Читать книгу: «Lebendige Seelsorge 1/2021»
INHALT
THEMA
Die Geschichte des „rassistischen Albtraums“
Wider den Wahn der Hautfarbe
Von Marita Wagner
Rassismus: Herausforderung für die Kirchen
Von Regina Polak
Deutsche Kirche – weiße Kirche?
Die Replik von Marita Wagner auf Regina Polak
Was hat die Geschichte des Rassismus mit uns zu tun?
Die Replik von Regina Polak auf Marita Wagner
Im christlichen Happyland
Rassismus ist bislang nur selten ein Thema deutschsprachiger Theologie
Von Franca Spies
PROJEKT
Für alle schmerzhaft
Über Rassismus in der Kirche reden – analog und digital
Von Sarah Vecera
INTERVIEW
Rassismus: „Ich habe das Recht, dich auszulöschen.“
Ein Gespräch mit Amma Yeboah
PRAXIS
(Neo-)Koloniale Körperkonstruktionen, Rassismus und feministische Theologie
Von Sandra Lassak
Hörbare Stimmen
Zur Rezeption von Literatur Schwarzer Autor*innen in Deutschland
Von Daniela Kalscheuer
Mit bernsteinfarbenen Augen
Rassismuskritisch leben und arbeiten lernen
Von Anthea Bethge
Anders sehen lernen
Errungenschaften Afrikas nicht länger übersehen
Von Keith Hamaimbo und Georg Krämer
‚Rasse‘ in der Liturgie
Der Teufel steckt im Detail. Und Gott auch.
Von Bernd Hagendkord SJ
SEELSORGE UND DIASPORA: BONIFATIUSWERK
Rassismus – ein Thema für die kirchliche Bildungsarbeit?
Einblicke in das Projekt Kirche für Demokratie. Verantwortung übernehmen – Teilhabe stärken
Von Susanne Brandes
Café Hoffnung
Eine Wanderakademie gegen die Angst
Von Ruben Enxing
FORUM
Warum wir einmal im Jahr in den Iran reisen, um über Gott zu reden
Erfahrungen aus der theologischen Kooperation mit Hochschulen im Iran
Von Lukas Wiesenhütter und Klaus von Stosch
POPKULTURBEUTEL
Treppen und Aufzüge
Von Matthias Sellmann
NACHLESE
Re: Lecture
Von Judith Frömmer
Buchbesprechungen
Impressum

Die Lebendige Seelsorge ist eine Kooperation zwischen Echter Verlag und Bonifatiuswerk.
EDITORIAL

Hildegard Wustmans Mitglied der Schriftleitung
Liebe Leserin, lieber Leser,
Rassismus ist eine weltumspannende und vielschichtige Realität. Menschen werden noch immer von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe wahrgenommen, eingeteilt und ermordet. Dabei markiert Rassismus nicht nur das Handeln einzelner, sondern auch Herrschaftsverhältnisse und ist tief in Gesellschaften verwurzelt. Mit diesem Themenheft möchte die Lebendige Seelsorge einen Beitrag zur notwendigen Auseinandersetzung mit dem individuellen und strukturellen Rassismus in Theologie, Kirche und Gesellschaft leisten.
Marita Wagner beschreibt geschichtliche Entwicklungen und zeigt dabei auf, wie Wahrnehmungsmuster bis in die Gegenwart prägen. Regina Polak markiert unmissverständlich, dass Rassismus eine Herausforderung für die Kirchen ist und sich konkret im Umgang mit der Migration zeigt. Franca Spieß legt dar, wie notwendig es ist, dass weiße Menschen lernen, Rassismus wahrzunehmen und die eigenen Privilegien zu hinterfragen. Sarah Vecera berichtet von ihrem Arbeitsschwerpunkt Rassismus und Kirche. Im Interview gewährt Amma Yeboah Einblicke in ihre Erfahrungen als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und als Trainerin für Empowerment und Critical Whiteness. Sandra Lassak denkt in ihrem Beitrag über den Zusammenhang von Rassismus und Körper nach und Daniela Kalscheuer macht auf das literarische Schaffen Schwarzer Autor*innen in Deutschland aufmerksam. Wie rassismuskritisches Arbeiten und Lernen gelingen kann, welche Anstrengungen dies kostet und was zu gewinnen ist, beschreibt Anthea Bethge. Keith Hamaimbo und Georg Krämer engagieren sich dafür, mit entwicklungspolitischer Bildungsarbeit und in globalen Netzwerken gegen Rassismus zu arbeiten. Auch Sprache ist nicht unschuldig. Bernd Hagenkord SJ macht dies für die liturgische Sprache deutlich. Die Beiträge in der Rubrik des Bonifatiuswerkes beschreiben praxisnah wie Rassismus im Rahmen eines Projektes der kirchlichen Bildungsarbeit in Sachsen-Anhalt umgesetzt wurde und wie sich die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen mit dem mobilen Café Hoffnung und begleitenden Bildungsveranstaltungen in das Programm Weltoffenes Sachsen eingebracht hat.
Liebe Leserin, lieber Leser, ein facettenreiches Themenheft liegt in Ihren Händen. Ich wünsche Ihnen eine nachdenkliche Lektüre.

Prof.in Dr. Hildegard Wustmans
HINWEIS: DISKRIMINIERUNGSSENSIBLE SPRACHE
Diese Ausgabe verwendet die Schreibweisen race bzw. ‚Rasse‘, weiß und Schwarz und verweist damit auf soziale Konstruktionen, damit keine biologistischen Missverständnisse aufkommen. Weitere Informationen zu diskriminierungssensibler Sprache finden sich bspw. unter https://www.amnesty.de/2017/3/1/glossar-fuer-diskriminierungssensible-sprache.
THEMA
Die Geschichte des „rassistischen Albtraums“
Wider den Wahn der Hautfarbe
Rassismus und der Begriff der ‚Rasse‘ sowie das dahinterstehende Konzept sind keine neuzeitliche Erfindung, die auf die Nationalsozialisten zurückgeht. Vielmehr haben unterschiedlichste Denker über Jahrhunderte hinweg zur Verstetigung rassistischer Denkmuster beigetragen, welche sich zu einem biologisch-kulturellen Code ausdifferenziert haben. Dieser ermöglicht es, andere Menschen zu verachten, weil sie als vermeintlich unterlegen gelten. Eine geschichtliche Spurensuche des Rassismus in Deutschland. Marita Wagner
„Die Bedeutung, die der Hautfarbe beigemessen wird, ist immer und überall und auf ewig ein Wahn. Ich weiß, ich verlange Unmögliches. Doch in unserer Zeit, wie in jeder Zeit, ist das Unmögliche das Mindeste, was man verlangen kann“ (Baldwin, 111), so schreibt der vielbeachtete afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin 1963 in seinem Werk The Fire Next Time über die Notwendigkeit, die rassistische weiße Dominanzgesellschaft in den USA und Europa zu demaskieren und zu dekonstruieren, auch wenn der Erfolg dieses Unterfangens noch so aussichtslos erscheint. Dazu bedürfe es der Auf- und Abgabe weißer Privilegien. Baldwin verfällt dabei keineswegs einem naiven Wunschdenken, wie die folgenden Worte verdeutlichen: „Die meisten [Weißen] hüten und bewahren; sie nehmen an, sie würden sich selbst und das, womit sie sich identifizieren, hüten und bewahren, während sie in Wahrheit ihr Konstrukt der Wirklichkeit und ihr eigenes Selbstbild hüten und bewahren. Man kann rein gar nichts geben, ohne sich selbst zu geben – das heißt, sich in die Waagschale zu werfen. Wenn man sich nicht selbst in die Waagschale werfen kann, ist man schlicht unfähig zu geben. Schließlich kann man Freiheit nur geben, indem man jemanden befreit“ (Baldwin, 96).
Baldwin konstatiert in seinem Essay, dass die USA und der Globale Norden seit dem Sklavenhandel und Kolonialismus bis heute Schwarzen Menschen vorschreiben, wie sich diese innerhalb des globalgesellschaftlichen Systems zu verorten und sich zu sich selbst in Beziehung zu setzen haben. Dies zum Anlass nehmend sollen hier die geschichtlichen Spuren des Rassismus nachgezeichnet werden, die zu seiner Institutionalisierung beigetragen haben. Dabei sollte – Bezug nehmend auf obiges Zitat – nicht außer Acht gelassen werden, dass Schwarze und weiße Menschen gleichermaßen Gefangene dieses „rassistischen Albtraums“ (Baldwin) sind und folglich der Heilung und damit Befreiung von persistierenden stereotypen Denkmustern bedürfen. Treffend bringt es der senegalesische Ökonom Felwine Sarr in seinem neuen Buch Afrotopia auf den Punkt, wenn er festhält, dass die europäischamerikanische Barbarei „die zivilisierten Länder in ihren Urzustand zurückversetzt“ (Sarr, 10) habe.
Marita Wagner
Referentin beim Katholischen Hilfswerk missio in Aachen; Studium der katholischen Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen/Frankfurt und der University of Pretoria in Südafrika, Magisterarbeit zum Thema Anhaltender Rassismus in Südafrika und Rolle der katholischen Kirche; aktuell Promotion am Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen in Salzburg zum Thema Dekolonisierung von Denken, Bildung und Wissenssystemen unter Berücksichtigung der Kritischen Weißseinsforschung.
VORLÄUFER DES RASSISMUS
Die frühen Vorläufer des Rassismus lassen sich bereits in der griechischen Antike ausmachen. Diese richteten sich vor allem gegen die ‚barbarischen‘ Perser und Ägypter. Doch auch Frauen wurden aufgrund ihrer biologischen Defizite aus- und abgegrenzt, nur der Mann galt als vernunftbegabt. Aristoteles war sodann der erste, der eine Theorie der Sklaverei entwarf und diese aufgrund körperlicher Unvollkommenheiten, die sich auch mental auswirken würden, rechtfertigte. Anders als Frauen wurde Sklaven das Menschsein kategorisch abgesprochen: „Während jeder Mann Leib und Seele besaß und die Seele bei dem Freien dem Körper befahl, beherrschte bei dem Sklaven der Körper die Seele. […] Der Sklave ähnelte dann einem Tier“ (Delacampagne, 54). Aus diesem Grund seien Sklaven innerhalb der sozialen Ordnung nur als Werkzeug zu gebrauchen. Biologie und Natur wurden somit bereits als Begründungsmuster herangezogen, um eine vermeintlich geringere Intelligenz bestimmter Personengruppen zu konstatieren.
Darüber hinaus wurden Hautfarben entlang klimatheoretischer Überlegungen einsortiert und als Unterscheidungsmerkmale für Religion, geopolitische Räume und das Geschlecht angewandt. Dies führte zu einer Hierarchisierung an deren jeweiligen Enden Über- und Unterlegenheit standen. Die Farbe Schwarz versinnbildlichte im christlichen Mittelalter das Animalische und Böse und verkörperte nichtchristliche Religionen in Afrika und Asien. Die Farbe Weiß symbolisierte zunehmend die christliche Überlegenheit und wurde dem europäischen Raum zugeordnet. Dieses ‚Schwarz-Weiß-Denken‘ lieferte die Grundlage für die 1492 mit Kolumbus einsetzende Neustrukturierung der Welt. Insofern kann der Kolonialismus als die „‚Wiege‘ des Rassismus“ (Terkessidis, 85) angesehen werden. Dieser ‚legitimierte‘ den gewaltvollen transatlantischen Dreiecks-Sklavenhandel sowie die Festschreibung einer Gesellschaft, die sich über das Klassifikationsmerkmal der Hautfarbe definierte. Den ‚first nations‘ in Amerika und den Afrikaner*innen wurde aufgrund ihrer Hautfarbe das Menschsein aberkannt, denn wer kein Mensch ist, dem kann auch kein Humanismus zuteilwerden. Besonders die europäischen Forscher und Entdecker befeuerten im 16. Jahrhundert die Ausdifferenzierung rassistischer Denkmuster. Es kristallisierte sich das Konzept der ‚Rasse‘ heraus, welches aus der Pferdezucht entliehen und nun auf den Menschen übertragen wurde. Der ‚Rassebegriff‘ wurde mittels einer humanistischen ‚chain of being‘ veranschaulicht und geschärft: je naturbehafteter, desto weniger war man Mensch und damit anderen unterlegen. Je stärker die kulturelle Prägung, desto mehr war man Mensch und damit anderen überlegen. Die eigentliche Biologisierung und Rassifizierung der Bevölkerung fand schließlich im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt.
RASSISMUS DER NEUZEIT
Die Aufklärung gilt als die Zeit der vernunftbegabten Denker, die Werte wie die Freiheit und Gleichheit der Menschen verargumentierten. Gleichzeitig sprachen sie aber eben jene freiheitlichen Visionen allen Kolonisierten und People of Color ab. Hervorzuheben ist der schwedische Naturforscher Carl von Linné, der Mitte des 18. Jahrhunderts das Fundament für eine biologische Theoriebildung legte. Er teilte die Menschheit entsprechend der Kontinente in vier Hautfarbentypen ein: weiße (Europäer*innen), gelbe (Asiat*innen), schwarze (Afrikaner*innen) und rote (Amerikaner*innen). Linné war einer der ersten, der so deutlich und explizit beim ‚Rassenranking‘ wurde. Afrikaner*innen schrieb er eine „boshafte, faule, lässige Gemütsart“ (Husmann, 115) zu. Vor diesem Hintergrund brachten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Anatom Johann Friedrich Blumenbach und der Philosoph Immanuel Kant den Begriff ‚Rasse‘ nach Deutschland. Sie teilten die Menschheit in vier ‚Rassen‘ ein und sprachen ihnen jeweilige Eigenschaften und Wertigkeiten zu. Dies war keine bloße Randbemerkung in Kants Ausarbeitungen, sondern seit 1764 ein wiederkehrendes Thema. In seinem Aufsatz Von den verschiedenen Rassen der Menschen (1775) bestätigte er Aristoteles Klimatheorien wie die Hypothese, dass die Hautfarbe auf mentale Fähigkeiten schließen lasse. Auch stimmte er darin überein, dass Sklaverei einer naturgegebenen und daher gerechten Ordnung entspräche. Weiße und Schwarze seien von Natur aus ungleich, weshalb er 1798 schrieb, dass alle anderen als der ‚weißen vernunftbegabten Rasse‘ ausgerottet werden müssten, da sie sich ohnehin nicht selbst regieren könnten. Bis zu diesem Zeitpunkt war in Europa noch nie derart deutlich konstatiert worden, dass Menschen von anderen Kontinenten einer anderen ‚Rasse‘ angehören. Asiat*innen galten bis zum Kolonialismus noch als weiß.
Auch Georg Friedrich Hegel stimmte 1822 in seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie in diese Argumentation mit ein. Grundsätzlich sei Sklaverei ein Unrecht, doch die N**** wüssten gar nicht, was Freiheit sei. Sie müssten deshalb erst versklavt werden, um zu lernen, was Freiheit ist. Diese „verstörende Dialektik“ (Arndt) ebnete den Weg für die sich ausdifferenzierenden Naturwissenschaften und deren Etablierung der ‚Rassenforschung‘. Anthropologie, Physiognomie sowie die Schädel- und Gesichtskunde trugen zu einer biologischphänotypisch begründeten Klassifizierung und Hierarchisierung der angeblichen ‚Rassen‘ bei und lösten somit endgültig religiöse und kulturelle Differenzierungsmerkmale ab. Zu den wichtigsten Forschern, die diese biologische Systematisierung befeuerten, zählten Jean-Baptiste de Lamarck, Charles Darwin, Carl von Linné und Gregor Mendel. Deren Ergebnisse wurden von ‚Rassenforschern‘ als Begründungsansätze für das Vorhandensein von erblichen Unterschieden zwischen ‚Menschenrassen‘ aufgegriffen. Zu diesen zählten die Hautfarbe, Körperform, Nasenst ruktur oder die Schädelgröße. Aus einer einstigen Ideologie entstand die Wissenschaft vom Menschen und damit der ‚wissenschaftliche‘ Rassismus. Um Missverständnissen vorzubeugen ist an dieser Stelle zu betonen, dass es damit zwar das Konzept der ‚Rasse‘ in den akademischen Diskursen gab und bis heute gibt, sich dieses aber der Realität nach nicht mithilfe der Naturwissenschaften verifizieren lässt. Kurz: Es gibt keine unterschiedlichen ‚Rassen‘.
Als Begründer der ‚modernen Rassentheorie‘ des 19. Jahrhunderts gilt der französische Schriftsteller und Diplomat Arthur de Gobineau mit seinem Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen (1853–55). In diesem Werk bestehend aus vier Bänden entfaltete Gobineau seine Theorie der ‚arischen Herrenrasse‘ – Juden zählte er hier noch dazu. Zwar präsentierte er insgesamt keine neuen Untersuchungsergebnisse, doch bündelte er die vorhandenen ‚Rassenkonzepte‘ zu einer biologischen Gesamttheorie. Das Vorhandensein von ‚höheren, starken‘ und ‚niederen, schwachen Rassen‘ erklärte er mit der Degeneration der ‚reinen weißen Rasse‘, welche eine Folge der jahrhundertelangen ‚Rassenmischung‘ sei. Er forderte deshalb, dass sich die ‚höhere‘ gegen die ‚niedere Rasse‘ zur Wehr setzt. Nirgendwo erfuhr seine Ausarbeitung solch eine starke Rezeption wie in Deutschland, was ihn schließlich zum Vordenker des Nationalsozialismus machte. Auch Richard Wagner und Friedrich Nietzsche faszinierte Gobineaus ‚Arier-Mythos‘. Letzterer distanzierte sich zwar von der „verlogenen Rassen-Selbstbewunderung“, gleichzeitig machte er sehr wohl Gebrauch von den Begriffen ‚Herrenmensch‘ und ‚Herrenrasse‘. Anatomische Vermessungsergebnisse, die phänotypische Unterschiede belegen sollten, wurden mit kulturellen, psychologischen und soziologischen Verhaltensmustern verknüpft. Auf diese Weise sollten unerwünschte Menschengruppen identifiziert werden, um diese auszusondieren. Der Versuch, eine optimierte und überlegene ‚weiße Menschenrasse‘ heranzuzüchten wurde somit nicht erst 1933 angestellt, sehr wohl aber weiter vorangetrieben. Motor hierfür war die sich ausbreitende Angst vor dem zunehmenden Fremden in der eigenen Lebenswelt, welches ein Gefühl des Gefährdetseins auslöste. Die Existenz anderer ‚Rassen‘, die man selbst konstruiert hatte, befeuerte paradoxerweise wieder die Idee des Überlebenskampfes der eigenen ‚weißen Rasse‘. Als Grundlagentext für den institutionalisierten Rassismus in Deutschland während der NS-Zeit diente sodann das Werk von Houston Stuart Chamberlain namens Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, welches das rassentheoretische und dann antisemitische Agieren strukturierte. Chamberlain erachtete das deutsche Volk als die reinste Erscheinungsgestalt der arischen Rasse und nahm damit einhergehend eine antijüdische Haltung ein. Das 19. und 20. Jahrhundert zeichneten sich durch eine fortschreitende ‚Rassifizierung‘ und damit Hierarchisierung der Gesellschaft aus, welche sich in der ‚völkischen Rassentheorie‘ und der nationalsozialistischen Eugenik entlud, die eine Reinhaltung der ‚weißen Rasse‘ zum Ziel hatte. Die Transferübertragung des darwinistischen Selektionskonzepts vom ‚Survival of the fittest‘ auf die menschliche Populationsentwicklung vollzog der britische Naturforscher Francis Galton. Auf dessen Ausarbeitungen zurückgreifend trieben die Nationalsozialisten den ‚Rassenbiologismus‘ mit seinem planmäßigen Mord schlussendlich auf die Spitze.
FAZIT: WER WAREN ‚DIE RASSISTEN‘?
Anhand dieser aufgezeigten Schlaglichter auf die Geschichte des Rassismus tritt folgendes zutage: Rassismus wurde nicht von unreflektierten Menschen in die Existenz gehoben und geformt. Vielmehr war er ein interdisziplinäres Großprojekt der intellektuellen Elite, die sich am ‚Rasse-Mythos‘ abarbeitete, und ihm so zu seiner praktischen Verwirklichung innerhalb der gesellschaftlichen Mitte verhalf. Heutige Bemühungen, die damaligen ‚Rassentheoretiker‘ von ihrer Verantwortung zu entbinden, muten kurzsichtig an in Anbetracht der Tatsache, dass die gebildetsten und anerkanntesten Denker am Werk waren. Auch das Argument, dass sie allesamt „Kinder ihrer Zeit“ waren, es somit gar nicht besser wissen konnten, ist ein schwaches, weil einseitig verkürztes. Bestes Beispiel ist der gerade wieder an Bekanntheit gewinnende Rechtswissenschaftler und Philosoph Anton Wilhelm Amo, der als ghanaischer Sklave im 18. Jahrhundert nach Amsterdam verschifft wurde und schließlich an den Universitäten von Halle, Wittenberg und Jena studierte, forschte und dozierte. Neben Deutsch erlernte er Französisch, Niederländisch, Griechisch, Hebräisch und Latein. Immanuel Kant war ein Zeitgenosse Amos und kannte dessen Schriften – aber er zitierte ihn nicht. Dabei hatte Amo seine Dissertation (auf Latein!) unter dem Titel Über die Rechtsstellung der Mohren in Europa veröffentlicht. In dieser sprach er sich deutlich für die Menschenwürde und -rechte Schwarzer Menschen aus. Antirassistische Gegennarrative wie die von Anton Wilhelm Amo, der in der Öffentlichkeit stand und sich zu artikulieren sowie zu positionieren wusste, existierten somit sehr wohl bereits.
Rückbindend an den eingangs zitierten James Baldwin kann festgehalten werden: „[D]er Mensch tut sich schwer damit, nach seinem Wissen zu handeln. Handeln ist ein Bekenntnis, und Bekenntnis bedeutet Gefahr“ (Baldwin, 12). Und dennoch sieht Baldwin keinen anderen Weg als sich dem Unbehagen dieses Selbsteingeständnisses zu stellen: „[D]er Weiße [braucht] dringend selbst neue Wertmaßstäbe, die ihn von seiner Verwirrung erlösen und wieder fruchtbar mit den Tiefen des eigenen Seins verbinden. […] Der Preis für die Befreiung der Weißen ist die Befreiung der Schwarzen – die völlige Befreiung, in den Großstädten, in den Kleinstädten, vor dem Gesetz und im Kopf“ (Baldwin, 105).
LITERATUR
Arndt, Susan, Das Machtsystem. Geschichte des Rassismus; abrufbar unter: https://taz.de/Geschichte-des-Rassismus/!5694138.
Baldwin, James, Nach der Flut das Feuer. ›The Fire Next Time‹, München 2020 [1963].
Delacampagne, Christian, Die Geschichte des Rassismus, Düsseldorf u. a. 2005.
Geulen, Christian, Geschichte des Rassismus, München 32007.
Hund, Wulf D., Wie die Deutschen weiß wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus, Stuttgart 2017.
Husmann, Jana, Schwarz-Weiß-Symbolik. Dualistische Denktraditionen und die Imagination von »Rasse«. Religion – Wissenschaft – Anthroposophie, Bielefeld 2010.
Mosse, George L., Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt a. M. 2006 [1978].
Sarr, Felwine, Afrotopia, Berlin 2019.
Terkessidis, Mark, Psychologie des Rassismus, Opladen u. a. 1998.
[Link zuletzt eingesehen am 14.12.2020]
Rassismus: Herausforderung für die Kirchen
Rassismus ist ein Angriff auf die Idee der Einheit der Menschheit. In unserer zusammenwachsenden, wie auch von globalen Krisen erschütterten Welt nimmt er aktuell rasant zu – in Europa nicht zuletzt als gesellschaftliche wie politische Reaktion auf Migration. Dies ist auch eine Herausforderung für die Kirchen. Regina Polak
Die liberalhumanistischen Menschheitsvorstellungen des 19. Jahrhunderts haben „niemals den Ernst und den Schrecken erfasst, die der Idee der Menschheit und dem jüdisch-christlichen Glauben an einen einheitlichen Ursprung des Menschengeschlechts zukommen, sobald nun wirklich alle Völker auf engstem Raum mit allen anderen konfrontiert sind“ (Arendt, 500). Wie im europäischen Imperialismus der Rassismus zur politischen Waffe der Abwehr dieser Idee wurde, beschrieb Hannah Arendt 1951: „Je besser die Völker einander kennen lernen, desto mehr scheuen sie begreiflicherweise vor der Idee der Menschheit zurück, weil sie spüren“, dass in dieser „eine Verpflichtung zu einer Gesamtverantwortung miteinhalten ist, die sie nicht zu übernehmen bereit sind“ (Arendt, 500).
In unserer Welt, die durch ein hyperglobalisiertes Wirtschaftssystem, durch Mobilität und Migration, multimediale Kommunikations- und Symbolsysteme und transnationale Familien- und Freundschaftsbeziehungen zusammenwächst, sind ihre Aussagen von erschreckender Aktualität. Denn erneut reagieren weltweit Regierungen, politische Parteien und Gesellschaften mit Rassismus auf die Globalisierung. Nicht zuletzt die Covid-19-Pandemie hat eine dramatische Zunahme rassistischer Übergriffe, Gewalttaten und Verschwörungstheorien im Gefolge (vgl. OSCE-Report). Auch wenn dieser Rassismus national vielgestaltig ist und multifaktorielle Ursachen hat: Seine Abwehrfunktion ist evident und mit Blick auf die Klimakatastrophe, die nur in internationaler Kooperation bewältigt werden kann, bedrohlich.
DAS PHÄNOMEN
Im klassischen Sinn bezeichnet Rassismus alle Ideologien, die die Menschheit hierarchisieren, indem sie diese in unterschiedliche (pseudo-) biologische ‚Rassen‘ mit genetisch vererbbaren Eigenschaften einteilen. Auf diese Weise rechtfertigte man die Sklaverei des Kolonialismus wie auch die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus. Dieser Rassismus ist heute in der EU geächtet. Aber Intoleranz und Diskriminierung von Menschen und Gruppen infolge ihrer Abstammung und Herkunft sind bleibende Realität. Denn der Rassismus hat seit jeher seine Gestalt und ideologische Begründung verändert (vgl. Geulen). So lassen sich heute als Rassismus alle Ideologien und Praxisformen verstehen, die „Menschengruppen als Abstammungs- und Herkunftsgemeinschaften“ konstruieren und diesen kollektive Merkmale zuschreiben, „die implizit oder explizit bewertet und als nicht oder nur schwer veränderbar interpretiert werden“ (Zerger, 81). ‚Kulturrassismus‘ wiederum konstruiert Gruppenidentitäten durch Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur, Ethnie, Nation oder Religion und schreibt den Gruppenmitgliedern sodann stereotype Wesensarten und Mentalitäten zu. Die dadurch entstehenden Unterschiede zwischen den Gruppen werden sodann in eine Rangfolge von Höher- und Minderwertigkeit gebracht und mit der Behauptung einer grundsätzlichen Unverträglichkeit dieser Gruppen verbunden.
Regina Polak
Dr. theol., Assoc.-Prof.in, Vorständin des Instituts für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien; Forschungsschwerpunkte: Religion und Migration, Werteforschung und interreligiöser Dialog; seit 2020 Personal Representative des CiO der OSCE on Combating Racism, Xenophobia and Discrimination, also focusing on Intolerance and Discrimination against Christians and Members of Other Religions.
Auch wenn umstritten ist, ob sich Rassismus ausschließlich auf People of Color oder auch andere Gruppen, wie z. B. MuslimInnen, beziehen soll, zeigen die Definitionen, dass ein psychologisches Verständnis von Rassismus als individuelles Einstellungsmuster oder als angeborene Angst vor Fremden zu kurz greift. Rassismus ist ein politisches Phänomen, das die Frage nach der Legitimation der politischen Ordnung und damit nach der Verteilung, Rechtfertigung und Erhaltung von Macht, Privilegien und Ressourcen etablierter Gruppen stellt. Rassismus ist deshalb keine Folge der Tatsache, dass es Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Kultur oder Herkunft gibt, sondern ein Konstrukt im Dienst eines Kampfes um politische Hegemonie. Er dient der Rechtfertigung von Etablierten-Privilegien wie auch der Verachtung, Diskriminierung, Exklusion und Vernichtung sozial marginalisierter Gruppen.
ÖKONOMISCH FORMATIERTER RASSISMUS
Im Gefolge der EU-Osterweiterung, der Finanzkrisen seit 2008 und der sog. Flüchtlingskrise 2015 sind auch im deutschsprachigen Raum rassistische Einstellungen wieder salonfähig geworden – zunächst geschürt durch rechtspopulistische Parteien, die vor „Umvolkung“ und „Bevölkerungsaustausch“ durch MigrantInnen und MuslimInnen warnen. Doch bereits 2010 zeigte z. B. die Europäische Wertestudie, dass die Übernahme rechtspopulistischer politischer Diskurse durch Mainstreamparteien zu einem signifikanten Anstieg antimigrantischer Einstellungen quer durch die Mittelschicht geführt hat (vgl. Rosenberger/Seeber, 186). Freilich nennt man diese Entwicklung hierzulande aus verständlichen Gründen nicht gerne Rassismus. Tatsächlich kehrt auch nicht der klassische Rassismus wieder; wohl aber die Frage nach der politischen Ordnung, nach Ressourcen- und Machtverteilung sowie nach Hegemonie in den europäischen Migrationsgesellschaften und in einer globalisierten Welt. Nicht zuletzt in den Konflikten um die Aufnahme geflüchteter Menschen lässt sich erkennen, dass damit auch die Frage nach der Einheit der Menschheit im Raum steht. Der Rassismus als Abwehrreaktion verändert dabei seine Legitimation. Ideologischer Kern der sog. ‚gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit‘ – so nennt das Forschungsprojekt „Deutsche Zustände“ (vgl. Heitmeyer) das Syndrom der Ablehnung von Arbeits- und Obdachlosen, MigrantInnen, Geflüchteten, MuslimInnen, JüdInnen und anderer Minoritäten – ist ein ökonomistisches Menschenbild. Diesem zufolge gibt es Menschen, die ökonomisch weniger wertvoll sind als andere und die daher exkludiert werden können, indem man ihnen z. B. staatliche Unterstützung entzieht. ‚Expats‘, d. h. wirtschaftlich nützliche und erfolgreiche MigrantInnen, werden daher auch weniger abgelehnt als Obdachlose und Geflüchtete.
Politisch kann diese Ideologie dazu benutzt werden, um von einer Debatte um jene ökonomischen Probleme abzulenken, die die gesamte Bevölkerung und die ganze Menschheit bedrohen. Kulturelle Konflikte, die zur Normalität von Migrationsgesellschaften gehören und Zeichen wachsender Integration sind, werden zur Ursache sozialer Konflikte erklärt. Von einer solchen Deutung profitieren am Ende auch Menschen ohne explizit rassistische Einstellungen sowie sozial marginalisierte Einheimische. Sie haben qua Geburt in die Mehrheitsgesellschaft Vorteile und Privilegien. Gesellschaftliche Spaltungen und Polarisierungen sind die Folge, sichtbar nicht zuletzt in den Konflikten um die Migrationspolitik.
KIRCHE UND RASSISMUS
Auch dieser Rassismus steht im Widerspruch zur Idee von der Einheit aller Menschen und stellt für die Katholische Kirche eine zentrale Herausforderung dar. Denn diese ‚Idee‘ gehört als Glaubensüberzeugung zum Kern der biblischen Offenbarung. Sie wird im Katechismus der Katholischen Kirche bekannt: „Das Menschengeschlecht bildet aufgrund des gemeinsamen Ursprungs eine Einheit. Denn Gott hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen (Apg 17,26)“ (KKK 360).
Dass diese Überzeugung aktuell bedroht ist und daher geschichtlich errungen werden muss, beschrieb Gaudium et Spes bereits 1965: „Heute steht die Menschheit in einer neuen Epoche ihrer Geschichte, in der tiefgehende und rasche Veränderungen Schritt um Schritt auf die ganze Welt übergreifen. […] Die Welt spürt lebhaft ihre Einheit und die wechselseitige Abhängigkeit aller von allen in einer notwendigen Solidarität und wird doch zugleich heftig von einander widerstreitenden Kräften auseinandergerissen. Denn harte politische, soziale, wirtschaftliche, rassische und ideologische Spannungen dauern an; selbst die Gefahr eines Krieges besteht weiter, der alles bis zum Letzten zerstören würde“ (GS 4).
Rassismus wird daher verurteilt: „Jede Form einer Diskriminierung in den gesellschaftlichen und kulturellen Grundrechten der Person, sei es wegen des Geschlechts oder der Rasse, der Farbe, der gesellschaftlichen Stellung, der Sprache oder der Religion, muss überwunden und beseitigt werden, da sie dem Plan Gottes widerspricht“ (GS 29).
Rassismus wird seither in zahlreichen Stellungnahmen der Kirche immer wieder verurteilt. [Einen Überblick bietet die Arbeitshilfe Nr. 67 der Päpstlichen Kommission Justitia et Pax: Die Kirche und der Rassismus.] Johannes Paul II. hält z. B. eindeutig fest: „Alle rassistischen Theorien widersprechen dem christlichen Glauben und der Liebe.“ (Justitia et Pax, Nr. 33). Betont wird die Berufung der Kirche, „inmitten der Welt das erlöste und in sich selbst versöhnte Volk zu sein, dies vor aller Welt zu bezeugen und die Einheit der Menschen jenseits aller ethnischen, kulturellen, nationalen, sozialen oder anderen Spaltungen, die durch das Kreuz Christi beseitigt wurden, zu verwirklichen“ (Justitia et Pax, Nr. 20). Papst Franziskus betont in Fratelli tutti: „Die ständig steigende Zahl der Verbindungen und Kontakte, die unseren Planeten überziehen, macht das Bewusstsein der Einheit und des Teilens eines gemeinsamen Geschicks unter den Nationen greifbarer. So sehen wir, dass in die Geschichtsabläufe trotz der Verschiedenheit der Ethnien, der Gesellschaften und der Kulturen die Berufung hineingelegt ist, eine Gemeinschaft zu bilden, die aus Geschwistern zusammengesetzt ist, die einander annehmen und füreinander sorgen“ (Fratelli tutti 96).
UND DIE PASTORAL?
Angesichts dieses Befundes müssten KatholikInnen gegen Rassismus gefeit sein. Doch die Europäische Wertestudie 2010 belegte, dass die Ablehnung von MigrantInnnen und MuslimInnen und der Wunsch nach homogenen Gesellschaften unter allen ChristInnen in Europa weit verbreitet sind (vgl. Arts/Halman, 89). Christliche Identität wird überdies vermehrt zur Abgrenzung von ethnisch, kulturell und religiös Anderen genutzt (vgl. PEW Research Center). Auch migrantische KatholikInnen berichten von Diskriminierungserfahrungen und sind in den Strukturen ihrer Ortskirchen nicht angemessen repräsentiert (vgl. Keßler). Rassismus ist in der deutschsprachigen Theologie kaum Thema. Aufforderungen von Papst Franziskus zur Aufnahme und Integration von MigrantInnen werden heftig kritisiert, nicht zuletzt aufgrund seiner positiven Sicht auf Migration.
Auch für ihn ist in der Linie von Erga migrantes caritas Christi Migration ein „Zeichen der Zeit“: „eine Herausforderung, die es beim Aufbau einer erneuerten Menschheit und in der Verkündigung des Evangeliums des Friedens zu entdecken und zu schätzen gilt“ (EM 14). EM postuliert überdies: „Der Übergang von monokulturellen zu multikulturellen Gesellschaften kann sich so als Zeichen der lebendigen Gegenwart Gottes in der Geschichte und in der Gemeinschaft der Menschen erweisen, da er eine günstige Gelegenheit bietet, den Plan Gottes einer universalen Gemeinschaft zu verwirklichen“ (EM 9).
Rassismus ist im Kontext von Migration demnach die Ablehnung eines „Zeichen[s] der Zeit“, d. h. die Weigerung, Migration nicht als Zuspruch und Anspruch Gottes anzuerkennen und daraus entsprechende ethische und politische Konsequenzen zu ziehen.
Nun kann man eine solche Sicht auf Migration nicht verordnen. Hannah Arendt hatte Recht, wenn sie meinte, es sei „in einer globalisierten Welt unmöglich, mit dem idealistischen Vokabular von Menschenwürde und Gleichheit die Bereitschaft für die nötigen praktischen und politischen Konsequenzen zu erzeugen“ (Arendt, 501). Zu tief sind rassistische Wahrnehmungsmuster im kollektiven Erbe verankert. Zu schmerzhaft ist die Selbstkonfrontation, ProfiteurIn einer rassistischen Ordnung zu sein (vgl. Diangelo). Krisen und Konflikte sind daher – wie bei jedem „Zeichen der Zeit“ – unvermeidliche Begleiterscheinungen im Kontext von Migration und dem damit einhergehenden Zusammenwachsen der Menschheit. Tatsächlich spalten sich angesichts von Migration auch die Kirchen: Jenem Teil der Gläubigen, die sich um die Aufnahme und Integration von MigrantInnen und Geflüchteten bemühen, steht ein Teil gegenüber, der dies rigide ablehnt.
Um Rassismus zu bekämpfen, genügt es daher nicht, allein an den moralischen Einstellungen zu arbeiten. Zur Disposition stehen eine tribalistische Weltsicht und politischhegemoniale Ordnungsvorstellungen. Rassismusbekämpfung kann daher nur eingebettet in pastoral ganzheitliche, d. h. spirituelle, mentale, ethische, politische und theologische Lernprozesse erfolgen. Pastoraltheologische Konzepte dafür stehen erst am Anfang, einige Ideen seien kurz skizziert:
Zunächst bedarf es einer entmoralisierenden Sensibilisierung für das Problem. Es gilt, das Phänomen in seiner geschichtlichen Genese und seinen sozialen und politischen Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft zu verstehen. Eine solche kognitive Einbettung kann entlasten, schmerzhaft bleibt es allemal. Auch eine spirituelle und theologische Begleitung kann helfen, die Unvereinbarkeit zwischen Rassismus und dem christlichen Glauben zu erkennen. Vor allem aber bedarf es positiver Erfahrungen des Zusammenlebens über ethnische, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg: Regionale Nachbarschaftsprojekte sowie interkultureller und interreligiöser Dialog sind dafür bewährte Wege. Auch moderierte Begegnungen mit Menschen, die Rassismus am eigenen Leib erfahren haben, können das Interesse am gesellschaftspolitischen Einsatz für gerechtere gesellschaftliche und kirchliche Ordnungen wecken.
Nicht zuletzt braucht es alternative Narrative und Visionen, die die Sehnsucht nach und Freude auf eine inklusive Kirche, Gesellschaft und Welt wecken, in denen Diversität ‚normal‘ ist und Gerechtigkeit herrscht. Die biblische Tradition ist reich an solchen Erzählungen, Bildern und Verheißungen. Orte, an denen ein solch inklusives Zusammenleben die große Idee von der Einheit der Menschen bereits heute lokal und konkret erfahren und erahnen lässt, gibt es in Kirche und Gesellschaft längst. Holen wir sie ans Licht! Sie geben Hoffnung, dass eine Welt ohne Rassismus möglich ist.
LITERATUR
Arendt, Hannah, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft [Teil II: Imperialismus], München 31986 [1951].
Arts, Will/Halman, Loek, Value Research and Transformation in Europe, in: Polak, Regina (Hg.), Zukunft. Werte. Europa. Die Europäische Wertestudie 1990–2010: Österreich im Vergleich, Wien 2011, 79–99.
Diangelo, Robin, Wir müssen über Rassismus sprechen. Was es bedeutet, in unserer Gesellschaft weiß zu sein, Hamburg 2020.
Geulen, Christian, Geschichte des Rassismus, München 2007.
Heitmeyer, Wilhelm u. a. (Hg.), Deutsche Zustände [10 Bände], Berlin 2002–2011.
Keßler, Tobias (Hg.), Lebenslänglich! Das Ringen von Migrierten und Geflüchteten um gleichberechtigte Partizipation in Gesellschaft und Kirche, i. E.
OSCE, OSCE Human Dimension Commitments and State Responses to the Covid-19 Pandemic; pdf-upload unter: https://www.osce.org/files/f/documents/e/c/457567_0.pdf.
Päpstliche Kommission Justitia et Pax, Die Kirche und der Rassismus [Arbeitshilfe Nr. 67], Bonn 1998.
PEW Research Center, Being Christian in Western Europe; abrufbar unter: https://www.pewforum.org/2018/05/29/being-christian-inwestern-europe.
Rosenberger, Sieglinde/Seeber, Gilg, Kritische Einstellungen: BürgerInnen zu Demokratie, Politik, Migration, in: Polak, Regina (Hg.), Zukunft. Werte. Europa. Die Europäische Wertestudie 1990–2010: Österreich im Vergleich, Wien 2011, 165–190.
Zerger, Johannes, Was ist Rassismus?, Göttingen 1997.
[Links alle zuletzt eingesehen am 25.01.2021]
Deutsche Kirche – weiße Kirche?
Die Replik von Marita Wagner auf Regina Polak
Ich stimme Regina Polak in ihrem Argument, dass Rassismus nicht nur ein moralisch-individuelles, sondern darüberhinausgehend auch politisches Problem ist, welches insbesondere in der Migrationspolitik zutage tritt, zu. Mit Blick auf das Thema Rassismus scheint es besonders schwerzufallen, eine gesellschaftliche „Gesamtverantwortung“ (Arendt, 500) zu übernehmen, weil dies zunächst eine selbstkritische Auseinandersetzung und sodann einen verantwortungsbewussten Umgang mit den eigenen (weißen) Privilegien erfordert. Privilegierte Menschen erleben diese notwendige, ausstehende Umverteilung von unverdienten, qua Geburt erhaltenen Bevorzugungen oft als einen vermeintlich gesellschaftlichen Nachteil, wodurch sich das Gefühl einer ungerechtfertigten existentiellen Hinterfragung und daher der Bedrohung einstellt. Wie sähe vor diesem Hintergrund eine postkoloniale (Pastoral-)Theologie aus, die Beziehungen heilt, indem sie zu einer Globalisierung beiträgt, in der allen Menschen Gerechtigkeit zuteilwird (vgl. Mabanza)? Als kritischen Denkanstoß kann hier unter anderem der Roman von Abdourahman A. Waberi Die Vereinigten Staaten von Afrika dienen, in dem der Autor das eurozentrische Weltsystem gegen den Strich liest und beschreibt, wie eine Welle an Geflüchteten aus dem Globalen Norden an den afrikanischen Küsten wie Djerba und Algier stranden. Waberi zeichnet das Bild eines von Fortschritt, Entwicklung und einer wissenschaftlichen Bildungselite geprägten afrikanischen Staatenbundes, der sich aufgrund seiner Finanzstärke zu behaupten weiß – und gegenüber den Bedürfnissen und Nöten der von Armut geplagten europäischen Völker emotional eher unberührt bleibt.
Polak schreibt, dass Rassismus heute in der EU geächtet sei. Ein wichtiger öffentlicher Schritt in der Auseinandersetzung mit Anti-Schwarzem Rassismus ist sicherlich, dass die UN im Jahr 2015 eine Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft ausgerufen hatte, an deren Zielumsetzung auch Berlin beteiligt ist. Dazu zählen in erster Linie die Bekämpfung von Diskriminierung sowie die Aufarbeitung der eigenen kolonialen Vergangenheit. Ein Konsultationsprozess mit Selbstorganisationen Schwarzer Menschen in Berlin hat 2018 begonnen. Dass People of Color und deren Lebenswirklichkeiten in Deutschland bislang nicht genügend sichtbar, obwohl vorhanden sind, und daher meist immer noch negiert werden, zeigt die Debatte um die Frage, ob es einer Studie zu Rassismus in der Polizei und damit einhergehend rassistisch motivierter Polizeigewalt bedürfe. Nachdem Bundesinnenminister Horst Seehofer diese Forderung zurückgewiesen hatte und dafür in die Kritik geraten war, stimmte er der Studie doch zu – später dann allerdings stellte er zur Bedingung, die Fragestellung zu erweitern, indem Rassismus in der Gesamtgesellschaft untersucht werden solle. Der Rassismus in der Polizei wird nur noch als ein Unterkapitel behandelt werden. Dieses Ringen und sich Winden um eine tiefergehende Aufarbeitung rassistischer Gewaltstrukturen in allen Lebensbereichen – psychisch wie physisch – zeigt, wie schwer es fällt, den eigenen weißen Schutzwall fallenzulassen und sich bewusst ‚verwundbar‘ zu machen.
Weiter fortgeschritten in der Aufarbeitung und Sichtbarmachung Schwarzen Lebens in Deutschland ist der Berliner Verein Each One Teach One (EOTO). Er setzt sich für die „Interessen Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland und Europa ein“ (Each One Teach One (EOTO) e. V.). Von Juli bis September 2020 führte EOTO eine Onlinebefragung, den #AFROZENSUS durch, um statistisch aufzuzeigen, „welche Erfahrungen Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland machen, wie sie ihr Leben in Deutschland einschätzen und welche Erwartungen sie an Politik und Gesellschaft haben“ (#AFROZENSUS). An der Volkszählung durften folglich nur Menschen afrikanischer Herkunft teilnehmen. Thematisch wurde explizit auch nach den eigenen Erfahrungen mit Racial Profiling und rassistischer Polizeigewalt gefragt. Die Ergebnisse sollen bereits im Frühjahr 2021 veröffentlicht und der Politik zur Verfügung gestellt werden. Parallel ist ein ergänzender qualitativer Forschungsteil bestehend aus Interviews und Fokusgruppen in Planung. Unterstützt und begleitet wird dieses Forschungsprojekt unter anderem von Aminata Touré, Vizevorsitzende des Landtags in Schleswig-Holstein, deren Eltern damals als malische Geflüchtete nach Deutschland migrierten (vgl. Arte TRACKS).
Regina Polak führt in ihrem Beitrag kirchliche Positionierungen auf, in denen Rassismus und Diskriminierung verurteilt werden, weil sie dem Plan Gottes von der Einheit der Menschheit zuwiderlaufen. Es zeigt sich, dass Rassismus aber auch vor der Kirche als Teil des gesellschaftlichsozialen Raumes nicht haltmacht. Angesichts der Tatsache, dass Kirche und Christentum im Rahmen der Zivilisierungsmission keineswegs unbeteiligte Zuschauer waren, reicht der Verweis auf die theoretische Unvereinbarkeit von christlichem Glauben und Rassismus nicht aus. Es braucht innerhalb der Kirche eine ernstgemeinte Auseinandersetzung mit dem eigenen gewaltvollen christlichen Erbe und der Ausübung von Zwang und Dominanz auf bestimmte Bevölkerungsgruppen sowie den anhaltenden hegemonial-eurozentrischen Prägungen christlicher Theologie, die sich bereits in der Besetzung von Kirchenämtern sowie der Repräsentanz von People of Color in kirchlichen Gremien und Organisationen widerspiegelt. Unsere Kirche in Deutschland ist weiß, was angesichts der Tatsache, dass jede*r vierte Katholik*in einen weltkirchlichen Lebenshintergrund aufweist, verwunderlich ist. Auch innerhalb der Kirche existiert kein machtfreies Vakuum. Aus diesem Grund sollte die Pastoral hier in meinen Augen nicht zu vorschnell als Lehrerin oder Expertin zutage treten und sich als antirassistische Verbündete Schwarzer Menschen emporschwingen. An erster Stelle braucht es eine kritische Introspektion, eine Arbeit an sich selbst und dem eigenen Weißsein sowie demütiges Zuhören den Menschen gegenüber, denen angesichts der anhaltenden ‚kolonialen Matrix der Macht‘ (vgl. Dussel; Mignolo) eine vollumfängliche Partizipation an der Weltgesellschaft gewaltsam abgesprochen wird. Was tut die Kirche, um sich selbst zu dekolonisieren? Wo finden interkulturelle Begegnung und Zusammenleben statt? Muttersprachliche Gemeinden bieten einen wichtigen geschützten Ort für Menschen mit weltkirchlichem Hintergrund, der es ihnen erlaubt, bestimmte Kollektiverfahrungen gemeinsam zu reflektieren. Gleichzeitig bleibt zu fragen, welche zusätzlichen kirchlichen Erfahrungs- und Begegnungsräume kreativ geschaffen werden können, um eine interkulturelle Fragmentierung und Separierung zu vermeiden, und ein echtes gelebtes Miteinander sowie ein neues Vertrauen zu- und ineinander zu fördern. Und gerade dieses Vertrauen ist es, das es wieder, bzw. der Ansicht einer befreundeten Schwarzen Theologin zufolge nach, erstmals überhaupt (!) zu gewinnen gilt.
LITERATUR UND LINKS
Arte TRACKS, Afrozensus - mit Megaloh, Aminata Belli und Aminata Touré; abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=I57LePt0cgc.
Berlin.de, UN Dekade für Menschen Afrikanischer Herkunft; abrufbar unter: https://www.berlin.de/sen/lads/schwerpunkte/rechts-extremismus-rassismus-antisemitismus/un-dekade-fuer-menschen-afrikanischer-herkunft.
Dussel, Enrique, Der Gegendiskurs der Moderne. Kölner Vorlesungen, Wien 2013.
Each One Teach One (EOTO) e. V., https://www.eoto-archiv.de.
Mabanza, Boniface, Gerechtigkeit kann es nur für alle geben. Eine Globalisierungskritik aus afrikanischer Perspektive, Münster 2009.
Mignolo, Walter, Epistemischer Ungehorsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität, Wien 2012.
Waberi, Abdourahman A., In den Vereinigten Staaten von Afrika, Hamburg 2008.
#AFROZENSUS, https://afrozensus.de.
[Links alle zuletzt eingesehen am 03.01.2021]
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