr um den Plan oder das Ziel der Verschwörung. Die Betonung eines Aspekts hat Folgen für den spezifischen Stil, die Argumentationsweise und die emotionale Stimmung einer Verschwörungstheorie. Daher schlägt Cubitt eine Unterscheidung in gruppenzentrierte und planzentrierte Verschwörungstheorien vor. Es ist etwas völlig anderes, ob eine Verschwörungstheorie pauschal bestimmte Gruppen als Verschwörer verdächtigt oder sich eher auf den möglichen Plan und Ablauf der Verschwörung fokussiert – vielleicht sogar, ohne überhaupt potenzielle Verschwörer beim Namen zu nennen. Für Cubitt sind gruppenbezogene Verschwörungstheorien grob, aggressiv und denunziatorisch, wohingegen planzentrierte Verschwörungstheorien insgesamt gemäßigter und sachlicher seien, mehr darauf bedacht zu verstehen, was passiert, als ein Feindbild zu vermitteln.49 Das mag nicht in jedem Fall stimmen, aber grundsätzlich erscheinen uns Cubitts Überlegungen zutreffend, da sie Kriterien liefern, über die man Verschwörungstheorien sinnvoll nach bestimmten Merkmalen unterteilen kann.
Cubitts Herleitung des Begriffs der Verschwörungstheorie ist aber noch aufgrund zweier anderer Punkte bestechend. Zum einen unterscheidet er ›Verschwörungstheorien‹ von ›Verschwörungsmythen‹. Erstere begreift Cubitt als Aktualisierung mythischer Denkfiguren, die aktuelle oder vergangene Ereignisse als Verschwörungen deuten. Die Eigenschaften von Verschwörungsmythen sind nach Cubitt (1) Dualismus, (2) Intentionalismus und (3) Okkultismus. Die ersten beiden beziehen sich schwerpunktmäßig auf die schon genannten gruppen- oder planzentrierten Verschwörungstheorien, der okkulte Aspekt, so der Historiker, wohne allen Verschwörungstheorien gleichermaßen inne. Man kann Cubitt hier so verstehen, dass, je einseitiger sich das Verschwörungsdenken auf die genannten Eigenschaften versteift, desto unwirklicher, unglaublicher und mythischer wird die entsprechende Verschwörungstheorie.50 Fixiert man sich beispielsweise in Bezug auf historische Ereignisse immer nur auf ein- und denselben Akteur oder dieselbe Gruppe (z. B. Islamisten, Kommunisten, Juden usw.), so gleitet das Verschwörungsdenken schnell ins Dualistische und damit in ideologische Feindbildproduktion ab. Werden andererseits alle Ereignisse und Akteure stets in den einen alles umfassenden Plan integriert, so tendiert das Denken auf eine letztlich unbeweisbare Agenda, die den Anschein von Notwendigkeit erweckt und selbstimmunisierend wie eine selbsterfüllende Prophezeiung wirkt. Die Nähe zu Poppers ›Verschwörungstheorie der Gesellschaft‹ und seiner Historizismus-Kritik ist unübersehbar.
Zum anderen ist Cubitts Begriffsbildung gut begründet, weil er Verschwörungstheorien nicht nur auf Mythen, sondern auch auf die Verschwörung als »soziale und politische Taktik« rückbezieht, die »von verschiedenen Gruppen genutzt wird, um eine Vielzahl unterschiedlicher Ziele zu erreichen«51. Da Verschwörungen als soziale Tatsachen, wie schon erwähnt, durch drei Elemente (mehrere Akteure verfolgen einen Plan im Geheimen) bestimmt sind, enthält auch die mythische Denkfigur, in die sich Verschwörungstheorien verlieren können, die entsprechenden Merkmale von Dualismus, Intentionalismus oder Okkultismus mit je unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen (akteurszentriert oder planzentriert) und emotionalen Signaturen samt »Handlungsanleitungen«.52 Während Cubitt okkulten Verschwörungstheorien keinen eigenen Stil zuspricht, werden wir im siebten Kapitel darlegen, dass es durchaus Verschwörungstheorien gibt, in denen weder der Bezug auf Akteure noch auf einen Plan, sondern vor allem eine okkulte Beziehung, das Verborgene, Rätselhafte oder ein Mysterium im Vordergrund der verschwörungstheoretischen Sinnbildung stehen.
Fassen wir unsere bisherigen Überlegungen zu Merkmalen und Typen von Verschwörungstheorien zusammen: Verschwörungstheorien gehen davon aus, dass es eine geheime, verborgene Wirklichkeit gibt, dass die Dinge nicht so sind, wie sie dargestellt werden. Sie suchen nach Zusammenhängen, Mustern, Verbindungen, Codes oder geheimen Zeichen und vermuten oder behaupten konspiratives Handeln als Ursache für bestimmte historische oder aktuelle Ereignisse. Das Ausmaß bzw. die Reichweite der angenommenen Verschwörungen reicht von kleinen Verschwörungen im Alltagsleben bis hin zu gigantischen Weltverschwörungen, die über lange Zeiträume die gesamte menschliche Zivilisation beeinflussen. Verschwörungstheorien können sich eher auf die Akteure der Verschwörung oder eher auf deren Agenda fokussieren. Der Bezug auf das Okkulte stellt einen Grenzfall dar. Grob lässt sich sagen: Je größer das Ausmaß der behaupteten Verschwörung und je mehr bestimmte Gruppen dafür verantwortlich gemacht werden, desto unrealistischer und auch gefährlicher ist eine Verschwörungstheorie – und desto mehr driftet sie ab in einen unwiderlegbaren Mythos. Insgesamt gibt es, abgesehen von der Ausdehnung der mutmaßlichen Verschwörung und der Gruppen- oder Planzentrierung, nur sehr wenige strukturelle Merkmale, um Verschwörungstheorien in verschiedene Kategorien der Plausibilität bzw. Legitimität zu unterteilen. Letztlich sind es vor allem inhaltliche Eigenschaften, die eine entsprechende Bewertung erlauben.
Die Sache mit der Wahrheit
Würde man Vertreter von verschwörungstheoretischen Deutungen nach ihrer Motivation fragen, sich mit den entsprechenden Themen zu beschäftigen, würden vermutlich viele antworten, dass es ihnen um ›die Wahrheit‹ geht. Viele Wissenschaftler, die sich mit Verschwörungstheorien auseinandersetzen, sprechen diesen hingegen jeglichen Wahrheitsgehalt ab. Wie steht es um das Verhältnis von Verschwörungstheorien zur Wahrheit?
Seit der Präsidentschaft Donald Trumps erfährt der Begriff ›Fake News‹ eine gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit. Im Allgemeinen versteht man darunter bewusst erzeugte Unwahrheiten, Falschinformationen und Falschmeldungen, die sich vor allem in sozialen Medien zum Teil massenhaft verbreiten. In den meisten Fällen haben die Schöpfer von Fake News politische oder finanzielle Interessen. Trump weitete die Bedeutung des Begriffs aus, indem er etablierten Medien regelmäßig vorwarf, gezielt Falschinformationen über seine Präsidentschaft zu verbreiten. In jüngster Zeit werden die Begriffe ›Fake News‹ und ›Verschwörungstheorien‹ oft synonym benutzt, dabei handelt es sich um grundsätzlich unterschiedliche Phänomene. Der Hauptunterschied ist: Verschwörungstheorien beziehen sich immer auf eine faktische oder fiktive Verschwörung, Fake News dagegen nur zu einem geringen Teil. Allerdings dienen Fake News häufig als Belege für vermeintliche Verschwörungen. Fake News basieren auf falschen Informationen oder bewussten Lügen. Doch wie ist es bei Verschwörungstheorien?
Auf die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Verschwörungstheorien gibt es innerhalb der Wissenschaft keine eindeutige Antwort. Ganz im Gegenteil: Es herrscht große Uneinigkeit darüber, wie angemessen oder unangemessen Verschwörungstheorien die Wirklichkeit beschreiben. Konkret geht es darum, ob Verschwörungstheorien grundsätzlich falsch sind oder ob es neben falschen auch wahre Verschwörungstheorien gibt. Wie weit die Meinungen hier auseinander gehen, zeigen die Positionierungen der zu Beginn dieses Kapitels erwähnten Bücher Nichts ist, wie es scheint von Michael Butter und Fake Facts von Katharina Nocun und Pia Lamberty. Während für Butter feststeht, dass sich »noch nie eine Verschwörungstheorie im Nachhinein als wahr herausgestellt«53 hat, betonen Nocun und Lamberty: »Dass einige Verschwörungshypothesen sich am Ende als wahr heraus gestellt haben, ist in der Wissenschaft unbestritten.«54 Welche Seite hat nun recht? Die Antwort lautet: beide, denn es hängt letztlich von der Definition des Begriffs ›Verschwörungstheorie‹ ab, ob es auch wahre Verschwörungstheorien geben kann oder nicht.55 Natürlich kann man Verschwörungstheorien so definieren, dass sie immer falsch sind, und dann eben nur jene Verschwörungstheorien betrachten, die sich als falsch herausgestellt haben oder mit großer Wahrscheinlichkeit falsch sind. Die Frage ist nur: Ist das sinnvoll? Unseres Erachtens führt das in eine völlig falsche Richtung, da so ein wesentlicher Teil des Themenkomplexes Verschwörungen und Verschwörungstheorien definitorisch ausgeklammert wird. Nur eine Gesamtbetrachtung dieses Phänomens ermöglicht ein fundiertes Verständnis von Verschwörungstheorien samt einer graduellen Differenzierung ihrer konkreten Erscheinungsformen.
Selbstverständlich hat es Verschwörungstheorien gegeben, die sich im Nachhinein als wahr herausgestellt oder die zur Aufdeckung von realen Verschwörungen beigetragen haben.56 Solche Fälle aufgedeckter Verschwörungen wiederum befördern den Glauben an weitere Verschwörungen und damit die Entwicklung entsprechender neuer Verschwörungstheorien. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen. Schauen wir uns einen solchen Fall genauer an: die Watergate-Affäre.
Anfang der 1970er-Jahre befand sich die Parteizentrale der Demokratischen Partei in dem Watergate-Gebäudekomplex in Washington. Seit 1969 war der Republikaner Richard Nixon 37. Präsident der USA. In der Nacht vom 17. Juni 1972 brachen fünf Männer in den Gebäudekomplex ein. Sie klebten ein Stück Klebeband an eine Tür, um deren Zufallen zu verhindern. Dies bemerkte ein aufmerksamer Wachmann und verständigte die Polizei, die kurz darauf die fünf Einbrecher festnehmen konnte. Das Ziel der Männer war es offenbar, Abhörwanzen in der Zentrale der Demokraten zu installieren und Dokumente zu fotografieren. Die nach dem Einbruch ermittelnden Staatsanwälte gingen zunächst nicht davon aus, dass die Tat eine größere politische Dimension hat. Dennoch spekulierten die investigativen Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward in der Washington Post schon Monate vor den eigentlichen Enthüllungen über eine weitreichende politische Verschwörung, die auch das Weiße Haus miteinschloss. Die beiden Journalisten hatten verdeckte Informationen von einem Informanten mit dem Pseudonym Deep Throat erhalten. Dessen Identität wurde erst im Jahr 2005, also 33 Jahre nach den Ereignissen, bekannt. Es handelte sich um Mark Felt, zur Zeit der Watergate-Vorfälle stellvertretender Direktor des FBI. Der amerikanische Journalist und Geheimdienstexperte Tim Weiner fasst die frühen Spekulationen über eine Regierungsverschwörung wie folgt zusammen: »Nicht alle ihre Berichte waren korrekt, doch insgesamt ergab sich das Bild einer ganzen Verschwörungsserie vonseiten des Weißen Hauses zur Ausschaltung der politischen Gegner des Präsidenten mit Hilfe von Spionage und Sabotage.«57 Zu diesem Zeitpunkt war allerdings noch nichts eindeutig nachgewiesen und der Washington Post wurde von der Regierung und anderen Zeitungen vorgeworfen, falsche Anschuldigungen zu verbreiten. Darüber hinaus wurde die Redaktion politisch unter Druck gesetzt, man drohte mit dem Entzug finanziell wichtiger Lizenzen.58 Die ersten Behauptungen über eine politische Verschwörung schadeten Nixon übrigens kaum: In der Präsidentschaftswahl am 7. November 1972 wurde Nixon, der zuvor jegliche Verwicklung in die Vorfälle vehement abstritt, mit einer deutlichen Mehrheit im Amt bestätigt. Doch die Gerüchteküche brodelte weiter. Ein halbes Jahr später, im Mai 1973, führten Wissenschaftler eine Studie zu Verschwörungstheorien rund um die Watergate-Affäre durch. Das Ergebnis lautete: Anhänger der Demokraten glaubten viel eher an eine Regierungsverschwörung als Republikaner. Außerdem zeigte sich, dass Menschen, die anderen gegenüber grundsätzlich misstrauisch eingestellt waren, viel eher dazu neigten, an die These einer Verschwörung zu glauben.59 Die Beweise, die für eine Regierungsverschwörung sprachen, wurden in der Folgezeit immer erdrückender. Doch Nixon versuchte alles, um seine Amtsmissbräuche zu vertuschen – dies allerdings brachte ihn in immer noch größere Schwierigkeiten. 1974 begannen formale Untersuchungen zu seiner Amtsenthebung und am 9. August trat Nixon schließlich von seinem Amt als Präsident zurück. Im Fall von Watergate haben wir es also mit vorerst nicht eindeutig bewiesenen Behauptungen über eine Verschwörung zu tun, die sich dann aber (zumindest zum Teil) als wahr herausstellten – und am Ende einen Präsidenten zu Fall brachten. Heute spricht im Zusammenhang mit der Watergate-Affäre niemand mehr von einer Verschwörungstheorie, sondern von einer realen Verschwörung. Doch was muss eigentlich passieren, damit aus einer Verschwörungstheorie eine anerkannte Verschwörung wird?
Den größten Einfluss auf das, was die Mitglieder moderner Gesellschaften mehrheitlich als ›wahr‹ oder ›wirklich‹ betrachten, haben die Bereiche Politik, Medien und Wissenschaft. Wenn eine Verschwörungstheorie in keinem dieser Bereiche aufgegriffen und als ›wahr‹ – d. h. als ernstzunehmend oder rational – betrachtet wird, hat sie im Prinzip keine Chance, den Sprung zu einer anerkannten und realen Verschwörung zu schaffen. Wird sie allerdings von allen drei Bereichen bestätigt, haben wir es mit einer wahren Verschwörung zu tun. Damit ist die Sache doch ganz einfach, oder? Leider nicht, denn die Angelegenheit ist weitaus komplizierter. In vielen Fällen ziehen Politik, Medien und Wissenschaft nicht an einem Strang, legen also unterschiedliche Bewertungen vor. Bei der Watergate-Verschwörung vertrat die Washington Post eine völlig andere Sicht auf die Dinge als das Weiße Haus. Darüber hinaus sind Politiker, Journalisten und Wissenschaftler bei der Beurteilung einzelner Verschwörungstheorien oftmals gänzlich unterschiedlicher Meinung. Donald Trump, der bereits in seinem ersten Wahlkampf 2016 gerne Verschwörungstheorien aufgriff – etwa jene, dass Barack Obama nicht in den USA geboren sei –, behauptete nach seiner Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 2020, dass die Wahl manipuliert worden wäre und ihm Stimmen ›gestohlen‹ worden seien. Die Demokraten sahen das freilich völlig anders. Trumps Anwälte konnten für den Vorwurf der Wahlmanipulation zwar keine handfesten Beweise liefern, dies änderte allerdings nichts daran, dass Millionen seiner Anhänger die Geschichte von der ›gestohlenen Wahl‹ für die Wahrheit hielten – mit bekannten Folgen. Dass es so weit kommen konnte, hängt auch damit zusammen, dass Trump, der mit den Medien im Allgemeinen bekanntermaßen auf Kriegsfuß steht, während seiner Präsidentschaft von großen Zeitungen und Nachrichtensendern in den USA nicht nur Gegenwind erfuhr. Der den Republikanern nahestehende Nachrichtenkanal Fox News, einer der meistgesehenen in den USA, griff Falschbehauptungen von Trump immer wieder kritiklos auf und präsentierte sie einem Millionenpublikum.
Dies verweist auf den Umstand, dass es bei Verschwörungstheorien mindestens zwei Wahrheitsebenen gibt: die faktische Realität und die soziale Wirklichkeit. Auf der Ebene der faktischen Realität von Verschwörungstheorien geht es um die faktenbasierte Auseinandersetzung, also um die Frage, ob es klare Belege für eine Verschwörung gibt oder nicht. Mit anderen Worten: Es geht darum, ob die Fakten für oder gegen eine Verschwörung sprechen. Derartige Diskussionen finden oft in journalistischen und wissenschaftlichen Kontexten statt, doch man sollte nicht davon ausgehen, dass hier immer eindeutige, objektive Bewertungen und Konsense entstehen. Auch Journalisten und Wissenschaftler sind nicht immer neutral, sachlich, widerspruchsfrei und unvoreingenommen. Was in Bezug auf verschiedene Verschwörungstheorien ›Fakten‹ sind und was ›Fakes‹, ist immer wieder Gegenstand heftiger Kontroversen. Das lateinische Wort factum bedeutet eben nicht nur Tatsache, sondern auch ›das Gemachte‹. Wir möchten an dieser Stelle aber betonen, dass wir nicht infrage stellen, dass es so etwas wie eine ›objektive Realität‹ gibt. Allerdings werden die Daten dieser Realität immer durch menschliche Beobachter interpretiert, was zum Teil zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führt.60
Die Ebene der sozialen Wirklichkeit funktioniert nach einer anderen Logik. Hier ist nicht primär entscheidend, ob es klare Belege gibt, die für oder gegen eine Verschwörung sprechen, sondern es kommt darauf an, wie viele Menschen und welche sozialen Instanzen diese Verschwörung für real halten und welchen Einfluss dies auf eine Gesellschaft hat. In vielen Fällen stimmen die beiden Ebenen überein, das heißt, wenn eine Verschwörungstheorie im Rahmen einer offenen Diskussion über die ihr zugrunde liegenden Fakten zurückgewiesen wird, besitzt sie auch sozial keine Gültigkeit. Häufig widersprechen sich die beiden Ebenen aber auch. Am 5. Februar 2003 begründete Colin Powell, Außenminister unter Präsident George W. Bush, vor dem UN-Sicherheitsrat die Absicht der amerikanischen Regierung, gegen den Irak in den Krieg zu ziehen. Der Hauptvorwurf lautete, dass der Irak in geheimen Fabriken Massenvernichtungswaffen produziere und Vorräte anlege. Die Beweise für diese Behauptung waren recht dürftig. Der amerikanische Offizier Scott Ritter, nach dem Golfkrieg 1991 als UN-Waffeninspekteur im Irak tätig, hatte zuvor schlüssig dargelegt, warum der Irak über keine funktionsfähigen atomaren, chemischen oder biologischen Massenvernichtungswaffen verfügen konnte.61 Diese Aussagen hätten eigentlich Gewicht haben müssen, denn schließlich war Ritter Experte auf diesem Gebiet und hatte von 1991 bis 1998 an nichts anderem gearbeitet, als den Irak zu entwaffnen und dafür zu sorgen, dass dieser keine neuen Waffen herstellt. Doch die Meinung des Experten zählte nicht. Nach der öffentlichkeitswirksamen Präsentation Powells sprach sich eine Mehrheit der Bevölkerung in den USA für den Irak-Krieg aus. Die Massenvernichtungswaffen im Irak wurden – wie die bereits erwähnte Behauptung der Zusammenarbeit von Saddam Hussein und Osama bin Laden bei den Anschlägen am 11. September – zu einer sozialen Realität – zumindest für einen Teil der amerikanischen Bevölkerung. Mit Fakten hatte dies nicht viel zu tun. Die Massenvernichtungswaffen wurden bis heute nicht gefunden. Allerdings wurden mit dem Krieg ganz andere, schrecklich reale Fakten geschaffen.
Diese Überlegungen und Beispiele sollen zeigen, dass es so etwas wie anerkannte und nicht-anerkannte Verschwörungstheorien gibt. Darüber, ob bestimmte Ereignisse im Allgemeinen als Ergebnis einer Verschwörung betrachtet werden oder nicht, entscheiden nicht nur Fakten, sondern auch Prozesse der Erzeugung sozialer Wirklichkeit. Aus der Kombination der beiden Wahrheitsebenen von faktischer Realität und sozialer Wirklichkeit ergeben sich vier mögliche Modi, in die Verschwörungstheorien bzw. Verschwörungen eingeteilt werden können: Verschwörungstheorien sind faktisch richtig oder falsch sowie sozial anerkannt oder nicht anerkannt. Die folgende Tabelle bildet diese vier Möglichkeiten anhand von konkreten Beispielen ab.
| sozial anerkannt | sozial nicht anerkannt | |
| faktisch richtig | Watergate-Affäre | NSA-Überwachung(vor Snowden) |
| faktisch falsch | Massenvernichtungswaffen im Irak (2003) | Chemtrails |
Im Fall der Watergate-Affäre sprechen die historisch dokumentierten Fakten eindeutig für eine Regierungsverschwörung, die innerhalb der amerikanischen Öffentlichkeit, aber auch weltweit anerkannt ist. Damit ist in diesem Fall nicht mehr von einer Verschwörungstheorie, sondern von einer Verschwörung die Rede.
Bereits vor den Enthüllungen Edward Snowdens gab es immer wieder Hinweise und Spekulationen bezüglich des gigantischen Ausmaßes der Überwachungsmaßnahmen der NSA. Diese erzeugten aber keine besondere Aufmerksamkeit. Erst durch die von Snowden veröffentlichten Dokumente wurde der Weltöffentlichkeit bewusst, in welchem Umfang die NSA Überwachungs- und Spionagemaßnahmen durchführt.
2003 verfügte der Irak über keine Massenvernichtungswaffen. Die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung glaubte jedoch der Bush-Regierung und war vom Gegenteil überzeugt.
Dafür, dass Passagier- oder Militärflugzeuge großflächig giftige Chemikalien in der Erdatmosphäre versprühen, spricht nur sehr wenig. Die Anhänger von Chemtrail-Verschwörungstheorien bilden eine kleine Minderheit.
Natürlich lassen sich viele Verschwörungstheorien und reale Verschwörungen nicht eindeutig einem der Felder zuordnen. Was an einer Verschwörungstheorie faktisch richtig ist und was nicht, ist in der Regel Gegenstand heftiger Kontroversen und lässt sich oftmals erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand klären – wenn überhaupt. Der Status von Verschwörungstheorien ist dynamisch. Sowohl die Daten- und Faktenlage als auch die soziale Deutung und Bewertung können sich ändern. Was gestern noch als krude Verschwörungstheorie galt, kann morgen eine anerkannte Verschwörung sein – und gelegentlich auch umgekehrt.
Zur Psychologie von Verschwörungstheorien
Zum Klischee des Verschwörungstheoretikers gehört, dass er ein Spinner, ein Außenseiter, paranoid oder zumindest in irgendeiner Weise seltsam ist. In letzter Zeit wird Verschwörungstheoretikern häufig und gerne unterstellt, dass sie aus Aluminiumfolie geformte Kopfbedeckungen tragen. Bekanntlich beinhalten Klischees häufig zumindest ein Fünkchen Wahrheit. Gilt das auch für Anhänger von Verschwörungstheorien? Die Psychologie hat sich über lange Zeit nur wenig für Verschwörungstheorien und ihre Anhänger interessiert. Das hat sich in den letzten fünfzehn Jahren grundlegend geändert. Inzwischen gibt es einen wahren Boom psychologischer Forschung über Verschwörungstheorien. Im Kern geht es dabei immer um dieselbe Frage: Was bringt Menschen dazu, an Verschwörungstheorien zu glauben?
Eine der ersten sozialpsychologischen Studien über den Glauben an Verschwörungstheorien wurde 1994 veröffentlicht und stammt von dem amerikanischen Soziologen Ted Goertzel. In einer Telefonbefragung wurden 348 zufällig ausgewählte Einwohner des US-Bundesstaates New Jersey nach ihrer Meinung zu zehn verschiedenen Verschwörungstheorien gefragt, etwa jener, dass die U.S. Air Force Beweise für die Existenz von UFOs vertuscht, oder jener, dass das FBI in die Ermordung Martin Luther Kings involviert war. Die meisten der Befragten gaben an, dass eine oder mehrere der Verschwörungstheorien wahr sein könnten. Personen, die von einer Verschwörungstheorie überzeugt waren, glaubten mit höherer Wahrscheinlichkeit auch an eine oder mehrere andere. Der Glaube an Verschwörungstheorien korrelierte dabei mit mangelndem zwischenmenschlichem Vertrauen und der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Afroamerikaner und Amerikaner mit hispanischen Wurzeln hielten Verschwörungstheorien häufiger für wahr als weiße US-Amerikaner. Jüngere Menschen stimmten Verschwörungstheorien eher zu als ältere. Das Bildungsniveau, Geschlecht oder die Berufsgruppe hingegen hatten keinen besonderen Einfluss.62
Weitere Studien fanden Zusammenhänge zwischen dem Glauben an Verschwörungstheorien und Gefühlen der Entfremdung, Machtlosigkeit, Feindseligkeit und Benachteiligung63 oder zwischen der Neigung zu Verschwörungstheorien und Kontrollverlust.64 Anhänger von Verschwörungstheorien sind eher weiblich, weniger gebildet und religiös65 oder aber eher männlich und von sozioökonomischen Abstiegsängsten geplagt.66 Sie haben eine »autoritäre Charakterstruktur«67 und tendieren zu politischen und religiösen Extremen.68 Andere Studien suchten nach psychologischen Auffälligkeiten oder gar Pathologien bei Anhängern von Verschwörungstheorien – und wurden fündig. Eine Untersuchung der Psychologen Daniel Freeman und Richard P. Bentall kam zu dem Ergebnis, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, ein geringeres physisches und psychisches Wohlbefinden aufweisen, vermehrt Selbstmordgedanken und schwierige Familienerfahrungen haben und häufiger die Kriterien für eine psychiatrische Störung erfüllen.69 Der Psychiater und Therapeut Hans-Joachim Maaz erklärt sich die Akzeptanz von Verschwörungstheorien durch pathogene Störungen in der frühkindlichen Eltern-Kind-Beziehung.70 Laut weiterer Studien gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Glauben an Verschwörungstheorien und Merkmalen von Persönlichkeitsstörungen.71 Anhänger von Verschwörungstheorien haben ein niedriges Selbstwertgefühl, heißt es in einigen Studien, andere wiederum gehen davon aus, dass Narzissmus eine Ursache für die Neigung zu Verschwörungstheorien sein kann.72 Und natürlich gibt es Untersuchungen, die – ganz in der Tradition Hofstadters – zu dem Ergebnis kommen, dass Verschwörungstheorien mit paranoiden Denkformen assoziiert sind.73 Darüber hinaus spiele bei der Akzeptanz von Verschwörungstheorien eine selektive, einseitige oder eingeschränkte Wissensbasis (»verkrüppelte Erkenntnisse«) eine entscheidende Rolle74 und Verschwörungstheoretiker würden »grundlegende Attribuierungsfehler« machen.75 Last but not least steht sogar Langeweile im Verdacht, den Glauben an Verschwörungstheorien zu begünstigen.76
Diese Auflistung von kognitiven, psychischen und sozioökonomischen Defiziten und Mängeln sowie sonstigen Problemen, die Anhänger von Verschwörungstheorien angeblich auszeichnen, ließe sich noch lange fortsetzen. Allerdings brächte dies kaum einen Erkenntnisgewinn, da sich die Ergebnisse der entsprechenden Studien zum Teil widersprechen und in einigen Fällen von höchst fragwürdigen Grundannahmen ausgehen. Vor allem die Tendenz, Anhänger von Verschwörungstheorien pauschal zu pathologisieren, erscheint angesichts des Umstandes in höchstem Maße zweifelhaft, dass in den meisten Ländern diejenigen, die an irgendeine Verschwörungstheorie glauben, in der Mehrheit sein dürften.77 Der Psychologe Marius Raab stellt fest, dass innerhalb der Psychologie eine abwehrend-abwertende Haltung gegenüber Verschwörungstheorien dominiert und der Glaube an Verschwörungstheorien einseitig mit problematischen Ansichten wie der Leugnung des Klimawandels, der Ablehnung von Schutzimpfungen und antisemitischen Stereotypen in Verbindung gebracht wird.78 In der Tat scheinen viele psychologische Studien von der Prämisse auszugehen, dass Verschwörungstheorien ein Problem darstellen. Und zwar in dreierlei Hinsicht: Erstens wird oftmals pauschal unterstellt, dass Verschwörungen von falschen Behauptungen, unwahren Informationen und fiktiven Zusammenhängen ausgehen (mithin: sachlich falschen Wirklichkeitsaussagen). Zweitens wird angenommen, der Glaube an eine entsprechende Verschwörung würde nicht nur einfach auf sachlich falschen Vorstellungen beruhen, sondern darüber hinaus Zweifel an der geistigen Gesundheit jener ›Gläubigen‹ erlauben, wenn nicht gar nahelegen. Und drittens schließlich stellten Verschwörungstheorien eine politische Gefahr dar, da sie einen Nährboden für irrationale, politisch extreme Haltungen böten – und daher gesellschaftlich und politisch riskant und verwerflich seien.79 Verschwörungstheorien erscheinen aus dieser Perspektive gewissermaßen als eine ›Krankheit‹, die es gesellschaftlich, politisch und womöglich auch medizinisch-psychologisch zu behandeln gilt.
Auf Grundlage dieser Prämissen wird in psychologischen Studien oftmals eher die Zustimmung zu jenen Verschwörungstheorien abgefragt, die aus Sicht der Wissenschaftler falsch, problematisch oder auch gefährlich sind. Die Auswahl ist dabei oftmals vollkommen willkürlich.80 Werden ausschließlich oder mehrheitlich negativ bewertete Erscheinungsformen von Verschwörungstheorien in Studien untersucht, ergibt sich ein verzerrtes, irreführendes Bild. Das ist in etwa so, als würde man in Studien lediglich Mitglieder von extremen Parteien befragen, um daraus allgemeine Aussagen über ›die Politik‹ abzuleiten. Eine solche Vorgehensweise erzeugt kaum Erkenntnisse über die Anhänger von Verschwörungstheorien, sondern bestätigt eher die Vorurteile der Wissenschaftler, die sie untersuchen.
Einige Studien fragen die Zustimmung zu sehr verschiedenen Verschwörungstheorien ab, darunter auch solche, die nicht ganz abwegig sind. Dabei taucht allerdings ein anderes Problem auf: Ist es wirklich sinnvoll, Menschen mit sehr unterschiedlichen verschwörungstheoretischen Vorstellungen in einen Topf zu werfen und nach gemeinsamen psychologischen Ursachen für ihre Vorstellungen zu suchen? Jemand, der es für möglich hält, dass Geheimdienste in Terroranschläge verwickelt sind und dass die Gründe für den Irak-Krieg bewusste Lügen waren, hat mit Chemtrails-Anhängern nicht zwingend etwas gemeinsam. Jemand, der davon überzeugt ist, dass die amerikanische Regierung Wissen über UFOs verschleiert, kann antisemitische Verschwörungstheorien genauso abstoßend finden wie jemand, der das gesamte UFO-Thema für ausgemachten Unsinn hält.
In einer Reihe von psychologischen Studien wird davon ausgegangen, dass der Glaube an Verschwörungstheorien eine stabile Persönlichkeitseigenschaft ist, dass es so etwas wie eine Verschwörungsmentalität gibt. Die Ausprägung der Verschwörungsmentalität wird nicht anhand der Zustimmung zu bestimmten Verschwörungstheorien gemessen, sondern über die Bewertung allgemeiner Aussagen mit Bezug zu Verschwörungstheorien, etwa »Es geschehen sehr viele wichtige Dinge in der Welt, über die die Öffentlichkeit nie informiert wird« oder »Die internationalen Geheimdienste mischen viel mehr in alltäglichen Dingen mit, als man denkt.«81 Derartige Aussagen werden von den Teilnehmern der Studien dann in der Regel im Rahmen einer mehrstufigen Skala von »Stimme überhaupt nicht zu« bis hin zu »Stimme voll und ganz zu« bewertet. Abgesehen davon, dass einige der Aussagen je nach politisch-gesellschaftlichem Kontext eher dem gesunden Menschenverstand als einer Verschwörungsmentalität entsprechen,82 stellt sich die Frage, was genau es eigentlich bedeutet, wenn die Teilnehmer solcher Studien derartigen Aussagen zustimmen oder auch nur teilweise zustimmen. Drücken sich darin tatsächlich feste Überzeugungen aus, die auf eine Verschwörungsmentalität, auf spezifische psychologische Merkmale schließen lassen? Geht es, gerade bei Verschwörungstheorien, nicht auch oft um Unsicherheiten, Vermutungen und vage Vorstellungen? Mit den Worten Karl Hepfers: »Denn nicht jede Vermutung, an einer Sache könnte mehr dran sein, als auf den ersten Blick zu erkennen ist, nicht jeder Verdacht, es gehe nicht alles mit rechten Dingen zu, begründet bereits eine Verschwörungstheorie. Im Gegenteil: Meistens sind derartige Vermutungen schlicht ein verdecktes Eingeständnis unserer Unwissenheit und weit von der Behauptung entfernt, die Undurchsichtigkeit einer Situation müsse dem planvollen Wirken verborgener Mächte zugeschrieben werden.«83 Dies alles soll nicht negieren, dass Verschwörungstheorien psychologische Funktionen erfüllen. Sie können sinn- und identitätsstiftend wirken; sie bieten Deutungen und Erklärungen für eine immer komplexer erscheinende Welt; sie können Bedürfnisse nach Einzigartigkeit befriedigen oder bestehende Vorurteile bestätigen. Allerdings sind dies keine Alleinstellungsmerkmale von Verschwörungstheorien, sie treffen genauso auf viele andere Erklärungsmodelle, Deutungsmuster und Haltungen zu, etwa auf politische Einstellungen oder religiöse Überzeugungen.
Kommen wir zu der Ausgangsfrage dieses Kapitels zurück: Sind Anhänger von Verschwörungstheorien in irgendeiner Weise psychologisch auffällig oder gar psychisch krank? Die Ergebnisse der psychologischen Studien sind sehr uneindeutig und lassen diesen Schluss nicht zu. Alles andere wäre im Prinzip auch verwunderlich, da Verschwörungstheorien kein Phänomen von Minderheiten, sondern weitverbreitet sind. Insbesondere die häufig wiederkehrende Behauptung, dass Verschwörungstheorien mit klinischer Paranoia in Verbindung stehen, ist eher ein Klischee als ein wissenschaftlich eindeutiger Befund. Auch die Annahme, Anhänger von Verschwörungstheorien unterlägen kognitiven Verzerrungen, lässt sich empirisch nicht klar belegen.84 Dasselbe gilt für soziodemografische Aspekte: Die Befunde über den Einfluss von Faktoren wie Alter, Bildung, Geschlecht, Berufsgruppe etc. auf die Zustimmung zu Verschwörungstheorien sind so widersprüchlich, dass sich daraus keine eindeutigen und generalisierbaren Aussagen ableiten lassen.85 Kurzum: Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, scheinen sich im Allgemeinen kaum oder gar nicht von Menschen zu unterscheiden, die dies nicht tun.
Verschwörungstheorien scheinen mehr ein genuin soziales als ein psychologisches Phänomen zu sein. Ihre Erscheinungsformen reichen von vollständigem Unfug bis hin zu legitimen und faktenbasierten Überlegungen. Ohne jeden Zweifel bedürfen die problematischen, gefährlichen gesellschaftlichen Aspekte des Verschwörungsdenkens besonderer Beachtung in der wissenschaftlichen Analyse. Allerdings können, so unsere Überzeugung, Verschwörungstheorien analytisch nicht auf irrationales Denken und ein gesellschaftspolitisch negatives oder destruktives Wirkpotenzial reduziert werden.
Wie entstehen Verschwörungstheorien?
Da Verschwörungstheorien ein sehr komplexes, heterogenes Phänomen sind, gibt es für ihre Entstehung nicht die eine Ursache. Manche Verschwörungstheorien werden gezielt von politischen Autoritäten verbreitet, um deren Macht zu sichern oder um bestimmte Maßnahmen umzusetzen und eigene Ziele zu verfolgen, wie etwa die Behauptung einer Unterwanderung des Regierungsapparates der Vereinigten Staaten durch Kommunisten in der McCarthy-Ära.86 Bei gezielt zu politischen Zwecken eingesetzten Verschwörungstheorien kommen wir in den Bereich von Desinformation und Propaganda. In solchen Fällen kann zurecht bezweifelt werden, ob die Protagonisten der entsprechenden Verschwörungsbehauptungen überhaupt selbst daran glauben. Hier scheint oftmals eher die propagandistische oder politische Wirkung der Verschwörungstheorie im Vordergrund zu stehen.
Die meisten modernen Verschwörungstheorien entstehen jedoch aus dem Bedürfnis, alternative Erklärungen für bestimmte Ereignisse und Entwicklungen zu finden. Der wichtigste Faktor für die Entstehung von Verschwörungstheorien scheint uns in diesem Zusammenhang ein grundlegendes Misstrauen zu sein. Dieses Misstrauen kann sich etwa auf die Äußerungen einzelner Personen oder Personengruppen, auf die offiziellen Erklärungen für bestimmte Ereignisse oder auch auf ganze gesellschaftliche Systeme oder Institutionen wie etwa ›die Medien‹ oder ›die Politik‹ beziehen, kommt also innerhalb von Verschwörungstheorien in höchst unterschiedlichen Dosen vor. Aus diesem Misstrauen erwächst schließlich der Verdacht oder die Gewissheit, dass ›etwas nicht stimmt‹, sich ›hinter den Kulissen‹ etwas abspielt, dass es eine verborgene Verschwörung gibt.87 Das Misstrauen speist sich aus sehr unterschiedlichen Quellen. Eine der wichtigsten Ursachen dafür scheint uns das kulturelle Wissen um die Existenz realer Verschwörungen zu sein. Die Vorstellung erfolgreicher und gescheiterter politischer wie ökonomischer Verschwörungen ist fester Bestandteil unseres kollektiven Wissens – und begründet in den Augen vieler Menschen die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit weiterer Verschwörungen. Anders ausgedrückt: Dadurch, dass Verschwörungen grundsätzlich im Bereich des Möglichen liegen, bleibt für von Menschenhand verursachte Ereignisse im Prinzip immer auch ein verschwörungstheoretischer Interpretationsspielraum.88
Konspirative Praktiken sind mit unserer Kultur und unseren Alltagshandlungen untrennbar verbunden. Der Soziologe Erving Goffman spricht von Kollusionen, die Eltern-Kind-Beziehungen, Partnerschaften oder auch das kollaborative Verhältnis zwischen Arzt, Patient und Angehörigen prägen – etwa dort, wo es um Erzählungen vom Weihnachtsmann, eine Überraschungsfeier oder aber das einvernehmliche Zurückhalten belastender Informationen über einen Krankheitszustand geht. Goffman schreibt, dass wir alle »ein wenig von der süßen Schuld des Verschwörers in uns tragen«, insofern wir im Alltag stetig damit beschäftigt sind, mit- und gegeneinander die eine oder andere Situationsbestimmung zu stabilisieren oder durchzusetzen.89 Wenn innerhalb einer Paarbeziehung der Ehemann seine Frau mit einer Geburtstagsparty überrascht und ihr deshalb die Unwahrheit über sein Treiben ›hinter den Kulissen‹ erzählt, so ist dies nicht weniger konspirativ, als wenn er seine Partnerin stattdessen über eine Liebesaffäre im Unklaren lässt. In der Regel sind Alltagskonspirationen so lange unproblematisch, wie es gelingt, die soziale Ressource Vertrauen nicht zu sehr zu belasten. Alltagsverschwörungen basieren auf gegenseitiger Anerkennung und einem gemeinsam geteilten impliziten Wissen (Common Sense) darüber, was in den gegebenen Kontexten ›richtig‹, angemessen oder taktvoll ist. Während die kollektive Täuschung zur Vorbereitung einer Überraschungsfeier oder das kollaborative Verschweigen einer schweren Krankheitsdiagnose in den meisten Fällen unproblematisch oder nachträglich verzeihlich, ja sogar erwünscht sind, gilt die geheime Liebesaffäre in der Regel als Betrug. Sie ist mit Enttäuschung verbunden, zerstört Vertrauen und erzeugt Misstrauen.
Die Lüge oder die kollektive Täuschung, wie sie in der Verschwörung zum Tragen kommt, ist nach dem Soziologen Georg Simmel eine Kulturtechnik, um »geistige Überlegenheit zur Wirkung zu bringen« und damit Macht über die Unwissenden auszuüben.90 Als Machttechnik bietet die Täuschung in Form der Lüge oder Verschwörung die Möglichkeit der Erschaffung »einer zweiten Welt neben der offenbaren«, meint Simmel. Greifen wir das erwähnte Beispiel der Massenvernichtungswaffen-Lüge noch einmal auf, so wird verständlich, was das bedeutet. Die massenmedial transportierte Lüge von den Massenvernichtungswaffen im Irak Anfang 2003 stellte sich für die getäuschte Öffentlichkeit (oder zumindest Teile von ihr) wie die ›Realität‹ dar. Weil das vermeintliche Beweismaterial in Form von Dokumenten und Aussagen gezielt so präsentiert wurde, als handele es sich dabei um unumstößliche Fakten, übte diese ›zweite Welt‹ der fabrizierten Beweise einen so starken Einfluss aus, dass sich durch die darauf gründende Folgehandlung des Angriffskrieges die Realität tatsächlich veränderte. Auch die Gegenstimme des Experten Scott Ritter konnte an der Wirkung der Lüge nichts ändern. Der Krieg wurde Realität. Aber nicht aufgrund von echten Massenvernichtungswaffen oder einer realen Verschwörung von Saddam Hussein und Osama bin Laden, sondern auf der Basis eines Komplotts zur Täuschung der (Welt-)Öffentlichkeit.
Die Verschwörung wird also dort problematisch, wo sie das Vertrauen in soziale Institutionen (nachhaltig) erschüttert. Im Bereich der Politik sprechen wir dabei oft von machiavellistischen Verschwörungen. Der Machttheoretiker Niccolò Machiavelli kann als einer der ersten Theoretiker der Verschwörung betrachtet werden. In seinem schon im 16. Jahrhundert verfassten Werk Discorsi legt Machiavelli den Grundstein dafür, Verschwörungen als politische Machttechniken ganz bewusst strategisch einzusetzen. Von Machiavelli aus kann die Ideengeschichte der konspirativen Praxis über die französische Aufklärung bis hin zum modernen Geheimdienst verfolgt werden, wo die »Konspiration als Beruf«91 professionalisiert ist. Dabei lassen sich professionelle Verschwörungen zwar graduell, aber nicht prinzipiell von den Techniken der Informationskontrolle unterscheiden, die in Alltagsverschwörungen zum Einsatz kommen.
Aufgrund der festen Verankerung konspirativer Praxis sowohl in unserem Alltagsleben als auch und vor allem in jenen gesellschaftlichen Bereichen, in denen es um den Gewinn und die Ausübung von Macht geht, haben wir durchaus guten Grund, misstrauisch und wachsam gegenüber ›offiziellen‹ Wahrheiten zu sein. Die aktuelle Verbreitung von Verschwörungstheorien ist zumindest zu einem Teil auch eine Reaktion auf das Fehlverhalten gesellschaftlicher Eliten. Lügen und Täuschungen in der Politik, Komplotte in wirtschaftlichen Strukturen, außergesetzliche Geheimdienst-Aktionen, Klüngelei in der Wissenschaft oder journalistische Fehltritte untergraben das Vertrauen der Bevölkerung gegenüber den entsprechenden Personen und Institutionen.92
Misstrauen allein reicht jedoch nicht aus, damit Verschwörungstheorien entstehen. Es ist eher so etwas wie der Nährboden, auf dem sie gedeihen. In der Regel sind es Begebenheiten mit bestimmten Eigenschaften, die zum Gegenstand verschwörungstheoretischer Deutungen werden. Es handelt sich um Ereignisse und Entwicklungen, die als krisenhaft, beängstigend und problematisch empfunden werden, die ein hohes Maß an kollektiver Aufmerksamkeit sowie emotionaler Erregung und moralischer Entrüstung erzeugen und darüber hinaus zumindest aus der Sicht mancher Beobachter Merkmale aufweisen, die den Verdacht einer Verschwörung nahelegen. Zu diesen Merkmalen zählen etwa: ungeklärte, offene Fragen, widersprüchliche Informationen, unbefriedigende, unplausible, lückenhafte Erklärungen, diskrete oder verdeckte Verbindungen ungeklärter Ereignisse zu bestimmten Personen, Personengruppen oder Institutionen, vor allem, wenn sie mächtig sind; aber auch Hinweise, Indizien oder gar konkrete Beweise im Hinblick auf eine konspirative Struktur, z. B. in Form von Dokumenten, Schriften, Aussagen von ›Insidern‹, ›Verrätern‹, ›Whistleblowern‹ etc.
Die wichtigste Funktion von Verschwörungstheorien besteht unseres Erachtens darin, unerwartete, irritierende oder beängstigende Ereignisse vor dem Hintergrund bestehender Weltbilder, Überzeugungen und Einstellungen sinnhaft zu deuten. Was heißt das? Wenn eine gegebene Erklärung für ein bestimmtes Ereignis mit dem Wissen, den Erfahrungen und den Überzeugungen eines Individuums oder einer Gruppe in Konflikt gerät, entsteht etwas, was man in der Psychologie kognitive Dissonanz nennt. Vereinfacht gesagt, kann eine kognitive Dissonanz dann entstehen, wenn Menschen Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Wünsche, Einstellungen etc. haben, die zueinander im Widerspruch stehen. Dies erzeugt eine innere Spannung, die die meisten Menschen als unangenehm empfinden und folglich auflösen wollen. Bei Verschwörungstheorien passiert oft genau das: Menschen nehmen ein Ereignis wahr und die angebotenen Erklärungen fügen sich nicht in ihre Perspektive auf die Welt ein. Wenn das entsprechende Ereignis allerdings mithilfe alternativer Erklärungen umgedeutet wird, kann es auf diese Weise in bestehende Überzeugungen integriert werden und die kognitive Dissonanz verschwindet. Dies knüpft an die These des deutschen Historikers Dieter Groh an, der annimmt, dass Verschwörungstheorien insbesondere dann Wirkung entfalten, wenn sie »in das vorherrschende Deutungsmuster einer Gruppe, Partei, Nation, Kultur, Religion wie der Schlüssel in ein Schloss hineinpassen«.93 Der konkrete Hintergrund für die Entstehung und Verbreitung einer Verschwörungstheorie kann z. B. aus Vorurteilen, Ressentiments, aus politischen Haltungen, religiösen Überzeugungen, aber auch aus wissenschaftlichen oder journalistischen Erkenntnissen oder schlichtweg dem gesunden Menschenverstand bestehen.
Aus diesen Überlegungen folgt, dass Verschwörungstheorien nicht nur destruktives, sondern durchaus auch positives gesellschaftspolitisches Potenzial entfalten können. Sie können – historische Beispiele lassen sich ausreichend finden – dazu genutzt werden, totalitäre Macht- und Herrschaftsverhältnisse, Unterdrückung und Zerstörung zu rechtfertigen. Sie können Vor- und Fehlurteile begünstigen oder extreme politische Meinungen legitimieren. Andererseits können sie aber auch zur Aufdeckung tatsächlicher Verschwörungen beitragen, Betrug oder Machtmissbrauch aufzeigen, auf ökonomische Manipulationen oder politische Korruption hinweisen.94 Wir sprechen uns deshalb nicht nur aus theoretischen, sondern auch aus gesellschaftspolitischen Gründen gegen eine pauschale Abwertung von Verschwörungstheorien aus und plädieren für eine differenzierte Perspektive, die das Phänomen in seiner ganzen Breite betrachtet. Dazu zählen gefährliche Varianten von Verschwörungstheorien, harmlose, aber auch solche, die im Sinne demokratischer, offener Gesellschaften positive Effekte haben.
1 Steinmeier 2019
2 Zick et al. 2019
3 Rees und Lamberty 2019, S. 212–213
4 Lehnartz 2018
5 Butter 2018, S. 233
6 Dörwang 2020
7 Coady 2006, S. 1
8 Vgl. Pipes 1998, S. 43
9 Butter 2018, S. 36–37
10 Vgl. etwa Knobloch 2018, S. 5–6
11 Vgl. Butter, S. 45 sowie Knight 2000, S. 10
12 Vgl. Hövelmann 2014
13 Pfahl-Traughber 2002, S. 31–33
14 Nocun und Lamberty 2020, S. 21
15 Götz-Votteler und Hespers 2019, S. 36
16 Vgl. Bartoschek 2015, S. 17
17 Hepfer 2015, S. 24
18 Vgl. auch Harder 2018, S. 23
19 Vgl. Anton 2011, S. 29–30
20 Vgl. Harder, S. 31
21 Butter 2018, S. 47
22 Das Memo kann im Volltext eingesehen werden unter: http://www.jfklancer.com/CIA.html (eigene Übersetzung)
23 Vgl. Schink 2020, S. 309
24 Vgl. etwa Hövelmann 2014
25 Vgl. Swift 2013
26 Alt und Schiffer, 2020, S. 53
27 Butter 2018, S. 47
28 DeHaven-Smith 2013, S. 118 (eigene Übersetzung)
29 Popper 1987, S. XII
30 Popper 1992, S. 112
31 Ebd.
32 Ebd.
33 Ebd.
34 Vgl. Anton und Schetsche 2020, S. 108–110
35 Vgl. Anton und Schink 2019, S. 483
36 Exemplarisch: Butter 2018, S. 21–22 sowie S. 40–41
37 Hofstadter 1967, S. 4
38 Hofstadter 1964
39 Vgl. Barkun 2003, S. 8–9
40 Vgl. Byford 2011, S. 120
41 DeHaven-Smith 2013, S. 120–22; vgl. Schink 2020, S. 309
42 Vgl. Barkun 2003, S. 3–4
43 Vgl. Ebd., S. 6
44 Vgl. Ebd., S. 103–109
45 Siehe etwa Pipes 1998, S. 44 sowie Lutter 2001, S. 19–21
46 Keeley 2007, S. 51–53
47 Vgl. Clarke 2006, S. 83 sowie Coady 2006, S. 118
48 Vgl. Coady 2006, S. 126
49 Cubitt 1989, S. 22
50 Ebd., S. 14
51 Ebd. 1989, S. 13
52 Anton 2011, S. 121
53 Butter 2018, S. 37
54 Nocun und Lamberty, S. 43
55 Vgl. Harder 2018, S. 55
56 Vgl. Hepfer 2020, S. 14
57 Weiner 2012, S. 418
58 Vgl. Geyer 2002
59 Nocun und Lamberty 2020, S. 42
60 Vgl. Hepfer 2020, S. 11
61 Pitt und Ritter 2003
62 Goertzel 1994
63 Abalakina-Paap et al. 1999
64 Whitson und Galinsky 2008
65 Vgl. Bartoschek 2015, S. 164
66 Vgl. Butter 2018, S. 123–124
67 Pfahl-Traughber 2002, S. 39–40
68 Vgl. Götz-Votteler und Hespers 2019, S. 39–40
69 Freeman und Bentall 2017
70 Maaz 2001
71 Barron et al. 2018
72 Cichocka et al. 2016
73 Dawin et al. 2011
74 Sunstein und Vermeule 2009
75 Clarke 2006, S. 87
76 Brotherton und Eser 2015
77 Oliver und Wood 2014
78 Raab 2020, S. 58–59
79 Vgl. Anton et al. 2014. S, 10
80 Vgl. Meyer 2018, S. 71
81 Imhoff und Bruder 2014
82 Vgl. Marcus 1999
83 Hepfer 2020, S. 12–13
84 Lamberty und Knäble 2020, S. 32
85 Götz-Votteler und Hespers 2019, S. 39
86 Vgl. Jaworski 2001, S, 21
87 Vgl. Anton 2020, S. 14
88 Vgl. Anton et al. 2014, S. 17
89 Goffmann 2017, S. 97
90 Simmel 1992, S. 390
91 Krüger und Wagner 2003
92 Vgl. Schink 2016a, S. 405
93 Groh 2001, S. 189
94 Vgl. Anton und Schetsche 2020, S. 111
2. Zur Geschichte von Verschwörungen und Verschwörungstheorien
Verschwörungen als historische Konstante
Wie so häufig liegen die Anfänge und der genaue Ablauf der Verschwörung im Dunkeln. Doch offensichtlich dauerte es nicht allzu lange, eine ausreichende Zahl von Mitverschwörern zu gewinnen, um den Plan umzusetzen, jenen Mann zu töten, der das Römische Reich wie zuvor kein anderer beherrschte. Am 15. März des Jahres 44 v. Chr. war es so weit: Während einer Senatssitzung im Theater des Pompeius wurde Gaius Julius Cäsar, Alleinherrscher im gesamten römischen Imperium und Diktator auf Lebenszeit, von einer Gruppe Senatoren mit 23 Dolchstichen ermordet. Angeführt wurde die Verschwörung, an der zwischen 60 und 80 Personen beteiligt waren, von den Senatoren Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Longinus. Unter den Verschwörern waren einige Vertraue und Günstlinge Cäsars, doch offenbar war ihre Feindschaft gegen den Diktator derart ausgeprägt, dass niemand den geheimen Plan verriet. »Die klare Erkenntnis«, schreibt der Historiker Martin Jehne, »daß Caesar sich zum Alleinherrscher auf Dauer aufgeschwungen hatte und folglich die alte Republik nicht mehr bestand, hatte die Männer zusammengeführt; sie wollten, wie einige der legendären Vorbildfiguren, Rom von einem Tyrannen befreien und so selbst durch eine heroische Tat in die Geschichte eingehen.«1 Letztlich war die Verschwörung gegen Cäsar ein Misserfolg, denn die politischen Ziele, die seine Ermordung motiviert hatten, konnten in der Folgezeit nicht verwirklicht werden. Das Mordkomplott gegen Caesar kann dennoch als eine der bekanntesten historischen Verschwörungen gelten.
Die Geschichte ist voll von Verschwörungen – missglückten und erfolgreichen. Sie ziehen sich gleichsam wie ein roter Faden durch die historischen Epochen.2 Einige Verschwörungen haben den Gang der Geschichte verändert. »Die spektakulärsten und folgeschwersten Fälle«, fasst Daniel Pipes zusammen, »betreffen den Mord an Führerpersönlichkeiten (Julius Cäsar, Zar Alexander II., Erzherzog Ferdinand, Anwar Sadat) und den Akt der Machtergreifung (durch Napoleon den III., Mussolini, Franco, Gamal Abdel Nasser).«3 Der Renaissance-Gelehrte Machiavelli hob, wie bereits erwähnt, die Bedeutung von Verschwörungen für politische und historische Entwicklungen hervor und widmete dem Thema in seinem Werk Discorsi aus dem Jahr 1531 ein ganzes Kapitel. Durch Verschwörungen, so Machiavelli gleich zu Beginn des Kapitels, hätten »mehr Machthaber Leben und Herrschaft verloren als durch offenen Krieg«.4 Machiavelli bezieht sich auf eine ganze Reihe historischer Verschwörungen und unterscheidet zwei Grundformen: (1) Verschwörungen, die sich gegen einzelne Machthaber richten, und (2) Verschwörungen gegen einen ganzen Staat, also Putschversuche oder Staatsstreiche. Als mögliche Motive der Verschwörer nennt er den Hass auf einen Herrscher, das Bedürfnis nach Rache, das Streben nach Freiheit und die Gier nach Macht.5 Verschwörer besäßen in der Regel selbst schon eine gewisse Macht und kämen oftmals aus der nächsten Umgebung der Herrscher, die sie stürzen wollen. Machiavelli beschäftigt sich auch damit, wie schwierig es ist, eine Verschwörung erfolgreich umzusetzen, weshalb Verschwörungen in vielen Fällen scheitern würden. Je höher die Zahl der Mitwisser, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Verschwörung aufgedeckt wird. In den Worten Machiavellis: »Vor diesen Ursachen der Entdeckung einer Verschwörung, die auf Bosheit, Unvorsichtigkeit oder Leichtsinn zurückzuführen sind, kann man sich unmöglich schützen, sobald die Zahl der Mitwisser drei oder vier übersteigt.«6
Das Spektrum historischer Verschwörungen ist breit. Sie führten zu Gewaltherrschaft und Tyrannei, hatten aber auch den Sturz von Despoten und die Befreiung von willkürlicher Machtausübung zum Ziel. In besonderer Erinnerung scheinen uns jene Verschwörungen zu bleiben, hält der Publizist Uwe Schultz fest, die sich, ob erfolgreich oder nicht, auf die Tötung eines mächtigen Tyrannen richten, wie – neben dem bereits erwähnten Komplott gegen Cäsar – etwa das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944.7
Darüber, dass Verschwörungen eine Konstante in der menschlichen Geschichte bilden, sind sich Historiker weitestgehend einig. Völlig anders hingegen verhält es sich bei Verschwörungstheorien.8 Hier gibt es im Wesentlichen zwei Fraktionen: Für die einen sind Verschwörungstheorien, genau wie Verschwörungen, eine historische oder gar anthropologische Konstante und existieren damit genau so lange, wie es menschliche Kulturen gibt. Andere hingegen sehen die Phase zwischen Renaissance und Aufklärung in Europa als Ursprungszeit und -ort für das, was wir heute unter Verschwörungstheorien verstehen.9 Beide Ansätze haben gute Argumente für sich. Es hängt letztlich wieder davon ab, was genau man unter einer Verschwörungstheorie versteht. Schauen wir uns diese Diskussion anhand eines konkreten Beispiels näher an: der Hexenverfolgung.
Die Verschwörung der Hexen
Dass es Menschen gibt, die übernatürliche Fähigkeiten haben und mithilfe von Magie Gutes oder Schlechtes bewirken können, war in Europa lange Zeit fester Bestandteil allgemein verbreiteter Glaubensvorstellungen. Mit der wachsenden Bedeutung des Christentums wurde der Glaube an Menschen mit magischen Fähigkeiten in einem neuen Rahmen gedeutet. Zauberei und Magie galten in den frühen christlichen Lehren als heidnischer Aberglaube, als Trugbilder und Täuschungen, die mit dem christlichen Glauben unvereinbar waren und daher bekämpft werden mussten. Allerdings war der Umgang der Kirche mit Menschen, die an magische Kräfte glaubten oder gar selbst Magie praktizierten im frühen Mittelalter noch verhältnismäßig mild. Da es sich aus Sicht der Kirche lediglich um Irrglauben und Täuschungen handelte, sah man keinen Grund, mit aller Strenge dagegen vorzugehen. Die Schuldigen sollten eher bekehrt und belehrt als bestraft werden.10
Diese Haltung änderte sich mit dem Ausgang des 12. Jahrhunderts grundlegend. Ein wichtiger Grund dafür war die an Bedeutung gewinnende Scholastik, einer die Gelehrtenwelt des späten Mittelalters dominierenden, theologisch geprägten Denkweise, zu der auch eine Dämonen- bzw. Teufelspaktlehre zählte. Menschen, so die Vorstellung, könnten einen Pakt mit Dämonen oder dem Teufel eingehen, um so übernatürliche Fähigkeiten zu erlangen.11 Magie und Zauberei waren von nun an also nicht mehr einfach Trugbilder, sondern real und ein Zeichen für den Einfluss und das Wirken von Dämonen und dem Satan. Hinzu kam die beginnende Inquisition gegen Ketzer und Häretiker, etwa gegen die Katharer, die Waldenser und gegen die Tempelritter, denen vorgeworfen wurde, vom ›echten Glauben‹ abgefallen zu sein und mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Anfang des 14. Jahrhunderts hatten Tempelritter unter Folter gestanden, dass sie Christus verleugnet hätten, was Papst Johannes XXII. zu der Überzeugung brachte, dass immer mehr Menschen vom Teufel besessen seien. Nachdem auch noch Gerüchte über magische Praktiken am Papsthof zu Avignon aufkamen, erließ er nach Anhörung von diversen Bischöfen und Theologen im Jahre 1326 die Bulle Super illius specula.12 Diese setzte Hexerei und Magie mit Häresie gleich und beauftragte die Inquisition damit, Hexen und Magier zu verfolgen und zu bestrafen.13 Etwa zu jener Zeit entstand auch das Hexenstereotyp, also die Vorstellung, dass es vor allem (alleinstehende) Frauen sind, die durch einen Teufelspakt magische Kräfte erlangt haben, mit denen sie ihren Mitmenschen schaden. Unzählige vermeintliche Hexen ›gestanden‹ unter Folter, dass sie sich mit dem Teufel verbündet, schwarze Magie praktiziert oder mit Dämonen verkehrt hätten. Dies schien die Richtigkeit und Notwendigkeit der Maßnahmen gegen Hexen zu bestätigen und die Situation spitzte sich immer weiter zu. Die Papstbulle Summis desideras affectibus von Innozenz VIII. aus dem Jahr 1484 sowie der Malleus maleficarum (Hexenhammer) von 1486 riefen zum unnachgiebigen Kampf gegen Hexen auf und werteten eine Vielzahl volkstümlicher magischer Praktiken als Hexerei.14 Bis zu ihrem Höhepunkt Mitte des 17. Jahrhunderts hatte sich die Hexenverfolgung zu einem wahren Massenwahn hochgesteigert, der im Heiligen Römischen Reich, Frankreich, Spanien, Italien und Osteuropa wütete.15 »Die Beauftragten des Satans«, schreibt Dieter Groh in diesem Zusammenhang, »waren offenbar überall eingedrungen, denn wie sollte man sonst erklären, daß die ›Hexen‹ trotz wachsender und immer grausamer werdender Verfolgung sich immer stärker vermehrten?«16 Insgesamt, so wird geschätzt, fielen dem Hexenwahn in Europa zwischen 40.000 und 60.000 Menschen zum Opfer, die Mehrzahl der Opfer waren Frauen.
Die Frage ist nun: Handelt es sich im Fall des Hexenwahns um eine Verschwörungstheorie? Oder wie der Historiker Werner Tschacher fragt: »Kann das Hexereistereotyp des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit als eine vormoderne Variante von Verschwörungstheorien oder gar als eine bereits moderne Verschwörungstheorie bezeichnet werden?«17 Grundsätzlich enthält der Hexenglaube alle Elemente einer Verschwörungstheorie: Es geht um einen geheimen Bund zwischen Menschen und teuflischen Kräften mit dem Ziel, düstere Pläne umzusetzen und anderen Menschen Schaden zuzufügen. Die Hexen sind damit ein »höchst gefährlicher Teil der vom Teufel angeführten kosmischen Verschwörung gegen Gott«18 und bei der Hexenlehre »handelt es sich im Kern um den Glauben an eine metaphysisch begründete Verschwörung zwischen Mensch und Teufel«19, argumentiert Tschacher. Genau an diesem Punkt hakt Michael Butter ein: Da der Hexenglaube metaphysisch begründet sei, könne man ihn nicht als Verschwörungstheorie im engeren Sinne betrachten. »Es geht nicht nur um menschliche Akteure«, so Butter, »sondern die Hexen werden vom Teufel gelenkt, der, so die christliche Vorstellung, letztendlich von Gott kontrolliert wird. Entsprechend werden Hexenverschwörungen oft als eine Strafe Gottes interpretiert.«20 Das kann man so sehen. Die Frage ist jedoch, ob der metaphysische Bezug ein sinnvolles Argument ist, um den Hexenglauben von Verschwörungstheorien zu unterscheiden. Auch heute gibt es viele Verschwörungstheorien, die metaphysische Bezüge aufweisen. Darüber hinaus waren Dämonen genauso wie Engel im Mittelalter keinesfalls rein übernatürliche Wesen, sondern wurden als real existierende und in der Welt handelnde Akteure betrachtet.21
Es hängt, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart, von kulturellen und sozialen Kontexten ab, ob und inwieweit Verschwörungstheorien von religiösen Überzeugungen geprägt sind. Anders ausgedrückt: Menschen legen ihr Weltbild oder zumindest Teile davon in Verschwörungstheorien hinein. Die jeweils in einer Kultur oder Gesellschaft dominierenden Weltbilder bestimmen, wie Verschwörungstheorien konkret ausgestaltet werden. Religion und Verschwörungstheorien sind in manchen Epochen oder Kulturen stärker, in anderen schwächer miteinander verbunden. Im Mittelalter waren Verschwörungstheorien stark religiös geprägt; in der Antike gab es allerdings Verschwörungstheorien ganz ohne religiöse Bezüge, die modernen politischen Verschwörungstheorien in verblüffender Weise ähneln.22 Verschwörungstheorien scheinen demnach ein historisch recht stabiler Faktor zu sein. Für manche Epochen lassen sich zwar keine Verschwörungstheorien nachweisen, doch das hängt auch mit einem generellen Quellenproblem zusammen: Aus manchen geschichtlichen Zeitabschnitten sind nur sehr wenige oder gar keine schriftlichen Quellen überliefert. Fehlende Belege für Verschwörungstheorien bedeuten aber natürlich noch lange nicht, dass es sie nicht gab. Die Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts dürfte erheblich zur Verbreitung und Bedeutung von Verschwörungstheorien beigetragen haben.23 Verschwörungstheorien unterliegen sicher auch gewissen Konjunkturen, spielen mal eine größere, mal eine unbedeutendere Rolle. Es weist jedoch einiges darauf hin, dass sie, genau wie Verschwörungen, eine historische Konstante sind.24 Alles andere wäre letztlich auch verwunderlich, denn wo es Verschwörungen gibt, gibt es auch Menschen, die Vermutungen über Verschwörungen anstellen – und seien es zunächst nur die Verschwörer selbst, die sich imaginär in die Rolle der Getäuschten hineinversetzen müssen, um mögliche Entlarvungen ihrer konspirativen Täuschung zu antizipieren und rechtzeitig zu verhindern.
Das Wissen über Verschwörungen ist insofern immer auch ein kulturelles Wissen. Es unterscheidet sich in der Perspektive oder im Grad der Anerkennung zwischen verschiedenen Individuen oder Gruppen und ist insofern vom Wissen über Verschwörungstheorien nicht prinzipiell zu trennen. Es gibt historische Verschwörungstheorien, die bis heute einflussreich sind. Zwei davon wollen wir uns im Folgenden näher ansehen: antisemitische Verschwörungstheorien und Verschwörungstheorien über Freimaurer und Illuminaten.
Antisemitische Verschwörungstheorien
Die Behauptung einer Verschwörung der Juden dürfte zu den ältesten und am weitesten verbreiteten Verschwörungstheorien überhaupt zählen.25 So verkündete etwa der griechische Philosoph Philostratos um 200 n. Chr., die Juden hätten sich »nicht nur gegen Römer, sondern gegen die gesamte Menschheit erhoben«. Sie würden in »undurchdringlicher Absonderung« leben und »der übrigen Welt die Tischgemeinschaft« verweigern.26 Bereits im frühen Christentum entwickelten sich in Anlehnung an das Neue Testament antijüdische Ressentiments: Den Juden wurde die Schuld an der Leidensgeschichte Jesu und am Christusmord gegeben.27 Im Mittelalter wurde das Judentum mit dem Antichristen in Verbindung gebracht, wenn nicht gleichgesetzt. Synagogen galten als »Stätten der Schwarzen Magie«, Juden wurden als »Kinder des Teufels« oder »Sendboten Satans« bezeichnet.28 Im Zuge der ab 1347 in Europa wütenden Pestwellen wurde den Juden unterstellt, sie hätten diese mit der Vergiftung von Brunnen herbeigeführt und opferten darüber hinaus christliche Kinder in Ritualmorden (Ritualmordlegende).29 Der ökonomische Erfolg und gesellschaftliche Aufstieg einiger jüdischer Familien im Zeitalter des Absolutismus und der Aufklärung nährten weitere Feindseligkeiten: »Aus der Nähe der ›Hofjuden‹ zu den herrschenden Fürsten und der dominierenden Stellung der Juden im Geldgeschäft erwuchs nicht nur das Bild vom jüdischen Wucherer, sondern auch der Mythos vom verschwörerischen Machtstreben der Juden.«30 Dieses Bild verfestigte sich während und nach der Französischen Revolution 1789 – die vielen als Werk von Freimaurern, Illuminaten und eben auch Juden galt – und steigerte sich langsam, aber sicher zur Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung mit dem Ziel, alle Nichtjuden in einem mächtigen jüdischen Weltreich zu beherrschen.31 Enorm zur Verbreitung dieser Vorstellung beigetragen haben die 1903 erstmals im Russischen Kaiserreich erschienenen Protokolle der Weisen von Zion. Es handelt sich dabei um ein gefälschtes antisemitisches Pamphlet, das vermeintliche Sitzungsprotokolle einer geheimen jüdischen Elite enthält, die ihren Weg zur Weltherrschaft plant. Zur Erstellung der Protokolle wurden ältere, fiktionale Texte verwendet, etwa eine von Maurice Joly in Brüssel herausgegebene Streitschrift gegen das Regime Napoleons III., in welcher ein fiktiver Dialog zwischen Machiavelli und Montesquieu über Liberalismus und Despotie in der Unterwelt beschrieben wird. Bis heute ist unklar, wer die eigentlichen Urheber der Protokolle der Weisen von Zion sind.32
Mitte der 1930er-Jahre wurde aufgedeckt, dass es sich bei den ›Protokollen‹ um eine Fälschung handelt. Antisemiten auf der ganzen Welt glaubten jedoch weiterhin an ihre Echtheit. Joseph Goebbels vertraute zwar bereits 1924 seinem Tagebuch an, dass er den Text für eine Fälschung hält, was ihn jedoch nicht davon abhielt, diesen für antisemitische NS-Propaganda zu instrumentalisieren.33 Die NSDAP stützte ihre antisemitische Propaganda stark auf die Protokolle und verbreitete ihren Inhalt in auflagestarken Flugblättern. Nationalsozialistische Organe wie Der Stürmer oder der Völkische Beobachter griffen die Protokolle immer wieder auf. 1923 erschien eine kommentierte Ausgabe der Protokolle des einflussreichen NS-Ideologen Alfred Rosenberg, die später auf Anweisung des NS-Erziehungsministers Bernhart Rust sogar im Schulunterricht behandelt werden sollten.34 Ob Hitler selbst von der Echtheit der Protokolle überzeugt war oder sie nur zu antisemitischen Propagandazwecken nutzte, ist umstritten. Fakt ist, dass die systematische Instrumentalisierung der Protokolle der Weisen von Zion durch die Nationalsozialisten für ihre antisemitische Ideologie erheblich dazu beitrug, eine gesellschaftliche Stimmung zu schaffen, in der sich schließlich der Massenmord an Millionen europäischer Juden ereignen konnte.35
Auch nach dem Holocaust blieb die Behauptung einer jüdischen Weltverschwörung lebendig. Holocaust-Organisator Adolf Eichmann kolportierte noch während seines Prozesses 1961 in Jerusalem, Hitler sei lediglich eine Marionette der »satanischen internationalen Hochfinanz« gewesen,36 und knüpfte damit an Verschwörungstheorien an, welche gar das ›Dritte Reich‹ und den Holocaust selbst als Teil einer jüdischen Weltverschwörung betrachten.37 Derartige Vorstellungen sind heute vor allem im arabischen Raum weitverbreitet. Hitlers Mein Kampf und die Protokolle der Weisen von Zion sind hier zum Teil Bestseller,38 antisemitische Verschwörungstheorien im öffentlichen Diskurs, in Parlamenten und in der Populärkultur allgegenwärtig. Dies verweist auf den ohnehin stark ausgeprägten Antisemitismus in arabischen Ländern, der wiederum mit dem ungelösten israelisch-palästinensischen Konflikt zusammenhängt.39
Doch auch in der westlichen Welt spielen antisemitische Verschwörungstheorien nach wie vor eine Rolle, etwa nach dem 11. September 200140 oder auch in der Corona-Krise. Sie verbreiten sich vor allem in rechten bis rechtsextremen Milieus (wir kommen darauf zurück), aber nicht nur dort, wie Katharina Nocun und Pia Lamberty betonen: »Antisemitisch konnotierte Verschwörungserzählungen finden sich nicht nur in rechtsextremen und rechtsradikalen Kreisen. Es handelt sich um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das vom Stammtisch über Popkultur bis hin zu als links wahrgenommenen Gruppen reicht.«41 Antisemitische Verschwörungstheorien sind ein Paradebeispiel für gruppenbezogene Verschwörungstheorien – und dafür, wie gefährlich diese werden können. Ihre historische Kontinuität ist verstörend, das Maß ihrer negativen Auswirkungen schrecklich. Eine Beschäftigung mit historischen antisemitischen Verschwörungstheorien ist allein schon deshalb wichtig, um aktuelle und künftige Erscheinungsformen schnell erkennen und als solche benennen zu können.42
Freimaurer und Illuminaten
Strukturell verknüpft mit den Behauptungen einer Verschwörung der Juden ist die Auffassung, Freimaurer und Illuminaten hätten in groß angelegten Verschwörungen einen erheblichen Einfluss auf wichtige geschichtliche Ereignisse gehabt. Die Freimaurerei ist eine international agierende Vereinigung nicht-öffentlich arbeitender Organisationen – sogenannter ›Logen‹ – , in denen die Mitglieder durch verschiedene, für Außenstehende geheime Riten eine spezielle Geisteshaltung kultivieren.43 Dazu zählen vor allem die Werte der Aufklärung: Humanität, Toleranz, Persönlichkeitsentfaltung, Antitotalitarismus, Freiheit.44 Die Ursprünge der Freimaurer gehen auf Steinmetzbruderschaften und Dombauhütten des Mittelalters zurück, deren Symbole und Bräuche die Freimaurerei bis heute prägen. 1717 wurde die erste sogenannte ›Großloge‹ in England gegründet. Dies gilt als Beginn der modernen Freimaurerei, zu deren Mitgliedern einige wichtige und berühmte Personen der Geschichte zählen, wie etwa George Washington, Johann Wolfgang von Goethe, Wolfgang Amadeus Mozart, Friedrich der Große, Voltaire, Montesquieu, Gotthold Ephraim Lessing, Josef Hayden, Johann Gottlieb Fichte, Thomas Jefferson, Gustav Stresemann, Winston Churchill oder Theodore Roosevelt.45
Der Geheimbund der Illuminaten wurde 1776 in Ingolstadt von Adam Weishaupt, Professor für kanonisches Recht, gegründet. Der Orden hatte sich zum Ziel gesetzt, die Prinzipien der Aufklärung über eine langfristig angelegte Infiltration staatlicher Behörden und einflussreicher Positionen umzusetzen. Obwohl die Illuminaten mit den Freimaurern in vielem übereinstimmten, unterschieden sie sich dennoch im Hinblick auf die praktische Umsetzung ihrer Wertvorstellungen: Stand bei den Freimaurern vor allem die innere sittliche Wandlung ihrer Mitglieder im Vordergrund, so favorisierten die Illuminaten einen stärker äußerlich, d. h. politisch, ausgerichteten Weg. Nachdem der Illuminaten-Orden am 2. März 1785 von Kurfürst Karl Theodor enttarnt worden war, wurde er verboten und seine Mitglieder verfolgt.46
Verschwörungstheorien über Freimaurer und Illuminaten verbreiteten sich vor allem im Zuge der Französischen Revolution. Ihnen wurde insbesondere seitens der katholischen Kirche unterstellt, durch eine »Verschwörung gegen Thron und Altar« die Ereignisse der Französischen Revolution mit ausgelöst zu haben. Die Kirche sah durch die aufstrebenden anti-klerikalen und teils agnostischen oder atheistischen Gesellschaften ihre politische Deutungsmacht bedroht. In diesem Zusammenhang entstanden zahlreiche gegenaufklärerische Schriften, die sich mit der Verschwörung von Freimaurern und Illuminaten beschäftigten.47 Von besonderer Bedeutung für die Verbreitung der Vorstellung eines weltweit konspirativ wirkenden Netzes aus Freimaurern und Illuminaten ist der 1797 von dem im englischen Exil lebenden ehemaligen Pariser Domherrn Abbé Barruel veröffentlichte Text Mémoires pour servir à l’histoire du Jacobinisme. In dieser über 2.000 Seiten starken und in mehr als zehn Sprachen übersetzten Anklageschrift beschreibt der Autor eine angeblich existierende internationale Verschwörung von aufklärerischen Philosophen, Freimaurern und Illuminaten, die sich die Vernichtung der alten Religions- und Herrschaftsformen und schließlich der gesamten abendländischen Kultur zum Ziel gesetzt hätte.48
Im 19. Jahrhundert trugen weitere antifreimaurerische Schriften zur Etablierung freimaurer- bzw. illuminatenfeindlicher Verschwörungstheorien bei. Nicht nur die Revolution von 1848, sondern auch sonst alles, was aus katholisch-gegenrevolutionärer Sicht negativ war, wurde auf das konspirative Wirken von Freimaurern und Illuminaten zurückgeführt.49 Diese Entwicklung setzte sich vor dem Hintergrund der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg fort: Neben Vertretern des politischen orthodoxen Katholizismus propagierten schon bald auch Anhänger des völkischen Lagers und ranghohe Militärs, dass Freimaurer, Illuminaten und Juden nicht nur für diverse Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts, sondern auch maßgeblich für den Ersten Weltkrieg verantwortlich seien. Die antisemitischen Erzählungen stießen in der sogenannten »Frontgeneration«50 sowohl in der allgemeinen Bevölkerung als auch in Elite-Kreisen teils auf ein hohes Maß an Zustimmung. So beschrieb der frühere Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff in seiner Schrift Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren das angebliche konspirative Wirken von Juden und Freimaurern auf dem Weg zur »jüdischen Weltherrschaft«. Bei der NSADP spielten derartige Vorstellungen von Anfang an eine wichtige Rolle und wurden nach der Machtergreifung Hitlers zu einem Teil der Staatsideologie. Anfang 1934 erließ Hermann Göring eine Verordnung, nach der von den Freimaurerlogen Regelungen zu deren »Selbstauflösung« zu treffen seien. In der Folge kam es zu Übergriffen von SA und SS gegen freimaurerische Einrichtungen, woraufhin sich die meisten Logen auflösten.51 Dies versetzte der Freimaurerei in Deutschland einen Schlag, von der sie sich bis heute nicht erholen konnte. Gab es vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten noch etwa 77.000 Freimaurer in Deutschland, sind es heute unter 20.000. Weltweit, so wird geschätzt, soll es rund 5 Millionen Freimaurer geben, die meisten davon in den USA.52
Auch wenn gegen Freimaurer und Illuminaten gerichtete Verschwörungstheorien nach dem Zweiten Weltkrieg im öffentlichen Diskurs der Bundesrepublik abgelehnt wurden, existierten sie dennoch vor allem in christlich-fundamentalistischen, rechtsextremen und esoterischen Milieus weiter.53 Besonders verblüffend ist hierbei das ›Comeback‹ der Illuminaten, deren historisch gesicherte Wirkung sich lediglich auf einen Zeitraum von etwa zehn Jahren am Ende des 18. Jahrhunderts in Bayern beschränkt. Die Illuminaten gelten in manchen Verschwörungstheorien als Machtelite einer gigantischen Weltverschwörung, die seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden hinter allen wichtigen geschichtlichen Ereignissen steckt. Das behauptet etwa der Autor Jan Udo Holey in seinen 1995 und 1996 unter dem Pseudonym Jan van Helsing erschienenen Büchern Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert und Geheimgesellschaften 2 (das Interview). Nach einer Anzeige der jüdischen Gemeinde in Mannheim wurden die Bücher aufgrund darin enthaltener antisemitischer Äußerungen wegen Volksverhetzung indiziert und beschlagnahmt. Das Landgericht Mannheim hob den Beschluss im Jahr 2001 jedoch wieder auf.54 Laut Presseberichten verkaufte sich das erste Buch über 100.000-mal.55 2010 erschien der dritte Band der Reihe: Geheimgesellschaften 3 – Krieg der Freimaurer. Zum Mythos der Illuminaten haben indes auch mehrere populäre Romane beigetragen, in denen der Geheimorden eine zentrale Rolle spielt, etwa in der Romantrilogie Illuminatus! von Robert Shea und Robert Anton Wilson, in Umberto Ecos Das Foucaultsche Pendel oder in Illuminati von Dan Brown. Diese populären fiktiven Erzählungen haben sicher auch die eine oder andere ernst gemeinte Verschwörungstheorie über die Illuminaten inspiriert.
Die Vorstellung einer großen internationalen Verschwörung von Freimaurern und Illuminaten ist ein moderner Mythos. Allerdings haben Freimaurer und Illuminaten in ihren Anfangsphasen tatsächlich konspirativ im eigentlichen Sinne gewirkt: Da die Werte, die sie in ihren Riten kultivierten, der herrschenden Gesellschaftsordnung entgegenstanden, wurden Diskretion und Geheimhaltung zu ihren Grundprinzipien. Mit den Worten des Kommunikationswissenschaftlers Joachim Westerbarkey: »Aber die frühen Verfechter humanistischer Gesellschafts- und Bildungsvorstellungen stießen vielerorts auf religiöse, politische und publizistische Hindernisse, daß sie sich gezwungen sahen, besondere Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Nur im Schutz der Kryptoöffentlichkeit ihrer Logen (…) konnten sich zunächst relativ ungestört jene Bildungsprozesse vollziehen, die erforderlich waren, um diese Grenzen später vielleicht völlig zu beseitigen.«56 Die Freimaurer üben sich noch immer in Diskretion, obwohl ihre Rituale und Geheimnisse längst in unzähligen Büchern und im Internet preisgegeben wurden. Die politische Grundordnung heutiger westlicher Gesellschaften, in denen ihre Ideale weitestgehend verwirklicht sind, zwingt sie nicht mehr zur Geheimhaltung ihrer Aktivitäten. Reste der Geheimhaltungspraktiken werden aus Tradition bewahrt, nicht aber aus politischer Notwendigkeit. In Deutschland unterliegen die Freimaurer heute dem Vereinsrecht, ihre Satzungen und Vorstände sind amtlich registriert. Von den Freimaurern als Geheimgesellschaft kann also eigentlich keine Rede mehr sein.57
Freimaurer hatten teils erheblichen Einfluss auf politische Entwicklungen, etwa in den USA und in Frankreich. George Washington, der erste Präsident der USA, war Freimaurer, ebenso wie Thomas Jefferson, der Hauptverfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Noch heute ziert die Pyramide mit dem allsehenden Auge, ein freimaurerisches Symbol, die US-Dollar-Note. Freimaurer setzten sich für die Menschenrechte und für die Abschaffung der Sklaverei ein. In Frankreich trugen Freimaurer vor der Französischen Revolution maßgeblich zur Verbreitung der Ideen der Aufklärung und damit zur revolutionären Stimmung bei. Freimaurer nutzten immer wieder ihre Macht und ihre Netzwerke, um politische Entwicklungen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Mit der großen Weltverschwörung der Freimaurer, die ihnen ihre ideologischen Gegner holzschnittartig immer wieder unterstellt haben und bis heute unterstellen, hat das allerdings wenig zu tun. Die Verschwörung der Freimaurer besteht vor allem darin, im Geheimen eine Geisteshaltung bei ihren Mitgliedern befördert zu haben, die zur Entwicklung moderner Gesellschaften beitrug.
Die Freimaurer können in diesem Sinne als diskrete Unterstützer von Demokratie, Humanismus und Toleranz gelten. Ihre einflussreichen Netzwerke, ihre verschworene Gemeinschaft und ihr Geheimhaltungskodex wurden allerdings auch schon missbraucht, um das genaue Gegenteil zu bewirken: In den 1970er-Jahren entwickelte sich in Italien aus einer Freimaurerloge heraus unter der Führung des Unternehmers und Faschisten Licio Gelli eine politische Geheimorganisation, die Propaganda Due (P2), zu der Führungspersonen aus Wirtschaft, Militär, Geheimdiensten, Politik und der Mafia gehörten, darunter auch der spätere italienische Premierminister Silvio Berlusconi. »Die Eliteloge P2«, heißt es bei der Journalistin und Autorin Regine Igel, »wurde zu einem im Verborgenen agierenden politischen Entscheidungszentrum, das ohne jegliche demokratische Legitimierung, nur gestützt von führenden amerikanischen und italienischen Politikern, die politischen Geschicke des Landes parallel zur offiziellen Regierung bestimmte.«58 Die Enthüllung dieser Geheimorganisation führte zu einem der größten politischen Skandale Italiens in der Nachkriegszeit. Der Propaganda Due wurde unter anderem vorgeworfen, in Terroranschläge von Rechtsextremisten verwickelt gewesen zu sein, die unter falscher Flagge durchgeführt wurden, um im Rahmen einer Strategie der Spannung (dazu später mehr) die politische Stimmung im Land zu beeinflussen und einen Staatsstreich vorzubereiten. Diese Vorwürfe wurden nachträglich durch parlamentarische und juristische Untersuchungen zumindest in Teilen bestätigt.59 Die P2-Loge war eine Art ›Staat im Staate‹, ein mächtiges Netzwerk mit besten Verbindungen in die Wirtschaft und den italienischen Staatsapparat mit dem Ziel, die staatlichen Institutionen aus dem Verborgenen heraus zu unterwandern und umzugestalten. Die Freimaurer-Großlogen in Italien entzogen der P2-Loge nach der Aufdeckung des Skandals die Anerkennung. Dass eine der größten politischen Verschwörungen der Nachkriegsgeschichte ausgerechnet von einer Freimaurer-Loge ausging, dürfte den Ruf der Freimaurer nicht unbedingt verbessert haben.
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