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Pathos

Solmaz Khorsand


Inhalt

Vorwort

Die Heulhierarchie

Die Krise als Privileg

Der Elendsolymp

Das Stockholm-Pathos

Die Pathos-PR

Der Gamechanger

Der Appell

Anmerkungen


Vorwort

Pathos ist überall. Permanent sind wir bewegt, empört und berührt von der Welt und wollen das auch mit allen teilen. Am liebsten sofort. Am liebsten mit ganz viel Reichweite.

Mäßigung gehört nicht zum Zeitgeist. Insbesondere wenn es um die eigene Befindlichkeit geht. Wer von sich selbst dermaßen berauscht ist, will auch die anderen daran teilhaben lassen. Beherrschung ist etwas für Asketen. Gelassenheit für Reiche. Ironie für Überlebende.

Dem Rest bleibt nur das Pathos. Mit bebendem Tremolo und zeternder Stimme, absurden Metaphern und Stakkato-Interpunktion muss das eigene Drama möglichst breitenwirksam zur Geltung kommen. Schließlich ist alles eine Frage der richtigen Inszenierung. Denn wer sich im Pathoskonzert behaupten will, muss eine Performance an den Tag legen, die sich analog und vor allem digital dermaßen abhebt, dass sie tatsächlich gehört, gesehen, gespürt und vor allem angeklickt wird.

Pathos bedeutet Macht. Erst wenn die eigene Bewegtheit andere bewegt, kommen die Dinge ins Rollen. Plötzlich werden vermeintliche Werte und Normen in Frage gestellt. Mit einem Mal interessiert sich die Öffentlichkeit für die Erforschung einer Krankheit, für die es vorher keine Gelder gab. Plötzlich werden Gesetze verabschiedet, die davor nur eine Minderheit betroffen haben. Plötzlich werden Statuen von der Straße ins Museum verbannt, weil sie nun für die Allgemeinheit eine dunkle Ära repräsentieren, nicht nur für ein paar Übersensible.

Pathos bedeutet Veränderung. Kann Veränderung bedeuten. Denn sein Einsatz spiegelt die herrschenden Machtverhältnisse wider. Wer traut sich öffentlich seiner Befindlichkeit zu frönen, wer bekommt den Raum dafür zugestanden und wer nicht? Wer wird dabei ernst genommen und wer pathologisiert?

Macht es einen Unterschied, ob eine Frau ihre Gefühlswelt mit der Welt teilt oder ein Mann? Eine Schwarze oder eine weiße Frau? Eine Schwarze oder weiße Frau, die obdachlos ist, die im Rollstuhl sitzt, die Alleinerzieherin ist?

Ja, ja und ja. Es macht einen Unterschied. Den einen wird für ihren Mut gratuliert, sie werden für ihre Sensibilität gefeiert, dafür, dass sie bereit waren, dermaßen intime Einblicke in ihre Realität, ihren Alltag, ihre Verletzlichkeit zu gewähren. Die anderen sollen bloß nicht pathetisch sein, so viel jammern und immer nur fordern. Bei den einen wird ihr Pathos übersetzt in Gesetzesinitiativen und schafft es auf die politische Agenda, in den medialen Diskurs. Bei den anderen reicht es höchstens für eine Gegenforderung: Resilient soll man ein bisschen sein. Ist doch alles nicht so schlimm, oder?

„Die Reichen sind anders als wir“, hat der amerikanische Autor F. Scott Fitzgerald einmal geschrieben, „sie sind weich, wo wir hart sind.“1

Wem zugestanden wird weich zu sein, darf bei der kleinsten Unannehmlichkeit aufheulen. Wem dieses Verständnis verwehrt wird, der muss schon härtere Geschütze auffahren, um sich Gehör zu schaffen. Bei ihm muss das Erlebte „richtig schlimm“ sein. Richtig schlimm und richtig oft. Erst mit der „Intensität des Schweregrads“ und der „Extensität der Frequenz“ hat eine Minderheit die Chance, von einer stillen Mehrheit gehört zu werden, sagt der deutsche Kommunikationswissenschafter Armin Scholl. Etwa erst wenn genug Schwarze Körper unter weißen Knien ersticken, setzt sich etwas in Bewegung. Dann spitzen sich plötzlich die Ohren aller. Dann färben sich selbst bei den unpolitischsten Menschen die oft so bunten Kacheln in den sozialen Medien schwarz.

Wenn das Extrem erreicht ist, gibt es für alle ein Stück vom Pathoskuchen. Aber nicht eher. Und auch nur, wenn sich das Pathos so darstellt, wie es von einer Mehrheit erwartet wird. Dann erst kann ihm eine Bedeutung zugeschrieben werden. Ohne die richtigen Codes ist es zwecklos. „Es genügt nicht, dass man etwas sagt. Es gehört im richtigen Moment, im richtigen Tonfall und in der richtigen Intensität gesagt“, erklärt die Wiener Psychoanalytikerin Ulrike Kadi im Gespräch. Wer das nicht tut, läuft Gefahr nicht nur nicht gehört zu werden, sondern als Lügner oder Simulantin abgestempelt zu werden. Auch Pathos muss sich an ein Skript halten. Nur dann hat es eine Chance, auf fruchtbaren Boden zu fallen.

Es ist ermüdend, dem Pathoskonzert auf Dauer zuzuhören. Insbesondere wenn es einer Melodie folgt, die sich permanent wiederholt, da sie immer von denselben Akteuren gesummt wird.

Vielleicht auch deswegen, weil dadurch das eigene Pathos keinen Raum für seine Wirksamkeit hat. Weil das fremde Pathos so dominant ist, dass es sogar in die hintersten Winkel des eigenen Selbsts zu wirken beginnt. Fast so als stünde man unter fremder Besatzung. So viel zu pathetischen Metaphern.

„A writer by definition is pathetic“, soll der amerikanische Drehbuchautor und Regisseur Ethan Coen einmal gesagt haben. Daher ist natürlich auch dieses Buch ein pathetischer Ausbruch. Obgleich dieser ausgelöst wurde von Pathos-Fatigue, genährt durch die Beobachtung einer privilegierten Schicht, die mit einer Dringlichkeit ihre Befindlichkeit kundtut, als verdiene jedes Gefühl und jeder Gedanke die Bühne und die Gravitas, mit der das persönliche Drama einer Öffentlichkeit mitgeteilt wird.

Das tut es nicht.

Es ist Lärm, der Raum einnimmt, der Diskurse bestimmt, der Aufmerksamkeit bündelt und monopolisiert. Daher der pathetische Appell: Bitte hin und wieder diese Bühne zu räumen. Hin und wieder die Lautstärke runterzudrehen. Hin und wieder einfach nur still zu sein. Es ist ein Appell vor allem an all jene, die sich gerne als Verbündete einer guten Sache verstehen. Das eigene Pathos darf gedrosselt werden. Nur ab und zu.

Die Heulhierarchie
Des einen normal ist des anderen pathetisch

Es gibt Worte in der englischen Sprache, die sich wunderbar schnauben lassen. Mit Arroganz, Ekel und Widerwillen. Man möchte sie regelrecht ausspucken, so viel Verachtung haftet jeder Silbe an. Pathetic ist so ein Wort. Wem es entgegengeschleudert wird, soll sich nicht nur der Erbärmlichkeit seiner Handlung oder gar seiner selbst gewahr sein, er soll sich ihrer auch schämen. Das deutsche Adjektiv pathetisch ist da nicht ganz so gnadenlos. Hier schwingt noch ein Hauch der Schillerschen Romantik mit, in der das Pathos seine Hochzeit erlebte und als erhaben und hehr galt. Doch eben nur ein Hauch. Wer heute im deutschsprachigen Raum von Pathos spricht, meint zumeist Schwulst, Kitsch, Übertreibung. Vom falschen Pathos ist dann die Rede, vom hohlen, vom verlogenen, vom manipulativen.

Was Pathos konkret bedeutet, damit schlagen sich Literaturwissenschaft, Philologie und Philosophie seit Jahrhunderten herum. Einen gemeinsamen Nenner für seine Definition gibt es nicht, höchstens eine etymologische Annäherung, wenn seine griechischen Wurzeln frei gelegt werden. Demnach bezeichnet Pathos ein Ereignis, ein Leiden, aber auch eine Leidenschaft. Genau genommen ist es nicht nur ein Ereignis, sondern gleich zwei Ereignisse, denn sowohl das plötzlich eintreffende Widerfahrnis als auch die provozierte Gefühlsreaktion auf dieses „Reizereignis“ fallen laut der Literaturwissenschafterin Cornelia Zumbusch in die Bedeutung des Wortes.2

„Am Beginn steht das Pathos der Welt, und wenn wir darauf antworten, indem wir erstaunen, erschrecken, fasziniert oder angeekelt sind, geht dieses Antworten mit dem Pathos einher“, erklärt Jan Juhani Steinmann, Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Wien, im Gespräch. „Keiner kann über das Pathos verfügen. Es trifft uns unsere Erfahrung, wie uns die Welt eben trifft.“

In der Antike spielte das Pathos gleich in mehreren Disziplinen eine tragende Rolle. Aristoteles schreibt ihm in seiner Poetik eine reinigende Kraft zu. So ist das Pathos in der antiken Tragödie die Voraussetzung für die Katharsis. Das Leiden des Helden soll das Publikum faszinieren, unterhalten und dermaßen bewegen, dass es sich selbst zu reflektieren beginnt. Wenn es dann mitgerissen, erschüttert und überwältigt ist von Eleos, Schauer, und Phoebus, Furcht, wird es gereinigt sein von all seinen Affekten.

In der Rhetorik definiert Aristoteles das Pathos als eine der drei Säulen der Persuasion, der Überzeugung: Ethos, Logos (Pragma) und Pathos. Während sich Ethos auf die Glaubwürdigkeit und den Charakter des Redners bezieht, Logos (Pragma) auf den Inhalt und die Argumente einer Rede, soll das Pathos Emotionen beim Publikum hervorrufen.

Dabei untersteht das Pathos in der Rhetorik immer dem Argument, dem Logos, und ist kein Selbstläufer. Der emotionale „Appell zum reinen Mitfühlen“ darf nicht der „Reflexion zuvorkommen“3. Damit wurde schon in der Antike der größte Verdacht, der dem Einsatz von Pathos bis heute anhaftet, artikuliert: die Manipulation. Das Gefühl kennt nun einmal kein Pro und Kontra. Losgelöst von jeder Logik und Vernunft eignet sich das Pathos hervorragend als Mittel der Demagogie, um ein Publikum dermaßen zu erschüttern und zu überwältigen, dass nicht länger von mündigen Bürgern die Rede sein kann, sondern nur mehr von emotional aufgewühlten Marionetten.4 Dass die Seele gerührt ist, passiert schnell einmal, während „das abwägende Urteil der Vernunft“5 Zeit braucht. In der Politik ist das verdächtige Pathos bis heute präsent, in manchen Ländern stärker als in anderen. Einige würden so weit gehen zu behaupten, dass sein Einsatz in der politischen Rhetorik einhergeht mit dem Demokratieverständnis des jeweiligen Redners. Wer erschüttern will, kennt weder Ambivalenz noch Ironie. Daher: je pathetischer, umso absoluter. „Diktatur ist Pathos bis in den Alltag hinein – in der Demokratie bildet das Pathos die Ausnahme“6, schreibt der deutsche Soziologe Wolf Lepenies.

Nicht umsonst reagieren gewisse Gesellschaften mit großem Unbehagen auf Pathos. Deutschland wurde nach der Nazizeit eine Pathosphobie in öffentlichen Reden attestiert. Das offizielle Nachkriegsdeutschland wollte sich auch im Sprechen vom Vorgängerregime abgrenzen. Einen sachlichen, gedämpften, fast schon privaten Sprechstil stellte der Sprachwissenschafter Johannes Schwitalla bei Deutschlands Politikern nach 1945 fest. Es war ein klarer Cut zu den manischen Brüllreden eines Hitlers und Goebbels.7

Bis heute sind die Deutschen empfindlich, was die Lautstärke angeht, sobald öffentlich gesprochen wird. „Beim gemeinsamen Crescendo von Volk und Führungsgestalt wird Deutschland sensibel. Faschismus erkennt es an der Tonlage“8, kommentierte Die Zeit die Reaktionen auf einen Auftritt von Herbert Grönemeyer im Herbst 2019. Der Sänger Grönemeyer richtete damals folgenden Appell an sein Publikum in der Wiener Stadthalle: „Es muss klar sein, auch wenn Politiker schwächeln, und das ist in Österreich nicht anders als in Deutschland, dann liegt es an uns, zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat. Und wer versucht, so ’ne Situation der Unsicherheit zu nutzen für rechtes Geschwafel, für Ausgrenzung, Rassismus und Hetze, der ist fehl am Platze (...).“

Gesagt hat der Popstar das nicht. Er hat es gebrüllt, in klassischer Grönemeyer-Manier. Vielen war das suspekt. Ein Mann, der im Halbdunkel einer Halle Tausende zur Räson rufen will. „Der Tonfall, mit dem Grönemeyer sein Publikum politisch anheizt, macht mir ein wenig Angst. Ich sag‘s ungern, aber er klingt wie ein Redner vor 1945“9, kommentierte der Dramaturg Bernd Stegemann auf Twitter. Und ausgerechnet die AfD-Politikerin Beatrix von Storch verglich den Aufruf mit Nazi-Propaganda und bezeichnete Grönemeyers Auftritt als „furchterregendste, übelste, totalitärste Hassrede“10.

Doch was der eine als Gebrüll wahrnimmt, empfindet die andere als angemessene Lautstärke für das vorgebrachte Argument. Für die einen mögen die Reden Martin Luther Kings inspirierend sein. Für die anderen wirken sie rührselig. Für die einen ist die Aussage des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz, nachdem ihm das Parlament das Misstrauen ausgesprochen hat – „Das Parlament hat abgestimmt, entscheiden wird das Volk“ –, ein erhabener Moment des Widerstands eines geschassten Staatsmannes, für die anderen ein manipulativer Versuch, der mit antidemokratischer 20er-Jahre-Rhetorik nach Emotionen beim Publikum heischt.

Pathos ist relativ. „Was als pathetisch erlebt und bewertet wird, hängt wesentlich von der gegebenen Sprechsituation und den Erwartungen der Zuhörer ab“11, schreibt die Salzburger Linguistin Beatrix Schönherr. Ob ein Sprechstil etwa als pathetisch wahrgenommen wird, hänge nicht nur von der Lautstärke ab oder der Akzentuierung der Worte, der Dehnung der Vokale, den Pausen zwischen den Sätzen, sondern auch von der Emotionalität in der Stimme, der Mimik, den Gesten. Und vom Kontext. Pathos beansprucht für seine Wirkung viele Ebenen. Dazu gehört auch, wer spricht und von wem es gehört wird. Und nicht zuletzt die Bühne, auf der es präsentiert wird.

Eine Frage der Lautstärke

Sesilia Al-Mousli braucht starke Nerven für ihren Job. Acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche tut sie nichts anderes, als das Pathos anderer aufzuspüren und zu deuten. Sechs Monate braucht sie, um es richtig einzuordnen. Stammt das Pathos aus den Tiefen eines verletzten Ichs? Oder ist es nur ein theatralisches Brimborium als Strafe für ein vernachlässigtes Ego?

„Erst nach einem halben Jahr weiß ich, woran ich bin“, sagt sie. Pathos ist nichts für Amateure. Da müssen schon Profis ran. Und Sesilia Al-Mousli ist ein Profi. Die 27-Jährige ist Kindergartenpädagogin. Seit fünf Jahren kümmert sie sich um 21 Mädchen und Buben in einem Kindergarten in Wien, Simmering. Zwischen einem und sechs Jahren sind die Kinder alt.

Der Kindergarten ist für viele der erste Kontakt mit einer Gesellschaft, die ihnen einiges abverlangt. Zum ersten Mal müssen die Kinder funktionieren. Sie müssen Regeln befolgen, die nicht auf ihre Befindlichkeiten abgestimmt sind, sondern auf das vermeintliche Wohl vieler – und die Funktionstüchtigkeit eines Betriebes. Ein harter Einstieg in die große Welt.

Am Anfang wird viel geweint. „Am Beginn gehe ich auf jede Emotion ein, die ich sehe“, sagt Al-Mousli. Besser einmal zu viel nachfragen als zu wenig. Bis sie ein Kind kennengelernt hat, will sie genau wissen, wie schlimm das Aua tatsächlich ist und wie schnell es sich wieder vergessen lässt, wenn sie die pinke glitzernde Knetmasse in unmittelbare Reichweite hält.

In dieser Zeit stellt Al-Mousli auch fest, inwieweit die fest zusammengedrückten Augen Ausdruck eines kleinen persönlichen Dramas sind oder nur als Mittel zum Zweck eingesetzt werden.

Es gibt die einen, die sich ganz bewusst mit hängenden Schultern in die Mitte des Raumes stellen, den Mund verziehen und erst dann zu weinen beginnen, sobald sie den Augenkontakt mit ihr und ihren Kolleginnen hergestellt haben, um die Pädagoginnen dann zu nötigen, für sie Partei zu ergreifen, weil ihnen ein anderes Kind das Spielzeug weggenommen hat. So kennen sie es von zu Hause, wenn sie sich gegenüber ihren Geschwistern behaupten müssen und nur mit Tränen und Geschrei und der damit einhergehenden elterlichen Intervention zu ihrem Recht gelangen.

Und dann gibt es die anderen, die in regelmäßigen Abständen mit voller Wucht gegen Waschbecken und Tischkanten knallen, wieder aufstehen und weiterrennen, als wäre nichts gewesen, weil ihnen zu Hause auch keiner bei jedem Hinfallen die unsichtbaren Flecken heil pustet.

„Die Kinder kriegen viel von zu Hause mit, was sie dann bei uns schnell ablegen“, sagt Al-Mousli. „Ablegen müssen“, schickt sie hinterher. Bei 21 Kindern und zwei Erwachsenen sind die Rahmenbedingungen einfach andere, da kann nicht jedes Pathos gehegt und gepflegt werden. Im ersten Corona-Lockdown, als die Kindergärten geschlossen hatten, ist Al-Mousli aufgefallen, wie viele ihrer Schützlinge wieder in alte Muster zurückgefallen sind. Plötzlich hatten sie wieder Tränen in den Augen, wenn Dinge nicht so liefen, wie sie es sich vorstellten.

In der Eingewöhnungsphase, dem ersten Monat im Kindergarten, versucht Al-Mousli auf jedes Kind so stark wie nur möglich einzugehen, um jede Emotion richtig zu deuten. Doch bei mehreren Kindern gleichzeitig kommt auch sie an ihre Grenzen. Wen nimmt sie als Erstes in den Arm? Auf wessen Bedürfnis reagiert sie am schnellsten? Wessen Pathos lässt sie auf sich wirken?

„Je weniger ein Kind kann und je hilfloser es ist, desto eher bekommt es meine Aufmerksamkeit“, erklärt sie. Hat sie einen brüllenden Einjährigen, wird sie den eher in den Arm nehmen und wiegen als das fünfjährige Mädchen trösten, das sprechen kann und im besten Fall Anschluss an die Gruppe der älteren Kinder findet. „Mir tut das dann wirklich leid und ich wünschte, dass ich die Kapazität hätte, diesem älteren Kind die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken wie den kleinen. Aber wenn die anderen dreimal so laut schreien und komplett die Nerven schmeißen, geht es nun einmal nicht“, sagt Al-Mousli.

Aber woran bemisst sie das Ausmaß des individuellen Leides? Woran macht sie fest, dass Paul gerade die Nerven wegschmeißt und Emre seinen stillen Nervenzusammenbruch in der Ecke erlebt?

Sesilia Al-Mousli verzieht den Mund. Sie lächelt fast verlegen. Die Antwort scheint sie selbst zu stören: „Es hängt schon davon ab, wie laut einer schreit.“

Von hysterischen Frauen und stoischen Männern

Wer brüllt, wird gehört. Wer lauter brüllt, umso mehr. Das sind die banalen Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie. Doch ist die Lautstärke nur ein Faktor. Wer konkret brüllt, ein anderer. Anna oder Paul? Paul oder Emre? Wessen Gebrüll wird am Ende ernst genommen? Gibt es auch hier eine Hierarchie?

Die Wissenschaft sagt ja.

Forscher der Yale und Georgia City University haben in einer Studie festgestellt, dass Erwachsene die Schmerzen von Kindern unterschiedlich bewerten. Verletzt sich ein Mädchen, hält sich die Empathie der Außenstehenden in Grenzen; tut es ein Junge, wird derselbe Schmerz plötzlich ernst genommen. In der Studie wurde Testpersonen ein Videoclip gezeigt, in dem einem Vorschulkind in den Finger gepiekst wird. Das Kind trägt ein rotes T-Shirt, kurze Sportshorts und hat die Haare tief ins Gesicht hängen. Es ist nicht zu erkennen, ob es sich dabei um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Die Studienautoren haben die Befragten, vorwiegend Frauen, in zwei Gruppen unterteilt. Einer Gruppe wurde gesagt, dass das Kind Samuel heißt, der anderen, sein Name wäre Samantha. „Samuels“ Schmerz wurde auf einer Skala mit 50,42 als schlimm bewertet, „Samanthas“ hingegen nur mit 45,9.12

Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Wissenschafter der University of Sussex, als sie Erwachsenen die Schreie von Säuglingen vorgespielt haben. Wenn die Befragten – hier Männer – erfuhren, dass es sich bei den schreienden Babys um Buben handelt, hatten sie den Eindruck, die Babys würden ein größeres Martyrium erleben, als wenn ihnen gesagt wurde, dass es Mädchen seien.13

Die Wissenschaft erklärt die Ergebnisse mit den antiquierten Gendervorstellungen unserer Gesellschaft. So besteht nach wie vor die Annahme, dass Buben so sozialisiert werden, dass sie ihr Leid stoisch ertragen, gar unterdrücken, während Mädchen ihre Schmerzen nicht nur ausdrücken dürfen, sondern sie sogar als eine Kommunikationsform nutzen sollen, um andere um Hilfe zu bitten. Daher geht man davon aus, dass Jungen an „echten“ Schmerzen leiden, wenn es dann einmal so weit ist, dass sie weinen. Deswegen seien sie besonders ernst zu nehmen. Weinende Mädchen hingegen seien „nur“ emotional und ihre Schmerzen daher „unecht“. Sie stellen mit ihren Tränen eine Manipulationstheatralik zur Schau, daher dürfen sie dementsprechend ignoriert werden.14

Das heulende Mädchen, das nach Aufmerksamkeit heischt, dem in Wirklichkeit nichts fehlt, das man ruhig links liegen lassen kann – dieses Mädchen hat eine lange Geschichte.

Das Mädchen ist besser bekannt als die „hysterische Frau“.

Schon im alten Ägypten taucht sie auf. Damals erklärte man sich ihre Exzentrik mit sexueller Abstinenz. Eine hungrige Gebärmutter würde unbefriedigte Frauen in den Wahnsinn treiben.15 Auch in der Antike wurde der mentale Zustand einer Frau in ihrem Uterus lokalisiert. So sei hystera – das altgriechische Wort für Gebärmutter – laut Platon „ein Tier, das glühend nach Kindern verlangt. Bleibt dasselbe nach der Pubertät lange unfruchtbar, so erzürnt es sich, durchzieht den ganzen Körper, verstopft die Luftwege, hemmt die Atmung und drängt auf diese Weise den Körper in die größten Gefahren und erzeugt allerlei Krankheiten“16 wie etwa egozentrisches, labiles und ekstatisches Verhalten. Bis ins 17. Jahrhundert hielt sich die absurde Vorstellung von der hysterischen Frau, die besessen sei von ihrer wandernden Gebärmutter, einem nach Sperma lechzenden Tier, das sich aus lauter Hunger gar in ihrem Gehirn verbeißen würde.17

Den Höhepunkt erlebte die hysterische Frau im 19. Jahrhundert, als Tausende Frauen mit Anfällen, Lähmungen und Halluzinationen in Krankenhäuser und Nervenheilanstalten eingeliefert wurden. Sie stellten die behandelnden Ärzte vor Rätsel. Die Männer konnten keine organischen Ursachen für die Zustände der Frauen feststellen. Mit allerlei Praktiken wurde experimentiert, mitunter auch mit Genitalverstümmelungen. So behauptete etwa im Jahr 1882 Nikolaus Friedreich, Ordinarius für Pathologie in Heidelberg, die Hysterie durch die Entfernung der Klitoris heilen zu können. Bis ins 20. Jahrhundert hielt die Medizin im Westen an der Klitoridektomie fest. Erst mit dem zunehmenden Erfolg der Psychoanalyse sah man davon ab.

Eine nicht unerhebliche Rolle spielte in diesem Zusammenhang auch der Kolonialismus, wie der Amerikanist Norbert Finzsch recherchierte. Die „‚Entdeckung‘ der Klitoridektomie unter den kolonialisierten Völkern vor allem Afrikas“ habe dazu beigetragen, von der plötzlich als barbarisch wahrgenommenen Praxis Abstand zu nehmen. Man wollte so die Überlegenheit der „zivilisierten weißen Rasse“ gegenüber den Kolonialisierten untermauern.18

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