Читать книгу: «Psychosoziale Beratung»

Die Herausgeber
Prof. Dr. Dieter Wälte, Jg. 1956, Dipl.-Psych, Psychologischer Psychotherapeut, Habilitation 2004 in der Klinischen Psychologie. Bis 2006 Ltd. Psychologe in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der RWTH Aachen, dort Leiter der Psychotherapiestation. Seit 2006 Professur für »Klinische Psychologie und Persönlichkeitspsychologie« am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein (Mönchengladbach). Seit 2007 Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle an der Hochschule Niederrhein. Darüber hinaus seit 1998 tätig als Dozent, Supervisor, Prüfer und Selbsterfahrungsleiter in der Ausbildung von Psychotherapeuten nach dem Psychotherapeutengesetz. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Psychotherapie, Beratung, Diagnostik, Eingliederungshilfe. Zahlreiche Veröffentlichungen u. a. zur Heimerziehung, Familientherapie, Psychiatrie und Psychosomatik.
Prof. Dr. Michael Borg-Laufs, Jg. 1962, Dipl.-Psych., Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Psychologischer Psychotherapeut. Dekan und Professur »Theorie und Praxis psychosozialer Arbeit mit Kindern« am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein. Darüber hinaus Dozent, Supervisor, Selbsterfahrungsanleiter und Prüfer an verschiedenen psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten. Diverse berufs- und fachpolitische Aktivitäten. Mehr als zehn Jahre Leitung einer Erziehungsberatungsstelle, langjährige Tätigkeit als Lehrbeauftragter an der Universität Wuppertal. Mehr als 200 wissenschaftliche Publikationen. Arbeitsschwerpunkte: Kindeswohlgefährdung, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Diagnostik, Psychische Grundbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, Jugendhilfe, Psychosoziale Beratung.
Dieter Wälte Michael Borg-Laufs (Hrsg.)
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2, aktualisierte Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039158-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039159-8
epub: ISBN 978-3-17-039160-4
mobi: ISBN 978-3-17-039161-1
Vorwort zur Reihe
Mit dem so genannten »Bologna-Prozess« galt es neu auszutarieren, welches Wissen Studierende der Sozialen Arbeit benötigen, um trotz erheblich verkürzter Ausbildungszeiten auch weiterhin »berufliche Handlungsfähigkeit« zu erlangen. Die Ergebnisse dieses nicht ganz schmerzfreien Abstimmungs- und Anpassungsprozesses lassen sich heute allerorten in volumigen Handbüchern nachlesen, in denen die neu entwickelten Module detailliert nach Lernzielen, Lehrinhalten, Lehrmethoden und Prüfungsformen beschrieben sind. Eine diskursive Selbstvergewisserung dieses Ausmaßes und dieser Präzision hat es vor Bologna allenfalls im Ausnahmefall gegeben.
Für Studierende bedeutet die Beschränkung der akademischen Grundausbildung auf sechs Semester, eine annähernd gleich große Stofffülle in deutlich verringerter Lernzeit bewältigen zu müssen. Die Erwartungen an das selbständige Lernen und Vertiefen des Stoffs in den eigenen vier Wänden sind deshalb deutlich gestiegen. Bologna hat das eigene Arbeitszimmer als Lernort gewissermaßen rekultiviert.
Die Idee zu der Reihe, in der das vorliegende Buch erscheint, ist vor dem Hintergrund dieser bildungspolitisch veränderten Rahmenbedingungen entstanden. Die nach und nach erscheinenden Bände sollen in kompakter Form nicht nur unabdingbares Grundwissen für das Studium der Sozialen Arbeit bereitstellen, sondern sich durch ihre Leserfreundlichkeit auch für das Selbststudium Studierender besonders eignen. Die Autor/innen der Reihe verpflichten sich diesem Ziel auf unterschiedliche Weise: durch die lernzielorientierte Begründung der ausgewählten Inhalte, durch die Begrenzung der Stoffmenge auf ein überschaubares Volumen, durch die Verständlichkeit ihrer Sprache, durch Anschaulichkeit und gezielte Theorie-Praxis-Verknüpfungen, nicht zuletzt aber auch durch lese(r)-freundliche Gestaltungselemente wie Schaubilder, Unterlegungen und andere Elemente.
Prof. Dr. Rudolf Bieker, Köln
Zu diesem Buch
Psychosoziale Beratung umfasst jede professionell-unterstützende Form der Interaktion mit Klienten in psychosozialen Arbeitsfeldern, die auf die Diagnostik und Intervention bei psychosozialen Belastungen, Einschränkungen, Notlagen und Krisen gerichtet ist. Als entwicklungsorientiertes Unterstützungsangebot mit einem ausgeprägten Bezug zum sozialen Netzwerk der Adressaten hat sie sich in vielfältigen Tätigkeits- und Aufgabenbereichen fest etabliert. Die Qualität psychosozialer Beratung wird bestimmt durch eine methodisch fundierte Diagnostik und Intervention auf dem Nährboden einer professionellen Beratungsbeziehung. Vor diesem Hintergrund verfolgt der vorliegende Band das Ziel, solche Bausteine zur psychosozialen Beratung zur Verfügung zu stellen, die in unterschiedlichen Beratungsfeldern eine systematische Fallarbeit vom Erstkontakt bis zum Abschluss ermöglichen.
Psychosoziale Beratung ist in der Praxis mit der Herausforderung konfrontiert, dass sie sich flexibel auf die verschiedenen Bedingungen der unterschiedlichen Arbeitsfelder und auf die spezifische Bedürfnislage der Klientel einstellen muss. Dementsprechend variieren die Dauer und die Intensität einer Beratung erheblich. Dieser Situation möchte das vorliegende Buch dadurch entgegenkommen, dass es zum einen modular aufgebaut ist und dadurch fallspezifische Schwerpunktsetzungen in der Beratung ermöglicht und zum anderen an einem Phasenmodell der Beratung orientiert ist.
Die Module entsprechen im Wesentlichen den zentralen Wirkvariablen des psychosozialen Beratungsprozesses: Gestaltung einer professionellen Beziehung, Motivation zur Veränderung, Analyse und Klärung der Probleme im Kontext von Ressourcen, Analyse und Vereinbarung von Beratungszielen, Problemaktualisierung, Ressourcenaktivierung, Hilfen zur Problembewältigung. Für die Umsetzung dieser Wirkvariablen werden in den einzelnen Modulen Methoden und Techniken zur Verfügung gestellt, die in der psychosozialen Beratung verbreitet sind und sowohl durch Erfahrungen aus der Praxis als auch durch Forschung eine empirische Fundierung erfahren haben. Ergänzende Module zur Evaluation, zum Beratungsabschluss, zur Supervision sowie zur Reflexion und Dokumentation sollen helfen, den psychosozialen Beratungsprozess weiter zu optimieren.
Von dem Buch profitieren können
• Studierende der Sozialen Arbeit in Bachelor- und Masterstudiengängen,
• Studierende in anderen Studiengängen mit psychosozialer Ausrichtung (Psychologie, Pädagogik, Heilpädagogik, Psychotherapie, Medizin, u. a.),
• Fachkräfte in Beratungsstellen,
• Fachkräfte in anderen Arbeitsfeldern, deren Tätigkeit psychosoziale Beratung umfasst.
Inhalt
1 Vorwort zur Reihe
2 Zu diesem Buch
3 1 Grundlagen psychosozialer Beratung
4 1.1 Die Geschichte der Beratung
5 Anne de la Motte
6 1.2 Was ist psychosoziale Beratung?
7 Dieter Wälte & Anja Lübeck
8 1.3 Schulenspezifische Beratungsmodelle und deren Integration
9 Jan G. Thivissen † & Dieter Wälte
10 1.4 Wirkfaktoren
11 Dieter Wälte
12 2 Prozessmodell der Beratung
13 Michael Borg-Laufs & Dieter Wälte
14 2.1 Beratungsphasen
15 2.2 Aufbau einer Beratungssitzung
16 3 Gestaltung einer professionellen Beziehung in der Beratung
17 Dieter Wälte & Michael Borg-Laufs
18 3.1 Grundlagen menschlicher Kommunikation
19 3.2 Basisfertigkeiten der Gesprächsführung
20 3.3 Checkliste zum Erstgespräch
21 4 Änderungsmotivation
22 Barbara Beck & Michael Borg-Laufs
23 4.1 Theoretische Grundlagen
24 4.2 Motivationsdiagnostik
25 4.3 Motivierende Gesprächsführung
26 5 Analyse und Klärung der Probleme im Kontext von Ressourcen
27 5.1 Diagnostische Grundlagen zum Fallverständnis nach dem bio-psycho-sozialen Modell
28 Dieter Wälte
29 5.2 Psychosoziale Ausgangssituation
30 Julia Tiskens & Michael Borg-Laufs
31 5.3 Ressourcendiagnostik
32 Franz-Christian Schubert
33 5.4 Verhaltensanalyse nach dem SORKC-Modell
34 Michael Borg-Laufs
35 5.5 Analyse der Selbstregulation
36 Dieter Wälte
37 5.6 Analyse psychischer Grundbedürfnisse
38 Michael Borg-Laufs
39 5.7 Diagnostik des Familiensystems
40 Dieter Wälte
41 6 Analyse und Vereinbarung von Beratungszielen
42 Dieter Wälte & Melanie Meyer
43 6.1 Zielanalyse
44 6.2 Zielfestlegung und Beratungskontrakt
45 7 Problemaktualisierung
46 7.1 Rollenspiel
47 Michael Borg-Laufs
48 7.2 Konfrontative Techniken (Verhaltensexperimente)
49 Dieter Wälte & Lara Sieben
50 7.3 Schematherapeutische Interventionen in der Beratung
51 Anja Lübeck & Dieter Wälte
52 8 Ressourcenaktivierung
53 Franz-Christian Schubert
54 8.1 Theoretische Fundierung
55 8.2 Indikation von Ressourcenaktivierung
56 8.3 Basisinterventionen zur Ressourcenaktivierung
57 8.4 Schlussbetrachtung
58 9 Hilfe zur Problembewältigung
59 9.1 Methoden der Einzelberatung
60 Michael Borg-Laufs & Barbara Beck
61 9.2 Methoden der systemischen Paar- und Familienberatung
62 Franz-Christian Schubert, Dieter Wälte & Melanie Meyer
63 9.3 Einsatz von Trainings in der Beratung
64 Dieter Wälte & Michael Borg-Laufs
65 10 Evaluation des Beratungsprozesses
66 Michael Borg-Laufs & Julia Tiskens
67 10.1 Relevanz
68 10.2 Gegenstand der Evaluation
69 11 Beratungsabschluss
70 Melanie Meyer & Dieter Wälte
71 11.1 Funktionen des Beratungsabschlusses
72 11.2 Schwierigkeiten innerhalb des Beratungsabschlusses
73 12 Supervision
74 Franz-Christian Schubert
75 12.1 Begriff und Entwicklung
76 12.2 Ziele und Aufgaben
77 12.3 Settings und Reflexionsfelder
78 12.4 Kompetenzen und Haltungen
79 12.5 Standards von Supervision
80 12.6 Supervision in der Ausbildung von Beratern und Psychotherapeuten
81 12.7 Fallsupervision im Ausbildungskontext
82 13 Reflexion und Dokumentation des Beratungsprozesses
83 Michael Borg-Laufs & Dieter Wälte
84 13.1 Einleitung
85 13.2 Leitfaden für die Reflexion und Dokumentation von Beratungsfällen
86 13.3 Strukturierungshilfe für die Fallvorstellung im Team oder in der Supervision
87 Literaturverzeichnis
88 Autorenangaben
Hinweise zu Online-Materialien
In diesem Buch finden Sie einige Materialien, die Sie als Arbeitshilfen in Ihren Beratungsprozessen einsetzen können. Diese Materialien sind nicht nur im Buch abgedruckt, sondern stehen auch auf den Webseiten des Kohlhammer-Verlages zum Download bereit. Sie finden die Materialien auf der Internetseite https://dl.kohlhammer.de/978-3-17-039158-1. Hier können Sie die Materialien als Pdf-Dokumente herunterladen oder direkt mit der Druckfunktion des Browsers ausdrucken.
Im Text sind alle Materialien, die online zur Verfügung gestellt werden, mit einem Hinweis »Online-Material« gekennzeichnet.
Übersicht der Online-Materialien
3.a Interpersonales Kreismodell mit Kommunikationsstilen
3.b Checkliste Erstgespräch
4.a Vierfelderschema zur Problemveränderung
5.a Biopsychosoziale Problemübersicht
5.b Netzwerkkarte
5.c Ressourcenkarte
5.d Kognitive Umstrukturierung der Erwartungen
6.a Kontrakt über Ziele
7.a Modus-Memo
7.b Imagination
9.a Wochenprotokoll der Aktivitäten
9.b Notfallplan
10.a Zielerreichungsskala
13.a Vorlage Falldokumentation 1
13.b Vorlage Falldokumentation 2
13.c Vorlage Falldokumentation 3
13.d Vorlage Falldokumentation 4
13.e Vorlage Falldokumentation 5
13.f Vorlage Falldokumentation 6
13.g Vorlage Supervisionsbogen
1 Grundlagen psychosozialer Beratung

Was Sie in diesem Kapitel lernen können
Psychosoziale Beratung hat ihr Profil historisch entwickelt. Ein historischer Rückblick in die Geschichte der Beratung ermöglicht es, die eigene Beratungstätigkeit im Kontext der aktuellen sozialpolitischen Bedingungen besser zu verstehen. Psychosoziale Beratung hat zwar einen stärkeren Bezug zum Alltag und zum sozialen Netzwerk der Klientel, als es bei der Psychotherapie der Fall ist, jedoch weisen beide Tätigkeitsfelder erhebliche Überschneidungen auf. Deshalb kann die Praxis der psychosozialen Beratung von den schulenspezifischen Konzepten der Psychotherapie profitieren. Allerdings erfordern die vielfältigen Problemlagen der Klientinnen und Klienten die Überwindung einer einseitig ausgerichteten Orientierung an einer spezifischen Beratungsschule mit dem Ziel der Hinwendung zu einer integrativen Beratungskonzeption. Damit wird der Blick für die Faktoren geöffnet, die in der Beratung effektiv wirken. Dieses Kapitel beschäftigt sich
• mit der historischen Entwicklung der Beratung, um die eigene Beratungstätigkeit kritisch im Wandel der sozialpolitischen Bedingungen reflektieren zu können. Die historische Betrachtung der Beratung trägt dazu bei, die eigene Beratungstätigkeit im historischen Wandel zu verstehen;
• mit den grundlegenden Begriffen im Kontext der Beratung, insbesondere mit der Unterscheidung zwischen Beratung und Psychotherapie. Psychosoziale Beratung hat einen ausgeprägten Bezug zum sozialen Netzwerk der Klientel und versteht sich als Hilfe zur Bewältigung des Alltags. Dafür sind eine handlungsfeldspezifische Wissensbasis und feldübergreifende kommunikative Basiskompetenzen notwendig, die je nach den Erfordernissen des Beratungsfeldes klientenzentriert in eine Balance zu bringen sind;
• mit den schulenspezifischen Konzepten der Psychotherapie, von denen psychosoziale Beratung in der Praxis stark profitieren kann. Dabei haben sich insbesondere Konzepte aus der gesprächspsychotherapeutischen, der kognitiv-verhaltenstherapeutischen, der psychodynamischen und der systemischen Beratung bewährt. Wegen der häufig multidimensionalen Problemlage der Klientel psychosozialer Beratung reichen einseitig ausgerichtete schulenspezifische Ansätze allerdings nicht aus, sondern erfordern eine Integration unterschiedlicher Methoden und Techniken aus verschiedenen ›Beratungsschulen‹;
• mit den generellen Wirkfaktoren der Beratung, die hauptsächlich in der schulenübergreifenden Forschung zur Psychotherapie gewonnen wurden: professionelle Arbeitsbeziehung, gründliche Analyse zur Klärung der Probleme, Erarbeitung von Beratungszielen, Motivation des Klienten/der Klientin, Problemaktualisierung, Ressourcenaktivierung, Hilfe zur Problemlösung, Evaluation mit kritischer Reflexion der Ergebnisse.
1.1 Die Geschichte der Beratung
Anne de la Motte
1.1.1 Warum es Sinn machen kann, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen
Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit psychosozialer Beratung und beschreibt diese aus heutiger Perspektive mit ihren aktuellen Möglichkeiten und Herausforderungen. Dabei fällt auf, dass es eine unüberschaubare Anzahl wissenschaftlicher Ansätze und Beratungspraxen gibt. Die folglich entstandene Diversität und Flexibilität in der Ausgestaltung der Beratung ist allseits bekannt und wird an verschiedener Stelle artikuliert (u. a. von Engel 2003; Engel, Nestmann & Sickendiek 2007; McLeod 2004; Nestmann 2007; Nestmann, Sickendiek & Engel 2007; Sickendiek, Engel & Nestmann 2008; Schrödter 2013). Dank ihrer Vielseitigkeit kann Beratung relativ unkompliziert den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden, ist jedoch für Ratsuchende oder noch unerfahrene Theoretiker/Theoretikerinnen schwer durchschaubar. Daher erscheint es sinnvoll, sich mit der Gründung der ersten Beratungseinrichtungen und mit ihrer weiteren Entwicklung bis hin zur heutigen Vielfalt zu beschäftigen. Erst hierdurch können historisch gewachsene Überzeugungen und Handlungsweisen für die gegenwärtige Beratungsarbeit und mögliche Zukunftsperspektiven nachvollzogen werden. Dabei lässt sich erahnen, dass auch die Wurzeln der Beratungsansätze und -institutionen vielfältig sind und unterschiedlich tief reichen. Diese Wurzeln lassen sich hier jedoch nicht in aller Vollständigkeit darstellen. Stattdessen soll im Folgenden anhand einzelner, beispielhaft gewählter Beratungsinstitutionen und eigenständiger Beratungsfelder ein kurzer Überblick über die allgemeine Entwicklung der Beratungslandschaft in der Bundesrepublik Deutschland vermittelt werden. Zur Begrenzung des Umfangs der Darstellung werden die Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik sowie die internationale Geschichte der Beratung nicht behandelt. Beispielhaft für die internationale Entwicklung von Beratung sei auf die Entwicklung und das heutige Beratungsverständnis in den Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien verwiesen, u. a. nachzuvollziehen bei McLeod (2004) oder Nestmann (1997).
Professionelle Beratung lässt sich unterschiedlich einordnen, als Querschnittsaufgabe verschiedener Berufsgruppen, als Arbeitsgebiet eines eigenen Berufsstandes, als vollständige oder partielle Aufgabe einer Einrichtung oder als Synonym für ein spezifisches Beratungsgespräch (Großmaß 2000; Thiersch 2007; Sickendiek, Engel & Nestmann 2008). Des Weiteren lässt sich Beratung innerhalb des sozialen Sektors als sozial, pädagogisch, psychologisch oder psychosozial kategorisieren (Sickendiek, Engel & Nestmann 2008). Die Einordnung hängt zum einen davon ab, zu welchem Zeitpunkt eine Beratungsstelle und ihre umgesetzte Beratungsarbeit betrachtet werden, beispielsweise in den 1920er Jahren oder den 1970er Jahren. Zum anderen liegt die Einordnung jedoch auch im Auge des/der Betrachters/Betrachterin und dessen/deren Kriterien. Dies soll beispielhaft an der Institution der Erziehungsberatungsstelle veranschaulicht werden. Nach Gröning (2009, 2010) handelt es sich um pädagogische Beratung, da junge Menschen im Fokus stehen. Schröder wiederum bezeichnet Erziehungsberatung als eines von mehreren »›klassischen‹ psychologischen Beratungsfeldern« (Schröder 2007, 50), da sie hauptsächlich von Psychologen umgesetzt wird. Und nach Großmaß (2000) ist Erziehungsberatung mit der Übernahme psychologischer Konzepte seit den 1970er Jahren psychosozial aufgestellt. Aus heutiger Perspektive sind alle in diesem Kapitel vorgestellten Institutionen – zumindest in Teilbereichen – als psychosozial einzuordnen.
