Читать книгу: «Weihnachtswundernacht 2»
Thomas Klappstein (Hrsg.)

24 Erzählungen für die schönste Zeit des Jahres
Mit Illustrationen von
Bettina Wolf

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86506-949-8
© 2013 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Text vom 12. Dezember aus: Andreas Malessa: »Was gibt’s da zu lachen?«,
Gießen 2009. Mit freundlicher Genehmigung des Brunnen-Verlages.
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: shutterstock
Illustrationen von Bettina Wolf
Satz: Brendow PrintMedien, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
www.brendow-verlag.de.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Er wartet
Vorwort des Herausgebers
1. Wirklich in Bethlehem
CHRISTINA BRUDERECK
2. Was wäre wenn?
CARSTEN »STORCH« SCHMELZER
3. Das Geschenk
CLEMENS BITTLINGER
4. Wartenwartenwarten
JÜRGEN WERTH
5. Weihnachten in der Wüste
ROLAND WERNER
6. Morgen, Kinder, wird's nichts geben
HANNELORE SCHNAPP
7. Mildes Klima im Rauhen Haus
CLAUDIA FILKER
8. So lange die Uhr noch tickt
CHRISTIAN DÖRING
9. Orangene Plastikschuhe statt rotem Mantel
CHRISTIANE RATZ
10. Der Bariton
SOENKE C. WEISS
11. Sti-hi-lle Nacht
ANDREAS MALESSA
12. Heilige Nacht
ANNEKATRIN WARNKE
13. Mehr Licht
MARTIN SCHULTHEISS
14. Josef
NICOLAS KOCH
15. Ein ungewöhnlicher Gast
SARAH TIMOTHY
16. Die Wahrheit über Weihnachten
JUTTA WILBERTZ
17. Die Pellkartoffel, oder: Mein schönstes Weihnachtsgeschenk
FRITZ PAWELZIK
18. Noch einmal Kind sein, oder: Eine Bustour zurück in die Zukunft
JAN HANSER
19. Warten auf Gottfried
PETRA PIATER
20. Weihnachten im Linienbus
MICKEY WIESE
21. Weihnachten in kurzen Hosen
PATRICK DEPUHL
22. Stille Nacht, heilige Nacht …? Warum Weihnachten kein besinnliches Fest ist
JAKOB FRIEDRICHS
23. Stalltermin
FABIAN VOGT
24. Morgens im Café
THOMAS KLAPPSTEIN
Die Autorinnen und Autoren
Fußnoten
Er wartet
Er
wartet.
Inmitten der
hasserfüllten Worte,
der Gesten der Brutalität,
des himmelschreienden Unrechts.
Der Widerwärtigkeit der Herzen und Hände.
Er
wartet.
Inmitten des
Gier getriebenen
Geizes, dieser Raffsucht,
die Menschen über Leichen
gehen lässt, als wären sie Wege.
Als wäre ein Leben nichts als Kalkül.
Er
wartet.
Inmitten der
kalten, trostlosen
Winterwelt der Seelen,
in der eisig erfriert die Hand.
Ewiger Winter muss es doch noch nicht bleiben:
Er wartet,
heute, hier und
jetzt und immer
noch auf Dich.
PETRA PIATER

Vorwort
Die ersten Textmanuskripte für ein Weihnachtsbuch werden in der Regel am Beginn eines Jahres geschrieben, und die letzten Geschichten trudeln dann um die Osterzeit herum beim Herausgeber ein. Der Text einer von mir sehr geschätzten Autorin für dieses Buch landete in der »Karwoche«, in der Woche vor Ostern, in meinem E-Mail-Posteingang. Verbunden mit »einem herzlichen Gruß aus Essen mit Segenswünschen für diese geheimnisvollste Woche des Glaubens«.
Die Umschreibung »geheimnisvollste Woche des Glaubens« für die Tage, die sich um den Karfreitag und Ostern gruppieren, hatte ich so noch nicht vernommen. Aber sie gefiel mir sofort, weil sie eine Wahrheit über den Tod und die Auferstehung von Jesus Christus zum Ausdruck bringt: Trotz vieler Erklärungen in der Bibel bleibt diesen Ereignissen immer ein Geheimnis anhaften.
Doch diese »geheimnisvollste Woche des Glaubens« wäre nicht möglich ohne eine weitere geheimnisvolle Zeit im Jahr: Die Advents- und Weihnachtszeit. Die »zweitgeheimnisvollsten Wochen des Glaubens« vielleicht? Eigentlich trifft es das nicht so ganz. Denn die Advents- und Weihnachtszeit ist nicht weniger geheimnisvoll als die Osterzeit. Vielleicht könnte man besser sagen: der »geheimnisvollste Monat des Glaubens« – eine Jungfrau wird schwanger, in ihrem Baby Jesus wird Gott Mensch, der Himmel berührt die Erde. Einfach eine »Weihnachtswundernacht«.
Und diese Weihnachtswundernacht sorgt seit über 2000 Jahren für so manche wundersame Situation und (Lebens-)Geschichte. Was in und durch so eine Wundernacht alles passieren kann, darüber haben wieder 24 Autorinnen und Autoren Geschichten geschrieben. Fiktive Geschichten meist, dazu einige persönlich erlebte Storys. Zum zweiten Mal. Denn ein kleines Weihnachtswunder war es für mich als Herausgeber auch, dass der erste Band der »Weihnachtswundernacht« 2012 bis zum Weihnachtsfest fast vergriffen war. Eine echte Überraschung, die mich und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Brendow Verlages motiviert hat, einen zweiten Band auf den Weg zu bringen. Viele Autorinnen und Autoren, die am 1. Band mitgewirkt haben, ließen sich auch für diesen 2. Band, den Sie nun in den Händen halten, tolle neue Geschichten einfallen. Auch einige »Neue« ließen sich motivieren, dieses Mal mit dabei zu sein. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die mitgemacht haben und die sich jetzt zwischen zwei Buchdeckeln auf literarischem Wege begegnen.
Ihnen als Leserin und als Leser wünsche ich wieder anregende Momente während unseres gemeinsamen literarischen Weges durch die Advents- und Weihnachtszeit. Gesegnete Adventstage und -wochen, eine frohe Weihnachtszeit und mindestens ein echtes Weihnachtswunder.
THOMAS KLAPPSTEIN

1. Dezember
Wirklich in Bethlehem
Die Idee, Weihnachten in Bethlehem zu feiern, war ihr im vergangenen Jahr gekommen. Am Heiligen Abend war der Schnee plötzlich in dicken weißen Flocken gefallen und hatte alles mit Weiß bedeckt. Sie hatte am Fenster gestanden und fasziniert zugesehen, wie die Welt heller geworden war. Und mit dem Schnee war die Frage aufgetaucht, ob es im Stall damals eigentlich auch kalt gewesen war. Ob die Bilder stimmten, die die Hirten am Feuer und mit Wolldecken zeigten. Der Atem der Tiere an der Krippe? Maria, die sich in ein warmes Tuch hüllte? Sie hatte den Bildern aus ihrer Fantasie freien Lauf gelassen und ihre Frage am Ende so auf den Punkt gebracht: Hatte das Jesuskind nun gefroren oder geschwitzt?
Niemand in ihrem Umfeld hatte ihre Frage überzeugend beantworten können. »Ich war doch noch nie da«, hatte ihr Vater nur gesagt. Ein paar kleine Ausflüge mit dem Laptop hatten ihr zwar schnell ein paar Informationen geliefert: dass es im August sehr heiß war in Israel und es im Dezember nachts kalt werden konnte, Bethlehem aber von einem deutschen Winter weit entfernt war. Doch sie hatte gemerkt, dass ihr solche Fakten nicht mehr reichten. Die Idee einer Reise nach Bethlehem hatte sie längst in ihren Bann gezogen. Sie wollte es selbst erleben. Den Sternenhimmel sehen. Den Winter in Bethlehem erleben. Weihnachten dort feiern, wo alles angefangen hatte.
Und jetzt? Sie hatte die Warnungen in den Wind geschlagen. Die Ängste ihrer Mutter ignoriert. »Das Land ist gefährlich. Politisch unsicher. Warum musst du dir ausgerechnet so ein Ziel aussuchen? Denk doch auch an uns.« Sie hatte versprochen, vorsichtig zu sein, über die Nachrichten im Fernsehen hinweggehört und irgendwann gar nicht mehr eingeschaltet. Sie hatte einen Flug gebucht und einen Rückflug drei Wochen später. Einen Reiseführer gekauft. Ein Zimmer in einem der vielen Gästehäuser gebucht. Ihren Rucksack gepackt. Und war abgereist.
Zum wiederholten Mal kamen ihr die Tränen. Sie war gut gelandet. Das Barometer am Flughafen in Tel Aviv hatte um zehn Uhr morgens vierzehn Grad gezeigt. Der Himmel war blau. »Welcome to the Holy Land«, hatte es überall geheißen, und sie hatte den Eindruck, etwas Besonderes zu erleben. Sie war zunächst mit einem Sammel-Taxi nach Jerusalem gefahren, zusammen mit den unterschiedlichsten Typen: orthodoxen Juden, Arabern, Touristen. Von dort aus hatte sie einen Bus nach Bethlehem genommen. Romantisch oder weihnachtlich hatte es keine Sekunde lang gewirkt. Sondern abgeschottet. Verlassen. Vergessen. Staubig. Öffentliche Plätze und Durchgänge zwischen den Häuserblocks waren teilweise abgesperrt und wurden von Polizisten kontrolliert. Nach ein paar Stunden schon hatte sie zum ersten Mal gedacht, dass es ein Fehler gewesen war, hierhergekommen zu sein.
In ihrer Unterkunft war sie der einzige Gast in der ersten Etage. Am Morgen beim Frühstück traf sie manchmal ein paar andere Touristen. Ihre Gastgeber erzählten ihr, wie es gewesen war, bevor die Mauer gebaut worden war. »Ausgebucht waren wir. Zu dieser Zeit im Jahr immer. Advent und Weihnachten machten wir gute Geschäfte.« Sie boten ihr Tee an und Feigenkekse und unterhielten sich gerne mit ihr. Angela und John hätten ihre Eltern sein können. Sie fühlte sich sicher bei ihnen. Sie gaben ihr Tipps und schickten sie zu Josef in die Werkstatt, zu Haruns Olivengeschäft, zu Ibrahims Restaurant und gaben ihr die Visitenkarte von einem Taxifahrer.
Sie hatte ein paar Mal die Geburtskirche besucht und in Cafés Falafel und Hummus gegessen. Sie hatte Christen, Muslime und Juden kennengelernt. Sie war zwei Mal nach Jerusalem gefahren, um die heilige Stadt zu erkunden, am Grenzübergang war man immer freundlich zu ihr gewesen. In Bethlehem war sie stundenlang durch die vielen Souvenir-Läden gegangen. Dabei hatte sie Josef kennengelernt und ihm beim Schnitzen von Krippenfiguren zugesehen. Er hatte früher einmal an die zwanzig Angestellte gehabt. Jetzt war er allein im Laden und machte gerade einmal so viel Umsatz, dass es für seine eigene kleine Familie reichte. Warum war sie hier?
Letzte Woche hatte sie Olivenöl gekauft, und der Besitzer des kleinen Ladens und seine Frau hatten ihr frischgebackenes Brot angeboten, dazu Salz und Öl zum Probieren. Sie hatten eine Tochter, die zwanzig war wie sie und gerade in den USA studierte, morgen aber für die Feiertage nach Hause kommen würde. Sie fragte, hörte interessiert zu. »Einige unserer Olivenbäume stehen hinter dem großen Zaun, abgeschnitten von uns. Andere sind weiter zugänglich. Wenn du magst, gehen wir einmal hin. Nach dem Fest, dann ist es nicht so gefährlich.« In einer Ecke des kleinen Shops hatten sie stundenlang zusammen gesessen und erzählt und viel über Traditionen gesprochen. Als sie immer mehr Fragen gestellt hatte, weil sie wirklich wissen wollte, wie palästinensische Christen die Geburt von Jesus feierten, hatten Clara und Harun sie spontan eingeladen: »Feier doch mit uns. Wir gehen in die Kirche und dann essen wir zusammen. Malaika wird sich sicher über einen Gast in ihrem Alter freuen. Ein paar andere Christen kommen auch. Und auch ein paar Nachbarn.« Noch immer war ihr nicht weihnachtlich zumute, aber immerhin wusste sie jetzt, wo sie den besonderen Abend verbringen würde.
Gestern Morgen hatte es um sieben Uhr früh einen Selbstmord-Anschlag an einem der Grenzübergänge gegeben. Josefs Bruder Jakob war in die Holzwerkstatt gestürmt. Überrascht hatte Josef gefragt: »Du wolltest doch nach Jerusalem. Warum bist du zurück? Was ist passiert?« – »Ein Anschlag«, hatte Jakob gesagt, sich auf einen Stuhl fallen lassen und atemlos erzählt: »Alle sind nervös wegen der Feiertage. Alle. Die Soldaten waren besonders streng. Wählerisch. Es war eine Frau. Jung. Hübsch. Sie stand ein paar Meter vor mir in der Schlange.« Er schluckte. »Sie war schwanger. Sie jammerte, sie müsse zum Arzt. Man hatte sie schließlich durchgewunken. Einen Moment später explodierte die Bombe.« Als Jakob noch erzählte, war sie in Schluchzen ausgebrochen und hatte sich lange nicht beruhigen können. Diese Reise war ein einziger großer Fehler gewesen. Weihnachten jedenfalls hatte es ihr nicht nähergebracht.
Und jetzt war es so weit. Sie waren alle da. Ihre neuen Bekannten: Clara hatte eine Schürze um und strich sich die Haare aus der Stirn. Es roch nach frischem Brot, Knoblauch und Lamm. Josef war mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern zu Gast. Neben ihr saß Malaika. Harun stimmte ein Lied an. »O come, all ye faithful – Herbei, oh ihr Gläubigen …« Sie summte mit. Angela und John kamen und nickten freundlich in die Runde und stimmten mit ein. Sie sangen drei Strophen. Dann sah Harun auffordernd in die Runde, und sie sangen weiter. Aus »O come, let us adore him – O lasset uns anbeten« wurde im nächsten Refrain »O come, let’s not ignore it – Lasst es uns nicht übersehen. Wir dürfen nicht gleichgültig sein. Du sollst dich nicht gewöhnen.« Aus dem Weihnachtslied war ein Protestlied zur Befreiung geworden. Dann stand Clara auf und las die Weihnachtsgeschichte vor. »Es begab sich aber …«
Sie hörte zu und übersetzte innerlich die Verse ins Deutsche. Und dann sah sie es mit anderen Augen. Die Hirten – da waren Clara und Harun mit ihren Olivenbäumen. Der Stall – da waren Angela und John mit ihrer Gastfreundschaft. Da war Josef, der treu für seine Familie sorgte. Da war eine Schwangere, die harmlos aussah und sich in die Luft sprengte. Und da war Maria, der niemand zugetraut hatte, mit ihrem Kind die Welt zu verändern. Da war Malaika, ihr Name bedeutet Engel. Und Angela mit derselben Namensbedeutung. Da war ein Lied, das von Gottes Ehre sang und vom Frieden und das ein Loblied war und ein trotziges Protestlied zugleich. Und da waren die Kinder, die voller Hoffnung waren, voller Lebensfreude und Erwartungen. Geschenke gab es auch. Kein Gold, keinen Weihrauch, aber frisches, duftendes Brot. Am Himmel über ihnen leuchteten die Sterne von Bethlehem. Und sie selber war da. »Willkommen, Johanna. Danke, dass du uns besucht hast. Besuch zu bekommen ist etwas sehr Weihnachtliches«, sagte Clara und umarmte sie. Die Tränen kamen wieder, aber diesmal musste sie dabei lächeln.
Und Jesus? Hatte er geschwitzt oder gefroren? Wie auch immer. Beides wohl. Jedenfalls war er an einem Ort geboren worden, der wirklich war. Mitten in dieser Welt. Nicht weitab von der Tagespolitik und der Gefahr, sondern mitten im besetzten Gebiet. Er wusste, was es heißt, ein Mensch zu sein. Und musste entsetzliches Heimweh gehabt haben. In diesem Moment wusste sie sich ihm so nah wie noch nie. Und sie war glücklich, Weihnachten wirklich in Bethlehem zu feiern.
CHRISTINA BRUDERECK

2. Dezember
Was wäre wenn?
Als Salvatore Angelico sich mühsam die Stufen der schmalen Leiter hinaufquälte, konnte er nicht ahnen, dass er in wenigen Minuten Opfer eines Verbrechens würde. Sorgsam wie immer stellte er die Leiter in die Dachluke, rüttelte an ihr, um sicherzugehen, dass sie einen festen Stand hatte. Für seine fast achtzig Jahre war er noch sehr rüstig, auch wenn er das Wort nicht mochte.
Mit einer letzten Anstrengung zog er sich auf das flache Dach, das ihm denselben spektakulären Ausblick darbot wie immer. Er stand über dem Meer von Dächern, das die große Stadt berühmt macht. Mühsam zog er das riesige Transparent hinauf, doch bevor er sich daran machte, es aufzuhängen, musste er sich sattsehen. Wie so oft trat er vorsichtig an den Rand und sah hinunter.
Die Händler bauten ihre Buden auf, ein schwerer Lastwagen hinterließ tiefe Furchen im Kies, als er die Bühne brachte. Der Ort war gut gewählt, wie jedes Jahr hatte die Stadtverwaltung versucht, eine einstweilige Verfügung gegen ihn zu erwirken. Wie jedes Jahr war sie gescheitert, und wie jedes Jahr würde sein Transparent überall in den Zeitungen erscheinen. Der große Vorplatz war voller Betriebsamkeit, vom Tor bis zu dem Haus, von dem aus Salvatore die Aufbauarbeiten beobachtete. Direkt vor dem beeindruckenden Säulenportikus wurde wieder einer der größten Weihnachtsbäume der Welt aufgestellt.
Vom Dach aus konnte man bis zum Hafen sehen, der, weit entfernt, tief unten das Land mit dem Meer verband. Die Fantasie des Beobachters flog, weiter als sein Auge zu sehen vermochte, endlose Kilometer über die See hinweg, die immer bedrohlicher wirkte, je weiter er sich vom rettenden Ufer entfernte.
Er war so in Gedanken versunken, dass er nicht hörte, wie ihre Schritte auf den kleinen, bemoosten Steinchen knirschten, mit denen das Dach ausgelegt war. Erst als der größere der beiden ihn über die Kante stieß, setzten seine Nebennieren einen Adrenalinstoß frei. Salvatores Gehirn kam nicht mehr dazu, die Übelkeit zu registrieren oder den Augenblick übersteigerter Wachheit zu nutzen. Bevor er etwas spüren konnte, war er bereits in der Luft, hing einen Moment zwischen Himmel und Erde, bevor er mit erstaunlicher Geschwindigkeit fiel. Instinktiv ruderte er mit den Armen, wollte schreien, konnte es aber nicht. Dann kam der Aufprall. Dumpf, schmerzhaft. Seine Niere platzte als Erstes, Menschen liefen zusammen, auf dem Dach entfernten sich zwei Schatten. Dann fiel der Vorhang, Dunkelheit umfing ihn. Salvatore Angelico war tot.
* * *
Erwartungsvoll blickte er von einem Teilnehmer zum anderen. Vielleicht war der Vortrag etwas zu engagiert gewesen? Jedenfalls hatte er einen trockenen Mund. Er trank einen Schluck, vermutlich breiteten sich gerade Schweißflecken unter seinen Armen aus. Gut, dass er das Jackett angelassen hatte. Sie schauten noch immer auf ihre Notizen und Laptops, das war nicht gut.
»Nun«, brach die Programmdirektorin das Schweigen, »erst einmal danke für Ihren – Entwurf. Es klingt auch alles recht gut, aber die Verbindung zu unserem eigentlichen Thema scheint mir etwas – dünn geraten.«
Er protestierte: »Die Verbindung ist durch die Zeit gegeben. Die Geschichte spielt kurz vor dem Heiligen Abend in Rom. Das Opfer stürzt mitten in einen Weihnachtsmarkt.«
»Hat Rom denn überhaupt einen Hafen?«, murmelte jemand vor sich hin. Er spürte, dass sein Stern sank.
»Wie geht die Geschichte eigentlich weiter?«, wollte jemand wissen.
»Ehrlich gesagt weiß ich das noch nicht genau. Ich dachte, dass vielleicht die Polizei den Mord ermittelt und dabei auf die Weihnachtsgeschichte stößt. Vielleicht geht auch der Vorhang in einer anderen Welt wieder auf oder die Vorgeschichte zeigt, wie Salvatore den Sinn des Festes entdeckt und Jahr für Jahr gegen dessen Kommerzialisierung kämpft, bis er von der Mafia ermordet wird, die ihre Profite gefährdet sieht.«
»Ist das Meer dann eine Metapher für den Schiffbruch der Religion?«
Endlich ein Geist, der ihn verstand. »Ja, so ungefähr. Möglicherweise.«
Ein Raunen und Rascheln ging um den Tisch, die Mienen wurden ratlos. Er wusste, dass er verloren hatte. Die Kommission würde sich für ein anderes Skript entscheiden. Das Schlusswort hatte, wie immer in solchen Komitees, die Programmleiterin.
»Ich danke Ihnen noch einmal für Ihre Mühe. Leider erscheint Ihre Darstellung des Themas – nicht ganz rund. Ich hoffe, Sie nehmen als Autor einen guten Rat an. Sie müssen wissen, was Sie schreiben. Eine Geschichte muss geplant sein. Ein Autor, der die Frage nicht beantworten kann, wie es weitergeht, wird es zu nichts bringen.«
Auf dem Weg hinaus klopfte ihm einer der Teilnehmer aufmunternd auf die Schulter. »Das Meer als Metapher, das hat mir gefallen.«
Er bedankte sich höflich und trat auf den Flur. Er brauchte unbedingt ein Bier.
* * *
Er nahm die erste Kneipe mit Stühlen auf der Straße, die er finden konnte. Hier gab es mehr Tauben als Menschen, genau das Richtige. Den Schnaps trank er sofort, mit dem Bier ließ er sich etwas Zeit, es war immerhin erst Mittag. Während er das Pinnchen auf dem Tisch drehte, dachte er bitter an die beiden langweiligsten Geschichten, die er kannte. Beide stehen in der Bibel: die Weihnachtsgeschichte und die Ostergeschichte. Wenn der Engel Maria verkündet, dass »sie vom Heiligen Geist überschattet wird«, weiß jedes Kind, dass Jesus wieder aufersteht. Das Ende ist im Anfang eingeschlossen wie die Fliege im Bernstein. Da gibt es nichts Unvorhergesehenes oder Spannendes.
»Vielleicht hätten Maria und Josef über ihre Geschichte beten sollen«, dachte er bitter, entschuldigte sich aber in einem frommen Reflex gleich wieder für diesen Gedanken. Offenbar war Gott ein anderer Typ Autor als er selbst. Bei Gott lief immer alles nach Plan auf ein vorgefasstes Ziel hinaus. Das ist schon beeindruckend, immerhin schreibt Gott seine Geschichten nicht mit Tinte. Seine eigenen waren anders. Er wusste nie im Voraus, wie sich ein Buch entwickeln würde. Mit geschlossenen Augen sah er zu, was seine Figuren taten, kritisierte, änderte an manchen Stellen etwas, aber eigentlich war er nur der Chronist, der alles aufschreibt. Die Geschichten entwickelten sich von selbst.
Je länger er über diesen Unterschied nachdachte, umso weniger war er sicher. Vielleicht wälzte er gerade eine der ältesten Fragen der Menschheit und es ging gar nicht um das Schreiben, sondern um Theologie. Legte Gott alles fest oder ließ er als Autor seinen Geschichten die nötige Luft, sich zu entwickeln? Die Jünger waren Ostern offensichtlich nicht im Bilde, sie waren verzweifelt, hatten das Gefühl, dass Gott die Sache entglitten war. Aber Weihnachten?
Seine Gedanken glitten immer weiter ab, reisten rückwärts in der Zeit. Die Städte verschwanden, Wälder breiteten sich aus. Nach Osten hin sah er Kreuzritter mit muslimischen Truppen um Jerusalem kämpfen. Rom zerfiel in zwei Reiche, erst fiel Masada, dann Jerusalem. Zuletzt sah er ein Mädchen im Teenageralter, das allein in einer ärmlichen Behausung stand.
Sie freute sich darauf, bald zu heiraten. Plötzlich strahlte ein überirdisches Licht im Raum auf. Sie presste sich an die Wand, kniff die Augen zu und sah dennoch, wie das Licht sich zu einem Mann zusammenzog. »Maria«, sagte er. »Du hast Gnade gefunden vor Gott.« Maria begann zu weinen. Sie glaubte nicht daran, dass Engel ausgerechnet zu jungen Mädchen aus einfachen Verhältnissen kommen. Schluchzend, um ihren Verstand fürchtend, rannte sie einfach durch die Erscheinung hindurch. Draußen atmete sie ein paar Mal tief durch. Sie schwor sich, nie wieder allein hineinzugehen.
Er selbst gab seinen Figuren solche Freiheiten, aber hatte auch die echte Maria das Recht, einfach abzulehnen? Nein, vermutlich nicht. Also kommt die schwangere Maria kurz darauf zu ihrem Verlobten.
»Josef, ich, ich muss dir etwas sagen.«
»Was ist los, Maria? Warum guckst du so traurig? Du kannst mit mir über alles reden.«
Maria nickt und packt den Stier bei den Hörnern. »Ich bin schwanger.«
Es ist, als träfe Josef eine Abrissbirne. (Automatisch strich er das Wort in seinem Kopf durch. Vor zweitausend Jahren gab es keine Abrissbirnen. Noch mal).
Es ist, als wäre Josef von einer Keule getroffen. Er wendet sich ab, kann erst nach einer Weile wieder sprechen. Dann sagt er, betont langsam, um Fassung ringend: »Von wem?«
Maria entrüstet sich, was denkt er denn von ihr? Dass sie nebenher einen heimlichen Liebhaber hat? »Von einem Engel. Nein, eigentlich von Gott selbst.« Kaum, dass sie die Worte ausgesprochen hat, merkt Maria, wie dumm sie klingen. Nicht nur sie.
»Was Besseres fällt dir nicht ein?« Josef stürmt hinaus, er knallt die Tür so stark, dass die Tassen in den Regalen klimpern. Maria will ihm nachrennen, bleibt aber wie angewurzelt stehen. Allein in der Wüste, vielleicht einen Kilometer von Bethlehem entfernt, sitzt Josef allein auf einer Düne. Er spürt nicht, wie ihm die Sonne auf den Kopf brennt. Es wäre ihm auch egal, er will ohnehin lieber sterben als leben, wenn er an die Schande denkt. Die Sache wird ihm immer anhängen. Selbst wenn er Maria verlässt, wird man über ihm tuscheln. Am meisten ärgert ihn die faule Geschichte mit dem Engel. Wenn er Maria nicht verlässt, muss er damit leben, in einem Dorf mit jemandem zu leben, der seine Frau geschwängert hat.

Josef wird immer bitterer. Da kommt es zu einem merkwürdigen Phänomen. Die gleißende Sonne verdichtet sich zu einem Mann mit Lederschurz. Er trägt ein Schwert an seiner Seite. »Josef«, spricht er ihn an. »Josef, deine Verlobte lügt nicht. Verlass sie nicht.«
Erst in diesem Moment spürt Josef die Hitze. Er hat einen Sonnenstich, halluziniert bereits. Er muss so schnell wie möglich in den Schatten kommen. Am nächsten Tag löst er die Verlobung.
Das Pinnchen wird immer noch hin- und hergedreht, obwohl er schon fast zwei Stunden dasitzt. Die Philosophen sprechen von Kontingenz, womit sie etwas Ähnliches meinen wie Zufall. Es gibt viele Möglichkeiten, aber nur eine wird umgesetzt. Das Leben ist nicht vom Schicksal oder einem kosmischen Plan bestimmt. Der ganze Verlauf der biblischen Geschichte könnte auch anders sein. Was wäre, wenn Herodes Jesus als Kind getötet hätte? Könnte Josef seinen Ziehsohn geschlagen, missbraucht, seelisch verbogen haben? Im Nicänischen Glaubensbekenntnis heißt es über Jesus: »… der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist, Mensch geworden ist.«
Menschsein heißt, der Kontingenz unterworfen zu sein. Ein Leben zu leben, das so oder ganz anders sein könnte.
»Sie sehen aus, als könnten Sie noch etwas vertragen. Was kann ich Ihnen bringen?«
Bei den Worten der Kellnerin schreckte er aus seinen Gedanken hoch.
»Einen Kaffee, bitte.«
Er klappte seinen Laptop auf und begann zu schreiben. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wurde die alte Geschichte wieder spannend. Der tiefste Aspekt der Weihnachtsgeschichte ist, dass Gott selbst sich der Kontingenz unterwirft. Bereit, sich auf Unsicherheit einzulassen, die aus Liebe ein Wagnis eingeht, sich der Möglichkeit des Versagens aussetzt.
Salvatore blieb tot. Ohne sich weiter um ihn zu kümmern, tippte sein Schöpfer einen neuen Titel: »Was wäre wenn?« Die erste Zeile war schnell geschrieben: »Liebe sucht Chancen, keine Sicherheiten.«
CARSTEN »STORCH« SCHMELZER

3. Dezember
Das Geschenk
Es schellte an der Tür. Missmutig schob ich meinen Schreibtischsessel zurück und schlurfte zur Tür. Mit einem »Ich-mag-es-nicht-wenn-man-mich-stört-Gesicht« öffnete ich die Haustür und blickte in die aufgeweckten Augen eines etwas schäbig gekleideten, älteren Herrn.
»Keine Angst, ich will Ihnen nichts verkaufen«, begrüßte mich der Alte lächelnd, »mein Name ist Nimmzeit, und ich möchte Ihnen etwas schenken.«
»Aha«, dachte ich bei mir und stellte mich vorsichtshalber noch etwas breiter in die Tür: »Sie wollen mir etwas schenken, da bin ich aber mal gespannt! Schießen Sie los, worum handelt es sich?«
Herr Nimmzeit hatte seinen Hut abgenommen und schien nun seltsam in die Ferne zu blicken. Es war, als hätten seine Pupillen durch mich und alle Wände meines Hauses hindurch etwas ganz anderes im Auge.
»Das, was ich Ihnen schenken möchte, brauchen Sie dringend. Sie haben zwar schon oft versucht, es zu kaufen, aber Sie haben es niemals bekommen. Und heute komme ich zu Ihnen, um Ihnen das, wonach Sie sich so sehr sehnen, zu schenken.«
Während seine Worte leise verklangen, funkelten mich seine kleinen Augen herausfordernd an, und über seinen Mund glitt ein kaum sichtbares Lächeln.
»Halten Sie mal keine großen Reden, kommen Sie zum Kern der Sache. Ich habe zu tun. Zeit ist schließlich Geld und somit teuer.«
Ich hoffte, mit diesen Worten unsere Begegnung zu einem raschen Ende zu bringen, obwohl ich ehrlicherweise zugeben muss, dass ich gar nicht so dringend beschäftigt war.
Doch solche merkwürdigen Gespräche sind mir immer unangenehm. Es gibt ja Menschen, die können Bände füllen mit ihren Ausschweifungen, ohne jemals wirklich etwas zu sagen, geschweige denn irgendwann einmal auf den Punkt zu kommen.
Der ältere Herr nickte unmerklich: »Genau deshalb bin ich hier!«, antwortete er mit einem fast feierlichen Unterton.
Jetzt wurde es mir aber doch zu bunt: »Weshalb sind Sie jetzt hier? Weil ich zu tun habe oder weil Zeit Geld ist? Oder weil Sie nicht so viel reden wollen? Ach … sind Sie vielleicht ein Geldbote vom Finanzamt? Natürlich, dass ich nicht gleich darauf gekommen bin! Kommen Sie doch herein. Die letzten Steuerabzüge kamen mir sofort etwas zu hoch vor. Ich zahle ja gerne meinen Teil, aber was zu viel ist, ist zu viel. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«
In einem Schwall von Worten und unter wildem Gestikulieren komplimentierte ich den Mann in unser Wohnzimmer und dort auf das Sofa, wo er nun ruhig und gelassen saß.
»Ja, ich trinke gern ein Glas Mineralwasser, wenn Sie so freundlich sind, aber vom Finanzamt komme ich nicht. Ich sagte ja auch nicht ›zurückerstatten‹, sondern ›schenken‹. Sie bekommen etwas geschenkt.«
Die Enttäuschung muss mir im Gesicht gestanden haben, denn Herr Nimmzeit rutschte mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck noch tiefer in das Polster der Wohnzimmergarnitur.
»Ich bin gekommen, um Ihnen etwas zu schenken, oder besser gesagt: Ich möchte Sie auf ein Geschenk aufmerksam machen!«
Nun wurde ich allmählich wirklich wütend. Da hatte sich dieser Alte unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in unsere Wohnung führen lassen, besaß ganz nebenbei die Dreistigkeit, von mir etwas zu trinken zu verlangen, und nun wollte er mich lediglich auf ein Geschenk aufmerksam machen. Die ganze Sache war doch eindeutig faul, oberfaul sogar. Man kennt ja solche Typen: Erst erzählen sie einem lange und umständlich was von »Geschenk« und »alles gratis« und »Sie sind der Glückliche« und all dieses Zeug, und zum Schluss hat man dann, ehe man sich versieht, zwei Zeitschriftenabonnements und einen Staubsauger gekauft.
»Also, was ist das nun für ein Geschenk, von dem Sie da dauernd faseln?«, fuhr ich ihn giftig an.
Im selben Augenblick tat es mir schon wieder leid, denn die eben noch lebendigen Augen des alten Mannes schauten mich plötzlich traurig und müde an. Fast flüsternd sagte er: »Das Geschenk, auf das ich Sie aufmerksam machen wollte, ist die Zeit. Ich habe Ihnen Zeit geschenkt, aber Sie haben sie sich eigentlich nie wirklich genommen. Sie sind zu beschäftigt.«
Jetzt war es mir wirklich egal, wie traurig der alte Mann auch aussah, und ich erwiderte mit bestimmtem Unterton in der Stimme: »Sie wollen mir Zeit schenken, dass ich nicht lache! Zeit gestohlen haben Sie mir. Dauernd vergeuden Sie meine Zeit. Ich pfeife auf Ihr Geschenk!«
Herr Nimmzeit saß nun wieder aufrecht auf der vorderen Sitzfläche des Sofas, stützte sich mit den Armen auf die Knie und schaute mich ernst an: »Darin liegt das eigentliche Problem! Dass Sie glauben, Zeit zu besitzen und jederzeit über Zeit verfügen zu können. Sie wissen noch gar nicht, dass die Zeit ein Geschenk ist, sonst würden Sie anders über diese wundervolle Gabe, die ich Ihnen gebracht habe, reden. Jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde, jeder Tag, jede Woche, jeder Monat und jedes Jahr ist ein Geschenk. Doch die Menschen haben all das vergessen. Für sie ist die Zeit wie eine Autobahn, die sie einfach gedankenlos benutzen und abfahren. Wie sehr sie dabei das Eigentliche übersehen, merken sie gar nicht. Gibt es wirklich einmal Straßenschäden, dann vertrauen alle darauf, dass die Macken schon wieder repariert werden. Glauben Sie wirklich, Sie seien im Besitz Ihrer Zeit? Sie sind nicht im Besitz Ihrer Zeit, sonst hätten Sie ja viel mehr davon. Sie besitzen eigentlich überhaupt keine Zeit, nicht mal ein kleines bisschen, und deshalb kann Ihnen auch niemand Zeit stehlen. Sie haben ja gar keine!«
Während der alte Mann mit den nun wieder leuchtenden Augen sprach, war ich ins Nachdenken gekommen. Irgendwie hatte er recht. Es war schon seltsam mit der Zeit. Da hatte man eigentlich den ganzen Tag zur Verfügung, vierundzwanzig lange Stunden, und wenn man einmal Zeit brauchte, war nie welche da. Immer gab es Termindruck, immer war irgendwo irgendetwas zu tun, zu verabreden, ja selbst die Freizeitgestaltung war streng durchgeplant. Und das letzte bisschen »freie Zeit« entwich in den sogenannten Entspannungsmomenten, die ich vor dem Fernseher verbrachte, wie im Flug. Ja, der Mann hatte recht, eigentlich hatte ich nie Zeit. In Wirklichkeit verfügte ich ziemlich gedankenlos über meine Lebensgestaltung.
Ich war derart in Gedanken versunken, dass ich fast nicht bemerkt hätte, wie Herr Nimmzeit sich still und heimlich aus unserer Wohnung zurückzog. Ich folgte ihm über die Treppe bis an die Haustür und bat ihn, doch wieder hereinzukommen. Ich wollte gerne noch so viel mehr über dieses Geschenk erfahren.
»Es ist alles gesagt«, lächelte der alte Mann, »das Weitere liegt nun an Ihnen!«
»Ja, aber … aber wie komme ich denn an dieses Geschenk heran? Wer schenkt mir denn nun die Zeit?«, rief ich ihm verzweifelt hinterher.
Herr Nimmzeit drehte sich noch einmal um, schaute mich mit ernster Miene an – obwohl ich heute nicht mehr sicher bin, ob er nicht doch ein hintersinniges Lächeln in den Mundwinkeln hatte – und sagte flüsternd: »Sie ist da. Die Zeit. Sie müssen sie sich nur nehmen. Wer das Geschenk anzunehmen und zu schätzen weiß, der wird immer reicher beschenkt werden!«
CLEMENS BITTLINGER

4. Dezember
Wartenwartenwarten
Wir warten. Immer warten wir. Auf besseres Wetter und bessere Zeiten. Und sagen, wenn sie denn endlich da sind, die besseren Zeiten, dass eigentlich doch früher alles besser gewesen ist.
Wir setzen auf die Zukunft, verklären die Vergangenheit und verpassen dabei die Gegenwart. Oft. Oft genug.
Wenn ich erst einmal das Abitur habe …
Wenn ich erst einmal die neue Wohnung habe …
Wenn ich erst einmal wieder gesund bin …
Wenn ich erst einmal im Ruhestand bin …
Dann!
Und wenn es gar nicht kommt, das »Dann«? Wenn uns nur das Jetzt bleibt?
Oder wenn wir entdecken, dass das Dann auch nicht anders ist als das Jetzt?
Dann warten wir eben weiter …
Warum warten wir eigentlich? Und worauf? Vor allem wohl, weil das Jetzt nicht alle Sehnsüchte stillt. Weil im Jetzt nicht alle Träume Wirklichkeit werden.
Wir warten wie Estragon und Wladimir in Samuel Becketts berühmten Stück »Warten auf Godot«, das 1953 in Paris uraufgeführt wurde.
Zwei Landstreicher warten an einem undefinierbaren Ort. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Sie warten auf Godot. Den sie nicht kennen und von dem sie nichts Genaues wissen. Nicht einmal, ob es ihn überhaupt gibt. Am Ende jedes Aktes erscheint ein kleiner Junge und verkündet, dass sich Godots Ankunft weiter verzögert. Doch er kommt nicht. Ein ganzes langes Stück lang nicht. Umsonst gewartet. Umsonst gelebt.
Sind wir Estragon und Wladimir? Manchmal?
Wir warten, dass heil wird, was zerbrochen ist. Dass gesund wird, was krank ist. Dass gelingt, was misslungen ist.
Damit aber warten wir im Grunde auf den Himmel! Auf die Rückkehr des verlorenen Paradieses! Damit warten wir im Grunde – auf Gott!
Als ein kleiner Junge kommt. Ein ganz kleiner Junge. Und verkündet:
Gott ist längst gekommen. Und er kommt immer wieder. Kommt mitten hinein in unsere Brüche. In unser Unheil. In unser Scheitern. In unsere Schuld. Ich bin dieser Gott. Ich. Jesus.
Und staunend knien Hirten vor einer Futterkrippe. Und Soldaten vor einem Kreuz. Und verängstigte Jüngerinnen und Jünger vor einem leeren Grab.
Seine Geburt ist eine ganz und gar ungewöhnliche Geburt an einem ganz und gar ungewöhnlichen Ort. Doch dann gehen die Eltern mit ihm den gewohnten und gewöhnlichen Weg, der Juden seit vielen Generationen vorgeschrieben ist. Am 8. Tag die Beschneidung als Zeichen dafür, dass das neugeborene Kind nun auch ganz und gar zum Abrahams-Bund zwischen Gott und seinem Volk gehört. Und weil der Junge einen Namen braucht. Ihn nennen sie Jeschua. Jesus. Auf Deutsch: Der Herr hilft. Der Herr rettet.
Was für ein Name!
Ein paar Wochen später folgt die Darstellung im Tempel. Die »Auslösung«. Denn nach dem jüdischen Gesetz gehört alle männliche Erstgeburt dem Herrn. Weil aber dieser Herr Menschenopfer untersagt hat, werden ein paar junge Tauben geopfert.
Aber dann geht die Geschichte wieder ganz und gar ungewöhnlich weiter. Denn im Tempel gibt es zwei besondere Menschen. Den alten Simeon, dem Gott versprochen hat, dass er nicht sterben wird, ohne vorher den Messias gesehen zu haben. Und die alte Hanna, eine Witwe, die Gott Tag und Nacht im Tempel diente »mit Fasten und mit Flehen«.
Die sehen den Jungen, und beide wissen sofort, mit wem sie es zu tun haben. Und Simeon bricht spontan in einen grandiosen Jubelgesang aus:
»Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.«
Und Hanna, die alte Frau, die Prophetin, hört gar nicht mehr auf, Gott zu preisen. Später erzählt sie allen, die auf die Erlösung Israels warten, dass sie endlich da ist. In diesem kleinen Jungen. In Jesus. Gott hilft! Gott rettet!
Zwei alt gewordene Menschen, die stellvertretend für das alt gewordene Volk Israel stehen. Zwei Menschen, die warten. Die ein ganzes Leben lang gewartet haben. Deren Sehnsucht aber nicht erloschen ist wie eine ausgebrannte Kerze.
Ich stelle mir vor, dass ich Hanna für ein paar Minuten beiseite nehme und frage: »Wie hast du das aushalten können? Und kannst du mir verraten, wie ich das aushalten kann? Ich warte doch auch darauf, dass Gott seine Versprechungen und Verheißungen in meinem Leben erfüllt.«
Und ich stelle mir vor, dass Hanna mir freundlich zulächelt und sagt: »Hör doch einfach meine Geschichte. Lies sie. Hör und lies sie immer wieder. An ihr kannst du doch ablesen, dass Gott seine Versprechen immer und auf jeden Fall erfüllt. Und denk über die vielen anderen Geschichten nach, die dir deine Bibel erzählt. Und dann denk auch über dein eigenes Leben nach, über alle Verheißungen, die sich auch in deinem Leben schon erfüllt haben. Und staune darüber, dass man sich auf Gott verlassen kann. Dass seine Uhren zwar anders gehen als unsere, aber dass er immer zur richtigen Zeit handelt, zu seiner Zeit. Vielleicht wird die Zeit des Wartens dann eine Zeit der Vorfreude für dich.«
Später fasst der Apostel Paulus das Weihnachtsgeschehen in einem theologischen Spitzensatz zusammen: »Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.« Die heilsame Gnade Gottes – und damit seine unverdiente Freundlichkeit und seine unerwartete Rettung. Erschienen in einem kleinen Jungen in einer kleinen Krippe in einem kleinen Stall in einem kleinen Ort in einem kleinen Land.
Dieses Ereignis kennt keine Parallele in der Geschichte. Es lässt sich einfach nicht vergleichen. Keine Erzählung der Weltliteratur kann es damit aufnehmen. Die heilsame Gnade Gottes ist erschienen, sie ist da, ein für alle Mal, und sie ist für alle Menschen da. Für alle Menschen aller Zeiten und in allen Ländern.
Wir warten. Wir werden auch weiter warten. Auf die Zeitung, auf den Bus, auf den Arzt. Aber wir müssen nicht mehr auf den Himmel warten. Der ist gekommen. Der ist da. Zum Greifen nah. Frohe Weihnachten!
JÜRGEN WERTH

5. Dezember
Weihnachten in der Wüste
Weihnachten in der Wüste. Davon will ich erzählen. Es ist schon einige Jahre her. Und zugegebenermaßen war es das außergewöhnlichste Weihnachtsfest, das wir je erlebt haben. Weihnachten in der Wüste.
Alle Jahre wieder
In den letzten Jahren hat sich bei uns eine richtige Weihnachtsroutine herausgebildet. An Heiligabend, nachdem der Weihnachtsbaum endlich gekauft und geschmückt ist, laden meine Frau Elke und ich nach dem Nachmittagsgottesdienst immer Leute zu uns ein. Meist sind es um die zwanzig Personen, die mit uns feiern – Singles, junge Ehepaare und oft auch ausländische Studenten, die über die Feiertage nicht in ihre Heimat fahren können. Meist sind Studenten aus Afrika und den Vereinigten Staaten dabei. In einem Jahr hatten wir vier chinesische Austauschprofessoren zu Besuch, ein anderes Mal Türken, Franzosen und Australier. Immer wieder laden wir auch am Heiligabend selbst noch Leute ein, die wir auf der Straße treffen, und die sonst nirgendwo den Heiligen Abend feiern würden. Manche Freunde aus Marburg und Umgebung kommen jedes Jahr, weil es ihnen so gut gefällt.
Nach der Begrüßung und einer Vorstellung aller Gäste singen wir unzählige Weihnachtslieder und lesen die Weihnachtsgeschichte in verschiedenen Sprachen. Dann geht es weiter mit gutem und ausführlichem Essen, zu dem viele beigetragen haben. Dann folgen noch mehr Lieder und schließlich die Bescherung. Dann werden die Spiele ausgepackt, und ein wahres Spielfieber ergreift uns. Doch halt, da ist ja noch die Christmette um elf Uhr, bei der sich viele Freunde aus der Gemeinde versammeln, um Gott zu loben und das Wunder der Weihnacht zu feiern. Manche von ihnen lassen sich dann noch zu uns nach Hause einladen, und wir feiern und spielen bis in die frühen Morgenstunden. So feiern wir seit vielen Jahren mit Begeisterung Weihnachten. Nach dem Aufräumen und einem ausgiebigen Schlaf findet dann am ersten Weihnachtstag der zweite Teil unserer Weihnachtsroutine statt. Und die besteht aus Verwandtenbesuchen. Keiner darf vergessen werden, und so machen wir die große Verwandtenrunde am ersten und zweiten Weihnachtstag. Viele Kilometer, viel Essen und viele Geschenke müssen noch bewältigt werden. Wenn wir dann wieder zu Hause sind, ist Weihnachten immer noch nicht vorbei. Denn jetzt laden wir alle erwachsenen »Kinder« unserer Lebensgemeinschaft, die inzwischen in der ganzen Welt verstreut sind, zu uns zu einem festlichen Abend ein. Sie kommen aus England, Schweden, Frankreich, Südafrika und allen möglichen Orten in Deutschland, um einander zu begegnen und zu erzählen, wie es ihnen im letzten Jahr ergangen ist.
Das ist unsere Weihnachtsroutine, mit leichten Veränderungen Jahr für Jahr gleich – und jedes Mal ein Höhepunkt des Jahres.
Weihnachten ganz anders
Doch in diesem Jahr, von dem ich erzählen will, war alles anders. Elke und ich hatten beschlossen, schon im Dezember in den Sudan zu fahren, das Land, in dem ich seit vielen Jahren Sprachforschungen betreibe. Im muslimisch geprägten Norden des Landes ist von Weihnachtsstimmung kaum etwas zu spüren. Schon das Wetter ist ganz anders als das, was wir hier in Mitteleuropa mit Weihnachten verbinden. Strahlende Sonne und Temperaturen von zwanzig bis dreißig Grad statt dunkler Abende und Schneeflocken. Statt den vertrauten Klängen der Weihnachtslieder erfüllt der Ruf des Muezzin von den Moscheen die Luft. Nichts erinnert daran, dass die Christenheit sich anschickt, das Fest des Erlösers zu feiern.
Dieses Mal wollten wir das hohe Fest also dort feiern, in der Wüste im Nordsudan. Seit vielen Jahren lebten dort deutsche Krankenschwestern, die von der Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten ausgesandt waren, einer Mission, die schon über hundert Jahre den Menschen in dieser Gegend medizinische und geistliche Hilfe zukommen lässt. Wir waren schon von Khartum, der Hauptstadt des Landes, nach Dongola, der Hauptstadt der Nordprovinz, gefahren. Dongola war damals noch ein kleiner Ort am Rande der Wüste mit insgesamt nur zwei Asphaltstraßen. Dort wohnten und lebten zwei deutsche Krankenschwestern, Ursula und Gertrud, die einzigen Ausländer in dieser kleinen Stadt zwischen Nil und Wüste. Doch wir wollten noch weiter in den Norden. Abri, ein kleines Dorf mit einem kleinen Krankenhaus, mitten in die Wüste gebaut, war unser Ziel. Dort lebten und arbeiteten zwei weitere Krankenschwestern, Margarete und Barbara.
Der Weg zwischen Dongola und Abri ist eigentlich nicht weit, ungefähr zweihundert Kilometer. Aber so, ohne Straße, auf selbstgesuchten Wegen durch die Wüste, mussten wir mit einer vollen Tagesreise rechnen. Außerdem gab es längst nicht an jedem Tag der Woche eine Reisemöglichkeit. Das einzige Transportmittel waren die alten, massiven Lastwagen, die mit ihren dicken Reifen in der Lage waren, über Stock und Stein, über Sandpisten und Dünen, über felsige Wegstrecken und Schotterpisten zu fahren. Schließlich fanden wir einen solchen Lastwagen, der durch die Wüste nach Norden fahren wollte.
Ungewisse Fahrt
Zuerst mussten wir über den Nil übersetzen. Brücken gab es nicht, und die alten Fähren, die in der Lage waren, einen Lastwagen zum anderen Ufer hinüberzubringen, konnten nur bei Windstille fahren, da sonst die Wellen das Schiff zum Kentern bringen konnten. Die Fähre war auch der Grund, warum wir jetzt erst fuhren, am Tag vor Heiligabend. Der Lastwagen wollte nämlich schon zwei Tage vorher fahren. Doch am ersten Tag war die Fähre kaputt, und wir mussten unverrichteter Dinge wieder zu Gertrud und Ursula zurückkehren. Am zweiten Tag war die Fähre zwar repariert, aber der Wind und die Wellen auf dem Nil waren zu stark. Erst am dritten Tag gelang es dem Lastwagen, auf das Ostufer überzusetzen. Es war schon um die Mittagszeit, als wir schließlich Richtung Norden fuhren. Hoch oben auf der offenen Ladefläche saßen wir, oben auf der Ladung, zusammen mit vielen Sudanesen, die ebenfalls in die Dörfer im Norden fuhren. Das Ganze war ohnehin etwas gewagt, weil wir nicht wussten, ob wir überhaupt noch am nächsten Tag, am Heiligabend, in Abri ankommen würden. Denn schließlich fuhr dieser Wagen nur bis Kerma, etwa ein Drittel der Wegstrecke. Dort hofften wir, einen anderen Wagen zu finden.
Als wir in Kerma ankamen, war es schon dunkel. Von einem anderen Lastwagen weit und breit keine Spur. So mussten wir uns wohl oder übel in die kleine Herberge begeben, ein offener Hof, umgeben von ein paar Lehmmauern. Weil wir ausländische Gäste waren, bekamen wir den einzigen Raum angewiesen, ein offenes Zimmer mit Lehmwänden und Strohdach, und durften sogar auf echten Holzbetten schlafen. Noch hatten wir die Hoffnung, dass ein anderer Lastwagen vorbeikommen würde, der uns weiter nach Norden mitnehmen würde, pünktlich zum Heiligen Abend in Abri.
Um Mitternacht gab es auf einmal Lärm und Rufe. Wir wurden geweckt: »Los, los, da ist ein Wagen, mit dem ihr fahren könnt!« Wir kletterten auf die Ladefläche und suchten uns einen Platz. Einige andere Passagiere saßen schon oben auf dem Wagen, eingehüllt in ihre Turbane und Decken. Eine kranke Frau lag ausgestreckt in der Mitte. Weiter ging es, durch die Dunkelheit und die kalte Wüstennacht, die durch den pfeifenden Wind noch kälter wurde. Stunde um Stunde mahlten sich die Räder durch den Sand. An Schlaf war nicht zu denken, weil der Wagen hin- und her schaukelte und wir Mühe hatten, uns an den geladenen Gegenständen, auf denen wir saßen, festzuhalten, um nicht vom Wagen herunterzufallen.
Nach einer scheinbaren Ewigkeit erschienen endlich die ersehnten ersten Grautöne am nächtlichen Himmel. Langsam kam mehr und mehr Farbe in den östlichen Himmel und wir konnten unsere Umgebung deutlicher sehen. Die anderen Fahrgäste waren genauso eingehüllt wie wir, und die kranke Frau lag ausgemergelt und bewegungslos zu unseren Füßen. Sie war auf dem Weg vom Krankenhaus in Dongola zurück in ihr Dorf. Das war also der 24. Dezember, der Heiligabend!
Tränen am Morgen
Als die Sonne aufging, erreichten wir ein kleines Dorf, wo wir abstiegen, um uns zu strecken und die Beine zu vertreten. Die Frauen aus dem Haus, wo wir hielten, brachten den Fahrtgästen Tee, wie es der sudanesischen Gastfreundschaft entspricht. Dankbar setzten wir uns auf den Sand, lehnten uns an die Hauswand und genossen die wärmende Sonne und den starken, süßen Tee.
Auf einmal gellte ein Schrei durch die Luft. Eine Frau, wohl eine Verwandte der Kranken, war mit ihr oben auf der Ladefläche geblieben, und stimmte das Klagegeschrei an. Sofort fielen alle anderen Frauen in das Heulen und Schreien mit ein. Aus allen Häusern kamen sie herbeigelaufen, rissen sich an den Haaren, schlugen sich auf die Brust und warfen Sand auf ihre Kleider. Die Frau, die durch die Nacht hindurch zu unseren Füßen gelegen hatte, war gestorben. Ihr Ehemann saß direkt neben uns im Sand. Anders als die Frauen stimmte er nicht in das Klagegeschrei ein. Er sagte nur leise: »Allahu akbar!« – »Gott ist größer!« Eine Träne lief ihm über die Wange. Dann trank er seinen Tee.
Das war also unser Weihnachten! Nichts von Festtagsstimmung, kein Lametta, keine Kerzen und kein Weihnachtsschmuck, keine Lieder und kein Gebäck. Das war doch kein Weihnachten! Oder doch?
Unterwegs mit schlechter Nachricht?
Nach kurzer Pause fuhren wir weiter, oben auf dem Wagen, zusammen mit der toten Frau und den anderen Fahrgästen. Von Dorf zu Dorf ging es, entlang dem Nil. Und überall, wo wir hinkamen, erschallte das Klagegeschrei vom Wagen herunter. Überall kamen die Frauen des Dorfes herbeigelaufen und stimmten in das Klagen ein. Hier waren die Menschen alle irgendwie miteinander verwandt, und so betraf der Todesfall die meisten von ihnen. In Windeseile verbreitete sich die Nachricht.
Aber es war doch Heiligabend, der Tag, an dem die beste aller Nachrichten zum ersten Mal die Menschen erreichte: »Euch ist heute der Heiland geboren!« Und es waren doch genauso einfache Menschen wie die, mit denen wir hier unterwegs waren, denen die Himmelsboten damals diese Botschaft verkündigten. Und wir mussten an das Versprechen aus der Bibel denken, das immer wieder in der Weihnachtszeit in den Kirchen vorgelesen wird: »Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da sitzen im finstern Land, strahlt es hell! Denn euch ist ein Kind geboren …«
Genau in diese Welt mit ihren Dunkelheiten, mit ihrem Schmerz und ihrer Trauer, mit ihrer Krankheit und ihrem Tod, da hinein gehört die Weihnachtsbotschaft. Wo, wenn nicht hier, macht Weihnachten wirklich Sinn?
Zwiebeln und Tomatensuppe aus der Tüte
Es war dann kurz vor Einbruch der Dunkelheit, als wir endlich am Haus der beiden Krankenschwestern eintrafen. Margarete und Barbara hatten kaum noch zu hoffen gewagt, dass wir ankommen würden. Ein Telefon gab es damals noch nicht in ihrem einfachen Haus und auch keinen Strom. Und doch konnten wir jetzt Weihnachten feiern! Viel gab es nicht zu kaufen auf dem kleinen Markt von Abri. Fleisch war schon seit Wochen nicht mehr angeboten worden. So bestand unser Festmahl aus einer Tütensuppe, die sie im Sommer aus Deutschland mitgebracht hatten, gebratenen Zwiebeln, etwas Käse und Brot. Und doch war es ein köstliches Mahl, gerade nach der langen Reise. Und wieder sangen wir die Weihnachtslieder, lasen den Bericht von der Geburt von Jesus, den Lukas in seinem Evangelium niedergeschrieben hat, und beteten miteinander. Draußen gingen die Sterne auf, wie damals in der ersten Heiligen Nacht. Und wie damals die Hirten auf dem Feld hörten wir in unseren Herzen die Worte des Engels: »Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.«
Weihnachten in der Wüste
Dieses Weihnachtsfest in der Wüste wird uns für immer unvergesslich sein. Fern von allem, was sonst Weihnachten für uns ausmacht, und fern von dem, was auch häufig den wahren Sinn von Weihnachten überdeckt, erlebten wir unmittelbar, worum es bei Weihnachten wirklich geht.
Das Licht scheint in der Finsternis.
Die Freude überwindet die Trauer.
Das Leben besiegt den Tod.
Jesus, der Retter, ist da!
Dass diese Hoffnung, diese Freude und diese Wahrheit allen Menschen gilt, ob sie nun im Sudan leben oder in Deutschland, in Russland oder Amerika, in Asien, Afrika, Australien, Europa oder sonst wo auf der Welt, das ist der Grund dafür, dass wir immer und überall Weihnachten feiern können.
Auch in der Wüste. Denn da, wo die Weihnachtsbotschaft uns erfasst, wird aus der Wüste unseres Lebens ein blühender Garten.
ROLAND WERNER
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