Читать книгу: «Gesundheit – ein Gut und sein Preis»
Sabine Predehl
Rolf Röhrig
Gesundheit
ein Gut und sein Preis
GegenStandpunkt Verlag
© Gegenstandpunkt Verlag 2020
2., erweiterte Auflage
1. Auflage 2016
Gegenstandpunkt Verlagsgesellschaft mbH
Kirchenstr. 88
81675 München
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Druckausgabe: ISBN 978-3-96221-000-7
Das Buch ist in weiteren Ebook-Formaten erhältlich
PDF: ISBN 978-3-96221-001-4
Mobipocket: ISBN 978-3-96221-003-8
EPUB ISBN 978-3-96221-002-1
Inhalt
Gesundheit – ein Gut und sein Preis
Vorwort
I. Die „modernen Volksseuchen“
1. Moderne Krankheitsbilder
2. Moderne Krankheitsursache: die Klassengesellschaft
Krankheitsursache Lohnarbeit
Krankheitsursache Rentabilität des deutschen Wirtschaftsstandorts
Krankheitsursache Konkurrenz
Krankheitsursache Freizeit
Krankheitsursache „Drittwelt“-Armut
II. Die großartigen Leistungen des Medizinbetriebs 1. Theoretische Glanzleistungen
Der Erkenntnisweg der modernen wissenschaftlichen Humanmedizin
Exkurs zu drei besonderen Bereichen
Infektionskrankheiten
Arbeitsmedizin
Expertenratschläge für eine etwas medizingerechtere Welt
Die Erkenntnisse der Psychiatrie und Psychotherapie
Die Weisheit der Alternativmedizin
2. Praktische Hilfeleistungen Die Kunst des Heilens und Helfens
Die medizinische Grundversorgung
Die Betreuung seelischer Leiden
Kneipp & Co
Fazit: Fitness für dauerhaften Verschleiß
Staatsziel Volksgesundheit
III. Gesundheit als Ware
1. Die vom Patienten getrennte Zahlungsfähigkeit: eine sichere Basis für das sozialpolitisch gewollte und kontrollierte Geschäft mit der Krankheit
2. Das medizinische Geschäftsleben: eine harmonische Einheit von Helfen und Kasse-Machen
Der Doktor und sein Krankengut
Das Krankenhaus
Die Pharma- und Medizintechnik-Industrie
PS: Der Patient
Korrespondenz
Kann man die Medizin so kritisieren? Vernichtende Kritik an einem „sehr dummen“ und „ärgerlichen“ Buch
Das Subjekt und seine geistigen Tätigkeiten – reine „philosophisch-idealistische Fiktion“? Antwort der Autoren
© 2020 GegenStandpunkt Verlag
Gesundheit
Vorwort
Wer heutzutage krank ist, der ist nicht mehr einem kaum beherrschten und noch weniger begriffenen Naturprozess ausgeliefert. Theoretisch ist schon ganz gut erforscht und wird mit großem Aufwand und einigem Erfolg weiter erforscht, was da abläuft im geschädigten Organismus. Und in der Praxis ist, in den meisten Ländern jedenfalls, die Versorgung von Kranken ziemlich flächendeckend organisiert. Der Staat kümmert sich um beides, um die medizinische Wissenschaft wie um ein effektives Gesundheitswesen. Er macht sich das elementare Interesse seiner Bürger an Betreuung, Hilfe und Wiederherstellung im Krankheitsfall zu eigen, weil ihm genauso wie denen selbst an ihrer Tauglichkeit für den bürgerlichen Alltag und insbesondere für ein ordentliches Erwerbsleben gelegen ist. Die Verhältnisse, unter denen ein Volk sich und seinen Staat erhält, sollen schließlich produktiv bewältigt werden. Volksgesundheit ist dafür eine ganz wesentliche Voraussetzung und deswegen als wichtige Staatsaufgabe anerkannt.
Das individuelle Schicksal, krank zu werden, ist in der heutigen Welt freilich noch in einer anderen Hinsicht nicht einfach als Naturprozess abzubuchen. Gewiss ist dann in der Regel die Physis, oft genug immerhin auch oder zuerst die gar nicht so naturwüchsige Psyche des Individuums angegriffen. Was die menschliche Natur da „angreift“, ist in der modernen Welt aber meistens gar nicht oder nicht allein „die Natur“. In der Hauptsache haben Menschen heutzutage solche Belastungen von Leib und Seele auszuhalten und halten sie oft genug gar nicht gut aus, die eben die Gesellschaft ihnen beschert, in der es ihnen so sehr auf ihre Lebenstüchtigkeit und speziell auf ihre Erwerbsfähigkeit ankommen muss und deswegen auch ihrem Staat auf ein Gesundheitswesen ankommt. Vieles, was in früheren Zeiten „die Natur“ – und da auch schon nicht bloß die, sondern mitentscheidend die Natur ihrer gesellschaftlichen Beziehungen – den Menschen in Sachen Krankheit, Seuchen und Siechtum angetan hat, hat die moderne Medizin zurückgedrängt. In den Zentren des gesellschaftlichen Fortschritts hat sie es dafür umso mehr mit den direkten und indirekten Konsequenzen einer gar nicht naturwüchsigen Beanspruchung der menschlichen Naturausstattung zu tun; mit Belastungen, die zu einem großen Teil ihrerseits ohne dauernde medizinische Betreuung gar nicht so standhaft auszuhalten wären, bis sich das „Vollbild“ der „modernen Seuchen“ entwickelt hat.
Insofern ist das moderne Gesundheitswesen in ganz besonderer Weise nützlich, ja unentbehrlich für ein gesellschaftliches System, das mit seinen Belastungen die Masse der Leiden generiert, die dieses „Wesen“ zu betreuen hat. Zu seiner Funktionalität für die „herrschenden Verhältnisse“ trägt der Umstand nicht wenig bei, dass die praktisch wie theoretisch darin engagierte Fachwelt einen solchen Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Ursache und physiologischer bzw. psychischer Wirkung zwar kennt und in ihre Diagnosen und Therapieansätze mit einbezieht – schließlich hat sie es „mit Menschen zu tun“ und nicht mit Zellkulturen –, von den belastenden gesellschaftlichen Notwendigkeiten, an denen ihr Patientengut laboriert, aber nicht mehr wissen will, als was sich wissenschaftlich in statistisch signifikanten Korrelationen abzeichnet und praktisch in Ratschläge für ein „gesünderes Leben“ umsetzen lässt. Und auch in einer anderen Hinsicht passt der medizinische Betrieb gut zu dem System der politisch betreuten Ökonomie, das ihm so viel zu tun und zu erforschen gibt: Er ist selber ein ganz großes Geschäft und auch insofern aus dem Kapitalwachstum in einer modernen Volkswirtschaft nicht wegzudenken.
© 2020 GegenStandpunkt Verlag
I. Die „modernen Volksseuchen“
Die ganze Welt, die öffentliche wie die private, ist voll von Gesundheitstipps. An jeder Ecke, aus berufenem und unberufenem Mund, erwünscht oder nicht, sind Ratschläge zu haben, wie man fit und gesund bleibt, den Krankheiten entgeht, an denen die Masse der hochzivilisierten Zeitgenossen laboriert und stirbt, was vorbeugend gegen die und begleitend zu den häufigsten Leiden zu tun ist. Offenbar ist ganz selbstverständlich, gilt jedenfalls unwidersprochen, dass viele und gerade die am meisten verbreiteten Gebrechen eine Sache des „Lifestyle“, des Umgangs der Menschen mit ihren Lebensumständen sind. Und irgendwie ist in all diesen wohlmeinenden zweckdienlichen Hinweisen explizit oder stillschweigend unterstellt, dass mit diesen „Umständen“ selber etwas nicht in Ordnung sein kann, wenn die Menschen ihnen mit Vorsicht und Geschick die Erhaltung ihrer Gesundheit abringen müssen.
Tatsächlich ist überhaupt nicht unbekannt, dass die alles andere als natürlichen Gegebenheiten, die ein durchschnittliches bürgerliches Leben bestimmen, mehr oder weniger ursächlich sind für eine Mehrzahl der Leiden, die die moderne Menschheit quälen und am Ende umbringen. Der Zusammenhang von Ursache und Wirkung hat sogar einen Namen: Was früher Pest und Seuchen waren, das sind heute die Zivilisationskrankheiten. Der einschlägigen Begriffsbestimmung – Leiden, „deren Häufigkeit (Inzidenz) einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang mit den Lebensgewohnheiten bzw. -verhältnissen aufweist, wie sie in Industrieländern vorherrschen“ – lässt der medizinische Sachverstand zwar postwendend eine Art Dementi folgen:
„Der Begriff der ‚Zivilisationskrankheit‘ ist insofern missverständlich, als dass eine verbesserte soziale und ökonomische Infrastruktur nicht automatisch Krankheiten nach sich zieht, sondern – im Gegenteil – eine Verbesserung der medizinischen Versorgung bedeutet. Zivilisationskrankheiten werden nicht durch die Zivilisation selbst, sondern durch einen ungesunden, der menschlichen Physiologie nicht entsprechenden Lebensstil verursacht...“ (flexikon.doccheck.com)
Doch was hilft schon der gutgemeinte Hinweis, dass eine „Infrastruktur“ „nicht automatisch“ krank macht, sondern immer noch jemand dazugehört, der tatsächlich „ungesund“ lebt? Wenn der entsprechende „Lebensstil“ eine so hohe „Inzidenz“ aufweist und dessen gesundheitliche Folgen einen so „wahrscheinlichen Zusammenhang mit den Lebensgewohnheiten bzw. -verhältnissen“ in den „Industrieländern“, dann wird der Stil schon zu den Verhältnissen passen. Und am Ende ist dann doch gar nicht so entscheidend, wie sich einer den Umgang mit seinen Existenzbedingungen zurechtstilisiert – sehr individuell scheint das ja ohnehin nicht zu gelingen –, sondern was der Mensch im Rahmen seiner stilvollen Lebensführung tagaus tagein zu bewältigen hat.
Fest steht jedenfalls, statistisch ordentlich ermittelt: Es ist relativ überschaubar, woran die Masse der industrialisierten Wohlstandsbürger in der zivilisierten Welt typischerweise zu leiden und zu sterben pflegt:
„Eine relativ kleine Gruppe von Erkrankungen ist für einen Großteil der Krankheitslast in Europa verantwortlich. Von den sechs WHO-Regionen ist Europa von nichtübertragbaren Krankheiten am stärksten betroffen, und ihr Anstieg ist erschreckend. Die praktische Bedeutung der am stärksten verbreiteten nichtübertragbaren Krankheiten (Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen und psychische Störungen) ist ebenso alarmierend: Zusammengenommen machen diese fünf Krankheiten geschätzte 86 % der Todesfälle und 77 % der Krankheitslast in der Europäischen Region aus.“ 1)
Der Befund dürfte weder Zufall sein noch Folge eines massenhaften Beschlusses, mit eigentlich ganz gut verträglichen europäischen Lebensbedingungen konsequent unvernünftig umzugehen. Er verweist auf Belastungen, und zwar sehr stereotype, die diese zivilisierten Verhältnisse ihren Insassen zumuten, deren Bewältigung die sich auch selber im Rahmen eines ebenso stereotypen Lebensstils abverlangen – und die auf Dauer eben nicht auszuhalten sind. Welche Belastungen und welche Leistungen das sind, das ist an den pathologischen Folgen manchmal noch deutlich zu sehen und manchmal auch nicht. Insgesamt sprechen die „Volksseuchen“ deutlich genug für sich – sollte man meinen.
1. Moderne Krankheitsbilder
Den seit Jahrzehnten ungeschlagenen Spitzenplatz der beliebtesten Todesursachen halten die Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Obwohl die Medizin hier viel im Griff hat, das Legen von Herzkathetern heutzutage zu den Routineuntersuchungen der Kardiologen zählt, Bypässe, Stents und Shunts haufenweise verlegt werden und – laut einschlägigen Studien – schon so manche salzarme Diät einen Bluthochdruck verhindert haben soll, sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach wie vor „in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts aktuell für 41 Prozent aller Todesfälle verantwortlich – und damit die mit Abstand häufigste Todesursache“ (H. Greten; Innere Medizin, 2010, S. 253).
Grundlage ist eine höchst unbekömmliche Beanspruchung von Herz und Kreislauf: Anstrengung, unmittelbar physischer oder psychischer Art, verlangt eine erhöhte Pumpleistung des Kreislaufs, die durch schnellere Herzfrequenz und kräftigere Kontraktion des Herzmuskels auch prompt realisiert wird. Resultat von alldem ist ein erhöhter Blutdruck, der für sich kein Malheur ist, insofern er durch eine ausreichende Entspannung wieder sinkt. Ist die Erregung und die daraus folgende Blutdruckerhöhung aber von dauerhafter Natur, dann reagieren die Gefäße in der Kreislaufperipherie selbst mit einer Engstellung sowie Gefäßverdickung und „fixieren“ schließlich so den hohen Blutdruck, machen ihn also irreversibel, unabhängig von der tatsächlichen Belastung. Die Entstehung eines Bluthochdrucks ist daher Ausweis dessen, dass eine Anstrengung so lange ausgehalten wurde, bis sie in eine Überlastung übergegangen ist und sich die Anspannung deswegen physisch als Krankheit manifestiert. Dieser Umstand wird in medizinischen Standardwerken so ausgedrückt:
„Ein Hochdruck entsteht demnach durch Erhöhung von HZV (Herzzeitvolumen) oder TPR (totaler peripherer Widerstand) oder beidem… Die HZV-Vergrößerung beim hyperdynamischen Hochdruck beruht entweder auf einer gesteigerten Herzfrequenz oder ... einem erhöhten Schlagvolumen... Auch eine zentralnervös verursachte Erhöhung der Sympatikusaktivität ... [kann] das HZV ansteigen lassen... Zur Vasokonstriktion kommt es bei einer erhöhten Sympatikusaktivität... Auch autoregulatorische Vorgänge beinhalten Vasokonstriktion. Steigt z.B. der Blutdruck durch Erhöhung des HZV, so ‚schützen‘ sich viele Organe (z.B. Niere, Magen-Darm-Trakt) vor diesem hohen Druck. Dies ist für die häufige vasokonstriktorische Komponente des hyperdynamischen Hochdrucks mitverantwortlich, der dadurch in einen Widerstandshochdruck übergeht. Dazu trägt auch eine Hypertrophie der vasokonstriktorischen Muskulatur bei. Schließlich stellen sich als Folge des Hochdrucks Gefäßschäden ein, die den TPR erhöhen (Fixierung des Hochdrucks).“ (W. Siegenthaler; Klinische Pathophysiologie, 2006, S. 222)
Dann und dadurch wird der Betroffene zum Hochdruckpatienten, bei dem infolge einer dauerhaften Blutdruckerhöhung im ganzen Körper „klinische Folgeerscheinungen wie koronare Herzkrankheit (KHK, angina pectoris, Herzinfarkt, akuter Herztod), zerebrovaskuläre Insuffizienz (Schlaganfall) und periphere arterielle Verschlusskrankheit“ auftreten (H. Greten; a.a.O., S. 40).
„Nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bösartige Erkrankungen die zweithäufigste Todesursache in der westlichen Welt... Fast jeder Zweite erkrankt inzwischen an Krebs und jeder 4. bis 5. Bürger stirbt an dieser Erkrankung.“ (W. Siegenthaler; a.a.O., S. 1101)
So verschieden Krebserkrankungen je nach Typus des „bösartigen“ Gewebes sich darstellen, gemeinsam ist den meisten ihr Ursprung: Kanzerogene schädigen die Erbinformation der Zelle, am Ende irreversibel. Und die Liste der bekannten Kanzerogene, mit denen die Massen in einer blühenden Industrienation wie der unsrigen jahrein jahraus konfrontiert werden, wird von Jahr zu Jahr eher länger als kürzer. Krebs entsteht, wenn eine durch Mutation der DNA verursachte irreversible Regulationsstörung des Zellzyklus dazu führt, dass eine Zelle entartet, sich also unentwegt teilt. „Dabei spielen sowohl die Intensität als auch die Dauer der zur malignen Entartung führenden Schädigung eine Rolle.“ (H. Greten; a.a.O., S. 953 f.) Da die Zelle in ihrer Erbinformation über vielerlei Regulations- und Reparaturmechanismen verfügt, so dass auch und gerade bei deren Schädigung die Mutation nicht auf die Tochterzellen übertragen wird, müssen sich zur Entartung eines Gewebes in der Regel mehrere Mutationen akkumulieren; dann kann der Schaden selbst durch den regulierten Exitus der einzelnen Zelle nicht mehr behoben werden. 2)
„Bis zu 20 % der bundesdeutschen Bevölkerung (mit steigender Tendenz) leiden an Allergien... Damit gehören Allergien zu den häufigsten Erkrankungen in Ländern mit hohem Lebensstandard.“ (Dieses und die folgenden Zitate aus: H. Greten; a.a.O., S. 1082 ff.)
Eine Allergie entsteht, wenn ein Organismus auf einen einzelnen oder eine ganze Reihe von Stoffen aus der Natur oder der zivilisierten Welt, die sogenannten Allergene, mit einer überschießenden Immunantwort reagiert, weil er der Belastung durch sie nicht oder nicht mehr standhält und sich deswegen seine „immunologische Reaktionsbereitschaft“ verändert:
„Allergie: individuelle Änderung der immunologischen Reaktionsbereitschaft im Sinne einer übersteigerten, krankmachenden Immunantwort (Hyperreaktivität) gegen körperfremde Antigene (Allergene).“
Dass die Allergene „bei physiologischer Immunitätslage apathogen sind, also von sich aus keine Schädigung hervorrufen würden“, ändert nichts an der Tatsache, dass es diese „körperfremden“, also externen Stoffe selber sind, die, bei dem einen oder anderen Organismus früher oder später, das Immunsystem derart „sensibilisieren“, also belasten, dass es mit Überlastung, also einer Allergie reagiert. Die Häufigkeit von Allergien in Industrienationen erklärt sich durch die „ubiquitäre Verbreitung der Soforttypallergene... Allein Latexprodukte haben durch ihren Einsatz in der Medizin ... bereits bei über 10 % des Personals ... eine Sensibilisierung hervorgerufen.“ Weshalb es sich umgekehrt auch so verhält: „Bei Meidung des ursächlichen Allergens bessern sich die Symptome oder verschwinden gänzlich.“ Wird das „ursächliche Allergen“ aus welchen Gründen auch immer nicht gemieden, verselbständigt sich die Immunreaktion, die Entzündungsprozesse werden chronisch und heilen „selbst bei absoluter Allergenkarenz“ so ohne Weiteres gar nicht mehr aus.
„Bedingt durch chronische Entzündungsprozesse, vor allem infolge rezidivierender Allergenbelastung, entwickelt sich eventuell eine unspezifische Überempfindlichkeit der Schleimhäute ... die sich selbst bei absoluter Allergenkarenz erst nach Monaten zurückbildet. Die Identifikation des ursächlichen Allergens ist in diesen Fällen erschwert.“
Der Typ-II-Diabetes „gehört mit rund sechs Millionen Patienten und mit vermutlich ebenso vielen Menschen mit unerkanntem Diabetes oder hohem Risiko für diese Stoffwechselerkrankung zu den größten Volkskrankheiten in Deutschland“ (www.dzd-ev.de).
Er entsteht durch dauerhaft erhöhte Blutzucker- und Blutfettspiegel, denen in der Regel Überernährung zugrunde liegt, aber auch Stress lässt die Spiegel steigen. „Das Missverhältnis von Energiezufuhr und -verbrauch steigert die Konzentration an Fettsäuren im Blut, was wiederum die Glucoseverwertung in Muskel- und Fettzellen senkt.“ (S. Silbernagl; a.a.O., S. 308)
Das Hormon Insulin wird bei Blutzuckererhöhung nach der Nahrungsaufnahme ausgeschüttet, dockt normalerweise an die Zellmembran – vornehmlich der Muskeln – an und führt dazu, dass der Zucker aus dem Blut in die Zellen aufgenommen und so für die Energiegewinnung bereitgestellt wird. Bei dauerhaft erhöhter Energiezufuhr werden die Zellen zunehmend gegen Insulin resistent und reagieren nicht mehr hinreichend durch Aufnahme des Zuckers auf das Hormon; der Blutzuckerspiegel bleibt erhöht. Dieser Effekt wird durch einen geringen Energieverbrauch der Muskelzellen verstärkt. In der Folge reagiert der Hormon-Regelkreis mit einer erhöhten Insulinausschüttung, was den Blutzuckerspiegel in der Regel hinreichend senkt, zugleich aber die Unempfindlichkeit der Zellen gegen das Insulin verstärkt. Einen qualitativen und problematischen Umschlag gibt es dann, wenn der Stoffwechsel dauerhaft mit einem Überangebot an Glukose konfrontiert wird – und/oder unter Stress mit einer permanenten Mobilisierung von Zucker aus seinen Speichern reagiert –, so dass die verminderte Insulinwirkung nicht mehr durch die vermehrte Ausschüttung kompensiert werden kann. Dann bleibt die Konzentration der Glukose im Blut dauerhaft hoch, worüber der Organismus an verschiedensten Stellen geschädigt wird. Schlimmstenfalls versagt die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse gänzlich.
„Alle Formen von Diabetes mellitus sind nach Manifestation der Erkrankung sowohl mit einer Sekretionsstörung als auch einer Insulinresistenz verbunden. Die resultierende Hyperglykämie verstärkt diese Störung und führt unbehandelt zur Glucosetoxizität, die einen Circulus vitiosus auslöst... Erste Hinweise für eine Insulinresistenz sind bereits viele Jahre vor der Diabetesmanifestation zu finden. Solange aber die Insulinresistenz durch eine gesteigerte Insulinsekretion kompensiert werden kann, ist sie wahrscheinlich ohne klinische Signifikanz. Erst wenn die Hyperinsulinämie aufgrund einer begrenzten Synthese- und Sekretionskapazität nicht mehr aufrechterhalten werden kann, kommt es zum Anstieg der Blutglucosespiegel und damit zum Ausbruch des Typ-2-Diabetes.“ (W. Siegenthaler; a.a.O., S. 83)
Der führt dann – wenn es nicht gelingt, ihn mit Medikamenten erfolgreich „einzustellen“ – zu Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Durchblutungs- und Wundheilungsstörungen, Erblinden und Nierenversagen.
Ein altbekannter, aber dafür nicht weniger verbreiteter Schlager der modernen Volkskrankheiten sind Muskel- und Skeletterkrankungen.
„Jeder Dritte, der zum Orthopäden geht ... tut dies wegen Rückenschmerzen... Viele von unspezifischen Rückenschmerzen Geplagte gehören der vergleichsweise jungen, jedenfalls mitten im Berufsleben stehenden Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen an.“ (Dieses wie das folgende Zitat aus: www.apotheken-umschau.de)
Dass das Volk so flächendeckend „Rücken hat“, ist „meist eine Folge ständiger Überstrapazierung oder Vernachlässigung des Rückens. Das erklärt sich durch ein wichtiges Prinzip der Muskelarbeit: das Zusammenwirken eines Spielers und Gegenspielers beziehungsweise entsprechender Muskelgruppen. Wenn Kraftakte bestimmte Spieler- oder Gegenspieler-Muskeln überfordern oder Inaktivität sie verkümmern lässt, kommt es zu Verspannungen, Überdehnungen, Verkürzungen und schließlich Schmerzen.“
Je nach individueller Robustheit der Gelenke und betriebenem Ausgleich kommt es deshalb auch früher oder später zu Gelenkschäden.
Chronische Atemwegserkrankungen sind ebenso weit verbreitet. Wer eine chronische Reizung seiner Atemwege lange genug aushält – „die Beschwerden entwickeln sich langsam über Monate bis Jahre“ –, hat gute Chancen auf eine nicht mehr ausheilbare Bronchitis. Werden die Bronchialschleimhäute durch Stäube, Schad- und Reizstoffe dauerhaft belastet, werden diese irreversibel geschädigt; bei fortdauernder Belastung kommt es zu einer chronifizierten Entzündung der Bronchien, in deren Folge Lungengewebe zerstört wird, so dass in der Lunge kein Gasaustausch, also keine regelrechte Atmung mehr stattfinden kann:
„Bei chronischer Reizung der Atemwege kommt es zu Umbauvorgängen mit Vermehrung seröser und muköser Drüsen und Zerstörung der normalen Schleimhautarchitektur. Die oralwärts schlagenden Zilien werden zunehmend zerstört und sind dann nicht mehr in der Lage, den Schleim aktiv zu transportieren. Dem Patienten mit schwerer chronischer Bronchitis dient dann nur noch der Hustenstoß als effektiver Clearencemechanismus. Kontraktion der Bronchialmuskulatur, entzündliche Infiltration der Bronchialschleimhaut ... führen zur chronischen Bronchialverengung, Bronchiektasenbildung und Instabilität der Atemwege. Durch die chronische Entzündung kommt es weiterhin zu einem Ungleichgewicht zwischen Proteasen ... und Antiproteasen … mit konsekutiver Zerstörung der terminalen Atemwege und Alveolarsepten. Folge ist ein Lungenemphysem.“ (H. Greten; a.a.O., S. 428 f.)
Immer mehr Menschen leiden an psychischen und psychosomatischen Störungen:
„Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hat ... ermittelt, dass die Zahl der Krankschreibungen wegen der Zusatzkategorie Burn-out (Z73 im ICD-10-GM) seit 2004 um fast 700 Prozent gestiegen ist. In 85 Prozent dieser Fälle diagnostizierte der Arzt zusätzlich eine psychische oder körperliche Erkrankung.“ (Deutsches Ärzteblatt 2012; 109(24))
Woher die kommen, ist der Medizin nicht nur beim Burn-out – da steckt die Sache schon in der Bezeichnung – durchaus bekannt:
„So führten chronische Überforderung und Stress ... zu psychischen und psychosomatischen Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen, Rückenschmerzen, Tinnitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“ (Deutsches Ärzteblatt; a.a.O) 3)
Psychische Belastungen, Überforderung, Angst, Stress, Aufregung, warum auch immer ungelöste Konflikte können Menschen fertigmachen, auch ohne körperliche Schäden anzurichten: Sie werden unfähig, mit sich und der Welt etwas Brauchbares anzufangen – womöglich, in dieser Gesellschaft der GAU, arbeitsunfähig. Ganz häufig wirkt sich das „gestörte“ Seelenleben aber auch auf ihre Physis aus: Belastungen und die andauernden Versuche, damit fertigzuwerden, führen zu einer Aktivierung des vegetativen Nervensystems, was in die Regulation der meisten Organe eingreift. Ist das von Dauer und können die physiologischen Folgen vom Organismus nicht kompensiert werden, schlägt sich die chronische Aktivierung des vegetativen Nervensystems in unterschiedlichen Krankheiten nieder, wobei sowohl ein bereits bestehender Organdefekt angeheizt werden als auch eine völlig eigenständige Krankheit entstehen kann.
„Zu diesen Krankheiten gehören: Koronare Herzkrankheiten und ihre Folgeerkrankungen, essenzielle Hypertonie, Asthma bronchiale, Ulcus ventriculi und duodeni, chronisch entzündliche Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn), rheumatische Arthritis, Fybromyalgiesyndrom, atopisches Ekzem und zahlreiche andere Erkrankungen.“ (P.L. Janssen; Leitfaden psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 2012, S. 39)
Dabei ist an den physiologischen Folgen natürlich gar nicht zu unterscheiden, ob der Mensch an Einbildungen leidet oder an wirklichen Belastungen, deren Grund und Gegenstand er nicht ausräumen kann; sei es, weil er tatsächlich gar nicht Herr darüber ist, sei es, weil er seine Unzufriedenheit von vornherein gar nicht auf die Dinge und Verhältnisse richtet, die ihn stören, sondern gegen sich selbst. Die Medizin diagnostiziert hier „durch chronischen Stress bedingte Dysbalance“:
„In psychopathologischer Perspektive sind mit Organdestruktion einhergehende körperliche Erkrankungen, bei denen psychosoziale Faktoren mit verursachend sind, keine einheitliche Gruppe. Allerdings gibt es eine Reihe klinischer und empirischer Evidenzen für die Annahme, dass krankheitsübergreifend eine durch chronischen Stress bedingte Dysbalance in der vegetativen Organinnervation besteht, begleitet von entsprechenden neuroendokrinologischen und neuroimmunologischen Abweichungen...“ (P.L. Janssen; a.a.O., S. 39)
Trotzt der Mensch den beliebtesten Todesursachen, indem er mit den modernen Volksseuchen jahrzehntelang überlebt, hat er im Alter beste Chancen, an einer der vielfältigen Formen von Demenz zu erkranken:
„Risikofaktoren für eine Demenz: Alter, weibliches Geschlecht, niedriges Körpergewicht bei weiblichen Patienten, Demenz bei Verwandten, vorangegangene Kopfverletzung, niedriges Bildungsniveau, Demenz im Anfangsstadium, bestimmte neurologische oder genetisch bedingte Erkrankungen, vorangegangener Schlaganfall, riskanter Alkoholkonsum und Alkoholabhängigkeit, vaskuläres Risikoprofil (z.B. arterielle Hypertonie, Hypercholesterinämie, Nikotinabusus, Diabetes mellitus etc.).“ (DEGAM-Leitlinie Demenz; 2008, S. 21)
Die professionelle Abstraktionsleistung, die das Disparateste unter dem Obertitel „Risikofaktoren“ versammelt, einstweilen dahingestellt (dazu später): Auch Demenz, so viel geht aus den „Leitlinien“ allemal hervor, ist weniger die Folge natürlicher Alterungsprozesse, vielmehr in der Regel die Auswirkung von Abstumpfung und Belastungen, die bis ins hohe Rentenalter ausgehalten werden, gegebenenfalls einschließlich schon manifest gewordener ruinöser Konsequenzen.
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Alle genannten Leistungen und Belastungen des Organismus und der Psyche machen sich in aller Regel nicht als akute Überanstrengung geltend, sondern zeigen erst nach längerer Zeit ihre Wirkung – pathologische Wirkungen, die dann, verselbständigt gegen ihren Entstehungsgrund, Folgeschäden verursachen. Zu eigentlichen Krankheiten werden die allmählich auftretenden Beschwerden dadurch, dass man die Belastungen aushält und mit ihnen umgeht; und zwar so lange, bis sie nicht mehr ausheilbar sind.
Den chronischen Erkrankungen, an denen in dieser modernen Gesellschaft so stereotyp laboriert wird, ist also eines wesentlich: Sie sind die Folgen von Belastungen, die darüber zu Krankheiten werden, dass die Betroffenen sich dauerhaft abverlangen, sie auszuhalten.
2. Moderne Krankheitsursache: die Klassengesellschaft
Belastungen, Strategien des Aushaltens und erst recht die daraus resultierenden Krankheiten treten allemal auf in Form von – mehr oder minder schweren – Einzelschicksalen. Ihr allgemeiner Charakter, ihre gar nicht individuelle, vereinzelte Notwendigkeit ist aber allgemein bekannt; den um ihre Gesundheit besorgten Patienten und Noch-nicht-Patienten so gut wie den Medizinern, die den Menschen beim Aushalten helfen. Eine offene Frage sind sie jedenfalls nicht: die Ursachen dafür, dass die Eingeborenen der zivilisierten Welt so einfallslos an immer den gleichen Gebrechen leiden und sterben.
Krankheitsursache Lohnarbeit
Beim Arzt stellen sich – spätestens als Rentner – die Opfer einer Arbeit ein, die fortwährende Verausgabung der einseitigsten Art erfordert und den Leuten Nerven, Muskel, Gelenke usw. ruiniert. Natürlich weiß jeder Patient für sein Leiden ganz spezielle Arbeitsbelastungen anzugeben – sofern er die nicht als selbstverständlichen Daseinsumstand vergisst –, die ihn treffen wie ein Zufall. Die gleichförmigen Ergebnisse sind jedoch alles andere als eine zufällige Häufung von Zufällen.
So hat die großartige Errungenschaft der modernen Industrie, den Fordismus überwunden zu haben, den Bedarf an schwerer körperlicher Arbeit mehr modifiziert als überflüssig gemacht. Heute sind einseitige, anstrengende Montagearbeiten, Laufdienste und anderes mehr denn je unter maschinell gesteuerte und programmierte Arbeitsprozesse subsumiert; die zu erbringende Leistung wird durch den Takt der Maschinerie vorgegeben und verdichtet:
„Die intelligente Fabrik der Zukunft kennt keine Planungs- und Steuerungsebenen mehr. Ein digital eingehender Auftrag wird sofort in die Produktion eingespeist. Dort wird der Auftrag an einen autonomen, sich selbst digital steuernden Montageassistenten weitergeleitet. Dieser Montageassistent – eine sich selbst bewegende Werkbank – fährt alle Montagestationen an und weist dem dort tätigen Mitarbeiter visuell seine Tätigkeiten zu... Das System plant optimal ein und erstellt eine neue Ablaufplanung für die kommenden Stunden. Das kann dazu führen, dass Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz häufig wechseln, im Gegensatz zur früheren Bandarbeit. Das geht, weil sie auch am neuen Arbeitsplatz ohne Einarbeitung anfangen können. Denn: Was sie tun müssen, sagt ihnen der Montageassistent.“ (FAZ, 16.11.2015)
In vielen Bereichen der modernen Arbeitswelt fallen zunehmend weniger schwere körperliche Arbeiten an; da wird herumgesessen und sich wenig bewegt; aber das heißt überhaupt nicht, dass die Arbeit leicht ist. Körperliche Beschwerden jedenfalls kriegt der arbeitende Mensch nicht durch fehlende Anstrengung, sondern durch das Zusammenspiel von Unter- und einseitiger Überforderung seiner Physis, die an höchst effektiven, rentablen Arbeitsplätzen möglichst intensiv beansprucht wird. Also etwa durch eine Tätigkeit, die stundenlanges Mausklicken während des konzentrierten Starrens in einen Bildschirm erfordert und unweigerlich all die unschönen Konsequenzen wie Nackenverspannungen, Rückenschmerzen, Sehnenscheidenentzündungen, Sehstörungen nach sich zieht.
Was sich angesichts zunehmender Arbeitspensen und bei hohem Zeitdruck an Erschöpfung akkumuliert, merkt der Mensch oftmals erst am Feierabend – sofern er überhaupt noch einen hat. Zumeist bleibt es nicht bei einer 40-Stunden-Woche; nicht nur, weil Überstunden heutzutage ohnehin zum Arbeitsalltag gehören, sondern weil die Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit überhaupt zunehmend verschwimmt, insbesondere bei modernen Arbeitsformen wie Projektarbeiten der Freelancer und Werkverträgen, in denen der Bezug zu geleisteten Arbeitsstunden, also auch deren Umfang, von vornherein nicht enthalten ist. Unter Nacht- und Schichtarbeit leidet ganz grundsätzlich die physische und psychische Konstitution.
Diese Arbeitsbedingungen, unter denen die, die mit ihrer Arbeit sonst nichts weiter zu tun haben, als dass sie sie verrichten, so stereotyp verkümmern und unter Stress leiden, folgen einem Prinzip: Die Gegenseite, die die Arbeitsplätze – eine exakt definierte Summe von Leistungsanforderungen – einrichtet, gestaltet die Arbeitsbedingungen so, dass der Arbeitsaufwand im Verhältnis zum materiellen Arbeitsertrag sehr klein wird und manchmal gegen Null geht; das aber nicht, um die Arbeitskräfte zu entlasten und ihnen Mühe zu ersparen, sondern in der Absicht, möglichst viel von der so ertragreich gemachten Arbeit aus ihnen herauszuholen. Als der eigentliche Aufwand gilt nicht der der Arbeiter, sondern der, den das Unternehmen für sie treibt. An ihnen wird ein Verhältnis zwischen Lohn und Leistung – in der doppelten Gestalt maximaler Produktivität (viel pro Zeiteinheit) und maximaler Verausgabung (möglichst lange und intensiv) – aufgemacht und „optimiert“. Diese Aufwands- und Ertragsrechnung ist das allgemeine Gesetz sämtlicher Formen betrieblicher Leistungsorganisation, die die Arbeitskräfte auf Dauer in so gleichförmiger Weise ruinieren. Und sie ist die Rechnungsart, die das Arbeitsleben der mit modernen Zivilisationskrankheiten gesegneten Gesellschaft allgemein beherrscht. Ihr ökonomischer Name ist in der industriellen Produktion „Lohn-Stück-Kosten“; dass von deren Senkung, und zwar vor allem durch die Steigerung der erbrachten Leistung und ihres Ertrags, die Stärke des „Wirtschaftsstandorts Deutschland“ abhängt, wird von den Zuständigen täglich beschworen. Auf jeden Fall entscheidet sich auch und wesentlich an ihnen, inwieweit das Interesse derer Erfolg hat, die Arbeitskräfte bezahlen, sie als Produktionsmittel anwenden und deswegen nicht bloß Arbeit, sondern Arbeit pro bezahlter Zeit, also Leistung sehen möchten. Und weil in einer modernen Marktwirtschaft alles dem Geschäft – und somit denen, die es machen – unterliegt und dieses Interesse an den Arbeitsplätzen der Nation die Gestalt eines ökonomisch-technischen Sachzwangs zur vorgeschriebenen Leistung angenommen hat, fällt der Einsatz der Beschäftigten notwendig mit ihrem Verschleiß zusammen, muss also Lohnarbeit gesundheitsschädlich sein für die, die sie erbringen.
Gesundheitsschädliche Arbeitsumgebungen, die die Physis der Arbeiter direkt angreifen – wie Hitze, Stäube, Chemikalien, Lärm – sind als Resultat der Kostenkalkulation tarifvertraglich eingepreist. Für das überdurchschnittliche Erdulden dieser Art Belastungen gibt es ein bisschen Geld zusätzlich: ein Tausch von Gesundheit gegen ein Stück Lohn, der den Arbeitern einiges an Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst abverlangt. Gefährdungen der Gesundheit durch den Arbeitsprozess werden durch Schutzvorschriften und -einrichtungen nicht aus der Welt geschafft, sondern oft genug auf eine Weise bewältigt, die den Betroffenen die verlangte Leistung erschwert: eine Zusatzbelastung, die sich mancher erspart. Wenn dann „etwas passiert“, ist aus arbeits- und unfallmedizinischer Sicht erstens der unter Lohnarbeitern verbreitete „Leichtsinn“ schuld und zweitens der Betrieb allenfalls insofern, als er es an Kontrolle hat fehlen lassen.
Krankheitsursache Rentabilität des deutschen Wirtschaftsstandorts
Dem instrumentellen Umgang von Lohnarbeitern mit ihrer Physis liegt eine glücklich aufgehende Kalkulation der anderen Seite zugrunde. Die Unternehmer ordnen sämtliche gesundheitsschädlichen Folgen ihrer Produktion als externe Effekte ein, die sie nichts angehen und die vor allem keinen Einwand gegen ihr Hauptinteresse an Rentabilität hergeben. Das rechnen sie zu ihrer bürgerlichen Handlungsfreiheit. Und darin gibt der moderne Sozialstaat ihnen Recht, und zwar so gründlich, dass er anschließend auch noch selbst darauf achten muss, dass die angerichteten Gesundheitsschäden den Charakter von Nebenwirkungen behalten oder bekommen, die vom Standpunkt des ökonomischen Hauptzwecks aus wirklich unvermeidlich sind. Die Kriterien dafür sind notwendigerweise immer strittig.
– Für die Arbeitswelt macht der Sozialstaat mit Arbeits- und Gesundheitsschutzvorschriften, mit seiner Gewerbeaufsicht usw. den Standpunkt geltend, dass der Durchschnitt aller Schädigungen im Durchschnitt auszuhalten sein muss. Ihm liegt daran, schädliche Arbeitsverhältnisse so zu entschärfen, dass ihre schädigende Wirkung im Einzelfall als bloße Möglichkeit angesehen werden kann: als Gesundheitsgefahr, die unter öffentlicher Kontrolle steht. Ob das reicht, ermittelt der Streit der Interessengruppen, die selbstverständlich alle auf demselben sozialpolitischen Grundsatz stehen müssen.
– Wo das Dienstverhältnis endet und „die Umwelt“ anfängt, kümmert sich die Staatsgewalt um die Begrenzung von Gesundheitsschäden infolge produktiver Nutzung des Eigentums durch einen umfangreichen Katalog von Umweltschutz-Vorschriften – seit 1974 in dem seitdem vielfach erweiterten Bundes-Immissionsschutzgesetz aufgelistet – sowie im Abfallbeseitigungsgesetz und diversen weiteren Einzelvorschriften. So sind die Grenzen abgesteckt, bis zu denen Atemluft, Wasser und Boden erst einmal gebührenfrei und dann zweitens darüber hinaus gebührenpflichtig als Müllkippe benutzt werden dürfen – logischerweise im Interesse eines allseitig munter voranschreitenden Geschäftslebens, denn um dessen Rechte und Pflichten geht es ja dabei. Die Unternehmer bleiben konsequent: Der Vergleich lohnt sich für sie allemal, ob die Einhaltung der Gesetze oder ihre Übertretung sie mehr kostet. Darüber hinaus bahnt der Staat seiner Industrie den Weg, „Risiken“ zu exportieren: Besonders gesundheitsschädliche Arbeitsplätze und die Entsorgung von Giftmüll werden in die Dritte Welt verlagert und damit Krankheitsursachen exportiert, für die dem „entwickelten“ Staat sein eigenes Volk und sein eigenes Territorium zu schade sind.
– Was für die betriebsexternen „Nebenwirkungen“ des Produktionsprozesses gilt, das trifft auch auf die hergestellten Produkte zu. Sie müssen als Geschäftsartikel taugen; das ist das erste Interesse einer Produktion für den Markt und der oberste Sachzwang, den der Staat mit der Inszenierung einer Konkurrenz produzierender Kapitaleigentümer in Kraft setzt. Rücksichtnahme auf die Bekömmlichkeit der Produkte ist da, sofern nicht ein teures Luxusangebot, ein sachfremder Gesichtspunkt; allergene bis krebserregende Chemikalien in Lebensmitteln und „verbrauchernahen Produkten“ wie Spielzeug, Textilien, Kosmetika, Möbeln, ferner Antibiotika einschließlich multirestistenter Keime im Fleisch und ähnliche Schönheiten sind deswegen an der Tagesordnung. Die Staatsgewalt kommt daher um die eine oder andere Beschränkung der unternehmerischen Freiheit nicht herum. Sie handelt da aber wieder nach dem systemgemäßen Grundsatz, dass ein Durchschnittsverbraucher gewisse Beimischungen und Begleiterscheinungen muss aushalten können, wenn er nicht stur immer nur dasselbe kauft. Dass die entsprechenden Verbote nur so wirksam sind wie ihre Überwachung gründlich und wie die angedrohte Buße bedrohlich; dass deswegen manche Strafe und manches Bestechungsgeld leichten Herzens bezahlt und nichts verhindert wird; dass staatliche Verbote im Gegenteil den Erfindungsgeist dazu anstacheln, das Verbotene durch Zeug zu ersetzen, das schwerer zu entdecken ist: dieser Dauerzirkus um Ekelerregendes bis Giftiges ist die notwendige Errungenschaft eines Systems, in dem die Staatsgewalt das Geschäftsinteresse, für das sich außer seinem Erfolg nichts von selbst versteht, zum Prinzip erhebt und sich um die unausbleiblichen Folgen auch gleich kümmert.
Mediziner bekommen so in ihren Praxen und Krankenhäusern die Ergebnisse eines alltäglichen biologischen Massenexperiments geboten. Die Versuchsanordnung lautet – klassenneutral, aber mit berufs-, wohnort- und einkommensspezifischen „Expositionsbedingungen“ –: Bis zu welcher Grenze ist die Spezies Mensch gegen Gift und gentechnisch veränderte Organismen durchschnittlich immun und als Müllverarbeiter tauglich? Und siehe da: Die Spezies reagiert mit Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen, Krebs und Allergien, ist aber im Ganzen, nicht zuletzt dank einer fortschrittlichen Medizin, härter im Nehmen als die meiste sonstige Fauna und Flora. 4)
Krankheitsursache Konkurrenz
Die Zeiten, in denen die Belastungssymptome, die heute als Burn-out bekannt sind, im Volksmund „Managerkrankheit“ hießen, sind vorbei. Es hat zwar auch im letzten Jahrhundert nicht gestimmt, dass Krankheiten dieser Art im Wesentlichen die Verantwortungsträger der Gesellschaft befallen hätten, aber im 21. Jahrhundert gelten sie auch im allgemeinen Bewusstsein als Volksleiden, das sämtliche Bevölkerungsschichten erwischt. Dass die Männer und Frauen, die an den „Schalthebeln“ der Wirtschaft ihren Dienst tun, unter gesundheitsschädlichem Stress leiden, ist nicht weiter erstaunlich. Denn auch seinen leitenden Funktionären macht der Kapitalismus das Leben nur einerseits leicht; er macht es andererseits zu einem fortwährenden Konkurrenzkampf um die Karriere in der Firma und um den Geschäftserfolg der Firma. Immerhin winkt ein lohnender Preis für die Ungemütlichkeit des Konkurrierens.
Im Vergleich dazu nimmt es sich geradezu kleinlich und jedenfalls ganz unzweckmäßig aus, was das Fußvolk des Geschäftslebens an Konkurrenzbemühungen an den Tag legt. Das wird nämlich in erster Linie verglichen; seinen Lebensunterhalt verdient es durch seine Brauchbarkeit an Arbeitsplätzen, die kapitalistische Unternehmen ganz nach ihren Kalkulationen einrichten, ausstatten und auch – bei mangelnder Rentabilität – wieder abschaffen. „Abhängig Beschäftigte“ konkurrieren mit ihresgleichen darum, benutzt zu werden. Ihre Lebenschance besteht darin, sich brauchbar zu machen für diejenigen, die Arbeitsplätze „anzubieten haben“, und – falls sie es auf einen solchen Arbeitsplatz geschafft haben – dort dann ihre Brauchbarkeit fürs Unternehmen unter Beweis zu stellen. Keines der Kriterien, die über ihre Benutzung und damit über ihren Lebensunterhalt entscheiden, haben sie selbst in der Hand, weder die geforderten sich ständig ändernden Anforderungen des Arbeitsplatzes noch die Anzahl der konjunkturabhängig geforderten Arbeitsstunden, genauso wenig die Finessen des Tarifsystems mit seinen regelmäßig stattfindenden Neueingruppierungen; geschweige denn die Entscheidungen des Betriebs, in welchen Abteilungen Rationalisierungen anstehen und welche mangels Rentabilität abgebaut gehören... Kein Wunder, dass die Sorge um den Arbeitsplatz hierzulande als einer der Haupt-Stressoren für „abhängig Beschäftigte“ zählt und die Leute sich in ihrem Berufsleben aufarbeiten, bis sie nicht mehr funktionieren und ein kundiger Mediziner die Diagnose „vegetatives Erschöpfungssyndrom“ oder „Burn-out“ stellt.
Als abhängige Variable also, die einem Vergleich unterliegt, dessen Kriterien nicht sie bestimmt, nimmt die abhängig beschäftigte Menschheit ihr Schicksal in die Hand. Man engagiert sich; man bemüht sich, betriebliche Leistungsvorgaben nicht bloß zu erfüllen, sondern zu übertreffen; man stellt selber kundige Vergleiche mit seinesgleichen an. Wenn alle Anstrengungen scheitern, sind Kollegen schuld, die sich auf Kosten anderer – gemeint ist immer man selbst – angenehmere Posten ergattern; die Firma allenfalls insofern, als sie Fähigkeiten und Moral ihrer Dienstkräfte nicht gerecht würdigt; nie die schlichte Tatsache, dass kapitalistische Unternehmen zwar selbstverständlich nur engagierte und leistungswillige, aber eben total auswechselbare Arbeitskräfte brauchen können, und auch die nur solange, wie ihr Einsatz sich lohnt. So kollidieren miteinander die gleichartigen Anstrengungen aller Beteiligten, sich in „ihrem“ Betrieb und an „ihrem“ Arbeitsplatz einzurichten, so als wären die ein passendes Betätigungsfeld der eigenen Individualität; sich mit den Umständen zu identifizieren, unter denen man den Hauptteil seines Lebens verbringt, – und damit schließlich auch noch beruflich Erfolg zu haben. Die Konkurrenzkämpfe, die da geführt werden, spielen sich in Formen ab, die wenig bis gar nichts mit den Gesichtspunkten zu tun haben, nach denen ein modernes Unternehmen seine Personalplanung betreibt, die aber geeignet sind, das Arbeitsleben erst so richtig unangenehm und zum Ausgangspunkt psychovegetativer Leiden zu machen. Gehässigkeiten unter Kollegen sind im kapitalistischen Konkurrenzalltag so üblich, dass sie mittlerweile – nach den Kriterien der WHO – den Rang einer veritablen medizinischen Diagnose erreicht haben: „Mobbing“ heißt das dann. Und am Ende kommt es zu dem Treppenwitz, dass sich in modernen Unternehmen betriebseigene „Mobbing-Beauftragte“ darum kümmern, dass die psycho-moralischen Konkurrenzkämpfe ihrer Mitarbeiter das Zusammenarbeiten zum Wohle des Unternehmens nicht allzu sehr schädigen – eine letzte Klarstellung, dass die maßgeblichen Kriterien des Betriebserfolgs nichts zu tun haben mit den Vorstellungen derjenigen, die sich als abhängige Variable für diesen Betriebserfolg anstrengen sollen und sich außerdem daran abarbeiten, ihren Glauben aufrechtzuerhalten, genau darin läge ihre höchstpersönliche Lebenschance.
Neben dem systemimmanenten Stress, den die wechselnden Anforderungen an einem tendenziell nie sicheren Arbeitsplatz bereiten, ist es dieser ebenso systemkonforme wie verkehrte Glaube, der das „psycho“ ausmacht, das am Anfang eines Großteils der psychischen Belastungssyndrome und psychosomatischen Störungen steht. An diesem Glauben wird mancher Arbeitnehmer erst bei seiner Entlassung irre. Der trauert dann als Arbeitsloser oder Rentner seiner betrieblichen Heimat nach, kriegt seine Depression und hat keine Ahnung, wie sehr er sich damit als Kunstprodukt der kapitalistischen Konkurrenz unter Lohnarbeitern erweist.
Die Verschiebung der Perspektive vom Objekt, das verglichen wird, zum Subjekt, auf dessen Willen und besondere Leistungsfähigkeit es ankommt, eröffnet im Übrigen ganz getrennt vom Arbeitsleben eine eigene Welt des Ringens um Selbstbehauptung. Die eigene Person wird danach durchgemustert, ob sie gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben bietet oder dem im Wege steht. Zweifel bleiben da selten aus. Wirkliche und eingebildete Niederlagen aus dem privaten wie beruflichen Alltagsleben werden zum Beleg für mangelnde Erfolgstüchtigkeit, die Selbstbespiegelung zum Dauerprogramm. Kein Wunder, dass mit dieser Perspektive am Ende sehr weitreichende wie vernichtende Urteile der abstraktesten Art herauskommen und an sich selber vollzogen werden – und schon wieder gibt es jede Menge Material für Aufklärungs-Artikel in Fernsehzeitschriften zum Thema „Volkskrankheit Depression“.
Krankheitsursache Freizeit
Angeblich ziehen sich moderne Menschen den Großteil ihrer Malaisen überhaupt ganz unabhängig von ihrem Berufsleben durch ihre privaten Vergnügungen zu. Wenn es denn so wäre, dass die Leute ihre Gesundheit für ihren Genuss verwendeten, dann hätten sie sich wenigstens einmal selber den Zweck gesetzt, für den sie sich verschleißen; wenn sie das lohnend fänden, dann hätte sich wenigstens dieses Stück ihres körperlichen Ruins einmal für sie gelohnt und nicht bloß für ihre Benutzer.
Allerdings ist es so um die Freizeit der meisten Leute nicht bestellt. Erst einmal kommt nach der Arbeit die Befriedigung einer Anzahl notwendiger Bedürfnisse. Dazu würde eigentlich auch, medizinisch gesehen, ein langes Ausruhen und so viel an kompensatorischer Betätigung gehören, dass die strapazierten Organe eine Chance zur Erholung bekämen. Bis die Selbstheilungskräfte des Organismus ihr Werk verrichtet haben, wäre die Freizeit aber schon wieder vorbei und an Lebensgenuss noch gar nichts passiert. Die Notwendigkeiten der Erholung widersprechen der Freiheit, sich sein Leben nach Geschmack einzurichten.
Das fängt in der Regel schon damit an, dass für diejenigen, die einen rentablen Arbeitsplatz ausfüllen müssen, die Sache mit dem „Abschalten“ – auch nach der Erledigung der notwendigen Verrichtungen des Alltagslebens nach einem erfüllten Arbeitstag – gar nicht so einfach ist. Weil nämlich nicht nur die räumliche und zeitliche, sondern auch die geistige Distanz zur Arbeit geschaffen werden muss, so dass Abschalten – einerseits das bloß abstrakt-negative Gegenbild zur Arbeit, andererseits die Voraussetzung für alles Erholen von ihr – oft eine eigene Bemühung wird. Zum „Runterkommen“ vom Alltagsstress hat jeder so seine mehr oder weniger taugliche Strategie entwickelt. Der jährliche Suchtbericht der Nation gibt Auskunft darüber: Die einen greifen eher zum Alkohol, die andern zur Beruhigungspille, eventuell ergänzt um „Upper“-Pillen, die die (Nach-)Wirkungen der „Downer“ am nächsten Morgen wieder ausgleichen. Was an Genussmitteln – neben denen mit eindeutigem Suchtpotential – bleibt, ist auch nicht viel gesünder. Denn Essen und Trinken ist das, was die Nahrungsmittelindustrie zur Verfügung stellt – und was der Mensch sich leisten kann. Die moderne Arbeiterklasse leidet daher nicht mehr Hunger, sie leidet an Adipositas. Der Mensch sollte sich daher mehr bewegen – „Ausgleichssport“ heißt der durchgängige Ratschlag der Experten. Bloß: dem Alltag das nötige Maß an „Bewegung“ abzuringen, ist im Normalfall eine eigene Anstrengung. Die sollte man außerdem, nach demselben Expertenratschlag, auch nicht übertreiben. Dann droht nämlich unter Umständen „Sportsucht“, eventuell sogar in Kombination mit „Magersucht“...
Das alles lässt sich natürlich auch völlig anders auffassen. Nämlich so, dass sich der moderne Mensch um seiner frei gewählten Vergnügung willen, aus lauter Faulheit und Genusssucht oder aus lauter Ehrgeiz und Eitelkeit, selbst ruiniert. So jedenfalls sieht es aus von dem Standpunkt, dass der Mensch erstens fürs Arbeiten und zweitens für die kompensatorischen Notwendigkeiten da ist, die sich daraus ergeben.
Das Bemühen, sich das Leben schön zu machen, ist im Übrigen noch vor allen anderen Entscheidungen eine Geldfrage. Für die Masse der Lohn- und Gehaltsempfänger ist das eine – je nach Familienverhältnissen – sehr eng gezogene Schranke, weil erst einmal das überhaupt Notwendige zu finanzieren ist. Die Freizeit des größten Teils dieser Leute geht daher dafür drauf, sich finanziell ein bisschen Luft zu verschaffen, was schon wieder auf Arbeit statt Erholung hinausläuft; sei es der in den letzten Jahren zunehmend in Mode gekommene Zweit- und sonstige Nebenjob, sei es die private Arbeit am eigenen Haus, das dereinst die Mietausgaben spart und vielleicht ein freieres Leben ermöglicht – wenn man überhaupt noch dazu kommt. So arbeitet sich der Mensch an dem Widerspruch seiner Einkommensquelle ab, was gänzlich in seine Privatsphäre fällt.
Dabei wird ein Familienleben abgewickelt, das erst einmal unter lauter Kompensationsansprüchen steht; logischerweise unter solchen, die es gar nicht erfüllen kann. Entgangene Lebenschancen werden nicht dadurch welche, dass man sie mit dem oder der Liebsten und Kindern teilt. Deswegen wird der Genuss des familiären Beisammenseins so stereotyp zum Betätigungsfeld und auch zum Ausgangspunkt weiterer psychovegetativer Syndrome. Der größte Stabilisierungsfaktor der Konkurrenzgesellschaft erscheint nicht umsonst als zusätzlicher „Stressfaktor“. Hausärzte und Psychiater besichtigen die Folgen.
Die große Freiheit nach einem erfüllten Arbeitsleben, das seine körperlichen und geistigen Folgen hinterlassen hat, ist für die meisten auch alles andere als ein reines Vergnügen. Jedenfalls nehmen die Berichte über das „Problem der Abhängigkeitserkrankungen des Alters“ zu – sei es von der „legalen Droge“ Alkohol oder von Schlaf- und Beruhigungspillen, ohne die die älteren, ausgemusterten Mitglieder unserer Leistungsgesellschaft offensichtlich nicht ihre Ruhe finden. Die Verschreibungszahlen solcher Medikamente sind beeindruckend – die Übergänge von „Schlafmittel-Abusus“ und „Medikamenten-Abhängigkeit“ zur ebenfalls beeindruckend zunehmenden Diagnose „Altersdemenz“ sind fließend.
Das Reich der Freiheit fängt im Kapitalismus erst da an, wo Geld keine Rolle spielt. Die Hauptrolle spielen dafür Karrieresorgen der höheren Art verbunden mit eingebildeten und wirklichen gesellschaftlichen Repräsentationspflichten im Privatleben. Die entsprechenden „Stresssymptome“ bestätigen den Volksglauben, dass „Geld allein auch nicht glücklich macht“. Moralisten mögen das als ausgleichende Gerechtigkeit verbuchen.
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Die modernen „Epidemien“ sind Folgen der modernen Konkurrenzgesellschaft, lassen sogar ziemlich tief blicken, was den ökonomischen Inhalt und bestimmenden Grund des allgemein herrschenden Konkurrenz-„Verhaltens“ angeht: Über die gemeinsamen wie die jeweils besonderen Existenzbedingungen der unterschiedlichen sozialen Charaktere dieser Gesellschaft, über ihre Lebenschancen im allgemeinen und im buchstäblichen medizinischen Sinn entscheidet maßgeblich der unentrinnbare Imperativ des Geldverdienens in Abhängigkeit vom Kapitalwachstum als der alles entscheidenden Bedingung dafür, also des wirklich herrschenden Zwecks – jedenfalls solange die zuständigen Staatsgewalten dem zivilen Leben ihrer Völker seinen Lauf lassen und nicht mit größeren Gewaltaktionen und den entsprechenden zivilisierten Todesarten in die Alterspyramide auch ihrer eigenen Bevölkerung eingreifen.
Dieser offenkundige Zusammenhang lässt sich natürlich ganz unkritisch, weltbejahend auffassen. Es braucht dazu nur den Vergleich mit den Krankheits- und Todesursachen, die in den sogenannten Industrieländern nicht die bestimmenden sind. Dieser Vergleich lässt sich zeitlich nach rückwärts anstellen, mit den überwundenen Epochen des mörderischen Kindbettfiebers oder, noch weiter zurück, der Pestepidemien; ebenso in der Gegenwart mit den Regionen, für die die Bezeichnung „Dritte Welt“ außer Mode gekommen ist, die „Heimsuchung“ durch Hungerkatastrophen und ganz unmoderne – „klassische“ – Seuchen aber gar nicht. Es ist ja auch nicht zu bestreiten: Zwar sind die Bewohner der „entwickelten“ Welt auch für Noro- und Grippe-Viren anfällig, schon gleich, wenn sie altersgerecht, schichtspezifisch und ortsüblich durch die Belastungen ihres Alltags schon „mitgenommen“ sind; ihren alltäglichen Beschäftigungen gehen sie aber unter deutlich „gesünderen“ Bedingungen nach als die Eingeborenen der vielen „failed“ und „failing states“, nämlich in hygienisch besseren Verhältnissen und unter flächendeckender medizinischer Betreuung. Dieser wohltuende Unterschied macht aber erstens nur umso klarer, dass es die speziellen Lebensbedingungen in ihrer Abteilung der globalen Marktwirtschaft und ihre „entwickelten“ Konkurrenzanstrengungen sind, was ihnen gesundheitlich zu schaffen macht. Zweitens enthält der medizinische Fortschritt, der Teile der modernen Menschheit von alten Übeln befreit hat, schon einen ersten Hinweis darauf, was dieser Fortschritt nicht nur bewirkt, sondern wofür er gut ist: Gelitten und gestorben wird eben mehrheitlich an Belastungen, die mit der Ertragskraft des Systems der kapitalistischen Konkurrenz auf dessen jeweils erreichtem Stand notwendig verbunden, also fürs Kapitalwachstum produktiv sind. Drittens schließlich sind die Lebensverhältnisse in den Teilen der „Einen Welt“, von denen die hiesige „Erste“ sich so vorteilhaft unterscheidet, selber nichts anderes als eine moderne zivilisatorische Errungenschaft: Es ist derselbe herrschende Imperativ des Gelderwerbs und des Kapitalwachstums, zu dessen unbekömmlichen bis tödlichen Notwendigkeiten eben auch die gehört: die
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