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Tilman Thiemig
AHRENSHOOPER NARRENSPIEL

Für Hans-Georg Assmann
VORAB. »Ahrenshooper Narrenspiel« erzählt eine fiktive Geschichte, die an jene im »Ahrenshooper Todholz« geschilderten Ereignisse anknüpft. Auch wenn das Romangeschehen die Leserschaft abermals zu zahlreichen existierenden Schauplätzen führt, sind die dort anzutreffenden zeitgenössischen Personen jedoch Gestalten meiner Fantasie und mögliche Ähnlichkeiten somit lediglich dem Zufall geschuldet. Zur besseren Orientierung habe ich im Anhang eine Übersicht dieses handelnden Personals beigefügt. Überdies findet sich eine Reihe von zumeist weniger bekannten Namen aus Kunst und Literatur, die meines Erachtens einer Erinnerung würdig sind. Die Kapitelüberschriften verweisen auf historische und literarische Narrenfiguren aus verschiedenen Kulturkreisen.
Inhalt
1. Kaspar
2. Stańczyk
3. Taugenichts
4. Prangerl
5. Kuony von Stocken
6. Dagonet
7. Dummer August
8. Oskar Matzerath
9. Rigoletto
10. Bajazzo
11. Kunz von der Rosen
12. Pierrot
13. Peter Schlemihl
14. Hans Wurst
15. Till Eulenspiegel
16. Simplicius Simplicissimus
17. Grobian
18. Schelm von Bergen
19. Jack Oldfield
20. Mathurine
21. Bracke
22. Don Quixote
23. Hans Clauert
24. Joseph Fröhlich
25. Baudolino
26. Paul Zopf
27. Juan Calabazas
28. Claas Narren von Ranstedt
29. Emanuel Quint
30. Perkeo
31. Squirrel
32. Harlekin
33. Baron Schmiedel
34. Hersch Ostropoler
35. Parzival
36. Pamphalon
37. Narrenschiff
Dramatis personae
Literatur
Dank
1. Kaspar
Der Bote vertraut dem Admiral. Auch wenn jener an Land kämpft. Auf wenigen Quadratmetern. In seiner Box, umgeben von Gestänge und Plankenholz. Bodenhart und Gitterrost. Seine Arena. Sein Ring.
Er ist stark. Groß. Schwarz. Muskeln. Sehnen. Fesseln. Hufe. Zorn. Ein Vulkan. Im Ausbruch. Eine einzige, ewige Eruption. Schweiß strömt an den Flanken. Augen drängen aus Höhlen. Die Nüstern beben.
Nur ein wenig hat er nachhelfen müssen. Forcieren. Mit der Forke Spitz. Der furiose Tanz wird vom inneren Rhythmus getaktet. Bestimmt. Als ob der Hengst darauf gewartet hat. Lange schon. Erwartet. Diesen Moment. Diesen Waffengang. Allein mit seinem Herrn, Besitzer, Peiniger, für den nun die Minuten der Abrechnung angebrochen sind.
Es scheint zu stimmen, was er gehört, gelesen, gefunden hat. Dass jener nicht gut zu seinen Pferden ist. Den eigenen ebenso wenig wie zu den anderen, den Logiergästen. Ein Scheusal. Unbeherrscht und brutal. Jähe Raserei.
Doch das ist eigentlich gleichgültig. Für ihn, den Boten. Bedeutungslos für das Geschehen. Darum geht es ihm ja nicht. Selbst wenn die furore Rache des Admirals seine Aufgabe erleichtert. Zudem hat er sich nie sonderlich für Pferde interessiert, gar Gefühle gefunden. Obwohl oder gerade, weil sein Vater sie ihm nahebringen wollte. Ihm auch die Bücher gab, aus seinem Schrank. »Mein Freund Meteor«, »Meine Pferde und ich« und manch einen anderen Band, den er von Freunden aus dem Westen bekommen hatte. Thiedemann. Winkler. Schockemöhle auch. Damals. Als sein Vater noch vom eigenen Ruhm im Sattel geträumt, es jedoch nicht einmal mehr zum Triumph als Tonnenkönig gereicht hatte.
Und auch die Kaltblüter auf dem kleinen Hof der Eltern hatten ihn kaltgelassen. Lotte und Selma. Die ihn über die Wiesen, den Strand getragen hatten. Auf breitem Rücken. In ruhigem Schritt.
Lange her. Er wollte kein »söchtener Reuter wer’n«, wie sein Vater einer gewesen war. Bis ihm Skåne die Zügel aus den Händen genommen hatte.
Oktober 1967. Im Darßwald. Wo er helfen wollte. Nein, er wollte nicht helfen. Kein Reiter sein, sondern ein Bote. Wandernd. Der dem Galopp zuschaut. Der nun beinahe am Ziel. Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp. Über Stock und über Steine. Brich dir aber nicht die Beine.
Dir nicht. Sondern ihm. Und nicht nur die Beine. Was nun beinahe vollbracht ist. Im Fell des Admirals sprengselt sich Rot. Sprengselt? Nein, es mäandert. Und das Stroh changiert in vagem Grau. Frieden kehrt ein. Das Pferd verschnauft. Sein Opfer? Verschwindet. In welchem Jenseits auch immer. Lässt nur Haut und Knochen zurück. Schmutz, Lumpen und Loden.
Nicht einmal ein Echo. Hat der Bote ihn doch bereits zuvor verstummen lassen.
Ein Knopf seines Trachtenjankers hat sich retten können. Ist durch die Gitter gehüpft. Hirschhorn. Ohne Blut. Ohne Hirn. Kurz erwägt der Bote, ihn einzustecken. Doch sein Erinnern bedarf keines Mitbringsels. Seine Freude keiner Trophäe fürs Daheim. Die Siegeszeichen wird er zurücklassen.
Er denkt wieder an das Bild im Flur. Über dem Tischchen mit dem Telefon. Es hing schon immer da. Schaute ihn an seit frühen Kindertagen. Erzählte seine Geschichte und die seines Malers, der ein Großonkel von Mutti war, wie sie wieder und wieder stolz betont hatte. Der Onkel Schorse. Von dem noch andere Bilder im Haus hingen. Der Heilige Franz. Ein Mann mit Geige. Eine Frau auf einem Pferd. Doch am besten gefiel ihm das über dem Telefon. Schon immer. Genau! Es ist so, als ob ihn das Bild anrufen würde. Ihm sagt, was er zu tun hat. Jetzt.
Und er ist vorbereitet. Greift zum Rucksack, holt die Möhren hervor. Und die Schere. Geht zu den anderen Pferden.
Den Admiral lässt er noch zur Ruhe kommen. Zuerst Montana. Dann Bella und Domino. Nun die Shetlands. Björk und Avalon. Schließlich Maestro und Sunshine. Zum Abschluss dann den Admiral. Die Krönung.
Jedes Mal die gleiche Prozedur: Möhren. Kraulen. Streicheln der Mähne, der Flanken und Kuppe. Behutsam. Sanfte Worte, die ihr Vertrauen wecken. Wimpernblick. Und dann das Kappen des Schweifes. Nicht zu nah an den Wirbeln, doch lang genug. Damit das Rosshaar etwas hermacht. Wenn es dann mit rotem und grünem Band geflochten ist. Gebunden. Vor den Boxen abgelegt. Wie die Strecke nach der Jagd. Nur dass die gestreckten Schweife noch nicht das Ende markieren, das Finale. Sondern den Auftakt, den Aufbruch, das Anblasen des Treibens.
Der Bote betrachtet sein Werk. Die Nachricht. Seine Botschaft. Lies, wenn du es verstehst! Prüfe, wenn es gefällig ist!, wie seine Oma immer geraunt hatte. Märenhaft. Orakelt. Er ist zufrieden. Wirft einen letzten Blick in das Geviert des Admirals. Vergewissert sich, dass dort im Rappen das einzige Leben pulsiert. Verlässt den Stall.
Draußen empfängt ihn Nacht. Abnehmender Mond. Merkur und Saturn. Der Kadaver des Hundes. Es tut ihm leid, ihn erschlagen zu haben. Es war nötig gewesen. Er nimmt das tote Tier, auffällig schwer ist er, der Dobermann. Bettet ihn auf die Ladefläche des Land Rovers. Er wird ihn begraben. Später. Beerdigen. Bestatten. Vielleicht findet er einen Feldrain mit letzten Sonnenblumen. Oder Herbstastern aus einem Bauerngarten. Zur Not eine Nachttankstelle. In Wismar. Mit Blüten im Folienkleid.
Zuvor nimmt er jedoch das Schlüsselbund. Geht zum Herrenhaus, öffnet die Tür, sucht und findet schließlich das Büro. Findet Papier und Stift. Hinterlässt zwei Notizen in Druckschrift: Namen, Datumsangaben, Telefonnummern. Drapiert die Zettel sichtbar. Doch willkürlich positioniert auf dem Schreibtisch. Zettels Traum. Verlässt das Zimmer. Das Gebäude. Schließt ab, greift seinen Wanderstecken, steigt dann in den Wagen mit dem Schriftzug Reitergut Wohlbehagen.
Wohlbehagen. Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Er startet den Motor. Verlässt ohne Licht das Gehöft und fährt in den neuen Tag.
2. Stańczyk
Der neue Tag begrüßte Robert Aaron Zimmermann auf der Meiningenbrücke. Mit Schwellenschlag. Unterm Wagen. Einem munteren »Guten Morgen, mein Freund!« des Fahrers. Und frischen Sonnenstrahlen aus dem Osten.
Richard Sonntag und er kamen auch aus jener Richtung. Genauer gesagt aus Südost. Aus Polen. Woiwodschaft Kleinpolen. Region Krakau. Oder Kraków. Je nachdem, aus welcher Richtung, welcher Zeit man kam, schaute. Für Zimmermann war es immer noch Krakau. Wie er es als Kind gekannt hatte. Gerade nachdem, was alles geschehen.
»Ist das nicht herrlich, dieses Gerumpelpumpel? Das hört sich so richtig nach Zuhause an!« Sein Chauffeur ließ die Sonne guter Laune auch im Westen aufgehen. Seit beinahe einem halben Jahr stand Sonntag nun schon in Zimmermanns Diensten. Kutschierte ihn durch die Lande. Zunächst rund um Ahrenshoop. Dann durch Berlin. Die Straßen der Kindheit. Erinnerungen. Zu vergangenen Adressen. Untergegangener Heimat. Zuhause? Das stand für Zimmermann seit über achtzig Jahren jenseits des großen Teiches. In Kanada.
»Ach, mein treuer Gefährte, ob du es wahrhaben willst oder nicht. Nächste Woche geht es für mich wieder retour. Nach Halifax. Nur noch das Richtfest vom Partikel-Hof erleben. Feiern. Durchaus. Doch dann ist Schabbes, mein werter Sonntag!«
»Na komm, aber einmal zu den Kranichen sollten wir es wenigstens noch schaffen. Nach Groß Mohrdorf oder Pramort. Da kann man die Biester bestens sehen. Schau einmal, da sind sie schon! Die haben ja gerade ihre große Zeit hier oben.« Sonntag wies durchs geöffnete Sonnendach.
Zimmermann folgte dem Wink. Dem Flug der schönen Vögel. Die ihn jedoch kurz hinter Zingst in leichten Schlummer entführten. Halbschlaf. Dösen. Zwischen den Zeiten. In den zurückliegenden Wochen hatten sie sich auf den Spuren von Großmama Ruth befunden. Sie war das Ziel seiner Reise gewesen. Ihre letzten Jahre. Ihr Ende.
Sonntag hatte die beiden auch gewohnt sicher dorthin geführt. Zu jenem Ort, der heute Oświęcim heißt. Bekannter jedoch als Auschwitz. Auf dem großen Parkplatz hatte Zimmermann allerdings etwas verlassen. Der Mut? Die Entschlossenheit? Oder die Notwendigkeit, alles wissen zu müssen? Er hatte es nicht sagen können. Nicht in Worte fassen. Womöglich waren es die vielen anderen Besucher gewesen. Die wie Touristen wirkten, die auf dem Weg zu einer ganz besonderen Sehenswürdigkeit sind. Bei ihrem Anblick wollte der alte Mann auf einmal nichts mehr sehen. Schon gar nicht Großmama Ruth im Streifengewand. Ihre letzten Habseligkeiten in einer Vitrine. Oder ihren Namen auf einem Dokument. Ihr Leben zur Nummer reduziert. Einer Tätowierung.
Sonntag hatte ihn verstanden. Ohne große Erklärungen war er weitergefahren.
Später hatte Zimmermann dann bei einem Trödler Christbaumschmuck gekauft. Im Antiquarium in Krakau. Strohsterne, kugelbunt. Rauschgoldengel, feinstes Haar. Ein Schneemann, gedrechselt, Erzgebirge, Winterhilfswerk … Dort hatte er auch das Bildnis entdeckt: Stańczyk. Einst Hofnarr polnischer Könige. Jetzt Reisender in Zimmermanns Hofstaat. Er hatte das Gemälde ohne große Feilscherei gekauft. Zumal es von Katarzyna Gawłowa signiert war. Jener Volkskünstlerin, die ihm die Kunstdamen aus Ahrenshoop ans Herz gelegt hatten. Wobei ihn der Stil an einen anderen polnischen Künstler erinnerte: Er glich dem der Bilder Antoni Libudas. Der ebenso wie sie aus Zielonki stammte. Antoni Libuda. Der Vater Hans von Wustrows und der …
»Verdammter Köter!«
Sonntags Fluch schreckte ihn aus Gedankendämmer. Der Gefährte bremste. Riss das Lenkrad herum. Gefährlich. Bremste abermals. Der Wagen schlingerte für Augenblicke. Blockierte. Kam zum Stehen. Rechtzeitig. Gefahr gebannt. Auf der anderen Straßenseite glaubte Zimmermann einen Hund zu erkennen. Obgleich. Der Gang? Die Läufe? Die Flanken? »War das ein Wolf?« Zimmermann war nun endgültig im Tag angekommen.
»Glaub ich nicht. Auch wenn die Viecher immer näher rücken. Finde ich ja gar nicht so schlecht, eigentlich … Die schrecken wenigstens die Jogger ab. Und die Radler. Hat man im Wald wieder seine Ruhe. Aber das hier sah eher wie ein Hund aus. Oder ein Fuchs, so vom Fell und vom Kopf her. Aber mit mächtig langen Beinen. Wie so ein Model. Ein etwas räudiges Model mit Kohldampf. Schau mal, der will zu den Wasserbüffeln.«
Das wilde Wesen zockelte den Weg entlang Richtung Bodden und bog dann auf die Koppeln des Gutes am Wiecker Eichberg ab.
»Recht hat er. Ist Zeit fürs Frühstück. Lass uns Brötchen holen! Dann freut sich Lore noch mehr über das Wiedersehen.«
Sonntag startete den Wagen. Blinkte ein paar hundert Meter weiter. Bog ab. Und parkte keine fünf Minuten später vor der Wiecker Backstube. Schlenderte hinein. »Moin Tanja!«
Zimmermann wartete derweilen im Auto. In Grübeleien. Darüber, wie er Lore Bradhering beichten sollte, dass er in wenigen Tagen seine Zelte in ihrer Pension abbrechen würde. Ein Radler riss ihn aus jenem Gespinst. Ein großer Mann. Sehr schlank. Sehr schwarz gewandet. Hemd, Hose, Jackett, selbst die Krawatte. Die Stiefel ebenso. Anthrazite Symphonie. Eine Erscheinung. Wie Henry Fonda. »Spiel mir das Lied vom Tod«. Nur der schrillgrüne Fahrradhelm passte nicht ganz ins Bild. So wie die Weste mit ihren Reflektorstreifen und dem Klettverschluss. Ein Mann mit der Anmutung eines Auftragskillers sowie ausgeprägtem Sicherheitsbewusstsein. Eine interessante Kombination. Zimmermann musste an seine erste Begegnung mit einer ebenfalls ungewöhnlichen Gestalt denken, die in Ahrenshoop Körbchen genannt wurde. Auch er außergewöhnlich, auffällig. Nur anders.
»Schau mal, die Finnen, die mag Lore besonders gern. Und hier, die Wiecker Wickel, die sind auch klasse. Mit Walnuss und Sanddornklecks. Schmecken sensationell!«
Hungrige Blicke in geöffnete Tüten. Der Geruch frischer Backwaren. Und weiter ging die Fahrt nach Born, Nordstraße, Pension Kuhfuß.
Lore Bradherings schmuckes Kapitänshaus empfing die Reisenden im goldenen Oktoberglanz. Schon links und rechts der Pforte Kürbisse in allen Größen. Von Kinderfaust bis King-Kong-Format. Ebenso bewacht: die Haustür. Flankiert von Strohgarben, gebunden in blau-weiße Bänder. Der Wein am Mauerspalier schenkte dem Farbenspiel schillerndes Rot.
Nur eine Nuance blasser jenes auf den Wangen der heraneilenden Herrscherin dieses Reiches. »Robert! Wie schön, wie wunderfeinschön, dass du wieder daheim bist. Endlich!« Ein wenig zu stürmisch die Umarmung. Ein wenig zu lau ihr knappes »Hallo Richard«, mit dem sie ihren Schwager begrüßte.
Zimmermann ahnte, dass er sich mit der Ankündigung seiner Abreise noch etwas Zeit lassen würde. Er war noch nie ein guter Hiobsbotschafter gewesen. Obwohl das in seinem langen Berufsleben als Anwalt und Notar ungezählte Male zum Job dazugehört hatte. Allerdings musste er sich um die aktuelle Gesprächsführung keine Sorgen machen. Die hatte Lore Bradhering sofort an sich gerissen. Vollumfänglich. Und sie sollte sie im weiteren Verlauf des Frühstücks nicht wieder aus der Hand geben. Es fing schon mit seinem Geschenk an. Den Rauschgoldengel aus Krakau hatte er für sie ausgewählt. Zur Erinnerung gedacht an ihr Abenteuer im Eiskeller. Ihre Nacht in kalter Angst. Vor gut einem halben Jahr. Als die Polizei die Entführte auf dem Nachbargrundstück aus ihrem Verlies befreit hatte. In güldene Rettungsdecke gehüllt, war sie ihm wahrlich wie ein Himmelswesen erschienen. Engelsgleich. Weihnachtlich.
Lore fing den zugeworfenen Ball des Rückblicks dankbar auf. Öffnete das Tagebuch dieses Frühjahrs. Jener Wochen im März, April, Mai – ein ereignisreicher Lenz! Ausführlich schilderte sie die Geschehnisse, die allen bekannt waren. Ließ Namen fallen, einen nach dem anderen. Manch einer dieser Namen fand sich nun auf einem Grabstein oder auf kleinem Schild an einem Friedwaldbaum. Kurzes Gedenken. Stummer Blick. Um dann umso plaudriger fortzufahren. »Wisst ihr noch?« – »Kennt ihr noch?« – »Könnt ihr euch noch erinnern?« Auf Antworten konnte Lore gut verzichten. Auch die hatte sie parat. Leitete schließlich so geschickt aus der Vergangenheit in die Gegenwart über. Die Zukunft. Warf den Blick auf Ahrenshoop. Den Partikel-Hof. Das neue Museum. Das Haus des Verschwindens. Berichtete vom Stand der Bauarbeiten, die gut vorankamen. »Wir sind hier ja schließlich nicht Berlin!« Sie führte aus, wie schön das alles werden würde, schon jetzt aussehe. Mit dem Zaun, den Tafeln und Bildern daran, den Kunstwerken, der Aussichtsplattform und den Gucklöchern.
Zimmermann wusste um den Stand der Dinge. Hatte erst vor wenigen Tagen mit Andreas Kempowski, seinem Adjutanten, telefoniert, der ihm bei seiner Mission im Frühling treu zur Seite gestanden hatte. Trotzdem freute es ihn, nun von Lore so viel Gutes zu hören. Überdies beruhigte es, zu erfahren, dass auch die zwischenmenschliche Chemie bei der Ahrenshooper »Bande« stimmen würde und sich die Damen Müller-Paul, Riese, Seegers und Wahnschaffe prächtig vertragen würden. Auch mit dem Herren Schiffers von der Bunten Stube. Obwohl der ja zwischenzeitlich was mit der Seegers gehabt hätte. Und mit dem Kempowski würde das ebenfalls prima klappen, der ja nun der Syndikus von dieser Stiftung wäre. Sie sprach das Y als Ü. Und wählte zwei S fürs Ende.
Zufrieden griff Zimmermann zum zweiten Wiecker Wickel. Fast glücklich. Wie anders war doch die Atmosphäre im Frühjahr gewesen. Allein die Turbulenzen bei der Testamentseröffnung! Kabale und Ranküne. Eifersucht, Leidenschaften, Neid. Ahrenshoop hatte sich ihm als Jahrmarkt der Eitelkeiten präsentiert. Und nun: Friede, Freude, Eierkuchen. Nicht ganz. Denn Lore war am Kempowski hängen geblieben. An seinem Auszug. Umzug. Einzug bei Elisabeth Müller-Paul in Ahrenshoop. Was sie ja nun sehr, sehr bedauern würde. Doch zugleich betonte sie, wie schön es wäre, dass ja ihr lieber, lieber Robert, ihr Bobby, noch sein Zimmer bei ihr hätte. Sein Zuhause, das sie ihm auch immer recht behaglich machen würde, damit er sich bei ihr wohlfühle. Jetzt hatte sie ihn am Wickel. Am Borner.
Er legte sich gerade die passenden Worte zurecht, als Lore den letzten Knust ihres Finnbrötchens als Stichwortgeber nutzte. »Habt ihr eigentlich mitbekommen, dass Hakala-Holappas Schwiegervater gestorben ist? Erst vor ein paar Tagen. Wilhelm und sein Mann sind gerade zur Beerdigung in Helsinki. Dabei haben sie eigentlich gar keine Zeit für so etwas. Wo sie doch so viel zu tun haben mit dem Haus. Sie wollen doch demnächst schon einziehen. Im November. Matti hat extra Urlaub genommen von der Uni. Ein so lieber Mann, sehr höflich und männlich und immer korrekt gekleidet. Nicht so bunt wie der Wilhelm. Keine albernen Brillen. Keine närrischen Anzüge. Keine rosa Zigaretten. Merkt man gar nicht, dass der … na ja, ihr wisst schon. Ich musste mich erst daran gewöhnen. Als die beiden eine Zeit lang bei mir unter einem Dach gewohnt haben während des Umbaus. Aber es sind ja beide so liebe Menschen.«
Vom Tod des alten Holappa hatte Zimmermann noch nicht gehört. Und auch Matti kannte er nicht. Wusste nur, dass Wilhelms Partner einen Lehrstuhl für Finno-Ugristik an der Georgia Augusta in Göttingen innehatte. Und dass der Professor und der Profiler das Haus von Lores Patentante in Born gekauft hatten. Ihrer »Tante Wilhelm«. Wilhelmine von Wustrow. Künstlerin. Keramikerin. Und die Mutter Hans von Wustrows.
3. Taugenichts
»Hans von Wustrow ist das Problem. Sein Schweigen. Sieht man mal von allem anderen ab. Doch seine kategorische Verweigerungshaltung macht es noch schwieriger. Und ohne seine Einwilligung geht es nicht. Rein formal sind die Bilder Libudas ja sein Eigentum. Alles andere ist in der Schwebe. Das kann also ewig dauern.« Kempowski ließ zum wiederholten Male den kleinen Löffel durch das schwarze Kalt des Kaffees kreiseln und blickte dabei aus dem Fenster. Es regnete Bindfäden. Dabei bräuchte er jetzt dringend eine Zigarette. Zumal das Künstlerhaus Lukas über eine prächtige Terrasse verfügte. Rauchen mit Boddenblick.
»Und du meinst, da lässt sich nichts machen, zum Beispiel über seinen Anwalt?« Dörte Wahnschaffe stippte enttäuscht Streuselkuchen in heiße Milch. Kramte im Chaos ihres Schreibtisches. Holte Fotos hervor. Betrachtete sie versonnen. Die Leiterin des Lukas’ hatte die Arbeiten Antoni Libudas damals zusammen mit zwei Künstlerfreundinnen entdeckt. Und war von Anbeginn an begeistert gewesen. Liebe auf den ersten Blick. Ungeachtet der dramatischen Begleitumstände. Der Gefahr.
»Goldi? Den kannst du vergessen. Das ist ein echter ›Held der Arbeit‹. Kenn ihn ja schon Ewigkeiten, den guten Goltsche. Trägt seinen Spitznamen außerdem nicht ganz unbegründet. Und ist ja auch nur Pflichtverteidiger. Auf den können wir nicht zählen.« Ein weiterer Blick zum Fenster. Mit schlechten Aussichten. Kempowski hatte inzwischen sein Zigarettenetui hervorgeholt. Wenigstens ein bisschen Aroma schnuppern.
»Schade nur, dass das Gericht Hakala-Holappa als Betreuer wegen Befangenheit abgelehnt hat. Obgleich das auf der anderen Seite auch verständlich ist, ja, fast abzusehen war.«
Nun hatte er auch sein Feuerzeug hervorgeholt. Lange würde er es nicht mehr aushalten. Ungeachtet des Dauerregens.
Dörte Wahnschaffe streuselte derweilen ein weiteres Stück. Bester Plattenkuchen von nebenan. »Ja, der Wilhelm ist ganz besessen von ihm. Der besucht ihn regelmäßig da unten und will ihn unbedingt aus der Reserve locken. Hat mich auch schon gefragt, ob ich nicht mal mitkomme und so eine Art Maltherapie mit ihm mache. Vielleicht wäre das was. Ist ja eigentlich ein armer Kerl.«
»Armer Kerl? Ich weiß ja nicht … Ich bin ein armer Kerl.« Ein Dreiecksblick: Etui – Feuerzeug – Regenguss.
»Als ich übrigens das erste Mal erfuhr, dass er in der JVA Waldeck ist, habe ich zunächst Waldau verstanden. Vielleicht auch verstehen wollen. Ist ja ein ganz berühmter Kasten. Die alte ›Irrenanstalt Waldau‹. Mit richtig prominenten Insassen. Dichtern, Künstlern, Robert Walser zum Beispiel. Oder Friedrich Glauser. Kennst du sein ›Matto regiert‹? Schauerlich, sage ich dir, wirklich schauerlich. Und dann war da noch der Wölfli, Adolf Wölfli. Einer meiner Heroen der Art brut, an dessen Stil mich ja die Bilder Libudas erinnern. Also insofern kein so großer Unterschied. Auch wenn die Waldau in der Schweiz liegt. Obwohl, da kommt ja schließlich der Wilhelm her … Ach, irgendwie hängt doch alles zusammen.«
»Davon bin ich überzeugt. Die Frage ist nur, wie?« Kempowskis Konzentration ließ nach. Spürbar. Entzug.
Wahnschaffe hingegen kam immer mehr in Fahrt. War in ihrem Element. Metier. Im Team des Partikel-Hofes war sie fortan für interdisziplinäre Themenausstellungen sowie das Stipendiatenprogramm zuständig. Außerdem führte sie das neue Museum zusammen mit Dr. Johanna Riese als Doppelspitze. Es war daher abzusehen, dass im Haus am Paetowweg zukünftig zahlreiche Künstlerinnen und Künstler der Art brut aus der Versenkung gehoben, dem Vergessen entrissen werden würden. »Der Mutismus ist in diesem Zusammenhang ebenfalls ein spannendes Phänomen. Ich bin ja davon überzeugt, dass Wustrow nicht schweigt, weil er nichts sagen will, sondern es aufgrund eines Schocks nicht kann. Eine Blockade, oder so. Wilhelm sieht das genauso. Er erinnert mich ein bisschen an Angus McPhee. Auch ein ganz großartiger Künstler. Schotte. Ganz einfaches Leben. Harte Kindheit, Jugend. Auf den Äußeren Hebriden. Wurde dann wohl während des Zweiten Weltkrieges auf den Färöer verschüttet, oder so. Kehrte auf jeden Fall total verändert zurück. Mürrisch. Introvertiert. Stumm. Verstummt. Worauf ihn seine Familie in eine Anstalt gebracht hat. Dort hat er wohl beinahe 50 Jahre verlebt. Ohne ein einziges Wort. Obgleich da die Aussagen abweichen und es Zeugen dafür gibt, gab, dass er ganz, ganz selten ein, zwei Sätze gesprochen haben soll. In Gälisch. Also die medizinische Differenzierung zwischen dem selektiven und dem totalen Mutismus. Doch das Bemerkenswerte ist, dass er in der ganzen Zeit Kunst gemacht hat. Versteckt. Im Stillen sozusagen. Und zwar ganz wunderherrliche Gebilde. Aus Gräsern, Schafwolle, Zweigen, Blättern, Flechtwerk. Sonderbarster Art. Aber auch in konkreter Formgestaltung. Kleider und andere Gewänder, Geschirre, Taschen, Mützen, Hüte und Kappen sogar. Oftmals von erstaunlicher Größe. Als ob es Geschenke für Riesen wären. Und er versteckte die Dinge im Buschwerk und den Hecken auf dem Anstaltsgelände. Ja, Angus, den würde ich auch gerne einmal bei uns präsentieren. Obwohl er ja inzwischen schon recht bekannt ist. Nicht wirklich vergessen. Es existiert sogar ein feiner Film über ihn.«
»Ein Schotte? Na, der würde ja bestens hierher passen. Da oben regnet es ja auch ständig.« Kempowski war ebenfalls kurz davor, sich in Schweigen zu hüllen. Mürrisch. Stumm.
»Nun übertreib mal nicht! Die letzten Tage waren doch herrlich. So richtig Goldener Oktober.«
Der trat in diesem Moment nach kurzem Klopfen in Form eines riesigen, in allen Farben des Regenbogens strahlenden Dahlienstraußes durch die Tür. Hinter ihm lugte Ann-Kathrin Seegers hervor. »Kinners, die Sonne geht auf. Ich habe ein paar Blümchen mitgebracht. Willst du auch ein Bund, Kempowski? Für deine Elisabeth? Obgleich, beim Anblick ihres Gartens hieße das ja eigentlich Eulen nach Athen tragen. Komisch, früher hatte sie es gar nicht so mit der Gärtnerei. Aber, wo die Liebe blüht, da sprießen auch die Blüten. Oder solltest etwa du den grünen Daumen mitgebracht haben? Ins neue Glück am Weg zum Hohen Ufer? Ich kann mir dich so gar nicht mit Spaten, grüner Schürze und Strohhütchen vorstellen.« Die Keramikerin pellte sich aus pitschnasser Pelerine. Schüttelte Tropfen aus grauen Locken. Der Schal stand ihrem Haar. Seide. Cadmiumorange.
Kempowski druckste ein wenig. Begossener Pudel mit Dackelblick. »Ich geb es ja zu: Ich mag das. Dieses Gärtnern. Außerdem kann man gut bei rauchen. In Rostock hatte ich sogar eine Datsche. In Brinckmansdorf, Kleingartenanlage Einsiedler. Die fand ich allein schon des Namens wegen klasse. Doch da ich ja nun dem Einsiedlerdasein abgeschworen habe, tobe ich mich halt bei Els … Elisabeth aus.« Beinahe hätte er Elseken gesagt. Was aber eigentlich nur für ganz besondere Ohren gedacht. Er brauchte wirklich eine Zigarette. Dringend! »Ach ja, wo wir schon bei Komplimenten sind: Deine Köpfe sehen prima aus!«
Seegers war im Partikel-Hof mit den Ausstellungen auswärtiger Künstler, dem später entstehenden Skulpturenpark sowie dem Bereich Museumspädagogik betraut. Außerhalb hatte sie zusammen mit Dörte Wahnschaffe und Johanna Riese den komplexen Bauzaun entworfen und gestaltet. Der eher eine eigene Kunstschöpfung voller Anziehungskraft als abwehrendes Bollwerk geworden war. Für Besucher und Gäste war die Symbiose aus Information, Kreation sowie einer gehörigen Prise Verspieltheit schon jetzt ein Anziehungspunkt. Bestaunt und beliebt. Und auch bei manch einem Einheimischen waren beim Anblick der Bastion die in Ahrenshoop nicht zu leugnenden Vorbehalte gegenüber dem neuen Haus geschwunden.
Bei der Farben- und Formenwelt hatte sich Seegers von Alfred Partikels »Kleinem Flügelaltar« inspirieren lassen, den der Maler 1920 gemeinsam mit dem Künstlerfreund Gerhard Marcks geschaffen hatte. Eine gute Wahl. Zudem eine bislang erfolgreiche Graffitiprävention.
Die Krönung waren jedoch die Köpfe, die auf den acht Ecken des Oktagons thronten. Wie Hähne auf Kirchtürmen verkündeten sie den Anbruch eines Morgens. Geboren aus dem Dunkel des Vergangenen. Auch hier hatte ihr zunächst Gerhard Marcks als Pate zugelächelt. Was war Seegers von den Bronzen fasziniert gewesen, die der Bildhauer Partikel gewidmet hatte! Doch dann war sie weitergegangen. Auf den Spuren der zwei Freunde. Ihnen gefolgt. Bis in die Antike. Hatte in ihrem Briefwechsel gestöbert. Und war auf Mars und Jupiter gestoßen. Von denen es nicht mehr weit war zu Janus, dem Gott des Übergangs, des Anfangs und des Endes. Der Eingänge wie Ausgänge, Tore und Türen. Der nun in achtfacher Gestalt über den Partikel-Hof wachte. Zwischen Bodden und Meer. Ost und West. Gestern und Morgen. Dem Vergessen und der Erinnerung.
»Schön, dass du da bist!« Wahnschaffe nahm die Blumen ab, drapierte sie in Krügen während sie weiterplauderte.
Kempowski war immer wieder fasziniert, wie Frauen es schafften, sich weiter zu unterhalten, während sie komplizierte Arbeiten verrichteten. Für ihn ein Rätsel. Mysterium. Stiele zuschneiden. Vasen auswählen. Wasser einfüllen. Sträuße arrangieren. So etwas konnte er auch. Durchaus. Aber nur, wenn er sich voll und ganz darauf konzentrierte. Die Klappe hielt.
Anders doch Dörte Wahnschaffe. »Ich habe nämlich vorhin einen interessanten Anruf bekommen. Von Elke. Elke Stolte aus Königslutter.«
»Elke? Elke Stolte?« Der Name schien der Seegers ebenso wie ihm nichts zu sagen.
»Ja! Hat dir Jo nichts von ihr erzählt? Von seiner kleinen Schwester? Seiner vernünftigen kleinen Schwester. Mit dem braven, ordentlichen Spießerleben. War früher ja ein beliebtes Thema von ihm.«
Jo? Königslutter? Jetzt klingelte es auch bei Kempowski. Joachim Majakowski kam doch aus diesem Kaff. Irgendwo bei Braunschweig. Und auch Dörte Wahnschaffe. Das hatte sie ihm vor Ewigkeiten einmal erzählt. Jo Majakowski. Der wilde Mann. Grobe Klotz. Mit der feinen Seele. Dem tragischen Ende. Kempowski hatte ihn gemocht. Er bedauerte es, ihn nicht auf seinem letzten Gang begleitet zu haben.
»Nein. Von einer Schwester hat Jo nie etwas erzählt. Schon gar nicht von einer mit einer bürgerlichen Existenz. Wobei er ja kaum eine Gelegenheit ausgelassen hat, über Spießer zu lästern. Das normale Leben. Normale Menschen. Allerdings hat er ja auch an den meisten anderen Künstlern kein gutes Haar gelassen. Wahrscheinlich hat er sie gemocht. Sehr gemocht. Der Jo …« Ann-Kathrin Seegers betrachtete eine verwirrte Locke ihres Haares. Verloren. Ein kleines Feucht im Blick.
»Na, komm schon! Kopf hoch!« Dörte Wahnschaffe wusste um das Weh ihrer Freundin. Ahnte ihre Trauer. »Vielleicht haben wir ja eine Chance, ihm noch eine besondere Referenz zu erweisen. Eine Retrospektive. Hattest du ja selbst vorgeschlagen, auch Jo mal eine Ausstellung zu widmen. Als Bildhauer hat er ja noch immer einen gewissen Namen und als Ahrenshooper eine gewisse Bekanntheit. Zu viel, um als Vergessener durchzugehen. Doch in Königslutter wartet womöglich ein Schatz auf uns. ›Jo Majakowski: Das unbekannte Werk‹. Elke hat erzählt, dass sie gerade dabei sind, das Elternhaus zu verkaufen; die Mama muss jetzt in ein Pflegeheim. Und auf dem Dachboden hat sie Unmengen von Joachims frühen, früheren Arbeiten entdeckt: Zeichnungen, Radierungen und sogar Kupferstiche. Ich dachte eigentlich, dass er das alles verbrannt hätte. Wie er immer gerne vollmundig verkündet hat. Doch das stimmt wohl nicht so ganz. Typisch Jo halt. Elke hat auch ein paar Fotos geschickt. Klasse, sage ich euch. Ein paar Sachen kenne ich noch von früher. Wir haben ja beide eine Zeit zusammen an der HBK in Braunschweig studiert. Fand ich fantastisch. Er zählte wirklich zu den ganz großen Talenten damals, wobei er selbst sein größter Kritiker war. Er fand dann irgendwann den ganzen ›Scheiß‹ zu bürgerlich, konventionell, bildnerisch und wandte sich der Malerei zu. Seinen ›Körperlandschaften‹, wie er es nannte. Mit Unterbodenschutz. Also, ich möchte auf jeden Fall mal hin und mir das anschauen. Außerdem habe ich da unten auch noch andere Gräber zu besuchen.«
»Mag sein, Dörte. Fände ich schon schön. Und sehen möchte ich seine Arbeiten ja auch. Wie lange haben wir denn noch Zeit? Im Augenblick ist verdammt viel zu tun. Wenn ich nur an das Richtfest denke!«
»Ja, das ist das Problem. Eigentlich soll das Haus bis Ende des Monats geräumt sein. Und bei sich hat Elke auch nicht so viel Platz. Ihr Mann ist ebenfalls Künstler. Bildhauer sogar. Das nur zum Thema Spießbürger. Er arbeitet allerdings als Dozent an der Steinmetzschule dort. Auf jeden Fall ist ihr Häuschen voll bis zum Dach mit irgendwelchen Skulpturen, Werkstücken, Entwürfen, wie sie sagt.«
Kempowski fand die Idee, eine Exkursion nach Königslutter in das Œuvre des frühen Majakowski zu unternehmen, ebenso reizvoll.
Der ja zumal dort ganz in der Nähe einen Baum hatte. Im Friedwald. Den hätte er schon gerne besucht. Mit einer Flasche Wodka. Um noch einmal anzustoßen. Das wäre ja mit einer Buche, einem Bergahorn, womöglich gar einer Birke einfacher. In diesem Augenblick klingelte sein Telefon. Und der Regen hörte auf. Eine gute Konstellation, die Terrasse aufzusuchen. Er verabschiedete sich kurz. Zündete sich noch auf der Türschwelle eine an. Und meldete sich.
Gut zehn Minuten und drei Zigaretten später legte er auf. Setzte sich. Zündete sich noch eine an. Ein merkwürdiger Anruf von einem alten Bekannten, der bei der Polizeiinspektion Wismar arbeitete. Polizeihauptmeister Heie Timmendorf. Ein Mann ohne Karriereambitionen. Ähnlich wie er. Dafür mit einer gehörigen Portion Loyalität. Bei dem Kempowski noch etwas guthatte. Gehabt hatte. Denn nun hatte sich Timmendorf über gewisse dienstliche Pflichten, Selbstverständlichkeiten hinweggesetzt, das Gebot der Verschwiegenheit gebrochen und ihm von einer ganz merkwürdigen Geschichte erzählt, die sich vor ein paar Tagen auf einem kleinen Dorf Richtung Grevesmühlen ereignet hatte. Wo der Besitzer eines Reiterhofes auf bestialische Weise umgekommen war. Zunächst hatte es wie ein Unfall ausgesehen, als ob das Opfer von seinem eigenen Pferd zu Tode getrampelt worden wäre. Ein übler Anblick. Das hatte Timmendorf nachdrücklich betont. Bei näherer Untersuchung hatte man jedoch bestimmte Details entdeckt, die aus dem Unfall einen Mord gemacht hatten. Merkwürdige Details. Sonderbare Spuren. Wie bei einer Inszenierung. Für die es nun zahlreiche Verdächtige gebe. Der Tote war alles andere als beliebt gewesen. Das fing schon in der Familie an: zwei Söhne, zwei geschiedene Frauen. Mindestens vier Motive.
Kempowski hatte Timmendorf irritiert zugehört. Und neugierig, zugegebenermaßen. Auch wenn er nach dem Ahrenshooper Frühling eigentlich genug von Leichen hatte. Von Verdächtigen. Verdächtigungen. Allerdings schien das Schicksal für ihn anderes vorzusehen. Denn als Höhepunkt seiner Vertraulichkeit hatte ihm der Vertraute aus Wismar schließlich mitgeteilt, dass im Rahmen der weiteren Ermittlungen auch er ins Spiel gekommen sei. Er. Andreas Kempowski. Aus Rostock, jetzt wohnhaft in Ahrenshoop, am Weg zum Hohen Ufer. Denn auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer des Toten waren zwei Notizzettel recht frischen Datums gefunden worden: mit Kempowskis Namen und seiner Telefonnummer. Mit der Erinnerung, ihn anzurufen und dem Hinweis auf einen anstehenden Termin: ein gemeinsames Essen im Alten Schweden in Wismar am 14. November. Daher, so endete Timmendorf, habe sich der Chef entschlossen, ihn vorladen zu lassen. Zu einer ersten Anhörung. Natürlich nur als Zeuge. Die Post sei schon unterwegs.
Kempowski fühlte sich wie von einem Panzer überrollt. Einem T-55. Dem Eierschwein. Gesteuert von Generalmajor Janshen. Was sollte das? Was hatte er mit einem mysteriösen Mord bei Wismar zu tun? Und was mit diesem Haberkamp? Heinz Haberkamp … Er grübelte. Gehört hatte er den Namen schon einmal. Aber schon länger her. Irgendein Prozess war das gewesen. Heinz Haberkamp. Alter Schwede? Dann fiel es ihm ein. Wie Schuppen von den Augen.
4. Prangerl
Lore Bradhering fing mit dem linken Auge an. Immer. Sie liebte das Gefühl, wenn das Messer die äußere Schicht durchstieß. Spitz. Schartig. Scharf. Und dann wanderte. Kleine Wege zog. Von links nach oben. Schräg weiter nach rechts. Unten. Und wieder zurück. Manchmal auch im Zickzack. Zwischendurch ein kurzer Griff zum Handtuch, die Finger abtrocknen. Eine etwas klebrige Angelegenheit. Dennoch schien sie Feuer und Flamme. War ganz bei der Sache.
Zimmermann schaute ihr fasziniert zu. Er kannte das. Aus Kanada. Dort war es sehr beliebt, das Phänomen der geschnitzten Gesichter. In seiner Heimat sprossen sie schon Ende September aus dem Boden. Die Fratzen. Masken. Larven. Die Grimassen des Grauens. Doch Halifax galt auch als Hochburg des Halloween. Hier an der Ostseeküste hatte er allerdings keine so große Passion fürs Kürbisschlachten vermutet. Schon am Morgen hatten ihn Lores Cucurbita-Kompositionen mehr als erstaunt.
Wenig später hatte sie ihn aufgeklärt. »Ach, weißt du, Robert, meine Mutti stammt ja aus Thüringen. Aus Schalkau. Ganz im Süden. Sie hat es nach dem Krieg nach hier oben verschlagen. Und da hat sie den Brauch des Rübengeisterns einfach mitgebracht. Mit mir als Kind ihre geliebten Rubebötz geschnitzt. Und gelöffelt. Eigentlich sind das nur echte, wenn man dafür Futterrüben nimmt. Zur Not auch Zuckerrüben. Gab es ja früher in Barth von der alten Zuckerfabrik. Da fiel schon mal was ab für uns Kinder. Ist aber eine mordsmäßige Arbeit. Da sind die Kürbisse schon leichter und sehen auch schöner aus.«
Sie hatte recht. Inzwischen hatte sie ihr Werk vollbracht und auf der bereits gedeckten Tafel im Esszimmer arrangiert, wo sie zwischen Geschirr und Servietten blau-weiße Lichtakzente setzten. Beim Frühstück war ihr die spontane Idee zu einem kleinen Oktoberfest gekommen. Zur Feier von Zimmermanns Rückkehr. Eigentlich in richtig großer Runde. Die Vorbereitungen des anstehenden Richtfestes in wenigen Tagen hatten ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht: Fast alle Eingeladenen vom Partikel-Hof hatten absagen müssen und sie auf später vertröstet. Nach dem großen Tag. Nur Elisabeth Müller-Paul hatte zugesagt. Wollte erscheinen. Natürlich mit Kempowski. Zimmermann freute sich auf das Wiedersehen mit dem Weggenossen. Mitstreiter. In stürmischen Tagen.
Es klingelte Sturm. Doch zunächst stand nur Richard Sonntag in der Tür. Mit zwei Kästen Weizenbier. Es sollte zünftig werden, wie Lore verkündete. Zimmermann hatte vage Befürchtungen. Er hatte zwei, drei Male Oktoberfeste in Kanada besucht. Auf Einladungen von Mandanten. Es war fürchterlich gewesen. Hoffentlich verzichtete Lore wenigstens auf die typische Musik. Und hatte an den Kümmel gedacht. Doppelkümmel. Immerhin kam das Bier aus der Gegend.
»Hoppen un Molt, us de Herrgott erhalt!« Sonntag hatte die ersten Flaschen geöffnet. Eingeschenkt. Prostete Zimmermann zu. Zwei Humpen. Halbe Liter. In Blau-Weiß. Mit Seeadler. Und Kranich. Im Flug.
»Trinkt man das nicht eher aus langen, schlanken Gläsern?« Zimmermann schaute etwas irritiert.
»Aber die sind doch von Tante Wilhelm. Komm, ein Prost auf die Dame!« Von deren künstlerischem Schaffen in Lores Pension manch anderes Geschöpf ihrer Hände kündete. Nach dem Verkauf des Hauses an den finnisch-schweizerischen Psychologen und Profiler Wilhelm Hakala-Holappa schien sich die Anzahl der Wandteller, Kerzenleuchter, Übertöpfe, Kannen, Vasen und Skulpturen aller Größen mehr als verdoppelt zu haben. Allein die vielen Büsten. Von allen Regalen schauten sie einen an. Aus allen Winkeln verfolgten sie einen. Zimmermann hatte in den vergangenen Stunden versucht, sie zu identifizieren. Zuzuordnen. Hatte auch etliche Bekannte entdeckt – Lore natürlich. Den guten Sonntag. Sogar Jo Majakowski. Selbst Alfred Partikel. Seine Kinder: Adrian, Barbara, Cornelia. Sich selbst hatte Wilhelmine von Wustrow auch zum Relikt werden lassen. Auf allen Stufen des Lebens. Sowie einen Knaben, Jüngling, Mann, in dem Zimmermann Hans erkannte. Ihren Sohn. Ihm wurde unbehaglich.
In diesem Augenblick klingelte es abermals. Behutsam. Freundliche Begrüßungen aus dem Flur. Elisabeth Müller-Paul betrat das Esszimmer und betrachtete den herbstfestlich gedeckten Tisch. Das allerorten rötelnde Weinlaub. Die Trockensträuße. Doldenstände. Bärwurz. Wilde Möhre. Schafgarbe. Und begann sogleich zu deklamieren:
»Up Wischen un up Wegen
Klingt Harvestesmelodie.
De welken Bläder ruscheln
Tau unsen Fäuten dal,
Un in de greunen Kuscheln
Is ’t lerrig nu un kahl.
De griesen Nebel decken
Dat öde Stoppelland,
Un Well un Wogen trecken
Mit Brusen an den Strand …«
Sie wechselte die Position und fuhr fort: »Martha Müller-Grählert. Ich liebe sie. Poetin aus Barth. Dann Zingst. Und Schöpferin des Gedichtes ›Mine Heimat‹, das zunächst als Lied von den Ostseewellen bekannt wurde und später als jenes von den Nordseewellen große Erfolge feierte. Von denen hat sie kaum einen Pfennig gesehen und starb stattdessen fast blind, verarmt und einsam im November 1939 in einem Altersheim. Ein trauriges Ende.«
»Ob Nord- oder Ostseewellen. Oder gar Donauwellen. Hauptsache etwas zu essen!«
Es hatte zwischenzeitlich abermals geklingelt und Lore abermals geöffnet. Kempowski stand nun in der Tür.
»Aber zunächst einmal herzlich Willkommen, mein lieber Zimmermann. Willkommen tu Hus!« Kempowski griente. Umarmte den Freund. Mit sozialistischem Bruderkuss.
Müller-Paul stockte im Anblick dessen. »Mensch, natürlich, ich bin immer so impulsiv, lasse mich von Gefühlen tragen. Stimmungen. Schön, Sie zu sehen, lieber Herr Zimmermann! Doch die Martha, die sollten Sie mal lesen! Das wird Ihnen gefallen. Und ihr Schicksal kann einen schon rühren. Allein diese Gemeinheit mit den Tantiemen. Aber jetzt kümmern sich zwei Enthusiasten aus Barth um Müller-Grählerts Werk, ihren Nachlass und die Erinnerung an sie: Die Arlts haben dort sogar ein kleines Museum eingerichtet. In der alten Druckerei. Ich werde die beiden sicherlich mal zu uns einladen. Zu einem Vortrag oder Leseabend.« Als Bibliothekarin und Lyrikfreundin oblag Elisabeth Müller-Paul im Team des Partikel-Hofes auch das Literaturprogramm. Überdies hatte sie den Ausstellungsbereich der Verfolgten unter den Künstlern und Künstlerinnen übernommen. Des Weiteren war sie für die Kommunikation zuständig. Naheliegend. So fuhr sie fort: »Aber nun erzählen Sie doch mal! Wie war es denn in Polen?«
»Aufschlussreich. Danke der Nachfrage. Doch später mehr. Nach dem Mahl, das uns Lore gezaubert hat. Wundervoll, nicht wahr?«
Jene hatte inzwischen aufgetischt. Was Küche und Keller hergegeben. Sowie die Terrasse, auf der Richard Sonntag gegrillt hatte. Thüringer Rostbratwurst natürlich. Schließlich stand der Abend ja im Zeichen von Lores Mutter Annelie. Der Thüringerin in der Darßer Diaspora. Zimmermann kam der Übergang zum Wesentlichen recht. Dem Essenziellen – im wahrsten Sinne des Wortes. Von seinem abgebrochenen Besuch in Auschwitz hatte er Kempowski bereits am Telefon erzählt. Das Wichtigste. Knapp. Mehr war nicht zu berichten. Allerdings wollte er sein Mitbringsel für den Fundus des Museums vorstellen: den Narren aus Zielonki. Doch der wäre eher etwas für eine besinnliche Stunde nach getaner Arbeit. Nichts, was zwischen Würsten und Brezeln, Kürbissuppe und Radi betrachtet oder erörtert werden sollte.
Ein abermaliges Klingeln unterbrach den Genuss. Nur kurz. Wilhelm Hakala-Holappa erschien. Allerdings allein. Das Paar war erst in der Frühe aus Helsinki zurückgekehrt, sein Mann jedoch weiter nach Göttingen gefahren. Er war zwar für ein Forschungssemester freigestellt, hatte aber zuvor noch einiges an der Uni zu erledigen.
Zimmermann hatte insgeheim darüber spekuliert, in welcher Gewandung der Profiler mit finnisch-schweizerischen Wurzeln den Herbst feiern würde. Im Frühjahr hatte er ja ein um das andere Mal mit seinem exotischen wie fantasievollem Kleidungsstil für Aufsehen gesorgt. Zu dem auch oftmals kurios anmutende Brillen zählten. Umso erstaunter war er, dass Wilhelm für den heutigen Abend eine eher schlichte Kombination gewählt hatte: hellbraune Cordhose, dunkelbraune Halbschuhe, beiger Pullover, ein weißer Hemdkragen, Tweedjacket. Die Brille in erdigem Horn. Eigentlich eher Kempowskis Stil. Auch sonst wirkte er verändert. Sehr ruhig. Freundlich zwar, doch zurückhaltend. Zuhörend. Dabei allerdings unkonzentriert. Zimmermann erklärte sich das mit dem Todesfall in der Familie. Obgleich ihn persönlich seinerzeit der Tod seines Schwiegervaters nicht übermäßig bedrückt und sehr lange beschäftigt hatte. Obwohl er dem alten Knaben zugetan war. Doch Menschen sind ja bekanntermaßen unterschiedlich. Wie Kürbisse.
Die nun Elisabeth Müller-Paul ins Spiel brachte. »Nur der Kürbis ist ein Kopf ohne Sorgen, wie man in Italien sagt.« Sie hatte Hakala-Holappas Verstimmung ebenfalls wahrgenommen und spielte mit einer der gehöhlten Früchte auf dem nun wieder vom Geschirr befreiten Tisch. »Apropos, kleines Rätsel: Von wem ist wohl das: ›Kürbisranken schmiegten sich auf am veralteten Stamme, und schon krachte das Glied unter den Lasten der Frucht. Dürres Gereisig neben mir an, dem Winter gewidmet, den ich hasse, denn er schickt mir die Raben aufs Haupt …‹ Na, meine Herren, meine Dame? Aus wessen Feder stammen diese Zeilen?« Ein auffordernder Blick in die Runde.
Zu der nun auch wieder Lore Bradhering gehörte. Und sich traute: »Womöglich von der Martha? Oder vielleicht Käthe Miethe? Am Ende von Ihrer Kaschnitz?« Eigentlich eher eine Freundin leichter Lektüre, hatte Lore im Frühjahr literarisch einiges dazugelernt und sich auch mit den Werken jener Damen beschäftigt, von denen die Bibliothekarin so begeistert war.
»Nein, leider alles falsch. Das ist von einem Mann. Natürlich. Das stammt vom großen Goethe. ›Römische Elegien‹. Epilog. Doch, woher haben Sie eigentlich diese herrlichen Früchtchen, liebe Lore? Die ja eigentlich Beeren sind.«
»Die? Die habe ich von den Krauses. Agnes und Astrid Krause. Mutter und Tochter, ein unzertrennliches Gespann. Etwas eigen, bisschen spleenig. Kann man aber auch werden, wenn man da oben lebt. In Müggenburg. Ganz kleines Nest in Zingst. Also noch hinter dem eigentlichen Ort. Beim Osterwald. Da wo früher das Gut war. Das VEG. Da haben die ihr Gärtchen. Was da nicht alles wächst. Eigentlich erstaunlich bei dem Boden. Doch die beiden entlocken dem die wundervollsten Gemüse. Und tuckern dann mit ihrer alten Brockenhexe los. Sind auf allen Wochenmärkten der Gegend. Ich besuche die immer in Wieck.«
»So, meine Damen, nun brauche ich aber etwas Platz. Ich will auspacken.« Zimmermann war nach dem Gelage auf sein Zimmer gegangen. Kehrte nun mit dem sorgsam verpackten Gemälde zurück. Befreite es umständlich von mehreren Lagen. Packpapier. Alte Zeitungen. Seidiger Zellstoff. »Trommelwirbel. Steigende Spannung. Der Vorhang hebt sich. Voilà, da ist er: Stańczyk. Der große Narr am polnischen Hofe. Meine Morgengabe für den Partikel-Hof. Zumal das Bildnis fein von Katarzyna Gawłowa gemalt wurde. Zumindest signiert.«
»Faszinierend!« Der Anblick des Narren hatte auch Hakala-Holappa aus seiner bislang anhaltenden Verhaltenheit gerissen. »Allein das Rot des Gewandes. Grell. Gleich Blut. Schreiend. Und dann diese Haltung. Wie er da sitzt. Auf seinem Stuhl. Armstuhl. Thron womöglich. Diese Verzweiflung. Ein resignierter Regent. Nein, das ist kein Narr, das ist ein Herrscher, der soeben von der letzten, vernichtenden Niederlage seines Heeres erfahren hat. Der Bote steht noch im Raum. In den Händen die unheilverkündende Botschaft. Faszinierend! Allerdings, hat die Gawłowa nicht andere Motive bevorzugt? Heiligenbilder, Marienerscheinungen, Volksfeste, Hochzeiten, so etwas halt? Außerdem«, der Profiler beugte sich näher über die Arbeit und untersuchte gründlich die Oberfläche, »erinnert mich der Pinselstrich frappierend an den Stil Libudas.«
»Über ihn haben wir leider kaum etwas in Erfahrung bringen können. Haben uns ja länger in Zielonki umgesehen. Der Sonntag und ich. Der kann ja ein bisschen Russisch. Etwas Polnisch. Und mit einigen älteren Einwohnern konnten wir uns auch auf Deutsch unterhalten. Doch ein Mann dieses Namens war keinem der Befragten bekannt. Auch auf dem Friedhof haben wir nichts gefunden. Und die alten Kirchenbücher sind im Krieg verbrannt. Wie die im Rathaus. Nur eine ganz alte Dame konnte sich noch daran erinnern, dass kurz nach ’45 ein Mann bei der Gawłowa aufgetaucht ist. So um die Vierzig. Jünger als sie. Ein vermeintlicher Neffe. Der hat einige Zeit bei ihr in ihrem Häuschen gewohnt. Aber sie hatte sowieso keinen guten Ruf im Dorf. Wurde gemieden. Galt als verrückt.«
»Genau! Verrückt! Das ist doch Hans von Wustrow! Schaut mal das Gesicht an!« Lore Bradhering hatte ebenso wie die anderen zunächst in ehrfurchtsvoller Betrachtung auf das Bild geschaut. Es auf sich wirken lassen. Eine starke Wirkung. Anscheinend.
»Jetzt, da Sie es sagen, liebe Lore. Genau! Wenn man sich den Spitzbart wegdenkt. Die Narrenkappe. Also diese Gugel mit den drei Zipfeln. Doch dann. Allein diese Augen. Das ist er. Definitiv. Oder sein Vater. Ein Selbstbildnis. Ein Bildnis seiner Resignation. Antoni Libuda. Ich bin gespannt, was die Damen von der Kunst dazu sagen. Antoni Libuda …« Hakala-Holappa setzte sich wieder. Kehrte zu seinen Gedanken zurück. Der Grübelmiene. Dem Schweigen.
In das sich in den letzten Stunden auch Kempowski gehüllt hatte. Immer mehr. Nach kurzem, forschen Auftritt. Ihn schien auch etwas zu beschäftigen. Zu belasten.
Zimmermann hatte es ebenfalls die Sprache sowie die gute Laune verschlagen. Dass ihm die Ähnlichkeit nicht aufgefallen war. Stańczyk. Libuda. Und Hans von Wustrow. Er blätterte zurück. Im ungeschriebenen Tagebuch. Traf ihn. Vor jener Tür. Jener Büdnerei. In Niehagen. Gerhard-Marcks-Weg.
»Also, Kinder, irgendwie habe ich mir unser Oktoberfest anders vorgestellt.« Lore Bradhering füllte die kleinen Gläser. Zur letzten Runde. »Irgendwie fröhlicher. Lustiger. Nicht so nachdenklich. Selbst die Hofnarren sind heute nicht mehr das, was sie früher waren. Frohsinn? Pustekuchen! Aber, ich kann ja verstehen, die Erinnerungen. Und dann die Vorbereitungen für das Richtfest. Die anstrengenden Reisen … Also, ich sag dann mal: Prost! Und tschüssing!«
Ein dezenter Rauswurf, der aber von allen Gästen gerne angenommen und zunächst mit überschwänglichen Komplimenten für ihre großartige Gastgeberschaft retourniert wurde. Bevor Zimmermann auf seinem Zimmer und die anderen im Dunkel der kühlen, sternenlosen Darßnacht verschwanden, hatte Elisabeth Müller-Paul beim Blick in den Himmel abermals zitiert. Verse von Martha. Zum Abschied.
»Kahl sünd de Wischen und Stoppeln,
Lerrig die Weiden un Koppeln,
Einsam ward’t buten mit Macht.
Schummrig un warm sünd de Ecken;
Tied ist taum Flustern un Necken.
Un so lang un so kalt ist de Nacht, – Diern, nimm di in acht!
Diern, nimm di in acht!«
5. Kuony von Stocken
»Nimm di in acht! Wilhelm, nimm di in acht!« Hakala-Holappa wiederholte die Worte der Mahnung. Mantragleich. Seitdem er in die Borner Nacht aufgebrochen war. Sternenlos. Wenigstens regnete es nicht mehr. Nasse Straßen. Gebrochene Lichter. Das mochte er überhaupt nicht. Obgleich er eigentlich gerne fuhr. Deswegen war er gestern auch zurückgekehrt. Nach dem Termin in Wismar. Hatte nicht dort oder in Rostock übernachtet. Nahe seinem heutigen Ziel.
Außerdem schätzte er sein neues Heim. Ihr neues Domizil. Im Moor. Tante Wilhelms Künstlerklause. Matti und er waren bei der Renovierung behutsam vorgegangen. Sehr behutsam. Unterstützt vom Käfer, der als Architekt ebenfalls Wert darauf legte, dass der ursprüngliche Charakter des Hauses erhalten blieb. Dieser Charme. Lediglich die Heizungsanlage hatten sie erneuert. Das Rohrdach frisch decken lassen. Jetzt galt es nur noch, den Räumen Farbe zu geben. Bodenbeläge. Und ein paar weitere Details. Ein paar? Er musste sich eingestehen, dass noch sehr, sehr viele Details darauf warteten, erledigt zu werden. Der Tod von Mattis Vater hatte ihren Zeitplan ja gewaltig durchkreuzt. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Daher war ihm der neue Auftrag eigentlich gar nicht recht. Passte nicht ins Konzept, zumal er ja noch mit Hans von Wustrow mehr als genug zu tun hatte. Er hatte sich in den Fall geradezu verbissen. Er wollte ihn aus der Reserve locken. Unbedingt. Ihm sein Schweigen abringen. Warum eigentlich? Denn es war doch alles klar. Fast. Lag es tatsächlich an dem geplanten Buch, das er mit Johanna Riese und Dörte Wahnschaffe schrieb? Oder war da noch etwas? Eine Ahnung? Etwas Irrationales? Eine andere Verbindung?
Schließlich war eine seiner Großmütter Samin gewesen und hatte noch den Joikgesang beherrscht. Dem kleinen Wilhelm von Seelenreisen erzählt. Von Schamanen. Den Geistern der Verstorbenen. Dem zweiten Gesicht. Hatte er vielleicht von seinen Ahnen ein Ahnen geerbt? Ein besonderes? Dann war er in seiner neuen Heimat ja genau richtig. Auch den Darßern wurde ein ausgeprägter Hang zur Spökenkiekerei nachgesagt.
Hakala-Holappa drosselte die Geschwindigkeit, als er Gelbensande passierte. Das Jagdschloss der Mecklenburger stand auch noch auf seiner Liste. Wollte er schon seit Wochen besuchen. Würde aber dazu wahrscheinlich in Monaten nicht kommen. Keine Zeit finden für die Vergangenheit. Die richtige. Die jüngere hatte Vorrang. Die jüngste, die ihn vor neuerliche Rätsel gestellt hatte. Dabei wusste er gar nicht so recht, warum ihn die Wismarer dabeihaben wollten. Unbedingt. Seine Mitwirkung an der SoKo Stechpalme hatte seiner Einschätzung nach nur bedingt zur Lösung des Falles beigetragen. Der Fälle. Insgeheim machte er sich sogar Vorwürfe. Womöglich hätte er einiges verhindern können, wenn er … Und nun diese neue Aufgabe. Der entsprechende Anruf hatte ihn just nach seiner Ankunft in Born erreicht. Die ersten Informationen hatten ihn den ganzen Abend beschäftigt. Ebenso wie seine anderen Pläne. Es tat ihm leid, dass er Lore ein so maulfauler Gast gewesen war.
Der Fall Haberkamp. An und für sich ein einfacher Fall. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war der Mörder dieses Reitstallbesitzers und Autohändlers in der Familie zu suchen. Die beiden Ex-Gattinnen schieden seiner Ansicht nach aber eher aus. Dafür war die Tat zu brutal ausgeführt. Mit zu viel Gewalt ausgeübt. Kraftaufwändig. Allerdings, diese Geschichte mit den Pferden, denen man die Schweife geraubt hatte?! Pferde und Frauen – eine spezielle Verbindung. Beziehung. Auch wenn die einstigen Partnerinnen wohl nie die Leidenschaft dieses Haberkamps geteilt hatten. Vielversprechender waren da schon die Söhne, die beide mit dem Vater gebrochen hatten. Ihn geradezu und offen bekundet hassten. So unterschiedlich sie waren.
Da war zunächst Torben. Der ältere: 32. Gelernter Kfz-Mechatroniker. Die Ausbildung hatte er noch im väterlichen Autohaus in Wismar gemacht. Dann Berufssoldat. Jedoch unehrenhaft entlassen, da er seinen Namen immer mehr zum Programm erwählt hatte: brauner Bär des Donnergotts, Hooligan, rechte Szene, Tendenz zum Reichsbürger. Mit dem Vater heillos zerstritten. Dafür rechte Hand und Untermieter des NPDlers Sven Krüger in Jamel, dem Braunau des Nordens. Dem Dorf der Verlorenen. Keine zwanzig Kilometer vom Tatort entfernt. Zudem polizeibekannt und wegen Körperverletzung vorbestraft. Die Streitigkeiten zwischen Senior und Junior hatten sich in letzter Zeit immer stärker zu Handgreiflichkeiten ausgewachsen. Und Drohungen wie »Dir schlag ich den Schädel ein!« oder »Ich mach dich platt, du Hund!« waren mehrfach bezeugt. Aber warum hatte er dann mit der Schaufel nicht richtig zugeschlagen? Zwei Mal. Drei, vier Mal. Anstatt den Bewusstlosen in die Box zu bugsieren. Dem Hengst das Finale zu überlassen. Und warum diese Inszenierung mit den Pferdeschweifen? Vielleicht ein Verweis auf Kastrationsängste? Ja, ein klassisches Phänomen im Dunstkreis von Ödipuskomplex und Patrizid.
Das Zeug zum Vatermörder hatte auch Sven, Torbens jüngerer Bruder. Obwohl einst sogar Papas Liebling. 29 Jahre, gelernter Pferdewirt und als solcher zunächst Haberkamps Partner und Stütze beim Aufbau des Reiterguts Wohlbehagen. Doch dessen Umgang mit den Pferden war immer häufiger Anlass für Differenzen gewesen. Schließlich hatte der Sohn den Vater sogar beim Veterinäramt angezeigt. Gut, die Anzeige war im Sande verlaufen. Wahrscheinlich hatte Haberkamp seine Beziehungen spielen lassen. Und Sven wohnte inzwischen in Greifswald, studierte dort Landschaftsökologie und Naturschutz. Seit der Anzeige vor drei Jahren waren sich die beiden nur einmal begegnet. Bei einer Demonstration. Beim Großen Preis von Sachsen, dem Reitsportereignis schlechthin. In Chemnitz. Dort war Sven mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter von PETA aufgelaufen. Hatte seine Meinung gesagt. Allen. »Das Ross ist der Boss!« – »Wir barren EUCH Narren!« – »Quäler unter den Beschäler!« Lautstark skandiert. Er war dabei von seinem Erzeuger entdeckt worden. Sekunden später hatten sich Vater und Sohn in den Armen gelegen. Ringend. Kämpfend. Blutend. Bis Männer vom Ordnungsdienst sie getrennt hatten. Auch jetzt Worte voller Drohungen. Gewalt. Finsterer Verheißungen. »Dich wird noch einmal dein eigener Gaul richten!« Was sich nun erfüllt hatte …
»Nimm di in acht! Wilhelm, nimm di in acht!« Nicht zu voreilig! Keine schnellen Schlüsse! Auch wenn das Szenario am ehesten auf Sven schließen ließe. Auch der Hund passte dazu. Haberkamps Dobermann. Der fehlte. War wohl einst ein Geschenk des Sohnes gewesen und jetzt nicht mehr auf dem Gelände aufzufinden. Auch die Suche im Dorf und in der Umgebung war bislang erfolglos geblieben. Allerdings hatte die Spusi Hinweise entdeckt, dass der Täter das Tier verletzt haben musste. Womöglich schwerer. Wenn nicht gar getötet. Doch warum dann den Kadaver mitnehmen? Und was hatte Kempowski mit der ganzen Geschichte zu tun?
Hakala-Holappa griff zum Kaffeebecher. Rostock, rechts der Autobahn, auf der er nun ein kleines Stück fuhr, ließ er liegen, ebenso den Fall Haberkamp und rauschte weiter Richtung Süden. In den Morgen, der grau dämmerte und so auch fortan bleiben wollte.
Ebenfalls grau empfing ihn der Fuchsbau. Die JVA Waldeck bei Dummersdorf. Der kleine Hans erwartete ihn! Hakala-Holappa hatte hoch gepokert. Seine letzte Karte ausgespielt, um Hans von Wustrows Schweigen zu brechen, das für ihn ein Fallbeispiel totalen Mutismus darstellte. Das vollkommene Verstummen eines Menschen infolge eines Traumas. Auch wenn dazu in Lehre und Forschung kontroverse Meinungen vertreten und diskutiert wurden. In dieser speziellen Konstellation drängten sich für ihn die Zusammenhänge geradezu auf. Wie ein aufgeschlagenes Buch: Lies mich! Schau, was ich dir zu zeigen habe! Überdies stellten ja Verbrechen nicht nur für die Opfer traumatische Verletzungen dar. Zudem suchte der Profiler tiefer. Ahnte die Wurzeln für die Störungen Hans von Wustrows im Erdreich jener Stunde im Ahrenshooper Holz. Vor über siebzig Jahren. Als der Kleine seinen Vater gesehen hatte. Und Alfred Partikel. Daher setzte Hakala-Holappa nun auf die Katharsis. Die im Geist der Antike geborene Lehre der Reinigung durch Konfrontation. Der Jahrestag des Verschwindens des Malers erschien ihm dazu ein idealer Anlass. Auch wenn er sicherlich gerne dem Richtfest beigewohnt hätte. Doch die Erkenntnis hatte Vorrang vor der Zerstreuung.
Schon seit Wochen hatte er die Exkursion vorbereitet. Die entsprechenden offiziellen Ohren waren erfreulich offen gewesen. Selbst der Anstaltsleiter hatte sein Placet gegeben. Zumal von Wustrow sich im Fuchsbau mustergültig verhielt. Friedlich, freundlich, fleißig. Deshalb waren ihm bereits einige Vergünstigungen zuteilgeworden. Wie zum Beispiel die wöchentlichen, bewachten Spaziergänge vor den Toren der JVA zu den Volieren mit den Tauben und Finken, die er sehr zu mögen schien. Fütterte. Ihnen das Wasser wechselte. Reichte. Zusammen mit einem anderen Insassen namens Franck, einem ehemaligen Stasioffizier. Und Gattinnenmörder. Mit dem sich von Wustrow auch ohne Worte verstand. Stillschweigend. Beinahe wie gute Freunde. Zwei komische Käuze. Aber in den Augen der Anstaltsleitung inzwischen harmlos. Zudem waren drei Beamte als Eskorte vorgesehen. Und ein entsprechend präpariertes Fahrzeug. Ein Kleinbus. Ausbruchsicher. Einen der Männer kannte Hakala-Holappa: Maik Celinski. Ein feiner Kerl mit der Statur eines Bären. Der nebenbei in Häschendorf eine Bikerkneipe betrieb, zu deren Besuch Wilhelm auch noch keine Zeit gefunden hatte.
Celinskis Anwesenheit beruhigte ihn. Er begleitete das Kommando vom Beifahrersitz aus. Die anderen beiden wirkten recht mürrisch. Vor allem jener, der von Wustrow zur Seite gestellt war. Mit Handschellen verbunden. Sie saßen ihm in einer Art Käfig gegenüber. Der Transportzelle.
»Ich bin bereit, wenn Sie es sind …«
Keine Reaktion. Von beiden. Scheinbar nicht nur mit Handschellen verbunden.
Derart in Schweigen wie in Sicherheit gehüllt fielen Hakala-Holappa wenig später die Augen zu. Eigentlich hatte er Hans von Wustrow als Geschichtenerzähler auf die anstehende Begegnung mit seiner Kindheit einstimmen wollen. Mit Märchen. Da kamen ja oftmals Wälder vor. Tief und voller böser Wesen: Hexen, Riesen, Zauberer und Kobolde. Biblisches hatte er auch in Erwägung gezogen. Vielleicht das Gleichnis vom verlorenen Sohn? Bei seinen ersten Besuchen in Waldeck hatte er es mit Kafka-Lektüre versucht. Der »Brief an den Vater«. Das hatte sich als falscher Ansatz erwiesen. Von Wustrow hatte nur stumm gegähnt. War am Tisch eingeschlafen. Wie von Kempowski vorausgesagt, dem sich Wilhelm anvertraut hatte.
»Dann kannst du mit ihm auch Star Wars anschauen. Anakin und Luke Skywalker, ganz großes Kino, passend zum Thema: Ich bin dein Vater! Schnorchelatem. Abgang. Sprung. Nein, Kafka führt in die falsche Richtung. Dann lieber dieses Kinderlied. Das öffnet vielleicht ein Fenster.«
Einen ganzen Abend hatte er mit ihm geübt. Dieses »Bajuschki baju« einstudiert. Bei zwei Flaschen Wodka. Hakala-Holappa war regelrecht begeistert gewesen. Freute sich auf die Reaktion. Gespannt.
Doch diesen Einstieg hatte er ja nun verschlafen. Der Wagen stoppte. Parkte. Rüttelte ihn wach. Halbwegs. Hakala-Holappa sortierte sich. Sein Vorhaben. Gut, das mit dem Lied musste er sich für den Gang ins Holz aufsparen: das Ahrenshooper Todholz.
Die Tür wurde geöffnet. Endlich wieder Licht. Was aber nur etwas heller war als das Grau des frühen Morgens dieses 20. Oktobers. Der kleine Expeditionstrupp brach auf. Schon nach wenigen Schritten im Holz schien seine Rechnung aufzugehen. Mit kurzer Geste eingeladen, übernahm Hans von Wustrow die Führung. Schritt voran. Mit seinem Begleiter, der auf den Namen Schildknecht hörte. Nun ja, so hieß. Auf morastigem Pfad. Die ersten Stechpalmen begrüßten die Wanderer mit dem Rot ihrer Beeren. Rot. Giftig. Lockend. Ilex aquifolium. Hans von Wustrow folgte ihnen, als ob die Früchte aufgeschnürt. Einer Kette gleich. Aufgefädelt. Sie waren sein roter Faden, der ihn zu den Wurzeln führte. Dem Eingang des Geheimnisses.
Hakala-Holappa stolperte hinterdrein. In Aufregung. Sollte sein Experiment gelingen? Er erhob die Stimme, brüchig zunächst, doch dann sicherer. Immer stimmiger in der Melodie der fremden Sprache: »Bajuschki baju«.
Von Wustrow schien es nicht zu stören. Er schritt weiter unbeirrt voran durch das Gehölz. Längst war das Häuflein vom Weg abgewichen. Stromerte durchs Unterholz. An Suhlen vorbei. Aufgeworfen vom Schwarzwild.
Die drei Beamten schienen ebenfalls unbeeindruckt. Machten ihren Job. Wechselten nur kurze, vielsagende Blicke.
Hakala-Holappa wechselte nun zu den deutschen Versen:
»Schlaf mein Kind,
ich wieg dich leise,
Bajuschki baju,
Singe die Kosakenweise,
Bajuschki baju.
Draußen rufen
Fremde Reiter
Durch die Nacht sich zu
Schlaf mein Kind, sie reiten weiter.
Bajuschki baju.
Einmal wirst auch
Du ein Reiter …«
Der kleine Hans hielt ein. Drehte sich ab.
Hakala-Holappa bannte den Ort. Totholz. Stechpalmen, Kreuzdorn und Adlerfarn. Eine kleine Lichtung. Für ein Foto war keine Zeit. Der Schauplatz? Tatort? Er war sich sicher. Fieberte dem Augenblick entgegen, in dem von Wustrow den Mund aufmachen und etwas sagen würde. Etwas Entscheidendes. Vielleicht weinte. Schrie. Oder auch nur stammelte. Auf jeden Fall die Lippen öffnete.
Doch jener öffnete nur die Hose, soweit es die Handschellen und Schildknecht zuließen, und – pinkelte. Um nach vollzogener Notdurft kehrtzumachen, einfach umzudrehen. Den gleichen Weg. Zurück, aus dem Holz heraus, zum Parkplatz, dem Fahrzeug.
Hakala-Holappa war am Boden zerstört. Trottete abermals hinterher. Ein Trottel war er gewesen. Sich von solch einer dilettantischen Versuchsanordnung etwas zu erhoffen. Eine Lösung womöglich. Die letzten Meter glichen zudem einem Spießrutenlauf. Ein kurzes Stück mussten sie entlang der Ahrenshooper Dorfstraße gehen. Im Gänsemarsch, denn es war einiges los. Spaziergänger, Radler, Touristen, die das sonderbare Quintett mit großen Augen anstaunten. Starrten. Verwundert tuschelten.
Wenigstens war Hakala-Holappa seinem neuen Dresscode treu geblieben. Seitdem Matti und er beschlossen hatten, mittelfristig ganz nach Born überzusiedeln, verzichtete Wilhelm auf die Paradiesvogelgefieder früherer Tage. Keine roten Lederhosen mehr. Keine zitronengelben Stiefeletten oder Rüschenhemden im Fliederton. Und auch der Janker mit Blütenmuster in Mauve hatte Ausgehverbot. Selbst auf die gewagten Brillen von seinem Bruder aus Basel verzichtete er. Schluss mit dem Mummenschanz. Den Narrengewändern. Er war Realist. Wollte die Toleranz seiner Mitmenschen nicht über Gebühr strapazieren.
In Begleitung von drei bewaffneten Justizbeamten sowie eines älteren, auffällig kleinen Mannes in Handschellen sorgte er dennoch für mehr als genug Aufmerksamkeit. An der Ecke zum Schifferberg mussten sie zudem noch eine größere Reisegruppe passieren, die wohl das neue Museum suchte. Den Partikel-Hof. Heute war ja der große Tag: das Richtfest.
Die kleine Strafparade ließ aber alle Blicke von aufgeschlagenen Karten und Smartphonedisplays aufschrecken. Man stupste sich an. Sog den ungewöhnlichen Anblick geradezu ein. Genoss ihn. Überschlug sich mit Kommentaren. Mutmaßungen. »Ob das ein Attentäter ist?« – »Hat das was mit der Kanzlerin zu tun? Die will ja auch kommen.« – »Mutti? Na, nur gut, dass sie den haben!« – »Sieht aber gar nicht aus wie so ein Islamist …«
Hakala-Holappa verzichtete auf Kommentare. Bloß weg! Nun sah er auch noch aus den Augenwinkeln einen Wagen aus Richtung Born herankommen. Einen bekannten Wagen. Einen alten Wartburg. Im Zweifarbendesign. Braun und beige. Als Cabrio. Kempowskis ganzer Stolz. Rasch in den Bus! Fort von hier ist unser Ziel …
6. Dagonet
Zimmermanns Ziel war es gewesen, um einen persönlichen Auftritt beim Richtfest herumzukommen. Auf eine Ansprache zu verzichten. Es würde genug geredet werden. Mit Sicherheit. Davon hatte ihn der Blick auf das sorgfältig konzipierte Programm überzeugt. Das Team vom Partikel-Hof war jedoch anderer Ansicht gewesen. Hatte einhellig darauf bestanden, dass er sich in den Reigen der Festredner einreihte. Sicherlich, das würde er schon schaffen. Vielleicht mit einer Erinnerung an die Stunden in Partikels Atelier verbunden, die er damals sehr genossen hatte. Den Blick auf die Bilder des Malers. In allen Stadien des Werdens. Wachsens. Den Geruch nach Farben und Terpentin. Dem Kakao von Tante Doro. Trotzdem hatte er ein wenig Lampenfieber. War unruhig. Ob das an der Begegnung mit der Kanzlerin lag, die sich ja angekündigt hatte? Sogar ein Gespräch mit ihm wünschte. Eigentlich eher nicht. Zumal er die Dame schätzte, gar sympathisch fand, was er ansonsten von nur wenigen Personen aus dem Dunstkreis der Politik sagen konnte.
»Schau mal, die Jungs haben schon Position bezogen. Obwohl, sieht eigentlich gar nicht so aus wie ein Einsatzwagen. Komische Karre …« Kempowski wies auf ein Fahrzeug am Straßenrand. Ecke Schifferberg.
Er hatte Zimmermann mit seinem Wartburg abgeholt. Sonntag und Lore Bradhering wollten später nachkommen. Zimmermanns Wirtin fühlte sich nicht. War außerdem beleidigt. Gekränkt. Er hatte sich inzwischen durchgerungen, ihr seine baldige Abreise zu beichten. Ihre Reaktion war eindeutig gewesen. Ein Wandteller von Tante Wilhelm. Von der Wand gefegt. Mit links. Ein Scherbenmeer. Wie ihre Freundschaft?
Entsprechend gedanklich beschäftigt hatte Zimmermann Kempowski nur mit halbem Ohr zugehört. Komische Karre? Ihm war nichts aufgefallen. Dafür sah er den komischen Kerl aus Wieck wieder. Den Mann in Schwarz. Man in black. Mit Helm und Sicherheitsweste in Schrillgelb. Ein Zeichen? Ein Déjà-vu?
»Ach guck, der Käfer. Hast du den schon kennengelernt? Ist ja unser Architekt. Heißt eigentlich Gregor Kafka. Da muss er sich über solchen Nökelnaam nicht wundern. Hat er sich ja auch ausgesucht. Freiwillig. Ist ein geborener Müller. Den Namen hat seine Frau mitgebracht. Genau wie das Architekturbüro.« Kurz vor der Schifferkirche hupte Kempowski schnell zur Begrüßung.
Der Baumeister drehte sich zunächst rasch um und schaute zornig. Flüchtig zeigte er einen bestimmten Finger, bevor er den Wagen und den Fahrer erkannte. Und freundlich strahlte. Wie ausgewechselt. In Sekundenschnelle. Die rechte Hand nun ein Peacezeichen.
Manche Radfahrer auf dem Darß waren Zimmermann schon ein bisschen unheimlich. Allerdings war er insgeheim froh, dass das Geheimnis des bislang Unbekannten so rasch gelüftet werden konnte. Er wollte seine letzten Tage hier in Ruhe verbringen. In Ruhe und Frieden. Ganz in Ruhe. Darum hatte er auch um eine persönliche Führung gebeten, um sich den Bau vor dem großen Festakt zeigen zu lassen.
Die übernahm nun der Käfer, obgleich er Zimmermann ja eher wie eine Biene erschien. Oder Wespe. Gar als Hornisse, wenn er gereizt. In seiner Radlerrüstung, von der er sich inzwischen jedoch befreit hatte, um Kempowski und Zimmermann ein weiteres Mal zu begrüßen. Jetzt mit Handschlag. Dann mit einladender Geste. Zum Bodden! Den Paetowweg entlang, am gleichnamigen Hof vorbei. Der alte Paetow, Friedrich mit Vornamen, der einst um 1871 das Gehöft erworben und als Bauer geführt hatte, weilte längst auf der anderen Seite.
Ob er seine letzte Ruhe am sanften Hang gefunden hatte? Gleich vis-à-vis? Vielleicht würde Zimmermann später dem ruhigen Ort im Schatten der Schifferkirche noch einen Besuch abstatten. Nun forderte jedoch die Zukunft seine ganze Aufmerksamkeit.
Die Gregor Kafka mit kurzweiligen wie feinsinnigen Ausführungen würdigte. Es überzeugte Zimmermann, was er hörte, sah, erahnen konnte. Was dort entstand. Schon der Grundriss hatte es in sich: ein Oktagon. Alle Achtung! Das Achteck – Urbild des achtstrahligen Sterns. Seit der Antike, dem Athener Turm der Winde Symbol baulicher Vollkommenheit. Die setzte sich im Inneren des entstehenden Museums fort. Wo künftig ein großzügiges Entree die Besucherscharen empfangen, leiten und weiterführen würde. In die verschiedenen Bereiche. Präsentationen. Geradeaus zur Sammlung mit den Arbeiten Alfred Partikels. Das Herz des Hofes. Flankiert von den vier anderen Ausstellungsbereichen, die zunächst noch mit Arbeitstiteln etikettiert waren: Vor Ort – Regionale Randerscheinungen. Verfolgt – Kunst im Kampf. Zu Besuch – Verschwundene aus aller Welt. Miteinander – Arbeiten im Gespräch.
Das Team hatte ihm gestern die jeweiligen Schwerpunkte bereits ausführlich vorgestellt. Den Rhythmus der Ausstellungen ebenso wie die Inhalte. Zahllose Namen waren gefallen, von denen ihm kaum einer bekannt. Doch so sollte es ja sein: Im Partikel-Hof jene Künstlerinnen und Künstler vorzustellen, die aus dem Bewusstsein des Publikums, dem Interesse der öffentlichen Wahrnehmung nahezu verschwunden. Es womöglich nie geschafft hatten, in jenem gespiegelt zu werden. Jeweils auf zwei Ebenen präsentiert. Verbunden mit Wendeltreppen sowie einem gläsernen Aufzug. Barrierefrei nannte man das jetzt. Wann würde Zimmermann auf diese Freiheit zurückgreifen müssen? Wahrscheinlich schon bald. Doch jetzt noch nicht.
Daher entschloss er sich im Anschluss zu einem kurzen Abstecher zum Schifferfriedhof. Er dankte Kafka für dessen Zeit, vor allem für seine großartige Arbeit, und floh dem Ort, der sich immer mehr mit Leben füllte. Technik wurde installiert. Stühle aufgestellt. Häppchen und Getränke arrangiert. Der Partikel-Hof rüstete sich für seinen ersten großen Auftritt. Zimmermann wanderte gegen den Strom. Die Wellen der diversen Servicekräfte. Erste Schaulustige und Medienvertreter. Auch Müller-Paul, Riese, Seegers und Wahnschaffe, die vier »Hofdamen«, sah er emsig hin und her wuseln. Geschäftig. Besprechend. Telefonierend. Er winkte, grüßte knapp, freundlich, schwang seinen Gehstock und entschwand. Er würde erst kurz vor seiner geplanten Ansprache zurückkehren. Bis dahin suchte er das Zwiegespräch mit den Verstummten.
Obgleich bereits im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, hatte Ahrenshoop erst 1872 einen eigenen Friedhof erhalten. Drei Tage nach dem Ende der großen Sturmflut jenes Jahres war dort am 13. November die erste Beisetzung erfolgt: ein Mädchen namens Albertine Kirchner. Keine drei Jahre alt.
Der Gottesacker auf der Düne vorm Schifferberg wurde bald ein beliebtes Motiv der Künstler, die etwa zu jener Zeit das Dorf für sich entdeckten. Allen voran Paul Müller-Kaempff. Mit seinem großen Gemälde hatte er dem Ort ein Denkmal gesetzt. Zimmermann mochte das Bild. Ein zartes Memento mori. Der Maler und seine Frau Else ruhten nun auch hier. Erst vor wenigen Wochen waren ihre Urnen und der Grabstein aus Berlin überführt worden. Sie befanden sich jetzt in guter Gesellschaft: Elisabeth von Eicken, die Schwestern Gerresheim oder Ernst Schaumann, ein Landsmann Partikels aus Königsberg, den ebenfalls ein besonderes Ende ereilt hatte. Starb er doch 1955 beim Malen in Pramort, dem östlichen, einsamen Zipfel der Halbinsel. Auch an einem Oktobertag.
Zimmermann fröstelte. Er schritt weiter. Schlenderte sich durch das »Who’s Who« der Künstlerkolonie. Auch wenn manch einer, manch eine unter anderer Erde der Ewigkeit wartete. In Wustrow zum Beispiel. Wie Dora Koch-Stetter. Ihr Mann Fritz Koch-Gotha. Frida Löber. Die Miethe. Müller-Paul hatte einmal davon erzählt. Ausführlich.
Ach ja, Koch-Gotha. Der kleine Robert Aaron Zimmermann hatte dessen »Häschenschule« geliebt. Allerdings hatte ihm der Fuchs Angst gemacht, bis in seine Träume verfolgt. Der alte böse Fuchs. Ein Wegelagerer. Hellbraunes Fell. In blutrotem Umhang. Ein langes Messer in der rechten Pfote. Ein Ehrendolch? Obwohl der ja erst 1933 eingeführt worden war. Das schöne Büchlein war jedoch bereits 1924 erschienen. Passend zu solchen Gedanken hatte Zimmermann nun das Grab von Elfriede Paul erreicht. Ärztin. Autorin. Widerstandskämpferin. Mitglied der Roten Kapelle. Sowie Tante von …
»Da steckst du also. Elisabeth ist schon ganz nervös. Der Rest der Meute auch. Du wirst erwartet!« Kempowski reichte dem Freund eine Taschenflasche aus gediegenem Silber. Ein Geschenk von Zimmermann als Erinnerung an ihre erste Begegnung. Beide schätzten guten Brandy. Auch zu früherer Stunde.
Zusammen mit zahllosen Gästen und Neugierigen, die sicherlich auch durch die Musik angelockt wurden, machten sie sich auf den Weg. Jazz. Zimmermann glaubte Chet Baker zu erkennen. »Autumn leaves«. Herbstlaub. Stimmig.
»Ja, die Burschen haben schon mal angefangen. Oscar, Leander. Und ein Adrian ist auch dabei. Sogar einen Aaron gibt es.« Kempowski lächelte. Eilte.
Zimmermann folgte. Schön, dass die Jungen ihr Versprechen gehalten hatten. Aufspielten. Obwohl, Jungen? Nun gut, junge Männer. Die Urenkel Alfred Partikels waren schließlich auch alle schon über zwanzig. Schade nur, dass ihre Großmutter in Hamburg geblieben war. Er hätte Cornelia gerne noch einmal gesehen. Nele. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.
Als Robert Aaron Zimmermann später erwachte, schaute er in das besorgte Gesicht Dörte Wahnschaffes, das sich nun jedoch aufhellte.
»Schön, dass Sie wieder bei uns sind! Wir haben uns schon Sorgen gemacht. Plötzlich einfach so umzukippen – das geht doch nicht. Allerdings hat Dr. Saalfeld nach der ersten Untersuchung Entwarnung gegeben. Nur ein kleiner Schwächeanfall. Die Aufregung. Deshalb haben wir die Sanitäter gebeten, sie ins Haus Lukas zu bringen. Hier im Schau ins Land haben Sie ja einen schönen Ausblick, wenn nachher die Illumination, also diese Projektion überm Bodden, beginnt. Und Frau Bradhering meinte, sie würde Ihnen auch nachher noch Gesellschaft leisten. Sie ist ja die ganze Zeit nicht von Ihrer Seite gewichen.«
Zimmermann erhob sich ein wenig von seiner Lagerstatt. Blickte aus dem Fenster. Wandte den Kopf. Erblickte Lore. Schöne Aussichten. »Aber das ist doch selbstverständlich. Und, so viel werde ich schon nicht verpasst haben. Wobei ich die Frau Merkel ja schon gerne einmal kennengelernt hätte.«
Lore Bradhering kam näher und setzte sich nun aufs Bett. Um ein Haar hätte sie Zimmermanns Hand ergriffen.
»Aber den Höhepunkt haben wir doch alle verpasst, liebe Frau Bradhering. Die Ansprache des guten Herrn Zimmermanns. Ansonsten wurde ja wirklich viel geredet. Ein bisschen zu viel. Der Bürgermeister. Die Ministerin. Die Kanzlerin. Johannas Festvortrag. Das hat sich ganz schön hingezogen. Dann noch die Performance. Die Musik. Das viele Essen … Apropos, der Kempowski holt Ihnen gerade was. Und ich muss leider wieder … mich um die Lichtkunst kümmern.« Wahnschaffe winkte kurz und war verschwunden.
Verpasst? Zimmermann glaubte, dass seine kleine Unpässlichkeit durchaus zur rechten Zeit gekommen war. Allerdings, zwei Dinge hätte er doch gerne getan: den Handwerkern zuprosten. Auf ihr Werk anstoßen. Und ein, zwei halbe Mettbrötchen dazu. Doch vielleicht dachte Kempowski daran und stellte sein Carepaket nicht nach diätischen oder sonstigen gesundheitsorientierten Aspekten zusammen. Er hatte schon ein bisschen Hunger, was er als gutes Zeichen deutete. Ansonsten bestätigte ihn der Vorfall darin, dass es für ihn Zeit war, nach Halifax zurückzukehren. Deutschland war ihm eindeutig zu turbulent.
»Na, mein Freund. Wieder wach? Hast uns ja einen gehörigen Schreck eingejagt. Aber das hier bringt dich wieder auf den Damm.« Kempowski tauchte in der Tür auf, trat ein und stellte einen wahren Rotkäppchenkorb ab. Wahrlich märchenhaft. Zimmermann erblickte nicht nur die erhofften Mettbrötchen, sondern auch drei, vier Flaschen der bekannten Prerower Brauerei. Sowie ein paar Wiecker Wickel zum Dessert. Lore war bereits unterwegs, Teller und Servietten zu holen. Plötzlich plätscherten Ostseewellen durch den Raum. Es erklang die Melodie von Müller-Grählerts Heimatlied.
»Och nö, wo es gerade gemütlich wird …« Mit entnervter Miene holte Kempowski sein singendes Smartphone hervor. Müller-Paul hatte ihm den Klingelton aufgespielt. »Kempowski, ja bitte! – Ach, du bist es, Wilhelm, wir haben dich …« Weiter kam er nicht. Der Anrufer ließ ihn nicht mehr zu Wort kommen. Dafür erbleichen. Nach endlosen Minuten beendete er das Gespräch: »So eine Scheiße! Ja, mache ich. Versprochen. Bin schon unterwegs.« Er steckte das Gerät ein. Stand auf. Fuhr sich durchs Gesicht. Schaute ins Land. Dann auf Zimmermann. Verlegen. Nervös. »Ich muss los. Hakala-Holappa hat ein Problem. Alles andere später.«
7. Dummer August
Hakala-Holappa. Endlich! Über zwei Stunden hatte Kempowski für die gut 20 Kilometer von Ahrenshoop bis zum Treffpunkt benötigt. Zwar war der Verkehr von Altheide aus über Ribnitz-Damgarten umgeleitet worden, doch Wilhelm wünschte ja, direkt abgeholt zu werden. Am Meilenstein. Dem Obelisken an der Bundesstraße. 2 Meilen nach Rostock. Früher hatte sich Kempowski manches Mal darüber gewundert, wie lange sich doch zwei Meilen hinziehen können. Auch wenn jene Meile aus alten Postkutschentagen etwa 7,5 Kilometer heutiger Messung entsprach. Doch noch nie hatte die Fahrt so lange gedauert wie heute. Nicht einmal in der Hochsaison oder bei besonderen Veranstaltungen in Karls Erlebnis-Dorf.
Inzwischen war wenigstens die vollständige Sperrung aufgehoben worden. Sämig quälte sich die Karawane voran. Von Polizisten auf der Gegenspur an der Unfallstelle vorbeigeführt. Glasscherben. Ein Außenspiegel. Abgestreute Lachen. Öl oder Benzin. Die Rettungswagen hatten inzwischen das Feld geräumt. Den Hubschrauber hatte Kempowski vor geraumer Zeit abdrehen sehen. Es musste mächtig gekracht haben!
Vorsichtig manövrierte Kempowski den Wartburg am Schauplatz des Schreckens vorbei. Hielt hinter Warnleuchten und Leitkegeln. Stieg aus. Sah, wie der Freund sich von Warnwesten verabschiedete. Hörte sein »Dann werde ich mal. Sie wissen ja, wie Sie mich erreichen können. Rufen Sie mich bitte sofort an, wenn Sie neue Informationen haben! Wenn …« Hörte das Zittern in seiner Stimme. Dabei sah er gar nicht so schlimm aus. Lediglich der rechte Arm schien etwas abbekommen zu haben. Das Handgelenk war bandagiert und nun von einer Schlinge getragen. Doch sehr blass, das Gesicht. Leichenblass. Er ging ihm entgegen. Stützte ihn. Half ihm beim Einsteigen.
»Danke, mein Freund. Danke, dass du so schnell gekommen bist.«
»Schnell? Nun ja. Aber erzähl doch mal, was genau passiert ist! Vorhin habe ich nur die Hälfte verstanden.« Kempowski startete den Motor. Versuchte zu wenden.
»Ja, sicherlich. Aber lass mir noch einen Moment! Vielleicht können wir da vorne irgendwo spazieren gehen. Ein Stückchen. Da bei diesem Jagdschloss. Das wollte ich ja schon immer mal sehen. Perkele. Vittu Saatana Perkele. Dieser gottverdammte Gurt.« Wilhelms Lieblingsfluch. Das R gerollt. Kempowski hatte das noch nicht so oft von ihm gehört. Erfüllte daher seinen Wunsch. Schnallte ihn an. Fuhr noch ein Stück. Bog ab. Schlängelte zur einstigen Sommerresidenz Großherzogs Friedrich Franz III. zu Mecklenburg. Malerische Mixtur aus englischem Landhaus und russischem Bojarensitz. Neogotik mit einer Prise Romanow. Eine stilvolle Kulisse für dramatische Szenen.
Hakala-Holappa zog es aber weiter in den Herbstwald hinein. Laubrascheln. Leichtes Frösteln. Im Hintergrund ein letzter Hirsch. Dabei war die Brunftzeit eigentlich schon vorüber.
Sie schlenderten stumm voran. Es dauerte beinahe eine halbe Stunde und etliche Zigaretten, bis Hakala-Holappa den Pfad zum Beichtstuhl fand und zu erzählen begann. »Ich habe wirklich Riesenmist gemacht. Einen richtigen Bock geschossen. Einen kapitalen. In jeder Hinsicht. Allein schon diese Idee mit der Katharsis. Der Konfrontation. Idiotisch!« Ausführlich schilderte er nun seinen Plan, wie er Hans von Wustrows Schweigen hatte brechen wollen. Holte aus. Erzählte von den Vorbereitungen. Den erfreulich wie erstaunlich leicht einzuholenden Genehmigungen. Der Fahrt. Der Exkursion durchs Ahrenshooper Holz. Ließ auch das Lied nicht aus. »Bajuschki baju …« Ebenso wie von Wustrows Reaktion. Das Scheitern des Experimentes. Den Rückzug. »Doch, einfaches Versagen reicht einem Hakala-Holappa ja nicht aus. Daher kam mir dann noch die absurde Idee, einen Abstecher zur Büdnerei in Niehagen zu machen. Weißt du, jenem verfallenen Häuschen … Doch auch das war ein Reinfall. Kein Wort hat er gesagt. Nur plötzlich gelächelt, als ob er eine Vorahnung haben würde. Als ob er schon gewusst hat, was wenig später passieren würde. Womöglich stand er ja mit dem Hund in Verbindung, Telepathie, Animismus, Totemismus, so etwas in der Art. Was weiß ich? Auf jeden Fall war er dann da. Wie aus dem Nichts tauchte dieser Höllenhund ein paar hundert Meter hinter Altheide auf und lief dann über die Straße. Direkt in den Gegenverkehr. Direkt vor den Sprinter. Irgendein Paketdienst. Hetzen ja allerorten durch die Gegend. Immer in Hektik. Und der Fahrer hat auch wirklich blitzschnell reagiert. Das Lenkrad herumgerissen. Ist ausgeschert. Anstatt den Hund einfach mitzunehmen. Und so in unseren Bus geknallt. Was für ein Geräusch! Das werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Habe erst dadurch mitbekommen, was passiert ist. Die Büchse hat ja keine Fenster im Fahrgastraum. Auf jeden Fall hat der Niemann, also unser Fahrer, auch noch ausweichen wollen, was ihm nur bedingt geglückt ist. So sind wir dann nach rechts in die Böschung. Dann der Überschlag. Das Herumwirbeln. Arme. Beine. Körper. Herumgeschleudert. Gegen den Holm. Zu Boden. Zur Decke. Der Schmerz im Arm. Im Handgelenk. Der Schreck. Die Schreie. Das Jammern. Wimmern. Vom Schildknecht. Und im Kopf minutenlang ein schwarzes Loch. Minutenland. Schweben durchs Minutenland. Die Finsternis. – Bis die Seitentür geöffnet wurde. Die nun das Dach bildete. Durch die Celinski hereinschaute. Mit blutiger Stirn. Einer mächtigen Brusche, ansonsten aber erstaunlich wohlauf. Energisch. Entschlossen. Hilfsbereit. Was ihm zum Verhängnis geworden ist. Uns. Mir.« Hakala-Holappa brach ab. Setzte sich auf einen Baumstamm am Wegesrand.
Kempowski malte sich aus, was sich anschließend ereignet haben musste. Er konnte sich Celinskis Dilemma vorstellen. Zwei schwer verletzte Kollegen. Ein ebensolcher Unfallgegner. Eingeklemmt. Im Sprinterwrack. Ein leicht verletzter Hakala-Holappa. Der war aber keine große Hilfe in dieser Situation. Rauchentwicklung im Motorraum. Und – Hans von Wustrow. Anscheinend unverletzt. Verständlich also, dass Celinski ihn der Handschellen entbunden hatte, damit er ihn bei der Rettung Schildknechts unterstützt. Was von Wustrow auch tatsächlich getan hatte. Wer mochte es dem Mann von der JVA verdenken, dass er sich zunächst weiter um den Schwerverletzten gekümmert hatte? Vorrangig. Und darüber schlichtweg versäumte, den Gefangenen wieder zu fixieren …
»Und das ist ja das Fatale an der ganzen Situation. Dass Celinski mit seiner Entscheidung, seinem Eingreifen wahrscheinlich Schildknecht das Leben gerettet hat. Wie in einem griechischen Drama. Schicksal.« Hakala-Holappa hatte den Gesprächsfaden wieder aufgenommen. Bestätigte Kempowskis Mutmaßungen. Bestätigte dessen Befürchtungen. »Er hat ihn ja auch noch im Auge behalten und gesehen, wie sich der Alte um Niemann gekümmert hat. Der war da gerade kollabiert. Und von Wustrow hat sogar gute Arbeit gemacht. Erste Hilfe geleistet. Stabile Seitenlage. Die Zunge. Alles richtig gut. Doch dann …«
»Wollte Celinski auch dich noch aus der Büchse holen, weil der Qualm stärker wurde. Und statt zum Feuerlöscher …«
»… hat er in die Scheiße gegriffen. Den Finnen gerettet. Die Büchse der Pandora geöffnet. Woher wusstest du …?« Kempowskis Intuition überraschte Hakala-Holappa.
»Ich kenne das Leben, die Menschen, das Schicksal.« Bedeutungsvoll zog Kempowski an seiner Zigarette, ließ den Rauch aufsteigen und folgte dessen Auflösung.
»Dann weißt du sicherlich auch, wo von Wustrow jetzt ist. Wo er hinwill. Was er vorhat. Und ob er die Waffe benutzen wird. Niemanns Dienstpistole …«
»So gut nun auch wieder nicht. Leider. Aber wir sollten zurückfahren, um mit Zimmermann und den anderen Freunden zu sprechen. Außerdem muss ich dir auch noch etwas erzählen, eher beichten. Doch nun los! Es ist spät geworden. Dunkel.«
8. Oskar Matzerath
Er liebte das Dunkel. Die Nacht. Nachtfalter und Nachtgestalten. Nachtkerze und Nachtgetier. Seine Freunde. Gefährten. Schon als kleiner Junge hatte er sich im Finsteren zu Hause gefühlt. Oft auch am Tage die Augen geschlossen. Um daheim zu sein. Im Land der kleinen Blicke. Im Schattenreich. Wo er sich sicher war. Um die Schritte wusste. Die Spuren. Die Wege. Die zu beschreiten waren. Die Dinge, die zu tun.
Wie eben. Vorhin. Wie lange war es her, seitdem er den Wagen verlassen hatte? Die Männer. Den Unfall. Eine Stunde? Zwei vielleicht? Oder mehr? Es kam ihm vor wie Tage. So viel Freude hatte er seitdem empfunden. Glück womöglich. Laut gelacht, gesungen, gejuchzt, lauthals. Aber ganz leise, nur in seinem Kopf. Er wollte die Lippen nicht öffnen. Nicht sprechen, plaudern, quasseln, dummes Zeug quatschen. Wie der Doktor es wollte. Und der andere Mann. Der mit dem komischen Namen. Auch wenn er es konnte. Er war ja nicht krank. Nein, ganz und gar nicht. Aber er hatte ein Gelübde abgelegt. Vor seinem Vater. Für seinen Vater. Dass das keiner verstehen konnte? Warum ließ man ihn nicht einfach in Ruhe? Immer diese Gespräche, Fragen, Quälereien, Verhöre, Versuche. Wie diese Fahrt ins Holz, die dann zur Reise in die Welt werden sollte. Für ihn. Wie gut, dass der Hund gekommen war und sein Bitten, sein Flehen, seine Gebete verstanden hatte. Ein Freund, der ihn kannte. Schon immer gekannt hatte. So wie der Franck im Gefängnis. Und die Vögel. Davor. In der kleinen Freiheit. Sie machten sich auch nichts aus Worten. Hörten ihm trotzdem zu. Einfach so. Schauten ihn mit verständnisvollen Augen an. Verständnis, das auch die Hunde hatten, die ihm nun folgen sollten. Er hatte sie schon in der Ferne gehört, hatte gewusst, dass sie ihn suchen würden. Dass die Polizei unterwegs war. War daher den Weg der Wechsel gegangen. Nach Norden zunächst. In den Westen dann. Später gen Süden. Er war ein guter Läufer, ein Waldläufer, Lederstrumpf. Schon immer gewesen. Das Holz, der Darß – sein Revier. Und nun eroberte er die Rostocker Heide. Nein, er war kein Gejagter, kein Freiwild. Er war der Jäger, der Freischütz. Der auch um die Kanzeln wusste, die Ansitze fand, eine Hütte sogar. Und dort das Notwendigste: trockene Kekse, eine Wurst, Wasser, Wodka, Feuerzeug. Eine neue Garnitur: Lodenjacke und Kniebundbuxe. Bei ihm jedoch knöchellang.
Kurz hatte er überlegt, ob er die alten Sachen verbrennen sollte, sie dann aber doch im Stall versteckt. Dort, wo er das Rad entdeckt hatte, das er nun schob. Noch. Das Bellen der Hunde war leiser statt lauter geworden, kaum noch zu hören. Die Meute der Verfolger schien Richtung Norden zu ziehen. Zur Küste, wie er es gehofft hatte. Vielleicht glaubten sie ja, dass es ihn zum Fischland zog? Auf den Darß? Nach Ahrenshoop. Born. Bliesenrade. Prerow. Wieck. Täter und Tatort. Tatorte. Aber er folgte seinen eigenen Spuren, die ihn zunächst weiter in den Süden führten, wo der Wald sich lichtete. Aber noch nicht die Nacht, die ihn nun unter Schwarzhimmel empfing. Kein Mond zu sehen. Kein Stern. Finsterwolken. Pechrabenschwarz. Nur weiter voraus ein paar Lichter. Ein Dorf, klein. Rostocker Wulfshagen. Wie ihm die Karte verriet.
Nun stieg er aufs Rad, machte Strecke. Und einen Bogen um die Handvoll Häuser. Er hatte alles, was er brauchte. Genügend Proviant und einen Schlafsack auch. Nur ein passendes Quartier fehlte noch. Jetzt wäre es Zeit für einen weiteren Hochsitz. Geschlossen. Es fing zu regnen an. Er radelte schneller einem weiteren Waldrand entgegen. An einem Gehöft vorbei. Menschenleer. Weiter in Treckerfurchen. Der Regen wurde vom Wind getrieben zu Hagel. Einem Sturm. Er hielt an, suchte Schutz unter dem ersten Baum und hörte dem Tanz der Lüfte zu. Wunderte sich, dass Jacke, Hose, Haare trocken, ungeachtet, dass es wie aus Kübeln goss. Hörte Hufschlag. Galopp. Das Rollen großer Räder. Eisenbeschlagen. Eine Peitsche. Stimmen. Menschen. Das »Hü, hüja, hüh!« des Kutschers. Eine weinende Frau. Ein grobes »Koom bi mi, du Suddelmaars! Koom!« Männergrob. Dann wieder Gebrause. Getöse. Zerbrechende Äste. Das Weinen.
Ein mächtiger Schatten näherte sich ihm. Schoss vorbei in den Wald. Dann: Stille. Vollkommene Ruhe. Plötzlich, von einer Sekunde zur nächsten, kein Regen mehr, kein Hagel, keine Kutsche, kein Sturm. Nur ein ganz leiser Ton. Ein Schluchzen. Zu seinen Füßen ein Mädchen. Noch keine zwanzig Jahre alt. Zitternd. Das Haar blutverschmiert. Ebenso ihre Kleidung. Ihre? Er schaute genauer hin. Untersuchte den Stoff. Jacke und Hose. Erkannte das Zeichen der Haftanstalt. Das Wäschezeichen. Seinen Namen. Ja, es waren die Stücke, die er gestern Morgen in Waldeck angezogen hatte. Wie konnte das geschehen? Er hatte sie doch so gut versteckt. In der alten Plane eingewickelt. Und, was war mit der jungen Frau passiert? Wo war die Kutsche geblieben? Nur einmal hatte er Ähnliches erlebt. In einer Sommernacht. Vor Jahren auf dem Friedhof von Prerow. Dort, wo er ihr begegnet war. Dem kleinen Gretchen, das mit ihm spielen wollte. Verstecken. Zwischen den Gräbern. Und dann mit ihm zum Lied der Nachtigall getanzt hatte, bis sie zu husten anfing. Immer stärker. Bis sie verschwunden war. Sich in Luft aufgelöst hatte. Wortwörtlich. Vor seinen Augen. Wie Rauch. Ebenso wie eben das Fuhrwerk. Doch Gretchen hatte ein schönes Kleidchen getragen. Aus Kaisers Zeiten. Nicht seine alten Sachen aus der JVA. Und geblutet hatte sie auch nur ganz wenig, wenn sie husten musste. Sich das Taschentuch vor den Mund hielt. Ein schönes Taschentuch. Mit Spitze. Und Monogramm: G.Q.
Was sollte er tun? Die Unbekannte ansprechen? Fragen? Nein, sein Gelübde würde er nicht brechen. Aber helfen wollte er ihr. Ja, auch wenn er vermutete, dass ihr nicht zu helfen wäre. Nicht mehr. Dass sie eine Verwandte des Gretchens aus Prerow wäre. Eine Untote. Eine Wiedergängerin. Ein Nachtmahr. Die er ja mochte.
»Gretchen. Grete. Mein Name …« Das Mädchen hatte sich etwas aufgerichtet und schaute ihn an. Deutlich konnte er jetzt ihre Wunde sehen. Den Schädel. Das Loch. Wo ein Stück des Knochens fehlte. Beinahe faustgroß. »… ist Grete Adrian.« Sie reichte ihm ihre zierliche Hand zum Gruß.
Er ergriff sie. Wollte sie ergreifen. Griff ins Leere. Ein Rascheln wie von Federn, von Flügelschwingen. Erhob sich, zog an ihm vorbei. In das Waldinnere. Das Innerste.
Dort, wo eben noch die Blutende gelegen hatte, fing es nun zwischen Laub und Gezweig zu blühen an. Buschwindröschen. Blaustern. Maiglöckchen auch.
9. Rigoletto
Der Bote nimmt behutsam das Glöckchen. Es ist aus Glas. Zerbrechlich. Ziseliert. Ein Namenszug: Claudia. Ihr Taufgeschenk. Mit dem ihre Sammelleidenschaft begonnen hatte. Wie sie ihm vorhin erzählt, kurz nach der Begrüßung in ihrer Glockenwelt. »Fast 500 Stück. Aus aller Welt. Allen Epochen.« Eine einladende Geste. »Sogar aus der Römerzeit.« Stolzer Ton. »Große und kleine. Ganz kleine.« Ein anzüglicher Blick, den sie wahrscheinlich für neckisch hielt. Kokett. Ebenso wie die Bewegung, das Schaukeln des Oberkörpers. Das Spiel mit den Glöckchen, denen an den Ringen in ihren Ohren und jenen zum Schmuck der Brüste.
Schon beim Empfang an der Tür hatte sie nur wenig mehr getragen, war in Sinnlichkeit gewandet. Vermeintliche. Doch ihr Treffen wies auch eine gewisse Eindeutigkeit auf. Für sie.
Der Bote hat ein anderes Ansinnen. Doch die Möglichkeiten der neuen Zeit haben es ihm leicht gemacht. Den Weg geebnet. Entsprechende Seiten im Internet, ein bisschen Recherche, ein bisschen Spiel. Und sie bot schon einen schönen Anblick. Auch wenn es dem Boten nicht um Lust geht. Um Eros. Gier. Den Austausch von Körperflüssigkeiten. Ihre Nacktheit erleichtert ihm vor allen seine Arbeit, nimmt ihm das Auskleiden ab. Nackt musste sie ja sein. Und es gibt noch mehr zu tun. Viel mehr. Darum zögert er nicht lange. Zupacken. Noch im Wohnzimmer. Auf dem Teppich. Sie hat ihm gerade ihr erstes Glöckchen zeigen können. War für einen kleinen Wimpernschlag wieder Kind gewesen, beinahe zart, anrührend gar. Bevor ihr Kehlkopf eingedrückt wird. Das Genick gebrochen. Dens axis, der Zahn des zweiten Halswirbels, frakturiert.
Nun in den Flur. Den Rucksack geholt. Sie hatte ihn ganz neugierig betrachtet und gefragt, was denn da drin sei. Wahrscheinlich hat sie an ausgefallene Accessoires gedacht, etwas in Lack und Leder, mit Nieten, Reißverschluss. Masken womöglich. »Spielzeug«, hatte er geantwortet. Gelächelt. Es versucht.
Spielzeug, mit dem er nun zu spielen anfängt. Die Schwarte hat er bereits daheim vorbereitet. In Streifen geschnitten. Lange Streifen, etwa handbreit. Ein ganzes Tier hatte er dafür geopfert. Auch die Löcher waren schon gestanzt. Die Nadeln ausgewählt. Sie mussten ja eine bestimmte Stärke haben. Er hatte sich zu erinnern versucht, wie es seine Großmutter damals in der kleinen Küche gemacht hatte. Den Sonntagsbraten. Selten zwar, dafür unvergessen. Der Hirsch mit den weißen Punkten. Der Bote hatte als Kind »Fliegenhirsch« dazu gesagt. Gesungen: »Opa machte große Pirsch. Und Oma daraus Fliegenhirsch.« Schöne Zeiten, lange vergangen, doch unvergessen. Diese Zubereitungsart erwies sich für sein Vorhaben allerdings als ungeeignet. Er will ja kein Blut hinterlassen. Hier nicht. Keine Blutspuren legen, auch wenn es hübsch aussehen würde. Ihre gebräunte Haut. Und dann die weißen Flecken des Tieres. Dazwischen. »Fliegenclaudia.« »Fliegenippich.« Darum hat er sich für ein anderes Verfahren entschieden. Ein ähnliches mit vornehmeren Namen. Französisch. Er hofft, dass sie seine Botschaft auch so lesen und verstehen würden. »Lies, wenn du es verstehst! Prüfe, wenn es gefällig ist!«, wie Oma immer geraunt hatte.
Sorgfältig verteilt er nun die Schwartenstreifen und wickelt sie um die tote Frau. Nicht zu dicht. Nein, sie soll nicht zur Mumie werden, nicht zur Puppe im Kokon. Nur gezeichnet. Markiert. Zu etwas Besonderem gewandelt. Seiner Handschrift, seinem Werk. Anschließend fixiert er sie mit den Nadeln, verbindet Haut und Haut. Verändert dann ein wenig ihre Position. Wechselt sie erneut. Soll sie liegend gefunden werden? Sitzend? Oder gar hängend? Gleich einer ihrer Glocken? Eine schöne Idee, die der Bote aber schnell verwirft. Dafür ist er nicht vorbereitet. Und er hat auch noch anderes vor. Der zweite Teil wartet noch. Der zweite Teil seines Bilderrätsels.
So lehnt er den noch warmen Körper schließlich an eines der Regale, ihren gebrochenen Blick auf das große Fenster gerichtet. Den Garten. Knapp dahinter dann die Dünen. Das Meer. Eine gute Reise. Kleine Wolke. Leise lässt er das niedliche Glöckchen anschlagen, den kleinen Kordelklöppel mit der Perle daran. Armesünderglockenklang.
Leise verlässt er das Haus. Ein ansehnliches Anwesen, friedvolles Idyll auf dem »Millionenhügel«. Malerisch, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Bote hatte schmunzeln müssen, als er ihre Adresse las. Die kleine Straße ist nach eben jenem Maler benannt: Alfred-Partikel-Weg. Welche Fügung!
Der Bote besteigt sein Rad. Fährt ins Dorf hinab zur menschenleeren Dorfstraße. Nachsaison. Nach Mitternacht. Dennoch geht er achtsam vor. Schaut, hält die Augen offen, bevor er die Tür ihres Ladens öffnet und die Alarmanlage ausstellt. Vor einigen Wochen hatte er das La Plateau schon einmal besucht, als Claudia in ihrem anderen Schuhgeschäft gleichen Namens in Stralsund war. Die Mitarbeiterin hatte ihn freundlich und zuvorkommend beraten. Ihn sogar für einige Minuten, die er zu nutzen wusste, allein gelassen. Daher braucht er jetzt kein Licht, orientiert sich schnell, atmet den Geruch des Leders ein und betrachtet das erste Fenster. Über die Sprossen hatte er sich zunächst geärgert, nahmen sie seiner Tat doch die Wucht. Die Wildheit der Zerstörung. Erforderten ein Umdenken. Die Besinnung darauf, dass weniger mehr ist. Denn nicht die Zahl der Scherben ist wichtig oder gar die Lautstärke des Zerberstens. Nein, die Stelle, wo sie niederfallen. Wo sie gefunden werden.
Der Bote holt seine Werkzeuge aus dem Rucksack: Glasschneider und Freund Plümper. Zieht seine Kreise über die Scheibe gleich einem Schlittschuhlauf. Wahrt Vorsicht. Holt den ersten Mond. Vollmond. Lässt ihn zu Boden fallen. Innen. Zerbrechen. In Scherbenfein.
Dann verlässt er das La Plateau, schließt ab und tritt an die zweite Scheibe. Sichert. Schaut die Dorfstraße entlang. Versichert sich, dass er allein ist und wiederholt die Operation. Die Prozedur. Nur dass nun der Mond aus Glas außen häufelt. Vor dem Geschäft.
Der Bote packt ein. Wirft einen Blick aufs Bühnenbild, öffnet dann wieder die Ladentür, dreht sogar das Schild um: Geöffnet. Eröffnet. Die Partie. Das Schachspiel. Das Spiel der Könige, das er vom Opa erlernt. Mit ihm gespielt. Bis jener närrisch wurde.
Ein vages Knurren unterbricht seine Betrachtung. Er dreht sich um und sieht einen Hund auf der anderen Straßenseite. Ähnlich dem vom Reitergut. Ähnlich? Oder aber? Auf jeden Fall auch ein großer schwarzer Hund, ein Dobermann, in der Finsternis der Nacht. Wie aus einer der Geschichten, die ihm Oma erzählt. Kreuzwege. Glühende Augen. Und ein sonderbarer Name, auf den der Hund hört. Der dem Boten entfallen ist. Er wird nachschauen. Ob er das Buch in Omas kleiner Wohnung noch finden wird?
Dann radelt er davon. Fährt ein kurzes Stück bis zur Strandhalle. Verstaut das Rad auf der Ladefläche seines Wagens, verlässt Ahrenshoop. Ohne Licht. Richtung Norden. Der Ruhe entgegen. Seiner Ruhe.
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