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AKRONS

CROWLEY TAROT FÜHRER

Band II

DAS BUCH THOTH

Ein ägyptischer Tarot


Hinweis

Alle in diesem Buch enthaltenen Angaben wurden vom Autor nach bestem Wissen zusammengestellt. Die Informationen sind nicht dazu gedacht, einen Arzt oder Therapeuten zu ersetzen. Eine Haftung des Autors bzw. des Verlags für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

Originalausgabe

1. Auflage 2007

© Akron

© der deutschsprachigen Ausgabe: 2007 AGM AGMüller Urania, Neuhausen/​Schweiz

Die Verwendung der Kartenabbildungen mit freundlicher Genehmigung von © Ordo Templi Orientis.

Thoth Tarot® und O.T.O.® sind eingetragene Warenzeichen von Ordo Templi Orientis, New York.

ISBN 978-3-03819-132-2 (Schuber mit Band I und II)

ISBN 978-3-90537-247-2 (Band I)

ISBN 978-3-90537-248-9 (Band II)

Das gesamte Werk ist im Rahmen des Urheberrechtsgesetzes geschützt. Jegliche vom Verlag nicht genehmigte Verwertung ist unzulässig. Dies gilt auch für die Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, für die Übersetzung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für den auszugsweisen Nachdruck.

Umschlagbild: Die Hohepriesterin aus dem Original Aleister Crowleys® Thoth Tarot

Umschlaggestaltung: Antje Betken

Illustrationen: Peregrinus

Layout & Satz: Antje Betken

Produkt-Manager: Silvie Bachmann

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.uraniaverlag.ch

www.akron.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Akrons Crowley Tarot Führer

Die Großen Arkana

Der Lebensbaum als menschlicher Kosmos und geistiges Prinzip

1. Kabbala und Lebensbaum

2. Die Wache Welt – Ein allegorisches Märchen

3. Die Gematria

0 Der Narr Kind, Tor, Null als Symbol unberührte Ganzheit

I Der Magus Hermes, Thoth, die Manifestation der Idee

II Die Hohepriesterin Alma Mater, Matris Spirituale, Priesterin der Nacht

III Die Kaiserin Demeter, Gaia, Große Muttergöttin

IV Der Kaiser Befehlshaber, Staatsmann, allmächtiger Vater

V Der Hierophant Lehrer, Priester, Stellvertreter Gottes

VI Die Liebenden Adam und Eva, Kain und Abel, Eva und die Schlange

VII Der Wagen Aufbruch des Helden, Suche nach dem Gral

VIII Ausgleichung Justitia, Gerechtigkeit, Priesterin des Neuen Æons

IX Der Eremit Seelenführer, Weiser, onanierender Alter mit Laterne

X Glück Schicksalsrad, Schicksalsuhr, Herren des Karmas

XI Lust Aphrodite, Liebesschlange, die Schöne und das Biest

XII Der Gehängte Odin am Baum, Jesus am Kreuz, Kopf stehender Yogi

XIII Tod Abschied, Erneuerung, der Schnitter mit der Sense

XIV Kunst Iris, Regenbogen, Stein der Weisen (opus magnum)

XV Der Teufel Fürst der Unterwelt, das höllische Licht der Erkenntnis

XVI Der Turm Sturz, Umbruch, einschlagender Blitz (Haus Gottes)

XVII Der Stern Sehnsucht, Träume, spirituelle Entgrenzung

XVIII Der Mond Alpträume, Spukwesen, Nacht der Seelen

XIX Die Sonne Lebenskraft, Tageslicht, Seelengold (Wahrer Wille)

XX Der Æon Metamorphose, Morphogenese, Zeit und Ewigkeit

XXI Das Universum Kosmisches Bewusstsein, Lebensatem, universale Seele

Die Hofkarten

1. JHVH und die vierfache Einteilung der Schöpfung

Die Hofkartenfamilie (Ritter, Königin, Prinz und Prinzessin)

2. Die Mischung der Hofkarten

Ritter der Stäbe Der Herr des Blitzes und des Feuers

Königin der Stäbe Die Herrin des Flammenthrones

Prinz der Stäbe Der Prinz des Feuerwagens

Prinzessin der Stäbe Die Prinzessin der Liebesflammen

Ritter der Kelche Der Herr der Thermalbäder

Königin der Kelche Die Herrin der Quellen

Prinz der Kelche Der Prinz des Wasserdampfes

Prinzessin der Kelche Die Prinzessin der Träume

Ritter der Schwerter Der Herr des Sturmwinds

Königin der Schwerter Die Herrin der Wolken und Gewitter

Prinz der Schwerter Der Prinz der Böen

Prinzessin der Schwerter Die Prinzessin der Luftwirbel

Ritter der Scheiben Der Herr der Gravitation und der Erdbewegungen

Königin der Scheiben Die Herrin der Gesteinsschichten und Erosionen

Prinz der Scheiben Der Prinz der Saat und der Ernte

Prinzessin der Scheiben Die Prinzessin der Opferaltäre

Die Kleinen Arkana

Allgemeines zu den kleinen Karten

1. Die Zuordnung nach Lebensbaum

2. Die astrologische Zuordnung

3. Die Vermischung der Eigenschaften

Ass der Stäbe Der Geist des Feuers – Der Funke der Inspiration

Zwei der Stäbe Herrschaft – Die Flammen des Willens

Drei der Stäbe Tugend – Die Flammen der Befruchtung

Vier der Stäbe Vollendung – Die Flammen der Manifestation

Fünf der Stäbe Streben – Die Flammen der Zwietracht

Sechs der Stäbe Sieg – Die Flammen des Triumphes

Sieben der Stäbe Tapferkeit – Die Flammen der Aufreibung

Acht der Stäbe Schnelligkeit – Die Flammen der Erkenntnis

Neun der Stäbe Stärke – Die Flammen der Offenbarung

Zehn der Stäbe Unterdrückung – Die Flammen der Tyrannei

Ass der Kelche Der Geist des Wassers – Der Quell der Seele

Zwei der Kelche Liebe – Die Wasser der Anziehung

Drei der Kelche Fülle – Die Wasser der Empfängnis

Vier der Kelche Üppigkeit – Die Wasser der Sättigung

Fünf der Kelche Enttäuschung – Die Wasser der Frustration

Sechs der Kelche Freude – Die Wasser der Sinnlichkeit

Sieben der Kelche Verderbnis – Die Wasser der Erregung

Acht der Kelche Trägheit – Die Wasser der Modrigkeit

Neun der Kelche Glückseligkeit – Die Wasser der Erfüllung

Zehn der Kelche Sattheit – Die Wasser des Überschwangs

Ass der Schwerter Der Geist der Luft – Der Odem des Bewusstseins

Zwei der Schwerter Frieden – Die Klingen des Gleichgewichts

Drei der Schwerter Trauer – Die Klingen der Teilung

Vier der Schwerter Waffenstillstand – Die Klingen des Kompromisses

Fünf der Schwerter Niederlage – Die Klingen der Demütigung

Sechs der Schwerter Wissenschaft – Die Klingen des Wissens

Sieben der Schwerter Nutzlosigkeit – Die Klingen der Schwankung

Acht der Schwerter Einmischung – Die Klingen der Unrast

Neun der Schwerter Grausamkeit – Die Klingen der Bedrängnis

Zehn der Schwerter Untergang – Die Klingen des Zusammenbruchs

Ass der Scheiben Der Geist der Erde – Die Wurzel der Materie

Zwei der Scheiben Wechsel – Die Kraft der Gegensätze

Drei der Scheiben Arbeit – Die Kraft der Kristallisation

Vier der Scheiben Macht – Die Kraft der Stabilität

Fünf der Scheiben Quälerei – Die Kraft der Beklemmung

Sechs der Scheiben Erfolg – Die Kraft des Überflusses

Sieben der Scheiben Fehlschlag – Die Kraft des Zerfalls

Acht der Scheiben Umsicht – Die Kraft der Besonnenheit

Neun der Scheiben Gewinn – Die Kraft der Mehrung

Zehn der Scheiben Reichtum – Die Kraft der Ausformung

Legungen

Allgemeines zur Kartendeutung

Fragestellungs- und Deutungshilfen

Ein paar tiefer schürfende Gedanken zur Ziehung

Neun klassische Legesysteme

1. Ankh

2. Beziehungsspiel

3. Der blinde Fleck

4. Das Entscheidungsspiel

5. Das Geheimnis der Hohepriesterin

6. Das keltische Kreuz

7. Das Kreuz

8. Das Narrenspiel

9. Der Weg

Zwei Legesysteme von der Verstrickung zur Selbstverwirklichung

10. Die schwarze Spirale

11. Die weiße Spirale

Quellen

Fußnoten

Akrons Crowley Tarot Führer

Band I, eine magische Reise durch die Welt des MEGA THERION, der dem interessierten Leser die persönliche Welt Aleister Crowleys und vieler seiner Gefährten und auch Gegenspieler näher bringt und uns auch die Motive C. F. Freys für seine intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema erklärt, ist das Hors d‘oeuvre, das Blättern in einem farbigen Reisemagazin. Es will uns auf den Geschmack bringen, unsere eigene Tour zu wagen, neue, unbekannte Welten zu entdecken, zu staunen und zu begreifen.

In diesem Band II, der das eigentliche Hauptstück bildet, beginnt nun die »wirkliche«, unsere eigene Reise in die Welt des Aleister Crowley Thoth Tarots. Akron, unser Reiseleiter, entführt uns in eine komplexe Welt, zeigt uns zwar nicht die Pyramiden, gewährt uns aber tiefe Einblicke in die Welt des Wissens der Pharaonenpriester und der Gelehrten der Kabbala. Philosophische Exkurse des Autors sind ein Genuss zum Lesen, eine Bildungsreise auf hohem Niveau. Und besonders sind die Ausflüge in die Psychologie, in die uns allen innewohnenden Höhen und Tiefen des Lesens, Nachlesens und Nachdenkens wert.

Freuen wir uns also auf dieses besondere Abenteuer. Wirklich zu reisen bildet, erweitert in diesem Fall aber nicht nur unser Wissen, sondern lässt uns auch Vorgänge in unserer Seele und in den oft unergründlichen Tiefen der Menschen besser verstehen.

Der Verlag

Der Lebensbaum als menschlicher Kosmos und geistiges Prinzip


1 Neue Zuordnung: Statt Pluto zu Kether, Neptun zu Chokmah und Saturn zu Binah haben wir uns eine Umverteilung erlaubt = Kether zu Pluto/​Neptun, Chokmah zu Uranus und Binah wie bisher zu Saturn.

2 Alle kursiven Zuordnungen sind Erläuterungen aus der so genannnten Neapel-Anordnung (siehe Buch Thoth, S. 24–26).

3 Daath oder Daäth ist die falsche Sephira im Abyssos, der Grenze zwischen persönlicher und geistiger Welt, Wohnsitz des Erzdämons Choronzon, der die Seele mit falschen Verlockungen in den Verstrickungen des Ego festhält.

4 Paroketh versinnbildlicht die Schwelle, die die höheren Ebenen von der körperlichen Erfahrungswelt trennt.

Die Rück- oder Schattenseite des Lebensbaumes


Die Großen Arkana

1. Kabbala und Lebensbaum

Der Thoth Tarot ist ein vollkommenes Abbild des Lebensbaums – nicht irgendein philosophisches oder religiöses Modell, sondern ein durch die jüdische Tradition gefärbtes Universalmodell, dessen Elemente zum ersten Mal in der pythagoräischen Harmonielehre auftauchen, dessen Grundlage aber wohl die orientalischen Emanationslehren sind. Er summiert sich aus 78 Karten, die in 2 Hauptteile gegliedert werden, die man die Großen und die Kleinen Arkana (Geheimnisse) nennt. Die Großen Arkana bestehen aus 22 symbolischen Zeichnungen oder Trümpfen und bilden ein universelles Alphabet, das auf vielerlei Weise ausgelegt werden kann, eine Art Landkarte, die dem Adepten die Übersicht (das Auffinden seiner Position) auf dem Lebensbaum erleichtert.

Der Lebensbaum ist Teil der jüdischen Geheimlehre, der Kabbala (QBLH), was soviel bedeutet wie »vom Mund zum Ohr«, und setzt sich aus zehn Sephiroth – Emanationen des höchsten Wesens – zusammen. Diese zehn Ebenen können auch als Bewusstseinsstufen gedeutet werden, wobei die unterste (10) die materielle Welt und die oberste (1) die Spiritualität der verborgenen inneren Gottheit darstellt.1 Im Lebensbaum wird die »letzte Wirklichkeit« folgerichtig durch 10 Kreise symbolisiert, deren Begrifflichkeit sich durch die Hinzunahme und das Kombinieren mit anderen Wirkungsebenen beträchtlich ausweitet. Im Lauf unseres Lebens klettern wir alle auf dem Geäst dieses Baumes herum, mal etwas runter, mal etwas rauf; in gewissen Situationen reagieren wir aus der Erinnerung souveräner Erkenntnisse, in anderen fallen wir auf die Stufe negativer Verhaltensmuster zurück, bis wir am Ende unserer Tage (hoffentlich) auf dem obersten Punkt unserer Entwicklung angekommen sind und die Lösung aus unseren materiellen Zwängen erreicht haben.

a) Ain – Die Schleier des Nichts

Bevor sich das Nichts aber in den Lebensbaum ergießt, stellt sich uns die Frage: Was war, bevor sich die Urkraft in Kether ausgoss? Bevor sich die Schöpfung in Bewegung setzte? Diese Frage nach den Anfängen haben schon die alten Mystiker in schwindelnde Höhen von spekulativen Antworten geführt, und zwar aus dem einfachen Grund, weil der Verstand nicht geeignet ist, auf Fragen Antworten zu geben, die sich auf eine Situation jenseits seiner eigenen (dualen) Existenz beziehen. Der Clou ist der: Ein Punkt lässt sich erst dann als Punkt definieren, wenn es eine Position außerhalb des Punktes gibt, aus der sich eine Beziehung zu ihm aufbauen lässt. Der Punkt, nach dem wir fragen, wird erst durch unsere Zuordnung als unendlicher Punkt definiert (im Grunde entspricht das einem ersten Axiom, also einem als absolut richtig anerkannten Grundsatz, der Ordnung in das kreative Chaos unserer geistigen Möglichkeiten bringt), was dem dualen Verstand die Möglichkeit einräumt, ihn mit anderen Punkten in Beziehung zu setzen. Der Verstand ist sozusagen der aufgemalte Demiurg oder Baumeister auf dem Schleier des Ewigen, der die Welt erschafft und alles dirigiert, was sich vor dem Schleier abspielt, dessen Kapazität aber hoffnungslos überfordert ist, wenn man sich nach den Vorgängen hinter dem Vorhang erkundigt. Die Kabbalisten behalfen sich mit dem Symbol der Anfänge hinter den drei Schleiern:

Ain

Nichts – unsagbare Leere

Ain Soph

Grenzenloses Nichts – definierte Leere: aus der leeren Leere wird die unendliche Leere2

Ain Soph Aur

Unbegrenztes Licht – definiertes Unfassbares: aus der unendlichen Leere wird grenzenlose Sphäre

Natürlich kann man sich vom Wesen dieses präexistenten Punktes kein Bild machen (christliche Lehre: Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen!), denn das, was wir uns vorstellen können, ist weder die Essenz noch Identität einer absoluten Gottheit, sondern immer nur das göttliche Bild eines Menschen = ein Gott mit einem menschlichen Inventar. Gleichzeitig ist es aber auch das Spiegelbild unseres spirituellen Selbst – ein »Wir«, das wir erst empfinden können, wenn wir die Schalen des Ego überwunden haben, das uns fälschlicherweise glauben lässt, der Mittelpunkt dessen zu sein, was wir kontrollieren können. Wenn wir die Essenz dieser Schleier verstanden haben, dann bekommen wir ein Gefühl für das Wirken der Seele und unsere Reise im (Nicht-) Zustand des Narren beginnt.

b) Die 10 Sephiroth

1 Kether

Höchste Höhe, Krone, Ur-Sephira, aus der die anderen hervorgehen (weiß)

Die Urkraft, aus der alles hervorgeht, die aber selbst unsichtbar bleibt, da sie sich außerhalb unserer wahrnehmbaren Dualität befindet. Als höchstes Prinzip erstrahlt sie in göttlich-weißem Glanz.

Domus I: Das Lichtspektrum des Äthers, bevor der Geist als Schwingung die Erdatmosphäre berührt. Also der Impuls der Schöpfung, der als Absicht Gottes aus der Mitte des Universums in den leeren Raum hinausgeschleudert worden ist.

2 Chokmah

Weisheit, geistige Erkenntnis (grau)

Wenn wir sagen, dass Kether der Urknall ist, der alles bewirkt, dann sind Chokmah und Binah die Bilder unserer Sehnsucht, die das umklammern, was wir jenseits des Unvorstellbaren als Wirklichkeit erfassen: ein kontrollierbares Abbild des Ewigen, das sich unseren Sinnen erfahrbar macht. Die Farbe ist reines, sanftes Blau. Doch als Mischung aller Farben erscheint sie dem menschlichen Auge als durchsichtig grau.

Domus II: Der Lichtdom der morphogenetischen Felder, in denen die Schwingungen der kollektiven Sphäre seit dem Urbeginn aufgezeichnet sind, als der Geist in die Seele des Menschen eingedrungen ist. Gewissermaßen der Impuls in der Gestalt eines Steines auf dem Weg ins filigrane Netz psychischer Schwingungen (Wasser der Seele), und zwar bevor der Stein die Oberfläche berührt.

3 Binah

Verstand, Einsicht, praktische Vernunft (schwarz)

Die bewusste, unterscheidende und schöpferische Kraft, die sich im Kosmos angesammelt hat. Ihre geistige Farbe ist karmesinrot. Doch nach außen funkelt sie in schillerndem Schwarz, da sie mit allen Farben schwanger geht.

Domus III: Als letztes der göttlichen Triade blättern wir im Buch der Erinnerungen, in dem alles aufgezeichnet ist, was als »zukünftige Erinnerung« die Entwicklung des Menschen beeinflussen kann. In unserem Beispiel die Ringe, die der ins Wasser gefallene Stein in der Zukunft auslösen wird.

4 Chesed

Größe, Wachstum, Gnade, Liebe, Langmut, Barmherzigkeit, Stabilität (blau)

Die in den Raum austreibende Form oder die Frucht des materiellen Schöpfungsprinzips, die sich ausdehnt und nach außen wächst. Als Reflexion von Chokmah empfinden wir ein leuchtendes Königsblau.

Domus IV: Hier befinden wir uns im Gralstempel mit seinen bunt verglasten Fensterrosetten, die in breiten Rundbögen zu einem mächtigen Kuppelgewölbe zusammenfließen. Sechsarmige Kandelaber und Räucherbecken schmücken den Raum, in dem ätherische Duftwerke ihr Aroma im Raum verströmen. Die Mauerwerke sind aus Beryl, Amethyst, Lapislazuli, Türkis und blauem Saphir gehauen. Scharlachrote Teppiche belegen die Treppenstufen, die in die kreisrunde Öffnung im Inneren führen, in deren Versenkung das Mysterium des die Seelen segnenden Heiligen Grales ruht.

5 Geburah

Stärke, Härte, Konfrontation (rot)

Entwicklung durch Bewegung und Veränderung, manchmal auch Zerstörung der Form. Im »Bauch der Binah« befindet sich auch die Wurzel von Rot, die sich in Geburah reflektiert.

Domus V: Daneben liegt die königliche Waffenschmiede und Folterkammer voll von stählernen Kriegsgeräten und Folterwerkzeugen, die in einem Funken flammender Feuersterne von einer Horde verschwitzter Waffenknechte bedient werden und einen bestialischen Lärm verursachen, wenn sich das metallene Geräusch des Gestänges mit dem Kreischen der Seelen vermischt, die zwischen die rasenden Messer geschoben oder in die blutgefüllten Mörser gestoßen werden.

6 Tiphareth

Mitte, Schönheit, Herrlichkeit (goldgelb)

Wurzel der goldenen Glorie, die in ihrem weiß schimmernden Licht von Kether herunterstrahlt und sich in Tiphareth in goldgelbem Glanz spiegelt. Als waagrechte Verbindung zwischen Chesed und Geburah Brückenkopf des seelischen Gleichgewichts; auf der senkrechten Säule zwischen Kether und Jesod auch Ausdruck sexueller Mitte.

Domus VI: Die Sonnenabtei verfügt über neun Räume, die wie Planeten um die »Sonne« gruppiert sind: die nach Norden, die den Weg bezeichnen, den die Seele bisher begangen hat, und die nach Süden, die die Abschnitte symbolisieren, die sie noch vor sich hat. Im Sonnenraum oder Schatzhaus des Thrones wird die Seele gekrönt. Im Zustand dieser »Hochzeit mit sich selbst« kann sie plötzlich spüren, dass es nichts gibt, was außerhalb von ihr ist, wenn sie sich im heiligen Zustand ihrer inneren Mitte aufhält, und Gott ein Teil von ihr und sie ein Teil von Gott ist, wenn ihre goldene Sonne aufgeht und für ihre Umgebung zu strahlen beginnt.

7 Netzach

Auflösung, Zersetzung, Rückbildung der Kräfte (smaragdgrün)

Die Rückbildung der Kräfte als selten geliebter, aber trotzdem notwendiger Teil jeder Art von Entwicklung. Blau und gelb verbinden sich hier zu grün.

Domus VII: Dieser Ort ist ein wunderbarer Zaubergarten, eine Art tropischen Urwalds mit rot- und gelbbrüstigen, geschwätzigen Papageien, die auf den Lianen tanzen. Zwischen Fontänen aus schäumendem Champagner, die den Menschen zum prickelnden Bad einladen, liegen große Teiche, gefüllt mit giftigen Seerosen, prächtigen Sonnentaupflanzen und fettmäuligen Venusfliegenfallen. Die Wände aus Malachit und Smaragd sind mit weißen Tulpen geschmückt und mit rosaroten und milchweißen Rosen, mit japanischen Kamelien und mit Leuchtglocken, die ein sanftes Licht ausstrahlen; es handelt sich um eine fließende, faszinierende Welt, die keinerlei Orientierung kennt und in der sich die Gefühle der Seelen in Müßiggang, Wollust, fäulnishafter Schwere, Verwirrungen und Stimmungsschwankungen ausdrückt.

8 Hod

Struktur, Widerstand, Resistenz (orange)

Das Gegengewicht zur Sieben: das Bemühen um die Aufrechterhaltung einer Fassade, die im Grunde längst in sich zusammengebrochen ist. Karmesin (schwarz) und Rot ergeben ein leuchtendes Orange.

Domus VIII: Das Ungleichgewicht einer längst brüchig gewordenen Kontrolle zeigt sich in einer von orangefarbenem Licht umloderten Trutzburg auf einem drohenden Felsmassiv, die wie ein riesiger grauer Stein mitten in der Nacht aus dem nervösen Blitzlichtgeflacker hervorsticht. An den Mauern sind überall Schießscharten und Ausbuchtungen angebracht, durch die man heißes Öl auf fremde Eindringlinge hinunterträufeln lassen kann. In den herausgebrochenen Löchern der Türme sieht man die Schemen gefangener Seelen an den Ausgucken hängen. Zwischen den riesigen Mauerspalten, die leise knirschen und jederzeit drohen, das ganze Gemäuer in den Abgrund zu reißen, patrouillieren kampfbegierige Landsknechte, immer auf der Lauer, Dissidenten aufzuspüren und zu erschlagen.

9 Jesod

Grundkraft, Fundament, Essenz (violett)

Als Vermittlerin zwischen Netzach und Hod erscheint die besonnene und sich stets um die Aussteuerung jedes Ungleichgewichts besorgte (Erden-)Mutter. Auf der Mittelsäule zwischen Tiphareth und Malkuth auch Ausdruck des Glaubens an den Sinn der Schöpfung, an die Liebe und das Vertrauen der menschlichen Existenz. Die Farbmischung der Strahlen von Chesed und Geburah, die Jesod beleuchten, ergeben ein tiefes Violett.

Domus IX: Ein violett-schwarzer Dom unter der Wasseroberfläche eines Teiches, in dem sich der Mond im Gesicht einer Frau mit silbergrauen Haaren spiegelt. Es ist der Tempel der Träume, in dem der Träumer im Traum sein Geträumtes sieht, und er ist sich nicht sicher, ob der Dom tief unten im Wasser ist oder ob es das Spiegelbild im Wasser ist, das sich in der Seele reflektiert.

10 Malkuth

Urwurzel, physische Verdichtung, materieller Bereich (citrin, oliv, rötlichbraun und schwarz)

Kether oder »die Schöpfung« in der am stärksten verdichteten Form. Auf der Mittelsäule zwischen Tiphareth und Malkuth und unter Jesod das Ergebnis des immerwährenden Schöpfungsprozesses, der die zehn Wirkungsebenen wie zehn Spinnfäden unablässig miteinander verknüpft. Das zehnte Zeichen bedeutet Erde und die Farben leuchten ambivalent zum weiß schimmernden Glanz des gegenüberliegenden Götterhauses: grünliches Zitronengelb, Olivgrün, Rotbraun und Schwarz.

Achtung: Die zehnte Sephira stellt in der Kabbala die in die Jauche gefallene Virgo Mundi dar, die in die Materie gefallene Seele, die dennoch eins mit Kether ist, denn Kether ist in Malkuth und Malkuth in Kether – wie oben so unten! Sie wird durch ihren Bruder (Tiphareth), den Sohn des Königs, erlöst und auf den Thron (Binah) der Mutter gesetzt, wo sie selbst zur Mutter und Königin wird.3

Domus X: Am Ende des Weges betreten wir die Verwaltung, das olivgrüne Rathaus mit seinen freundlichen, erdfarbenen Räumen, in denen die Akasha-Chronik gespeichert ist: die kollektiven Aufzeichnungen, wie unsere Vorfahren gelernt haben, ihre Ressourcen zu nutzen und Straßen zu bauen, die die Menschen durch die Jahrhunderte tragen. Auch wenn wir dabei nichts oder nur wenig gelernt haben: Es sind die Pläne, die Genies erstellt haben, um die menschliche Geschichte vorwärts zu drehen. Es ist die Krönung der Kreativität, materielle Wege zu bauen, auf denen die Seele ihre Sehnsucht nach dem (verlorenen) Geist vergessen kann.

c) Die 10 Zahlen Sephiroth und Kleine Arkana

Die Kleinen Arkana bestehen aus 56 Karten, von denen 40 den gewöhnlichen Spielkarten entsprechen; die übrigen 16 stellen die Ritter, Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen dar. Die verbleibenden 40 Karten sind mit römischen Ziffern bezeichnet und können in der Verbindung von Lebensbaum und Tarot 1:1 aufeinander übertragen werden. Die 10 Sephiroth werden den von 1 – 10 nummerierten kleinen Karten zugeordnet, die wiederum, entsprechend den vier Elementen, in vier Sätze unterteilt werden. Damit entspricht das Ass der Stäbe der Formel Kether durch Feuer oder auf der symbolischen Ebene dem ersten Schöpfungsfunken als Vater der schöpferischen Idee.


Kether Feuer Ass der Stäbe Funke der Inspiration
Wasser Ass der Kelche Quell der Seele
Luft Ass der Schwerter Odem des Bewusstsein
Erde Ass der Scheiben Wurzel der Materie
Chokmah Feuer Zwei der Stäbe Wille
Wasser Zwei der Kelche Anziehung
Luft Zwei der Schwerter Gleichgewicht
Erde Zwei der Scheiben Gegensätze
Binah Feuer Drei der Stäbe Befruchtung – Entfaltung
Wasser Drei der Kelche Empfängnis
Luft Drei der Schwerter Teilung – Schwermut
Erde Drei der Scheiben Kristallisation – Verfestigung
Chesed Feuer Vier der Stäbe Manifestation
Wasser Vier der Kelche Sättigung
Luft Vier der Schwerter Kompromiss – Kontemplation
Erde Vier der Scheiben Stabilität
Geburah Feuer Fünf der Stäbe Zwietracht – Streit
Wasser Fünf der Kelche Frustration – Stillstand
Luft Fünf der Schwerter Demütigung
Erde Fünf der Scheiben Beklemmung
Tiphareth Feuer Sechs der Stäbe Triumph – Licht
Wasser Sechs der Kelche Sinnlichkeit – Lebensfreude
Luft Sechs der Schwerter Wissen
Erde Sechs der Scheiben Überfluss
Netzach Feuer Sieben der Stäbe Aufreibung
Wasser Sieben der Kelche Erregung – Täuschung
Luft Sieben der Schwerter Schwankung
Erde Sieben der Scheiben Zerfall
Feuer Acht der Stäbe Erkenntnis – Gedanken
Wasser Acht der Kelche Modrigkeit – Resignation
Luft Acht der Schwerter Unrast – Ruhelosigkeit
Erde Acht der Scheiben Besonnenheit – Übersicht
Jesod Feuer Neun der Stäbe Offenbarung – Einklang
Wasser Neun der Kelche Erfüllung – Liebe zu Gott
Luft Neun der Schwerter Bedrängnis
Erde Neun der Scheiben Mehrung – Wachstum
Malkuth Feuer Zehn der Stäbe Tyrannei – Selbstbestimmung
Wasser Zehn der Kelche Überschwang – Vollendung
Luft Zehn der Schwerter Zusammenbruch – Lebensverneinung
Erde Zehn der Scheiben Ausformung – Wohlstand

d) Die 22 Pfade Hebräisches Alphabet und Große Arkana

Da die 10 Sephiroth einerseits durch die kleinen Karten besetzt sind – Crowley nannte es die Schlüsselskala –, andererseits aber auch die Trumpfkarten der Großen Arkana Zahlen tragen, wird die Reise mit den Schlüsselzahlen 11 (Narr) bis 32 (Universum) als Verbindungswege zwischen den Sephiroth fortgesetzt. Die 22 Pfade sind die Wege, die die 10 Zahlen auf dem Lebensbaum miteinander vernetzen. Gleichzeitig werden diese 22 Fäden im Baum des Lebens mit den 22 Großen Arkana des Tarots verknüpft. Dadurch wird der Baum zu einem mehrdimensionalen Bild, in dem das Verbindende verschiedener Kulturen in einem gemeinsamen Weg zum Ausdruck kommt.

Im hebräischen Alphabet gibt es zweiundzwanzig Buchstaben4, und jedem dieser Buchstaben ist eine Trumpfkarte zugeordnet. Diese zerfallen in drei leicht zu unterscheidende Gruppen. Es gibt drei »Mutterbuchstaben« für die Elemente, sieben »Doppelbuchstaben« für die Planeten und zwölf »Einfache Buchstaben« für den Tierkreis.

Die drei Mutterbuchstaben entsprechen den alchemistischen Symbolen der drei aktiven Elemente:


Sieben Doppelbuchstaben entsprechen den Planeten:


Zwölf einfache Buchstaben entsprechen den Tierkreiszeichen:


Die Abänderung der Reihenfolge der Pfade

Wenn wir nun der Buchstabenfolge des Alphabets, der Zuordnung der Trümpfe5 und der traditionellen Kartenfolge (laut der oben stehenden Tabelle) folgen, dann kommen wir zu folgendem Ergebnis:


Natürliche Ordnung des Tierkreises:


Doch: Ausgleich und Löwe? Lust und Waage? Das konnte Crowley nicht gefallen.

Denn in der Karte Kraft erscheint ein Löwe und das bezieht sich ganz eindeutig auf das Tierkreiszeichen Löwe; während die Karte Ausgleichung die herkömmliche, symbolische Gestalt darstellt, die mit Schwert, die Waagschalen abwägend, auf einem Thron sitzt und dem Tierkreis der Waage entspricht. Er schreibt: Trotz allem gab es eine Schleife im Seil. Die »Ausgleich« genannte Karte wurde mit VIII in Beziehung gesetzt; die »Lust« genannte Karte mit XI. Um die natürliche Reihenfolge zu erhalten, muss man »Lust« der Waage zuordnen und Ausgleich dem Löwen.6 Dies ist offensichtlich falsch, denn die »Ausgleich« genannte Karte zeigt in Wirklichkeit eine Frau mit Schwert und Waagschalen, während die »Lust« genannte Karte eine Frau mit einem Löwen zeigt.7

Also stellte er die Karten und damit natürlich auch die Buchstaben um:



Tierkreis mit Schleife: Lust (Löwe) und Ausgleichung (Waage) sind vertauscht. Der Eremit (Jungfrau) an der Spitze der Schleife behält seine Position.

Dieses unausgewogene Bild des Tierkreises bzw. die falsche Reihenfolge war der Preis für die korrekte Übereinstimmung zwischen Bildinhalt und hebräischem Buchstaben und schien Crowley nicht weiter zu kümmern, bis ihm die »gechannelten« Übermittlungen im April 1904 in Kairo eine Lösung zeigten. Aiwass, der Übermittler des Liber Legis, untermauerte Crowleys kabbalistische Intuition, als er ihm folgenden Satz übermittelte: All diese alten Buchstaben meines Buches sind richtig, jedoch Tzaddi ist nicht der Stern (I/​57). Es war die erforderliche

Doppelschleife: Nicht nur Lust (Löwe) und Ausgleichung (Waage), sondern auch Kaiser (Widder) und Stern (Wassermann) sind auf der Schlaufe jetzt wechselständig ineinander verdreht. Nun erscheint das Ganze harmonisch und zentriert.

Initialzündung in Form einer passenden Idee, die kabbalistische Zuordnung dieser Karten neu zu überdenken, und führte zur Frage: Wenn Tzaddi nicht der Stern war, welche Karte war es dann? Und welcher hebräische Buchstabe müsste dann der Karte Stern zugeordnet werden?

Es war der Kaiser. Die Vertauschung der Zuordnungen VIII – XI egalisiert das Ungleichgewicht des Austausches von IV – XVII nach dem Motto: Gleiche jeden Gedanken durch seinen genauen Gegensatz aus, denn die Vermählung dieser beiden ist die Vernichtung der Illusion.8 Crowley wandte das (Schlaufen-)Modell erfolgreich auf den Tierkreis an, indem er zwei Schlingen bildete, ohne den Zodiak zu zerreißen, was auf den ersten Blick eine vollkommene Symmetrie erkennen lässt. Wir sehen, dass sich an beiden Enden der Ellipse je eine Schleife bildet, die miteinander in Verbindung stehen. Durch den (gleichzeitigen) Austausch von Widder und Wassermann, Löwe und Waage befindet sich der Lebensbaum in vollständigem Gleichgewicht, denn durch diesen Vorgang ergibt es sich, dass Löwe und Waage um Jungfrau – dem sechsten Zeichen des Zodiaks – kreisen, was die Umdrehung von Widder und Wassermann um Fische – dem zwölften Zeichen – in der Balance hält.


Bemerke, dass durch die Präzession der Equinoxe sich die Sonne an den Frühlingspunkten im Wassermann statt in den Fischen befindet. Im Aeon des sterbenden Gottes verehrten die Menschen Virgo und Pisces, die Unschuld und den Fisch. Wir ersetzen dies durch Aquarius, Nuit und Leo, Babalon und das Tier vereinigt. Aber da Tzaddi »nicht der Stern ist«, so schwingen sich Aquarius und Aries um Pisces und Leo um Libra wie Scorpio: Die Atus VIII und XI ausgetauscht, und so die Atus XVII und IV. Aber der wirklich verehrte Gott ist von Taurus, dem arbeitsamen, erschlagenen Stier des Mithras, Sol im Norden zu Gemini den Kindern Ra-Hoor-Khuit und Hoor-pa-Kraat fortgeschritten.9


2. Die Wache Welt1

Für die Kabbalisten ist Wirklichkeit das Ergebnis eines immerwährenden Schöpfungsprozesses, der die zehn Wirkungsebenen wie zehn Spinnfäden unablässig miteinander verknüpft und daraus die Webmuster des Schicksals »strickt«. Denn es ist nicht nur der Wille des Menschen, der sein Schicksal gestaltet, sondern es ist auch der Geist des Göttlichen, der sich durch seine Handlungen hindurchzieht und gleichsam zur Straße wird, auf der sich seine Entwicklung vollzieht. Papus, einer der bedeutendsten Esoteriker Frankreichs, schrieb: Die Kabbala ist die Wissenschaft von der Seele und von Gott und allen Beziehungen, die zwischen ihnen bestehen.

Wenn wir das Licht als das Göttliche oder Geistige ansehen (Kether) und die Finsternis als die Materie (Malkuth), in die der göttliche Lichtfunken hinabfällt, dann erkennen wir in diesen voneinander getrennten und wieder zueinander strebenden Hälften die geistige Schöpfungsidee, die polare Spannung, auf der die physikalischen Gesetze beruhen, oder, moderner formuliert, ein »Wahrnehmungsmodell«, das uns erlaubt, die Wirklichkeit zu interpretieren. Die richtige Anordnung fängt mit dem Narren an und bezeichnet diese Karte mit 0. Aus der Null ist alles hervorgegangen. Gibt man dieser Karte den Buchstaben (Aleph) als Symbol, den Buchstaben, der die Luft oder den göttlichen Atem darstellt, so bezeichnet sie richtig den Pfad von Kether nach Chokmah, dem Logos, oder dem göttlichen Wort.

Die 22 Pfade ins Leben2

Pfad 11 – Der Weg des Narren: Kether – Chokmah

Am Anfang steht der Aufbruch zu neuen Ufern, einer neuen Spirale, die neue Einsichten auslöst und am Ende zu einer höheren Erfahrungsebene führt.

Pfad 12 – Der Weg des Magus: Kether – Binah

Dann geht der Weg vom Geist der Absicht ohne Umschweife zur Gestaltung großer menschlicher Visionen. Das ist der Boden, auf dem die großen menschlichen Kathedralen errichtet werden können.

Pfad 13 – Der Weg der Hohepriesterin: Kether – Tiphareth

Oder er führt zum Weg der Gottheit, der sich im Gebet einer geheimnisvollen Jungfrau zeigt. Es sind die Erscheinungen der göttlichen Empfängnis, die sich in selbstlosen, über den Horizont hinausreichenden menschlichen Erfahrungen auf der Ebene von Heiligen, Tao-Meistern und Schamanen offenbaren.

Pfad 14 – Der Weg der Kaiserin: Chokmah – Binah

Die Achse über dem Abyssos verbindet die Intuition und das Gespür für die Natur des Menschen mit seinem höchsten inneren Bild der Sinnfindung. Es ist der persönliche Pfad als kreative Neuausrichtung auf ein erstrebenswertes Ziel.

Zuordnung der Grade des A∴A∴ auf dem Lebensbaum

Der Astrum Argenteum oder A∴A∴ (Silberner Stern) ist der von Aleister Crowley 1907 gegründete Orden, der sich die Verbreitung des von Aiwass übermittelten Gesetzes von Thelema Tu was du willst, soll sein das Ganze des Gesetzes. Liebe ist das Gesetz. Liebe unter Willen zur Aufgabe gesetzt hat. Ziel ist nicht die gemeinsame Arbeit, sondern die Erleuchtung des Einzelnen, mit einer starken Beziehung Lehrer-Schüler, was zu einer eigenwilligen Vernetzung untereinander führt. Jedes Mitglied kennt nur seinen Lehrer bzw. seinen Schüler, und während den seltenen gemeinsamen Initiationsritualen bleibt die Identität der Anwesenden im Verborgenen.


Der A∴A∴ besteht aus zehn Graden, die größtenteils dem Golden Dawn entlehnt sind. Die höchsten drei Grade gehören zum 3. Orden Collegium Summum, die mittleren drei zum 2. Orden Collegium Internum, und die untersten drei zum 1. Orden Collegium Externum. Das Gradsystem auf dem Schema des Baums führt von unten nach oben. Diese zehn Grade können auch als Bewusstseinsstufen gelten, wobei die unterste den materiellen Menschen und die höchste die spirituelle Gottheit darstellt:


1 = 10° Ipsissimus gehören zum 3. Orden
2 = 9° Magus Collegium Summum
4 = 7°Adeptus Exemptus gehören zum 2. Orden
5 = 6°Adeptus Major
Collegium Internum
7 = 4° Philosophus gehören zum 1. Orden
8 = 3° Practicus Collegium Externum
9 = 2° Theoricus
10 = 1° Zelator

Pfad 15 – Der Weg des Sternes: Chokmah – Tiphareth

Darauf gelangen wir auf die »Sternenbahn« göttlicher Übermittlung in die Nähe der Segnung und Herabsteigung des Heiligen Geistes (Pfingstfest). Es ist die spirituelle Schwingung des Geistes, der Menschen in ihrer offenen Hingabe erreichen kann. Schenkt das innere Wissen auf jede Frage im Bereich des menschlichen Alltags.

Pfad 16 – Der Weg des Hierophanten: Chokmah – Chesed

Die »Zementierung« der geistigen Pfade (12 & 15) zeigt sich in der Verkündung und Vermittlung der göttlichen Gesetze und Erkenntnisse, um den Glanz der menschlichen Form bzw. die Sehnsucht der Menschen nach sich selbst anbeten (lassen) zu können. Blendende Geschäftsideen zur Erreichung persönlicher Vorteile und Sicherung der eigenen Ziele.

Pfad 17 – Der Weg der Liebenden: Binah – Tiphareth

Hier folgt die Liebe der Mutter zu ihrem (Sonnen-)Kind: Die unverbrüchliche Liebe, die sich im Atem der Großen Göttin spiegelt und sich nicht im Festhalten des anderen verheddert, sondern im liebenden Akt des Loslassens krönt. Die bedingungslose und doch gleichzeitig überpersönliche Liebe – eine Ode an die Göttin!

Pfad 18 – Der Weg des Wagens: Binah – Geburah

Der Sohn der Großen Mutter fährt nun in die Welt hinaus, um sich dort zu bewähren. Zuvor bekommt er in der königlichen Waffenkammer den goldenen Helm mit dem eingebauten »Walkman« aufgesetzt, der ihn während seiner Kämpfe mit den Göttern in Verbindung hält. Trotzdem fühlt er sich in der ungewohnten Umgebung noch ein bisschen unsicher und allein. Deshalb führt sein Weg über den bedingungslosen Kampf (Erprobung der Dualität) zum notwendigen Sieg.

Pfad 19 – Der Weg der Ausgleichung: Geburah – Tiphareth

Diese Wegstrecke zeigt dem Krieger, dass es aus einer höheren Sicht ziemlich einerlei ist, ob er gewinnt oder verliert – Hauptsache, die Auseinandersetzung geht vonstatten, damit sich der Mensch in seiner Entwicklung bewegt. Dieser Pfad bedeutet das »Anhalten des Atems«, um das Gleichgewicht zu spüren: das Gefühl für die Vogelperspektive oder für die übergeordnete Sicht der Dinge.

Pfad 20 – Der Weg des Eremiten: Chesed – Tiphareth

Diese Schiene führt über das Eintauchen in die Wirkungsmechanismen der Seele dazu, nicht einfach den äußeren Glanz der menschlichen Form, sondern die tiefere Sicht der Dinge und die Kreativität der natürlichen Abläufe in den Mittelpunkt zu bringen.

Pfad 21 – Der Weg des Glücks: Chesed – Netzach

Der Abstieg aus dem Märchenpalast in den Garten der Venus ist nicht unkompliziert. Man muss sich über die Peripherie eines (Schicksals-)Rades kopfüber in den Abgrund hinunterdrehen lassen, wo man im Zaubergarten der eigenen Illusionen und Kindheitserinnerungen erwacht. Im Leben bedeutet dieser Weg die Auseinandersetzung mit den unterdrückten und verdrängten Hoffnungen und (Kindheits-)Wünschen, die man untersuchen und verarbeiten muss, um als Kapitän seines Seelenschiffchens sicher durch die anschließende Nachtmeerfahrt ans Ende und wieder zurück zum Anfang zu segeln.

Pfad 22 – Der Weg der Lust: Chesed – Geburah

Zum Reichtum der Sinnlichkeit, der Wollust und des Vergnügens kommt hier noch die Lust am Widerstand hinzu, die animalische Wut schmerzender Liebesglut, wenn Körper ineinander dringen und sich bildlich gesprochen außen liegende Teile wieder zu vereinnahmen suchen. Es ist die Lust der Scharlachhure, das Tier zu zähmen und den Speer ihres Helden auf den Knochen seiner Feinde splittern zu hören.

Pfad 23 – Der Weg des Gehängten: Geburah – Hod

Vom Krieg in die Zucht: So lautet der Weg des Gehängten. Es ist ein ähnlich verkehrter, auf den Kopf gestellter Pfad wie der Weg der gegenüberliegenden Karte Glück (Pfad 21), nur haben wir es hier statt mit Pracht und Illusion mit Widerstand und strukturierender Härte zu tun. Das heißt: Der besiegte Krieger oder die ertappte Ehebrecherin werden nackt und gebunden durch die Straßen geschleift und am Ende an einem der damals üblichen Schand- und Sühnepfähle öffentlich zur Schau gestellt. Warten auf bessere Zeiten heißt der lapidare Losungsspruch.

Pfad 24 – Der Weg des Todes: Tiphareth – Netzach

Vom Triumph des Herzens zur Auflösung der Form ist das Credo dieser Dämmerung: Da das Bestehende vergehen muss, um neu zu entstehen, versinnbildlicht dieser Weg den Abstieg zu den Quellen der alchemistischen Umwandlung der Materie. Netzach erinnert auch an einen illusionären Schrank voller bunter Kleider, die ab und an gewechselt werden, um den Tod zu täuschen und Veränderungen hinausschieben zu können.

Pfad 25 – Der Weg der Kunst: Tiphareth – Jesod

Dieser Pfad verbindet die rote Glut der Sonne mit den silbernen Wassern des Mondes und führt vom strahlenden Sonnenhaus im Zentrum des Lebensbaums zu den versunkenen Kathedralen des Mondes. Im Topf des Alchemisten verwandelt sich der Sud der Sehnsucht mit dem tief empfundenen Wesen des Geistes in den Ausfluss eines lange verdrängten Schmerzes. Dieser Weg der Läuterung heilt jede psychische Verletzung und säubert die erwachende Seele von allen schwärenden Verunreinigungen des Alltags.

Pfad 26 – Der Weg des Teufels: Tiphareth – Hod

Das ist der lüsterne Palast der verwunschenen, in ihrer eigenen Magie gefangenen Seelen. Die armen Wesen sind mit goldenen Ketten und brillantenbesetzten Halsbändern geschmückt, die nichts anderes als die Fesseln sind, an denen sie sich am Thron ihrer eigenen Verzauberung festgeschmiedet haben. Es sind die Male zerstörerischer Triebe, schicksalhafter Verstrickungen und des Nicht-Loslassen-Könnens, die sie an den Eisenhaken ihrer eigenen Machtgier und Suggestivkraft festhalten.

Pfad 27 – Der Weg des Turms: Netzach – Hod

Durch die Zerstörung alter Werte wird die Bühne frei für ein neues Stück. Die Pfade sind die Linien, entlang derer sich das Leben entfaltet. Der Fokus liegt in der Mitte der brüchigen Brücke, deren Köpfe nicht stabil genug sind, um die Last im Zentrum zu tragen. Es wäre aber falsch, die Linie in der Mitte (geistig) zu stützen, damit das Ganze nicht zusammenbricht. Das Elend würde sich nur verlängern.

Pfad 28 – Der Weg des Kaisers: Netzach – Jesod

Auf dem Weg von der Illusion in die innere Mitte begegnet die Seele einer entzückenden Göttin, die den Tau der Sterne und die Tränen der Sehnsucht aus einem goldenen Pokal über sich ausgießt. Es ist aber nur ein Spiel. Fragen wir sie lieber nicht, was sie hier macht, denn dann müsste sie uns sagen: Der Kaiser hat es nicht verkraftet, aus seiner Festung gejagt und hier unten auf dem Pfad der seelischen Erkenntnis verbannt worden zu sein, also behilft er sich mit einem Bild von mir, das die alten Umstände reflektiert und ihm die Illusion einflösst, als wäre ich immer noch hier (dabei residiere ich auf Pfad 15). Und wenn er dann kommt, um mich in seiner Erinnerung zu verjagen, dann fühlt er sich wohl in seinem Wahn, immer noch die Kontrolle zu haben.

Pfad 29 – Der Weg des Mondes: Netzach – Malkuth

Je nachdem, welcher passenden Verkleidung wir uns im großen Kleiderschrank von Netzach bedient haben, kommen wir mehr oder weniger ungeschoren an den Fallen unserer kindlichen Alpträume vorbei. Als unmaskierte Seele hat man in diesem Getümmel von schrecklichen Monstern und Ungeheuern, die von allen Seiten über ihre Opfer herfallen, keine Chance. Nur in der Erscheinung beispielsweise einer Fledermaus, Vogelscheuche, zahnlosen Hexe mit Besen oder großer Warzennase sind wir sicher und werden von unseren verdrängten Ängsten nicht angegriffen, weil sie uns als ihresgleichen betrachten.

Pfad 30 – Der Weg der Sonne: Hod – Jesod

Aus den Klauen der Hölle direkt ins Paradies könnte man diesen Pfad bezeichnen. Andere beschreiben den Abstieg als die Ankunft auf der obersten Sprosse der Himmelsleiter, im Hafen der Götter, in dem sich die Seele fast an ihrem Ziel wähnen kann. Es ist das höchste Glück des sich befreit fühlenden Ego. Es fehlt nur noch ein letzter Schritt – aber der geht 180° nach unten.

Pfad 31 – Der Weg des Æons: Hod – Malkuth

Fühlt sich die Seele in den herrschenden gesellschaftlichen Strukturen gefangen und ist ihr Ziel ein völliger Neuanfang, dann gibt es auch noch den direkten Weg zum Richtplatz der Götter: den Pfad der Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewissen als Voraussetzung zur Erkenntnis der Transformation. Aber Vorsicht: Oft fallen die Seelen beim Ruf zum Jüngsten Gericht in Ohnmacht, und beim zweiten Posaunenstoß des Engels sind sie schon wieder auf der Rückreise und alles ist vorbei.

Pfad 32 – Der Weg des Universums: Jesod – Malkuth

Der letzte Schritt zurück zum Anfang (der sich aus der Sicht des Ego wie ein Ende anfühlt) führt zur Frage: Wer war zuerst – das Ei oder die Henne? Auf den ersten Blick ist es das Ei. Wenn wir am Ende aufgeschlagen haben und wieder auf dem Rückweg sind, ist es die Eier legende Henne. Wir sind hier exakt am Pol vor dem Weltanfang, vor Sonnenaufgang, vor dem ersten Schritt oder vor der Wiedergeburt.

… und wieder zurück!

Der auf die tiefste Ebene gesunkene Lichtfunken strebt natürlich wieder zu Gott zurück, und damit stecken wir schon wieder mittendrin im Aufstieg. Im Grunde befinden wir uns hier unten an der Schwelle zur Geburt, denn der Weg führt die Seele in den physischen Körper, in dem der Mensch seine Erfahrungen machen kann. Malkuth ist der physische Leib, in dem wir wachsen, reifen, altern und sterben müssen. Die mittlere Säule am Lebensbaum ist das Rückgrat, um die sich die Formen des Lebens winden: Malkuth und Jesod sind die Instinktkräfte und die vegetativen Zonen, welche die Seele antreiben, Tiphareth der Kommandopunkt, der die Informationen auswertet, und Kether das oberste Ziel, das der Geist vor Augen hat. Jesod ist auch der Speicher des, wie C. G. Jung es nennt, kollektiven Unbewussten und steht in ständiger Verbindung mit Tiphareth, der eigentlichen Steuerzentrale des menschlichen Ego, die wiederum mit ihren beiden Helfern Netzach (Instinkte) und Hod (Gedanken) verbunden ist. Wie Brennlinsen nehmen die Juniorpartner die Eindrücke der Außenwelt auf und lassen die Daten ständig in den Persönlichkeitscomputer einfließen. So erhält das Individuum seine spezifische Form und Ausgestaltung – die Natur des Menschen beginnt sich als persönlicher Schicksalsweg auszuhärten.

Pfad 32 – Der Weg des Universums: Malkuth – Jesod

Nun geht’s durch den engen Tunnel oder den Geburtskanal in die pulsierende Lebensschlaufe zurück, durch die die Seele den Rückweg zu Gott antritt (Via Crux). In den Spiegeln des Unbewussten an den Wänden des Ganges wird sie mit den besten und schrecklichsten Erinnerungen ihres Abstiegs konfrontiert. Der Demiurg spricht von den noch unverarbeiteten Schlacken vergangenen Karmas.

Pfad 31 – Der Weg des Æons: Malkuth – Hod

Jetzt wird die Seele von einem lauten Weckruf aus ihrem Schlaf erweckt, sonst würde sie ewig weiterpennen (Via Dens). Es ist der Schrecken, wach zu sein und ihr Leben verantwortungsvoll in die Hand nehmen zu müssen, damit sich etwas verändern kann und nicht einfach alles beim Alten bleibt. Das Stichwort dazu heißt: Umwälzung.

Pfad 30 – Der Weg der Sonne: Jesod – Hod

Ist die Seele erwacht, dann kann sie ihre Verantwortung für das eigene Handeln und Empfinden übernehmen. Es ist wie ein Loch in der Mauer aus dem Garten des Unbewussten, wo die Sonne in ihrer ganzen Pracht auf der anderen Seite am Bewusstseinshorizont aufsteigt und die Seelen vor Freude hüpfen lässt (Via Caput).

Pfad 29 – Der Weg des Mondes: Malkuth – Netzach

Der Weg hat eine gewisse Nähe zur Via Dens. Wird die Seele dort von den Engeln mit ihren schrecklichen Posaunen aus dem Sarg gescheucht, dann begegnet sie hier garstigen Schakalen, die ihr mit ihrem durchdringenden Geheul das Blut in den Adern gefrieren lassen. Die Via Cranium führt zwischen zwei Türmen hindurch, um die große Fledermäuse mit Menschengesichtern kreisen, denen das Blut aus dem Munde tropft.

Pfad 28 – Der Weg des Kaisers: Jesod – Netzach

Plötzlich fällt ihr eine der riesigen Fledermäuse vor die Füße, die sich in eine wunderschöne Traumfee verwandelt, aber bevor die Seele die Sachlage richtig einschätzt, eilt auch schon der glatzköpfige Kaiser mit seinem gezückten Herrscherstab herbei und stürzt sich akkurat auf die Göttin. Mit dem Kampfschrei Tzaddi ist nicht der Stern scheucht er sie wie einen Nebelschleier davon.

Pfad 27 – Der Weg des Turmes: Hod-Netzach

Aber auch die beiden Türme fallen in Trümmer. Feuerblitze stürzen vom Himmel und zerstören den Turm zu Babel; überall hört man Kriegsgeschrei und zornige Streitrufe tönen übers Land. Es ist die Macht Gottes, die hernieder fährt und die Säulen der Finsternis zerstört. Das ist nicht immer schlecht, denn der Pfad des Turmes schildert zwar die Zertrümmerung fester Strukturen, doch die Zerstörung alter Werte räumt die Lebensbühne auf und macht sie frei für ein neues Stück.

Pfad 26 – Der Weg des Teufels: Hod – Tiphareth

Wenn sich der Pulverdampf wieder verzogen hat, sind alle Gemäuer in Schutt und Staub zerfallen; nur mitten in der Öde (Via Oculus) steht ein mächtiger Thron. Eine finstere Gestalt steigt vom Himmel und setzt sich darauf. Nach einer Weile öffnet sie den Mund: Seht! Ich bin der Erlöser der Erlöser, der Erlöser aus der Unwissenheit der eingelöffelten Dualität. Indem ich alle Werte umstelle, die überlieferten Gesetze auf den Kopf stelle, könnt ihr erkennen, wie falsch sie sind, denn das Gegenteil von etwas Verkehrtem ist genauso falsch!

Pfad 25 – Der Weg der Kunst: Jesod – Tiphareth

Im gleichen Augenblick verwandelt sie sich in eine strahlendweiße Gestalt und sagt: Macht das beste Gute, und es wird schlecht werden, und macht das abgründigste Böse, und es wird gut werden, und ihr werdet merken: Alles wird werden, wie es seiner inneren Natur entspricht – ganz ohne Zutun des Menschen. Der Teufel erscheint plötzlich in der Gestalt einer reizenden, doppelköpfigen Dame, begleitet von einem roten Adler und einem weißen Löwen, die Elemente von Feuer und Wasser in einem Topf vermischt.

Pfad 24 – Der Weg des Todes: Netzach – Tiphareth

Den Tod hinten bezwingen und vorne mit ihm tanzen ist das Geheimnis, das diesem Weg zugrunde liegt. Das liegt daran, dass alle drei Tiphareth-Pfade, wenn man von unten kommt, die Innenwelt der Dinge bebildern, die das Gegenteil dessen ausdrücken, was die Außenseite zeigt, denn normalerweise ist der Tod das Ende des Lebens, und nicht die Voraussetzung zur Geburt!

Pfad 23 – Der Weg des Gehängten: Hod – Geburah

Die Via Aqua führt zwischen Szylla und Charybdis hindurch, jenem sechsköpfigen Meeresungeheuer, das bei Homer die Seefahrer bedroht und ihnen nur die Wahl zwischen Not und Elend lässt. Es sind ihre eigenen verdrängten Ängste in der Gestalt von Dämonen, die die Seele über den Abgrund tragen. Wenn sie sich zu heftig rührt, fällt sie in den Abgrund der Depressionen; schläft sie allerdings zu tief, vergisst sie am Ende zu erwachen und bleibt im Schuld- und Sühnetempel gefangen.

Pfad 22 – Der Weg der Lust: Geburah – Chesed

Aus der Waffenkammer von Geburah trägt die Seele immer noch den Stachel kämpferischer Lust im »Hintern«. Auf dem Pfad der Schlange (Via Serpens) ist sie tierisch gut drauf und spürt zwischen ihren Schenkeln die Kraft, als Scarlet Women das Ungeheuer zu zügeln und zu domestizieren und die »abgemolkenen« Triebsäfte des Großen Tieres 666 in der Feuerurne zu erhitzen, die als sexuelles Gemisch das Universum in Bewegung halten.

Pfad 21 – Der Weg des Glücks: Netzach – Chesed

Die Via Pugnus ist der zweite Pfad in Jupiters Freuden- und Schlemmerkammern (Chesed), und zwar aus dem verführerischen Morast von Klingsors Zaubergarten (Netzach). Aufgabe ist: Die Seele muss lernen, dass sie nicht einfach durch das Klettern von unten nach oben ans Ziel gelangt, da sie beim Klettern entweder immer wieder zurückfällt (wenn sie zuwenig Schwung hat), oder aber über die Spitze hinaus wieder nach unten dreht (wenn sie zuviel Schwung mitbringt), sondern indem sie die Mitte des Rades besetzt. Merke: Das Ende dieses Weges ist der Mittelpunkt des Raumes.

Pfad 20 – Der Weg des Eremiten: Tiphareth – Chesed

Die Via Manus bedeutet die Hand des weisen Führers, der einem mitten auf der Straße wie Diogenes mit seiner Laterne auf der Suche nach einem einzigen wahren Menschen begegnet und einem in die erleuchtete Kathedrale der Erkenntnis führt.

Pfad 19 – Der Weg des Ausgleichs: Tiphareth – Geburah

Die Enden dieser beiden Sephiroth sind mit einem gespannten Seil verbunden, auf dem die heimkehrende Seele wie ein Seiltänzer balancieren muss. Wenn sie mit der Ruhe im Herzen aus dem Zentrum des Lebensbaums (Tiphareth) ans Werk gehen kann, bekommt sie keine Probleme; doch wenn sie Justitia, die mit verbundenen Augen in äußerster Ruhe am Ende des Seiles verharrt, durch Angst und innere Unruhe irritiert, fällt sie in die Folterkammer, in der ihr ein Krieger mit dem Schwert der Göttin den Kopf abschlägt.

Pfad 18 – Der Weg des Wagens: Geburah – Binah

Der Krieg ist der Vater aller Dinge sagte einst der Grieche Heraklit, und dieser Pfad zeigt den Weg des Kriegers aus dem Feld des Kampfes bis hin zum Punkt der Erkenntnis, an dem er diese Erklärung in ihrem tieferen Sinne verstehen und durch seine spirituelle Erkenntnis gleichzeitig überwinden kann.

Pfad 17 – Der Weg der Liebenden: Tipharet – Binah

Von der Liebe der Erkenntnis (Tiphareth) zum Verständnis des Herzens ist der andere Weg, der nach Binah führt: also zur Liebe der Großen Mutter, die über dem Abyssos thront.

Pfad 16 – Der Weg des Hierophanten – Chesed – Chokmah

Hier zielt der Blick ins Auge Gottes, durch das man zu den Grundlagen seiner eigenen Erkenntnisdome hinuntersehen kann. Zwar ist die Seele noch nicht ganz am Ziel, aber schon so sehr von der Sphäre des Höchsten durchdrungen, dass sie genau spürt, wie ihr die feinen Priestergewänder auf den Schultern zu drücken beginnen.

Pfad 15 – Der Weg des Sternes – Tipharet – Chokmah

Sterntaler polstern diesen Engelsweg – es ist der Schritt der Seele heim zum Vater. Einst hielt der strenge Kaiser diesen Pfad besetzt, bevor ihn ein weiser Zauberer (Crowley) ganz ans Ende des Lebensbaumes (Pfad 28) versetzte, und zwar in die Nähe des Turmes, der Schattenseite seines Tun und Wirkens. Erst wenn er das Scheitern als Teil der menschlichen Entwicklung und damit als Willen des Göttlichen erfahren hat, ist er für den Sternenweg bereit. Dann hat er die Formel Liebe ist das Gesetz im biblischen Satz verinnerlicht: Ich und der Vater sind eins!

Pfad 14 – Der Weg der Kaiserin – Binah – Chokmah

Verständnis und Weisheit, Herz und Geist, Form und Energie, Göttin und Gott – eine Ebene, die nicht beschrieben werden, die aber unser ganzes Wesen in Beschlag nehmen kann, wenn sie uns beispielsweise aus den Höhen der Deckenmalereien der Sixtinischen Kapelle oder in den Sinfonien Beethovens das Herz berührt: Seid umschlungen, Millionen!

Pfad 13 – Der Weg der Hohepriesterin – Tiphareth – Kether

Wenn Pfad 14 den waagrechten Kreuzbalken symbolisiert, der ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Seele und Geist repräsentiert, dann zeigt der Weg der Hohepriesterin die senkrechte Pfeilspitze an, die aus dem Solarplexus zum Licht des göttlichen Funkens aufsteigt. Es handelt sich um die göttliche Intuition, die sich im menschlichen Empfinden realisiert.

Pfad 12 – Der Weg des Magus – Binah – Kether

Fast sind wir daheim. Nur noch ein letzter Schritt trennt den Geist vor dem schöpferischen Glanz über den dumpfen Hüllen der Menschen. Es ist der Tritt zwischen dem erahnenden Wissen der kosmischen Seele und der unfassbaren Bewusstheit der göttlichen Leere. Goethes Erdgeist hat das so formuliert: So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit, und wirke der Gottheit lebendiges Kleid. (Faust)

Pfad 11 – Der Weg des Narren – Chokmah – Kether

Nun ist’s vollbracht: Der gegenüberliegende Aufgang führt an den Masken der Götter vorbei hinter die menschlichen Vorstellungen oder in die lächelnde Leere der Ewigkeit zurück, aus der alles wieder von vorn beginnen kann. Wie sagte Laotse? Alles fließt!

3. Die Gematria

Dringen wir zum Abschluss noch etwas tiefer in die Geheimnisse des hebräischen Alphabets ein. Crowley schreibt, dass die beste Theorie, die dem Tarot in seiner symbolischen Veranschaulichung des Universums zugrunde liegt, auf den Daten der Kabbala basiert: Der hier maßgebliche Teil wird Gematria genannt, reine Wissenschaft, in der der zahlenmäßige Wert eines hebräischen Wortes, wobei jeder Buchstabe auch eine Zahl darstellt, dieses Wort mit anderen gleichen Wertes oder einem vielfachen davon verbindet.1 Die Aufgabe liegt darin, den hinter Zahlen und Buchstaben verborgenen Sinn oder die tiefere Bedeutung des Wortes zu suchen. Das macht es möglich, statt eines Wortes einen Zahlwert anzugeben, der das Wort symbolisiert und umgekehrt.2 Die Kabbalisten sind der Meinung, dass jede Zahl mehr als eine abstrakte Formel ist, nämlich eine unabhängige, individuelle Idee, Teil eines unerklärlichen Mysteriums, das hinter den mathematischen Beziehungen zwischen Zahlen und Buchstaben Gott oder Jehova darstellt. Der Preis dieses Erkenntnispfades ist aus Sicht des Mathematikers allerdings die Abwesenheit einer letztlich exakten Definition, denn die Zahlwerte können natürlich unterschiedliche Worte beinhalten. In der Tabelle sind die hebräischen Buchstaben mit ihren zugehörigen Zahlwerten aufgeführt:



Quelle: Sepher Sephiroth, Crowleys Buch der Zahlen

Anstelle des hebräischen Wortes AHBH (Liebe) kann man beispielsweise auch (1 + 5 + 2 + 5) 13 schreiben. Dasselbe gilt für das Wort AChD (Einheit = 1 + 8 + 4). Das zeigt, dass die Natur der Einheit Liebe ist. IHVH Jehova (10 + 5 + 6 + 5) entspricht 26 = 2 x 13. Das heißt: Jehova ist Einheit, die sich in der Zweiheit manifestiert. Oder: Thelema (Wille) und Agape (Liebe) zählen nach der griechischen Zahlwertlehre jeweils 93. Diese Zahl wird von den Thelemiten oft als Kürzel oder Erkennungszeichen genutzt, denn Crowleys Θελημα-Formel verbindet diese beiden Werte:

Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen!

0 – Der Narr


Ich bin in allem – alles ist in mir!

Die Verschmelzung mit dem Dharmaleib des Buddha

Unschuld, Torheit, Chaos, Urknall, Urzustand; Kreis oder die Zahl 0 als Symbol unberührter Ganzheit

Astrologie: Fische im Übergang zu Widder. Auf einer anderen Ebene Uranus/​Merkur im Sinne von Spontaneität und Verrücktheiten. In Verbindung mit Neptun auch als Ausdruck des Geführtwerdens.

I Ging: 25 Wu Wang – Die Unschuld (Das Unerwartete)

Rune: Yr (Kosmische Achse) – 25ste Rune oder Drehscheibe im kosmischen Schöpfungsplan, zu der alle anderen Dinge in Beziehung gesetzt werden müssen

Licht: Die Sehnsucht nach dem Ende an der Schwelle des Anfangs, eine neue Seite im Buch des Lebens, Vorurteilslosigkeit, Transparenz

Schatten: Selbstbetäubung, Auflösung, Rückzug aus der Welt, Zielverschwommenheit

Farben: Blasses Gelb, Himmelblau, blaues Smaragdgrün und Smaragdgrün goldgefleckt (Liber 777)

Element: Luft (Buch Thoth)

Kurzbeschreibung: Dieser Karte liegt der ursprüngliche Impuls der schöpferischen Absicht verborgen, sich zu einer weiteren Reise in ein neues Universum auszudehnen. Der Narr verkörpert den Aufbruch, den freimütigen und von seinem Schicksal unberührten Tor, der sich mutig anschickt, eine neue Spirale auf der Schöpferschleife zu durchlaufen. In unschuldiger Freude umarmt er die Welt. Er ist offen, neugierig und naiv, aber auch träumerisch ungestüm und im gesellschaftlichen Sinn verantwortungslos, kurz: ein noch roher Diamant, der durch die Reibungen des Lebens in seine Fasson geschliffen werden will. Seine Leichtigkeit lässt ihn viele Gefahren meistern, denen er sich immer wieder wie durch eine höhere Führung entzieht, und wenn er einmal fällt, dann fällt er leicht und holt sich dabei nur selten eine blutige Nase. Seine kindliche Naivität lässt ihn immer irgendwie auf die Beine kommen. Mit einem Wort: In dieser Karte verbirgt sich das komprimierte Deck, alle zukünftigen Entwicklungsschritte, die der Narr noch vor sich hat, wenn auch tief im Unbewussten verborgen. Denn wüsste der Verstand, was ihn erwartet, er hätte wohl kaum den Schneid, so vorbehaltlos und unbelastet in die Welt hinauszutreten.

Analyse

Der Zustand, in dem sich der Narr befindet, ist das, was man als Übergang zum Naturzustand definiert. Das ist die Situation, bevor sich der Mensch als individuell verschieden von seiner Umwelt wahrnehmen konnte. Diesen Evolutionssprung umschreiben wir mit dem Begriff Bewusstheit. Der grüne Narr – grün ist die Farbe des Frühlings, weshalb er als Pan oder April-Narr auch das Frühlingsfest symbolisiert – entspricht dem noch unformatierten und deshalb egolosen Willen, der weder von persönlichen Absichten noch von individuellen Zielrichtungen angetrieben wird. Das zeigt auch der Regenbogen, der sein Haupt umstrahlt. Er steht für das Vertrauen des kindlichen Bewusstseins zur Großen Mutter, zum allmächtigen Geist oder zur ewigen Schöpfernatur. Einerseits liegt der Vergleich zu einem Traumtänzer nahe, der unbelastet von Zielen und Zweifeln in einer Sphäre schwebt, deren Leichtigkeit wohl am besten mit einem kindlichen Tanz verglichen werden kann. Andererseits macht ihn gerade die innere Leere seines Geistes für die Inspiration aus dem Göttlichen offen.

Auf einer symbolischen Ebene können wir in der Karte auch Alpha und Omega erkennen, den Anfang, der schon das Ende in sich trägt – eine Haltung, die auch unseren Narren ehrt: vgl. VIII – Ausgleichung1. Zwar hält er sich noch etwas unentschlossen an den Elementen Feuer und Wasser in den Ecken der Karte fest, denn irgendwie hängt er in der Luft1 – seine goldenen Stiefelsohlen zeigen nach außen. Damit deutet er die vier großen Prüfungen des Liber Legis (III/​64 - 67) an und unterstreicht sein Vertrauen in die überpersönliche Energie, die ihn führt, seine innere Sicherheit, an welcher Stelle er als nächstes seinen Fuß hinsetzen wird.2 Deshalb verkörpert er auch kein festes Ziel, sondern erschafft sich seine geistigen Räume durch kindliche oder magische Assoziationsfelder, innerhalb derer er sein Bewusstsein kreisen lässt. Er versucht, auf intuitive Weise in das Geschehen rund um sich einzutauchen, und ist somit ständig damit beschäftigt, sein Inneres träumend zu ergründen. So handelt die Karte eigentlich von der Sehnsucht des Menschen nach seinem eigenen Ursprung, was aus rational-logischer Sicht nicht möglich ist. Genauso zeigen die dionysischen Hörner, dass er bereits über einen sexuellen Willen verfügt, obwohl er sich darüber (noch) keine Gedanken macht. Auch Bacchus‘ pralle Weintrauben stehen für Träumereien, Räusche und unkontrollierbare Ekstasen und der kristallene Diamantkegel zwischen dem Gehörn für das Tun um des reinen Tuns willen, denn der phallische Kegel aus weißem Licht symbolisiert die Verbindung zu Kether, dem göttlichen Ursprung auf dem Lebensbaum3. Der Narr repräsentiert also sowohl das Nichts an der Schwelle zum Werden wie auch die grenzenlose Leere des Alls, die am Ende jeder Entwicklung jede Lebensschwingung wieder auffrisst. Daher driften auch seine Sehachsen leicht auseinander – er lässt sich nicht in die Augen blicken –, zum Zeichen, dass sein ungebündelter Blick nicht auf materielle Wertschöpfung oder soziale Einbindung ausgerichtet ist, denn er stellt die schöpferische Potenz des in sich selbst ruhenden absoluten Nichts dar.

Die dreischlaufige Spirale4 zeigt als erstes eine eingedrehte Herzform für die Unschuld der Freude und das unbefleckte Vertrauen in die Richtigkeit seines Handelns. Der sich spiralförmig auf ein neues Ende hin bewegende alte Anfang ist die virtuelle Nabelschnur, eine neue Seite im Buch des Lebens, deren Inhalt sich aus den Visionen des Vergangenen zusammensetzt, denn in ihren karmischen Ausschwingungen provoziert die Vergangenheit die Zukunft oder, andersherum gesagt, die entstehende Zukunft trägt als Nährstoff die Muster der Vergangenheit als Erbmasse in sich. Ebenso enthält das Erbgut der Eltern Informationen für das ungeborene Leben, wie es sich zu entwickeln und wonach es sich im Dasein auszurichten hat. Zusammen deuten die ringförmigen Schlaufen eine erste virtuelle Vorstellung der Form des Eies an (Ei des Harpokrates), aus dem der Geist des Menschen hervorgeht und das uns voll ausgereift und auf die Spitze gestellt in XX – Der Æon wieder begegnet. Zwischen den Beinen des Narren ruht Sobek Ra, der Krokodilsgott, der die Ur-Instinkte oder primitiven Schaltkreise reflektiert, die über das Gehirn mit unserem Nervensystem verbunden sind. Das entspricht den Instinktreaktionen eines Kleinkindes, das in triebhaft-emotionaler Gier eine noch undifferenzierte Verbundenheit mit den Urformen des Lebens zeigt. Der Tiger, der den Narren in den Oberschenkel beißt, ist ein Symbol instinktiver Aggression und erinnert an eine etwas monumentale Version des kleinen Hundes in den alten Darstellungen der Karte. Taube, Schmetterling und Caduceus unterstreichen als Sinnbilder der Liebe und des Friedens, der Metamorphose und der in der Vereinigung der Tag- und Nachtschlange verschlungenen Lebenskräfte das von Mond und Sonne verkörperte menschliche Geschlecht. Zwischen den beiden Ur-Symbolen von Mann und Frau – der horizontale Mond kommt fast unsichtbar über dem Kopf des Krokodils zu liegen – sehen wir zwei in Liebe verschlungene Gestalten. Es sind die sich umarmenden Zwillingskinder, die uns nach einem Zwischenhalt als Brautjungfern der Liebenden am Ende im Freudentanz der Karte Sonne wieder begegnen werden. Darüber ist die mystische Rose in drei Entwicklungsschritten symbolisiert. Crowley spricht von der Segnung der drei Blumen in Einem, die wie ein luftiges Gebilde über den Köpfen der Kinder schweben. Im Beutel (rechts unter den Trauben) schließlich steckt sein zukünftiger Reichtum, den er sich im Verlauf seiner langen Reise gemäß dem Motto Der Weg ist das Ziel erwirbt.5

Weiterführende Bemerkungen


1 Die Karte Ausgleichung führt uns in die tiefen Geheimnisse neuäonischer Magick und Kabbala ein. In ihr liegt, gepaart mit dem Narren, ein Schlüssel zum Verständnis des Liber Legis. Dieser Trumpf prägt das Priesterbild des neuen Æons: Die ausgeglichene, befriedigte Frau, welche das Alpha und das Omega in der Waage hält.2


2 III/​64 Lass ihn durch die erste Prüfung kommen + es wird Silber sein = Rose = Mond = JSVD (= Jesod)

III/​65 Durch die zweite Gold = Sonne = TPhRTh (= Tiphareth)

III/​66 Durch die dritte Steine reinsten Wassers = Kelch = BINH (= Binah)

III/​67 Durch die vierte Funken des inneren Feuers = Feuer = ChKMH (= Chokmah)

Es handelt sich um die Prüfungen der Hingabe (Mond), der Zeugung (Sonne), der Fruchtbarkeit (Kelch) und um das Feuer der Intuition, an dem er sich nur dank seiner reinen Absichtslosigkeit nicht die Hände verbrennt.

3 Der Narr, der Magus und die Kaiserin sind die einzigen drei Karten im Tarot, die sich auf dem kabbalistischen Lebensbaum oberhalb des »Abyss« befinden. In der Kabbala bezeichnet der Abyssos, griechisch für Abgrund, die Grenze zwischen der Welt des Geistes (die oberen drei Sephiroth Kether, Chokmah, Binah) und der materiellen Sphäre, also den sieben restlichen Stu-fen des Schöpfungsplans (Chesed, Geburah, Tiphareth, Netzach, Hod, Jesod, Malkuth). Oberhalb des Abyss regiert das Göttliche oder die Ideenwelt, und unterhalb dieser Linie wurzelt das menschliche Vorstellungsvermögen als fundamentales Konzept der Dualität.


4 Die drei spiralenförmigen Ringe, die mit Ain, Ain Soph und Ain Soph Aur korrespondieren, bezeichnen in der Kabbala die drei Vor-Zustände des erwachenden Seins (auch Schleier der negativen Existenz genannt): Das grenzenlose Licht (000), das grenzenlose oder sich verdichtende Nichts (00) und das vollständige Nichts (0), das selbst die Vorstellung des Nichts ausschließt. Wie ein Quantennetz umfangen sie Alles-das-was-ist und repräsentieren den Urzustand, der nicht ist, der aber alles, was sich zu Werden anschickt, als Wille zur Emanation ins Leben entlässt. Es ist der Schöpferimpuls, das Leben aus sich selbst heraus entstehen zu lassen, nur damit es sich dort draußen zur Urquelle zurücksehnen kann, denn das Verlangen nach sich selbst setzt die Bedingung des eigenen Seins voraus, also die Bestimmung, aus Nichts entstanden zu sein.


5 Wir sehen, dass das Bündel mit den Münzen, die der Narr bei sich trägt, mit den Goldstücken der Scheiben-Zehn korrespondiert. Das zeigt, dass der geistige Schöpfer der Karten nicht nur die Verbindung zwischen Narr und Universum, dem Schnittpunkt der Spirale der Großen Arkana, sondern auch zwischen Narr und Zehn der Scheiben, der letzten Karte der kleinen Trümpfe, im Auge hatte.

Auf einer anderen Ebene erinnert die Verbindung auch ein bisschen an Grimms Märchen Hans im Glück. Die Goldklumpen oder die goldenen Scheiben, die Hans von seinem Herrn für sieben Jahre treue Dienste erhielt, tauschte er, weil sie ihm auf dem langen Heimweg viel zu schwer waren, erst gegen ein Pferd, dann das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans und die Gans schließlich gegen zwei Wetzsteine zum Scherenschleifen ein. Am Ende der Geschichte kam er mit seiner Last an einen Brunnen. Da wollte er sich ausruhen und sich an einem frischen Trunk erfrischen. Die Steine legte er sorgfältig neben sich auf die Zisterne, aber beim Versuch, sich über den Rand zu beugen, schubste er sie ein klein wenig an, und ehe er es bemerkte, plumpsten sie in die Tiefe. Da sprang er freudig auf und dankte dem Schöpfer von ganzem Herzen, dass er ihn von dieser Bürde befreit hatte. Ich bin der freiste und glücklichste Mensch unter der Sonne, jubelte er und sprang, frei von jeder Last, glücklich von dannen, bis er daheim bei seiner Mutter war.

Andere Verbindungen


Der Anfang als Ende

Der Geist des Narren drückt im Grunde das ganze unbewusste Wissen der Seele aus, deren Assoziationsgeflechte wie ein Spinnennetz in der Psyche aufgespannt sind, aus deren Strickmustern der Mensch seine individuellen Erinnerungsfäden herauszieht. Durch eine höhere, spirituellere Sicht stellt sich jeder Punkt auf der Lebenslandkarte, der sich gegenwärtig immer auf der Schwelle zur Zukunft befindet, gleichzeitig auch als »zukünftige Erinnerung« dar, d. h. entweder als vergessenes Ereignis, das im Dunkeln wirkt, bis es sich wieder in die Gegenwart drängt, oder als psychisch mögliche, aber noch unerlebte Wirklichkeit, die der Mensch als unbewusste Option in den Tiefen der Seele eingelagert hat und die er bruchstückweise in den Träumen oder in visionären Zuständen erfahren kann. Trotzdem ist es nicht so, dass der Narr ein nicht zu entschlüsselndes Geheimnis darstellt, nur weil er sich aus seiner eigenen Sicht nicht definieren kann. Er kann sich dem Walten seines Wirkens ahnend zumindest annähern und sich kontemplativ in die Dimension menschlichen Strebens hineinfallen lassen, um in den Absichten und Wünschen der kollektiven Seele zu baden, die ihn zu einem weiteren Umlauf auf der nie enden wollenden Lebensspirale einlädt. Umgekehrt formuliert könnte man auch sagen, dass es der Narr ist, der unsere Zukunft bestimmt, indem er uns die Wünsche »vorträumt«, die wir später unter Zuhilfenahme der anderen Karten in der Realität zu verwirklichen suchen. Er streut pränatale Assoziationen oder kollektive Symbole in unsere Träume, die uns wie Anker zu den betreffenden Stellen im Unbewussten führen und deren Erkenntnisse wir wie Blitzlichter visualisiert bekommen, und bildet in unserem Bewusstsein die ersten rudimentären Gefäße aus, in denen wir später unsere kulturellen Errungenschaften sammeln. Fassen wir Sinn und Absicht der kommenden Reise aus Sicht des Endes zusammen, dann kommen wir zum Schluss: Alles, was wir gestalten können ist das, was in unseren bewusstseinsformatierten Hirnkassetten Gestalt annehmen kann (die Träume des Narren können nur durch die Absicht des Magus, die Visionen der Hohepriesterin, die Aufmerksamkeit der Kaiserin und die Tatkraft des Kaisers als konkrete Wünsche und Ziele in der Realität sichtbar werden), und deshalb ist alles, was wir irgendwann erreichen, im Grunde schon lange vor seiner Materialisation in der Energie des Narren vorhanden. Deshalb ist Tarot, wie Crowley schreibt, eine einzige Karte – und wir wissen jetzt auch welche!

Fazit:

In diesem Trumpf verbergen sich alle potentiellen Wünsche und Hoffnungen in Form psychischer Energie, und im Grunde sind alle folgenden Karten nichts anderes als die Moderatoren, die die Visionen aus der Tiefe der Seele in die zukünftigen Behälter der Wirklichkeit leiten.


Das Ende als Anfang3

Das Universum führt am Ende einer Reise stets zur Geburt eines neuen Narren. Im traditionellen Tarot wird dieser Zustand durch eine tanzende Miss Universum oder bei Crowley durch unsere Herrin BABALON symbolisiert, die sich im Tanz mit der Sündenschlange versöhnt (im Gegensatz zur Heiligen Jungfrau, die der Schlange in der Bibel den Kopf zertritt). Frage: Was war zuerst – das Ei oder die Henne? Bei der Karte 0 – Der Narr ist es das Ei, bei der Karte XXI – Das Universum die eierlegende Henne. Fazit: Das Ende ist immer wieder ein neuer Anfang eines weiteren Endes, das auf einer anderen Ebene ein immer weiteres Ende eines neuen Anfangs voraussetzt.

Deutungen

Im persönlichen Erleben unterstützt der Narr das Bemühen, uns für Umbrüche und Veränderungen zu öffnen, die uns durch unsere ausgelassene Heiterkeit und unbekümmerte Fröhlichkeit versperrte Türen aufschließen. Die damit ausgelösten Bewusstseinsprozesse können manchmal positiv und manchmal auch negativ sein, aber sie konfrontieren uns immer mit neuen Erfahrungsmodellen, wenn auch oft leider in einem Sammelsurium von unzusammenhängenden Ideen. Trotzdem führt das nur selten zu größeren Krisen oder gröberen Zerwürfnissen, selbst wenn wir uns an den eigenen Spiegelbildern »die Nase anschlagen«, denn das Vertrauen der kindlichen Seele in die göttlichen Schöpfungsabläufe ist groß. Ob der Narr ein Mystiker oder Weichei ist, ist Ansichtssache; zu seinen besten Eigenschaften zählen jedenfalls Offenheit, Sensibilität und Menschenliebe. Andererseits können wir unter dem Einfluss dieser Karte harten Entscheidungen nichts abgewinnen und suchen uns lieber eine Nische, in der wir in unseren kontemplativen Bildern als Teil unserer Sehnsüchte Probleme unauffällig aussitzen können.

In der Partnerschaft lebt der Narr vom Verlangen der Seele nach ihrem inneren Licht. Daher ist er in den Archetyp seiner inneren Sehnsucht verliebt, die sich in der äußeren Erscheinung manifestiert. Zwar will er wie jeder andere auch geliebt werden und Liebe geben, aber es mangelt ihm oft an der nötigen Konzentration, seine guten Absichten zu kommunizieren. Als Närrin entspricht dieser Trumpf dem Bild einer Seejungfrau, die unheimlich in den unergründlichen Tiefen des Meeres leuchtet und durch ihr Licht die unerlösten Seelen an- und hinunterzieht. Deshalb kann die Karte auch für Leichtsinnigkeit, Unzuverlässigkeit und eine zur Verantwortungslosigkeit tendierende Unbekümmertheit stehen, wenn wir mit den Gefühlen der anderen spielen und dabei immer wieder seelische Nischen entdecken, in denen verdorbene Früchte zu finden sind. Normalerweise aber zeigt sie eine fantasiereiche, kreative Phase, in der wir den Träumen und Luftschlössern unserer nächsten Umgebung liebevoll begegnen. Das Problem ist nur, wohin mit den Gefühlen, wenn das Märchen zu Ende geht. Konkret: Die Prinzessin hat den Frosch wachgeküsst, aber nun stellt sich die Frage: Wohin mit dem Prinzen?

Der Narr in der Kabbala

– Tiefergehende Erkenntnisse –


Und wer ist dieser reine Narr? Siehe, in den Sagen der alten Zeit, der Legende der Skalden, Barden und Druiden, kommt er da nicht wie der Frühling in Grün? O Du Großer Narr, Du Wasser, der Du Luft bist, in dem jede Verwirklichung aufgelöst ist! Ja, Du in zerlumpten Kleidern mit dem Stab des Priapus und dem Weinschlauch! Du stehst auf dem Krokodil wie Hoor-pa-Kraat und die Große Katze springt Dich an! Ja, und mehr noch, ich habe Dich gekannt, der Du Bacchus Diphues bist, Keins und Zwei, in Deinem Namen IAO!

Liber Aleph, Liber 111 – DE ORACULO SUMMO

Somit ist der göttliche Gaukler der wahre und ursprüngliche Schöpfungsimpuls, der die ganze Reise und damit alle Stationen aus sich heraus evoziert. Man könnte auch sagen:

Der Thoth Tarot ist der Weg des Narren!

111 – Der Name Gottes

Der Zahlwert des dem Narren zugeordneten Buchstabens aus dem hebräischen Alphabet Aleph ist 1, als A-L-Ph ausgeschrieben 111 (A + L + PH = 1 + 30 + 80 = 111):

111 = AChD HVA ALHIM

Ein Name Gottes: Einheit ist ER, der Gott!

Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz!

Genauso wie: 111 = HVA AIB ALHIM Titel des Leviathan = als Drache, Schlange oder Urmeer Sinnbild des Chaos und der widergöttlichen Weltmächte. In der hebräischen Überlieferung ist Leviathan ein Notarikon von 7 Namen, die die 7 Köpfe des apokalyptischen Drachens benennen und im menschlichen Bewusstsein die 7 Todsünden regieren, die den Menschen hindern, sich selbst zu verwirklichen und zu seiner vollen Größe heranzuwachsen. Bei Hobbes4 auch Symbol des allmächtigen Staates:

Die Armatur einer staatlichen Organisation erfordert einen einheitlichen Geist und einen einheitlichen Willen: Denkt, was ihr wollt, nur gehorcht!

Das alttestamentarische Bild des Leviathan, des roten Drachens, ist eine Synthese aller negativen Kräfte der unsichtbaren Sphäre hinter dem Lebensbaum. Mit seinen zehn Hörnern ist er eine Synthese aller Kellipoth der Sephiroth.5 Auch wenn er heute nur noch wenige praktizierende »schwarze Brüder« in Angst und Schrecken versetzen kann, assoziiert er sich immer noch mit Grausamkeit und Machtgier, was sowohl das mythologische Tier als auch den von ihm symbolisierten Staat als Energiebild betrifft.

Erinnern wir uns, dass auch die Kräfte, die uns herausfordern und in Versuchung führen, genauso ein Teil des Ganzen sind wie die Teile, die uns unterstützen. Man könnte sogar behaupten, dass sie sich direkt aufeinander beziehen. Energien können uns nur an der Stelle herausfordern, an der wir nicht in harmonischem Gleichgewicht sind, und die Ohrfeige, die uns von außen trifft, ist unsere eigene Aggression, die wir nach innen gerichtet haben. Also Energie, die in die falsche Richtung fließt.

Solchen Zusammenhängen begegnen wir überall in der kabbalistischen Tradition. Die Begriffe Messiah, der Gesalbte, und Nechasch, die Schlange, haben nicht ohne tieferen Hintergrund den gleichen Zahlenwert (358). Das bedeutet: Die Kräfte, die uns von außen angreifen, sind exakt das Heilmittel, das uns – wenn wir die richtigen Lehren daraus ziehen – auch aus unserer Schwäche erlösen kann.

Fazit:

Gut und Böse sind in der gleichen Zahl identisch, sozusagen die beiden verschiedenen Seiten einer gleichen Medaille. Das zeigt uns: In der hebräischen Zuordnung ist der Schatten die andere Seite des Lichts. Wenn wir diese Korrespondenzen noch ein bisschen erweitern, dann wird aus der Kapitel und Vers übers Kreuz gestrickten Zahl 111 beispielsweise die Ziffer I/​11. Crowley schreibt im Liber Legis I/​11:

Jene sind Narren, die Menschen anbeten;

beide, ihre Götter und ihre Menschen, sind Narren.

Liber 7776 und weitere Korrespondenzen

Wahrheit, Lachen, Lust: Der heilige Narr des Weins! Zerrissen der Schleier, lüsterner Wahnsinn ist sublime Erleuchtung.

Titel: Der Geist von Äon

Bild: Ein bärtiger Alter im Profil

Zahl: 1, 1000, 111 (ausgeschrieben)7


Buchstabe: Aleph/​ALPh = A (Ochse, Pflug). Das ALPh bildet das Ochsenjoch ab bzw. eine Pflugschar mit phallischer Bedeutung.8

Pfad: Aleph, der 11. Pfad am Baum des Lebens. Er führt von Kether nach Chokmah. Kether ist die Einheit jenseits aller Widersprüche, und Chokmah ist die positive, männliche Kraft.

Götternamen: AIN, AIN SOPH, AIN SOPH AUR

Götter: Hoor-pa-Kraat ist der Narr des Tarots, Nuit ist die Göttin des Firmaments und der ägyptische Amon ist der Gott der Fruchtbarkeit

Gottheiten: Dionysos, Pan, LASh TAL, Harpokrates, Morpheus, griechischer Gott des Schlafes, oder der über den Wassern schwebende Geist Gottes

Mythen: Garten Eden = Adam vor dem Sündenfall bzw. das Urchaos vor dem Schöpfungsmythos; Parzival, der Reine Thor, der im Narrengewand auszog, um am Ende seiner langen Reise zum Gralskönig zu werden (vgl. Ritter der Kelche, S. 307)

Symbole: Äther, Regenbogen, Sintflut, Seelenwanderung, Uroboros, Wiedergeburt (Doppelhelix als Zeichen der Übertragung von Erbanlagen)

Kultstätten: Erdspalte der Phythia in Delphi; die Aachquelle im Hegau (wasserreichste und Hauch des Lebens für alle Dinge; weitere Götter: Juno, Göttin der Luft, Aeolus, Gott der Winde, Pan oder der rauschhafte Bacchus

Pflanze: Die Espe gleicht der Luft durch ihr Zittern

Krafttiere: Adler (oder auch der Mensch als Kerub der Luft), Ochse – die tatsächliche Bedeutung von Alef

Edelstein: Topas ist das reine, transparente Gelb der Luft

Wesen: Sylphen

Dämon (Qlipoth): Die Synthese aller Dämonen: Leviathan – der große rote Drache mit sieben Köpfen und zehn Hörnern (diese Zuordnung entspricht nicht dem Liber 777)

Magische Kräfte: Weissagung

Magische Waffen: Der Dolch oder der Fächer

Parfüm: Mutterharz (Galbanharz)

Droge: Pfefferminz

Geomantie: Luftige Dreiheit

Gematrische Korrespondenzen

1: Die mystische Zahl von Kether, der ersten Sephira am Lebensbaum

111: Ein Name Gottes (AChD HVA ALHIM), Ochse, Geschlecht, AVM, tiefe Dunkelheit, Hinterhalt, Unglück, Finsternis, täglich, Decke, Schleier, Tuch, Ungerechtigkeit, Brandopfer, wunderbar, ungewöhnlich sein, rätselhaft Karstquelle Deutschlands – das Wasser versinkt aus der Donau bei Immendingen und kommt nach 14 Kilometern Fahrt durch Labyrinthe unterirdischer Hohlräume im Aachtopf wieder zum Vorschein)

Ritual: Nichts-Tun (im Gegensatz zum kontrollierten Nicht-Tun – vgl. XI – Das Universum)

Sabbat: 29. Februar (für Kinder auch der 1. April)

Kraftsteine: Rheinkiesel, Wasseropal

Räucherwerk: Opium, Narkotikum (die betäubenden Dämpfe aus der Erdspalte des Orakels von Delphi, die die Priesterin Phythia auf ihrem Dreifuß in Trance versetzten)

Malerei: Grüner Cherub von Ernst Fuchs

Musik: Rheingold-Ouvertüre von Richard Wagner. Beim Es-Dur-Akkord ohne Modulation und akkordischen Wandel stellt sich das embryonale Gefühl ein, irgendwie aus der Zeit hinauszutreiben, das Bild des Urchaos, das sich aus dem Nichts bildet.

Schrift: Sibyllinisches Orakel (Sammlung von 14 Büchern von Weissagungen in dunkler Vieldeutigkeit)

I – Der Magus


Tu was Du tust!

Der Vater des Willens, der Wille zur Tat; Hermes, der Trickser, der ägyptische Thoth

Astrologie: Sonne/​Merkur in Widder. Sonne im Sinne von Kraft und Ausstrahlung, Merkur im Hinblick auf Wendigkeit und Geschicklichkeit.

I Ging: 1 Kiân – Das Schöpferische

Rune: Fehu (Vieh) ist die erste Rune und repräsentiert die individuelle Ausformung des Nichts (die Idee an der Schwelle zur materiellen Verwirklichung).

Licht: Antrieb, Impuls, Lebenskraft (Wille zur Tat: Ich will!)

Schatten: Aggressivität, Egoismus, Machtmissbrauch, Streit

Farben: Gelb, Lila, Grau und Indigo mit violetten Strahlen (Liber 777)

Planet: Merkur = Symbol für Willen, Wissen und Wort, durch die die Welt erschaffen wurde (Buch Thoth)

Kurzbeschreibung: In erster Linie ist der Magus der Träger des Hermesstabes: ein Symbol für die Kraft, die Welt nach seinem eigenen Willen zu gestalten (Thelema ist das griechische Wort für höherer Wille, also um das, was ich will, mit dem, was getan werden muss, in Übereinstimmung zu bringen). Daher gefällt er sich hier als Hermes oder Merkur in der Rolle eines kleinen Schöpfers, der den Urknall nochmals »nachschöpft« oder nachvollzieht und mit verklärt-verschmitztem Gesicht die Welt aus seinem Hut zu zaubern versucht, kurz: Der Magus verdichtet und manifestiert die Idee. Aus diesem Grund stellt die Karte auch das Wort oder den Logos dar, der die geistige Welt oder zumindest die aktuellen, sich laufend verändernden Ausbildungen des Zeitgeists schafft, der die Grenzen vorgibt, innerhalb derer sich das Individuum im gesellschaftlichen Fokus entwickeln kann.

Analyse

Crowley zeigt uns den Magus als eine goldene Gestalt mit einem Flügelpaar an den Füßen, der im Gegensatz zum »hängenden« Narren wie eine Primaballerina auf dem Berg der Dualitäten balanciert.1 Dieser tanzende Schelm schöpft sich mit einem Lächeln im Gesicht eine scheinbare Welt nach seiner eigenen Vorstellung, was auf einer anderen Ebene auch dem Griff nach dem Paradiesapfel entspricht: Wenn du den Apfel isst, wirst du wie Gott, versprach die Schlange. Und sie hat nicht zu viel versprochen. Jeder Mensch wurde zwar zu Gott, doch weil es plötzlich zu viele Götter gab, die sich gegenseitig bekriegten, wurden die evolutionären Systeme seither auf raffinierte Verteidigungsstrategien fokussiert, um die vielen »Magier« gegenseitig in Schach zu halten. Anders herum formuliert: Da sich jedes Ego als kleiner Gott herauskristallisiert, der sich sein eigenes Paradies geschaffen hat, haben wir zum Schluss Milliarden kleiner Götter in ihren paradiesischen Superstar-Vorstellungen, die von den gemeinsamen Zielen gerade durch die gleichen Ziele der anderen getrennt sind.

Doch zur Karte zurück. Am unteren Rand sehen wir den blauen Strahl der Erkenntnis, der den spitzen Kegel, auf dem der Magus wippt, erst senkrecht durchläuft, dann durch seinen Körper strömt und ihm als ein von den Uräusschlangen, den königlichen Schlangen Ägyptens, umwundenes Zepter aus dem Scheitel(-Chakra) dringt. Dieser stilisierte Caduceus oder Merkurstab, in dem Crowley den ägyptischen Einfluss (Tahuti oder Thoth) mit dem griechischen (Hermes) verbindet, ähnelt den im ägyptischen Symbolismus gebräuchlichen Hadit-Schwingen, eine geflügelte Scheibe, die uns noch mehrfach beschäftigen wird. Zusätzlich hat er das ägyptische Auge des Horus mit der Friedenstaube als Symbol christlicher Erleuchtung kombiniert. Damit bekommen wir einen ersten Vorgeschmack auf die Verbindung Taube-Schlange, die ein wichtiges Element in der Crowley’schen Überlieferung darstellt.1 Diese multikulturelle Verschmelzung assoziiert die unterschwellige Sehnsucht nach dem Göttlichen, denn trotz aller egoistischen Querelen und Winkelzüge strebt das Ich nach Verschmelzung und Entwicklung, was sich nicht zuletzt in den Fußfesseln zeigt, deren Musterungen mit denen der Schlangen auf seinem Kopf identisch sind.2 Auch die mächtigen (Jugendstil-)Flügel an den Fußgelenken, die die nur mühsam gehaltene Balance unterstreichen, sind interessant. Sie zeigen, dass der Magus zwar alle »beflügelnden« Erkenntnisse zu haben glaubt, diese aber selbst nur an den überlieferten kollektiven Prägungen kleben (was die instabile Gestalt fixiert und im Gleichgewicht festhält) und selbst keine eigene Wahrheit beinhalten. Obgleich er ahnt, dass er am Ende genauso klug wie vorher ist: Der jugendliche Held muss lernen, diesen Apparat, wenn nicht zu beherrschen so doch wenigstens zu bedienen, wenn er in der Welt etwas bewirken will. Die zu einem geometrischen Netzwerk angeordneten goldenen Fäden im Hintergrund, die sich in der Karte der Hohepriesterin zum Schleier der Isis verdichten, zeigen das Konstrukt der kollektiven Vorstellung und der menschlichen Kultur, die der Homo sapiens in Tausenden von Jahren entwickelt hat.

Mit dem Stab erzeugt Er.

Mit dem Kelch erhält Er.

Mit dem Dolch zerstört Er.

Mit der Scheibe erlöst Er.2


Um ihn herum fliegen oder tanzen die magischen Werkzeuge herum, die da sind: Stab, Kelch, Dolch, Scheibe sowie das geflügelte Ei als Symbol für das fünfte Element, wie Crowley bemerkt. Sie sind Zeugnisse für das Inventar, mit denen er seine Leere mit Sinn füllen kann. Der Pfeil über der Hand steht für Ausweitung und Erkenntnisdrang, Schreibgriffel und Schriftrolle für die Gabe, Wissen festhalten und vergleichen zu können. Das Zepter mit Phönixkopf (Was-Zepter) neben seiner Hand illustriert das Wunder der sich immer wieder erneuernden Kraft, die den ganzen Kosmos beseelt, und das Triebwesen im Untergrund, das schäumend vor Zorn und blind vor Wut von unten rechts ins Bild drängt, verkörpert die oft auf der Merkurebene verloren gegangene Instinktnatur. Der erwachte Schatten sieht, dass das Werk des Magiers nicht vollkommen ist, solange er die Triebnatur auszuschließen versucht, deshalb wird er den Magus im Verlauf seiner Reise, bis er reif und weise geworden ist, noch das eine oder andere Mal schmerzhaft damit konfrontieren.3


Urteil der Götter

Jeder Mensch ist eine Manifestation des Universums und trägt die Summe aller Möglichkeiten genauso in sich, wie er selbst aus der Summe aller dieser Möglichkeiten geschaffen ist: Ergo ist der Magus das sich aus sich selbst heraus schöpfende Potential, das sich grenzenlos ausdehnen kann, da es gleichermaßen Schöpfer wie Geschöpftes, d. h. sein eigenes Universum oder Universum für sich selbst ist.

Einspruch des Advocatus Diaboli

Wenn der Narr der noch formlosen Leere entspricht, verkörpert der Magus das Feuer des Antriebs und den Spiegel des Selbstbildes. Steht die Hohepriesterin für die spirituelle Weisheit und die Sehnsucht nach den Seelengründen, symbolisiert der Magus den Willen, der beginnt, sich ein Bild von sich selbst zu machen. Im Grunde ist er der zwischen die vorangegangene und die nachfolgende Karte eingepferchte Geist, der sich gezwungen sieht, ein eigenes Wissensinventar zu erstellen, um den beiden nebulösen Wächtern zu entkommen. Vergeblich! Zwar verbindet ihn Crowley mit den vier (apokalyptischen) Reitern unserer abendländischen Kultur: dem Willen, der Weisheit, dem Wort und dem Logos, aus deren Zauberhüten wenn nicht die Welt, so doch zumindest unsere Vorstellung von der Welt erschaffen wurde, was sich zu dem ausgewachsen hat, was wir heute haben. Und doch: Im Grunde beruht der Wille des Magus auf den Verdrängungen der Visionen des Narren, und die Hohepriesterin ist die Quelle, die die Erkenntnisse des Magus durch ihre Ahnungen ergänzt.

Weiterführende Bemerkungen



1 Frieda Harris zeichnete ursprünglich drei verschiedene »Magier« für das Deck, bevor sich Crowley für die vorliegende Version entschied. Deshalb existieren neben dem eigentlichen Magus noch ein weißer oder Flügelschrauben-Magier, so genannt wegen seiner Körperhaltung, und ein schwarzer oder Schatten-Magus, eine Bezeichnung, die auf den großen Schatten der dunklen Gestalt hinter ihm herrührt. Alle drei Karten sind sowohl mit ägyptischen wie mit griechischen Symbolen bestückt. In den neuen Decks sind diese Unikate nicht mehr erhalten.

Von den dreien ist der Flügelmutter- oder Swastika-Magier, wie ihn Eingeweihte nennen, der einzige, der sich in Bewegung zeigt. Seine Körperhaltung ähnelt einer Schraube mit flügelförmigen Ansätzen, mit der er sich in die hinter ihm liegende Midgardschlange, ein im Weltmeer lebendes, riesenhaftes dämonisches Wesen, das in der germanischen Mythologie die zwischen Totenreich und Himmel liegende Welt umschlingt, hineindreht (oder – umgekehrt – die Schlange als Symbol des Schattens auf die Realitätsebene hinauszieht). Sein Haupt wird ebenfalls von zwei Uräusschlangen geschmückt und ebenso thront über ihm die geflügelte Sonnenscheibe von Hadit. Unter ihm erhebt sich Hanuman, der hinduistische Toth3, der sich vor die Weltenschlange schiebt, und rund um die Karte sind die Symbole der Kleinen Arkana drapiert, Stäbe, Kelche, Schwerter und Scheiben.


Der Schatten- oder Schwarzmagier hat acht Arme und Hände, mit denen er allerlei Symbole und Ritualwerkzeuge festhält. Hinter ihm erscheint ein riesiger Schatten, der die Form eines Gorillas angenommen hat. Es ist seine eigene, personifizierte Dunkelheit, die sich abgespalten und hinter ihm ins Grenzenlose ausgedehnt hat, denn als Manifestation des Universums trägt er die Summe der Schatten genauso in sich, wie er selbst aus der Summe seines Lichtes geschaffen ist. Über seinem Kopf schwebt, wie bei allen älteren Decks, die Lemniskate, das Zeichen der Unendlichkeit, und aus seinen Schultergelenken, an denen je vier dünne Ärmchen befestigt sind, entströmen Magnetfelder, Symbole der geistigen Kraft, die die Grenzen regiert, innerhalb derer sich ein menschliches Individuum entwickeln darf. In neueren Decks sind diese Karten, wie schon gesagt, leider nicht mehr enthalten. Auch wenn man einräumen mag, dass der offizielle Magier sich wahrscheinlich am besten ins Set einfügt, so sei doch auch festgehalten, dass die beiden anderen Karten in ihrer ergänzenden Aussagekraft, ihrem Symbolgehalt und künstlerischen Ausdruck nicht zu unterschätzen sind.

2 Das bedeutet auch: Er hat noch einen weiten Weg vor sich, bevor er in der Karte XXI – Das Universum auf dem Kopf der Schlange reiten kann.


3 Es ist wichtig zu wissen, dass die Libido im ersten Lebensdrittel ungehindert in unseren bewussten egoistischen Willen einfließen sollte. Ziel des Helden ist es, seine eigenen Wünsche um jeden Preis in den Mittelpunkt seiner persönlichen Ausrichtung zu stellen. Der Mensch auf der Ebene des Magus ist deswegen nicht schlecht, sondern es geht einfach darum, den Weg zu sich selbst über die Verwirklichung der eigenen Wünsche und die ausschließliche Ausrichtung auf die persönlichen Ziele zu finden. Im Laufe des Weges (= Lebens) verändert sich die Energie und das Ganze stellt sich später normalerweise größtenteils umgekehrt dar. Auf der Ebene des Eremiten geht es beispielsweise um die Situation, die Selbstbezogenheit des Ich bin! und die naive Anmaßung der Jugend zugunsten der reiferen Erfordernisse des Selbst zu zähmen, da jeder Sieg des Ichs um die Beibehaltung der Herrschaft innerhalb der Persönlichkeit für die Entwicklung der Psyche eine Niederlage wäre.

Die Unklarheiten mit den drei Magiern

Für besonders große Verwirrung sorgten die drei Magier, die zu dem nunmehr aus 80 Karten bestehenden Crowley-Tarot gehörten, das 1986 als druck- und fototechnisch erheblich verbesserte Neuauflage erschien. Das Rätselraten über mögliche Bedeutungen und über die geheimnisvolle Herkunft der zwei »neuen« Magier führte zu recht fantasievollen Erklärungen: Von den drei Magiern, die dem Stern von Bethlehem folgten bis zu dem schwarzen Magier, dem weißen und dem dritten, der die Polarität in sich vereinigt. Möglich ist aber auch eine profane: Als Werner Ganser, damaliger Besitzer des Urania-Verlags und Initiant für die Neuauflage, im Warburg Institute in London die Originalzeichnungen betrachtete, stellte er fest, dass dort 80 Karten ausgestellt sind. Lady Frieda Harris hatte seinerzeit drei Entwürfe für die Karte des Magiers gemalt, von denen Crowley jedoch nur einen akzeptierte. Da aber auch die beiden anderen von eindringlicher Symbolkraft waren, schlug Werner Ganser vor, die zwei Karten dem Tarotdeck als Sammlerstücke beizufügen und es dem Käufer zu überlassen, sich seinen Magier auszuwählen.4

Der ehemals »kalifornische« O.T.O., der von dem inzwischen verstorbenen Grady McMurtry (Caliph Hymenaeus Alpha) wieder belebt wurde und heute von seinem Nachfolger William Breeze (Hymenaeus Beta, Frater Superior) in New York geleitet wird, erhob Einspruch und untersagte der Kartenfirma das weitere Drucken der beiden »falschen« Magier. Nach jahrelangem Hin und Her akzeptierte die AGM schließlich den O.T.O. als Crowleys rechtmäßigen geistigen Erben, nicht zuletzt, um einen aufwändigen Rechtsstreit mit unsicherem Ausgang in den USA zu vermeiden. Seitdem erhält die Caliphats-Linie nicht nur Tantiemen an den Harris-Karten, sondern hat auch das Monopol hinsichtlich der Farbgestaltung, Kartentitel oder, wie in diesem Fall, innerhalb der Publikation der drei Magier. Das ist auch der Grund, warum es seit der neuen Druckausgabe von 2004 nur noch einen Magus gibt.

Die AGMüller schrieb einem Kunden, der sich nach den fehlenden Magiern erkundigte, folgende Begründung:

Aleister Crowley Thoth Tarot®

Vielen Dank für den Kauf des von uns publizierten »Aleister Crowley Thoth Tarots«. Wenn Sie das heutige Deck mit einer früheren Edition vergleichen, werden Sie feststellen, dass zwei Magier durch zwei andere Extrakarten ersetzt wurden. Die beiden zusätzlichen Magier wurden auf Betreiben des Ordo Templi Orientis (O.T.O.), der Erben Crowleys, entfernt. Der O.T.O. begründet dies wie folgt:

Der Grund, warum mehrere Ausführungen der Magus Karte existieren ist der, dass es bei den beiden überzähligen Karten um zusätzliche Entwürfe handelt, die vom Designer, Aleister Crowley, aber verworfen wurden. Diese waren für eine Einfügung in das Deck niemals vorgesehen, und so kehrten wir zum einfachen Magus zurück, um der Intention des Autors Rechnung zu tragen. Wir schätzen die künstlerische Ausführung der anderen genauso, doch diese Entscheidung haben wir nicht zu treffen. Wir konnten feststellen, dass eine erstaunliche Anzahl von Tarot-Einsteigern Versuche unternommen hat, mit drei Versionen einer Karte zugleich Divination zu betreiben.

Wir hoffen, wir konnten Ihnen die Situation näher erläutern, und wünschen Ihnen, dass Sie die Arbeit mit Ihrem Crowley Tarot genießen werden. Freundlichst, AGMüller

Auch Lon Milo DuQuette, führendes O.T.O.-Mitglied und bekannter Buchautor, bläst ins gleiche Horn: Es ist nicht im Entferntesten vorstellbar, dass Crowley 24 Trümpfe oder ein Deck mit 80 Karten schaffen wollte. Bei jeder dahingehenden Theorie oder Behauptung würde er sich im Grabe umdrehen, außerdem zeigt so etwas krasseste Unkenntnis Crowleys und des Buches Thoth. Crowley ließ nur eine Magier-Karte zur Aufnahme ins Thoth Tarot zu. Es ist diejenige, deren Abbildung im Buch Thoth wiedergegeben ist und zugleich der einzige Magus, der in neueren Decks vertrieben wird. (…) Also Schluss mit dem Gerede von den Drei Weisen!5

Es gibt aber auch ganz andere Meinungen: Diese nachfolgende, interessante esoterische Betrachtung verdanken wir Harald Schulze-Theiler aus Münster, der sich in seinem Buch »Judas und sein Sohn Ger« in tiefgründigster Weise mit esoterischer Symbolik befasst und dabei eindrucksvoll auf das Vorhandensein von zwei unsichtbaren Tarotkarten schließt. Zwar bezieht sich Harald Schulze-Theiler strikt auf den seiner Meinung nach einzig richtigen Tarot: die Oswald Wirth Karten in der Version von Elisabeth Haich. Er kommt nun in Analogie zu den »Drei tollen Tagen«, in denen wir uns seinem Weltkalender zufolge befinden, zu dem Schluss, dass es sich bei den fehlenden Karten um zwei weitere Narren handeln muss. Dennoch lässt sich seine Grundüberlegung sehr wohl auf die drei Magier in dem heutigen Crowley-Tarot übertragen. Die Quintessenz seiner Überlegungen ist stark vereinfachend verkürzt folgende: Die allen alten Zahlensystemen innewohnende Methodik läuft auf ein 24er System hinaus, von dem jedoch oft genug 10 % unsichtbar sind. So spiegelt zum Beispiel die astronomisch exakt berechnete Dauer eines Weltzeitalters (Fische-, Wassermannzeitalter etc.) von 2160 Jahren nur 90 % der »Wirklichkeit«. Es sind »tatsächlich« 2400 Jahre, von denen eben 10 % = 240 unsichtbar sind (2400 - 240 = 2160). Ebenso gab es eigentlich immer schon 24 Karten der Großen Arkana, von denen jedoch 10 % (das sind abgerundet 2 Karten) unsichtbar waren. So betrachtet wäre das Auftauchen dieser zwei verborgenen Karten ein Phänomen, das sehr gut in eine Zeit passt, in der vieles von dem, was jahrhundertelang strengster Geheimhaltung unterlag, in das Licht der Öffentlichkeit tritt.6

Wir sind bei der Gestaltung des Akron-Tarots7 selbst von ähnlichen Überlegungen ausgegangen und haben die Anzahl der Trümpfe durch die beiden neuen Karten Die schwarze Göttin und Das dunkle Kind ebenfalls von 22 auf 24 erweitert, wenn auch aus anderen Gesichtspunkten. Aber was wissen wir schon über die Beweggründe eines Mannes, bei dem tiefste Gedanken und Ironie und Spott sich so ansatzlos die Türklinke in die Hand gaben. Beispielsweise hat einiges, was Crowley über den Magus schreibt, wenig mit der offiziellen Karte gemein: Die andere Form des Thoth stellt ihn vorrangig als Weisheit und das Wort dar. In seiner rechten Hand trägt er den Stilus (Schreibgriffel) und in seiner Linken den Papyrus.8 Von den drei Magiern kommt für diesen Sachverhalt allein der »Herr mit dem Gorilla im Rücken« in Frage, denn er ist der einzige, der diese Utensilien mit sich führt. Und auch die von Crowley mit Christus in Verbindung gebrachte Fisch-Symbolik wird durch den Griffel allegorisch dargestellt, denn wir sehen, wie der Stilus mit seinem Ende wie eine Harpune im Maul des Fisches steckt. Crowley schreibt: Eine Hälfte des Fischsymbols ist sowohl Christus wie Merkur gemeinsam; Fische sind dem Merkur heilig.9 Auch die expressiven Schilderungen in Der Herr der Illusionen verweisen eher auf den Schatten-Magier, denn keine der beiden anderen Karten kommt für diese Aussagen in Frage: Es ist die Gestalt des Magus aus dem Tarot; in seiner Rechten die Fackel mit emporlodernden Flammen; in seiner Linken ein mit Gift gefüllter Becher, ein Wasserfall in die Hölle.10

Dem Wunsch des Verlages, die beiden umstrittenen Trümpfe, wenn schon nicht als zusätzliche Karten, so doch zumindest als perforierte Seiten auf dickerem Kartenmaterial in dieses Buch aufnehmen zu wollen, damit der interessierte Leser die Wahl hat, den bevorzugten Magier aus dem Buch heraustrennen zu können, erteilte William Breeze alias Hymenaeus Beta einen abschlägigen Bescheid:

I have no objection to the inclusion of the two variants so long as they are clearly identified in Akron‘s text as having been rejected by AC and Harris, and they are reproduced at a different size from the various printed decks, don‘t have the backs of the cards printed on the other side, and are on the regular book paper (not card stock). I don‘t see why they should be perforated, unless the idea is to let people take them out of the book to use them as cards, which I could never approve. The perforation just seems an unnecessary expense otherwise.

Best Bill11

Weitere Unklarheiten


Crowleys alchemistische Irritation

Crowley schreibt: Merkur stellt das Handeln in all seinen Formen und Phasen dar. Er ist die fluidische Grundlage aller Übertragungen der Tätigkeit; und in der dynamischen Theorie des Universums ist er selbst dessen Substanz. Er stellt somit die ununterbrochene Schöpfung dar.12 Somit wäre der Magus der erste alchemistische Trumpf, da er für das alchemistische Element und Prinzip des Merkurs steht. Nur sagt Crowley auch: Der Kaiser ist eine der wichtigeren alchemistischen Karten; mit Atu II und III bildet er die Dreiheit: r Schwefel,NMercurius oder Quecksilber und y Salz.13

Somit hat er das merkursche Quecksilber sowohl dem Magus wie der Hohepriesterin zugeteilt. Was also nun? Versuchen wir, aus Crowleys Unschärfe eine Tugend zu machen und denN sowohl aus männlicher wie aus weiblicher Sicht zu beschreiben. Man könnte sagen, wenn der Ndes Magus das Handeln in all seinen Formen darstellt, dann steht derNder Hohepriesterin für das Handeln vor dem Handeln, sozusagen als Idee des Handelns oder als zukünftige, zu beabsichtigende Tat.


Der solare Merkur(ius)

Wenn der Magus die ans Licht sprudelnde Quelle an Wissen und Erkenntnis darstellt, die sich in allem, was sie denkt und fühlt, nur immer auf sich selbst bezieht, dann verkörpert die Hohepriesterin die unterirdische, unbewusste Wasserzufuhr tief auf dem Grund der Seele. Das heißt: Der Magus kann die Hohepriesterin nur indirekt wahrnehmen, wenn er akzeptiert, dass es in der Tiefe noch jemanden anderen geben muss, zu dem er sich in Beziehung setzen kann. Wie soll es ihm aber gelingen, seinem geheimnisvollen Gegenpol, aus dem er schöpft, einen Namen zu geben, da sich die Kraft der Hohepriesterin ja nicht in die Bildhaftigkeit seiner Formzwänge integrieren lässt? So sehr sich sein Bewusstsein auch müht, allem, was er entdeckt, seinen Stempel aufzudrücken und es zu einer Errungenschaft des eigenen Weges zu erklären, indem er es benennt und damit zum aktiv erschaffenden Pol einer Dualität zu machen versucht, versagt er stets, wenn es gilt, die unbewusste Kraft zu benennen und mit der Schöpferkraft zu fließen. Er versucht sie ständig zu kontrollieren, obwohl sie es ist, die ihn dirigiert und vorwärts treibt. Deshalb erscheint ihm der lunare Merkur14 oft im Traum, damit er das solare Bewusstsein ohne Störungen des Ego befruchten kann. Somit ist die Hohepriesterin wohl am treffendsten beschrieben als die abstrakte, nicht zu personifizierende Idee des Gegenpols, das Prinzip eines Gegengewichts zu den solaren Kreationen des Magus, um den Plan von dieser unserer, aus Polaritäten geschaffenen Welt zu vervollständigen.

Deutungen

Im beruflichen Alltag ist das eine sehr kräftige und aktive Karte. Der Magus redet nicht lange herum, sondern langt auch schon einmal hin und handelt, wenn es geboten ist. Sein Spiel heißt Leben und durchsetzen und ist ein echtes Konditionstraining für seinen Willen, denn es verschafft ihm den Nervenkitzel des Lebenskampfes und gleichzeitig wird seine Durchsetzungskraft gestärkt. Dabei strebt er stets nach einem Zustand aggressiver Kräfteentladung, denn am stärksten fühlt er sich, wenn er den Stier bei den Hörnern packen kann. Dadurch werden alle Herausforderungen gemeistert und allfällige Widerstände unterdrückt, denn durch seine mit einer ungestümen und direkten Hau-drauf-Methode kombinierte geistige Wendigkeit erkennt er sofort, an welcher Stelle er noch überzeugende Argumente nachschieben muss. Im täglichen Leben zeigt diese Karte nicht nur ein blindes Vertrauen in die Richtigkeit unseres Willens, sondern oft auch das unschuldige Staunen über die Folgen der Kraft unserer eigenen Handlungen. In finanziellen Dingen ist uns das Hemd oft näher als die Hose, denn wenn wir den anderen über den Tisch ziehen, kann man nicht sagen, dass wir in allen Einzelheiten Herr über die Auswirkungen unserer Taten sind. Wenn jeder andere noch darauf wartet, dass eine neue Situation auf ihn zukommt, machen wir im Bereich unserer Frage bereits den nächsten Schritt. Doch der Schatten ist nicht weit: Wir packen zwar die Dinge meist ohne Umschweife an, aber wenn wir irgendwo feststecken und nicht mehr weiterkommen, dann verlieren wir schnell unser Interesse und wenden uns anderen Geschäften zu.

In der Liebe kommt der Magus meist schneller zur Sache, als dies im alten Knigge nachgeschlagen werden kann, denn wenn ein Magier seinen direkten, auf schnelle Eroberung ausgerichteten Charme versprüht, galoppieren die »Pferde aus dem Stall«. Mit der Triebkraft der Begeisterung vermag er jeden zu entzünden und mit sich in den Liebesolymp zu nehmen, der seine Vorstellung berührt, also das Bild, wie er sich vorstellt, dass der andere zu sein hat. Dabei wird der Partner nicht nur an die Kette seiner charismatischen Anziehung gelegt, sondern auch als Ventil für explosive Experimente benutzt. Schließlich fühlt sich das Feuer des Magus einzig seiner impulsiven Leidenschaft verpflichtet und wird dabei höchstens noch von seinem überschäumenden Optimismus übertroffen. Schwäche oder Mitleid entlocken ihm nur ein Lächeln, denn er lebt nach dem Motto: Selbst ist Mann oder Frau!


Der Magus in der Magick

– Tiefergehende Erkenntnisse –

Der 3. Aethyr

Crowley beschreibt auch den »schwarzen Magier«, den er 1909 zusammen mit Victor Neuburg in der Sahara beschwor bzw. mittels eines goldenen Topases »bereiste«. John Symonds, sein Biograf, notiert: Crowley war sein eigener Seher. Wenn es irgendwelche Engel zu betrachten gab, wollte er sie selbst sehen, und nicht via Neuburg. Als Kristallkugel benutzte er seinen goldenen Topas. Meistens hielt er ihn in seiner Hand. Nachdem er sich einen Ort gesucht hatte, wo jede Störung ausgeschlossen schien, nahm er den Stein zur Hand, rezitierte den Schlüssel und ließ den Topas eine ähnliche Rolle spielen wie den Spiegel in »Alice im Wunderland«, nachdem er sich vergewissert hatte, dass die gerufenen Geister anwesend waren. Er konnte in dem Topas nicht nur Engel sehen, sondern auch in den Stein eindringen, was Crowley wiederum so kommentiert: Ich hatte gelernt, mich nicht mehr mit den Reisen per Astralkörper herumzuärgern. Ich erkannte, dass der Raum nicht ein Ding an sich war, sondern lediglich eine brauchbare Kategorie von vielen, mit deren Hilfe wir Objekte voneinander unterscheiden. Wenn ich also sage, dass ich mich in einem Aethyr befand, meine ich damit einfach den seiner Natur angemessenen und angepassten Zustand.15

Crowley schreibt: Ich sehe die Gestalt des Magus aus dem Tarot; in seiner Rechten die Fackel mit emporlodernden Flammen; in seiner Linken ein mit Gift gefüllter Becher, ein Wasserfall in die Hölle. Und dieser Magus vertreibt, durch die Macht seiner vier Waffen, Schleier auf Schleier; tausende leuchtender Farben, den Aethyr zerreißend; es ist wie der Anblick von schartigen Sägen, oder wie abgebrochene Zähne im Antlitz eines jungen Mädchens, oder wie ein Riss, oder Wahnsinn (…) So blicke ich in den Stein und erschaute den sechsfältigen Stern; der gesamte Aethyr war wie aus lohfarbenen Wolken, wie die Flamme eines Ofens. Und dort ist eine mächtige Schar von Engeln, blau und golden, die ihn bedrängen, und sie rufen: Heilig, Heilig, Heilig bist Du, der Du unerschüttert von den Erdbeben und dem Donner bist! Das Ende aller Dinge ist auf uns herab gekommen; der Tag des Sei-Mit-Uns ist nahe! Denn er hat das Universum erschaffen, und er hat es besiegt, auf dass er seine Freude daran haben möge. Und nun, im Zentrum des Aethyrs, erblicke ich jenen Gott. Er besitzt tausend Arme, und in jeder Hand ist eine Waffe von schrecklicher Macht. Sein Antlitz ist schrecklicher als der Sturm, und aus seinen Augen brechen Blitze von unerträglichem Glanz hervor (…) Unter seinen Füßen ist das Königreich und auf seinem Haupt die Krone. Er ist Geist und Materie; er ist Friede und Macht; in ihm ist Chaos und Nacht und Pan, und durch Babalon, seine Konkubine, die ihn vom Blut der Heiligen trunken machte, das sie in ihrem goldenen Becher auffing, hat er die Jungfrau gezeugt, die er nun entjungfert. Und so steht es geschrieben: Malkuth soll erhoben und auf den Thron von Binah gesetzt werden. Und dies ist der Stein der Weisen, der als ein Siegel auf den Grabstein des Tetragrammaton gesetzt ist, und das Elixier des Lebens, destilliert aus dem Blut der Heiligen, und das rote Pulver, gemahlen aus den Knochen Choronzons.

Und kommentiert es gleich: Dies ist Mayan, der große Magier, der über Beth (Pfad 12) die Dyade erschaffen und so die Konzeption des Gegensatzes und von da des Bösen ermöglicht hat. Er muss von Chokmah, dem schöpferischen Merkur, unterschieden werden, der als Logos die Essenz Kethers übermittelt, damit Kether für ihn selbst durch Binah verständlich wird. Der niedere Merkur dagegen behauptet die Dyade als eine Realität und verleugnet Kether und das Ain gleichermaßen.16

Liber 77717 und weitere Korrespondenzen

Das Wort der Weisheit spinnt der Lügen Netze, vermählt unverminderbare Unendlichkeiten.

Titel: Der Magus der Macht

Bild: Ein blonder Jüngling mit geflügeltem Helm und geflügelten Schuhen entfaltet seine Kunst

Zahl: 2, 412 (ausgeschrieben)


Buchstabe: Beth = B/​BITh (Haus, Sprache). Hier verdichtet sich das Unsagbare zur Aussage

Pfad: 12 von Kether nach Binah. Seine Stellung im Lebensbaum wird durch Binah als noch nicht formuliertes Verstehen angezeigt.

Göttername: AZBVGH

Götter: Thoth und sein Begleiter Cynocephalus, merkurische Götter, oft in Paviangestalt dargestellt, oder Ophiel, der Geist des Quecksilbers (später Stein der Weisen); im hinduistischen Vishnu oder der Affengott Hanuman, Sohn des Windgottes Vayu, nach anderen Überlieferungen auch der Sohn von Shiva

Pflanzen: Eisen-, Bingel-, Marienkraut, Palme, Limonellenbaum, Linde

Krafttiere: Schwalbe, Ibis, Affe, Zwillingsschlangen

Edelsteine: Opal, Achat

Wesen: Hexen, Zauberer, geisterhafte Stimmen

Dämonen (Qlipoth): Samael, der falsche Ankläger (hundeköpfige Dämonen mit einer die Logik der Menschen verwirrenden Energie)

Magische Kräfte: Wunderheilungen, mentale Beeinflussung, magisches Wissen

Magische Waffe: Caduceus

Parfüm: Mastix, weißes Sandelholz, Muskat, Storax, alle flüchtigen Gerüche

Droge: Gehirnreizmittel

Geomantie: Oktagramm

Gematrische Korrespondenzen

2: A.A. (Abkürzung für ARIQ ANPIN, der Alte der Tage, alttestamentarische Götterbezeichnung und Titel Kethers), Haus, Wohnung

12: Raum, Haus, Palast, Besitz, Familie, königliches Geschlecht, das Innere, Tempel, Jesus Gott (Jeheshuah Alhim), Wunsch, Lust

Gottheiten: Hermes Trismegistos, Thoth (Ägyptischer Merkur)

Mythen: Urknall = Ursprung der Schöpfung = Menschwerdung; Adam nach dem Sündenfall oder Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte

Symbole: Blitz, Feuer, Sturm, Phallus

Kultstätten: Hermupolis Magna (geheimnisvolle altägyptische Ruinenstätte bei Al Aschmunain); Amenophis-Tempel in Luxor (Tempel des Menschen)

Ritual: Initiation

Sabbat: Frühlingsbeginn

Kraftstein: Goldglänzender Pyrit (Schwefeleisenerz)

Räucherwerk: Lorbeer, Ginseng, Muskatblüte

Malerei: Die Schöpfung von William Blake

Musik: Und Gott sprach: Es werde Licht! (Einleitung Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde aus Die Schöpfung von Joseph Haydn)

Schrift: Corpus Hermeticum (die alchemistische Bibel von Hermes Trismegistos)

II – Die Hohepriesterin


Das Mysterium des Weiblichen mit seinen vielen Namen ist das verborgene Geheimnis, das sich jeder menschlichen Erkenntnis entzieht.

Alma Mater, Matris Spirituale, Göttin und Priesterin der Nacht

Astrologie: Skorpion-Mond im 12. Haus. Der Mond als Ausdruck unseres lunaren Bewusstseins, Skorpion als Zeichen der Macht des Unbewussten und Haus 12 als Mysterium des Unfassbaren.

I Ging: 2 Kun – Das Empfangende

Rune: Uruz (Urquell oder die Quelle von Urd, an der die Nornen die Schicksalsfäden spinnen) ist die zweite Rune und bedeutet die hinter der Form verborgene Idee.

Licht: Intuitive Erkenntnis, spirituelle Reife, Weisheit der Mütter; das innere Auge oder der Weg, der zu den Geistern der Wasser und den Quellen der Träume hinunterführt

Schatten: Realitätsflucht, Lebensangst, Fata Morganen (Schneewittchens vergifteter Apfel)

Farben: Blau, Silber, kaltes Blassblau, Silber mit himmelblauen Strahlen (Liber 777)

Planet: Mond (Buch Thoth). Der sich auf der Wasseroberfläche spiegelnde Mond symbolisiert die Idee, die sich in der Form reflektiert.

Kurzbeschreibung: Die Karte stellt die Hohepriesterin als die spirituellste Form des Femininen dar. Ihre Verbindung am Lebensbaum (Kether-Tiphareth) schenkt uns eine direkte Verbindung zwischen dem Göttlichen in seinem höchsten Aspekt und dem Leben in seiner vollkommensten Manifestation. Sie ist der Kelch, in den der Magus sein Leben gießt, denn als Priesterin der Nacht verkörpert sie das sphärisch Kreisende, das sich um das Linear-Eindimensionale legt, als empfangender Schoß, in den das Feuer der Intuition seinen Samen ergießt. Spirituell verkörpert sie die tiefe Erkenntnis und die innere Vision, die den Menschen den Kontakt mit seinen göttlichen inneren Wurzeln fühlen lässt, und zusammen mit dem Magus bildet sie die Schaltstelle zwischen der Idee (Interpretation des Geistes) und deren Einbindung in die Form (Begrifflichkeit des Fleisches). Ihre offenen Arme umfassen die Seele, ihr Schoß birgt das Geheimnis des Leibes und ihre Strahlenkrone ist ein Symbol der höchsten Einweihung. Sie ist die Brücke zwischen dem Kosmos und seinen himmlischen Bewohnern, und unter ihrem geheimnisvollen Schleier findet die Erweckung des höheren Menschen durch seinen heiligen Schutzengel (Holy Guardian) statt.

Analyse

Während sich der Magus nach Gestaltung und Ausformung des Willens sehnt, geht das Streben der Hohepriesterin in die Tiefe. Sie drückt die unbewussten Wünsche der Seele aus, deren Assoziationsgeflechte strickmusterförmig im Unbewussten aufgespannt sind, was der feine Maschendraht aus Lichtstrahlen anzeigt. Die opalisierende Gestalt, die dahinter erscheint, befindet sich sozusagen an der Schwelle zum Nichts, in das der Mensch seine Vorstellung projiziert, und verkörpert die geheimnisvollen Träume und die vergessenen Geschichten, die aus der Tiefe von Zeit und Raum wieder ins Bewusstsein der Vorbeiziehenden steigen.1 Aber sogar dann, wenn wir ihre Empfindungen in uns spüren, können wir sie nur schlecht nachvollziehen, denn sie drückt sie in einem verquasten Assoziationsschleier aus, der mehr an die Rätsel der Sphinx, das Orakel zu Delphi oder die drei Hexen in Macbeth erinnert. Das liegt darin, dass wir uns durch unser nach außen gerichtetes Bewusstsein in vielen Teilen von der instinktiven Weisheit der Natur abgeschnitten haben und deshalb kein Ohr mehr für diese inneren Botschaften der rechten Gehirnhälfte aufbringen. Aber in gewissen Fällen, wenn rationale Werkzeuge versagen oder aus Kurzsichtigkeit oder Verblendung unheilvolle Schritte eingeleitet werden wollen, kann es geschehen, dass sich der Geist der Göttin plötzlich in uns erhebt. Wenn sich der Mensch seiner Unzulänglichkeiten schöpferisch bewusst werden kann und seine Seele gegen jeglichen Versuch rebelliert, sich durch binäre Kalkulationen manipulieren zu lassen, schlägt die Stunde der Hohepriesterin. Dann kann es geschehen, dass wir einem dunklen Hinweis aus den Tiefen des Unbewussten folgen, ohne uns über die Beweggründe klar zu sein. Diese Botschaft ist mit Notwendigkeit dunkel und unergründlich, denn es ist klar, dass, wenn wir diese Karte ziehen, unsere mentale Kontrolle im Bereich der von uns gestellten Frage nicht mehr greift.1

Die geheimnisvolle Erscheinung mit dem sphärischen Schleier atmet aber auch das silberne Licht des Mondes ein und aus. Interessanterweise unterstellt ihr Crowley das alchemistische Element und Prinzip des Merkurs: Er ist die fluidische Grundlage aller Übertragungen der Tätigkeit, so schreibt er, und in der dynamischen Theorie des Universums ist er selbst dessen Substanz.2 Damit bezieht sich Crowley wohl mehr auf den unbewussten Seelenführer, den Psychopompos: Merkur ist der von Kether zu Binah – dem Verstehen – führende Pfad; und daher ist er der Botschafter der Götter, er repräsentiert genauestens den Lingam, das Wort der Schöpfung, dessen Sprache das Schweigen ist.2 Letztlich können wir das Heiligtum der Göttin nur kraft unserer Träume und Visionen betreten, denn ihr Mysterium kann nicht durch die Führung des Verstandes, sondern nur im mutigen Eintauchen in die unergründlichsten inneren Seelenebenen erreicht werden. Das zeigt uns der Bogen auf ihrem Schoß, die Waffe der Diana. Er ist nicht gespannt. Das bedeutet, das Ziel, das wir ansteuern, wird durch Kontemplation und zielgerichtete Versenkung erreicht, nicht durch äußere Aktivität und Hektik. Auch der obere Teil des Lichtschleiers, den sie zwischen ihren Händen geöffnet hält, ist ein Symbol für die Erlebniswelt der Seele, die dem Reisenden offen steht. Wenn das Maschennetz mehr die oberflächlichen Ziele der Seele repräsentiert, dann zeigt die halbkreisförmige Öffnung das Tor, durch das man in die eigene Illusion eintreten und sich damit mit dem Fluidum oder dem Geist hinter dem Bild der Hohepriesterin identifizieren kann.3 Denn das Licht, welches das mit einem nach oben geöffneten Lichtstrahlenkranz gekrönte Haupt der Göttin umhüllt, ist nicht nur eine Manifestation des ewigen Geistes, sondern auch ein schützender Filter, in dem sich nur die eigenen Erwartungen reflektieren. Auch das Unendlichkeitszeichen (Lemniskate = liegende Acht), das sie wie eine Brille vor ihren Augen trägt, ist mehr ein Spiegel für den Blick des Betrachters, denn wenn der Mensch der Göttin wirklich in die Augen sehen könnte, dann müsste er erblinden. Aus der Sicht des Beobachters steht die Lemniskate für die Beschreibung der Welt, die sich je nach Verschiebung des Fokus verändert, durch dessen Linse er die Karte betrachtet. Deshalb ist alles, was er in ihr sieht, nicht die Priesterin, sondern die Projektion seiner eigenen Vorstellung, der Göttin hinter dem Schleier begegnen zu wollen. Damit assoziiert sie sich mit jener illusionsschaffenden Energie, Maya genannt, die über die innere Gestaltungskraft verfügt, um sich in allen Bildvorstellungen zu inkarnieren, und schenkt ihm das intuitive Empfinden, dass alles, was er wahrnehmen kann, letztlich nur ein unbedeutender Bruchteil jener Träume ist, die für Kaiser oder Hohepriester unentwirrbar bleiben müssen, damit sie sich in ihrem Zwang nach Kontrolle nicht frustrieren.

Die um den unteren Bildrand gruppierten Symbole (Früchte, Blumen, Samenschoten) liegen vor dem Schleier der Isis und sind daher als in Erscheinung tretende Dinge schon manifestiert. Sie zeigen das innere Wachsen und Reifen der Seele, in der alle kollektiven Erlebnisse gespeichert sind, die »zukünftige« Vergangenheit oder die kommende Erahnung, die sich beispielsweise auch in Trümpfen wie Glück, Stern, Mond oder Æon niederschlagen. Dabei ist die Hohe Priesterin das kollektive Assoziationsmuster in der Tiefe der Seele, das mysteriöse Sehnen, unbewusste Erinnerungen ins Licht unseres Bewusstseins zu heben. Das Kamel, das am unteren Bildrand schreitet, ist eine Erinnerung an den hebräischen Buchstaben Gimel (Kamel), ein Verbindungsglied zwischen der geistigen Welt (Kether) und der Welt der realen Formen (Tiphareth). Dieser Pfad liegt in der Mitte des Lebensbaumes und wird von den Eingeweihten der Durchgang in die Stadt der Pyramiden genannt:

Im Wind des Geistes entsteht die Turbulenz namens Ich.

Sie zerbirst; hinab regnen die unfruchtbaren Gedanken.

Alles Leben ist erstickt.

Diese Wüstenei ist der Abyssos, darin das Universum ist.

Die Sterne sind nur Disteln in dieser Einöde.

Und doch ist diese Wüstenei nur ein verfluchter Ort

in einer Welt der Glückseligkeit.

Ab und an durchqueren Reisende die Wüste; sie kommen vom

Großen Meer und zum Großen Meer wandern sie auch.

Beim Gehen vergießen sie Wasser; eines Tages werden

sie die Wüste bewässert haben, bis sie erblüht.

Siehe! Fünf Fußstapfen eines Kamels! V.V.V.V.V.3

Buch der Lügen, S. 68

Dieser Weg ist es, den der Adept geht, wenn er sich seinem heiligen Schutzengel nähert, sich mit ihm verbindet und den Abyssos durchschreitet, ist er doch selbst der Quell, aus dem die Erkenntnis strömt, und gleichzeitig das Gefäß, mit dem er das Meer der Weisheit ausschöpft. Wie hat es doch der Advocatus Diaboli beim Magus so schön formuliert: Die Hohepriesterin ist die Quelle, die die (zukünftigen) Erkenntnisse des Magiers durch ihre Ahnungen ergänzt. Sie selbst steht für den Akt der inneren Offenbarung, denn sie ist die Endlosschleife der menschlichen Erkenntnis, die sich nicht nur kreisend um sich selbst, sondern gleichzeitig wie eine Spirale auch in immer höhere Sphären dreht und trotzdem mit den zentrifugalen Verstandeskräften korrespondiert, damit der Empfänger, wie in diesem Falle Crowley, seine Visionen letztlich entschlüsseln konnte.4

Weiterführende Bemerkungen


1 Die Hohepriesterin ist eine der interessantesten Karten im ganzen Deck. Sie ist das wunderbare Ergebnis der Frieda Harris von Olive Whicher vermittelten projektiven Geometrie, die sie 1937 in London erfuhr.5 Es handelt sich um den Versuch, die starre euklidische Geometrie durch den so genannten mathematischen Mystizismus »aufzubrechen«. Das erinnert auch an die von M. C. Escher in den dreißiger und vierziger Jahren entwickelte geometrisch-künstlerische Methode zur Flächenfüllung und zur Darstellung des Unendlichen, die ebenso auf raffinierte Verbiegungen und außergewöhnliche Blickwinkel setzt: Die perspektivische Verkürzung des Raums, der auf der Karte der Hohepriesterin beispielsweise wie eine »Laufmasche« herunterfällt, liegt exakt auf ihrem Solarplexus. Es ist das »weiße Loch«, das den Kosmos aus sich hervorbringt. Dieser feierliche Akt wird durch die Bewegung ihrer Arme dirigiert, die den Einstieg öffnen, durch den der Reisende eintreten kann. Sie verkörpert die Weise, welche die Sterne regiert, die ihr folgen, und in dieser Haltung repräsentiert sie Nuit, die Herrin der Sterne.


2 Somit ist die Hohepriesterin der unbewusste Impuls zum schöpferischen Willen des Magus: die Idee zur Handlung, bevor sich die Tat in den Raum ergießt, die namenlose Unendlichkeit, die sich zu einem Schöpfungsakt zusammenballt. Es ist die unbewusste Absicht, die ihm die Fähigkeit, durch den Willen Dinge aus dem scheinbaren Nichts heraus zu erschaffen, einhaucht. Für alles, was er kraft seiner Vorstellung beschwört, wird sie zur verwandelten Quelle seiner Schöpfung und bildet als deren abgetrennter Rückstand den Gegenpol, der stumm und geduldig auf die Wiedervereinigung der getrennten Pole wartet. Auch der Begriff Intuition wird in einer oft zu materiellen und irdischen Bedeutung mit dieser Karte in Verbindung gebracht. Der oft mit wahrer Intuition verwechselte Geistesblitz Heureka! – Ich hab’s! ist selten mehr als ein erster Gedanke aus der Schmiede des Magus, ein Prototyp. Erkenntnisse des Männlichen entspringen der Konzentration auf einen Punkt, die alles andere aus seinem Bewusstsein verbannen. Die Hohepriesterin jedoch blendet jede Fokussierung auf diesen einen Punkt aus und schafft damit Platz für die wahrhaft intuitiven Eingebungen. Zur Unterscheidung dieser beiden Prinzipien ist es hilfreich, von aktiver, männlicher Kraft zu sprechen (solarer Merkurzeichen), die sich selbst zu erschaffen in der Lage ist, und von weiblicher Energie (lunarer Merkurzeichen), die dem Wirken des Magus unbewusst zugrunde liegt.


3 Am Fuße der Statue der Isis in Sais steht geschrieben: Ich bin alles, was war, was ist und was jemals sein wird. Kein Sterblicher wird je entdecken können, was unter meinem Schleier liegt.6 So scheint sie nur in Träumen oder Phasen überirdischer Eingebungen erreichbar zu sein; kein Weg führt zu ihr hin und keiner von ihr weg, denn sie ist im wahrsten Sinne des Wortes überall und nirgends. Crowleys Göttin der Nacht, Nuit, repräsentiert die gleiche Kraft, durch die wir uns selbst als Teil eines Größeren erkennen, und dieses Größere ist der Impuls des Lebens selbst. Deshalb kann sie in ihrem Geheimnis intuitiv erahnt, aber weder emotional erfahren noch mental erfasst werden, ist sie doch selbst die Quelle, aus der die Urmuster unserer Gefühle und Gedanken strömen. Da sie all dies selbst gebiert, ist sie – ohne selbst Bild zu sein – die hinter den Bildern wirkende Bilde-Kraft, die unsere Vorstellung nährt. Erst in der Karte Ausgleichung kann ihr Potential, das hier (noch) als Idee existiert, zur Quelle eines Neuen Æons verdichtet werden, zur befriedigten Frau, mit der sich der Mensch verschmelzen kann: Liebe ist das Gesetz – Liebe unter Willen!7

Ich bin Sie, erwidert Coph Nia8, die Tochter der Schleier und Priesterin der Nacht, und alles, was ihr wahrnehmt, ist Sie in der Form, in der ihr Sie erfahrt. Sie ist es, die in euch und durch euch den heiligen Wein trinkt, und Sie ist der Wein. Es ist die ewig-alte Frage nach dem Lebenssinn: Wo liegt der Sinn des Werdens, das aus seinem eigenen Ende immer wieder neu hervorgehen muss? Die Hohe Sphinx kann das Rätsel lösen: Er liegt in der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst!

Andere Verbindungen

– Tiefenpsychologische Zusammenhänge –


Der Narr zwischen Eltern und Über-Eltern

Machen wir ein kleines Spiel und versuchen wir Crowleys exzessive Botschaft in eine schlüssige Fiktion zu übertragen. Und die geht so: Seit C. G. Jung sind wir nicht nur mit unseren Eltern konfrontiert, sondern auch mit unserem inneren Bild der Über-Eltern, also einer Darbietung von Göttern und Erziehern, die mehr mit Wunsch- und Paradiesvorstellungen als mit lebendigen Menschen zu tun haben. In diesem Sinn verfügen wir über zwei Elternpaare. Auf der einen Seite das eine Art höhere Individualität ausströmende Elternbild, das Zugang zu dem Teil des kosmischen Bewusstseins hat, das uns innerlich stärkt und durch die Karten Magus und Hohepriesterin repräsentiert wird. Zum anderen die leiblichen Eltern, Kaiserin und Kaiser genannt, die in ihrer Verantwortung für das Kind aus dessen Sicht oft versagen. Sie wurden uns vom Leben aufgezwungen oder mitgegeben, und das in einem sehr autoritären Sinn – denn sie verkörpern zumindest in der Kindheit unser soziales Umfeld und unsere körperlichmaterielle Realität.

Jedes Unvermögen der Eltern schaukelt das Über-Eltern-Bild auf und umgekehrt. Manchmal erschaffen wir aus unserem Bewusstsein heraus die Sehnsuchtsbilder, die uns in einer kniffligen Lage die Kraft geben, mit der Situation umzugehen, wenn die eigenen Eltern versagen. Ähnlich wie Heilsbringer oder andere Götzenbilder rufen wir solche Energiepersönlichkeiten aus unserer psychischen Datenbank ab, aus dem Fundus individualisierter Bewusstheiten, die uns zur Verfügung stehen. Manchmal kann eine (un-)heimliche Verwandlung stattfinden, wenn wir die Aufmerksamkeit von den leiblichen Eltern auf unsere fiktiven Personen, die wir selbst geschaffen haben, übertragen, denn damit übernehmen wir eine Art innerer Kontrolle in einer Außenwelt, der wir sonst schutzlos ausgeliefert wären. Aber auch das Fehlen der natürlichen Eltern kann zu grotesken Überhöhungen und Verzerrungen der Über-Eltern-Bilder des Narren führen, was wir am reichhaltigsten aller Inzestmythen, Ödipus, sehen. Er tötet seinen irdischen Vater und heiratet seine biologische Mutter, doch nur, weil er keinen Kontakt zu seinen irdischen Eltern hatte. Die ganze Tragödie geschieht unwissentlich, was auf die Ebene unbewusster Phantasievorstellungen hindeutet; andererseits konnte er in der späteren Erkenntnis und Aufarbeitung sein unerlöstes Elternbild befreien.

Der Advocatus Diaboli erklärt das so: Die mögliche Zukunft, die sich im vergangenen Orakel manifestiert9, transportiert die innere aggressive Energie des Vaters auf das Kind, um ihr später unbewusst folgerichtig zu erliegen, damit sich das Schicksal vollziehen kann. Deshalb können wir erkennen, dass manchmal auch die (ängstliche) Projektion der Eltern auf das Kind die Über-Eltern-Bilder im Kind auslösen und sich zerstörend im Außen auswirken kann. Die unbearbeitete Gefühlsfracht liefert Form und Antrieb (Fahrzeug und Benzin) für solche Schöpfungen. Dieses legt wiederum den Gedanken nahe, dass der Inzest nicht einfach degenerativ ist, sondern auch regenerative Möglichkeiten in sich enthält. Es ist in der Tat ein wesentliches Stadium der Entwicklung des individuellen Charakters bei beiden Geschlechtern, seinen mehr oder weniger wirksamen Ödipus- bzw. Elektrakomplex zu überwinden. Auf diesem Teil des Mythos baute Freud auch einen seiner wertvollsten und unwiderlegbaren Beiträge zu unserem tiefenpsychologischen Wissen auf.

Im Klartext: Der »Reisende« steht in der Hohepriesterin vor der Aufgabe, seine überhöhte, unerreichbare Mutter auf seinen Wellenbereich »herunterzuholen«. Das geschieht dadurch, dass er alle moralischen Empfindungen und kulturellen Überlieferungen der Heiligen Jungfrau und Mutter Gottes zerstört. Nach dem, was uns Crowley sagen will, hat er die Pflicht, die Göttin zu »vögeln«, oder, wenn er schon nicht den Mut hat, seine Mutter zu ficken, wenigstens seinen Vater zu erschlagen10, kurz: den Kaiser zu kastrieren und seinen Platz auf dem Thron einzunehmen! 11Denn: Nur wenn er seine inneren Eltern überwindet, hat er die Chance, selbst erwachsen zu werden und an deren Stelle zu treten.

Das Durchlaufen dieses mörderischen Zyklus löst gewaltige Emanationen in uns aus, und die Schmerzen, die durch die (vorübergehende) Erweckung und die Auseinandersetzung mit den Urängsten in uns wachgerufen werden, sind nichts anderes als die in zahllosen Sagen und Mythen überlieferten Höllenqualen, bevor der Proband durch sie geläutert wird. Erst, wenn es uns gelingt, die Felder der Autoritäten (I – V) zu durchschreiten und uns in den nächsten vier Karten VI – IX von unseren unbewussten Eltern- und Lehrerbildern zu lösen, sind wir frei. Doch bis es soweit ist, geht es darum, die Göttin von den Mystifikationen unserer Übertragungen zu erlösen. Sie wird durch ihre Lust entheiligt, befreit und bloßgestellt, und das tun wir, indem wir sie zu unserer Scharlachhure küren.

Deutungen

Auf der äußeren Ebene ist die Hohepriesterin eine innere Person, die fasziniert, Herzenswärme zeigt und für alles Geheimnisvolle zugänglich ist. Um sich herum verströmt sie einen mysteriösen Schleier: einen Mantel intuitiver Erkenntnis, spiritueller Weisheit und Einswerden mit dem Urgrund. Deshalb ist uns überall die Aufmerksamkeit unserer Umgebung sicher. Ab und an können wir zwar auch ein übersteigertes spirituelles Parfüm verströmen oder einen geheimnisvollen Menschen darstellen, der etwas unglaubwürdig erscheint. Unsere Stärken liegen im intuitiven Erfassen der Lage und in der visionären Nase, Chancen aus dem Wust an Möglichkeiten herauszuspüren. Allerdings lässt uns diese Karte auch tiefer in die Dinge eindringen und mehr erkennen, als dies für den Austausch und die Kommunikation mit unserer Umwelt immer förderlich ist. Deshalb braucht es eine große innere Sicherheit und seelische Stärke, auf die üblichen Masken, die die Gesellschaft anbietet, zu verzichten, und die anderen mit unseren Geheimnissen, unserer Eigenart, unserer gebündelten geistigen Stärke und unserer seelischen Kraft zu konfrontieren.

Im emotionalen Erleben lässt uns die geheimnisvolle Zauberin viel über die Geheimnisse der Leidenschaft und sexuellen Sphäre erahnen, auch wenn wir daraus nicht immer die definitiven spirituellen Erkenntnisse ziehen. Es kommt halt sehr darauf an, wie stark unsere eigene Magie in der die Frage betreffenden Situation ausgebildet ist, denn davon hängt die Tiefe unserer Lösung ab. In Beziehungen vertritt sie Empfängnis, Verschmelzung und kontemplative Versenkung (zu den Quellen der Mütter), und für Singles ist sie ein innerer Wegweiser zu intuitiver Erkenntnis, Nähe und Energie-Austausch. Wir streben aber nicht nur danach, uns in den Fata Morganen glitzernder Sirenengesängen zu verlieren, sondern sind auch gewillt, zu den Urquellen zurückzukehren. Wir möchten die tiefe innere Erfüllung in uns und durch die anderen spüren, weil die Karte nicht nur das Symbol einer seelischen Verschmelzung darstellt, sondern auch für die Ziele des Unbewussten steht, die unsere Seele in ihren Träumen visualisiert. Denn wir sind tief in Geheimnisse der Seele involviert und haben intuitiven Zugang zu allen Funktionen des Lebens.


Die Hohepriesterin im Lebensbaum

– Tiefergehende Erkenntnisse –

Ich starrte auf die Mauer, in deren Mitte mir plötzlich eine leuchtende Vagina wie ein halluzinogener Fleck entgegenraste, und dann verdampfte das Bild und hinterließ im Boden ein Loch, durch das ich wie ein Stein hindurch fiel. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, das Wesen des Loches zu erfassen, denn es lud mich ein, mich mit ihm restlos zu verschmelzen. Aber in der Sekunde, in der ich versuchte, die Unterschiedlichkeit unserer Wahrnehmungen miteinander in Einklang zu bringen, verlor ich alle Fähigkeit, meine Anschauungen zu unterscheiden. Ich sah nur, dass ich da mit irgendetwas in mir in Verbindung trat, das mich überall umgab und von dem ich wusste, dass es eine Frau war, obwohl ich auf der anderen Seite gleichzeitig erkannte, dass ihre Silhouette wiederum nur ein Loch in der Mauer war.

Dantes Inferno – Akron, 2000

Die Hohepriesterin als Glyphe des höheren Selbst

– Die geistige Sphäre –


JHVH = Jahwe

Die Hohepriesterin ist die erste Karte der Trümpfe, die eine Verbindung der Göttlichen Trinität (Kether, Chokmah, Binah) mit dem Solarplexus (Tiphareth) unterhalb des Abyssos darstellt. Wenn wir diese vier Punkte miteinander verbinden, entsteht ein Kreuz, das im übertragenen Sinn dem kabbalistischen Namen Gottes entspricht, dem göttlichen Jehova, der in die Herzen der Menschen einfließt (Jahwe = JHVH = Jod Heh Vau Heh). Die Kabbalisten teilen sowohl die Schöpfung als auch die Seele in vier Abschnitte ein, von denen jeder einem Buchstaben des Großen Namens entspricht. Im Tarot stehen die Stäbe für das Feuer = Jod, die Kelche für das erste Heh = Wasser, die Schwerter für das Vau = Luft und die Scheiben für das zweite Heh = Erde (von rechts nach links gelesen):


Der vollkommene Mensch

Man kann Tiphareth auch durch die Achse Chesed-Geburah ersetzen und die fünf Punkte übers Kreuz miteinander verbinden, dann erhalten wir ein Pentagramm. Dieses Zeichen wurde mit seinem goldenen Schnitt sowohl zur Grundlage vieler Kirchenbauten als auch zum Symbol für den vollkommenen Menschen (= Gott).


JHVH + Shin = Jeheshua, der erlöste Gott

Durch die Verbindung von Pentagramm und Kreuz gesellt sich zu den Grundstoffen Feuer, Wasser, Luft und Erde das Element Shin oder Geist hinzu. Shin ist das Feuer des Geistes, das herabsteigt und das Tetragrammaton erleuchtet. Aus JHVH wird das erweiterte Tetragrammaton oder Pentragrammaton JHShVH (Jod Heh Shin Vau Heh), und das steht im hebräischen Alphabet für den Namen Jesus, des Gottessohns. Er ist der göttliche Funken ewiggültiger Vitalität:

– Die materielle Sphäre –

Die Hure Babalon (christlich: Maria Magdalena)


Wenn wir das Pentagramm an den Punkten Chesed und Geburah umklappen und nach unten biegen, dann kommt die Spitze von Kether nach Jesod zu liegen und wir haben einen Drudenfuß. Durch Crowleys Sicht, der darauf stigmatisiert zu sein scheint, in allen traditionell-christlichen Bezügen eine sexuell verdrängte Haltung zu sehen, können wir das Kreuz als Symbol des Phallus verstehen, der in die Vagina der Scharlachhure Babalon als Symbol des Sündenpfuhls Babylon eindringt, um damit die Schöpferquelle an der Wurzel zu berühren. Sexuell gesprochen wäre Tiphareth dann der Scheideneingang, durch denn der Penis (das aufrechte Kreuz) in das Innere der Materie eindringt. Aus christlicher Sicht können wir das Kreuz aber auch als Erlöserinstrument betrachten, das in den Sündenmorast des umgedrehten Pentagramms »sticht«, um den Geist darin zu wecken und zur Spitze nach Kether zurückzuführen (Beispiel: Maria Magdalena). In der Gnosis ist diese die Gefährtin von Jesu, die ihm ein Kind gebiert, und in der Bibel die Prostituierte, die Jesu die Füße wäscht.


Der »onanierende« Eremit mit der Laterne

Oder wir stellen das Kreuz auf den Kopf (Jesod), dann berührt es die Scheide des Göttlichen am umgestülpten, implodierten Punkt Daath. Motto: Die empfangende Materie zieht den männlichen Geist an sich heran. Dann wäre der Phallus die Spitze des Wissens, die an der Schwelle des Unfassbaren anklopft.


Der Schwarzmagier (Das Gründeln in der Hölle)

Wir können aber auch beides nach unten klappen. Dann schwingt die abwärtsgerichtete Energie auf der Grundlage von Daath oder Daäth12, der falschen Sephira, Wohnsitz des Erzdämons Choronzons, der die Seele mit unseligen Verlockungen in den Verstrickungen des Ego festhält.

– Die kombinierte Sphäre –


Der persönliche Schutzengel (Holy Guardian Angel)

Fassen wir zusammen: Die an der Achse Chesed-Geburah gespiegelten Symbole Pentagramm und Kreuz verkörpern die Idee dessen, was wir unser ineinander verschränktes geistiges und materielles Weltbild nennen. Es ist die Urprägeform oder der schöpferische Topf, aus dem wir die Welt nach unserer Vorstellung nachbilden. Die obere Hälfte sendet den geheimnisvollen Ruf aus den Wassern des Unbewussten aus, die Sehnsucht nach Gott, die uns zur Schöpfung antreibt, während der untere Teil die Libido verkörpert, der instinktive Wunsch, über die sexuelle Ekstase die materielle Gebundenheit zu sprengen. Wo Crowley die Wasser des Abyssos durch einen sexuellen Akt mit spirituellem Orgasmus zu überwinden sucht (für seinen Orden Argenteum Astrum war Pfad 13 die Startbahn zum Ipsissimus über den Magister Templi), erlöst Parzival den sündigen Amfortas mit der heilenden, die Wunde schließenden Berührung des Schwerts.

Um die spirituelle Tiefe dieser Karte zu verstehen, müssen wir wissen, dass es sich bei der Hohepriesterin um eine Erscheinung auf dem Energielevel von Jesus handelt, eine geistige Gestalt, die im kollektiven Unbewussten als Schutzengel abgespeichert ist. Sollten wir sie durch die Jungsche Brille als höheres Selbst bezeichnen, ist das auch nicht falsch, denn als Teil des kosmischen Bewussteins ist sie sich als ein Element ihrer selbst in uns bewusst und kann durch Gebet oder Meditation für alle unsere Wünsche und Sorgen angerufen werden. Sie mag zwar mehr als die Summe aller unserer Persönlichkeitsteile sein; aber alle unsere Teile sind auch das, was sie ist.

Liber 77713 und weitere Korrespondenzen

Mutter, Mond-Jungfrau, Gespielin, Braut des Pan;

Gottes Engel-Gesandte an jeden Mann.

Titel: Die Priesterin des Silbernen Sterns

Bild: Eine gekrönte Priesterin sitzt vor dem Schleier der Isis zwischen den Pfeilern von Seth

Zahl: 3, 73 (ausgeschrieben)


Buchstabe: Gimel = G/​GML (Kamel)

Pfad: 13 von Kether nach Tiphareth. Die Hohepriesterin ist die erste Karte, die eine Verbindung der oberen Dreiheit mit der Sechsheit herstellt.

Göttername: HD ALIM

Götter: Chomse, Gott des Mondes, Artemis, der jungfräuliche Mond, Hekate, der böse Mond, Diana, die Jägerin. Artemis, Isis und Nuit sind Symbole höchster Einweihung und repräsentieren die reine Idee als göttlicher Funke vor der materiellen Verwirklichung.

Pflanzen: Granatapfel, Mandelbaum, Beifuß, Haselnussstrauch, Mondraute, Erle

Krafttiere: Hund (bellt den Mond an und ist der Begleiter der Jägerin Artemis), der weiße Storch, Kamel

Edelsteine: Mondstein, Perle, Kristall

Wesen: Lemuren, Geister

Dämonen (Qlipoth): Gamaliel, der obszöne Esel (Die Obszönen oder die Verderbten, die sich miteinander vereinen)

Magische Kräfte: Die Weiße Tinktur, Hellsehen, Weissagung durch Träume

Magische Waffen: Bogen und Pfeil

Parfüm: Kampfer, Lignum Aloe, alle süßen jungfräulichen Gerüche

Drogen: Wacholder, Polei-Minze (enthält das giftige Pulegon)

Geomantie: Enneagramm

Gematrische Korrespondenzen

3: Vater, Lehrer, Schöpfer, Blüte, Ratgeber, Baumblüte, Kraft der Pflanze, Urahne, Vorfahre

73: Belial, Nachtwesen und Dämonenkönig, Kamel, Geschicklichkeit, die Weisheit Gottes, tiefes Eindringen in die Rätsel der Welt

Gottheiten: Die Himmelskönigin als All-Geberin, Matriarchin, Creatrix, Initiatrix mit ihren vielen Namen; die Göttinnen des abnehmenden Mondes: Ceridwen, Cybele, Daeira, Eleusis, Hebe, Isis, Kore, Kurukulla, Levvanah, Luna, Melaina, Maya, Phoebe, Selene; im Doppelpack als Isis/​Nephtys, Eva/​Lilith, Inanna/​Ereschkigal oder Demeter/​Persephone

Mythen: Evas Biss in den Apfel; Persephones Granatapfel, den ihr Hades anbot, oder Schneewittchens vergifteter Apfel, der die Betroffenen hinter die »äußere Wirklichkeit« führte

Symbole: Mondlicht oder die Reflexion des Lichts, tiefe Wasser, verwunschene Seelen an verwunschenen Plätzen, schöne Prinzessinnen, böse Hexen, gute Zauberfeen

Kultstätten: Der überspülte Isistempel auf der Nilinsel Philä bei Assuan; Venedigs Friedhofsinsel San Michele all’isola (Assoziationen zu Böcklins Toteninsel)

Ritual: Traummeditation (schauende Versunkenheit unter Ausschaltung allen Wollens)

Sabbat: Imbolc, 2. Februar – christlich: Mariä Lichtmess

Kraftsteine: Jade, durchscheinender Chalzedon, fluoreszierender Serpentin

Räucherwerk: Amber, Narde (seltene und unergründliche, die Seele inspirierende Düfte)

Malerei: Toteninsel von Arnold Böcklin

Musik: Der Schwan von Tuonela von Jean Sibelius (Tuonela ist das finnische Totenreich. Schweigende Fluten umhüllen die Insel und über die Wasser gleitet ein singender Schwan. Wem sein Lied erklingt, den erfasst Todessehnsucht); oder Brünnhilde, die Siegmund den Tod verkündet (Walküre, 2. Akt, von Richard Wagner)

Schrift: Der sumerische Epos: Inannas Abstieg in die Unterwelt

III – Die Kaiserin


Das Geheimnis des Todes ruht im Mutterschoß.

Baphomet – Tarot der Unterwelt

Die Große Muttergöttin mit all ihren Namen: Astarte, Demeter oder Gaia in der Helle des Tages – Medea in der Tiefe der Nacht

Astrologie: Venus in Stier im Sinne von Fruchtbarkeit und Wachstum; oder Erde als der wahre Herrscher von Stier

I Ging: 48 Dsing – Der Quell (Der Mutterbrunnen)

Rune: Berkana (Birke) ist ein Symbol für Wachstum und beschreibt die Große Mutter. Licht: Liebe, Fruchtbarkeit, Berührung, emotionale Stärke, Mutterschaft

Schatten: Besitzanspruch, Einengung, Stagnation; Gier, Habsucht, Neid (die verschlingende Mutter = Tod)

Farben: Smaragdgrün, Himmelblau, erstes Frühlingsgrün, Rosa oder Kirsche mit blassgrünen Strahlen (Liber 777)

Planet: Venus. Die grundlegende Formel des Universums ist Liebe. (Buch Thoth)

Kurzbeschreibung: Auf der materiellen Ebene repräsentiert die Kaiserin das Salz der Erde, während sie auf der spirituellen die unvergängliche »Prägeform« Gottes darstellt, die alle Formen des Seins in sich enthält und von der jedes Leben ein in seiner individuellen Ausprägung einmaliger »Abdruck« ist. Das summiert sich zu einer alchemistischen Brühe aus innerem Wissen und äußerem Empfinden und ist ein Äquivalent für die personifizierte Urquelle des Heiligen Grals. Es ist die lebendige, nährende Seite des noch in den archaischen Strukturen des kollektiven Unbewussten aufgehenden Selbst, das immer noch ein Teil von Gott darstellt. Dabei weiß sie ihre Ziele mit durchaus irdischen Mitteln zu vertreten, weshalb sie Crowley auch die mit vielen Fähigkeiten und Talenten ausgestattete, listenreiche und verlockende Tochter des Zeus1 nennt. Sie verkörpert die lebendige, nährende Seite der Lust und besitzt jene weibliche Kraft, die im Austausch mit der Umwelt gleichermaßen Vertrauen auslöst und Macht anstrebt. Denn unter der Maske sanfter Hingabe verbirgt sich eine starke, leidenschaftliche Weiblichkeit, die ihre Umgebung mit sanfter Hand beherrscht.

Analyse

Die Kaiserin ist der erste Trumpf, der uns die irdische Ebene in ihrer ganzen Fülle und die Kraft der weiblichen Fruchtbarkeit vor Augen führt. Als wichtigstes Naturprinzip und Quelle allen Lebens repräsentiert sie das innere Zentrum, das Gespür aus dem Bauch heraus, dieses starke, aus sich heraus strömende Gefühl von Lebenskraft und Mutterschaft, denn am Anfang kann nur stehen, was in der Lage ist, sich selbst zu reproduzieren und zu vermehren. Es ist Mutter Natur selbst, die sich hier offenbart, um uns die Kraft des Lebens und dessen ewige Selbsterneuerung vor Augen zu führen, und es ist die Geburt und das Gebären schlechthin, was ihr Wesen ausmacht: das Streben, das die irdische Welt zum Fortbestehen unserer Spezies immer wieder aufs Neue mit prallem Leben füllt. Oder der Weg, der zwei zukünftige Elternteile zusammenführt.

Schlüsseln wir die Symbole der Reihe nach auf: Das achtspitzige Malteser- oder Johanniterkreuz auf ihrem Haupt2 steht für die irdische Regentschaft und die Bedeutung der Vereinigung zwischen spiritueller und sexueller Natur. Auf Kopf- oder Bewusstseinshöhe sitzen zwei der heiligen Vögel, der Sperling als ein der Aphrodite zugeordnetes Symbol der Lust und die Taube als christliches Relikt unbefleckter Empfängnis.3 Der Lotus oder Stab der Isis in der Rechten auf Herzhöhe zeigt, dass sie alle fruchtbaren Energien im Zentrum ihres Herzchakras zur Entfaltung bringt, und deutet gleichzeitig die Regentschaft über den Phallus des Kaisers an.1 Die geöffnete linke Hand und der Blick nach links auf die heilige Taube (aus Sicht des Betrachters rechts) unterstreichen Empfänglichkeit und Mutterschaft. Ihr rot-grünes Kleid bringt ihre immensen Kräfte gut zum Vorschein, weil die Natur in diesen Farben vorteilhaft zur Geltung kommt. Die emsigen Bienen auf dem Kleid sowie die Fische und Lilienblüten auf dem (Asphodelien-)Grund, Symbol für Unschuld und Jungfräulichkeit, auch wenn ihr üppiger Stempel an den Phallus eines Esels erinnert, sind ein weiteres Indiz für ihre sammelnde und bewahrende Art. Um den Bauch (Solarplexus) trägt sie den Gürtel des Zodiaks. Mit einem Satz: In ihr drückt sich das emotionale Verlangen nach Ganzheit aus, weil nur die weibliche Kreativität in Verbindung mit Gefühlen für eine Erfahrung von Vollständigkeit sorgt.

Aus magischer Sicht wird die Familie von der Mutter repräsentiert, denn es ist die Frau, die die bewahrende, beschützende Rolle übernimmt und die Durchsetzungskraft des Männlichen ausschickt und wieder an sich heranzieht. Man könnte sie auch als Urschöpferin oder Aspekt der Mutter Natur auffassen, wobei die Betonung auf der hellen Seite in ihrer weiblichen Weisheit und im Schatten auf einer blinden Mütterlichkeit liegt. Die pure Lust am Erschaffen immer neuer Formen kann zu einer Maßlosigkeit führen, die die Gleichgültigkeit der Schöpferin gegenüber dem einzelnen Individuum zum Ausdruck bringt. Bereits erschaffenes Leben wird von der Flut neuen Lebens erdrückt, wenn ein regulierender Gegenpol fehlt. Die zerstörende, schwarze Mutter, wie sie in vielen Mythologien in Erscheinung tritt, mag hier ihren Ursprung haben. Crowley sieht im Rumpf der Regentin das alchemistische Symbol Salz (nach)skizziert, was in der seltsamen Verbiegung des Unterleibs zum Ausdruck kommt, der vom Oberkörper abgeschnitten ist und auf dem Bild von Frieda Harris perspektivisch verzerrt und verdreht aussieht.2 Die schwebenden Halbmonde auf beiden Seiten zeigen an, dass sie sich manchmal in die kindlichen Gefilde von Wut oder ohnmächtigen Trotzphasen zurückziehen kann, besonders, wenn ihre schöpferische Macht nicht auf fruchtbaren Boden fällt. Denn wenn die Kaiserin den Willen verkörpert, sich selbst zu verwirklichen, dann entspricht der Mond dem Rückzug zu den Ufern des Unbewussten. Daher ist es verständlich, dass das von der verschlingenden Mutter symbolisierte Machtstreben oft auch einen intensiven Kampf gegen die Mondverkörperung ihres (verdrängten) Alter Ego führt. Doch für ihre Entwicklung ist es eminent wichtig, die materielle Vertiefung zu den intuitiven Träumen ihrer Schwester zu finden, was nicht leicht fällt, denn die Pfade von Hohepriesterin und Kaiserin bilden ein Kreuz4. Ihr Schild ist der weiße Doppeladler des Alchemisten (lunares, weibliches Bewusstsein), der mit dem roten Sonnenadler des Kaisers (Logos, Sperma) in Verbindung steht, und in der linken unteren Ecke der Karte sehen wir als Motiv für Mutterliebe einen Pelikan5, der sich die Brustfedern ausreißt und die junge Brut mit seinem eigenen Blut aufzieht.

Was haben wir noch? Die Rose an der Position von Malkuth ist ein alchemistischer Hinweis der Venus (= Kreuz und Rose), genauso wie die Tür oder der gewölbte Durchgang im Hintergrund der Karte. Die Herrscherin sitzt unter einem Torbogen (hebräischer Buchstabe: Daleth = Tür), links und rechts von den Säulen mit Sperling und Taube flankiert, den Crowley als Tor des Himmels bezeichnet, oder besser, als Tor zur Welt, durch das sie sich den Menschen als Große Mutter und ewige Gebärerin darstellt. Die Farben des Trumpfes sind wässrigpastellfarben, während die Formgebung der Thronsäulen eher flammenartig ausfällt. Wasser ist oberflächlich betrachtet Gegensatz und Ergänzung zum Feuer, eine Entwicklung, die sich in der nächsten Karte fortsetzt. Es geht letztlich auch darum, sich mit dem Kaiser zu verbinden, indem man nicht nur aus der eigenen Stärke heraus agiert, sondern sich aus der inneren Verantwortung heraus auf einer höheren Ebene auch mit seinem Gegensatz verschmilzt.

Weiterführende Bemerkungen


1 Das Gegenstück dazu ist im Reichsapfel, den der Kaiser in der Linken hält, zu finden.6 Das heißt: Auch der männliche Repräsentant gebietet über die Vereinigung zwischen Mann und Frau, denn der Apfel ist ein weibliches Synonym zur Rose und das kleine Malteserkreuz auf dem Apfel ein männlicher Platzhalter für den phallischen Stab. Die Wirkung der Kreuz/​Rose-Verbindung, die sich durch das ideologische Weltbild der Rosenkreuzer, Theosophen und Okkultisten zieht, ist verblüffend: Die Venus als Zeichen der Liebe und Anziehungskraft bedeckt alle Sephiroth am Lebensbaum (der Kreis berührt die Sephiroth 1, 2, 4, 6, 5, 3; das Kreuz wird durch 6, 9, 10, 7 und 8 gebildet). Crowley schreibt: Das alchemistische Symbol der Venus ist das einzige der planetarischen Symbole, das alle Sephiroth im Lebensbaum zusammenfasst. Die darin inbegriffene Lehre ist, dass die grundlegende Formel des Universums Liebe ist.7


2 Die Kaiserin ist die dritte Karte, die nach dem Magus und der Hohepriesterin eine tiefer gehende alchemistische Bedeutung aufzeigt8, denn sie stellt mit dem Körper das Symbol des Salzes (Element Erde) dar. Crowley schreibt: Die Kaiserin verbindet die höchsten spirituellen mit den niedersten materiellen Qualitäten. Aus diesem Grunde ist sie geeignet, eine der drei alchemistischen Energieformen – das Salz – darzustellen. Salz ist das inaktive Prinzip der Natur; Salz ist die Materie, die durch Schwefel mit Energie erfüllt werden muss, um das wirbelnde Gleichgewicht des Universums aufrechtzuerhalten. Die Arme und der Torso der Figur deuten folgerichtig die Gestalt des alchemistischen Symbols von Salz an.9

Andere Verbindungen

– Tiefenpsychologische Zusammenhänge –


Der Narr und die Mutterimago

Blättern wir zurück: Nachdem der Narr seine Über-Mutter vergewaltigt hat und sich damit von der spirituellen Mutter (Mutter Gottes) löste10, kann er in der Kaiserin jetzt der Großen Göttin begegnen. Damit ist die Gefahr aber nicht gebannt – ganz im Gegenteil. Die Hohepriesterin zu »vögeln« ist ein normaler virtueller Akt im Kopf, der in den meisten Pubertierenden während ihrer ersten Masturbationsphasen heranwächst. Doch die Mutterimago, die die Kaiserin ausstrahlt, ist etwas ganz anderes. Dahinter erscheint, wenn der Trieb erwacht, die Erinnerung an eine sinnliche Gestalt aus Fleisch und Blut und gleichzeitig – damit verbunden – ein Schuldgefühl, das den Jüngling umfasst, nämlich das Gefühl, die leibliche Mutter mit dem inneren Bild der Hohepriesterin betrogen zu haben. Deshalb ist es auch nicht eine äußere Kaiserin, die ihm begegnet, sondern es ist seine eigene unterdrückte innere Weiblichkeit, die in ihm erwacht und die ihn zwingt, sich für die begangene Vergewaltigung im Kopf an eine sinnliche Frau zu verlieren, die nichts anderes mit ihm vorhat, als ihn mit Haut und Haaren in sich »einzuführen« (also zu verschlingen wie die Hexe im Märchen Hänsel und Gretel). Der Psychologe spricht von der pubertären Lust, in den Mutterleib zurückkehren zu wollen.

Die Kaiserin symbolisiert also die schreckliche Gefahr, die von der Mutterimago ausgeht. Diese Gefahr besteht darin, dass die Persönlichkeit durch die unbewusste Faszination gelähmt werden kann, die dieses Bild auslöst. Der Schatz, den die Mutter in der Tiefe bewacht, steht für das Wachstum der Lebenskräfte, und die können vom Narren nur entwickelt werden, wenn er ihr die ihm zustehende Libido unter ihren Rockschößen hervorstielt. Doch der Preis ist hoch: Ist die Mutterimago für ihn zu stark, dann kann er von ihrer unbewussten Kraft überwältigt und wie eine Spinne im Netz der Urschlange gefangen werden. Bei Goethe ist Fausts Reise hinab zu den Müttern die gefährlichste seiner Höllen, doch genauso wie der Narr mit einer Liebenden kehrt Faust mit seiner Helena zurück. Durch diesen erfolgreichen Akt ist die Beziehung zu seiner inneren Weiblichkeit verwandelt.

Was zeigt uns dieses Beispiel im Falle Crowley? Wenn wir seinen Spruch akzeptieren, dass der Narr sozusagen alle Karten in sich beinhaltet, die sich als verschiedene Stationen auf seinem Lebensweg hintereinander entfalten, müssen wir auch umgekehrt hinnehmen, dass beispielsweise Kaiserin oder Hohepriesterin oder auch die Karte Lust, die ebenfalls eine Materialisation kompensierter negativer Gefühle darstellt, Teile des Gesamtwesens des Narren alias Aleister Crowley sind. Die vergewaltigte Scharlachhure aus der Mischung Hohepriesterin – Kaiserin– Lust ist sozusagen die aggressive Antwort auf das prüde mütterliche Sektenbild.11 Während er seine Projektion bewusst nicht durchschaut, dirigiert er sie unbewusst sehr gut: Es handelt sich um die schöpferische Kreation seiner zerstörerischen Neigungen, die von seinem eigenen Dämon so zurechtgeformt und zurechtgestutzt worden sind, dass sie ihn nicht mehr bedrohen können. Der Preis bedingt natürlich das Opfer der inneren Mutter, die nicht erlöst werden kann. Das eine hängt direkt mit dem anderen zusammen, denn seine Scarlet Woman hätte sich nicht entwickeln können, wenn er das Trauma mit seiner Mutter aufgearbeitet hätte.12 Deshalb verkörpern die Scharlachfrauen Crowleys dunkle Kraft, und die Tatsache, dass er in jeder Frauenbeziehung die innere Göttin sucht, die er äußerlich völlig zu beherrschen und in seinen Bann zu ziehen trachtet, zeigt, dass er in seinen Frauen eigentlich seine eigenen destruktiven Energien, die nach innen gerichtet waren, bearbeitete.

Kehren wir zum Narren zurück. Der Segen der schrecklichen Begegnung mit der Mutter besteht darin, dass er gestärkt und geläutert aus dem Zusammenbruch hervorgehen kann, wenn sich der Staub in der Seele wieder gesetzt hat. Auf den Lebensbaum bezogen bedeutet das: Die tote Mutter verliert keine Zeit und kehrt als neugeborene Tochter wieder zurück auf den Thron.13 Aus psychologischer Sicht kann man auch sagen: Die unbewusste Mutter, die mit ihrem schrecklichen Gesicht den Weg des Narren kreuzt, nimmt nun den freundlichen Ausdruck der guten Mutter an. Er kann sie jetzt mit gutem Gewissen verlassen, ohne sich schuldig zu fühlen oder von ihr weiter abhängig zu sein. Der Ruf seiner Instinkte durchströmt ihn ohne Einbindung seiner desaströsen, unterentwickelten Neigungen, sondern in zunehmender Unterstützung seiner erwachenden Männlichkeit.


Die Kaiserin als Shuttle zwischen Idee und Wirklichkeit

Mit der Karte Kaiserin verlassen wir die Ebene der reinen Ideen und manifestieren uns im Bereich, den man als die Materialisierung unserer Vorstellung bezeichnen kann. Die Addition der Zahlenwerte I und II zeigt, dass sie die Polarität von Magier und Hohepriesterin in sich vereint, denn die III ist das Produkt der Vereinigung der beiden vorangegangenen Karten. Die materielle Ebene wird traditionell unterhalb der Welt der Ideen angesiedelt, was die Sichtweise des aus dem Himmel geworfenen Menschen spiegelt, der zu Gott aufschaut, der ihm das verlorene Paradies wieder zu finden verspricht. Zumindest, wenn er das tut, was ihm (später) der Hierophant aufträgt!

Deshalb wohnt jeder Idee der vitale Antrieb der Kaiserin inne, sich im Leben zu verwirklichen. Es ist das weibliche Verlangen, die Sehnsucht nach der Urquelle durch das Gebären eigener Kinder zu stillen. Man könnte auch sagen: Atu III ist der Stempel, der die Schwingungen von I und II der Realität (IV und V) aufprägt, ein gespiegeltes Bild der Seele in einer Realität, die selbst Spiegel ist. Dieser unauslöschliche Wunsch nach dem Höheren ist der Funke des Magus, der allem Leben innewohnt: die Erkenntnis, dass es etwas Größeres geben muss als die eigene Existenz. Auf der vertikalen Achse zwischen der Idee und der Materie wird die Kaiserin, obwohl sie einen Teil von ihm selbst in sich trägt, damit zur Erfüllungsgehilfin von Magus und Hohepriesterin (auf der materiellen Ebene gleichzeitig auch zur Gegenspielerin des Kaisers).

Fazit:

Die ersten beiden Karten sind diejenigen, die die Ideen aus dem Nichts entstehen lassen, und die Kaiserin als Vollstreckerin ist die Dritte im Bunde, die aus deren Ideen feste Formen hervorbringt.

Deutungen

Im individuellen Bereich zeigt sich uns die Regentin von einer festen und soliden Seite, die die Dinge anpackt und nichts anbrennen lässt. Sie erfasst die Chancen intuitiv, unterstützt die lebendige, nährende Seite der Weiblichkeit und weist in ihrem Umfeld auf Beständigkeit und große Zuwendung hin. Dabei ist sie eine lustvolle, genießerische Person mit viel Wärme, außerordentlicher Erdverbundenheit und der Fähigkeit, Ideen zu realisieren und Neues hervorzubringen. Gleichzeitig versetzt sie uns in die beneidenswerte Lage, unsere Ideale mit der äußeren Realität unter einen Hut zu bringen und jene gestalterische Mitte zu finden, die unsere schöpferischen Wünsche nach Entfaltung unterstützt. Auf jeden Fall können wir die Früchte unseres Wirkens ernten, und was wir neu beginnen, verheißt erfolgreiches Gelingen. Deshalb brauchen wir uns auch nicht sonderlich anzustrengen, um die Aufmerksamkeit unserer Umgebung zu gewinnen. Huldvoll verteilen wir unsere Gunst an die Bewunderer, die unseren (Familien-)Hofstaat bilden, regeln für sie den Haushalt und überwachen das Budget. Der Advocatus Diaboli bringt die Schattenseite auf den Punkt: Wir sind die »Mutter«, die die Scholle bestellt, aber auch unseren erwachsenen Kindern selbst dann noch die Leviten liest, wenn sie schon längst aus dem Haus gegangen sind.

In der Tiefe der Gefühle entspricht die Karte dem mütterlichen Trumpf, der innerhalb eines gesunden »Bauchgefühls« Lebenslust und sinnliche Kraft ausströmt. In der Liebe steht sie für jene weibliche Energie, die sich nicht nur nach körperlicher Erfüllung sehnt, sondern auch positive Veränderungen und Neuerungen anregt und die Seelen der Geliebten durchs Feuer schickt, um alle Schlacken zu verbrennen, die ihre Entwicklung behindern. Es ist der schmerzhafte Zugriff und eine manchmal entfesselte Leidenschaft, die sich mit Eifer nimmt, was nur selten Leiden schafft. Dabei handelt es sich um die Sehnsucht der Seele nach Rückbindung und Umarmung mit den unerschöpflichen Kräften der Göttin. Die Karte zeigt auch die vielleicht einmalige Chance an, den Bereich des Lebensnotwendigen mit der Erfahrung tiefster Erfüllung in harmonischem Einklang zu verbinden und so den Weg zu unserer wahren inneren Befriedigung zu finden. Nur sehr selten bricht die alte Schlange in ihr durch, die sich im dämonischen Reiz des Abgründigen windet und versucht, alles in die Folterräume ihrer Vorstellungen einzubinden, was sich ihr zu entziehen sucht. Allerdings müssen wir in den emotionalen Geröllhalden unserer Umgebung oft erst eine Nische im Schutt auspolstern, um darin weich und bequem liegen zu können, denn unsere Liebsten präsentieren sich im Fluidum des Triebes nicht selten wie völlig paralysiert in unserem Bann.

Die Kaiserin im Lebensbaum

– Tiefergehende Erkenntnisse –

Daleth ist der hebräische Buchstabe für das römische D und die Zahl 4. Am Lebensbaum ist er Pfad 14, der Chokmah (Impuls/​Logos/​Spermium) mit Binah (Resonanz/​Weisheit/​Eizelle) verbindet. Er gleicht die Exponenten der beiden äußeren Säulen am Lebensbaum aus, denn hier stehen sich Vater (Jod in JHVH, Feuer, Schwefel, Zeugung) und Mutter (erstes He in JHVH, Wasser, Salz, Empfang) gegenüber und zeugen ihre beiden Kinder, Sohn (Vau in JHVH) und Tochter (zweites He in JHVH).14 Es ist die Achse der Befruchtung – die schöpferisch ewige Wiedergeburt.


Genau in der Mitte wird diese Verbindung von Pfad 13 (Gimel) gekreuzt, der von Tiphareth nach Kether aufsteigt. Im Gegensatz zur Hohepriesterin, die eine senkrechte Verbindung zwischen Gott und Mensch quer durch den Abyssos (Kether – Tiphareth) darstellt, beherrscht die Kaiserin die horizontale Achse zwischen Mann und Frau, Vater und Mutter, Schwefel und Salz (Chokmah – Binah). Deshalb verhält sie sich im Vergleich zu ihrer spirituelleren Schwester, die den göttlichen Geist wie seinerseits Jesus oder Prometheus zu den Menschen hinunterbringen will, auch eher realitätsbezogen und praktisch, was sie aber nicht zum erdverbundenen »Bauerntrampel« werden lässt, denn Daleth liegt auf der Achse Chokmah – Binah oberhalb der Grenze zum Menschlichen. Crowley schreibt: Daleth ist der Pfad, der den Vater mit der Mutter vereinigt, einer der drei Pfade, die oberhalb des Abyssos sind (…) Mit anderen Worten, es gibt eine Fortdauer des Lebens, eine Vererbung des Blutes, die alle Formen der Natur miteinander verbindet. Es gibt keinen Bruch zwischen Licht und Dunkelheit. Natura non facit saltum. Wenn diese Betrachtungen in ihrer Ganzheit verstanden würden, so könnte es möglich werden, die Quantentheorie mit den elektromagnetischen Gleichungen in Einklang zu bringen.15

Liber 77716 und weitere Korrespondenzen

Schönheit, entfalte Dein Reich! Wahrheit, siehe, die das Denken übersteigt: das Ganze dieser Welt ist Liebe.

Titel: Die Tochter der Mächtigen

Bild: Sternengekrönt steht eine geflügelte Göttin auf dem Mond

Zahl: 4, 434 (ausgeschrieben)


Buchstabe: Daleth = D/​DLTh (Tür, Tor des Himmels). Die Mutter ist die Tür, durch die die Schöpfernatur ins Leben fließt.

Pfad: 14 von Chokmah nach Binah. Daleth ist die Achse, die den Vater mit der Mutter verbindet, und einer der drei Pfade, die sich oberhalb des Abyssos befinden.

Göttername: AHA

Götter: Nephthys, Gemahlin des Seth und Schwester des Osiris, durch den sie zur Mutter des Anubis wird; Hathor, Aphrodite, Freya, Venus oder die hinduistische Muttergöttin Devi, die alle Göttinnen in sich vereinigt, denn diese erscheinen sinngemäß nur als Ausprägungen von Devis unterschiedlichen Naturen

Pflanzen: Myrthe, Rose, Klee (Apfel, Feige, Pfirsich)

Krafttiere: Sperling, Taube, Schwan

Edelstein: Türkisfarbener Smaragd

Wesen: Succubi

Dämonen (Qlipoth): A’Arab Zarag, der Rabe der Zerstreuung (dämonische Vögel, die in einem Vulkan hausen)

Magische Kräfte: Liebestränke

Magische Waffe: Gürtel

Parfüm: Sandelholz, Myrthe, alle weichen, sinnlichen Gerüche

Droge: Aphrodisiaka

Geomantie: Heptagramm

Gematrische Korrespondenzen

4: Tor

434: Krieger (Herr des Krieges), Tür, Deckel, Pforte, Tor, junger Stier

Gottheiten: Astarte, Ceres, Demeter oder Gaia im Licht der Sonne; Hydra, Kali und Medusa in der Schwärze der Nacht.

Mythos: Demeter, die über die Wachstumszyklen der Erde herrscht

Symbole: Die sanfte Berührung der Haut, die feuchte Quelle der Ernährung und Wärme (Gebärmutter); oder der brausende Sturmwind, das erschütternde Erdbeben und der alles Leben zerstörende Vulkanausbruch

Kultstätte: Demeters Kultstätte in Eleusis

Rituale: Eleusinische Mysterien (dienten der Einweihung in das Mysterium des Weiblichen); für moderne EsoterikerInnen Göttinnen-Frühlingsfest

Sabbat: Walpurgisfeier (oder ersatzweise Vollmond im Mai)

Kraftsteine: Jaspis (Gartenkies = Mutter aller Steine), Heliodor (Jaspis mit roten Punkten, die die Blutstropfen von Jesus am Kreuz darstellen), Carneol, Milchopal

Räucherwerk: Geranium, Rosenholz, Ylang Ylang

Malerei: Das Venusfest von Peter Paul Rubens

Musik: Le sacre du printemps (Frühlingsopfer) von Igor Strawinsky

Schrift: Lobgesänge zu Ehren der Göttin (während der Männerherrschaft verlorengegangene Schriften – stellvertretend Homerische Hymnen oder Dithyramben von Pinar, Bakchylides und Timotheos)

IV – Der Kaiser


Ich schaffe Ordnung, Sicherheit und Stabilität.

Der allmächtige Vater in seinen autoritären Erscheinungen: Befehlshaber, Staatsmann, Herrscher, Städtebauer

Astrologie: Sonne in Steinbock im Sinne von Verantwortung, Ordnung, Sicherheit, Struktur, Kontinuität und Beharrlichkeit

I Ging: 7 Schã – Das Heer

Runen: Thurisaz (Der Starke) und Ansuz (Göttliche Kraft). Thorn oder Thurisaz, die dritte Rune, drückt mehr die schnelle, schöpferische Energie im Sinne Crowleys aus (der Herrscher von Widder ist Mars), während As oder Ansuz, die vierte Rune, die patriarchalische Kraft der Asen anzeigt.

Licht: Aktivität, Stärke, Disziplin, Stabilität, Recht und Ordnung, Verantwortung, soziale Entwicklung, Mut und Führungskraft

Schatten: Enge, Erstarrung, Selbstgerechtigkeit und Unterdrückung (Rationalität als Gefängnis, Ordnung als Selbstzweck)

Farben: Scharlachrot, Rot, Flammendrot, Glutrot (Liber 777)

Tierkreis: Widder. Im Widder regiert der Mars und die Sonne ist erhöht. Somit ist dieses Zeichen eine Vereinigung der Energie in ihrer materiellsten Form, verbunden mit der Idee der Autorität. (Buch Thoth)

Kurzbeschreibung: Der Kaiser präsentiert sich als eine reife, massige Gestalt, in einen majestätischen Mantel gehüllt und von zwei Widderköpfen geschützt, die die Säulen eines kristallenen Thrones krönen und seine Autorität unterstreichen. Sein karmesinroter Mantel ist mit goldenen Emblemen bestickt, auf seinem Haupt ruht eine mächtige Krone und in der Hand trägt er eine Weltkugel, mit der er sich als eine Quasi-Gottheit darstellt. Er zeigt sich gerne als Vater, der sich vorbehaltlos für die Belange seiner Kinder einsetzt, was ihn wiederum beflügelt und seine Entschlossenheit stärkt. Ein Umstand auch, der sich nicht zuletzt wiederum positiv für ihn auswirkt, weil er sich für die Sicherheit und die Errungenschaften, die er ihnen bietet, ihre Achtung und ihren Respekt erzwingt. Er ist nicht nur der Planer von Schlössern und Kathedralen, sondern auch der von Städten und Agglomerationen, in denen sich die Menschen wohl fühlen können. Als Verfechter des altrömischen Prinzips Divide et impera ist er der mächtige Pflug, der sich willkürlich durch das geduldige Brachland wühlt, um es seinem Willen untertan zu machen. Er ist der Erbauer von eingrenzenden Zäunen und Mauern, mit deren Hilfe er die Seinen beschützt, sowie der Architekt »gerechter« Kriege, sofern sie der Sicherung seiner Herrschaft und dem Schutz und Wohl seiner Untertanen dienen.

Analyse

Der rotbärtige Barbarossa vergegenwärtigt mit seiner gewichtigen Erscheinung wuchtige Präsenz, Ausdehnung und physische Machtentfaltung. In dieser Eigenschaft als Vertreter der obersten weltlichen Instanz ist er ein Symbol dessen, was man das göttliche Ich-Bewusstsein nennen könnte, denn schließlich ist er der festen Überzeugung, seine Macht von Gott persönlich bekommen zu haben. Die beiden Sonnenscheiben mit Stern repräsentieren Herrschaft, Mut und Führungskraft und erinnern an den Ausspruch von Ludwig XIV, dem Sonnenkönig: Der Staat bin ich. Die Krone mit Diamanten ist ein Symbol der weltlichen Macht, deren Glanz bis zum Olymp hinauf zu strahlen vermag. Sie verleiht ihm die Fähigkeit, einen tiefen und unerschütterlichen Glauben an den Sinn von pyramidenförmigen Hierarchien nach göttlicher Ordnung zu entwickeln, die ihn mit dem Höchsten in Verbindung bringen: Ich und der Vater, wir sind eins! Ebenso wie der Priester, dessen persönliches Ego nicht an sein Gottesbild heranreicht, ohne aber seine priesterlichen Funktionen zu schmälern, lastet auf dem Befehlshaber als oberstem Regenten die Projektion des gesellschaftlichen Bildes elterlicher Autorität. Auch Reichsapfel, Weltkugel mit Malteserkreuz und Zepter mit Widderkopf sind Zeichen für Sicherheit, Stärke und die Kristallisation von Wille und Macht und unterstreichen seinen Herrscheranspruch.1 Die beiden gehörnten Bodyguards in seinem Rücken geben eine gute Vorlage dafür ab, was man mit dem heute etwas angestaubten Klischee des Kriegers – zeitgemäß: Leibwächter – in Verbindung bringt: Kurzsichtigkeit und Kampfkraft, Treue und Leidenschaft.

Zusammen mit Magus/​Hohepriesterin und Kaiserin symbolisiert der Kaiser die Trinität Schwefel, ☿ Quecksilber und ⊖ Salz. Kopf, Schultern und Arme bilden ein gleichseitiges Dreieck, die überschlagenen Beine darunter ein rechtwinkliges T oder + Kreuz.1 Die goldenen Bienen auf dem Gewand sind ein Synonym für den Fleiß, mit dem er seine Ziele anstrebt und den Nektar einsammelt bzw. das Bruttosozialprodukt erhöht. Sie zeigen, dass er sich in seinen Errungenschaften spiegeln und sich am Maß des Erreichten stellvertretend für seine innere Leere auch wertvoll und wichtig halten kann. Oft fallen der große Egoismus und das selbstsüchtige, rücksichtslose Handeln ins Gewicht, das auf die anderen keine Rücksicht nimmt und zum Ego pur, zum unbedingten Verfechter persönlicher Vorrechte und Feind jeder Gleichmacherei mutiert. Deshalb arbeitet er beharrlich, ausdauernd und geduldig an der Vermehrung seines Eigentums oder partizipiert an der Vermehrung des Besitzes der anderen (= Mehrwertsteuer). Seine Devise ist Recht und Ordnung verbunden mit kontrollierender Struktur. Dazu ist es zwingend notwendig mit strikter Logik vorzugehen, statt Gegebenheiten mit persönlichen Gefühlen zu verstellen, denn die Forderung, mit der Stimme des Herzens zu entscheiden, ist aus der Sicht des Kaisers an Absurdität nicht zu überbieten.


Der doppelte Feueradler verkörpert die schöpferische Energie der Sonne, die Suche nach dem Ziel oder die Reise des Helden zu sich selbst, denn er ist ein Symbol für den Willen, die Ziele aus sich selbst hervorzubringen und die anderen als Weg oder simple Erfüllungsgehilfen zu benutzen – im Gegensatz zum weißen Doppeladler der Kaiserin, der sich zurücknimmt und in der Verschmelzung mit dem Ganzen als das erkennt, was er ist:

eine vitale Größe mit begrenzter Existenzdauer, der sich aus unbewussten Verhaltensmechanismen und kollektiven Urmustern zusammensetzt. Aus alchemistischer Sicht stellt der rote Adler die rote Tinktur der Alchemisten dar, die der Natur der Sonne entspricht, während das Wappentier der Regentin mit dem Mond korrespondiert.2 In die gleiche Richtung deutet auch das von oben einströmende Licht:3 Nur solange die Motive und Handlungen sich im Einklang mit dem schöpferischen Willen befinden, sind die angepeilten Ziele erstrebenswert. Deshalb wäre es aus heutiger Sicht sinnvoller zu sagen: Nicht Ich und der Vater, sondern Vorstellung und Wille oder Sehnsucht und Ziel sind eins! Das Lamm mit Siegesfahne schließlich versinnbildlicht das absolute Vertrauen in den Großen Vater oder Big Brother, dessen Regeln zu überwachen er sich zusammen mit seinem Kumpanen, dem geistigeren, aber nicht weniger autoritären Hierophanten, berufen fühlt.4 Das reflektiert den Persönlichkeitsteil eines strengen, aber gerechten Herrschers, der seine Kinder auf das harte Leben vorbereitet und auch die Bürde ohne Murren für den Umstand trägt, dass sie ihn später dafür hassen werden. Sein Herz kann letzten Endes nur erringen, wer alle Hinweisschilder genau beachtet, keines der Verbote missachtet und alle Regeln respektvoll akzeptiert. Diese Sicherheit ist für den Kaiser die Voraussetzung, um seine Seele wenigstens einen Spalt breit zu öffnen.

Weiterführende Bemerkungen


1 Damit nimmt der Kaiser eine Haltung ein, die allegorisch das alchemistische Zeichen darstellt. Das † steht für Stabilität und Fixierung bis hin zum Starrsinn und das △ für Zuverlässigkeit, Verantwortung, zähe Ausdauer und stetige Disziplin. Zusammen bilden sie das alchemistische Symbol des Schwefels, Ausdruck feuriger, männlicher Energie.

Was finden wir als weitere elegante Umschreibungen in dieser Karte versteckt? Die Krone hat 6 Strahlen, was mit der Sephira Nr. 6 korrespondiert.5 Sie ist mit 6 Steinen besetzt, die ein Kreuz in einem Kreis zeigen, was der Kontrolle (+) des Unfassbaren (0) entspricht. Auf den Thronlehnen sehen wir die beiden großen 16-zackigen Sterne (16 = 4 x 4), Zeichen der strukturierenden und alles kontrollierenden Kraft. Auch der harte, wuchtige Gesichtsausdruck des Kaisers zeigt eine starre innere Haltung, allen Anforderungen des Lebens zu trotzen, was Crowley aber als künstlerisches Manko auffasste. In einer übelgelaunten Note hält er Harris bei der Gestaltung menschlicher Gesichter fehlendes Selbstvertrauen vor: Ihr Problem bei Gesichtsformen ist symptomatisch für die moderne Seelenkrankheit. Es ist ein Fehlen von Selbstvertrauen in die kreativen Kräfte. Ich muss betonen, dass diese Angst vor »Gesichtern« ein entsetzliches Symptom der Feigheit ist. (Crowley im Dezember 1939 in einem Brief an Harris)

Andere Verbindungen

– Tiefenpsychologische Zusammenhänge –

Die Eltern


Die Nähe der Trümpfe III und IV ist nicht zufällig, denn sie sind das durch eine ähnliche, sich ergänzende Körpersprache in ein Netzwerk von gegenseitigen Beziehungen eingebundene Elternpaar. Bei der Mutter sind es die sanften Pastelltöne in weichem Licht, die die fließenden Formen des Lebens zum Ausdruck bringen, während beim Vater die breite Sitzhaltung und der dominante Körperausdruck in brennenden Orange-Rot-Farben dominieren. Die Bienen, die bei der Urmutter noch Fruchtbarkeit symbolisieren, verwandeln sich auf dem Gewand des Regenten eher zu einem Zeichen für die Struktur der Waben im Bienenstock. Umgekehrt sind die kristallisierenden, sechzehnzackigen Sonnensterne des Kaisers der Gegenpart zu den beiden sichelförmigen Monden der Kaiserin. Auch die beiden Widderköpfe, von denen der eine im Schatten steht und der andere in dem von oben einfallenden Licht, korrespondieren mit dem Doppelmotiv der Mondgöttin zwischen ihrer hellen (Luna, Selene) und dunklen Seite (Hekate), das aus ältester Zeit überliefert ist. Die gleiche Idee finden wir bei der Kaiserin, die zwischen der zunehmenden (oben) und der abnehmenden Mondsichel (unten) sitzt. Die weiße Taube in ihrem Blickfeld hält sich im Lichtkreis des Mondes auf, während der Sperling in ihrem Rücken etwas in den Schatten eingetaucht ist. Bleibt noch die ausgeklügelte Symmetrie der beiden Wappentiere. Während der weiße Doppeladler auf der linken Seite mit dem silbernen Mond korrespondiert und damit Ausdruck der inneren Quellen des Weiblichen ist, steht dieser auf der rechten Seite des Kaisers und damit für die bewusste Beherrschung der Materie. Er zeigt unser Streben nach Unabhängigkeit von den Bedingtheiten der Natur, das der Hingabe an die fließenden Abläufe der Schöpfung entgegensteht.6


Das (die Eltern erschaffende) Kind

Die Verbindung dieser beiden Karten krönt sich im Kind. Die beiden Elternteile sind völlig aufeinander abgestimmt und der Narr schiebt sich (spirituell) ergänzend dazwischen. Doch Vorsicht, so einfach kann die Lösung nicht sein – wäre die Reise schon zu Ende, wofür bräuchte man dann noch die anderen Trümpfe und Kartensätze?

Normalerweise geht man davon aus, dass der Narr das Kind des Herrscherpaares Kaiserin – Kaiser ist. Energetisch ist es ein bisschen komplizierter. In Wirklichkeit ist das Unbewusste der Architekt der Realität, denn der Verstand des Menschen holt sich seine Impulse maßgeblich aus den Eingebungen seines Unbewussten. Simpel gesprochen erklärt sich das so: Der duale Verstand ist sich nicht bewusst genug, die Impulse, die er ständig empfängt, auf seine Ursprünge hin abklopfen zu können. Da er aber die Kontrolle nicht abgeben will, schlägt ihm das Unbewusste einen Deal vor: Es gibt ihm das Gefühl, das ihn glauben lässt, seine Realität selbst erschaffen zu können, wenn er dafür die Ermittlungen einstellt, herausfinden zu wollen, warum das so ist. Man könnte auch sagen, das Unbewusste bedient sich im Narren eines Tricks: Es gibt dem Ego des Herrschers in der Inszenierung »Das Ich ist der Erschaffer seines Selbst« das Gefühl, sich als Darsteller in dem von ihm selbst gestalteten Stück zu profilieren und das Ganze als »Realität« wahrzunehmen. Deshalb ist alles, was wir empfinden, eine Schein-Kontrolle. Im Grunde spielen die Eltern in unserem Exempel die Hauptrolle in einem Stück, das ihnen vom Narren (= Unbewussten) kreiert worden ist.

Die Lösung vom inneren Vaterbild

Nach dem, was wir gesagt haben, tönt es ein wenig absurd, wenn wir nun zu erklären versuchen, dass sich der Narr auf seiner spirituellen Reise nach der Mutter auch vom Vater emanzipieren muss. Der Held muss nicht nur den Kaiser (in sich) besiegen und töten, um frei zu werden, er muss sich auch von allem trennen, was sie repräsentieren. Um sich an seine spirituelle Quelle herantasten zu können, muss er ein Loch in das ihm von den Eltern anerzogene Weltbild sprengen, damit die Erkenntnisse aus tieferen Ebenen, die er für seinen spirituellen Weg benötigt, auf seine gereinigte und unverstellte Bewusstseinsbühne gelangen können.

Psychologisch betrachtet können wir in den Akt der Zerstörung auch einen Akt der Liebe unter einem verkehrten Stern interpretieren, eine Art Verzweiflung, um die zu bestrafen, die einem die Liebe verweigerten, nach der man sich sehnte. Pointiert formuliert mag es sich dabei um den Schock der Bewusstwerdung, also der schmerzlichen Ablösung von der Natur, handeln. Dieser innere Schmerz wirkt in den Minderwertigkeitsgefühlen des unerlösten Kind-Helden im Vater fort, der das Leben dafür bestrafen will, dass ihn die Mutter von sich stieß.

Der pubertierende Held verkörpert auch die Rebellion gegen patriarchalische Gewalt, den aktiven Animus, der den alten Herrscher stürzt und mit der Mutter schläft, die pubertäre Phase der Suche und der Selbstfindung oder die Vater-Sohn-Beziehung als Konfliktpotenzial der männlich-aggressiven Triebnatur. In einer auf solchen Grundlagen wurzelnden Kultur unterliegt jede Lebenssphäre der strukturellen Gewalt der Selbsterhaltungsmuster des Kaisers, der das Leben, indem er vorgibt, es zu schützen, im Grunde erstickt, und deshalb unbewusst auch seine eigene Zerstörung inszeniert.

Fassen wir zusammen: Nicht der Narr, sondern die Eltern sind das »Kind«, denen die Lernerfahrungen in Form von Reizen und Informationen übermittelt werden, die sie mit ihren körperlichen Sinnen erfahren können. In dem Verstandesfokus, den sie bewusst ausfüllen, können sie natürlich nicht merken, dass die anderen Teile von ihnen unbemerkt ständig mit den Signalen aus dem Unbewussten versorgt werden und ihre Kontrolle nichts anderes als eine närrische Lüge ist. Zynisch gesprochen ist der einzige Wert, den es im Leben gibt, die Bedeutung, die wir uns selbst zuordnen. Es ist die Notwendigkeit, das, was wir erleben, gegenüber dem, was wir auch erleben können, nach den Kriterien unseres gesellschaftlichen Verstandes zu beurteilen und in einen Werteindex einzuordnen, auf dem wir ablesen können, wo und wie das Leben für uns Sinn hat. Deshalb liegt es auf der Hand: Der Held, der seine äußeren Elternbilder überwunden hat, hat sich damit gleichzeitig auch von diesen ihm aufoktroyierten Sinnbildern befreit.

Deutungen

Auf der Willensebene versinnbildlicht der Kaiser das kraftvolle, lebensbejahende Prinzip der Macht und der strukturierenden Kontrolle, mit einem Wort: die Herrschaft des Geistes über die Natur. Wünsche und Pläne verdichten und kristallisieren sich in realisierbaren Modellen mit guten Chancen, verwirklicht zu werden. Er verkörpert Disziplin, Entschlossenheit und den unerschütterlichen Willen, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn ihm dafür (beinahe) jedes Mittel recht ist. Das verspricht einen ungeheuren Strom potenter Ausdruckskraft. Vor allem in geschäftlichen Dingen zeigt sich seine dirigierende, die kreativen Kräfte bündelnde und alle Fäden in der Hand haltende Natur. Damit gelingt es uns leicht, unsere Vorstellungen in den Köpfen unserer Mitmenschen zu entzünden, und im Grunde sehen wir uns als weise Patriarchen oder edle Königinnen, die, beim Mahl am Kopf einer großen Tafel sitzend, wohlwollend auf die zahlreichen Häupter ihrer Lieben blicken, um sich von ihnen ihre Loyalität immer wieder unter Beweis stellen zu lassen. Im Klartext: Wir erblicken vor uns einen echten Don Vito Corleone oder eine Lady Löwenherz, wie sie im Buche stehen und die mit ihrer rücksichtslosen Selbstverwirklichung manchmal auch ein bisschen an unbeugsame Betonköpfe erinnern, die störende Elemente unnachgiebig aus ihren schöpferischen Feldern hinauskomplimentieren. Bei Frauen ist es das Vaterbild der Mutter, das der schwule Herrscher, der seine Männlichkeit nicht annehmen kann, über die männliche Seite der Frau in sich auslebt (introjizierter Mutteranimus). Denn die Schattenseite ist nicht ohne: Der Kaiser kann genauso auf Übertreibungen in Form von Starrheit, Perfektionismus, Herrschsucht und eiserner Machtentfaltung hindeuten, wenn er sein Ego auf dem Rücken seiner Umwelt rücksichtslos auszuleben versucht und dadurch vieles, was er erstrebt, mit tyrannischer Arroganz schon im Vorfeld zerstört.

Im emotionalen Bereich erscheint uns der Kaiser nach außen manchmal etwas eng und zugeknöpft, denn hier zeigt sich ein Streben nach Sicherheit, das die Gefühle oft »stranguliert«. Im tiefen Inneren versteckt sich zwar bei ihm kein schlechtes Herz, auch wenn er das nach außen nicht gerne zeigt und in den Augen seiner Umwelt lieber distanziert und kühl auftritt. Das heißt, dass wir mit dieser Karte aufgrund unserer Schwäche, uns der Umwelt zu öffnen, die Suche nach Harmonie lieber unter dem Deckmantel der Kontrolle absolvieren. Dabei geht es uns eigentlich nur um den Wunsch, Klarheit zu gewinnen und zu verlässlichen Absprachen zu kommen. Vielleicht ist es aber das Verlangen des Herrschers, sich darüber klar zu werden, was sich hinter seiner rationalen Einstellung zu Herzensdingen in der von uns befragten Situation versteckt: möglicherweise die Angst vor den Gefühlen, die ihn und uns damit zwingt, im Austausch mit anderen unser Empfinden zu strukturieren, als scheinbare Garantie für echte Liebe. Die Unsicherheit möglicherweise, dass uns das Zeigen von Emotionen vor den Augen der anderen verletzlich macht. Oder gar die Angst des Kaisers vor dem natürlichen Leben, dessen Sinn und Ziele nicht zu kontrollieren sind. Irgendwie ist es die Furcht, von den Gefühlen überrannt zu werden, die ihn zwingt, alles, was ihn emotional öffnet, zu katalogisieren, und das kann zu stark verkrusteten Umgangsformen führen. Trotzdem können wir unserer Umgebung das starke Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit vermitteln, denn die Karte zeigt auch die Möglichkeit, Träume und Wünsche auf den Boden zu bringen und aus den abgespeckten Illusionen schlichtere, aber machbare »Herzensprojekte« zu realisieren.

Der Kaiser im Lebensbaum


– Tiefergehende Erkenntnisse –


Crowleys Vertauschungen

Der Kaiser ist der erste Trumpf des Umstellungs- oder Bäumchen-wechsle-dich-Quartetts. Crowley tauschte die Karten Kaiser und Stern sowie Ausgleichung und Lust miteinander aus.7 Grund für diese Operation war die Botschaft im Liber Legis (I/​57): All diese alten Buchstaben meines Buches sind richtig, jedoch Tzaddi ist nicht der Stern.

Wie sagte doch sein Geistführer oder multidimensionaler Persönlichkeitsteil alias Aiwass weiter, als er ihm das Buch diktierte: Auch dies ist verborgen; mein Prophet wird es den Weisen enthüllen, und Crowley erkannte: Diese Karte ist dem Buchstaben Tzaddi zugeordnet, und sie bezieht sich auf das Tierkreiszeichen Widder. In diesem Zeichen regiert der Mars und die Sonne ist erhöht. Somit ist dieses Zeichen eine Vereinigung der Energie in ihrer materiellsten Form, verbunden mit der Idee der Autorität.8


An dieser Stelle sei aber noch eine andere »Unschärfe« im Buch vermerkt. Crowley schreibt (1944): Zum Schluss sollte noch beachtet werden, dass das auf ihn herabsteigende weiße Licht seine Stellung im Lebensbaum andeutet. Seine Autorität ist von Chokmah abgeleitet – der schöpferischen Weisheit, dem Wort – und wird auf Tiphareth – dem organisch gestalteten Menschen – ausgeübt.9

Hier hat sich der Meister in seinen eigenen Erkenntnissen verstrickt, d. h. er spricht, als hätte er die von ihm selbst vorgenommene Umstellung gar nicht bemerkt. Er redet, als befände sich die Position des Kaisers immer noch an seinem ursprünglichen, inzwischen vom Stern eingenommenen Platz. Nach dem Austauschen der Karten am Lebensbaum liegt der Kaiser auf Pfad 28, der von Netzach nach Jesod führt. Dafür »residiert« der Stern jetzt auf des Kaisers Platz: auf Pfad 15, der Chokmah mit Tiphareth verbindet. Das bedeutet: Das aus der rechten oberen Ecke einfallende und diagonal zur Kartenmitte strahlende Licht hat nichts mehr mit Chokmahs schöpferischer Autorität und Weisheit, die vom Kaiser auf Tiphareth ausgeübt werden kann gemein, sondern leuchtet jetzt zu Ehren des Sterns.

Liber 77710 und weitere Korrespondenzen

Herrscher und Beginner, Kaiser und König aller sterblichen Dinge: Heil ihm, dem Herrn des Frühlings!

Titel11: Sonne des Morgens – Führer unter den Mächtigen

Bild11: Ein flammengekleideter Gott, der gleichwertige Symbole trägt

Zahl: 90, 104 (ausgeschrieben)


Buchstabe: Tzaddi = Z/​Tz/​Ts (Fischhaken). Der Angelhaken versinnbildlicht den Verstand, der in die weiblichen Mysterien eindringt und aus den Quellen des Ungreifbaren die rationalen Ideen und Konzepte schöpft.

Pfad: 28 von Netzach nach Jesod. Von der Anarchie zur Struktur: vom wuchernden Chaos (NTzCh) zur fundamentalen Kraft (ISVD).

Götter11: Isis, Men Thu als ein kriegerischer

Gottheiten: Der zornige und strafende Jahwe (Jehova) des alten Testaments; die Vatergötter Wotan und Zeus oder der seine Kinder verschlingende Kronos (Schattenebene)

Mythen: Abrahams Opferung des Isaak; die Zehn Gebote; Kyffhäuser-Saga

Symbole: Burgen, Felsen, Festungen, Gefängnisse, Heere, Maschinen und Waffen; die durch Fronarbeit errichteten Tempel und Kathedralen, die in die Landschaft gefrästen und durch die Natur gestanzten Verbindungsstraßen (Gerade, Viereck, Würfel, Raum) oder auch die steinernen Gesetzestafeln als frühe Zeugen von Recht und Ordnung

Kultstätten: Kyffhäuserdenkmal; die großen Kaiserdome Gott, Mars, Regent von Aries, Minerva, Artemis

Pflanzen11: Tigerlilie, Geranie

Krafttiere11: Widder, Eule

Edelstein11: Rubin

Wesen11: Besessene, Erinyes oder Eumeniden = Töchter der Nacht (griechische Rache- und Schutzgöttinnen der sittlichen Ordnung)

Dämonen (Qlipoth)11: Ba’Airiron, die Herde (Drachen-Löwen-Monster, die das Zentrum bewachen)

Magische Kräfte11: Die Macht, Dinge zu weihen

Magische Waffen11: Hörner, Grabstichel (Werkzeug für das Gravieren auf Metalloberflächen bzw. in der Kunst des Kupferstichs)

Parfüm11: Pfeffer, Drachenblut

Droge11: Gehirnreizmittel

Geomantie11: Puer

Gematrische Korrespondenzen

90: still, stumm, Jachin, eine der beiden Säulen am Tor zum Eingang vom Tempel in Jerusalem, vollkommen, das Ganze, Wasser, Gewässer, Ozean, Könige, Herrscher, Fürst, herrschen, zum König machen, Manna, Korb, Macht

104: auf Treu und Glauben, zart, dünn, dürr, unnatürlich abgemagert, schwach, leise, feiner Stoff, Flortuch, Gewand, Staub, Straße, Streit, Scheide, Sodom, Wild

Rituale: Staatsempfänge und große (Militär-) Paraden

Sabbat: Nationalfeiertag

Kraftsteine: Schwarzer Onyx für Stabilität und Ordnung; Bergkristall für die strukturierende (»kristallisierende«) Kraft

Räucherwerk: Eisenbaum, Teebaum, Eukalyptus, Wacholder, Wermut

Malerei: Der Mann mit dem Goldhelm von Rembrandt

Musik: Die Ungeraden (Sinfonien) von Beethoven oder die Erste von Brahms; die Brandenburgischen Konzerte von Bach

Schrift: Buch Hiob. Die Leiden des Gerechten, der trotz großen Unglücks am Wort Gottes festhält.

V – Der Hierophant


Was du suchst, ist das, was sucht.

Baphomet – Tarot der Unterwelt

Der Stellvertreter Gottes mit allen geistigen Tugenden: Gralshüter, Tempelwächter, Weltenlehrer

Astrologie: Sonne in Schütze als Verkünder und Lehrer esoterischer Werte, oder Jupiter in Fische als Vision des Ewigen

I Ging: 45 Tsui – Die Sammlung

Rune: Mannaz (Das Selbst). Vereinigung von Mikrokosmos und Makrokosmos, Vermittlung zwischen Individuum und Gott. Nach Crowley zeigt der Hohepriester den Weg der Vereinigung des Individuums mit dem Universum.

Licht: Glauben, Vertrauen, Sinn- und Wahrheitssuche (Das Finden der verborgenen Wahrheit = Erlösung)

Schatten: Anmaßung, Scheinheiligkeit, Intoleranz (der Teufel hinter der Maske der Erleuchtung)

Farben: Rotorange, dunkles Indigo, dunkles, warmes Oliv, sattes Braun (Liber 777)

Tierkreis: Stier. (Buch Thoth) Crowley sieht in dieser Karte die Erde in ihrer ausgeglichensten Form, weshalb der Thron des Hohepriesters von einem Stier und zwei Elefanten umgeben ist, in denen sich die Schwere der Materie besonders gut reflektiert.

Kurzbeschreibung: Der Hierophant ist eine exorbitante Gestalt. Durch seinen »inneren Auftrag Gottes« kontrolliert er die Äonen und seine Aura reicht von der Macht der alten ägyptischen Priester bis zum Massenauflauf auf dem römischen Petersplatz. Er hält sich für das Gefäß der Summe aller religiöser Wahrheiten und sieht sich über alle Zweifel erhaben, auch wenn er ohne Inhalt weniger als die Tonschale ist, die seinen eigenen Anspruch zusammenhält. Er verkündet den Menschen die Bilder, anhand derer sie lernen, sich die Welt mit ihm als Befreier vorzustellen, der gekommen ist, um sie aus ihrem eigenen Sündenpfuhl zu erlösen. Er ist der Überbringer göttlicher Wahrheiten sowie Meister des Okkulten, der mehr als nur ein paar Zufälligkeiten mit seinem patriarchalischen Bruder gemeinsam hat. Der Unterschied zum Kaiser liegt vor allem darin, dass er die Menschen nicht von außen beherrscht, sondern sie sozusagen von innen her missioniert, durch ihre eigenen Affirmationen dirigiert, die er ihnen vorgegeben hat. In einem Satz: Der Meister des Sermons ist entweder der Offenbarer tiefster Wahrheiten und verborgenster Geheimnisse oder der Besitzer der gespaltetsten Zunge, die der Tarot an verschlungenen Irrlehren für uns bereithält.

Analyse

Der Hierophant in der Erscheinung eines mesopotamischen Priester-Königs steht in einem komplementären Verhältnis zum Kaiser. Wenn jener die Projektion unseres inneren Elternbildes nach außen trägt, dann ist dieser ein Symbol der kontrollierenden Autorität des Patriarchats. Er stellt den religiösen Überbau dar, unter dessen schützendem Dach das in der Welt dominierende Prinzip des Kaisers überhaupt erst aufblühen kann.1 Sein Bestreben, die Dinge auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Zusammenhängen zu sehen, wird durch die geometrischen Formen unterstrichen. Es sind ineinander gefügte Fünfecke und Fünfsterne, in die der hohe Priester eingebettet ist, und in dessen Zentrum sich ein weiteres, kleineres Pentagramm befindet, das ein tanzendes, männliches Kind darstellt, was nach Crowley die Vereinigung des Mikrokosmos mit dem Makrokosmos darstellt.1

Diese Fünfecke symbolisieren die Perspektive oder das Fenster, aus dem der Oberpriester in den Kosmos schaut und nach einer Antwort sucht: Denn irgendwo muss sie ja stecken, die ultimative Wahrheit, die Weltformel, die ihm erklärt, wie die Schöpfung entstanden ist, was sie am laufen hält und welchen tieferen Gesetzen sie folgt. Dabei bedient er sich völlig wertfrei bei allen Religionen und Philosophien, denen er habhaft werden kann. Doch erst, wenn er merkt, dass er selbst das ist, was er sein eigenes Ziel nennt, und das sich in seiner Ausdehnung immer weiter von seinem Zentrum entfernt, das gleichzeitig wachsen muss, um sich seiner Ausdehnung bewusst werden zu können, wird er das Geheimnis lösen. Das zeigt die mit neun riesigen Nägeln um seine spirituelle Aura geschlagene Schlange2, die den geistigen Blindfleck genauso wie die Erkenntnis verkörpert (Taube am Schlangenende), denn manchmal verbirgt sich vor einem Menschen die Wahrheit, solange er in der göttlichen Erkenntnis nicht die Formel Jod – Caph entdeckt.2 Sein ungeliebter Schatten drückt sich im maliziösen Lächeln sowie in der linken Hand des Priesters aus, der die Ungläubigen mit seinen zu Teufelshörnern gespreizten Fingern erschrickt. Zusammen mit Taube und Schlange können wir in dieser Geste die verdrängte Wahrheit sehen, die er gerne unterschlägt, solange sie nicht mit seinem Selbstbild korrespondiert. Das kann im schlimmsten Falle auch bedeuten, dass er aufgrund seiner Mission die Menschen in seinen Bann reißt, damit sie ihm helfen, seine Vorstellungen zu tragen. Er, der den Weg erkannt hat, gibt den Menschen das Drehbuch vor, nach dem sie den Film drehen, in dem sie die Vision von Gott nach seiner eigenen Regie dann nach seiner Fertigstellung gemeinsam anschauen und auch glauben (als fixes Weltbild zementieren). Der Schlüssel zum Geheimnis dieser Karte heißt: Die Sehnsuchts-Allmacht des Hohepriesters bebildert die Sterne! (Oder – boshafter formuliert – veräppelt die Seelen!)

Nähern wir uns nun den Details. Der Priesterstab mit den drei Ringen steht für die obere Triade am Lebensbaum (Kether, Chokmah, Binah); auf der irdischen Ebene drückt er aber auch die drei Zeitalter von Isis, Osiris und Horus und damit die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus.3 Des Hierophanten Thron ist von Elefanten umgeben und er sitzt auf einem Stier. Dieser Stier, der auf kultische Verehrung in antiken Religionen zurückgeht, stellt das Goldene Kalb dar, ein Kult, der im Alten Testament als Götzenbild bekämpft wurde.4 Um den Hierophanten herum gruppieren sich die vier Cherubim in den vier Ecken der Karte, die als geflügelte Wesen die Bundeslade bewachen. In der Bibel haben sie vier Gesichter: Mensch, Löwe, Stier und Adler, die in der christlichen Mythologie die vier Evangelisten vertreten. Sie sind auch die Vertreter für die vier Urstoffe Feuer, Wasser, Luft und Erde und werden mit den vier festen Zeichen des Tierkreises verbunden (Wassermann, Löwe, Stier und Skorpion). In der ägyptischen Sagenwelt verkörpern sie die Sphinx und in der kabbalistischen Tradition das JHVH-Tetragrammaton. Was sehen wir noch? Die fünf weißen, herzförmigen Rosenblätter seines Scheitelchakras stehen für geistige, durchscheinende Transzendenz, einen tiefen und unerschütterlichen Glauben an die allwissende Vorsehung und damit an alles, was er in seinem männlichen Weltbild als intuitiver Bannstrahl des Weiblichen empfängt. Die Schlange »in seinem Kopf« hat sich um seine Anima (im gematrischen Sinn ein Mädchen namens Rose) entrollt und Crowley suggeriert: Und auch lasst die Narren die Liebe nicht verwechseln; denn da gibt es Liebe und Liebe. Da ist die Taube, dort ist die Schlange. Wählet gut!5 Auch wenn er in dem, was er für die Göttin hält, nicht die Göttin, sondern nur sein Frauen-Suchbild erkennt, so gehört das, was er durch den Geist der Rosenblätter einatmet (Rose = Vagina), mit zum Feinsten, was er durch das Bild seiner Göttin aufnehmen kann.

Kommen wir zum Besten. Als diametrale Einsicht oder als ein unbewusster Teil aus einer anderen Raum-Wirklichkeit, als Ausschnitt der Sexualität im Licht verdrängten Erkennens oder im Geiste emotionaler Unberührbarkeit scheint die in einen dunkelblauen Mantel gehüllte und mit einem Schwert bestückte Hohepriesterin vor ihm auf, deren Haupt durch die Spitze des mittleren Pentagramms in einen erhellenden Lichtkegel getaucht wird.3 Sie ist die neuäonische Form des Hierophanten und kündigt bereits die gewaltige Veränderung an, die sich später in VIII – Ausgleichung manifestiert: die Priesterin, die nicht nur über, sondern auch mitten unter den Menschen steht. Mit der Sonne im Bauchgeflecht und dem Mond in der Hand empfindet sie männlich-aktiv-positiv und handelt weiblich-empathisch-negativ. Die Mondsichel zeigt, dass sie offen für persönliche Gefühle ist, ein Kind ihrer eigenen Sehnsucht, das in das Paradies zurückstrebt, aus dem sie einst verstoßen worden ist, und das sie auf Erden zu repräsentieren glaubt. Aus christlicher Perspektive verkörpert sie gar eine Maria Magdalena, die der hohe Priester dem Meister Jesus in die Arme legen möchte. Zumindest versucht er sie über die menschlichen Gefühle hinauszuheben, dass sie in der persönlichen Liebe den Hauch des Göttlichen spürt. Doch im Æon des Horus stellen sich die ganzen Energieflüsse um, denn Atu V ist eine Ankündigung des Unterganges des Patriarchats. Künftig wird alle Macht der Frau gegeben sein, die in Liebe unter Willen die Aufgaben des Hierophanten verrichtet (Atu VIII). Das alte Machtsystem wird sich in »Liebe ohne Willen« auflösen, und an seine Stelle wird ein natürliches Machtgefüge treten, das die Geschlechter verbindet und universell gültig ist. Etwas schlangenzüngiger formuliert wäre der Pontifex dann nur noch eine Art Reisebüro, in dem wir die Tickets buchen können, die uns in den Himmel zurückführen und bei regelmäßigem Training und der richtigen geistigen Haltung auch die göttliche Absolution garantieren.

Weiterführende Bemerkungen


1 Im Pentagramm auf der Brust des Hierophanten kündigt sich das neue Zeitalter (XX – Der Æon) in Form des Horuskindes an, das im Mittelpunkt verschiedener ineinander gelegter Fünfecke und Fünfsterne, Symbole der Quintessenz und der Sinnfindung, steht. Es ist ein Symbol der psychischen Verwandlung im Inneren des mächtigen Mannes. In dieser kindlichen Rolle erfüllt der Geist jetzt seine psychische Aufgabe als Vermittler zwischen Gegenwart und Zukunft, durch das (zukünftige) Aussöhnen von Konflikten und das Vereinen von Gegensätzen. Das Kind ist schon deswegen ein schönes Symbol, weil es dem Menschen suggeriert, dass sich das Leben verwandeln lässt, ohne deshalb zu sterben oder seine körperliche Gestalt verlieren zu müssen, ganz nach dem Motto: Das Gute überträgt sich auf das Kind und kommt in der Zukunft zum tragen – kurz:Das Kind soll es einmal besser haben! Ein Irrtum, wie wir wissen, wenn auch ein bisweilen notwendiger Hoffnungsträger.


2 Crowley schreibt: Auch in den Strahlen des Auges (XVI – Der Turm) befindet sich eine Taube, die einen Olivenzweig trägt. Die Schlange ist in Form der Löwen-Schlange Xnoubis oder Abraxas dargestellt. Durch diese werden die zwei Formen des Verlangens repräsentiert, was Schopenhauer als den »Willen zum Leben« und den »Willen zum Sterben« bezeichnet hätte. Dies ist möglicherweise der Grund, warum beständig verkündet wurde, dass der Verzicht auf die Liebe in allen gewöhnlichen Bedeutungen des Wortes der erste Schritt in Richtung Einweihung ist. Dies stellt eine unnotwendig strenge Einstellung dar, denn der »Wille zu Leben« und der »Wille zu Sterben« sind miteinander nicht unvereinbar. Das wird in dem Moment ersichtlich, wenn Leben und Tod als Phasen einer einzigen Energiemanifestation verstanden werden.6

Damit nähern wir uns dem Geheimnis der Jod-Caph-Regel. Die Taube wurde seit Urzeiten der Liebesgöttin und damit der Karte XI – Lust zugeordnet, denn die Huren wurden schon im alten Babylon Täubchen genannt. Sie wurde direkt mit der Sinnlichkeit assoziiert, aber nicht eine Sinnlichkeit zum Zwecke der Zeugung, sondern reine Lust um der Lust willen. Da Lust und Liebe im menschlichen Inventar auf einer ähnlichen Frequenz liegen, hat sich das lüsterne Symbol in der Lust verdrängenden Kultur des Christentums allmählich zu einem Archetyp des Friedens transformiert. Ihr Gegenpart ist die Löwenschlange. Xnoubis oder Abraxas entspricht einem gnostisch-manichäischen Symbol, das den dunklen und den lichten Aspekt im Gottesbild vereint. Vor allem die Manichäer glaubten, dass die Schöpfung aus einer Vermischung Gottes mit dem Teufel entstanden wäre (Gott gab die Seele, der Teufel den Leib) und die Erlösung nur stattfinden könnte, wenn sich der Mensch dieser Anteile in sich bewusst werden würde. Während die Taube auch oft die Vagina symbolisiert, repräsentiert die Löwenschlange das Sperma. Turm und Hohepriester sind »Feinde«, denn der Turm bedroht den Hierophanten. Während letzterer (korrespondierend mit dem Buchstaben Vau) das erigierte, aktive Glied symbolisiert, steht der Turm für den »Sturz« des Phallus nach dem Orgasmus. Die Gestik des Hierophanten deutet auf sexualmagische Masturbationstechniken hin, die offene linke Hand erinnert an die Formel Jod-Caph hin (Jod = Sperma, Caph = offene Hand).

3 Für Crowley stellt die mit einem Schwert bewaffnete und dunkelblau gewandete Gestalt die Hüterin des Neuen Æons dar. Er prophezeit: Lasst die Frau mit einem Schwert gegürtet vor mich treten.7 Die mit dem Schwert gegürtete Frau ist aber nicht – wie viele glauben – die Frau, die ihren Intellekt entwickelt (= Königin der Schwerter), sondern die Priesterin, die ihren Vorgänger besiegt und ihre spirituelle Herrschaft mit einem lähmenden Schwertstoß in das Tabernakel seines Sterbenden Gottes beginnt.8 Nun muss er ihr vor dem Altar der Göttin ministrieren, denn ohne ihren Geist kann er den Kern des Mysteriums nicht begreifen (ist es doch die Natur des alles kontrollieren wollenden Erkenntnisvorgangs selbst, die eine vollständige Erkenntnis des Erkannten ausschließt, solange die Welt als Bild der eigenen Vorstellung erfahren wird). Die Bewaffnung mit dem Schwert kann auch bedeuten, dass sie sich einen Mann zur magischen Arbeit nimmt, um der Göttin zum Gefallen ihr eigenes Verzücken zu opfern. Es ist dies im Grunde eine Umkehrung der Prinzipien aktiv und passiv in der magischen Operation.

Andere Verbindungen

– Psychologische Zusammenhänge –

Der Hierophant steht in einem gegenseitig sich ergänzenden Verhältnis zum Kaiser. Dieser versinnbildlicht eine kollektive Vater-Projektion als Symbol des autoritären Patriarchats, und jener stellt die (väterlichen) Himmelsgötter dar, die in den Domen und Kathedralen mittels eigens entwickelter Rituale zum Zweck der Heimkehr und der Versöhnung angerufen werden können. Im Gegensatz zum eher unbewusst wirkenden Bild der Hohepriesterin – der empfänglichen Seite der Psyche, die das verschleierte Geheimnis der Seele oder die höchste Form spirituellen Wissens und der Einweihung in sich aufnimmt – kennzeichnet der kirchliche Regent mit seiner Buß- und Erlösungsszenerie eine hierarchisch gegliederte Glaubens-Architektur. Der Oberpriester, in den Eleusinischen Mysterien Hierophant genannt, war zwar ursprünglich jener auserwählte Träger der wahren Tradition, der die heiligen Mysterien ins Licht des Bewusstseins hob. Im Laufe der menschlichen Entwicklung wurden die weiblichen Instinkte aber in den Hintergrund gedrängt. Der Vollzug der heiligen Riten der Muttergöttin sowie die sexuellen Prädikate weiblicher Spiritualität wurden immer konsequenter unterdrückt und durch das blutlose Idealbild einer keuschen Muttergöttin ersetzt. Damit war der Weg frei für den moralischen Zeigefinger Gottes, der in der Geschichte der Menschheit neben Ordnung, Hoffnung und himmlischer Vorfreude auch sehr viel Leid aufgehäuft und Elend heraufbeschworen hat.

Deshalb sei hier die mephistophelische Frage erlaubt:

Ist er etwa der Erfüllungsgehilfe des Teufels und somit der Teufel selbst, der in der Absicht des Geistes, alles wieder in die Erkenntnis des Ganzen zurückzuholen, die Menschen für das Verdrängen seiner wahren Person verspottet? Oft nimmt er hinter seiner Maske auch heute noch groteske Züge an, wenn er in der Funktion eines Kirchenfürsten in Kriegsfällen die Waffen segnet. Diese Doppelbödigkeit ist nicht nur eine historische, sondern eine strukturelle Eigenart der organisierten Massen, denn streitende Parteien fühlen sich grundsätzlich besser, wenn sie glauben, Gott auf ihrer Seite zu haben.

Crowley notiert: Obwohl das Gesicht des Hohepriesters gütig und lächelnd erscheint, und das Kind einen freudigen Eindruck von ausgelassener Unschuld vermittelt, kann man nur schwerlich bestreiten, dass im Gesichtsausdruck des Eingeweihten etwas mysteriöses, ja sogar finsteres, vorhanden ist. Und setzt gleich noch einen oben drauf: Er scheint sich an einem heimlichen Scherz zu ergötzen, auf Kosten eines anderen. In dieser Karte ist ein deutlicher, sadistischer Aspekt vorhanden.9 In der Tat – wenn wir genau hinblicken, lässt sich eine maliziöse Hintergründigkeit auch kaum verstecken: Das sardonische Lächeln im Gesicht strahlt ein so starkes Gefühl von Sicherheit und Wissen aus, dass man geneigt ist, ihm nicht nur den Sendboten religiöser Inhalte, sondern auch die Rolle des Messias zu glauben. Das ergäbe einen Sinn, denn solange der Hierophant nicht merkt, dass der Teufel in ihm selbst sitzt, kann er in seinem Namen Erlösung predigen und dabei glauben, dass er es im Auftrag Gottes tue. Er vermag nicht zu sehen, dass der Teufel, den er in sich selbst verdrängt, ihm von außen umso häufiger begegnet.

Deutungen

Im Alltag fällt der Hierophant durch Großzügigkeit, Vertrauen, aber auch durch ein sehr selbstgerechtes Erscheinungsbild auf. Dabei gelingt es ihm meist leicht, alle Vorteile seiner Beredsamkeit in die Waagschale zu werfen; das gelingt ihm, weil er die Seelen seiner Umgebung durch seine joviale Art berührt. Er bestimmt, wo’s langgeht, und dazu bedient er sich aller Argumente, die irgendwie mit seiner Aufgabe korrespondieren, ganz egal, wie einäugig sie in vielerlei Hinsicht sind. Mit dieser Karte ist es klar: Wir lehnen jede gesellschaftliche Diskussion über Werte und Moral rigoros ab, denn in allen offenen Fragen gibt es stets nur einen verbindlichen Standpunkt (unseren!). Wir verkörpern stets unsere höchst persönliche Überzeugung, die wir im Meinungsbild unserer Umwelt zu verankern suchen (oder listigerweise hineinprojizieren), um sie dann später wieder herauszuziehen bzw. erfolgreich vertreten zu können. Unsere Hartnäckigkeit, selbst aus den profansten Angelegenheiten noch einen tieferen Sinn hervorzuschaufeln, macht Sinn, auch wenn es letztlich nur darum geht, der Welt ein auf Horizonterweiterung ausgerichtetes Bild zu entlocken, das mit unseren eigenen Plänen korrespondiert. Schließlich spiegelt sich der Hierophant in dem, was wir in der Suche nach Sinn anstreben. Nur die Frage, was sich hinter dem Sinn versteckt, der uns zwingt, die anderen immer wieder belehren zu müssen – die sollten wir uns lieber nicht stellen!

In der Liebe erscheint der fromme Bruder im Licht des Geistes als Inbegriff der Tageshelle, der nicht nur seine eigene Familie »orchestriert«, sondern auch allen kleinen und verletzten Seelen ständig den Großen Papa oder die Über-Mama vorspielt. Mit großem Elan stürzt er sich auf diese Aufgabe, in der Hoffnung, Erfahrungen zu machen, durch die er die Menschen noch besser verstehen kann. Er ist beseelt, über die Enge hinauszuwachsen, ohne seinen aufgeblasenen Idealen immer ins Auge zu blicken und sie als das zu erkennen, was sie sind: irreale Manifeste als Kontrapunkt zu seinem allerheiligsten Streben, ständig die Leute zu segnen und nur überhöhte Ziele anzupeilen. So ist Liebe, wenn er sie denn spürt, oft die Liebe zu seiner eigenen Verantwortung, die er auf seine Umgebung projiziert. Manchmal weist die Karte auch auf ein verborgenes seelisches Leck in uns hin, das uns in unserem Selbstwertgefühl von der Zuwendung anderer abhängig werden lässt. Die aus dieser Konfliktsituation heraus entstehende Abwehrreaktion verwehrt uns allerdings nicht selten den Spielraum, in dem wir unseren Emotionen Ausdruck geben können.

Der Hierophant in der kollektiven Erinnerung


– Tiefergehende Erkenntnisse –

Der Hierophant als Verkünder des Neuen Æons

Seit Äonen steht die Zahl Fünf für das 5. Element, die Quinta Essentia – jenes Element, das das Ganze zu mehr als der Summe seiner Einzelteile macht. Noch heute bezeichnen wir den Sinn und Zweck eines Ganzen als dessen Quintessenz. Was kann der Hierophant also anderes sein als ein Verkünder dessen, was als Sinn und Zweck des Ganzen zu betrachten ist, Ver–ein–igung und Eins-Werdung, und wie sollten wir in dieser Karte etwas anderes vermuten als die Aufforderung von Gottes Sprachrohr: Vertraue meiner Lehre und gehe hin, um das, was du haben wirst, zu verbinden mit dem, was dir noch fehlt!


Der Hierophant ist der Lehrer, der uns lehrt, in endlosen Monologen mit uns selbst zu sprechen, ohne dass wir es merken. Es geht darum, beständig zu wiederholen, was er uns aufdrückt, damit wir das, was er uns sagt, auch verinnerlichen können. Indem er uns seine Botschaft wie eine kollektive Wahrheit, eine gemeinsame Übereinstimmung oder wie ein geistiges, uns an der Hand ins Paradies führende Treppengeländer nachbeten lässt, gelingt es ihm, dass wir das, was wir aus uns heraus wollen, mit seinem Inhalt verbinden, unseren eigenen Willen also mit seiner Botschaft verschmelzen und damit genau das tun, was er als geistigen Weg in uns weckt. Diese seelischen Geländer sind auf solch illustre Namen wie Jesus, Mohammed, Buddha, Großer Adler, Goldener Drache, Coca Cola, Microsoft, McDonald’s oder auch Gerechter Krieg getauft, je nach den Prägungen, auf die wir hören, weil sie uns in unserem Prozess der Selbstfindung aufoktroyiert worden sind. In dem Augenblick, in dem es darum geht, einen höheren Sinn zu entdecken, fühlt sich das Ego gezwungen, diesen Sinn zu interpretieren. Das Ergebnis ist nicht nur das Abbild eines Gottes oder einer Currywurst, sondern auch eine mitgelieferte Landkarte, die uns zeigt, wo das gewünschte Ziel zu finden ist. Diese Predigten sind gefährlich, weil sie uns höhere Absichten vermitteln, die nur unter der Kontrolle der entsprechenden Oberhirten zu finden sind. Das ist es, was uns Crowley sagen möchte, wenn er behauptet, dass es besser wäre, wenn Horus schweigt. Deshalb zeigt uns XX – Der Æon den Gott des Schweigens, der als Horus das Kind in Form eines Pentagramms auf der Brust des Hierophanten erscheint und uns auffordert, nicht von der höchsten Form spirituellen Wissens und der Einweihung zu sprechen, um das Geheimnis nicht zu entweihen. Denn: Welche Erkenntnisse sollten wir aus Illusionen ziehen, die wir nicht als Illusionen erkennen?


Die Frau mit dem Schwert (Die Rückseite der Scharlachhure)

Vor dem Hohepriester erhebt sich in winziger Gestalt die mit dem Schwert gegürtete Frau, die Hüterin des Neuen Æons, die hier – obwohl noch gar nicht voll entwickelt – im Vorgriff auf ihre künftige Position in VIII – Ausgleichung sein (zukünftiges) Ende andeutet: das Ende des Osiris-Zeitalters. Es ist die zukünftige Priesterin, die den Hierophanten ersetzt und an seiner Stelle das Neue Zeitalter einläutet. Dabei hält sie das Schwert des Willens10 mit der Spitze zur Erde als Zeichen kontrollierender Stärke mit der rechten Faust umklammert, so als wolle sie uns sagen: Liebe ist das Gesetz – Liebe unter Willen.

Doch aufgepasst: Die Frau mit dem Schwert ist im Grunde keine selbstständige Gestalt, sondern eine Hybride, die Crowley in seinem Kopf nach seiner Vorstellung als weiblicher Erlösertyp »zusammengebaut« hat – eine Frau auch, deren Klarheit mehr der männlichen Logik entlehnt als auf dem inneren Empfinden einer Frau aufgebaut ist. Das heißt, sie wird durch die Augen Crowleys als ein Aspekt der männlichen Erfahrung des Ewigweiblichen gesehen, also so, wie sich Crowley sein subjektives Bild der Göttin vorstellt. Denn keiner, der mit weiblichen Archetypen arbeitet, wird im Ernst glauben, dass die archetypische Gottheit auf sexistische Aufforderungen wie … und ihre Augen sollen vor Verlangen brennen, wenn sie nackt und frohlockend in meinem geheimen Tempel steht reagiert, auch wenn sie das Buch des Gesetzes (I/​62) befiehlt. Deshalb hat dieses Bild notgedrungen mehr mit seinem Schöpfer als mit seinem Geschöpften gemein. Jedes Symbol der Stärke, wie es sich Crowley vorstellt, domestiziert die Frau, ohne dass er es merkt. Das zeigt, er kann nicht verstehen, dass jeder Frauentyp, der sich in seine persönliche Vorstellung integriert, nichts mit dem zu tun hat, was man eine Göttin nennen mag, und umgekehrt das, was er zum Bild einer Göttin erkürt, nur eine Schimäre ist, die mit seinem komplizierten Frauen-Suchbild (Anima) korrespondiert.

Im Grunde entspricht sie der anderen Seite der Scharlachfrau, dem Bild seiner inneren Hure, die sich mit dem Tier verlustiert. In ihrer besten Form entzieht sie sich als Frau mit Schwert seinen sexuellen Neurosen. Andererseits trägt sie als mächtiger »Erzengel« dazu bei, die Grundlagen für ein Neues Zeitalter zu errichten. Sie ist die Trägerin seiner inneren Schöpferkraft, Muse und Inspiration, die sich ihre Anerkennung aus dem Umstand verdient, dass sie sich ihm nicht unterwirft.

Die drei Ringe (Das Zeitalter des Sterbenden Gottes)

Crowley schreibt: Es ist unmöglich, diese Karte zur gegenwärtigen Zeit vollkommen zu erklären; denn nur der Lauf der Ereignisse wird uns zeigen können, wie dieser neue Strom der Einweihung sich entwickelt. Ein paar Zeilen später gibt er uns das Zeitfenster bekannt, in dem wir den »Lauf der Ereignisse« überprüfen können, um definitiv festzustellen, wie dieser »neue Strom der Einweihung« sich letztlich auf unsere Zukunft auswirken wird: Die Symbolik des Stabes ist von besonderer Natur; die drei ineinander verwobenen Ringe am oberen Ende des Stabes können als stellvertretend für die drei Zeitalter von Isis, Osiris und Horus betrachtet werden, mitsamt ihren ineinander greifenden magischen Formeln. Der obere Ring ist mit dem Scharlachrot des Horus versehen; die beiden unteren Ringe mit dem Grün der Isis und dem Hellgelb des Osiris. Sie sind alle auf einem Grund von dunklem Indigo aufgetragen, der Farbe des Saturn, dem Herrn der Zeit. Denn die Rhythmik des Hierophanten bewegt sich nur in Zeiträumen von 2000 Jahren.11

Was will er damit sagen? Machen wir den Versuch einer Dechiffrierung: »Jedes zukünftige Erlebnis wird an den Erfahrungen der Vergangenheit gemessen und der Gefühlswert des Zukünftigen damit aus dem Verflossenen assoziiert. Somit ist die zukünftige Erfahrung lediglich das Resultat der Messung neuer Eindrücke an den vergangenen Beobachtungen auf anderen Ebenen, deren Auswirkungen wie die Ringe eines ins Wasser geworfenen Steines sich immer wieder auf die ursprüngliche Prägung beziehen. Zukunft rollt auf der Erinnerung vergangener Erfahrungen, und im Grunde ist Zeit weniger eine sich ausdehnende Geschichte, sondern mehr ein sich immer um die gleichen Brennpunkte herumkreiselnder Energiewirbel, der sich nur durch den körperlichen Verfall wie eine Reihe fortlaufender, sich aufeinander beziehender Entwicklungsschritte anfühlt. Der Stab mit den drei Ringen illustriert diesen Mechanismus, wenn sich die vielen Wege mit zunehmender Dauer immer mehr verdichten und die immer wieder gleichen Bilder durch verschiedene Sichtweisen und Rückblenden zu einer fixen Realität verbinden, die dem Tarotkundigen zeigen, wie simple Bilder durch bloße Vernetzung zu ganzen Vorstellungs- und Empfindungskomplexen im menschlichen Hirn ›realisiert‹ werden.«

Liber 77712 und weitere Korrespondenzen

Oh großer Hierophant, verbreite durch die Kraft des Lichtes an alle Weisheit – jedem nach seines Wunschs Gewicht!

Titel: Der Magus des Ewigen

Bild: Zwischen den Säulen sitzt ein Alter

Zahl: 6, 12 (ausgeschrieben)


Buchstabe: Vau = V/​VV (Nagel). Der Nagel hält die Dinge zusammen, und der Hierophant verbindet in der Gesellschaft religiöse Tradition mit sozialer Kultur.

Pfad: 16 von Chokmah nach Chesed. Diese Verbindung unterstreicht die Verdichtung von Energie: Chokmah steht für die Manifestation des Geistes in der Idee und die Gnade Cheseds verdichtet das Feuer zu einer Form von Erkenntnis.

Götter: Asar, Ameshet und Apis (Asar als der Erlöser, Ameshet als Kerub der Erde und Apis als Bulle), Osiris, Athene, Shiva als heiliger Stier, Venus als Herrin von Taurus

Pflanzen: Malve (auch Riesengewächse wie beispielsweise Affenbrotbäume)

Krafttiere: Stier, Kerub der Erde, alle Lasttiere

Edelstein: Topas

Wesen: Gorgonen, Minotauren

Dämonen (Qlipoth): Adimiron, blutig (Echsen-Löwen-Hybriden aus Blut und Wasser)

Magische Kräfte: Das Geheimnis physikalischer Stärke

Magische Waffe: Thron (die Mühe der Vorbereitung)

Parfüm: Storax

Droge: Zucker

Geomantie: Amissio

Gematrische Korrespondenzen

6: Geschwätz, Schwätzer, Lügner, Teil, für sich abgesondert, Zweig, Ast, Stange, Glied, Leinen, Wahrsager, Prophet, Bär(in), Lüge, Sumpf, Dach eines Hauses (Tempels, Turmes)

12: Untergang, Verlorenes, Unterwelt, begehren, wünschen, lüstern, unbesonnenes Gelübde, plaudern, schwatzen, töricht reden, sich mehren, viel werden, Fisch, ER

Gottheit: Die christliche Trinität als oberste geistige Autorität

Mythen: Abendmahlschale, in der Christi Blut am Kreuz aufgefangen wurde, oder Parzival, der sich opfernde Erlöser, der den keltischen Gralskönig Amfortas in der Gralssage befreit; Berufung und Taufe der Jünger (Ursprung des patriarchalisch-dogmatischen Systems)

Symbole: Beichte, Kommunion, Sündenerlass, festliche Orgelmusik, Prozession, Monstranz, Messias, Petrus, Papst

Kultstätten: Peterskirche und Petersplatz in Rom; das Fußbodenmosaik im Kathedraleninneren von Chartres

Rituale: Taufe, Weihe oder Aufnahme in einen magischen oder spirituellen Kreis; in der christlichen Tradition Gebet, Gottesdienst und Sündenerlass

Sabbat: Buß- und Bettag

Kraftstein: Amethyst

Räucherwerk: Weihrauch

Malerei: Abendmahl von Leonardo da Vinci; Moses und der brennende Dornbusch von Ernst Fuchs

Musik: 9te von Bruckner (das Adagio hat Bruckner dem »lieben Gott« gewidmet)

Schrift: Pentateuch (Fünf Bücher Mose)

VI – Die Liebenden


Die Liebenden verkörpern nicht nur das Selbstbild in der Beziehung, sondern auch das Suchbild, das also, was man im anderen in Vertretung für sich selbst anstrebt.

Adam und Eva (Eros), Kain und Abel (Die Brüder1), Eva und die Schlange

Astrologie: Venus/​Mars – auf einer höheren Ebene auch Sonne/​Mond

I Ging: 31 Hiân – Die Werbung

Runen:Kaunaz/​Kan(Feuer)und Wunjo(Licht). Kan, die sechste Rune, drückt die Potenz oder die aktive Seite der Liebenden aus, das Einbinden der Gegensätze in der Vereinigung, während Wunjo den ruhenden Mittelpunkt zwischen gegensätzlichen Bewegungen anzeigt, Harmonie und Freude, und damit das Ende disharmonischer Unausgewogenheit.

Licht: Anziehung, Bekenntnis und freie Entscheidung, Zusammenschluss und Vereinigung der Gegensätze (die Selbstverwirklichung im anderen)

Schatten: Unerreichbare Liebesideale, sexuelle Frustration, Entscheidungsschwäche, Selbstaufgabe

Farben: Orange, Blassmauve, neues gelbes Leder, rötliches Grau mit Mauvestich (Liber 777)

Tierkreis: Zwillinge, die mit dem gegenüberliegenden Schützen – XIV – Kunst – korrespondieren (Buch Thoth). Hier bezieht sich Crowley auf die paarweise angeordnete Darstellung der Kartensymbole, die dadurch einen doppelten oder zwillingshaften Charakter bekommen (hinter jeder Idee verbirgt sich ein Gegensatz).

Kurzbeschreibung: Die Liebenden gehören mit dem Teufel und dem Jüngsten Gericht zu den drei Trümpfen im Thoth Tarot, die von der überlieferten Darstellung am meisten abweichen. Der Grund dazu liegt in dem der Karte unterlegten alchemistischen Konzept. Ein schwarzer König wird mit einer weißen Königin von einem mächtigen Zauberer vermählt. Ihr zukünftiges Kind (Befruchtung in XI – Lust) wird durch das Orphische Ei symbolisiert. Beim Akt der Trauung werden sie von zwei Kindern assistiert. Das Hauptaugenmerk liegt in der Darstellung von Dualität und Unterschiedlichkeit, die stets Ausgangspunkt für Vereinigung sind. Sie sind aber genauso Ausdruck der Entscheidungsschwäche und der Widersprüche mit sich selbst. Dabei sind sie in ihrer Symbolträchtigkeit äußerst facettenreich. Sinn und Leitmotiv liegen darin, aus allen inneren Konflikten ein gutes Ergebnis zu erzielen und die Zwei in eine Einheit zu verwandeln. Die Liebenden sind dabei der erste Teil der Erkenntnis: = Solve oder die Analyse. Die Synthese oder Teil 2 (… et coagula) folgt in Atu XIV. Dort werden wir sehen, wie sich die ganzen Hintergründe vermischen und umkehren. Deshalb sollten sie immer in Verbindung mit ihrem »Zwilling« analysiert werden.

Analyse

Die Liebenden – besser noch: Die Sehnsucht der Liebenden – sind ein Ausdruck des gegenseitigen Verlangens zwischen den Menschen: der paradiesische Vorhof der körperlichen Anziehung oder die Flammen der Sehnsucht nach der Vereinigung zwischen Mann und Frau. Sie drücken die Anziehung der Gegensätze aus, das Sehnen, das Verlangen zwischen den Geschlechtern, um die verlorene Einheit wiederherzustellen – also genau das, was der Pfarrer den Kindern mit anderen Worten verkündet: den Zustand vor der Vertreibung aus dem Paradies.

Auf einer anderen Ebene verkörpert die Karte auch die Folgen nach dem Sündenfall: die Darstellung von Dualität und Unterscheidung, die stets Ausgangspunkt für Vereinigung ist. Diese Dualität, die sich in der Anziehung der Gegensätze äußert, wird durch die Liebe der Liebenden erlöst.1 In paradiesischer Verschmelzung wird aus den beiden Teilen eins, und indem sie ihre Identität um ihre Ebenbilder erweitern, verbinden sie sich in Leben und Tod und wachsen in die Ewigkeit hinein. Gerade diese Unerfahrenheit erklärt die Reinheit ihrer Absichten und die Unschuld um die Wunde, die im Leben brennt (das Christentum nennt es Erbsünde). Das gilt es im Verlauf der Reise zu erfahren: den Schmerz des Getrenntseins von dem, was jedem von ihnen zur Vollständigkeit fehlt, denn es geht um das durch den Griff nach dem Apfel verlorene Paradies, das durch die Verschmelzung auf körperlicher Ebene zumindest für Sekundenbruchteile wieder erlebt werden kann. Es ist der Lockruf der Götter, das Streben nach der menschlichen Form, das vom Funken der Fortpflanzung getragen wird. Dadurch weiten sich die Liebenden ins Überpersönliche, ja Kosmische aus, denn ihre Verschmelzung im Schoß des Todes ist deckungsgleich mit dem Augenblick der Zeugung, der das Leben unter der Voraussetzung des Sterbens ständig wieder erweckt. Deshalb zieht die Essenz der Karte auch mehr in die Richtung Erlösung oder psychische Verwandlung und verströmt den Geist der Chymischen Hochzeit des Christian Rosencreutz.2

An den oberen Rändern des Bildes finden wir zwei nackte Frauengestalten, die die ursprüngliche und die gedrosselte Libido andeuten: Die wilde Lilith und die gezähmte Eva. Eva verkörpert die weibliche Hingabe und Sehnsucht nach Vereinigung bei gleichzeitiger christlicher Unterwerfung, Lilith den diesem Zustand entgegengesetzten Faktor der Frustration aus emotionalen Verletzungen und des seelischen Schmerzes bei gleichzeitiger sexueller Freiheit. Das verdoppelnde Zwillingsmotiv wird auch im Brautpaar, den Kindern und den Tieren illustriert. Die beiden Kinder stehen für den Narren und den Magus, das Brautpaar für Kaiser und Kaiserin und der Priester und das Ei schließlich für den Hierophanten und die Hohepriesterin. Auf dieser Karte treten die Figuren zum ersten Mal in Paaren auf, während die vorhergehenden Trümpfe (0 – V) auf einzelne Personen ausgerichtet waren. Man könnte jetzt glauben, dass die Bedeutung der Liebenden darin läge, die Vereinigung der (zuvor geschiedenen) Gegensätze zu symbolisieren. Aber weit gefehlt – so weit sind wir noch lange nicht. Grundsätzlich bedürfen Gegensätze schon einer Erklärung, denn sie sind ja nicht so ohne weiteres in den Raum gestellt; sie mussten sich durch jahrtausendelange Differenzierung erst mühsam entwickeln. Die griechische Überlieferung spricht von einer hermaphroditischen Kugel, die O und P paradiesisch in sich vereinigte, bis sie von den neidischen Schöpfern in zwei Hälften geteilt wurde, die seither, ohne sich je wieder miteinander verbinden zu können, ständig auf der Suche nacheinander sind.

Auf der Karte wird dieser Umstand dadurch illustriert, dass die Vertreter der Liebenden in heller und dunkler Hautfarbe dargestellt sind. In der Mitte sehen wir den schwarzen König, der sich mit der weißen Königin vereint. Beide sind in herrschaftliche Gewänder gehüllt. Die Kleider des Bräutigams korrespondieren mit dem Kaiser (Schlangenmuster), die der Braut mit der Kaiserin (Bienenmuster), ein verbindendes Symbol, das darauf hinweist, dass das Suchbild des die Seele »ergänzenden« Menschen im Spiegelbild des Partners verankert werden will. Sie reichen sich die Hände und sind bereit und willens, sich zu vereinen.2 Andererseits ist es so, dass die Körper der beiden Liebenden mitsamt den Armen zur Ausrichtung der Köpfe etwas verdreht erscheinen. Die Leiber stehen sich gegenüber, aber die Köpfe sind zur Seite gegen eine riesige, mit einer Kutte und einer Kapuze gewandete Gestalt gedreht, so als wollten sie uns sagen, dass sie weniger den Partner, sondern mehr das Bild des anderen im Visier haben, das ihnen das mächtige Unbewusste suggeriert. Denn nur dieses weiß, dass die normale Liebe nicht wirklich befriedigen kann. Der weise Begleiter steht in ganz realem Sinne auch als Vermittler zwischen Bewusstem und Unbewusstem, für das Motiv der Verwandlung und Erlösung jenseits von Gut und Böse. Nur die mystische Vereinigung, die heilige Hochzeit, trägt die Voraussetzung in sich, die Menschen über sich hinaus- und damit ins Liebesparadies zu führen.3

Das bedeutet, in der Karte drückt sich die Anziehung der Gegensätze aus oder das Verlangen nach einem ergänzenden Partner, der uns die verlorene Einheit wiederbringen und uns zur Ganzheit zurückführen soll. Das bedeutet aber auch, dass wir – wenn wir erkennen, dass die innere Unvollständigkeit immer dazu neigt, sich mit den übertragenen Bildern aufzufüllen – zu tiefen, uns selbst überwältigenden Erfahrungen gelangen können. Die Wechselständigkeit oder Über-Kreuz-Verbindung der beiden Protagonisten (schwarzer König mit Goldkrone, Silberstab und weißem Knaben, weiße Königin mit Silberkrone, goldener Schale und schwarzem Buben) ist ein Zeichen für das Aussöhnen von Konflikten und die Vereinigung von Gegensätzen, da das Königspaar die bewussten Kräfte, die Kinder jedoch die unbewussten Energien ausdrücken.4 Interessant ist auch: Die unbewussten Kräfte in den Kindern (versinnbildlicht durch Keule und Rosen) reichen sich im Gegensatz zu den Erwachsenen nicht die Hände, sondern sie verbinden sich über die bewusste Vereinigung des Königpaars, und erst durch die vierfache Vereinigung in der Hochzeit (Mann und Frau, Mann und Anima, Frau und Animus, Anima und Animus) geschieht die alchemistische Verwandlung, die durch das Orphische Ei mit der Schlange angezeigt wird. Dieses Ei repräsentiert die Essenz aller Lebensformen, die Grundlage der heiligen Hochzeit und dient wiederum als Zeichen für den Zugang zur Ganzheit durch Vereinigung der Gegensätze. Vielleicht versteht Crowley darunter nicht die ursprüngliche Einheit der unbewussten Natur, sondern die differenzierte Einheit, die auf den römischen Dichter Ovid zurückgeht, zu der die beiden Hälften, die zuerst getrennt wurden, als der Mensch sich durch sein Bewusstsein von den Tieren zu unterscheiden begann, nach langer und schwieriger Suche nach dem jeweils anderen Teil in der menschlichen Psyche gelangen. Darin verbinden sich die Polaritäten der Geschlechter zu einer einzigen Gestalt, und das entspricht auf der geistigen Ebene dem Transzendieren der Gegensätze der Erscheinungswelt. Das heißt: Jeder der beiden gegengeschlechtlichen Aspekte des Paars, die der Partner als Animus oder Anima reflektiert, entbrennt in einer Liebesflamme zum anderen, die genauso heftig ist wie das Bedürfnis, selbst mit diesem Aspekt (in sich) in Verbindung zu treten.3


Der rote Löwe und der weiße Adler stehen für die bewussten männlichen und weiblichen Sexualkräfte, Symbole des männlichen und weiblichen Dualitätsprinzips wie Sonne und Mond, Feuer und Wasser oder Luft und Erde. Crowley bringt sie mit der Alchemie in Verbindung: Sie treten in der Chemie als Säure und Lauge in Erscheinung. In dieser Erscheinungsform repräsentiert die verhüllte Gestalt das Proteische Element des Kohlestoffs, dem Ursprung allen organischen Lebens.4 Im Verlauf der alchemistischen Operation werden sie sich in Farbe und Bewegungsausdruck aber noch entscheidend verändern, und in der Karte Kunst sind sie auch nicht mehr so statisch, sondern in Haltung und Gebärde ziemlich aktiv: Der rote Löwe ist dann weiß geworden und der weiße Adler rot. Darin liegt auch V.I. T.R.I.O.L. verborgen – die Formel zur Öffnung des Orphischen Eis.5 Ein versteckter Hinweis findet sich auch im letzten Detail. Das Gewölbe des sakralen Raumes, in dem die Hochzeit stattfindet, wird von Schwertern dargestellt. Der Meister verweist auf den hebräischen Buchstaben & Zajin, der Schwert bedeutet, und mit jedem Akt der Teilung – aus Eins mach Zwei – in Beziehung steht, denn Liebende sind im Tarot wie im tatsächlichen Leben immer zu zweit: Zwei, die sich entschieden haben, ihre persönliche Identität einer verbindenden Zweisamkeit zu opfern, nachdem sie von Cupidos Pfeil 5 getroffen wurden.

Weiterführende Bemerkungen

1 Denn ich bin geteilt um der Liebe willen, für die Möglichkeit der Vereinigung (Liber Legis I/​29). Ich bin das Nicht-Eine, denn alles, was ich bin, ist das unvollkommene Abbild des Vollkommenen; jede besondere Erscheinung muss in der Umarmung ihres Gegenstückes verschwinden, jede Form sich erfüllen, indem sie ihren ausgeglichenen Gegensatz findet und ihr Bedürfnis, das Absolute zu sein, dadurch befriedigt, dass sie zur Vernichtung kommt.

Liber V vel Reguli

2 Auf der Schattenebene kann das manchmal zu einer Abhängigkeit von unseren inneren Projektionen führen, wenn sie uns im Spiegel äußerer Personen im Leben begegnen. Oft stürzen wir uns Hals über Kopf in die Gewässer der Sehnsucht nach der sexuellen Vereinigung und landen im unbefriedigenden Seelenfeuer, wenn wir das verlorene Gefühl der Einheit durch die Verschmelzung mit dem Partner zu erzwingen suchen. Das Gefühl der Liebe kann aber auch auf geistiger Ebene stattfinden. Wenn die beiden Liebenden die Weisheit im Höheren suchen, um den essenziellen Gehalt ihrer Liebe zu finden, versuchen sie sich an die Frequenz ihrer geistigen Sehnsucht heranzuziehen und in die Sphäre des anderen einzudringen, um beide Polaritäten, Geist und Liebe, miteinander zu verbinden.

Somit können wir Crowley, wenn er schreibt Um die Arme des Eremiten liegt eine Rolle, die das Wort, den Logos oder die Gesetze darstellt, die die geistige Welt zusammenhalten, die wir uns selbst geschaffen haben6, erwidern,

dass die Liebe auch eine Energie darstellt, die in die eigene Triebstruktur eingerollt ist und gleichzeitig in die Sphäre des anderen eingreift, indem sie das Bild der Anziehung im Pol des Angezogenen zu verankern sucht.


3 Der Priester, der die beiden traut, ist niemand anderer als der Eremit. C. G. Jung würde sagen, er verkörpert das Selbst. Seine segnenden Hände liegen auf den Positionen der göttlichen Eltern: Chokmah und Binah. Er steht für die unbewussten, höheren Teile in ihnen selbst – er stellt sozusagen eine innere Erfahrung dar, die jeder kennt, denn die meisten Menschen kennen das Gefühl, dass etwas Größeres sie führt, auf sie einwirkt und sie durchfließt, und trotzdem auch nur ein Teil in ihnen selbst ist. Die Gesetzesrolle, die sich um seine Arme schlängelt, ist ein Hinweis dafür, dass das, was die beiden mental wahrnehmen, das wiedergibt, was dem Sinn seiner höheren Botschaft entspricht. Es ist die Hochzeitsurkunde, als Zeichen der Ewigkeit zu einer Möbius-Schleife verdreht.

Er hat aber auch noch eine andere Seite. Crowley schreibt: Er selbst ist eine Form des Gottes Merkur, der im Atu I beschrieben wurde; er ist vollständig unter seinem Gewand verborgen, als ob er andeuten wollte, dass der Urgrund aller Dinge in einem Bereich jenseits der Manifestation und des Intellekts liegt7, was für eine gewisse Unsicherheit sorgt, da der zwitterhafte Merkur nicht nur als Weiser, göttliches Kind oder Hermaphrodit erscheint, der Erneuerung und Verjüngung manifestiert, sondern in kalkulierender Weise genauso für das Sharholder-value-Denken oder in seiner ambivalenten Art auch für gegensätzliche Persönlichkeitsteile in der Psyche steht.


4 Das ganze Ensemble ist kontrapunktisch miteinander verknüpft und trotzdem sind alle Figuren auch selbstständig: Der weiße Junge vor dem schwarzen König hält mit der weißen Königin zusammen den goldenen Kelch (Öffnung und Hingabe), und der schwarze Knabe vor der weißen Königin hält zusammen mit dem König den silbernen Speer (Durchsetzung und Zeugungskraft). Dies ist vielleicht deshalb so, weil es ein wesentliches Merkmal der heiligen Hochzeit ist, dass der Mann sich nicht einfach nur mit seiner Anima verbindet oder umgekehrt, sondern sie gleichzeitig auch als ein Wesen sieht, das in höherem Maße von seinem bewussten Ich verschieden ist, als er je zuvor erkannt hat.


5 Über der ganzen Szene richtet Cupido oder Eros am oberen Bildrand mit verbundenen Augen seinen Pfeil ins Leere. Trotzdem hat dieser Akt eine tiefere Bedeutung. Der abwärtsgerichtete Pfeil8 wird vom höchsten Punkt des Jod im JHVH geschossen und der Winkel der Schussrichtung entspricht Pfad 11 = Aleph. Das Geschoss aus Amors Köcher (wir sehen ganz fein darin das Wort Thelema eingeritzt, Sinnbild des höheren Willens) verwandelt sich in ein Zeichen der Liebe unter Willen, denn er fliegt direkt von Kether nach Chokmah und aktiviert damit die göttliche Liebe oder das menschliche Bild der Liebe Gottes (Jod in Chokmah). Das zeigt, dass die Kraft, die die Menschen sexuell stimuliert, mit der Sehnsucht nach dem Paradies identisch ist.

Andere Verbindungen

– Psychologische Zusammenhänge –


Wenn die Lust der Geschlechtsakt ist, dann sind die Liebenden der Kuss: das erste Andocken auf der Brücke der Sehnsucht zur Vereinigung zwischen den Geschlechtern. Oder die Illusion der Einheit in der Hölle des Kollektiven nach der Vertreibung aus dem Garten Eden. Die Liebe steht für das universelle Streben der Vielheit nach der Einheit auf der Ebene der Seele (Liebende), des Leibes (Lust) und des Geistes (Kunst), und die Karte zeigt den ersten Schritt, den Fall aus der ursprünglichen Einheit zu überwinden und das verlorene Paradies wieder zu finden. Somit symbolisiert Atu VI die verschlingende Hingabe, die das verlorene Gefühl der Ganzheit durch die Liebe wieder zu erreichen verspricht.


Die Pubertät des Narren (Befreiung von den Eltern durch die Verbindung von Animus und Anima)

An der Schwelle zur persönlichen Entwicklung und Freiheit ist es nun die Aufgabe des Menschen, sich allmählich an seine eigene Schuhgröße heranzutasten. Es geht darum, seine gegengeschlechtlichen Seelenteile zu erfühlen und sich mit dem erklärten Ziel, Animus und Anima miteinander zu vermählen (die Liebenden miteinander zu verbinden), zu befassen, nachdem er sich mit den Elternbildern der ersten Karten auseinandergesetzt hat. Hat er sich von den hinderlichen Elementen der Tradition und der geistigen Autorität, der Last von Recht und Ordnung, von der noch weit schwereren Last des teilweise unbewussten Über-Ichs mit seinen verlogenen Maskierungen als Gewissen und Moralität, erstmals befreit, muss er nun beweisen, dass er sich in der Welt allein zurecht finden kann. Allmählich wird er von den Flammen der Libido erfasst, die nur für denjenigen gefährlich werden, der vor dem Erwachsenwerden davonlaufen will – denn die Pubertät ist voll im Gange. Je schneller er den Weg in die eigene Sexualität akzeptiert, desto leichter wird ihm die Entscheidung fallen. Wenn nichts schief geht, besteigt er in der nächsten Karte den magischen Wagen Agape und Thelema, Liebe und Willen, der ihn in seiner Entwicklung weiterbringt.

Deutungen

Im beruflichen Erleben liegt der Schwerpunkt der Karte auf der Entscheidungsebene, im Bereich, wie wir uns nach Abwägung aller gegebenen Fakten in Übereinstimmung mit unserem eigenen Empfinden zu verhalten haben (denn dem Archetyp dieses Bildes liegt ein eminentes Streben nach Verschmelzung mit den Plänen der Umwelt zugrunde, weil alles, was wir suchen, die Realisierung der Wünsche ist, die die anderen träumen). Schließlich beherrscht keiner der Trümpfe den Balanceakt zwischen Realität und Unbewusstem so perfekt wie diese Karte: den Doppelsalto, so unbeschwert und heiter zwischen Ja und Nein, Machen und Lassen tanzen zu können. Das gibt auch Goethes angestaubter Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust-Poesie wieder ein bisschen »multipersonalen« Auftrieb, denn meist sind es mehr als zwei Persönlichkeitsteile, die sich nicht entscheiden können, welche der unzähligen eventuellen Gewinne sie einer Entscheidung opfern wollen. Dann sitzen wir zwischen den Stühlen und wissen nicht, nach welcher Seite wir uns orientieren sollen. Es ist klar, dass wir nicht die ganze Bandbreite unserer Entscheidungsmöglichkeiten ausschöpfen können, in der trügerischen Hoffnung, irgendwann alle unsere Gelegenheiten in einer einzigen und universalen Geste zu krönen; es ist aber auch nicht so, dass wir mit den Liebenden nicht trotzdem zu glücklichen Entscheidungen kommen können, wenn wir lernen, Unwichtiges loszulassen und nicht an jedem »Hirnfurz« kleben zu bleiben, um das, was wir wirklich begehren, zu erhalten.

In Beziehungsfragen setzen wir uns lieber mit den Problemen der anderen auseinander, um die Liebe sozusagen aus der Entfernung über das Harmoniestreben im anderen zu leben, statt uns um unsere eigenen Gefühle zu kümmern. Unser diplomatisches Gespür, uns in den Mittelpunkt unseres Interesses zu stellen, sichert uns die Aufmerksamkeit unserer Umwelt. Doch in der Selbsttäuschung verhangen, alles um uns herum harmonisieren zu müssen, sind Liebe und Beziehung in dieser Zeit eher Lostopf-Interessengemeinschaften mit der Möglichkeit der Ziehung des Hauptgewinns als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem anderen. Was wir erfahren wollen, ist nicht die gemeinsame Erfüllung, sondern die Erfüllung der Sehnsucht nach sich selbst. Deshalb macht uns der alte Zauberer mit seinen schützenden Armen auch darauf aufmerksam, dass wir nur neue Erfahrungen machen, wenn wir unsere innere Unvollständigkeit erkennen. Das, was uns fehlt, müssen wir in uns selbst verwirklichen, denn das Verlangen, das verlorene Paradies durch das verzweifelte Verschmelzen mit der Umwelt zu erlangen, kann sich nicht erfüllen, solange wir unsere innere Leere nur durch eine Bindung an die uns »ergänzende« Umwelt verdrängen. In diesen Fällen sind die Liebenden eine Aufforderung, über unser aufgeschäumtes Bild vom anderen zu dessen eigentlichem Wesenskern vorzudringen, statt um jeden Prinzen oder jede Prinzessin immer wieder einen neuen Projektionsbilderrahmen zu zimmern.

Die Liebenden in der Alchemie

– Tiefergehende Erkenntnisse –

Solve et coagula

Die alchemistische Formel solve et coagula, löse und verbinde, wird hier auf die beiden Karten VI – Die Liebenden und XIV – Kunst verteilt. Sie stehen sich dabei wie die beiden sich ergänzenden Teile einer gemeinsamen Sache gegenüber, zwei Waagschalen, deren Kipp-Punkt sich in der Karte Glück oder Schicksalsrad befindet. Das ergibt auch durch die astrologische Brille Sinn, denn im Tierkreis befinden sich Zwillinge und Schütze in Opposition. Diese beiden Karten sind also so etwas wie die »Brückenköpfe«, die den Entwicklungsprozess der Karten VII bis XIII umschließen. Der Vorgang des solve assoziiert sich mit den Liebenden, der des coagula mit der Karte Kunst.


Bevor wir tiefer in die Materie eindringen, fassen wir noch einmal die Essenz dieser Verbindung zusammen: Die Notwendigkeit der Analyse (Teilung) wird in den Liebenden durch die Paare (Lilith – Eva, König – Königin, Lanze – Gral, weißes und schwarzes Kind und Löwe und Adler) symbolisiert. Als operatives Instrument, um die Teilung vorzusehen, bietet sich die höhere Absicht an, die sich unter dem Decknamen Liebe unter Willen in Amors Köcher versteckt. In der crowleyschen Art, alles miteinander zu verknüpfen und in sein Weltbild einzubinden, was je als interessanter Einfall sein Hirn passierte, hat er die Kinder aus der Karte Die Liebenden aufgrund seiner Visionen in der Wüste9 zu Kain und Abel erklärt und damit die Paradiesgeschichte ein bisschen uminterpretiert. Er kommentiert: Es gibt eine Legende von Eva und der Schlange, denn Kain war das Kind von Eva und der Schlange und nicht von Eva und Adam; aus diesem Grunde hatte Kain, nachdem er seinen Bruder erschlug, das Zeichen auf der Stirn, welches das Zeichen des in der Apokalypse erwähnten Tieres 666 ist.10

Die feindlichen Brüder (Der 2. Aethyr)

Auf der Karte wird Kain als schwarzer Junge mit einer Keule dargestellt, der die Lanze seines Vaters stützt, während Abel mit einem Strauß Rosen in der Hand den goldenen Kelch seiner Mutter umfasst. Der historische Abel, gut, sanft, schwach und gottergeben wurde vom »bösen« Kain aus Neid erschlagen, der es nicht verkraften konnte, dass Gott seine Opfergabe ablehnte und die seines Bruders vorzog. So starb der erste Mensch auf dem Opferaltar des Missverständnisses, eine Tat, durch die sich nicht nur der Boden mit Abels Blut färbte, sondern die sich wie ein roter Faden bis in die heutige Zeit hinzieht, solange der Mensch es nicht begreifen kann, dass die Liebe nicht teilbar ist und sich keinem verschließt, auch wenn sie die anderen ebenso mit einbezieht.

Crowley schreibt: In der Mitte der Karte steht Kain, in seiner rechten Hand hält er Thors Hammer, mit dem er seinen Bruder erschlagen hat, und er ist feucht von dessen Blut. Und seine linke Hand hält er geöffnet als Zeichen seiner Unschuld. Ihm zur Rechten steht seine Mutter Eva, um die sich eine Schlange windet, deren Haube sich hinter ihrem Haupte spreizt; zu seiner Linken ist eine Gestalt, die der Hinduistischen Kali ähnelt, doch ihre Form ist wesentlich verführerischer. Ich weiß jedoch, dass es Lilith ist. Und über ihm ist das große Siegel des Pfeiles, nach unten gerichtet, doch er ist in das Herz eines Kindes eingedrungen. Auch dieses Kind ist Abel. Die Bedeutung dieses Teils der Karte ist verborgen, dies ist jedoch die richtige Darstellung der Tarotkarte; und dies ist die korrekte Fabel, von der die hebräischen Schreiber ihre Legende vom Sündenfall stahlen.11

Er will uns damit sagen, dass wir den Blick nicht auf die Probleme aus der moralischen Schuld und Sühne-Ecke werfen sollten, sondern unser Auge auf die Verbindung der Dinge richten sollten, auf die heilige Hochzeit, die die Vereinigung der zuvor geschiedenen Gegensätze symbolisiert (XIV – Kunst). Bewusstsein muss sich aus dem Naturzustand durch Differenzierung entwickeln und Gut funktioniert nicht ohne (scheinbar) Böses, Erlösung nicht ohne (scheinbare) Schuld. Jeder Mensch trägt sowohl gut wie böse, Abel und Kain in sich, und Sinn und Zweck ist weder die Kompensierung des einen durch die Übertreibung des anderen noch die Regression, die Flucht in den Mutterschoß vor den unvermeidlichen Verletzungen und Ungerechtigkeiten, die das Leben beinhaltet. Ziel muss sein, die beiden Teile, die in der menschlichen Entwicklung getrennt wurden, als wir uns durch das Bewusstsein von den Tieren zu unterscheiden lernten und ein (duales) Interesse für eine soziale Kultur zu entwickeln begannen, durch differenziertes Erleben und Aufarbeiten wieder miteinander zu versöhnen. Wenn das Paradies die ursprüngliche Einheit der unbewussten Natur als Ausgangspunkt verkörpert, dann richtet sich das Ziel unserer Reise auf das bewusste Erkennen der psychischen Mechanismen und schöpferischen Zusammenhänge. Salopp formuliert ist die Ganzheit unserer Seele das Ziel: die Liebe unter Willen, um sich aus dem Karmarad zu befreien.

So begreife, o mein Sohn, dass alle Phänomene, die Auswirkungen eines Konfliktes sind, ebenso wie das Universum ein Nichts ist, das ausgedrückt wird als die Unterschiedenheit zweier Gleichheiten oder, wenn Du so willst, als die Scheidung von Nuit und Hadit. Und deshalb löst jede Vermählung einen mehr materiellen Komplex auf und schafft einen weniger materiellen; und dies ist unser Weg der Liebe, sich ewiglich von Ekstase zu Ekstase zu erheben. Somit ist dann alle höhere Gewaltsamkeit, das heißt alles Bewusstsein, der spirituelle Orgasmus einer Leidenschaft zwischen feineren und gröberen Gegensätzen. So resultieren Hitze und Licht aus der Vermählung von Wasserstoff und Sauerstoff, Liebe aus der von Mann und Frau, Dhyana oder Ekstase aus der von Ego und Nicht-Ego.

Liber Aleph, Kapitel 20 – DE MOTU VITAE

Liber 77712 und weitere Korrespondenzen

Jedem enthüllt sein Verstehen wahrhaftig wortlos: euer Wesen, unsterbliche Zwillinge und Liebende!

Titel: Die Kinder der Stimme – Das Orakel der mächtigen Götter

Bild: Ein junger Prophet in dem Zeichen des auferstandenen Osiris

Zahl: 7, 717 (ausgeschrieben)


Buchstabe: Zain/​Dsain/​Zayin = S/​Ds/​Z/​ZIN (Schwert). Die Königshochzeit findet unter einem Gewölbe von Schwertern statt.

Pfad: 17 von Binah nach Tiphareth. Crowley schreibt: Diese Verbindung ist ein Symbol der Inspiration (Binah), die auf die verhüllte Figur hinabsteigt (Tiphareth), die einen Propheten darstellt, der die Vereinigung des Königs mit der Königin bewirkt. (Buch Thoth, S. 88)

Götter: Zwillingsgottheiten wie Rekht oder Merti als zu Gemini gehörend; Heru-Ra-Ha, der die beiden Horus-Gottheiten in sich enthält; Castor und Pollux, Apollo als Erfinder der Orakel, Eros oder Hymen = Hymenaios, der griech.-röm. Hochzeits- und Ehegott

Pflanzen: Hybriden (Kreuzungen), Orchideen

Krafttiere: Elster, Papagei (wegen der Imitation der Sprache), Zebra aufgrund der Streifen, der Pinguin, weil er oberflächlich den Menschen imitiert

Edelsteine: Glasperlen, Jugendstilverglasungen

Wesen: Unheilvolle Erscheinungen

Dämonen (Qlipoth): Tzalalimiron, die Rasselnden (mehrköpfige Hunde)

Magische Kräfte: Die Macht, an mehreren Plätzen gleichzeitig zu sein; Macht der Prophezeiung

Magische Waffe: Dreifuß

Parfüm: Wermut (zur intellektuellen Stimulierung – ähnlich wie Absinth)

Droge: Mutterkorn

Geomantie: Albus

Gematrische Korrespondenzen

7: umherirren, sich verlieren, ruiniert werden, AHA (Adonai Ha-Aretz – Der Herr der Welt), Begierde, Glück, Koriander, Ruhe, Fisch

717: keine Entsprechungen

Gottheiten: Die vom Morgenstern verkörperte Liebesgöttin Aphrodite, Inanna und Venus und ihre (bogenschießenden) männlichen Entsprechungen Eros, Amor und Cupidus

Mythen: Adam und Eva, Kain und Abel, Amor und Psyche, das Urteil des Paris, der sich in sein Spiegelbild verliebende Narziss oder das Märchen von der Vereinigung der menschlichen Psyche mit dem göttlichen Eros

Symbole: Amors Liebespfeile, Elfen, Feen, Liebeszauber, Eroten, Amoretten

Kultstätte: Kythera, griechische Insel zwischen dem Peloponnes und Kreta (in der Antike Mittelpunkt der aphroditischen Liebeskulte)

Ritual: Chymische Hochzeit (magisches Liebesspiel mit spirituellem Hintergrund)

Sabbat: Die erste Liebesnacht

Kraftsteine: Karneol, rote Koralle, Rosenquarz

Räucherwerk: Geranium, Orangenschalen, Rosen- und Sandelholz

Malerei: Der Raub der Sabinerinnen von Rubens, Das Urteil des Paris von Raffael oder Die Verdammung der Liebenden von Matthias Grünewald

Musik: Shulamites Liebeslieder aus der Oper Die Königin von Saba von Karl Goldmark oder Isoldes Erlösungssehnsüchte (ein Denkmal flammender Liebesglut aus der Tiefe ungelebter Leidenschaft) aus Tristan und Isolde von Richard Wagner

Schrift: Liebeslieder, Liebeslyrik, Minnedichtung

VII – Der Wagen


Der goldene Krieger zeigt den Weg der Erkenntnis, bis er den Kampf in seinem tieferen Sinn versteht.

Der Aufbruch des Helden, die Suche nach dem Gral

Astrologie: Mars als Sinnbild der Durchsetzung verbindet sich mit Sonne als Sinnbild des Willens oder Merkur als Sinnbild des Weges zum gemeinsamen Aufbruch der Kräfte.

I Ging: 4 Mong – Die Unreife (Unbeherrschtes Wachstum)

Rune: Raido (Ritt, Weg, Wagen, Rad) ist die fünfte Rune und umschreibt die (Auswirkungen der) Handlungen des Helden auf dem Wege zu sich selbst.

Licht: Der Weg nach vorn, Sturm und Drang: Abenteuerlust, Erlebnishunger, Eroberungswille, Selbsterkenntnis, Selbstüberwindung, Sieg (über sich selbst)

Schatten: Aggression, Egoismus, Größenwahn, Rücksichtslosigkeit, Übertreibung, Ungeduld, Unreife, Verwirrung, Wut, Zorn (letztlich das Scheitern an Hindernissen)

Farben: Bernstein, Kastanienbraun, sattes helles Rotbraun, dunkles Grün-Braun (Liber 777)

Tierkreis: Krebs (Buch Thoth). Krebs ist das Haus des Mondes und symbolisiert den Rückzug in die innere Gefühlsnatur bei einer gleichzeitig nach außen gerichteten Triebstruktur.

Kurzbeschreibung: Der Wagen ist eine sehr interessante, magische Karte, der man ihre Ressourcen nicht auf Anhieb zutraut. Wir sehen die Frontansicht eines Ritters in bernsteinfarbener Rüstung, der einen (ruhenden) Wagen besetzt hält, der im Begriff steht, von vier Sphingen gezogen zu werden, wenn sie sich über die Zielrichtung klar geworden sind. Über dem Gefährt spannt sich ein Baldachin und der Wagenlenker hält einen Gegenstand in der Hand, der mit dem Loch in der Mitte an eine alte Vinyl-Scheibe erinnert. Im Gegensatz zu anderen Kartendecks ist der Lenker im Thoth Tarot sitzend dargestellt. Diese Symbolik ist der entscheidende Punkt, den diese Karte von anderen jugendlichen Helden unterscheidet: Nur der in meditativer Ruhe verharrende, nicht in nutzlose Streitereien verwickelte Kämpe ist in der Lage, das Große Werk zu verrichten, denn nur in der Selbsterkenntnis findet sich der heilige Gral. Im Sieg über sich selbst lenkt er nicht nur seinen persönlichen Wagen, sondern dirigiert das ganze Universum durch seinen überpersönlichen Willen. Die spirituelle Beherrschung der Kräfte führt ihn zu seiner magischen Absicht: Welterkenntnis wird umgesetzt in umsichtiges Handeln, bewusstes Tun manifestiert sich in Selbstbewusstheit.

Analyse

Normalerweise wird der Wagen als junger, kriegerischer Mann charakterisiert, behelmt und von Kopf bis Fuß bewaffnet, der aus Abenteuerlust, Durchsetzungswille und Wagemut in die Welt hinaus zieht. Vom Wunsch nach Freiheit beseelt, versucht er alles Einschränkende aus dem Weg zu räumen, denn jede Auseinandersetzung bietet ihm die Chance, Dinge durcheinander zu bringen und Gewohnheitsmuster zu zerstören, wodurch immer wieder neue Perspektiven der Entwicklung und der Erkenntnis auftauchen. In anderen Decks steht die Karte für die eigensinnige Autorität des Ichs, das in die Welt hinauszieht, um sich zu behaupten. Ein egoistischer Kern ist für einen jungen Menschen ein äußerst notwendiger Bestandteil der menschlichen Psyche, und wenn das Ich, wie es häufig geschieht, nicht stark genug ist, so ist es von äußerster Wichtigkeit, es aufzubauen. Erlösung durch tiefe Erkenntnis, wie sie Crowley im Wagen propagiert, wäre im traditionellen Sinn hier falsch, denn das junge Ich empfindet den Abstieg ins Unbewusste weniger als Selbstaufopferung oder spirituelle Aufgabe, sondern als Vernichtung.

Doch bei Crowley liegt der Schwerpunkt dieser Karte auf dem Gral: Dies ist das Geheimnis des Heiligen Grales, der das heilige Gefäß unserer Dame ist, des Scharlachweibes, Babalons, der Mutter der Greuel, der Braut des Chaos, die auf unserem Herrn, dem Tier, reitet.1 Der meditierende, in sich versunkene Wagenlenker in seiner mächtigen Goldrüstung steht für einen Gralskrieger oder Samurai, der sich durch seinen medialen Geist und seine fernöstliche Kampftechnik ausdrückt. Über ihm der Baldachin in der nachthimmelblauen Farbe von Binah. Der Krebs auf dem Helm verbindet den Wagen über den Mond (Herrscher von Krebs) mit der Hohepriesterin, denn auf der Rüstung des Wagenlenkers befinden sich die zehn Sterne von Assiah, das Erbe des Himmlischen Taus von seiner Mutter.2 Aber auch mit dem Hierophanten, denn als Symbol der Großen Mutter Binah repräsentiert der Meditierende den zu Geburah führenden achtzehnten Pfad, durch den das Wasser der Gnade auf die Libido des Menschen herabströmt, genauso wie es auf der anderen Seite des Lebensbaums der Hierophant mit dem Feuer seiner Imaginationen tut, das er von Chokmah hinab nach Chesed leitet.1 Zusammen bilden sie den Rahmen der Persönlichkeit, den C. G. Jung das Selbst nannte, denn Feuer und Wasser stehen für das Ziel der Alchemisten, deren spiritueller Sinn die Entwicklung der Reife des menschlichen Geistes darstellt. Auf der psychologischen Ebene sind sie auch ein Symbol für die Verschiebung oder den seelischen Wandel des heranwachsenden Menschen, wenn er sich von der Mutter löst und sich stattdessen auf das Innewerden der eigenen Bewusstheit und Persönlichkeit ausrichtet, die so viel tiefer in den Kosmos als das oberflächliche Ego reichen. Die konzentrischen Kreise im Hintergrund sind ein Symbol für die Relativität der Zeit, denn, obwohl Wagen, Lenker und Zugtiere in meditativer Stille sind und die ganze Szene völlig zum Stillstand gekommen erscheint, drückt die Karte auch im ruhenden Zustand noch immer ein gewaltiges Kraftpotential aus und eine Stimmung von Aktivität, Aufbruch und Bewegung. Zeit erscheint nur deshalb als Zeit, weil wir sie immer mit einem Ereignis verbinden und dabei die Veränderung dieses Ereignisses betrachten, also den (Zeit-)Punkt, durch den sich das Ereignis bewegt. Der Gral wird vom Wagenlenker mit der Öffnung nach vorne gehalten, also so, dass wir in den Kelch unserer Herrin Babalon hineinsehen können. Es handelt sich um einen prächtig geschliffenen Amethysten. Der Inhalt des Kelches wird aber auch das Blut der Meister des Tempels in der See von Binah genannt.2

So ist der Lenker des Wagens in der Lage, den Kelch zu halten, die Kraft, die in ihm wirkt, gewissermaßen zu meistern. Damit ist ihm ein magisches Werkzeug der Macht in die Hand gegeben. Gleichzeitig ist diese Verbindung ein Symbol für den Menschen, der seine Mitte im Einklang mit dem höheren Selbst gefunden hat. Aus der Sicht des Ganzen könnte man auch mutmaßen, der Wagen drücke über die Eroberung und Durchsetzung hinaus schon die zukünftige Stimme um Vergebung aus, eine Art »erinnerte Zukunft«, die sich auf das ausrichtet, was der junge Mensch am Anfang seines Weges alles anrichten muss, um später im Alter daraus seine Erfahrungen und Weisheiten ziehen zu können. Man könnte auch sagen: Er hat zu einer Unschuld der Reife zurückgefunden, oder: Es ist der zukünftige Vater, der für seine jugendliche Unreife die Verantwortung übernimmt. Diese Reinwaschung des aufbrechenden Helden durch den Gral bedeutet schon die Vorwegnahme der (zukünftigen) Erlösung, und deshalb müsste man den Wagen vielleicht treffender als VII – Die Einweihung oder das (vorweggenommene) Karma des Kelch-Ritters charakterisieren.3

Wohin führt uns der Wagenlenker? Das Visier seines Helms ist heruntergeklappt, denn kein Mensch darf sein Gesicht sehen und weiterleben. Das zentrale und bedeutsamste Merkmal dieser Karte befindet sich in ihrem Zentrum – der Heilige Gral.3 Damit bringt Crowley seinen Helden mit dem Mythos der Gralsritter in Verbindung, die die Menschen, von denen sie gerufen werden, sofort verlassen müssen, wenn sie ihnen die verbotene Frage nach ihrer Herkunft stellen. Andererseits muss Parzival unerlöst in der Welt herumziehen, weil er es versäumt hat, die richtige Frage zur rechten Zeit zu formulieren. Ähnlich wie der Held der Artussage muss unser Wagenlenker vor seiner Siegesfahrt nun warten und erst meditieren, um die richtige Frage zu stellen bzw. die richtige Antwort zu finden, kurz: um das richtige Ziel zu »beabsichtigen«.4 Es geht aber nicht darum, Fragen zu stellen oder Antworten zu finden, sondern die richtige Haltung auf dem Wagen einzunehmen, damit sich die Sphingen in Bewegung setzen und die stehenden, roten (Schicksals-)Räder in Schwung bringen. Zwei der vier Wesen haben sich vom Leben abgewandt und blockieren den Weg. Das bedeutet, dass es in der Erinnerung des Helden noch etwas zu lösen gibt, das seine Weiterentwicklung behindert. Die beiden anderen Gestalten verkörpern die helle, dem Leben zugewandte Seite (sie blicken dem Betrachter direkt in die Augen), und der Umstand, dass die Köpfe und Körper aller vier untereinander vertauscht sind, bedeutet, dass sie doch untrennbar zusammengehören, denn es ist die notwendige Versöhnung dieser beiden Teile, die den Weg des Helden ausmacht.5 Der Krebs als Symbol intuitiver Weiblichkeit schließlich krönt das Haupt und ist ein schönes Gleichnis für die spirituelle Erkenntnis, dass Menschen ihre tiefsten Einsichten immer dann haben und Entscheidungen treffen, wenn sie am wenigsten daran denken. Deshalb steht der Wagen auch für den unbewussten Willen, den nächsten Schritt des Weges zu wagen, ohne sich über die Folgen im Kopf bewusst zu sein.

Weiterführende Bemerkungen


1 Der Wagen repräsentiert den von 3 Binah (Große Mutter) zu 5 Geburah (Umwälzung) führenden Pfad. Auf diese Weise korrespondiert der Wagen mit dem Hierophanten, der auf der gegenüberliegenden Seite des Lebensbaums das Feuer von 2 Chokmah (Energie) nach 4 Chesed (Verdichtung) leitet. Chokmah ist die bewusste, unterscheidende und männliche Kraft. Sie entspricht der Rippe Adams, aus der Gott Eva oder Binah schuf. Chesed symbolisiert die in den Raum austreibende Form, während Geburah für die Umwälzung steht. Wenn wir wissen, dass die waagrechte Achse zwischen Chokmah und Binah den männlichen Geist mit der Himmelsgöttin vereint, dann können wir sehen, dass der Hierophant die universale Kraft des Geistes zu verdichten sucht (von 2 nach 4), während der Wagen das Leben durch Bewegung und Umwälzung zu verändern strebt (von 3 nach 5).

Fassen wir zusammen: Der junge Held ist auf dem Lebensbaum die Spiegelung des alten Priesters, da sich diese beiden Karten exakt gegenüberliegen. Der Hierophant lässt seine schöpferische Vision von Chokmah nach Chesed strömen, während der Wagen die feurige Libido von Binah nach Geburah bringt. Gemeinsam mit Tiphareth und Kether bilden diese vier Punkte Crowleys heiliges Hexagramm. Er notiert: Stoße von der Höhe herab, O Gott, und verbinde Dich mit dem Menschen. Stoße von der Höhe herab, O Mensch, und verbinde Dich mit dem Tier. Das Rote Dreieck ist die herabsteigende Zunge der Gnade; das Blaue Dreieck ist der aufsteigende Zug des Gebets.4


2 Crowley schreibt: Das zentrale und bedeutsamste Merkmal dieser Karte befindet sich in ihrem Zentrum – der Heilige Gral. Er ist aus reinem Amethyst, der Farbe des Jupiters; doch seine Gestalt weist auf den Vollmond und den Großen See von Binah hin. In seiner Mitte ist strahlendes Blut und weist auf das geistige Leben hin; das Licht in der Dunkelheit. Ferner sind diese Strahlen in drehender Bewegung und betonen das Jupiter-Element im Symbol.5

Das Zentrum der Kreise, der rote Punkt in der Mitte der Karte, ist gleichzeitig Zentrum des ganzen Bildes sowie Zentrum des Grals, und was an eine Scheibe erinnert, die der Wagenlenker in Händen hält, ist der mit der Innenseite dem Beobachter zugewandte Kelch, in dessen Tiefe sich die alchemistische Substanz wie ein Flammenrad dreht.


3 Crowley erläutert das so: Der Ritter der Kelche ist in eine schwarze Rüstung gekleidet, die mit schimmernden Flügeln versehen ist. In seiner rechten Hand hält er einen Kelch, aus dem ein Krebs hervortritt, das kardinale Zeichen des Wassers, ein Symbol der Angriffslust.6 Beide Karten haben also nicht nur den Gral gemein, sondern auch den Krebs, Symbol für das weibliche Wissen, der beim Wagen in der geistigen Absicht (goldener Helm = Scheitelchakra) liegt und beim Ritter als emotionales Ziel, das er in der eigenen Hand vor sich herträgt, existiert. Unterschwellig besitzt der Gral aber auch eine (verdrängte) sexuelle Note. Die Mythen um Parzival und den Heiligen Gral hängen tiefenpsychologisch mit der Überwindung sexueller Verstrickungen aus unaufgearbeiteten Mutterbindungen zusammen (Amfortas Wunde durch Klingsors Schwert symbolisiert die sexuelle Verführung durch Kundry). Bei Wolfram von Eschenbach können wir das Umschiffen dieser Klippe entweder durch Verzicht und Entsagung oder dann wenigstens durch Annahme der Schuld und Hinnahme des Schicksals nachlesen: Die aber des Grales Waffen tragen, die müssen Frauenlieb entsagen7. Auf seine alles entscheidende Frage: Wem dient der Gral? erhält Parzival die Antwort: Der Gral dient Gott! So ist er ein Symbol der ewigen Kraft, die uns durchfließt, die Suche nach dem (höheren) Selbst. Wer sich also auch dem dunklen Aspekt des Ewigweiblichen zu nähern sucht, um den dahinter liegenden Gral zu erreichen, muss rein und unschuldig in der Seele sein. Kundry, die Parzival auf der Schwelle zwischen Schuld und Erlösung erscheint, ist die Ahnin, die die Geheimnisse seelischer Innenräume berührt und die Tiefenbilder alter (Kastrations-)Ängste in der kollektiven Seele auslöst, die aus dem Brunnen der Mütter steigen, in den schon Faust hinabgestiegen ist, um den Ungeheuern zu begegnen: den Schattenanteilen des verdrängten Weiblichen, das gleichzeitig die Basis allen Lebens ist.

Crowley fährt fort: Wenn diese Karte (Ritter der Kelche) schlecht aspektiert oder gestellt ist, verwandelt sich sein Charakter ins Sinnliche, Wollüstige, Eitle, Träge und Unwahrhaftige. Er neigt zu einer schlechten Handhabung all seiner Angelegenheiten; und sein Leben wird eine ununterbrochene Aufzeichnung von Fehlschlägen und Unglücksfällen sein. Oft endet er in Schizophrenie und melancholischem Wahnsinn.8 Denken wir an Ödipus, eine andere Verkörperung der Verbindung dieser beiden die Vermählung zwischen den Gegensätzen Feuer und Wasser fördernden Karten. Erst gerät er in Streit mit dem Lenker eines Wagens, der ihm nicht schnell genug ausweichen kann, und tötet ihn, ohne zu wissen, dass es sein Vater ist. Später begegnet er vor den Toren Thebens der Sphinx, einem geflügelten Ungeheuer, halb Jungfrau und halb Löwe, die jedem Reisenden ein Rätsel aufgibt und ihn auf der Stelle zerreißt, wenn er es nicht zu lösen vermag. Ödipus vermag den dunklen Sinn zu entschlüsseln, und die Sphinx stürzt sich von ihrem Felsen in die Tiefe. Zum Dank für die Befreiung der Stadt bekommt er die verwitwete Königin zur Frau und damit seine eigene Mutter, die ihm vier Kinder gebärt. Erst als Ödipus die Wahrheit entdeckt und sich die Augen aussticht, wird er zum (inneren) Seher und wandert erlöst über die Schwelle ins unbekannte Land hinaus, das den normalen Blicken verschlossen bleibt. Das symbolisiert der Gral, den der Wagenlenker in Händen hält.

4 Bevor er losfährt, bekommt er in der königlichen Waffenkammer den goldenen Helm mit dem eingebauten Funksender verpasst, der ihm die Bitte der Göttin Sei du Hadit, mein geheimes Zentrum, mein Herz und meine Zunge!9 beständig ins Ohr trägt. Der mächtige Krebs auf dem Helm ist genauso wie die zehn Sterne von Assiah das Erbe und der Segen seiner Mutter. Denn trotz Amethyst und schwerem Panzer fühlt er sich unter Menschen etwas unsicher und allein. Deshalb ist er froh, wenn er seine Augen schließen und mit seiner Stimme in Kontakt bleiben kann. Sein »medialer« Kampf ist ja nicht der, den anderen zu besiegen oder gar zu erschlagen, sondern ihm auf die Frage Wem dient Gott? die richtige Antwort zu geben: Unserer Lady Babalon oder, im keltischen Sinn, der Mutter Natur! Deshalb führt ihn sein Weg über die bedingungslosen Erkenntnisse zum notwendigen Sieg (Binah – Geburah).

5 Die vier Sphingen stellen die vier Cherubim dar, die aber nicht als individuelle Einzelerscheinungen, sondern als Konglomerate zerstückelter und willkürlich wieder zusammengewürfelter Einzelteile in Erscheinung treten. Jedes Zugtier setzt sich also aus je einem Teil der vier Cherubim zusammen – und das geht so: Alle Wesen werden in je vier Teile zergliedert (Kopf, Oberkörper, Gliedmaßen, Flügel) und alle Teile untereinander in allen möglichen Kombinationen wieder zusammengefügt. Das ergibt in der Summe 16 mögliche Varianten, was den 4 x 4 Unterelementen entspricht. Dies zeigt die ständige Fluktuation des Lebens (der Gral ist auch ein Symbol der Rotation) und korrespondiert mit der Zuordnung von Elementen und Hofkarten.10


Andere Verbindungen

– Psychologische Zusammenhänge –

Wenn also, wie in der letzten Karte angekündigt, nichts schief gegangen ist, besteigen wir jetzt den magischen Wagen Agape und Thelema, Liebe und Willen, denn die spirituelle Reise führt uns allmählich zu den Schwellen der Anfänge der Ausprägung unserer eigenen Persönlichkeitsteile. Vielleicht ist es an dieser Stelle wichtig zu sagen, dass die dem Ich schmeichelnden Karten wie Magus oder Wagen in den meisten Decks ein bisschen zu positiv abgehandelt werden, als dass wir sie ganz ohne Missbehagen betrachten können. Interessanterweise ist das bei Crowley, der normalerweise gerne heldenhafte Ich will-Affirmationen in seine magischen Botschaften mit einstreut, anders. Bei ihm ist der Wagen kein Trumpf, der aus der Position der inneren Schwäche (Pubertät) alles angreift, was seinen Weg kreuzt, sondern eine Karte, die den Hauptdarsteller tief in sich versunken über die eigenen Beweggründe meditieren lässt – eine für einen Siegeswagen sehr reife, spirituelle Haltung. Das zeigt, dass der Realist und der Visionär in Crowley tiefer in ihm verwurzelt waren als der Prahlhans und Egomane. Das heißt aber nicht, dass er nicht auch ab und an über die Stränge schlägt – denn dafür handelt es sich beim Wagen ja trotz aller östlichen Kampftechniken um einen durchsetzungswilligen Krieger. Einen Krieger, der aber für seine eigenen Ziele auch eine gewisse Verantwortung übernimmt, und nach ein paar kräftigen Schnabelhieben nach allen Seiten hin schon bald nach einem harmonisierenden Zustand zukünftiger Ausgleichung verlangt, um nicht in einem Zustand kreativen Chaos, libidinöser Unreife und schöpferischer Unruhe stecken zu bleiben.

Der Weg des individuellen Willens

Beginnen wir von vorn: Der Wagen ist die dritte Karte, die sich auf den Willen bezieht, und im klassischen Tarot gibt es wohl keine bessere Darstellung als diesen Trumpf, um die Unbeugsamkeit der persönlichen Absicht zu demonstrieren. Der Magus benutzt den Willen zur Flucht aus dem Paradies, der Kaiser zur Errichtung seiner Herrschaft und der Wagen steht für den jungen Mann, der in die Welt hinauszieht, um dem Vater seine Tapferkeit zu beweisen. Er macht sich auf, um als Prinz der junge König zu werden, der an der Seite einer noch zu entdeckenden Königin das alte Königspaar stürzen und erlösen will.11 Das könnte eine Erklärung dafür liefern, warum der Lenker seine Taten nicht durchdenkt und mit jugendlichem Größenwahn Hindernisse oft unterschätzt. Denn wenn er in Wirklichkeit den Zwist, das Scheitern, die Zerstörung sucht, um einerseits an seiner Erfahrung wachsen und sich andererseits am Vater rächen zu können, indem er durch sein Scheitern auch dessen Macht schwächt – wie soll er da nicht scheitern wollen, wenn er dadurch das erreicht, was ihm in seiner Entwicklung nützt? So sieht es zumindest, was wir gerne verdrängen, die Evolution – die natürlichen Entwicklungsschritte in der menschlichen Natur. Das bedeutet aber auch: Der Wagenlenker verkörpert die Rebellion gegen patriarchalische Gewalt, den aktiven Animus, der den alten Herrscher stürzt und mit der Mutter schläft, die pubertäre Phase der Suche und der Selbstfindung. Der Sohn will, ja muss vom Vater bestraft werden, damit er sich in einem Akt der Rache für die Bestrafung durch den Vater über diesen erheben und sich dadurch von ihm ablösen kann. Er muss den Vater ins Unrecht setzen, damit er ihn dann gerechtfertigt umbringen kann. Man könnte es etwas überspitzt auch andersherum sagen: Ein guter Vater wünscht sich, von seinem Sohn besiegt zu werden, damit dieser seinen Platz einnehmen und er seine von den Vorvätern geerbte Macht an ihn weitergeben kann.

(Advocatus Diaboli)


Der Weg des höheren Selbst

Wenn der Magus die ans Licht sprudelnde Quelle symbolisiert, aus der der Mensch seine Ziele schöpft, dann sind die Liebenden die mit den Quadern der Sehnsucht gepflasterte Fata Morgana oder Rue d‘illusion, auf der sich die roten Wagenräder der Libido drehen. Selbst wenn uns der jugendliche Draufgänger als eine etwas über ihr wirkliches Format hinaus aufgeblähte Gestalt erscheint, so sind die Liebenden die Duft- oder Leuchtspur, die im Gralskelch vor der Droschke aufgespannt worden sind. Das bedeutet mitunter auch: Dass da einer ist, der – solange er noch keiner anderen Frau begegnet ist, die die Projektion seines Archetypus in sich trägt – den alten Vater stürzen muss, weil er mit seiner Mutter schlafen will. So zumindest würde es der Anwalt des Teufels formulieren.

Der Wagen heißt, sein Ich-Sein anzunehmen und es gegen das So-Sein der anderen abzugrenzen und zu verteidigen, damit es über die Auseinandersetzungen mit der Umwelt seine eigene Entwicklung vollzieht. Dass sich dieser Schritt meist über Zwist und Streit abspielt, mag nur dem bedauerlich erscheinen, der die Verhaltensmuster der menschlichen Art verdrängt (ironischerweise könnte man behaupten, dass der Wagen gezwungen ist, sich durchzusetzen, da die Idee des Sieges ja das einzige ist, was ihm vom Paradies geblieben ist). Deshalb wird der Wagen ständig in äußere Auseinandersetzungen verstrickt, die einem größeren Ziel entsprechen, und damit unwissentlich zu einem Teil jener schicksalhaften Schöpfungskraft, die den Ursache-Wirkungs-Kreislauf am Laufen hält. Jede Auseinandersetzung bietet eine neue Chance, Dinge durcheinander zu bringen und Gewohnheitsmuster zu zerstören (damit sich der Wagen durch den Zwist und die folgende Harmonisierung der durcheinander gewirbelten Kräfte immer wieder ein Stück weiterbewegt), was laufend neue Perspektiven von Entwicklung und Erkenntnis zum Vorschein bringt. Hinter dieser Wirkung können wir den Einfluss der Karte X – Glück oder Schicksalsrad erkennen, die die Veränderung der Welt über die individuelle Perspektive menschlicher Ziele antreibt. In diesem Sinne sollte man die großen Räder auf dem Bild auch als Schicksalsräder bezeichnen, da Crowley die Triebkarte des pubertierenden Ego als Radnabe (= VII – Das um sich selbst kreisende Ich) aus einer etwas hintergründigeren, tieferen Sichtweise interpretiert.

Deutungen

Auf der Alltagsbühne, also in der Kampfbahn von Impuls und Energie, verkörpert der Wagen eine ungeheure Antriebs- und Willenskraft. Doch es läuft nicht immer so glatt nach unseren Wünschen. Oft verstehen wir die Ziele selbst nicht, die wir anstreben, da wir nicht über die Zusammenhänge verfügen, über die unser höheres inneres Selbst verfügt. Die Verbindung zwischen Willen und Bestimmung funktioniert nicht immer so, wie wir uns das vorstellen, dann nämlich, wenn wir als Wagenlenker mit unseren Instinktkräften, den Zugtieren, nicht im geistigen Einklang sind. Leider neigen wir auch dazu, ab und an kopflos und voreilig zu handeln, ohne uns über die Auswirkungen unserer Taten im Klaren zu sein. Andererseits ahnen wir den Weg und verstehen es auch, die rechten Mittel zur rechten Zeit am rechten Ort einzusetzen, was oft zu einem – zeitlich begrenzten – Feuerwerk führt. Manchmal führen wir auch Krieg um des Krieges willen, was unseren Selbstwert im Moment ein bisschen steigert und den Energiepegel etwas anhebt, aber nie lange anhält, da die fauchend entzündete Flamme eines schnellen Feuerstosses schnell wieder zusammenbricht. Trotzdem wirkt sich diese Karte in der Regel am Ende positiv aus, denn es geht darum, die richtige innere Haltung zu finden, die sich in einen siegreichen Kampf überträgt. Es ist nicht das krampfhafte Wollen, das uns ehrt, sondern das Gefühl, ganz genau herausfinden zu wollen, was uns wirklich weiterbringt, der Glauben an die eigene Kraft und Fähigkeit, die uns zu unseren Zielen hinträgt. Es geht also darum, bei allen gesellschaftlichen Aktivitäten und Neuanfängen zu prüfen, inwieweit sie mit unseren Zielen identisch sind.

Aus Sicht des Wagens ist Liebe vergleichbar mit dem göttlichen Orgasmus beim Enthüllen des Grals, der alle Versammelten blitzartig durchströmt und dann, nach etlichen Aaahs und Ooohs, abbrennt und wieder verglüht – und sich bis zum nächsten Ritual in die seelische Dunkelkammer verzieht. Sex kompensiert dabei die Angst vor dem Verlust der Harmonie. Manchmal kämpfen wir auch gegen die Liebe, um wenigstens den Widerstand der anderen zu spüren. Oder es geht nur noch darum, unsere Krallen auszufahren und den anderen zu reizen, um im Streit eine Situation zu provozieren und ihm blitzschnell eins auf die Rübe zu geben. Es handelt sich hier um die archaische Erinnerung aus der Vorgeschichte, als die Geschlechter gegeneinander Krieg führten, um die Anziehung zu steigern, die sie am Ende krönend zusammenführte. Trotzdem brennt am Ende des Tunnels ein kleines Licht: Durch die Integration der zurückfließenden Energie werden wir im Umgang mit der Umwelt mit unserem eigenen Aggressionspotential konfrontiert, und indem wir dieses allmählich verstehen und behutsam zurückzunehmen beginnen, lernen wir, unsere Wünsche und Ziele zusammen mit den Menschen unseres Herzens zu realisieren.


Der Wagen in der Magick

– Tiefergehende Erkenntnisse –

Der 12. Aethyr

Der Wagen wird von vier Sphingen gezogen, die aus den vier Cherubim (Engel, Adler, Löwe und Stier) gebildet sind. Der Baldachin ist eine Falte des Gewandes der Nachtgöttin, die Säulen sind die vier Säulen des Universums unter der Lenkung des Tetragrammaton und der meditierende, in sich versunkene Wagenlenker trägt im Zentrum den göttlichen Gral. Von vorne betrachtet erkennen wir die Achse, die gleichermaßen das Zentrum des Kelches, die Körpermitte des Wagenlenkers und den Mittelpunkt des Kosmos darstellt (der Amethyst ist das Loch, durch das man die Platte auf dem Teller zentriert und das Orchester des Ewigen in den konzentrischen Kreisen zum Erklingen bringt). Die Karte ist anders als bei den Liebenden12 eine annähernde Darstellung von Crowleys Vision des zwölften Aethyr aus Die Vision und die Stimme, die er bereits 1909 im Liber 418 beschreibt:

In dem Stein erscheinen zwei Säulen aus Feuer, und in der Mitte befindet sich ein Streitwagen aus weißem Feuer. (…) Er wird von vier Sphinxen gezogen, dem Wesen nach verschieden, wie die vier Sphinxen auf der Tür des Gewölbes der Adepten, nur in ihren jeweiligen Bestandteilen ausgetauscht. (…) Der Wagenlenker ist ein Mann in goldener Rüstung, die mit Saphiren besetzt ist; über seinen Schultern trägt er eine weiße Robe und darüber eine rote Robe. Auf seinem goldenen Helm trägt er als Helmzier einen Krebs. Seine Hände umklammern einen Kelch13, von dem ein rötliches Glühen ausstrahlt, das fortwährend stärker wird, sodass von seinem Glanz alles andere ausgelöscht wird und der ganze Schleier davon erfüllt ist.

Liber 418, 12. Aethyr – LOE

Die geheime Zahl 418 oder das Wort ABRAHADABRA 14

Der mit dem Wagen korrespondierende hebräische Buchstabe ist Cheth, der ausgeschrieben die Zahl 418 ergibt15, dieselbe Zahl wie ABRAHADABRA, das magische Wort, das die Verbindung des Mikrokosmos (Amethyst) mit dem Makrokosmos (kosmische Rillen im Hintergrund) ausdrückt. Crowley schreibt: Dies ist eine der wichtigsten Schlüsselzahlen im Liber Al. Es ist die Zahl des Wortes des Zeitalters, ABRAHADABRA, der geheime Name des Großen Werkes.16 Dieses Wort ist mit einem kleinen Stickfehler von Lady Harris (C statt H = ABRACADABRA) am Saum des blauen Baldachins am oberen Kartenrand zu entdecken.


ABRAHADABRA bezeichnet auch die Vereinigung des Männlichen mit dem Weiblichen, des Menschlichen mit dem Göttlichen, eine magische Operation, der wir in der Karte XIV – Kunst wieder begegnen werden. Hier ist es der Wagenlenker, der den Gral oder den Kelch unserer Lady Babalon trägt. Von diesem Kelch wird gesagt, dass er voll vom Blut der Heiligen ist, was auch mit dem Inhalt des rotglühenden Feuerkelchs mit den ausströmenden Lichtstrahlen und Schlangen der Karte Lust korrespondiert, deren Form und Gestalt ja ebenfalls auf den visionären und initiatorischen Erfahrungen des 12. Aethyr basiert. Das bedeutet, der Held muss wie alle seine Vorgänger sein Lebensblut in diesen Kelch geben. Das ist der Tribut, der für die »magicksche« Energie entrichtet werden muss. Auf der gleichen Frequenz anderer religiöser Botschaften entspricht das beispielsweise auch dem Vergießen des Blutes von Jesu am Kreuze oder der Chymischen Hochzeit der Rosenkreuzer. Crowley nennt es das Opfer des Mannes, der das Leben auf seine Nachkommen überträgt – aus der diabolischen Sicht des Advocatus ein zynischer, um nicht zu sagen hinterhältiger Gedanke. Er sagt an anderer Stelle allerdings auch:

Das Gemüt ist eine Krankheit des Samens. All das, was ein Mensch ist oder sein kann, ist darin verborgen. Körperliche Funktionen sind Teile der Maschine; schweigend, wenn nicht in Unruhe. Doch das Gemüt, niemals in Ruhe, quietscht »Ich«. Dieses Ich besteht nicht, eilt nicht durch Generationen, verändert sich in jedem Moment, ist letztendlich tot. Daher ist der Mensch nur er selbst, wenn er sich selbst verloren hat im Lenken des Wagens.

Liber 333 – Kapitel 8

Liber 77717 und weitere Korrespondenzen

Siehe der Wagen! Durch der Wasser Flut der Sangraal, Leben und Verzückung, Wein und Blut!

Titel: Das Kind der Mächte der Wasser – Der Herr des Triumphes des Lichts

Bild: Ein junger und heiliger König unter dem sternenbesetzten Himmelszelt

Zahl: 8, 418 (ausgeschrieben)


Buchstabe: Cheth = Ch/​Chi Th. Cheth bedeutet Zaun und symbolisiert die eingegrenzte Realität.

Pfad: 18. Der Pfad von Binah nach Geburah. Crowley schreibt: Der von Binah nach Geburah führende Pfad repräsentiert den Einfluss der Götter, der durch den Schleier des Blutes auf die Energie des Menschen herabströmt und sie inspiriert. (Buch Thoth, S. 89)

Götter: Hormakhu, Kephra (vielleicht weil Cancer im Nadir des Horoskops ist, wenn Aries aufsteigt), Apollo als Wagenlenker, Merkur, Laren und Penaten als Götter des Heimes (Krebs)

Pflanze: Lotus

Krafttiere: Krebs, Schildkröte, Sphinx

Edelstein: Bernstein

Wesen: Vampire

Dämonen (Qlipoth): Schichiriron, die Schwarzen (Gemisch aus Krebsen, Reptilen und Insekten mit fratzenhaften Gesichtern)

Magische Kräfte: Die Macht, Verzauberung zu werfen

Magische Waffen: Der Brennofen (die Feuerprobe), der Kelch

Parfüm: Onycha

Droge: Brunnenkresse (Aphrodisiakum)

Geomantie: Populus und Via

Gematrische Korrespondenzen

8: wollen, willig sein, Schilf, Liebe erweisen, begehrt, geliebt, Freund, Buhle, Liebe, lieben, Eingang, bekümmert, besorgt, Brust, Zitze, Notariqon v. »Zauir Anpin«

418: Boleskine, Sünde, ein Zaun, »Das Wort des Æons«, ABRAHADABRA

Gottheiten: Shiva in seinem Feuerwagen, Elias mystischer Wagen, Hesekiels Feuerwagen oder der triumphierende Osiris

Mythen: Alexander und der Gordische Knoten; Ikarus, der mit seinen Wachsflügeln der Sonne zu nahe kam und ins Meer stürzte (Aufbruch und Absturz der Sonnenhelden); Herakles, Bellerophon, der das geflügelte Ross Pegasos reitet, und der sich zu Tode siegende Pyrrhus (auf der Schattenseite der blinde Ödipus)

Symbole: Faust- und Schwertkämpfe, Schlachtfeld, Stierkampf, Entjungferung

Kultstätten: Die Tempel in Khajuraho und Konarak. Die großen tantrischen Tempel zeigen einen von Pferden gezogenen Wagen, der auf den Spuren der Zeit vorwärts rollt.

Ritual: Reifeprobe, Initiationsriten

Sabbat: Passah (der Auszug aus Ägypten). Ursprünglich ein nomadisches Frühlingsfest (Opfer des Herdenerstlings, apotropäisches Bestreichen der Hausoberschwelle mit Blut), von Moses zum kultischen Gedächtnisfest gemacht.

Kraftstein: Granat. Die zehn Sterne auf der Rüstung des Wagenlenkers sind bei Crowley wahrscheinlich Sternsaphire.

Räucherwerk: Zeder, Zypresse, Kardamom

Malerei: Zypressenlandschaften von Vincent van Gogh. Lodernde Intensität durch züngelnde und kreiselnde Pinselführung.

Musik: Triumphmarsch in Aida von Giuseppe Verdi. Der siegreiche Radames zieht mit den erbeuteten Schätzen am König vorbei.

Schrift: Phaidros von Platon (moderner: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert Pirsig)

VIII – Ausgleichung


Du bist frei, zu tun, was immer Du willst. Du musst nur bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.

Sheldon Kopp

Justitia, Gerechtigkeit, Weltenrichter (die mit dem Schwert gegürtete Frau als Priesterin des Neuen Æons)

Astrologie: Venus in Waage im Sinne von Fairness und Ausgewogenheit und harmonisch verbunden mit dem »übergreifenden« Saturn, was Crowleys Credo gut umschreibt: Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen!

I Ging: 21 Schã Ho – Das Durchbeißen (Die Reform)

Rune: Algiz (Schutz) symbolisiert die Verbindung zwischen Himmel und Erde und repräsentiert damit die göttlichen Gebote oder das Gesetz.

Licht: Ausgewogenheit, Gleichgewicht, Selbstverantwortung, Stabilität, unbestechliche Urteilskraft

Schatten: Selbstgerechtigkeit, rationale Kontrolle, Puritaner-und Pharisäertum (objektivierte Subjektivität, moralisierende Heiligtuerei)

Farben:Smaragdgrün, Blau, dunkles Blaugrün, Blassgrün (Liber 777)

Tierkreis: Waage (Buch Thoth). Die Waage stellt das Gleichgewicht aller Dinge dar: Venus ist der Herrscher und Saturn erhöht.

Kurzbeschreibung: Wir sehen eine mit einer Gesichtsmaske bedeckte Frau mit den Straußenfedern der Maat – der ägyptischen Göttin der Gerechtigkeit – geschmückt, die höchst konzentriert auf einer Schwertspitze steht. Der Zauberstab, mit dem sie ihren Körper ausbalanciert, ist ein magisches Schwert, das sie zwischen ihren Schenkeln hält und mit der Spitze in die Erde dreht. Die ganze Erscheinung ist in das eckige Bild einer Raute gepresst, die den Raum gleichermaßen ausweitet wie auch verengt: ein Symbol, das versinnbildlicht, dass Wille und Konzentration sich im unendlichen Raum zu einer kontrollierbaren Zone verdichten können. Die Waage mit den griechischen Buchstaben Alpha und Omega ist an der Spitze ihrer eigenen Krone befestigt, ein Zeichen, dass sie nur von ihrem inneren Gleichgewicht gehalten wird. Man könnte auch sagen, dass die Göttin kontrolliert im Unfassbaren balanciert, während der Narr unkontrolliert im Fassbaren hängt. Folgerichtig nennt Crowley sie die weibliche Ergänzung zum Narren. Er schreibt: Im alten Kartensatz wurde diese Karte Gerechtigkeit genannt. Dieses Wort besitzt nur eine rein menschliche und damit relative Bedeutung, somit kann man es nicht als eine Naturtatsache betrachten. Die Natur ist nicht gerecht; im Sinne irgendwelcher theologischer oder ethischer Anschauungen, sie ist exakt.1

Analyse

Dieser Trumpf prägt das weibliche Bild eines neuen Zeitalters: Die ausgeglichene, befriedigte Frau, die die Weltenharmonik in der Waage hält. Ihre Hände umfassen den Phallus des Mannes. Crowley notiert: Sie ist maskiert und ihr Gesichtsausdruck zeigt ihre geheime, innere Befriedigung über ihre Beherrschung jeglichen Elements des Ungleichgewichts im Universum. Dieser Zustand wird durch das magische Schwert symbolisiert, das sie in beiden Händen hält, und den Waagschalen oder Sphären, in denen sie das Universum abwägt.2

Doch was liegt hinter der Maske dieser Dame, von der Crowley so schwärmt? Ausgleichung, im ursprünglichen Sinn auch Gerechtigkeit genannt, lässt sich aus höherer Sicht nur schwer definieren. Im Grunde lässt sich auch nur der Standpunkt beurteilen, aus dem sich das, was wir sehen wollen, wahrnehmen lässt. Das bedeutet, dass wir immer nur unsere eigene Wahrnehmung beurteilen, die wir nach den Kriterien unseres anerzogenen (fixen) Weltbildes wahrnehmen können. Deshalb stellt Justitia von den Zehenspitzen über die Schultern den Umriss eines Diamanten dar, Ausdruck und Symbol des härtesten Materials. Sie zeigt, wie sie die mentalen Kräfte materialisiert bzw. die Gedanken in die Erde ableitet, indem sie einen Teil ihres Gewichtes auf das große Schwert mit dem Mondsichelknauf in ihren Händen verlagert.1 Von ihrer schlechteren Seite drückt sie allerdings, wie wir noch sehen werden, auch den Starrsinn einer vorurteilsbehafteten Pedantin aus: die gerechte Anima als »blinde« Göttin Justitia, die Argumente ablehnt und die Logik der Inquisition von ihrer dunkelsten Seite ohne seelisches Empfinden nachahmt.

Wenn wir davon ausgehen, dass diese Karte das menschliche Konstrukt oder Gerüst darstellt, nach dessen dualen Grundpfeilern wir im Laufe der Jahrtausende unsere gesellschaftliche Ordnung ausgerichtet haben, und damit die Voraussetzung dafür liefert, wie wir gelernt haben, zwischen richtig und falsch, gut und böse zu unterscheiden, dann können wir zumindest sagen, dass wir aus Sicht des achten Trumpfes unseren Standpunkt betrachten, aus dem wir Gerechtigkeit beurteilen. Natürlich liegt es nahe, dass aus Sicht des subjektiv Empfindenden »Gerechtigkeit« immer auf der Seite des Betrachtenden liegt und das Gegenteil folgerichtig auf der Seite der anderen. Das lässt sich in unserer dualen Welt wohl kaum vermeiden. Crowley sagt auch: Von ihrer Krone – die so empfindlich ist, dass die leiseste Gedankenbewegung sie in Bewegung versetzt – hängen die an den Ketten der Ursache befestigten Waagschalen herab, in denen sich Aleph, das Erste, und Omega, das Letzte, in vollkommenem Gleichgewicht befinden.3 Damit möchte er erläutern, dass das Zentrum des Gleichgewichts so empfindlich ist, dass die leiseste Gedankenbewegung es in Schwingung versetzt, denn in der Krone der Maat sitzt eine Straußenfeder. Jeder noch so unscheinbare Einfall kann das kollektive Weltgebäude erschüttern, jede neue Idee die objektive Vorstellung revolutionieren. Gleichzeitig können Strukturen sowohl Ursache wie auch Wirkung sein. Auf dem Bild treten sie gerade dadurch hervor, indem sie einen Rahmen stützen, an dem sie sich gleichzeitig festhalten. Der Angelpunkt, an dem die Waagschalen hängen, ist ein in die Krone eingearbeiteter Mechanismus, dessen Fundament sich auf dem Scheitel der Göttin befindet. Das bedeutet, dass der Ausgleich, den der Mensch mit seiner Umwelt anstrebt, in den Gedanken bzw. auf seiner Vorstellungsebene montiert ist, und nur die Verschiebung dieses »Montagepunktes« eine andere Ausrichtung oder Weltbild zulässt. Jede Bewegung des Gestänges wird die Waagschalen verschieben, die Perspektive verändern, die als fixe Grundlage auf der Bewusstseinsebene montiert ist. Damit würde sich der Brillant als Symbol der zementierten Form zerstören und auf der morphischen Ebene könnte beispielsweise – wie die Chaosforscher behaupten – der Flügelschlag eines Schmetterlings auf der anderen Seite der Hemisphäre zu einem Tornado führen. Da die Bewegung des Gestänges also sowohl vom Einfluss der Außenwelt wie auch von der Kraft unserer Vorstellung abhängt, kann man mit Fug und Recht behaupten, die Welt ist genau so, wie wir sie uns vorzustellen gelernt haben.

Man könnte aber auch sagen, dass eine übertriebene Haltung nach Ausgleich und Kontrolle gerade Ungleichgewicht heraufbeschwört, und dass der Mensch alles andere als eine frei handelnde Persönlichkeit ist, sondern nur immer im Verhältnis und in Anbindung an seine soziale oder religiös verinnerlichte Moral handeln kann. Zyniker würden es so formulieren: Die gesellschaftliche Bindung gibt das Gerüst vor, innerhalb deren engen Regeln sich der Mensch zwar frei entscheiden kann, was aber nichts mit Freiheit zu tun hat, sondern höchstens ein Bild von Freiheit generiert, oder, in einen Vergleich übertragen, die Freiheit der Zwangsamputierten zur freien Auswahl der Farbe ihres Holzbeins darstellt. Indem man gegen dieses Ungleichgewicht wiederum mit dem Streben nach Gleichgewicht vorgeht, bekämpft sich der Ausgleich selbst in der Motorik seiner eigenen Dynamik. Dahinter steckt ein tiefer Konflikt des menschlichen Strebens nach Ordnung, Unordnung zu verbannen, indem es das Leben in Schubladen von Recht und Unrecht einschließt. Das führt letztlich darauf hinaus, dass man die eigene Subjektivität über die Subjektivität der anderen stellt, weil man durch die Mechanismen der Individualität oder das aufoktroyierte Weltbild zu ungewohnten Gesichtspunkten stets eine negative Haltung einnimmt.

Die weibliche Gottheit ist Harlekin4, schließt Crowley seine Betrachtungen mit einem interessanten Vergleich ab, sie ist der Partner und die Erfüllung des Narren. Sie ist die als Manifestation bezeichnete letztendliche Illusion, der vielfarbige und ränkevolle Tanz des Lebens selbst (…) Alle Dinge sind Harmonie und Schönheit; alle Dinge sind Wahrheit; denn sie heben sich gegenseitig auf.2 Er will uns sagen: Die weibliche Gottheit ist eine Synonyme für das menschliche Bedürfnis, sich einen überschaubaren Rahmen zu schaffen, indem es das, was es fühlt und empfindet, in eine Struktur dualer Wahrnehmung einschachtelt, damit der menschliche Verstand es verarbeiten kann. Das Substrat dieser Verdichtung oder Kristallisierung wurde von der Gesellschaft zu einer verbindlichen Struktur erweitert und damit zur Grundlage gemacht, auf dem sich die soziale und kulturelle Entwicklung des Menschen überhaupt erst entwickeln konnte. Das zeigen nicht nur die Straußenfedern der Maat, der ägyptischen Göttin der Gerechtigkeit, die die Schultern unserer konzentrierten, die Welt aus ihrer eigenen Vorstellung heraus schöpfenden jungen Frau bedecken, sondern auch die rhombische oder rautenförmige Form, Symbol des kosmischen Gleichgewichts, das sich von außen nach innen und wieder von innen nach außen richtet. Es ist das große Zusammenspiel der Gegensätze, die sich im ruhenden Pol des Zentrums (Schwertspitze) »ausbalancieren«. Deshalb ist das, was wir als Ausgleichung bezeichnen, nach den Instinkten und Trieben vielleicht die wichtigste menschliche Kraft und Voraussetzung für die menschliche Entwicklung, die uns in der Evolution von der Spezies der instinktgebundenen Naturen wegentwickeln ließ. Der Advocatus Diaboli würde behaupten, »ausgleichende« Gerechtigkeit ist für den Menschen die Schaltstelle, an der sich das innere Empfinden mit dem äußeren Geschehen zu einem verbindlichen Gesellschaftssystem verknüpft und damit die Voraussetzungen schafft, die im Laufe der Jahrtausende die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen ermöglichten. Diese sind aber gleichzeitig auch die Antipoden für die wilde, triebhafte und undomestizierte Instinktnatur und damit die Voraussetzung für die vom kollektiven oder moralischen Gewissen der Gesellschaft erpresste Form von Schuldgefühlen.

Weiterführende Bemerkungen


1 Dieses Schwert symbolisiert die »befriedigte Frau«. Crowley schreibt: Aus dem Mantel der lebhaften Ausgelassenheit ihrer tanzenden Flügel treten ihre Hände hervor; sie umfassen den Griff des Phallischen Schwertes des Magiers.5 Das bedeutet im übertragenen Sinn, dass sie den Phallus des Mannes beherrscht. Die Kugeln am Schwertknauf sind in Form der göttlichen Triade Kether–Chokmah–Binah angeordnet, wobei die zusammengezählten Anfangsbuchstaben K-CH-B (20 + 8 + 2) die Zahl 30 ergeben, die wiederum mit dem dieser Karte zugeordneten hebräischen Buchstaben Lamed (Peitsche, Zügel, Stachelstock) korrespondiert.

2 Und das nicht nur weil Waage ein Zeichen der Venus ist, sondern weil sie der Partner des Narren ist, die tanzende Göttin mit der Andeutung des Harlekins. Es ist die Gestalt einer jungen und schlanken Frau, die sich genau auf ihren Zehenspitzen im Gleichgewicht hält. Sie ist mit den Straußenfedern der Maat – der ägyptischen Göttin der Gerechtigkeit – gekrönt, und auf ihrer Stirn trägt sie die Uräusschlange, den Herrn des Lebens und des Todes. Sie ist maskiert und ihr Gesichtsausdruck zeigt ihre geheime, innere Befriedigung über ihre Beherrschung jeglichen Elements des Ungleichgewichts im Universum.6

Brief vom 12. Juli 1940 von Lady Harris an Crowley, nachdem Teile der Karte von ihm bemängelt worden sind7: Die Ausgleichung ist mir suspekt. Nun hat sie auch noch darauf bestanden, Beardsley8 zu sein! Auch der Harlekin spielt immer wieder hinein und hinaus, und so muss ich mich dreinfügen. Aber warum Harlekin? Gibt es da überhaupt eine Verbindung? Auch will sie sich nicht hinsetzen, sondern steht im Gleichgewicht auf den Zehen. Was als Entwurf daraus resultiert, ist gut. Das Blau soll Kobalt sein, nehme ich an. In der Anleitung heißt es Blau-Blaugrün. Blasses Smaragdgrün. Dieses Smaragd ist ein abscheuliches Pigment auf Plakatmalereien.

Formal korrespondiert das Bild der sich selbst ausbalancierenden Gestalt aber genauso mit der Karte des Magus, der sich im Gegensatz zum »hängenden« Narren wie eine Primaballerina auf dem Berg der Dualitäten im Gleichgewicht hält. Dieser ist zwar nicht maskiert, aber er ist von zwei Schlangen gekrönt, die seinen Kopf wie einen Turban umschlingen. Es sind die Uräusschlangen der ägyptischen Göttin der Gerechtigkeit, Maat, die, von Crowley fälschlicherweise zitiert, auf der Karte der Ausgleichung fehlen. Auch sein Lächeln ist ähnlich wie bei der Frau maliziös. Wo diese, wie zitiert, ihrer Befriedigung über die Beherrschung jeglichen Elements des Ungleichgewichts im Universum Ausdruck gibt, grinst der Schelm, da er sich in seiner Göttlichkeit entdeckt. Das bedeutet auch: Der Magier erkennt sich selbst in seinem Sein, denn der Weg ist das Ziel seines wahren Willens. Beide hängen aber gleichzeitig an den Fäden des Narren9, dem wahren und ursprünglichen Schöpfungsimpuls, der selbst wiederum vom Geist der Luft durchdrungen ist. Das Ass der Schwerter schildert uns diesen (dualen) Bewusstseinssprung als ein mächtiges, nach oben weisendes Schwert, das die Krone mit den zweiundzwanzig Strahlen durchbohrt. Die Krone ist das Ziel, das die Geburt der Dualität darstellt, der göttliche Impuls, der Himmel und Erde, männlich und weiblich, Geist und Natur trennt. Es ist das gleiche Schwert, das in der Hand der Ausgleichung mit der Spitze nach unten Crowleys Leitspruch darstellt: Liebe ist das Gesetz – Liebe unter Willen!

Andere Verbindungen

– Gesellschaftliche Zusammenhänge –

Erst wenn wir merken, dass Gerechtigkeit die Maske ist, hinter der wir beim anderen das bekämpfen, was wir bei uns verstecken, kann das Schwert der Weisheit das Geheimnis durchdringen.

Baphomet – Tarot der Unterwelt


Die Bestandesaufnahme des Narren

Da die altrömische Justitia weniger die naturrechtliche Balance, wie sie zuvor im Matriarchat noch als Grundlage der Ausübung menschlicher Gerechtigkeit diente, sondern vielmehr die an das Patriarchat angepasste Rechtsordnung darstellt, korrespondiert die Ausgleichung auch mit dem Kaiser, was nicht nur die symmetrische Anordnung beider Karten widerspiegelt, sondern auch die Einbindung von Recht und Gerechtigkeit in das Modell des Herrschers als die natürliche Ordnung der Welt erklärt. Die geometrische Aneinanderreihung der verschiedenen Kartenteile zueinander zeigt die Ausgewogenheit oder den Rahmen menschlicher Strukturen, die alles ein- und zuordnen, was sich in der Welt vor unseren Augen bewegt oder bewegen lässt.


Aus der Verbindung zwischen dem Willen des Kaisers, Ordnung im Chaos zu schaffen, und dem Verlangen der Hohepriesterin, dem Menschen mittels der Bereitschaft der Hingabe an die göttliche Kraft seinen Platz im Lebensgefüge zu sichern, entstand ihr Kind namens Ausgleichung10. Die gemeinsame Frucht muss als Bastard bezeichnet werden, da es die verdrängte Erinnerung des Kaisers an den nicht (be-)greifbaren Urgrund der Auflösung aller Ordnung war, die ihn selbstvergessen in die Arme der Hohepriesterin führte. Die Botschaft des Vaters an sein gezeugtes Kindes lautet also so: Dem Schlund des dunklen Chaos entsprungen musst du dir meine Anerkennung verdienen, indem du die Welt ordnest und deinen Platz durch diese Ordnung behauptest! So wird dem Menschen schon früh von Kindsbeinen an beigebracht, die Verträge der Gesellschaft, in die er hineinwächst, zu verinnerlichen. Daher stellt die Ausgleichung in anderen Decks als Gerechtigkeit oft weniger die Gerechtigkeit als die Rechtsordnung dar. Einerseits schützt sie die Grundpfeiler von Anstand, Recht und Sitte, andererseits macht sie sich aber auch zum Anwalt einer verbindlichen Wahrheit, indem sie uns vorgibt, dass Wahrheit nur sein kann, was von ihr erlaubt worden ist. Das heißt: Ausgleichende Gerechtigkeit verdeutlicht oft nur die Strukturen der Gesellschaft, an denen sich Kaiser und Hohepriester im Verbund mit dem Teufel festkrallen.


Mit zunehmender Verfeinerung gesellschaftlicher und sozialer Realitäten zieht sich das Netz der sozialen Ausgleichung fester um die Bewegungsfreiheit der Menschen zusammen, und so werden aus ursprünglich guten Absichten durch das Recht oft auch Hindernisse geschaffen, die jegliches spontanes Handeln unterbinden. Die (oft etwas zynische) Sicht des Advocatus Diaboli, stets dem Recht selbst Recht zu geben, damit sich seine Wirksamkeit weiter verstärken kann, krönt sich bisweilen in der Tatsache, dass stets das Richtigere Recht erhält. Falsche oder starre Moral sich selbst und anderen gegenüber ist nicht unwesentlich mit jener unterschwelligen und deshalb auch versteckten und hintergründigen dominierenden psychischen Struktur verknüpft, auf die sich Freuds wertvolle Erkenntnisse unter dem Begriff des Über-Ichs beziehen. Der Höhepunkt dieses Verhaltens liegt beispielsweise darin, dass der Mensch die Hilfe der Götter durch einen Hohepriester anruft, um für seine Verfehlungen zu büßen und damit sein inneres Gleichgewicht wieder auszugleichen – energetisch gesehen eine moralische Verzerrung. Wahrheit ist: Die beiden Seiten der Ausgleichung bekämpfen sich nicht gegenseitig, sondern sie ergänzen einander. Sie stellen zwei Seiten ein und derselben Wirklichkeit dar. Das eine ist nicht der Widerspruch zum anderen, das durch das andere vermieden werden kann, sondern die eine Seite des anderen selbst, die wir vom einen abgetrennt haben, damit die andere Seite als Widerspruch weiterexistieren darf. Deshalb ist schon der Begriff Gerechtigkeit oder Aus-Gleichung ein Widerspruch in sich, denn im Grunde ist alles in sich gleich und das, was widersprüchlich ist, nur eine Perspektive unserer dualen Wahrnehmung, die im Guten wie im Bösen dafür sorgt, dass sich die menschliche Entwicklung vollzieht. Die christliche Moral beispielsweise verteufelt die ungezügelte Triebnatur des Dämons, ohne sich jedoch selbst darüber im Klaren zu sein, dass diese unduldsame Ablehnung selbst ein Teil des Dämons ist. Erst wenn wir akzeptieren, dass wir der Gerechtigkeit in ihrem Schatten nicht trauen können, weil sich dahinter oft der Teufel in der Maske des Gerechten versteckt – das Charisma der Objektivität, mit dem sich die Gesellschaft umgibt, um die Subjektivität ihrer Feinde als Unrecht auszugrenzen –, ist wenigstens der geistige Widerspruch umschifft, dass Gerechtigkeit (aus Sicht des einen) erstrebenswerter sein soll als Ungerechtigkeit (aus der Sicht des anderen).

Deutungen

Im beruflichen Umfeld bedeutet diese Karte eine geistige Energie, die die wahrscheinlichste Entwicklung einer Angelegenheit im Voraus abschätzen und uns darüber informieren kann, welcher Weg für uns der beste ist. Taucht die Göttin Justitia auf eine Frage zu Beruf und Alltag auf, ist es ihr Bemühen, uns vor dem Hintergrund unserer selbstkritischen Erfahrungen zu einem klaren Urteil über die weiteren Schritte unseres Vorgehens zu führen. Auf einer anderen Ebene sagt sie aber auch, dass wir uns aufgrund unserer fehlenden seelischen Wärme auf der Suche nach Harmonie von den klar strukturierten Zielen unserer mentalen Vorstellung beeinflussen lassen. Fakt ist: Wir schieben die Konfrontation mit Problemen nicht nur gerne auf, sondern blenden auch den Sinn, der den positiven Teil der Erfahrung ausmacht, aus. Manchmal brechen dann plötzlich starre Fronten vor uns auf, wenn wir alles, was mit Chaos oder Unkontrolle zu tun hat, mit Assoziationen wie Verantwortung und Gleichgewicht beschweren und aus der Angst, den Problemen ins Auge zu blicken, ein verlogenes, wirklichkeitsfremdes »Erfolgsmodell« basteln. Wenn’s ganz übel kommt, erleben wir unser Schicksal letzten Endes nur in den Bereichen als nützlich, in denen wir die Verbindung zur Natürlichkeit des Lebens aus lauter Kontrollsucht als Ganzes verloren haben.

In emotionalen Dingen deutet die kühle Göttin auf ein Übermaß an Vernunft und Intellekt hin, das unsere Spontaneität und Kreativität begrenzt. Dadurch erschaffen wir uns oft ein Ungleichgewicht zwischen Seele und Geist. Wir leben Liebe und Beziehung durch die Brille von Recht und Unrecht und neigen dazu, alle Gefühle einzuordnen. Somit unterdrücken wir in unserem Bedürfnis nach Harmonie und Gleichgewicht oft starke Energien. Andererseits kann uns diese Karte in Krisensituationen helfen, die Angelegenheit fair und ruhig von allen Seiten zu betrachten. Oder wir erleben gemeinsame Wachstumsphasen, die uns die Möglichkeit einräumen, über alle Verschiedenheiten hinaus Brücken zu bauen und das gemeinsam Verbindliche herauszustreichen. Glücklicherweise treffen wir dabei meist auf Menschen, die unsere Wünsche verstehen und unseren Zielen harmonisch gegenüberstehen. Die also Mitverantwortung für das übernehmen, was wir in ihnen auslösen oder durch sie reflektieren: das Ideal einer ebenbürtigen, auf dem Prinzip der Gleichwertigkeit beruhenden Partnerschaft. Doch das Rätselhafte an der positiven Seite der Ausgleichung bleibt: Sogar wenn wir in der Tiefe der Seele die Ausgewogenheit der Spielregeln in der Gemeinsamkeit meist mehr als die physische Nähe des Partners schätzen, schenkt uns die Karte in Liebe und Beziehung eine die Wirklichkeit verdrängende Harmonie, um die schnöde Welt mit unseren Wunschvorstellungen zu überdecken, die Augen zuzumachen und in Ruhe abzuwarten, wie die Farben unserer Einbildung in unseren Gehirngängen trocknen.

Ausgleichung im Licht der Erneuerung

– Tiefergehende Erkenntnisse –

Anmerkung

Diese Karte ist die erste des zweiten Paares, die im Thoth Tarot miteinander ausgetauscht worden sind.11 Die Vertauschung der Zuordnungen VIII–XI korrigiert das Ungleichgewicht des Wechsels von IV–XVII nach Crowleys Motto:

Gleiche jeden Gedanken durch seinen genauen Gegensatz aus, denn die Vermählung dieser beiden ist die Vernichtung der Illusion.

Buch Thoth, S. 252


Von der Priesterin zur Göttin (Die Frau mit dem Schwert)

(…) Verehrt mich mit Feuer und Blut; verehrt mich mit Schwertern und Speeren. Lasst die Frau gegürtet mit einem Schwert vor mich treten: lasst Blut in meinem Namen fließen.

Liber Legis III/​11

Es ist eine alte Bekannte, der wir hier begegnen, die Göttin des Neuen Æon, die anstelle des Hierophanten nun den Strom der Entwicklung dirigiert. Das Schwert in ihrer Hand trägt das Wort des Gesetzes in die Klinge graviert: Qelhma. Im Gegensatz zum Ass der Schwerter, dessen Klinge die Himmelskrone durchbohrt, hält die Priesterin die Spitze gesenkt, was Crowley als das Symbol der befriedigten Frau deutet. Ihre Haltung sagt: Liebe ist das Gesetz – Liebe unter Willen! (I/​57)

Das ist der zweite Teil der Formel, den Crowley dieser Karte zuordnet. Der erste lautet: Tu, was du willst! (I/​40)12 Es geht hier darum, die Libido der Feuerstäbe und den Willen der Flammenschwerter zu verbinden, um die Vereinigung von sexuellen und spirituellen Kräften zu erlangen. Nur die durch den Willen beherrschte Liebe entspricht der Schlangenkraft oder Kundalini und bedeutet, sich weder von den Instinkten beherrschen zu lassen noch die Triebenergie zu unterdrücken. Die Ausgleichung repräsentiert dabei die Fähigkeit, diesen unterschiedlichen Kräften eine gemeinsame Richtung zu geben.

Die ganze Erscheinung erinnert auch an einen Diamanten, den härtesten, spröden, lichtbrechenden und wasserklaren kubischen Kristall. Das entspricht der Fortsetzung der Symbolik der Karte V.13 War sie dort noch die kleine Göttin, die sich vor dem Hierophanten in winziger Gestalt erhebt, dann ist sie hier die ausgewachsene Priesterin, die ihn mit dem Schwert des Willens besiegt – mitten ins Herz seines Sterbenden Gottes. Genauso hat sich ihre Präsenz auch aus Sicht der Karte Hohepriesterin verändert14: Sie ist nicht mehr Nuit, die Göttin der Nacht, die als Urmuster unseren Gefühlen und Gedanken zugrunde liegt, sie ist nun die Kraft oder das hier zur Entfaltung gekommene Potential, die Priesterin des Horus-Äons, die durch die rautenförmige Einrahmung in den Raum hinaustritt15 und das Neue Æon verkündet: Liebe ist das Gesetz – Liebe unter Willen!

Der Narr und die Ausgleichung

Die Ausgleichung ist die weibliche Entsprechung zum Narren, denn der Meister nennt sie die weibliche Ergänzung zum Narren16, was als verbindliche Behauptung aber eines Kommentars bedarf. Er meint den unschuldigen, schöpferischen Impuls des Mannes, der auf die Idee der (zukünftigen) Herrschaftsform der Hure trifft. Die Formel müsste heißen: Die Karte »Ausgleichung« ist Crowleys Vorstellung einer von ihm erkürten Göttin als weibliche Ergänzung zu seinem inneren Kind (Narr).

Der Narr liest dieses Buch des Gesetzes und seinen Kommentar und er versteht es nicht.

Liber Legis III/​63

Man könnte auch sagen: Der Narr ist die unformatierte Datei, das leere (Bewusstseins-)Blatt, in das Justitia ihre Gesetzesformeln einprägt. Das verdeutlicht das Problem: Ist der Narr ein Narr, dann ist es nicht seine Aufgabe, die Formeln der Ausgleichung zu verstehen. Ist der Narr aber kein Narr und kann verstehen, dann ist er seiner kindlichen Unschuld im göttlichen Paradieszustand beraubt. Das heißt, die Ausgleichung zerstört den Narren. Anders herum: Um erwachsen zu werden, benutzt der Narr die Ausgleichung, um sich aus seiner Unschuld herauslocken zu lassen17 und erst noch jemanden zu haben, dem er dafür die Schuld in die Schuhe schieben kann. Auf der psychologischen Ebene entspricht das dem Aufstand der Jungen gegen das etablierte System. Die Ausgleichung sieht das natürlich anders: Sie betrachtet sich als die, die das närrische Kind auf eine höhere Ebene führt.

AL – LA (31)

Die beiden hebräischen Buchstaben AL(eph) und LA(med), die mit der Ausgleichung und dem Narren korrespondieren, ergeben das Wort AL und die Zahl 31. AL steht für Gott oder für die Vorstellung von Gott – also nicht für Kether, den unvorstellbaren Gott, sondern für die Sephira Chesed am Baum des Lebens –, LA für Nichts oder Nicht-Gott. Das ergibt zusammen die Formel Gott-Nicht-Gott oder, wie sich der Advocatus Diaboli ausdrückt: Es gibt keinen Gott – und das ist es!

Crowley umschreibt das – wie üblich – etwas blumiger: Es gibt keinen Gott, und LA AL ist jenes Mysterium der Mysterien, welches Dein eigenes Auge bei Deiner Initiation durchdrang.18

Liber 77719 und weitere Korrespondenzen

Ausgleich! Rhythmus windet sich durch jeden Akt. Wild ist der Tanz; sein Gleichgewicht ist exakt.

Titel: Die Tochter der Herren der Wahrheit – Der Regent des Gleichgewichts

Bild: Eine konventionelle Figur der Gerechtigkeit mit Waagschalen und Waage

Zahl: 30, 74 (ausgeschrieben)


Buchstabe: Lamed = L/​LMD (Ausgestreckter Arm, Ochsenziemer). Dieser Buchstabe symbolisiert die Peitsche oder Zügel, mit dem das Individuum in die Gruppe eingebunden wird.20

Pfad: 22 von Geburah nach Tiphareth. Geburah (Bewegung) zeigt die Abläufe von Zeit, in denen sich das Leben »bewegt«, und Tiphareth symbolisiert das Gleichgewicht zwischen Wachstum und Zerstörung und ist gleichzeitig eine Spiegelung der höheren Gottessphäre.

Götter: Ma oder Themis, die Göttinnen der Wahrheit und Gerechtigkeit; in höherem Sinne auch Venus, die die Waage regiert, oder Nemesis, die ultimative automatische Gerechtigkeit der Natur

Pflanze: Aloe

Krafttiere: Elefant; alle Tiere, die symmetrische Muster machen (Spinne)

Edelstein: Smaragd

Wesen: Feen, Harpyien

Dämonen (Qlipoth): A’Abiriron, die Lehmigen (aus Staub und Dreck geformte Zwerge)

Magische Kräfte: Arbeiten der Gerechtigkeit und des Ausgleichs

Magische Waffe: Das Kreuz des Gleichgewichts

Parfüm: Galbanharz

Droge: Tabak

Geomantie: Puella

Gematrische Korrespondenzen

30: Judah, Es wird sein, traurig, mattfarbig, schwach, trübe, versagt, nachlassen, Löschung, Heilung, Wunde, Brandmal

74: Ein Führer, Oberhaupt, Richter, Wogenschwall, Wellenschlag, Wissen, ein Ochsentreibstock, Lehrer, Schüler, Jünger, Beute, Zeugnis

Gottheiten: Pallas Athene; Rhea Dictynna, die Gesetzgeberin; Libera, die Dame der Waagschalen; Maat, die ägyptische Göttin der Wahrheit und des Gerichtswesens

Mythen: Moses als Verkünder der Gesetzestafeln; die Geburt der Pallas Athene aus dem Kopf von Zeus

Symbole: Die Waage als Symbol des Ausgleichs und das Schwert der Justitia als Zeichen der Unterscheidung, Entscheidung und Vollstreckung; oder die salomonische Weisheit als Symbol der Einsicht, dass Recht und Unrecht das Gleiche sind und sich nur in den Köpfen der Wahrnehmenden unterscheiden

Kultstätte: Panthéon

Ritual: Rechtssprechung

Sabbat: Equinox (Tag- und Nachtgleiche)

Kraftstein: Blauer Saphir (Kristall)

Räucherwerk: Lavendel, Majoran, Bohnenkraut (Eau de Cologne)

Malerei: Heiliger Martin von El Greco. Dem Motiv liegt die Legende von der Mantelteilung zugrunde: Seelische Verbindung durch materiellen Ausgleich.

Musik: Die Kunst der Fuge. Der Kontrapunkt in den Fugen von Bach.

Schrift: Dekalog (= Zehngebot) oder die Magna Charta von Chester

IX – Der Eremit


Im Alleinsein finde ich All-Eins-Sein.

Der Alte mit der Laterne, Psychopompos, Seelenführer; auch: Samenspender, Befruchter, Lebensgeheimnisträger

Astrologie: Saturn als Hüter der Schwelle

I Ging: 52 Gen – Das Stillehalten (Der Berg)

Rune: Isa (Eiszapfen) symbolisiert das Kristallisieren und Transformieren äußerer Ziele zu tiefer, innerer Erkenntnis.

Licht: Weisheit, Erleuchtung (das innere Licht), innere Führung; Wahrheit, Selbsterkenntnis (Einkehr in sich selbst)

Schatten: Erstarrung, Isolation, Rückzug, Verhärtung, seelische Unreife und Verbitterung

Farben: Gelbliches Grün, Schiefergrau, Grüngrau, Pflaume (Liber 777)

Tierkreis: Jungfrau1

Kurzbeschreibung: Der Eremit begegnet uns inmitten eines üppigen Weizenfeldes. Unter seinem pflaumenroten Mantel trägt er das Geheimnis der Unsterblichkeit verborgen.2 Sein Körper bildet die Form des gewundenen Buchstabens Jod, dessen züngelnde Flamme der Ursprung aller hebräischen Ziffern ist. Der Schlangenstab hat die Form eines Spermiums, des zeugenden Impulses, aus dem alles entstehen kann. Man könnte etwas maliziös auch sagen, er meditiert so tief über das Geheimnis einer Samenzelle, dass er in seiner ganzen Haltung die Form eines Spermatozoons angenommen hat. In der Linken hält er eine Laterne, in der sich eine Sonne befindet. Während die aus der Tiphareth-Laterne nach oben schießenden Lichtbündel die sieben kosmischen Strahlen der Kabbala darstellen3, symbolisiert das Licht-Pyramiden-Schiff (die auf einer dreieckigen Fläche ruhende Strahlenpyramide), das die Spitzen der Lichtbündel miteinander verbindet, die göttliche Erkenntnis oder die Erleuchtung der Jünger Jesu durch den Heiligen Geist. Davor schwebt in einer Lichtinsel das Orphische Ei, das uns schon in den Karten des Narren und der Liebenden beschäftigt hat.4 Das Licht in der Hand des Eremiten geht aber nicht zum Ei hin (dieses tanzt im Ausschnitt des von außen einfließenden Lichts), sondern leuchtet als Seelenführer in die Herzen all derer, die ihm vertrauen und ihm folgen. Am unteren Bildrand sehen wir Zerberus, den der Tiefe entsprungene und ins Licht drängende dreiköpfige Höllenhund.

Analyse

Hinter der oft schweren Pranke der Ausgleichung mit ihrer drückenden Last von Recht und Ordnung und des teilweise unbewussten Über-Ichs mit seinen komplexen Verschachtelungen von Gewissen und Moralität erwartet uns der wohl bekannteste Archetyp in seiner überlieferten Rolle als alter Mann mit Laterne. Es ist der geheimnisvolle Alte aus der Karte der Liebenden, wo er als hoher Priester das königliche Brautpaar miteinander vermählte. Hier führt er uns nun von der äußeren Welt in die Tiefe unseres inneren Seelenraums. Das ist der nächste Schritt zur Ausweitung unseres Bewusstseinsrahmens, denn mit der Karte VIII – Ausgleichung haben wir die Oberfläche der Außenwelt ausreichend erschlossen. Der Eremit findet sich überall dort, wo wir versuchen, etwas zu beschreiben, was sich nicht unmittelbar im dualen Erleben ausdrückt, sondern sich in einer tieferen Einsicht im Leben niederschlägt. Der Laternenträger als Platzhalter für das, was C. G. Jung als das Selbst bezeichnen würde, ist Wegweiser und Führer in der Innenwelt und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit intuitiven Begegnungen der Dritten Art, die man in der Kunst, in Träumen oder Phantasieerlebnissen erfahren kann.

Die Karte zeigt an, dass der Eremit in seiner Funktion als höhere Einsicht nicht nur als geheime Erkenntnis in dunklen Seelenfalten funkelt, sondern in tiefgründigen Momenten mit seinem Licht auch ins Bewusstsein des Menschen hineinleuchten kann. Seine gebeugte, abgewandte Haltung steht für die Erkenntnis, nicht an den trügerischen Höhepunkten des Lebens festzuhalten. Seine (verdrehte) Gestalt erinnert an die Form des Buchstaben Jod, und die Farbe seines Mantels ist das erdfarbene Rot von Binah, in deren Schoß er wächst, fährt Crowley fort. In seiner Hand hält er eine Lampe, in deren Mitte die Sonne ist, die dem Siegel des großen Königs des Feuers nachempfunden wurde.5 Man könnte es auch so ausdrücken: Jod entspricht der Hand in der Mitte des Bildes, die den Kristall hält, mit dem Licht in das Dunkel geworfen wird. Dort verbirgt sich die Urerkenntnis, aus der alle anderen Erkenntnisse hervorgehen. Erst in der Meditation über unseren kreativen inneren Willen können wir diesen tief in uns verborgenen Persönlichkeitspunkt erfahren, der sich normalerweise nicht im alles miteinander in Bezug setzenden Denken offenbart. Sehen wir uns zur Verdeutlichung die Rhythmen der biologischen Zyklen einmal an: In den beiden ersten Lebensdritteln strömen die Energien noch leicht und mühelos in unsere materiellen Ziele, und die Psyche findet ihr natürliches Streben in der Unterstützung der Absichten des Ichs.6 Doch im Herbst und Winter des Lebens kehrt sich dieser Ablauf normalerweise ins Gegenteil. Es geht dann darum, die Widerborstigkeit des kindlichen Ichs und die trotzige Anmaßung des königlichen Ego an die reiferen Bedürfnisse des Selbst anzupassen. Wenn es uns nicht gelingt, die natürlichen Rhythmen des Lebens an uns heranzulassen, lassen uns auch Weisheit und Reife nicht an sich heran. Wie immer es sich auch nach außen darstellt, es ist die Entwicklung der Seele, die Erfahrung des Selbst, die dem Sein Sinn und Erfüllung verleiht. Es geht hier darum, die tieferen Schichten des Lebens zu ergründen und uns mit dem verborgenen Auftrag unserer Ahnen zu beschäftigen.

Kommen wir nun zu den verschiedenen Requisiten auf dem Bild: Die leuchtende Laterne in der Form eines Oktaeders (Achtflächner) mit der sechzehnstrahligen Sonne, die an einen strahlenden Diamanten erinnert, ist das Licht der Erkenntnis oder der Schnittpunkt, an dem sich unbewusstes Wissen mit bewusster Erinnerung vermischt.7 Es ist die Stelle, an der sich persönliche Einsicht und kollektive Weisheit verbinden. Wenn wir selbst einem Weisen begegnen, werden wir uns auf diesen Punkt ausrichten und ihn in seinem äußeren Erscheinungsbild erfassen, und zwar in dem Rahmen, wie uns das unser eigener geistiger Führer erlaubt. D. h. im Grunde löst der alte Mann mit der Laterne das Bild in uns aus, wie wir unsere eigene Lebenserfahrung und Reife wahrnehmen können. Die Strahlenpyramide, die das Licht des Diamanten mit der Sonne potenziert und in geometrischen Lichtbündeln über das ganze Bild verteilt, steht für geistige Vision, spirituelle Befreiung und Erleuchtung. Das Ganze ist wie ein Strahlencluster, der die Flammen der Erkenntnis in der Dunkelheit des menschlichen Materialismus und der Oberflächlichkeit verstreut, und die sich wahrnehmende Erkenntnis entspricht exakt dem Eremiten. Es ist die durch Askese in mächtigem Umfang freigesetzte Libido, die plötzlich losbricht. Wir können es auf den Punkt bringen und sagen, die diamantene Sonne ist des Alchemisten inneres Bild der Suche, das gespiegelte Bild seines inneren Feuers, und solange er dessen Glanz (noch) nicht erträgt, muss er sich abwenden (und masturbieren). Diese innere Kraft wird ihn aber trotzdem leiten, solange er die Bestätigung seines Ego im außen nicht braucht und ihn auch die Projektion nicht interessiert, wie die Welt seine Person wahrnimmt.1

Das wichtigste Requisit ist das schlangenumwundene (= Orphische) Weltenei, dem es gelingt, die Aufmerksamkeit des Eremiten auf sich zu ziehen, auf den Ursprung aller Dinge und das Mysterium der Schöpfung, für das es steht, und damit seinen geistigen Kanälen die richtige Richtung zu geben. So wie das Ei die Lebendigkeit des Alten ausdrückt und seine geistig-imaginäre Kraft, entspricht das Spermatozoon im unteren Teil der Karte dem zeugenden Impuls, aus dem alles entstehen kann, sofern es auf fruchtbaren Boden trifft. Crowley glaubt, dass der Höhepunkt des Abstiegs in die Materie das Anzeichen für die Erneuerung durch den Geist ist.8 Poetisch ausgedrückt klingt das so:

Wandere alleine; trage das Licht und deinen Stab. Und sei ein Licht von solchem Glanz, dass kein Mensch dich erkenne.

Buch Thoth, S. 253

Oder aber auch:

Der Erkennende erkennt stets nur den Schatten seines eigenen Unerkannten. Der Sinn der Wahrheit liegt weniger darin, sie zu erkennen, sondern vielmehr in der Beantwortung der Frage, warum wir sie überhaupt suchen müssen.

Baphomet – Tarot der Unterwelt

Das Spermatozoon als geistiges Symbol zeigt weiter an, dass es der gebeugten Gestalt um den Schöpfungsimpuls, den Sinn des Lebens, und nicht um die oberflächlichen Spiegelbilder der auf- und abhüpfenden Alltagsflashs geht, die ihn in seiner Ernsthaftigkeit behindern. Der einzig freie Himmelsausschnitt im riesigen Weizenfeld hinter dem Orphischen Ei offenbart dem Betrachter ganz klar, dass es ihm auf der Ebene des Eremiten gelingt, hinter den Spiegel der gesellschaftlichen Reflexionen zu schauen und einen Blick auf die wesentlichen Dinge zu werfen, an die er sich wieder erinnert. Da dieser Blick aber nicht darauf zielt, festzustellen, ob Menschen ihm auf seinem Weg folgen oder nicht, zeigt diese Karte weniger die Verbindung mit anderen Seelen an als den Wunsch nach Verschmelzung mit der eigenen Erkenntnis. Auf dieser Suche macht er auch vor der Hölle nicht Halt. Der gezähmte, dreiköpfige Höllenhund Zerberus als Symbol der in der Persönlichkeit integrierten Unterwelt, die dem Alten wie ein Schatten folgt, füllt den archetypischen Anteil des bei sich selbst Unentdeckten aus. Dass er aber in den Bereich der Lichtstrahlen fällt, zeigt auch, dass es dem Eremiten trotz bewusster Abwendung gelingt, sich auf einer unbewussteren Ebene damit auseinanderzusetzen. Dem suchenden Menschen eröffnen sich aus dem geheimnisvollen Schoß im Dunkeln die großen Inspirationen, die zu einzigartigen Schöpfungen führen, wie wir sie aus den alten Schriften eines Vergil oder Dante kennen. In diesem Sinne ist er auch der Hinterfrager des überlieferten Weltbildes, die Sicht der Dinge, die er sieht, da man sie ihm von Kindsbeinen an eingeflößt hat, nicht einfach zu übernehmen. Der Trick jeder anerzogenen Kultur besteht nämlich darin, die Leute dahin zu bringen, sich harmonisch mit dem zu verbinden, was man ihnen vordem als Lebensgrundlage eingetrichtert hat – damit die menschliche Gesellschaft überhaupt funktioniert.

Weiterführende Bemerkungen


1 Der Eremit erinnert auch an die Legende von Persephone und dies enthält einen Lehrsatz. Im Merkur-Prinzip ist ein Licht verborgen, das alle Teile des Universums gleichmäßig durchdringt; einer seiner Namen ist Psychopompos, der Führer der Seele durch die unteren Bereiche. Diese Symbole werden durch seinen Schlangenstab angedeutet, der buchstäblich aus dem Abyssos herauswächst und das Spermatozoon darstellt, das wie ein Gift entwickelt ist und den Fötus offenbart, schreibt Crowley über diese Karte.9 Darin wird das gesamte Mysterium des Lebens in seinem allergeheimsten Wirken gezeigt.

Deshalb könnte man den Eremiten auch als das motivierte Streben des Geistes bezeichnen, hinter dem Bild des Hierophanten das Geheimnis der Hohepriesterin zu suchen. Oder noch unverblümter: Auf einer zynischeren, für Crowley typischen Stufe lässt die Karte eine weitere Deutung zu: Des Eremiten magischer Stab verkörpert das zu Gift transmutierte Spermatozoon: Yod = Phallus = Spermatozoon = Hand = Logos = Jungfrau. Damit will er unverblümt ausdrücken, dass der Weg zur Erleuchtung auf sublimierter Onanie beruht und jedes enthaltsam-religiöse Streben auf verletztem und entstelltem Tantra.

Andere Verbindungen

– Psychologische Zusammenhänge –

Das Ende der individuellen Entwicklungsskala des Narren


Der Zahlenwert des Eremiten (= 9) verrät, dass es sich hier um die personifizierte Selbstfindung in ihrer vollen Größe handelt. Die Ziffer mit dem höchsten Wert ist ihm zugeordnet und damit vollendet er den Reigen einstelliger Zahlen (beginnend beim Magus und beim Narren) als letzten Punkt auf der individuellen Entwicklungsskala. So wie der Magier die Frage Bin ich? kraft seines die eigene Existenz erschaffenden Erkennens eindeutig mit Ja! beantworten kann10, so kann der Weise nun klar erkennen, was oder wer er ist, und zwar gerade durch die weiterführende Erkenntnis, die sich in der Frage verbirgt: Wer ist der, der sich die Frage stellt? Damit steht er auch in vollkommener Harmonie zu seinem Zahlenwert: 9 ist die Zahl, die immer wieder zu sich selbst zurückfindet, denn jede mit 9 multiplizierte Zahl ergibt in der Quersumme wiederum 9.

Diese fundierte Kenntnis der eigenen Existenz beruht auf der sehr differenzierenden Betrachtungsweise des Eremiten, die strikt das, was er tatsächlich ist, von dem trennt, was andere – oder gar er selbst – auf ihn projizieren. Ebenso trennt er das, was er tatsächlich ist, von dem, was ihn wiederum mit anderen verbindet. Gerade dieser Aspekt der Trennung in vielfältigster Ausprägung führt zu einem der ihn am deutlichsten kennzeichnenden Attribute: die isolierte Abgeschiedenheit. Diese Einsiedelei beschert ihm innere wie äußere Ruhe zur Meditation, um vorausgegange Erfahrungen nicht nur gemacht, sondern aus ihnen auch gelernt zu haben. Es sind niemals die anderen – du bist es immer selbst, ganz allein! ist die weiterführende Konsequenz auf die vorangegangene Aussage der Gerechtigkeit oder Ausgleichung.


Auf der Reise des Helden entspricht der Eremit dem Archetyp oder dem selbstlosen Diener des eigenen Selbst – im Gegensatz zum Hohepriester, der ein göttliches Bild vom Ich darstellt –, der die Wahrheit in der Seele des Menschen sucht (auch Diogenes hielt mit einer angezündeten Lampe am helllichten Tag in den Straßen von Athen Ausschau nach einem wahren Menschen). Sein Ziel ist es, sich dem Kern der Dinge zuzuwenden und das eingetrichterte Wissen des Hierophanten um seine intuitive Erkenntnis zu ergänzen. Doch ebenso wie der Priester, dessen privater Charakter kaum an das von ihm gepriesene Bild des Göttlichen heranreicht, ohne dass sein Ansehen in der Welt dadurch Schaden nimmt, hat der Eremit im Alltag natürlich auch alle Fehler seiner überragenden Tugenden, die da sind: Erstarrung, Verhärtung, Entfremdung, Verbitterung und Lebensfeindlichkeit. Dieses Sinnbild, das gleichzeitig positiv und negativ ist, kann in der Mythologie als zweifacher Archetyp des alten Weisen und des bösen Zauberers erscheinen – als der gute und der böse Magier.

Als Mann im Mond personifiziert der Alte mit seiner Laterne auch die kraftvolle Ruhe und innere Sammlung. So wie es bei der Karte Mond – deren Quersumme er bildet11 – auf das Erschließen der inneren Räume ankommt, geht es hier um das Ausloten der bewussten Räume. Dabei dringt er bis zu den Mysterien und in die tiefsten Abgründe vor, denn als einzige der persönlichen Karten kann er die Täuschungen des Ego durchschauen. Er ist das Licht, das die Finsternis des menschlichen Strebens erhellt und sich somit in seinem eigenen Schatten erkennt. Vor diesem Hintergrund ist er der Wahrheit am nächsten: Erkenne dich und du erkennst in dir Gott und Teufel!

Deutungen

In der Kampfbahn des alltäglichen Erlebens ist der Eremit ein Symbol des Willens, dem nächsten Elefanten zu begegnen, auf dem der Elefant steht, der die Welt trägt, als Orakel, das uns mitteilt, was wohl das wirkliche Ziel hinter unserer Sehnsucht darstellt. Dabei wählt er mit Absicht die Einfachheit, um sich nicht von äußeren Dingen ablenken zu lassen und seinen Bewusstseinsfokus lieber seinen inneren Erkenntnisprozessen zur Verfügung zu stellen. Manchmal steht er auch für eine Phase des Rückzugs, die wir uns erlauben, um uns über unsere inneren und äußeren Motivationen klar zu werden. Das Ziel liegt darin, durch Beharrlichkeit, innere Reife, Ausgewogenheit und Kompetenz der eigenen Nichtigkeit und Sinnlosigkeit zu begegnen, um zu spüren, was uns wirklich wichtig ist. Sicher keine Zukunft, die in rosaroten Farben geschildert wird, und auch keine Luftschlösser und hohlen Versprechungen – die sind uns ein Gräuel. Hier ist nicht der schnelle Gewinn, sondern der langfristige Erfolg das Ziel. Deshalb ist es uns wichtig, Illusionen zu hinterfragen und unkontrollierte Emotionen aus unserem Umfeld zu vertreiben. Diese Operationen bezahlen wir aber wiederum mit dem Fehlen himmelhoch jauchzender Vorfreuden und schäumender Erwartungen – darin liegt der Preis dieser seriösen Karte: Die Evokation eines depressiven inneren Seelenanteils, der sich Wahrheit nennt. Der asketische Ruf des Eremiten nach heilender Beschränkung gereicht uns nur dann zum Vorteil, wenn wir nicht nach marktschreierischer, übertriebener Einsicht streben, sondern Wissen und Erkenntnis einfach nur als die Pflastersteine auf dem Weg zu nehmen, auf dem wir uns zur (inneren) Wahrheit bewegen. Dann, aber nur dann, eignet er sich als weiser innerer Ratgeber, der die ihm Folgenden im sprichwörtlichen Sinn nicht hinters Licht führt.

Auch in Liebe und Beziehung ist diese Karte ziemlich widersprüchlich. Im spröden Verlangen, uns von den betörenden Illusionen angenehmer Selbsttäuschungen zu befreien und uns stattdessen mit der mentalen Verarbeitung und Vertiefung der Wirklichkeit zu konfrontieren, übernimmt sie gerne die Rolle des asexuellen Alten, der wie Diogenes mit seiner Laterne auf der Suche nach Menschen oft auch nur auf der Flucht vor sich selbst ist. Dieser fühlt sich am wohlsten dabei, wenn er nicht von außen behelligt wird, denn die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis absorbiert viel libidinöse Energie und Kraft. Er ist der Sachwalter der geistigen Verdichtung und misstraut der Schwingung der Emotionen, die für ihn als Luftschlösser schon immer Unüberprüfbarkeit und Irrationalität verkörpern. Auf der anderen Seite ist es manchmal auch ein Misstrauen gegen sich selbst, weil er eine gefühlsmäßige Übereinstimmung mit dem Sinn seines Lebens ohne tiefere Erkenntnis nicht akzeptieren kann. Gefühle sind für ihn ein derart beängstigendes Terrain, dass er sie so sehr in sich verschließt, dass er sich selbst den Weg zu ihnen versperrt, bis sich die nicht gelebte Energie dann als Frust oder einem Gefühl des Unbehagens bemerkbar macht. Diesen Mangel kompensiert er wiederum durch pflichtbewusstes Streben in die Tiefe, und Zielstrebigkeit oder Pünktlichkeit stellt er folgerichtig über Leidenschaft. Das zeigt: Der depressive und schmerzgeile Hagestolz steht für das Fehlen jeglichen libidinösen Gewürzes mit Ausnahme vielleicht der Masturbation, womit er seine Sparflamme-Leidenschaft ein bisschen aufpeppen kann. Er mag zwar nur der sichtbare Däumling an der Brust des höheren Selbst darstellen, der aus der Vogelperspektive mehr den Anteil seiner eigenen Projektionen als den anderer Menschen aus Fleisch und Blut erkennt; andererseits kann er seine eigenen Beziehungsmuster hinterfragen und feststellen, was ihm am anderen wirklich wichtig ist. Deshalb beruht die Karte auf einer die Libido nicht so sehr unterstützenden Haltung, die mehr die inneren Ziele und geistige Haltung pflegt, denn ihr Credo gipfelt in der Einsicht, dass der suchende Mensch mehr einer starken inneren Führung als einer äußeren Begleitung bedarf.


Der Eremit in der Kabbala

– Tiefergehende Erkenntnisse –

Jod = Jehova = Gott-in-uns-selbst


Der hebräische Buchstabe, der sowohl die Jungfrau wie auch den Eremiten regiert, ist Jod, der erste und höchste Buchstabe im JHVH, dem Namen Gottes oder Tetragrammaton – die Grundlage der Weisheit oder der Vater aller Dinge. Als eigentlicher Same des Alphabets steht die winzige Flamme auch für die Urschöpfung, die potente Kraft oder das Mysterium des Spermiums, das in Beantwortung der Frage Was ist das Ziel? oder Was ist der Sinn der Schöpfung? aus der Leere in den Raum herüberschwingt.

Wer sind wir? – das ist die Frage, die sich hinter dem Namen Gottes verbirgt. Gott zieht uns an, weil wir intuitiv spüren, dass er auf irgendeine Art in uns ist oder wir in ihm zumindest ein Bild unserer Sehnsucht umfassen, das uns auf bestimmte Weise entspricht. Der Schöpfungsmythos ist irgendwie unsere eigene Geschichte: die Suche nach JHVH = Gott-in-uns-selbst. Deshalb verbirgt sich in Jod neben dem Spermium auch das Mysterium der Quelle des menschlichen Bewusstseins, in dem sich die individuelle Erkenntnis spiegelt oder rekapituliert. Crowley schreibt: In diesem Trumpf wird das gesamte Mysterium des Lebens in seinem allergeheimsten Wirken gezeigt.12

Liber Al: Liebe ist das Gesetz (I/​57) versus Tu was du willst! (I/​40)

Liebe unter Willen ist das Bild im magischen Spiegel13, wenn Tu was du willst den aufmerksamen Betrachter vor dem Spiegel repräsentiert. Im objektiven Betrachten seiner Weltbetrachtung kann er die durch das Bewusstsein huschenden Bilder anhalten und sich gleichzeitig als Beobachter beobachten, der sich als gespiegeltes Bild im Spiegel seiner eigenen Vorstellung erkennt. Was aber ist der wahre Wille?

Der wahre Wille ist das sich selbst in den Hintern beißende Gesetz. Will heißen: Habe ich meinen wahren Willen erlangt, dann brauche ich nicht mehr zu wollen, sondern das, was geschieht, ist Ausdruck des Geistes, der mich als Impuls durchströmt. Dieser Geist braucht weder Gesetz noch Wille, denn er ist sowohl Gesetz wie Wille, Ausdruck des höheren Selbst, nicht vom Willen getrennt, aber vom Ego entfernt, und in dieser Funktion für den unbewussten Menschen auch innerer Feind. Solange sich dieser seinen psychischen Mechanismen nicht bewusst ist, ist Tu was du willst überflüssige Makulatur; ist er sich aber über die inneren Zusammenhänge klar, wird der Spruch zum sinnvollen Pfad, der sich durch die Verinnerlichung seiner Botschaft am Ende aber selbst überflüssig macht.

Fassen wir zusammen: Der wahre Wille braucht kein Gesetz, zumindest nicht für die, die ihn ausüben, und für die anderen kann er ebenfalls keine Leitschiene sein, da sie ihn gar nicht kennen. Im Grunde genommen handelt es sich um einen Circulus vitiosus. Doch der Eremit weiß Rat: Der wahre Wille bedeutet zu tun, was sich nicht verhindern lässt, und dies auch zu wollen!

Liber 77714 und weitere Korrespondenzen

Verborgenster Keim allen Lebens Schlangen Plan, Jungfrau, der Eremit geht, ein stummer Kastellan.

Titel: Der Magus der Stimme der Macht – Der Prophet des Ewigen

Bild: Ein in Gewand und Kapuze gehüllter Alter, der eine Lampe und Stab mit sich trägt

Zahl: 10, 20 (ausgeschrieben)


Buchstabe: Jod/​Iod/​Yod = I/​J/​IVD (Hand). Der Alte ist dem Buchstaben Jod zugeordnet, der Hand bedeutet. Seine Hand trägt das Licht. Dieses wiederum symbolisiert Erkenntnis und auf der höheren Stufe innere Weisheit und Versenkung.

Pfad: 20 von Chesed nach Tiphareth. ChSD steht für Verdichtung und Kristallisierung und TPhRTh für die innere Mitte, die Sehnsucht in Erkenntnis transformiert. Tiphareth symbolisiert auch das erkennende Bewusstsein,

Gottheiten: Kronos, Hüter der Zeit, oder Thot und sein hellenistisches Derivat Hermes Psychopompos, Führer der Seele in die Unterwelt (Hermes engl. Hermit = Eremit)

Mythen: Methusalem, der älteste der biblischen Urväter, Nestor, der weise Ratgeber des Agamemnon oder Diogenes in der Tonne, der auf Alexanders Angebot, ihm einen Wunsch zu erfüllen, nur bat: Geh mir aus der Sonne!

Symbole: Ashram, Kloster, Zölibat, Einöde, Wüste, einsamer Gipfel; die Kerze als Synonym für Kontemplation und die Laterne als Platzhalter für die Suche nach der verborgenen Wahrheit oder dem ewigen Licht

Kultstätte: Athos (Heiliger Berg), eine griechisch-orthodoxe Mönchsrepublik das die Gottessehnsucht – die Spiegelung der Ketherspähre – in das Gottesbewusstsein transformiert.

Götter: Isis, die Jungfrau, Attis, der sich selbst verstümmelnde Gott, Vesta, die Jungfrau-Göttin, Ceres, Flora und Adonis

Pflanzen: Schneeglöcklein, Lilie, Narzisse

Krafttiere: Rhinozeros – im Dhammapada (Anthologie von Aussprüchen Buddhas) ist es das Emblem des Einsiedlers (alle Tiere, die Einzelgänger sind oder sich der Vereinigung mit anderen verweigern)

Edelstein: Peridot

Wesen: Seejungfrauen, Banshees (weiblicher Geist oder Geistfrau in weißem Gewand und langem weißen Haar, mit rotgeweinten Augen, die Tot und Trauer ankündigt – irisch-gälische Überlieferung)

Dämonen (Qlipoth): Tzaphiriron, die Kratzenden (verfaulende lebendige Hüllen in der Erde)

Magische Kräfte: Unsichtbarkeit, Jungfernzeugung, Initiation

Magische Waffen: Die Lampe und der Stab (der die virilen Kräfte zurückhält), das Brot

Parfüm: Narzisse

Drogen: Anaphrodisiaka (Kräuter, die das sexuelle Verlangen dämpfen)

Geomantie: Conjunctio

Gematrische Korrespondenzen

10: langsames Vorgehen, allein, isoliert, Höhe, Hoheit, Hochmut, Majestät, fliegen, schweben, Fenster, Wolf, Busen

20: Bruderschaft, Darlegung, Krankheit, Tinte, eintreten, ins Dasein gesetzt werden, Unfall, Verderben, durchdringen, Seher, Prophet

Ritual: Fasten, Meditation, Kontemplation

Sabbat: Wintersonnenwende (aus tiefster Dunkelheit zum Licht)

Kraftsteine: Onyx, Kristall, Diamant (ein in Gold gefasster und in Onyx eingelassener Diamant symbolisiert das in die Dunkelheit geborene Licht)

Räucherwerk: Wacholder, Weihrauch, Wermut

Malerei: Die Nachtwache von Rembrandt

Musik: Gregorianische Gesänge oder Franz Schuberts Winterreise

Schrift: Bergpredigt (Matth. 5 – 7) oder das Nachtwandlerlied aus Zarathustra von Friedrich Nietzsche

X – Glück


Das einzig Beständige ist das ewig sich Verändernde.

Die Herren des Karmas: Schicksalsrad, Schicksalsuhr, Rad des Samsara

Astrologie: Uranus, Neptun und Pluto – die Transsaturnier oder karmischen Planeten

I Ging: 50 Ding – Der Opfertiegel

Rune: Hagalaz (Hagel) bzw. Hagal (All-Hag = Welt-All) allegorisiert die Nabe des Spinnrads und damit die sich auswirkende Ursache, die Vergangenheit und Zukunft verbindet.

Licht: Glück, Veränderung, unerwartete Wendungen, vertiefte Selbsterkenntnis, Karma-Einsicht, Erfassen der inneren Zusammenhänge

Schatten: Aufbegehren und Verzweiflung im Kampf gegen die Herren des Karmas; Wendung zum Bösen durch Ablehnen des Schicksals

Farben: Violett, Blau, sattes Lila, Hellblau mit gelben Strahlen (Liber 777)

Planet: Jupiter – das Element des Glücks, der unberechenbare Faktor. (Buch Thoth)

Kurzbeschreibung: Glück1 ist eine dynamische Karte, die Bewegung in den Ablauf der Dinge bringt. Obwohl in ständiger Drehung, bleibt das innerste Zentrum doch von jeder Veränderung unberührt. Deshalb ist hier auch nicht von profanem Glück, sondern von schicksalhaften Veränderungen die Rede. Glück oder Glücksrad ist der bildhafte Ausdruck jener zentrifugalen Kraft, die den kosmischen Schöpfergeist aus sich selbst hervorbringt, und ebenso jener zentripetalen Energie, die die Auswirkungen dieser Hervorbringung wiederum in das Gefüge des großen Ganzen einbindet. Alles ist einem steten Wandel unterworfen, und durch die Nabe des Rades müssen wir unseren Blick auf die Gesetzmäßigkeiten richten, die für dieses Wechselspiel verantwortlich sind. Gleichzeitig ist am unteren Rand auch eine Hand zu erkennen als Symbol des persönlichen Willens, der das Rad antreibt: die in den Taten der Menschen manifestierte Essenz, die gleichermaßen Ursache und Wirkung ist. Denn das aus allen kosmischen Handlungsfäden sich unablässig knüpfende Schicksalsmuster ist gleichzeitig die Grundlage, auf der sich das Ganze in sich selbst drehend bewegt. Das heißt: Wenn das Rad die Gegenwart ist, die sich beständig in die Zukunft dreht, dann ist die Gegenwart der Schöpfungsnabel, wo sich Zukunft durch Verwandlung von Vergangenheit erzeugt.2 Auf welcher Seite wir das Rad erleben ist nicht so sehr eine Frage äußerer Ereignisse und Gegebenheiten als vielmehr eine Frage unserer inneren Bereitschaft, uns auf Veränderungen einzulassen.

Analyse

Nach der Verinnerlichung der Weisheiten des Eremiten steht dem Helden auf seiner Entwicklungsreise jetzt der Schritt hinter die Kulissen des Schicksals bevor. Die Karte repräsentiert das Universum aus Sicht der ewigen und unabänderlichen Verwandlung: Glück verkörpert im traditionellen Sinn das Rad oder die Nabe (des Wagens3), um die sich die menschliche Entwicklung dreht. Sie illustriert das Ewige in den Gesetzen der Kausalität und die unerwarteten Wendungen. Die Blitze sind die Gewichte an der Pendüle, die den Pulsschlag des Göttlichen in die Tiefe ziehen – das Rad selbst ist das Zifferblatt des Ewigen in der Einbindung in Zeit. Erst die Einsicht, dass die Karte nichts anderes darstellt als die (Zeit-)Achse des (Wagen-) Rades, auf dem sich die kollektive Entwicklung oder menschliche Evolution bewegt, macht uns durch die Brille des Eremiten für eine viel tiefere Erkenntnis bereit. Crowley schreibt: Im oberen Teil der Karte ist der Sternenhimmel (horizontales Rad) abgebildet. Die Sterne erscheinen verzerrt, obwohl sie sich im Gleichklang befinden, einige besitzen einen strahlenden Glanz und andere sind dunkel. Von ihnen gehen durch das Himmelsgewölbe ziehende Blitze aus, die das Firmament heftig erschüttern und es in eine Masse von blauen und violetten Federn verwandeln.4 Das heißt: Es geht nicht nur darum, die Welt nach den Prinzipien von Ursache und Wirkung zu betrachten. Es geht auch darum, zu begreifen, dass sich jede Ursache als Wirkung einer älteren Sache auf eine immer weiter zurückliegende Voraussetzung zurückführen lässt, und das große vertikale Rad in der Mitte den Aufriss des horizontalen Rades am oberen Kartenrand darstellt, das sich gleichzeitig zu seiner Drehbewegung auch wie eine Spirale schraubenförmig von unten nach oben bewegt.1 Die Frage ist ähnlich wie beim Universum und beim Narren: Was war zuerst – das Huhn oder das Ei? Ist es das Schicksal von außen, auf das die Menschheit reagiert, oder ist es das Schicksal von innen, das sich – wenn man beispielsweise die Probleme im Nahen Osten bedenkt – über das Ineinandergreifen der Zahnräder kollektiver Zusammenhänge nach außen wälzt und dort als Quasi-Ereignis erscheint, damit die Menschen im dualen Erleben einen Grund haben, der ihnen die Sicherheit vermittelt, handeln zu müssen, was ihnen wiederum als höheres Schicksal erscheint? Dann wäre das alt-indische Sonnen- und Fruchtbarkeitszeichen mit seinen aus allen Speichen hervortretenden Energiewirbeln, das auf alte Feuerräder zurückgehen soll, möglicherweise nur ein virtueller Hilfspunkt im grenzenlosen Chaos der Vorstellungen zum Zweck, uns im Dschungel der seelischen Irrationalität die Sicherheit einer höheren Vorsehung an die Hand zu geben (die spirituelle Täuschung obläge dann dem Hierophanten). Aus Sicht des göttlichen oder nach Gott strebenden Menschen bedeutete diese Variante aber eine Katastrophe: Schicksal bzw. Vorstellung von Schicksal wäre dann ein letztlich unbedeutender Punkt, der weder seelisch noch karmisch fixiert ist, sondern einfach unsere in die kulturellen und sozialen Strukturen eingebundene individuelle Prägung darstellt, die sich in den jahrtausendealten Prozessen unserer Entwicklung niedergeschlagen hat.

Auf dem vertikalen Rad finden wir drei ägyptische Gottheiten als Ausdruck von Sein, Werden und Vergehen: Hermanubis, das gestaltende und initiative Affenwesen, Typhon, das zerstörerische und rückblickende Krokodil, und auf dem höchsten Punkt die alles miteinander verbindende Sphinx, die die Polaritäten im Gleichgewicht hält.2 Zusammen stellen sie die drei Energieformen dar, wie sie uns von den drei obersten indischen Göttern her bekannt sind: Brahma, den Schöpfer, Vishnu, den Bewahrer, und Shiva, den Zerstörer. Diese Dreiheit, die das ewige Rad von Werden und Vergehen in Bewegung hält, macht deutlich, dass sich Anfang und Ende nicht bekämpfen, sondern einander ergänzen. Im hinduistischen Weltbild werden sie auch als die drei Gunas (Rajas, Tamas, Sattwas) bezeichnet, die permanent ineinander übergehen. Das ist ähnlich wie bei Zahnrädern: Das eine springt hervor und das andere weicht zurück, und so greifen sie in Projektion und Gegenprojektion ohne Ende ineinander über, bis sich etwas löst oder bricht, oder bis ein gnädiger Gott am Ende aller Tage einen dicken Knüppel ins Schicksalsgetriebe wirft. Sehen wir sie uns näher an: Auf der rechten Seite Typhon, von dem Crowley schreibt: Er war ein Monster der Urwelt und verkörperte die zerstörerische Macht und Gewalt der Vulkane und Taifune.5 Als Zeichen, dass die von ihm verkörperte Energie der Zerstörung immer auch einen Keim von Aufbau und Entwicklung in sich trägt, hält er einen Ankh und einen Krummstab in den Händen. Letztlich ist er es, der sich in die Tiefe fallen lässt und dem Rad dabei den ersten Schwung versetzt.3 Er ist der Sohn, den die Erdmutter Gaia von Tartaros empfing, und selbst Vater des dreiköpfigen Höllenhundes. Mit dem Ziel, die Götter zu stürzen, kämpfte er gegen die Olympier, wurde letztlich aber von einem Blitz erschlagen und unter dem Ätna (Sizilien) begraben, in dessen Grollen man heute noch seine Stimme aus dem Hades vernimmt. Die Blitze sind Zeus zugeordnet, den Crowley als Jupiter mit dieser Karte gleichsetzt: Sie gehen vom speichenlosen Rund (horizontales oder himmlisches Rad) im oberen Fünftel der Karte aus, und die Energiewirbel sind das Resultat der beständigen Drehbewegung.

Diesem Absturz in die Unterwelt steht diametral Hermanubis gegenüber, der durch Typhons Abschwung auf der anderen Seite wieder emporgeschleudert wird, wo er auf dem höchsten Punkt des Rades der mit einem Schwert bewaffneten Sphinx begegnet. Crowley nennt ihn Hermanubis, was auf den ägyptischen Gottesnamen Heru-em-Anpu zurückgeht, der ursprünglich eine Verbindung aus dem Himmelsgott Horus und dem Unterweltsgott Anubis war. Im Grunde sind beide zwei verschiedene Ausformungen eines gleichen Archetyps, und es ist nur die Drehung auf dem Lebensrad, die die verschiedenen Stimmungen oder Lebensabschnitte hervorhebt. Auf einer tieferen Ebene streicht die Karte die schon beim Eremiten formulierte Erkenntnis noch einmal hervor, dass nämlich das sich selbst in den Mittelpunkt stellende Ego seine Haltung während der zweiten Lebenshälfte zugunsten des Selbst aufgeben muss, will es nicht wie Typhon in die Tiefe gerissen werden. Durch die Bereitschaft, seine bewusste Kontrolle abzugeben, wird es dann wie Hermanubis auf der anderen Seite wieder heraufgetragen, bis es von der geheimnisvollen Sphinx auf der obersten Spitze des Rades mit der Botschaft empfangen wird: Wenn du dich schon gezwungen fühlst, deinen Willen den Göttern zur Verfügung zu stellen, dann wisse wenigstens, dass ich dich immer ans Ziel deiner Wünsche bringe – was auch immer das für dich bedeutet! Crowley erläutert das so: Diese Karte entspricht dem Buchstaben Kaph, der »Handfläche« bedeutet und in deren Linien man das Schicksal ihres Eigentümers herauslesen kann. Es wäre eine engstirnige Betrachtungsweise, Jupiter als Symbol des guten Schicksals anzusehen, er repräsentiert das Element des Glücks. Den unberechenbaren Faktor.6

Halten wir gemeinsam fest, was uns der Geist dieser Karte zu sagen hat: Die positive Bedeutung jeder Entwicklung ist die Annahme des Schicksals zugunsten der tieferen Entwicklung des Selbst, auch wenn das vom kurzsichtigen Ego als Niederlage oder sogar Tod empfunden werden kann. Für das unreife Ich mag es ein schwarzer Tag sein, wenn ihm dämmert, was für Schmerzen die Konsequenzen seines Handelns seiner Seele zufügen können. Für das reife Bewusstsein ist es jedoch ein höchst erfolgreicher Moment, wenn es begreift, dass seine Herrschaft nur eine Schimäre ist und jede neue Schicksalsdrehung im Grunde nur vom Schatten her beginnen kann. Es ist die in allen Mythen überlieferte Blindheit der Seher, denn zu jedem erfolgreichen Neuaufbau gehört auch die vorangegangene Zerstörung, damit sich die Bewegungen im Gleichgewicht halten. Das »blinde« Rad mit den drei unbewussten Gestalten impliziert, dass jede neue Serpentine ihren Ursprungsort dort haben muss, wo der Verstand am wenigstens in der Lage ist, einzugreifen. Wüsste der Mensch um die oft schmerzhaften persönlichen Konsequenzen, derer die Entwicklung nun einmal bedarf, so läge es auf der Hand, dass das von Ängsten und Schuldgefühlen besetzte Ego mit seinem grundsätzlichen Widerstand gegen jede Art von Veränderung sein entschiedenes Veto einlegen würde. Das Dunkle ist aber nicht der Widerspruch zum Hellen, das durch das Helle vermieden wird, sondern eine Seite des Hellen selbst, damit sich das Rad bewegen kann.

Weiterführende Bemerkungen


1 Arthur Edward Waite beispielsweise hat diesen denkerischen Widerspruch, den Crowley in seiner vertikalen-horizontalen Radverbindung dreidimensional andeutet, auf der allegorischen Ebene zweidimensional gelöst. Auf dem äußeren Kreis seiner Tarotkarte sehen wir das Wort TORA oder ROTA aufgereiht, je ein Buchstabe für jede Himmelsrichtung, dazwischen die hebräischen Chiffren JHVH für Gott. Im inneren Kreis finden wir die alchemistischen Symbole für Schwefel, Salz und Quecksilber sowie für das Element Wasser. Wenn man sich das Rad in Bewegung vorstellt, kann man aus den vier Buchstaben des Wortes T + O + R + A den von Paul Foster Case kombinierten Satz ROTA TARO ORAT TORA ATOR herauslesen, der offenbart: Das Rad des Taro verkündet das Gesetz Ators (eine ägyptische Göttin, die auf der Frequenz der Isis = Hohepriesterin schwingt).

2 Hermanubis und Typhon, die uns schon in den Karten 1 + 0 begegnet sind, bilden zusammen die Karte 10. Zuerst ist der Urgrund (= 0), dann folgt die Tat (= 1), und die alles im Netz des Kosmos miteinander verbindende Kraft ist die Auswirkung der Tat, die wieder zum Urgrund zurückstrebt, um daraus neu auferstehen zu können (= 10). Anders gesagt: Null ist das Meer, die Eins die Welle und die Zehn das Gesetz, das die Welle wieder ins Meer zurücksinken lässt und eine neue Welle hervorbringt. Deshalb fließen in die Erlebnisse, die wir zu irgendeinem Zeitpunkt an irgendeinem Ort haben, immer auch die Erlebnisse aller anderen möglichen Erlebnisformen mit ein. Jede unserer Erfahrungen auf dem Lebensrad wirkt sich umgekehrt auf Vergangenheit und Zukunft aus und ist somit ein lebendiger Teil unserer Entwicklung, gerade so, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings zu einem Tornado führen7 oder ein ins Meer geworfener Felsbrocken an einem anderen Ort Überschwemmungen auslösen kann.


3 Crowleys Verteilung der »Energien auf dem Rad« ist nicht ganz schlüssig: Typhon, die Trägheit, bringt auf dem Bild das Rad in Schwung, und Hermanubis, der Antrieb, verlangsamt die Bewegung durch sein Gewicht. Man kann es vielleicht so sehen, dass Hermanubis durch seine Masse den Schwung verstärkt und Typhon mit seinem Krummstab und dem Henkelkreuz, das Malkuth berührt, die Bewegung durch das Festklammern am Erdhaften bremst.

Eine weitere Zuordnung zu den drei archetypischen Gestalten ist die der alchemistischen Qualitäten Sulfur, ☿ Merkur und ⊖ Salz, wobei die Sphinx den Schwefel, der Hermanubis-Affe das Quecksilber und Typhon das Salz repräsentieren.

Andere Verbindungen
Zeit und Ewigkeit

Der Magier ist das, was wir glauben zu sein, der Kaiser das, was wir hoffen, zu werden, und das Glück oder Schicksalsrad schließlich das, was dazwischen liegt: die Differenz zwischen dem, was wir sind und dem, was wir sein wollen. Wir erkennen in diesem Themenkomplex auch eine gewisse Nähe zur Ausgleichung, die uns zeigt, warum die Dinge so geschehen, wie sie geschehen. Auch zum Kaiser und Hierophanten führen gedankliche Vernetzungen: Beide bewahren uns vor der »sinnlosen« Freiheit, denn indem alle Muster des Lebens miteinander verwoben sind und jede Handlung eine andere auslöst, erschaffen die Wirkungen aller Muster ein Oberpriester-Richter-Muster, in dem sich die Muster selbst betrachten und sich gegenseitig erlösen oder verdammen können.8 Wenn wir dieses Spiel durchschauen, das die Schöpfung mit sich selbst spielt, durchschauen wir auch die Falle, die sich selbst fängt: die kollektiven Verhaltensmuster, mit denen wir die Welt gestalten, damit diese immer mehr so wird, wie wir sie uns vorstellen. Der geistige Kokon von Erwartungen reproduziert normalerweise die Tendenz, das sehen zu wollen, was wir von der Welt erwarten. Das ist der Bewusstseinsstoff, aus dem unsere Bilder sind: die Ping-Pong-Spiele unseres Kombinationsvermögens mit den anerzogenen Vorstellungen auf der Verstandesebene.

Im Grunde erscheint uns Zeit nur deshalb als Zeit, weil wir sie mit äußeren Dingen verbinden und dabei die Veränderung der Ereignisse sehen – die Räume zwischen der Veränderung –, die wir als Zeit definieren. Die Zeitschiene selbst ist unsichtbar, da wir uns ja stets auf einen (Zeit-)Punkt konzentrieren und unsere Perspektive immer nur auf den schmalen Ausschnitt zwischen Vergangenheit und Zukunft (= Gegenwart) ausrichten. Wir müssen daher wissen, dass alles, was wir wahrnehmen, gerade davon abhängt, an welchem Punkt auf dem Glücksrad sich unser Fokus befindet. Die Nabe mit der Sonne in der Mitte ist das Kontinuum unseres Raum/​Zeit-Empfindens zwischen Narr und Universum, das sich uns als eine Reise zwischen Zeugung und Erlösung darstellt, und unsere aktuelle Wahrnehmung entspricht der Stelle auf dem Rad, an der wir uns in unserer Umdrehung unserer Ansicht nach bewegen.9 Die ruhelosen Speichenräder des Großen Schicksalsrades singen: Wir sind die Boten dessen, was die Menschen die langsam aufkeimende und stetig wachsende Bewusstwerdung tief in ihrem Unbewussten nennen, und durch uns beginnen sie sich ein Bild von den gesellschaftlichen Prägungen durch die Schicksalsmächte in der kollektiven menschlichen Psyche zu machen. Das heißt: Der Verstand als Chefarchitekt unserer Wirklichkeitskonstruktion ist mit nichts anderem beschäftigt, als die angelernten Muster unserer Vorstellungen irgendeinem Punkt auf dem Rand des Rades zuzuordnen, damit sich ein Gefühl von Kontrolle einstellt. Obwohl wir meistens nur den durch das Bewusstsein huschenden Mustern hinterher schauen, gewinnen unsere Konstruktionen in dem Maß an Stabilität, wie es uns gelingt, das Unfassbare auszuschließen oder wenigstens zu einem Teil des Fassbaren zu machen.

Deutungen

Bei unseren willentlichen Entscheidungen verhilft uns das Glück zu einem tieferen Verständnis und zur Einsicht in die notwendigen Schicksalsabläufe, denn das Rad steht für die Unerbittlichkeit der Götter. Manchmal fragen wir uns zwar auch etwas beunruhigt, was uns hinter dem Zukunftshorizont erwartet? Sobald wir unser inneres Empfinden aber anzuzweifeln beginnen und dem unbewussten Ahnen damit den Boden wegziehen, vergrößert sich unser Unbehagen. Es stellt sich meist gerade dann ein, wenn der Verstand, gewohnt, vernünftige Entscheidungen zu treffen, auf unrealistische Ratschläge oder Zukunftsahnungen prallt. Trotzdem liegt eine der Wachstumsmöglichkeiten dieses Trumpfes gerade darin, auch vergangene Handlungen in die aktuellen Einscheidungen mit einzubeziehen, weil uns vieles, das wir längst vergessen haben, ganz tief in der Seele immer noch berührt. Dann zeigt uns das Schicksalsrad, dass wir im Einklang mit unserem Inneren handeln und vertrauensvoll an die neuen Ziele herantreten können, auch wenn sich daraus ab und an Probleme ableiten, auf die wir nicht vorbereitet sind. Langfristig gesehen hilft uns diese Karte stets, ein Stückchen von dem in unseren Alltag zu hieven, was im Leben unseren Anlagen und Schicksalsmustern (Karma) entspricht. Wir sind gewissermaßen unbewusste Empfänger des kollektiven Geistes, auch wenn wir kaum verstehen, welche Kräfte uns plötzlich durchfließen. Meist haben wir die Zeiger auf dem Schicksalsradio unbemerkt auf die »höhere« Frequenz gedreht, wenn uns die schöpferischen Ahnungen durchströmen und uns zuraunen, dass alles ein Teil von uns selbst und wir ein Teil von allem sind. Je bereitwilliger wir diesen Vorgang akzeptieren, umso mehr können wir unsere Visionen materiell gestalten.

In unseren persönlichen Beziehungen steht die Karte Glück nicht nur für glückliche Wendungen, sondern auch für die innere Bereitschaft, zu reifen und seelisch zu wachsen, bis wir für die (große) Liebe bereit sind. Bis in die Tiefe unseres Herzens berühren uns unsere Gefühle zumindest in der Vorstellung, die wir als »höhere« Liebe bezeichnen. Das Bedürfnis, die Schicksalsabläufe zu kontrollieren, zumindest aber im Voraus erkennen zu wollen, lässt uns auch gerne Beschäftigungen wie Kartenlegen oder Horoskope deuten nachgehen. Es ist das Interesse an der Zukunft, wenn wir das Spektrum unserer inneren Wahrnehmung entzünden und wir plötzlich alles, was wir wissen wollen, vollständig erahnen. Projektionsflächen dafür sind die kryptischen Gesichter und visionären Erscheinungen aus dem Reich der Tiefe, in denen wir die karmischen Zusammenhänge aus früheren Leben vermuten. Wenn wir keinen Partner haben oder in unbefriedigenden Beziehungen leben, dann geht es darum, zu entdecken, wo die innere Voraussetzung zu dieser Misere liegt, die sich auf der Seelenebene spiegelt. Der Sinn liegt darin, zu verstehen, was im zwischenmenschlichen Bereich zu lösen ist, damit wir alle wieder werden, was wir sind: Brüder und Schwestern, wie es das kosmische Rad verkündet. Der kollektive Idealismus des Glücks entspricht unserem Streben nach Befreiung von instinktgebundenen Zwängen, auch wenn die angestrebte Blüte jener reinen Form von Liebe meist nur aus dem Kopf unserer Vorstellung hervortreibt. Trotzdem: Auch wenn es uns nicht immer bewusst ist, so hilft uns die Karte doch, uns den Wendungen und den daraus zu ziehenden Erkenntnissen, die für ein gutes Miteinander wichtig sind, zu stellen und damit die Schicksalsgötter auf unsere Seite zu locken.


Glück in der Zeit

– Tiefergehende Erinnerungen –

Meditiere lang und weit und tief, O Mensch, über dieses Rad, drehe es in deinem Gemüt! Sei dies Deine Aufgabe, wahrzunehmen, wie jede Karte notwendigerweise aus jeder anderen Karte entspringt, sogar in der rechten Reihenfolge vom Narren zur Zehn der Scheiben.

Book of Lies – Kap. 78


Shivas Auge (schielt aus der Karte Turm herüber10)

Crowley schreibt: Wie der Atu XVI kann auch diese Karte als eine Einheit von höchster Verwirklichung und Freude interpretiert werden. Die Blitze zerstören nicht nur, sondern erzeugen auch; und das Rad kann als das Auge Shivas betrachtet werden, dessen Öffnen das Universum vernichtet – oder als ein Rad vom Wagen des Jaganath, dessen Anbeter im Augenblick des Zermalmt-Werdens durch den Wagen zur Vollendung gelangen.11

Das Rad mit den aus allen Speichen hervorquellenden Wirbeln und Blitzen hat, wie Crowley schon sagt, eine zweifache Bedeutung. Stilisiert entspräche es der Swastika, einem alt-indischen Sonnen- und Fruchtbarkeitszeichen, das wahrscheinlich auf alte Feuerräder zurückgeht, die nach der Überlieferung auch das Paradies bewachen. Es steht für die Zerstörung der Feinde genauso wie für die visionäre Erleuchtung beispielsweise in der Christusvision12. Feuer und Blitze sind Zeichen für das Herabsteigen des Geistes oder für das Aufbrechen der inneren Erkenntnis in ihrer höchsten Kraft: erschreckend und erkennend, zusammenbrechend und umwendend.

Der 20. Aethyr

Nun erkenne ich, dass all diese Dinge nur die Schleier des Rades sind, denn sie alle sammeln sich und bilden ein Rad, das sich mit unglaublicher Geschwindigkeit dreht. Es hat viele Farben, die sich aber alle in weißem Licht befinden, sodass sie transparent und leuchtend sind. Dieses eine Rad besteht aus neunundvierzig Rädern, die in verschiedenen Winkeln zueinander angesetzt sind, sodass sie eine Kugel bilden; jedes Rad hat neunundvierzig Speichen und neunundvierzig konzentrische Wandlungen in jeweils gleichem Abstand vom Zentrum (…) Es hat den Anschein, als drehe eine Hand dieses Rad (…) Nun sehe ich Gestalten auf dem Rad, die ich als die mit einem Schwert bewaffnete Sphinx, Hermanubis und Typhon identifiziert habe. Und dies ist falsch. Der Rand des Rades ist eine lebendige Smaragdschlange; im Zentrum des Rades befindet sich ein scharlachrotes Herz (…) Die Gestalten auf dem Rad sind dunkler als das Rad selbst; tatsächlich sind sie Flecken auf der Reinheit des Rades, und aus diesem Grund und wegen des Wirbelns vermag ich sie nicht zu erkennen. Aber das auf der Spitze scheint ein Lamm mit Fahne zu sein, so wie man sie auf manchen christlichen Medaillen dargestellt findet, und eines von den unteren Dingen ist ein Wolf und das andere ein Rabe. Das Symbol mit Lamm und Fahne ist viel heller als die anderen beiden. Sein Glanz nimmt immer mehr zu, bis es strahlender als das Rad selbst ist und gleichfalls mehr Raum beansprucht. Es spricht: Ich bin der größte aller Verführer, denn meine Reinheit und Unschuld wird die Reinen und Unschuldigen verleiten, die zur Mitte des Rades gelangen würden, wenn ich nicht wäre. Der Wolf täuscht nur die Gierigen und Verräterischen; der Rabe nur die Trübsinnigen und Unehrlichen. Doch ich bin der, von dem geschrieben steht: Er wird die besonders Auserwählten verführen (…) Aus diesem Grund ist meine Fahne weiß, denn ich habe nichts Lebendiges auf der Erde zurückgelassen. Ich habe mir das Blut der Heiligen zur Speise genommen, doch von keinem Menschen werde ich verdächtigt, sein Feind zu sein, denn mein Vlies ist weiß und warm, und meine Zähne sind nicht die Zähne jener, die Fleisch zerreißen; und meine Augen sind milde, und sie erkennen mich nicht als das Haupt der lügnerischen Geister, die der Allvater am Anfang vor sein Angesicht befohlen hatte. Nun zieht sich die Erscheinung des Lammes zurück, und wieder ist dort nichts als das Rad und die Hand, die es herumwirbelt.

Liber 418, 20. Aethyr – KHR

Diese medialen Reisen sind für uns besonders deshalb interessant, weil mehrere Trümpfe Paraphrasen einer Reihe von 1909 in der nordafrikanischen Sahara entstandenen Visionen sind. Also keine närrischen Phantasien, sondern Protokolle magischer Operationen, der Enochäischen Rufe, die Crowley, von John Dee und Edward Kelley13 inspiriert, übernommen hatte und dreißig Jahre später einigen seiner Tarotkarten unterlegte. Diese Aufzeichnungen wurden zum ersten Mal als Liber 418: The Vision and the Voice im Frühjahr 1911 als Anhang im The Equinox veröffentlicht und sind Quelle und Schlüssel zur geistigen Lehre von Thelema. Manche der Symbole begegnen uns in dieser Karte wieder, andere wie beispielsweise das Lamm mit der Fahne tauchen in anderen Trümpfen auf (IV – Der Kaiser). Die lebendige Smaragdschlange an der Peripherie des Rades ist ganz weggefallen und das scharlachrote Herz in der Nabe wurde durch eine zehnstrahlige Sonne ersetzt, genauso wie die drei Tiersymbole Rabe, Wolf und Schaf – sie sind hier durch die drei ägyptischen Gottheiten Hermanubis, Typhon und Sphinx vertreten. Viele dieser Schilderungen sind berauschend schön, andere alptraumartig und entsetzlich, aber immer sind sie kreativ, exzessiv und hochinteressant. Deshalb wurde Crowley in den 60er und 70er Jahren zum Kult und zog geniale Menschen wie Timothy Leary, Allen Ginsberg oder William S. Burroughs in seinen Bann.

Liber Legis I/​9: Verehret darum das Khabs und sehet mein Licht über euch ausströmen!

Der dem Glück und Jupiter zugeordnete Buchstabe, Kaph kommt phonetisch dem Wort Khabs nahe. Crowley notiert zu diesem Vers: Beachte, dass das Licht des Raumes das ist, was die Menschen Dunkelheit nennen, sein Name ist für unsere uninitiierten Geister vollkommen unfassbar. Wir haben nicht das Khu (Offenbarung) zu verehren, unsere magische Vorstellung zu lieben. Dies zu tun – wir haben es alle getan – heißt, unsere Wahrheit zu vergessen. Wenn wir die Form verehren, wird sie für das Wesen undurchdringlich und sich bald als falsch erweisen. Das Khu in jedem von uns umfasst den Kosmos, wie wir ihn kennen. Für mich ist sogar ein anderes Khabs nur Teil meines Khu. Unser eigenes Khabs ist unsere eigene Wahrheit.14

Was will uns Crowley damit sagen? Das Khu ist unsere Paradiesvorstellung, unsere kollektive Sehnsucht nach Gott, die Energie, die von Priestern und charismatischen Führern benutzt werden kann, um unsere Sehnsucht zu lenken und unseren Wünschen ein konkretes Ziel zu geben. Das Khabs ist jener persönliche Teil dieses Khu, der in unserem Wesen verwurzelt ist, die Totalität unseres Schicksalsplanes, der vom Glücksrad in die Zeit gedreht wird, wenn die Stunde schlägt, und das von keinem verwendet werden kann, um uns in der einen oder anderen Weise zu dirigieren. Eine andere Bemerkung von Crowley hinsichtlich der Bedeutung des Buchstabens Kaph als Kteis und Phallos (Vagina und Phallus) weist aber auch auf die Bewegung des Rades als Schöpfer des Lebens, auf die Initialzündung des Werdens hin: die Achse Geburt und Tod. Zum dritten und letzten knüpft die dem Mond und dem Sternzeichen Fische zugeordnete Ziffer Qoph durch ihren ähnlichen Klang eine gedankliche Vorstellung zum Buchstaben Kaph15: Kaph in Qoph entspricht Jupiter in den Fischen und korrespondiert mit der Neun der Kelche, der Karte Glückseligkeit. Jupiter in Fische ist der Teich unseres Karmas, der uns ins Leben entlässt, um die Antworten auf die Fragen zu finden, die wir uns in der Vergangenheit gestellt haben.

Liber 77716 und weitere Korrespondenzen

Beschleunigt durch seine dreieinigen Energien, spinnt das Rad des Glücks: seine Achse unbeweglich, in der Tat.

Titel: Der Herr der Kräfte des Lebens

Bild: Ein Rad mit 6 Speichen, auf dem sich die Triade von Hermanubis, Sphinx und Typhon dreht

Zahl: 20, 820 (ausgeschrieben)


Buchstabe: Kaf/​Kaph = K/​KPh (Handfläche).Die Schicksalslinien in der Hand als Ausdruck innerer Seelenmuster.

Pfad: 21. Die Achse Chesed-Netzach. ChSD bedeutet die Materialisierung und Potenz des Wachsens und NTzCh die ungestüme Kraft verfließender Energie. Pfad 21 verkörpert die sich durch die unerschütterliche Gesetzmäßigkeit des Wandels im Gleichgewicht befindende Achse.

Göttername: ABA AL AB

Götter: Amoun-Ra, Zeus, Brahma, Indra, Jupiter, Bethor

Pflanzen: Ysop, Eiche, Pappel, Feige, Arnika, Zeder

Krafttiere: Adler, Gottesanbeterin

Edelstein: Lapislazuli

Wesen: Inkubi, Nachtmahren

Dämonen (Qlipoth): Gha’Agscheblah, Schläger (monsterköpfige Riesen, die die Menschen in Stücke reißen)

Magische Kräfte: Macht, politische und andere Überlegenheiten zu erlangen

Magische Waffe: Zepter

Parfüm: Safran

Droge: Kokain

Geomantie: Quadrat und Rhombus

Gematrische Korrespondenzen

20: Bruderschaft, Darlegung, Krankheit, Tinte, ins Dasein gesetzt werden, Unfall, Verderben, Seher, Prophet

820: Verwüsten, Zersprengen

Gottheiten: Göttin Fortuna und die Sein, Werden und Vergehen spinnenden Schicksalsnornen, auch Herrscherinnen über das himmlische Sternenrad genannt; Hathor, die ägyptische Gottheit des Wandels (Das Rad des Tarots spricht das Gesetz der Hathor)

Mythos: Mythos vom Lebensfaden: Klotho hält den Spinnrocken, Lachesis spinnt den Faden, und Atropos, die Unabwendbare, schneidet den Faden ab.

Symbole: Die Watson-Crick-Spirale (DNA-Doppelhelix), die kosmische Schicksalsuhr (Kreis, Rad) oder der Tierkreiszodiak als Symbol des kreisenden Himmels, dessen Gestirne die Geschicke der Menschen verkünden

Kultstätten: Omphalos, der heilige Stein in halbovaler Form in Delphi oder die Cheopspyramide und die rätselhafte Sphinx von Giseh

Ritual: Rückführung (Vorwärts in die Vergangenheit) oder Schicksalsbefragung (Astrologie, Runen, Tarot, I Ging)

Sabbat: die Feste der vier Cherubim (Fest des Stiers am 1. Mai, Fest des Löwen am 1. August, Fest der sich in einen Adler verwandelnden Schlange am 1. November, Fest des erleuchteten Menschen, der zum Engel wird, am 2. Februar)

Kraftsteine: Doppelpyramidenförmiger Fluorit, Quarzglas aus Meteoriteneinschlag

Räucherwerk: Haschisch; oder Kyfi, der Weihrauch der alten Ägypter. In der Cheopspyramide abgebrannt und inhaliert, erscheinen die Geister der Pharaonen.

Malerei: Die Tarotbilder der Großen Arkana; Tarotgarten von Niki de Saint-Phalle (Toskana)

Musik: Gesang der drei alten Nornen aus dem Vorspiel zur Götterdämmerung von Richard Wagner

Schrift: Das Buch Ezechiel (Die Vision des Propheten Hesekiel, 1,10, in der viele die Ankunft außerirdischer Götter zu entdecken glaubten)

XI – Lust


Dort sah ich eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, das über und über mit gotteslästerlichen Namen beschrieben war und sieben Köpfe und zehn Hörner hatte … sie hielt einen goldenen Becher in der Hand.

Johannes-Offenbarung 17,3 - 4

Aphrodite und die Liebesschlange, die Schöne und das Biest, die nackt auf Löwen reitenden Göttinnen

Astrologie: Venus in Löwe = die schöpferische Entfaltung der Libido

I Ging: 26 Da Tschu – Des Großen Zähmungskraft

Rune: Gebo (Geschenk) = Verbindung durch Austausch = psychische und physische Vereinigung

Licht: Lebenslust, Lebenskraft und Leidenschaft (sexuelle Transformation)

Schatten: Aggression, Perversion und sexuelle Gewalt als Folge verdrängter Instinkte

Farben: Grünliches Gelb, dunkles Purpur, Grau, rötliches Bernstein (Liber 777)

Tierkreis: Löwe (Buch Thoth) im Sinne von Stärke, Kraft, Vitalität und Leidenschaft

Kurzbeschreibung: Die Lust zeigt uns eine mit gespreizten Beinen auf dem Biest reitende Frau, die mit ihrer linken Hand das Tier zügelt und in ihrer Rechten den Kelch der Liebesglut in die Höhe hält, denn bei Crowley drückt sich die Leidenschaft und sexuelle Ekstase standesgemäß in einem wahren Teufelsritt aus: Dies ist die Karte der göttlichen Trunkenheit oder Ekstase. Die Frau wird mehr als ein wenig trunken gezeigt und mehr als ein wenig verrückt; und auch der Löwe ist in Lust entflammt. Dies bedeutet, dass die hier beschriebene Energieform einer ursprünglichen, schöpferischen Ordnung entspricht; sie ist vollkommen unabhängig von einer Kritik der Vernunft.1 Es ist der Rausch und die göttliche Trunkenheit des Dionysos, der hier beschworen wird und der in den prallen Abgründen lüsterner Ausschweifung nach leiblicher Befriedigung gründelt. (Offb. 17,2: Denn mit ihr haben die Könige der Erde Unzucht getrieben, und vom Wein ihrer Hurerei wurden die Bewohner der Erde betrunken.) In diesem berauschenden Geist spiegelt sich Crowleys unerfülltes Streben nach der erlösenden Frau in der Apokalypse. Auch ist von dem Tier mit der Zahl 666, dem Antichristen, die Rede, mit dem er sich seit seiner Kindheit identifiziert.2 Ein Ruf auch, den er nie wieder loswerden sollte (wollte).

Analyse

In den herkömmlichen Tarots wird die Kraft oder Lust stets von einer heldischen Frau verkörpert, die die animalischen Mächte besiegt und zähmt: Im Tarot de Marseille hält sie einem Löwen das Maul auf, im Rider-Waite-Tarot schließt sie es ihm, und hier im Crowley-Tarot sehen wir sie als lüsterne Amazone, die auf dem Rücken einer löwenähnlichen Bestie reitet. Damit verarbeitet Crowley in dieser Karte zugleich ein Motiv aus der Apokalypse (Offenbarung 17,3 - 4). Dort ist von dem Tier mit der Zahl 666 die Rede, das dem Antichristen entspricht, auf dem die Hure Babylon als scharlachrotes Weib reitet. Crowley identifizierte sich von früh an mit diesem Tier, und jede seiner zahllosen Geliebten erhielt den »Ehrentitel« Scharlachweib.3

Im Vordergrund verlustiert sich die sinnliche, dominante Frau auf dem Rücken eines wilden Tieres – einer durch die straffen Zügel kontrollierten Bestie mit sieben Köpfen. Es sind die Köpfe eines Heiligen, eines Engels, eines tapferen Mannes, einer Ehebrecherin, eines Satyrs, eines Dichters und einer Löwenschlange. Das Biest ist ein Symbol der blinden, ungestümen Animalität, und in seiner Domestizierung will Crowley den Einklang des zivilisierten Menschen mit der gebändigten Triebnatur ausdrücken. Der Hintergrund zeigt uns eine Gebärmutter von innen. Wir befinden uns also hier sozusagen im Inneren eines Uterus, in dem einige schwach leuchtende Strahlenkreise oder Energiekerne als Fruchtbarkeitssymbole herumschweben. Crowley nennt diese geistigen Eizellen die noch ungeordneten Sephiroth im Lebensbaum. Bibelfeste Beobachter mögen sie die vom Himmel gefallenen Sterne gemäß der Johannes-Offenbarung nennen: Sein Schwanz fegte ein Drittel der Sterne vom Himmel und warf sie auf die Erde (12,4). Der Schwanz des Tieres besteht aus einer Schlange mit einem Löwenkopf, einer Löwenschlange, eine Mischung zwischen dem Löwen als Tierkreiszeichen und dem mit der Karte assoziierenden hebräischen Buchstaben Theth (Schlange), gleichzeitig auch ein Symbol für die befruchtende, von außen zustoßende Samenzelle.1

Im Grunde ist dieses Gleichnis nichts anderes als eine wunderbare Umschreibung für den Abstieg des göttlichen Geistes in die Materie, und zwar unter der Miteinschließung des Todes, der ja die Voraussetzung des Lebens ist. Doch wenn das Ziel dieses Trumpfes das universelle Gottesbewusstsein sein soll, muss Lust im Atemzug der Zeugung immer auch Auflösung bedeuten. Crowley schreibt: In ihrer Rechten hält sie den Kelch in die Höhe, den Heiligen Gral entflammt von der Liebe und dem Tod.4 Das entflammte Licht, einen Orgasmus bebildernd, zeigt das Blut, das in dieser urinalförmigen Retorte durch die Flamme des Feuers zur Erhitzung gebracht und dadurch in jene höhere Ebene transformiert wird, auf der sich der animalische Trieb in das unbeschreibliche Entzücken ekstatischer Wonne verflüchtigt.2 Diese nach oben sich ausdehnende Lava ist ein Sinnbild der Sexualität, die das Lebensrad (X – Glück) bewegt, eine zentrifugale Kraft, die gemäß dem ewigen Stirb und Werde-Prinzip alles aus seiner Mitte herausschleudert.

Die Schlangen am oberen Bildrand verkörpern nach Crowley die Zehn Hörner des Biests, die sich in alle Welt verstreuen, um die Welt zu zerstören und wieder zu erneuern.5 Es ist der Weg des winzigen Erdlings, wenn er als eigenständiges Wesen der Gralsurne entsteigt, dass er alles zerstören muss, um die Zusammenhänge zu erkennen und sich durch die anschließende Auseinandersetzung mit den Dingen weiter zu entwickeln: eine schöpferische Notwendigkeit, damit der Mensch wachsen und sich entfalten kann. Liebe und Zerstörung, Anziehung und Abstoßung, Geburt und Tod sind die fossilen Schicksalsmuster, durch deren Webknoten sich das Leben schicksalhaft dreht und bewegt. Eine der schönsten Gaben dieser Karte besteht darin, dass sie die Menschen nicht nur in die Liebe verliebt, sondern auch von der Lust erfüllt macht; das ist die Voraussetzung der schöpferischen Absicht, damit die Fortpflanzung überhaupt funktioniert. Liebe und Lust stellen die wesentlichen Bahnen dar, durch die unsere natürliche Lebensfreude strömen kann. Es ist nicht möglich, ein erfülltes Leben ohne Liebe im weiteren Sinne der Freude am Leben und am Tod als Voraussetzung zur Wiedergeburt selbst zu führen.

Unter den Füßen des Tieres sehen wir die Schwachen, die Sozialempfänger und gesellschaftlichen Versager, die sich an die Bedingungen des Zeitgeistes nicht anpassen konnten und unter die Räder des Fortschritts gekommen sind. Auf der geistigen Ebene sind es die Heiligen und die Trauernden im Geiste, die demütig in sich versunken sind und über die das wilde Tier in seiner unbarmherzigen Raserei wie eine Stampede hinweggetrampelt ist. Die Offenbarung schreibt: Und es wurde ihm erlaubt, mit den Heiligen zu kämpfen und sie zu besiegen (Offenb. 13,7). Damit knüpft sich eine Verbindung zum Liber Legis. In Vers II/​21 können wir lesen: Wir haben nichts zu tun mit den Ausgestoßenen und den Untauglichen: Lasst sie in ihrem Trübsal sterben. Denn sie fühlen nicht. Mitleid ist das Laster der Könige. Trampelt nieder die Erbärmlichen und Schwachen. Dies ist das Gesetz der Starken. Dies sind unser Gesetz und die Freude der Welt.

Manche Leser mögen denken, dass die Karte Lust ein wenig aufdringlich erscheint. Das ist in der Tat nicht falsch: Instinkt ist nichts Feinsinniges, und es gibt auch keinen Grund, dass es anders sein sollte. Niemand missgönnt den Ekstatischen ihre Erregung oder das Glück; allerdings schrecken viele vor der Andeutung manisch übertriebener Freude zurück, die Crowley dieser Karte lustvoll angedeihen lässt:

Ich bin die Schlange, die Wissen und Wonne gibt und strahlenden Glanz, und ich schüre die Herzen der Menschen mit Trunkenheit. Zu meiner Verehrung nehmt Wein und seltene Drogen und berauscht euch daran. Sie sollen euch überhaupt kein Leid zufügen. Sie ist eine Lüge, diese Narrheit gegen das Selbst. Die Zurschaustellung der Unschuld ist eine Lüge. Sei stark, o Mensch! Genieße und erfreue dich an allen Dingen der Sinne und Wonne. Fürchte nicht, dass ein Gott dich darum verleugne.

Liber Legis II/​22

Weiterführende Bemerkungen

1 Normalerweise interpretieren wir im Hinterteil (= hinteren Teil) das Verdrängte, Abgewandte, also all das, was wir im Leben nicht sehen wollen. Da wir im vorderen Teil aber die sieben Masken des Tieres erblicken, begegnet uns die tiefere Wahrheit im Schwanz: im Bild der Löwenschlange6. Sie verbindet Hingabe und Glut und steht für die wilde und unkontrollierbare Flut, die den Menschen in seiner Ekstase mitreißt. Die Schlange ist auch die Kundalini-Schlange, die ihren Sitz im untersten Chakra hat (beim Löwen ist das der Schwanz). In der nächsten Karte, Atu XII – Der Gehängte, ist sie es, die ihr Gift verspritzt.7 Deshalb aufgepasst! Das Ganze endet oft wie ein Drogenrausch in einem unbefriedigenden Gefühl der Sehnsucht nach immer mehr Lust bei ständig stärkerer Ekstase – kurz: dem gemeinsamen Verschmelzen im vernichtenden Glutstrom des Nichts. Der Mut der Frau, ihre persönliche Begrenzung aufzuheben, führt nicht immer nur zu einem Gefühl der höchsten Selbstaufgabe, also Ich-Vernichtung, sondern fördert im Schatten des Tieres (Schatten) auch die destruktive Haltung einer ekstatischen Selbst-Zerstörung.


2 Die rechte Hand der Frau trägt im obersten Kartendrittel den Heiligen Gral mit der befruchteten Eizelle8, der den menschlichen Lebenssinn in der sexuellen Verschmelzung und Vermehrung anzeigt. Es sind die Flammen der Ekstase, die Kraft des Lebens selbst, die nur dem Ängstlichen erschreckend erscheinen, der vor dem Leben davonrennt, oder dem Weisen, der sich den Instinkten bewusst entgegenstellt. Die von den Lebenskräften berührte Göttin leistet der Natur keinen Widerstand, und indem sie sich in die Reihe der Urmütter stellt, gehorcht sie mit all ihrem Mut und der Zielbewusstheit ihrer archaischen Weiblichkeit, die die sexuelle Vereinigung und Schwangerschaft unsentimental und natürlich auffasst. Die Stärke unseres Verlangens und unseres Sehnens schenkt uns die Macht der über das Leben gebietenden Götter, und wir können sie dazu verwenden, uns aus den Serpentinen des Lebens zu entfernen oder uns neu zu erschaffen. Dies ist der definitive Akt der Schwangerschaft, das Geläute des Lebens, das Eintreten in einen neuen Zyklus des Werdens und Vergehens. Keine magische Operation ist diesem Ereignis ebenbürtig, wenn man sich in die Kette der menschlichen Entwicklung stellt. Der Advocatus Diaboli würde sagen: Fortpflanzung ist das Besoffensein durch die Verliebtheit am Leben selbst. Im Sinne der göttlichen JHVH-Formel entspricht das der üblichen Entwicklung im Leben: Töchter und Söhne werden den Platz der Mütter und Väter einnehmen.

Andere Verbindungen


Das Streben der Vielheit nach Einheit auf der Ebene Seele, Leib und Geist

Wenn junge Menschen sich verlieben, tauschen sie ihre wechselseitigen Suchbilder nach dem Traumprinzen oder der Liebesprinzessin in der Regel noch ohne jede Vorbelastung aus.9 Auf der Stufe der Lust steigt die Hitze des Begehrens als samenspendende Flamme vor dem schöpferischen Hintergrund in der Absicht auf, sich zu vermehren. Mit zunehmenden Jahren verläuft der Prozess schließlich umgekehrt: Indem man sich der eigenen schwierigen Eigenschaften immer bewusster wird, versucht man seine Anima oder seinen Animus zu reinigen und zu erlösen, indem man alles Negative, das man in der Vergangenheit auf seine Liebespartner übertragen hat, durch Aufarbeitung der alten Erfahrungen rückgängig zu machen sucht.10 Die größere Lebenserfahrung lässt es nicht mehr zu, immer noch so romantisch und unbeschwert wie in jungen Jahren zu sein, und das bedeutet auch die Aufopferung vieler liebgewordener Ideale. Die Meisterschaft der Kunst besteht in der Transformation der Lust, sich von negativem Liebeskarma zu erlösen und den sexuellen Akt zu verfeinern und auf eine spirituelle Ebene zu heben. Erst wenn man reif genug geworden ist, die Gegensätze des Lebens in ihrem ganzen schöpferischen Zusammenhang zu sehen, ergibt sich die Möglichkeit, sie in hermaphroditischer Vereinigung miteinander zu versöhnen, womit der Kreis zu den Liebenden geschlossen ist.


Der Tod ist gleichermaßen Ziel und Gegenprinzip zur zeugenden und empfangenden Lust als ursprünglichem Quell der kreativen Schöpfungsenergie. Deshalb kann man sich der Frage nicht enthalten, ob die Frau, die auf dem siebenköpfigen Tier völlig entrückt erscheint, im Moment nicht durch das Feuer der Lust und das Wasser der Ekstase hindurchdiffundieren muss, um uns zu zeigen, wie die verbrauchte Gestalt der Anima in ihr ursprüngliches Element zurückkehrt, aus dem sie anfänglich ebenso hervorging wie die Sonne aus dem Feuer oder Venus aus dem Meer. Der Tod schwingt im Unbewussten der Seele wahrscheinlich auf der gleichen energetischen Frequenz wie der Höhepunkt der Liebe, auch wenn uns das aus Sicht des Verstandes ungeheuerlich erscheint. Nur wenn wir sehen, dass der Tod als unsichtbarer Gast jeder Vereinigung oder Zeugung beiwohnt, da der Sinn des Gezeugten gerade auf der Vergänglichkeit des Zeugenden beruht, und das Neue, das durch uns entsteht, bildlich ausgedrückt gerade unser eigenes Ende verursacht, dann sind wir für die Botschaft dieser Karte bereit: Stirb kraftvoll in der Liebe, die dich unsterblich macht! In einem Satz: Das Stirb ist die Voraussetzung des Werde, auch wenn diese Weisheit vom Ego nicht ohne Widerstände akzeptiert werden will.

Deutungen

Im persönlichen Erleben ist es oft nötig, Neues anzufangen, denn das Feuer unseres Willens gibt uns die nötige Kraft, uns von schöpferischen Umbrüchen inspirieren zu lassen. Ziel der Lust ist es, in vollkommener Übereinstimmung mit den eigenen Bauchgefühlen zu handeln und beispielsweise wie eine Hexe auf dem Besen in die nächste Pizzeria zu reiten, wenn es uns danach verlangt. Nur dann kann sie uns lehren, dass sich das persönliche Schicksal auf der Grundlage unserer emotionalen Prägungen inszeniert und wir sozusagen tun, was wir sind. Als Frau verschaffen wir uns im Beruf oder im Haushalt Respekt, und als Mann fühlen wir uns zu energischen, souveränen Frauen hingezogen. Wir öffnen uns dem Leben und lassen uns kompromisslos auf jede Chance ein, denn eine aktivere Energie als die, die uns mit dieser Karte durchströmt, gibt es selten. Das bedeutet Antrieb, Impuls, Willensstärke und Phasen großer Motivation und außerordentlicher Schaffenskraft, denn durch die Lust, in deren feurigem Drängen wir unsere Wünsche zum Ausdruck bringen, spüren wir nicht nur genau, was getan werden muss, sondern füllen auch jedes Vakuum durch Stärke, Kraft und Vitalität auf. Das ist die gute Nachricht. Aber Vorsicht: Es gibt auch eine dunklere Perspektive! Leider schießen wir oft auch über unsere Ziele hinaus, besonders wenn wir versuchen, die anderen zu überrumpeln, denn für diesen Trumpf ist es nicht ungewöhnlich, dass wir äußere Hindernisse provozieren, um sie mit der ganzen Lust unserer alles niederwalzenden Impulsivität anschließend überwinden zu können. Auf der anderen Seite verschaffen wir uns mit unseren egoistischen Sprüngen im Bereich unserer Frage auch großen Respekt.

Auf der emotionalen Bühne lieben wir die Liebe um der Liebe willen, wobei die Libido der anderen unsere eigenen Triebe durchströmt und sich die Vorstellungen auf der Plattform der Erwartungen gegenseitig reflektieren können. Sexualität macht Spaß, und auf der emotionalen Ebene bedeutet die Löwendompteuse oder Bändigerin des sexuellen Ungeheuers, dass der Weg zu unserer körperlichen Erfüllung in der flammenden Vereinigung liegt. Wir erleben die Sexualität als belebend, hungrig und instinktiv, und möchten vom Traumpartner geliebt, begehrt und (oft auch) unterworfen werden. Nicht nur das: Manchmal verkörpert sie jene ungezähmte weibliche Sinnlichkeit, die den Mann lieber unter als neben (oder gar über) sich spürt und vom widersprüchlichen Reiz der Spannung zwischen Dominanz, Unterwerfung und dem aufreizenden Pendeln zwischen beidem lebt. Es ist das ewige Thema der Erlösung durch Liebe, die dazu fähig ist, Ewigmännliches und Ewigweibliches miteinander zu verbinden, der instinktive Herzschlag der Lust, der in uns pocht und gleichzeitig auch die belebende Anziehung durch die sexuelle Kraft des anderen anzeigt, dessen Hormone auf dem Höhepunkt sind. Erst wenn wir die Energie des anderen getrunken und seine Lust wie eine Hostie verzehrt haben, können wir alles um uns herum vergessen und zur alles verbrennenden göttlichen Flamme werden. Auch wenn wir merken – wenn wir wieder erwacht sind –, dass es uns nicht um den anderen, sondern immer nur um unsere eigene Lust geht, tut das weder unserer Liebe noch unserem Willen einen Abbruch, denn am Ende steht immer die Erkenntnis, wenn wir unseren Horizont erweitern wollen.


Lust in der Magick

– Tiefergehende Erkenntnisse –

XI und VIII (Feuer und Schwert)


Beachte die enge Verbindung im Tarot zwischen »Leo« und »Libra«, die Nummern VIII und XI ihrer Trümpfe sind ausgetauscht mit XI und VIII. Hier ist kein so gewaltsamer Widerspruch wie der zwischen Osiris und Horus, Stärke wird das Regiment der Gerechtigkeit vorbereiten. Wir sollten, wie ich meine, schon beginnen, diese Gerechtigkeit (Ausgleichung) als das Ideal zu betrachten, dessen Weg wir durch den Wert unserer Kraft und unseres Feuers bereiten sollten.11

Fassen wir den weit gespannten Bogen dieser beiden miteinander vertauschten Karten zusammen: Auf der Karte Lust ist es die Aufgabe unserer Herrin BABALON, den Löwen zu bändigen (Sie sitzt rittlings auf ihm, so dass sie ihn mit ihren Schenkeln würgen kann12), während sie in Atu VIII sowie auf der Ebene des Liber Legis dazu auserkoren worden ist, als Galionsfigur eines neuen Zeitalters das magische Schwert zu führen (Die Frau sei vor mir mit einem Schwert gegürtet. Lass Blut in meinem Namen fließen – III/​11).

Crowley schreibt:

Ein anderer Prophet wird sich erheben (Tier 666) und frisches Fieber von den Himmeln bringen (»Feuer« von Horus – »Himmel« von Nuit). Eine andere Frau wird erwachen (Scarlet Women) und die Lust und Verehrung der Schlange erwecken (Kult der Samenzelle), eine andere Seele von Gott und Tier (die Vereinigung von Aiwass und Crowley) wird sich in dem Priester des Erdballs vermischen; ein anderes Opfer wird das Grabmal färben (Sex als der Schlüssel zum Leben), ein anderer König wird herrschen (Horus, das gekrönte Kind), und dem falkenköpfigen mystischen Herrn wird nicht länger Segen (Samen) zufließen!

Liber Legis III/​34


Unsere Herrin BABALON als Domina mit Schwert

In der Karte Lust begegnet uns Nut oder Nuit, die ägyptische Himmelsgöttin und Herrin der Sterne in ihrer crowleyschen Auskleidung als Göttin BABALON, was einer Umschreibung der apokalyptischen Hure Babylon aus der Johannes-Offenbarung gleichkommt, deren menschlichen Verkörperungen er in Form seiner weiblichen Beziehungen den Titel Scarlet Women oder Scharlachweib verleiht.

Ihre Aufgabe ist nicht nur, was auf dem Bild dieser Karte erscheint, die Überwindung des Tiers, sondern in einem übertragenen Sinne auch das Überwinden des Patriarchats und – im Buch des Gesetzes deutlich herausgestellt – das Führen des Schwerts zur Errichtung eines Neuen Æons. Im Grunde ist das Schwert als Branding des Helden weniger ein Zeichen der Befreiung vom Patriarchat, sondern mehr die Befreiung von der zwanghaften Abhängigkeit von der Sexualität, was die Libido stärkt, denn es ist eine Form der Abhängigkeit von der Mutter, und in diesem Sinne sind Amazone und Scharlachfrau auf einer höheren Ebene zwar sich ergänzende Gegensätze, doch auf der Alltagsbühne treten sie uns erst einmal als Rivalinnen entgegen. Die eine versucht mit dem Schwert zu lösen, was die andere an Mutterimago bindet, und beide bilden zusammen die Brückenpfeiler der Straße, auf der sich die menschliche Entwicklung vollzieht. Um erwachsen zu werden muss der Mensch seine Bewusstheit der Mutterbindung abringen, die in seiner eigenen emotionalen Bindung wie in einer Gebärmutter eingerollt liegt, und dazu benötigt er das Schwert des Vaters – ein Phallussymbol. Ein sehr schmerzvoller und lang andauernder Prozess, verbindet sich doch der mentale Teil mit der scharfen Schneide männlicher Vernunft und neigt dazu, im Zeichen vermeintlicher Klarheit zu trennen und dort Ordnung zu schaffen, wohingegen die emotionale Seite ihre Aufgabe darin sieht, alle Energien zu bündeln, aufzunehmen und in sich zu vereinigen. Für Crowley bedeutet die Frau mit Schwert die aus den patriarchalischen Fängen befreite Frau, die der (patriarchalischen!) Idee eines von ihm entworfenen Zeitalters in Zukunft vorstehen wird. Überspitzt formuliert steht das in Verbindung damit, dass er den Menschen den gesellschaftlichen Modellen entwöhnen und aus den kommunikativen Zusammenhängen herauslösen und in seine eigene magische Kultur einbinden will, was wiederum davon abhängt, ob seine Jünger ihre gesellschaftlichen Bindungen in ausreichendem Maße überwinden.

Die Idee von Crowley ist schon klar: Er will die Priesterin, die dem Priester in der Ausführung der magischen Operationen diente oder sich ihm als (sexueller) Altar zur Verfügung stellen musste, nun in den Mittelpunkt der kultischen Handlung und damit über den »Magus« erheben, indem er sie den magischen Prozess selbstständig leiten lässt. Der Haken an der Geschichte ist der, dass er sich selbst als Schöpfer der Geschichte nicht unter ihre Fuchtel stellt. Er sieht sich selbst als der göttliche Demiurg, der noch über allen Huren und Schwertgöttinnen thront, womit sich ein Spannungsbogen zu seinen sexuellen Vorlieben spannt: Er will die Frau als Herrscherin oder Göttin aufbauen, wobei er im Hintergrund aber alle Fäden in der Hand hält, kurz: Er braucht eine Marionette und nennt sie Göttin. Sehen wir, was ihm Aiwass zu diesem Thema diktiert:

Das Scharlachweib soll sich hüten! Wenn Mitleid und Anteilnahme und Sanftmut ihr Herz heimsuchen, wenn sie meine Arbeit vernachlässigt, um mit den alten Gelüsten zu spielen, dann soll ihr meine Rache bewusst werden. Ich werde ihr Kind erschlagen, ich werde ihr Herz entfremden, ich werde sie von den Menschen ausstoßen. Als eine verwachsene, verachtete Hure wird sie durch dämmrige nasse Straßen kriechen und an Kälte und Hunger sterben. Doch wenn sie sich in Stolz erhebt, mir folgt auf meinem Weg, das Werk der Gottlosigkeit wirken lässt, ihr Herz tötet, schrill und ehebrecherisch ist, sich mit Juwelen und reichen Gewändern bedeckt und schamlos vor allen Männern ist, dann werde ich sie zu den Gipfeln der Macht führen und mit ihr ein Kind zeugen, mächtiger als alle Könige der Erde. Ich werde sie mit Freude erfüllen. Mit meiner Kraft wird sie sehen und auf die Anbetung Nuits stoßen: sie wird Hadit erlangen.

Liber Legis III/43-45

Animus und Anima = Tier und Scharlachweib

Um Crowleys Scharlachweib richtig zu verstehen, müssen wir einen kleinen Rückblick auf Jungs komplexe Erkenntnisse hinsichtlich der gegengeschlechtlichen Teile eines Menschen in seiner Seele machen: Die Bezeichnung Anima oder Animus geht auf C. G. Jung zurück, der damit die innere Weiblichkeit des Mannes bzw. die innere Männlichkeit der Frau bezeichnete. Der andersgeschlechtliche innere Teil eines Menschen zeigt sich im normalen Fall in seinem Suchbild im außen, da er den fehlenden Zugang zu seinem andersgeschlechtlichen Teil durch eine geeignete Projektionsfläche abdeckt nach dem Motto: Du bist alles, was mir fehlt!13 Bei visionären Künstlern wie Crowley ist das allerdings nochmals etwas anderes. Solche Menschen verfügen über die Fähigkeit, sich in die Psyche ihrer gegengeschlechtlichen inneren Personen hineinzuspüren und durch deren Sicht Erkenntnisse zu schildern, die ihre Umwelt verblüffen, da sich die Botschaften dieser »psychischen Figuren« authentisch anfühlen.

Crowley wurde von seiner Scharlachhure unermesslich, wenn auch ohne Wissen, gejagt. Einerseits war sie sein Suchbild, seine Muse und seine Inspiration, die Trägerin jener unheimlichen Schöpferkraft, die Crowley gleichermaßen genial wie besessen in der Außenwelt ausleben konnte, und andererseits war sie ein Ausdruck seiner irrationalen und unberechenbaren Seite, die ihn von seiner kalten und grausamen Seite zeigte und ihn in der Umwelt als Gefühlskrüppel erscheinen ließ. In ihrer sexuellen Freiheit erschien sie ihm wie eine eigene innere Person und ihr Einfluss war für ihn so subtil, dass er am Ende glaubte, im Namen der Götter zu handeln, die über seine innere Vision ein Neues Zeitalter installieren wollten. In ihrer positiven Ausformung unterstützte sie ihn dabei, seine dichterische Kraft und seine kreativen sexuellen Visionen mit schöpferischer Kraft hervorzubringen, und von ihrer dunklen Seite gebärdete sie sich sehr eifersüchtig und versuchte die äußeren Frauen in Crowleys Leben zu vernichten, sobald sich diese auf ihre innere Frequenz einzuschwingen begannen. Ein unlösbarer Widerspruch in sich, denn Frauen, die sich auf das innere Scharlachhuren-Suchbild von Crowley nicht einließen, zogen ihn nicht an, und Frauen, die in ihrer Art mit dem Suchbild von Crowley korrespondierten, wurden von ihr vernichtet, sobald sich eine tiefere innere Nähe einstellte. Er musste sie stellvertretend für das beschissene Gefühl zerstören, das ihn beschlich, gegenüber der eigenen Mutter fremd zu gehen. Und solange er nicht den Mut hatte, sich selbst zu vernichten, noch die Kraft, sich einzugestehen, dass es sein verletzter Stolz war, der seine schwache Mutter ohne sein Wissen zu einem ungreifbaren Monster aufblähte, weil es ihm nicht gelang, ihre Liebe in der Kindheit zu erzwingen, blieb ihm nur der Lohn, sich »selbst zu ficken«. Das war der Preis, um den er sich von ihr lösen konnte: extreme Rollenspiele in den Abteilungen Unterwerfung, Umkonditionierung oder Ekeltraining, die ihre Wurzeln notgedrungen in den Verdrängungen blockierter Energieströme hatten. Die dunkle Anima hielt Crowley vollkommen in ihren Fängen fest. Zeitlebens musste er seiner dunklen inneren Göttin dienen, und die zeigte sich ihm nicht in einer, sondern in jeder geeigneten Frau:

Ich bin über euch und in euch. Meine Verzückung ist in euch.

Meine Freude ist, eure Freude zu sehen.

Liber Legis I/13

Wo aber lag der tiefere Grund? Möglicherweise in der kalten Gefühlsatmosphäre seiner korrekten, aber vom Sektengeist angehauchten Eltern, und ganz spezifisch in der Beziehung zu seiner Mutter. Über viele Jahre intensiver wechselseitiger Projektionen waren Mutter und Sohn in einem gemeinsamen Gefühlskerker eingeschlossen, in dem sie sich gegenseitig belasteten, unfähig zur Aussöhnung noch zur endgültigen Trennung, was in der Manifestation negativer Gefühle in der Kreierung eines Anti-Mutterbildes in Form einer »lüsternen Schlampe« kulminierte. Durch das symbolische »Reiten des Tiers« geht er in direkte Konfrontation zu ihr. Jeder Widerstand gegen das im Unterbewusstsein existierende Bild der Mutter sorgt normalerweise für Schuldgefühle, ganz egal, wie der Betreffende über seine Mutter denkt. Wenn er das aber in einem Rollenspiel ausagiert, unterbricht er diese Schuldgefühle, weil er jetzt magisch gesprochen »nur eine Rolle spielt«. Es ist Crowleys völlig legitimer Versuch, seine kindliche Prägung mit einer schrillen Alternative zu »übertönen«, um an seine Gefühle herankommen zu können. Im Grunde hatte er die Scharlachhure nur entwickelt, um den Animus seiner Mutter zu besiegen, den sie ihm durch ihre Prüderie in seiner Kindheit unterschwellig introjiziert hatte. Das hätte auch ein intuitiver Weg der Selbstheilung werden können. Dadurch aber, dass es ihm gelang, seine Vorstellung auf jede »magische Frau« zu übertragen, hat sie ihn gefangen und sich vor ihm unsichtbar gemacht: Ich bin erhaben in deinem Herzen, und die Küsse der Sterne regnen hart auf deinen Leib. Du bist erschöpft in der lustvollen Fülle der Inspiration; das Aushauchen ist süßer als der Tod, schneller und heiterer als die Liebkosung des Höllenwurms.14 Im Reiten des Tiers lassen sich weder Animus und Anima verbinden noch Erkenntnisse finden, wohl aber Crowleys kompensierende Reaktion nach Unterwerfung der Hure erfüllen – wobei er ab und an selbst die Hure war.

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0+
Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
1199 стр. 383 иллюстрации
ISBN:
9783905372489
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