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Thea Mengeler


CONNECT

Roman


Das Video geht live. Es flackert nicht, hakt nicht. Reiht sich ein in die Masse kaum voneinander zu unterscheidender Livestreams. Sie erscheinen auf den Bildschirmen, erst auf wenigen, dann auf tausenden.

Im Vordergrund Dev, den Blick auf die Kamera geheftet. Um ihn herum tanzen sie, tanzen miteinander, umeinander, berühren sich. Fast. Berühren Dev. Fast. Drehen sich weg, verschwinden aus dem Bild. Dann bricht der Erste zusammen.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

1

Ava kann nicht atmen. Sie drückt die Handflächen gegen die Wände der engen Toilettenkabine, als könnte das die Welt davon abhalten, unter ihr wegzukippen. Hände und Füße sind wie in Eiswasser getaucht und in ihren Ohren rauschen Millionen Wasserfälle. Sie weiß nicht, ob da noch jemand ist in den Kabinen neben ihr, weiß nur, dass Luft in ihre Lungen muss, weiß nur, dass sie nicht ohnmächtig werden darf. Als wäre alles endgültig vorbei, wenn sie auch noch diesen Rest von Kontrolle verlöre.

Atmen, denkt sie. Hätte sie noch Luft übrig, würde sie darüber lachen, dass ihr Körper nicht mehr weiß, wie etwas so Selbstverständliches funktioniert. Atmen.

Es dauert Stunden, Tage, Jahre, bis ihr Atem endlich wieder tiefer geht, das Rauschen in ihren Ohren nachlässt. Vorsichtig löst sie die Hände von den Wänden, die Welt kippt nicht weg und sie ist noch immer hier.

Sie lauscht auf Geräusche aus den anderen Kabinen, hört nichts. Draußen auf dem Gang Schritte, irgendwo klingelt ein Telefon. Sie entriegelt die Tür, geht mit unsicherem Schritt zum Waschbecken, lässt warmes Wasser über ihre unterkühlten Hände laufen.

Im Spiegel sieht sie noch die Schatten der Angst. Sie versucht, ihr Gesicht wieder in Ordnung zu bringen. Die Mundwinkel weiter nach oben, viel weiter, die Augen weniger aufgerissen. Ein Muskel in ihrer Wange zuckt.

Sie schöpft sich Wasser ins Gesicht, probiert es noch einmal. Schon besser. Eine Weile noch betrachtet sie ihr Gesicht im Spiegel, als fände sie darin eine Antwort. Dann kehrt sie zurück ins Büro.

Sie hat das Gefühl, ewig weg gewesen zu sein, doch Mel und Liz sagen nichts zu ihrer Abwesenheit. Es muss weniger Zeit vergangen sein, als sie dachte.

Liz ist aufgedreht, zappelig, als wäre sie diejenige, die befördert worden ist. Mel ist noch dabei, ihr die Einzelheiten von dem Gespräch mit Jan zu erzählen. Dass sie minimal weniger Gehalt bekommen, als sie gefordert hatten. Dass Jan natürlich betonen musste, mit der Beförderung käme auch mehr Arbeit auf sie zu. »Als Senioren habt ihr schließlich mehr Verantwortung«, äfft Mel ihn nach. »Als ob wir das nicht wüssten. Aber das ist wieder so typisch. Sie kommen nicht drum herum, uns zu befördern, aber damit wir unter unserem plötzlich aufgeblähten Ego bloß nicht zusammenbrechen, wollen sie dafür sorgen, dass wir uns ein kleines bisschen überfordert vorkommen.« Mel lacht. »Das ist so armselig.«

Die Luft fühlt sich leergeatmet an. Ava öffnet das Fenster.

Für Mel ist jeder Versuch, ihr Vorankommen zu boykottieren, nur ein weiterer Ansporn. Als wäre ihr Triumph umso größer, je mehr Widerstand sich ihr entgegenstellt.

Ein fast synchrones »Pling« ertönt aus allen drei Rechnern.

Betr.: »Work hard, party harder«

Eine gute Nachricht für alle Bierliebhaber: Ab sofort könnt ihr es nicht nur trinken, sondern auch Werbung dafür machen! Wir haben den »What the beer«-Etat gewonnen! Darauf müssen wir anstoßen. Heute. Ab 18.00. Dachterrasse. Hunger ist keine Ausrede, nicht aufzutauchen, immerhin ersetzen sieben Bier eine Mahlzeit (und für alle, denen das nicht reicht, gibt es auch Pizza).

Bis später!

Die Geschäftsführung aka Dave, Matthias und Tobi

»Perfektes Timing!« Mel hat die Mail auch gelesen und sofort beschlossen, eine inoffizielle Beförderungs-Party daraus zu machen. Widerstand zwecklos.

Ava will allein sein. Sie will auf keinen Fall allein sein. Vielleicht wird sie verrückt.

»Ab auf die Terrasse«, ruft Mel und klappt ihren Laptop zu.

2

Ava ist froh, draußen zu sein, auch wenn der Wind scharf über die Dachterrasse zieht. Gierig saugt sie die kühle Luft ein, bekommt fast genug davon in die Lungen. Zwei Praktikantinnen, deren Namen sie nicht kennt, stehen als Scherenschnitte vor der untergehenden Sonne. Zwei einander entgegen gereckte Bierflaschen, die sich beinahe berühren, aber nicht ganz. Lockiges Haar, durch das an einigen Stellen das Abendlicht blitzt.

Der Auslöser von Avas Handykamera tut so, als wäre er eine Spiegelreflex, klackt, obwohl er nicht müsste. Drei Filter später kommt das Bild einigermaßen an die Realität heran, hat die gleiche Bierwerbungs-Leichtigkeit. #work-beerbalance.

So wie das Bild aussieht, denkt Ava, müsste sie sich fühlen. Sie stopft das Handy zurück in ihre Gesäßtasche, zieht die Ärmel ihrer Jacke über die Hände, um die Kälte der Bierflasche weniger zu spüren. Neben ihr faltet sich Mel auf dem Sofa zusammen, zieht die Füße unter sich, bevor sie ihre eigene Flasche gegen die von Ava klirren lässt.

»Auf den nächsten Schritt zum Boss.« Ava versucht zu lachen, doch in ihr zieht sich etwas zusammen. Sie kippt einen großen Schluck Bier in sich hinein, in der Hoffnung, dass es den Klumpen in ihrem Innern auflöst. Aber alles, was sie davon hat, ist ein bitterer Geschmack im Mund.

Sie lässt die Bierflasche über ihre Schläfen rollen, doch die Kühle geht nicht tief genug. Bestimmt ist sie nur erschöpft. Sie muss sich ausruhen, sich erholen. Dann wird sie sich auch freuen können. Oder?

»Lass uns tanzen!« Mel zieht sie vom Sofa hoch. Irgendwer hat Britney Spears angemacht und eine Gruppe von Leuten tanzt pseudo-ironisch.

Ava ist immer schon beeindruckt gewesen von Mels scheinbar unerschöpflicher Energie. Auf der Tanzfläche gewinnt ihr schlaksiger Körper an Kontrolle, und während Ava nur alibimäßig ein bisschen vor sich hin wippt, gibt Mel im Mittelpunkt der Tanzenden eine perfekte Britney-Imitation ab. Dann wird Britney ziemlich abrupt von einem harten elektronischen Beat abgelöst, der in Ava vibriert wie ein tausendfach verstärkter Herzschlag. So unauffällig wie möglich tanzt sie sich aus dem Kreis hinaus, geht zurück ins Büro, um ihre Sachen zu holen.

Als sie sechs Etagen tiefer aus dem Gebäude tritt, meint sie noch den stumpfen Beat zu hören und ein entferntes Lachen, das vielleicht Mels ist.

3

Sie muss sich entspannen. An diesem Wochenende wird sie nicht aufräumen, nicht einkaufen, nicht kochen. Den Samstagmorgen beginnt sie mit Schaumbad und Gesichtsmaske, trinkt Tee statt Kaffee und versucht sich im Meditieren, bricht den Versuch allerdings schnell wieder ab. Sie kommt nicht zur Ruhe. Als wüsste sie nicht mehr, wie das geht.

Stundenlang klickt sie sich durch Serien und Filme, kann sich für nichts entscheiden, fängt etwas an, ist nach einer halben Folge gelangweilt, sucht weiter, macht am Ende die Serie an, die sie schon so oft gesehen hat, dass sie die Dialoge beinahe mitsprechen kann. Während die Serie in ihren Augenwinkeln flackert, scrollt sie durch die Bilder ihrer Online-Freunde, die am Strand oder im Café sitzen, Kopfstand üben, zeichnen, stempeln, Kleider nähen. Nur sie sitzt zu Hause auf der Couch und scheitert schon daran, zu entspannen.

Über dem Bild eines Gin-Frühstücks ploppt eine Nachricht von Mel auf.

»Ausstellungseröffnung heute Abend im Quadrat?«

Ava will nicht. Will nicht raus, nicht unter Leute, nicht reden müssen. Will nicht vom Sofa aufstehen, sich nicht anziehen, Makeup auflegen und ein gutgelauntes Gesicht.

»Klar«, antwortet sie trotzdem. »See you there.«

Sie war nie gut darin, nein zu sagen.

Auf ihrem Laptop absolvieren Mutter und Tochter im Halbschlaf einen Tanzmarathon. Früher hat Ava die Serie geliebt, jetzt schaut sie sie bloß noch wegen des Restgefühls von damals, das noch immer an den Bildern klebt. Später bestellt sie Pizza und einen großen Becher Eis, isst beides im Liegen auf dem Sofa. Die Champagnerparty der End-Zwanziger. Danach fühlt sie sich faul und fett und ist beinahe froh über die Verabredung mit Mel, froh, nicht auch noch den Rest des Abends allein mit sich verbringen zu müssen.

Die Serie läuft im Hintergrund weiter, während sie sich duscht, anzieht, schminkt. Als sie fertig ist, schaut sie lange in den Spiegel. Sie weiß selbst nicht, wonach sie sucht, dreht sich abrupt um, klappt den Laptop zu, verlässt die Wohnung.

4

Eine Kellnerin schiebt sich durch den schmalen Gang, dessen Decke und Wände lückenlos mit identischen Silikon-Dildos bedeckt sind. Ihr folgt ein sanftes rosa Wippen, wo ihr Arm zu nah an der Wand entlang streift.

Ava nimmt sich ein zweites Glas Wein von dem noch vollen Tablett, folgt der Kellnerin weiter durch den Gang und in den Ausstellungsraum hinein. Ein etwa 50-jähriger Anzugträger mit perfekt gescheiteltem Haar erklärt seiner weiblichen Begleitung, warum diese Installation ein gelungener Kommentar auf die weiße, männliche Vorherrschaft ist. #metoo.

Ava ist erleichtert, als sie aus dem Gang tritt und um sie endlich wieder Raum ist. Sie schaut auf ihr Handy. Keine Nachricht. In fünf Minuten ist eine Performance angekündigt und man sammelt sich bereits lose um eine Metallstange, die mitten in den Raum geklemmt wurde. Auch sie stellt sich dazu, schaut sich um, während sie wartet.

Aus dem Penis-Gang taucht eine Ex-Kollegin auf, neben ihr der Freund, den Ava schon auf zu vielen Fotos gesehen hat. Verliebt am Strand, verliebt vorm Eiffelturm, verliebt am Holocaust-Denkmal. Ava grüßt aus der Ferne und dreht sich im gleichen Moment weg, um sich mit demonstrativer Aufmerksamkeit dem Kunstwerk neben ihr zu widmen – einer Collage aus Slip-Einlagen. Weil sie sich nicht gleich wieder wegdrehen will, schaut sie genauer hin, schaut länger hin und ist überrascht, wie ästhetisch es wirkt, das sich überlagernde Weiß in Weiß mit den eingestanzten Blumenmustern. Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie die Ex-Kollegin vorbeigeht, während sie selbst den nachdenklichen Kunstbetrachtungs-Blick aufsetzt, der hier zum Dresscode gehört. Und während sie noch überlegt, ob sie jetzt lange genug die Collage angeschaut hat, ob sie weitergehen sollte, kippt der Geräuschpegel, wird erst dumpfer, erstirbt dann ganz.

Ava hört eine Tür ins Schloss schnappen, sieht, wie eine Gasse sich bildet, durch die eine schmale Person mit nackten Füßen schreitet, den gesenkten Kopf unter einer schwarzen Kapuze verborgen. Sie tritt in den Kreis, der sich um die Metallstange geschlossen hat, bleibt einige Augenblicke reglos stehen. Aus einer der hinteren Reihen ertönt ein unterdrücktes Räuspern.

Die Kapuze wird zurückgeschlagen und der dazugehörige Umhang gleitet zu Boden. Darunter taucht eine Frau auf, Anfang zwanzig vielleicht, mit streng zurückgebundenem Haar und starrem Blick. Sie tritt nah an die Stange heran, greift sie weit oben, zieht sich hoch, zieht auch die Beine hoch, verharrt in einer Art schwebenden Embryo-Haltung. Neben Ava ein Rascheln, als jemand sein Gewicht auf das andere Bein verlagert, ansonsten Stille.

Nachdem sich einige Zeit nichts gerührt hat, fängt Ava zu zählen an, kommt bis sieben, bevor die Frau die Beine an der Stange nach unten gleiten lässt und, ohne einen Moment innezuhalten, den gleichen Weg zurück nimmt, den sie gekommen ist. Der schwarze Umhang bleibt auf dem Boden zurück, während der Zuschauerkreis sich fast augenblicklich auflöst.

Ava ist, als hätte sie als einzige die Pointe nicht verstanden und steht also weiter da, wartet auf irgendeine Art von Erkenntnis, die sich nicht einstellt. Stattdessen vibriert es in ihrer Tasche. Mel entschuldigt sich, dass sie noch immer nicht da ist, aber sie ist unterwegs auf einer Party hängen geblieben, zu der Ava unbedingt auch kommen muss.

Mel wird nicht kommen. Plötzlich kommt Ava der Raum noch voller vor und sie will bloß noch raus. Sie leert den Wein in einem Zug, geht Richtung Ausgang.

Damit ihre Absage nicht zu eingeschnappt klingt, schickt sie Mel ein Bild des Penis-Gangs. Ein Dildo im Vordergrund scharf und groß, während die im Hintergrund sich in eine rosa gepunktete Fläche auflösen. »Fuck it. Ich geh ins Bett«, schreibt sie, während sie sich erneut durch den schmalen Gang schiebt.

Ava ist schon halb zur Tür hinaus, als sie ihren Namen hört. Kurz überlegt sie, einfach weiterzugehen, doch sie hat schon einen Moment zu lange gezögert. Als sie sich umdreht, steht Lina direkt vor ihr. Lina, die sie zuletzt an der Uni gesehen hat und auch da meist nur aus der Ferne. Lina war auf allen Veranstaltungen, allen Partys, immer in Bewegung, wie ein Flirren in überhitzter Luft. Man konnte sie gar nicht übersehen.

Ihr Haar ist kürzer als früher, reicht kaum noch zum Kinn und ist an einer Seite ganz geschoren. Darunter tritt umso klarer das schmale Gesicht hervor, mit den hohen Wangenknochen, den wie immer knallrot nachgezeichneten Lippen. Ava hätte sie überall wiedererkannt. Dass Lina sich allerdings an sie erinnert, sogar ihren Namen kennt, hätte Ava nicht erwartet. Fast noch mehr überrascht sie die feste Umarmung, in der sie sich plötzlich wiederfindet und die für eine flüchtige Bekanntschaft einen Moment zu lange dauert. Würde Lina sie kennen, wüsste sie, dass Ava sich in Umarmungen unwohl fühlt. Nie weiß sie, wohin mit ihren Armen und danach bleibt oft noch minutenlang ein Druckgefühl zurück, dass sich über Brust und Schultern legt wie ein verkehrt herum aufgesetzter Rucksack.

»Bist du auch auf der Flucht?« , flüstert Lina noch halb in die Umarmung hinein.

Kein »Was machst du denn hier?«, kein »Ist ja ewig her!«, kein »Wie geht’s dir?«. Stattdessen flüstert Lina ihr ein paar Kommentare über die Ausstellung zu, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich hier treffen. Als hätten sie sich erst vor ein paar Tagen das letzte Mal gesehen. Der unsichtbare Rucksack über Avas Brust lockert sich. »Und weißt du, was diese Performance sollte?«

Lina knotet ihren Körper um eine imaginäre Stange, lacht laut und bemerkt nicht einmal die pikierten Kunstkenner-Blicke, die sich nach ihr umwenden. »Der sterbende Feuerwehrmann«, schlägt Ava vor und Lina lacht noch lauter. Aus den Blicken wird ein Kopfschütteln und Ava kann das Zungenschnalzen beinahe hören. Und auch Lina scheint es bemerkt zu haben, denn sie beugt sich näher zu Ava, flüstert, dass sie vielleicht besser woanders weiter lästern sollten. Ava nickt. Nicht nur, weil sie schlecht darin ist, nein zu sagen.

5

Ava lässt sich in einen Sessel fallen. Niemals wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass es hier so etwas geben könnte. Wie auch? Niemand würde auf der Suche nach einer Bar durch den Hausflur eines Wohnhauses gehen, den Hof überqueren und die Tür des Hinterhauses öffnen. Nicht einmal ein Schild verrät, was sich hinter der unauffälligen Fassade verbirgt. Nur ein paar murmelnde Stimmen und gedämpftes Licht, das durch die Scheiben sickert. Selbst im Innern sieht man der Bar noch an, dass sie früher eine Wohnung war. Die Zimmertüren hat man ausgehängt und in den verschieden großen Räumen drängen sich nun kleine Gruppen von Sesseln, Sofas und kleinen Couchtischchen, auf die zerbeulte Leselampen ihre schiefen Lichtkegel werfen. Alles macht einen etwas improvisierten Eindruck, wie vom Sperrmüll zusammengesammelt.

Kaum, dass sie sich gesetzt haben, steht eine Frau zwischen ihren Sesseln, berührt Lina leicht am Arm. Sie fügt sich perfekt in den Raum ein mit ihrer Kleidung aus mindestens zweiter Hand. In ihrer hoch in der Taille sitzenden Marlene-Hose steckt ein verblasstes und einige Nummern zu großes Chicago-Bulls-Shirt. An den Füßen leicht vergilbte Sneaker, um den Hals diverse Ketten. Ava findet einen solchen ausgestellten Stilmix eigentlich albern, doch irgendwie kann sie ihn an dieser Frau nicht albern finden. Vielleicht wegen der beiläufigen Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn trägt, vielleicht wegen des ungeschminkten Gesichts unter der schon rauswachsenden Kurzhaarfrisur, vielleicht wegen des übergroßen Mundes, der lächelnd fast ihr halbes Gesicht einnimmt.

Lina und sie umarmen sich fest und lange. »Wir haben dich vermisst letzte Woche«, sagt die Frau jetzt und hält Lina noch einen Moment an den Schultern fest, schaut ihr forschend ins Gesicht. »Es geht dir aber gut, oder?« Lina nickt, sie sei nur für ein paar Tage verreist. »Dann bin ich beruhigt«, das Lächeln breitet sich wieder über ihrem Gesicht aus, als sie sich Ava zuwendet.

»Entschuldige bitte, ich beanspruche Lina hier ganz für mich. Ich bin Paula.« Und ehe Ava reagieren kann, hat Paula sich zu ihr heruntergebeugt und auch sie umarmt. Dann setzt sie sich auf die Armlehne von Linas Sessel und plaudert noch etwas mit ihr, wobei sie jedoch immer wieder zu Ava herüberlächelt und kurze Erklärungen einflicht, wann immer es nötig ist. Ava kann dem Gespräch nicht ganz folgen, stört sich aber nicht daran. Sie mag Paulas Art, mit dem ganzen Körper zu sprechen, ihre ausladenden Gesten und ihr sich ständig veränderndes Gesicht. Ganz automatisch scheint sie die Menschen nachzuahmen, über die sie spricht. Die leicht geschürzten Lippen des Einen, das schiefe Lächeln der Anderen. Aber es hat nichts Herablassendes an sich. Es ist mehr, als schlüpfe sie kurz in die Haut der anderen, um besser von ihnen erzählen zu können.

»Aber ihr seid ja sicher nicht hier, um euch meine Geschichten anzuhören«, unterbricht sie sich schließlich selbst. »Was kann ich euch bringen?« Und zu Lina: »Grauburgunder wie immer?« Ava nimmt das Gleiche und Paula drückt beiden noch einmal kurz den Arm, bevor sie im Nebenraum verschwindet.

»Du bist öfter hier.« Es ist eigentlich eher eine Feststellung als eine Frage, aber Lina nickt trotzdem. »Der Laden gehört Freunden von mir. Paula hast du ja gerade kennengelernt. Sie macht das hier zusammen mit Lars und Dominique. Die drei wohnen gleich hier drüber.«

Wenig später halten beide ein Weinglas in der Hand. »Auf zufällige Begegnungen«, sagt Lina und lässt ihr Glas gegen Avas klirren. Beide nippen an ihrem Wein, und einen Moment lang ist nicht mehr zu hören als das dumpfe Gemurmel von Gästen aus den anderen Räumen und ein entferntes Klirren, das wahrscheinlich aus der Küche kommt. Was, wenn sie sich gar nichts zu sagen haben? Ein Paar durchquert den Raum, ihre Schritte dumpf auf dem Dielenboden. Man lächelt sich kurz zu, dann verschwinden die beiden in den nächsten Raum hinein. Wieder Stille. Ava zwingt sich, etwas zu sagen, irgendetwas zu sagen. »Ich wusste gar nicht, dass du auch hier wohnst. Bist du gleich nach dem Studium hergezogen?«

Lina wiegt ihren Kopf unbestimmt hin und her. »Jein. Also, ja ich bin nach dem Studium hergezogen, aber dazwischen war ich noch an so einigen anderen Orten.« Während Ava noch darüber nachdenkt, ob sie weiter nachfragen sollte, spricht Lina von selbst weiter. »Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht, aber zu Unizeiten war ich ziemlich extrem drauf. Überall dabei, immer hundertzwanzig Prozent.« Ava nickt. »Das fand ich ziemlich beeindruckend.« Lina schüttelt den Kopf. »Musst du nicht. Nach der Uni hab ich genauso weiter gemacht, nur jetzt in Agenturen. Also nachts und am Wochenende arbeiten, nie krank, selten Urlaub … und irgendwann saß ich dann morgens ne Stunde heulend im Flur, weil ich es einfach nicht geschafft hab, meine Wohnung zu verlassen.«

Ava dreht ihr Weinglas in der Hand. Feine Linien ranken sich darauf, treffen nicht ganz auf den Rand des Glases, laufen knapp darunter in Spitzen zusammen. Ava will etwas sagen, aber weiß nicht, was, sagt »Scheiße« und weiß selbst, dass eigentlich viel mehr zu sagen wäre. Sie denkt an diese endlosen Minuten in der Agenturtoilette und nimmt einen großen Schluck Wein.

»Ich hab mir dann drei Wochen frei genommen und bin nach Südamerika geflogen. Digital Detox. Was für ein Klischee«, sagt Lina, noch bevor Ava es denken kann. »Bei der Arbeit habe ich niemandem was gesagt. Offiziell hatte ich einfach nur Urlaub. Tolles Last-minute-Angebot«, sie schüttelt den Kopf. »Und natürlich meinte ich danach, alles verstanden zu haben. Ich würde viel weniger arbeiten und viel mehr meditieren.« Sie spricht nicht weiter.

»Und, hast du?«

Lina lacht. »Ungefähr zwei Wochen. Danach kam der nächste Pitch und ich hatte keine Zeit mehr zum Meditieren. Und dann kam irgendwann der nächste Burnout und da hab selbst ich gecheckt, dass das vielleicht alles nicht so ganz gesund für mich ist.« Lina lehnt sich zurück, legt ein Bein über die Sessel-Lehne. »Ich hab also gekündigt und bin nach Indien gegangen. Ich lass auch kein Klischee aus. Ich hab da ein Jahr lang eine Yogalehrer-Ausbildung gemacht.«

»Und jetzt unterrichtest du Yoga?«, Ava schafft es nicht, ihre Überraschung zu verstecken.

»Nein, das war eine ziemlich bescheuerte Idee. Ich bin nicht wirklich der Yogalehrer-Typ. Ich hab mich ziemlich schnell gelangweilt und um ehrlich zu sein … Ich hab auch das Agenturleben vermisst. So ätzend das auch manchmal ist, zumindest ist es nicht langweilig.«

Ava nickt langsam und Lina sieht sie mit schief gelegtem Kopf an. »Siehst du das anders?« Ava zuckt mit den Schultern. »Ne, stimmt schon.«

Aber die Antwort genügt Lina offenbar nicht. Sie drängt Ava zwar nicht, aber scheint darauf zu warten, dass Ava fortfährt. Einige Augenblicke ist es still, während Ava ihr Glas in den Händen dreht. Sie schaut Lina nicht an, als sie weiterspricht. »Irgendwie ist das doch alles total sinnfrei. Achtzig Prozent von dem, was man den ganzen Tag macht, landet eh in der Tonne und die restlichen zwanzig Prozent sind nicht mal gut. Und wenn man ungefähr einmal im Jahr echt was Geiles macht, schreibt irgendwer seinen Namen drauf, der das Ganze dreimal gesehen und abgenickt hat. Und wofür das Ganze?« Ava spricht schneller. »Damit irgendein Unternehmen noch ein bisschen mehr Geld scheffeln kann. Und die Sachen, auf die man eigentlich Bock hat, zu denen kommt man nicht mehr, wenn man nämlich mal frei hat, ist man so fertig, dass man gar nichts mehr machen will.« Sie bricht ab, ist selbst überrascht von ihrem Ausbruch.

Als sie den Kopf hebt, sieht sie Lina nicken. »Genau deshalb bin ich inzwischen Freelancer. Du glaubst gar nicht, wie befreiend das ist. Natürlich musst du einen anständigen Job machen, aber was aus den Projekten am Ende wird, kann dir völlig egal sein. Und mehr Freizeit hast du auch wieder.«

»Hmm …« Ava fährt das Muster auf ihrem Glas mit dem Finger nach. »Ja, versteh ich. Aber ich glaube, das wär nichts für mich.«

Lina zieht die Füße hoch auf ihren Sessel. »Wieso nicht?«

Ava antwortet nicht gleich. Sie hat nie so genau darüber nachgedacht, warum sie sich nie vorstellen konnte, als Freelancer zu arbeiten. »Ich glaube«, sagt sie zögernd »ich möchte nicht darauf verzichten, ein Team zu haben. Und auch die Jobs. Wenn ich mir einen TV-Spot ausdenke, dann habe ich keinen Bock drauf, dass irgendwer ihn danach übernimmt und komplett versaut.«

Lina scheint einen Moment darüber nachzudenken. »Macht Sinn. Ist mir aber komischerweise egal. Mir waren die Ideen immer wichtiger als die Umsetzung.« Sie zieht eine Grimasse. »Darauf hatte ich meistens eh keinen Bock, also passt das für mich ganz gut. Im Grunde bin ich faul. Ich fange Sachen gerne an, aber bring sie nicht so gerne zu Ende.«

»Oh ja, genau.« Ava fällt in Linas Tonfall ein. »Deshalb hast du auch deinen Abschluss als Jahrgangsbeste gemacht, weil du Dinge so ungern zu Ende bringst.« Und von da aus schwappt ihr Gespräch in leichtere Themen. In gemeinsame Erinnerungen an Professoren, über deren Sadismus man im Nachhinein lachen kann und andere, denen man bis heute dankbar ist. Zu Kommilitonen, von denen sie nur noch Brocken von Informationen haben, die sich meist in den ersten Jahren nach dem Studium verlieren. Am meisten Eindruck hinterlassen hat der, der gleich nach dem Abschluss alles hingeworfen hatte, um Gärtner zu werden.

Im Schein des kleinen Lichtkegels, der ihre beiden Sessel gerade einmal streift, lässt sich beinahe vergessen, dass sie sich in einer Bar befinden. Auch Ava hat jetzt die Füße hoch auf ihren Sessel gezogen, schmiegt sich in die Kuhle, die schon andere Rücken hinterlassen haben. Und nur unterbrochen von Paula, die kommt, um ihre Gläser nachzufüllen, spinnen Ava und Lina Alternativ-Leben, in denen auch sie keine Designer sind, sondern Bäcker, Alpaka-Züchter oder Schnapsbrenner. Sie gehen erst, als kein Murmeln mehr aus den anderen Zimmern dringt und Paula beim Nachschenken ein Gähnen nur mühsam unterdrückt.

1 760,73 ₽
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272 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783701182442
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Bookwire
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