Читать книгу: «connect»

Шрифт:

leykam: seit 1585

Thea Mengeler


CONNECT

Roman


Das Video geht live. Es flackert nicht, hakt nicht. Reiht sich ein in die Masse kaum voneinander zu unterscheidender Livestreams. Sie erscheinen auf den Bildschirmen, erst auf wenigen, dann auf tausenden.

Im Vordergrund Dev, den Blick auf die Kamera geheftet. Um ihn herum tanzen sie, tanzen miteinander, umeinander, berühren sich. Fast. Berühren Dev. Fast. Drehen sich weg, verschwinden aus dem Bild. Dann bricht der Erste zusammen.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

1

Ava kann nicht atmen. Sie drückt die Handflächen gegen die Wände der engen Toilettenkabine, als könnte das die Welt davon abhalten, unter ihr wegzukippen. Hände und Füße sind wie in Eiswasser getaucht und in ihren Ohren rauschen Millionen Wasserfälle. Sie weiß nicht, ob da noch jemand ist in den Kabinen neben ihr, weiß nur, dass Luft in ihre Lungen muss, weiß nur, dass sie nicht ohnmächtig werden darf. Als wäre alles endgültig vorbei, wenn sie auch noch diesen Rest von Kontrolle verlöre.

Atmen, denkt sie. Hätte sie noch Luft übrig, würde sie darüber lachen, dass ihr Körper nicht mehr weiß, wie etwas so Selbstverständliches funktioniert. Atmen.

Es dauert Stunden, Tage, Jahre, bis ihr Atem endlich wieder tiefer geht, das Rauschen in ihren Ohren nachlässt. Vorsichtig löst sie die Hände von den Wänden, die Welt kippt nicht weg und sie ist noch immer hier.

Sie lauscht auf Geräusche aus den anderen Kabinen, hört nichts. Draußen auf dem Gang Schritte, irgendwo klingelt ein Telefon. Sie entriegelt die Tür, geht mit unsicherem Schritt zum Waschbecken, lässt warmes Wasser über ihre unterkühlten Hände laufen.

Im Spiegel sieht sie noch die Schatten der Angst. Sie versucht, ihr Gesicht wieder in Ordnung zu bringen. Die Mundwinkel weiter nach oben, viel weiter, die Augen weniger aufgerissen. Ein Muskel in ihrer Wange zuckt.

Sie schöpft sich Wasser ins Gesicht, probiert es noch einmal. Schon besser. Eine Weile noch betrachtet sie ihr Gesicht im Spiegel, als fände sie darin eine Antwort. Dann kehrt sie zurück ins Büro.

Sie hat das Gefühl, ewig weg gewesen zu sein, doch Mel und Liz sagen nichts zu ihrer Abwesenheit. Es muss weniger Zeit vergangen sein, als sie dachte.

Liz ist aufgedreht, zappelig, als wäre sie diejenige, die befördert worden ist. Mel ist noch dabei, ihr die Einzelheiten von dem Gespräch mit Jan zu erzählen. Dass sie minimal weniger Gehalt bekommen, als sie gefordert hatten. Dass Jan natürlich betonen musste, mit der Beförderung käme auch mehr Arbeit auf sie zu. »Als Senioren habt ihr schließlich mehr Verantwortung«, äfft Mel ihn nach. »Als ob wir das nicht wüssten. Aber das ist wieder so typisch. Sie kommen nicht drum herum, uns zu befördern, aber damit wir unter unserem plötzlich aufgeblähten Ego bloß nicht zusammenbrechen, wollen sie dafür sorgen, dass wir uns ein kleines bisschen überfordert vorkommen.« Mel lacht. »Das ist so armselig.«

Die Luft fühlt sich leergeatmet an. Ava öffnet das Fenster.

Für Mel ist jeder Versuch, ihr Vorankommen zu boykottieren, nur ein weiterer Ansporn. Als wäre ihr Triumph umso größer, je mehr Widerstand sich ihr entgegenstellt.

Ein fast synchrones »Pling« ertönt aus allen drei Rechnern.

Betr.: »Work hard, party harder«

Eine gute Nachricht für alle Bierliebhaber: Ab sofort könnt ihr es nicht nur trinken, sondern auch Werbung dafür machen! Wir haben den »What the beer«-Etat gewonnen! Darauf müssen wir anstoßen. Heute. Ab 18.00. Dachterrasse. Hunger ist keine Ausrede, nicht aufzutauchen, immerhin ersetzen sieben Bier eine Mahlzeit (und für alle, denen das nicht reicht, gibt es auch Pizza).

Bis später!

Die Geschäftsführung aka Dave, Matthias und Tobi

»Perfektes Timing!« Mel hat die Mail auch gelesen und sofort beschlossen, eine inoffizielle Beförderungs-Party daraus zu machen. Widerstand zwecklos.

Ava will allein sein. Sie will auf keinen Fall allein sein. Vielleicht wird sie verrückt.

»Ab auf die Terrasse«, ruft Mel und klappt ihren Laptop zu.

2

Ava ist froh, draußen zu sein, auch wenn der Wind scharf über die Dachterrasse zieht. Gierig saugt sie die kühle Luft ein, bekommt fast genug davon in die Lungen. Zwei Praktikantinnen, deren Namen sie nicht kennt, stehen als Scherenschnitte vor der untergehenden Sonne. Zwei einander entgegen gereckte Bierflaschen, die sich beinahe berühren, aber nicht ganz. Lockiges Haar, durch das an einigen Stellen das Abendlicht blitzt.

Der Auslöser von Avas Handykamera tut so, als wäre er eine Spiegelreflex, klackt, obwohl er nicht müsste. Drei Filter später kommt das Bild einigermaßen an die Realität heran, hat die gleiche Bierwerbungs-Leichtigkeit. #work-beerbalance.

So wie das Bild aussieht, denkt Ava, müsste sie sich fühlen. Sie stopft das Handy zurück in ihre Gesäßtasche, zieht die Ärmel ihrer Jacke über die Hände, um die Kälte der Bierflasche weniger zu spüren. Neben ihr faltet sich Mel auf dem Sofa zusammen, zieht die Füße unter sich, bevor sie ihre eigene Flasche gegen die von Ava klirren lässt.

»Auf den nächsten Schritt zum Boss.« Ava versucht zu lachen, doch in ihr zieht sich etwas zusammen. Sie kippt einen großen Schluck Bier in sich hinein, in der Hoffnung, dass es den Klumpen in ihrem Innern auflöst. Aber alles, was sie davon hat, ist ein bitterer Geschmack im Mund.

Sie lässt die Bierflasche über ihre Schläfen rollen, doch die Kühle geht nicht tief genug. Bestimmt ist sie nur erschöpft. Sie muss sich ausruhen, sich erholen. Dann wird sie sich auch freuen können. Oder?

»Lass uns tanzen!« Mel zieht sie vom Sofa hoch. Irgendwer hat Britney Spears angemacht und eine Gruppe von Leuten tanzt pseudo-ironisch.

Ava ist immer schon beeindruckt gewesen von Mels scheinbar unerschöpflicher Energie. Auf der Tanzfläche gewinnt ihr schlaksiger Körper an Kontrolle, und während Ava nur alibimäßig ein bisschen vor sich hin wippt, gibt Mel im Mittelpunkt der Tanzenden eine perfekte Britney-Imitation ab. Dann wird Britney ziemlich abrupt von einem harten elektronischen Beat abgelöst, der in Ava vibriert wie ein tausendfach verstärkter Herzschlag. So unauffällig wie möglich tanzt sie sich aus dem Kreis hinaus, geht zurück ins Büro, um ihre Sachen zu holen.

Als sie sechs Etagen tiefer aus dem Gebäude tritt, meint sie noch den stumpfen Beat zu hören und ein entferntes Lachen, das vielleicht Mels ist.

3

Sie muss sich entspannen. An diesem Wochenende wird sie nicht aufräumen, nicht einkaufen, nicht kochen. Den Samstagmorgen beginnt sie mit Schaumbad und Gesichtsmaske, trinkt Tee statt Kaffee und versucht sich im Meditieren, bricht den Versuch allerdings schnell wieder ab. Sie kommt nicht zur Ruhe. Als wüsste sie nicht mehr, wie das geht.

Stundenlang klickt sie sich durch Serien und Filme, kann sich für nichts entscheiden, fängt etwas an, ist nach einer halben Folge gelangweilt, sucht weiter, macht am Ende die Serie an, die sie schon so oft gesehen hat, dass sie die Dialoge beinahe mitsprechen kann. Während die Serie in ihren Augenwinkeln flackert, scrollt sie durch die Bilder ihrer Online-Freunde, die am Strand oder im Café sitzen, Kopfstand üben, zeichnen, stempeln, Kleider nähen. Nur sie sitzt zu Hause auf der Couch und scheitert schon daran, zu entspannen.

Über dem Bild eines Gin-Frühstücks ploppt eine Nachricht von Mel auf.

»Ausstellungseröffnung heute Abend im Quadrat?«

Ava will nicht. Will nicht raus, nicht unter Leute, nicht reden müssen. Will nicht vom Sofa aufstehen, sich nicht anziehen, Makeup auflegen und ein gutgelauntes Gesicht.

»Klar«, antwortet sie trotzdem. »See you there.«

Sie war nie gut darin, nein zu sagen.

Auf ihrem Laptop absolvieren Mutter und Tochter im Halbschlaf einen Tanzmarathon. Früher hat Ava die Serie geliebt, jetzt schaut sie sie bloß noch wegen des Restgefühls von damals, das noch immer an den Bildern klebt. Später bestellt sie Pizza und einen großen Becher Eis, isst beides im Liegen auf dem Sofa. Die Champagnerparty der End-Zwanziger. Danach fühlt sie sich faul und fett und ist beinahe froh über die Verabredung mit Mel, froh, nicht auch noch den Rest des Abends allein mit sich verbringen zu müssen.

Die Serie läuft im Hintergrund weiter, während sie sich duscht, anzieht, schminkt. Als sie fertig ist, schaut sie lange in den Spiegel. Sie weiß selbst nicht, wonach sie sucht, dreht sich abrupt um, klappt den Laptop zu, verlässt die Wohnung.

4

Eine Kellnerin schiebt sich durch den schmalen Gang, dessen Decke und Wände lückenlos mit identischen Silikon-Dildos bedeckt sind. Ihr folgt ein sanftes rosa Wippen, wo ihr Arm zu nah an der Wand entlang streift.

Ava nimmt sich ein zweites Glas Wein von dem noch vollen Tablett, folgt der Kellnerin weiter durch den Gang und in den Ausstellungsraum hinein. Ein etwa 50-jähriger Anzugträger mit perfekt gescheiteltem Haar erklärt seiner weiblichen Begleitung, warum diese Installation ein gelungener Kommentar auf die weiße, männliche Vorherrschaft ist. #metoo.

Ava ist erleichtert, als sie aus dem Gang tritt und um sie endlich wieder Raum ist. Sie schaut auf ihr Handy. Keine Nachricht. In fünf Minuten ist eine Performance angekündigt und man sammelt sich bereits lose um eine Metallstange, die mitten in den Raum geklemmt wurde. Auch sie stellt sich dazu, schaut sich um, während sie wartet.

Aus dem Penis-Gang taucht eine Ex-Kollegin auf, neben ihr der Freund, den Ava schon auf zu vielen Fotos gesehen hat. Verliebt am Strand, verliebt vorm Eiffelturm, verliebt am Holocaust-Denkmal. Ava grüßt aus der Ferne und dreht sich im gleichen Moment weg, um sich mit demonstrativer Aufmerksamkeit dem Kunstwerk neben ihr zu widmen – einer Collage aus Slip-Einlagen. Weil sie sich nicht gleich wieder wegdrehen will, schaut sie genauer hin, schaut länger hin und ist überrascht, wie ästhetisch es wirkt, das sich überlagernde Weiß in Weiß mit den eingestanzten Blumenmustern. Aus den Augenwinkeln sieht sie, wie die Ex-Kollegin vorbeigeht, während sie selbst den nachdenklichen Kunstbetrachtungs-Blick aufsetzt, der hier zum Dresscode gehört. Und während sie noch überlegt, ob sie jetzt lange genug die Collage angeschaut hat, ob sie weitergehen sollte, kippt der Geräuschpegel, wird erst dumpfer, erstirbt dann ganz.

Ava hört eine Tür ins Schloss schnappen, sieht, wie eine Gasse sich bildet, durch die eine schmale Person mit nackten Füßen schreitet, den gesenkten Kopf unter einer schwarzen Kapuze verborgen. Sie tritt in den Kreis, der sich um die Metallstange geschlossen hat, bleibt einige Augenblicke reglos stehen. Aus einer der hinteren Reihen ertönt ein unterdrücktes Räuspern.

Die Kapuze wird zurückgeschlagen und der dazugehörige Umhang gleitet zu Boden. Darunter taucht eine Frau auf, Anfang zwanzig vielleicht, mit streng zurückgebundenem Haar und starrem Blick. Sie tritt nah an die Stange heran, greift sie weit oben, zieht sich hoch, zieht auch die Beine hoch, verharrt in einer Art schwebenden Embryo-Haltung. Neben Ava ein Rascheln, als jemand sein Gewicht auf das andere Bein verlagert, ansonsten Stille.

Nachdem sich einige Zeit nichts gerührt hat, fängt Ava zu zählen an, kommt bis sieben, bevor die Frau die Beine an der Stange nach unten gleiten lässt und, ohne einen Moment innezuhalten, den gleichen Weg zurück nimmt, den sie gekommen ist. Der schwarze Umhang bleibt auf dem Boden zurück, während der Zuschauerkreis sich fast augenblicklich auflöst.

Ava ist, als hätte sie als einzige die Pointe nicht verstanden und steht also weiter da, wartet auf irgendeine Art von Erkenntnis, die sich nicht einstellt. Stattdessen vibriert es in ihrer Tasche. Mel entschuldigt sich, dass sie noch immer nicht da ist, aber sie ist unterwegs auf einer Party hängen geblieben, zu der Ava unbedingt auch kommen muss.

Mel wird nicht kommen. Plötzlich kommt Ava der Raum noch voller vor und sie will bloß noch raus. Sie leert den Wein in einem Zug, geht Richtung Ausgang.

Damit ihre Absage nicht zu eingeschnappt klingt, schickt sie Mel ein Bild des Penis-Gangs. Ein Dildo im Vordergrund scharf und groß, während die im Hintergrund sich in eine rosa gepunktete Fläche auflösen. »Fuck it. Ich geh ins Bett«, schreibt sie, während sie sich erneut durch den schmalen Gang schiebt.

Ava ist schon halb zur Tür hinaus, als sie ihren Namen hört. Kurz überlegt sie, einfach weiterzugehen, doch sie hat schon einen Moment zu lange gezögert. Als sie sich umdreht, steht Lina direkt vor ihr. Lina, die sie zuletzt an der Uni gesehen hat und auch da meist nur aus der Ferne. Lina war auf allen Veranstaltungen, allen Partys, immer in Bewegung, wie ein Flirren in überhitzter Luft. Man konnte sie gar nicht übersehen.

Ihr Haar ist kürzer als früher, reicht kaum noch zum Kinn und ist an einer Seite ganz geschoren. Darunter tritt umso klarer das schmale Gesicht hervor, mit den hohen Wangenknochen, den wie immer knallrot nachgezeichneten Lippen. Ava hätte sie überall wiedererkannt. Dass Lina sich allerdings an sie erinnert, sogar ihren Namen kennt, hätte Ava nicht erwartet. Fast noch mehr überrascht sie die feste Umarmung, in der sie sich plötzlich wiederfindet und die für eine flüchtige Bekanntschaft einen Moment zu lange dauert. Würde Lina sie kennen, wüsste sie, dass Ava sich in Umarmungen unwohl fühlt. Nie weiß sie, wohin mit ihren Armen und danach bleibt oft noch minutenlang ein Druckgefühl zurück, dass sich über Brust und Schultern legt wie ein verkehrt herum aufgesetzter Rucksack.

»Bist du auch auf der Flucht?« , flüstert Lina noch halb in die Umarmung hinein.

Kein »Was machst du denn hier?«, kein »Ist ja ewig her!«, kein »Wie geht’s dir?«. Stattdessen flüstert Lina ihr ein paar Kommentare über die Ausstellung zu, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich hier treffen. Als hätten sie sich erst vor ein paar Tagen das letzte Mal gesehen. Der unsichtbare Rucksack über Avas Brust lockert sich. »Und weißt du, was diese Performance sollte?«

Lina knotet ihren Körper um eine imaginäre Stange, lacht laut und bemerkt nicht einmal die pikierten Kunstkenner-Blicke, die sich nach ihr umwenden. »Der sterbende Feuerwehrmann«, schlägt Ava vor und Lina lacht noch lauter. Aus den Blicken wird ein Kopfschütteln und Ava kann das Zungenschnalzen beinahe hören. Und auch Lina scheint es bemerkt zu haben, denn sie beugt sich näher zu Ava, flüstert, dass sie vielleicht besser woanders weiter lästern sollten. Ava nickt. Nicht nur, weil sie schlecht darin ist, nein zu sagen.

5

Ava lässt sich in einen Sessel fallen. Niemals wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass es hier so etwas geben könnte. Wie auch? Niemand würde auf der Suche nach einer Bar durch den Hausflur eines Wohnhauses gehen, den Hof überqueren und die Tür des Hinterhauses öffnen. Nicht einmal ein Schild verrät, was sich hinter der unauffälligen Fassade verbirgt. Nur ein paar murmelnde Stimmen und gedämpftes Licht, das durch die Scheiben sickert. Selbst im Innern sieht man der Bar noch an, dass sie früher eine Wohnung war. Die Zimmertüren hat man ausgehängt und in den verschieden großen Räumen drängen sich nun kleine Gruppen von Sesseln, Sofas und kleinen Couchtischchen, auf die zerbeulte Leselampen ihre schiefen Lichtkegel werfen. Alles macht einen etwas improvisierten Eindruck, wie vom Sperrmüll zusammengesammelt.

Kaum, dass sie sich gesetzt haben, steht eine Frau zwischen ihren Sesseln, berührt Lina leicht am Arm. Sie fügt sich perfekt in den Raum ein mit ihrer Kleidung aus mindestens zweiter Hand. In ihrer hoch in der Taille sitzenden Marlene-Hose steckt ein verblasstes und einige Nummern zu großes Chicago-Bulls-Shirt. An den Füßen leicht vergilbte Sneaker, um den Hals diverse Ketten. Ava findet einen solchen ausgestellten Stilmix eigentlich albern, doch irgendwie kann sie ihn an dieser Frau nicht albern finden. Vielleicht wegen der beiläufigen Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn trägt, vielleicht wegen des ungeschminkten Gesichts unter der schon rauswachsenden Kurzhaarfrisur, vielleicht wegen des übergroßen Mundes, der lächelnd fast ihr halbes Gesicht einnimmt.

Lina und sie umarmen sich fest und lange. »Wir haben dich vermisst letzte Woche«, sagt die Frau jetzt und hält Lina noch einen Moment an den Schultern fest, schaut ihr forschend ins Gesicht. »Es geht dir aber gut, oder?« Lina nickt, sie sei nur für ein paar Tage verreist. »Dann bin ich beruhigt«, das Lächeln breitet sich wieder über ihrem Gesicht aus, als sie sich Ava zuwendet.

»Entschuldige bitte, ich beanspruche Lina hier ganz für mich. Ich bin Paula.« Und ehe Ava reagieren kann, hat Paula sich zu ihr heruntergebeugt und auch sie umarmt. Dann setzt sie sich auf die Armlehne von Linas Sessel und plaudert noch etwas mit ihr, wobei sie jedoch immer wieder zu Ava herüberlächelt und kurze Erklärungen einflicht, wann immer es nötig ist. Ava kann dem Gespräch nicht ganz folgen, stört sich aber nicht daran. Sie mag Paulas Art, mit dem ganzen Körper zu sprechen, ihre ausladenden Gesten und ihr sich ständig veränderndes Gesicht. Ganz automatisch scheint sie die Menschen nachzuahmen, über die sie spricht. Die leicht geschürzten Lippen des Einen, das schiefe Lächeln der Anderen. Aber es hat nichts Herablassendes an sich. Es ist mehr, als schlüpfe sie kurz in die Haut der anderen, um besser von ihnen erzählen zu können.

»Aber ihr seid ja sicher nicht hier, um euch meine Geschichten anzuhören«, unterbricht sie sich schließlich selbst. »Was kann ich euch bringen?« Und zu Lina: »Grauburgunder wie immer?« Ava nimmt das Gleiche und Paula drückt beiden noch einmal kurz den Arm, bevor sie im Nebenraum verschwindet.

»Du bist öfter hier.« Es ist eigentlich eher eine Feststellung als eine Frage, aber Lina nickt trotzdem. »Der Laden gehört Freunden von mir. Paula hast du ja gerade kennengelernt. Sie macht das hier zusammen mit Lars und Dominique. Die drei wohnen gleich hier drüber.«

Wenig später halten beide ein Weinglas in der Hand. »Auf zufällige Begegnungen«, sagt Lina und lässt ihr Glas gegen Avas klirren. Beide nippen an ihrem Wein, und einen Moment lang ist nicht mehr zu hören als das dumpfe Gemurmel von Gästen aus den anderen Räumen und ein entferntes Klirren, das wahrscheinlich aus der Küche kommt. Was, wenn sie sich gar nichts zu sagen haben? Ein Paar durchquert den Raum, ihre Schritte dumpf auf dem Dielenboden. Man lächelt sich kurz zu, dann verschwinden die beiden in den nächsten Raum hinein. Wieder Stille. Ava zwingt sich, etwas zu sagen, irgendetwas zu sagen. »Ich wusste gar nicht, dass du auch hier wohnst. Bist du gleich nach dem Studium hergezogen?«

Lina wiegt ihren Kopf unbestimmt hin und her. »Jein. Also, ja ich bin nach dem Studium hergezogen, aber dazwischen war ich noch an so einigen anderen Orten.« Während Ava noch darüber nachdenkt, ob sie weiter nachfragen sollte, spricht Lina von selbst weiter. »Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht, aber zu Unizeiten war ich ziemlich extrem drauf. Überall dabei, immer hundertzwanzig Prozent.« Ava nickt. »Das fand ich ziemlich beeindruckend.« Lina schüttelt den Kopf. »Musst du nicht. Nach der Uni hab ich genauso weiter gemacht, nur jetzt in Agenturen. Also nachts und am Wochenende arbeiten, nie krank, selten Urlaub … und irgendwann saß ich dann morgens ne Stunde heulend im Flur, weil ich es einfach nicht geschafft hab, meine Wohnung zu verlassen.«

Ava dreht ihr Weinglas in der Hand. Feine Linien ranken sich darauf, treffen nicht ganz auf den Rand des Glases, laufen knapp darunter in Spitzen zusammen. Ava will etwas sagen, aber weiß nicht, was, sagt »Scheiße« und weiß selbst, dass eigentlich viel mehr zu sagen wäre. Sie denkt an diese endlosen Minuten in der Agenturtoilette und nimmt einen großen Schluck Wein.

»Ich hab mir dann drei Wochen frei genommen und bin nach Südamerika geflogen. Digital Detox. Was für ein Klischee«, sagt Lina, noch bevor Ava es denken kann. »Bei der Arbeit habe ich niemandem was gesagt. Offiziell hatte ich einfach nur Urlaub. Tolles Last-minute-Angebot«, sie schüttelt den Kopf. »Und natürlich meinte ich danach, alles verstanden zu haben. Ich würde viel weniger arbeiten und viel mehr meditieren.« Sie spricht nicht weiter.

»Und, hast du?«

Lina lacht. »Ungefähr zwei Wochen. Danach kam der nächste Pitch und ich hatte keine Zeit mehr zum Meditieren. Und dann kam irgendwann der nächste Burnout und da hab selbst ich gecheckt, dass das vielleicht alles nicht so ganz gesund für mich ist.« Lina lehnt sich zurück, legt ein Bein über die Sessel-Lehne. »Ich hab also gekündigt und bin nach Indien gegangen. Ich lass auch kein Klischee aus. Ich hab da ein Jahr lang eine Yogalehrer-Ausbildung gemacht.«

»Und jetzt unterrichtest du Yoga?«, Ava schafft es nicht, ihre Überraschung zu verstecken.

»Nein, das war eine ziemlich bescheuerte Idee. Ich bin nicht wirklich der Yogalehrer-Typ. Ich hab mich ziemlich schnell gelangweilt und um ehrlich zu sein … Ich hab auch das Agenturleben vermisst. So ätzend das auch manchmal ist, zumindest ist es nicht langweilig.«

Ava nickt langsam und Lina sieht sie mit schief gelegtem Kopf an. »Siehst du das anders?« Ava zuckt mit den Schultern. »Ne, stimmt schon.«

Aber die Antwort genügt Lina offenbar nicht. Sie drängt Ava zwar nicht, aber scheint darauf zu warten, dass Ava fortfährt. Einige Augenblicke ist es still, während Ava ihr Glas in den Händen dreht. Sie schaut Lina nicht an, als sie weiterspricht. »Irgendwie ist das doch alles total sinnfrei. Achtzig Prozent von dem, was man den ganzen Tag macht, landet eh in der Tonne und die restlichen zwanzig Prozent sind nicht mal gut. Und wenn man ungefähr einmal im Jahr echt was Geiles macht, schreibt irgendwer seinen Namen drauf, der das Ganze dreimal gesehen und abgenickt hat. Und wofür das Ganze?« Ava spricht schneller. »Damit irgendein Unternehmen noch ein bisschen mehr Geld scheffeln kann. Und die Sachen, auf die man eigentlich Bock hat, zu denen kommt man nicht mehr, wenn man nämlich mal frei hat, ist man so fertig, dass man gar nichts mehr machen will.« Sie bricht ab, ist selbst überrascht von ihrem Ausbruch.

Als sie den Kopf hebt, sieht sie Lina nicken. »Genau deshalb bin ich inzwischen Freelancer. Du glaubst gar nicht, wie befreiend das ist. Natürlich musst du einen anständigen Job machen, aber was aus den Projekten am Ende wird, kann dir völlig egal sein. Und mehr Freizeit hast du auch wieder.«

»Hmm …« Ava fährt das Muster auf ihrem Glas mit dem Finger nach. »Ja, versteh ich. Aber ich glaube, das wär nichts für mich.«

Lina zieht die Füße hoch auf ihren Sessel. »Wieso nicht?«

Ava antwortet nicht gleich. Sie hat nie so genau darüber nachgedacht, warum sie sich nie vorstellen konnte, als Freelancer zu arbeiten. »Ich glaube«, sagt sie zögernd »ich möchte nicht darauf verzichten, ein Team zu haben. Und auch die Jobs. Wenn ich mir einen TV-Spot ausdenke, dann habe ich keinen Bock drauf, dass irgendwer ihn danach übernimmt und komplett versaut.«

Lina scheint einen Moment darüber nachzudenken. »Macht Sinn. Ist mir aber komischerweise egal. Mir waren die Ideen immer wichtiger als die Umsetzung.« Sie zieht eine Grimasse. »Darauf hatte ich meistens eh keinen Bock, also passt das für mich ganz gut. Im Grunde bin ich faul. Ich fange Sachen gerne an, aber bring sie nicht so gerne zu Ende.«

»Oh ja, genau.« Ava fällt in Linas Tonfall ein. »Deshalb hast du auch deinen Abschluss als Jahrgangsbeste gemacht, weil du Dinge so ungern zu Ende bringst.« Und von da aus schwappt ihr Gespräch in leichtere Themen. In gemeinsame Erinnerungen an Professoren, über deren Sadismus man im Nachhinein lachen kann und andere, denen man bis heute dankbar ist. Zu Kommilitonen, von denen sie nur noch Brocken von Informationen haben, die sich meist in den ersten Jahren nach dem Studium verlieren. Am meisten Eindruck hinterlassen hat der, der gleich nach dem Abschluss alles hingeworfen hatte, um Gärtner zu werden.

Im Schein des kleinen Lichtkegels, der ihre beiden Sessel gerade einmal streift, lässt sich beinahe vergessen, dass sie sich in einer Bar befinden. Auch Ava hat jetzt die Füße hoch auf ihren Sessel gezogen, schmiegt sich in die Kuhle, die schon andere Rücken hinterlassen haben. Und nur unterbrochen von Paula, die kommt, um ihre Gläser nachzufüllen, spinnen Ava und Lina Alternativ-Leben, in denen auch sie keine Designer sind, sondern Bäcker, Alpaka-Züchter oder Schnapsbrenner. Sie gehen erst, als kein Murmeln mehr aus den anderen Zimmern dringt und Paula beim Nachschenken ein Gähnen nur mühsam unterdrückt.

6

Die nächste Woche lässt Ava wenig Zeit darüber nachzudenken, ob sie nicht doch lieber Konditorin oder Schuhmacherin geworden wäre. Kaum hat sie den ersten Kaffee in der Hand, will Dave schon mit ihr und Mel sprechen. Sie sollen kurzfristig auf einem Pitch aushelfen. Ein Freelancer-Team hat schon zwei Wochen darauf gearbeitet, aber die Konzepte sind nicht zu gebrauchen. Also braucht man das Team, das schon so viele andere Pitches gewonnen hat, braucht Ava und Mel, braucht sie sofort. Die Kundenpräsentation ist am Montag. Erste Abstimmung mit Dave morgen. Danke und tschüss. Dem Kreativgeschäftsführer schlägt man nichts ab.

Ava und Mel schauen sich die bisherigen Konzepte an, sind sich einig, dass nichts davon zu gebrauchen ist, sind sich ebenso einig, dass es weniger an der Unfähigkeit der Freelancer liegt, als an dem nachträglich geänderten Briefing, müssen trotzdem bei null anfangen. Ihre anderen Jobs versuchen sie, in der Hälfte der eigentlich notwendigen Zeit zu erledigen, der Pitch kommt nach Feierabend. Und jeden Morgen Abstimmung mit Dave. »Wir sind noch nicht ganz da.« »Da können wir noch ein bisschen mehr rausholen.« »Wir sollten die Extrameile noch gehen.« »Habt ihr am Wochenende ein bisschen Zeit?«

Als die Präsentation am Montagmorgen um 11.00 steht, würde Ava am liebsten gleich wieder nach Hause gehen. Aber auch das Tagesgeschäft will erledigt werden, und die ersten Berater werde schon panisch wegen nicht eingehaltener Deadlines. Kann Ava nicht kurz eine kleine Änderung machen? Dauert auch nur fünf Minuten, nur zehn Minuten, nur eine winzige Anpassung.

»Na, bist du schon durchgebrannt, um Milchbäuerin zu werden, oder hättest du heute Abend Lust auf Vietnamesisch?«, schreibt Lina am Donnerstag.

»Lust ja, aber der Sklaventreiber steht mit der Peitsche hinter mir. Aber unbedingt bald!«, antwortet Ava. Sie weiß, dass sie auch heute das Büro nicht pünktlich verlassen wird.

Das Wochenende verbringt Ava im Bett, steht nur auf, um dem Pizzaboten die Tür zu öffnen und schließlich am Sonntagabend, um endlich mal Wäsche zu waschen. Als sie aus dem Waschkeller zurückkommt, blinken zwei verpasste Anrufe auf ihrem Display. Einer von Jan, einer von Mel. Ava lässt sich zurück aufs Bett fallen, schließt die Augen. Unter ihrem Brustbein pocht es fast schmerzhaft. Sie bemüht sich, langsam zu atmen, ruhig zu atmen. Als der Druck in ihrem Brustkorb nachlässt, drückt sie auf Rückruf.

Am Freitagnachmittag, nach einer weiteren übervollen Woche, will Ava bloß noch weg. Weg vom Büro, weg selbst von Mel und Liz. Aber auch allein sein will sie nicht, will nicht zurück in ihre Wohnung. Einen Abend wie den mit Lina will sie. Wein trinken, Blödsinn reden. Vielleicht könnte das diesen Tag noch retten.

»Ich brauche Wein. Zeit?«

Die Antwort folgt wenige Sekunden später.

»Tut mir leid, hab heute schon was vor.«

Natürlich. Avas Stimmung fällt gleich noch ein paar Etagen tiefer. Aber Lina tippt noch weiter.

»Aber komm doch mit! 19.00 Jägerstr. 14. Zieh was Bequemes an.«

»Was Bequemes?«

»Ja, wir machen ein bisschen Sport.«

Ava zögert. Eigentlich hat sie keine Lust, heute Abend noch was zu machen, bei dem sie sich anstrengen muss.

»Danach gibt’s auch Wein. Versprochen!«

Ava muss lachen.

»Na wenn das so ist. Dann bis 19.00.«

Und vielleicht wird ein bisschen Bewegung ja sogar ganz gut tun. Ist immerhin lang genug her, dass sie das letzte Mal Sport gemacht hat.

7

Zur Sicherheit überprüft Ava noch einmal, ob sie hier wirklich richtig ist. Jägerstraße 14, ja. Nicht ganz das, was sie erwartet hat, auch wenn sie selbst nicht genau weiß, was das gewesen wäre. Jedenfalls nicht dieser quadratische Betonbau, der zwischen zwei heruntergekommenen Mehrfamilienhäusern klemmt. Nur eine schmale Schießscharte von Fenster, zwei Meter über dem Boden, scheint etwas Licht ins Gebäude zu lassen. Ava schiebt ihr Fahrrad zwischen die kleine Herde an Rädern, die dort bereits steht, zieht ihr Handy aus der Tasche. Keine Nachricht. Sie könnte schon reingehen, aber stattdessen schickt sie Lina ein »Bist du schon da?« und klickt sich durch ihre Apps, sieht nur aus den Augenwinkeln, wie andere an ihr vorbei zur Halle gehen.

»Gleich da!«, ploppt auf ihrem Screen auf und Ava scrollt weiter durch Bilder, die sie kaum wahrnimmt, bis endlich ein Bus am Straßenrand hält, aus dem gleich mehrere Leute aussteigen, alle in Klamotten, die bequem, aber nicht unbedingt nach Sport aussehen. Darunter auch Lina in einer schwarzen Hose, die ihr locker um die gebräunten Waden fällt. Dazu eine übergroße und leicht verblasst aussehende hellgrüne Jacke, die vielleicht in den 90ern irgendwann neu war und beiläufig perfekt zu den Schnürsenkeln in Linas schwarzen Sneakern passt.

Ava wird sich überdeutlich ihrer eigenen, neon-gemusterten Sporthose bewusst, doch Lina lässt ihr keine Zeit, darüber nachzudenken, umarmt sie und zieht sie noch in der gleichen Bewegung Richtung Halle, durch die Tür und einen langen Gang aus unverputztem Beton entlang. Als Lina am Ende des Ganges die Tür öffnet, ist Ava kurz geblendet von dem Licht, das unerwartet hell in den Gang flutet. Nach dem bunkerartigen Äußeren der Halle hatte sie mit einem düsteren, höchstens neonbeleuchteten Raum gerechnet, doch stattdessen betritt sie eine Halle, deren eine Wand vollkommen aus Glas besteht, nur durchbrochen von einem feinen Gitternetz dünner Holzrahmen.

Dem Raum ist deutlich anzusehen, dass er schon früher eine Sporthalle war. Allerdings hat er nichts von der miefigen Schäbigkeit, an die Ava sich aus ihrer Schulzeit erinnert. Der alte Boden wurde herausgerissen und durch glattes Parkett ersetzt, das farblich genau zu den Sprossenwänden passt, die sich noch immer über Teile der glatten Betonwände ziehen. Man sieht ihnen an, dass jemand viel Zeit darauf verwendet hat, sie abzuschleifen und zu ölen, sodass sie jetzt mehr Deko sind als Sportgeräte. Dasselbe gilt für die blank polierten Holzringe, die an dicken Tauen von der Hallendecke baumeln.

Alles wirkt so gepflegt, dass Ava sich fast in den Olympia-Raum ihrer Agentur versetzt fühlt, der mit Bänken und Hockern aus alten Sportgeräten eingerichtet ist und in dem eine Tischtennisplatte den Konferenztisch ersetzt.

Ava und Lina legen ihre Schuhe und Jacken ab und setzen sich zu einer der lose in der Halle verteilten Gruppen. Lina scheint ein paar Leute zu kennen, aber bevor Ava dazu kommt, sich vorzustellen oder vorstellen zu lassen, steht schon am anderen Ende der Halle jemand auf, winkt erst und legt dann beide Zeigefinger an die Lippen. Kurzgeschorene Haare, drahtiger Körper und eine helle Stimme, die seltsamerweise gut durch die gesamte Halle trägt.

»Schön, dass wieder so viele von euch da sind! Ehrlich gesagt hatte ich damit gerechnet, dass bei dem Wahnsinns-Wetter einige von euch eher mit einem Bier im Park sitzen würden, als sich hier von mir ins Schwitzen bringen zu lassen.« Sie wendet sich an jemanden, der gleich zu ihren Füßen sitzt. »Ja, Mark, wie du am Mittwoch. Du glaubst doch wohl nicht, dass uns nicht aufgefallen ist, dass du nicht da warst.« Die Halle lacht, als sie einen auf Lehrerin macht und in gespielter Strenge den Zeigefinger hebt, nur um ihre Vorstellung gleich wieder mit einem Armwedeln wegzuwischen. »Nene, kennen wir ja alle, oder?« Ein kollektives Nicken antwortet.

»Also, für alle, die heute zum ersten Mal hier sind, ich bin Luca. Vielleicht wird euch manches hier am Anfang etwas komisch vorkommen, aber macht einfach mal mit, und wenn ihr euch danach immer noch fragt, was das alles soll, sprecht mich einfach an oder unterhaltet euch ein bisschen mit den anderen. Die meisten von euch kennen das ja schon, wie immer, bevor wir mit der Körperarbeit anfangen, möchte ich auch eurem Kopf ein bisschen was zu tun geben. Dabei geht es nicht darum, dass ich euch sage, was ihr zu denken habt, sondern ich lass euch einfach ein bisschen an meinen eigenen Gedanken teilhaben und vielleicht bringen sie euch ja was. Wenn nicht, könnt ihr sie auch gerne danach gleich wieder vergessen. Okay?« Wieder nickt es um Ava herum. Wahrscheinlich ist es schon ein Ritual, dass diese Frage gestellt wird und als Antwort kommt sowieso nichts anderes als ein Nicken in Frage.

»Als ich bei einem meiner ersten connect-Treffen war, hat Dev etwas gesagt, was ich damals ziemlich bescheuert fand. Er meinte, ›Social Media verbindet uns nicht, sondern trennt uns voneinander.‹ Was für ein Quatsch, oder? Ich meine, klar war ich auch manchmal genervt davon, aber trotzdem war ich online mit Leuten in Kontakt, die ich sonst längst aus den Augen verloren hätte, denen ich vielleicht niemals begegnet wäre. Leute, die in anderen Städten leben oder sogar in anderen Ländern. Das geht euch wahrscheinlich ähnlich, oder?« Auch Ava kennt das, nur zu gut kennt sie es.

»Ja, also habe ich das erstmal abgehakt. Ich muss ja nicht immer mit Dev einer Meinung sein, dachte ich. Aber irgendwie … diejenigen von euch, die Dev kennen, wissen wahrscheinlich was ich meine … irgendwie hatte er da schon einen Haken in meinen Kopf gesetzt.« Ein paar vereinzelte Lacher sind zu hören. Demonstrative Lacher von Leuten, die Dev eben kennen. Wer auch immer Dev ist.

»Und der Haken hatte es ganz schön in sich, denn in den nächsten Wochen habe ich dann immer stärker darauf geachtet, was ich online wirklich mache. Mit wem bin ich in Kontakt? Und was ist das für ein Kontakt? Reden wir wirklich miteinander oder like ich nur ihre Bilder, damit sie meine Bilder liken?«

Überall im Raum ertapptes Lachen, unterdrücktes Gemurmel. Stimmt ja auch, denkt Ava. Zumindest oft, vielleicht sogar meistens.

»Aber trotzdem«, fährt Luca fort, »ist diese Art von Kontakt nicht besser als gar keiner? Und schließlich schadet es ja auch nicht, oder?« Sie blickt sich im Raum um. »Aber dann ist mir noch etwas anderes aufgefallen. Und vielleicht klingt das jetzt auch total banal, weil eigentlich wissen wir das ja alle, aber trotzdem hatte ich es mir vorher nie so klar gemacht … diese völlig nichtssagenden virtuellen Kontakte überlagerten immer mehr die Beziehung zu den Menschen, mit denen ich zusammen war. Immer war ich mit einem Auge bei meinem Handy. Es könnte mir ja irgendwer geschrieben haben. Es könnte ja irgendwer mein neues Profilbild kommentiert haben.« Sie wirft einen Blick durch den Raum. »Jetzt mal ehrlich, wer von euch kennt das auch?«

Zögerlich heben sich die ersten Arme, bis Ava schließlich niemanden mehr sieht, der seinen Arm nicht gehoben hat. Wie sie. Wie alle.

»Ah ja. Sieht so aus, als gäbe es zumindest eine Sache, auf die wir uns einigen können. Ist ja schonmal etwas.« Luca lacht. »Als ich das festgestellt habe, hab ich eine Entscheidung getroffen. Ich wollte zumindest eine Woche lang komplett auf Social Media verzichten. Das wird schon gehen, dachte ich, eine Woche. Ist ja eigentlich nicht viel, oder?« Wieder schaut Luca sich in der Halle um und hier und da antwortet man ihr mit einem Kopfschütteln. »Ja, dachte ich auch. Ich hab’s trotzdem nicht geschafft. Und das hat mich dann wirklich erschreckt. Dass ich nicht mal eine Woche darauf verzichten könnte, hätte ich nicht gedacht. Naja, ich will das jetzt hier nicht unnötig in die Länge ziehen, aber es gibt einen Grund, weshalb ich euch das überhaupt erzähle. Diese Woche bin ich nämlich seit genau drei Jahren Social-Media-frei!«

Spontaner Applaus bricht aus verschiedenen Ecken im Raum aus. Luca verbeugt sich leicht. »Danke, Danke«, sie lacht. »Ein bisschen wie Selbsthilfegruppe, oder? Aber ernsthaft, ich hatte noch nie das Gefühl, so intensiv mit Menschen verbunden zu sein, wie ich es jetzt bin. Ich meine, ich stehe jetzt hier vor euch und denke nicht gleichzeitig darüber nach, wer mir vielleicht inzwischen geschrieben hat und bei wem ich mich mal wieder melden müsste. Deshalb möchte ich euch dazu einladen, während der heutigen Stunde eure Handys gedanklich auszuschalten und euch wirklich ganz darauf zu konzentrieren, hier zu sein. Lasst euch nicht ablenken von Leuten, die vielleicht gerade auf dem Klo sitzen und euch aus Langeweile irgendein Video schicken.« Irgendwer hinter Ava lacht laut auf, vielleicht weil er sich ertappt fühlt. »Also«, sagt Luca und breitet die Arme aus, »lasst uns anfangen.«

Die Grüppchen lösen sich auf und man verteilt sich im Raum, kniet sich in gleichmäßigen Reihen auf den Boden, immer zwei Armlängen voneinander entfernt. Auch Ava reiht sich ein, geht in die Hocke, setzt sich auf die Fersen. Sie weiß nicht wohin mit ihren Händen, legt sie schließlich auf den Oberschenkeln ab, wartet. Als nichts passiert, schaut sie sich um und blickt rundum in geschlossene Augen. Sie macht es ihnen nach, sitzt blind da. Versucht an nichts zu denken, weil das wahrscheinlich erwartet wird, an nichts zu denken. Aber jedes Rascheln, Husten, Atmen lenkt sie ab. Sie öffnet die Augen einen winzigen Spalt, lässt ihren Blick über die glatten, leeren Gesichter streifen, die sich offenbar an keinem Geräusch stören. Es ist seltsam beruhigend, von lauter Menschen umgeben zu sein, die mit geschlossenen Augen dasitzen, die einen nicht anschauen, deren Gesichter man in aller Ruhe betrachten kann. Bis sie sich mit einem Mal voyeuristisch vorkommt, als wären die Gesichter in Wahrheit nackte Körper, die nicht wissen, dass man sie anstarrt.

Über diesen Gedanken erschrocken, schließt sie erneut die Augen, zwingt sich, sie geschlossen zu halten, bis endlich Lucas Stimme wieder einsetzt. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf den Atem. Durch die Nase ein, durch die Nase aus. Das Zwerchfell hebt und senkt sich. Aber wo genau ist eigentlich das Zwerchfell? Den Atem strömen lassen. Durch den Scheitel ein und durch den Boden wieder aus. Ava versucht sich vorzustellen, wie etwas von oben nach unten durch sie hindurchfließt, wird ruhiger.

Luca spricht, und hundert Körper beugen sich vor, strecken die Arme lang und länger auf dem Boden aus, lassen sie in einem Halbkreis zur Seite wandern. Ava zuckt zusammen, als plötzlich eine Hand nach ihrer Rechten greift. Ihr Blick trifft den eines lächelnden Mädchens mit grau gefärbten Haaren und Nasenpiercing. Auch nach ihrer linken Hand greift nun jemand. Sie hebt den Kopf und sieht überall im Raum Leute einander an den Händen halten. Die Stirn auf dem Boden, die Arme zur Seite ausgestreckt, liegen sie da, regen sich nicht, halten sich nur.

Ava legt den Kopf wieder am Boden ab, versucht, die Hände der anderen weder zu fest noch zu locker zu halten, spürt ihre Handflächen schwitzig werden, spürt ihre hochgezogenen Schultern sich verkrampfen.

Es ist eine Erleichterung, als Lucas Stimme ihr erlaubt loszulassen, als ihre Arme sich wieder nach vorne schieben, als hundert Körper sich mit dem Ausatmen hoch drücken, ein Dreieck bilden aus Armen, Beinen, Boden. Es ist eine Erleichterung, auch wenn Avas Körper nicht das tut, was er soll, auch wenn ihre Fersen nicht Richtung Boden wollen und ihr Rücken nicht gerade wird. Mit dem nächsten Ausatmen schwingt ihr rechtes Bein nach vorne, einen Moment verspätet, erst nachdem sie geschaut hat, wie die anderen es machen. Eigentlich schwingt es auch nicht. Es schleift. Dann richtet sie sich auf, streckt die Arme aus, beugt das rechte Bein, hält.

Hält lange.

Hält so lange, dass ihr die Arme schwer werden.

Hält so lange, dass sie sie sinken lassen will, doch um sie herum schweben hundert Paar Arme schwerelos im Raum. Bis Lucas Stimme ihre Oberkörper dreht, bis wieder zwei Hände nach ihren greifen. Jetzt ist sie beinahe froh darüber, weil sie das Gewicht ihrer Arme nicht mehr alleine tragen muss.

Eine Stunde lang bewegen sich so hundert Körper voneinander weg und aufeinander zu. In einer perfekten Choreografie fließen sie von einer Übung in die nächste, halten einander, lassen los. Und bleiben schließlich am Boden liegen. Die Arme ausgestreckt. Die Hände ineinander verschränkt.

Nur, dass es Ava jetzt nichts mehr ausmacht. Nur, dass sie sich jetzt keine Gedanken mehr macht, ob ihre Hände schwitzig sind. Weil alle Hände schwitzig sind. Weil ihr Kopf vollkommen ausgefüllt ist von ihrem pumpenden Atem. Weil sie froh ist, endlich nur dazuliegen und zu hören, wie die Atemgeräusche um sie herum leiser werden, ruhiger. Bis auch ihr eigener Atem endlich ruhiger wird, sanft ein und ausströmt, ihre Bauchdecke sich hebt und senkt.

Ein.

Aus.

Ein.

Aus.

Kurz bevor Ava vom Dämmerzustand in den Schlaf hinüberschwappt, setzt Musik ein. Ein elektronisches Summen, das nur langsam, fast unmerklich in einen pulsierenden Beat übergeht. Um sie herum gerät der Raum wieder in Bewegung. Körper räkeln sich. Rollen über den Boden. Richten sich auf. Wölben die Rücken. Strecken die Arme.

Sie versucht, die Bewegungen zu kopieren, aber weiß nicht, an wem sie sich orientieren soll. Kommt sich albern vor, als sie mit überstrecktem Rücken die Arme kreisen lässt. Kommt sich nicht weniger albern vor, als sie auf allen Vieren den Rücken wölbt und streckt, als sie auf den Knien mit ausgebreiteten Armen hin und her schwankt.

Die Musik wird jetzt lauter, der Rhythmus schneller. Die Körper haben sich fast alle aufgerichtet. Beginnen sich zu wiegen, mit geschlossenen Augen zu tanzen. Berühren sich, tanzen umeinander, miteinander.

Es fasziniert Ava, wie sie blind tanzen, ohne sich in die Quere zu kommen, wie sie die Anwesenheit der anderen zu spüren scheinen. Sie selbst spürt nichts, traut sich nicht, die Augen zu schließen, aus Angst jemanden anzurempeln, steht als Brett zwischen fließender Bewegung. Als sie dann doch zu tanzen versucht, kommt sie sich ungelenk vor. Ihre Arme baumeln, ihre Hüfte ist starr und den Rhythmus verfehlt sie immer knapp. Sie ist dankbar, als die Musik mit einem letzten vibrierenden Bass verklingt.

Ein paar Momente lang scheint jemand die Pause-Taste gedrückt zu halten. Alle stehen reglos da, nur ein leichtes Beben geht durch die erschöpften Körper. Keiner scheint sich bewegen, die Stille brechen zu wollen. Also harrt auch Ava aus, versucht, sich so wenig wie möglich zu rühren, ist sich aber allzu deutlich bewusst, wie sich ihr Körper gegen ihren Willen doch bewegt, wie ihr Brustkorb sich fast schmerzhaft unter einer unsichtbaren Verschnürung weiten will, wie ihre Arme in einem unnatürlichen Winkel abstehen, wie der Zeigefinger ihrer linken Hand fast unmerklich zuckt.

Und endlich bewegt sich doch jemand. Vorsichtig erst, behutsam, wie man es in einer Kirche tun würde, in der man die Stille nicht einmal dann zu durchbrechen wagt, wenn man mit diesem Gott nichts anfangen kann. Irgendwer öffnet die großen Fenster und der würzige Geruch warmer Kiefernnadeln weht herein. Nur wenige ziehen ihre Schuhe an und gehen. Die meisten treten barfuß durch die Glastüren in den Garten und auch Lina winkt Ava, ihr dorthin zu folgen.

Wie lange sie wohl schon nicht mehr barfuß gegangen ist? Ava weiß es nicht mehr. Nur, dass es lange her sein muss. Lina und sie schließen sich einer Gruppe an und Ava merkt kaum, wer es ist, der ihr ein Glas Weißwein in die Hand drückt. Jemand anderes packt eine Dose mit Keksen aus und stellt sie in die Mitte des Kreises, noch jemand selbstgemachte Cracker. Ava lehnt sich zurück, nippt an ihrem Wein, knabbert gelegentlich an einem Cracker und lässt die Unterhaltung über sich hinwegbranden.

Die anderen scheinen zu merken, dass ihr nicht nach reden ist, drängen sie nicht. Überhaupt hat das Gespräch nichts von dem üblichen Bemühen, es nicht abreißen zu lassen. Ganze Minuten lang spricht keiner. Doch niemand wird nervös und unterbricht die Stille mit Belanglosigkeiten. Und sogar Ava fühlt sich heute einmal nicht verpflichtet, die Pausen zu füllen, wenn sich auch gelegentlich noch eine Unruhe in ihr aufbaut, wenn die Pausen allzu lange dauern.

»Diese Rede, die Luca am Anfang gehalten hat«, fragt sie Lina in einer dieser Pausen, »macht sie so was jedes Mal?«

»Wir nennen das Opening«, antwortet Lina. »Dev sagt, dass keine Verbindung zwischen Menschen entstehen kann, wenn man nicht erstmal offen zu einander ist. Das steht deshalb ganz am Anfang. Prinzip eins: Offenheit.«

Prinzip eins? Welche Prinzipien gibt es denn noch? »Es gibt aber nicht jedes Mal ein Opening. Manchmal erzählt Luca auch irgendetwas über unsere Gesellschaft oder über Devs Ideen. Das nennen wir Sharing.«

Ava nickt. Sharing. Opening. Das alles erinnert sie ein bisschen zu sehr an Predigt, an Beichte. Sie erinnert sich, wie sie mit gerade mal acht Jahren in irgendeinem Hinterzimmer der Kirche gekniet und versucht hat, sich an irgendwelche von ihr begangene Sünden zu erinnern. Keine Kommunion ohne Beichte, doch was haben Achtjährige schon zu beichten?

Wahrscheinlich aber sind es bloß diese Begriffe, mit denen sie ein Problem hat. Vorhin, als Luca sprach, war nichts daran Ava unangenehm vorgekommen.

»Hey Sonja!«, ruft Lina zu einer anderen Gruppe hinüber und eine Frau steht auf, kommt zu ihnen herüber. »Du siehst heute so glücklich aus«, sagt jemand. »Ich hatte gerade meine erste Ausbildungswoche«, antwortet Sonja und die Begeisterung der anderen zeigt, dass sie genau wissen, wovon die Rede ist. Sie gratulieren, fragen, wie es ihr gefällt, obwohl Sonjas spürbare Euphorie die Antwort schon vorwegnimmt.

»Es ist einfach unglaublich, wenn man sieht, was da noch für eine Energie in diesen Kindern steckt. Echt das komplette Gegenprogramm zum Gericht.«

»Du warst Juristin?«, fragt Ava und Sonja verdreht die Augen. »Ja, ich hab den ganzen Zirkus mitgemacht. Prädikatsexamen und dann auf dem besten Weg zur Staatsanwältin. Aber scheiße war ich unglücklich«, sie lacht. »Zum Glück haben diese großartigen Menschen hier mir klar gemacht, dass das praktisch seelischer Suizid war.«

»Wow, das ist eine ziemlich heftige Formulierung.«

Sonja wiegt den Kopf. »Weißt du, das Problem ist ja, dass man gar nicht so richtig merkt, wie schlimm es eigentlich ist, während man noch mittendrin steckt. Und wenn du dann irgendwem erzählst, dass du keine Lust hast, zur Arbeit zu gehen, dann sagen alle bloß ›Das ist völlig normal, das geht doch allen so.‹ Und so ist es ja auch. Aber das heißt noch lange nicht, dass es auch richtig ist. Oder dass es so sein müsste.«

Ava nickt. »Und jetzt machst du eine Ausbildung?«

»Zur Erzieherin, ja«, wieder leuchtet Sonjas Gesicht auf und Ava fragt sich, wie jemand bloß so glücklich darüber sein kann, den ganzen Tag von brüllenden Kindern umgeben zu sein und dafür auch noch schlecht bezahlt zu werden. Doch sie lächelt bloß höflich und sagt: »Anscheinend war es ja die richtige Entscheidung.«

»Oh ja!«, Sonja gerät regelrecht ins Schwärmen, als sie von den ganz alltäglichen kleinen Szenen im Heim erzählt. »Und das Beste ist, dass man wirklich das Gefühl hat, etwas Sinnvolles zu tun. Ich meine, ich kann einen echten Unterschied machen im Leben dieser Kinder. Bei Gericht, da geht es immer nur um Strafen, aber die machen aus niemandem einen besseren Menschen. Gerichte sind nichts weiter, als der verzweifelte Versuch, ein schlimmes System nicht noch schlimmer werden zu lassen.«

Und während Ava Sonja weiter zuhört, wird ihr immer unangenehmer bewusst, dass es in ihrem Kopf Job-Hierarchien gibt, die es ihr schwer machen zu verstehen, wieso man Erzieherin werden möchte, wenn man stattdessen Staatsanwältin sein könnte. Und sie fragt sich, ob in einem anderen System nicht vielleicht die Erzieher den höchsten sozialen Status hätten – und ob das nicht das bessere System wäre.

»Ava?«, sie hat nicht gemerkt, dass jemand ihr eine Frage gestellt hat, doch jetzt schaut ein bärtiges Gesicht sie erwartungsvoll an. Als »Paul der Pädagoge«, hat Lina ihn vorgestellt und Ava weiß nicht, ob er wirklich einer ist oder ob Lina bloß die Alliteration mochte. Aber es würde zu ihm passen, denkt Ava, würde passen zu der Art, wie er die Erzählungen der anderen mit seinem unaufhörlichen Nicken begleitet.

»Wenn du überhaupt nicht mehr arbeiten müsstest«, wiederholt Paul, »würdest du dann noch den gleichen Job machen wie jetzt?«

»Ich weiß nicht«, sagt Ava. »Vielleicht.«

Als Lina und Ava spät am Abend die Halle verlassen, werfen sie Geld in ein Glas neben der Tür. Ava hat kaum Bargeld dabei, schüttelt aus Verlegenheit all ihr Kleingeld ins Glas.

»Hat es dir gefallen?«, fragt Lina, während Ava das Schloss ihres Fahrrads öffnet.

»Ja«, sagt Ava, »ja, ich glaube schon.«

»Das Tanzen ist etwas gewöhnungsbedürftig, oder?«

Ava fühlt sich ertappt. »Ein bisschen. Ich glaube, ich sah ziemlich bescheuert aus dabei.«

»Tun wir das nicht alle?«, lacht Lina. »Irgendwann ist es dir einfach egal. Bei mir hat das auch ein bisschen gedauert. Aber wenn du es das erste Mal schaffst, dich einfach reinfallen zu lassen, dann ist das echt ein Wahnsinnsgefühl.«

»Vielleicht«, stimmt Ava zögernd zu. »Aber ich war noch nie so die Tänzerin.«

»Musst du auch gar nicht«, Lina unterbricht sich selbst mir einem leichten Kopfschütteln, »aber ich will dich gar nicht überreden. Du kannst ja einfach schauen, ob du noch mal Lust hast, mitzukommen. Ich würde mich freuen. Und wenn nicht, dann gehen wir eben beim nächsten Mal einfach nur Wein trinken.«

Sie umarmen sich zum Abschied, und auch wenn Ava nicht so weit gehen würde zu sagen, dass es ihr angenehm ist, ist es ihr zumindest nicht so unangenehm wie sonst. Ob es an Lina liegt oder daran, dass sie den ganzen Abend andere Leute berührt hat, kann sie selbst nicht sagen.

Sie genießt es, mit dem Fahrrad durch die warme Nacht zu fahren, sieht sich kurz selbst von außen, wie sie mit neben den Pedalen baumelnden Beinen den Hügel zu ihrer Wohnung hinunterrollt.

Erst als am nächsten Tag irgendwann die Spannung in ihren Nacken zurückkehrt, merkt Ava, dass diese für einige Stunden verschwunden war. Und vielleicht deshalb geht sie am nächsten Freitag wieder mit, als Lina sie fragt.

8

Schon seit zwei Stunden klickt Ava sich durch die immer gleichen Seiten. Nichts zu tun heute. Das sollte sie genießen, kommt selten genug vor. Ungewöhnlich ruhig ist es im Büro. Liz ist bei ihrem monatlichen Social-Media-Workshop und Mel schreibt Funkspots. Nur gelegentlich ist ein leises Murmeln zu hören, wenn Mel testet, ob die Spots in zwanzig Sekunden passen.

Ava könnte über Goldideen nachdenken, die braucht man immer. Aber ihr Kopf ist träge, nicht in der Verfassung, sich Ideen auszudenken, die Awards gewinnen. Außerdem hat sie genug gearbeitet in den letzten Tagen, den letzten Wochen, um auch mal nichts tun zu dürfen.

Und wie als Reaktion auf diesen Gedanken öffnet sich die Tür und – panisch wie immer – steckt Krissi den Kopf zur Tür herein. »Ava, könntest du kurzfristig auf nem Job aushelfen? Mir fehlt dringend ein Art Director.«

»Sorry«, Ava setzt ihr zerknirschtes Gesicht auf, »bin bis obenhin dicht«, schaut zurück auf ihren Bildschirm und klickt auf einen Artikel über eine Frau, die mit ihrem Igel durch die Welt reist.

»Jaja, bis obenhin dicht«, sagt Mel, sobald die Tür ins Schloss gefallen ist. Ava zuckt die Schultern. »Die braucht doch immer ganz dringend irgendwas. Nicht mein Problem, wenn die dem Kunden gegenüber nie nein sagen kann. Muss sie eben auf die Fresse fliegen, vielleicht lernt sie es dann mal.« Mel lacht und wendet sich wieder ihren Funkspots zu.

Avas Hände liegen unentschieden auf der Tastatur. Was könnte sie lesen, sich anschauen? Die News hat sie schon durch und auch die Blogs, denen sie folgt. Sie könnte Serien schauen, aber das geht ihr dann irgendwie doch zu weit. Einige Minuten starrt sie nur auf den Bildschirm, tippt schließlich »connect« in das Suchfeld ihres Browsers. Mehr Ergebnisse, als sie erwartet hat. Einige Zeitungsartikel, Blogeinträge und eine Website. Ava fängt mit den Zeitungsartikeln an.

Eine Journalistin berichtet begeistert von ihrem ersten connect-Workshop. »Eine Mischung aus Achtsamkeits-Training, Yoga und Kontaktimprovisation«, »völlig neue Körpererfahrung« , »lässt einen wünschen, dass jeder diese Erfahrung einmal machen darf«, »bestimmt nicht mein letzter Workshop«.

Ava klickt weiter. Ein verschwörungstheoretischer Artikel, der behauptet, connect sei nur ein schlecht verschleierter Versuch, den Kommunismus durch die Hintertür einzuführen.

Klick. Einige kurze Meldungen darüber, dass connect einen schon lange leerstehenden Hangar kaufen will, dass der Kauf stattgefunden hat, dass die Umbauarbeiten gut vorangehen, dass connect das Gebäude bei der Einweihung für alle Interessierten öffnet.

Unter einigen dieser Meldungen finden sich die unvermeidlichen Kommentare von Leuten, die »Sekte« brüllen und sich plötzlich brennend für das Gelände interessieren, das vorher jahrelang niemanden gekümmert hat, weil es zu weit außerhalb der Stadt liegt.

Ava klickt sich weiter zu Blog-Einträgen von Leuten, die connect ausprobiert haben und über ihre Erfahrungen berichten. »Völlig neues Erlebnis«, »unglaubliche Atmosphäre im Hangar«, »ganz nett, aber eigentlich nur Altbekanntes neu verpackt«, »wusste gar nicht, welche große Distanz ich normalerweise um mich aufbaue«, »magische Atmosphäre«, »befreiend«, »connected hat da bei mir nix«, »wem’s gefällt«, »eine Oase der Liebe und des gegenseitigen Verständnisses«.

»Was verziehst du denn so dein Gesicht?«

Ava zuckt fast zusammen, als Mel sie plötzlich anspricht. »Hab ich das?«

»Oh ja! Fast so, wie wenn Jan uns einen seiner Vorträge hält. Du hast dein Gesicht echt nicht unter Kontrolle.«

»Hab ich wohl wirklich nicht«, lacht Ava und schließt den Blog der Eso-Frau mit den Dreadlocks, die von authentischen Erfahrungen und spirituellen Verbindungen schwärmt.

Mel steht auf und streckt ihren langen Körper Richtung Decke. »Soll ich dir einen Kaffee mitbringen?« Ava schüttelt den Kopf, wartet bis die Tür hinter Mel ins Schloss gefallen ist, öffnet die connect-Website.

Nach spiritueller Selbsterfahrung immerhin sieht hier nichts aus. Vor allem Bilder sind zu sehen. Junge Menschen, schöne Menschen, die Übungen machen, zusammen im Gras sitzen, mit Farbe beschmiert vor einer frisch gestrichenen Wand posieren, Beete umgraben und Möbel vom Sperrmüll aufarbeiten. Ava klickt auf das Bild eines Magazinartikels.

Ein Porträt nimmt den größten Teil einer der beiden abfotografierten Seiten ein: Ein Mann, vielleicht Mitte dreißig, mit kurzgeschorenem Haar und einem Blick, der aus dem Bild herauszuspringen scheint. Das Bild ist Schwarz-Weiß, doch Ava ist fast sicher, dass die Augen in Wirklichkeit von einem blassen Blau sind, das in krassem Kontrast zu dem dunklen Haar steht.

Sie reißt sich von dem Bild los und liest.

Date mit einem Guru

von Necdet Öztürk

Ich treffe mich mit dem Mann, der sich selbst nur Dev nennt und eine Gruppe anführt, die unter dem Namen »connect« überall im Land mit ihren Kursen für Aufsehen sorgt.

Bilder von ihm zu finden ist leicht, an ihn persönlich heranzukommen deutlich schwieriger. Ich besuche ihn in seinem eigenen kleinen Reich, dem »Airfield« , einem ehemaligen Militärgelände, auf dem im Zweiten Weltkrieg Flugzeuge zusammengebaut wurden. Heute heben Leute hier nur noch geistig ab.

Ich bin gespannt auf diesen Mann, der es geschafft hat, an die 300 Leute auf dieses abgelegene Gelände zu locken, und zu dessen Workshops die Leute in Scharen rennen. Der erste Eindruck: überraschend normal. Wenn man ihn auf der Straße treffen würde, würde man ihn eher für einen Künstler oder Musiker halten als für den Anführer einer spirituellen Gruppe.

Das Auffälligste an ihm: die vielen Tätowierungen. Die Arme sind fast vollständig mit schwarzen Mustern bedeckt und als ihm beim Demonstrieren einiger Körperübungen das Hemd am Bauch hochrutscht, kann man erahnen, dass es an seinem Körper nicht viele Stellen gibt, die nicht mit Tinte und Nadel in Berührung gekommen sind.

Necdet: Dev, erstmal vorab: Wie lebt es sich so als Guru?

Dev (lacht): Ach eigentlich wie bei den meisten. Es gibt bessere und schlechtere Tage. Allerdings überwiegen bei mir die besseren.

N: Du hast anscheinend nichts dagegen, wenn man dich Guru nennt?

D: Nein, gar nicht. Aber ich weiß, wieso du danach fragst. Das Wort hat ja bei uns immer einen fiesen Beigeschmack, sowas irgendwie Unanständiges. Ein Guru ist in den Augen der Meisten manipulativ, ausbeuterisch und hält sich selbst nicht an die Regeln, die er predigt. Aber das ist kein Guru, das ist nur ein Betrüger. Der Begriff Guru setzt sich zusammen aus den Silben gu und ru. Gu bedeutet Dunkelheit und ru Licht. Ein Guru ist also erst mal nicht mehr als jemand, der Licht in die Dunkelheit bringt. Einem wirklichen Guru geht es nicht darum, seine Schüler auszubeuten, sondern ihnen dabei zu helfen, sich zu entwickeln und schließlich Erleuchtung zu finden. Aber um das klar zu stellen, ich würde mich selbst nicht als Guru bezeichnen. Ich habe nur kein Problem damit, wenn man mich so nennt.

N: Du bist ziemlich gut darin, dir Dinge so zurechtzubiegen, wie sie dir passen, oder?

D: Ja, natürlich. Machen wir das nicht alle? Nein, im Ernst, ich glaube nicht, dass es wirklich etwas mit zurechtbiegen zu tun hat. Ich würde es eher als Filter bezeichnen. Wir alle haben solche Filter, ohne die kämen wir gar nicht aus. Wir können unmöglich auf die Welt schauen und alle Perspektiven gleichzeitig einnehmen, unser Gehirn würde durchbrennen. Nehmen wir zum Beispiel dich. Du möchtest einen interessanten Artikel schreiben, deshalb betrachtest du mich durch einen Filter, der dir all meine möglichen Schwachstellen zeigt. Alle Punkte, an denen ich potenziell angreifbar wäre. Und auf die stürzt du dich. Natürlich. Wenn man Leute provoziert, zeigen sie Seiten von sich, die man sonst nicht zu sehen kriegen würde. Dein Filter hilft dir, deinen Job gut zu machen. Und genau so habe ich auch meine Filter, allerdings funktionieren die etwas anders als deine.

(So langsam beginne ich zu verstehen, wieso Leute sich anhören, was Dev zu sagen hat. Er schafft es, dass alles, was er sagt, einem völlig logisch erscheint.)

N: Okay, dann stürze ich mich gleich noch mal auf etwas anderes: Deine Anhänger. Für mich ist es ziemlich befremdlich zu sehen, dass es Leute gibt, die ihre Jobs kündigen, um mit dir hier im Wald zu leben. Also, versteh mich nicht falsch, das Gelände ist beeindruckend, aber du kannst doch nicht leugnen, dass das alles etwas merkwürdig ist.

D: Oh nein, natürlich nicht, das ist es. Ich finde deine Wortwahl übrigens interessant: merkwürdig. Das ist wieder so ein Wort, das von uns völlig fehlgedeutet wird. Eigentlich heißt es ja einfach nur: es ist würdig, gemerkt zu werden. Es ist also auf irgendeine Art außergewöhnlich. Und das ist das Airfield auf jeden Fall. Aber ich weiß, darauf wolltest du nicht hinaus. Also um deine Frage zu beantworten: Ja, unsere Art zu leben ist merkwürdig, aber eigentlich nur, wenn man sie durch den Filter des modernen Westeuropäers betrachtet. Schaut man sich die Menschheitsgeschichte mal genauer an, leben wir hier eigentlich nur so, wie die überwiegende Mehrheit der Menschen über Jahrtausende zusammengelebt hat. Man könnte das Airfield als eine Art Dorf betrachten. Und dann ist es eigentlich gar nicht mehr so seltsam, oder?

N: Aber in einem Dorf folgen ja nicht alle einem allwissenden Führer.

D (lacht laut): Und wer soll das bei uns sein? Nein, du hast eine falsche Vorstellung von mir. Für viele Mitglieder spiele ich gar keine besonders große Rolle. Sie sind nicht wegen mir hier, sondern weil ihnen die Idee von connect gefällt, weil ihnen die Art des Zusammenlebens gefällt. Meine Rolle könnte man vielleicht am ehesten mit der des Dorfpfarrers vergleichen. Jemand, der einem vielleicht mal einen Rat gibt, wenn man nicht weiter weiß, der einem einen Schubs in die richtige Richtung geben kann. (Er lacht wieder) Und dem man meistens nur mit halben Ohr zuhört, weil man mit den Gedanken woanders ist.

N: Also würdest du dich als Religionsführer bezeichnen?

D (schüttelt den Kopf, seufzt): Bei dir muss man wirklich auf seine Worte aufpassen. Nein, ich würde mich genauso wenig als Religionsführer bezeichnen, wie ich connect als Religion betrachte. Religionen sind für mich starre Konstruktionen. Unflexibel. Das ist das Letzte, was wir sein wollen. Außerdem geht es bei uns nicht um irgendein höheres Wesen, das es gibt oder nicht gibt. Wir sind viel profaner unterwegs. Uns geht es nicht um den Schöpfer, sondern um die Natur des Menschen. Und auch das ist wesentlich simpler, als es erstmal klingt, denn die Wissenschaft hat ja für uns schon die meiste Vorarbeit geleistet und einiges darüber herausgefunden, wie wir Menschen ticken. Alles, was wir bei connect tun ist, diese Erkenntnisse nutzbar zu machen und auszuprobieren, wie ein Leben aussehen kann, das unserer menschlichen Natur entspricht.

N: Aber ihr arbeitet doch auch viel mit Meditation und solchen Dingen. Würdest du nicht zustimmen, dass das zumindest etwas Spirituelles hat?

D: Doch, das schon. Aber das widerspricht nichts von dem, was ich vorher gesagt habe. Der Mensch ist ein zutiefst spirituelles Wesen. Wie sonst lässt sich erklären, dass es über alle Kulturen hinweg den Wunsch gibt, so etwas wie eine höhere Macht zu konstruieren. Alles was ich sage ist: Diese höhere Macht sind wir selbst. Diese höhere Macht ist die Verbindung zwischen uns, die tatsächlich etwas Übernatürliches hat. Und dieser Verbindung kann man in der Meditation auf die Spur kommen. Es ist ja nicht so, dass alles, was religiöse Gruppen entwickelt haben, Quatsch wäre. Ganz im Gegenteil. Das Singen von Mantras, das Beten von Rosenkränzen und natürlich Meditation, das alles hat ja einen Effekt, sonst hätten sich diese Techniken nicht über Jahrhunderte und Jahrtausende gehalten. Ich bin nur der Meinung, dass der Fokus bisher oft nicht stimmte. Diese Dinge funktionieren nicht deshalb, weil sie eine Verbindung zu einem höheren Wesen herstellen, sie funktionieren, weil sie eine Verbindung zwischen uns herstellen, die uns wie eine größere Macht erscheint. Und im Grunde gibt es ja auch in den Religionen immer wieder Hinweise darauf, dass es zumindest manche gab, die das genauso gesehen haben. Wenn die Rede davon ist, dass Gott in allem ist, dass Gott in uns ist, ist eigentlich genau das gemeint. Nur nenne ich es nicht Gott. Aber es ist eine Kraft, die größer ist als die Summe seiner Teile.

Hier bricht der Artikel ab. Der Rest wurde nicht mitfotografiert. Ava tippt den Titel des Artikels in die Suchmaschine, aber alles was sie findet, ist das Inhaltsverzeichnis des Magazins. Print only existiert wohl doch noch.

Die Tür öffnet sich und Mel trägt einen leichten Zigarettengeruch mit ins Büro. Sie schüttelt sich. »Letzte Woche meint man noch, es ist Sommer, und heute ist wieder Scheiß-Winter.« Sie schließt die Finger fest um ihre Kaffeetasse, als könnte sie sich daran wärmen. »Jan hat mich gerade abgefangen. Wir sollen zu ihm kommen für ein Briefing.«

Ava nickt, schließt das Browserfenster.

9

Ava weiß nicht genau, wann sie aufgehört hat, sich die Frage zu stellen, ob sie freitags in die Halle fahren soll. Es dauert nicht lange, bis die Halle so unbedingt das Ende der Woche markiert, dass es anders gar nicht mehr zu denken ist. Freitags ist offiziell ab 16 Uhr Feierabend, jedenfalls wenn man es vorher geschafft hat, seine Jobs abzuschließen. Ava muss also nicht allzu viele Fragen beantworten, wenn sie um 18 Uhr geht.

Mel und Liz erzählt sie, sie gehe zum Yoga. Mel verbucht das als Erfolg für sich. Sie wollte Ava schon lange dazu bringen, Yoga zu machen. »Seit ich meditiere, hab ich viel bessere Ideen. Und deine Rückenschmerzen wären bestimmt auch weg, wenn du Yoga machen würdest.«

Ihre Rückenschmerzen sind tatsächlich verschwunden, auch wenn es nicht ganz Yoga ist, was jede Woche in der Halle passiert, so ist es doch ähnlich genug, um die gleichen – jedenfalls die gleichen körperlichen – Effekte zu erzielen. Es als Yoga zu verkaufen ist deshalb keine Lüge, bloß eine vereinfachte Darstellung, weil »connect« zu sagen, mit Sicherheit eine Diskussion auslösen würde. Mel meint immer, sie wäre total offen. Aber eben nur für die Dinge, die in ihr Weltbild passen.

Doch es gibt Momente, in denen Ava sich fragt, ob es wirklich an Mel liegt, dass sie das Gespräch über connect vermeidet. Vielleicht liegt es auch bloß daran, dass Ava nicht umhin kann, sich zu fragen, wie sie selbst darauf reagieren würde, wenn ihr jemand von connect erzählte. Sicher wäre sie skeptisch. Mindestens.

Sie weiß, dass connect ihr gut tut, aber sie glaubt, noch nicht sicher genug zu sein, um dieses Wissen auch anderen gegenüber zuzugeben. Vor allem nicht gegenüber Mel. Bei Liz hat sie weniger Bedenken, nur kann die nichts für sich behalten. Also geht sie eben zum »Yoga« und spart sich die Diskussionen.

Ava ist überrascht, als Luca sie eines Abends mit Namen anspricht. »Mir ist aufgefallen, dass du schon öfter bei uns warst. Ich hoffe, das heißt, dass du dich bei uns wohl fühlst.«

Es ist nicht wirklich eine Frage, aber Lucas forschender Blick scheint eine Reaktion zu erwarten. Ava nickt. Sie hätte nicht gedacht, dass Luca ihre Anwesenheit überhaupt aufgefallen ist.

»Das freut mich«, das Lächeln lässt Lucas Gesicht jünger aussehen, weicher. »Ich wollte dir noch mal persönlich sagen, dass du natürlich immer zu mir kommen kannst, wenn du irgendwelche Fragen hast.«

»Danke«, Ava zögert. »Vielleicht hätte ich wirklich eine Frage.«

Luca ermutigt sie mit einem Nicken zum Weitersprechen.

»Vor ein paar Wochen hast du über Social Media gesprochen und darüber, dass es uns nicht verbindet, sondern isoliert.« Luca nickt erneut. »Naja«, wie kann sie es am besten formulieren, ohne dass es wie ein Vorwurf klingt? »Ich habe mir vor ein paar Tagen mal die Social-Media-Kanäle von connect angeschaut.«

»Und jetzt fragst du dich, warum wir da so aktiv sind, wenn Social Media doch angeblich böse ist«, ergänzt Luca, als Ava nicht gleich weiterspricht.

»Ja«, sagt Ava, »so ungefähr.«

Zu ihrer Überraschung fängt Luca an zu lachen. »Wirkt ziemlich widersprüchlich, oder? Aber vielleicht habe ich mich beim letzten Mal nicht ganz klar ausgedrückt. Es ist nicht so, dass connect die Sozialen Medien grundsätzlich ablehnt. Das wäre ziemlich weltfremd. Nein, eigentlich begreifen wir das alles sogar als große Chance. Wir können über diese Kanäle Menschen erreichen, die sonst nie die Möglichkeit hätten, von connect zu erfahren.«

Luca schweigt einen Moment, die Stirn in nachdenkliche Falten gelegt.

»Eins sollte ich wahrscheinlich auch noch mal ganz klar sagen: Wir machen hier niemandem Vorschriften, wie er oder sie zu leben hat. Wir machen nur Vorschläge, regen zum Nachdenken an. Es ist zum Beispiel nicht so, dass wir der Meinung sind, jeder müsse grundsätzlich auf Soziale Medien verzichten. Wir sind nur der Meinung, dass man sich immer wieder die Frage stellen sollte, wie man sie nutzt. Wenn man darüber zum Beispiel mit anderen kommuniziert, wenn man online wirklich bedeutsame Gespräche führt, dann wäre es ja Wahnsinn, darauf zu verzichten.«

Ja, das wäre es. Ava denkt einen Moment über Lucas Worte nach. »Und warum hast du dich dann entschieden, darauf zu verzichten?«

Luca lacht. »Fehlende Selbstkontrolle«, sie hebt die Hände, wie in einer entschuldigenden Geste, und Ava entdeckt, dass die Tattoos auf ihren Unterarmen denen von Dev gleichen, die sie auf einigen Fotos gesehen hat. Aus winzigen Punkten zusammengesetzte, feine Linien und Formen. »Ich schaffe es einfach nicht, damit so umzugehen, dass es gesund für mich wäre«, fährt Luca fort. »Es ist wie mit Alkohol. Ein bisschen ist natürlich nicht schädlich, aber rund um die Uhr besoffen zu sein, ist nicht die beste Idee.«

Etwas übertrieben, denkt Ava, und Luca liest ihr die Gedanken wohl vom Gesicht ab, denn sie legt den Kopf schief und schaut Ava forschend an. »Nicht überzeugt?« Ava spürt, wie ihr die Hitze ins Gesicht steigt. Sie hat ihre Mimik nicht besonders gut unter Kontrolle, hatte sie nie. »Naja«, druckst sie, »der Vergleich ist ein bisschen extrem, oder?«

»Ja, das meint man, oder? Aber es war auch mal normal, sich in der Mittagspause mit den Kollegen ne Flasche Schnaps zu teilen. Würde heute keiner mehr machen. Und ich glaube, in ein paar Jahren wird es mit unserem Medienkonsum genauso sein.«

Ava nickt langsam. »Ja vielleicht, aber die Folgen sind doch etwas andere, oder?«

Luca wiegt den Kopf. »Du meinst, weil man sich nicht die Leber oder irgendwelche anderen Organe zerschießt, nur weil man ein paar Stunden am Tag am PC oder Handy verbringt?«

Ava nickt wieder.

»Das stimmt natürlich. Aber um ehrlich zu sein, sind für mich die körperlichen Konsequenzen noch das geringste Problem. Das Schlimmste ist, dass einem das eigene Leben entgleitet. Man verliert die Beziehung zu sich selbst, weil man so sehr darauf fokussiert ist, ein Bedürfnis zu erfüllen, das sowieso nie gestillt sein wird. Man hat nie genug getrunken, man hat nie genug gesehen und gelesen.«

Vielleicht. Ja. Vielleicht stimmt das tatsächlich, wenn man es übertreibt. Aber nicht alle, die viel trinken, sind Alkoholiker und nicht alle, die viel online sind, internetsüchtig.

»Vielleicht ist meine Sicht etwas extrem«, räumt Luca ein. »Vielleicht bin ich auch einfach besonders anfällig für Suchtverhalten. Ich kann Dinge schlecht nur halb machen, deshalb ist es wichtig, dass ich mir die richtigen Suchtmittel aussuche. Das heißt natürlich nicht, dass es bei dir genauso ist.« Luca überlegt einen Moment. »Aber darf ich dir etwas vorschlagen?«

»Klar, warum nicht.«

»Achte in den nächsten Tagen doch einfach mal darauf, wie es dir geht, nachdem du online warst. Fühlst du dich inspiriert oder deprimiert? Das klingt jetzt furchtbar vereinfacht, aber manchmal ist es so simpel. Ich kenne Menschen, die nutzen das Internet wahnsinnig produktiv, aber nur du kannst wirklich beurteilen, ob das bei dir auch so ist.« Luca fährt sich mit der Hand durch das kurzgeschorene Haar. »Das war jetzt ein ganz schöner Vortrag von mir, ich hoffe, ich habe dich damit nicht verschreckt.«

Ava schüttelt langsam den Kopf, ist mit den Gedanken noch bei Lucas Vorschlag. »Nein. Nein, gar nicht.« Wie ist es denn bei ihr? Sie nutzt das Internet doch, um sich zu inspirieren, oder nicht? Und sie braucht es doch für die Arbeit. Aber wie sieht es mit ihrer Freizeit aus, wie mit Social Media?

Ihr Abschied von Luca gerät etwas fahrig, und auch den Rest des Abends bringt sie mehr in ihrem eigenen Kopf zu als im Gespräch mit anderen.

10

Avas Handy vibriert und ohne erst zu schauen, von wem die Nachricht ist, hat sie sie bereits geöffnet. Ein Bild, geschickt von Tante Gela, aus der Zeitung abfotografiert. Leitung Stadtmarketing (m/w/d). »Das klingt nach einer tollen Stelle.«

Eine tolle Stelle. Eine tolle Stelle für jemanden, der Marketing studiert und kein Problem damit hat, bis an sein Lebensende in irgendeiner Behörde seine Zeit abzusitzen. Gela versteht Ava nicht, kennt sie nicht, sonst würde sie ihr so was nicht schicken. In Avas Kopf läuft das nächste Streitgespräch mit ihrer Tante an und sie muss sich zwingen, es zu unterbrechen. Sie atmet langsam und bewusst ein und aus.

»Klingt gut, aber ich fürchte, das passt für mich nicht ganz«, tippt sie schließlich. »Trotzdem danke.«

Gela tippt. Braucht lange. »Ok, ich dachte nur, vielleicht wäre es ja etwas für dich.« Und natürlich kann sie es sich nicht verkneifen hinzuzufügen: »Denk aber zumindest mal drüber nach. Da hättest du vielleicht sogar die Chance auf eine Verbeamtung.«

Es hat wenig Sinn, Gela zu sagen, dass eine Verbeamtung nichts bringt, wenn man einen ganz anderen Job macht. Sie hat nie wirklich verstanden, was genau Ava tut. Vielleicht würde Gela sich davon überzeugen lassen, dass Ava in der freien Wirtschaft viel mehr verdient als im Staatsdienst, zumindest auf lange Sicht. Aber die Sicherheit! Gelas Lieblingsargument, die Sicherheit. Ava dagegen würde lieber jedes Jahr den Arbeitgeber wechseln als dreißig Jahre lang im gleichen Büro zu hocken. Aber weil diese Diskussionen sowieso nichts nützen, antwortet sie bloß »Ok, mach ich« und »Grüß mama«, stellt das Handy auf lautlos.

»Wer ist die Beste?«, Mel hat ihren Kopf durch die Tür geschoben, schaut Liz und Ava erwartungsvoll an.

Ava tut, als müsse sie angestrengt nachdenken. »Hab ich nur die Wahl zwischen lebenden Personen, oder zählen auch Tote? Dann wäre ich nämlich eindeutig bei Frida Kahlo.«

Mel verdreht die Augen. »Frida ist ja cool und so. Aber bringt Frida euch auch Geschenke?« Sie stößt die Tür jetzt ganz auf, hält drei Pappkartons im Arm, von denen sie Liz und Ava je einen in die Hand drückt.

»Gymnastikbälle!«, quietscht Liz, reißt ihren Karton auf und zieht einen pinken Lappen daraus hervor. »Oh mein Gott! Pink! Ich liebe dich!«

Mel nickt zufrieden »Das klingt schon besser.«

Auch Ava öffnet jetzt ihren Karton. »Schwarz wie deine Seele«, kommentiert Mel. Ava lacht. »Und welche Farbe hat deiner?«

Mel lässt sich auf ihren Stuhl fallen. »Gelb natürlich. Passend zu meinem sonnigen Gemüt.« Sie verzieht keine Miene, als Ava und Liz in Gelächter ausbrechen. »Lacht schön weiter, vielleicht verirren sich dann ein paar Heftzwecken unter eure Bälle.«

»Oh nein, bitte nicht!« Liz hat bereits die kleine Handpumpe aus ihrem Karton gezogen und ein leichtes Zischen deutet darauf hin, dass ihr Ball sich tatsächlich mit Luft füllt, auch wenn er noch immer unverändert schlaff auf ihrem Schoß liegt.

»Wie hast du die denn gekriegt?«, fragt Ava, während auch sie ihre Luftpumpe aus der Packung zieht.

»Natürlich mit meinem unwiderstehlichen Charme«, zwinkert Mel. Sie richtet sich übertrieben gerade auf, lässt ihre Stimme ein paar Nuancen höher werden. Die Stimmlage, die sie selbst immer »das todesniedliche Rehkitz« nennt. »Oh Jan, wir haben solche Rückenschmerzen, wenn wir den ganzen Tag sitzen. Oh Jan, könnten wir bitte bitte Gymnastikbälle bekommen? Das ist ja sooo gesund für den Rücken. Oh Jan, dann können wir auch noch viel länger am Schreibtisch sitzen.« Sie klimpert mit den Augen einem imaginären Jan entgegen. Ava prustet los. Nicht nur wegen Mels Performance, sondern auch wegen Liz, die so sehr mit ihrem Ball beschäftigt ist, dass sie davon gar nichts mitbekommt. Wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum. Der Rest des Hauses könnte unbemerkt abbrennen.

Auch der formlose Lappen auf Avas Schoß füllt sich langsam mit Luft, wird praller, bis das Schwarz schließlich durchlässig wird, sich zu einem ungleichmäßigen Dunkelgrau verfärbt. Kurz zischt die Luft wieder aus dem Ball, als Ava die Pumpe herauszieht, um den Verschluss hineinzustopfen. Liz hüpft bereits auf ihrem Ball auf und ab. »Mach ein Bild von mir!«, verlangt sie und drückt Mel ihr Handy in die Hand, balanciert auf ihrem Ball, die Füße elegant in die Luft gestreckt.

Schon ein paar Minuten später ploppt eine Benachrichtigung auf Avas Handy auf. »TheIncredibleLiz hat dich in einem Beitrag markiert. #worklifebalance #bestjobever #myagencylife.«

Ava liked das Bild, aber zwanzig Leute sind ihr bereits zuvorgekommen. »Deine Follower sind echt schnell«, meint Ava und das Lächeln von Liz wird noch ein bisschen breiter.

Auch Ava kann nicht anders, als zu lachen, wann immer sie den Rest des Tages zu Liz hinschaut, die mit seligem Ausdruck hinter ihrem Bildschirm auf und ab wippt wie ein Korken auf dem Wasser. Wenn Liz etwas kann, dann sich begeistern. Ihre Freude hat eine unwiderstehliche Maßlosigkeit. Wenn man Liz anschaut, könnte man meinen, dass es überhaupt nichts Schlechtes gibt auf der Welt. Eine Naivität, auf die man beinahe neidisch sein könnte. Vielleicht ist es das, was ihre Follower so fasziniert, anders lässt es sich kaum erklären, dass sie mit ihrem Blog fast so viel Geld verdient wie mit ihrem Vollzeit-Job. Die Mischung aus Mode-Tipps, DIY-Tutorials und Berichten aus ihrem Berufsleben allein können es jedenfalls nicht sein, immerhin gibt es Tausende, die gleiche oder ähnliche Inhalte posten. Also muss es wohl diese Begeisterungsfähigkeit sein, die die Leute anzieht, und von der, wenn sie ehrlich ist, auch Ava gern etwas mehr hätte.

Es ist Liz, die vorschlägt, dass sie nach Feierabend noch bleiben, um Goldideen zu machen. »Ich glaube, der Ball bringt meinen Kopf in Bewegung«, strahlt sie und Ava will ihr die Freude nicht verderben. Und warum auch nicht, morgen ist Samstag und es ist schon einige Wochen her, dass sie irgendetwas zu dritt unternommen haben. Also bleibt sie und spinnt mit Mel und Liz Ideen, erst mit Hilfe des Bierkühlschranks, später durchforsten sie die Küche nach Schnapsresten von der letzten Party. Ein bisschen Kräuterschnaps, ein Rest Martini, etwas Wodka. Um zehn bestellen sie Pizza auf Agenturkosten, um elf hüpfen sie auf ihren Bällen den langen Flur entlang um die Wette. Ava rutscht auf halben Weg vom Ball und bleibt kichernd auf dem Teppich liegen, während Mel mit ihren langen Beinen davonhüpft und am Ende des Flurs krachend mit der Wand kollidiert. Eine Viertelflasche Gin später schmeißen sie Darts durch die gesamte Küche. Nur einer von zehn Pfeilen landet tatsächlich in der Scheibe, der Rest bleibt in Wand und Boden stecken.

Als sie schließlich mit leichtem Kopf durch die Nacht nach Hause radelt, weiß Ava, dass genau solche Nächte der Grund sind, warum sie, wenn überhaupt irgendwo, dann nur an einem solchen Ort arbeiten will. Dass sie woanders nie würde arbeiten können. Schon gar nicht in irgendeiner Behörde.

11

Ava schreckt hoch, starrt auf ihr Handy, bis sie endlich begreift, dass es nicht der Wecker ist, sondern ein Anruf, der sich in ihren Schlaf geklingelt hat. Linas Name steht auf dem Display.

»Hey!«, Lina klingt verboten frisch. Wahrscheinlich ist es schon viel später als Ava denkt.

»Hi Lina«, Avas Stimme ist schwach und kratzig. Ihre Katerstimme.

»Oh, hab ich dich geweckt? Entschuldige! Ich kann auch später noch mal anrufen.«

Ava setzt sich auf. Sie ist durchgeschwitzt. Wahrscheinlich scheint die Sonne schon eine Weile direkt auf ihr Bett.

»Ich wollte eh gerade aufstehen«, sagt sie halbwegs aufrichtig. »Was gibt’s denn?« Sie steht auf und geht ins noch kühle Wohnzimmer, lässt sich aufs Sofa fallen.

»Ach«, antwortet Lina. »Ich hab dich bloß gestern in der Halle vermisst und wollte mal hören, wie es dir so geht.«

Irgendwie hat Ava das Gefühl, sie müsste sich rechtfertigen und murmelt was von Überstunden, doch Lina unterbricht sie. »Es ist völlig ok, wenn du nicht kommst. Ich wollte nur sichergehen, dass bei dir alles in Ordnung ist.« Dann wechselt sie das Thema, erzählt von ihrem aktuellen Kunden, einem Modeunternehmen, das sich als umweltbewusst, billig und qualitativ hochwertig positionieren will und nicht einsieht, dass das keine glaubwürdige Kombination ist.

Ava hat Schwierigkeiten, Linas Erzählung zu folgen. Wie immer, nachdem sie zu viel getrunken hat, fühlt sie sich niedergeschlagen, wie immer hat sie das Gefühl, etwas falsch gemacht, etwas unwiderruflich zerstört zu haben.

»Ist wirklich alles in Ordnung bei dir?«, fragt Lina, und erst jetzt merkt Ava, dass es ein paar Sekunden lang still war in der Leitung.

»Ich sollte weniger trinken«, antwortet Ava und Lina lacht. »Sollten wir das nicht alle? Aber weißt du, was hilft? Wenn du heute Abend in die Halle kommst.«

Ava stöhnt.

»Ich schwör’s dir. Nichts hilft besser gegen Kater, als wenn du dich gleich wieder bewegst. Klingt super abwegig, ich weiß, aber du solltest das echt mal ausprobieren.«

Vielleicht weil Ava zu katergeschwächt ist, hört sie sich irgendwann ja sagen. Schon einen Augenblick später bereut sie es, aber da hat Lina schon aufgelegt.

Wieder vergeht der Rest des Tages zwischen zu fettigem Essen und Serienmarathon und wieder ist Ava am Abend doch erleichtert, dass sie einen Grund hat, den Laptop zuzuklappen und rauszugehen. Auch wenn ihr schon beim Gedanken an Bewegung übel wird.

»Man sieht dir den Kater gar nicht an«, begrüßt Lina sie. »Wenigstens etwas«, gibt Ava zurück.

Sie setzen sich weit nach vorne und Ava ist froh, nicht später gekommen zu sein, denn heute ist die Halle noch voller als freitags.

»Wer von euch ist in einer Beziehung?«, fragt Luca nach ihrer üblichen Begrüßung. Überall in der Halle heben sich Hände. »Okay. Und jetzt mal ganz ehrlich: Wer von euch findet trotzdem auch mal andere Leute attraktiv?« Luca schaut sich im Raum um. »Ah ja, schon weniger.« Sie hebt eine Braue. »Und wer von denen, die sich gerade nicht gemeldet haben, ist mit Partner hier?« Fast alle Hände, die verschwunden waren, sind jetzt wieder in der Luft. Luca hebt auch die zweite Braue und die Halle lacht.

»Nein, aber mal ernsthaft«, fährt Luca fort. »Andere Leute attraktiv finden ist normal. Eigentlich ist uns das auch allen klar. Nur unsere Partner sollen das auf keinen Fall wissen, unsere Partner sollen denken, dass sie die Einzigen für uns sind. Aber das ändert nichts daran, dass wir uns zu anderen hingezogen fühlen. Und ich rede jetzt nicht nur von körperlicher Anziehung. Ich rede auch von intellektueller und emotionaler Anziehung. Wäre es nicht auch furchtbar, wenn wir plötzlich jedes Interesse an anderen Menschen verlieren würden, nur weil wir in einer Beziehung sind?« Luca schüttelt den Kopf. »Es ist normal, dass wir uns zu anderen Menschen hingezogen fühlen! Was nicht normal ist, sind exklusive Beziehungen.«

Ein Rascheln und Tuscheln bricht aus und Luca spricht lauter. »Ja, ich weiß, das widerspricht allem, was man euch von klein auf beigebracht hat. Man findet den perfekten Partner und dann wird man nur ihn lieben, für immer und ewig, bis dass der Tod euch scheidet. Aber denkt das doch mal zu Ende. Solche exklusiven Beziehungen sind ja nicht bloß eine Entscheidung für jemanden. Sie sind gleichzeitig auch eine Entscheidung gegen alle anderen. Sobald man eine exklusive Beziehung eingeht, wird es ein wir gegen alle anderen. Und weil wir jetzt ja nur diesen einen Menschen lieben dürfen, werden unsere Ansprüche an ihn auch immer unrealistischer. Wir erwarten, dass dieser Mensch perfekt zu uns passt, dass er all unsere Bedürfnisse befriedigt, dass er uns als ganze Person annimmt und liebt. Gleichzeitig verstecken wir aber die Teile von uns, die wir selbst als nicht akzeptabel oder liebenswert empfinden, versuchen ein Bild von uns zu erschaffen, das unserem Ideal entspricht, aber immer wieder damit kollidiert, wer wir tatsächlich sind. Und wenn das dann nicht gut geht – was ja eigentlich nicht anders zu erwarten ist – dann stehen wir plötzlich ganz ohne diesen Menschen da, der doch kurz vorher noch alles für uns sein sollte.« Luca wirft die Hände in die Luft. »Das ist doch völlig krank, oder?«

Das Gemurmel in der Halle ist inzwischen ganz verstummt. »Und genau deshalb sagt Dev, dass Beziehungen eigentlich wie gute Freundschaften sein sollten. Denn Freundschaften sind viel flexibler als exklusive Partnerschaften. Bei Partnerschaften gilt meistens: ganz oder gar nicht. Du bist alles für mich oder du bist nichts. Freundschaften dagegen können auseinander und wieder zusammen schwingen, man kann sich längere Zeit wenig oder gar nicht sehen und sich dann wieder annähern. Und natürlich kann man gleichzeitig auch mit anderen Menschen befreundet sein.«

Luca schaut sich in der Halle um, lässt ihren Blick über die Gesichter streifen. »Im Grunde ist es doch wie bei den Übungen hier. Ihr berührt jemanden und fühlt euch ganz intensiv mit ihr oder ihm verbunden. Und dann bewegt ihr euch weiter und berührt jemand anderen. Und die eine Berührung, die eine Verbindung ist genau so wertvoll wie die andere. Sie stehen nicht in Konkurrenz zueinander.« Luca legt die Handflächen aneinander, fast wie bei einem Gebet. »Wenn wir gleich mit der Körperarbeit beginnen, dann achtet einmal ganz bewusst darauf, wie es sich anfühlt, mit mehreren Menschen gleichzeitig so intensiv verbunden zu sein. Ohne Eifersucht. Ohne Besitzansprüche.« Sie lächelt in die Runde. »Wollen wir anfangen?«

Als Ava sich an diesem Abend zum ersten Mal mit den Armen hochstemmt, den Kopf nach unten hängen lässt, meint sie kurz, sich übergeben zu müssen. Wie soll sie das bloß sechzig Minuten durchhalten? Doch mit jeder Bewegung wird es besser und bald schon fühlt es sich fast an wie immer.

Beim Tanzen aber ist plötzlich eine Berührung, die sich anders anfühlt, und warmer, zu warmer Atem an ihrem Ohr. Sie öffnet die Augen, sieht kurze Finger, fast rechteckige Nägel, die so kurz geschnitten sind, dass es beim Ansehen schmerzt. Die Berührung dieser Hand bleibt wie ein Abdruck auf ihrer Haut zurück.

»Ist dir das schon passiert«, wendet sie sich später an Luca, »dass du nicht wolltest, dass jemand dich anfasst?«

Luca schaut sie an. »Ist dir das passiert? Hat dich etwa jemand bedrängt?«

Ava beeilt sich, zu verneinen. »Es hat sich nur irgendwie anders angefühlt. Falsch.«

Luca nickt. »Du solltest natürlich auf das hören, was dein Körper dir sagt. Die Frage ist nur, ob er dir etwas über dein Gegenüber sagt oder über dich selbst.«

Ava ist nicht sicher, dass sie versteht.

»Unser Widerwille gegen jemand anderen hat nicht immer etwas mit dieser Person zu tun«, erklärt Luca. »Vielleicht löst diese Person bloß etwas in uns aus, erinnert vielleicht an jemand anderen oder wir erkennen uns wieder auf eine Weise, die uns nicht gefällt.«

Ava nickt langsam.

»Nur du kannst entscheiden, ob du es aushältst, aber wenn ja, würde ich dir raten: Setze dich dem aus. Oder willst du auf Dauer allem ausweichen, was dir unangenehm ist?«

Vielleicht, denkt Ava, war es bloß das Katergefühl, dieser Selbstekel, der sich auf jemand anderen übertragen hat. Am nächsten Freitag also setzt sie sich neben den Mann mit den eckigen Nägeln. Doch es bleibt ein Widerwille, nach dieser Hand zu greifen, es bleibt ihr die Nähe dieses Körpers unangenehm bewusst. Als die Körperübungen vorbei sind, als endlich das Tanzen anfängt, bewegt sie sich weg von ihm, fühlt, wie sich eine schützende Wand aus Körpern zwischen sie schiebt. Sie tanzt all den Widerwillen aus sich heraus und zum ersten Mal kommt sie sich nicht ungelenk dabei vor. Ihr Körper ist Wasser, er fließt, fließt mit den anderen. Zum ersten Mal ist sie beinahe enttäuscht, als die Musik verklingt. Trotzdem achtet sie von jetzt an darauf, bei den Körperübungen nicht neben dem Mann zu stehen und ist froh, dass er bald nicht mehr auftaucht in der Halle.

12

Schon wieder Sonntag. Schon wieder ein Tag auf der Couch. Vielleicht sollte sie rausgehen. Raus, aber wohin? Was ist los in der Stadt? Ava scrollt sich durch mehrere Seiten, findet nichts, worauf sie Lust hat. Vielleicht könnte sie mal wieder zeichnen. Zeichnen, aber was? Als sie ein Moodboard voll Inspiration gesammelt hat, hat sie schon die Lust verloren. Sie öffnet eine News-Website, schließt sie gleich wieder. Sitzt auf der Couch und starrt auf das leere Browser-Fenster. Mit plötzlicher Heftigkeit klappt sie den Laptop zu. Sie wird doch wohl noch in der Lage sein, irgendetwas zu machen, wofür sie nicht online sein muss. Sie tigert durch ihre Wohnung. Kochen? Aber sie hat auf nichts Appetit. Lesen? Warum nicht.

Sie kommt nur ein paar Seiten weit, bevor ihr Handy unter einer Nachricht vibriert. Ihre Mutter. »Geht es dir gut Schatz? Ruf doch mal …« Ava öffnet die Nachricht nicht. Irgendwann spät am Abend wird sie antworten, dass sie die Nachricht erst zu spät gesehen hat. Den ganzen Tag unterwegs gewesen. Vielleicht nächstes Wochenende.

Statt der Nachricht öffnet Ava ganz automatisch eine ihrer Apps. Ihr Feed lädt die neusten Bilder. Kann sie wirklich keine halbe Stunde von dem Scheiß wegbleiben? Ava wirft das Handy weg, greift aber gleich wieder danach, löscht eine App nach der anderen, bis nichts mehr übrig ist als ihr Messenger. Dann stellt sie das Handy auf lautlos, liest weiter bis sie irgendwann Hunger hat. Sie widersteht dem Drang, etwas zu bestellen, widersteht auch dem Drang, online nach Rezepten zu suchen, zieht wahllos Dinge aus ihren Schränken und improvisiert etwas, was am Ende nicht einmal schlecht schmeckt. Auch den Rest des Tages verbringt sie lesend, schafft das erste Mal seit Jahren wieder ein Buch an einem Tag und schläft irgendwann spätnachts über dem zweiten ein.

Die ersten Tage fallen nicht leicht. Besonders bei der Arbeit ertappt sie sich selbst immer wieder dabei, wie sie nach dem Handy greift, um eine App zu öffnen, die nicht mehr da ist, wie sie Browserfenster öffnet, nur um sie gleich wieder zu schließen. Am Freitag spricht sie mit Luca darüber. »Das ist normal. Das hört auf«, meint Luca. Die erste Woche sei die schlimmste, sagt Luca, und tatsächlich merkt Ava bald, wie der Drang weniger, wie sie selbst ruhiger wird. Als sie an einem verregneten Tag mit der S-Bahn zur Arbeit fährt, hat sie das Gefühl, die Strecke zum ersten Mal zu fahren. Um sie herum sind fast alle Köpfe Richtung Handy gesenkt.

Ein junger Mann ihr gegenüber tippt eine Nachricht in ein Übersetzungsprogramm und überträgt den Text sorgfältig auf einen linierten Collegeblock. »Leider kann ich nicht zum Unterricht kommen, weil es ein Currywurst-Essen gibt und es für meine geistige Gesundheit schön wäre, daran teilzunehmen.«

Ava ist nicht sicher, ob nur das Übersetzungsprogramm für diese Formulierung verantwortlich ist. Aber es wäre doch schön, denkt sie, wenn man mehr für die eigene geistige Gesundheit tun würde. Und wenn auch nur mit einem Currywurst-Essen.

Ava beobachtet immer mehr solcher kleinen Szenen, die ihr früher entgangen wären, versteckt hinter dem Display ihres eigenen Handys. Sie stellt sogar fest, dass die Arbeit ihr leichter fällt, dass sie die Jobs schneller abschließt, dass ihr auf dem Fahrrad oder in der Bahn Ideen kommen. Fast wie in den ersten Jahren, als sie so viel Bock auf den Job hatte, dass sie auch in ihrer Freizeit ständig über Goldideen nachdachte.

Zuhause schaltet sie ihren Router ganz ab, verbringt ihre Abende lesend, kochend, zeichnend, und gewöhnt sich wieder an das Gefühl der Langeweile. Die Nachrichten verfolgt sie nicht mehr und auch das empfindet sie als Befreiung, auch wenn Mel manchmal über ihre Ignoranz den Kopf schüttelt. »Du musst doch mitkriegen, was passiert. Nur wer informiert ist, kann etwas ändern.« Ava widerspricht ihr nicht. Von da an informiert Mel sie, wenn etwas vermeintlich Wichtiges passiert.

13

»Ich will mal wieder was für mich machen. Ein eigenes Projekt. Etwas, das nichts mit Werbung zu tun hat«, sagt Ava spät am Abend im Garten der Halle.

Die anderen nicken. »Worauf hättest du denn Lust?«, fragt Paul, doch Ava weiß keine Antwort. »Ist ja auch schwierig neben der Arbeit.«

Paul unterbricht sie: »Jetzt nicht wieder gleich alles zurücknehmen. Was hast du denn früher gerne gemacht?«

Ava überlegt. »Fotografiert habe ich immer ganz gerne.«

»Gut!«, Paul strahlt, als hätte Ava gar nichts Besseres sagen können. »Dann fotografier doch mal wieder.«

Ava lacht. »Das klingt so einfach, aber ich muss mir erst mal ein Konzept überlegen und dann ein Shooting organisieren. Ich will ja nicht einfach nur ein bisschen rumknipsen.«

»Wieso nicht?« Paul winkt ab, als Ava gleich widersprechen will. »Ja, ich weiß, ich hab keine Ahnung davon. Aber was hält dich denn davon ab, einfach mal deine Kamera rauszunehmen und zu fotografieren? Ist doch völlig egal, was. Du kannst zum Beispiel hier fotografieren. Luca hat bestimmt nichts dagegen.«

»Ey, das ist ne super Idee«, mischt sich jetzt auch Lina ein. »Mach hier Fotos!«

»Ich weiß nicht«, Ava wünschte, sie hätte gar nicht erst mit dem Thema angefangen. »Ich glaube, Sportfotos sind nicht so mein Ding.« Aber Lina widerspricht. »Wer sagt denn was von Sportfotos? Du kannst doch auch irgendwas Abstraktes machen. Oder Porträts. Gesichter gibt’s hier schließlich genug.«

Ava ist froh, als sich das Gespräch schließlich von ihr wegbewegt, als es nicht mehr um ihre, sondern um die Leidenschaften und Träume der anderen geht, die irgendwo zwischen Studium und Arbeit verloren gegangen sind und von denen man nicht immer merkt, wie sehr man sie vermisst.

Beinahe hat sie die ganze Foto-Diskussion schon vergessen, als Luca sie beim Verlassen der Halle abfängt.

»Ava, ich habe von Paul gehört, dass du gerne mal bei uns fotografieren möchtest?«

Ava ist so überrumpelt, dass sie nicht gleich widerspricht, sondern nur ein unverständliches Murmeln von sich gibt, was so ziemlich alles bedeuten könnte.

Luca strahlt. »Ich finde die Idee großartig. Bring doch einfach beim nächsten Mal deine Kamera mit. Und keine Angst«, fügt sie noch hinzu, als sie Avas Miene sieht. »Wir erwarten nicht, dass du irgendwelche Werbefotos für uns produzierst. Du kannst machen, worauf auch immer du Lust hast.« Bevor Ava noch widersprechen kann, hat Luca sie schon leicht an der Schulter berührt und ist wieder in den Garten hinaus verschwunden.

Am nächsten Freitag spielt Ava morgens kurz mit dem Gedanken, die Kamera einfach zu vergessen. Dann ist es ihr eben erst bei der Arbeit eingefallen, dass sie eigentlich fotografieren wollte. Kann man nichts machen, kommt vor. Aber sie lügt nicht gut und eigentlich hat sie auch keinen wirklichen Grund, die Kamera nicht mitzunehmen. Abgesehen von diesem diffusen Gefühl des Nicht-Wollens, das bei ihr meist weniger mit echtem Unwillen, als mit Angst zu tun hat.

Aber was ist schon dabei? Sie wird ein paar Fotos machen und wenn sie nichts werden, muss sie die Bilder ja niemandem zeigen. Aber damit, das weiß sie selbst, hat ihre Angst nichts zu tun. Es geht nicht darum, sich vor anderen zu blamieren. Es geht darum, sich vor sich selbst zu blamieren. Wenn sie Bilder macht, das weiß sie, sollen sie mehr sein als bloßes Geknipse. Dass ihr das nicht gelingen könnte, ist ihre eigentliche Sorge. Trotzdem nimmt sie die Kamera mit, als sie die Wohnung Richtung Arbeit verlässt. Sie muss sie ja nicht benutzen, sagt sie sich. Wenn sie wirklich nicht will, kann sie noch immer behaupten, sie hätte sie vergessen.

Dass sie es nicht tut, liegt an Lina. Es ist Zufall, dass sie im gleichen Moment an der Halle ankommen. Ava schließt gerade ihr Fahrrad ab, als sie eine Hand auf der Schulter spürt. Lina umarmt sie ein wenig stürmischer als sonst, fast aufgeregt. »Du machst Fotos heute, oder?«, fragt Lina mit einem Blick auf Avas Tasche. Und in dem Blick liegt eine so offensichtliche Freude, dass es Ava rührt.

Mehr um Lina nicht zu enttäuschen als aus eigenem Antrieb, setzt sie sich nicht mit den anderen hin, als die Körperarbeit beginnt, sondern zieht die Kamera aus der Tasche, bleibt unschlüssig am Rand der Halle stehen.

Würde sie die Konzentration der anderen nicht stören, wenn sie jetzt fotografiert? Vielleicht sollte sie besser warten, bis das Klacken der Kamera überlagert würde von den schwerer gehenden Atemzügen.

Ihr Blick wandert über die ruhig dasitzenden Körper und bleibt an Luca hängen, die ihren Blick erwidert und mit einem halben Lächeln und einem kaum wahrnehmbaren Neigen des Kopfes Ava auffordert, anzufangen.

Ava hebt die Kamera und durch den Sucher scheinen die Gesichter ein Stück von ihr weg zu rücken, lösen sich auf in grafische Formen aus Licht und Schatten.

Sie drückt den Auslöser das erste Mal. Klack. Der Spiegel schlägt zurück.

Das Geräusch scheint ihr zu scharf und metallisch für die Stille des Raums, doch die Gesichter im Sucher bleiben ruhig, entspannt. Also schweift Avas Blick weiter durch den Raum, sucht nach Formen, nach Farben, lässt den Spiegel wieder und wieder klackend zurückschlagen.

Als die anderen beginnen, sich zu bewegen, bewegt sie sich mit, lässt die Belichtungszeiten länger werden, löst Formen in Bewegung auf, bewegt sich selbst immer näher an die Körper heran, dann zwischen ihnen hindurch, lässt Körperteile sich in mehreren Ebenen überlagern, übereinander wischen, bis sie keine Körperteile mehr sind, sondern bloße sich vermischende, sich streifende Bewegung.

Als die Übungen vorbei sind, atmet auch sie schwer, spürt das Gewicht der Kamera in den Schultern, spürt die vertraute Anspannung im Nacken.

Während der Meditation sitzt sie aufrecht mitten zwischen den liegenden Körpern und fühlt sich viel mehr mit ihnen verbunden als jemals zuvor. Eine Euphorie steigt in ihr auf, und als endlich wieder die Musik einsetzt, bewegt sie sich mit den anderen, tanzt und schaut nicht mehr durch den Sucher, während sie wieder und wieder den Auslöser drückt. Im Rhythmus der immer schneller werdenden Beats.

Als der letzte Ton verklungen ist, richtet sie, schwer atmend, die Kamera auf sich selbst. Löst ein letztes Mal aus.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 620,86 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
272 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783701182442
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги