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Roy Rockwood
Bomba bei den Pygmäen
Band 11

Inhaltsverzeichnis
Etwas aus Bombas Leben
1 Ein verzweifelter Kampf
2 Im Handgemenge
3 Die wirbelnden Trommeln
4 Ein kurzer Kampf
5 Ein wichtiges Palaver
6 Das Fabeltier mit den zwei Schwänzen
7 Der Hinterhalt
8 Im letzten Augenblick
9 Große Neuigkeiten
10 Der Löwe springt
11 Gigantische Feindinnen
12 Eine Kriegslist
13 Neue Nachrichten
14 Der Vulkan erwacht
15 Feurige Ströme
16 Im Rachen des Krokodils
17 Ein Schicksalsschlag
18 Flammenwolken
19 Lebendig begraben
20 Seltsames Palaver
21 Neue Verbündete
22 Funkelnde Augen
23 Vom Sumpf umklammert
24 Im letzten Augenblick
25 Schnelles Handeln
26 Eine schlaue Kriegslist
27 Freund oder Feind?
28 Der Räuber des weißen Mannes
29 Die Maske fällt
30 In höchster Not
31 Azande schlägt zu
32 Ins Kampfgetümmel
33 Bomba hält sein Wort
Etwas aus Bombas Leben
Wer Bomba bei seinen Erlebnissen im Dschungel und Urwald, auf hoher See und in der großen Stadt begleitet, wird sicherlich mehr von diesem interessanten Jungen erfahren wollen. Am besten stellen wir Bomba deshalb vor, ehe sein neues Abenteuer beginnt.
Bomba ist vierzehn Jahre alt und hat die meiste Zeit seines Lebens im südamerikanischen Dschungel verbracht. Dort war sein Pflegevater und Beschützer der alte Naturforscher Cody Casson, der sich in ein abgelegenes Gebiet des Amazonas-Dschungels zurückgezogen hatte, um dort ganz seinen Forschungen zu leben.
Als Bomba das Alter erreicht hatte, in dem er mehr von seiner Vergangenheit und Herkunft zu erfahren wünschte, zog sich Cody Casson bei der Explosion eines Gewehres eine Kopfverletzung zu, durch die seine Gedächtniskraft geschwächt und fast zerstört wurde. Von diesem Zeitpunkt an lastete die Verantwortung für die Lebensführung ganz auf Bomba.
In einem Alter, in dem andere Jungen ruhig und behütet bei ihren Eltern aufwachsen und die Schulbank drücken, musste Bomba sich mit den Gefahren und Härten des Dschungellebens vertraut machen. Seine strengen Lehrmeister waren die Erfahrung und die Not. Bald lernte Bomba jene Weisheiten und Gesetze des Dschungels kennen, die es dort immer zu beherzigen galt, wenn man sein Leben erhalten wollte. Er lernte die vielen Kampftricks, die Technik von Verteidigung und Angriff bei der Begegnung mit Kopfjägern, Raubtieren und Schlangen.
Seine schulische und geistige Erziehung ließ in dieser Zeit zu wünschen übrig, da Cody Casson nicht mehr in der Lage war, den einmal begonnenen Unterricht fortzusetzen. Wie ein junger Indianer wuchs Bomba im Dschungel heran. Auch äußerlich unterschied er sich wenig von den Eingeborenen. Seine Haut war dunkel gebräunt. Er trug einen Eingeborenenschurz und das Fell eines erlegten Pumas. Seine Waffen waren Pfeil und Bogen und die Machete, das Buschmesser der Eingeborenen.
Äußerlich glich Bomba also damals in vielen Dingen einem Indianer und doch unterschied er sich durch wesentliche Merkmale von den Eingeborenen. Er hatte eine gerade Nase und kastanienbraunes, welliges Haar. Die hellbraunen Augen leuchteten freundlich für alle Freunde; und zu jener Zeit, als er seine Eltern noch nicht wiedergefunden hatte, war oft ein Schimmer von Melancholie in seinem Blick.
In den ersten neun Bänden begleiten wir Bomba bei seinen abenteuerlichen Fahrten durch den südamerikanischen Dschungel, und wir erleben mit ihm die Tage der Hoffnung, wenn er eine Spur seiner Eltern gefunden zu haben glaubte, und jene schmerzlichen Stunden der Enttäuschung, wenn wieder einmal sein sehnlichster Wunsch keine Erfüllung fand.
Bomba durchstreift eine versunkene Stadt, deren längst verschollene Einwohner wertvolle Schätze und interessante Ruinen hinterlassen haben. Er kämpft gegen Kopfjäger und rettet sich und seine Gefährten aus unterirdischen Höhlen, die sich meilenweit dahinziehen. Der Ausbruch eines Vulkans rettet ihn im letzten Augenblick aus der Gewalt eines tyrannischen Medizinmannes, der die Eingeborenen eines weiten Gebietes beherrscht, und das Zusammentreffen mit Sobrinini, der Herrscherin auf der Schlangeninsel, stellt eine der spannungsreichsten und interessantesten Episoden bei Bombas Dschungelreisen dar.
Es wäre zu viel, hier im Einzelnen von Bombas Taten und Abenteuern zu berichten. Einen wirklichen Eindruck vom Lebenslauf dieses einzigartigen Jungen kann nur derjenige bekommen, der Bomba von seinem ersten, gefährlichen Kampf gegen die Kopfjäger bis zu jenem glücklichen Augenblick begleitet, wo er seine Eltern wiederfindet.
Doch es scheint so, dass Bomba auch bei seinem Aufbruch in das für ihn neue und fremdartig fesselnde Leben in der Zivilisation keine Ruhe finden soll. Zwar lebt er nach seiner Ankunft in New York zuerst wie jeder andere Junge, der in die Schule geht, und mit seinen Eltern beisammen ist, aber bald genug erfahren wir im zehnten Band — Bomba in einem fremden Land — dass Bomba das gesicherte Leben in der Zivilisation wieder aufgeben muss, um seinem Vater zu Hilfe zu eilen, der als Maler bei einer Expedition ins Innere Afrikas in die Gefangenschaft eines barbarischen Stammes geraten ist.
Wir erleben mit Bomba und seinem Gefährten Gibo, den er aus dem südamerikanischen Dschungel nach New York mitgenommen hat, zuerst die heiteren und ernsten Geschehnisse, die sich auf der Schiffsreise nach Afrika abspielen. Aber erst die Ankunft in Afrika führt Bomba wieder jenen gefährlichen Abenteuern entgegen, nach denen er sich unbewusst während des Lebens in der Großstadt immer gesehnt hat. Er weiß jetzt, dass er kaum ohne den Dschungel leben kann, und wenn nicht die Sorge um seinen Vater gewesen wäre, hätte er die Ausrüstung der Safari, die ihn von Nairobi aus in den afrikanischen Busch führen soll, als die schöne Vorbereitung zu einem spannenden Erlebnis genossen.
Bomba dringt mit seinen Gefährten in eine fremdartige, geheimnisvolle Welt ein — und er spürt wieder den Herzschlag der ungebändigten, freien Natur, mit der er sich so innig verbunden fühlt. Er begegnet seltsamen wilden Tieren und Menschen des Urwaldes, und der Atemhauch dunkler Gefahren schlägt ihm erneut aus den Dschungeln und Savannen entgegen.
Unermesslich groß ist der geheimnisvolle Kontinent Afrika, und unerschöpflich ist die Fülle von Abenteuern, die Bomba in dem dunklen Erdteil erwarten. Einen Teil dieser fesselnden Geschehnisse erleben wir mit Bomba im vorliegenden Band, während wir ihn auf der Fährte jener Wilden begleiten, die seinen Vater verschleppt haben.
1 Ein verzweifelter Kampf
Ein dunkler, geschmeidiger Körper glitt vorsichtig und lautlos den schmalen Dschungelpfad entlang, verschwand hinter einem Vorhang von seildicken Lianen, die dicht und tief von einem Feigenbaum herabhingen und tauchte dann so plötzlich vor Wafi und Gibo auf, dass die beiden erschreckt zurückfuhren.
Bomba lachte über seine gelungene List.
„Ihr seid keine guten Wächter“, sagte er. „Ebenso gut hätte ich einen von euch wie ein Jaguar von hinten anspringen können.“
Wafi, der große Zulu, der Bomba bereits seit Beginn der afrikanischen Expedition begleitet hatte, grinste über sein rundes, schwarzes Gesicht und zeigte seine weißschimmernden Zähne.
„Bomba kann so leise sein wie eine Schlange, und er kann kämpfen wie Simba, der Löwe. Es ist kein Wunder, dass wir ihn nicht gehört haben.“
„Nein, das ist kein Wunder“, sagte der getreue Gibo, der schon im südamerikanischen Dschungel an Bombas Seite gewesen war und ihn dann nach New York und später nach Afrika begleitet hatte. „Bomba ist der tapferste —“
„Schon gut“, schnitt Bomba ihm das Wort ab. „Wir müssen jetzt an wichtigere Dinge denken. Es ist durchaus möglich, dass die Pygmäen wiederkommen.“
„Du meinst die kleinen Männer, die mit Giftpfeilen schießen und die uns schon einmal angegriffen haben?“
Bomba nickte ernst.
„Es ist möglich, dass sie uns allein hier überraschen, während unsere Männer noch unterwegs sind und die Ausrüstung für die weitere Expedition zusammenstellen.“
„Sie werden lange unterwegs bleiben“, brummte Wafi und warf Bomba einen unsicheren Blick zu.
Der Dschungelboy schaute überrascht auf.
„Du meinst, unsere Träger kommen nicht pünktlich zurück, wie sie es versprochen haben?“
„Bei diesen Männern kann man nie wissen, was sie im nächsten Augenblick tun werden“, erklärte Wafi mit einem Beiklang von Verächtlichkeit in der Stimme. „Sie kennen nicht den Mut und die Treue der Zulukrieger; sie sind feige und geldgierig.“
„Dann müssen wir allein weitersuchen“, erwiderte Bomba sofort. „Ich muss meinen Vater finden, und ich kann nicht erst nach Nairobi zurückkehren und dort eine neue Expedition zusammenstellen.“
„Nein“, murmelte Wafi. „Ebenso gut können wir allein weiterziehen. Aber du musst bedenken, Herr, dass es nicht leicht ist, in diesem Land ohne eine Mannschaft von Kriegern voranzukommen.“
„Mit euch beiden zusammen würde ich es schon versuchen“, erklärte Bomba und blickte seinen beiden Begleitern in die Augen.
Nur einen Moment lang zögerte Gibo, dann sagte er überschwänglich:
„Ich gehe mit, Herr. Wohin du auch gehst, begleite ich dich!“
„Wafi bleibt auch bei dir“, sagte der riesige Zulu. „Wafi ist gern mit einem Kämpfer zusammen, der sich weder vor Menschen, noch vor Tieren oder Dämonen fürchtet.“
„Ich bin froh, dass ihr so denkt“, erklärte Bomba und lächelte die beiden an. „Wir werden jetzt etwas essen und dann weiterziehen. Es ist besser, wenn wir das Land der Pygmäen so bald wie möglich verlassen.“
Aus ihren Vorratsbeuteln holten sie Streifen von geräuchertem Antilopenfleisch hervor und verzehrten es. Viel lieber hätten sie sich ein warmes Mahl bereitet, aber sie fürchteten, dass der Rauch des Holzfeuers ihren Lagerplatz verraten könnte, und verzichteten deshalb lieber darauf.
Gleich nach dem Essen brachen sie auf, um möglichst noch am gleichen Tage das Land der Pygmäen zu verlassen. Der Weg führte jetzt durch ein dichtes Urwaldgebiet, durch das nur die schmalen Trampelpfade führten, die die Eingeborenen bei ihren Jagdexpeditionen ausgetreten hatten. Als sie etwa eine Stunde gewandert waren, blieb Bomba unvermittelt stehen und sog prüfend die Luft durch die Nase ein.
„Menschenwitterung!“, zischte er leise. „Rasch, in das Unterholz! Haltet eure Pfeile bereit!“
Im nächsten Moment lagen Wafi und Gibo in Deckung, während Bomba, dicht an einen Baum geschmiegt, nach vorn spähte. Angespannt lauschten sie mit angehaltenem Atem, aber nichts war zu hören. Trotzdem war Bomba seiner Sache sicher. Geduldig glitt sein Blick über das Gewirr von Farnen, tiefhängenden Zweigen und Lianen, bis er am Rande der vor ihm liegenden Lichtung eine schwache Bewegung erkannte.
Dann sah er es ganz deutlich: Zweige wurden vorsichtig auseinandergeschoben, und eine kleine, dunkle Gestalt trat auf die Lichtung.
„Ein Pygmäe“, flüsterte Gibo und hob seinen Bogen.
Bombas Augen waren jedoch schärfer.
„Halt, Gibo!“, befahl er leise. „Siehst du denn nicht, dass es nur ein Knabe ist?“
Gibo senkte den Bogen und nickte beschämt.
„Ich sehe es jetzt, Herr. Aber wo ein Kind ist, können die Eltern auch nicht fern sein.“
„Das mag sein“, gab Bomba zu. „Aber wenn wir uns ganz ruhig verhalten, gehen sie vielleicht vorüber und bemerken uns nicht.“
Eine Weile lang beobachteten die drei stumm und reglos den Pygmäenjungen, der auf der Lichtung umherwanderte und nicht wusste, dass drei Augenpaare jede seiner Bewegungen gespannt beobachteten. Nach Bombas Schätzung konnte das Kind nicht älter als sechs oder sieben Jahre sein, und wenn man nach seiner Gestalt und dem Gesichtsschnitt urteilte, gab es keinen Zweifel daran, dass er dem Stamme der Pygmäen angehörte.
Das Kind spielte ahnungslos und wusste nicht, welche drohende Gefahr sich ihm näherte. Auch die drei in ihrem Versteck sahen den Orang-Utan noch nicht, der im Schatten eines Busches lauerte und jede Bewegung des Pygmäenkindes mit mordgierig funkelnden Augen verfolgte. Bomba überlegte noch, was er tun sollte, wenn der Junge sich ihrem Versteck näherte und sie entdeckte, als er plötzlich ein Rascheln in einem Busch schräg jenseits der Lichtung hörte.
Mit einem heiseren, unartikulierten Schrei brach in der nächsten Sekunde ein riesiger Orang-Utan durch die Zweige und stürmte auf das Kind los. Der Junge schrie vor Entsetzen auf. Im gleichen Augenblick hatte Bomba bereits seine Machete aus dem Gürtel gerissen und eilte in langen Sätzen auf die Lichtung hinaus.
2 Im Handgemenge
Gerade als der Orang-Utan seine langen, haarigen Arme nach dem Kind ausstrecken wollte, war Bomba an dessen Seite. Der Dschungelboy warf sich mit voller Wucht gegen seinen Gegner und brachte ihn für einen Augenblick zum Wanken. Bei dem Anprall wurde der Pygmäenjunge ein kleines Stück weggeschleudert, und er kroch behende weiter, um aus der Reichweite der gefährlichen Affenarme zu kommen.
Der angreifende Orang-Utan fletschte seine gelben Zähne und wandte sich wütend Bomba zu. Mit seinem langsamen, schwerfällig watschelnden Schritt näherte er sich Bomba; seine Arme waren weit ausgestreckt, um den Gegner in ihrer tödlichen Umschlingung zu zermalmen.
Bombas Kampfesweise musste bei diesem ungleichen Zusammenstoß ganz auf Schnelligkeit und Überraschung abgestimmt sein. Er machte schnelle kleine Seitenschritte, um dem schwingenden Zugriff der langen Affenarme zu entgehen und stieß dann wieder blitzschnell mit der Machete zu. Doch bei der Hast, mit der er sich bewegen musste, war ein genaues Zielen unmöglich. Er stieß zu, wo er nur konnte und hoffte bei jedem Stich, dass es der letzte sein würde.
Gibo und Wafi waren jetzt ebenfalls auf den Kampfplatz gestürzt, und sie tänzelten aufgeregt um die Kämpfenden herum. So schnell waren jedoch die Bewegungen der beiden, dass Gibo und Wafi es nicht wagten, einen Pfeil abzusenden.
Der Orang-Utan blutete bereits aus vielen Wunden, aber auch Bomba hatte einen wuchtigen Schlag von einer der Pfoten des Affen empfangen, und aus der aufgerissenen Kopfhaut floss das Blut über seine Wange. Ein zweiter Riss reichte von der Schulter bis zum Ellbogen des linken Armes; doch glücklicherweise war diese Wunde nicht sehr tief.
Trotzdem war der Blutverlust stark genug, dass Bomba zusehends geschwächt wurde. Sein Vorteil lag darin, dass auch die Kraft des Orang-Utans merklich nachließ. Seinen Schlägen und Armschwüngen fehlte allmählich die Wirkung, und der Blick seiner kleinen, heimtückischen Augen wurde trüber.
Bomba hatte etwa eine Minute lang nur noch in hinhaltender Verteidigung gekämpft, um alle Kraft für einen entscheidenden Angriff zu sammeln. Jetzt war dieser Augenblick gekommen. Mit einem jähen Satz schnellte er vor und stieß dem riesigen Orang-Utan die Machete bis ans Heft in die Brust.
Ehe Bomba jedoch noch das Buschmesser aus der Brust des tödlich getroffenen Affen ziehen konnte, holte dieser noch einmal mit voller Kraft zum Schlage aus und seine behaarte Pranke landete mit dumpfem Aufschlag auf Bombas Kopf.
Der Junge wurde zurückgeschleudert und fiel besinnungslos nieder. Doch im gleichen Augenblick begann auch der große Affe zu schwanken und zu taumeln, und dann sank er mit einem heiseren Todesschrei zu Boden. Ein Zittern ging durch den großen, dunkelbehaarten Körper — dann war der Todeskampf zu Ende.
Inzwischen hatten Gibo und Wafi sich schon über den reglos daliegenden Bomba gebeugt.
„Er ist tot!“, rief Gibo stöhnend. „Die Dschungelgötter haben ihm in diesem Kampf keinen Schutz gewährt! Oh, Bomba ist tot!“
Er stieß zusammenhanglose Klagelaute aus und blickte fassungslos auf den im Gras liegenden Körper seines geliebten Herrn. Wafi handelte besonnener; er ließ sich auf ein Knie niedersinken und legte ein Ohr an Bombas Brust.
„Nein“, sagte er mit einem erleichterten Aufatmen. „Bomba ist nicht tot. Sein Herz schlägt noch. Hilf mir, ihn aufheben — “
Unvermittelt unterbrach er sich und sprang auf die Füße. Eine Horde kleiner, dunkelhäutiger Männer mit wolligem, rötlichem Haar stürzte von allen Seiten auf die Lichtung. Die Männer schwangen ihre Waffen und stießen helle, unheimlich klingende Schreie aus.
Einige von ihnen eilten sofort zu dem Pygmäenkind hin. Die Nachwirkungen des Kampfes spiegelten sich noch immer auf den Zügen des Kindes wider. Die scharfen Krallen des Orang-Utans hatten seine Schulter zerschrammt, als der Affe gerade zugreifen wollte und Bomba sich todesmutig gegen ihn geworfen hatte.
Eine andere Gruppe der kleinen Krieger rückte drohend auf Gibo und Wafi los. Ein Mann führte sie an, den die Zeichen auf seiner Brust als Häuptling des Stammes kennzeichneten. Die beiden tapferen Gefährten standen jedoch aufrecht und mit gespannten Bogen über dem immer noch bewusstlosen Bomba, und sie waren offensichtlich bereit, ihn bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen.
Zweifellos waren die beiden verloren, denn bei aller Tapferkeit hatten sie keine Chance, einen Kampf gegen einen ganzen Pygmäenstamm zu gewinnen. Aber in dem Augenblick, als die beiden sich darauf gefasst machten, den Verzweiflungskampf zu beginnen, hob der Häuptling in einer Geste der Freundschaft beide Hände mit den Handflächen nach außen über den Kopf empor.
Mit einem Blick hatte der Häuptling die Szene überschaut, und noch ehe ein Wort gesprochen worden war, hatte er erraten, was hier vor sich gegangen war. Als jetzt Gibo und Wafi das Friedenszeichen ebenfalls wiederholten und dann ihre Waffen senkten, trat er noch näher an sie heran.
„Was ist hier geschehen?“, fragte der Häuptling und deutete auf den toten Orang-Utan.
Wafi verstand den Eingeborenendialekt, den die Pygmäen sprachen, und er antwortete:
„Der Orang ist aus dem Urwald gestürzt und wollte das Kind packen.“ Er wies auf den Jungen, den seine Mutter inzwischen zärtlich und besorgt in ihre Arme genommen hatte. „Und das ist Bomba, der dem Kind zu Hilfe gekommen ist“, fügte Wafi hinzu und wies auf die reglos hingestreckte Gestalt des Dschungelboys. „Bomba hat den Orang mit dem Messer getötet.“
„Er hat es gewagt, den Orang-Utan allein mit einem Messer anzugreifen?“, fragte der Häuptling verblüfft.
„Allein und nur mit einem Messer“, bestätigte Wafi würdevoll. „Schau! Das Messer steckt noch im Herzen des Affen.“
„Dieser fremde, große Junge hat es also gewagt, sein Leben für ein Kind aus unserem Stamme aufs Spiel zu setzen?“, fragte der Häuptling, dem dieses Geschehnis immer noch unfassbar erschien.
Gibo und Wafi nickten ernst.
Jetzt wandte sich der Häuptling an seine Stammesgenossen.
„Wer diese Fremden anrührt, ist des Todes! Azande hat gesprochen!“
3 Die wirbelnden Trommeln
Die Krieger senkten ergeben die Köpfe.
„Azande hat gesprochen“, wiederholten sie im Chor.
Sie gehorchten diesem Befehl nicht widerstrebend, denn der Mut und die Opferbereitschaft des Fremden hatten einen starken Eindruck auf sie gemacht.
Azande rief Momku, den Medizinmann des Stammes, herbei, und der Alte mit der pergamentartig zerfältelten Gesichtshaut behandelte Bombas Wunden mit einer selbstgefertigten Salbe und verband sie dann. Der Junge regte sich schwach, als man ihn auf ein schnell bereitetes Lager bettete. Einmal schlug er die Augen auf, doch sein Blick glitt ins Leere, und die Lider senkten sich wieder.
„Er wird am Leben bleiben“, verkündete der Medizinmann nach der Untersuchung. „Sein Schädelknochen ist nicht verletzt, und er ist jung und stark.“
„Er muss auch jung und stark gewesen sein, wenn er den großen Orang besiegen konnte“, erklärte Azande, der Häuptling, und wandte sich dann wieder an Gibo und Wafi, „Kommt mit uns; wir kehren in unser Lager im Dschungel zurück. Wir werden diesen Jungen, den ihr Bomba nennt, gut pflegen, bis er wieder gesund ist.“
Auch wenn die beiden den Worten des Häuptlings kein Vertrauen geschenkt hätten, wäre ihnen nichts anderes übriggeblieben, als Azandes Wunsch nachzukommen. ebenso gut hätte er die Worte in Form eines strengen Befehls aussprechen können, dann wären sie auch machtlos gewesen.
Der kleine Pygmäenjunge hatte inzwischen seinen Schrecken schon überwunden und kam jetzt herangesprungen, nachdem der Medizinmann auch seine Wunde behandelt hatte. Der Häuptling beugte sich zärtlich nieder und fuhr liebkosend über den wolligen Kopf des Kindes.
„Den Göttern sei Dank, dass Negongwe am Leben geblieben ist“, murmelte er.
„Das ist ein guter Mann“, erklärte das Kind mit seinem schrillen Stimmchen. „Er hat den Orang getötet — dieses häßliche große Tier, das auf mich losgestürzt ist und dabei so schrecklich gebrüllt hat.“
„Ja“, stimmte Azande zu. „Bomba ist gut und tapfer. Er hat Azandes Neffen das Leben gerettet.“
Gibo und Wafi schauten einander vielsagend an. Wenn dieser kleine Junge der Neffe des Häuptlings war, dann änderte das natürlich die ganze Situation. In diesem Falle war zu erwarten, dass der Häuptling sein Versprechen halten und ihnen Schutz und Beistand gewähren würde, bis Bomba wieder gesund war.
Der Marsch durch den Dschungel verlief ohne Zwischenfälle, und die Weiber und Kinder im Dorf, die den Fremden zuerst feindselig entgegenblickten, änderten ihre Haltung sofort, als sie hörten, was geschehen war. Verwundert starrten Gibo und Wafi auf die dreißig oder vierzig bienenkorbartig geformten, kleinen Hütten, die auf der Lichtung standen. Die Eingänge waren so niedrig, dass große Männer wie Wafi selbst auf Händen und Füßen nur mit Mühe ins Innere gekommen wären.
Kaum waren sie eine halbe Stunde im Dorf, als der Häuptling auch schon seinen Medizinmann und die Krieger zusammenrief. Die Bahre mit dem noch immer bewusstlosen Bomba stand auf dem freien Platz vor dem Häuptlingshaus, und hier sollte auch jene eigentümliche Zeremonie vonstatten gehen, die zur Heilung des Kranken vorgenommen wurde.
Zuerst beugte sich Momku über den Ohnmächtigen und bewegte beschwörend die Arme. Seine Stammesangehörigen hatten sich inzwischen in einer langen Schlangenreihe formiert und begannen jetzt in einem seltsamen Hüpf- und Schreittanz um die Bahre herumzugehen, um die bösen Geister zu vertreiben, die angeblich im Innern von Bomba ihr Unwesen trieben.
Jetzt mischte sich Trommelschlag in das Scharren der Schritte. Die Krieger stampften und tanzten vor der Hütte ihres Häuptlings umher, und ihre Bewegungen wurden wilder und ekstatischer. Noch lauter wurde der Trommelwirbel — noch schneller der Takt, den die Füße schlugen. Die Männer hoben ihre Waffen und ließen sie klappernd gegeneinanderschlagen.
Vier der kräftigsten Krieger hatten inzwischen die Bahre aufgehoben, und jetzt eilten sie im Laufschritt zu einer großen Hütte hin, die ziemlich am Ende des Dorfes stand.
„Wohin wollen sie unseren Bomba bringen?“ fragte Gibo misstrauisch.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte Wafi.
Auch ihm kam die Sache nicht ganz geheuer vor. Doch in diesem Augenblick trat Azande auf sie zu und sagte:
„Kommt mit, ich werde euch zu Bomba führen.“
Er führte sie zu der Hütte des Medizinmannes, die etwa fünf Fuß hoch und zehn Fuß lang war. Auf einem Lager aus Gras und Laub lag Bomba im Innern der Hütte, und zu seinen Füßen kauerte Momku, der verhutzelte, alte Medizinmann, der jetzt mehr denn je einem haarigen Affen glich.
Als die beiden eintraten, öffnete Bomba zum ersten Male die Augen, und ein Jubelruf drang über Gibos Lippen.
„Bomba ist erwacht!“, rief er. „Den Dschungelgöttern sei Lob und Dank!“
„Was ist geschehen?“ fragte Bomba mit schwacher Stimme.
Gibo erklärte mit fliegender Hast, was sich inzwischen ereignet hatte, und Bomba schüttelte verwundert den Kopf, als könnte er die Fülle von Ereignissen in seinem umnebelten Gehirn noch nicht unterbringen.
Jetzt trat Azande ebenfalls in die Hütte und wandte sich an den Medizinmann.
„Wird der Fremde wieder gesund werden?“, fragte er.
„Das Feuer des Fiebers brennt in seinen Adern“, erklärte der Medizinmann. „Aber er wird am Leben bleiben.“
Der Häuptling wandte sich jetzt an Gibo und Wafi.
„Ein Leben für ein anderes Leben“, sagte er mit einem Klang von freudiger Genugtuung in der Stimme. „Als Gegengeschenk für das Leben des kleinen Negongwe geben wir, die Rothaarigen Pygmäen, euch das Leben eures Bomba zurück. Momku hat gesprochen: der Junge aus dem Dschungel wird leben.“
Azande und Momku verließen den Raum, und Gibo und Wafi hielten Wache am Bett des Jungen, der inzwischen schon wieder in erschöpften Schlaf gesunken war. Pygmäenfrauen kamen und brachten Essen, und als es Nacht wurde, lösten Gibo und Wafi einander bei der Wache ab. Sie wischten den Schweiß von Bombas Stirn und befeuchteten seine spröden, heißen Lippen mit Wasser.
Gegen Morgen, als Wafi gerade Wache hielt, hörte er einen seltsamen Trommelklang aus dem Urwald dringen. Als er aus der Hütte schaute, sah er, dass die Krieger schon auf den Beinen waren und dass der Häuptling hastig Befehle erteilte. Unruhig eilte Wafi ins Freie und an den kleinen Bienenkorbhäusern entlang, bis er vor dem Häuptling stand.
„Sage mir, Azande, was hat die Trommel zu bedeuten?“
4 Ein kurzer Kampf
„Die Trommel bedeutet Krieg und Tod“, erklärte Azande düster. „Die Schwarzhaarigen sind im Anmarsch, die Feinde unseres Stammes.“
„Sind die Schwarzhaarigen auch Pygmäen?“, fragte Wafi.
„Ja, es sind Pygmäen“, erwiderte der Häuptling. „Sie sind größer als wir Rothaarigen, aber nicht so stark. Sie sind auch nicht so schnell und können sich nicht wie Schatten hinter Bäumen und Büschen verbergen. Oft genug schon haben wir sie zurückgetrieben, aber noch immer machen sie mit ihren Trommeln Lärm im Dschungel. Diese Trommeln sprechen von Krieg und Tod — von spitzen Speeren und Pfeilen, die schnell wie Vögel durch die Luft gleiten. Horcht!“ Azande hob die Hand. „Das ist unsere Antwort auf die Drohung der Schwarzhaarigen.“
Dicht bei der Stelle, an der Gibo und Wafi standen, wurde jetzt eine Trommel geschlagen. Zuerst war der Klang leise, aber er schwoll stärker und immer stärker an, bis er als drohende, dumpfe Herausforderung in den Dschungel drang.
Besorgt lauschten Gibo und Wafi auf das dumpfe Streitgespräch zwischen der nahen und der fernen Trommel. Sie mussten immer daran denken, was im Falle eines Kampfes aus Bomba wurde, der noch hilflos und krank auf seinem Lager ruhte. Wafi äußerte seine Befürchtungen Azande gegenüber, doch dieser erklärte:
„Wir werden für Bomba kämpfen. Du brauchst keine Furcht zu haben. Bomba wird kein Leid geschehen, solange noch ein einziger roter Pygmäe am Leben ist.“
Diese Worte beruhigten die beiden, aber sie beschlossen doch, Bomba unablässig zu bewachen, bis jede Gefahr vorüber war. Inzwischen hatte der Häuptling sich seinen Männern zugewandt.
„Bald werden wir zum Angriff aufbrechen!“, rief er. „Wir werden den Schwarzhaarigen in den Dschungel entgegeneilen; aber Gaku, Iga und Idani, ihr werdet mit meinem Bruder Pongi das Dorf bewachen.“
Die genannten Krieger traten vor, und Pongi, der Vater des kleinen Negongwe setzte sich an ihre Spitze.
„Mein Bruder, wenn uns einer der Schwarzhaarigen entkommt, dann wirst du ihn ohne Gnade erschlagen“, befahl Azande. „Du wirst den weißen Jungen mit deinem eigenen Leben schützen.“
„Bomba wird kein Leid geschehen“, beteuerte Pongi. „Negongwes Vater vergisst nicht so schnell!“
Kaum hatte Pongi die letzten Worte gesprochen, als alle Krieger wie durch einen Zauber plötzlich von der Lichtung verschwunden waren. Nichts war mehr von ihnen zu sehen, und kaum ein leises Knacken und Rauschen im Unterholz verriet, dass mehr als hundert Krieger in den Dschungel aufgebrochen waren.
Als Gibo und Wafi wieder die Hütte betraten, sahen sie, dass der Medizinmann des Stammes an Bombas Lager kauerte. Der Junge war aus seinem tiefen Schlaf erwacht, und der Medizinmann hatte ihn inzwischen mit einem hölzernen Löffel aus der kleinen Schüssel gefüttert, die — mit einem wohlschmeckenden Fruchtbrei gefüllt — neben dem Kranken stand.
Bomba begrüßte die beiden Freunde freudig. Obwohl noch das Fieber in seinen Adern brannte, hatte er die Fähigkeit des klaren Denkens nicht verloren. Während des Essens fragte er, was die Trommeln zu bedeuten hatten, und Gibo erklärte ihm die jüngsten Geschehnisse.
Der Junge lauschte gespannt und stellte hin und wieder interessierte Zwischenfragen. Mitunter verzog er schmerzhaft das Gesicht, wenn er eine heftige Bewegung gemacht hatte, aber er überhörte kein Wort.
Leise und dumpf klang inzwischen immer noch der drohende Trommelrhythmus in die Hütte. Momku hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und lauschte mit schräggeneigtem Kopf und besorgter Miene.
„Solange diese Trommel nicht schweigt, haben unsere tapferen Krieger noch nichts ausgerichtet“, erklärte Momku. „Die Schwarzhaarigen sind nicht tapfer, aber sie sind größer als unsere Krieger, und sie kommen immer in mächtigen Scharen.“
„Azandes Krieger sind tapfer“, erwiderte Bomba höflich. „Und sie sind edelmütige Krieger, weil sie mich bei sich aufgenommen haben und sich so dankbar für eine kleine Hilfeleistung zeigen.“
„Es war keine kleine Hilfeleistung, es war eine sehr tapfere Tat“, widersprach der Medizinmann. „Azande hat mir selbst erzählt, wie— “
„Horcht!“, unterbrach ihn Bomba. „Das Schlagen der Trommel hat aufgehört.“
Sie lauschten in den Dschungel hinaus. Tatsächlich — es war nichts mehr zu hören. Eine Weile lang verhielten sich alle sehr ruhig. Als erster schlüpfte dann Momku aus der Hütte, um auf Erkundung auszugehen. Nach einer Weile bewegte sich auch Wafi unruhig.
„Ich werde nachschauen, Herr“, murmelte er. „Ich hoffe, dass ich dir gute Nachrichten bringen kann.“
Er trat ins Freie und näherte sich dem Dorfeingang. Kein Lebewesen war weit und breit zu erblicken. Die Frauen hielten sich ängstlich in ihren Hütten verborgen, und auch von den Kriegern, die das Dorf bewachen sollten, war nichts zu sehen.
Plötzlich verriet jedoch ein Rauschen und Rascheln im Busch die Annäherung vieler Füße, und im nächsten Augenblick umringte Wafi ein Gewimmel von rothaarigen Pygmäen. So schnell und lautlos, wie sie gegangen waren, kehrten die Krieger zurück.
„Ist der große Azande seinen Feinden nicht begegnet?“, fragte Wafi verwundert.
Azande starrte ihn mürrisch an.
„Die Schwarzhaarigen waren zu feige, sich einem Kampf zu stellen. Sie sind geflohen. Du kannst deinem Herrn sagen, dass augenblicklich keine Gefahr droht.“
Als Wafi in die Hütte zurückkroch, lag Bomba immer noch wach da.
„Warum hat es so lange gedauert?“, fragte er.
„Die Roten Pygmäen sind zurückgekehrt“, berichtete Wafi. „Der Häuptling ist schlecht gelaunt, weil die Schwarzhaarigen geflohen sind, ohne dass er sie im Kampf besiegen konnte.“
Bomba lächelte und wollte gerade antworten, als der Häuptling Azande die Hütte betrat.
„Ich möchte mit Bomba allein sprechen!“ verkündete er.
Wafi und Gibo blickten ihren Herrn unruhig an, aber Bomba deutete mit einer freundlichen Geste zum Eingang.
„Geht! Wenn ich euch brauche, dann rufe ich.“
5 Ein wichtiges Palaver
Azande verneigte sich würdevoll und trat näher an Bombas Lager heran.
„Ich bin Azande, der Häuptling der Roten Pygmäen“, stellte er sich vor. „Ich grüße dich, tapferer Bomba.“
„Ich grüße dich, großer Azande“, erwiderte der Junge das Kompliment. „Ich habe gehört, wie du für mich gesorgt hast, als ich hilflos war. Ich danke dir dafür.“
Der Häuptling winkte mit einer Geste ab.
„Wir sind es, die dir Dank schulden. Du hast das Leben des kleinen Negongwe, des Sohnes meines Bruders Pongi gerettet. Man sagt von den Roten Pygmäen, dass sie keine Feindschaft vergessen — aber ebenso verhält es sich mit Taten der Freundschaft. Azande bietet Bomba alle Gastfreundschaft, die er geben kann und solange Bomba sie haben will.“
„Azande ist sehr freundlich“, erwiderte der Junge. „Ich nehme die Freundschaft gern an.“
Der kleine Häuptling lächelte zufrieden und kauerte sich dicht neben Bomba auf den Hüttenboden.
„Wir werden miteinander beraten“, sagte er.
Bomba war froh über die Gelegenheit, mit dem Häuptling sprechen zu können. Vielleicht wusste Azande etwas vom Verbleib seines Vaters. Möglicherweise waren die Pygmäen, die als Nomadenstamm von Ort zu Ort zogen, auf einen weißen Mann gestoßen, der von den Kannibalen als Gefangener mitgeschleppt wurde. Ehe er jedoch eine Frage stellen konnte, sagte Azande:
„Bombas Haut ist so dunkel wie die eines Eingeborenen. Bomba hat eiserne Muskeln und stählerne Sehnen. Er kann den großen Orang-Utan bezwingen, aber er spricht doch die Sprache des weißen Mannes.“
„Ich bin ein Weißer“, erklärte Bomba.
„Und doch wanderst du allein durch den Dschungel?“, fragte der Häuptling verwundert.
„Du vergisst, dass Gibo und Wafi bei mir sind“, erwiderte Bomba. „Es sind die beiden letzten Männer, die von meiner Safari übriggeblieben sind. Alle anderen sind entflohen.“
„Warum sind sie geflohen?“
Der Junge lächelte schwach.
„Vor dir und deinen Männern haben sie sich gefürchtet, Azande. Sie sind vor den Giftpfeilen der Roten Pygmäen geflohen.“
„Und du hast dich nicht gefürchtet?“, fragte der Häuptling.
„Es gibt Dinge, die stärker sind als die Furcht. Audi ich habe mich gefürchtet, aber ich bin weitergegangen und ich werde weitergehen, bis ich meinen Vater gefunden habe.“
In kurzen Worten berichtete der Junge vom Schicksal seines Vaters, und Azande lauschte schweigend und interessiert. Als Bomba berichtet hatte, zögerte er einen Augenblick — und dann fragte er:
„Azande, kannst du mir nichts von meinem Vater sagen?“
Der Häuptling schüttelte langsam den Kopf.
„Ich habe seit vielen Monden keine Weißen mehr gesehen. Sie fürchten Azandes Stamm so wie die großen, schwarzen Krieger des Dschungels. Sie fliehen, wenn wir uns nahen.“
Bomba wusste, dass das nur zu richtig war. Mit einem unglücklichen Seufzer ließ er sich auf sein Lager zurücksinken.
„Ich fürchte, ich werde ihn nie mehr finden. Er kann auch nicht mehr lange am Leben bleiben, denn er ist in den Händen der Kannibalen.“
„In den Händen der Kannibalen?“ rief Azande aus.
Sein Gesicht verzerrte sich in furchtbarer Wut, und in seinem Blick glitzerte ein mordlustiges Glimmen. „Ich kenne sie! Sie sind unsere Feinde. Es wäre gut für unseren Stamm, wenn keiner von ihnen mehr am Leben wäre.“
Bomba war sehr zufrieden, als er von der Feindschaft zwischen den Pygmäen und den Kannibalen hörte. Nichts konnte seinen eigenen Plänen dienlicher sein.
„Ich kann deine Gefühle verstehen, Azande“, sagte der Junge. „Du wirst schon viele tapfere Krieger im Kampf gegen diese Männer verloren haben, die unter dem Bannfluch der Götter stehen. Auch ich hasse sie, denn sie haben meinen Vater gefangen. Warum sollten wir uns nicht vereinigen und sie gemeinsam tiefer in den Dschungel treiben — in eine Gegend, wo Azandes Krieger nicht mehr jagen?“
„Das wird nicht genügen“, sagte Azande erregt. „Sie müssten für immer vernichtet werden. Dann erst wird unser Volk in Frieden leben können.“ Der Häuptling runzelte nachdenklich die Stirn. „Aber das wird nicht einfach sein. Die Kannibalen sind zahlreicher als wir, und sie kämpfen manchmal wie die Dämonen.“
„Lass dich dadurch nicht beirren, Azande“, beschwor ihn Bomba. „Sobald ich wieder stark und gesund bin, werde ich mit Gibo und Wafi Seite an Seite mit deinen Kriegern kämpfen. Meine Begleiter sind stark und tapfer wie ich.“
„Das ist wahr“, gab der Häuptling zu. „Aber ein Pfeil vom Bogen eines Kannibalen kann Bombas Herz ebenso treffen wie jeden anderen.“
„Das mag sein, aber ich besitze noch eine andere mächtige Waffe, die Azande nicht kennt: mein Gewehr.“
Er wies auf die Waffe, die neben seinen anderen Ausrüstungsgegenständen in der Hüttenecke lehnte, und der Häuptling warf einen scheuen Blick auf den merkwürdigen Gegenstand.
„Ich habe mich schon gefragt, was dieser lange schwarze Stock mit dem Loch am Ende bedeuten soll. Ist das der Zauber des weißen Mannes?“
„Man kann jedenfalls viel Unheil damit anrichten“, sagte Bomba ausweichend.
Er kannte den primitiven Aberglauben der Eingeborenen und wusste, dass es mitunter eine wertvolle Hilfe sein konnte, wenn man diese Menschen von der Wunderkraft überzeugen konnte, über die man verfügte.
„Mit dieser Waffe kann man einen Feind auf viel weitere Entfernung töten als mit Pfeil und Bogen oder Speer“, erklärte Bomba. „Das Gewehr spricht mit Donnerstimme und sendet einen Flammenblitz aus seiner Mündung. Das allein wird die Kannibalen in Verwirrung bringen. Sobald ich kräftiger bin, werde ich dir zeigen, auf welche Weise diese Waffe den Tod in die Reihen der Feinde trägt.“
„Es ist gut“, sagte Azande und stand auf. „Ich glaube, dass ich meine Krieger überzeugen kann. Sobald ich mit ihnen gesprochen habe, werde ich dir sagen, ob wir dir helfen, deinen Vater aus den Händen der Kannibalen zu befreien.“
Azande grüßte und verließ die Hütte.
6 Das Fabeltier mit den zwei Schwänzen
Als Azande gegangen war, dachte Bomba nach. Er erkannte jetzt, dass der Zwischenfall mit dem Orang-Utan sich vielleicht als ein Segen für ihn erweisen könnte. Zwar schmerzten seine Wunden immer noch, aber schon jetzt spürte er, wie seine Kräfte wiederkehrten.
Er wäre nie zu einem so freundlichen Einvernehmen mit den Pygmäen gelangt, wenn er nicht zufällig den Neffen des Häuptlings aus den Klauen eines Orangs hätte retten können. In diesem Falle hätten sie sich allein bis ins Lager der Kannibalen durchschlagen müssen, und es wäre sehr fraglich gewesen, ob er ohne fremde Hilfe seinen Vater hätte befreien können.
Der Wert der Pygmäen als Kämpfer durfte nicht gering eingeschätzt werden. Bomba hatte das schon am eigenen Leibe erfahren. Sie waren trotz ihrer kleinen Gestalt mutige und geschickte Krieger. Sie konnten vier bis fünf Pfeile mit solcher Schnelligkeit abschießen, dass der erste noch kaum sein Ziel erreicht hatte, wenn der letzte von der Sehne schnellte. Außerdem hatten sie die Blasrohre mit den kleinen, tödlichen Federbolzen. Solche Verbündete waren bestimmt nicht zu verachten.
Gibo und Wafi bemerkten beim Eintreten sofort, dass Bombas Zustand sich gebessert hatte. Sie sahen, dass er lächelte, und fassten das als gutes Zeichen auf.
„Bomba sieht fröhlich aus“, sagte Gibo grinsend. „Hat Azande so gute Worte zu Bomba gesprochen?“
„Ja, es waren gute Worte“, bestätigte der Junge. „Sobald Azande seine Krieger dazu überredet hat, wird er mit uns aufbrechen, um Bombas Vater zu suchen.“
„Die Götter seien gelobt!“, rief Gibo. „Wir haben neue Verbündete!“
„Es ist besser, diese kleinen rothaarigen Männer zu Freunden als zu Feinden zu haben“, erklärte Wafi mit einem Brummen der Befriedigung.
„Wann wirst du wieder stark genug sein, um mit uns aufbrechen zu können, Herr?“, fragte Gibo besorgt.
„Das Fieber ist bereits verschwunden“, sagte der Junge. „Bald werde ich wieder einen Bogen spannen und das Messer schwingen können. Dann brechen wir auf, um meinen Vater zu befreien.“
Gibo und Wafi waren im Innern davon überzeugt, dass Bombas Vater längst nicht mehr lebte. Sie kannten die Grausamkeit der Kannibalenstämme. Aber um nichts in der Welt hätten die treuen Burschen ihrem jungen Herrn solche Gedanken verraten.
*
Die Tage der Genesung gingen schnell dahin. Als Bomba erst wieder vor die Hütte treten konnte und dann zum ersten Male Pfeil und Bogen zur Hand nahm, war er stets von einem Kreis von Bewunderern umgeben. Die Pygmäen hatten sich an ihren jungen Gast gewöhnt und behandelten ihn mit Ehrfurcht und Zuneigung. Als Bomba dann erst Proben seiner unvergleichlichen Schießkunst ablegte, kannte die Bewunderung der kleinen Männer keine Grenzen mehr.
Bomba hatte eine außergewöhnliche Begabung für Sprachen, und so konnte er sich nach einer Woche schon mit den Pygmäen unterhalten, deren Sprache kaum grammatische Schwierigkeiten bot und deren Wortschatz auch äußerst gering war.
Besonders die Eltern des kleinen Negongwe nahmen jeden Anlass war, um Bomba ihre Dankbarkeit zu beweisen. Sie überschütteten ihn geradezu mit Früchten, Nüssen und Beeren, und der kleine Knabe selbst war ein häufiger Gast in Bombas Hütte.
Während Bomba noch sein Krankenlager gehütet hatte, war der Häuptling mit den Vorbereitungen für eine Elefantenjagd beschäftigt gewesen. Seine Späher hatten ihm die Nachricht gebracht, dass eine große Herde etwa einen Tagesmarsch vom derzeitigen Lagerplatz des Stammes entfernt weide. Geräuchertes Elefantenfleisch würde die Nahrungssorgen des Stammes für lange Zeit beheben, und so wollte Azande diese Gelegenheit nicht ungenützt verstreichen lassen.
In einer stillen Stunde hatte Bomba seinem ehemaligen Safariführer Wafi die Geschichte erzählt, wie er mit Gibo zusammen im New Yorker Zoo auf Elefantenjagd gegangen war. Der Zulu ließ sich jetzt die Gelegenheit nicht entgehen, Gibo ein wenig zu hänseln.
„Jetzt wirst du das Tier mit den zwei Schwänzen zu sehen bekommen“, sagte er spöttisch zu Gibo, als sie den Jagdvorbereitungen der Pygmäen zuschauten.
„Oh, darüber bin ich nur froh“, erwiderte Gibo, der über den gutmütigen Spott seines Gefährten keineswegs gekränkt war.
„Vielleicht wirst du nicht allzu froh sein“, sagte Wafi mit einem breiten Grinsen. „Du siehst nun endlich das Tier mit den zwei Schwänzen, aber du musst bedenken, dass es dich ebenfalls erblickt. Und es ist nicht gerade gut, wenn ein wilder Elefantenbulle einen Menschen sieht — nein, das ist für diesen Menschen gar nicht gut.“
„Ich habe genug Pfeile im Köcher“, erklärte Gibo. „Und ein so großes Ziel können meine Pfeile bestimmt nicht verfehlen.“
„Sie werden treffen“, erwiderte Wafi lakonisch, „aber sie werden nicht wirken. Es sei denn, du triffst den Elefanten an ganz bestimmten Stellen.“
„Aber wie bringt man dann einen Elefanten zu Fall?“, fragte Gibo verwirrt.
„Ich habe noch nie erfahren, wie die Pygmäen Elefanten jagen“, sagte Wafi. „Aber ich habe gehört, dass sie nach den Augen der Tiere schießen und sie auf diese Weise blenden. Dann verfolgen sie die Elefanten mit Speeren und Keulen solange, bis die Tiere ermattet zusammenbrechen und sterben.“
Das Leben im Dschungel hatte Gibo ziemlich abgehärtet, aber diese grausame Jagdmethode gefiel ihm nicht.
„Bomba kämpft nicht so“, sagte er stolz. „Er würde dem Elefanten gegenübertreten und offen kämpfen.“
„Bomba ist auch kein Pygmäe“, erwiderte Wafi, und dagegen war schließlich auch nichts zu sagen.
Am nächsten Morgen, als das Grau der Dämmerung noch über der Lichtung hing, trat Azande in die Hütte, in der die drei Gefährten wohnten.
„Ist Bomba bereit?“, fragte er. „Die Jagd soll beginnen.“
Bomba sprang auf und wischte sich den Schlaf aus den Augen.
„Ich bin bereit“, sagte er. „Wir kommen sofort.“
7 Der Hinterhalt
Auf dem Vormittagsmarsch geschah nichts Wichtiges. Sie fanden keine Spuren menschlicher Feinde, und die Raubtiere schliefen noch nach ihrem nächtlichen Beutezug. Nach einer kurzen Mittagsrast setzten sie den Marsch fort, aber erst am späten Nachmittag stießen sie auf die ersten Elefantenspuren.
Mit doppelter Vorsicht marschierten sie weiter, und sie fanden immer mehr Anzeichen für die Anwesenheit einer großen Herde. Nachdem Azande und seine Krieger die Fährten geprüft hatten, erklärte der Häuptling:
„Die Elefanten sind erst vor zwei Stunden hier vorbeigekommen. Wir werden sie schon morgen einholen.“
Sobald die Dunkelheit mit der für afrikanische Verhältnisse typischen Schnelligkeit hereinbrach, wurde das Lager aufgeschlagen. Ein großes Feuer wurde angezündet, das sowohl zur Vertreibung großer Raubtiere als auch zum Wärmen diente. Denn so heiß die Tage auch waren — die Nächte wurden empfindlich kalt.
Am nächsten Morgen brachen sie bald wieder auf. Ausgewählte Scouts wurden zur Erkundung vorgeschickt, während kleine Trupps von Kriegern die Sicherung der Flanken übernahmen.
Stunde um Stunde verstrich, ohne dass die Elefantenherde in Sicht kam. Doch dann stießen sie auf neue Spuren, die nach Azandes Ansicht kaum eine Stunde alt waren. Neue Hoffnung glimmte in den Teilnehmern der Jagdexpedition auf, und der Marsch wurde mit frischer Energie fortgesetzt.
Wenige Minuten später schon blieb Azande stehen und hob schweigend den Arm.
„Horcht!“, rief er leise.
In der Stille war jetzt deutlich das Trompeten eines Elefanten zu hören. Ein zweiter Elefant erhob seine schmetternde Stimme und noch andere fielen in diesen Chor ein. Die Herde musste tatsächlich so groß sein, wie Azande geschätzt hatte.
„Endlich ist es so weit“, murmelte Gibo. „Endlich werde ich das Tier mit den zwei Schwänzen Wiedersehen.“
„Hüte dich vor allen Dingen vor dem Schwanz, der vorn am Kopf ist“, warnte Wafi ihn spöttisch. „Mit diesem Rüssel, den du Schwanz nennst, packt der Elefant sein Opfer. Wie eine Schlange ringelt sich der Rüssel um den Leib, und er ist ebenso schwer zu sprengen wie die Ringe einer Riesenschlange.“
In diesem Augenblick brach einer der Späher durch das Dickicht und verneigte sich tief vor Azande.
„Wir haben die Elefanten gesichtet, großer Häuptling“, berichtete er atemlos. „Wir haben sie erspäht, als sie in einem Tümpel badeten. Es sind sehr viele und sehr große Tiere.“
„Gut, Zagga“, erwiderte der Häuptling. „Führe uns dorthin.“ Er wandte sich an die Krieger. „Haltet eure Pfeile bereit und macht kein unnötiges Geräusch!“
Der Häuptling benetzte den Finger mit Speichel und hob ihn empor. Eine schwache Brise wehte von den Elefanten weg und auf den Jagdtrupp zu. Es bestand also keinerlei Gefahr, dass die riesigen Tiere ihre Feinde witterten. Azande nickte zufrieden und befahl mit einem stummen Wink, den Vormarsch fortzusetzen.
Bald hatten sie einen Buschsaum erreicht, der eine lange, freie Lichtung einfasste. Die Krieger warfen sich zu Boden und spähten durch die schützende Buschwand. In einem großen Tümpel stand die Herde etwa zwei bis drei Fuß tief im Wasser. Offensichtlich genossen die Tiere das kühle Bad. Dann und wann tauchten sie den Rüssel in das Wasser, sogen ihn wie eine Pumpe voll und bespritzten sich selbst den Rücken wie aus einer Brause.
„Es sind tatsächlich sehr viele Tiere“, sagte Gibo in ehrfurchtsvollem Ton zu Wafi. „Wie können Azandes Krieger gegen sie kämpfen?“
„Sie werden nicht versuchen, gegen alle zu kämpfen“, erklärte Wafi. „Sie werden versuchen, ein Tier von der Herde abzusondern und es dann zu jagen. Aber sprich jetzt nicht mehr, Gibo, sonst wird Azande zornig.“
Die Krieger warteten jetzt, bis die Elefanten das Wasser verließen. Aber vorerst machten die Ungetüme keine Anstalten dazu. Geruhsam und träge genossen sie das Bad — ahnungslos, dass ganz in ihrer Nähe viele Augen sie beobachteten.
Endlich, nach einer Zeitspanne, die den Spähenden endlos erschien, bewegte sich ein riesiger Elefant — offenbar der Leitbulle. Er wandte sich träge dem Ufer zu, stapfte aus dem Wasser, stellte sich am Ufer auf und schüttelte sich.
Dann trompetete der Leitbulle laut. Das war unverkennbar das Zeichen zum Aufbruch. Die anderen Tiere kamen zögernd aus dem Wasser getrottet und bald darauf bildeten sie eine unregelmäßige Reihe. Die Krieger im Busch hielten den Atem an. In welche Richtung würde die Herde aufbrechen? Auf dieser Bewegung der Herde musste Azande seinen weiteren Angriffsplan aufbauen.
Die Krieger wurden nicht lange im Unklaren gelassen. Der Leitbulle setzte sich in Bewegung, und die Herde folgte ihm. Sie kamen direkt auf die Pygmäen zu.
„In die Büsche!“, befahl Azande leise. „Ich werde das Tier aussuchen, gegen das wir kämpfen wollen. Kein Pfeil fliegt von der Sehne, bevor ich geschossen habe!“
Wie durch Zauberei verschwanden die kleinen Krieger. Jeder suchte sich eine Deckung längs der Marschrichtung, die die Herde eingeschlagen hatte. Bomba, Wafi und Gibo fanden keinen Busch, der für alle drei als Unterschlupf gereicht hätte, und sie wählten daher getrennte Plätze, die jedoch so nahe wie möglich beieinander lagen.
Bomba hielt sein Gewehr schussbereit, aber Azande hatte ihn gebeten, nicht gleich zu schießen, sondern diese Waffe für einen Ernstfall aufzusparen. Wenn wirklich schwere Gefahr drohte, sollte der „Feuerstock“ — wie Azande das Gewehr nannte — mit der Stimme des Donners sprechen.
Bomba hatte der Bitte des Häuptlings nur zögernd zugestimmt. Er selbst fieberte vor Jagdeifer, und es war ungewohnt für ihn, dass er bei einer Jagd nur Zuschauer und nicht tätiger Teilnehmer sein sollte. Allerdings bekam er so Gelegenheit, die Jagdmethoden seiner neuen Freunde zu studieren.
Das Stampfen der gewaltigen Füße wurde lauter. Zweige krachten, und der Boden erbebte vom Schritt der mächtigen Leiber.
Dann erschien der Leitbulle. Seine großen Ohrlappen klappten unruhig hin und her, der Rüssel war erhoben, und die kleinen Augen suchten nach einem Anzeichen von Gefahr.
Gibo stieß einen leisen Laut des Entsetzens aus. Das Riesentier starrte ihm genau in die Augen!
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