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Walter Brendel
Die Mythen der Bibel
Wahrheit oder Legende
Impressum
Texte: © Copyright by Walter Brendel
Umschlag: © Copyright by Gunter Pirntke
Verlag:
Das historische Buch, Dresden / Brokatbookverlag
Gunter Pirntke
Mühlsdorfer Weg 25
01257 Dresden
gunter.50@gmx.net
Inhalt
Impressum
Einleitung
In göttlicher Mission
Wenn die Mutter Gottes zu den Menschen spricht
Das Rätsel um die Wundmale Christi
Die Bibel anhand des Alten Testaments
Das Rätsel um die Bundeslade
Babylon
Der Garten Eden
Die Sintflut
Sodom und Gomorrha
Der Auszug aus Ägypten
Die Schlacht von Jericho
David gegen Goliath
Quellen
Einleitung
Der Glaube an Gott, Marias Erscheinung, wundersame Zeichen, Sagen und Legenden aus der Bibel - ist das alles wahr, oder nur eine Marketing-Idee? Was sagt die Wissenschaft dazu?
Die Legenden der Bibel und deren Mythen werden heute wie mehr denn je bemüht. Die Kirche muss ihren Ruf wieder aufpolieren. Missbrauch von Minderjährigen, von Ordensschwestern und Messdienern haben das Image angekratzt und für massenhafte Kirchenaustritte gesorgt.
Die römisch-katholische Kirche beruft sich traditionell auf die Gründung durch Jesus Christus selbst, insbesondere auf das sogenannte „Felsenwort“ an den Apostel Petrus (Mt 16,18–19 EU). Ob historisch tatsächlich von einem eigentlichen Kirchengründungsakt Jesu Christi ausgegangen werden kann, ist auch unter römisch-katholischen Theologen umstritten. Meist wird in heutiger Ekklesiologie ein Zusammenwirken von vorösterlichen Wurzeln (Jesu endzeitliche Sammlung des Gottesvolkes), einem österlichen Impuls (Kirche als Gemeinschaft derer, die dem auferstandenen Jesus Christus nachfolgen) und pfingstlicher Geistgabe (Kirche als Gemeinschaft, in der der Heilige Geist gegenwärtig ist) als Ursprung der Kirche angesehen.
Um die Jahre 30 bis 33 geht man daher von der Entstehung der ersten Gemeinden, also der Urkirche, aus. Die römisch-katholische Kirche betrachtet sich mit dieser Urkirche in ununterbrochener Kontinuität stehend und nimmt auch die direkte Gründung durch Jesus Christus in Anspruch. Sie sieht diesen Zusammenhang institutionell, insofern die christliche Gemeinde von Rom traditionell als Gründung des Apostels Petrus angesehen wird und der Papst als Bischof von Rom direkter Nachfolger Petri ist.
Das Selbstverständnis als mit der Urkirche in ununterbrochener Tradition stehend ist keine römisch-katholische Besonderheit, auch andere christliche Konfessionen berufen sich auf diese Tradition. Inwiefern dieses Selbstverständnis berechtigt ist oder nicht, war lange Zeit Gegenstand polemischer Kontroversen unter den Konfessionen und ist heute ein wesentlicher Punkt des ökumenischen Dialogs.
Die Menschen der Antike liebten Fantasiegeschichten. Über Götter und Fabelwesen, über Ungeheuer und Kugelmenschen. In der Bibel geht es etwas anders zu. Mutter Gaia (Erde) hat es so gewollt. Sie reicht ihrem Sohn Kronos die Sichel. Der wartet, bis sich Vater Uranos (Himmel) bei seinem nächsten Liebesakt über die Gaia ausbreitet. Dann schwingt Kronos das scharfe Eisen und trennt Uranos' Penis ab. Im hohen Bogen fällt er zu Boden. Blut fließt auf die Erde. Ihm entsteigen die Erinnyen, die Rachegöttinnen.
Unmöglich, ohne jeden erzieherischen Wert fand der Philosoph Platon diese Erzählung! Der Mythos von Kronos wird sogar noch wüster. Später vergewaltigt er seine Schwester Rheia. Sie gebiert Kinder und setzt sie ihm auf die Knie. Doch er frisst sie alle auf. Ihr nächstes Kind, Zeus, versteckt Rheia auf Kreta und gibt Kronos stattdessen einen in Windeln gewickelten Stein zum Fraß. Zeus wächst heran, und schließlich besiegt er Kronos, der erst den Stein und dann die übrigen Kinder wieder ausspeien muss.
Erzählungen (griechisch: Mythen) wie diese dürften Unverständige und Kinder eigentlich gar nicht hören, lässt Platon seinen Lieblingsdenker Sokrates sagen. Wer genötigt werde, sie doch zu erzählen, dürfe nur wenige Zuhörer zulassen! Sie müssten Verschwiegenheit versprechen! Und geopfert haben, "und zwar nicht bloß ein Schwein, sondern ein großes und schwer zu erschwingendes Opfer - damit es möglichst wenige zu hören bekämen".
Dennoch nahmen Juden und Christen Platons Mythenkritik begeistert auf. Kein Wunder: Göttersagen wie die der alten Griechen gibt es in der Bibel nicht. Fabelwesen wie das Meeresungeheuer Leviathan und der Urdrache Rahab treten nur am Rande auf. Engel in Gestalt überirdischer Wesen kommen (abgesehen von den Legenden um Jesu Geburt) eher selten vor. Richtig fantastisch wird es erst in den Visionen der Propheten und apokalyptischen Seher. So sind eben Visionen.
Mythos heißt übersetzt Erzählung. Mythen sind Science-Fiction der Antike. Sie geben Einblicke in menschliche Abgründe. Sie erzählen von dem zu sinnlosem Tun verdammten Sisyphus und vom unausweichlichen Schicksal des Ödipus, der den Vater töten und die Mutter heiraten muss. Sie sind Konzentrate menschlicher Grenzerfahrungen - an keine historische Zeit gebundene, erdachte Geschichten.
In diesem Sinne sind die biblischen Erzählungen keine Mythen. Denn sie beanspruchen, erlebte Geschichte zu erzählen. Nicht wie Historiker sie heute erforschen: objektiv und auf nachprüfbare Fakten gestützt. Die biblischen Erzähler ergreifen Partei, sie belehren und bewerten, manche berichten von großen Verheißungen. Und was sie berichten, ist oft so von Legenden überwuchert, dass der historische Anlass kaum noch zu erkennen ist.
Mose führt ein riesiges Volk aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit und hält dabei einen Pharao mit seinem ganzen Heer zum Narren. Natürlich ist die Schilderung maßlos übertrieben, nichts davon findet sich in den ägyptischen Annalen wieder. Dennoch hatte sie aller Wahrscheinlichkeit nach ihren Ursprung in einer realen Begebenheit - als Gesetzlose und Sklaven dem Machtbereich des Pharaonenreiches entkamen.
Vvon einer traditionellen Bedeutung als Erzählung von Göttern, Heroen und anderen Gestalten und Geschehnissen aus vorgeschichtlicher Zeit bis hin zu Mythos als Berühmtheit, Objekt der Verehrung und Bewunderung, Ideal, Wunschbild, unzutreffendes, verklärendes Bild, Leitbild, politischer Glaube, Ideologie usw.. Mythos gehört − auch in der Bibelwissenschaft − noch immer zu den „slippery words“ Ziel bibelwissenschaftlicher Mythosforschung ist ein der Sprachwelt, der literarischen Art und Struktur, dem Inhalt und der Funktion biblischer Texte gemäßes Verstehen dessen, was in einem heutigen Verstehenshorizont − nicht schon im Sinne der primären Verfasser, ihrer Lebens- und Denkwelt bzw. ihrer Traditionen − als „mythische“ Phänomene und Dimensionen in biblischen Texten bezeichnet werden kann.
Doch lesen Sie selbst:
In göttlicher Mission
3000 Jahre Weltgeschichte zwischen Glaube, Mysterien, Liebe, Hoffnung, und Wissenschaft – Religion soll seit jeher eines: Halt geben. Woran sich der Mensch bindet, kann unterschiedlicher Natur sein; die Palette reicht von Götter- und Gottesvorstellungen über politische Weltbilder und zwischenmenschliche Beziehungen bis zum Kult und Materielles. Gibt es überhaupt jemanden, der an gar nichts glaubt? Ohne diesen Nihilismus gleich wieder zur Religion zu erheben? Das mag sich alles recht philosophisch anhören, daher ist es uns ein Anliegen, die Welt des Übernatürlichen greifbar zu machen: 3000 Jahre Geschichte ziehen in diesen Buch an uns vorüber, eine spannende Gratwanderung zwischen Theologie, Naturwissenschaft und übersinnlichen Phänomenen, ohne die keine Religion auszukommen scheint. Propheten, Wunder und Dämonen – wo kein Licht, da keine Dunkelheit. Wir pilgern nach Lourdes und durch das Alte Testament, wir zeigen was hinter Marienkult und der blutigen Stigmata an Fragwürdigen steckt. Aufschlussreiche Informationen in Zeiten, in den die Suche nach Gott boomt.
Begleiten Sie uns, verehrte Leserinnen und Leser auf diesem Weg. Lernen Sie die Legenden kennen und die Meinung der Wissenschaft. Wir wollen die Welt des Wissens um neue, faszinierende Perspektiven erläutern.
Der Begriff „Gott“ kommt aus dem althochdeutschen Begriff „ got: anrufen“, höchstes Wesen. Im Monotheismus ist Gott der Schöpfer der Welt, dem die Attribute Unendlichkeit, Unveränderlichkeit, Ewigkeit, Güte, Wissen (Allwissenheit) und Macht (Omnipotenz) zugeschrieben werden (Schöpfung). In vielen Religionen werden Gott menschliche Gefühle und Charaktereigenschaften zugesprochen wie Willen, Liebe, Zorn und Vergebung (Anthropomorphismus).
Der französische Philosoph, Mathematiker und Physiker Blaise Pascal (1623-1662) vertrat die Ansicht, dass der Mensch nur mit Hilfe der intuitiven Logik des Herzens (Logique du coeur) dazu in der Lage sei, Gott zu erfassen.
Blaise Pascal stellte den „Gott der Philosophen” als bloße abstrakte Idee dem „Gott des Glaubens” als einer erfahrbaren, lebendigen Realität gegenüber. Nikolaus von Kues war der Überzeugung, dass Gott nur durch mystische Vereinigung erfasst werden könnte und betonte das „Zusammenfallen der Gegensätze” in Gott.
Søren Kierkegaard verstand Gott als „Paradoxon”. Der Theologe Paul Tillich bezeichnete Gott als „Seinsgrund” und als „das, was uns unmittelbar angeht”. Gott wird einerseits als transzendent (übersinnlich) betrachtet, wobei sein Anderssein, seine Unabhängigkeit von der Weltordnung und seine Macht über die Weltordnung betont werden. Andererseits wird er als immanent angesehen, d. h. er ist in der Welt gegenwärtig und greift in das Weltgeschehen ein (siehe Theismus, Deismus). Während die monotheistischen Religionen Gott als den Einen verehren, als das höchste Wesen, das alle Dinge umfasst, geht der Polytheismus von einer Vielzahl verschiedener Götter aus.
Das Judentum, das Christentum und der Islam, die auf die Tradition des Alten Testaments zurückgehen, glauben an den einen personalen und transzendenten Gott.

Michelangelo: Die Erschaffung Adams Michelangelo malte seine Erschaffung Adams 1510. Sie ist Teil seiner Ausschmückung der Sixtinischen Kapelle
Im Alten Testament ist die Welt nicht die Emanation Gottes, sondern das Produkt seines Willens. Da Gott nicht erfasst werden kann, ist es verboten, sich ein gegenständliches Bild von ihm zu machen. Obwohl Gott nicht der Welt angehört, trägt er menschliche Züge: Er macht Versprechungen und spricht Drohungen aus, er empfindet Zorn und sogar Eifersucht. Als seine wesentlichen Merkmale werden jedoch Gerechtigkeit, Gnade, Wahrheit und Beständigkeit angesehen, wobei er metaphorisch als König, Richter und Hirte bezeichnet wird. Darüber hinaus ist Jahwe ein lebendiger Gott, dessen Einzigartigkeit in dem Gebot „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!” zum Ausdruck kommt.
Der Gott, zu dem Jesus betete, war der Gott des Alten Testaments. Während seines Lebens wurde Jesus vermutlich als heiliger Mann angesehen, aber bereits im 1. Jahrhundert erhoben ihn die Christen in die göttliche Sphäre. Da dies zu Spannungen mit der jüdischen monotheistischen Tradition führte, entstand die Lehre vom dreieinigen Gott, der Trinität. Der Gott des Alten Testaments wurde für die Christen der Vater, während Jesus selbst, der Christus, als der fleischgewordene Sohn bzw. als das fleischgewordene Wort (Logos) gesehen wurde, als die Manifestation Gottes innerhalb der endlichen Ordnung. Der Heilige Geist, der seinen Ursprung nach der westlichen Kirche in Vater und Sohn hat, für die Ostkirche jedoch nur im Vater (siehe Filioque), ist die immanente Präsenz und Tätigkeit Gottes in der Schöpfung. Die christliche Theologie spricht zwar von den drei „Personen” der Dreieinigkeit, bezeichnet damit jedoch die drei Seinsarten des einen Gottes.
Von den drei auf dem Alten Testament basierenden Religionen ist der Monotheismus im Islam am stärksten ausgeprägt. Wie den Juden so ist es auch den Muslimen verboten, Gott in irgendeiner Form abzubilden. Die zentrale Aussage des Islam lautet: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet.” Allah besitzt sieben elementare Attribute: Leben, Wissen, Macht, Wille, Gehörsinn, Gesichtssinn und Sprache, wobei die letzten drei nicht in anthropomorphem Sinne zu verstehen sind.
Sein Wille ist absolut, und alles, was geschieht, ist durch ihn vorherbestimmt. „Im Anfang war das Wort“, heißt es im Johannesevangelium, „und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Der Glaube ist so alt wie Sprache und Verstand. Ist Religion also ein angeborenes Streben nach Erkenntnis?
Bei den alten Griechen war alles noch übersichtlich: Im Himmel saßen Götter mit menschlichen Eigenschaften, die zur Jagd und manchmal mit verheirateten Damen fremd gingen, die sich liebten und hasten, von schönen, manchmal auch hässlichem Aussehen waren. Die Unsterblichen wohnten dem Olymp, dem höchsten Berg Griechenlands, waren verantwortlich für Böses und Gutes, das sich auf der Erde ereignete, für Blitz und Donner, aber auch für fruchtbaren Boden. Und die Sterblichen auf der Erde konnten sich in ihnen wiedererkennen.
Heule kümmert sich auf unserem Planeten ein einziger Gott um mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung - seien es Christen, Moslems oder Juden. Dieser „Gott“ (Christentum), „Allah“ (Islam) oder „Jahwe“ (Judentum) ist allwissend, weise und gütig, kann aber auch zornig werden, wenn der Mensch noch andere Gottheiten verehrt oder seine Gebote missachtet. Er ist ein „eifersüchtiger Gott“, wie er von sich im Zweiten Gebot sagt. Er hat die Welt erschaffen, die Natur, die Tiere und den Menschen.
Doch dieser Gott ist unsichtbar, er hat keine Gestalt und keinen Wohnsitz. Ob er, wie der griechische Göttervater Zeus, Sturmfluten und Sonnenschein erzeugt. Glück und Elend über die Menschen bringt, weiß man nicht so recht. Man muss dennoch an ihn glauben, denn Gott existiert in den Köpfen vieler Gläubiger.

Göttervater: Auf dem Gemälde "Jupiter und Thetis“ (1811, von Jean-Auguste-Dominique Ingres) bittet die Meeresnymphe Thetis den obersten Gott um Waffen für ihren Sohn Achilles - der sterbliche Halbgott spielt in der griechischen Mythologie eine entscheidende Rolle im Trojanischen Krieg. Nach der Eroberung Griechenlands durch die Römer übernahmen diese viele Elemente der antiken hellenischen Kultur - so betrachtete man den römischen Jupiter als identisch mit dem griechischen Zeus
Seit der Mensch existiert, beschäftigen ihn diese grundlegenden Fragen: Woher komme ich, wohin gehe ich, gibt es ein Paradies, gibt es eine Hölle? Was geschieht nach dem Tod? Gibt es ein Weilerleben danach? Hat der Mensch eine Seele? Diese Fragen verunsichern und ängstigen. Der Mensch sucht deshalb nach einem Halt, nach jemandem, der ihm Erklärungen bietet. Hier setzt die Religion an - ob christlich, jüdisch, islamisch, hinduistisch, buddhistisch oder konfuzianisch.
Generationen von Naturwissenschaftlern, Philosophen und Theologen haben sich mit diesem Thema beschäftigt. Seit Charles Darwin (1809 - 1882) seine Evolutionstheorie aufstellte, scheint zumindest die Herkunft des Menschen geklärt: Er ist ein naher Verwandter des Affen. Der Religionswissenschaftler Peter Antes zieht ein Resümee:

Gottvater: Dem Alten Testament zufolge gibt es nur noch einen Gott, der die Welt und die Menschen wie ein Handwerker nach seinem Bilde schuf und diesen dann Leben einhauchte. Das Bild zeigt „Die Erschaffung Adams“ (1511/12) von Michelangelo Buonarroti - Ausschnitt aus einem Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan
„Die Wissenschaft hat den Menschen vom Gefühl der Angst und des Ausgeliefertseins befreit, und der Glaube an etwas Höheres scheint für viele in Mitteleuropa erloschen zu sein (...}. Religion und die Hinwendung zu Gott beschränken sich somit (...) auf Grenzsituationen des menschlichen Daseins, auf Situationen von unheilbarer Krankheit. Todesnähe oder Tod sowie auf Naturkatastrophen, schwere Unfälle oder Verbrechen, die den Menschen die Sprache verschlagen. In solchen Fällen bieten oft Religionen ihre Dienste an.“
Mittlerweile haben sich auch Hirnforscher der Sache angenommen: Vielleicht kann man ja eine biologische Erklärung für das Phänomen „Glauben“ finden. Der gebürtige Inder und Neurologe Vilayanur Ramachandran, der an der University of California lehrt, ist sicher, ein „Gottesmodul“ im menschlichen Gehirn gefunden zu haben. Beim Meditieren, das scheint erwiesen, werden bestimmte Bereiche der Schläfenlappen im Gehirn stärker als üblich aktiviert. Das Überraschende: Die Wissenschaftler stellten diese Hyperaktivität sowohl bei buddhistischen Mönchen als auch bei katholischen Nonnen fest, wenn sie meditierten oder beteten.
Ramachandran hat auch herausgefunden, dass in Momenten der Meditation oder des intensiven Betens die Gehirnfunktionen jenen ähneln, die ein Epileptiker bei einem Anfall hat. Viele derart Erkrankte sprechen von “Visionen“ die sie „gesehen“ und empfunden haben. Dies wäre auch eine Erklärung dafür, warum manchen Gläubigen die Muttergottes erschienen ist oder Heilige zu ihnen gesprochen haben. Und wenn jemand „im Gebet versunken“ ist so befindet er sich wohl in einem tranceähnlichen Zustand.
Martin Urban legt die Erkenntnisse der Forscher so aus: „Unser Weltbild hat also sehr viel mit den natürlichen Funktionen unseres Gehirns .zu tun. Denn im Menschen ist beides angelegt, sowohl das Bedürfnis zu beobachten als auch das Bedürfnis zu interpretieren. Beides gilt sowohl für den Blick nach außen wie für den nach innen. Der Mensch will die Welt verstehen und sich selbst (...). Er sucht also Antworten auf die Frage nach dem Warum und damit nach dem Sinn seines Lebens.“

Lebenslust: In einem fantastischen Götterhimmel schwelgen die „obersten Zehntausend“ bei reichlich Speis und Trank in ihrem antiken Paradies. So stellte sich zumindest der Maler Giulio Romano um 1532 das "Bankett der Götter“ vor (Fresko im Palazzo del Te in Mantua). Für die alten Griechen hatten die Unsterblichen oft sehr menschliche Eigenschaften; sie konnten so zornig, eifersüchtig, missgünstig, aber auch liebend und mildtätig sein wie ihre sterblichen Spiegelbilder auf Erden. Die Götter wohnten auf dem Olymp und waren für Glück und Unglück der Menschen verantwortlich
Während bei Ägyptern, Griechen und Römern noch viele Götter für alles zuständig waren, was an guten wie schlechten Dingen passierte, ist es erstmals bei der Religion der Israeliten und später der Juden nur ein Gott. Diese Glaubensausrichtung geht auch auf das Christentum und den Islam über. Neu ist die „Erfindung“ der Israeliten allerdings nicht: In ihrer Religion finden sich Elemente, die wohl aus Ägypten und Persien stammen. Unter Pharao Echnaton (1353 - 1336 v.Chr.) entstand zum Beispiel am Nil ein kurzlebiger Ein-Licht-Gott-Kult, und in Persien predigte Zarathusura (um 630 – 553 v. Chr.) eine stark monotheistisch geprägte Religion. Diese Ein-Goll-Religion mache das Glauben noch schwieriger, ja komplizierter. Der „Herr“, der nicht fassbar ist, macht Dinge, die gut, aber oft auch böse sind. Da er der einzige Gott ist, gibt es außer den Christen nur noch Heiden: der Islam unterscheidet zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Noch heute meinen viele Christen, die Nicht-Christen bekehren zu müssen - wobei oft die indigene Kultur der „Heiden“ auf der Strecke bleibt.
Manchmal, so scheint es, kann man an Gott verzweifeln oder ihn in Frage stellen. Denn er verlangt viel von seinen Gläubigen. "Der Priester“, schrieb der Atheist und Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 - 1900), „herrscht durch die Erfindung der Sünde.“
Dazu hat der Gott der katholischen Kirche ein Sündenregister parat:
Es gibt schwere Vergehen (Todsünde) und leichtere (lässliche Sünde). Bei den Ersteren droht dem Verstorbenen die Hölle, wo man, so die Vorstellung im Mittelalter, unsäglichen Qualen ausgesetzt ist. Die "lässlichen Sünden“ muss der Katholik im „Fegefeuer“ büßen. Ähnliches kennt auch der Protestantismus. Alle Sünden können aber schon im irdischen Leben vergeben werden - heute geschieht das durch die Beichte beim Geistlichen. Doch das war nicht immer so: Den Erlass der Sündenstrafen konnte der Sündige lange Zeit auch durch die Zahlung von Geld erlangen. Der besonders in der Renaissancezeit ausgeprägte Ablasshandel (zur Finanzierung des Neubaus der Peterskirche in Rom) führte letztlich zur Reformation.
Das Sündenverständnis hat auch mit Sexualität zu tun, glauben die Wissenschaftler herausgefunden zu haben. Dazu Martin Urban: „Das Christentum hat wie das Judentum (...) und der Islam die orientalisch-patriarchalische Gesellschaftsstruktur übernommen, und dies, obwohl es in der christlichen Urgemeinde zunächst anders aussah und Jesus selbst die Vorurteile seiner Zeit gegen Frauen nicht hegte. Das Herrschaftsinstrument „Sünde“, mit dem die Gläubigen in Angst gehalten werden sollen, wird deshalb in den monotheistischen Religionen bis heute vorzugsweise von Männern und auf die Sexualität bezogen definiert.“
Festzustellen bleibt, dass die katholische Kirche ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität hat. Da gibt es einmal die Lehre von Maria, die als Jungfrau ihren Sohn empfangen und geboren hat. Das muss man als Katholik glauben, ob einem das als absurd erscheint oder nicht. 1854 legte dies Papst Pius IX. in einem Dogma fest. Dogmen sind in der katholischen Kirche unumstößliche Glaubensgrundsätze. 1870 beschloss derselbe Papst in einem weiteren Dogma die Unfehlbarkeit des Papstes, wenn er in höchster Lehrgewalt spricht und entscheidet.

Christophorus mit dem Jesuskind auf der Schulter ist der Schutzheilige der Reisenden (Mitteltafel eines Triptychons von Hans Memling, 1484). Die Heiligenverehrung ist im Volk beliebt
Und dann gibt es noch die Heiligen, die Mittler und Fürsprecher hei Gott sein sollen. Der Islam kennt Märtyrer, denen die Aufnahme in das Paradies garantiert ist. In der katholischen Religion gibt es lausende von Märtyrern, Heiligen und Seligen, sie alle hüben entweder Wunder vollbracht oder sich für ihren Glauben geopfert. Viele von ihnen sind für irdische Probleme zuständig: Christophorus beschützt die Reisenden und die Autofahrer, Florian soll Brandkatastrophen verhindern. Hubertus ist der Heilige der Jäger, und Nepomuk kümmert sich um die Brücken. Papst Johannes Paul II.
der medienbewusste Prediger aus Polen, hat allein in seiner Amtszeit 482 irdische Frauen und Männer zu Heiligen erhoben - so viele wie noch kein Pontifex vor ihm.
Wer einmal im bayerischen Wallfahrtsort Altötting gewesen ist und dort all die weggeworfenen Krücken, Prothesen und Votivtafeln bestaunt hat - auf Letzteren wird oft in einfacher, fast kindlicher Sprache beschrieben, wie sieh das „Wunder" der Heilung ereignete, kommt unweigerlich ins Grübeln. Warum lässt Gott Nebengeschäfte zu, bei denen geweihtes Wasser, Amulette und Muttergottesfiguren an die Gläubigen verkauft werden und für einen guten Umsatz ähnlich dem Ablasshandel sorgen? Warum hat er seinen Sohn Jesus nicht erneut zum Ausmisten dieses Tempels geschickt?
Reliquien werden verehrt, Bruchstücke von Knochen oft, Fetzen von Tüchern, Teile von Holzkreuzen, an denen Märtyrer starben - gibt es also neben dem christlichen Gott noch andere Personen und Dinge, die man verehren kann? Götzen etwa im Sinne der Bibel?
Jungfrau Maria, der Heilige Geist, das Paradies, die Hölle, die Sünden, die Auferstehung, Heilige - der gläubige Katholik scheint viel Geisteskraft und Fantasie zu benötigen, um all das auf einen (irdischen) Nenner zu bringen. Glauben, ohne etwas beweisen zu können, ist das Grundprinzip der Ein-Gott-Religionen. Das ist wie mit dem „Urknall“, der das Universum, so erklären es uns die Astrophysiker, hat entgehen lassen. Viele glauben daran, ohne die Zusammenhange überhaupt verstehen zu können. Warum soll man also nicht auch glauben, dass ein Gott in sieben Tagen unsere Erde geschaffen hat?
Der protestantische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, er wurde noch kurz vor Kriegsende am 9 April 1945 im KZ Flossenburg von den Nazis ermordet, schrieb in einem Brief aus dem Gefängnis: „Die Religiösen sprechen von Gott, wenn menschliche Erkenntnis (manchmal schon aus Denkfaulheit) zu Ende ist oder wenn menschliche Kräfte versagen - es ist eigentlich immer der Deus ex machina, den sie aufmarschieren lassen, entweder zur Scheinlösung unlösbarer Probleme oder als Kraft bei menschliche tu Versagen ...“
Gott also als Problemlöser für alles. Sollten Sie aber einmal mit der Problemlösung von Gott nicht einverstanden sein und wollen ihn verklagen, dann denken Sie daran, dass er keine ladefähige Anschrift besitzt.
Wenn die Mutter Gottes zu den Menschen spricht
Maria kann theoretisch jeden erscheinen – ob Aposteln, Ordensfrauen oder Teenagern. Doch nicht nur die Menschen, auch die Orte an denen sie den Sterblichen Botschaften übermittelt, verändern sich. Wir stellen ein Wunder auf den Prüfstand, an das noch heute viele Christen glauben wollen.

Maria fährt zum Himmel. Gemälde von Mateo Cerezo (1626 -1666)
Medjugorje, 26. Juni 1981. Heiß ist es in Jugoslawien. Seit zwei Tagen soll hier an einem Berg einigen Jugendlichen die Jungfrau Maria erscheinen. Das zieht viele Dorfbewohner an. Sie sei gekommen, um die ganze Welt zu bekehren und zu versöhnen, soll die Gottesmutter zu der 15-jährigen Ivanka sagen. Die Menge, die das Wunder weder sieht noch hört, fordert ein Zeichen. Das lehnt die Jungfrau mit den Worten „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“ ab. Am Ende fügt sie noch hinzu:
„Macht Frieden mit Gott, macht Frieden untereinander. Dazu müsst ihr glauben, beten, fasten und beichten.“
Was ist hier passiert? Erscheint Maria tatsächlich noch 2000 Jahre nach ihrem irdischen Leben? Wem und warum? Welche Botschaft bringt sie? Was sagen Skeptiker zu solchen mysteriösen Vorgängen. die jährlich Millionen Menschen an Orte wie Lourdes, Fatima oder Medjugorje pilgern lassen? Und wer war eigentlich Maria? Über ihre Vorgeschichte berichtet die Bibel nichts, dafür liefert das Protoevangelium des Jakobus aus dem 2. Jahrhundert eine Legende:
Marias Eltern Anna und Joachim waren lange kinderlos, was in jener Zeit als „Fluch“ angesehen wurde. Deshalb wies der Hohepriester Joachims Altaropfer zurück. Schließlich verkündete ein Engel dem Paar doch noch Nachkommen. Maria wurde geboren. Im Neuen Testament erfahren wir, dass Maria, als sie schon mit Josef verlobt war, der Engel Gabriel erschien. Er sagte: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir.“ Sie erschrak, doch der Engel sprach weiter: „Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade vor Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, den sollst du Jesus nennen. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David (Bezug auf die Offenbarung des Johannes 22,16; Jesus sagt hier: >Ich bin die Wurzel und der Stamm Davids<) geben, und er wird über das Haus Jakob (das Volk Israel; d. A.) ewig König sein und sein Reich kein Ende haben.“
Maria fragte, wie das geschehen solle. „Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten: darum wird auch das Kind heilig genannt werden und Gottes Sohn“, erklärte der Engel (Lukas 1, 26-38). Maria brachte Jesus in einem Stall in Betlehem zur Welt, danach spielte sie keine große Rolle mehr. Am Ende, kurz vor der Kreuzigung, entdeckte Jesus seine Mutter „und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte“. Er sprach noch einmal kurz mit Maria, auf Johannes weisend: „Siehe, dies ist dein Sohn.“ Danach sagte er zu dem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter.“ Und von der Stunde nahm sie der Jünger zu sich (Johannes 19,25- 27). Der Überlieferung nach ging Maria mit Johannes nach Ephesus, heute ein Ruinenfeld beim türkischen Selcuk. Eine andere Geschichte sagt, dass sie in Jerusalem blieb. Beide Orte werden als ihre Sterbeorte verehrt. In Ephesus soll sich ihr letztes Wohnhaus befinden, das die selige Anna Katharina Emmerick (1774-1824) „geschaut“ hat. Tatsächlich fand man bei Ausgrabungen eine Ruine, die der Beschreibung in etwa entsprach.
War Maria wirklich eine Jungfrau? Wozu wird dann Josefs Ahnenreihe im Neuen Testament aufgezählt? Und warum ist in den alten Fassungen der Bibel noch von „Geschwistern Jesu“ die Rede? Streitbare Theologen wie Gerd Lüdemann vertreten die Auffassung, dass Jesus aus einer vorehelichen Zeugung stamme, vielleicht sogar aus einer Vergewaltigung. Die Bibel liefert keine Aussagen dazu. Matthäus verweist zwar auf Jesaja 7,14, als er schildert, wie ein Engel Josef davon überzeugte, die schwangere Maria nicht zu verlassen (Matthäus 1. 18-25).
Dort steht aber ursprünglich gar nichts von einer Jungfrau, sondern es heißt, „eine junge Frau (hebr. alma) wird schwanger werden und einen Sohn gebären und ihn Immanuel nennen“. Erst in der griechischen Bibelübersetzung „Septuaginta“ aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., die Matthäus benutzt hat, wird das hebräische Wort alma mit parthenos (Jungfrau) übersetzt. Doch das, worauf es ankommt, ist etwas anderes, erklärt der Theologe Wolfgang Beinert: „Der Sohn Gottes wird ohne Zutun eines Menschen geschaffen. Maria ergreift die Hand, die sich ihr bietet. Die Erlösung kommt rein von Gott her. Es handelt sich um eine Neuschöpfung in Solidarität.“ Dafür ist die Vorstellung von der Jungfrauengeburt natürlich wichtig.
Übrigens war sie in der Antike nicht unüblich. Auch Kaiser wie Alexander oder Augustus sollen von Göttern abstammen. Die katholische Kirche trieb diesen Gedanken aber noch weiter. Maria soll selbst unbefleckt empfangen worden, vor, während und nach der Geburt von Jesus jungfräulich geblieben und leiblich auferstanden sein.
Damit war sie keine „normale“ Frau mehr. Reiner als alle anderen sollte sie sein, frei von der Erbsünde, die Eva, die Urmutter aller Menschen, in die Welt gebracht hat. Symbolisiert wird das auf Bildern häufig durch ihre Kleidung, die blau wie der himmlische Gott oder weiß wie das Licht ist, das für Reinheit und Vollkommenheit steht. Maria ist die wichtigste Heilige der katholischen Kirche. In der Position der „Himmelskönigin“ trägt sie sogar Züge einer Göttin.

Zum ersten Mal erschien Maria (noch zu ihren Lebzeiten) angeblich 41 n. Chr. im spanischen Saragossa auf einer Säule. Sie beauftragte dort den Apostel Jakobus mit dem Bau einer Kirche (Gemälde von Nicolas Poussin, 1629/30)
Psychoanalytiker wie C. G. Jung sahen sie als Archetypen der Mutter, zu dem auch heidnische Göttinnen wie Isis und Astarte gehören. Der Mutterarchetyp steht für die Vorstellung einer gebärenden, beschützenden Frau, hat aber auch negative Aspekte in Form der verschlingenden Mutter.
Dazu der Mariologie Wolfgang Beinert: „Analogie ist nicht gleich Genealogie. Maria weist zwar Ähnlichkeiten mit Isis auf, ist aber nicht aus ihr hervorgegangen. Mütterlichkeit und Fruchtbarkeit waren für die Menschen zu jeder Zeit wichtige Themen. (...) Sie ist aber keine Göttin, sondern ein Mensch. Die Verehrungsformen sind nicht unähnlich, weil wir nicht so viele Möglichkeiten haben, unsere Liebe zu jemandem auszudrücken.“
Spätestens seit dem frühen Mittelalter wurde Maria um Fürbitte gebeten. Wallfahrten, Wunder und Reliquienkult waren wichtige Elemente der Volksfrömmigkeit. Als Madonna mit dem Christkind tröstete Maria junge Mütter, als Pieta mit dem toten Jesus auf dem Schoß alle Leidenden. Unter ihrem weiten Mantel barg sie als „Schutzmantelmadonna“ die Gläubigen. Wunder sind in Zusammenhang mit ihr dann keine Seltenheit mehr, wenn man etwas nachhilft.
Die schwarze Madonna von Tschenstochau soll bei einem Schwedenüberfall auf Polen 1655 die Geschosse der Angreifer abgelenkt haben. Zum Dank ernannte der polnische König Johann II. Kasimir Maria zur Patronin des Landes.
An Wallfahrtsorten wie etwa Altötting finden sich besonders zu den Marienfesten viele Pilger ein: Am 8. September wird die Geburt Marias gefeiert, die Verkündigung der Empfängnis am 25. März und Marias Tod und ihre Himmelfahrt am 15. August. Orte, an denen man Wunder erlebt haben will, konkurrieren um die Gunst der Pilger mit Orten, an denen Maria selbst erschienen sein soll. Oft mischt sich auch beides.
Weit über 900 Erscheinungen soll es in den letzten 2000 Jahren gegeben haben, und es werden immer mehr: Allein im 20. Jahrhundert soll Maria 455 Mal gesichtet worden sein. Sie erschien nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika, Asien und Amerika. Allerdings ist eine entsprechend geprägte Umgebung dafür notwendig. Genauer: Die „Seher“ sollten römisch-katholisch, orthodox oder koptisch orientiert sein.

Ekstatische Jungfrau: Die Ordensschwester Anna Katharina Emmerick (1774-1824) durchlitt 12 Jahre Iang jeden Freitag den Leidensweg Christi, bekam die Wundmale Jesu und hatte Visionen - auch zur Gottesmutter Maria. Gemälde von Gabriel Cornelius von Max, 1885
In Guadalupe in Mexiko soll Maria sich 1531 dem Indio Juan Diego auf dem Berg Tepeyac gezeigt haben. Als er daraufhin zum Bischof ging, entstand auf seinem Mantel auf unerklärliche Weise ein Bild Marias. Der Mantel ist noch erhalten, Guadalupe wurde einer der größten Marienwallfahrtsorte der Welt. 1968 soll Maria über der koptisch-orthodoxen Kirche von AI-Zeitun am Rande von Kairo erschienen sein.
Hunderttausende Menschen waren Zeugen der Lichtzeichen am Himmel. 1973 soll sie der Novizin Agnes Sagasawa in Akita in Japan mehrere Botschaften überbracht haben. Zum ersten Mal hat Maria 41 n. Chr. dem Apostel Jakobus in Spanien eine Nachricht übermittelt, so die Legende. Sie thronte in Saragossa auf einer Säule und trug ihm auf, eine Kirche zu errichten. Zu dieser Zeit lebte Maria allerdings noch in Jerusalem oder Ephesus. Die Erscheinung weist jedenfalls auf die Umstände hin, unter denen Maria in den nächsten 1700 Jahren meistens auftauchen sollte: Es ging in ihren Botschaften um die Gründung von Kirchen, Kapellen, Klöstern und Orden. In vielen Fällen erschien sie Männern, oft waren es Kleriker. Im Jahr 1110 bewegte sie Bernbard von Clairvaux, sich dem spirituellen Leben zu widmen. Thomas Becket verkündete sie seinen Märtyrertod. Sie unterstützte Dominikus bei der Ordensgründung der Dominikaner und im Kampf gegen die Katharer. Bis heute verbreitet der Orden besonders das Rosenkranzgebet, das Maria als Waffe gegen die Feinde des wahren Glaubens empfohlen haben soll.
Ab Mitte des 13. Jahrhunderts erschien Maria zunehmend Frauen, vor allem Nonnen, die später als Mystikerinnen in die Geschichte eingingen. 1250 besuchte sie Mechthild von Hackeborn und später ihre Schwester Gertrud, die beide im Zisterzienserinnenkloster in Helfta (bei Eisleben) lebten. Maria versprach dem, der sie mit den Worten „0 strahlende Lilie der Dreifaltigkeit, 0 hellglänzende Rose der himmlischen Anmut“ begrüßte, dass sie ihm bei seinem Tod Trost gewähren wolle. Birgitta von Schweden sagte sie über das Letzte Gericht: „Wehe den sich Verhärtenden! Barmherzigkeit für alle, die sich demütigen!“

Die schwarze Madonna im bayerischen Altötting kennt das Geheimnis der Gnade. Die 64 Zentimeter hohe, gotische Statue aus Lindenholz ist das Kultobjekt von Deutschlands größtem Marienwallfahrtsort. Papst Benedikt XVI. betete hier 2006 - und legte seinen Bischofsring vor der Figur nieder
Später erschien Maria immer häufiger Frauen und Kindern aus dem einfachen Volk, die Marias Worte meist in einer Art Trancezustand empfingen. Ihre Botschaften veränderten sich: War sie vorher eher eine geduldige Trösterin, warnte sie nun vor drohenden Katastrophen.
Der Theologe Beinert erklärt das so: „Die Französische Revolution war ein großer Schock für die Gläubigen. Dass Gott so etwas zuließ, so meinte man, würde darauf hindeuten, dass die Endzeit angebrochen sei. Es gab wirtschaftliche Krisen, dazu kam ein zunehmender moralischer Verfall. Die Ängste wurden auf die Erscheinungen projiziert. Hilfreich war, dass man den Eindruck hatte, doch etwas tun zu können. Wenn genügend Buße geleistet würde, könnte Maria Gott noch in den Arm fallen.“
Populär wurde eine Erscheinung nur, wenn sie auf ein Umfeld stieß, das den Botschaften Marias gegenüber aufgeschlossen war. Der Historiker David Blackbourn verweist auf ein Schema, nach dem die neuzeitlichen Erscheinungen verlaufen: Eine ungebildete Seherin aus dem Volk, die mit Armut. Krankheit oder Vernachlässigung konfrontiert ist, bekommt eine Botschaft mitgeteilt. Es fließt Heilwasser, und ein Heiligtum soll gebaut werden, gleichzeitig kommt es zu feindseligen Reaktionen der Zivilbehörden und des Ortspfarrers. Dennoch pilgern immer mehr Menschen zu dem Ort, Wunderheilungen geschehen und schließlich wird ein offizieller Kult eingerichtet.
Diesem Muster entspricht Lourdes, das im Jubiläumsjahr 2008 sechs Millionen Pilger erwartet. Maria begegnet einem in dieser kleinen Stadt in den Pyrenäen auf Schritt und Tritt. Heiligenbilder, Figuren in allen Größen und Rosenkränze gibt es an jeder Ecke. Der Ort lebt von den Menschen, die darauf hoffen, hier Heilung zu erlangen. 67 anerkannte Wunderheilungen sind verzeichnet, und viele Menschen empfinden eine deutliche Besserung ihrer Beschwerden nach einem Besuch in Lourdes. Dazu Beinert: „Heute weiß man von den psychosomatischen Ursachen vieler Krankheiten. Wenn jemand sich nun von Gott angenommen fühlt, kann es sein, dass seine Symptome verschwinden. Biblisch betrachtet kommt es auf die körperliche Gesundung aber gar nicht an. Jesus sagte mehrfach nach Heilungen: >Dein Glaube hat dir geholfen.< Das Wunder ist ein Appell an den Glauben, ein Zeichen Gottes.“
Begonnen hat alles damit, dass Maria der 14-jährigen Bernadette Soubirous (1844-1879) vom 11. Februar bis zum 16. Juli 1858 insgesamt 18 Mal in der Grotte von Massabielle erschienen sein soll. Bernadettes Familie war sehr arm. Das Kind, das unter Asthma litt, suchte mit anderen Kindern Holz, als es beim Durchqueren eines Baches etwas Ungewöhnliches entdeckte: „Ich sah eine weiß gekleidete Dame: Sie trug ein weißes Kleid und einen weißen Schleier, einen blauen Gürtel und auf jedem Fuß eine gelbe Rose“, erzählte sie später. Diese schaute sie lange an und bedeutete ihr, den Rosenkranz zu beten, Dann verschwand sie.
Immer mehr Gläubige begleiteten Bernadette zur Grotte. „Buße! Buße! Buße! Beten Sie zu Gott für die Sünder! Küssen Sie die Erde zur Buße für die Sünder!“, forderte die „Dame“ von Bernadette; und eine Kapelle wünschte sie sich auch an diesem Ort.
Später sollte das Mädchen das schlammige Quellwasser trinken, was sie tat. Die Quelle floss immer stärker und sprudelt mittlerweile mit 122400 Litern pro Tag. Analysen haben nichts Besonderes ergeben, aber das Wasser hat Trinkwasserqualität.
Schon am 26. Februar 1858 geschah das erste Wunder: Ein Steinbrecher wurde von einem Augenleiden befreit. Der Ortspfarrer hielt Bernadette zunächst für verrückt. Doch nachdem die „Dame“ auf Bernadettes Frage nach ihrem Namen „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“ geantwortet hatte, änderte er seine Auffassung. Papst Pius IX. hatte 1854 das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis verkündet, was Bernadette nicht wissen konnte. 1862 erkannte auch der zuständige Bischof die Erscheinung als echt an. Bernadette trat in ein Kloster ein. Sie hat von dem heilsamen Ort wenig profitiert. Nach einem Leben voller Krankheiten starb sie im Alter von nur 35 Jahren. Wahrscheinlich war das viele Wasser aus der Quelle doch nicht so gut. Aber wie viele Heilige vor ihr hat sie ihr Leid klaglos ertragen. Schließlich halle ihr die „Dame“ versprochen, sie nicht „in dieser Welt glücklich zu machen, wohl aber in der anderen“.
Die Botschaft von Lourdes kam der katholischen Kirche recht, bestätigte sie doch das Dogma von der „Unbefleckten Empfängnis“. Mit Papst Pius IX. brach das „Marianische Zeitalter“ an, das mit dem Dogma von der leiblichen Auferstehung Marias von Papst Pius XII. 1950 endete. Es war ein Kampf gegen die Säkularisierung der Gesellschaft, die Trennung von Staat und Kirche. Im 20. Jahrhundert kam auch noch der Kommunismus hinzu.
Vielleicht ist es so zu erklären, dass auch die apokalyptischen Botschaften der Erscheinungen von Fatima in Portugal kirchlich anerkannt wurden. Drei Hirtenkinder, Jacinta, Francisco Marto und Lucia dos Santos, sahen am 13. Mai 1917 auf freiem Feld die Jungfrau Maria. Sie sagte: „Betet, betet viel! Bringt ständig dem Allerhöchsten Gebete und Opfer dar. Bringt alles, was ihr könnt, Gott als Opfer dar, als Akt der Wiedergutmachung für die Sünden, durch die er verletzt wird und als Bitte um die Bekehrung der Sünder.“ Maria befahl ihnen, am 13. jeden Monats wieder hierher zu kommen. Die Kinder folgten der Aufforderung, und jedes Mal wurden sie von mehr Gläubigen begleitet. Insgesamt soll es hier sechs Erscheinungen gegeben haben. Am 13. Oktober beobachteten Zehntausende das „Sonnenwunder“, bei dem sich die Sonne zu drehen schien. Maria forderte, dass hier eine Kapelle zu ihrer Ehre erbaut werden sollte.

Mit Marienvisionen machte die Müllerstochter Bernadette Soubirous (Foto) im Jahr 1858 Lourdes zum Wallfahrtsort. Bis zu sechs Millionen Besucher pilgern jährlich durch die südfranzösische Stadt, die mit ihren Läden zum Shopping von religiösem Kitsch und Devotionalien einlädt. Erstaunlich, wie leicht man den Leuten das Geld herauslocken kann
Außerdem offenbarte sie den Kindern ein dreiteiliges Geheimnis. Der dritte Teil wurde erst im Jahr 2000 von Papst Johannes Paul II. veröffentlicht. Die Kinder hatten zunächst eine Höllenvision, dann prophezeite Maria einen großen Krieg, sofern keine „Andacht zu ihrem Unbefleckten Herzen“ begründet und Russland bekehrt würde. In der Tat brach im erwähnten Zeitraum der Zweite Weltkrieg aus. Im dritten Teil des Geheimnisses sahen die Kinder, wie der Papst durch eine zerstörte Stadt ging und versuchte, die Seelen der Getöteten zu retten. Am Ende wurde auch er, wie viele andere Kirchenleute, umgebracht. Papst Johannes Paul II. und Schwester Lucia, die dann als Nonne in einem Kloster lebte, deuteten die Vision als den Kampf des atheistischen Kommunismus gegen die Kirche, der dritte Teil soll sich auf das Papstattentat 1981 beziehen.
Zumindest für das „Sonnenwunder“ gibt es eine naturwissenschaftliche Erklärung, die der Wissenschaftsjournalist Bernd Harder erläutert: „Wegen der auch durch Dunst noch enormen Helligkeit der Sonnenscheibe versucht das Auge, ihr ständig auszuweichen. Dadurch scheint sich die Sonne zu bewegen. Das Sonnenwunder ist also nichts anderes als ein autokinetischer Effekt, der durch die Augenbewegungen entsteht. Der Farbwechsel der Umgebung ist auf den Nachbild-Farbumkehr-Effekt zurückzuführen. Die Umgebung nimmt die Farbe der Sonne im Nachbild an.“
Für die Marienerscheinungen an sich gibt es eine Erklärung aus dem Bereich der Psychologie: Einige Menschen verfügen über eine „eidetische Veranlagung“. Das bedeutet, dass sie innere Bilder in der Außenwelt sehen. Bernd Harder: „Eidetische Bilder brechen aus dem Unterbewusstsein hervor und lassen wegen ihrer Spontaneität und Kraft den Eindruck eines Eingreifens von außen entstehen.“ Der Psychiater Volker Faust erklärt Visionen als „szenisch ausgestaltete optische Halluzinationen“.
Als krankhafter Zustand kommen sie selten vor, häufiger hingegen während religiöser Ekstase oder bei der Meditation. Letztlich kann man nicht sagen, ob es sich bei einer „Erscheinung“ um ein übernatürliches Phänomen handelt. Selbst wenn sie übernatürlicher Herkunft sein sollte, ist nicht sicher, dass sie von Gott kommt. Der italienische Bischof und ehemalige Exorzist Andrea Gemma hat zum Beispiel die anfangs erwähnten Ereignisse in Medjugorje, das heute zu Bosnien-Herzegowina gehört, scharf verurteilt: Sie seien „vom Teufel“, und alles drehe sich nur ums Geld.
Die Kirche selbst hält sich in den meisten Fällen bedeckt: Marienerscheinungen gehören für sie zu den „Privatoffenbarungen“. Nach der katholischen Lehre ist Gottes Offenbarung mit dem Tod des letzten Apostels zu einem Ende gekommen. Nur sehr wenige Botschaften wurden von der Kirche anerkannt. Bedingung ist: Der Inhalt der Botschaft darf der Bibel nicht widersprechen und es müssen gute Gründe vorliegen, die Erscheinung zum Gegenstand eines Kultes werden zu lassen. Vorher werden die „Seher“ und die Umstände der Erscheinung geprüft. Für Medjugorje lautet das offizielle Statement des Vatikans: „Es steht nicht fest, ob es sich um Übernatürliches handelt.“
Die Marienerscheinungen, die 1981 dort im damals kommunistischen Jugoslawien begannen, sind jedoch politisch interessant. Mönche des Franziskanerordens, die sich während der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft um die geistigen Bedürfnisse der Katholiken gekümmert hatten, wurden seit 1881 durch vom Vatikan gesandte Geistliche unterstützt und zum Teil ersetzt. Damit war die Bevölkerung nicht einverstanden. Der Konflikt zog sich über ein Jahrhundert hin.
Die franziskanischen Priester in Medjugorje versuchten gerade, die charismatische Richtung des Katholizismus zu stärken, als in der 4300-Seelen-Gemeinde einer Gruppe von Jugendlichen die Jungfrau Maria erschienen sein soll. Der damalige Priester verlegte die „Erscheinungen“ in die örtliche Kirche, um mehr Kontrolle darüber zu haben. Die Gemeinde erblühte. Der Pilgertourismus nahm zu, sodass viele in der Region davon leben können. Selbst der Balkankrieg in den 1990er-Jahren hat Maria nicht verschreckt. Mittlerweile gibt es zwar keine täglichen Botschaften mehr, dafür treten die „Erscheinungen“ aber ortsungebunden auf.
Die für die ganze Welt bestimmten Botschaften werden von der „Seherin“ Marija Pavlovic-Lunetti am 25. jeden Monats aus Italien übermittelt, wo sie mit ihrem Mann und vier Kindern lebt. Nachzulesen sind sie auch im Internet. Die Botschaft vom 25. Juli 2008 lautet zum Beispiel: „Liebe Kinder! In dieser Zeit, wo ihr an die körperliche Erholung denkt, rufe ich euch zur Bekehrung auf. Betet und arbeitet so, dass euer Herz sich nach Gott dem Schöpfer sehne, der die wahre Erholung eurer Seele und eures Körpers ist. Er möge euch Sein Angesicht offenbaren, und Er möge euch Seinen Frieden geben.“
Obwohl die Worte Marias auch von einem ganz normalen Pfarrer in der Sonntagspredigt verkündet werden könnten, kommen jährlich mehr als eine Million Pilger nach Medjugorje. Sie berichten von tiefen Bekehrungen und Heilungen von seelischen Verletzungen.
Was an diesen Erscheinungen Wahres dran ist, muss wohl jeder für sich entscheiden. Maria, die Mutter von Jesus, hat sich stets im Hintergrund gehalten. Kann sie wirklich wollen, dass „Tempel“ zu ihrer Ehre errichtet werden? So einfach lassen sich die „Wunder“ manchmal erklären, man braucht nur dazu die Wissenschaft oder hilft selbst etwas nach. Wie auch beim nächsten „Wunder“ von der weinenden Maria.
„Papa, die Madonna weint Blut!“, rief die fünf jährige Jessica am Abend des 2. Februar 1995. Und Fabio Gregori, ein Angestellter aus Civitavecchia, stellte fest, dass seine Tochter nicht log: Auf den Augen der rund 40 Zentimeter hohen Statue bildeten sich Blutstropfen - und liefen ihr übers Gesicht. "Die Madonna weint, weil sie getröstet werden will“, soll Papst Johannes Paul II. erklärt haben, als er von dem Wunder - 60 Kilometer vor den Toren des Vatikans - hörte.
Der Staatsanwalt des Städtchens reagierte kritischer: Er ließ die Terracotta-Statue beschlagnahmen und im rechtsmedizinischen Labor untersuchen. Und siehe da: Es war echtes Blut - von einem Mann! Hatte sich Fabio aus Versehen verletzt? War sein Blut getropft? Einen DNA-Vergleichstest verweigerte er. Die Erklärungen für vermeintlich übernatürliche Marientränen sind vielfältig:
Manchmal halten Gläubige optische Täuschungen, flackerndes Kerzenlicht auf glänzenden Lasuren, für glitzernde Tränen. In den Niederlanden waren die Bluttränen das Harz, das als Klebstoff für die Kunstaugen diente und in der Sonne schmolz. Tränen auf Heiligenbildern entstehen durch Kondenswasser, manchmal kommen sie durch undichte Dächer oder Mauern - die meisten sind jedoch einfach nur Betrug. In Kanada brachte ein Mann sein mit Schweineschmalz vermischtes Blut an einer Marienstatue an, die kräftig weinte, wenn der Raum geheizt wurde. Der italienische Chemiker Luigi Garlaschelli von der Universität Pavia hat das Phänomen der weinenden Madonna nachgestellt: Man nehme eine hohle Statue aus porösem Material wie Gips oder Keramik, glasiere sie mit einer undurchlässigen Beschichtung, fülle dann (heimlich) die Statue mit Flüssigkeit und schabe (wieder heimlich) um die Augen etwas Glasur ab. Hat sich das poröse Material mit der Flüssigkeit vollgesogen, treten an gewünschter Stelle tränenartige Tropfen aus. Der Trick dabei: Ist der Hohlraum hinter den Augen klein genug, lassen sich kaum Spuren finden, wenn die ganze Flüssigkeit ausgetreten ist.

Auf wundersame Weise rollen Tränen von einigen Marienbildern herab. Was steckt hinter diesem Phänomen?
Das Rätsel um die Wundmale Christi
Unter dem Titel „Vier Jahre Nulldiät“ beschreibt ein Artikel des Wochenmagazins „Der Spiegel“ im Juli 2008 ein mittelalterlich anmutendes Szenario: Es handelt sich um den Fall einer Berliner Architektin, die in der Karwoche 2004 die Wundmale Christi empfangen haben will. Eine Anhängerin der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners, die im Namen Jesu aus Händen und Füßen blutet und seit ihrer Verwandlung angeblich keinen Bissen mehr gegessen hat. Eine weltgewandte Frau Anfang dreißig, die von sonderbaren Sinneswahrnehmungen und visionären Zeitreisen auf den Berg Golgatha berichtet.
Der Fall der blutenden Steiner-Jüngerin aus jüdischer Familie entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ebenso atypische wie mustergültige Wiederbelebung einer uralten Vorlage. Stigmata (griechisch: Zeichen) stehen für die drastischen Seiten des katholischen Glaubens: Menschen, die mit den Malen Jesu gezeichnet werden – mit Hand-, Fuß- und Brustwunden. manchmal auch mit dem Abdruck der Dornenkrone oder des Kreuzes. Menschen, die an den Leidenstagen des Herrn immer wieder neu bluten, zugleich verzückende Visionen erleben, keine Nahrung mehr brauchen und mitunter heilende Fähigkeiten erlangen: Ähnliche schaurig-faszinierende Superlative scheint nur der Exorzismus zu bieten.
Die Traditionslinie beginnt mit Franziskus von Assisi, dem abtrünnigen Kaufmannssohn und 1228 heiliggesprochenen Gründer des nach ihm benannten Bettelordens.
Kurz nach seinem Tod im Jahre 1226 verfasst sein Ordensbruder Elias von Cortona einen Brief, der der Welt ein „neues Wunder“ verkündet: „Lange vor seinem Tode erschien unser Vater und Bruder als ein Gekreuzigter, der an seinem Körper die fünf Wunden trug, die in Wahrheit die Stigmata Christi sind. Denn seine Hände und Füße trugen Male, wie wenn Nägel von oben nach unten hineingeschlagen worden wären, welche die Wunden offenlegten und schwarz waren wie Nägel: die Seite erschien wie von einer Lanze durchbohrt, und oft floss Blut aus ihr.“

Volksheilige: Franziskus (um 1181-1226) soll auf dem Berg Alverna die Wundmale Christi empfangen haben: Altargemälde (um 1300) von Giotto di Bondone. Die oberpfälzische Bauernmagd Therese Neumann litt ab 1926 unter Stigmatisation, wobei Blut aus Händen und Augen ausgetreten sein soll
Die später verfassten Heiligenviten liefern genaue Angaben über das „Wo“ und „Wie“. Ihnen zufolge ereignete sich das Mirakel um das Fest der Kreuzeserhöhung (gefeiert zum Andenken an die Wiedererlangung eines Teils des Kreuzes Christi im Jahr 628), im September 1224. als sich Franziskus auf dem Berg Alverna in die Leiden Jesu versenkte. Auf dem Höhepunkt der Andacht erschien ihm ein gekreuzigter Engel mit sechs Flügeln - und ließ ihn mit Nägelmalen in Händen und Füßen zurück.
Seither gebiert jede Epoche eigene blutende Träger der Christusmale - getreu den Worten des Auferstandenen, der sich seinen Jüngern durch die Echtheit seiner Wunden zu erkennen gibt (Lukas 24,39): „Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst.“ Die Zahlenangaben variieren stark. 321 Fälle listet der Arzt Antoine Imbert-Gourbeyre 1894 auf, darunter 40 Männer. Seine Sammlung umfasst allerdings auch "innere Stigmata“: unsichtbare „Wunden“, die sich lediglich in Schmerzen äußern.
Der Jesuit Herbert Thurston (1856-1939) - einer der renommiertesten Kenner der Materie - spricht von 50 bis 60 vollständig Stigmatisierten. Neben Franziskus von Assisi nennt er nur einen weiteren Mann: Padre Pio, den 2002 heiliggesprochenen Kapuzinermönch aus Apulien, der die Wunden 1918 vor einer Statue des Gekreuzigten empfängt. Doch wer sind all jene Menschen, Katholiken in der Mehrzahl, die nach frommer Lesart als Auserwählte Gottes gelten müssen? Und: Wie haltbar ist der Glaube an blutige „Wunder“ aus der Sicht des 21. Jahrhunderts?

Todesmal: Laut Johannesevangelium soll ein römischer Soldat seine Lanze in die Seite des Gekreuzigten gestoßen haben. Blut und Wasser flossen aus - ein Zeichen, dass Jesus gestorben war
Wer Betrug wittert, stößt mühelos auf eine „schwarze Liste“, die vom Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit reicht. Auf ihr finden sich längst vergessene Kurzzeit- „Heilige“ wie die portugiesische Dominikanerin Maria de la Visitacion, deren Christuswunden um 1587 von der Inquisition abgewischt werden. Argwohn trifft indes auch Padre Pio - Italiens verehrten Nationalheiligen, durch dessen Wunden Weggefährten angeblich sogar Zeitung lesen konnten. Glaubt man dem Historiker Sergio Luzzatto, wandte sich der Pater hilfesuchend an eine Apotheke in Foggia - um dort zunächst hautverätzende Karbolsäure und schließlich eine ebenso bedenkliche Ration des schmerzstillenden Gifts Veratrin zu ordern.
Weitere, übergreifende Beobachtungen verstärken die Zweifel am göttlichen Ursprung des Blutwunders. So sind die Jesusmale bis in die jüngste Gegenwart nie dort erschienen, wo sie sich - nach neuen historischen Erkenntnissen - tatsächlich befunden haben mussten: nicht in den Handflächen, sondern nahe der Handwurzel, zwischen Elle und Speiche. der einzigen Stelle, die eine sichere Befestigung am Kreuz garantierte.
Ähnliche Vorbehalte beziehen sich auf die Glaubwürdigkeit der Begleitvisionen. Arm an Zeitkolorit, teils historisch falsch und - wie das Aussehen der Wunden – verdächtig nah an zeitlich verhafteten Erbauungstexten und bildlichen Darstellungen: Dieses Forscherurteil gilt mithin selbst für die berühmten Schauungen der seliggesprochenen Dülmener Nonne Anna Katharina Emmerick (1774-1824). Was der romantische Dichter Clemens Brentano einst am Bettrand der Gezeichneten notierte, diente 180 Jahre später als Vorlage für Mel Gibsons umstrittenen Film „Die Passion Christi“.
Das Endprodukt erweist sich als ebenso grausame wie schillernde Detailorgie - bis hin zur Darstellung einer Geißelung, die sich in dieser Extremform, als Blutrausch aus Widerhaken und umherfliegenden Fleischstücken, nicht in der Bibel findet.

Fanatiker: Auf den Philippinen lassen sich gläubige Christen an Karfreitag für kurze Zeit ans Kreuz schlagen. Damit die Wunden nicht ausreißen, werden die Gekreuzigten mit Seilen gesichert
Ärzte und Biologen, die das geheime Regelwerk von Epidemien erforschen, richten besonderes Augenmerk auf den Patienten „null“, der das Virus als Erster in Umlauf bringt. Der Volkskundler Christoph Daxelmüller verdichtet das Interesse an Franziskus in der Frage: „Warum sparte Gott über mehr als ein Jahrtausend hinweg an einem Wunder, mit dem er von nun an heiligmäßige Menschen in der Mehrzahl Frauen, bis ins 20. Jahrhundert ( ... ) auszeichnen sollte?“
Die Suche nach Antworten fördert überraschendes zutage: Das Mirakel wird nicht nur in einer Epoche geboren, die wie keine vorhergegangene nach sinnlichen Verkörperungen der Christusgewalt verlangt. Noch dazu lassen sich viele Muster, denen das Wunder bis heute zu folgen scheint, auf hochmittelalterliche Weichenstellungen zurückführen.
Als Franziskus die Zeichen empfängt, befindet sich die abendländische Frömmigkeit in einer revolutionären Umbruchphase. Über tausend Jahre lang triumphierte der siegreiche Christus - seit dem Hohen Mittelalter aber richtet sich die Anbetung auf den leidenden Menschensohn, der durch die Kreuzzüge und Pilgerfahrten ins Heilige Land in nie gekannter Weise greifbar wird. Die Besessenheit von den leiblichen Dimensionen der Erlösung führt schließlich zu einer veränderten Umsetzung des Nachfolgegebots: „Das Kreuz auf sich nehmen“ bedeutet zu Lebzeiten von Franziskus nicht mehr nur, in Armut oder im Dienst am Nächsten leben. Sondern: leiden, ächzen - und fühlen wie der Fleischgewordene.
Vor diesem Hintergrund erschafft der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux neue Passionsmystik, die den Körper zum Ort der Gotteserfahrung macht. ln einem Zeitalter, das die zärtliche Liebe als Ideal verherrlicht, soll sich der Gläubige als „Braut“ zur „Jesusminne“ emporheben. Das leibliche Sich-Einfühlen in die Qualen Christi wird in erotischen Bildern beschworen - just in dem Moment, als die Kirche die Ehelosigkeit für Priester und Ordensleute zementiert.
Beispielhaft hierfür steht das Hohelied des Alten Testaments: ein betörend-sinnliches Zwiegespräch zwischen zwei Liebenden, das den Moment der höchsten Lust mit der Berührung der Lippen gleichsetzt. In Bernhards Deutung steht dieser Kuss für das Einswerden mit Gott, dem das Hochmittelalter mit einer neuen Technik - der Bildmeditation - entgegenarbeitet.
Schon im 12. Jahrhundert werden Mönche ermahnt, ihre Zellen mit dem „Bildwerk des am Kreuze hangenden Heilands“ auszustatten und sich mit seiner Hilfe in die Passion zu versenken. Im Spätmittelalter greift die Bildmeditation schließlich derart um sich, dass sich der Historiker Peter Dinzelbacher dafür ausspricht, „sehr viele Visionen“ als Beschreibungen von Kunstwerken zu lesen.
Bezeichnenderweise spricht die Verherrlichung des schwachen Christus gerade Ordensfrauen an. Wie Kulturwissenschaftler betonen, gilt demütiges Erdulden seit frühester Zeit als weibliches Verhalten. Dies erklärt, warum der „Schmerzensmann“ - just in dem Moment, da er das vormals nackte Kreuz erobert - mit kindlich-mädchenhaften Zügen ausgestattet wird. Aber auch die Brautmystik richtet sich in besonderer Weise an die Töchter Evas - und ermahnt sie, ihre Triebhaftigkeit in marienhaft-jungfräuliche Gottesliebe umzuwandeln.

Wunder? Bei dem italienischen Priester Padre Pio (1887 -1968) zeigten sich ab 1918 Wundmale an Händen, Brust und Füßen (nächste Seite). Auch Krankenheilungen und Weissagungen werden ihm zugeschrieben, weswegen er 2002 heiliggesprochen wurde. An der Padre-Pio-Statue in Messina beobachteten Gläubige im selben Jahr einen Ausfluss blutiger Tränen. Eine Frau aus der Stadt gestand später, dass es sich um einen Scherz ihres Sohnes handelte, der sein Blut auf die Figur gesprenkelt hatte


Sadistisch: Mit einem langen Nagel fixierten die römischen Soldaten die Füße Christi am Kreuz. Der kleine Querbalken sollte verhindern, dass der Verurteilte durch sein Gewicht nach unten sackte und ohnmächtig wurde - was die Qualen verkürzt hätte
Hieraus entsteht eine eigenwillige, weibliche Leidensfrömmigkeit, die Nonnen mitunter sogar veranlasst, ihr Bettlager mit der Statue des Gekreuzigten zu teilen. Der Wille, dem Mitleid nachzuhelfen, treibt indes beide Geschlechter zu Extremen. Wenn sich die Klosterfrau Maria von Oignies (um 1177-1213) in höchster Ekstase ein Fleischstück aus der Hand schneidet, gleicht sie unzähligen Glaubensbrüdern, die sich im Leidenswahn Christuswunden zufügen oder sich - im Extremfall – freiwillig ans Kreuz schlagen lassen.

Stigmatisiert: Therese Neumann erblindete 1919, war gelähmt - und genas wie durch ein Wunder. Seit 1926 soll sie weder gegessen noch getrunken haben. Sie wurde weltberühmt und starb 1962
Selbst beigebrachte Jesuswunden, die in den Quellen gleichfalls als Stigmata bezeichnet werden, haben freilich einen Makel: Sie kommen nicht von Gott - und wer
sie sich aneignet, muss sich wegen Anmaßung verantworten.
Ganz anders die Stigmata des Franziskus von Assisi, die sich geschmeidig in das Programm des 4. Laterankonzils (1215) einfügen. Nicht nur, dass die Kirchenversammlung den eucharistischen Verzehr von Christi Leib und Blut zum zentralen Glaubenssakrament erhoben hat. Seit diesem Konzil gilt es als Gewissheit, dass sich der Erlöser buchstäblich in Brot und Wein verkörpert - oder aber im Körper frommer Gläubiger: Es ist die Idee der freiwilligen Reinkarnation, die erklärt, warum die Male so viel mit Macht zu tun haben. Wer als Einschreibfläche auserkoren wird, erreicht im Idealfall das Ansehen eines „zweiten Christus“. Franziskus erhält den Gnadenerweis in einer Zeit, als sein Führungsanspruch innerhalb der Gemeinschaft wankt. Das Wunder stärkt daher den Franziskanerorden als Ganzes und verleiht ihm das Siegel der Einzigartigkeit.
Beobachtungen zeigen, dass sich das Gesetz von Angebot und Nachfrage überzeitlich geltend macht: Stigmata ereignen sich bevorzugt da, wo das Verlangen nach drastischen Christusbeweisen situationsbedingt ansteigt und wo sie auf Jünger stoßen.
Jesusmale erscheinen, wo Gruppen, die sich auf Christus berufen, nach einem sinnlichen Beweis für ihre Rechtmäßigkeit suchen - mitunter auch außerhalb des Katholizismus.
Vor allem aber vollzieht sich die Neuauflage der Passion immer wieder dort, wo sich Christusanhänger in der Opferrolle wähnen, wo sie Angriffe erleiden und sich ihres Glaubens rückversichern müssen.
So auch im frühen 19. Jahrhundert, als die römische Kirche - vom napoleonischen Joch befreit - auf neue Feinde trifft. Der Katholizismus wähnt sich im Kampf gegen staatliche Übergriffe und protestantische „Ketzer“-Theologen, die die Evangelien als
Kindermärchen verleumden; hieraus entsteht eine Frömmigkeitsbewegung, die um 1830 eine regelrechte „Sucht nach Wundern“ produziert. Wie der Historiker Bernhard
Gißibl zeigt, verlangt die Zeit nach Zeichen, die das Wirken Christi wieder greifbar machen: nach leidenden „Jungfrauen“, die das Martyrium der „reinen“ Kirche verkörpern.
Prompt kommt es in den ländlichen Gebieten Frankreichs, Südtirols und Oberbayerns zu einer neuen Welle von Stigmatisationen, die vielerorts gezielt von Seelsorgern gesteuert werden. Dies gilt auch für das oberbayerische Waakirchen, wo Pfarrer Matthias Weinzierl mit heiligem Eifer an der „plastischen Durchbildung“ der Stigmata arbeitet: Rosenkranzgemeinschaften und Ölbergsandachten, die das Passions-geschehen dramatisch lebendig machen. Ältere und neue Leidensvorbilder, die systematisch eingepaukt werden, allen voran der spektakuläre Fall der „Kindfrau“
Maria von Mörl, die ab 1834 in Südtirol blutet. Und: geheimnisvolle priesterliche Hausbesuche, die bereits damals mit Hypnose in Verbindung gebracht werden. All dies beschert der Gemeinde Waakirchen um 1840 gleich vier - teils blutende - Ekstatikerinnen.
Viele der vormärzlichen „Wunder“ werden unter dem Zugriff von Staatsbeamten und Ärzten als Täuschung entlarvt. Andere Phänomene erscheinen dafür umso rätselhafter: Woher rühren die Stigmata der belgischen Bauerntochter Louise Lateau, deren Hände 1875 mit Glaszylindern überzogen werden - und trotzdem bluten? Fälle wie dieser verengen das Erklärungsmodell bereits vor 1900 auf die Alternative „Betrug
oder psychische Ursache“.
Eine Frage, die sich auch in Sachen Franziskus stellt: Waren die Male Wunden einer
Selbstkreuzigung, die erst nach dem Tod des Ordensgründers zum Mirakel verklärt wurden? Oder muss der Heilige viel eher als Patient betrachtet werden? Die Psychoanalytikerin Nitza Yarom spricht in diesem Zusammenhang von Vaterhass und
unterdrückten bisexuellen Tendenzen, die als Ausdruck von Hysterie körperlich sichtbar wurden.
In der Tat besitzt das Krankheitsbild „Hysterie“ Ähnlichkeit mit religiösen Ekstase-Erscheinungen: ein Phänomen. das der Pariser Nervenarzt und Freud-Lehrer Jean-
Martin Charcot bereits um 1890 in Hypnosesitzungen vorführt. Menschen mit hysterischer Symptomatik leiden unter einem labilen Selbstgefühl, sind extrem beeinflussbar und schlüpfen aus Gefallsucht wiederholt in Rollen. Verdrängte Konflikte werden in körperliche und geistige Ausfallerscheinungen umgewandelt.
Vor allem aber spüren die Betroffenen den Drang, ihre Leiden vor Publikum aufzuführen - ein letztes Merkmal, das sich auf eine Vielzahl von Blutwundern beziehen lässt. Fast alle Gezeichneten können auf eine Krankengeschichte zurückblicken, und fast alle erleiden die Stigmatisation in einem Zustand der Trance. So auch die berühmte Oberpfälzer Dorf-“Heilige“ Therese von Konnersreuth, die vor dem dramatischen Empfang ihrer fünf Wundmale (1926) auf wundersame Weise von Blindheit und Lähmung geheilt wird. Bernhard Gißibl betont, dass die Schmerzensrolle im 19. Jahrhundert gerade für einfache Frauen eine Form der „Krisenbewältigung“ war.
Körperliche und seelische Gebrechen, die in harten Lebensumständen wurzelten, verwandelten sich urplötzlich in die Leiden Christi - und erhielten Aufmerksamkeit und Zuspruch.
Die Amtskirche hat sich dem Wissensstand schrittweise angepasst. Im 13. Jahrhundert werden mehrere päpstliche Bullen ausgefertigt, um Zweifel an der Echtheit des Franziskus-Mirakels zu zerstreuen. Heute ist die Anerkennung einer Stigmatisation nur von Fall zu Fall möglich - kein Katholik ist verpflichtet, an sie zu glauben; auch wurde seit dem 20. Jahrhundert in Deutschland nirgendwo mehr eine erteilt. Ein Allmächtiger, der Menschen unmittelbar ins Fleisch fährt? Diese Vorstellung wurde – auf institutioneller Ebene - tatsächlich bereits im 18. Jahrhundert hinterfragt. Getreu der theologischen Mehrheitsmeinung heißt es heute vielmehr auch im „Lexikon der katholischen Spiritualität“: „Stigmata sind ( ... ) körperliche Symptome psychogenen und auch sozialen Ursprungs, bei deren Entstehung äußere und innere Faktoren zusammenwirken.“
Dennoch, die Entzauberung bleibt unvollständig - nicht nur, weil immer noch Raum
für eine von Gott ergriffene Seele bleibt. Entscheidender ist, dass der „Link“ zwischen
Psyche und Stigmata bis heute nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte. Traumatisierte Unfall- und Misshandlungsopfer produzieren mitunter psychogene (Unterhaut -)Blutungen, die alte Verletzungen rückwirkend „erinnern“ lassen. Doch wie steht es mit dauerhaften, tiefen Wunden, die periodisch neu bluten?
Mehr als 780 Jahre nach Franziskus scheint die Faszination der Wundmale gerade darin zu bestehen, dass sie so offensichtlich von dieser Welt sind - und doch ein Mysterium in sich bergen. Judith von Halle verarbeitet ihre Passionserfahrung in Büchern und hat sich mit ihren Anhängern in der „Freien Vereinigung für Anthroposophie“ organisiert. Laut Homepage soll die Arbeit der Gesellschaft beweisen, „dass die Geisteswissenschaft“ von Rudolf Steiner ihren Ursprung „dem Christus-Impuls“ verdankt.
Die Wissenschaft ist da völlig anderer Meinung. Z.B. kann Haut-Milzbrand (Anthrax)
offene, auch blutende Male verursachen, die den Wunden Christi ähneln. Eine logische Erklärung für Häufungen von Stigmata auf dem Land?
Die bakterielle Infektionskrankheit Milzbrand (auch Anthrax genannt) wird von Tieren
auf Menschen übertragen - durch Kontakt mit kranken Tieren oder den Verzehr ihres
Fleisches. An der Stelle, an der die Keime in den Körper eintreten, meist an den Händen, bilden sich erst Bläschen, dann größere Karfunkel, die sich zu Ödemen erweitern können. Breitet sich die Krankheit nicht auf Darm oder Lunge aus, überleben
die Patienten meist und sind auch kaum ansteckend. Heute kann Anthrax mit Antibiotika gut behandelt werden. Dass im 19. Jahrhundert so viele arme, junge Frauen im ländlichen Bereich „stigmatisiert“ wurden, oft sogar innerhalb einer einzigen Region,
könnte an einer Milzbrand-Epidemie gelegen haben. Die Frauen hatten engen Kontakt
zu Tieren, etwa beim Melken, und vielleicht wegen armutsbedingter Mangelernährung
ein schwaches Immunsystem. Auch die kränkliche Bauernmagd Therese von Konnersreuth hat möglicherweise Anthrax gehabt. Den Nachweis könnten Untersuchungen der sterblichen Überreste der Betroffenen erbringen. Sporen des Milzbranderregers überleben jahrhundertelang auch in einem toten Wirt.

Diagnose Haut-Milzbrand: Diese Patienten sind von den offenen, schlecht heilenden Karbunkeln der Infektionskrankheit gezeichnet. Die Ähnlichkeit zu Stigmata ist verblüffend
An Hand der ersten drei Kapitel wurde nachgewiesen, dass viele Glaubenserscheinungen und Wunder ganz einfach durch die moderne Wissenschaft entzaubert werden können.
Wie sieht es aber mit dem „Buch der Bücher“ aus?
Die Bibel (von griechisch tà biblia: die Bücher), ist die Sammelbezeichnung für all jene Texte, die im Schriftenbestand des Alten Testaments und des Neuen Testaments enthalten sind. Als solche bildet die Bibel die zentrale Grundlage bzw. den verbindlichen Offenbarungsbericht des christlichen Glaubens und wird nach einer Erwähnung in Römer 1, 2 in diesem Sinn auch als „Heilige Schrift” bezeichnet.
Stimmen dort wenigsten die Geschichten? Lesen Sie dazu die nachfolgenden Kapitel:
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