Читать книгу: «Wohin des Wegs, Deutschland?»
Thilo Koch
Wohin des Wegs, Deutschland?
EIN WIEDERSEHEN
Saga
Wohin des Wegs, Deutschland?Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1965, 2019 Thilo Koch und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711836194
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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I
PENSIONIERT VON DER GESCHICHTE
Laß alle Welt sich streiten – Du, glückliches Deutschland, produziere. Es ist frappant. Da kommt man heim aus Übersee, und das goldene Zeitalter ist angebrochen. Was heißt da Wirtschaftswunder! Ein ganz großes Märchen wurde Wirklichkeit. Deutschland ist reich. Deutschland ist befriedet. Deutschland genießt Ansehen. Wir sind wieder da? Aber gewiß, und schon lange. Und gänzlich gewandelt. Da schreiben sie sogar, in dem Amerika, unsere Mädchen hätten längere Beine bekommen. Walküre und Gretchen – haha, in den Fundus verbannt, allenfalls auf Opernbühnen noch konserviert. Petra und Monika machen Madison Avenue verrückt, und was wäre Hollywood ohne Elke Sommer, Senta Berger, Christine Kaufmann?
Nee, wir produzieren alles, auch Rasseweiber. Made in Germany, was soll das Unken, Ausschuß läuft schon mal mit unter, aber im allgemeinen: Klasse. Unser Sozialprodukt marschiert auf die 400 Milliarden für 1964. Das Einkommen pro Kopf der Bevölkerung liegt etwa bei über 6000,– Mark im Jahr. Wir haben den breitesten Mittelstand der Welt.
Gott meint es offenbar gut mit den Deutschen. Fünf Millionen »eigene« Tote hat Hitlers Krieg (ein deutscher Krieg?) gekostet und an die fünfzig Millionen Tote insgesamt, also rund neunzig Prozent »Fremdtote«. Und das Überleben war hart. Und das Vaterland ging in die Binsen. Aber dann wurden wir wieder gebraucht, und wir nützten die Chance. »Niemals sind gute harte US-Dollars besser angelegt worden als nach 1945 in Old Germany«, sagte mir drüben in Washington einer, der sie verwalten geholfen hat. Okay.
A.o.k. Alles, wirklich alles in Ordnung. Bis auf eines. Bis auf was? Die Teilung, die Teilung Deutschlands. Sie haben uns gespalten, die Sieger, sie müssen uns wiedervereinigen. Dazu haben sie sich selber verpflichtet – in Potsdam schon und später immer wieder. Es wird so lange keinen Frieden geben, wie Deutschland nicht wiedervereinigt ist. So lange kann kein Deutscher seines Lebens froh werden, wie Deutschland nicht wieder eine Nation ist. Unser unteilbares Deutschland.
Gewiß, ich habe den einen oder anderen gesprochen, der wirklich bereit zu sein schien, etwas zu tun, etwas zu opfern für die nationale Einheit – zum Beispiel einen Teil seines Einkommens und die Gebiete östlich von Oder und Neiße. Ich habe Tränen gesehen, in Berlin, wenn von Weihnachten die Rede war, von jener kleinen Wiedervereinigung auf Zeit durch das Passierscheinabkommen. Viele wünschen ehrlich Freiheit für alle Deutschen, Freizügigkeit zumindest zwischen den beiden Teilen, Familienzusammenführung, und fast allen ist es gleichgültig, ob dafür Ostberliner Unterschriften, Aufwertungen, Regierungsebenen hingenommen werden müßten.
Aber ich fand sie nicht, die deutsche Partei, die diese nationale Sache zu der ihren machte; diese Sache des Volkes, des ganzen, der 70 Millionen, und dafür den geforderten, den unumgänglichen Preis zu zahlen bereit wäre. Erhard nicht, auch Brandt nicht und sogar Mende nicht würden wagen, vor ihre Wähler zu treten und die Wahrheit auszusprechen, die da lautet: Wir müssen mit der Teilung leben.
Wie können wir das? Wie können wir trotzdem ein Volk bleiben, die nächsten zwanzig Jahre, bis 1984, vielleicht länger? Wie? Wir müssen mit dem Kommunismus leben, mit der DDR. Solange Ulbricht regiert, ist jede Annäherung blockiert. Aber laßt uns weiter denken, in Jahrzehnten, im Lebensrhythmus eines Volkes. Laßt uns daran arbeiten, daß wir nicht nur äußerlich eine Sprache behalten, wir im Westen und sie im Osten. Laßt uns Kompromisse vorbereiten, die erträglich sind, damit wir wieder zueinanderkommen. Laßt uns weniger an die Einheit für die 70 und mehr an die Freiheit für die 17 Millionen denken. Wir sind bereit zu reden – mit der Sowjetregierung, mit einem Nachfolger Ulbrichts.
Politischer Selbstmord, höre ich in Bonn. Wer so etwas sagt, ist morgen ein gewesener Mann. Nicht nur die Regierung, auch das Parlament lehnt »geschlossen« jeden Schritt in die Richtung einer Anerkennung des Unrechts der Teilung ab. Ja, das trifft zu. Aber ich hörte doch dann im Gespräch unter vier Augen so manches andere. Ist die Hallstein-Doktrin nicht längst ausgehöhlt? Werden nicht bald die blockfreien Staaten dutzendweise »Pankow« anerkennen? Und sollen wir uns dann selber isolieren, und – Modell Belgrad – mit solchen Afrikanern und Asiaten die diplomatischen Beziehungen abbrechen, die sie mit Ostberlin aufnehmen? Warum ist Bukarest nicht 1965 billig, was Moskau 1955 recht war? Sind die Rumänen nicht heute akzeptablere Kommunisten, als es vor zehn Jahren die Russen waren? Und gilt das nicht für Polen, Ungarn, Tschechen, Bulgaren?
Aufregung über Seebohm, und ob die Münchner »Wiedervereinigung« mit den Sudetendeutschen noch gelte oder etwa nicht. Wo leben sie eigentlich, diese goldigen Deutschen in ihrem goldigen Zeitalter, daß sie Gesellschaftsspiele dieser Art für politisch relevant halten? Es muß die Gewöhnung an ein seltsames Opium sein, das Opium des nationalen Wunschdenkens, was sogar eine hohe Bundesregierung zum Mitspielen veranlaßt. Ich höre sie drüben fragen, in den politischen Zirkeln Washingtons, die so etwas überhaupt zur Kenntnis nehmen: Warum feuert der Kanzler nicht diesen Seebohm? Und einer sagt: Die Vertriebenen sind Wähler – you know. Dann nicken sie: Sure, Stimmenfang ist eine legitime demokratische Sache; dafür muß man auch mal Unsinn hinnehmen, bis zu einem gewissen Grad mitspielen.
Aber ich habe gefragt – Vertriebene in meiner neuen süddeutschen Wahlheimat. Die kleinen Flecken und Städtchen zwischen Schwarzwald, Alb und Bodensee sind voll davon. Wollen Sie zurück? Noch einmal anfangen? Den goldenen Westen lassen? Sie wollen nicht. Umfragen erhärten diese zufälligen Eindrücke. Würden Sie Erhard nicht wählen, wenn er sich von Seebohm trennte? Sie wählen ihn, denn er ist der Herr Wohlstand persönlich – oder sie wählen eh SPD oder FDP oder gar nicht. Also, es ist ein Mythos, daß die Heimatvertriebenen in der Bundesrepublik labil wären, nationalistischen Parolen zuneigten. Wer hat ein Interesse, ihn zu nähren, den Mythos? Nun, da soll es so etwas geben wie »Berufsvertriebene«, und sie sollen eine mächtige Lobby sein, in Bonn sowieso, aber auch in den Landeshauptstädten, in den Landesverbänden der CDU/CSU.
Ich kann das noch nicht beurteilen. Ich weiß nur von drüben, daß normalerweise ein Interessenverband nicht stärker ist als die Interessenten, die ihn bilden, und das heißt vor allem: bezahlen. Woraus speist sich die Macht, die angebliche, der Vertriebenenverbände, wenn doch diese Vertriebenen friedliche, nach vorwärts blickende Bundesbürger sind? Wo hat er seine Wurzeln, der Vertriebenen-Mythos? Etwa in der sehr begreiflichen, sehr menschlichen Sentimentalität für die »verlorenen Ostgebiete«?
Man hat es schwer im Ausland, diese Gefühle zu erklären. Und doch sind sie ganz einfach da, elementar. Das strapazierte »Recht auf Heimat« – es ist ja ein hohes, tiefverwurzeltes Gut. Wer müßte nicht trübsinnig werden, wenn er an Schlesien denkt und Ostpreußen, an Pommern. Wieviel verdankt alles Deutsche diesen Provinzen. Wieviel Leben und Herzlichkeit, welch ein Geist und welch ein Gemüt kamen uns von daher zu. Und dies verloren zu geben – alles wehrt sich zunächst gegen diese Realität. Und doch ist es eine.
Nur als Europäer, als Bürger eines großen Europa werden Deutsche einmal wieder dorthin kommen – Kinder oder gar Enkel der tatsächlich Vertriebenen, und nur als Nachbar und Partner werden sie dann mit ihren polnischen Miteuropäern dort leben und arbeiten, dichten und trachten können. Utopie? Wenn das Utopie ist – was ist dann die Parole von der Heimat, in die man (ohne Gewalt!) wieder zurück will? Die Polen zum Beispiel und Tschechen müßten ja rufen: Lüge, Revanchismus! Kann irgendeinefriedliche Entwicklung denn diese Millionen ostwärts bewegen? Es ist keine Völkerwanderungsstimmung zu sehen. Nein, was Hitler zerstörte, es ist unwiederbringlich dahin.
Man kommt so frohgemut zurück und findet sich sofort bestätigt in all den optimistischen Erwartungen. Wir sind netter geworden, zivilisierter, eleganter sogar. Es ist wahr: Die deutsche Frau hat eine enorme Wandlung durchgemacht, äußerlich zumindest. Sie ist flott, schick, sexy. Mehr als die heutige Amerikanerin. Dazu blieb sie – na sagen wir doch ruhig: lieb. Und der deutsche Mann? Er trägt sich italienisch: spitze, spitze Schuh’, fesche Janker – und amerikanisch: Jeden Tag das frische weiße Hemd, der gesäßenge Hosenschnitt mit waagerechten Taschen.
Der frische Duft der weiten Welt allenthalben zwischen Kaiser-Wilhelm-Kanal und Bodensee. Deutsche Filme: enorm frei. Obwohl doch immerhin ein kleines Binnenmeer zwischen uns und Schweden liegt. Frei und, denk’ ich an die »Tote von Beverly Hills«, auch witzig-spritzig. Leben und leben lassen – wir haben es nie gekonnt. Nun scheint dieser »Nachholbedarf« mit enormem Programmgeschick nachgedeckt zu werden.
Man trinkt mehr Whisky als Cognac, scheint mir – trotz der Gaullisten. In dieser Beziehung zumindest liegt das Übergewicht bei den »Anglo-Saxons«, den Atlantikern. Auch was die kleine große Liebe zum gemischten Drink angeht.
»Brandy Alexander« – das wird ohne Rückfrage serviert. Wohlstandsalkoholismus? Hübsches Wort und angenehm wahr. Ich finde die intime Bar und einen Gin-Tonic oder Scotch weniger gefährlich als das Hofbräuhaus, eins-zwei-g’suffa.
Strauß hatte ich mir gefährlicher vorgestellt, obwohl mir klar ist, daß wir ihn (und den greisen Altbundeskanzler Adenauer) noch immer hätten, hätten wir nicht zu kritischer Stunde die Herren Augstein und Mende und Erler gehabt. Tatsächlich – es war doch wohl keineswegs ein Triumph der neuen deutschen Demokratie, was sich da in Bonn vollzog, sondern es war »die Presse«, und es war »die Koalition«, denen die Brachialgewalt erlag. Der Spiegel machte große Politik – zumindest Innenpolitik, und die Freien Demokraten bewährten sich durchaus als »Zünglein an der Waage«.
Komisch, wie man doch immerfort auf Probleme stößt, wenn man nur den Blick erhebt – vom Bild der fleißigen, wohlanständigen, trink- und reiselustigen Deutschen: zu ihren öffentlich-gemeinschaftlichen Verhältnissen. Probleme? Oft kommen nur ein paar Schaumkronen daher, und man hält sie für Seegang. Die See ist ruhig in bundesdeutschen Gewässern. Die Lage ist stabil, auch wenn es die Telefongebühren nicht sind. Ironie des Schicksals, daß ein Volk mit so tödlicher Belastung, mit so äußerster Instabilität im ganzen wie das geteilte deutsche Volk, so fest und wohlbeleibt dasteht in all seinen Teilen, im einzelnen, wie kaum ein anderes.
Ja, wie gut es uns geht-es wird gar nicht ausreichend »realisiert«, wie man drüben sagt. Nicht recht begriffen, und auch nicht recht »verwirklicht«. Die Unrast in dieser Weltgegend zwischen Nordsee und Alpen ist enorm. Das drückt sich in der Autodichte, im Straßenverkehr aus, natürlich. Aber auch darin, daß Deutsche besonders gern und viel gleichzeitig reden. Jemanden, zumal wenn er zögernd oder gehemmt formuliert, erst einmal zu sich kommen zu lassen oder zu dem, was er sagen will – unbekannt. Drängeln! Haste, was kannste. Und kannste nicht, mach den Weg frei. Wo ist es hin, das Behagen? Die deutsche Welt von »Hermann und Dorothea«, soweit es sie jemals gab – perdu.
Poesie – so etwas Deutsches, dachte ich immer. Wo ist es geblieben? In der Landschaft finde ich es leicht. Nicht nur südlich der Main-Linie. Wenn die Bahn durch Schleswig-Holstein rattert, fliegt vorm Abteilfenster ein Gedicht nach dem anderen vorbei. Die grünen Wellen der Wiesen unter kühlblauem Himmel, schwarzbuntes Vieh, Telegrafenstangen, Wacholder. Die Landschaften drüben, großartiger, lauter, atemberaubend weitläufig. Hier: das eingegrenzt Rührende, altfränkisch In-sich-Beschlossene. Es spricht zum Herzen, darum findet man’s poetisch.
Ob und welche Gedichte sie lesen, die Deutschen, weiß ich nicht. Ingeborg Bachmann auf der Bestsellerliste, das ist schon erstaunlich. Aber auch schwierig. Ist man gar nicht mehr romantisch? Liest man wohl noch Eichendorff miteinander oder Hölderlin, wenn man mit Zwanzig verliebt ist? Das »Sachbuch«, höre ich, hat einen Siegeszug angetreten. Wer oder was wurde dabei besiegt? Aber dann wieder hat Günter Graß soviel Erfolg. Und wie kommt das? Überläßt man wieder einmal das Provozieren der Literatur, und faltet die Opposition andernorts die Zehlein, wie in Morgensterns Gedicht die Rehlein?
Denn wenn wir auch so ziemlich alles haben, uns alles leisten können: eine Opposition haben wir kaum, die können wir uns anscheinend nicht leisten. Warum wohl? Keine Experimente, gut. Uns paßt die ganze Richtung, denn sie macht, daß es uns gut geht, klar. Aber ist denn alles auch genauso gut fundiert, wie es läuft, und denken wir an die Zukunft? Was wird zum Beispiel aus dem wichtigsten und schwierigsten Geschöpf dieser Bundesrepublik, der deutschen Bundeswehr?
Hat sich eine hochmögende Oppositionspartei darum gekümmert? Hat sie auch nur die richtigen Fragen gestellt, rechtzeitig? Es war ein ehemaliges CDU-MdB, ein ehemaliger Admiral, der die Wunde bloßlegte, die da eitert. Und so entwöhnt ist dieses Land des Spiels und Widerspiels gegenteiliger Meinungen, daß die sofortige Reaktion der Regierungspartei war: abschießen. Aber wenn Herr Heye nun nicht mit dem Grafen Nayhaus von Quick zu Abend gegessen hätte? Aber wenn Heye nun nicht der olle Seebär mit dem Mut oder dem Altersstarrsinn eines Panzerkreuzers wäre – müßten wir uns dann so durchrobben, von einem Nagold zum anderen? Doch einen Nagold-Prozeß hätten wir ja nicht gehabt, lernte ich, wenn da nicht ein Pfarrer des Weges gekommen wäre, die Schikanen beobachtet und Anzeige erstattet hätte.
Schön, schön – es ist schon viel wert, daß es Richter in Calw und Illustrierte in München und last not least: Männer in Bonn gibt. Aber überlassen wir da nicht allzuviel dem Zufall? Wer hat denn den Abhörstein ins Rollen gebracht? Wieder die Journalisten. Und wo blieb, ja wo bleibt bei alle dem das Parlament, die parlamentarische Opposition? Fritz Erler und Herbert Wehner, Kurt-Georg Kiesinger und Thomas Dehler, Reinhold Maier und Gustav Heinemann, Adolf Arndt und Carlo Schmid – was gab es doch immerhin einmal für Zunder in jener Ära Adenauer.
Die Ära Erhard ist rund und satt und nobel und angenehm – ganz wie »Ludwig der Maßhalter« selber. Er wird auch schon mal getadelt, o doch. Bloß trifft der Tadel wiederum meistens Mythen, nationale Mythen. Über Außenpolitik läßt sich herrlich streiten in einem Staat, der praktisch kaum außenpolitische Bewegungsfreiheit hat. Aber die Bundeswehr, das Ding, dem wir alle unsere Sicherheit anvertrauen und unsere Söhne – die überlassen wir Herrn Strauß oder sich selber.
In Wahrheit braucht sie selbstverständlich die Hilfe aller. Sie braucht mehr Unteroffiziere und bessere Offiziere, sie braucht mehr Zeit und Geld – vor allem aber braucht sie die Teilnahme des Volkes, Aufsicht, Förderung, Kritik. Und da versagt offenbar diese ganze Bundesrepublik. Was vermögen ein guter Kanzler, ein guter Verteidigungsminister ohne die lebendige Mitarbeit des Parlaments, der Presse, der gesamten Öffentlichkeit? Ein guter Wehrbeauftragter ist, wie wir sahen, zumindest eine Notbremse. Sie hat funktioniert. Das ist viel. Aber der Zug soll ja fahren, richtig und sicher und weit genug und pünktlich. Das, genau das, wollte auch der Notbremser Admiral Heye.
Es ist ja sehr schmeichelhaft, wenn man als Journalist die Bedeutung des Journalismus im alten Vaterland so aufgewertet sieht. Aber es war doch beruhigend, in den USA vier Säulen des Staates tragfähig und lebendig zu sehen: Parlament, Regierung, Oberstes Gericht und Presse. Die Presse plus »elektronischem Journalismus« (Radio und Fernsehen) ist erstaunlich mobil, bewegt sich der Volljährigkeit zu in deutschen Landen. Der Bundesgerichtshof? Er ist bei weitem nicht so präsent, nicht so souverän wie der zu Washington. Die Regierung? Sie versucht es unter Erhard mit einem neuen Stil, und tatsächlich macht sich der Abbau des autokratischen Adenauer-Regimes bereits bemerkbar, durch frische Luft, die durch die Bonner Amtsstuben weht. Der Bundestag? Treffliche Männer wie Gerstenmaier – aber kein Leben. Wehners Umarmungstaktik scheint ihn zu lähmen. Nicht einmal der Haushalt führt zu Aufregungen. Sagt mir, wo die Redner sind, wo sind sie geblieben? Urlaub von der Geschichte? Das konnte 1945 so aussehen. Dann kam 1949 das Doppelengagement: BRD und DDR. Dann kam die Etablierung mit ihren Kontroversen und Debatten. Dann kam die Serie der Berlin-Krisen, die Mauer. Dann kam die Wachablösung in Bonn. Und nun? Nun scheint es mir so, als ob wir uns zur Ruhe gesetzt hätten, pensioniert von der Geschichte. Wenn das ginge – wär’ ja wunderbar. Aber ich kenne kein historisches Beispiel. Es war meistens der Anfang vom Ende.
»Die Schweiz ist eine Interessengemeinschaft zur Ausbeutung der Fremden«, sagte einmal mein amerikanischer Nachbar Kenneth, als er gerade mit der ganzen Familie aus St. Moritz nach Washington zurückgekehrt war. »Und was ist nach Ihrer Meinung die Bundesrepublik Deutschland?« fragte ich ihn. »Well« – er lachte verschmitzt –, »wir waren nur in München und Frankfurt und Bonn; aber ich wage zu sagen: die Federal Republik ist eine Interessengemeinschaft zur Erzeugung von zwei Gütern: Wohlstand und Antikommunismus.«
Ich fand Nachbar Kenneths Sarkasmus nach meiner Rückkehr so ganz und gar abwegig nicht. Hinsichtlich der Schweiz vergaß er vielerlei Liebenswürdiges, was jene »Ausbeutung der Fremden« so angenehm machtauch für die Fremden. Und unsere »Federal Republic«? Dein guter Stern auf allen Straßen, gewiß, es daimler-benzt, porscht, opel-admiralt sich chromblitzend und vielhundertpferdig durch all die schlecht geflickten Sackgassen, die man hierzulande als Autobahn bezeichnet. »Schöne Sklavinnen des Nerz« – früher gab’s das auf der Fifth Avenue und den Champs-Élysées; 1964/5 gleißen die Zehntausend-Mark-Mäntel aus Blue Silver Mink hinter den Scheiben unter den runden roten Markisen des renommierten Pelzgeschäfts am Maximiliansplatz.
Die deutsche Frau und Mutter als Sklavin des Nerz? »Ist das nicht viel hübscher, als hochgeschlossene Frauenschaftsbluse und Runenbrosche?« Ruth, schon lange beim Film und schon lange im Parnaß der Publikumsgunst, fragt es mich lächelnd und sieht ganz ungemein schmuck aus in ihrem Salzburger Dirndl, blutrote Rosen auf schwarzem Wollmusselin. Ja gewiß, erstaunlich nur diese Methamorphose: vom BDM-Aschenbrödel zur Miss-Germany-Prinzessin.
Es muß ja nicht Nerz sein oder Persianer oder Gold, was glänzt, und richtige Brillanten. Auch die avancierte Sekretärin trägt ihr neues Herbstkostüm mit dem eingefärben Ozelotkragen und die Kunststoffkrokodilledertasche mit selbstverständlicher Lässigkeit; der Duft von Lanvin oder Carven ist echt; auch sie gibt zwanzig Mark für die Dauerwelle aus, und leidlich Französisch, recht gut Englisch werden einfach verlangt.
Die Schweiz eine Interessengemeinschaft . . . Aber sind nicht wir Bundesrepublikaner auf dem besten Wege zu verschweizern? Wenn es schweizerisch ist, kosmopolitisch zu sein und geschäftstüchtig, urban und fleißig, raffiniert und sauber – ja, dann ist Schweiz den ganzen Rhein abwärts und hinüber zur Ostsee, hinab zum Bayerischen Wald. Wir haben keinen Rigi, kein Lausanne, bei uns schlagen die Pendulen noch nicht so lange und ungestört und pünktlich und silbern die Stunden. Aber wir können uns das alles leisten.
In Essen ist die Luft nicht so gut wie in Winterthur. Die Elbe bei Hamburg fließt träge und schmutzig, verglichen mit der Rhône bei Genf. Selbst unsere Zugspitze wirkt recht subaltern neben Jungfrau und Mönch. Aber wir können ja hin; wir können uns die Schönheiten der Welt kaufen-»was kosten sie schon«, können sie auf Kodak-Farbfilm getrost nach Hause tragen. »70 Franken pro Tag hab’ ich in Davos bezahlt, allein für den Skilift«, sagt der sympathische Architekt mit der schottisch-karierten Fliege unterm Kinn.
Im National Press Club, zwei Blocks downtown und dreizehn Stockwerke überm Weißen Haus, kam es eines Sommernachmittags zu einem gutgelaunten Streit beim zweiten Gin-Tonic: ob ein satter Kommunist ein weniger gefährlicher Kommunist sei oder nicht . . . Man einigte sich, nach dem vierten Gin-Tonic, darin übereinzustimmen, daß man nicht übereinstimme. Ich fuhr mit einem französischen Kollegen im alten klapprigen Fahrstuhl des Press-Building abwärts, da sagte er: »Und wie steht’s mit einem satten Deutschen?«
Zum erstenmal in unserer Geschichte, das würde wohl auch Golo Mann konzidieren, sind wir satt. Und zwar – wenn ich den Reiseeindrücken von Dönhoff/Leonhardt/Sommer folgen darf – sind heute alle satt, auch die 17 Millionen drüben.
Das ist nicht nur ein Wunder auf dem Hintergrund »1945«. Wie war es um die Jahrhundertwende? Wann machte die naturalistische Armut von »Weber« und »Biberpelz« Furore – es geschah in Deutschland, und der Hunger erklärt schon immer mehr, als gutgefütterte Politiker wahrhaben möchten.
Arbeitslosigkeit und Versailles, das waren gewiß nicht die einzigen Ursachen für Hitler. Aber wäre Hitler möglich gewesen bei Vollbeschäftigung und freundnachbarlichem Zusammenleben in Europa? Nein. Ergo: satte Deutsche sind weniger gefährliche Deutsche? Ja. Mein französischer Kollege in Washington – für ihn war die Verpersönlichung des Übels nicht nur »der Kommunist«, sondern immer noch auch »der Deutsche«.
Ich habe die Ohren gespitzt in den ersten Monaten nach der Heimkehr. Aber ich vernahm sie nicht mehr, diese summarisch-totalitäre Dämonisierung: »der Russe«, »der Amerikaner«, »der Franzose« – »der Jude«. Alle Deutschen unter 30 sind heute bereits nach Hitlers Machtergreifung geboren, zählt man diejenigen dazu, die 1933 nicht älter als 15 Jahre waren, dann sind 60% all meiner gegenwärtig lebenden Landsleute allein durch ihr Geburtsdatum nicht mehr verantwortlich für – Auschwitz.
Ich mußte mir einen Ruck geben. Aber nachdem ich den Frankfurter Generalstaatsanwalt Bauer gesprochen hatte, eine eindrucksvolle dynamische Natur – wollte ich in den Prozeß. Der Saal ist oft beschrieben worden, die drei Reihen der Angeklagten links, die Duelle zwischen Staatsanwälten rechts und Verteidigung gegenüber, die Richter in der Mitte. Da saß also Boger, da saß Kaduk. Offensichtlich doch leibhaftige Menschen. Der Gestank aus den Schinderhütten der finstersten Jahre deutscher Geschichte hing in der Luft, beschworen von der tonlosen, manchmal erstickten Stimme eines Zeugen. Abgründe tun sich täglich neu auf, in diesem nüchternen Saal, Hölleneinsichten, unvorstellbar, unvorstellbar.
Der Teufel steckt im Detail? Ja – wie sie folterten, mordeten, selektierten, abspritzten, zusammenschlugen, vergasten – wie, im einzelnen, das hatte ich trotz der Bibliotheken von KZ-Literatur noch nicht so gewußt. Unvorstellbar, Stoff für Träume, schrecklich nahe, drückende, würgende Albträume. Das Entsetzliche, von dem man besser den Blick abwendet, um sich nicht zu verbrennen, gezeichnet zu werden von Wahrheiten, unerträglich peinigend – übermenschlich furchtbar.
Aber Kaduk und Boger: Bürger der Bundesrepublik, dieses manierlichen kleinen Staates in Mitteleuropa, wo die fleißigen, hurtigen, nett gewordenen Deutschen leben, alleweil ein wenig lustig, alleweil ein wenig durstig. Gewiß, 60% nicht betroffen – aber doch der Stamm, aus dem das sproß: Auschwitz, der industrialisierte Mord, die Folter als Routine, Menschenbehandlung nach dem Prinzip der Schädlingsbekämpfung in der Land- und Forstwirtschaft. Und da saßen sie, grinsten, lauschten, dösten, sprachen unser Deutsch, hatten das Unvorstellbare getan, mit den Händen, die da so ruhig auf ihren Knien lagen, Menschenhände, waren Teufel gewesen und dann wieder Nachbarn, Ehemänner, Väter, nichts Besonderes: die Banalität des Bösen.
Alles scheint verflogen wie ein Spuk, ein Nachtmahr. Nur noch die schnellen weichen Wagen, Termine, zweimal Urlaub im Jahr, »Lady Chatterley« und »Das Prinzip Hoffnung« in den Buchhandelsfenstern, schnelle Liebe, wieder Termine, die Schweizeruhr, 18karätig, automatisch mit Datumfenster zum Geburtstag, schnelle Drinks, abermals Termine, gepflegte Küche, die Fernsehtagesschau, ein Gläschen Sekt mit Freunden zur Nacht, acht Stunden Schlaf (traumlos?), Kniebeugen, Fitsein, wieder kamen zwei über die Mauer, warum eigentlich kein Privatflugzeug, das Wort zum Sonntag, Amen.
Satte Menschen sind weniger gefährliche Menschen. Aber der Mensch, bekanntlich, lebt nicht vom Brot allein, und das Leben ist der Güter höchstes nicht. Also was tun satte Deutsche? Füllt die Interessengemeinschaft zur Erzeugung von Wohlstand sie aus? Nachbar Kenneth nannte noch ein zweites »Gut«: Antikommunismus. Ist der wirklich, wie Norman Birnbaum schreibt, »im Augenblick der einzige politische Glaubensartikel« der Deutschen? Ich kann das nicht bestätigen. Wohl provoziert und weckt Ulbricht mit jeder Äußerung immer wieder, was sich da aufgestaut hat an Haß und Furcht und auch Schuldgefühlen gegenüber den Russen. Aber wo wäre, als Resultat, eine Kreuzzugsstimmung, wo wäre Revanchismus?
Selbst unter dem konservativen Feigenblatt der CSU, das Ludwig Erhard jetzt so überraschend lüftete, kann ich nichts dergleichen entdecken. Auch der Ritter Franz Josef ist doch viel zu dick und wohlstandslustig, als daß er sich ernsthaft aufs schlecht gefütterte, lahmende, längst nicht mehr beschlagene nationale Roß schwänge, um gen Ostland zu reiten. Nicht einmal er streckt den Finger nach dem atomaren Drücker aus, um seinen zweifellos militanten Antikommunismus »vorwärts zu verteidigen«.
Sich schützen, ja, das wollen alle – die einen lieber mit Hilfe der Amerikaner, die anderen lieber mit Hilfe europäischer oder sogar – aber nur als letzten Ausweg – eigener Atomwaffen. Stalin, Stalinismus – in Deutschland ist der Schrecken davor natürlich lebendiger als in Frankreich oder England und fast so lebendig wie in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei. Man traut dem System nicht, hält einen Rückschlag für denkbar, möchte sich wappnen.
Es ist nicht mehr »der Russe«, gegen den man die Faust in der Tasche ballt, während man feierliche Nichtangriffserklärungen abgibt. Es ist die sture Deutschlandpolitik Moskaus, mit der ein Mann wie Schröder ganz nüchtern rechnet. Freilich hängt sich auch die flexiblere Ostpolitik des Brentano-Nachfolgers erstaunlich gern künstliche Gewichte an die Füße. Wandlung durch Annäherung – die Formel wird von Brandt und Schröder und Mende (und infolgedessen auch von Erhard) akzeptiert. Aber schikken sie den besten Mann an unsere Botschaft in Moskau? Schaffen sie Verhandlungsrunden, in denen ohne Aufgabe irgendeines Rechtsstandpunktes auch Bonn und Ostberlin miteinander reden könnten?
Die Amerikaner verabscheuen Mao Tse-tung mindestens so wie wir Ulbricht. Aber ein veritabler US-Botschafter ist jahrelang mit einem hohen Funktionär Maos regelmäßig zusammengekommen – in Warschau. Niemand in Washington hat jemals darin eine Anerkennung Pekings gesehen oder eine Aufwertung Rotchinas. Mit jedem Bundespersonalausweis, der einem Volkspolizisten vorgewiesen wird, wird täglich die De-facto-Anerkennung der DDR durch Bonn vollzogen. Und da sollen Verhandlungen, Unterschriften über Brückenbauten, Grenzkontrollformalitäten in Berlin, Häftlingsaustausch »unerträgliche Aufwertungen« sein, die »über die Grenze des Zumutbaren« hinausgehen?
Mehr Angst als Vaterlandsliebe – weiß Gott, das könnte über all der erbarmungswürdigen Zaghaftigkeit stehen, mit der unsere Regierung und die beiden großen Parteien den frommen Wunsch »Wandel durch Annäherung« praktizieren. Einzig in der FDP züngelt noch manchmal ein Flämmlein gesamtdeutschen, recht verstandenen Patriotismus auf; aber sogleich muß der arme Erich Mende wieder die Asche der längst ausgebrannten Vorbehalte drüber streuen. Das allgemeine Tauwetter im Ostblock kommt auch deshalb so schwer über die Oder nach Westen, weil wir über die Elbe nach Osten nichts als Kaltluft blasen. Ulbricht wird von zwei Seiten im Sattel gehalten.
Keine Vorleistungen, heißt es kategorisch imperativ. Aber es kommt einem, nach einigen Jahren Abstand, unwahrscheinlich kleinkariert vor, wenn etwa in einigen konservativen Zeitungen die Vereinbarungen über den Aufbau der Saalebrücke so oft nach Aufwertungsadjektiven durchröntgt werden, bis eine schmähliche Kapitulation der Bundesrepublik sich daraus aufblasen läßt. Mir scheint, in dem tiefen Brustton des ökonomischen Stolzes auf den ersten Platz im Weltexport piepst ganz kläglich ein politischer Minderwertigkeitskomplex nach.
Man weiß überhaupt noch nicht, wie stark man ist. Vorleistungen – sei’s drum. Der mißglückte Artikelaustausch Die Zeit/ Neues Deutschland müsse auch den hartnäckigsten »Wandel-durch-Annäherungsidealisten« belehrt haben? Aber wer wollte wohl fordern, das Experimentieren zur Erforschung der Krebskrankheiten aufzugeben, weil kürzlich wieder ein Versuch fehlschlug? Täglich neue Versuche, auch Vorleistungen – nur so wird es gelingen, den Virus der Teilung zu lokalisieren, zu treffen, zu besiegen. Nur so. Nichts tun, nein sagen, ist zwar bequem, aber auch feige.
Ist dieses Nur-keine-Experimente ebenfalls ein Symptom unserer Verschweizerung? Der Habestolz ist natürlicherweise aufs Halten und Bewahren aus; Besitz macht konservativ. Und neidisch. Zu den mancherlei Untugenden der Amerikaner gehört eine nicht: der Neid. Ich hatte schon ganz vergessen, daß doch wohl mit einigem Recht manche Psychologen Liebe und Neid als Haupttriebkräfte der menschlichen Seele bezeichnen. Meine Amerikaner müssen eine besonders kluge Methode herausgefunden haben, den Neid zu sublimieren. In unserer Federal Republic dagegen gibt man sich nicht einmal Mühe, jenes berühmte Erblassen vor Neid zu verbergen oder zu entschuldigen.
Der Radfahrer beneidet den Mopedbesitzer, dieser den Rollerfahrer, dieser den Kleinwageneigner, dieser den Mann mit »richtigem« Wagen, und dann fängt das große knallgelbe Neiderspiel überhaupt erst richtig an – Kubikzentimeter für Kubikzentimeter, Stundenkilometer-Spitze für Stundenkilometer-Spitze; große Klasse erreicht es, wenn jemand mit seinem Jaguar die Gäste abholen läßt, selbst aber einen alten MG bevorzugt – ich kenne so einen Fall; der Mann fährt auch nicht nach Rhodos oder Marokko, sondern in den Harz, nach Kampen oder aber gleich nach den Bahamas.
Selbst zum Snobismus entwickeln sie Talent, diese erstaunlich satten Deutschen. Und zeigen sogar nicht wenig Geschmack dabei. Mehr als ihre US-Pendants. Ich bin in deutsche Heime gekommen, wo Palisandertäfelung, Rosenthalporzellan, venezianische Kristall-Lampen, Vorhänge aus Schweden und ein alter Orientteppich ganz wundersam schön aufeinander abgestimmt waren. Junge Damen der besseren Gesellschaft zwischen Düsseldorf und Regensburg sah ich ungezwungen das Cocktailglas halten, zierlichgeziemend twisten, zum Verwechseln ähnlich entsprechenden Altersgenossinnen zwischen San Francisco und Columbus, Ohio. Aber dabei blieben die aufgeklärten Nachfahrinnen Gretchens Gott sei Dank zumeist dennoch liebenswürdig weiblich.
Jener erschreckende Neid – ist er Ausdruck einer Status-Eifersucht unter Neureichen? Ganz offensichtlich bewahren weder Geist noch Geld, weder Rang noch Geltung davor. Unter den deutschen Intellektuellen scheint mir der gemeine Neid keineswegs weniger schamlos zu grassieren als unter den geheimen Führern der Nation, den Unternehmern. Solidarität? Da waren wir immer schwach auf der Brust. Aber Solidarität der Intellektuellen, Zusammenstehen um eines gemeinsamen Zieles willen, ganz gleich wie einer und wo einer sozial dasteht – das ist in den USA viel eher anzutreffen als hier. Die amerikanische Universität schafft durchaus Gemeinschaft, sogar Brüderlichkeit im Geiste bei allem Individualismus. Der deutsche Geist, wenn es so etwas gibt, schwebt ziellos durch die Lande, hat keinen Ort, kristallisiert sich nicht um katalysatorisch begabte Mitten; Ausnahmen wie Hans Werner Richters »Gruppe 47« machen infolgedessen Epoche, obwohl sie in Wahrheit nur zufällig gedeihende Ersatzlösungen darstellen.
Opposition aus Eitelkeit und Geltungssucht, Produktivität aus Neid und Statusstreben – das steckt allzu oft hinter vortrefflichen Leistungen. Zu selten mildert Humor oder Selbstironie den üblen Beigeschmack, der so entsteht. In alledem offenbart sich ein Mangel an Freiheit. Innere und äußere Unfreiheit – trotz nie dagewesener politischer Freiheit – verzerren, verkrampfen bei uns auch das Große und Schöne, das durchaus hervorgebracht wird.
Diese Unfreiheit in der Haltung des einzelnen ist die Ursache dafür, daß wenig Achtung anzutreffen ist und viel Zynismus. Eilig werden niedere Beweggründe unterstellt, wo das Motiv zur Handlung das eigene, unsichere Niveau womöglich übersteigen könnte. Der Materialismus der westlichen Zivilisation, dem sich der deutsche Bundesrepublikaner mit all seinen beängstigenden Energien verschrieben hat, er wird mit schlechtem Gewissen genossen. Da er der deutschen Seele natürlich nicht genügt, dieser Materialismus, wird ihm immer mehr abverlangt. »Das Teuerste und Beste« kommt auf den Tisch und, wo es ohne Skandal möglich ist, – ins Bett. Aber immer neue Modelle werden auf den Markt geworfen: circulus vitiosus.
Der satte Deutsche ist nett geworden, ein goldiger Epikuräer. »Wir und keen dolce vita organisieren können – wär’ ja gelacht.« Aber der tausendjährige, mißgeleitete Idealismus hat sich nur verkrochen; noch ist er betäubt von den nationalistischen Orgien des Jahrhunderts. Dumpf träumend sinnt er bereits über neue Felder schweifender Betätigung nach. Philosophie und Dichtung und leider auch das »deutsche Sendungsbewußtsein« sind längst abgeblüht, erschöpft. Am Horizont erhebt sich verheißungsvoll Europa. Gott gebe es, daß Faust inskünftig dort Unmögliches begehrt.
II
PUNKTE UND KONTRAPUNKTE
Ein Platz für eckige Köpfe
Also, wir haben die Demokratie. Und Demokratie ist Diskussion. Also haben wir die Diskussion. Wir haben auch Standpunkte. Darauf stehen die Interessenvertreter, linke und rechte, rote und schwarze, liberale und klerikale, arbeitnehmende und arbeitgebende. Aber Demokratie lebt von ihrer Öffentlichkeit. Darum gehört zu ihr auch die höchst zwielichtige Erscheinung des Journalisten. Was sind das für Wesen? Dürfen sie einen eigenen Standpunkt haben? Oder sind sie nur eine andere Art »Lobbyisten«? »Wo steht eigentlich der X.?« – »Ach, das ist so freischwebende Intelligenz, wissen Sie – na, Sie wissen schon . . .« – »Nein, ist der nicht eindeutig halblinks? Und bißchen evangelisch – so die moderne Richtung von Bischof Y., was?« – »Unmöglich, der hat neulich ein Interview mit dem Minister Z. gemacht, das war absolut konformistisch.« – »Die Antworten des Ministers waren es. Auch die Fragen?« – »Ach, das ist doch alles eins.«
»Das alte Lied, man weiß bestenfalls, wogegen diese Leute sind: gegen die Nazis und gegen die Kommunisten. Damit riskiert man ja auch heute nichts.« – »Natürlich steckt jemand hinter diesem X. Der Industrieverband oder die Gewerkschaften oder beide. Oder die Kirche.« – »Bloß welche? Er kritisiert doch zum Beispiel die deutschnationale Thron- und Altar-Tradition der Evangelischen Kirche, die zu den ›Deutschen Christen‹ führte. Und den Katholizismus erklärt er für ›potentiell totalitär‹. Ist der Mann nicht eher ein Freigeist, und auf jeden Fall einer von diesen Nonkonformisten?« – »Ich würde ihn sogar für einen Neutralisten halten – im Sinne dieses weltfremden amerikanischen Professors. Aber dann ist er auch wieder für die Einheit des Westens, für Europa.« – »Freischwebende Intelligenz, ich sage es doch. Ein Nahesteher, mal hier, mal da. ›Unabhängig‹ nennt sich ja so etwas heutzutage.« – »›Heimatlose Mitte‹ – haben Sie die Variante schon gehört? ›Persönliche Meinung jenseits aller Dogmen‹ – ich bitte Sie, das sind doch intellektuelle Tricks. Diese Journalisten leisten doch auch alle nur bestellte Arbeit!«
Also, wir haben die Demokratie und die Diskussion und die Standpunkte und die Öffentlichkeit. Alles bestens. Wir haben Journalisten mit Parteibuch und Konfession oder doch zumindest »Rückendeckung«. Meinungsbildung ist durch Austausch von Werbesprüchen der Interessenvertreter »zur Durchführung zu bringen«. Der Journalist wird »in diesem Raum« bewertet nach seiner Fähigkeit, objektiv aussehende Propaganda zu machen, indem er die Interessen einer Gruppe mit scheinbar individuellem Tremolo »vertritt«.
Kein Platz für eckige Köpfe? Für den unvoreingenommenen Blick? Für sachliche Skepsis? Für die nicht bestellte Beurteilung der Situation nach dem Satz: im Zweifelsfalle entscheidet die Wahrheit? »Für wen spricht denn der?« – »Wer steckt denn dahinter?« – Offensichtlich kommt bei uns niemand auf die Idee, daß einer aus sich selbst heraus und für sich allein spricht, seinem Gewissen verantwortlich und besessen von einer vielleicht hoffnungslosen Liebe zur Wahrheit. Notwendigerweise wird er einmal den Linken und einmal den Rechten nicht gefallen, einmal den Liberalen nicht und einmal den Klerikalen, den Arbeitnehmern und Arbeitgebern.
Vor allem mißfällt dieser törichte journalistische David allerdings seinen großmächtigen Berufsgenossen in den Apparaten, den Sprachrohren, den Propaganda-Goliaths bei Presse, Film und Funk, denen er den zynischen Flirt mit der Demokratie verdirbt – durch den störrischen Ernst, mit dem er seine individualistische, nicht von außen engagierte Betrachtungsweise für hörenswert hält.
Man trägt Demokratie in dieser Saison der deutschen Geschichte. Die öffentliche Diskussion hierzulande ist zu oft nur ein dialektisches Schattenboxen der Auguren. Wer wissen will, wie es um unsere täglich beschworene Freiheit tatsächlich steht, der beachte, wie man versucht, die Heimatlosen, die Undogmatischen, die Freischwebenden für glatt unmöglich zu erklären. Er ist aber genauso möglich oder unmöglich, dieser eckige Kopf, wie bei uns die Demokratie, die Diskussion, die Öffentlichkeit als verbindlicher Stil, als selbstverständliche, dauerhafte Form unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens möglich ist oder unmöglich. »Aha, diese ästhetischen Waldläufer und politisierenden Solisten wollen die Demokratie für sich pachten!«
Nein. Aber sie möchten sich im Meinungsstreit behaupten, den durchaus auch Interessenverbände aller Art nach demokratischen Spielregeln führen können – behaupten als eine autonome Instanz, als die Stimme, die ›J’accuse‹ sagt, wo sonst kein Kläger wäre.
Diese goldigen Deutschen
Wir leben in einem goldenen Zeitalter. In der Bundesrepublik Deutschland liegt das Einkommen »pro Kopf der Bevölkerung« bei über 6000 Mark im Jahr. Leider bedeutet so eine statistische Zahl nicht, daß jeder »Kopf« wirklich 500 Mark im Monat zur Verfügung hätte.
Da ist zum Beispiel der hübsche Kopf der jungen Dame mit dem Bienenkorb aus blondem Haar, die meiner Frau die Dauerwelle legt; Brigitte kommt einschließlich Trinkgeld etwa auf den Bundesdurchschnitt. Aber da ist in meiner Nachbarschaft der Kopf der Kriegerwitwe Krause; sie bezieht 127 Mark monatlich. Und da ist der Kopf des Industriellen Friedrich Flick, dessen Eisenhüttenwerke und Daimler-Aktien Millionen abwerfen.
Die fünfziger Jahre brachten das Comeback. Die Vierziger waren Krieg und Nachkrieg. In den Dreißigern kamen die Nazis mit einer wirtschaftlichen Scheinblüte – um den Preis der Freiheit und des Untergangs der deutschen Nation. Die berühmten zwanziger Jahre – waren sie tatsächlich so lustig? Nein. Sie begannen mit der Inflation und bereiteten den Ruin des ersten deutschen Versuchs mit der Demokratie vor. Das zweite Jahrzehnt des Jahrhunderts begrub die alte europäische Ordnung unter den Trümmern des Ersten Weltkrieges der Geschichte. Allenfalls die Jahre nach der Jahrhundertwende durften eine »gute alte Zeit« genannt werden; »gut« freilich auch nur nach Wilhelminischen Maßstäben. Keiner wagt heute zu rufen: »Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen!« Erhard nicht, Brandt nicht. Auch Lyndon Johnson nicht, obwohl er weniger skeptisch als John Kennedy ist. Im Westen unternimmt es allenfalls Charles de Gaulle, seiner Nation grandeur und Erfolg vorauszusagen.
Nein, gottlob, sie sind zumeist realistisch gesonnen, die Männer und Gruppen, die heute die Völker führen, auf deren Worte und Taten es ankommt. Es war ja auch reichlich Gelegenheit, durch all die Illusionen des Jahrhunderts hindurchzugehen, sie hinter sich zu lassen.
Erhard ist 1897 geboren, Brandt wurde Fünfzig. Kennedy war Jahrgang 1917, Johnson ist 55 Jahre alt. In Frankreich und Spanien regieren noch Männer, die ganz im 19. Jahrhundert wurzeln. Aber an den großen Realitäten des Zeitalters kommen auch sie nicht vorbei.
Und Chruschtschow? Er versprach zwar, die kommunistischen Länder »herrlichen Zeiten« entgegenzuführen. Und doch wird gerade er in den Geschichtsbüchern der entscheidende Realist der Jahre um 1960 genannt werden.
Einige unserer neuen Wirklichkeiten sind:
Der große Krieg ist kein Mittel der Politik mehr; die beiden Atommächte garantieren eine Balance des Schreckens, aber auch des Friedens. Kolonialherrschaft ist nicht länger eine Quelle für räuberischen nationalen Wohlstand; überall in der farbigen Welt, auf der südlichen Erdhalbkugel, gärt es.
Moderne Industrie und Technik lösen in wenigen Jahren jahrtausendealte Probleme – und schaffen neue, bisher unbekannte, zum Beispiel das Gespann Automation und Arbeitslosigkeit.
Wir leben in einem goldenen Zeitalter?
Aber zwei Milliarden Menschen hungern; im Jahr 2000 könnten es vier Milliarden sein.
Uns jedoch in der Bundesrepublik ist es noch nie so gut gegangen. Wir haben Gründe zur Dankbarkeit, trotz Teilung Deutschlands, trotz Berlin. Das sollten wir wissen und gleichzeitig fragen: warum? Das könnte uns friedlicher machen und gleichzeitig weniger selbstzufrieden. Es ist nicht alles Gold, was glänzt – auch nicht in einem goldenen Zeitalter.
Eine nationale Politik
Wie könnte das aussehen: Deutschland im Jahr 1984? Ein Reich, ein Volk, eine Demokratie – einig und stark, in den Grenzen von 1937 (einschließlich »Polnischer Korridor«)? Das Sowjetimperium zerfallen; Frankreich nach dem Tod de Gaulles in anarchistischer Selbstzerfleischung; England arm und stolz ohne Commonwealth; das übrige Europa unerheblich? Und Amerika? Noch immer der beste Verbündete Deutschlands? Und China? Eine Milliarde Kommunisten plus Atombombe?
Nein, die Zukunftsvision, die geistvollen Utopien sind sinnlos, weil sie Ungeschehenes nach den Maßstäben von Geschehenem messen. Etwas Gutes freilich kann es haben, einmal von der politischen Tagesordnung aufzublicken und eine Perspektive zu versuchen in die Geschichte der nächsten zehn, zwanzig Jahre. Manche Absurdität des Streits der Stunde enthüllt sich so am besten.
Sie tasten sich alle vor zu einer neuen nationalen Politik: FDP und SPD, CDU und CSU. Wenn man mit ihnen spricht, den Männern, die die deutschen Parteien führen, dann ist ein neuer Ton vernehmbar. Er war noch nicht so deutlich da, dieser Ton, bevor ich nach Washington ging. Er klang gelegentlich herüber über den Atlantik, in den Jahren dazwischen, aber er beunruhigte niemanden in den USA. Man ist sich keines Bundesgenossen so sicher wie der Bundesrepublik Deutschland, und ich hörte es Außenminister Rusk, Professor Bundy und selbst John Kennedy sagen: »Ein wachsendes Selbstbewußtsein der Europäer, ein gesunder Nationalstolz liegen im Interesse der Vereinigten Staaten.«
Die Amerikaner haben durchaus ihre »heiligen Güter der Nation«. Meine Kinder standen jeden Tag vor ihrer Schule in Washington und sahen zu, wie das Sternenbanner morgens feierlich gehißt wurde. Die Verfassung von 1776 ist lebendig in jedem amerikanischen Bürger, und gegen die Verfassung verstoßen zu haben, ist ein Vorwurf, so schwerwiegend wie im klerikalen Zeitalter Europas Gotteslästerung. Es ist eines der Wunder Amerikas, wie aus diesem Schmelztiegel der verschiedenartigsten Einwanderungen ein solches Nationalgefühl hervorgehen kann. Dieses US-Nationalgefühl ist gesund – trotz gelegentlicher Krankheiten, wie zum Beispiel der McCarthyismus eine war.
Kann man das vom Nationalgefühl europäischer Länder auch sagen? Ich will mich hier auf uns Deutsche beschränken. Wir sind gewiß noch immer ein Volk; als Nation jedoch hat Hitler uns zerstört, und es ist eine offene Frage, ob es uns oder jüngeren Generationen gelingt, ein »Reich deutscher Nation« wieder aufzurichten. Ich bin der Ansicht, daß dafür geringe Chancen zu sehen sind und daß es nicht einmal wünschenswert wäre. Ich sähe unser Volk viel lieber »aufgehoben« und umschlossen von einem größeren Staatenverband, von einem geeinten Europa. Wer in aller Welt könnte etwa 1984 ein völlig selbständiges deutsches Neunzigmillionenvolk im Herzen Europas wünschen? Unsere osteuropäischen Nachbarn gewiß nicht. Und etwa Frankreich oder England oder Italien oder die Kleinen? Und die Atom-Großmächte? Für Rußland wäre es geradezu ein Albtraum, für Amerika eine Sorge – in Erinnerung an die zweimalige Verwicklung der USA in europäische Kriege, bei denen es um Deutschland ging.
Nein, auch diejenigen unserer Verbündeten, die die Wiedervereinigung ehrlich wünschen, wollen zugleich die außenpolitische Einzementierung des wiedervereinigten Deutschlands in einen größeren politischen Verband. In Kennedys grand design – dem großen Entwurf – sollte die Atlantische Gemeinschaft gebildet werden aus den Vereinigten Staaten von Amerika auf der einen und den Vereinigten Staaten von Europa auf der anderen Seite des Atlantik. Deutschland, das ganze Deutschland, womöglich die osteuropäischen Länder dazu, wären als »Provinzen« dieses neuen Europas zu denken.
Aber dieser »große Entwurf« ist zu groß für die Gegenwart. Er rechnet mit einer Sowjetunion, die wir noch nicht haben – einer befriedigten, dem Westen wohlwollend geöffneten Sowjetunion, gebunden an einen Nichtangriffspakt, ein Sicherheitsbündnis mit der anderen Atomgroßmacht, den USA. Und er rechnet, dieser Entwurf, mit einer Europafreudigkeit der West-, Süd-, Nord- und Mitteleuropäer, die eher im Schwinden begriffen ist. Bei uns Deutschen ist sie noch am größten und ehrlichsten. Aber im selben Maße wie Frankreich wieder nationalstaatlich denkt und England, notgedrungen, überseeisch – im selben Maße tastet man auch bei uns nach einer neuen nationalen Politik.
Diese neue deutsche nationale Politik müßte, glaube ich, etwas völlig Neuartiges versuchen: die Wiederherstellung der nationalen Einheit zugleich mit ihrem Übergang in eine feste übernationale Bindung. Gesamtdeutschland in der NATO – das hat sich längst als utopisch erwiesen. Nein, gestützt auf die Vereinigten Staaten sollten wir um das Vertrauen unserer Nachbarn werben, der westlichen und der östlichen. Wenn parallel eine Interessenannäherung zwischen Washington und Moskau fortschreitet, dann könnte die Stunde kommen, die Stunde der Freiheit für alle Deutschen: in einer europäischen Nation.
Ein 20. April
Am heutigen Tage wäre Hitler 75 Jahre alt geworden. Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, wenn der Mann noch lebte, der Deutschland zerstörte – was für ein Tag würde das sein, der 20. April 1964? Hakenkreuzfahnen straßauf – straßab, braune Kolonnen. Horst-Wessel-Lied? Keine Phantasie reicht aus, sich dieses Bild in schwarz-weiß-roten Farben auszumalen. Und es wäre auch schade um jede darauf verwandte Phantasie. Hitlers Krieg konnte nicht gewonnen werden; Hitlers Regime war am Tag, da es begann, zum Untergang verurteilt – nach dem Gesetz, nach dem es angetreten.
Nachträgliche Phantasie, Prophetie? Die Geschichte, sagt Goethe, ist eine wüste »Mischung aus Irrtum und Gewalt«. Das gilt für alle Geschichte, nicht nur für die deutsche allein.
Ich stand auf dem Schlachtfeld von Gettysburg, wo sie zu Tausenden starben, die jungen Amerikaner, um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Ich sah das moderne Atlanta. Wirklich, »vom Winde verweht« alle Spuren, die Margaret Mitchell so wirkungsvoll nachgezeichnet hat. Es waren schlimme, blutige Spuren. Ausrottung, Seuchen, bedingungslose Kapitulation, Millionen Opfer. Das gab es schon früher. Das mußte nicht Hitler erst erfinden. Das gab es selbst inmitten einer Nation mit der bewährtesten Verfassung der Welt, inmitten der Vereinigten Staaten von Amerika. Entschuldigungs-, Beschwichtigungsversuche für Hitler?
Der deutsche Historiker Percy Schramm hat dem Hitler-Bild neue Züge hinzugefügt. Ist die Zeit reif für die »ausgewogene Betrachtungsweise«, für ein Bild eben anstelle einer Fratze? Ist die Welt bereit, nunmehr die ganze Wahrheit zu vernehmen? Die ganze Wahrheit, auch wenn sie unbequem ist, ja skandalös. War er vielleicht doch nicht »so schlimm«, der Führer, wie unsere Kriegsgegner und das »internationale Judentum« uns weismachen wollten, nachdem er der Vielzahl seiner Verfolger erlegen war, der alte Wolf?
Gibt es hier nicht den Ansatz für ein Verständnis zwischen den Generationen in Deutschland? Der Generation der Väter, die ihn getragen hatten, den Hitler, zugelassen zunächst und später verhimmelt? Der Väter, die doch nicht alle selbst Verbrecher gewesen sein konnten. Wie kam es denn, daß sie – und die Mütter nicht minder – fanatisch jubelten, wie von Sinnen, wenn der Mann aus Braunau von den Tribünen röhrte und brüllte, so daß jeder, der die Tonaufnahmen heute hört, sich kopfschüttelnd oder mit Gänsehaut abwendet. Da ist sie herangewachsen, die junge Generation, die ihn nicht mehr »erlebt« hat, den Rattenfänger und Unhold. Da blicken sie nach vorn, die jungen Deutschen, die »Twens«, die Zwanzigjährigen, nach vorn und manchmal wohl auch zur Seite, zu den Volks- und Altersgenossen jenseits der Elbe hinüber, die in eine andere, eine ganz andere Zukunft hineingeführt werden. Aber ungern blicken sie zurück und ihre Fragen sind spärlich, nüchtern, geniert, zögernd. Indessen, das »wie konntet ihr« liegt in ihnen – zumeist verborgen, unausgesprochen. Ich stoße manchmal bei meiner 18jährigen Tochter, bei meinem 15 jährigen Sohn darauf und bin erschrocken darüber, wie einfach und hart, wie unausweichlich die Frage da ist.
Wer persönlich nichts zu verschweigen, nichts zu beschönigen hat – gut. Seien wir ehrlich, wir Älteren, es war mehr Glück als Verdienst, mehr Feigheit als Mut zum Martyrium. Und es war auch der Jahrgang. Wenn man gerade noch zu jung war, um voll verantwortlich zu sein, 1933–1945, dann war man zwar immerhin alt genug, um verheizt zu werden an den Fronten, in der großdeutschen Wehrmacht. Aber wenigstens blieb einem die verteufelte Schuld und Scham erspart, mitgeschaltet und gewaltet zu haben in der Maschinerie des größten Verbrechens der neueren Geschichte.
Denn das war dieser deutsche Krieg 1939–1945. Das war der industrialisierte Mord an Juden und Andersdenkenden. Das war der Nationalsozialismus: das größte Verbrechen der neueren Geschichte. Alle Versuche einer »ausgewogenen Betrachtung« können daran nichts ändern. Alle Versuche, »den Menschen« Adolf Hitler zu entdecken und womöglich zu verstehen, tragen davon kein »Quentchen« ab, keinen Deut von der Last der historischen Tatsache, der moralischen Schuld. Erforschung der Seele, Verständnis der Geschichte machen uns sicherlich klüger. Machen sie uns vielleicht auch irre?
Einige Einheiten der französischen Armee, Fallschirmjäger vor allem, benahmen sich in Algerien – es ist dokumentarisch belegt – nicht besser als eine neue, späte SS. Sie liquidierten und folterten. Die Geheimpolizei Stalins stand der Gestapo Hitlers nicht nach an Brutalität und war ihr an Zynismus überlegen. Sie folterte und liquidierte. Hindus und Moslems schlachteten einander ab zu Millionen, als Indien geteilt wurde. – Es war weit weg, das Weltgewissen, falls es so etwas gibt, beschäftigte sich mit der nachträglichen Analyse des Nazismus und mit der Kritik des Stalinismus. Vergangen, vergessen? Die Gegenwart ist besser? Zur Stunde wird liquidiert und gefoltert in Zentralafrika und in Südamerika. Der Negerstamm der Watussi fällt einer Haßorgie zum Opfer in Ruanda-Urundi, seit kurzem Mitgliedstaat der Vereinten Nationen. Man weiß es in New York. Gelegentlich rutscht eine Meldung in die Zeitung. Mord und Quälerei in großem Umfang – das Weltgewissen scheint zu schlafen. Es ist mit Zypern beschäftigt, zum Beispiel, mit Vietnam, da sind Großmächte involviert. Das Weltgewissen nimmt auch Columbien nicht zur Kenntnis, wo die sogenannte Violencia Hunderttausende von Opfern gefordert hat und weiter fordert, ein Bürger- und Bandenkrieg von den Ausmaßen des 30jährigen Krieges im 16. europäischen Jahrhundert.
Mondo cane – eine Hundewelt – eine Schinderwelt – eine Welt des Fressens und Gefressenwerdens, eine verfluchte, gefallene Welt – unerlöst und anscheinend unerlösbar. Ist es an der Zeit, Hitler, heute vor 75 Jahren geboren, von einer Mutter wie jedes Menschenkind, getrost einzuordnen in das blutige Chaos aus Irrtum und Gewalt, das wir so andächtig Geschichte nennen? Da hat es eben uns erwischt, uns Deutsche und diese Generation und durch uns die Juden, Russen, Polen, Zigeuner. Haben sie nicht eigentlich »das Beste« gewollt, die Männer, die zur Münchner Feldherrnhalle marschierten? Und auch sie, die Matrosen der »Aurora«, die Lenin jene Initialzündung lieferten für den Siegeszug des Kommunismus in der einen Hälfte der Welt. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Es fielen Späne ohne Zahl in Rotchina, ein soziales Erdbeben spielte sich ab 1949 dort in Asien, während wir die Bundesrepublik gründeten und die Oder-Neiße-Grenze fiktiv bekämpften. Warum also nicht auch Hitler; warum noch jetzt Boger und andere Auschwitz-Bestien vor ordentliche Gerichte zerren, die so ordentlich sind, daß sie jener Hölle jenseits aller Ordnung ohnehin nie beikommen können? Ist es an der Zeit, solche Fragen zu stellen und endlich, endlich jenen »Strich« unter alle Nazischnüffelei zu machen, den Konrad Adenauer schon vor Jahren empfahl?
Das Leben geht weiter – ein banaler Satz. Und auch das Böse kann banal sein – Hannah Arendt, die deutsch-jüdische Philosophin, hat es in ihrem umstrittenen Eichmann-Buch ausgeführt. Eichmann war banal; fast alle die Erfüllungsgehilfen Hitlers waren banale Kreaturen, Bürokraten des Mordes, Steißtrommler des Terrors, Ehrgeizlinge, die für eine Gehaltserhöhung oder einen Stern auf der Uniform auch Kannibalen geworden wären. Hitler selbst, Goebbels – das war mehr. Was war es? Dämonie? Gut, aber was soll es ausdrücken, dies dunkle Wort – Dämonie? Geheime Kräfte der Verführung, der Zerstörung, sie haben gewirkt, und wirklich, wir wissen es nicht, woher sie kommen, warum. Das Leben also, es geht weiter, und wir ziehen uns in irrationale Ratlosigkeit zurück. Wir blicken nach vorn. Ein 20. April ist kein Datum mehr, bei dem wir an das schwarze Kreuz mit den Haken denken, an die Schreie der Gepeinigten, an den Geruch von Millionen von vergasten Leibern. 20. April? Ein Tag wie jeder andere. Allenfalls bleibt die Sorge: Wie sieht uns die Welt? New York mit seinen zwei Millionen Juden und einflußreichen Zeitungen regt sich nicht mehr sehr auf. Und unsere Beziehungen zum Staat Israel sind gut. Die skeptischen Engländer, arm geworden an Freunden, finden es angenehm, mit der Erhard-Regierung zu harmonieren. Präsident de Gaulle, allen voran, hat uns umarmt, kam zu uns, erteilte Absolution. Nur die Teilung des Reiches, nur der Verlust schöner Provinzen, nur das eingeschlossene Berlin machen es schwer, zur Tagesordnung überzugehen, den Spuk der Vergangenheit in die Rumpelkammer der Geschichte, in den Orkus der völkischen Kollektivseele zu versenken. Aber da gibt es ja glücklicherweise die Kommunisten. Sie sind doch schuld. Ulbricht ist der Bösewicht – wer sieht noch Hitler? Ulbricht lebt und spricht und stört jeden Tag. Hitler, ach ja, das war schon alles entsetzlich, aber: es war. Aus und vorbei. Wirklich? Ist das alles so? Ich fürchte: nein.
Die »ausgewogenen Urteile«, sie haben ihren wissenschaftlichen Wert. Entschuldigen tun sie nichts, erklären wenig. Hitler als Mensch? Aber das ist ja gerade das Furchtbare, mit dem wir unser Lebtag nicht »fertigwerden« können. Wäre da tatsächlich eine Bestie in Menschengestalt unter uns geraten, ein Wesen anderer Natur, ein Un-Mensch – also kein Mensch, ein Roboter womöglich, ein zürnender Gott oder Moloch, ein Dämon – es wäre leichter, überlebt zu haben, Kinder zu haben, ein Gewissen zu haben. Daß es ein Mensch war namens Adolf Hitler, geboren am 20. April 1889 in dem Ort Braunau, das – das macht es furchtbar. Denn darum kann er in mir sein, Hitler in uns selbst, darum kann es menschlich heißen, so unmenschlich sein zu dürfen. Das ist nie vorbei, das spukt durch die Albträume aller Gegenwart und Zukunft, das ist nicht zu bewältigen. Das ist der tiefe, kalte Schrecken in uns allen. Es war da –, es ist da es kann wiederkommen. Das gilt freilich für die anderen auch – die Russen, Chinesen, die Columbianer und Hindus. Ja – aber ist das ein Trost? Es ist die Verdammnis, es ist der Fluch über die Spezies, es ist das deutsche Verbrechen – nicht aufgehoben, sondern potenziert ins Allgemein-Menschliche.
Volk ohne Vaterland
Deutschland ist wieder da. Ich habe mich oft gefragt in den Jahren draußen, wo das eigentlich liegt, wie es aussieht, auf welche Weise es »da« ist, was wir früher »über alles, über alles in der Welt« lobpriesen. Es ist da, wieder da. Aber wo? Aber wie?
Einer der Männer, die meine Möbel ins neue Haus tragen, schnipst den Verschluß von der Bierflasche, wischt mit dem Ärmel über die Stirn und sagt grinsend – er ist ein junger Schwabe: »Wie g’fallt’s Ihna wieder hübe in Deutschland, Herr Kooch? Jetzt hatte mer ja Wahl in Württeberg. I bin hingange, denn wann i meckere will, muß i au von mei Wahlrecht G’brauch mache – oder itt?«
Der Klassenlehrer meiner Tochter spricht auf einem Elternabend des Gymnasiums über seine pädagogischen Prinzipien und Erfahrungen: Die Schüler zeigten wenig Neigung zur Übernahme kleiner Verantwortlichkeiten als Vorschule zur demokratischen Selbstverwaltung. Er habe einmal eine Klasse gebeten, ein Ausflugsziel von sich aus vorzuschlagen; sofort hätten sich Parteien gebildet, die aufeinander losschrien. Zum Schluß hätten die wackeren Jung-Demokraten den Lehrer gebeten, das Ziel zu bestimmen . . .
Der Blick aus dem Arbeitszimmer des Bundeskanzlers fällt auf herrlich gepflegten Rasen: beruhigendes Grün. Ich hatte Ludwig Erhard zuletzt in Texas gesehen, auf der Lyndon-Johnson-Ranch. Hier im Palais Schaumburg wirkt er weniger frei und älter, bedrängter: über ihm wie ein Damoklesschwert der Terminkalender, in den sich Partei und Staat teilen müssen. Ich höre vom »neuen Stil in Bonn«. Tatsächlich, es weht ein milderer Wind durch die Amtsstuben, seit der alte Autokrat grollend für immer in Rhöndorf blieb.
Aber hat nicht er, Adenauer, dieses Deutschland gemacht, das nun »wieder da« ist?
»Machen wirklich Männer Geschichte?« frage ich einen Bundestagsabgeordneten der Opposition. »Wer sonst«, brummt er, »aber diese jüngste deutsche Geschichte haben eher Männer in Washington und Moskau gemacht als ein Mann in Bonn«.
Ulbricht sei viel freier von Moskau, als man sich angewöhnt habe zu glauben, höre ich in Berlin. Ein sowjetischer Journalist sagt mir: »Deitschland – das existiert nicht merr. Wirr habben heute vierr deitsche Staaten, wie Sie wissen: DDR, Frreies Berrlin, BRD, Esterreich.«
Mich stört an dieser neuen Deutschland-Geographie mehr als das rollend-grollende R,und ich protestiere: »Erstens gibt es Gott sei Dank (und dank amerikanischer Festigkeit) zwar ein freies Berlin, aber kein ›Freies Berlin‹ als Staat. Zweitens würden die heutigen ›Esterreicher‹ doch sehr befremdet sein, wenn ihr Land ein deutscher Staat genannt würde. Drittens: Deutschland existiert durchaus, nämlich völkerrechtlich im Volk der Deutschen und staatsrechtlich – wenn auch noch unvollständig – in dem, was Sie BRD nennen, Bundesrepublik Deutschland.«
Er hebt das Glas: »Sie irren, Herr Kollege. Hitler hatt Deitschland zerrstört. Für immerr. Staaten zerfallen. Aber wie saggt Ihr Dichter so schön? ›Und neues Leben blüht aus den Ruinen‹.«
Deutschland ist wieder da. Auf dem Weltmarkt. In Kunst, Literatur und Wissenschaft. Militärisch. Sehr körperlich: in Gestalt von mehr als 70 Millionen Menschen, die sich Deutsche nennen und Deutsch sprechen.
Aber wo finde ich Deutschland auf der politischen Landkarte? Wo sehe ich greifbar den Staat Deutschland mit einer Hauptstadt, mit einer Tradition, mit einer nationalen Perspektive?
Ich denke, daß dies mein Deutschland womöglich nur in meinem Herzen da ist, ganz wieder da, wenn auch nicht herrlich wie am ersten Tag.
Aber Herzen sind unbeständig und hören zu schlagen auf. Deutschland muß und sollte noch anders wieder da sein als »tief da drinnen« oder auch ganz da draußen, äußerlich. Aber wie? Aber wo?
Deutschland als Vaterland – das ist noch lange, lange nicht wieder da.
Mit der Teilung leben
Erhard bei Johnson, Ulbricht bei Chruschtschow – zur gleichen Stunde, in entgegengesetzter Mission: wie sich die Bilder gleichen. Der eine Deutsche fliegt gen Westen, um seine Schutz- und Großmacht zu einer Wiedervereinigungs-Initiative anzufeuern; der andere Deutsche fliegt gen Osten, um seiner Schutz- und Großmacht einen Vertrag abzuringen, der die fatale Teilung Deutschlands bis mindestens 1984 besiegelt.
Langer Händedruck in Washington – schmatzende Genossen-Küsse in Moskau. Jawohl, wir sind die tüchtigen Deutschen. Diesseits und jenseits der Zonengrenze sind wir so tüchtig, daß unsere ehemaligen Kriegsgegner und heutigen (miteinander verfeindeten) Verbündeten nicht wissen, ob sie uns mehr bewundern oder fürchten sollen. Die Bundesrepublik Deutschland demnächst Weltexportland Nummer 1; der Ulbricht-Staat – ob mit oder ohne »Gänsefüßchen« – zweite Industriemacht des Ostblocks, an dreizehnter Stelle in der Weltproduktion. Wir sind wieder da. Wir alle. So oder so. Und so geschieht es, daß der Allgewaltige des Kreml, zu dem die Kreatur Ulbricht vor zehn Jahren nicht die Augen zu erheben wagte – so geschieht es, daß Nikita Sergejewitsch Chruschtschow fünfzehn volle Minuten brav auf dem Moskauer Rollfeld verharrt, bis der längst nicht mehr lächerliche »Spitzbart« sich endlich in die Lüfte erhoben hat, Richtung Pankow.
Auf der anderen Seite der Bundeskanzler und Lyndon Johnson. Entspannung nur über die Wiedervereinigung Deutschlands? Schon beim Nachtisch war nicht mehr die Rede davon. Hilfe in Vietnam mußte Erhard versprechen, und Grünes Licht für den China-Handel bekam er doch nicht. Was geht da vor um uns? Wie stehen wir eigentlich da, in dieser sich wandelnden Welt? Was können wir erwarten, was kriegen wir für unsere Tüchtigkeit?
Wir kriegen alles, so ziemlich alles – bis auf das eine. Wir Deutschen (West) sind die eifrigsten, besten, wichtigsten, stärksten Verbündeten der USA, der Großmacht (West). Die Deutschen (Ost) sind – widerwillig, aber doch – die eifrigsten, besten, wichtigsten, stärksten Verbündeten der Sowjetunion, der Großmacht (Ost). Die Folge ist, daß es der BRD glänzend gut geht und der SBZ immerhin relativ gut. Die Folge ist, daß Erhard oft und gern in Washington ist und Ulbricht noch öfter und lieber in Moskau. Die Folge ist, daß hinter jedem der beiden Teile Deutschlands eine der beiden Weltmächte, eines der beiden Atompotentiale steht.
Wir sind gut garantiert. Gut in unserem Bestand, das heißt auch gut in unserer Teilung. Denn dies ist das eine, das unser Fleiß (West) und unser Fleiß (Ost) nicht erringt, ja nachgerade ausschließt: die nationale Einheit. Wären wir weniger interessant, wären wir zum Beispiel Laoten – man würde uns lässig neutralisieren und würfe die nationale Einheit noch gratis hinterdrein. Aber Leuna, aber Essen – aber dieses Phönix-aus-der-Asche-Wunder diesseits und jenseits der Zonengrenze: da hält ein jeder, was er hat, was ihm zufiel aus den Trümmern des Hitler-Chaos.
Das ist die Lage. Scheinfrei sind wir. Es ist gut, daß sie oft nach Amerika fliegen, die Männer, die uns regieren. Dort können sie hören, sofern sie ihre Ohren dafür öffnen, was die Stunde geschlagen hat.
Es geht in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts um andere Quantitäten und Qualitäten als die nationale Tragödie, die übrigens selbstverschuldete, eines mittelgroßen Volkes in Mitteleuropa. Die Sicherheitsfrage im Atomzeitalter ist für die Atommächte so völlig absolut gestellt, daß daneben alles andere bedeutungslos wird – soweit es nicht als Teil dieser Sicherheitsfrage indirekt eine neue, andere, ausschließlich auf die Atommächte bezogene Bedeutung gewinnt.
Der Freundschaftspakt Moskau–Ostberlin, er besagt in der Tat nichts Neues; er ist das Siegel unter einen längst geschriebenen, längst vollzogenen Text. Aber unsere politischen Führer weigern sich abermals, diesen Text und seinen Vollzug zur Kenntnis zu nehmen. Da garantiert eine Welt- und Atommacht die Zonengrenze als Staatsgrenze. Für mindestens zwanzig Jahre. Erhard, Mende, Brandt – was fällt ihnen dazu ein? Sie rufen: Niemals! Unerträglich! Allmählich wird’s gespenstisch, komisch. Sie spielen mit Bravour ein Stück, das längst vom Spielplan abgesetzt wurde. Merken sie nicht, daß gar keine Zuschauer mehr da sind? Glauben sie, das Volk (der Wähler) brauche Opium solcher Art? Ich glaube, das deutsche Volk will lieber die Wahrheit hören, die harte Wahrheit und die realistischen Fragen, die daraus folgen. Wie das aussieht? Nun wohl:
Wir müssen mit der Teilung leben – aber wie können wir trotzdem ein Volk bleiben?
Wo bleibt die Partei der Engel?
»Eener alleene kann nich zwee Sachen uff eenmal machen.« Es ist tatsächlich der gern zitierte Taxichauffeur, der meine Frage nach Willy Brandt so und nicht anders beantwortet. Aber in der Kürze liegt nicht immer nur die Würze, sondern auch das Mißverständnis: Als die Berliner im Februar 1963 mit großer Mehrheit der SPD ihr Vertrauen aussprachen, war Brandt bereits beides – Regierender Bürgermeister und Kanzlerkandidat. Die Berliner haben also genehmigt, daß ihr Stadtoberhaupt »zwee Sachen uff eenmal« macht. Das Rathaus Schöneberg ist ein ziemlich scheußlicher Kasten aus der Wilhelminischen Zeit und innen verbaut wie eine mittelalterliche Burg. Arbeitszimmer und auch Vorzimmer des »Regierenden« wirken trotzdem freundlich, modern, »aufgeschlossen«. Willy Brandt sieht wohler aus, wirkt entspannter, »aufgeräumter« als vor meiner Amerika-Zeit. Insgesamt personifiziert dieser fünfzigjährige Mann recht glücklich die Entwicklung, die mit Westberlin überhaupt vor sich gegangen ist. Der schwarze Schatten des Chruschtschow-Ultimatums ist verflogen. Die Mauer blieb – ja; aber hat sie nicht zwei Seiten? Schandmal der Teilung, gewiß – betoniertes Eingeständnis des Unvermögens der Kommunisten jedoch ebensosehr; des Unvermögens, attraktiv genug zu sein für die »eigenen Leute«. Und des Unvermögens, Westberlin zu schlucken.
Entspannung, das sei alles nur Gerede? Aber in Berlin ist sie sichtbar, fühlbar. Und sogar meßbar, denn die Grundstückspreise zum Beispiel stiegen, seit ich nicht hier war, um mehr als 25 Prozent. Trotz der Mauer, ja mit der Mauer. Und in diese Mauer wollen sie Löcher bohren, die Männer um Brandt, kleine zunächst und wenige. Aber immerhin von der Größe jener Passierscheine, die zum erstenmal so etwas wie eine kleine Wiedervereinigung auf Zeit ermöglichten.
Es geht um die Menschen, das sagen sie alle, unsere guten Politiker. Geht es ihnen dabei vielleicht trotzdem auch ein ganz kleines bißchen um Politik? Willy Brandt findet nichts, was er in New York und danach sagte, neu oder überraschend; allenfalls den »Accent de Gaulle« auf dem Wort »nationale Politik«. Die eigenen Schritte in Richtung Osten, das Anspinnen von Fäden, von dem Bürgermeister Albertz spricht – das liege alles auf dem gleichen Felde schrittweiser Übereinkünfte, auf dem auch die Passierscheine wuchsen. Man ist stolz im Schöneberger Rathaus auf die Begegnung von über einer Million Deutscher zu Weihnachten in Ostberlin. Man ist mit Recht stolz. Man ist besorgt in Bonn über die damit verknüpfte »Aufwertung der DDR«. Man ist mit Recht besorgt. Aber es wurde ja gemeinsam entschieden, den Preis zu zahlen. Mit Recht – es geht um die Menschen.
Und dann klapperte etwas nach. Die Ware war raus, und nun wollte man den Groschen zurückhaben. Die Politik klapperte nach, die Parteipolitik. Wenn wir alle Engel wären und infolgedessen alle einer einzigen Engel-Partei angehörten, dann könnte es wirklich nur um die Menschen gehen. Es waren aber nun Sozialdemokraten, die etwas Populäres erreicht hatten, und so blieben die DDR-Aufwertungssorgen der Bundesregierung nicht ohne Wahlkampfbeigeschmack.
»Befinden Sie sich nicht in einem Interessenkonflikt, Herr Brandt? Als Bürgermeister von Berlin sind Sie zu besonderer Loyalität gegenüber der Bundesregierung verpflichtet. Als Führer der Opposition sollen Sie politische Konzeptionen entwickeln, die denen der Regierungsparteien zuwiderlaufen.«
»Ich bin der Führer einer Partei, die in einigen Bundesländern regiert; und die Opposition im Bund ist vor allem Sache des Vorsitzenden der SPD-Fraktion im Bundestag. Infolgedessen bin ich nicht – wie etwa Harold Wilson in England – Führer der Opposition. Es hätte beispielsweise auch der Ministerpräsident von Hessen, der Sozialdemokrat Zinn, Vorsitzender meiner Partei werden können. Niemand hätte etwas dagegen haben dürfen. Niemand auf seiten der Regierungspartei hat jemals etwas dagegen gehabt, daß Erfolge des Bundeskanzlers der Partei des Bundeskanzlers, der CDU, zugute kamen. Interessenkonflikt?«
Es ist klar: der »Regierende« von Berlin macht Schlagzeilen; nach dem »Regierenden« in Bonn, dem Kanzler, ist er, was praktische Politik angeht, in mancher Hinsicht der zweite Mann im Staate. Ein Oppositionsführer, der sich, wie seinerzeit Erich Ollenhauer, auf diese Rolle beschränkte, würde viel mehr im Hintergrund stehen.
So kann man es den Sozialdemokraten nicht verdenken, wenn sie ihre Trumpfkarte Berlin auch parteipolitisch kräftig ausspielen. Aber ebensowenig kann man es den Regierungsparteien verdenken, daß sie gegen dieses Spiel anreizen. Verlierer wären freilich wir alle, wenn die im Passierschein-Streit aufgebrochene Rivalität zwischen Bonn und Berlin das Wenige verhinderte, was wir zur Zeit tun können: für das ganze Deutschland.
Worum geht es bei aller Politik? Wirklich: um den Menschen.
Deutsche Frage und Entspannung
Präsident Johnson und Bundeskanzler Erhard haben einiges gemeinsam. Sie übernahmen die Regierungsgeschäfte unter ungewöhnlichen Umständen von einem ungewöhnlichen Vorgänger. Sie müssen beide die demokratische Probe auf ihr Exempel erst noch bestehen – Lyndon Johnson im November dieses Jahres, Ludwig Erhard ein Jahr später. Sie haben gute Aussicht, im Amt bestätigt zu werden; beide sind sehr populär.
Ein neues, besseres Verhältnis Washington–Bonn war sofort zu spüren, als Erhard zwischen Weihnachten und Neujahr 1963 Johnson in Texas aufsuchte. Es ging zwanglos zu und vertrauensvoll; die »völlige Übereinstimmung« des Kommuniqués klang nicht so gequält diplomatisch wie früher bei Kennedy und Adenauer. Ganz gewiß sind es nicht »Männer« allein, die die Geschichte machen; aber das beste Theaterstück kann ruiniert werden, wenn es falsch »besetzt« ist.
Gegenwärtig also sind die Rollen vorteilhaft vergeben. Wie müssen wir es verstehen, daß trotzdem keine fruchtbare Übereinstimmung der deutschen und der amerikanischen Haltung im Ost-West-Konflikt zu sehen oder zu erwarten ist? Die deutsche Formel lautet: Durch Wiedervereinigung zur Entspannung; die amerikanische: Entspannung – und nur durch sie auch Wiedervereinigung.
Die weiterführende Frage ist hier nicht so sehr, wer »recht« hat, sondern wer die realistischere Taktik anwendet, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Selbstverständlich muß in jeder vernünftigen Entspannungsstrategie, in jeder Strategie des Friedens, die diesen Namen verdient, auch die Lösung der deutschen Frage ihren Platz haben. Sie hatte ihn durchaus in John Kennedys Konzeption, der Lyndon Johnson bisher getreulich folgt.
Gibt es demgegenüber eine deutsche Konzeption, die einen gradlinigen Weg zur Wiedervereinigung vorzuschlagen wüßte und gleichzeitig die akuten Sicherheitswünsche der USA und der Sowjetunion befriedigen würde? Freie Wahlen in ganz Deutschland und Entscheidungsfreiheit Gesamtdeutschlands? Niemand glaubt ernsthaft, daß die Russen, Polen und Tschechen eine derartige Veränderung des Gleichgewichts der Kräfte in Mitteleuropa hinnehmen würden. Ein amerikanischer Präsident darf uns Deutsche durchaus daran erinnern, daß die Furcht ganz Osteuropas vor den Deutschen noch immer groß und echt ist, wenn sie auch nicht mehr berechtigt sein mag.
Offenbar halten es zur Zeit unsere politischen Führer für geboten, national und »hart« aufzutreten, um nicht innenpolitisches Terrain rechts von der Mitte zu verlieren; rechts von der Mitte, in der sich nicht nur Erhard und Mende, sondern auch Erhard und Brandt treffen. Niemand freilich hat bisher überzeugend gesagt, wer denn eigentlich dieses Terrain bevölkert. Selbst Strauß ist doch eher durch sein Naturell, nicht so sehr durch seine politischen Überzeugungen zum »heimatlosen Rechten« geworden.
Weltpolitische Entspannung nur über die Wiedervereinigung Deutschlands – das ist das gute alte Alibi zum Garnichtstun. Mitwirken an allen Möglichkeiten zur Entspannung, wo sie sich bieten mögen, und dabei nie die 17 Millionen vergessen – das wäre realistisch. Das wollte Kennedy, das will Johnson von uns. Ziehen wir mit, dann werden uns die Amerikaner um so lieber helfen, wenn auch wir unseren eigenen, unseren nationalen Vorteil von der allgemeinen Entspannung haben wollen.
Worin der bestehen könnte, wenn Wiedervereinigung selber zunächst unerreichbar ist? In all jenen Erleichterungen, die für absehbare Zeit das einzige sind, was wir für unsere Landsleute drüben erkaufen können: Passierscheine, Handel, Kredite, Verkehrsverbesserungen, Zeitungsaustausch.
Vollkommene Freizügigkeit zwischen den beiden Teilen Deutschlands wäre das äußerste, was auf diesem Wege zu erreichen ist, und käme der nationalen Einheit, solange wir sie nicht vollgültig haben können, am nächsten. Aber Mauer und Todesstreifen verschwinden frühestens, wenn es den Deutschen in der Sowjetzone wirtschaftlich annähernd so gut geht wie uns, und wenn sie politisch mindestens so frei sind, wie heute die Polen. Nur dann werden nicht abermals Millionen flüchten.
Könnten wir dazu etwas beitragen? Ja, aber der Preis heißt: »Aufwertung der DDR«. Ist er zu hoch? Ich meine: nein, weil wir nur so ein Volk bleiben können. Mit Ulbricht ist wirklich nicht zu reden; aber wäre nicht zum Beispiel Stoph als »Regierungsebene« eher akzeptabel, wenn wir den erklärten Vorbehalt machen, daß er für uns nie etwas anderes sein kann als ein Erfüllungsgehilfe der Sowjetunion? Kennedy wünschte sich seinerzeit einen deutschen Gesprächspartner für eine mutige, unkonventionelle Politik dieser Art. Er fand ihn nicht in Adenauer. Wird Johnson ihn in Erhard finden? Kaum – nicht jedenfalls vor der nächsten Bundestagswahl. Und mindestens so lange werden wir wohl auch warten müssen, bis sich an der Situation in Ostberlin etwas verändert.
Also? Also bleibt alles so, wie es ist. Aber wie lange? Wird eine bundesdeutsche Politik in zehn, in zwanzig Jahren überhaupt noch einen deutschen Volksteil zwischen Eisenach und Görlitz antreffen, der wiedervereinigt sein möchte? Die Kommunisten denken so weit voraus; wir denken bis zur jeweils nächsten Wahl.
Nicht ohne Amerika
Europa-Architekten gibt es die Fülle; leider können sich die Europa-Bauherren nicht einigen, welcher Entwurf ausgeführt wird. Das wirtschaftspolitische Fundament berechtigte zu den schönsten Hoffnungen; aber der Bau braucht ein politisches Dach, sonst wird auch das Fundament durch Wind und Wetter (Inflation, Getreidepreis) gefährdet.
Es gibt keine Autobahn nach Europa. Für viele Jahre noch muß man sich auf die Pioniere verlassen. Wo und wie der Fluß überquert wird, ist nicht so wichtig, wie: daß er endlich überquert wird. Herrliche Brükkenkonstruktionen haben wir viele – als Blaupausen. Jetzt brauchen wir erst einmal Pontons.
Es sieht so aus, als zeige de Gaulle sich europafreudiger, seitdem er sicher sein kann, daß alle Welt schon dankbar ist, wenn er nicht allzu nationalstaatlich auftrumpft. Freilich wird er wohl nie aufhören, seine Miteuropäer, an der Spitze Bonn, nach seiner Fasson europäisch machen zu wollen. Und hier liegt eine Gefahr, auf die wir Deutschen uns nicht einlassen können.
Der französische Präsident will ein Europa als »dritte Kraft«. John Kennedys tiefste Kontroverse mit de Gaulle lag genau hier. Der amerikanische Präsident glaubte, daß in Anbetracht der Größenordnungen, der Probleme der modernen Welt, die USA und Westeuropa nur gemeinsam überleben können; deshalb sprach Kennedy so beschwörend von der atlantischen Gemeinschaft, der atlantischen Generation.
Tatsache ist, daß die westliche Welt von zwei erdrückenden »Übermächten« bedrängt wird: dem Kommunismus und den Entwicklungsländern. Im Jahr 2000 wird es eine Milliarde Chinesen geben. Schon heute rechnen wir mit einer Milliarde Kommunisten. Lateinamerika wächst so schnell, daß die USA nicht einmal mit den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Problemen in ihrer eigenen Hemisphäre allein fertig werden. Und Afrika. Und Südasien.
Die westliche Zivilisation ist eine atlantische Zivilisation. Sie wird gemeinsam verteidigt, oder sie wird zersplittert untergehen. Westeuropa als selbständige Weltmacht, als »dritte« oder wievielte Kraft sonst – das ist lebensgefährliche Utopie. Europa, wir sehen es doch, wächst viel zu langsam. Aber selbst wenn es morgen früh aus dem Ei schlüpfte, selbst wenn es die Fünf oder die Sechs und die »Neutralen« vereinigte – es wäre zu schwach, um mit den gigantischen Wallungen des Jahrhunderts allein fertig zu werden.
Das zu verstehen – dafür ist Charles de Gaulle, dafür war Konrad Adenauer zu alt. Man würde diese »grand old men« mit zu kleiner Elle messen, wenn man ihre Vorstellungswelt ins 19. Jahrhundert verwiese. Sie sind durchaus über 1918 hinausgewachsen. Aber was seit 1945 auf dem Globus passiert, das verstehen sie nicht mehr recht, zumindest nicht in seiner Bedeutung für die Zukunft.
Diese Perspektive sah John Kennedy, und sein sinnloser Tod könnte einmal als die Zerstörung der letzten Chance deutlich werden, die die westliche Welt hatte. Nirgendwo spürte man das so wie im deutschen Volk. Wir sind nun einmal unter all unseren Bündnispartnern am nächsten »dran«, an der Erfahrung mit den totalitären Gewalten der modernen Welt; die eine haben wir hinter uns, die andere ist unser Nachbar.
Nein, jeder Weg ohne den Weggefährten USA ist ein Weg ins Verderben. Wer uns zwingen wollte, uns Deutsche, zu wählen zwischen der Schutzmacht Amerika und ihm, dem müßten wir adieu sagen. Und selbst wenn es äußerstenfalls deswegen kein Europa geben könnte: Das unauflösliche Bündnis der Bundesrepublik Deutschland mit den Vereinigten Staaten von Amerika ist die einzig verläßliche Basis unserer Existenz.
Sicherheit ist noch immer letzten Endes ein militärisches Problem. De Gaulle hat nichts und wird nichts haben, was uns schützen könnte. Es würde zehn bis zwanzig Jahre dauern und zehn bis zwanzig Milliarden Dollar kosten, sagen die Experten, wenn ein vereinigtes Europa eine Atomstreitmacht entwickeln wollte, die der amerikanischen oder der sowjetischen ebenbürtig wäre.
Force de frappe? Illusionen. Fiele tatsächlich einmal eine französische A-Bombe, dann würde sie keineswegs als Initialzündung wirken, die den amerikanischen Einsatz provozierte. Vielmehr wären sich schnell die Atomgroßmächte einig, gemeinsam den »Initial-Zünder« zu entschärfen, um nicht gemeinsam Selbstmord begehen zu müssen.
Die Verteidigung der westlichen Welt ist wirklich unteilbar. Wir müssen uns aufeinander verlassen oder wir sind verlassen. Europa kann auf den amerikanischen Atomschutz bauen. Auch Amerika könnte nicht mehr allein, ohne Westeuropa, bestehen. Kennedys »Interdependenz« – die gegenseitige atlantische Abhängigkeit –, sie ist eine Realität.
Samstags gehören die Kinder uns
Der Wecker surrt. Vater denkt: Nanu, es ist doch Samstag. Mutter reibt sich seufzend die Augen. Schnell hoch, die Kinder müssen zur Schule. Vater dreht sich um: versteht die Welt nicht mehr.
Sie ist auch schwer zu verstehen – die Sechs-Tage-Woche unserer Schüler, parallel zur Fünf-Tage-Woche unseres Arbeitsprozesses. Meinen Kindern zum Beispiel ist es noch gar nicht recht gelungen, Tritt zu fassen, nachdem sie einige Jahre ihr amerikanisches Weekend hatten. Drüben würde es kein Mensch hinnehmen, daß es Seine Majestät das Kind schlechter haben sollte als Daddy.
Nun muß nicht alles gut sein, bloß weil es amerikanisch ist. Aber es muß auch nichts schlecht sein, bloß weil es amerikanisch ist. Unsere US-Freunde sind uns in der Organisation des modernen Industriestaates nun einmal voraus. Warum sollten wir uns ihre Erfahrungen nicht geschwind zunutze machen?
Seit einigen Jahren bereits gibt es auch in Deutschland Versuche mit der Fünf-Tage-Schule. In der Kurdamm-Volksschule in Hamburg-Wilhelmsburg regte im Frühjahr 1961 eine Elternversammlung die Einführung der Fünf-Tage-Woche an. Von 488 Eltern stimmten 453 dafür. Die Hamburger Schulbehörde genehmigte die Einführung im Winter 1963. Noch fortschrittlicher war die Volksschule Mendelssohnstraße in Hamburg-Bahrenfeld. Dort forderte ein Teil der Eltern die Fünf-Tage-Woche schon 1957, und 1958 machte man den ersten Versuch in vier Klassen. Die Lehrer verhielten sich damals recht ablehnend. Das Meinungsforschungsinstitut »Infratest« registrierte: 52% von 434 befragten Eltern für Beibehaltung der Sechs-Tage-Woche, nur 30% für Einführung der Fünf-Tage-Woche. Ähnlich negativ antworteten die Lehrer.
Natürlich gibt es einige gute Gründe gegen die Fünf-Tage-Woche in der Schule: Schichtunterricht – wo immer er noch notwendig ist, weil Klassenräume fehlen – schließt die Fünf-Tage-Woche wegen der entstehenden Stundenplanschwierigkeiten nahezu aus; der Schultag an den verbleibenden fünf Tagen ist notwendigerweise länger und anstrengender; Eltern und Schüler mögen es zunächst schwierig finden, den freien Samstag vernünftig zu nutzen.
Aber die Vorzüge überwiegen, meine ich, alle Nachteile bei weitem.
Der Arbeitsrhythmus von Kindern und Eltern wird synchronisiert; die Familie kann reibungsloser zusammenleben.
Das lange Wochenende bedeutet wirkliche Entspannung; das gilt auch für den oftmals überanstrengten Lehrer.
Der manchmal recht weite Schulweg wird um ein Sechstel pro Woche verkürzt.
Der gedrängte Stundenplan zwingt zur Konzentrierung und Reduzierung des Lehrstoffes; noch immer kriegen deutsche Schulkinder viel zuviel Wissensballast in ihre Köpfe gestopft.
Ein umfangreiches Experiment mit der Fünf-Tage-Schule wurde in Kassel gemacht. 450 Schüler der Carl-Schomburg-Mittelschule beweisen dort schon seit 1957, daß die zwei Grundforderungen erfüllbar sind: a) der Schüler lernt und leistet in fünf Tagen das gleiche wie in sechs Tagen; b) der Schüler darf in den fünf Tagen trotzdem nicht überfordert werden. Man zog in Kassel – wie in den USA – die Nachmittage der fünf Arbeitstage heran: 8.00 bis 13.00 Uhr Unterricht; 13.00 bis 14.30 »offene Mittagszeit«; 14.30 bis 16.00 Unterricht oder Schularbeiten unter Anleitung des Lehrers. Das ist ein voller, aber erträglicher Tag; das ergibt, wenn man die Mittagspause in die Rechnung einbezieht, eine 40-Stunden-Woche.
So sicher wie der freie Samstag sich in der Arbeitswelt der Erwachsenen durchgesetzt hat, so sicher wird er in die Schule einziehen. Es fragt sich nur wann. Und da meine ich: am besten sofort.
Der bayerische Rohrstock
In bayerischen Schulen wird geprügelt. Neueste Umfragen haben ergeben, daß noch immer der Rohrstock regiert, wo den Reisenden die formvollendetsten Barockkirchen erfreuen, wo das beste Bier gebraut wird und wo glückliche Kühe die schmackhafte Alpenmilch liefern.
Bayern ist ein schönes Bundesland. Saftiggrüne Wiesen geleiten zu sanft ansteigenden Bergen. Klarblaue Flüsse künden von Gletscherkühle und Auf-der-Almda-gibt’s-ka-Sünd-Reinheit. Das kernige Deutsch eines Ludwig Thoma, der vertrackte Humor Karl Valentins und Liesl Karlstadts sind unabdingbare Bestandteile unseres Volkstums. München ist, seit Dresden ausradiert wurde, die schönste deutsche Stadt.
Wie heiter leuchtet das Weiß-Blau der Grenzpfähle des Freistaats Bayern. Und hier wird geprügelt? Bayerische Lehrer, so liest man, schlagen besonders gern mit ihren Stöcken den ihnen anvertrauten Schulkindern auf die Finger. Finger, so weiß man, spielen in den Schreckenskammern der Folterknechte aller Zeiten und Kulturen schon immer eine bevorzugte Rolle; in den Fingerspitzen laufen besonders viele Nerven zusammen.
Bayerische Schulbuben werden auch »übers Knie gelegt«; endlich haben wir eine plausible Erklärung für die so praktische Erfindung der kurzen oder knielangen Lederhose. »Tatzen« werden freigiebig und ausgiebig verabfolgt. Nur ein kleiner Teil bayerischer Lehrer verzichtet auf die körperliche Züchtigung im Klassenraum, so wurde ermittelt.
Ja, soll man das glauben? Man soll wohl. Aber wo bleiben denn da die Elternproteste? Liest man vom Widerstand der bayerischen Mütter und Väter? Schreitet die Kirche ein? Stehen die Sprecher der Schülermitverwaltung auf wie ein Mann? Was tun die ausgezeichneten und liberalen Zeitungen Bayerns? Gibt es Anfragen, Debatten im Landtag?
Anscheinend gibt es nichts von alledem. Anscheinend stimmt das ganze weiß-blaue Land mit den Lehrern darin überein, daß »eine harte Hand« den Lausbuam und Lausmaderln ganz gut tut. Anscheinend haben die Erziehungsberechtigten über die bayerische Schuljugend ein stillschweigendes Einverständnis zum Terror verhängt.
Armes, schönes Bayern! Oder schwingen etwa auch in Nordrhein-Westfalen und Hessen, in Rheinland-Pfalz und Hamburg die Lehrer den gelben Rohrstock? Werden auch kleine Niedersachsen übers Knie gelegt? Schreien auch die schleswig-holsteinischen Abc-Schützen auf vor Schmerz, wenn die Schläge auf die Finger treffen? Ist womöglich die deutsche Schule eine Art Folterkammer?
Ich kann das nicht glauben. Aber Zweifel erwachen, wenn man von jener Umfrage in Bayern liest und sonst so manches aus deutschen Gauen vernimmt. Zweifel wachsen, und sie sollten unverzüglich geklärt werden. Die Prügelstrafe in deutschen Schulen ist ein barbarisches Unding. Sie hat außerdem nicht den geringsten pädagogischen Wert. Ein Lehrer, der sich nur mit physischer Gewalt, mit Furcht und Schrekken durchsetzen kann, gehört gefeuert.
Hier wird das Süpplein aufs Feuer gesetzt, das später als Gewaltpolitik vom ganzen Volk ausgelöffelt werden muß. Hier fällt die Saat der Gewalt in den weichen Boden der Kinderseele, und auf geht sie in den Kasernen, in den Strafvollzugsanstalten, im Berufsleben – auf den Schlachtfeldern, in den Konzentrationslagern.
Da sitzen sie auf ihrer Anklagebank im Frankfurter Auschwitz-Prozeß, die Bogers und Kaduks. Da kommen Tag für Tag die ungeheuerlichsten Verbrechen zur Sprache. Grausamkeiten ohne Zahl und ohne Maß sind in Auschwitz tagein, tagaus begangen worden. Dürfen sie überhaupt Menschen heißen, die Un-Menschen, die da zuhören und abstreiten und es doch ganz ohne Zweifel getan haben – das Schlagen und Treten und Schießen und Hängen und Abspritzen . . . Gewiß, Sadisten und Verbrecher bringt jedes Volk, jede Gesellschaft hervor; es geht nur darum, ihnen keine Gewalt über ihre Mitmenschen zu geben. Gewiß. Aber Auschwitz und Sachsenhausen und Dachau und all das andere – es wäre nicht möglich gewesen ohne das Klima der Gewalttätigkeit, ohne die Gewöhnung an eine Autorität durch Schrecken, ohne die totalitäre Bereitschaft zum Terror als Führungsmittel, zum Schlagen und Ducken und Ducken und Schlagen.
Und das beginnt bereits in manchem Elternhaus, zieht sich durch Schulen und Kasernenhöfe und Strafvollzugsanstalten; das setzt sich fort, in anderen Formen, im öffentlichen Leben. Die Faust, der Stock, ja die Peitsche sausen noch immer täglich auf wehrlose Kinder nieder.
Das ist ein Skandal. Bei den bayerischen Schulen ist es einmal untersucht worden und herausgekommen. Breitere Untersuchungen im Bundesgebiet sollten folgen. Und Aufklärung: eine Erziehung der Erzieher. Schlagende Väter zeugen schlagende Söhne, die wiederum zu schlagenden Vätern werden – ein Teufelskreis. Durchbrechen wir ihn! Ein für alle Male: durch bessere Einsicht von innen – durch bessere Gesetze von außen.
Gefährliche Träumereien
Wir haben doch keine Wahl. Washington oder Paris? Ja, wer wäre denn in Wahrheit vor diese Entscheidung gestellt? Es werden in diesem Sommer der scheinbaren Alternativen offenbar gern unsinnige Fragen konstruiert.
Wie wäre es denn, wenn wir Einwohner dieser Bundesrepublik Deutschland uns gelegentlich die europäische Geographie vergegenwärtigten. Es genügt, einen alten Schulatlas aufzuschlagen. Da liegt das übriggebliebene Handtuch zwischen Flensburg und Bodensee, zusammengedrückt zwischen dem gigantischen kommunistischen Imperium und einem kleinen europäischen Ländchen namens »La France«. Dieses Handtuch ist die europäische Nord-Süd-Verbindung zwischen drei dünnbesiedelten skandinavischen Ländern, zwei Alpenstaaten und Italien. Luxemburg, Belgien und Holland machen die west- und resteuropäische Palette farbiger, und dann gibt es noch England und die Iberische Halbinsel.
Unser ehemaliger Bundeskanzler erklärt in einem seiner neuerdings wieder zahlreichen Interviews, daß die Bundesrepublik und Frankreich zusammen für 10 Milliarden DM im Jahr mehr »exportieren« als die USA. Daraus wird im veröffentlichten Text merkwürdigerweise sogleich »produzieren«. Bezweckt ist eine Irreführung der öffentlichen Meinung in Deutschland.
Wir sollen glauben, eine Zweierunion wäre bereits jetzt wirtschaftlich stärker als die Vereinigten Staaten. Die Tatsachen: das Bruttosozialprodukt der Bundesrepublik und Frankreichs zusammen liegt unter 800 Milliarden DM – das der USA nähert sich der 600-Milliarden-Dollar-Grenze, also einer Summe von 2400 Milliarden DM. Daraus folgt, daß die Wirtschaftskraft der annähernd 190 Millionen Amerikaner dreimal so stark ist wie die der rund 100 Millionen Franzosen und Bundesrepublikaner.
Eine weitere Tatsache: es gibt keine deutsch-französische Nation, deren Verteidigungsanstrengungen ein und dasselbe Ziel hätten. Es gibt aber eine amerikanische Nation, und diese Nation hat ein militärisches Potential aufgebaut, das selbst ein vollkommen vereinigtes EWG-Europa nicht in zehn Jahren einholen könnte. Das Pentagon verfügt über mehr als 200 Milliarden DM im Jahr; die Ermekeilkaserne über etwa ein Zehntel.
Wir haben gar keine Wahl. Sicherheit gibt es für das geographische Handtuch Bundesrepublik Deutschland nur hinter dem atomaren Schild der Amerikaner. Ein Düsenjäger, der in Ramstein, am äußersten Westrand unseres Landes, startet, braucht genau neun Minuten, und er überfliegt die Zonengrenze bei Eisenach. Wir sind ein Neun-Minuten-Land geworden. Auch unsere Außenpolitik kann ehrlicherweise nichts anderes sein als eine Neun-Minuten-Außenpolitik. Frankreich mag demgegenüber immerhin ein 18-Minuten-Land sein. Infolgedessen kann man in Paris eine 18-Minuten-Außenpolitik machen. Aber darf man die – ehrlicherweise – eine »politique de grandeur« nennen? Niemand sollte, nach allem, was war, daherkommen und uns ein neues Märchen von nationaler Größe erzählen. Größe – was ist das? In unserer heutigen Welt sind nur drei Mächte groß: die USA, die Sowjetunion und China.
Europa, auch wenn es nicht bis zum Ural reichen würde, könnte in diesem Sinne »groß« werden: die Sechs und die Fünf gemeinsam, das müßte zählen. Aber wo wüchse es denn heran, dieses Groß-Europa? Und wer verhindert denn die zarten Ansätze dazu? Sind es nicht die Grandeur-Politiker vor allem? Gewiß, eine europäische Gänsehaut ist nur zu begreiflich angesichts der Möglichkeit eines Goldwater-Amerika. Aber wir sind auf Gedeih und Verderb an Washington gebunden, wer immer dort regieren mag. Ein einziger neuer Eishauch aus Moskau würde genügen, ein einziges neues Berlin-Ultimatum, und wir wüßten allesamt wieder besser, was die Stunde geschlagen hat.
Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein Lyndon-Johnson- und kein Barry-Goldwater-Amerika sein, dem wir für die nächsten Jahre unsere Sicherheit anvertrauen müssen. Aber selbst, wenn es ein Goldwater-Amerika wäre, wir hätten keine Wahl. In der deutschen Frage haben wir uns ein gefährliches Tagträumen angewöhnt; es wäre noch gefährlicher, wenn wir uns außenpolitischen Träumereien hingäben. Was wir aus Paris vernehmen – und neuerdings aus München und Rhöndorf –, das sind Scheinalternativen. Glücklicherweise wissen das die Regierung und die Opposition gleichermaßen. Darüber hinaus aber ist es notwendig, daß das Volk der Bundesrepublik Deutschland es nie vergißt.
Wer in Gefahr gerät, den Kontakt mit der Wirklichkeit zu verlieren, dem kann geholfen werden: eine kleine Reise nach Berlin; dort ist noch beides sehr gegenwärtig – die Bedrohung und ihre Abwehr. Dort ist noch immer keinerlei Irrtum darüber möglich, um wen es sich in der Weltpolitik dieser Epoche praktisch handelt: die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten.
Neue Atommächte
Moskau ist in der Lage, aus dem Warschauer Pakt eine Atommacht zu entwickeln. Dies könnte die Antwort sein auf die »Multilaterale Atomstreitmacht« (MLF) der Amerikaner für NATO-Mächte. In Washington liegen Studien vor, die konkrete Möglichkeiten der Russen aufzeigen, ständig eine Atomraketenflotte vor den amerikanischen Küsten operieren zu lassen.
Solche Aspekte gewannen jetzt Aktualität durch die Sowjetnote, die an sieben NATO-Staaten gerichtet war: die USA, Großbritannien, Italien, Holland, Türkei, Griechenland, die Bundesrepublik Deutschland. Darin warnt Moskau vor der MLF, die durch den Versuch auf dem US-Torpedoboot-Zerstörer »Biddle« der Verwirklichung nahegerückt ist; Offiziere und Mannschaften von sieben NATO-Staaten sind daran beteiligt.
»Selbstverständlich würde die Sowjetunion zusammen mit anderen friedliebenden Ländern gezwungen sein, die entsprechenden Maßnahmen zu treffen.« Diese Formulierung erinnert an ähnliche Ankündigungen der Russen vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der NATO. Die kommunistischen Antworten waren seinerzeit: die politische Etablierung der »Deutschen Demokratischen Republik« und die militärische Koordinierung der Satelliten Moskaus im Warschauer Pakt.
In beiden Fällen wartete Moskau ein fait accompli durch den Westen ab, um seine eigenen Schritte völkerrechtlich und propagandistisch als Verteidigungsmaßnahmen hinstellen zu können. Es ist wahrscheinlich, daß die Sowjets einen ähnlichen Schachzug im Hinblick auf die MLF vorbereiten. Hierbei könnte sie politisch, mehr noch militärisch, günstigere Positionen erringen. Die MLF bedeutet keine entscheidende Verbesserung der militärischen Verteidigungsbereitschaft des Westens als Ganzes. Die USA erreichten ein Ausmaß an gestaffeltem und gestuftem atomaren Potential, das bereits jetzt jeder Herausforderung gewachsen ist. Präsident Kennedy entwickelte das MLF-Projekt, um europäischen Wünschen nach stärkerem Mitspracherecht beim Einsatz von Kernwaffen rechtzeitig entgegenzukommen und gleichzeitig europäischen Wünschen nach eigenen Atomwaffen vorzubeugen.
Als er auf der Bahama-Konferenz in Nassau zunächst die Briten für diese Idee zu gewinnen hoffte, war es bereits zu spät für ein Arrangement mit den Franzosen, auf das es Kennedy vor allem ankam. Im Gegenteil: Macmillans Bereitschaft, die vorhandenen englischen Kernwaffen in ein an Amerika gebundenes übernationales (multilaterales) Atomsystem einzubringen, gab den Ausschlag für de Gaulles Nein gegen die Aufnahme Englands in die EWG.
Die Bundesrepublik Deutschland ist der einzige Bündnispartner der USA, der bisher sein volles Ja zur MLF sprach, der bereit ist, die erheblichen Mittel für den Bau der Raketenflotte zu etwa 40% aufzubringen, und der sich den amerikanischen Bedingungen für die operative Struktur und den Einsatzmechanismus fügt.
Die Russen sehen darin den Beweis für einen Griff der Deutschen nach Atomwaffen. Erhard, Schröder, von Hassel hingegen wollen ebenso wie Kennedy und Johnson die MLF, weil sie die einzige erreichbare Lösung für eine annehmbare Befriedigung berechtigter Wünsche ist, die die europäischen Partner Amerikas hinsichtlich einer ausreichenden Beteiligung am effektivsten Mittel der gemeinsamen Verteidigung hegen.
Adenauer und Strauß sind damit nicht zufrieden; sie hoffen, mit de Gaulle zusammen einen notfalls von Amerika unabhängigen Atomschutz für Europa aufbauen zu können. Das ist der militärpolitische Kern der derzeitigen außenpolitischen Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den Führern der CDU und CSU. Die Polemik Moskaus würde sich also mit mehr Berechtigung gegen die französischen und deutschen Gaullisten richten.
Wenn die Verteidigung des Westens, wie Washington immer wieder bekräftigt, unteilbar ist, dann ist militärisch sowohl die MLF Kennedys wie die europäische Atommacht de Gaulles überflüssig. Die atomare Kapazität der USA reicht für das ganze Bündnis aus. Sinn der MLF ist es nicht, diese »Overkill«Kapazität zu vergrößern, sondern die MLF soll die Europäer politisch beruhigen; sie soll garantieren, daß mit Beteiligung europäischen Bedienungspersonals Atomwaffen auch dann eingesetzt werden, wenn Amerika selbst nicht sofort direkt angegriffen wird. Die sowjetische Antwort könnte eine ähnliche, multilateral zusammengesetzte, kommunistische Atomflotte sein. Polnische, tschechische, ungarische, rumänische, bulgarische – und mitteldeutsche Offiziere und Mannschaften würden sie zusammen mit den Russen bedienen. Mit Gewißheit freilich kämen nur russische Soldaten in die Nähe des Atomdrückers, und der Einsatzmechanismus würde allein in Moskau erarbeitet werden.
Über den Einsatz der Polarisraketen der MLF entscheidet letzten Endes der Präsident der Vereinigten Staaten. Die Amerikaner sind aber bereit, zusammen mit den anderen Teilnehmermächten der MLF für den Einsatz der Flotte und ihrer Atomraketen vorher einen genauen und verbindlichen Einsatzplan auszuarbeiten und zu unterschreiben. Diese Prozedur soll dem geforderten Mitspracherecht der Europäer Genüge tun.
In Washington sieht man einer Flotte sowjetischer Schiffe mit atomaren Mittelstreckenraketen nicht ohne Sorge entgegen. Die Russen könnten ironischerweise sogar ehemalige amerikanische Liberty-Schiffe recht schnell und ohne allzu große Kosten dafür einsetzen. Diese Schiffe würden verstreut, von Kuba auslaufend, vor den Küsten der Vereinigten Staaten kreuzen, und es wäre ein erheblicher Aufwand an Abwehr notwendig, um sie zuverlässig 24 Stunden am Tag zu beschatten.
Atomraketen mit festem Treibstoff, 50 km etwa vor New York oder Cap Kennedy oder New Orleans, ständig einsatzbereit – das könnte das gesamte derzeitige Warnsystem der Amerikaner bei einem Überraschungsangriff unterlaufen. Die Gefahren der Kuba-Krise wären permanent gegeben. Hinter der neuesten Sowjetnote steht also eine ernste militärische Drohung. Freilich existiert sie latent auch ohne MLF, und hätte Moskau wirklich offensive Absichten, wäre sie längst realisiert worden.
Sehr verehrter Herr Bundespräsident!
Zum erstenmal in meinem Leben dachte ich: Schade, daß wir keinen König haben. Ich las die Leitartikel und Polemiken zur Wahl eines neuen Bundespräsidenten auf der Terrasse des kleinen Hotels »Frederik IV.«, eine Stunde hinter Kopenhagen. Ich blickte auf hundertjährigen Rasen, eingerahmt von zartviolettem Rhododendron, überwölbt von dreihundertjährigen Buchen.
Ein paar Schritte von hier lag im Frühlingssonnenschein das Sommerschloß des dänischen Königs. Wie bunte Zinnsoldaten die Wachen unterm Gewehr, vor ihren zinnoberroten Schilderhäuschen, Blick starr geradeaus. Alles so proper, gefestigt, bewährt, solide, bescheiden – so traditionssicher und doch zivil, praktisch und anerkannt, nobel und glücklich-präsent. Offensichtlich verführt dänische Behaglichkeit unruhige Deutsche zur Schwärmerei. Ich genehmigte mir einen eiskalten Aquavit zur Ernüchterung und las meine heimatlichen Gazetten in Ruhe zu Ende:
Also die Freien Demokraten wollten Heinrich Lübke auf gar keinen Fall noch einmal.
Die Christlichen Demokraten waren über ein disharmonisches Nein zu einem Na-Ja-Gut für Lübke übergegangen.
Die Sozialen Demokraten gaben den Ausschlag, und Herbert Wehner rechnete: Wenn schon abermals ein CDU-Staatsoberhaupt, dann lieber dieser Heinrich als der andere, mit Nachnamen Krone.
Apropos Krone. Eine Krone, einen König haben wir nicht; anders als die Dänen. Auch eine Königin kann bei uns, anders als bei den Engländern, keine Tradition hochhalten – proper und nobel und glücklichpräsent. Monarchen, wie einfach, werden nicht gewählt, sondern geboren. Der König ist König – punktum. Wenn man Glück hat, sieht er so gut aus wie Heinrich Lübke. Wenn man noch mehr Glück hat, heiratet er eine Königin von der Statur Frau Ruth Buchers. Wenn man ganz viel Glück hat, kann er so schön reden wie Carlo Schmid.
Monarchie – Republik. Andere Völker erkämpften sich Selbstbestimmung und Selbstverwaltung und behielten ihre Monarchen oder schafften sie ab. Unser Herr Kaiser schaffte sein Volk ab und ging nach Holland. Dafür bekamen wir später Herrn Hindenburg. Den wiederum schaffte sich das Volk freiwillig an, in direkter Wahl. Weil das leider mit der Ermächtigung des Gefreiten Hitler durch Herrn Generalfeldmarschall endete, bestimmte unser Grundgesetz vorsichtshalber: Der Bundespräsident wird von einer parlamentarischen Versammlung gewählt.
Sehr verehrter Herr Bundespräsident! All Ihre Fehler sind von all unseren Parteien nun aufgezählt. Ihre Vorzüge wiegen offenbar schwerer. Sie können noch einmal fünf Jahre lang etwas tun für Deutschland. Kennen Sie diese schöne und wahre Geschichte? Man kann sie hören, wenn man nach Skandinavien reist: Ein norwegischer Kommunist tat einmal, was alle Kommunisten in allen kapitalistischen Ländern immerzu tun – er untergrub die bestehende Ordnung. Man wollte ihn rechtens verurteilen. Da interessierte sich der König Höchstselbst für den Fall. Aber Majestät brauchten sich doch nicht um solche Elemente zu kümmern . . .
Wie jedoch lautete der allerhöchste Kommentar?
»Ich bin König auch meiner Kommunisten.«
Bitte seien Sie, sehr verehrter Herr Bundespräsident, das Staatsoberhaupt auch Ihrer (unserer) Kommunisten. Begnadigen Sie die in der Bundesrepublik rechtens verurteilten »Gesinnungstäter«, wo immer das im Einzelfall nach unseren Gesetzen möglich ist. Warum?
Es wäre menschlich.
Wir können es uns leisten.
Vielleicht käme von drüben ein Gegengeschenk.
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