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TOD AUF DER TRAUMINSEL
KRIMINALGESCHICHTE
ERKLÄRUNG
Die in diesem Kriminalroman beschriebenen Schauplätze sind originalgetreu wiedergegeben. Die Handlung der Geschichte ist eine Fiktion. Dies gilt insbesondere für die Namensnennung der Akteure, Unternehmungen und Organisationen. Um die Verbindung zwischen Fiktion und Handlungsschauplatz sicherzustellen, sind juristische Personen zum Teil namentlich genannt. Die auf diese Weise beschriebenen Personen haben real mit der fiktiven Geschichte nichts zu tun. Ihre im Roman beschriebenen Tätigkeiten sind frei erfunden, ein Zusammenhang mit der realen Welt ist nicht gegeben. Wenn sich aus dem Zusammenhang sichtbare Parallelen zu real existierenden Personen ergeben, so ist dies rein zufällig, weder beabsichtigt noch gewollt.
IMPRESSUM
Alle Rechte vorbehalten, einschliesslich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.
© 2017 Werd & Weber Verlag AG, CH-3645 Thun/Gwatt
TEXT
Thomas Bornhauser, CH-3033 Wohlen, www.bosaugenblicke.ch
FOTOS
Die Fotos stammen von Thomas Bornhauser.
GESTALTUNG TITELBILD
Sonja Berger, Werd & Weber Verlag AG
GESTALTUNG/SATZ
Manuela Krebs, Werd & Weber Verlag AG
LEKTORAT
Madeleine Hadorn, Werd & Weber Verlag AG
KORREKTORAT
Lars Wyss und Romina Del Principe, Werd & Weber Verlag AG
E-BOOK-HERSTELLUNG UND AUSLIEFERUNG Brockhaus Commission, Kornwestheim www.brocom.de
E-Book ISBN 978-3-03818-278-8
www.werdverlag.ch
www.weberverlag.ch
Inhalt
Die Protagonisten
Prolog
Zwei Wochen zuvor
Die Familie von Greifenbach – und die Firmengeschichte von DBD
Die Reise nach Mauritius
Die Ermittlungen auf Mauritius
Pretoria – Port Louis – Muri – Münsingen
Von Tadalafil, Sildenafil, Cardenafil und Avanafil
Massnahmen auf Mauritius
Vom Gift des Kugelfisches
Von Härdöpfle, Erdapfeln und Kartoffeln
Von der Berner Freimaurerloge
Von Komodowaranen und Agruminalex
Wer schoss auf J. R. Ewing?
Eines Rätsels Lösung
Befragungen bei DBD
Die falsche Villa
Fakten über Fakten – unerwartete und kompromittierende
Die Beisetzung der Véronique von Greifenbach
HNVT, WSIA, HSHG
Le Bois de Vincennes
Morgens um fünf, wenn die Welt nicht in Ordnung ist
Vom Coca-Cola zu Zyan-Cola
Egészségedre!
In eigener Sache: Einige Intermezzi zum Making-of
Zum Schluss noch dies …
Thomas Bornhauser
Die Protagonisten
Joseph Ritter, Leiter des Dezernats Leib und Leben bei der Kantonspolizei Bern
Ein echter Berner, 1960 im Länggassquartier geboren. Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten in einem Sportgeschäft in Bern, Weiterbildung zum Fitnesstrainer, danach im Bereich Security tätig. Anstellung bei der US-Botschaft in Bern, anschliessend im Pentagon/Washington D.C., wo er seine spätere Frau Cheryl Boyle kennenlernt. Ritter und Boyle ziehen nach New York, beide arbeiten in der Vermögensverwaltung von Boyles Vater Ed. 1999, zum zehnten Hochzeitstag, Reise nach Hawaii. Auf dem Rückweg machen sie einen Zwischenhalt bei Freunden in San Francisco, wo sie schuldlos in eine Schiesserei rivalisierender Banden geraten. Cheryl Boyle wird von einem Querschläger getroffen und stirbt. Ritter geht für drei Jahre nach Südkorea, findet eine Anstellung im Sicherheitsbereich der US Air Force. Er kehrt 2003 nach Bern zurück, wird Quereinsteiger beim Kriminaltechnischen Dienst KTD der Kantonspolizei Bern und ist seit einigen Jahren Leiter des Dezernats Leib und Leben. Ritter wird, seiner Initialen wegen, nur J. R. (Tschei Ahr) genannt, wie einst J. R. Ewing in der legendären US-amerikanischen TV-Serie Dallas aus den Achtzigerjahren.
Regula Wälchli
Die Frau im Ritter-Quartett: Gstaaderin, 33 Jahre alt. Wälchli war zuerst bei der uniformierten Polizei, bevor sie zum Dezernat Leib und Leben wechselte. Sportlerin, sehr gute Skifahrerin und Tennisspielerin. Lebt seit einiger Zeit mit Elias Brunner zusammen am Seidenweg in der Berner Länggasse.
Elias Brunner
Solothurner, 36 Jahre alt. Sportler, spielt Fussball beim FC Bern. Ähnliche Karriere wie Freundin Regula Wälchli, ist aber etwas länger bei der Kriminalpolizei, im Dezernat Leib und Leben. Elias Brunner ist der ruhende Pol in der Abteilung, ihn kann offenbar nichts aus der Fassung bringen – ausser seine Freundin Regula Wälchli, die ihn ab und an gerne provoziert.
Stephan Moser
37 Jahre alt, seit Jahren Mitarbeiter von Joseph Ritter. Er lebt in Hinterkappelen, einem Vorort von Bern, zusammen mit der Spanierin Dolores Ruiz, die auf der Handelsabteilung der Spanischen Botschaft in Bern angestellt ist. Im Team gilt er als Bürokalb, immer zu einem Spässchen aufgelegt. Verzweifelter Fan des BSC Young Boys, wartet seit seiner Kindheit auf einen Titel für YB.
Eugen Binggeli und Georges Kellerhals
Zwei Spezialisten vom Kriminaltechnischen Dienst KTD, die eng mit dem Team von Joseph Ritter zusammenarbeiten. Binggeli wird mit Vornamen in der US-Version, «Iutschiin», gerufen, Kellerhals mit «Schöre», Berndeutsch für Georges.
Veronika Schuler
Rechtsmedizinerin am Institut für Rechtsmedizin IRM Bern. Schuler ist Thurgauerin, mit unverkennbarem Dialekt und durch und durch Fachfrau, die auch Fehler zugeben kann. Wird von Ritter & Co. enorm geschätzt.
Max Knüsel
Brillanter Staatsanwalt Bern-Mittelland, allerdings mit wenig feinfühliger Art. Knüsel spricht jeden und jede konsequent nur mit dem Familiennamen an.
Christine Horat
Staatsanwältin Berner Oberland. Brillantes Auftreten in der Kriminalgeschichte Die Schneefrau (2016).
Prolog
«In einem Mediencommuniqué teilt DBD Suisse SA Thun mit, dass Véronique von Greifenbach, CEO von DBD Suisse SA, während eines Ferienaufenthaltes leblos aufgefunden wurde. Verwaltungsrat und Geschäftsleitung von DBD Suisse SA zeigen sich ob dem Ableben von Frau von Greifenbach bestürzt.»
Meldung in verschiedenen elektronischen Medien am Samstag, 4. Juli.
Zwei Wochen zuvor
Das Angebot aus den USA am 19. Juni kam für Véronique von Greifenbach völlig überraschend. Zwar war es nicht ungewöhnlich, dass sie von der Konzernzentrale in Palo Alto angerufen wurde. Doch dieses Mal wurde sie völlig überrumpelt, und dies nicht etwa, weil sie sprachlich nicht auf der Höhe gewesen wäre. Englisch beherrschte sie perfekt, auch dank eines früheren Sprachaufenthaltes in den USA. Überrascht war von Greifenbach erstens, weil Consumer’s-Best-Konzernchef Jonathan B. Crooks persönlich am Apparat war – und überdies ohne Zwischenverbindung über seine Sekretärin –, zum Zweiten, weil er nach einigen Höflichkeitssätzen geradewegs auf den Punkt kam. Es war 9.10 Uhr, in Kalifornien also knapp nach Mitternacht. Véronique von Greifenbach indes, routiniert und gewandt genug, liess sich ihre Verwunderung nicht anmerken.
«Véronique», sagte Crooks mit ernsthafter Stimme, «Eduard muss die Verantwortung für unser Europageschäft definitiv abgeben, weshalb wir auf der Suche nach einem Nachfolger sind.»
«Hat sich sein Gesundheitszustand noch immer nicht gebessert?»
«Leider nein. Er hat mich gestern angerufen, nach der letzten Untersuchung durch die Spezialisten. Sie machen ihm keine Hoffnungen, weshalb er sich so schnell als möglich aus dem Berufsleben zurückziehen will, um die Zeit, die ihm noch verbleibt, mit seiner Familie verbringen zu können. Und deshalb …» Crooks legte nach diesen Worten eine kleine Pause ein.
«… und deshalb?»
«Véronique, es ist wichtig, dass die Führung des Europageschäftes gewährleistet bleibt. Mit dem heutigen Management ist das für ein paar Wochen kein Problem, aber spätestens zum zweiten Semester hin will ich jemanden, der die Zügel fest im Griff hält. Ich habe dabei an Sie gedacht.»
«Jonathan, ich werde dieses Jahr 60!»
«Das weiss ich sehr wohl, meine Liebe, obwohl man Ihnen das weder ansieht noch anmerkt», entgegnete Crooks lächelnd, «aber ich bin ganz ehrlich mit Ihnen: Es geht auch nicht um einen Posten für die nächsten zehn Jahre.»
Véronique von Greifenbach schien immer noch nicht zu begreifen, worauf Crooks genau hinauswollte.
«Ich habe jemanden für den Job im Auge, aber der Mann ist noch zu wenig lange bei uns. Ein, zwei Jahre braucht er noch, bis er unser gesamtes Räderwerk versteht, ich will ihn anständig an die Aufgabe heranführen, anschliessend kommt ungefähr ein Jahr Einführung in Hamburg dazu. Wie komplex das Europageschäft ist, muss ich Ihnen ja nicht erst erklären.»
«Also wird er sozusagen rechtzeitig zu meiner vorzeitigen Pensionierung auf der Kommandobrücke stehen.»

In den «Tanzenden Türmen» in Hamburg hätte Véronique von Greifenbach ein neues Büro vorgefunden.
«Ich wusste, dass Sie meine Absichten sofort durchschauen. Danke, dass Sie mitmachen.»
«One moment, my dear! Sit down, lay back, relax and hold on your shoes. Ich habe Ihnen überhaupt noch nicht geantwortet. Gar nichts habe ich gesagt. Von einer Zusage bin ich ungefähr so weit entfernt wie Palo Alto von Thun!»
«Aber Sie machen mit, nicht wahr? Sie werden mich doch nicht enttäuschen …» «Jonathan …», begann Véronique von Greifenbach und musste unvermittelt lachen. Ihr Blick schweifte von ihrem Büro im 7. Stock auf dem Selve-Areal in Thun aus Richtung Eiger, Mönch und Jungfrau – eine Aussicht, die sie unter gar keinen Umständen mit der Sicht auf den Hamburger Hafen zu tauschen gedachte. «Sie legen mir Wörter zurecht», fuhr sie fort, «die ich nicht ausgesprochen habe.»
Jonathan B. Crooks wusste nur zu gut, dass er nun zu allgemeineren Themen übergehen musste, um nicht von seiner gestrengen Schweizer Managerin in den Senkel gestellt und frühzeitig enttäuscht zu werden. In den nächsten fünf Minuten ging es deshalb um Grundsätzliches, um ein vorsichtiges Abtasten.
«Sie müssen Thun als Arbeitsort nicht aufgeben, obwohl die Aussicht von den ‹Tanzenden Türmen› auf den Michel, die Speicherstadt und die Elbphilharmonie auch nicht zu verachten ist. Ich denke, dass in dieser Situation zwei Tage pro Woche in Hamburg ausreichen, um das Europageschäft zu führen. Von Thun aus können Sie ja auch online Einfluss nehmen. Und sollten Sie zusagen, hätte ich ein interessantes Angebot.»
«Nämlich?»
«Selbstverständlich behalten Sie die Führung des Schweizer Geschäfts, bis zu Ihrer selber zu bestimmenden Pensionierung. Zudem würden Sie Einsitz in den Verwaltungsrat in Palo Alto nehmen.»
«Das tönt in der Tat verlockend. Danke, Jonathan, für dieses Vertrauen.»
«Darf ich das als Zusage betrachten?»
«Nein, Jonathan, das dürfen Sie nicht, so schnell geht das nicht. Ich möchte zuerst mit Philippe darüber sprechen.»
«Ja, selbstverständlich, tun Sie das.»
«Wie lange habe ich Bedenkzeit?»
«Véronique, reicht der 10. Juli? Sollten Sie mein Angebot ablehnen, wäre ich jedoch um eine sofortige Mitteilung dankbar. 10. Juli als Deadline, ist das für Sie in Ordnung?»
«Ja, das scheint mir fair. Ich halte mich an Ihre Vorgaben. Danke, Jonathan. Und jetzt: Sleep well.»
«Und Ihnen wünsche ich einen schönen Tag, Véronique.»
Véronique von Greifenbach strich sich entspannt die langen hellbraunen, leicht gewellten Haare aus dem schmalen, schönen Gesicht. Sie war nicht unglücklich darüber, dass der Freitag als «office day» in ihrem Terminkalender eingetragen war, was nichts anderes hiess, als dass fest anberaumte Sitzungen heute tabu waren. Und obwohl sie diese als Leiterin aller terminierten Sitzungen fest im Griff hatte, ärgerte sie sich insgeheim regelmässig darüber, dass solche Treffen nur selten zu ihrer vollen Zufriedenheit zu Ende gingen, weil der eine oder die andere – die Geschäftsleitung von DBD Suisse umfasste nur sieben Mitglieder, vier davon waren Frauen – von Zeit zu Zeit nicht immer das Unternehmen als Ganzes im Auge hatte, sondern in erster Linie das eigene Departement. Allerdings wusste sie auch, dass diese nur selten offen ausgetragenen Konflikte durchaus positive Auswirkungen auf DBD haben konnten, weil sich daraufhin vielfach Optimierungsmöglichkeiten ergaben. Wie auch immer: Dank ihrer Erfahrung durchschaute sie solche Manöver relativ rasch, mit einem nicht zur Schau getragenen inneren Lächeln, und beendete die Diskussion jeweils souverän mit dem Standardsatz «Ich danke euch beiden, dass ihr diese Herausforderung bilateral angeht».
Kurz nach dem Gespräch mit Jonathan B. Crooks liess sie ihren Generalsekretär, Wolfgang Uebersax, zu sich kommen, um einige Pendenzen zu bereden. Uebersax, 55 Jahre alt, hatte seine ganze berufliche Laufbahn bei DBD verbracht, seit seiner kaufmännischen Ausbildung 1977. Vor fünf Jahren wurde er zum Generalsekretär ernannt. Uebersax war geschieden und lebte allein in einer Eigentumswohnung oberhalb von Oberhofen am Thunersee, mit atemberaubendem Blick auf See und Berge.
«Ist alles klar mit dir, Véronique? Du machst einen etwas zerstreuten Eindruck auf mich», sagte Uebersax, als er seiner Chefin wie üblich einen schwarzen Kaffee – nicht zu heiss – auf den Tisch stellte.
«Ja, danke, alles im grünen Bereich. Wolf, ich möchte noch das eine oder andere mit dir besprechen. Vor allem würde mich interessieren, was an den Gerüchten dran ist, wonach ein grosser Konkurrent Pläne in der Region Kloten haben soll. Du weisst schon.»
«Ich kenne dort per Zufall den Stadtpräsidenten vom Militär her, habe ihn kürzlich getroffen, mehr, als in den Zeitungen steht, war aus ihm nicht herauszubekommen. Es ist ja von einem riesigen Supermarkt mit Fachmärkten und weiteren Mietern die Rede, ein kleines Einkaufszentrum, in Richtung Bassersdorf. Ich bleibe dran.»
In den folgenden 30 Minuten besprachen Véronique von Greifenbach und Wolfgang Uebersax vor allem Fragen rund um Marketing und Personelles.
«Sag mal, Wolf, ich hätte Lust, demnächst zwei Wochen Ferien einzuschieben, was glaubst du, liegt das drin?»
«Véronique, you’re the boss, weshalb die Frage?»
«Hast du selber keine Ferien eingeplant, in nächster Zeit?»
Auch wenn Uebersax nicht der Geschäftsleitung angehörte – jedoch die Protokolle des Gremiums verfasste und somit über fast alles im Bild war, was sich bei DBD tat –, legte die Chefin Wert auf seine Meinung.
«Ich kann mich einrichten, verschieben, kein Problem. Zudem sind Sommerferien, da wird sich nicht sehr viel bewegen, was wir an geschäftlichem Knowhow nicht bereits intus hätten. Wohin willst du?»
«Ich hatte schon länger vor, nach Mauritius zu reisen. Ich werde mich mal schlau machen.»
«Weshalb ausgerechnet Mauritius?»
«Freunde, die dort waren, schwärmen davon. Das ist alles.»
Dieses scheinbar belanglos angehängte «Das ist alles» vermochte Uebersax nicht wirklich zu überzeugen. Dennoch unterliess er es, weitere Fragen zu stellen und sagte stattdessen: «Ich würde Business Class bei Emirates buchen, die haben ein tolles Oberdeck im A380, mit ein, zwei Tagen Stopover in Dubai, für eine Citytour und Shopping. Gehst du mit Philippe?»
«Nein, er ist beruflich im Juli stark beschäftigt, meistens in Paris, da fällt meine Abwesenheit nicht einmal gross auf.»
«Geh du nur, teil mir einfach den Flugplan mit und in welchem Hotel du bleiben willst, für alle Fälle. Apropos: Das Paradis Beachcomber soll ein Hotel der absoluten Luxusklasse sein, habe ich von Freunden gehört. Wie lange gedenkst du zu bleiben?»
«Eine oder zwei Wochen, das weiss ich noch nicht, ich informiere dich.»
Obwohl immer noch vom Gespräch mit Crooks abgelenkt, gelang es von Greifenbach nach der Besprechung mit Wolfgang Uebersax, sich erfolgreich durch ihren Pendenzenberg durchzuarbeiten. Ihr Motto lautete «Für Pendenzen habe ich keine Zeit», weshalb einmal die Woche, eben freitags, stur «office day» eingetragen war, auf Monate hinaus.
Véronique von Greifenbach wohnte in Muri bei Bern, im Elternhaus, 1814 gebaut, in einer grossartigen Villa mit einem kleinen Park an der Elfenaustrasse, inmitten vieler Prominenter, mit direktem Autobahnanschluss in Richtung Bern und Thun. Autofahren war eine ihrer Leidenschaften. Ihr Maserati Ghibli S stand in der kleinen Einstellhalle für die Freizeit bereit, ins Büro fuhr sie mit einem neuen Range Rover Evoque. Vor 20 Jahren heiratete von Greifenbach, aus einer altehrwürdigen Berner Patrizierfamilie stammend, den sieben Jahre jüngeren Philippe de Lattre de Tassigny, Anlageberater bei einer grossen französischen Bank mit Sitz in Bern. Er war nach wie vor sehr attraktiv, Freunde foppten ihn, seiner herben und verwegenen Schönheit wegen, jeweils mit dem Übernamen Bébel, in Anlehnung an den französischen Filmschauspieler Jean-Paul Belmondo zu dessen besten Zeiten. Philippe war übrigens kein Nachkomme von Jean Joseph-Marie Gabriel de Lattre de Tassigny, Oberkommandierender General der 1. Französischen Armee, die zu Ende des Zweiten Weltkrieges den Süden Deutschlands eroberte. Ihren Namen behielt Véronique von Greifenbach nach der Heirat, das Konstrukt Véronique de Lattre de Tassignyvon Greifenbach war ihr ein Gräuel. Die Ehe blieb kinderlos, bewusst.
Nach dem Nachtessen – das Ehepaar beschäftigte Gärtner, Haushälterin und Koch für das Anwesen – blieb gerade noch genügend Wein, ein edler Château Duhart-Milon, um draussen auf der Terrasse standesgemäss ein Gespräch über den Telefonanruf aus Palo Alto zu führen. Véronique erzählte ihrem Mann die Umstände.
«Woran leidet Eduard eigentlich?»
«Man sagt, es sei Pankreaskrebs …»
«Bauchspeicheldrüsenkrebs, schlimm.»
«Philippe, was meinst du zum Vorschlag? Soll ich annehmen?»
«Sagen wir es einmal so: Ich würde mehr als nur einmal darüber schlafen.»
«Jonathan lässt mir bis am 10. Juli Zeit. Da du im Juli sowieso oft nicht da bist, habe ich mir überlegt, nach Mauritius zu fliegen, du weisst ja, auch wegen ‹Bordeaux›, um das einmal abzuklären.»
«Ja, und ich finde das eine gute Idee. Zufälligerweise hat mir ein Bekannter von einem guten Hotel an der Ostküste erzählt, warte mal, ich rufe ihn schnell an.»
Philippe schritt zum Telefonieren – mit dem Glas in der Hand – zurück in den Salon, da die Eheleute schon vor langer Zeit abgemacht hatten, dass Handys und Tablets nicht auf die Terrasse gehörten. Der Koch hatte kurz zuvor seinen Arbeitstag beendet, man war also «unter sich».
«Crystals Beach heisst das Hotel, in Belle Mare», sagte Philippe wenig später, als er wieder Platz auf der Terrasse nahm, «mein Bekannter war jedenfalls sehr zufrieden, kein Luxuskasten, aber ideal für eine Retraite. Das Hotel gehört zur Maritim-Gruppe. Dort kenne ich die Besitzerin, soll ich dir ein schönes Zimmer reservieren lassen?»
«Notfalls, gerne ja, aber vorher will ich die Flüge buchen, das hat Priorität. In Mauritius ist zurzeit ja nicht Hochsaison, da finde ich bestimmt etwas Passendes», sagte Véronique. «Vielleicht», entfuhr es ihr beschwingt, «brauche ich nicht einmal dein Vitamin B.»
Sekunden später – und eigentlich entgegen allen häuslichen Abmachungen – holte sie ihren Laptop auf die Terrasse, um bei Emirates nach Flügen in Richtung Dubai und Mauritius zu suchen.
«Nur im Sinne der Ausnahme …», sagte sie, als sie den Laptop auf den Tisch stellte und Philippe ein Bisou auf die Wangen drückte, «Wolf hat mir Emirates empfohlen, mit einem ein- oder zweitägigen Zwischenhalt in Dubai.»
«Gute Idee, das Burj Al Arab ist fantastisch, mit Blick aufs Meer, samt der Palm Jumeirah, diesen palmenförmig angelegten Luxusvillen mit künstlichem Sandstrand. Ich war ja letztes Jahr kurz dort, mit Investoren aus Frankreich.»
«Das Burj Al Arab ist doch jenes Hotel, das wie ein riesiges Segelschiff aussieht, nicht wahr?»
«Exakt. Und damit es klappt, buchen wir auch gleich eine Besichtigung des Burj Khalifa, dem höchsten Gebäude der Welt.»
«Chéri, das mit dem höchsten Gebäude der Welt weiss ich. Ich lese Zeitungen …»
Die folgende Stunde verbrachte das Ehepaar damit, Flüge, die Hotels und die Besichtigung des Wolkenkratzers Burj Khalifa in Dubai zu buchen: Hinflug am Samstag, 27. Juni ab Zürich nach Dubai mit einem A380 in der Businessclass der Emirates mit Abflug in Zürich um 15.35 Uhr und Ankunft in Dubai kurz vor Mitternacht Ortszeit, zwei Übernachtungen im Burj Al Arab, Besichtigung des Burj Khalifa am Sonntag, Weiterflug wiederum mit A380 in der Businessclass ab Dubai am frühen Montagmorgen, 29. Juni um 3.20 Uhr mit Emirates EK 701 nach Mauritius, elf Übernachtungen in einer Junior-Suite zur Alleinbenutzung im Crystals Beach Hotel in Belle Mare, Rückflüge Mauritius – Dubai – Zürich am Freitag, 10. Juli. Die Transfers vom/zum Flughafen waren in den Preisen für die beiden Hotelaufenthalte inbegriffen.
«Eigentlich würde ich am liebsten sofort packen und morgen schon fliegen, das Angebot von Jonathan gehört so schnell als möglich beantwortet. Irgendwie reizt es mich wirklich, so zum Schluss der Karriere.»
«Und wieso reist du erst in einer Woche?»
«Chéri», sagte sie lächelnd und hob ihr Glas, um mit Philippe anzustossen, «ich bin doch keine Chaotin, ich möchte das Büro comme il faut hinterlassen, man weiss schliesslich nie, was passieren kann.»
«Also, von einem Tiger wirst du bestimmt nicht angefallen, die gibt’s in ganz Afrika nämlich nicht, hat es nie gegeben, auch auf Mauritius nicht. .»
«Auch das ist mir bekannt, aber Wolf ist möglicherweise in den Ferien und einige Mitglieder der Geschäftsleitung ebenso.»
«Wirst du wegen ‹Bordeaux› Erkundigungen anstellen?»
«Gewiss, das ist mit ein Grund, weshalb ich dorthin fliege, aber das braucht ja niemand zu wissen. Ich bin ja gespannt …»
Den Rest des Abends verbrachten sie mit Philosophieren über Gott und die Welt. Gegen Mitternacht verabschiedete sich Philippe von seiner Frau: «Ich habe morgen viel zu tun», sagte er und ging in sein eigenes Schlafzimmer. Bevor auch sie zu Bett ging, führte Véronique von Greifenbach noch ein kurzes Telefongespräch, am Rand des Parks spazierend.
Die Familie von Greifenbach – und die Firmengeschichte von DBD
Véronique von Greifenbach interessierte ihre Ahnengalerie nicht. Sie konnte mit befreundeten oder verwandten Berner Patrizierfamilien – den von Tscharners, den von Graffenrieds, den von Stockars, den de Meurons, den von Erlachs, den von Diesbachs – nichts anfangen, schon gar nicht mit den Stammbäumen samt ihrer «Kreuzungen», die zum Teil Jahrhunderte zurückreichten.
Véroniques Vater, Rudolphe von Greifenbach, 1920 geboren, ehelichte die zehn Jahre jüngere Henriette Du Roy de Blicquy, eine belgische Adelige, deren Familienname in den Sechzigerjahren in der Sportwelt aufhorchen liess, weil eine Patricia Du Roy de Blicquy als belgische (!) Slalomfahrerin auf sich aufmerksam machte und sogar Weltcuprennen gewann. Rudolphe und Henriette wählten wegen schwerer Krankheiten 2004 gemeinsam den Freitod.
Véronique Juliette von Greifenbach (1957), wie sie mit vollständigem Namen hiess, hatte zwei jüngere Geschwister, Charles (1960) und Antoinette (1970).
Charles, in Weinfelden TG wohnhaft, hatte 1990 die Schwedin Karolina Gustafsson geheiratet, eine Schönheitschirurgin mit eigener Klinik in Islikon, in der Nähe von Frauenfeld. Charles seinerseits arbeitete in der sogenannten Teppichetage einer Privatbank im Herzen von Zürich. Wie seine beiden Schwestern Véronique und Antoinette war auch Charles Mitglied des Verwaltungsrats der DBD Suisse SA, der aus sechs Mitgliedern bestand und von Karl Wegmüller, einem Cousin ersten Grades der von Greifenbachs, präsidiert wurde, sodass im Zweifelsfall die Familie sich mit vier beziehungsweise mit einer Stimme einbringen konnte. Die beiden übrigen Verwaltungsräte waren Franz Grütter, FDP-Nationalrat aus Zürich und Cornelius Weber, Bankier aus Genf.
Antoinette war eine Nachzüglerin, von der man nicht wusste, ob sie nun ein Wunschkind oder eher ein «Betriebsunfall» war. Sicher war indes, dass sie in hervorragender Weise das Enfant terrible der Familie zu spielen wusste, wohnhaft abwechslungsweise in Gstaad, Monte Carlo und Beverly Hills. Ihren Luxus finanzierte sie sich dabei nicht aus der Familienschatulle, sondern – trotz ihrer 47 Jahre – als gefragtes It-Girl, das sich entsprechende Auftritte bei Galas, Premieren oder Firmenfesten fürstlich honorieren liess. Hinter der Hand wurde von gar sechsstelligen Summen gemunkelt. Entsprechend gestaltete sich auch ihr eher kompliziertes Liebesleben, das eng von den Hochglanzheftli und dem Boulevard begleitet wurde: Einmal war sie mit einem ehemaligen Formel-1-Fahrer liiert, kurz darauf mit einem wesentlich älteren Adeligen, um sich nur wenig später auf der Jacht eines russischen Oligarchen ablichten zu lassen. Es hiess, die vielen gespeicherten Telefonnummern von Paparazzi in ihrem Handy seien ihr eigentliches Kapital.
Vater Rudolphe von Greifenbach, ein Bewunderer von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, eröffnete 1960 seinen ersten Supermarkt in Bern-Bethlehem, im Wissen, dass dieses Quartier später schweizweit bekannt werden würde, mit Hochhäusern im Tscharnergut, im Gäbelbach und im Holenacker. Es gab denn auch Sonntage in den Sechzigerjahren, da man aus der ganzen Schweiz mit der Familie in den Westen von Bern pilgerte, nur um einen persönlichen Augenschein von diesem damals fortschrittlichen Wohnungsbau zu erhaschen.
Lange hatte Rudolphe von Greifenbach am Namen für seinen ersten Laden herumstudiert und war schliesslich auf «Day by Day» gekommen, für den täglichen Einkauf – und das in englischer Sprache. Zwei Generationen später sprachen die Kunden nur noch von «DiBiDi», die Abkürzung DBD indes wurde zum Markenzeichen der Läden, auch das Firmenlogo, das seit 1960 unverändert blieb, sieht man von ein paar kosmetischen Anpassungen an den jeweiligen Zeitgeist ab. Unter den Grossbuchstaben DBD war zu lesen, wofür das Unternehmen stand: «Täglich frisch. Täglich Qualität. Täglich günstig. Täglich Neues.»
Etwas war Rudolphe von Greifenbach von Anfang an wichtig: Er legte Wert auf eine schlanke Struktur in der Verwaltung, von Hochschulabgängern hielt er nicht sehr viel. Er wollte Praktiker am Werk sehen, begeisterte Pragmatiker, «Leute, die den Detailhandel im Blut haben und ihre Entscheide auch aus dem Bauchgefühl heraus treffen, sofort, ohne Arbeitsgruppen. Eigenverantwortung ist das A und O für motivierte Menschen», schrieb er in seinen Memoiren mit dem Titel «Erinnerungen». Dieser Philosophie blieb man bis heute treu, niemand hätte nämlich im modernen, mehrstöckigen Bürohaus auf dem ehemaligen Selve-Areal in Thun einen national tätigen Detailhändler vermutet. Und auch heute noch galt für DBD «Der Mensch als Mittelpunkt», nicht «Der Mensch als Mittel. Punkt». Davon profitierten Kundschaft und Mitarbeitende gleichermassen, Letztere zum Beispiel mit einem erstklassig geführten Personalrestaurant und einem Fitnesszentrum im obersten Stockwerk, also über der Direktionsetage gelegen. Die Firmentreue war entsprechend hoch, die Fluktuationsrate beim Personal im Vergleich zu anderen Grossverteilern und Discountern entsprechend tiefer.
In der Zeit zwischen 1960 und 1995 expandierte DBD in der ganzen Schweiz, praktisch jeden Monat wurde mindestens eine neue Verkaufsstelle eröffnet.

Im Bild links: Das Hochhaus, in dem sich der Konzernsitz von DBD in Thun befindet.
Und trotz vieler Verlockungen zu Sortimentserweiterungen vorab in den Bereichen des sogenannten Nonfood blieb von Greifenbach mit seinem bewusst eingeschränkten Sortiment zum Erstaunen der Konkurrenz konsequent, auch wenn ihn viele Leute als stur bezeichneten. Programme für Effizienzsteigerung oder Kostenreduktion waren unbekannt. Diese Bestrebungen wurden täglich gelebt und vorgelebt. Das Unternehmen hatte zum Beispiel den guten Riecher für frisch gebackenes Brot auf der Verkaufsfläche – lange bevor die Konkurrenz auf den sprichwörtlichen Geschmack kam. Die Firma als Aktiengesellschaft gehörte zu 100 Prozent der Familie, die zwar ihren Mitarbeitenden im Branchenvergleich überdurchschnittliche Löhne bezahlte, aber dennoch anständig vom Gewinn leben konnte. «Ich bezahle meinen Mitarbeitenden lieber zehn Prozent mehr Lohn als andere Arbeitgeber, aber deren überdurchschnittliche Motivation lässt es zu, dass ich mit weniger Leuten auskomme, auf den Verkaufsflächen und in der Verwaltung», schrieb von Greifenbach.
Einer seiner wohl wichtigsten Erfolgsfaktoren: eine straffe Organisation im Bereich der Transporte, die vollständig ausgelagert wurden, von Anfang an, und von Greifenbach somit den grösstmöglichen Spielraum für jeweilige Anpassungen erlaubte: «Ich bin Lebensmittelhändler, kein Garagist», erklärte er in seinen Memoiren. Das grösste Warenlager befand sich Richtung Waffenplatz Thun. Und eigentlich handelte es sich – wie bei weiteren regionalen DBD-Verteilzentren in der Schweiz – nur um einen Warenumschlagplatz, denn die Lieferanten hatten ihre Produkte nach dem «Just in time»-Prinzip anzuliefern, so dass die Frische stets gewährleistet wurde. In der Nähe des Autobahnkreuzes Egerkingen befand sich das nationale DBD-Warenlager mit länger haltbaren Lebensmitteln wie Konserven oder Tiefkühlprodukten, die verschiedene Transportunternehmen mehrmals wöchentlich in die Verkaufsstellen der ganzen Schweiz feinverteilten. Wie gesagt: ein ausgeklügeltes System, von Beginn an.
1995 war für Rudolphe von Greifenbach, inzwischen 75, ein entscheidendes Jahr, ging es doch darum, die längst eingeleitete Nachfolge zu regeln. Antoinette kam aus naheliegenden Gründen nicht in Frage, Charles hatte bereits frühzeitig – fast zehn Jahre zuvor, bei einer ersten Kontaktnahme – Forfait erklärt, zu sehr war er in der Bankenwelt zu Hause. Blieb aus der unmittelbaren Familie also noch Véronique, die ältere der beiden Töchter, damals 38-jährig. Sie – die sie sich auch durch Auslandaufenthalte im Bereich der Betriebswirtschaft im Detailhandel weitergebildet hatte, unter anderem bei der Supermarktkette Publix in den USA – hatte allerdings ziemlich klare Vorstellungen, was DBD betraf, auch wenn diese ihren Vater alles andere als zu begeistern vermochten. Davon zeugte der (hier gekürzte) Dialog zwischen Vater und Tochter, in von Greifenbachs Erinnerungen zu lesen.
«Papa, ich weiss, was dir die Firma bedeutet, ich bin damit aufgewachsen und habe mich in den letzten Jahren als Mitglied der Geschäftsleitung intensiv damit beschäftigt. Aber ich sehe DBD in der Zukunft nicht als Einzelkämpferin gegen die grossen Player, auch wenn wir erfolgreich sind. Die Zeiten werden sich verändern, ‹Handel ist Wandel›, das sagst du selber. Ausländische Discounter werden sich in der Schweiz einnisten, heute noch selbständige Firmen ‹unfriendly› übernommen. Wir brauchen einen Partner. Einen starken Partner, auf den wir uns verlassen können und der uns Selbständigkeit garantiert. Alles andere interessiert mich nicht.»
«Jetzt machst du aber auf Wunschkonzert. Wer wird sich denn um Himmelswillen auf deine Vorgaben einlassen?»
«Wir sind wir. DBD ist DBD. Du hast ein erfolgreiches und einzigartiges Geschäftsmodell aufgebaut, das an Sturheit grenzt. Papa, für einen grossen Partner sind wir ein Juwel, vielleicht der noch fehlende Mosaikstein in seinem Firmenbild. Es gibt genügend Beispiele, dass grosse Unternehmen ihre erfolgreichen Töchter autonom weiterarbeiten lassen, sie am Markt jedoch zusätzlich durch Synergien stärken, ohne ständig auf sie einzuschwatzen. So etwas stelle ich mir vor. Etwas anderes kommt für mich nicht in Frage.»
«Was sagt die Geschäftsleitung zu deinen Plänen?»
«Papa! Jetzt enttäuscht du mich aber. Ich bin doch kein Plappermaul, nicht einmal Charles oder Antoinette wissen von dieser Idee, ich bitte dich…»
«Denkst du an ein Schweizer Unternehmen, willst du DBD gar verkaufen?»
«Der Reihe nach, Papa. Wir haben Erfolg, sind Trendsetterin in vielen Bereichen, dank unseren straffen Sortimenten und unserer Kostenstruktur. Nein, ein Schweizer Unternehmen kommt für mich nicht in Frage, ich mag mich nicht mit Migros & Co. herumschlagen. Aber du stellst Fragen, die ich noch nicht beantworten kann, bis jetzt war das ja kein Thema.»
Der Erfolg von DBD blieb auch im Ausland nicht unbeachtet, was regelmässig dazu führte, dass grössere Unternehmen ihre Fühler nach Thun ausstreckten, wo Rudolphe inzwischen – konsequent wie er schon immer war – die Führung seiner Tochter übergeben hatte.
2007, drei Jahre nach dem Ableben von Henriette und Rudolphe von Greifenbach, kam es nach einstimmiger Zustimmung des Verwaltungsrats zur 51-prozentigen Übernahme von DBD durch die amerikanische Consumer’s Best, die weltweit einen hervorragenden Namen im Detailhandel hatte, weil ihre Tochtergesellschaften in 46 Ländern alle autonom und unter ihrem ursprünglichen Namen am Markt agierten. Das galt auch für die Schweiz, wo DBD ihr erfolgreiches Geschäftsmodell ohne Wenn und Aber weiterführen konnte, als wäre, salopp ausgedrückt, nichts passiert. Einzig Roger P. Newman von Consumer’s Best stiess zusätzlich in den Verwaltungsrat, der somit neu sieben Personen umfasste. DBD Suisse SA wurde weiterhin von Karl Wegmüller präsidiert, Véronique von Greifenbach leitete das Unternehmen als CEO, alle sieben Mitglieder der Geschäftsleitung, vier Frauen, drei Männer, blieben im Amt.
Die Reise nach Mauritius
Die Woche vor der Abreise nach Mauritius erwies sich dank umsichtiger Planung als weniger hektisch wie befürchtet. Auf der Traktandenliste der Geschäftsleitungssitzung vom Montagmorgen waren wie üblich nur jene Punkte aufgeführt, die für alle wichtig waren, alles andere liess sich meist bilateral oder zu dritt besprechen, selbstverständlich mit kurzer Information an die Kolleginnen und Kollegen der Geschäftsleitung. Dies funktionierte nach einem genau festgelegten Raster per Mail, an den sich alle hielten, mit entsprechendem Erfolg. Einzig «wichtig zu wissen» war entscheidend, nicht «nett zu wissen», CCs bei Mails deshalb tabu, Blindkopien ohnehin.
Am Samstag, 27. Juni, liess sich Véronique von Philippe an den Flughafen Kloten fahren und zwar bewusst ohne ihren Laptop mitzunehmen. Auf dem Weg nach Zürich gab es erwartungsgemäss fast nur ein Thema: das Angebot von Jonathan B. Cooks.
«So wie ich meine Frau kenne – und ich kenne sie gut –, hat sie ihre Meinung zur Sache gemacht, die Ferienreise nach Mauritius zur Meinungsbildung ist nur ein Vorwand.»
Véronique musste herzhaft lachen.
«Und hier irrt mein Gatte, mon cher Philippe, ich habe lediglich die Plus- und die Minuspunkte im Kopf, die Meinung ist überhaupt nicht gemacht.» «Wirklich nicht?»
«Nein, wirklich nicht.»
«Hat Jonathan schon etwas zum Finanziellen angedeutet?»
«Chéri, du weisst, dass ich Sachen, die mich interessieren, auch zum Nulltarif mache, Geld steht nicht im Fokus, das weiss Jonathan auch, deshalb vorerst nur das Angebot als Member of The Board.»
«Wegen ‹Bordeaux›, wirst du dich umhören?»
«Ja, klar, ich habe mir die Adresse in Port Louis notiert. Mal sehen …»
Zu reden gaben auch Äusserungen von Véronique, die in letzter Zeit festgestellt hatte, dass ihr Puls aus unerklärlichen Gründen in unregelmässigen Intervallen vorübergehend rasch und heftig anstieg. Der Besuch bei einem Kardiologen, sagte sie nun zu ihrem Mann, habe allerdings «keinen Grund zur Beunruhigung» ergeben, eine genaue Diagnose blieb indes aus.
Wie bei den von Greifenbachs jeweils üblich, traf man zu früh am vereinbarten Ort ein.
«Philippe, fahr du ruhig wieder nach Hause, ich werde in aller Ruhe einchecken und mich dann im Transit umschauen, Dubai ist ja im Bereich Tax-Free inzwischen zum Teil teurer als die Schweiz.»
Philippe fuhr den Maserati von Véronique vor die Abflughalle und besorgte ihr einen Handwagen für die Koffer, worauf sich die Eheleute nach einer langen Umarmung voneinander verabschiedeten. Véronique lief gelangweilt zum mit «Business Class» angeschriebenen Check-In-Schalter von Emirates.
«Möchten Sie die Zeit bis zum Abflug in unserer Emirates Lounge verbringen?», fragte die Mitarbeiterin am Schalter umgehend.
«Nein, danke, ich werde mich in den Geschäften des Transits noch ein bisschen umsehen.»
«Lassen Sie es uns wissen, wenn wir etwas für Sie tun können.»
«Danke, es ist alles arrangiert, der Transfer in Dubai ins Hotel wird vom Burj Al Arab organisiert.»
«Ich werde zur Sicherheit kurz beim Burj Al Arab checken, damit das klappt. Und jetzt wünsche ich einen guten Flug nach Dubai, die Maschine wird pünktlich hier sein und deshalb auch wieder wie vorgesehen abfliegen, um 15.35 Uhr. Geniessen Sie Ihre Zeit in Dubai und dann auf Mauritius.»
Der über sechsstündige Flug nach Dubai kam Véronique gar nicht derart lang vor, vor allem dank der echten Stehbar im hinteren Bereich des Upper Decks, wo sie zweimal für einen Orangensaft vorbeischaute – Alkohol war für sie während einer Flugreise tabu – und wo sie ein längeres Gespräch mit einem etwa 50-jährigen britischen Juristen über die Rolle von Abu Dhabi in Dubai führte.
«Wie gross der Einfluss von Abu Dhabi ist, zeigt sich am heutigen Wahrzeichen von Dubai.»
«Wie ist das zu verstehen?»
«Nun, ursprünglich war vorgesehen, den über 800 Meter hohen Wolkenkratzer Burj Dubai zu nennen, doch jetzt heisst er bekanntlich Burj Khalifa.»
«Und weshalb das?»
«Er ist nach dem Herrscher Abu Dhabis benannt, Scheich Khalifa. Und eben dieser Scheich Khalifa rettete seinerzeit mit einem Kredit von über 25 Milliarden Dollar den benachbarten Staat vor dem finanziellen Kollaps. Scheich Khalifa hat sich den Namen des Turms jedoch nicht mit diesem Geld erkauft – Dubais Herrscher Scheich Mohammad musste den Kredit zurückbezahlen.»
Noch mehr als die Äusserungen des Mannes erstaunte es Véronique von Greifenbach, sonst von Komplimenten verwöhnt, dass der Gutaussehende – ohne Ehering am Finger – absolut keine Anstalten machte, mit ihr zu flirten. Doch ihr konnte das nur recht sein. Sie war mit ihren Gedanken längst anderswo.
Bei der Ankunft in Dubai – und einem 15 Minuten langen Transfer vom Flugzeug zum Terminal, derart gross präsentierte sich der Airport, der im Hinblick auf die Weltausstellung EXPO 2020 zusätzlich ausgebaut wurde (und noch wird) – klappte alles reibungslos, auch der Transfer ins Hotel.

Zwischenhalt in Dubai. Bei Wettbewerben winkt kein VW Golf GTI als Hauptpreis …
Nach einem Kurzaufenthalt in Dubai sass Véronique von Greifenbach keine 30 Stunden später wieder an Bord eines Airbus 380, dieses Mal Richtung Mauritius. Die Reisedauer war praktisch identisch wie jene zwischen Zürich und Dubai. Die Pass- und Zollformalitäten am Internationalen Flughafen – genauer am Sir Seewoosagur Ramgoolam, International Airport of Mauritius – erwiesen sich als effizient und zeitsparend, im Vergleich zu anderen Flughäfen auf dieser Welt, durchaus auch in den USA. Als Véronique von Greifenbach in die Ankunftshalle trat, sah sie schon von weitem einen Herrn mit einer grossen Tafel in der Hand, mit der Aufschrift «Greifenback», was sie jedoch keineswegs störte. Der Chauffeur – er stellte sich als Anthony oder Antoine vor – nahm sich des Gepäcks an und führte sie zu einem schwarzen Mercedes neuerer Bauart.
Unterwegs telefonierte Véronique von Greifenbach, um Philippe ihre Ankunft auf der Insel mitzuteilen, anschliessend führte sie ein zweites Gespräch, wobei Anthony sie regelmässig im Rückspiegel beobachtete. Mit ihren dunkelblonden langen Haaren fiel sie inmitten der Einheimischen, Nachkommen von Einwanderern aus Indien und ehemaligen Sklaven aus Afrika und Madagaskar, auf. Sie hatte sich auf ihren Aufenthalt gut vorbereitet und wunderte sich deshalb, dass Anthony Richtung Hauptstadt fuhr, nach Port Louis, an der Westküste der Insel gelegen.
«Entschuldigung, Anthony, liegt das Crystals Beach Hotel in Belle Mare nicht an der Ostküste?»
«Oui, Madame.»
«Sie aber fahren an die Westküste.»
«Ja, dort liegt das Maritim Hotel.»
«Ich habe aber im Crystals Beach Hotel gebucht, in Belle Mare.»
«Nein, ich muss Sie ins Maritim fahren.»
«Das Crystals Beach ist auch ein Maritim Hotel …»
«Ich denke nicht, dass Sie an die Ostküste wollen, die Zentrale hat mich angewiesen, Sie ins Maritim zu fahren, und das liegt an der Westküste, oberhalb von Port Louis, deshalb fahre ich diesen Weg.»
«So. Anthony, jetzt halten Sie sofort und rufen Ihre Zentrale an.»
Anthony stoppte den Mercedes und tat wie befohlen. Und obwohl des Morisyens, einer vom Französischen abgeleiteten Kreolsprache, unkundig, konnte Véronique aus dem Gespräch unschwer heraushören, dass Anthony eine falsche Spur verfolgte, respektive in die falsche Richtung fuhr. Der Irrtum war aber nicht ihm, sondern der Zentrale anzulasten. Nachdem er das Gespräch beendet hatte, drehte Anthony sich zu «Madame Greifenback» um, mit vielen entschuldigenden Worten. Sie lächelte versöhnlich. Immerhin kam sie durch das Missverständnis in den Genuss einer kleineren Inselrundfahrt.
Beinahe zwei Stunden nach ihrer Ankunft am Flughafen empfing sie im Crystals Beach Hotel der Resident Manager, Michael Hacker, ein Thurgauer aus Weinfelden, der aber Véroniques Bruder Charles, ebenfalls in Weinfelden wohnhaft, nicht kannte. Er wusste über das Malheur bereits Bescheid und entschuldigte sich seinerseits nochmals in aller Form, obwohl unschuldig im Sinne einer nicht erfolgten Anklage. Er lud Véronique von Greifenbach zu einem Glas Champagner ein und zeigte ihr persönlich die Hotelanlage.
«Wir haben Ihnen ein wirklich schönes Zimmer reserviert, eine Junior-Suite mit fantastischer Aussicht auf Palmen und Meer.»
«Liegt es an ruhiger Lage?»
«An sehr ruhiger Lage, etwas abseits, Privatsphäre garantiert.»
«Das freut mich sehr, danke vielmals.»
«Gerne. In Ihrem Arrangement ist ja auch eine Inselrundreise inbegriffen …»
«… die ich zum Teil bereits hinter mir habe …», antwortete Véronique von Greifenbach belustigt.
«Dem kann man so sagen, wirklich. Für morgen ist schönes Wetter angesagt, wollen Sie nicht …»
«… nur morgen, dann nicht mehr?»
«Doch, doch, ich kann Sie beruhigen, es bleibt schön. Von Gästen weiss ich, dass so eine Rundfahrt zu Beginn der Ferien besser ist als noch schnell zum Schluss. Die ganze Insel zu erkunden liegt zeitlich nicht drin. Ich empfehle Ihnen die Nord-Tour mit Besuch in Port Louis, die Süd-Tour können Sie ja nächste Woche buchen.» «Das tönt sehr gut, das wäre also am Dienstag, 30. Juni, ich bringe im Moment noch die Tage durcheinander …»
«Keine Angst, das passiert vielen Gästen, die neu ankommen», sagte Michael Hacker, nun vor dem Gebäude, wo sich Véroniques Zimmer befand und wohin ihre beiden Koffer bereits gebracht wurden. «Ja, wir sprechen vom Dienstag, 30. Juni, morgen also. Der Chauffeur – er heisst Jaidev – erwartet Sie um neun Uhr in der Lobby. Und jetzt lasse ich Sie das Zimmer beziehen. Falls Sie etwas benötigen, können Sie sich jederzeit an die Réception wenden. Am besten fragen Sie nach Anabelle oder Delphine. Und Sie haben ja ‹all inclusive› gebucht, können Ihr Portemonnaie also gut in den Zimmersafe legen.»
«Danke. Sie werden ja noch anderes zu tun haben als mich zu betreuen.»
Mit diesen Worten verabschiedete man sich. Wenige Augenblicke später konnte sich Véronique von Greifenbach selber ein Bild ihres Zimmers machen. Michael Hacker hatte nicht übertrieben. Die kleine Suite war wirklich vom Feinsten, im zweiten Stock gelegen. Nachdem sie die Koffer ausgepackt und sich umgezogen hatte, schnappte sie sich ihr zweites Handy für sehr Privates und wählte eine Nummer.
«So, Liebster, ich wäre schon mal hier, jetzt warte ich bloss noch auf dich.»
«Ich komme übermorgen Mittwoch, über Paris, mit Air France.»

In diesem Zimmer des Crystals Beach Hotel auf Mauritius wohnte Véronique von Greifenbach.
«Das trifft sich gut, ich gehe morgen auf Inseltour, um mir die Wartezeit zu verkürzen.»
«Wie ist das Hotel?»
«Sehr schön, mit einem grooossen Bett. Und innerhalb der Anlage etwas abgelegen, da merkt kein Mensch, dass wir das Zimmer zeitweise zu zweit benutzen. In Dubai habe ich übrigens bei Victoria’s Secret einige sehr reizvolle Dessous gekauft …»
«Oh, là, là … Ich werde versuchen, dich nicht zu enttäuschen.»
«Da habe ich aber überhaupt keine Bedenken …», antwortete sie.
«Ich nehme mir pro forma ein Zimmer im Hotel Ambre, gleich neben dem Crystals Beach gelegen, damit wir uns alle Optionen offenhalten können», sagte er lachend.
«Du bist ein Schlingel, melde dich sofort, wenn du da bist, ich freue mich so …»
«Das geht mir gleich. Also, bis übermorgen, ich bin schon ganz aufgeregt.»
«Und ich erregt, wenn ich nur schon deine Stimme höre. »
Mit anderen Worten: Véronique von Greifenbach hatte ein gut gehütetes Geheimnis, von dem niemand etwas wusste, ja, nicht einmal erahnte. Seit mehr als einem Jahr schon. Dass ihr Puls in diesem Moment plötzlich wieder verrückt spielte, führte sie auf das soeben geführte Gespräch zurück – und in Gedanken lag sie bereits mit ihrem Lover im Bett und liess sich wie immer von ihm verführen, auch mit vulgären Flüstereien ins Ohr, etwas, das sie mit Philippe nie erlebt hatte. Fast hätte man sagen können, dass sich Véronique selber total enthemmt erlebte, wenn sie mit ihrem Geliebten zusammen war. Und dies nicht bloss während einer halben Stunde. Sie konnte es kaum erwarten, bis er am Mittwoch anrufen würde.
Im Einteiler, der ihre noch immer fantastische Figur perfekt zur Geltung brachte, machte sie sich auf an den Beach, um sich im Wasser abzukühlen.
Den Rest des Montags verbrachte Véronique am wunderschön gelegenen Strand. Das Wetter war traumhaft, bei 28 Grad, nur der Wind – zu dieser Jahreszeit an der Ostküste üblich – vermochte ein perfektes Sonnenbaden etwas zu trüben. Beim Strandspaziergang lief sie auch am Hotel Ambre vorbei. Allein der Anblick des Hotels inspirierte sie zu erotischen Fantasien. Und wieder stieg ihr Puls an. Nur gut, hatte sie sich entschieden, bereits morgen eine Inseltour zu unternehmen, zudem mit einem Aufenthalt in Port Louis, wo sie einen Besuch eingeplant hatte.
Vom langen Tag müde geworden – der Abflug in Dubai fand bereits um 3.20 Uhr statt –, suchte sie gleich nach einem reichhaltigen indischen Abendbuffet relativ früh ihr Zimmer auf. Von dort aus telefonierte sie mit Philippe, der seiner Frau eine gute Nacht wünschte. Diese gab sich anschliessend sinnlichen Träumen hin, in denen Philippe allerdings nicht vorkam.
Nach dem Frühstück im offenen Pavillon begab sich Véronique von Greifenbach am Dienstagmorgen zur Réception, wo Jaidev bereits auf sie wartete. «Bonjour Madame. Ich freue mich, Ihnen einen Teil der Insel zeigen zu dürfen. Sagen Sie mir bitte, was Sie genauer sehen wollen.»
«Jaidev, Sie gefallen mir!», lachte sie. «Sie kennen Mauritius, Sie wissen, was sehenswert ist. Ich habe volles Vertrauen, dass Sie mich begeistern werden.»
«Ich habe die Nordküste vorgesehen, den Botanischen Garten und die alte Zuckerfabrik in Pamplemousse, einen Teil der Westküste, und zum Schluss Port Louis.»
«Das passt. Vor allem Port Louis interessiert mich. Können Sie dort in der Nähe des Blue Penny Museums parkieren?»
«Das ist gar kein Problem.»
«Und noch ein Wunsch …»
«Gerne.»
«An der Westküste liegt offenbar ein Maritim Hotel, könnte ich mir das anschauen?»
Jaidev lächelte.
«Weshalb lachen Sie?»
«Anthony arbeitet in unserer Firma, er hat uns gestern von seinem Missgeschick erzählt …»
Augenblicke später fuhr der Lexus ab, um wenige Kilometer später bereits anzuhalten, im Ort Trou d’Eau Douce.
«Madame, von hier aus», der Chauffeur zeigte mit der Hand in Richtung der Bucht, «können Sie eine Bootsfahrt zur Ile aux Cerfs buchen, mit einem der schönsten Strände der Welt.»
«Davon habe ich bereits gelesen, danke für den Hinweis.»
Im Gedanken sah sie sich bereits mit ihrem Geliebten über den Strand laufen.
Sie konnte sich kaum auf den Botanischen Garten mit seinen riesigen Seerosen oder auf die alte Zuckerfabrik in Pamplemousse einlassen. Véronique sehnte nicht nur den Mittwoch herbei, sondern auch den bevorstehenden Besuch in Port Louis. Unterwegs holte sie der Chauffeur aus ihren Träumen heraus.
«Hier sind wir also vor dem Maritim Hotel in Balaclava, Terre Rouge.»
Véronique von Greifenbach hatte nicht einmal bemerkt, wie Jaidev ins Hotelgelände gefahren war.
«Sieht ganz schön aus, hier …»
«Oui, Madame. Ein Luxushotel der Sonderklasse, mit einem Stern mehr als das Crystals Beach. Das Gelände ist 25 Hektar gross. Spielen Sie Golf?»
«Nein, das tue ich nicht.» Am liebsten hätte sie mit «Nein, ich habe noch Sex, und wie!» geantwortet, empfand den Spruch aber dann doch als wenig passend.
«Hier befindet sich auch das beste Restaurant der Insel, das Château Mon Désir.»
«Was für ein passender Name», dachte sie, «ich werde ihn hierher einladen, samt einer Übernachtung in einer sündhaft teuren Suite.» Sie wunderte sich nicht, dass ihr Herz wieder schneller zu schlagen begann.
«Danke, sehr schön. Und jetzt nach Port Louis, bitte.»
«Oui, Madame.»
Eine halbe Stunde später hielt der Lexus vor dem Blue Penny Museum in Port Louis, angrenzend an die Caudan Waterfront, die Einkaufsmeile des Hauptortes, der von der Zitadelle Fort Adelaide überragt wurde.
«Gibt es ein Restaurant, das Sie mir empfehlen können?»
«Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Eines der Restaurants entlang der Waterfront, da essen Sie gut – und auch preisgünstig. Zudem können Sie dem Treiben zuschauen. Aber vor einem muss ich Sie warnen …»
«Nämlich?» Véronique schien auf einmal beunruhigt.
«Um fünf Uhr ist hier – wie sagt man bei Ihnen? – tote Hose. Sobald es dunkel wird, schliessen die Geschäfte. Mit anderen Worten: Wenn Sie die berühmten Märkte an der Rue de la Reine erleben wollen, den Bazaar, sollten Sie zwischen drei und vier Uhr hingehen, sonst herrscht bereits Aufbruchstimmung.»
«Danke, das werde ich mir merken. Können Sie mich also um … sagen wir halb fünf Uhr am Eingang der Champs de Mars abholen, der Pferderennbahn?»
«Oui, Madame, das passt. Viel Vergnügen. Und verpassen Sie auf keinen Fall einen Besuch im Blue Penny Museum. Dort sehen Sie eine der berühmtesten Marken auf der Welt, die Blaue Mauritius, und ihre kleine Schwester, die Rote Mauritius.»
«Oder immerhin Kopien davon», dachte Véronique.
«Merci beaucoup, das werde ich tun.»
Im Grunde genommen hatten beide recht, was die Marken anging. Um die Qualität der Raritäten vor Lichteinfluss zu schützen, wurden die Originale pro Stunde nur gerade zehn Minuten gezeigt, jeweils im Stundentakt ab 10.30 Uhr. Was dazu führte, dass jeweils zur halben Stunde vor der Vitrine im ersten Stock ein grosses Gedränge herrschte. In der übrigen Zeit bekamen die Besucherinnen und Besucher Kopien zu sehen, die von den Originalen allerdings nicht zu unterscheiden waren.
Véronique von Greifenbach hatte im Museum aber ganz etwas anderes im Sinn.
«Bonjour, Chantal de Senarclens. Ich habe eine Verabredung mit dem Direktor. Können Sie ihm mitteilen, dass ich hier bin, bitte?», stellte sie sich nun am Souvenirkiosk im Parterre des Museums vor.
«Monsieur le directeur ist im Moment ausser Haus, er sollte aber in einer Viertelstunde wieder hier sein. Möchten Sie in der Zwischenzeit ins obere Stockwerk, die Marken anschauen?»

Das Blue Penny Museum in Port Louis, zu Ehren der Blauen Mauritius.
«Nein, danke, ich schaue mich hier bei den Souvenirs um», antwortete von Greifenbach, zum grossen Erstaunen der Museumsmitarbeiterin, waren Touristen doch sonst besessen davon, die beiden Marken zu sehen.
Was niemand wusste, und weshalb Véronique sich eines falschen Namens bediente: Philippe war durch einen Onkel zweiten oder dritten Grades und dessen Beziehungen zu einem ehemaligen Bürgermeister von Bordeaux im Besitz einer ungestempelten Blauen Mauritius, von deren Existenz aber ausser Philippe und Véronique seit dem Tod ihrer beider Eltern niemand wusste. Die Marke lag in einem Banksafe bei jener Pariser Grossbank, in deren Dienste Philippe stand. Die Eheleute hatten nicht vor, mit dieser philatelistischen Sensation Kasse zu machen, vielmehr interessierte sie, was die Nachricht von einer fünften ungestempelten Blauen Mauritius auslösen könnte. Denn heute, dies hatte Philippe hatte am Abend vor Véroniques Abreise im Internetlexikon Wikipedia kurz nachgeprüft, gab es noch vier ungebrauchte Blaue-Mauritius-Marken, die sich im Privatbesitz von Queen Elisabeth II, im Museum voor Coommunicatie in Den Haag, in der British Library in London und eben im Blue Penny Museum in Port Louis befanden.
Exakt nach der von der Angestellten vorausgesagten Viertelstunde traf der Direktor des Museums ein. Nach einem kurzen Gespräch mit seiner Mitarbeiterin kam er auf Véronique von Greifenbach zu.
«Madame de Senarclens?»
«Oui, Monsieur, danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen.»
«Ich bitte Sie … Gerne. Sie klangen gestern am Telefon sehr geheimnisvoll. Ich bin deshalb sehr gespannt, was Sie mir zu sagen haben. Kommen Sie doch mit in mein Büro, da sind wir ungestört.»
Von Greifenbach alias Chantal de Senarclens sprach zuerst von ihrem Interesse an der Philatelie, was den Direktor aber wenig zu interessieren schien. Nach einigen Minuten kam sie auf die berühmten Marken zu sprechen.
«Was halten Sie von der Möglichkeit, dass es eine fünfte ungestempelte Blaue Mauritius gibt?»
«Madame, da kann ich mich kurz halten: Das ist unmöglich.»
«Nichts im Leben ist unmöglich, Herr Direktor.»
«Doch, das gibt es – oder können Sie sich Olympische Winterspiele auf Mauritius vorstellen? Wissen Sie, es gibt keine Marke auf der Welt, die öfter hinterfragt wurde und über die man mehr geforscht hat als die Blaue Mauritius. Da gibt es keinen Interpretationsspielraum. Ich wiederhole: keinen.»
«Mir ist jedoch bekannt, dass vor Jahrzehnten in Bordeaux …»
Beim Wort «Bordeaux» schluckte ihr Gesprächspartner leer.
Die französische Stadt Bordeaux spielte im Zusammenhang mit der Blauen und Roten Mauritius eine wichtige Rolle: «Zwischen 1864 und 1869», hatte ihr Philippe vorgelesen, «hatte Madame Jeanne Borchard 13 Marken entdeckt, die sie mit Sammlern tauschte oder an die Händlerin Marie Desbois aus Bordeaux verkaufte.» Der Ehemann von Borchard war ein Kaufmann mit geschäftlichen Kontakten nach Mauritius. Alle Marken stammten aus dem Briefverkehr mit Kunden auf der Insel. Untrennbar verbunden mit diesen Raritäten war auch der sogenannte Bordeaux-Brief, frankiert mit einer Roten und einer Blauen Mauritius und im Laufe der Zeit mehrfach versteigert, für mehrere Millionen Franken.
Véronique fuhr nun unbeirrt fort: «… dass vor Jahrzehnten in Bordeaux eine weitere Blaue Mauritius entdeckt wurde, von deren Existenz bis heute niemand weiss.»
Was in dieser Sekunde geschah, beliebte man beim Boxen als «Technischen K.o.» zu bezeichnen. Monsieur le directeur wurde blass im Gesicht, und hätte er sich nicht an den Armlehnen seines Stuhls festgehalten, er wäre glatt vom Stuhl gekippt.
«Mon Dieu, soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?»
«Nein, danke vielmals. Aber das ist doch nicht möglich …»
«Nehmen wir einmal an, das stimme – was würde das bedeuten?»
«Es wäre eine Sensation», stammelte der Direktor.
«Ja, das nehme ich an. Wie aber wäre der Wert dieser Marke einzuschätzen?»
«Woher sollte diese fünfte Marke aber stammen?»
«Sagen wir, aus bisher unbekannter Quelle.»
«Was heisst, dass sie von Fachleuten geprüft werden müsste.»
«Auch das ist mir klar. Nochmals aber die Frage: Welchen Wert hätte sie?»
«Unschätzbar.»
Mit dieser Einschätzung konnte Véronique allerdings herzlich wenig anfangen, sie hatte auch das Gefühl, dass es keinen Sinn hatte, das Gespräch in diesem Rahmen fortzuführen.
«Monsieur le directeur, ich schlage vor, dass ich mich wieder bei Ihnen melde und ein Bild der Marke mitbringe. Sind Sie damit einverstanden? Ich würde Ihnen bei jener Gelegenheit etwas mehr über die Geschichte erzählen. Sind Sie einverstanden?»
«Oui, Madame de Senarclens, ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.»
Nach diesen Worten verabschiedete der Direktor die geheimnisvolle Frau und begleitete sie zum Ausgang.
«Herr Direktor, geht es Ihnen nicht gut? Sie sind so blass, haben Sie einen Geist gesehen?», wollte die Mitarbeitende von ihrem Chef wissen, der Madame de Senarclens nachschaute, wie sie in der Menschenmenge verschwand.
Jaidev hatte Véronique zwei gute Tipps gegeben: Sie hatte wirklich in einem Restaurant an der Waterfront sehr gut – und preiswert – gegessen, vor allem aber lohnte sich der Besuch auf dem Bazaar, wo sie, als gross gewachsene Europäerin mit hellbraunen Haaren, im Bereich der Kleider und Accessoires nonstop angegangen wurde, ganz unter der Motto «Madame, schauen! Heute billig, morgen teuer!» Den Fleischmarkt, den hätte sie sich hingegen lieber erspart: In der Halle wurden zum Beispiel bei brütender Hitze Innereien feilgeboten, unmittelbar daneben standen die dreckigen Mopeds der Fleischhauer. «Das wäre jetzt aber etwas für unsere Schweizer Lebensmittelinspektoren und Kantonschemiker, die ständig das ohnehin nicht vorhandene Haar in der Suppe suchen, hier wirklich eine Nase voll zu nehmen», dachte sie. Und auf einmal waren ihre Gedanken wieder beim Angebot von Jonathan B. Crooks. Annehmen, mit der Aussicht auf einen Posten im Aufsichtsrat in Palo Alto? Ablehnen, und dafür die Übersicht über die beschauliche Schweiz behalten? Nein, sie war sich überhaupt nicht im Klaren darüber, in welche Richtung ihr Entscheid gehen würde. «Kommt Zeit, kommt Rat, ich habe ja noch zehn Tage Zeit.»
Véronique von Greifenbach war bereits eine halbe Stunde vor der abgemachten Zeit vor der Pferderennbahn – obwohl sie zwischendurch noch die Aussicht von der Zitadelle genossen hatte –, der Wagen samt Chauffeur ebenso.
«Sind Sie mit Ihrem Aufenthalt in Port Louis zufrieden, Madame?»
«Ja, danke, Jaidev, es war wirklich sehr interessant, auch der Besuch im Blue Penny Museum.»
«Das freut mich sehr. Wir fahren zurück zum Hotel, quer durch die Insel. Ich fürchte aber, Sie haben diese Landschaft bereits gesehen», sagte Jaidev zu Véronique und beide lachten vergnügt.
Gegen 17 Uhr fuhr der Wagen im Hotel Crystals Beach vor, nachdem er die Sicherheitskontrollen beim Hotel passiert hatte. Es war bereits dunkel, dennoch beschloss Véronique, noch einen Strandspaziergang zu unternehmen, wenn auch nur einen kurzen. Mit dem gleichen Badekleid wie gestern lief sie an den Sicherheitsbeamten beim hoteleigenen Strand und am Hotel Amber vorbei, in Gedanken bereits bei ihm. «Und das in meinem Alter, verrückt, absolut verrückt», dachte sie, «aber eben einmalig schön, ich bin ihm ganz schön verfallen. Vielleicht sogar hörig, aber das ist mir wirklich egal.»
«Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Tag», begrüsste Michael Hacker Véronique an der Bar, einige Minuten vor dem Abendessen.
«Ja, danke für die Vermittlung des Fahrers, er hat seine Arbeit sehr gut gemacht.»
«Waren Sie auch im Blue Penny Museum?» Die Frage irritierte Véronique von Greifenbach, aber vermutlich hatte sie keinen tieferen Sinn.
«Ja, eindrücklich, die beiden Marken.»
«Wann waren Sie dort?»
«Herr Hacker, ich habe meine Hausaufgaben gemacht, genau zur halben Stunde, ich habe die Originale gesehen.»
«Ich bin beeindruckt. Und nun wünsche ich Ihnen ‹en Guete› zum Znacht.»
Zehn Stunden später, Mittwoch, 1. Juli. Obwohl sie mitten in der Nacht aufgewacht war, weil ihr Puls wieder verrückt spielte, hatte Véronique von Greifenbach erstaunlich gut geschlafen, Aufregung und Vorfreude auf den erwarteten Besuch hin oder her. Sie warf einen Blick auf ihr Handy: «Eine neue Nachricht.» Und tatsächlich: Er hatte unmittelbar vor dem Abflug in Paris geschrieben und mitgeteilt, dass die Air France vermutlich eine halbe Stunde früher auf Mauritius landen werde. Und das bedeutete: um 5.30 Uhr. Mit anderen Worten: Er konnte bereits hier sein, denn ihre Uhr zeigte 7.03 Uhr. «liebster, schreib sofort, wenn du im hotel bist, ich warte am strand. kann es kaum erwarten!» Fünf Minuten später bereits kam die Antwort, «bin da, wo bist du?» – «ich koooomme, in 15 minuten am strand vom ambre.»
Noch selten – wenn überhaupt – hatte sich Véronique innert weniger Minuten von einer Schlafmütze in eine Strandschönheit verwandelt. Sie war bereits zehn Meter von ihrem Zimmer entfernt, als sie die Türe ins Schloss fallen hörte. In ihrer Eile übersah sie die beiden Sicherheitsbeamten am Strand, die ihr ein «Good morning M’dam» nachriefen. Nach wenigen Minuten sah sie ihn. Er sass am Strand, liess den feinen Sand durch seine Hände rieseln. Ungeachtet dessen, was «die Welt» über sie denken mochte, stürzte sie sich auf ihn, küsste ihn, bevor er überhaupt etwas sagen konnte. Erst nach dem zweiten Räuspern eines Sicherheitsbeamten am Strand des Ambre schaute sie auf. «I’m sorry!», schrie sie geradezu, und lachte. Und endlich kam auch er dazu, Luft zu holen und einige Worte zu sagen.
«Véronique, Véronique … Willst du uns wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses hinter Schloss und Riegel bringen?»
«Liebster, ‹Erregung› ist schon mal ein sehr treffender Ausdruck und zu zweit mit dir in einer Zelle – sofort! Wollen wir den Beamten fragen, ob eine frei ist?» «Provozieren wir mal nichts. Komm, die Sonne geht gleich auf.»
Eine halbe Stunde spazierten die beiden Verliebten den Strand entlang, um schliesslich einen Weg ins Städtchen Belle Mare zu nehmen. Sie liefen weiter, zum Dorfausgang, wo rechterhand in nicht allzu weiter Ferne ein alter Bau zu sehen war. Zehn Minuten später standen sie inmitten einer Ruine, einer ehemaligen Zuckerfabrik, 1820 erbaut, 1920 geschlossen. Es war aber nicht eine wirkliche Ruine, man hatte sie gut erhalten und mit Bäumen, Gebüschen, Rasen und farbenprächtigen Pflanzen verschönert. Die Stimmung im morgendlichen Sonnenlicht war eigenartig und knisternd zugleich.
«Was meinst du, wenn wir …»
Er musste gar nicht weitersprechen, Véronique gab ihm mit einem Kuss und Zärtlichkeiten zu verstehen, dass sie genau erahnt hatte, was er sagen wollte. Minuten später lagen die beiden auf dem Rasen, mit Sichtschutz durch alte Mauern. Er hatte Schweissperlen auf der Stirn, ihr Herz raste wie noch nie.
«Sei mir nicht böse, Liebster, ich benötige jetzt eine Pause, mein Puls spielt wieder verrückt», flüsterte sie ihm zehn Minuten und einen Orgasmus später ins Ohr, als sie sich zu ihm hinunter beugte, «heute abend ist Vollmond, wir kommen wieder hierher …» – «We’ve got the night, who needs tomorrow?», antwortete er, in Anlehnung an einen Song von Bob Seeger und Sheena Easton.
«Herr Hacker, ich habe vorhin per Zufall einen Bekannten getroffen, am Strand. Ist es möglich, dass ich ihn zum Frühstück einlade? Selbstverständlich auf meine Rechnung.» Wie es sich gehörte, hatte Véronique von Greifenbach ihren Geliebten nicht mit ins Hotelareal genommen, sondern wollte zuerst die Bewilligung des Resident Managers einholen.
«Das ist zwar nicht die Regel, aber im Sinne einer Ausnahme, ja, das geht in Ordnung. Ich stelle ihm schnell eine Bewilligung aus, damit er den ganzen Tag in unserer Anlage als Gast verbringen kann», antwortete Hacker und nahm eine Visitenkarte aus seiner Tasche.
«Wie heisst ihr Bekannter?»
«Franz Grütter», antwortete sie sofort. Ohne zu überlegen, hatte sie einen falschen Namen angegeben. Jener eines Verwaltungsrats von DBD war der einzige, der ihr im Augenblick in den Sinn gekommen war.
«Voilà», sagte Hacker und überreichte Véronique die auf der Rückseite beschriebene Visitenkarte, «dieser Persilschein gilt für den ganzen Tag, im Sinne der erwähnten Ausnahme.»
Sie bedankte sich und lief kontrollierten Schrittes mit der erfreulichen Nachricht zum Strand zurück.
«Herr Grütter, hier ist Ihr Tagespass für das Hotel», sagte sie lächelnd zu ihrem Geliebten. Doch als er sie küssen wollte, wehrte sie ihn resolut ab: «Nicht hier und jetzt. Sie sind nur ein Bekannter von mir, Herr Grütter, ich habe Sie nur ganz per Zufall getroffen. Aber mein Zimmer darf ich Ihnen zeigen.» Er hatte die Botschaft verstanden. Entsprechend artig liefen die beiden ins Restaurant, setzten sich zum Frühstück, benahmen sich wirklich nur wie Bekannte, wobei es durchaus von Vorteil war, dass ihre Gespräche nicht von einem Lautsprecher übertragen wurden.
Den Mittwoch verbrachte Véronique von Greifenbach mit ihrem Gast abwechslungsweise im Zimmer des Crystals Beach, am Strand und im Dörfchen. Nach dem Abendessen in einem für die Region typischen Restaurant spazierte sie mit ihrem Geliebten gegen 22 Uhr in der Dunkelheit erneut in Richtung alte Zuckerfabrik, dieses Mal ohne Badeanzug. Unter ihren Bermudashorts und dem Spaghettiträger-Top trug sie eines der in Dubai besorgten Dessous von Victoria’s Secret. Im hellen Licht des vollen Mondes wirkte die Ruine geheimnisvoll.
«So, Véronique, und jetzt machen wir dort weiter, wo wir heute Morgen aufgehört haben …», flüsterte er ihr ins Ohr, während sie sich ins Gras legten, wiederum mit Sichtschutz durch alte Mauern und viele Palmen. Wieder nahmen sich beide gar nicht die Zeit, sich vollständig zu entkleiden.
Nach wenigen Minuten stöhnte Véronique laut, so intensiv, wie er es noch nie mit ihr erlebt hatte.
«Lass dich gehen, entspanne dich …»
Als hätte sie einen gewaltigen Orgasmus, wurde seine Geliebte plötzlich ganz passiv, ihr Körper baute die ganze aufgebaute Verkrampfung mit einem Mal ab, sackte regelrecht in sich zusammen.
«Ganz ruhig, Liebling, gaaanz ruhig, entspann dich, geniess es, we’ve got the night …»
Véronique von Greifenbach sagte nichts. Er war nicht beunruhigt, wusste er doch, dass sie jeweils einige Augenblicke benötigte, um wieder in der realen Welt anzukommen. Diese Mal jedoch dauerte ihre Erholungsphase ungewöhnlich lange. Jetzt erst begann er sich zu sorgen.
«Liebling, was ist los? Sag doch etwas! Liebling! Bitte!»
Nach einigen Augenblicken legte er den rechten Mittel- und Zeigefinger seitlich an ihren Hals. Kein Puls, auch kein schwacher, ihr Herz hatte zu schlagen aufgehört. Innert Sekundenbruchteilen geriet er in Panik.
In dieser Situation funktionierte er nur noch ohne zu überlegen, versuchte, sie mit Mund-zu-Nase-Beatmung zu reanimieren. Erfolglos. Dann versuchte er es mit professioneller Herzmassage, so wie er es in einem Ausbildungskurs erst vor kurzem gelernt hatte, während fast zehn Minuten, bis er keine Kraft mehr hatte. Wiederum ohne Erfolg. Véronique von Greifenbach war tot.
Instinktiv schaute er sich um. Niemand war zu sehen, auch keine Geräusche waren zu hören, dazu war die ehemalige Zuckerfabrik zu abgelegen. Was tun? Auf den Polizeiposten gehen und den Vorfall melden? Undenkbar. Nicht nur, dass man sich in der Schweiz das Maul zerreissen würde, auch die Boulevard-Presse würde die Sache in grossen Lettern auf der Titelseite abhandeln, im Stil von «Tod beim Sex auf Trauminsel». Das war keine Option. Die Leiche hier tel quel liegenlassen, als wäre (fast) nichts passiert? Unmöglich, weil man womöglich nach einem Vergewaltiger suchen würde, der er ja nicht war. Ins Meer tragen? Nein, erstens wäre dies einer regelrechten Entsorgung gleichgekommen und zweitens wäre bei der Obduktion sofort aufgefallen, dass Véronique kein Wasser in der Lunge hatte.

Die alte Zuckerfabrik nahe Belle-Mare, wo Véronique von Greifenbach den Tod fand.
Also beschloss er, die Leiche wieder vollständig zu bekleiden und an einen anderen Ort der Zuckerfabrik zu tragen, ohne verräterische Schleifspuren zu hinterlassen. Gedacht, getan, wobei alles ein bisschen länger als erwartet dauerte, denn mehrmals musste er, mittlerweile tropfnass vor Schweiss, einen kurzen Halt einlegen und sich erholen. Einmal schulterte er seine Geliebte wie ein totes Reh, aber auf diesen Gedanken mochte er in dieser Situation keine Rücksicht nehmen. Nach längerem Suchen legte er die Tote an einen Platz, der nicht auf Anhieb wie der Ort für ein Schäferstündchen ausschaute, und brachte sie in eine sitzende Position, an eine niedrige Wand gelehnt. Was er in diesem Moment empfand, hätte er in Worten nicht beschreiben können. Er war wie von Sinnen, hatte gar nicht realisiert, was wirklich geschehen war, wusste nicht, was er gerade tat.
Danach machte er sich mit Véroniques Handtasche, in welcher auch ihr Handy lag, auf den Weg in sein Hotel und erklärte an der Réception, dass er am nächsten Tag wegen eines Todesfalls in der Familie bereits wieder abreisen müsse. Er fragte, ob noch in der Nacht Flugzeuge die Insel Richtung Europa verlassen würden.
«Am frühen Morgen gehen ausschliesslich Flüge nach Réunion, der erste Interkontinentalflug startet knapp nach neun Uhr Richtung Johannesburg, Emirates fliegt um vier Uhr nachmittags Richtung Dubai, wo Sie dann Anschlüsse nach Europa haben. Air France geht morgen erst gegen neun Uhr abends», sagte der Mann an der Réception, nachdem er den Flugplan des nächsten Tages im PC konsultiert hatte.
Er schaute auf seine Uhr. Es war knapp nach 23.30 Uhr und er versuchte, gegenüber dem Mitarbeitenden weiterhin ruhig zu wirken, wobei seine völlig verschwitzten Kleider nicht recht ins Bild passen mochten.
«Danke vielmals. Nun, dann werde ich wohl bis zum Nachmittag warten müssen, aber das macht ja eigentlich nichts, denn wegen ein paar Stunden wird mein Bruder auch nicht mehr lebendig.» Und er war froh, hatte er sich am Morgen problemlos unter falschem Namen einschreiben können, mit einem scheinbar echten Schweizer Führerausweis, den ohnehin niemand gross zu interessieren schien.
«Wie machen wir es mit der Rückerstattung, Monsieur Meyer? Sie haben schliesslich für sechs Tage gebucht und auch bezahlt. Aber drei Nächte Stornierungsgebühr muss ich Ihnen belasten.»
«Da ich heute hier übernachte, verbleiben demnach noch zwei Nächte. Wissen Sie was? Ich komme im Winter wieder und Sie rechnen mir die beiden Tage an. Geht das für Sie in Ordnung?»
«Très bien, das geht sehr gut, ich werde aber noch mit dem Manager sprechen.» Er indes war sich bewusst, dass er niemals mehr nach Mauritius kommen würde. Um aber nicht aufzufallen, hatte er sich auf dieses unverfängliche Gespräch eingelassen.
«Das wäre grossartig, ich freue mich schon», sagte er. Sie wünschten sich eine gute Nacht.
Ohne auch nur eine Minute geschlafen zu haben, stand er um 7 Uhr noch allein und ohne Appetit beim Frühstücksbuffet, reiste eine halbe Stunde später nach drei Tassen Kaffee mit dem Taxi in Richtung Flughafen ab, um genügend Zeit für das Umschreiben des Flugtickets zu haben. Ohnehin war es für ihn nicht ratsam, sich in Belle Mare aufzuhalten.
Die Ermittlungen auf Mauritius
Donnerstag, 2. Juli. Die Crew der Mauritius Advertising Company MAC war gegen 10.30 Uhr auf dem Weg zur alten Zuckerfabrik in Belle Mare, wo sie die Ruine als Kulisse für einen TV-Spot zu benutzen gedachte. Auftraggeber war ein bekannter Markenartikelhersteller für Sportbekleidung, der seine Produkte zum Teil auf der Insel herstellen liess. Die ganze Truppe, die in drei kleinen Transportern anreiste, umfasste insgesamt elf Personen: Regie, Kamera, Maske, Drehbuch, Darsteller, Tontechnik, Film, Licht, Vertreter des Auftraggebers. Vorgestern hatten zwei Scouts die Location als «optimal» für den Dreh befunden, entsprechend gelöst war auch die Stimmung unter den Anwesenden an diesem wolkenlosen Tag. Es wurde gescherzt und gelacht.
Die drei Fahrzeuge hielten vor den Überresten der Fabrik nebeneinander an, alle halfen mit, das umfangreiche Material auszuladen und zum Ausgangspunkt zu tragen, eingangs der ehemaligen Zuckerfabrik.
Während die meisten Mitarbeitenden mit dem Aufbau der Geräte auf dem eigentlichen Set beschäftigt waren, lief der Drehbuchautor umher. Die Ruine der vor beinahe hundert Jahren stillgelegten Zuckerfabrik faszinierte ihn. Seine Begeisterung fand einige Minuten später allerdings ein abruptes Ende. Er stand fassungslos da, sprachlos. Erst nach einigen Augenblicken schrie er seinen Schreck heraus.
«Au secours!! Kommt sofort hierher, vite!!»
«Unser aller François … Hat vermutlich eine Schatzkiste entdeckt», frotzelte der Tontechniker zur Truppe, «wird wohl nicht so heftig sein …»
«Hilfe! Hilfe! Hier liegt eine Tote!»
«François, heute ist der 2. Juli, nicht der 1. April, komm jetzt hierher, wir wollen etwas besprechen, damit wir mit den Aufnahmen beginnen können», hörte der Drehbuchautor einen Kollegen rufen. Sekunden später stolperte er wie ein Betrunkener zu seinen Leuten zurück, kreidebleich, stotternd.
«Da hinten liegt eine Frau, nein, sie sitzt, sie ist wahrscheinlich tot.»
Auf einmal war man sich nicht mehr so sicher, ob François sich einen dummen Scherz erlaubt hatte. Zwei Kollegen begleiteten ihn zum Ort seines angeblichen Fundes. «Alarmiert sofort die Polizei!», schrie der eine nur wenige Sekunden später, «hier ist wirklich eine Tote!».
«Ich fahre sofort auf den Posten, der liegt ganz in der Nähe!», rief die Regisseurin, derweil alle anderen Richtung Fundort rannten.
Der Polizeiposten Belle Mare lag ungefähr 800 Meter von der Zuckerfabrik entfernt, gleich neben dem Sportplatz und ganz in der Nähe eines bekannten europäischen Kleiderherstellers, der eine ultramoderne Verkaufsstelle gebaut hatte, die gar nicht in die ärmliche Umgebung passen wollte und in gewisser Weise an den Monolithen im Murtensee erinnerte, den der französische Stararchitekt Jean Nouvel einst für die Landesausstellung Expo.02 errichtet hatte. Auch die Verkaufspreise des Labels, das zum Teil zu Billiglöhnen auf Mauritius produzieren liess, hatten zu den örtlichen Verhältnissen keinen Bezug. Luxus musste offenbar ganz einfach teuer sein, wo auch immer produziert und verkauft.

Eine Hauptstrasse im Belle Mare. Der Klotz einer Modefirma wirkt dabei eher als Fremdkörper.
Für etwas Abwechslung waren die Beamten auf dem Posten, in der touristischen Nebensaison derzeit mit administrativen Routinearbeiten beschäftigt, zwar durchaus dankbar. Aber gleich eine Tote mit ausländischem Aussehen? Non, merci. Dennoch setzten sich drei Beamte in ein bereitstehendes Polizeiauto ein und folgten dem Auto der Regisseurin. Keine zwei Minuten war man sur place.
«Alle zurücktreten!», rief einer der Beamten. «Oder wollen Sie mögliche Spuren vernichten?» Was der Mann noch nicht wissen konnte: Das Filmteam hatte, so gesehen, bereits ganze Arbeit geleistet und die Umgebung des Fundorts niedergetrampelt.
Die Beamten sperrten den Fundort der Leiche einem Umkreis von ungefähr 30 Meter mit rotweiss gestreiftem Band ab und verlangten telefonisch auf dem Posten nach Verstärkung durch die Kollegen der Kriminaltechnik. Diese Spezialisten trafen nach ungefähr 45 Minuten ein. Sie waren von Candos her angereist, wo sich ihr Arbeitsplatz – und jener der Rechtsmedizin – befand. In der Zwischenzeit hatten die lokalen Polizeibeamten die Mitglieder des Filmteams befragt. Sie alle konnten keine tatrelevanten Angaben machen. Ihnen wurde aber gestattet, ihrer Arbeit nachzugehen, weil das Set am anderen Ende der Zuckerfabrik lag. Das ganze Areal wurde grossräumig abgeriegelt, um Schaulustige abzuhalten.
Sehr rasch war dem zwischenzeitlich eingetroffenen Rechtsmediziner Alain de Dieuleveut klar, dass es sich um eine ungefähr 50- bis 55-jährige Ausländerin handeln und dass der Tod «plus/minus vor ungefähr zwölf Stunden» eingetreten sein musste. Und: «Es sind keine Spuren äusserer Gewalt festzustellen.» Es folgte die übliche Feststellung aus der Rechtsmedizin: «Weitere Angaben erst nach der genauen Untersuchung.» Um die unbekannte Tote identifizieren zu können, hatte de Dieuleveut unmittelbar vor dem Abtransport nach Candos Porträtfotos von ihr gemacht und zur Polizeistation übermittelt, wo Chief Inspector Samuel Ramnauth ein paar Exemplare ausdruckte und sie zwei Beamtinnen aushändigte. Die Polizistinnen Emilie und Aurélie begannen ihre Nachforschungen in den wenigen Pensionen in Belle Mare, um schliesslich die Strandhotels anzufahren, da die Befragungen in den Bed & Breakfast-Häusern zu keinem Erfolg geführten hatten.
Zur gleichen Zeit hielt sich er etwas abseits des Flughafens auf, um im übersichtlichen Terminal nicht gross aufzufallen. Das Air-France-Rückflugticket hatte er sich bei Emirates umschreiben lassen, was allerdings eine Zeit lang dauerte und mit Mehrkosten verbunden war, die er cash mit Euro bezahlt hatte, da bei Air France zuerst der Rückflug annulliert und danach neu gebucht werden musste. Die Leute bei Emirates zeigten sich glücklicherweise sehr kooperativ. Immer wieder schaute er auf seine Big Bang von Hublot am linken Handgelenk, wo inzwischen beide Zeiger senkrecht standen. «Noch vier Stunden, wenn ich nur bald ausreisen kann, ohne dass die Polizei hier auftaucht …», ging ihm durch den Kopf. Eine Wohlfühloase sah definitiv anders aus.
Die Befragungen in den bisher drei besuchten Strandhotels hatten keine konkreten Ergebnisse ergeben. Zwar glaubte sich der Tagesportier des Hotels Ambre daran erinnern zu können, «die auf dem Foto abgebildete Frau beim Vorbeilaufen am Strand in Begleitung eines Herrn gesehen zu haben», sicher war er sich indes nicht. «Ich frage aber in ein paar Stunden meinen Kollegen, der Nachtdienst hatte, er schläft jetzt noch. Rufen Sie mich gegen Abend an.»
Emilie und Aurélie unterbrachen ihre Recherchen in Bezug auf die unbekannte Tote, um kurz etwas zu essen. Gegen 14 Uhr betraten sie das Crystals Beach Hotel, wo Anabelle an der Réception Dienst hatte. Die beiden Polizistinnen stellten sich vor und zeigten Anabelle die Aufnahme der Toten.
«Kennen Sie diese Frau?»
«Ich bin mir nicht sicher, wer ist das?»
«Sie wurde heute Morgen tot aufgefunden. Wir kennen ihre Identität nicht. Können Sie uns helfen?»
«Ich glaube, dass das Madame von Greifenbach sein könnte …»
«Sie glauben?»
«Ich werde den Resident Manager rufen, er wird Ihnen mehr sagen können. Einen Moment, bitte.»
Zwei Minuten später stand Michael Hacker am Empfang und musste sich das Foto nur kurz anschauen.
«Das ist Frau vom Greifenbach, Véronique von Greifenbach, sie ist erst seit Montag hier. Vorgestern war sie auf einer Inselrundfahrt. Was ist denn passiert?»
«Das wissen wir selber noch nicht», sagte Emilie kurz und knapp.
«Ausser wohl, dass sie tot zu sein scheint», mischte sich Anabelle in die Diskussion ein, was ihr prompt böse Blicke der übrigen drei Anwesenden bescherte. Kommentare blieben indes aus.
«Wir werden jetzt sofort die Kollegen von Kriminaltechnischen Dienst informieren, damit sie sich das Zimmer anschauen. Herr Hacker, bitte stellen Sie sicher, dass ab sofort niemand mehr ihr Zimmer betritt, obwohl es um diese Zeit vermutlich bereits gereinigt worden ist. Übrigens: Hatte Frau von Greifenbach Kontakte hier?»
«Ja, soviel ich weiss, hat sie gestern angeblich einen Bekannten getroffen, einen gewissen Franz Grütter, wenn ich mich an den Namen richtig erinnere. Ich selber habe ihn aber nicht gesehen.»
«Und wo hat er gewohnt, auch bei Ihnen?»
«Nein, er war kein Gast unseres Hotels, ich fürchte, ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen.»
Die beiden Beamtinnen verabschiedeten sich, Michael Hacker bestellte Anabelle umgehend zu sich ins Büro, ein mittleres Donnerwetter wegen ihres deplatzierten Kommentars von vorhin war ihr sicher.
Eine halbe Stunde später standen zwei Beamte der Spurensicherung im aufgeräumten Zimmer von Véronique von Greifenbach. So wie es schien, gab es keine verwertbaren Spuren rund um das Ableben der Bernerin, deren Pass ebenso wie Bargeld und ein Handy im Zimmersafe lag, den der Leiter des Technischen Dienstes des Hotels auf Verlangen der Polizisten zuvor geöffnet hatte. Genauso erfolglos erkundigten sich Emilie und Aurélie in den verschiedenen Strandhotels nach einem gewissen Franz Grütter, währenddessen er zur gleichen Zeit langsam und unauffällig zum Gate des Emirate-Fluges spazierte.
Gegen 17 Uhr, als der Emirates-Kurs bereits seit einer Stunde nach Dubai unterwegs war, versammelte Chief Inspector Ramnauth in Belle Mare seine Crew samt den Spezialisten der Kriminaltechnik auf dem Polizeiposten zu einer Informationsrunde, die aber ausser den inzwischen bekannten Fakten vorerst keine neuen Erkenntnisse brachte, da sich Alain de Dieuleveut von der Rechtsmedizin noch nicht gemeldet hatte.
«Ich habe Lucas Dural, den Schweizer Honorarkonsul auf Mauritius, in Absprache mit der Kriminaltechnik, über den Tod von Frau von Greifenbach informiert. Die Schweizer Botschaft in Südafrika, die auch für Mauritius zuständig ist, hat bereits die notwendigen Kontakte in die Schweiz hergestellt, zum Aussenministerium und vor allem zur Polizei in Bern», berichtete Samuel Ramnauth dem Team.
Um 18.30 Uhr traf Alain de Dieuleveut von der Rechtsmedizin endlich aus dem Princess Margaret Orthopaedic Center PMOC aus Candos ein. Demnach hatte Véronique von Greifenbach einen akuten Herzinfarkt erlitten, der zum sofortigen Tod führte. Bei der Untersuchung der Leiche waren keine Anzeichen von äusserer Gewalt festzustellen, zudem hatte die Tote noch unmittelbar zuvor sexuellen Kontakt, «einvernehmlichen», betonte de Dieuleveut. Interessant waren postmortale Druckstellen auf dem Brustkasten, unter den Oberschenkeln und auf dem Rücken der Toten, die darauf schliessen liessen, dass die Leiche getragen wurde und der Fundort somit nicht mit dem Tatort – sofern man überhaupt von einem Tatort sprechen konnte – identisch war.
Der Schweizer Honorarkonsul auf Mauritius, Lucas Dural, hatte inzwischen einen Anruf von Jonathan Smith, Chief Officer der Pretoria Central Police, erhalten. Die beiden Herren hatten in der Vergangenheit mehrmals miteinander zu tun, da die Schweiz nicht das einzige Land war, das sich in Mauritius «nur» durch einen Honorarkonsul vertreten liess. Dural arbeitete im Mandatsverhältnis auch für andere europäische Staaten. Die Schweizer Botschaft in Südafrika hatte ihn informiert.
«Lucas, wir hatten bereits Kontakt mit den Schweizer Kollegen in Bern», sagte der Südafrikaner. «Frau von Greifenbach ist – entschuldige, war – verheiratet, ihr Mann, ein Philippe de Lattre de Tassigny, nimmt die nächste Maschine nach Mauritius, vermutlich morgen, sodass er übermorgen Samstag, 4. Juli, in Mauritius eintreffen wird. Er hat seine Frau übrigens anhand des übermittelten Fotos bereits inoffiziell identifiziert. So wie es aussieht, wird er von einem Kriminalkommissar der Berner Polizei begleitet, der mit euch kooperieren wird. Offenbar war diese von Greifenbach eine grosse Nummer. Die Schweizer wollen sich keinen Lapsus leisten.»
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