Читать книгу: «Kindheit in der Schweiz. Erinnerungen»
Zu diesem Buch
Ein Lesebuch zu Schweizer Kindheit: Autorinnen und Autoren aus allen Landesteilen erinnern sich. Sie waren Wunschkinder, aber manchmal auch ein Esser zu viel. Sie wuchsen an der Zürcher Goldküste auf oder im hintersten Walliser Bergtal, im Dorf, in der Stadt, auf dem Bauernhof. Sie waren Kinder von Fabrikbesitzern, Bäckern, Pfarrern, Arbeitern, Wirten, Migranten. Sie wurden gehätschelt oder verdingt, gefördert oder übersehen, verwöhnt oder geschlagen. Sie lernten, spielten, arbeiteten und beobachteten die Erwachsenen und deren Tun. Rund dreissig Autorinnen und Autoren erinnern sich an ihre Kindheit an ihrem Ort in der Schweiz: im Tessin, Graubünden, Wallis, Basel, Bern, Zürich, St. Gallen, im Jura oder im Emmental … Neben bekannten Namen wie Charles-Ferdinand Ramuz, Laure Wyss, Niklaus Meienberg, Friedrich Glauser, Aline Valangin oder Daniel de Roulet schreiben viele Nichtprominente, denen allen eines gemeinsam ist: Sie wissen packend, anschaulich, sinnlich und prägnant Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen. So entsteht ein einzigartiges Panoptikum von Kindheit in der Schweiz des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts.
Kindheit in der Schweiz
Erinnerungen
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Erwin Künzli unter Mitarbeit von Patrizia Huber
Limmat Verlag
Zürich
«Es sind die Mütter, die sich erinnern, die Liebenden und die Dichter.»
Erika Burkart
«Jemand hat gesagt, es sei nicht gut, an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren. Vielleicht hatte er recht. Ein Wiedersehen, man weiss es, kann enttäuschen, weil unterdessen so vieles geändert hat, die Gegend aussen und die Gegend innen. Die Kindheit, die noch ein Versprechen war, liegt schon weit zurück, eine verdämmernde Traumwelt; und was nachher kam – ein Leben mehr oder weniger fragwürdig, eine Kette von Widersprüchen, Niederlagen und Versäumnissen, fragmentarisch wie alles. Hat man sich überhaupt gekannt? Weiss man, wer man gewesen ist und wer man hätte sein können?»
Oscar Peer
Erzählte Kindheit
—
«Wie es war – war es so?»
Laure Wyss
Vierunddreissig Personen erzählen aus ihrer Kindheit in der Schweiz der letzten beiden Jahrhunderte. Der älteste, Jakob Senn, war ein Zeitgenosse von Gottfried Keller, er wurde 1824 in Fischenthal in ärmlichste Verhältnisse geboren, die jüngste, Meral Kureyshi, wurde 1983 in Prizren im Kosovo geboren und kam mit zehn Jahren in die Schweiz.
Die Texte stammen aus Büchern, die im Limmat Verlag im Verlauf der vierzig Jahre seit seiner Gründung erschienen sind. Sie sind alle in der Ich-Form gehalten, Erwachsene erzählen selbst aus ihrer Kindheit – auch wenn sie das Erzählte manchmal nicht selbst aufgeschrieben haben. Dabei wurden auch Auszüge aus Texten aufgenommen, welche die Gattungsbezeichnung Roman tragen, aber erklärtermassen autobiografisch geprägt sind. Die neuere Gedächtnisforschung hat festgestellt, dass Erinnerung etwas sehr Bewegliches und Veränderliches ist und dass das Erinnerte im Augenblick des Erinnerns gewissermassen ‹erfunden› wird. In diesem Sinn können wir mit Fug und Recht feststellen, dass alles ‹wahr› ist, was in diesem Buch steht.
Die Anthologie versucht nicht, irgendeine Art Geschichte der Kindheit in der Schweiz abzubilden, das ist einerseits kaum möglich, andererseits ist es erstaunlich, wie sehr sich die Welten der Kinder vom neunzehnten bis in die Sechzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts noch ähneln – fast möchte man sagen, dass die Schichtunterschiede prägender sind als die historischen. Das Auffallendste ist vielleicht, wie selbstverständlich Kinder arbeiteten, wie stark das Leben geprägt war von Religion und allerlei Autoritäten und wie selbstverständlich Kinder gestraft und geschlagen wurden, zu Hause, in der Schule. Daneben taten sie das, was Kinder bis heute tun: Spielen, Lesen, Lernen – nicht zuletzt durch das Beobachten der wunderlichen Welt der Erwachsenen.
Die Texte sind also nicht chronologisch angeordnet, der Reigen beginnt mit Geburt und ersten Erinnerungen, dann gibt der eine dem andern das Stichwort, als sässen die vierunddreissig Menschen zusammen, erzählten sich ihre Geschichten, und eine Erzählung ruft die nächste auf. Für die Leser und Leserinnen entsteht so ein weites Panorama der Kindheit, das sie vielleicht im Kopf mit ihren eigenen Erinnerungen ergänzen werden.
Erwin Künzli
1908, Val d’Anniviers VS
Adeline Favre
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Ich wurde an einem 22. Mai geboren. Mama war an jenem Tag ganz allein zu Hause, denn mein Vater war ins Tal hinunter gegangen, um nach den Reben zu sehen. Im Tal unten war ein halber Meter Schnee gefallen, eher ungewöhnlich für diese Jahreszeit. Wie alle Leute aus dem Val d’Anniviers hatten auch wir in der Gegend von Sierre, in Niouc, unsere Reben. Sie waren für uns fast die einzige Quelle für Bargeld, und eine Naturkatastrophe brachte schwere finanzielle Folgen für das kommende Jahr. Nun hatte Papa in diesem Jahr vorgearbeitet und die Reben schon frühzeitig aufgebunden. Dies im Hinblick auf meine bevorstehende Geburt: Er wollte zu Hause sein, wenn er benötigt wurde. Als er an diesem 22. Mai den Schnee sah, stieg er sofort ins Tal hinunter, um den Schaden an den Reben festzustellen. Es zeigte sich übrigens, dass er nicht so gross war wie bei den Nachbarn. Papa hatte auch die Kühe hinuntergetrieben, damit sie die abgebrochenen Zweige fressen konnten, die er auf dem Rücken des Maultiers bis nach Niouc gebracht hatte. Hierher trug man auch die dürren Rebenblätter, die man mit Heu mischte und den Kühen zu fressen gab.
So musste mich Mama an jenem 22. Mai allein zur Welt bringen. Zudem wurde ich in Steisslage geboren. Die Hebamme, Madame Pont, eine Cousine von Mama, sagte zu ihr: «Ich kann dir nicht helfen, du musst es ganz allein fertigbringen. Ich kann dir nicht helfen …» Sie betete in einer Ecke des Zimmers, und Mama presste.
Madame Pont war verzweifelt, dass sie nicht helfen konnte. Zu ihren Gunsten muss man sagen, dass die Hebammen damals nicht vorbereitet waren auf Komplikationen und dass ihnen die medizinischen Kenntnisse, die mir später zugute kamen, fehlten. Sie taten ihr Bestes mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen. Oft allerdings blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu beten …
Weil Papa nicht da war, holte Madame Pont voller Angst ihren Mann zu Hilfe. Es geschah oft, dass der Ehemann der Hebamme zur Hand ging. Monsieur Pont war Schuhmacher. Mama hat uns später oft erzählt, wie sie sich um seinen Hals geklammert hatte, um besser pressen zu können. Ich war offenbar ein recht grosses Bébé, das achte und das erste der zweiten Hälfte von vierzehn Kindern.
1939, Meggen LU
Otto Scherer
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Kaum auf der Welt, da ging der Teufel los. Der Vater und der Karrer mussten einrücken. Die beiden Pferde und ein Wagen wurden eingezogen. Der Melker schirrte den Zuchtstier und eine Kuh ein und versuchte, den widerspenstigen Viechern das Fuhrwerken beizubringen. Joch und Geschirr waren noch oben in der Remise geblieben vom Ersten Krieg.
1939. August, September, Oktober. Die Ernte war in vollem Gang. Oder eben nicht. Das Emd verfaulte draussen im Regen, die Kartoffeln warteten darauf, eingebracht zu werden. Das Mostobst sollte auf- und das Tafelobst abgelesen werden. Arbeit, wohin man schaute. Und zu wenig Hände, die zupacken konnten.
Wohl hatten die im Dorf einquartierten Truppen die Bauern und Knechte unter ihren Soldaten auf die Höfe zum Helfen abkommandiert. Aber im Eiholz fehlte der Meister. Dieser grub als Artilleriekanonier hinter der Grenze Haubitzenstellungen aus, übte den Gewehrgriff, das Marschieren in Zweier-, Vierer- und Achterkolonne, das Zerlegen und Zusammenbauen der Waffen, das Schiessen. Aber auch das Faulenzen. Das war von allem beinahe das Schlimmste, denn er wusste von der Lücke, die er zu Hause hinterliess. Er ging fast drauf vor Sorge um Hof und Familie. Wer sollte jetzt dort das Zepter führen? Der gebrechliche, aber immer noch resolute Grossvater, der Karrer oder der Melker? Wohl jeder gegen jeden. Alles gehe drunter und drüber, hatte ihm Mutter geschrieben. Keiner pariere, keiner setze sich durch.
«D’Allmänd abhaue!»
«Domms Züg! Zerscht tömmer s’Chlöschterli ine!»
«Ich go met em Meieriesli zom Schtier!»
«Morn, hani gseit! Herrgottsakramänt!»
«Nei, hött sägi! Schtärne feufi nomol!»
«Ich be vor dier im Eiholz gsii.»
«Jetz losed emol.»
Klein, energisch, kaum dreissig Jahre alt, seit zwei Jahren erst auf dem Hof, stellte sich die Mutter zwischen die Riesen. Sie, die den grossen Haushalt zu führen hatte, musste zusätzlich auch noch zwischen drei oder vier Hitzköpfen schlichten.
Jetzt bestimmte sie die Richtung: «I d’Allmänd, ond zwar alli zäme. Klar? Oder hed no öpper e Frog?» Zu ihrem eigenen Erstaunen hatte ihr Auftritt Erfolg.
Aber da waren auch ihre Ängste: Sie könnte ihrer neuen Aufgabe nicht gewachsen sein, der Krieg könnte auf das Land übergreifen, ihr Mann könnte umkommen. Da war Lisbeth, die einjährige Tochter, und da war ich, der Säugling und Stammhalter, der Vaters Namen trug und der sich nicht entscheiden konnte, ob er leben oder sterben wollte.
Mutter hätte zerbrechen können. Aber sie hatte es geschafft. Wir hatten es beide geschafft. Die Knechte nannten sie Meisterin.
1889, Vevey VD
Aline Valangin
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Das Kind würde ein schöner Knabe werden, klug und rasch und in allem ganz anders als der Vater. Es würde ihr Freund werden und alles ersetzen, was sie in Brüche gehen sah. Ja, das Kind.
Fast ist sie daran gestorben. Der Mann hatte sich nicht die Mühe genommen, in seiner grossen Trägheit nachzudenken, dass die Geburt eine schwere schwere Stunde für die Frau ist. Die erste beste Hebamme wurde bestellt. Sie erschien betrunken. Die Geburt dauerte zwei Tage und drei Nächte, und die ganze Zeit über war die trinkende und ständig angeheiterte Frauensperson um meine Mutter als einzige Hülfe. Sie schrie, in grösserer seelischer Not noch als in körperlicher, obschon die physische Qual längst unerträglich war; sie schrie zum Himmel, er möge das Kind aus ihrem Leibe erlösen; sie schrie, sie brüllte, als die Schmerzen stiegen und unendlich sich ausdehnten, dass nichts als eine Hölle der Pein um sie war, das Kind möge unverletzt bleiben, es möge leben. Sie bäumte sich gegen die Schatten, die nach ihr griffen, gegen die Schwäche, die überhand nahm, und immer wieder schrie sie ihre Bitte um Erlösung. Langsam fing sie an, in Nacht zu tauchen. Seltsam war das. Sie wollte doch leben, aber etwas wollte nicht, dass sie lebe. Sie staunte. Müsste sie vielleicht sterben? Und ein Nein in ihr geschrien als Antwort. Und wieder beginnt der Kampf. Aber lahmer. Und wieder so eine Nacht und daraus eine Frage behalten: Wohl muss sie sterben? Oh, das schöne Leben. War es schön? Ja früher und jetzt … das Kind. Schrei um Schrei. Das Kind darf nicht sterben, auch nicht allein bleiben; also muss auch sie leben. Leben. Nicht dein Wille geschehe, nein, oh, bitte nein, nicht der deine. –
Und das Kind wurde geboren, mit ganz verschobenen Schädeldecken und einem Schopf braunen Haares. Es war ein braunes Mädchen. Ich.
1939, Zürich
Jeannot Bürgi
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Ich war meinen leiblichen Eltern kein Wunschkind. Mit dieser Feststellung und Erkenntnis bin ich sicher nicht allein, kein Sonderfall. Trotzdem, eine Frage beschäftigte mich ein Leben lang: Warum hat mich meine Mutter ausgesetzt, in einer Kartonschachtel beim Müll am Strassenrand entsorgt? Ich dachte, ich sei schon längst darüber hinweg, es mache mir überhaupt nichts aus, darüber zu sprechen, nachzudenken. Jetzt entdecke ich, nachdem ich siebzig Jahre alt geworden bin und ein ganzes, reiches Leben hinter mir habe, dass es mir noch immer etwas ausmacht, dass da noch immer die Frage im Raum steht, dieses «Warum», auf das ich bis zum heutigen Tag keine Antwort gefunden habe.
Meine Erklärung ist einfach und auf der Hand liegend: Ich war ihr Last und Störung, ich passte nicht in ihr Leben, sie hatte sich das so nicht vorgestellt. Ein Gof, das fehlte gerade noch, damals Ende der dreissiger Jahre, mitten in Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, mit dem Krieg vor der Tür. Das Leben damals war schon allein schwer genug, ein Kind ein Esser mehr, eine Sorge dazu, ein Hindernis, Verantwortung und Kosten. Sie musste über die Runden kommen, Anschaffen hiess das in ihrem Fall, für sich und wahrscheinlich auch für ihren Zuhälter. Sicher war sie jung, leichtsinnig und oberflächlich, schliesslich war es ihr egal, was mit dem geschah, was sie da in die alte Schachtel stopfte. Abfall eben, den man los sein will.
1951, Basel
Urs Schaub
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Fürs Erste, was ich tat, als ich auf die Welt kam, war ich zwar nicht verantwortlich, aber ich tat es gründlich: Ich enttäuschte meinen Vater.
Sein Herzenswunsch war eine Tochter. Sogar wie sie heissen sollte, war längst ausgemacht. Warum sich allerdings ausgerechnet jener Name in seiner Seele eingenistet hatte, war aus ihm nie herauszubringen gewesen. Hatte er ein Pin-up der nationalen Schönheit gesehen, deren internationale Filmkarriere kurz nach meiner Geburt begann? Wie auch immer: Aus traditionellen Gründen war ebenso klar, dass zwei Kinder genügen mussten, es also auch in Zukunft für den geliebten Namen keine Verwendung mehr geben würde. Basta und aus. Kurzerhand wurde der Name um seinen weiblichen Teil amputiert, und die übrig gebliebenen drei Buchstaben wurden zu meinem Namen. Ein hierzulande sehr verbreiteter Name, der im Ausland – zumindest in zwei von vier Himmelsrichtungen – nicht besonders gut auszusprechen war. Mir hätten die drei abgeschnittenen Buchstaben besser gefallen. Vor allem in meiner Indianerphase wären mir diese mythisch klingenden drei Buchstaben unbedingt willkommen gewesen.
1878, Trimmis GR
Paul Thürer
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Ich wurde geboren am 17. Juli 1878 als erstes von vier Kindern des Bauers Georg Thürer, Bürger von Valzeina, wohnhaft in Trimmis, Kanton Graubünden und der Elisabeth Meng von Says, wohnhaft auf Valtana [Valtanna] und wurde in der evangelischen Kirche von Trimmis am 21. Juli von Pfarrer Paul Hitz getauft. Nach seiner Verheiratung wohnte mein Vater ein Jahr lang bei seinem Schwiegervater Johannes Meng-Engi auf Valtana. Er erkannte aber bald, dass er es hier nicht weit bringen würde und gab daher seinem Freunde und Geschwisterkind seiner Frau, Peter Florian Meng auf dem Hofe Plankis bei Chur den Auftrag, sich für ihn nach einem Bauerngut in der Nähe von Chur umzusehen. Dieser meldete ihm bald darauf, dass die Gaisweid [Geissweid] in der Nähe von Plankis käuflich sei. Das Gut wäre billig, allerdings in sehr schlechtem Zustande. Ein junger, tüchtiger Mann könnte aber etwas aus ihm machen. Mein Vater kaufte das Gut und zog am 8. Februar 1879 mit seiner Familie auf die Gaisweid. Die Schwester meines Vaters, Betti Thürer, trug mich kleinen Burschen mitten im Winter auf ihren starken Armen drei Stunden weit von Valtana bis auf die Gaisweid. Denn einen Kinderwagen besassen meine Eltern nicht und haben einen solchen überhaupt nie besessen. Man legte die Kinder zum Schlafen in die Wiege oder trug sie im Sommer in einer Zeine aufs Feld oder machte im Baumgarten aus einem Heutuch für sie eine Hängematte, der man einen Stoss gab, wenn sie zu schreien anfingen. Oft habe ich so als kleiner Knabe meine Schwester geschaukelt, wenn sie in der Matte oder in der Wiege lag.
1924, Schwyz
Martha Farner, *1903
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Im Vorsommer 1924 – ein unvergleichlich schöner Tag. Die Fenster im Parterre weit geöffnet zum Hof hinaus, ich hörte ein dünnes Stimmchen, es weinte. Darauf eine tiefe Frauenstimme, die sagte «Nenäi, Chindli, die Stäinli tüend dier nid wee. Lueg d Vögäli hend au ekäni Schue und singid nu derzue!» Wie schön, dachte ich, aber schon läutete die Hausglocke. Ich öffnete. Vor mir stand eine Frau mit einem kleinen Kind kaum älter als drei Jahre. Tränen bahnten ihren Weg über das schmutzige Gesichtlein. Die Hand lag in der seiner Mutter. Die Frau war klein von Wuchs und von einer dürren Magerkeit. Braun gebrannt die Haut, lachte sie mir entgegen mit dunklen Augen und langen Wimpern. Mutter und Kind waren barfuss. Der Rockschurz hing an ihr wie an einem Kleiderbügel, obschon sie hochschwanger war. Auf den ersten Blick sah ich es: Diese Frau war eine Feckerin. «Guten Tag, Frau», sagte sie, «ich bitte um die Ehre als Patin für mein sechstes Kind.» Noch die schöne Antwort von den Vögelein ohne Schuh in den Ohren, gab ich sofort meine Zusage. Als ich später dies meiner Mutter erzählte, freudig natürlich, sagte sie lächelnd: «Du dummes Kind, diese Frau hätte viel lieber eine Absage mit einem Fünfliber entgegengenommen, diese Leute machen das so.»
Einige Tage später kam der, wie mir schien, glückliche Vater; er zeigte die Geburt eines gesunden Buben an. Die Taufe war in zwei Tagen. Es war damals der Brauch, dass die Patin eines Knaben alles für die Taufe organisiert und bezahlt, hingegen bei einem Mädchen musste der Pate alles berappen. Der Götti war ein gut beleumdeter Handwerker. Ich setzte mich sofort mit ihm in Verbindung, da ich meinte, es wäre besser, den Leuten das Geld zu geben, statt zu festen. Aber die Antwort kam sehr spontan und energisch: «Nüd isch, gschlotteret muess sii und de nu miteme Gutschli.» (Gschlotteret heisst Taufessen).
Der Götti holte mich mit einem Einspänner ab, und wir beide fuhren zusammen zur Kirche. Ich fand es furchtbar lustig, so durch das Dorf zu fahren. Vor der Kirchentür erwartete uns die Hebamme, dies war bei uns so der Brauch und für die Hebamme die Krönung nach der Arbeit einer «Vorgängerin». Dieses Wort wurde damals noch gebraucht für Hebamme, weil sie doch vor der Geburt nach der Schwangeren sehen musste. Diese Frau trug den Säugling in einem richtigen Bettfederkissen, die eine Ecke so fest eingedrückt, dass es wie ein Tragkissen aussah. Bald kam der Pfarrhelfer mit dem Sigrist; der «Herr» war zu meiner Schulzeit mein Religionslehrer, zum Teil gefürchtet, weil er den Kindern, die er nicht mochte (nicht etwa die nichts lernten), mit dem «Kanisi» (Katechismus) auf den Kopf hackte. An diesem Buch war eine Ecke extra verhärtet; auch ich spürte diesen Kanisihack. Dies war seine Originalstrafe, und am Ende nahm man ihm diese Strafe auch gar nicht so übel. Wer keinen Hack bekam, musste die Stunde durch auf dem Holzboden knien.
Unter der offenen Kirchentür wurde gebetet und gesegnet, denn das Kind, welches ja noch ein Heide war, wurde erst durch die Taufe zum Christen. All meinen Patenkindern gab ich den Namen Johann oder Johanna, weil meine Mutter sich so nannte. Der Götti und ich legten die Hände auf den Täufling, also auf das Heidenkind, derweilen der Pfarrhelfer seine lateinischen Gebete murmelte. Mitten im Gebet stockte er, schaute mich an und fragte: «Wie soll das Kind heissen?» – «Johann», sagte ich mit klarer Stimme, und der Herr fuhr weiter mit seinem lateinischen Murmeln. Ganz plötzlich und leise sagte er auf deutsch: «Da merkt me wider, wer Gotta isch», und weiter ging das Gebet. Anschliessend ging man zum schönen Taufstein der herrlichen Barockkirche in Schwyz. War das Kind getauft, musste die Patin mit dem Getauften in den Armen vor dem Marienaltar knien und ein Gebet verrichten, welches die Hebamme vorsagte. Das kleine Menschlein stank füchterlich. Erleichtert gab ich es der Hebamme zurück.
Hier stand während der Taufe niemand «z Ehrä», so waren auch wir allein beim Schlottern. «Z Ehrä staa» ist ein schöner Brauch, z. T. heute noch: Verwandte, Freunde und Bekannte stehen um den Taufstein herum, so quasi als Zeugen und Bewunderer des Täuflings. An der Taufe meiner jüngsten Schwester standen über 25 Personen rund um den Taufstein, welche man natürlich auch zum Schlottern eingeladen hat.
Niemals jedoch durfte die Mutter des Täuflings dabeisein.
In der Herrengasse dann wartete unser Gutschli. Wir wollten gerade abfahren, das Rössli zog an, da rief ich: «Nei au, halt, wir haben den Pfarrhelfer vergessen.» (Ich kannte die Bräuche anscheinend noch zuwenig.) Aber da kam schon der «Herr» mit fliegendem Chorhemd und vor sich hinschimpfend eiligen Schrittes auf uns zu. Böse schaute er mich an und sagte: «Ich ha dich meini idr Schuel nid gnuäg glehrt, ier wärid oni mich abgfahrä.» Aber im Gutschli beruhigte sich der Pfarrhelfer, und schliesslich verlief die «Schlotteretä» sehr friedlich. Dies war aber sonst gar nicht immer der Fall. Einmal stritten sich die Grossväter so sehr, dass man den Arzt rufen musste. Einmal trank die Hebamme ein bisschen über das Mass. Der Heimweg im Schnee war so mühselig, dass sie den Täufling verlor; er rutschte aus dem Kissen, und leider wurde dies erst im Bergheimen oben bemerkt. Als man ihn endlich gefunden hatte, war er bereits erfroren. Dem sagte man: «Er ist nun ein Engel im Himmel.» Einmal war ich an einer Beerdigung eines Kleinkindes, einziges, langersehntes Kind eines rechtschaffenen Bauernehepaars. Nach der Beerdigung stand die Frau am Ausgang des Friedhofs; bleich, starr und wie aus Stein gegossen, nahm sie die Gratulationen entgegen, weil sie nun eben einen Engel im Himmel hatte.
Später besuchte ich die Wöchnerin, die Mutter meines Täuflings, in ihrem «Verschlag»; ein Wohnwagen am Bach oder an einem See wäre weniger schlimm gewesen als dieses verlotterte Haus. Es war ja alles ein Jammer, aber helfen hätte man nur von Grund auf können.
Offenbar war der Göttibub doch kein gesunder Knabe; kaum drei Wochen nach der Taufe stand die Feckerfrau wieder vor meiner Tür. Sie sah aus wie ein «Maschgrad»: Auf dem kleinen Kopf baumelte ein riesiger Hut, der wohl einmal schwarz gewesen war. Die Frau war noch magerer, die Wangen eingefallen, und von ihren Schultern hing ein schwarzweisses Baumwolltuch, das den Boden berührte. Durch diese Kleidung gab sie ihre Trauer kund, denn sie sagte. «Frau, üüche Göttibueb isch tot. Wills Gott chönd ier übers Jahr wider Gottä sii.» Es war ein alter Brauch, dass man, wenn ein junges Patenkind starb, dem nächstfolgenden Kind denselben Götti gab.
Die Beerdigung war gleich anderntags; diese Leute hatten keinen Platz im Haus. Früh um sieben Uhr kam das Totenzüglein von Ibach heraufgezogen, dem Hauptplatz zu. Bei der Kirche stellten sich der Pfarrherr, Kreuz und Fahnenträger ein. Ich reihte mich am Schluss des Zuges ein. Noch lag eine morgendliche Stille über dem Dorf, nur das Totenglöcklein für Kinder schwang seine hellen Töne in die Landschaft hinaus. Ein prachtvoller Morgen, die Sonne stand neben dem Grossen Mythen, der noch kurz seine Schatten in den Wald hineinwarf. Es war ein Bild, als hätte Richter es gezeichnet: Der Götti, in schwarzem Kleid, trug das kleine, weisse Särglein unter dem Arm. Der Johann benötigte keinen Totenwagen. Nach dem Götti folgten die Grabbeterin und ein kleiner Zug von Begleitern, den Schluss machte ich. Der Pfarrhelfer und die Grabbeterin beteten den Rosenkranz vor, und alle Begleiter stimmten ein. Der Zufall wollte es, dass derselbe «Herr» die Beerdigung ausführte wie damals die Taufe des kleinen Johann. Die Grabbeterin winkte mir, sich rückwärts drehend, energisch zu, dann noch einmal, und alle Köpfe der Begleiter schauten ebenfalls zurück, immer wieder. Ich wusste kaum mehr was tun. Alles an meinen Kleidern war in Ordnung – so liess ich sie schauen und betete mit. Der Weg von der Kirche bis zum Friedhof hat seine gute Viertelstunde; man macht ihn unter stetigem Beten des Rosenkranzes. Aber in diesem Leichenzüglein hatte niemand die richtige Andacht. Immer wieder wurde nach mir geschaut, die Köpfe drehten sich, war ich doch am Ende des Zuges. Wiederum kontrollierte ich mich unbemerkt – alles war in Ordnung, Strümpfe, Rocksaum, Mantel –, doch schon traf mich ein böser Blick des Pfarrhelfers. Endlich standen wir vor dem schmiedeisernen Tor des Friedhofs, es war weiss Gott ein langer Gang unter diesen Blicken.
Bevor man in den Friedhof trat, wurde die Leiche im Sarg mit Weihwasser besprengt, gesegnet. Erst dann ging man zur Reihe der Kindergräber, wo eine schmale Grube in lehmiger Erde bereitstand. Niemand weinte. Auf dem nahen Kastanienbaum sang eine Amsel ihr Morgenlied. In Gedanken ging ich dem Friedhoftor zu, wo sich die Leute besammelten.
Laut den Rosenkranz betend, kam der Pfarrhelfer als letzter auf uns zu. «Heilige Maria, Muttergottes», pumps, hatte ich einen heftigen Ellbogenstoss an meinen Rippen. Zischend zwischen den Lippen, aber laut genug, sagte er: «Du dummä Lümmel du, d Gottä lauft doch z voruus.» So lief ich an der Spitze des Zügleins, hinter dem Kreuzträger und der Grabbeterin – und alle Betenden waren es zufrieden.
1890er-Jahre, Vevey VD
Aline Valangin, *1889
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Wenn ich versuche, meine ersten Erinnerungen an Mutter zu finden, so kommen Töne, einzigartige Töne von schöner Süsse – und begleitet von einem ebenso einzigartigen, mir ebenso süssen Geruch. – Mutter.
Um 1919, Regensberg ZH
Gertrud Mosimann, *1916
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Ich sitze auf der Schaukel und bekomme dünnen, weissen Brei gelöffelt, darin schwimmen dunkle Flecken. Ich versuche sie mit meinen Fingern herauszuklauben, sie schmecken am besten, es sind Weinbeeren. Es ist schwierig, sie sind schlüpfrig wie Fischchen.
Das ist eine meiner frühesten Erinnerungen. Ich war damals im «Pilgerbrunnen» und etwa drei Jahre alt. Dass sich viele meiner Erinnerungs-«Bilder» mehr am Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn orientieren als am Sehen, liegt nicht nur an der Art kleiner Kinder: Ich sah schon damals fast nichts.
1940er-Jahre, Zürich
Jeannot Bürgi, *1939
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Kindheit ist nicht etwas, woran ich mich als Zeit erinnere. Für mich ist Kindheit Ereignis, eine Folge von Geschichten, einige schön, andere weniger. Hier leicht und luftig, dort schwer und dumpf. Für alles suche ich Wörter, die zur Sache passen, meinem Erlebnis möglichst nahe kommen. Zu meiner Kindheit passt das Wort «Muhheim», es sagt alles aus. In ihm finden sich Gerüche, Töne und Formen. Mein Staunen auch, und wenn man genau hinsieht, findet sich darin sogar meine Angst. Eigentlich finde ich es schade, dass ich diese Kindheit nicht mit meinen ungelenken kindlichen Worten umschreiben kann. Doch die kindlichen Worte habe ich schon lange vergessen, und erzählen kann ich nur das, was mir an Erinnerung geblieben ist.
Vor «Muhheim» gab es noch etwas, für das ich aber kein Wort finde. Es sind hier nur Gerüche, die geblieben sind, Figuren, die aus dem Nebel der Geschichte auftauchen, verschwommene Konturen, Geräusche und Sprachfetzen. Der Duft der würzigen Käseküchlein aus der Küche der Mama Früh oder das Plätschern des Wassers im Brunnen auf dem Bullingerplatz. Ein Drängen, Stossen und Schubsen der Menschen in der Bäckeranlage vor dem Volkshaus. Wars ein Streik, eine 1.-Mai-Feier oder nur ein Volksauflauf, die Sammlung zu einem Demonstrationszug? Überall standen Soldaten herum, Worte schwirrten durch die Luft wie verängstigte Vögel.
1940er-Jahre, Zofingen AG
Ernst Halter, *1938
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Sonnenlicht sintert durch Vorhänge ins Zimmer. Ich liege im weissen Gitterbett an der Hinterwand; die Betten meiner Geschwister stehen, etwas abgerückt von den Fenstern, an den Seitenwänden des Raums. Bald wird die Mutter kommen; ich liege still in meiner pochenden Erwartung und blicke auf die Tür ein paar Schritt vom Fussende des Bettchens. Draussen vor den Fenstern läuten Glocken; Sonne und Kirchengeläut sagen: Heut ist Sonntag.
Die Tür öffnet sich. Die Mutter geht quer durchs Zimmer, zieht die Vorhänge zurück, das Licht im Raum wird warm. Sie kommt auf mich zu, beugt sich lächelnd über die weissgestrichenen Holzstäbe des Gitters: Schnuusserli, itz weimer uuf (Flitzerchen, nun wollen wir aufstehen). Hast du gut geschlafen? Sie streichelt mir über beide Wangen, dann klinkt sie das Gitter aus und kippt es weg. Ganz nahe kommt sie, legt ihre Arme um mich und hebt mich hoch. Wir geben uns Küsse. Setzt sie mich auf den Bettrand? Stellt sie mich auf den Boden? Mich füllt Atem von Glück, Licht, Geläut. Es flimmert und blendet vor den Fenstern und auf dem Zimmerboden. Aufstehen, Gewaschenwerden, Honigbutterbrot, Kakao, alles miteinander möglichst schnell. In den Garten rennen, in die Sonne, zu den Goldfischen.
1931, Bern
Dora Stettler, *1927
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Meine ersten Erinnerungen stammen aus einer Wohnung im Beundenfeldquartier in Bern. Ich war vier Jahre alt, damals im Jahr 1931.
Es muss im späten Frühling gewesen sein. Mama hatte mir eine frische Schürze angezogen, mich zur Türe begleitet und gesagt: «Nun, Kätheli, kannst draussen spielen gehen.»
Ich lief durch den Vorgarten zum Tor. Eine Hauptstrasse führte an unserem Hause vorbei. Nebst den Personenwagen, die an einer Hand abgezählt werden konnten, verkehrten noch der Verkaufswagen der Migros, der Milchwagen sowie der Strassenspritzwagen, dem zur Sommerszeit die Buben in den Badehosen johlend nachsprangen, um sich an einer kühlen Dusche zu erfrischen. Als Verkehrsmittel hatten wir das Tram, das jeweils einen unverkennbar singenden Ton erzeugte, wenn es bei der nahen Haltestelle anhielt oder wegfuhr.
Da stand ich nun am Gartentor und schaute auf die Wiese, die sich uns gegenüber wie ein Teppich ausbreitete. Sie war nicht grün, sondern leuchtete in einem satten Gelb. Der Löwenzahn stand in voller Blüte.
Diese schöne Blumenwiese wollte ich mir näher ansehen. Hüpfend überquerte ich die Strasse und stand am Rande des Feldes. So etwas Strahlendes hatte ich in meinem kleinen Leben noch nie gesehen. Die Wiese kam mir unendlich gross vor.
Voll Begeisterung pflückte ich etliche von diesen gelben Blumen in meine Schürze und brachte sie nach Hause. Mama zeigte sich erfreut darüber, die verfleckte Schürze zog sie mir augenrollend aus und drückte sie in den hölzernen Waschzuber.
1880er-Jahre, Trimmis GR
Paul Thürer, *1878
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Zu meinen frühesten Erinnerungen gehört die romanische Magd Maria Zarn aus dem Nachbardorfe Ems. Wenn mein Bruder Georg und ich ihr etwa davon liefen, so fluchte sie in ihrem verdorbenen Emser Romanisch hinter uns her: «Schmaladias buobs» und fügte auf Deutsch hinzu: «Ihr kaiben Buben tut doch wüster, als es Gott lieb ist.» Romanisch war also die erste Fremdsprache, die ich hörte.
Ich erinnere mich ferner deutlich, dass mein Bruder und ich eines Tages in die «Löser» an der Grenze von Ems gingen, um dort die «Poppi» auszugraben, denn man hatte uns gesagt, dass man die kleinen Kinder aus den Ameisen Haufen heraus hole. Vergeblich durchwühlten wir diese Haufen und liessen uns von den gestörten Ameisen zerbeissen. Als wir nach Hause kamen, lachten uns alle am Tisch aus und sagten, wir seien zu spät gekommen, andere hätten die «Poppi» geholt.
1910er-Jahre, Val d’Anniviers VS
Adeline Favre, *1908
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Während der ersten Lebensjahre hatte ich das sogenannte «grosse Weh», die Fallsucht, wobei es sich sehr wahrscheinlich um Epilepsie handelte. Zu jener Zeit hiess die Krankheit bei uns groumal. Im Herbst ging man von Saint-Luc aus zur Kapelle des Thel in Guttet-Bratsch, oberhalb Leuk, wo man die heilige Jungfrau gegen dieses grand mal anrief. Ich erinnere mich, dass mich im Alter von fünf Jahren die ganze Familie begleitete: Papa, Mama, Grossmama … Sie trugen mich abwechselnd. Man wollte mich durch Gebete heilen und nicht zu einem Arzt schicken. Bei uns war jedermann gläubig, und man hatte ein absolutes Vertrauen ins Gebet. Ich weiss nicht, bis zu welchem Alter ich unter dieser Krankheit gelitten habe. Ich spürte es jeweils, wenn ein Anfall kam, und sagte in unserem Dialekt: Yo tito, yo tito … je balance, je balance: «Ich schwanke, ich schwanke.» Und wenn mich niemand hielt, fiel ich zu Boden. Ich habe noch heute einige Narben davon.
Mein Leben als Kind war wie das aller Menschen im Val d’Anniviers: ein Leben unterwegs. Das Jahr unterteilte sich nach dem Verlauf der Feldarbeiten. Weil die Anniviards sowohl Reben in Sierre als auch Kühe auf den Alpen oben hatten, wechselten sie ständig von Ort zu Ort. Gewöhnlich wohnten wir in Saint-Luc. Unser Haus dort war recht geräumig und bequem. Das war sozusagen unser Hauptwohnort. Wenn man in den Reben arbeitete, wohnten wir in Muraz bei Sierre. Mehrmals im Jahr fand der grosse Umzug statt, der jeweils nahezu eine Woche dauerte. Das war ein grosses Durcheinander! Es zog nämlich das ganze Dorf gleichzeitig um: alle Familien, der Pfarrer, der Lehrer, das Vieh und die Kinder. Auf den Wagen packte man die Lebensmittel, die Haustiere, einen Teil der Kleider, und bei der Rückkehr nach Saint-Luc lud man auch noch die Kiste mit dem Schwein, das man am Katharinen-Markt in Sierre gekauft hatte, den Kaffee, den Zucker und das Mehl mit auf. Geschirr, Küchenutensilien und Bettwäsche besass man in doppelter Ausführung, sowohl im Haus in Saint-Luc wie in Muraz.
Die Schule in Sierre begann an Allerheiligen, Anfang November. Die Zeit von da an bis zum Katharinentag (25. November) waren die einzigen Tage im Jahr, wo sich wirklich alle zusammen im Tal unten trafen. Nach dem Katharinen-Markt fuhr man wieder nach Saint-Luc hinauf und blieb dort bis zum Februar. An der Fastnacht zog das ganze Dorf mitsamt der Schule wieder hinunter nach Sierre, wo die Rebarbeiten begannen. Man blieb während der Fastenzeit und bis nach Ostern unten. Im April musste man wegen des Korns, der Kartoffeln und der anderen Feldarbeiten wieder nach Saint-Luc hinauf, wo man den Sommer über bis zur Weinlese blieb. Zwischendurch stieg Papa hie und da für ein bis zwei Tage hinunter, um die Reben zu spritzen oder andere kleine Arbeiten zu verrichten. Wenn er zurückkam, fragten wir ihn oft: Papa quouè v’aï porta? – Plhèing lo chac dè lagné … Papa, qu’est-ce que vous avez apporté de Sierre? – Plein un sac de fatigue: Papa, was haben Sie aus Sierre mitgebracht? – Einen Sack voll Müdigkeit.
Die Schule begann also in Sierre an Allerheiligen und hörte in Saint-Luc im Mai auf. Man ging sechs Monate im Jahr zur Schule. Ich besuchte sie, bis ich vierzehn war. Weil mich Mama im Haushalt brauchte, liess sie sich vom Arzt ein Zeugnis ausstellen, damit ich die Schule verlassen konnte. Ich war übrigens damals schon so gross und körperlich schon so weit entwickelt, dass Mama fand, ich passe nicht mehr in meine Klasse. Zu Hause war ich überall zu gebrauchen, auf dem Feld, im Stall und beim Führen des Maulesels. Damals buk man zweimal im Jahr Brot, im Dezember und im Frühsommer, kurz vor dem Alpaufzug, denn das Brot war auch für die Sennen bestimmt. Der Dorfbackofen wurde während eines ganzen Monats nie kalt. Jede Familie musste ihr Holzkontingent abliefern. Man machte der Reihe nach Hunderte und Aberhunderte von Broten, die man das Jahr über im Speicher aufbewahrte.
Anfang Dezember wurde in Saint-Luc geschlachtet, und zwar Schweine und Kühe. Am Katharinen-Markt kaufte man jeweils kleine Ferkel, die man catsonèt nannte. Sie wurden nicht zusammen mit den älteren Schweinen des Vorjahres gehalten, sondern für sich allein in einem kleinen Holzverschlag, cramoite genannt. Manchmal hielten zwei Haushalte zusammen eine Kuh, und man gab ihr das beste Futter, damit sie am Schlachttag recht schwer war.
Man schlachtete im Ziegenpferch. Jedermann nahm daran teil, aber es waren immer die gleichen Männer, welche die Tiere töteten. Sie spalteten mit einer Axt den Schädel der Kuh zwischen den Hörnern. Die Fleischseiten hängten sie mit einem Flaschenzug an einem Galgen auf. Man hatte Wasser gekocht, um die Kutteln und die Därme zu reinigen, und man stellte Schweinsblutwürste her. Ich träume noch heute davon … Man fügte Reis, Rahm, Lauch und Zwiebeln bei.
Wenn wir, meine Brüder, meine Schwestern und ich, am Sonntag von der Messe kamen, war Papa in der Küche daran, Blutwürste und Fleischsuppe zu kochen. Jedes bekam davon. Das waren Leckerbissen.
Das Fleisch legte man in Saint-Luc in Salz. Dann trocknete man es im Speicher und ass noch im August davon. Man musste es allerdings lange kauen, weil es so hart war … Hie und da hatte das Fleisch auch zèchè, Fleischmilben, die man dann in den Fettaugen der Suppe entdeckte. Jedermann kannte das. Das Einsalzen dauerte übrigens acht Tage.
In meiner Kindheit haben wie nie Fleisch gekauft. Es ist uns nie ausgegangen, obschon wir täglich, ausser Freitag, davon assen.
Das Brot hielten wir sehr in Ehren. Man segnete es, bevor man es anschnitt. Brot durfte man nie mit der Unterseite nach oben auf den Tisch legen.
Unsere Familie besass eine oder zwei Kühe, deren Milch wir an die Hotels verkauften. Wir mussten die èhöèintsè, wie man sie nannte, oft hüten. Das war allerdings vor allem die Aufgabe von Hubert, der auf der Alp den Käse herstellte. Ich wurde dazu bestimmt, mit Papa auf dem Feld zu arbeiten. Ich war robust und arbeitete in den Reben, mähte die Wiesen, führte das Maultier – Papa war stolz auf mich.
Mit dem Grösserwerden übernahm ich mehr und mehr schwere Arbeiten, Männerarbeiten. Von klein auf mussten wir in den Äckern die Erde hinauftragen. Im Val d’Anniviers sind die bebauten Landstücke so steil, dass man regelmässig die Erde vom unteren Ende des Ackers an den oberen Rand hinauftragen musste. Die Kinder trugen so viel sie konnten, eine, zwei, drei Schaufeln voll. Wir waren immer stolz, wenn wir möglichst viel tragen konnten, auch wenn uns oben vor Anstrengung die Zunge heraushing. Papa war sehr lieb, er jagte oder drängte uns nie. Wie man im Dialekt sagt: Fé gotta, gotta, fé la motta … goutte à goutte on fait la tomme: – Steter Tropfen höhlt den Stein.
1950er-Jahre, Klewenalp NW
Tony Ettlin, *1950
—
Während meiner Schulzeit verbrachte ich zwei oder drei Sommer auf der Alp. Mein Onkel Walti, der Zwillingsbruder meiner Mutter, betrieb die Alp «Biel» auf Klewenalp oberhalb Beckenried. Die Alp hatte schon meinem Grossvater gehört. Die Alphütte war um 1950 herum erbaut worden, nachdem eine Lawine die alte Hütte verschüttet hatte. Es war ein eindrückliches Erlebnis, wenn wir zum Standort der alten Hütte gingen, wo noch Grundmauern standen und klar erkennbar war, wo die Küche, wo der Stall und wo der Wohnraum gewesen war. Die Vorstellung, dass eine Lawine über das Dach hinwegfegen und alles mitreissen und unter sich begraben könnte, während ich in der Hütte wäre, jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Oft fragte ich Onkel Walti, ob denn die neue Hütte wirklich an einem sicheren Ort stehe. Seine Erklärungen, warum man die Hütte eine halbe Stunde weiter vorne auf einem offenen Plateau und nicht mehr in diesem Tal baute, beruhigten mich. Allerdings stand in der Nähe der Ruine unserer alten Hütte eine weitere Alphütte, die aus meiner kindlichen Sicht genauso gefährdet war. Wenn wir diese besuchten, war mir nie ganz wohl. Ich erwartete das Donnern der Lawine, die uns unter sich begraben würde, auch wenn es mitten im Sommer war.
Onkel Walti war ein wortkarger, gutmütiger, aber auch etwas verschrobener Dickkopf. Ich glaube, er haderte ständig mit seinem Schicksal und genoss die Arbeit auf der Alp nur halbherzig, obwohl er oft beteuerte, dass er nichts anderes lieber machen würde. Er kämpfte um seinen Platz als Älpler, wenn einer seiner Brüder ihm diesen streitig machen wollte. Aber im Alpalltag wirkte er meistens missmutig und verschlossen, und das irritierte mich als Knirps. Ich wusste nie, ob ich der Grund für seine schlechte, brummelige Laune war. Wenn es vorkam, dass mir ein Missgeschick passierte und ich einen Eimer voll Milch verschüttete, fluchte er kurz, mahnte mich zu mehr Vorsicht und zog sich dann in sein trotziges Schweigen zurück. Ich konnte nicht abschätzen, wann der Zorn über meine Ungeschicklichkeit und die verlorene Milch verraucht war, da sich sein Gemütsausdruck nicht von dem gewohnten Anblick unterschied.
So richtete ich mich in meiner eigenen schweigsamen Welt ein, machte die mir aufgetragene Arbeit, trottete hinter Walti her, half ihm beim Melken, Hagen, Wiesen ausbessern, Steine zusammentragen, Rinder beobachten und heuen an den abschüssigen Hängen des Schwalmis. Tage vergingen, ohne dass wir ein Wort sprachen. Oft beschränkte sich unsere Konversation auf Befehle zu Handreichungen, wie: «Gib mir den Hammer!» – «sʼVreni muss noch gemolken werden.» – «Leg ein paar Scheite ins Feuer!»
Die wenigen Gespräche, an die ich mich erinnern kann, fanden am Abend am Tisch statt. Ich sehe uns beide am massiven Holztisch, der von Schnitten, Brandspuren und Einschlägen gezeichnet war, einander gegenübersitzen, ich auf der Bank an der Wand, Walti auf einem wackligen, selbstgebauten Stuhl. Wir löffelten die Suppe, kauten an einem Stück wochenaltem Brot und blickten vor uns auf den Tisch. Walti fragte mich nach der Schule, ob ich gut mitkäme, was ich denn so lerne, wie die Lehrerin sei. Ich antwortete stockend, froh, dass wir sprachen, aber zu schüchtern, um wirklich von mir zu erzählen. Nach einigen Minuten gingen Walti die Fragen aus, und ich wagte nicht, die meinen zu stellen. Das Gespräch brach ab und wir versanken in unser gemeinsames Schweigen, jeder in seiner Welt, aus der er ausbrechen wollte. Wir suchten nach einem neuen Anfang, aber die Gespräche fanden nur in unseren Köpfen statt. Es schien nichts wichtig genug, um gesagt zu werden.
Ich fühlte mich einsam und unverstanden und war froh, wenn ich allein mit den Geissen, die mir anvertraut waren, auf den Alpweiden herumziehen konnte. Am Abend trieb ich sie zurück in den Stall oder in die Nähe und melkte sie. Das war für mich ein sinnliches Erlebnis.
Ich setzte mich auf dem einbeinigen Hocker, der mit einem Ledergurt um meine Hüfte befestigt war, hinter die Ziege. Ziegen wurden im Gegensatz zu den Kühen von hinten gemolken. Warum weiss ich auch nicht. Walti hatte es mich so gelehrt. Ich hakte mit einem Bein an einem Hinterbein der Ziege ein, damit sie nicht davonlaufen konnte, und griff nach den Zitzen. Die prallgefüllten Zitzen oder «Striche», wie wir sie nannten, lagen warm in meiner Hand. In diesem Alter hatte ich noch keine erotischen Fantasien. Ich fand einfach diese warme, weiche Haut und pralle, runde Form sinnlich. Ich begann die Striche zu massieren, und nach ein paar Bewegungen mit zunehmendem Druck spritzte der erste Strahl in den Eimer. Das zischende Geräusch, das der Strahl beim Aufprall auf das Metall machte, wurde zu einem dumpfen Rauschen, während sich der Kessel füllte und das Euter sich leerte.
Die Ziegenmilch tranken wir selber. Die Kuhmilch verarbeiteten wir zu Butter oder in den ersten Jahren noch zu Käse. Später wurde dann die Käseproduktion in einer Hütte zusammengelegt, und wir trugen die Milch in grossen «Bränten» ungefähr eine halbe Stunde weit, lieferten sie in der Milchhütte ab und schauten dem Käser genau auf die Finger, wenn er in dem abgegriffenen Schulheft die mit einem Holzstab gemessene Menge eintrug.
In der Milchhütte erlebte ich Walti gesprächiger. Er tauschte mit den andern Älplern Neuigkeiten aus. Meistens ging es ums Wetter oder um ein Rind, das erkrankt war oder sich an einen gefährlichen, abschüssigen Ort verstiegen hatte. In diesen Gesprächen kam die Zuneigung zu den Tieren und die Besorgtheit für das Wohl der Herde zum Ausdruck. Die Älpler waren sich der Verantwortung für die ihnen anvertrauten Tiere bewusst und hätten ihr Leben riskiert, um ein Rind von einem steilen Felsband herunterzuholen. Ab und zu sprachen sie auch über Ereignisse in der Welt draussen. Einige hatten einen kleinen Transistorradio in ihrer Hütte. Wir hatten auch einen. Er wurde aber nur am Abend um 19.30 Uhr für die Nachrichten eingeschaltet. Wir sassen mit geneigten Köpfen am Tisch und hörten die trockene Stimme des Nachrichtensprechers von Radio Beromünster. Nach dem Wetterbericht schaltete Walti den Radio wieder aus, um die Batterien zu schonen. Die Gespräche zwischen den Älplern bestanden nur aus kurzen, oft nur halben Sätzen. Einer sprach etwas an, was er am Radio gehört hatte, und sobald er merkte, dass die andern informiert waren, weil sie auch Radio Beromünster gehört hatten, brach er mitten im Satz ab, und alle schwiegen, als ob sie keine Worte verschwenden wollten über etwas, was alle schon wussten. Das Gespräch zur Meinungsbildung oder zum Austausch unterschiedlicher Standpunkte schien den Älplern nicht vertraut. Wozu sollten sie sich eine Meinung bilden über das, was weit draussen in der Welt geschah und sie hier oben auf der Alp nicht betraf? Wenn ich Walti in diesen brüchigen und kargen Gesprächen erlebt hatte, empfand ich unser Schweigen danach noch bedrückender. Ich hatte den Eindruck, es liege an mir. Ich war offensichtlich kein interessanter oder gleichwertiger Gesprächspartner. Zu meiner Einsamkeit kam so noch ein diffuses Schuldgefühl. Ich hielt diese langen Tage nur aus, weil mir die Arbeit gefiel und ich spürte, dass ich nützlich war. Das versöhnte mich mit Walti. Er war froh, dass er die Geissen mir überlassen konnte. Er war auch dankbar, dass ich ihn auf den Melktouren am frühen Morgen begleitete, auch wenn «danke» nicht zu seinem Wortschatz gehörte.
Wir zogen im Morgengrauen mit Kessel, Bränte und Melkstuhl beladen los. In der freien Hand führten wir einen groben Gehstock, der uns im ruppigen Gelände etwas Halt gab. Schweigend stiegen wir über die mit Kuhwegen durchzogenen Hänge hinauf, Tritt für Tritt, in uns versunken, ab und zu einen kurzen Blick auf das Licht werfend, das am Himmel hinter dem Schwalmis aufschien und die Sonne ankündigte. Wir wussten, wo wir die Herde antreffen würden. Die Kühe wussten, wo wir sie suchen würden. Es gab keinen Grund, einander aus dem Weg zu gehen. Wir wollten die Kühe melken, die Kühe wollten gemolken werden.
Sie erwarteten uns am vereinbarten Ort und begrüssten uns mit vertrautem Muhen. Wir stellten die Bränte an einem flachen Ort ab. Es war immer derselbe Ort, wo sich eine Mulde gebildet hatte, in die die gekrümmte Form der Bränte passte und wo ein paar Steine zum Abstützen herumlagen. Wir gingen auf die Kühe zu und machten uns an die Arbeit. Die Kühe mussten nicht angebunden werden. Sie liessen sich geduldig melken und wussten, dass ihnen das Erleichterung verschaffte. Meine Aufgabe war das «Hanteln» oder Vormelken. Ich bearbeitete die Striche, bis sie sich mit Milch gefüllt hatten. Sobald der erste Strahl herausspritzte, war mein Werk getan. Die Kuh war für Waltis kräftigeren Hände vorbereitet. Ich stellte ihm den Eimer hin, und während er molk, begann ich die nächste Kuh vorzubereiten. So arbeiteten wir Hand in Hand, und das Einzige, was sich in das Muhen der Kühe, das Glockengebimmel und die Geräusche des Windes mischte, war ein kurzes «He da!», wenn eine Kuh einen Schritt tat oder einem von uns mit dem Schwanz ins Gesicht schlug, und das regelmässige Zischen des Milchstrahls.
Die Bränte füllte sich, Walti verschloss sie mit dem Holzdeckel, der satt sass und mit ein paar harten Schlägen mit dem Handballen gesichert wurde. Er musste tief in die Hocke gehen, um die Tragriemen aus Leder über die Arme auf die Schultern ziehen zu können. Mit dem Rücken an die Bränte gelehnt, fasste er Stand und stemmte die Bränte mit ca. fünfzig Litern Milch in die Höhe. Mit einem leichten Ruck schob er die Riemen und das Gewicht an den richtigen Ort und machte sich in bedächtigem, gebeugtem Schritt auf den Weg zur Hütte. Ich sammelte die andern Gerätschaften ein, packte meinen Stock und folgte Walti über die holprigen und steinigen Weiden. Aus den Eimern stieg mir der Geruch der frischen Milch in die Nase. Ich hatte meine Rolle, war nützlich, und in der Hütte würde es ein einfaches, gutes Frühstück geben.
Während Walti die Milch im Kühlhaus in einen Steintrog mit kaltem Wasser stellte und die Eimer ausspülte, setzte ich eine verbeulte Pfanne, die innen silbrig blankgeputzt und aussen mit einer Russschicht bedeckt war, auf den Herd. Ich fischte mit einem eisernen Haken die Ringe aus dem Herd, die das Feuer abdeckten, wenn keine Pfanne darauf stand. Mit der richtigen Anzahl Ringe konnte das Loch der Grösse der Pfanne angepasst werden, sodass sie Halt hatte und nicht auf der Glut darunter auflag. Dann öffnete ich die Klappe zum Feuerloch und blies in die Asche. Unter der auffliegenden Aschewolke glimmte der Rest der Glut vom Vorabend auf. Schnell legte ich ein paar Holzspäne auf die Kohle, und schon bald züngelten Flammen nach den Scheiten, die ich auflegte. Ich goss Ziegenmilch in die Pfanne und begann den Tisch zu decken.
Inzwischen war Walti in die Küche gekommen, schnitt von einem unförmigen Laib dicke Scheiben ab und stellte ein Stück Käse auf den Tisch. Er hatte den handgeformten Butterballen aus dem Kühlhaus mitgebracht. In einer Zweikilobüchse stand Vierfruchtkonfitüre auf dem Tisch. Wenn die Milch zu sieden begann, schüttete ich sie in einen grauen Krug mit blauen Rändern und trug ihn in den Wohnraum. Der Duft der siedenden Ziegenmilch verbreitete Wärme im Raum, und von der Küche strahlte das Feuer aus dem Kochherd ab. Schweigend packten wir zu. Beide schmierten Butter auf die Brotscheiben. Walti schnitt sich mit dem Messer ein Stück Käse ab. Ich stocherte mit einem krummen Löffel in der Vierfruchtkonfitüre herum und schaffte es, aus den Tiefen der Konservendose eine Ladung der süssen Masse auf mein Brot zu transportieren. Die Arbeit an der frischen Luft hatte hungrig gemacht.
Ich trank die Ziegenmilch mit Ovomaltine. Meine Mutter hatte mir eine Büchse in den Rucksack gepackt. Der Schokoladengeschmack verband mich mit dem Frühstück zuhause und weckte je nach Tagesform warme, frohe Gefühle oder Heimweh. Walti rührte einen Teelöffel Nescafé in die Milch und schlürfte die Brühe genussvoll. Ausser den schmatzenden Essgeräuschen war nichts zu hören. Nur aus der Küche tönte es ähnlich. Bärri oder Bimi oder wie auch immer der Hund hiess, der uns Gesellschaft und gute Dienste beim Vieheintreiben leistete, schlürfte seine Milch und seine Brocken aus einem Blechnapf.
Häge mussten geflickt oder neu erstellt werden, Steine zu grossen Haufen oder langen Mauern zusammengetragen werden. Ich fragte mich, woher diese Steine immer wieder kamen. Irgendwann mussten doch alle Alpweiden von den Steinen befreit sein. Mir schien diese Arbeit ein Sisyphusprozess. Am liebsten war mir das Heuen an den steilen Hängen. Wegen des kargen, harten Grases, das in diesen ausgesetzten Höhen wuchs, oder vielleicht auch wegen der Verwegenheit der Älpler, hiess diese Tätigkeit «Wildiheuen».
Walti und ich stiegen mit Sense, Gabel, Rechen und ein paar «Burdi»-Netzen einem schmalen Bergweg folgend gegen den Schwalmis hinauf. Kurz bevor wir den Bergrücken erreicht hatten, legten wir unsere Gerätschaften und die Rucksäcke, die unser Mittagessen enthielten, an einem sicheren Ort ab. Der Hang war so steil, dass jeder unachtsam hingeworfene Gegenstand hinunterrollen konnte und über die darunter liegende Felswand für immer in der Tiefe verschwunden wäre.
Auch hier hatten wir eine klare Rollenteilung. Walti schnitt mit der Sense das widerspenstige Gras. Ich ging zu dem Platz, an dem er gestern oder vor zwei Tagen gemäht hatte. Mit der Gabel wendete und lockerte ich das trocknende Gras. Ich fuhr mit der Gabel über die Grasnarbe und stiess das halbdürre Gras zu einem Haufen zusammen, den ich mit Schwung in die Luft warf, sodass die Grashalme aufgelockert auf den Boden zurückfielen. Dieser Arbeitsgang hiess «Worben». Dort, wo das Heu schon trocken genug war, rechte ich es zu kleinen Wellen, sogenannten Mahden zusammen. Wenn Walti ein Stück gemäht hatte, holte er die Gabel und verteilte das Gras locker über die gemähte Fläche, sodass die Halme an der Sonne trocknen konnten. Dann legte er eines der mitgebrachten Netze am Hang aus. Er musste es am Boden befestigen, damit es nicht wegrutschte, wenn es mit Heu gefüllt wurde. Er begann, die trockenen Heumahden mit der Gabel zusammenzustossen, und trug das Bündel Heu, das er an der Gabel aufgespiesst hatte, zu dem ausgelegten Netz. Langsam wuchs ein grosser Heuhaufen. Ich war dafür zuständig, dass das Heu im Netz blieb und nicht den Hang hinunterkollerte. Ich stand unterhalb des Netzes und hob den unteren Rand so hoch in die Luft, wie ich konnte. Das war auf die Dauer recht anstrengend, denn der Druck des wachsenden Heuballens, der Burdi, wuchs. Es hing auch von mir ab, ob wir eine grosse oder nur eine mittlere Burdi ins Netz brachten. Wenn Walti sah, dass ich dem Druck nicht mehr standhalten konnte, fasste er das Netz am obern Rand und zog es um die ganze Heuladung zusammen. Während eines Tages schafften wir vier oder fünf dieser Ballen, und dazu war wieder genügend Gras gemäht und gekehrt für die nächsten Tage.
Wenn die Sonne ihren Höchststand erreicht hatte, setzten wir uns ins Gras, packten unsere Rucksäcke aus und assen unser Mittagessen. Meistens waren das eine getrocknete Wurst, ein Landjäger, Brot und ein paar gedörrte Birnen. Zur Abwechslung gab es etwas aus der Büchse, Sardinen im Öl oder in einer Tomatensauce, Corned Beef oder Fleischkäse. Wahrscheinlich war ich immer so hungrig, dass mir alles schmeckte. Wir sassen am Bord, kauten das einfache Mahl, tranken Most oder Sirupwasser und blickten auf unsere Alp hinunter, auf Beckenried, den Vierwaldstättersee und die Rigi. Ich fühlte mich erwachsen und gleichwertig.
Einmal stiess ich allerdings an meine Grenzen. Wir waren in einem besonders steilen Stück tätig, als mich die Angst packte. Meine Knie zitterten, der Hang begann sich zu drehen, drohend tat sich der Abgrund vor mir auf. Ich legte den Rechen nieder und ging langsam in die Hocke. Ich versuchte bergauf zu schauen, aber ich konnte mich vor Angst nicht mehr drehen. Jede Bewegung schien mir riskant. Ich könnte rutschen und würde den Hang hinunterkollern auf die Felswand zu, und das wäre mein Ende. Schlotternd sass ich am Boden und hielt mich an den Grasbüscheln fest.
Es ging eine Weile, bis Walti etwas merkte. Er rief: «He, was ist los?» «Ich habe Angst!», presste ich hervor.
Zu meiner Überraschung lachte Walti nicht. Er legte sofort seine Sense nieder und kam mit sicheren Schritten quer über den Steilhang zu mir, nahm mich an der Hand und führte mich zu einem weniger steilen Platz. Seine grobe Hand fühlte sich gut und sicher an. Es war eine der wenigen Körperberührungen zwischen uns. Ich liess mich führen, und die Angst verflog mit jedem Schritt. Nachdem ich einen Schluck Most getrunken und mich mit dem Hang wieder vertraut gemacht hatte, war ich wieder arbeitsfähig. Keiner von uns sprach je wieder davon.
Der Höhepunkt des Wildiheuens kam am Ende des Tages. Die Ernte konnte ins Tal gefahren werden. Zu diesem Zweck war vom Schwalmishang bis zu einem Hügel in der Nähe der Alphütte ein Drahtseil gespannt. Walti zog das weisse Burdihemd über, das ihn vor dem kratzenden Heustaub schützte, stemmte sich von unten an die Burdi, griff mit beiden Händen über den Kopf in das Netz. Ich löste oben die Befestigung, die die Burdi vor dem Wegrollen gesichert hatte und Walti hob die Burdi hoch. Er verschwand dabei fast unter dem riesigen Heuballen. Ich sah die Burdi auf zwei Beinen wegwanken und staunte über Waltis Gleichgewichtsgefühl und Orientierungsinn. Er konnte bestimmt nichts sehen ausser den Boden unter sich und schritt doch so trittsicher auf das Seil zu, als würde er einen Spaziergang im flachen Gelände machen. Ich rannte neben ihm her und half ihm beim Absetzen der Burdi.
Während ich die Burdi hielt, fädelte Walti einen Haken, an dessen oberem Ende eine gut geölte Rolle befestigt war, in das Netz ein und hob die Rolle auf das Seil. Auf Waltis Kommando liess ich die Burdi los, und von einem urchigen Jauchzer begleitet sauste sie dem Seil entlang talwärts. Das Sirren der Rolle war noch lange hörbar, während die Burdi auf ihrem Weg über das Tal kleiner und kleiner wurde. Dann schlug der Ballen am Rammbock am Ende des Seils auf. Ich stellte mir immer wieder vor, wie es wohl wäre, an so einer Rolle über das Tal zu gleiten, aber die Angst vor dem Aufprall am Prellbock hielt mich davon ab. Zudem wusste ich nicht, ob ich mich während der Fahrt, die sicher fünfzehn Sekunden im rasenden Tempo dauerte, würde halten können. Als ich einmal unten beim Rammbock stand, wollte ich die Rolle aus dem Seil aushängen. Ich verbrannte mir die Finger an der glühend heissen Rolle, was mir noch zusätzlichen Respekt vor der Burdiseilfahrt verschaffte. Ganz lassen konnte ich es aber nicht. Vom Hügel, wo der Prellbock stand, führte noch ein Seil hinüber in den Heugaden hinein. Die Strecke von etwa fünfzig Metern hatte nicht mehr so viel Gefälle, und die Burdenen schwebten gemächlich auf die Hütte zu. Dies schien mir einen Versuch wert, um das Burdi-Schwebegefühl zu erleben. Ich hängte mich also mit einem Haken an das Seil. Mit pochendem Herzen genoss ich die Fahrt. Der Boden schoss unter mir vorbei. Ich hielt mich krampfhaft am Haken fest. Mit zunehmender Geschwindigkeit raste ich auf das offene Tor zur Heubühne zu. Ich hatte die Geschwindigkeit unterschätzt und schlug so heftig auf den Heugadenboden auf, dass ich den Schwung mit den Beinen nicht auffangen konnte. Mit einem spektakulären Überschlag mit halber Drehung landete ich im hintern Teil der Heubühne und hatte Glück, dass keine Gabel herumlag und die Luke in den Stall hinunter geschlossen war. Mit ein paar Schürfungen und Prellungen hatte ich mein Abenteuer überlebt und wusste nun, wie sich eine Burdi am Seil fühlte.
1950er-Jahre, Meggen LU
Otto Scherer, *1939
—
Es schlug halb eins. Jeden Samstag dasselbe. Während Lisbeth beim Abtrocknen half, holten Peter und ich missmutig die Stahlspäne aus dem Putzkasten zuhinterst in der Speisekammer. Wir kehrten damit in die Stube zurück und begannen, das Buchenparkett zu spänen. Nicht, dass wir selber darauf gekommen wären. Die Plackerei könnte uns gestohlen bleiben. Aber der Tarif war vor etlicher Zeit ein für allemal bekannt gegeben worden. Dabei blieb es.
Nach vorn gebeugt, die Stahlspäneknäuel unter dem Fuss des Spielbeins, die Hände wie Schlittschuhläufer auf dem Rücken, ging der Tanz los. Mit dem Spielbein und rascher Beinarbeit, den Fischgrat hoch und runter, schmirgelten wir den Schmutz von den Riemen. Das Standbein schleiften wir ruckelnd hinterher.
Von links nach rechts, Drehung um neunzig Grad, von rechts nach links, Drehung, hoch und runter, hoch und runter. Wenn Tag für Tag ein halbes Dutzend Männer fünf Mal mit schwerem Nagelschuhwerk die Stube heimsuchten, vom Stall oder vom Acker kommend, bei jedem Wetter, dann blieb allerhand hängen.
Bereits nach halber Arbeit waren wir erschöpft. Es gab kein Erbarmen. Wir quälten uns dem Ende entgegen. Hinterher, wenn der Abrieb zusammengewischt war, kippte Peter nudelfertig aufs Kanapee, ich auf die Ofenbank. Beide streckten wir alle Viere von uns.
Das Auftragen der Wichse war nun Sache der Frauen, das anschliessende Polieren mit der Blochmaschine wieder Aufgabe für einen von uns beiden. Damit der andere nicht übermütig wurde, musste er inzwischen den Holzkasten füllen.
Ankeln.
Staub saugen.
Gemüse rüsten.
Fenster putzen.
Stube wischen.
Schuhe putzen.
Uhr aufziehen.
Most heraufholen.
Einkäufe besorgen.
Rabattmarken kleben.
Klosettpapier schneiden.
Das Weihwassergeschirr füllen.
Die Leintücher falten, zusammen mit Mutter.
Die Betten machen. Ausbetten. Deckbetten und Kissen zum Auslüften auf den Fenstersims legen. Unterdessen die Matratze wenden. Das Unterleintuch, das Oberleintuch und winters auch die Wolldecke allseitig säuberlich um die Matratze falten. Schön, ohne Rümpfe, wie bei einem Weihnachtspaket. Zuvor das Bett von der Wand schieben. Das Deckbett und das Kissen locker schütteln, je einmal falten, aufs Bett legen und glatt streichen. Das Bett an seinen Platz zurückstossen.
Den Nachttopf leeren.
Eier ausnehmen. Eier austragen.
Hühner einfangen.
Hühner rupfen.
Anrüsten.
Abschoren.
Futter eingeben.
Den Bahren putzen.
Den Kühen misten.
Den Mist hinausschieben.
Die Kälber tränken.
Den Stallgang wischen.
Die Pferde, die Schweine, die Kaninchen, die Hühner füttern.
Im Frühjahr Rossmist herankarren.
Den Garten umstechen.
Das Treibbeet abdecken, zudecken.
Bohnen setzen, jäten, dazwischen den Boden auflockern, begiessen.
Kartoffeln setzen, Käfer ablesen.
Die Rosse führen beim Ackern.
Beim Zweien helfen.
Äste auflesen. Und Steine.
Blacken ausstechen.
Den Gartenzaun streichen.
Maikäfer von den Bäumen schütteln, einsammeln,
dem Käfervogt bringen.
Gras rechen im Sommer.
Heuen: mähen, worben, zetteln, schöcheln, heinzen, schwarben,
zusammentun, hinaufgeben, laden, abladen.
Von den Pferden die Bremsen verscheuchen.
Kirschen ablesen, verlesen, aussteinen, austragen.
Beim Honigschleudern helfen.
Getreidegarben binden und puppen.
Das Zobig aufs Feld bringen.
Auf der Herbstweide Kühe hüten.
Kartoffelstauden verbrennen.
Mostobst, Kartoffeln, Nüsse und Kastanien auflesen.
Äpfel ablesen, auflesen, verlesen, schälen, schnitzeln.
Beim Mosten, beim Dreschen, beim Dörren, beim Güllen helfen.
Beim Ackern Steine auflesen.
Laub rechen.
Mausen.
Im Winter Holz scheiten und beigen.
Das Pferd führen beim Holz schleipfen.
Stämme abasten, entrinden.
Reisig aufschichten.
Kopfweiden schneiden.
Äste einsammeln.
Bürdeln.
Schnee schaufeln.
Mist zetteln.
Den Ofen einheizen.
In der Butig helfen beim Schreinern.
Beim Einzäunen helfen. Vater bohrte alle zehn Schritte mit der bleischweren, unten verdickten und zugespitzten Eisenstange ein Loch. Dazu hob er sie mit beiden Händen hoch und trieb sie bei jedem Stoss mit Nachdruck zwischen seinen gegrätschten Beinen in den Boden und kreiste und wippte damit, bevor er sie wieder anhob. Zwischendurch spuckte er sich in die Hände.
Währenddessen holte ich Pfähle vom Wagen und steckte einen in jedes vorbereitete Loch. Der Karrer kam hinterher und hieb sie – tagg, tagg, tagg – mit dem Holzschlegel fest. Er atmete mit jedem Schlag tief ein, bekam dabei einen roten Kopf und prustete die Luft geräuschvoll aus. Meier folgte mit dem Blechkessel, der mit den Isolatoren gefüllt war. Er drehte eine in jeden Pfahl. Dann ging er zurück und wuchtete einen Drahthaspel von der Wagenbrücke. Peter und Heiri folgten ihm mit dem Drahtkarren, einem zweirädrigen Fahrzeug, dessen Holzräder mit Eisen bereift waren und das eine Deichsel mit Querstange hatte. Meier spannte die Drahtrolle ein, die Buben zogen los, schritten von Pfahl zu Pfahl, während Meier den Draht durch die Isolatoren zog. Ich durfte währenddessen mit den Pferden nachfahren. Wenn ich zwischendurch einmal nichts zu tun hatte, war ich in Gedanken bei meinen Schulkameraden, die ihre Freizeit dazu benutzten, am Seeufer entlang und durch die Wälder und Bachtobel zu streifen.
Das schöne Sommerwetter war selten die reine Freude. Während unsere Schulkameraden die schulfreie Zeit für sich hatten und sich am See oder im Wald tummeln konnten, sahen wir Eiholzkinder diese Verlockungen nur von weitem. Ärgerlich war er jetzt, dieser See, dessen Anblick man nirgends entrinnen konnte. Er spiegelte uns Musse und Kühle vor, die uns unerreichbar waren.
«Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen», sagte der Vater. Heuen hiess das, heuen und nochmals heuen. Dazu brauchte es jeden.
Es gab kaum eine Arbeit, die nicht auch von Kindern getan werden konnte: worbe, verzettle, wände, wälmle, schöchle oder heinze, vertue, zämetue, lade, räche, ablade. Nur das Mähen, Ufegable und Nachefahre mit den Pferden besorgten ausschliesslich die Männer; es war zu gefährlich. Jeden Sommer wurden Unfälle aus der Zeitung zitiert. Im Hinterland sei einem mit der Gabel ein Auge ausgestochen worden. Ein anderer sei wegen eines Schnittes mit der Sense ins Bein beinahe verblutet. Im Entlebuch sei ein Heuwagen ausser Kontrolle geraten und in ein Tobel gestürzt.
Auch der Kleinste wurde eingespannt. Er machte mit der Korbflasche und einem Blechchachali mit Most oder Wasser die Runde, oder er verscheuchte mit einem Haselbüschel die lästigen Bremsen, die sich an den Hälsen und Bäuchen der Pferde festgesaugt hatten. Dabei musste er aufpassen, dass er nicht von den Hufen erwischt wurde, die unablässig ausschlugen, um sich der Quälgeister zu entledigen. War das eine Plackerei!
Wenn der Vater nach einem Blick zur Uhr am Schulhausturm verkündete: «So, mer gönd meini go Zobig näh», war die Welt mit einem Schlag wieder in Ordnung. Unter einem Baum, dessen Krone so gross war, dass neben den Heuerinnen und Heuern auch noch die Pferde im Schatten Platz fanden, machte es sich jeder auf einem Arm voll Heu bequem. Der Zobigkorb aus Weidengeflecht, mit einem weissen Tuch abgedeckt, war gefüllt mit Gläsern, Messern, Aluminiumtassen, mit in Tuch eingeschlagenem Käse, mit Broten, Zweikilolaiben, die mittendurch gebrochen werden konnten. Gläser wurden verteilt und Most aus Korbflaschen ausgeschenkt, die, wo ein Bach oder Brunnen in der Nähe war, dort kühlgestellt worden waren. Die Männer tranken alten, die Frauen und wir Kinder süssen Most. Jetzt hätte die Zeit still stehen dürfen. Jetzt war es schön und gemütlich. Jetzt wurde geplaudert und gelacht.
Nach dem Most gab es Milchkaffee aus der Blechkanne, die zum Warmhalten in ein Leinentuch eingeknüpft war, dazu Käse und Brot.
Oft waren freiwillige Helfer dabei. Der bleiche Bäckergeselle in seiner Berufsmontur zog es vor, sich ein Zobig und ein Sackgeld zu verdienen, statt den Nachmittag zu verschlafen. Der griesgrämige Schulhausabwart mochte für einmal ins Lachen einstimmen. Da sass auch der pensionierte Sekundarlehrer, drahtig, mit braun gegerbtem Gesicht und schlohweissem Haar, der seinen kleinen Bissen Brot endlos lange kaute und dabei seinen Kiefer fast so rasch bewegte, wie unsere Tretnähmaschine zu rattern vermochte. Bis er seinen Brei endlich schluckte, hatten die Buben längst ihr dickes Stück verdrückt.
Als er dann auch noch herzhaft furzte, sagte er: «Jetz esch em Tokter e Füfliber dor d’Latte gange.»
Das gab zu kichern.
Abends bei der Heimfahrt wurden zwei bis vier Wagen zusammengekoppelt. Der Karrer ging links neben den Pferden, ein Knecht als Bremser links neben dem hintersten Wagen, der Vater dirigierte von der gegenüberliegenden Strassenseite her die ungeduldigen Autofahrer an den breit ausladenden Fudern vorbei.
Oben auf dem vordersten Fuder sah man nur fröhliche Gesichter. Die Mutter, die Mägde und wir Kinder sassen ausgelassen singend und scherzend inmitten der Essenskörbe, Korbflaschen, Blechkaffeekannen. Auch der Meier sass oben bei uns. Klein, glatzköpfig und schnauzbärtig gehörte er seit über dreissig Jahren zum Inventar. Angespornt vom alten Most und mehr noch von der heiteren Gesellschaft, sang er lauthals das Lied vom Pfanneflick. Die Mägde erröteten und hielten sich beim Kichern die Hände vors Gesicht. Die Mutter sagte mit abwinkendem Zeigfinger: «He, Meier, d’Schtobe esch ned gwöscht.»
Warum sagte sie das? Das besungene Handwerk allein konnte unmöglich so reizvoll sein.
Und wer sein Handwerk gut versteht,
der leidet keine Not,
Und wer das Pfanneflicke gut versteht,
verdient sein täglich Brot.
|: Der Pfanneflick, der zieht hinaus
Und ruft sein «Pfanneflick» von Haus zu Haus. :|
Und als er kam vors Basler Tor,
eine Jungfrau stand davor.
Und als er kam vors Basler Tor,
eine Jungfrau stand davor.
|: «O Pfanneflick, komm doch herein,
es wird schon was zu flicken sein.» :|
Da gab sie ihm ein Pfännelein,
das war bedeckt mit Russ,
darinnen war ein Löchelein,
so gross wie ein Pferdefuss.
|: «O Pfanneflick, nimm dich in Acht,
dass du das Loch nicht grösser machst.» :|
Und als das Pfännlein fertig war,
das Löchlein war geflickt,
da hat sie ihm ein Silberstück
wohl in die Hand gedrückt.
|: Der Pfanneflick nimmt seinen Hut:
«Adieu Mamsell, der Flick hält gut.» :|
Und als er zog zum Tor hinaus,
da rief sie ihn zurück.
Und als er zog zum Tor hinaus,
da rief sie ihn zurück.
|: «O Pfanneflick, komm doch zurück,
denn so ein Flick hält ewig nicht.» :|
1906, Zürich
Anny Morf, *1894
—
Und dann kam der Vater eines Tages nach Hause und sagte: «So, jetzt wird es anders, ich habe eine Stelle in Albisrieden bei ‹Schäppi-Schweizer› in der Maschinenfabrik.»
«Gott sei Dank!»
Der Ausruf meiner Mutter, die in die Hände klatschte, liess mich ahnen, dass es bei uns besser werden sollte. Arbeit, Zahltag und ein ruhiger Vater waren ein Glück für uns alle.
Wir zügelten an die Dennlerstrasse in Albisrieden. Da standen zwei schöne Häuser, die der Fabrik gehörten. Sie hiessen «Gmeumli», und sie stehen heute noch. Eine Dachwohnung war frei für uns. Rings um die beiden Häuser lagen Gemüsegärten, Wiesen, eine Gärtnerei und ein Bauernhof, das «Meierisli». Es sah alles sehr schön aus. Mein Schulweg dauerte allerdings länger, eine halbe Stunde war es zu Fuss bis ins Dorf. Uns ging es gut. Vater kam über Mittag nach Hause, es waren ja keine hundert Schritte von der Fabrik bis zu uns. Wir erhielten auch ein Stück Land, das so gross war, dass wir Kartoffeln und viel Gemüse anpflanzen konnten. Die meisten Frauen in unserem Haus mussten Heimarbeit machen. Eine flocht Männerhüte aus Stroh, sogenannte «Kreissägen», die damals modern waren. Auf einem speziellen Ständer, den sie zwischen ihre Knie spannte, knüpfte sie Halm um Halm, bis der Hut seine Form hatte. Jeden Sonntagmorgen lieferte ihr Mann die Hüte in der Fabrik in Bremgarten im Aargau ab. Die Strohflechterei war dort weit verbreitet. Es war ein schönes Bündel, das er trug, gross, aber leicht. Mit einem Franken zwanzig bis einem Franken fünfzig Rappen kam er heim, das war der Lohn für eine Woche Heimarbeit. Für einen Hut bekam die Frau zehn Rappen. Auch wir Kinder machten alles mögliche, um ein paar Rappen zu verdienen. Jeden Herbst wanderten wir auf den «Stadtmist». Es gab damals noch keine Kehrichtverbrennung. Der Abfall wurde aufgeschichtet und im Spätherbst mit grossen Wagen auf die Felder geführt. Die Bauern pflügten dann den Stadtmist unter die Erde. Wenn der Mist auf den Feldern ausgebreitet war, gingen wir Kinder mit Säcken und Körben, manchmal mit dem Wagen, auf die Suche nach Brauchbarem. Da fanden wir Knochen, Eisenabfälle oder Blech, und das konnten wir dann in der «Lumpi» verkaufen. Für ein Kilo Knochen bekamen wir zwei Rappen, für das Metall anderthalb Rappen. Und das ergab dann manchmal doch etwa fünfzig Rappen, für uns ein Vermögen. In der kalten Jahreszeit hatte es im Stadtmist auch Kohlen. Die sammelten wir, damit wir wenigstens am Sonntag eine warme Stube hatten. Hinter der Fabrik lag immer ein Haufen Eisenabfälle vom Fräsen. Auch den durchsuchten wir, aber das war eigentlich verboten. Am meisten brauchbare Abfälle fanden wir bei Schlechtwetter. Die Arbeiter wollten nicht so lange draussen stehen, leerten die Karren schneller aus, und kein Vorarbeiter kam nachschauen. Dann lag manchmal ein Extrastück im Abfall, und ich merkte wohl, dass das uns galt. Ein mitleidiger Arbeiter hatte es für uns hingelegt. Unsere Wohnung gehörte der Fabrik. Jedem Bewohner der Fabrikhäuser stand so viel Land zur Verfügung, als er bebauen konnte. Wir pflanzten Kartoffeln und Gemüse. Ich setzte Hyazinthen in ein kleines Beet. Auch im Frühling 1906 blühten meine Hyazinthen. «In vier Wochen können wir die ersten Erbsen essen», meinte meine Mutter. Bevor aber die erste Woche vorbei war, kam mein Vater heim und sagte: «Der Streik ist beschlossen! Morgen muss ich schon um fünf Uhr Streikposten stehen.»
«Was ist das, Vater?», fragten wir.
«Wir müssen sehen, dass keine anderen Arbeiter in die Fabrik hineingehen. Wir wollen mehr Lohn, damit wir euch Schuhe kaufen können, wenn der Winter kommt.»
Das leuchtete mir ein. Den ganzen Sommer trug ich keine Schuhe, und wenn der erste Schnee fiel, rannte ich meist barfuss von der Schule heim. Ein paar Tage konnte ich dann nicht in die Schule. Meine Mutter musste mir zuerst ein Paar Schuhe kaufen. Die taten immer sehr weh, und meine Füsse schwollen an. Wenn der Frühling kam, waren die Schuhe schon durchlöchert. Die Streikenden forderten den Neunstundentag und wollten zwei Rappen mehr Stundenlohn. Das hätte gerade einen Liter mehr Milch im Tag gegeben. Achtzehn Rappen mussten wir den Bauern bezahlen. Mein Vater verdiente damals zwei Franken fünfundsiebzig im Tag. Die Fabrikherren wollten aber den Lohn nicht erhöhen, darum traten die Arbeiter in den Streik.
Der grösste Teil der Belegschaft ging nicht arbeiten. Streikposten standen schon frühmorgens vor dem Fabriktor von «Schäppi-Schweizer». Wenn einer doch hinein wollte, wurde ihm der Weg versperrt. Wenig später streikten auch die Arbeiter der Automobilfabrik «Arbenz», die nur einige Meter von uns entfernt war. Die Polizei kontrollierte die Strasse. Erst da erfuhren wir, dass unsere Strasse eine Privatstrasse sei, und wer nichts zu tun hatte dort, durfte weder stehenbleiben noch durchfahren. So wurde unserem Bäcker verboten, mit seinem Wagen vor unsere Häuser zu fahren. Erst als wir an jenem Tag kein Brot bekamen, hörten wir von dieser Massnahme der Fabrikleitung. In der Nähe des Restaurants «Hubertus» holten wir dann das Brot ab. Bei «Arbenz» wurden Streikbrecher eingesetzt. Die riefen Emmy und mich manchmal zu sich. Wir mussten für sie Bier und Cervelats holen und bekamen einen Fünfer dafür. Eines Tages kam ein Korporal und sagte: «Kinder, streikt euer Vater auch?» – «Ja», antworteten wir. «Dann müsst ihr für diese Männer kein Bier holen, das sind Streikbrecher, die sind gegen euren Vater.» Von da an mussten sie ihr Bier selber holen. Der Korporal war, wie ich Jahre danach erfuhr, Jacques Schmid, der spätere sozialdemokratische Regierungsrat von Solothurn.
Die Bauern des Dorfes konnten nicht begreifen, dass die Arbeiter einfach so nicht mehr arbeiteten, und gingen mit Heugabeln auf sie los. Meine Mutter musste manchen verletzten Arbeiter pflegen, bis Fritz Brupbacher, der Arbeiterarzt aus Aussersihl, kam. Polizisten und Militär wurden eingesetzt. Die Dragoner überquerten hoch zu Ross die Gemüsegärten. Die Hufe der Pferde schleuderten die Setzlinge weit in die Luft. Der Rest wurde in den Boden gestampft. An unseren Häusern kamen sie nicht vorbei, und unser Garten blieb verschont.
Eines Morgens kam der Fabrikdirektor und sagte meiner Mutter, dass sie bis Mittag die Wohnung räumen müsse.
«Da haben Sie es schriftlich. Unterzeichnen Sie hier! Die Wohnung gehört der Fabrik, und Arbeiter, die streiken, können wir nicht in unserer Wohnung dulden.»
Dann ging er die Treppe hinunter, und zu einem Streikbrecher sagte er: «Dort, jener Garten gehört Ihnen.»
Wir Kinder weinten. Meine Mutter nahm uns bei den Händen und ging mit uns in den Garten. «So, zieht alles schön heraus, was im Boden ist, und legt alles in den Karren.» Da waren Karotten und Erbsen, die wir in vier Wochen hätten essen können, Kartoffelstauden, Bohnen, Lauch, Kohl und Randen. «Warum machst du das, Mutter?», fragte ich. «Wer nicht gesät hat, soll auch nicht ernten. Das ist ein Streikbrecher, der in unsere Wohnung kommen soll. Wäre das gerecht, wenn der Vater ihm hülfe, einen besseren Lohn und kürzere Arbeitszeit zu bekommen, und ich ihm einen Garten anpflanzen würde, damit er nur nehmen könnte?»
«Sind Sie verrückt geworden?», schrie der Fabrikdirektor meine Mutter an. «Machen Sie, dass Sie aus dem Garten kommen!»
«Schnell, schnell, Kinder», feuerte uns die Mutter an. «Alles, alles muss aus dem Boden!»
Ich stand an meinem Blumenbeet und weinte. «Nimm die Hyazinthen zu dir, die blühen auch in einem Topf, wenn wir keinen Garten mehr haben.»
Dann schleppten Männer unsere Möbel aus dem Haus. Vier Tage wohnten wir auf der Strasse. Zum Glück waren es heisse Sommernächte. Arbeiter von der Gewerkschaft suchten uns eine neue Wohnung, und so kamen wir nach Altstetten in die Arbeitersiedlung «Wehrlischloss». Der Vater war danach fast ein Jahr arbeitslos. Ich arbeitete auch in Altstetten jeden Tag zusammen mit der Mutter an den Hemden, machte die Knopflöcher und nähte die Knöpfe an. Am nächsten Morgen war ich oft sehr müde in der Schule. Ich hatte aber einen wunderbaren Lehrer. Meine Haare waren ziemlich lang, die Mutter kämmte mich jeden Tag und flocht mir Zöpfe. Mein Lehrer band manchmal meine Zöpfe um die Lehne der Schulbank. Während des Unterrichts nickte ich vor lauter Müdigkeit manchmal ein und wäre mit dem Kopf auf dem Tisch gelandet, aber die Zöpfe hielten mich fest, und ich wachte wieder auf. Da musste ich oft die andern fragen: «Du, was hat jetzt der Lehrer gesagt?», und darum hiess es in meinen Zeugnissen beim Betragen oft «schwatzhaft».
Vielen Kindern aus meiner Klasse ging es ähnlich, die meisten Mütter mussten arbeiten, und die Kinder halfen mit. Der Lehrer kannte meine Familienverhältnisse gut. Er hatte selbst fünf Kinder, und auch seine Frau musste Heimarbeit machen. Damals waren die Lehrer in den Aussengemeinden nicht gut bezahlt.
Um 1930, Obfelden ZH
Fritz Bär, *1919
—
Im gleichen Sommer hatte ich meinen ersten Job. Keiner, der viel Geld einbrachte, dafür aber gutes Essen. Die Bauern hatten noch wenig mechanische Hilfsmittel, das meiste musste von Hand getan werden. So auch das Abladen des Heus und dessen Verteilen auf dem Boden. Frisches Heu hat ein sehr grosses Volumen, setzt sich schlecht, und der Stock wächst rasch in die Höhe. Um das zu verhindern, musste gestampft werden. Es brauchte also Leute, die solche Arbeiten verrichteten. Das mussten ja keine erwachsenen Männer oder Frauen sein, die waren anderswo nötiger. Ich hatte schon gesehen, dass Schulkinder auf dem Heuboden standen, also wollte ich es auch versuchen. Am späteren Nachmittag, als die Pferde die ersten Fuder in die Scheune zogen, lungerte ich beim grossen Scheunentor herum. Wie so oft auch bei anderen Dingen, getraute ich mich auch jetzt nicht zu fragen. Die einzige Hoffnung war, dass der Bauer, der mich gut kannte, von sich aus darauf kommen würde, was ich wollte.
Am ersten Tag klappte es noch nicht, ich musste es am nächsten noch einmal versuchen. Dann hatte ich Glück. «Willst du Heu stampfen?», wurde ich gefragt. Ja sagen und nach oben klettern war eins. Der Bauer warf das Heu mit der Gabel auf den Boden, dort stand ein Knecht und verteilte es gleichmässig. Immer da, wo ein Haufen Heu hinflog, sprang ich darauf und stampfte fleissig. Ob ich eine grosse Wirkung erzielte, weiss ich nicht. Heute scheint mir, ich sei dazu doch noch etwas leicht gewesen. Was tat es, schwitzen musste ich gleichwohl, der Heustaub biss am ganzen Körper, und mein Herz klopfte vor Anstrengung schneller. Als das letzte Heu abgeladen war, sagte der Bauer: «Fritzli, geh in den Stall und warte dort, bis der Melker fertig ist. Dann kommt ihr zusammen ins Haus.»
Auf diese Einladung hatte ich gewartet, wegen der nahm ich doch den ganzen Chrampf in Kauf. Ins Haus gehen bedeutete, sich mit den Bauersleuten an den Tisch zu setzen. Der Melker war noch an der Arbeit. So schnell konnte er nicht fertig sein, standen doch etwa zwölf Kühe im Stall. Ich schaute ihm interessiert zu, besonders, wenn er eine Kuh ausgemolken hatte und die Milch durch ein Sieb in die Bränte goss. Der zurückgebliebene Schaum wurde in einen grossen Teller geleert, auf den bei der Stalltüre ein paar Katzen warteten.
Ich hatte gehofft, ins Haus gehen zu können, sobald die Melkerei zu Ende sei, aber die Milch musste zuerst noch in die Hütte gebracht werden. Der Melker lud die vollen Milchkannen auf den Wagen, spannte das Ross ein und fuhr weg. Erst nach seiner Rückkehr und nachdem Ross und Wagen versorgt waren, konnten wir zusammen ins Haus gehen. In der grossen Wohnküche hatte die Bäuerin den Tisch schon gedeckt, und nachdem alles Platz genommen hatte, wurde aufgetischt. Es gab Rösti und Apfelstückli. Das war noch nichts Besonderes; das Besondere war der Schinken auf einem Holzbrett, ein grosses Messer daneben. Zuerst verteilte die Bäuerin die Rösti, gab jedem in eine kleine Schale Apfelstückli, und dann schnitt sie vom Schinken dicke, saftige Scheiben ab. Wenn es zu Hause etwas zu verteilen gab, bekamen die Eltern und die grösseren Geschwister immer ein bisschen mehr. Hier bei den Bauersleuten gab es keine Unterschiede.
Nun hatte ich aber ein Problem. Ich hatte keine Ahnung, in welche Hand man die Gabel und das Messer nahm. Daheim hatten wir immer nur eine Gabel oder einen Löffel in der Faust. Als die Bäuerin mein ungeschicktes Hantieren sah, nahm sie meinen Teller und schnitt den Schinken in kleine Stücke. Etwas hat mich dabei aber sehr gereut: Um das Geräuchte hatte es eine dicke, fette braune Speckschicht, wie eine Rinde. Die schnitt die Frau ringsum ab und verfütterte sie den beiden Katzen, die schon lange gebettelt hatten. Wie gerne hätte ich dieses Katzenfutter selber gegessen!
Es war schon beinahe Nacht, als ich nach Hause kam. Meine Mutter hatte sich Sorgen gemacht, wo ich sein könnte. Meine Ausflüge mit dem Regenschirm waren noch nicht vergessen. «In Zukunft sagst du, wo du hingehst», wurde ich ermahnt, aber dann waren doch alle neugierig darauf zu erfahren, wo ich war, was ich getan hatte, und vor allem, was es bei den Bauersleuten zum Nachtessen gegeben hatte. Nach gut einer Woche war das ganze Heu eingebracht, und ich sass am Abend wieder zu Hause am Tisch.
Nach dieser Heuernte war es mit meiner Heustampferei auch schon vorbei. Im nächsten Frühjahr, nach Ostern, war es an mir, Rosi als Zeitungsverträgerin abzulösen. Ich würde also nie vor sechs Uhr abends nach Hause kommen; viel zu spät, um mich vom Bauern wieder anstellen zu lassen. Ich fand einen neuen Job, allerdings erst etwa ein Jahr später. Ich will die Geschichte aber jetzt schon erzählen, weil sie so gut zu meiner vorherigen passt.
Ich ging schon in die dritte Schulklasse, als unter uns Knaben davon gesprochen wurde, dass der Kirchensigrist einen starken Burschen suchte, der immer am Samstagabend beim Glockengeläute helfen könne. In unserem Kirchturm hingen vier Glocken. Mit denen wurde an jedem Wochenende während zwanzig Minuten das Ende der sechs Arbeitstage ausgeläutet und allen Leuten in Erinnerung gerufen, dass morgen Sonntag, der Tag des Herrn, sei. Die Kirche in Obfelden stand so gut in der Mitte der Gemeinde, dass ihr Geläut in jedem Orte und in jedem Haus zu hören war.
Es ist schwer, das Gefühl zu beschreiben, das Menschenherzen ergreifen kann, wenn über dem Land die Abendglocken erklingen, die Frieden und Geborgenheit, Ruhe und auch Dankbarkeit verkünden. An solches dachte ich aber nicht, als ich an einem Samstagabend sehr früh schon vor der Kirche auf den Sigrist wartete. Diesmal lungerte ich nicht herum wie bei meinem früheren Wunsch zum Heustampfen; diesmal stand ich am richtigen Ort, beim Seiteneingang neben dem grossen Kirchenportal, der in den Glockenturm führte. Es klappte ausgezeichnet, der Sigrist sah mich schon, als er den Weg hinauf um den Rank kam. Bei mir angekommen, blieb er einen Moment stehen, schaute mich an und fragte: «Bist du der neue Helfer?» Ich konnte noch immer nicht richtig antworten; dafür nickte ich mit dem Kopf umso heftiger.
Der Sigrist, der mit noch drei anderen Männern gekommen war, öffnete die kleine Türe, und zusammen stiegen wir die hölzernen Treppen hoch, bis zum Seilboden. Von dort aus konnte man über dem Gebälk die vier Glocken hängen sehen. Von jeder baumelte ein starker Strick herab, der unten einen dicken Knoten hatte. Ich bekam die kleinste Glocke zum Läuten. Vor Aufregung wollte ich schon meinen Strick in die Hand nehmen. Der Sigrist nahm ihn mir aber aus der Hand und meinte, zuerst müssten mir ein paar wichtige Dinge erklärt werden: «Das Seil», sagte er, «muss immer angespannt sein, die Hände müssen mit dem Seil mitgehen, und das Ziehen muss gleichmässig erfolgen. Nie, aber auch gar nie, darf das Seil um den Körper gewunden werden; das könnte einen schweren Unfall verursachen.» Ich weiss nicht, ob ich alles richtig verstanden hatte; meine Gedanken waren schon viel weiter, beim Dröhnen, das nun bald oben im Glockenstuhl losgehen würde. Es musste nun noch der Sechsuhrschlag abgewartet werden. Auf die Minute genau schlug es zuerst vier Mal «bim-bam», dann ertönten von der grossen Glocke die sechs schweren, dumpfen Schläge.
Kaum war der sechste erklungen, sagte der Sigrist: «Also los, es ist Zeit.» Ja, und dann kam meine grosse Stunde: Ich durfte mit der kleinsten Glocke beginnen, aber leider noch nicht ganz alleine. Jeder der drei Männer hatte einen Strick in die Hand genommen, den meinen hielt neben mir auch noch der Sigrist. Und der tat die ersten Züge. Erst als das bimmelnde Glöcklein mein Seil in die Höhe zog und ich es ohne jeden Ruck wieder nach unten ziehen konnte, durfte ich alleine läuten. Dann schaute der Sigrist zu den anderen Glöcknern, die einer nach dem andern ihre Glocke zum Schwingen brachten. Jetzt war über uns ein Dröhnen, das den Kirchturm erbeben liess und jeden anderen Laut erstickte. Es waren auch keine Worte nötig, alle waren auf ihre Arbeit konzentriert und wussten genau, was zu tun war. Nur ich wurde etwas übereifrig; ich wollte doch zeigen, dass ich stark genug sei, um mit den anderen mitzuhalten. Der Sigrist war nach draussen gegangen, kam aber nach einer Weile zurück und schrie mir ins Ohr: «Nicht so fest ziehen, Fritzli, man hört ja fast nur noch dein kleines Glöckchen.»
Als die zwanzig Minuten vorbei waren, kam das Ausläuten. In der umgekehrten Reihenfolge als beim Einläuten wurden die einzelnen Glocken zum Verstummen gebracht. Eine Glocke anzuhalten, das war gar nicht so einfach. Jetzt musste das Seil jedesmal gebremst werden, wenn es nach oben gezogen wurde. Erst wenn das Geläute anfing leiser zu werden, erfolgte das vollständige Anhalten, indem das ganze Körpergewicht eingesetzt wurde. Gerade beim Abbremsen war es streng untersagt, ein Seil um den Körper zu schlingen. Der Schwung und das Gewicht der Glocke hätten einen Mann nach oben reissen und verletzen können.
Als auch meine Glocke ganz verstummte, war im Turm eine seltsame, fast unheimliche Stille. Der Kirchturm bebte zwar noch immer ein wenig, und in unseren Ohren klang es noch lange weiter, aber sonst war nichts mehr zu hören, und niemand sprach auch nur ein Wort. Es schien mir eine Andacht ohne Pfarrer und Gebet zu sein. Das Stampfen der schweren Schuhe auf der Holztreppe war dann wie eine Erlösung und für mich das Wissen, dass es jetzt zum Nachtessen gehen würde. Auch hier hatte die Bäuerin den Tisch bereits gedeckt.
Der Sigrist war im Hauptberuf Bauer und beschäftigte auf seinem Hof einen Knecht und eine Magd. Beide setzten sich zu uns, so dass mit den Männern aus dem Glockenturm eine recht grosse Tafelrunde beisammen war. Für so viele Leute wurde nicht gekocht, dafür gab es Brot, Butter, Wurst und Käse. Nehmen konnte man, soviel man mochte, und das war für mich das Wichtigste. Bis zu unserem Auszug aus Bickwil habe ich jeden Samstag meine kleine Glocke geläutet, und das ist eine der schönsten Erinnerungen an die Kinderjahre auf dem Lande.
1947, Lausanne VD
Anne Cuneo, *1936
—
Es war Anfang Dezember – nichts Besonderes, dass die Bäcker Biscômes anpriesen. Was mich innehalten liess, war das Aushängeschild selber. Ein sorgfältig ausgearbeitetes Schild, von Schülerhand sauber beschriftet und mit Bildern aus der Zeit vor dreissig Jahren verziert. Das Ganze war auf einen ursprünglich weissen, inzwischen aber vergilbten Karton aufgezogen und geschrieben.
Ich blieb trotz scharfer Bise gute fünf Minuten lang am Schaufenster kleben. Dieses Schild … Dieses Schild … Weshalb …?
Und plötzlich sah ich es. Dieses Aushängeschild hatte ich selber gemacht.
Schlagartig kam mir alles in den Sinn.
Ich begriff, weshalb mein Gedächtnis mich im Stich gelassen hatte: um mich zu schützen. Denn augenblicklich stieg in mir eine Mischung aus Leiden und Widersprüchen auf, die mir in der damaligen Zeit sicher schwer zu schaffen gemacht hatte.
Ich erlebte wieder die Hoffnung, Weihnachten würde die täglichen Widrigkeiten meines neuen Lebens zum Verschwinden bringen – als wundersames Geschenk des Himmels. Und gleichzeitig die verzweifelte Gewissheit, dass mein Elend kein Ende nehmen würde.
Ich war kaum einen Monat in der Schweiz. Die französische Sprache kam mir nur stockend und zaghaft über die Lippen. Ich war noch nicht schweizerisch gekleidet, und im kriegsverschonten Lausanne musste meine Ärmlichkeit auffallen. Ich trug einen Mantel, an dem ich ganz besonders hing, weil er meinem Vater gehört hatte. Vor zwei Jahren hatte man ihn für mich verkürzt und zurechtgemacht. Nun war er zu kurz, die Ärmel bedeckten meine Handgelenke nicht mehr. Aber es war Vaters Mantel, und ich legte keinen besonderen Wert darauf, ihn gegen einen anderen zu tauschen. Ich sehe ihn noch, blau mit einem Graustich, dunkler Samtkragen. Getragen vom kleinen Mädchen, das ich damals war, waren die Nähte geplatzt, der Stoff zerrissen und voller Flecken. Trotzdem trug ich ihn während dieses ganzen ersten Winters in Lausanne, weil ich daran hing – und auch, weil mir nie ein anderer angeboten wurde.
Meine Schuhe waren ausgetreten, meine Socken so oft geflickt, dass die gestopften Stellen bis hinauf zu den Knöcheln reichten.
Ich hatte Hunger.
Und eines Tages, auf dem Weg zur Schule, fand ich einen Franken auf dem Trottoir. Im Jahre 1947 und angesichts meines Elends war ein Franken eine hübsche Summe. Ich zögerte keine Sekunde. Das Schlimmste in meinem damaligen Leben war der Hunger: Diesen Franken würde ich verfressen.
Wie ich mich Anfang Dezember eines Nachmittags der Überwachung der Schwestern entzog, weiss ich nicht mehr. Ich beschloss, eine Bäckerei aufzusuchen, so weit entfernt wie möglich, um jede Gefahr zu vermeiden. Während einer guten Stunde irrte ich durch die Oberstadt von Lausanne, bis ich meiner kleinen Bäckerei begegnete. Sie zog mich an wegen der Biscômes im Schaufenster, erhellt von zwei Kerzen, echten Kerzen. Ich trat ein.
Eine junge Frau mit weisser Schürze und kurzem Haar trat aus dem hinteren Teil des Ladens hervor und wischte sich die Hände ab.
«Ja?»
«…»
«Was möchtest du?»
«…»
«Sprichst du Französisch?»
«… ja … ich …»
«Möchtest du etwas essen?»
Es kam mir vor, als wolle sie mir ein Almosen geben. Ich nahm meinen Franken hervor.
«Ich möchte …»
Ich weiss nicht so genau, was für ein Gesicht ich beim Anblick all der Esswaren machte, hungrig wie ich war. Später sagte mir die Bäckerin wiederholt:
«Ich werde das erste Mal, als du hereinkamst, nie vergessen. Ich glaubte, du würdest in Ohnmacht fallen.» Zweifellos machte ich dasselbe Gesicht wie alle andern hungrigen Kinder.
«Da», sagte die Bäckerin und drückte mir einen Bienenstich in die Hand, «es ist Sankt-Niklaus-Tag, und ich schenke allen meinen Kunden etwas. Setz dich dorthin und iss.»
Ich setzte mich. Andere Kunden kamen und gingen, keinem bot sie ein Gebäck an. Als ich mich erhob, meinen Franken immer noch in der Hand, sagte sie mir:
«Weisst du, du solltest dir ein Paar Wollstrümpfe kaufen. Hier ist es nicht wie in Neapel, es ist kalt bei uns.»
«Aber ich möchte noch …»
«Ich will dir sagen, was wir tun werden. Hast du eine schöne Handschrift?»
«Ja.»
«Ich brauche ein Aushängeschild für meine Biscômes und habe keine Zeit, mich darum zu kümmern. Du machst es mir, dafür gebe ich dir zu essen und bezahle deine Arbeit, und mit dem Geld kaufst du dir Strümpfe.»
Das schien mir ehrenhaft, es roch nicht allzusehr nach Almosen. Ich willigte ein. Sie setzte mich in den hinteren Teil des Ladens, ich machte einen Entwurf auf Packpapier, dann schlug ich ihr schüchtern vor, einen schönen Karton zu beschaffen und ihn mit Weihnachtsmännern und anderen Motiven zu schmücken, die an Biscômes erinnern.
«Es lohnt sich wirklich, für solche Sachen eine Künstlerin anzustellen. Mir wäre diese Idee nie gekommen.»
Einen Berliner Pfannkuchen in der Hand, war ich zur Schreibwarenhandlung gegangen. Darauf hatte ich mein ganzes Herz in dieses Schild gelegt – dreissig Jahre später ist das noch deutlich zu sehen.
Die Bäckerin hatte mich mit Esswaren vollgestopft und meine sämtlichen Taschen mit Bisquits gefüllt. Sie hatte mir angeboten, warme Strümpfe zu besorgen, die ich mir verdient hatte, und ich hatte sie dankbar angenommen.
Sie hatte mir eingeschärft, ich solle wiederkommen. Ich könne ihren Säugling hüten. Ich könne ihr weitere Aushängeschilder schreiben: «Frohe Ostern», «Muttertag» … Ihre übrigen Verwände habe ich vergessen. Jedenfalls hatte sie sehr wohl begriffen, dass ich nicht gewillt war, Almosen anzunehmen.
1940er-Jahre, Mels GR
Mädchen
—
Mit zwölf Jahren musste ich nach Mels an eine Sommerstelle. Ich konnte kein Wort Deutsch. Eine junge Frau aus unserem Dorf, die in Winterthur arbeitete, nahm mich auf die Bitte meiner Mutter hin mit. Ich machte mir keine Reisesorgen, schaute interessiert aus dem Eisenbahnfenster und verliess mich voll und ganz auf meine Reisegefährtin. In Chur stiegen wir um und fuhren weiter. Kurz vor Sargans wies sie mich an, mich zum Aussteigen bereit zu machen, und in Sargans geleitete sie mich aus dem Zug. Sie selber fuhr nach Zürich weiter.
Da stand ich nun, allein und verlassen, mitten in der Fremde und hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich zu gehen hatte. Eigentlich hätte mich ja jemand abholen sollen. Nur – die Gewissheit, dass da niemand auf mich wartete, wurde immer grösser. Schliesslich erbarmte sich ein Mädchen aus Wangs meiner. Wir machten uns auf den Weg nach Mels, zu Fuss natürlich. Dort angekommen, blieben wir vor einem grossen Haus stehen: «So, hier ist es!» Meine Begleiterin verabschiedete sich und ging. Ich nahm mein Herz in beide Hände und stieg zögernd eine lange Treppe hinauf, sah eine Glocke und läutete. Eine Frau kam heraus, staunte, schüttelte den Kopf – was sie redete, verstand ich nicht – und schickte mich auf die andere Seite des Hauses. Dort gab es keine Glocke. Auch das noch! Zaghaft rief ich: «Holla, holla.» – Nach geraumer Zeit kam jemand, und es bestätigte sich, ich war am Ziel.
Meine Aufgabe war, ein Kind zu hüten, den Peterli. Ich musste ihn versorgen und täglich spazieren führen. Ich lebte mich gut ein, es gefiel mir. Eines Tages fragte mich meine Meisterin, ob ich wisse, wo die Apotheke sei. «Ja, ja», behauptete ich und hatte einen Laden im inneren Auge, den ich auf meinen Spaziergängen mit Peterli schon ein paar Mal gesehen hatte, Optik hiess er. Die Frau gab mir einen Zettel, und ich marschierte zuversichtlich los. Als die lachenden Optikerinnen merkten, dass ich weder ortskundig noch deutschkundig war, begleitete mich eine der Brillenfrauen zur Apotheke.
Das zweite Missgeschick passierte mir beim Milchholen. Ich nahm den Peterli mit, stellte ihn vor dem Laden ab und vergass ihn. Als ich heimkam, fragte die Meisterin: «Und wo hast du den Peterli?» – Nie mehr in meinem ganzen Leben habe ich je wieder einen Peterli vor einem Laden vergessen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz schrieb ich heim: «Liebe Eltern, es geht mir gut. Heimweh habe ich, glaube ich, keins.»
1950er-Jahre, Klewenalp NW
Tony Ettlin, *1950
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Oft plagte mich das Heimweh. Ich sehnte das Ende des Sommers herbei oder mindestens den nächsten Sonntag, wenn die Hoffnung bestand, dass meine Mutter oder vielleicht sogar mein Vater zu Besuch kommen würden. Da es in der Alphütte kein Telefon gab, wussten wir nie genau, ob am Sonntag Besuch zu erwarten war. Ich setzte mich am Sonntagvormittag auf die Bank beim Kreuz und spähte mit dem Feldstecher Richtung Rötenport. Dort führte der Weg von der Bergstation der Klewenalpbahn zu unserer Hütte über eine kleine Krete, und die Wanderer auf dem Weg wurden zum ersten Mal sichtbar. Ich hielt das Fernglas auf den Übergang fixiert und wartete sehnsüchtig darauf, dass die bekannte Gestalt meiner Mutter erscheinen würde. Sobald sich etwas auf dem Weg regte, schlug mein Herz höher, aber dann sank es wieder schwer vor Enttäuschung, wenn ich die Figuren als Älpler auf dem Heimweg von der Messe in der Bergkappelle oder als Sonntagswanderer erkannte.
Wenn Mutter oder Vater bis zum Mittag nicht auftauchten, würden sie heute nicht kommen. Das waren die traurigen Sonntage. Erschienen aber plötzlich die bekannten Gestalten in meinem Feldstecher, konnte ich es kaum erwarten, bis sie die letzte Wegstrecke zurückgelegt hatten. Die Eltern winkten, als wüssten sie, dass ich auf dem Beobachtungsposten war. Ich winkte zurück, auch wenn sie mich wahrscheinlich nur als kleinen Punkt sehen konnten. Ich folgte ihnen mit dem Fernglas auf dem Weg hinunter zum Tannibiel, wo sie aus meinem Blickfeld verschwanden. Sie würden nun den letzten Aufstieg in Angriff nehmen und in einer Viertelstunde bei mir sein. Ich freute mich auf das Süsse im Rucksack und die Flasche Beckenrieder Orangenmost. Der Sonntagsbesuch meiner Eltern war ein willkommener Anlass, zu erzählen und zu zeigen, was ich die ganze Woche gemacht hatte. Ihre Bewunderung und ihr Lob entschädigten mich für die langen Tage und die wortkarge Einsamkeit mit Walti. Die Ankunft meiner Eltern erfüllte die Alphütte mit Leben. Ich war ihnen ein Stück weit entgegengelaufen und führte sie stolz auf «meine» Alphütte zu. In der Küche packten sie ihre Rucksäcke aus. Sie hatten frisches Brot und Lebensmittel mitgebracht. Sie wussten genau, was Walti und ich in unserem Haushalt brauchen konnten. Wenn etwas ausging oder fehlte, würden sie es in ein oder in zwei Wochen mitbringen. Brauchten wir in der Zwischenzeit dringend etwas, bedeutete das einen einstündigen Fussmarsch nach Klewenalp, wo es einen kleinen Laden mit dem Nötigsten gab. In seltenen Fällen musste Walti «zʼBode». Er fuhr mit der Klewenbahn nach Beckenried, kaufte alles ein, was er brauchte, und kehrte wieder auf die Alp zurück. Das geschah aber höchstens einmal im Sommer. Sonst blieb er die ganze Zeit auf der Alp und lebte von dem, was da war. Meine Augen glänzten, wenn mein Vater und meine Mutter die Rucksäcke auspackten. Was sie mitbrachten, versprach Abwechslung im Speisezettel und kleine Leckereien für zwischendurch. Vor allem aber stellten die feinen Nussgipfel, Birnweggen oder Schnecken die Verbindung zur Bäckerei und meinem Zuhause her.
Kaum war alles ausgepackt und in den Küchenschränken oder im Kühlhaus versorgt, begann meine Mutter mit den Pfannen in der Küche zu hantieren, kochte Älplermagronen, briet Zwiebeln, öffnete eine Büchse Apfelmus. Die Hütte wurde vom Duft der gebratenenen Zwiebeln, dem Rauch aus dem Herd und dem Knistern des Feuers erfüllt. Vater sass mit Walti vor der Hütte, rauchte eine Pfeife oder einen Stumpen, und beide tranken sauren Most aus dickwandigen Gläsern. Vater erzählte Walti die Neuigkeiten aus dem Tal. Es ging um das Wetter, die Ereignisse im Dorf, den Jodelklub oder die lokale Politik. Ich sass bei den Männern, hörte ihnen zu und fühlte mich als einer von ihnen.
Nach dem Essen machten wir einen Rundgang zu den nächstgelegenen Alphütten, wo es Kaffee Träscht oder Kaffee Chrüter aus bauchigen «Beckli» oder Kaffeegläsern gab. Für mich gab es meistens ein «rotes Most» oder Sirupwasser mit einem Schuss Wein. Leider vergingen die Sonntagnachmittage sehr schnell. Gegen Abend machten sich Vater und Mutter wieder auf den Weg Richtung Klewenalp. Ich verfolgte sie mit dem Feldstecher, bis sie beim Rötenport ein letztes Mal winkten und dann verschwanden. Ich war wieder allein mit Walti, und unsere Woche nahm ihren gewohnten Lauf.
An diesen Sonntagabenden überschwemmten mich die Einsamkeit und das Heimweh, und ich wünschte mir nichts lieber, als dass die fünf Ferienwochen bald vorbei sein würden. Zu der stummen Eintönigkeit mit Walti kam noch das Gefühl, von meinen Eltern verlassen zu sein, ausgesetzt, abgeschoben. Das würgte mich in der Kehle und lag wie ein Felsbrocken auf meinem Herzen. Aber Weinen war nicht erlaubt, schliesslich wollte ich ein vollwertiger Älpler sein.
1934, Emmental BE
Dora Stettler, *1927
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Mama versprach uns – Markus und mir –, man würde im Laufe der Sommerferien eine Reise ins Grüne unternehmen. Wir freuten uns darauf, wunderten uns aber, dass sie diesen Ausflug immer wieder verschob. Auch aus Karl war nichts herauszukriegen.
Dann endlich, am Ende unserer Ferien im August im Jahre 1934, schien ihr der Termin zu passen. Es war ein denkwürdiger Tag, ein Tag, der unserem Leben eine unglaubliche Wende gab.
Mama betrat unser Zimmer und sagte: «Wir machen heute eine Reise ins Oberland. Beeilt euch, zieht die Sonntagskleider an. Wir müssen gleich zur Bahn.»
Schnell machten wir uns reisefertig und standen bald erwartungsvoll bei Mama in der Küche. Karl war auch schon da, er durfte natürlich bei diesem Ausflug nicht fehlen.
Der Zug führte uns über Land, Richtung Süden, den Bergen entgegen. Nach etlichen Stationen wechselten wir auf eine kleinere Bahn, dann wartete schon das Postauto auf uns. In unzähligen Kurven tuckerte das Gefährt einen Hügel empor. Wir durchfuhren einen Tannenwald, bevor das Auto die Kuppe eines langgestreckten Höhenzuges erreichte, von welchem wir eine freie Sicht in Berge und Täler hatten. Noch nie zuvor hatte ich die imposanten Felswände so greifbar nah zu Gesicht bekommen. In gehobener Stimmung verliessen wir das Postauto und bewunderten das Panorama.
Im Osten reichte der Blick bis hin zu den schroffen Wänden des Hohgant. Das Jungfraumassiv liess sich hinter einem bewaldeten Hügelzug leicht erahnen. Der weisse Gipfel des bekannten Berges ragte hinter den dunklen Tannenspitzen empor. Die trotzige Niesenpyramide dominierte am westlichen Horizont.
Diese unbeschwerte Freude sollte aber nicht lange dauern. An der Haltestelle stand eine schwarz gekleidete Frau, die uns ständig beobachtet hatte. Langsam schritt sie auf uns zu und begrüsste Mama und Karl. Das löste in mir ein mulmiges Gefühl aus. Ein Blick auf den Bruder zeigte, dass es ihm ebenso erging.
Nun streckte die Frau auch uns die Hand zum Gruss entgegen. Sie forderte uns alle auf, ihr zu folgen. Ein steiniger Feldweg führte uns abwärts an Blumenwiesen, Kartoffeläckern und Stoppelfeldern vorbei. Die fremde Frau geleitete uns zu einem der verstreut liegenden Bauernhöfe. Bergseits reichte das mächtige Dach bis zum Boden. Den Zugang zum Wohnteil säumten mannshohe Topinamburstauden.
Zögernd betrat ich als Letzte das Bauernhaus. Ich nahm den fremden Geruch einer Bauernküche wahr. Es roch nach Holz, Rauch und Molkerei. Dazu mischte sich der würzig starke Geruch, den die blau-weiss gestreifte Melkerbluse am Haken hinter der Tür ausströmte. Die Bauersfrau führte uns in die gute Stube. Diese hatte einen rohen Boden aus Tannenholz mit erhöhten Astansätzen.
Drinnen herrschte eine gespannte Stille. Ich wünschte, wir würden den Raum so bald wie möglich wieder verlassen. Aber Mama schien keine Eile zu haben. Zögernd stellte sie die schwere Reisetasche, in welcher ich den Imbiss vermutet hatte, neben dem Tisch auf den Boden. Jedermann wartete auf den Gesprächsbeginn des andern.
Endlich unterbrach Mama das Schweigen. Sie wandte sich an Markus und an mich: «Nun, ihr Kinder, hört mal her. – Dies ist jetzt euer neues Zuhause. – Ihr werdet von nun an hier wohnen!»
Ihre Stimme klang seltsam, ihr Tonfall fremd.
Einen Moment lang stockte das Blut in meinen Adern. – Wie konnte Mama so etwas tun! Sie durfte uns doch nicht allein zurücklassen, hier in diesem abgelegenen Hügelland, fern von der Stadt.
Wie versteinert stand ich da und schaute sprachlos meine Mutter an. Ihre Entschiedenheit war unmissverständlich, ich sah es in ihrem Gesicht! Ich begriff, dass künftig nicht mehr meine Mama, sondern diese schwarz gekleidete Frau sich um mich kümmern würde.
Mama und Karl schickten sich an, mit den Bauern ins Gespräch zu kommen. Indessen entspannte ich mich ein wenig. Ängstlich, doch neugierig schaute ich mich im Raum um. Da stand ein Kinderbett neben dem Ofen. Ich wollte wissen, wer denn darin schlafen würde.
«Du, Katharina, wirst darin schlafen», belehrte mich die Bäuerin.
Geschockt von der Antwort und weil sie mich Katharina genannt hatte, war ich der Verzweiflung nahe. Trotzdem deutete ich verschüchtert auf das grosse Bett neben der Tür. Ich wollte wissen, ob vielleicht mein Bruder hier schlafen würde.
«Nein», war die Antwort, «der wird nicht hier wohnen, er kommt zu einem Bauern in der Nachbarschaft.»
Dieser niederschmetternde Bescheid brachte mich aus der Fassung. Ich brach in Tränen aus und wollte wieder nach Hause mitgenommen werden. Damit kam ich aber schlecht an. Mama hielt mir vor: «Jetzt musst nicht noch heulen, da doch sonst alles so glatt gelaufen ist.»
Mamas Antwort traf mich schmerzlich. Ich war doch erst sieben Jahre alt! Aufgebracht riss ich die Türe auf und stürzte ins Freie. Ich wollte fort, weg von diesen Leuten … Aber wohin? Markus lief mir gleich hinterher. Aber niemand folgte uns, um uns zu trösten. Wir wurden mit unserer Angst, der Trauer und der grenzenlosen Enttäuschung allein gelassen. Wir Kinder sollten auch noch voneinander getrennt werden. So nebensächlich wie möglich wurde uns dieser Umstand beigebracht. Vor kaum einer Stunde sagte Mama «ihr», also wir beide sollten nun hier wohnen!
Langsam trippelte ich das Bord hinauf, liess mich auf die Knie und dann auf den Boden fallen. Dann liess ich den Tränen freien Lauf. Markus konnte mich nicht trösten. Er musste selbst mit der neuen Situation fertig werden.
Nach geraumer Zeit versiegten meine Tränen. Ich hob den Kopf und schaute mich um. Ich fühlte mich in eine neue Welt verpflanzt. Vorsichtig drehte ich mich um und rollte das Bord hinunter – im Sonntagskleid, aber das war nun auch egal.
Unten am Abhang hätte ich beinah ein Huhn überrollt. Flatternd und gackernd lief es davon. Ich erhob mich und strich mir das Kleid glatt. Darauf stieg ich wieder nach oben und rollte gleich noch ein weiteres Mal hinunter.
Da öffnete sich im Bauernhaus die Tür, durch die man gleich in die Küche gelangte. Die Bäuerin stand da und winkte uns herbei. «Ihr dürft die Hühner nicht so erschrecken, sonst legen sie keine Eier mehr», erklärte sie uns. Diese Belehrung ist mir mein Lebtag in Erinnerung geblieben wie alles an jenem ereignisreichen Tag.
Die Bäuerin rief uns ins Haus, die Mutter wolle sich verabschieden.
Mit gemischten Gefühlen betrat ich die Stube, stellte mich vor Mama hin und sagte: «Da du uns nicht mehr zurücknehmen willst, musst eben allein nach Hause gehen!»
Es war ein Notschrei aus meinem aufgewühlten Innern. Das Verhältnis zu meiner Mutter sah ich plötzlich aus einer ganz neuen Perspektive. Wir hatten schmerzhaft zur Kenntnis nehmen müssen, dass Mama nicht mehr uns gehörte und wir fühlten, dass wir ihr lästig waren.
Nachdem sie dann noch Markus «abgeliefert» hatten, hakte sich Mama bei Karl ein und flüsterte ihm zu: «Nun haben wirs geschafft, jetzt sind wir frei.» Markus stand zum Lebewohl winken gleich hinter ihnen und musste diese Worte mit anhören.
Bis zur letzten Minute hatte ich gehofft, Mama würde sich erbarmen und uns wieder mit nach Hause nehmen. Als sie aber gegen den Zufahrtsweg geschritten war, schwand jegliche Hoffnung dahin.
Wie angewurzelt blieb ich auf dem steinigen Vorplatz stehen. Im Geiste sah ich mein Zuhause, die Stadt mit den Laubenbogen, den Zytglogge und Papas Gartenhäuschen; ich hörte das singende Tram … Dies alles sollte ich für lange Zeit nicht mehr wiedersehn. Ich durfte nicht mehr an Mamas Hand über die Kornhausbrücke trippeln.
Verbittert und traurig blieb ich im Hof und starrte auf die Topinamburstauden, hinter denen meine Angehörigen verschwunden waren. Ich fühlte mich verlassen; allein unter fremden Leuten auf diesem Bauerngut.
1947, Lausanne VD
Anne Cuneo, *1936
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Ich stand in der Dachkammer, die von der Pension, in der Mutter arbeitete, dem Zimmermädchen zur Verfügung gestellt wurde, und klebte mit der Nase am Fenster. In einer solchen Landschaft konnte man sicher glücklich sein. Ja, es war wohl unmöglich, es nicht zu sein.
Ich war betört.
Ein vorbeiziehender Schleppkahn erhöhte noch meine Ergriffenheit. Dieses Land war es wert, geliebt zu werden. Nun könnten wir …
Wir würden …
«Anne! Was machst du denn da? Ich hatte dir doch gesagt, du sollst in die Küche herunterkommen.»
Ich drehte mich um und erblickte Mutter, ganz in Schwarz, mit der kleinen weissen Schürze eines Zimmermädchens.
Seit fast drei Jahren hatte ich nicht mehr bei ihr gelebt. Wir sahen uns äusserst selten, einen oder zwei fieberhafte Tage lang, an denen sie tausenderlei Dinge zu erledigen hatte. Ich hatte sie als Hausherrin verlassen, nun fand ich sie wieder als Lydia, das Zimmermädchen. Das störte mich nicht, ich war eher stolz darauf, dass sie sich durchzuschlagen wusste, dass sie hübsch und aktiv geblieben war.
Aber da war diese Distanz zwischen uns … Selbst als wir noch zusammenlebten, hatte ich ihr seit längerer Zeit kein einziges wichtiges Problem mehr anvertraut. Wenn ich erst in der Schweiz wäre, hatte ich mir gesagt, würde ich in unseren täglichen Kontakten einen neuen Anlauf nehmen …
Als ich mich umdrehte an diesem Morgen, verflüchtigte sich die poetische Stimmung, die mich überströmte, schlagartig. Wir lebten nicht mehr in der gleichen Welt. Mutter redete vom Frühstück, von praktischen Dingen; ich hörte nicht hin. Schockartig wurde mir bewusst, was ich drei Jahre lang bemängelt hatte: Das Band zu meiner Mama war ebenso durchtrennt wie meine Beziehungen zur Kindheit. Diese Person vor mir war in meiner subjektiven Wahrnehmung nur noch ein Abbild jener anderen, die ich am Abend des 8. Mai 1945 verlassen hatte.
Die folgenden Momente sind aus meinem Gedächtnis gestrichen. Ich finde mich in der Küche wieder, die im Kellergeschoss untergebracht ist, wie es sich gehört. Es dampft aus allen Kochtöpfen, und es riecht nicht gut.
Die Besitzerin der Pension war eine grauhaarige, blauäugige Frau um die Fünfzig. Noch heute, wenn ich an sie denke, kommt mir eine Stahlklinge in den Sinn. Ihre gleichförmige Stimme, ihre abgezirkelten Gesten – sie verströmte eine solche Kälte, dass ich nach fünf Minuten starr war vor Schreck. Ich verstand kein Wort Französisch, aber ich wusste sofort, dass ich in ihren Augen ein Eindringling war. Ich war in die Schweiz gekommen, um mit Mutter zusammenzusein, aber dieser blaue, distanzierte Blick machte mir klar, dass unsere Annäherung nicht bei ihr stattfinden würde.
Aber wo sonst?
Mutter gab mir ein Butterbrot und eine Schale Kaffee und murmelte, das Fräulein sei so gütig, es zu gestatten.
«Aber Mutter …»
«Hör zu, ich muss nun das Frühstück auftragen, wir sprechen uns später. Nimm, was du brauchst, und warte oben auf mich. Stör die Köchin nicht bei der Arbeit.» Todunglücklich ging ich nach oben. In welche Falle war ich geraten? Diese Leute wollten nichts von mir wissen, das war offenkundig. Was sollte aus mir werden? Um mich zu beruhigen, betrachtete ich den See und Lavaux, während ich auf Mutter wartete. Endlich kam sie: Ausnahmsweise hatte sie am Nachmittag frei, sie würde mich zu den Schwestern begleiten.
«Zu den Schwestern???»
«Aber Anne, du siehst ja, dass du unmöglich hierbleiben kannst, und irgend jemand muss sich um dich kümmern, ich arbeite von morgens früh bis in die Nacht.»
Vielleicht hatte sie schon zuvor von den Schwestern gesprochen, doch mein Bewusstsein hatte es nicht registriert. Jetzt, in ein, zwei Stunden sollte ich also wieder … nein, nein, das durfte nicht sein. Ich weinte, flehte, bettelte:
«Ich kann hierbleiben, ich werde auf dem Boden schlafen, ich werde dir bei der Arbeit helfen, aber bring mich nicht zu den Schwestern.»
Gerade war ich durch die harte Schule der Unabhängigkeit gegangen. Ich wollte nicht ins Gefängnis zurückkehren. Wieder so tun, als glaubte ich an Gott … Jeden Morgen zur Messe … Der unerbittliche Klosterzwang …
«Nicht doch, mein Schatz, mit Mailand ist es hier nicht zu vergleichen, es ist eine Art Pension, ihr seid nicht mehr als dreissig oder vierzig Kinder und geht in der Stadt zur Schule. Überhaupt gibt es nichts zu diskutieren. Hier kannst du nicht bleiben, die Besitzerin ist dagegen. Irgendwo musst du Unterkommen. Ich habe kein Geld, und bei den Schwestern kostet es fast nichts.»
«Wieso hast du mir das nicht vorher erklärt?»
«Ich hab dir gesagt, es würde hart sein.»
«Aber vom Kloster hast du mir nichts erzählt.»
«Es ist kein Kloster, mach mich nicht wahnsinnig …»
Wir bewegten uns im Kreis, Mutter wich aus, ich konnte nichts mehr aus ihr herausholen.
Bei Einbruch der Dämmerung liessen wir die grünenden Höhen, die Aussicht auf den See und Lavaux hinter uns und stiegen mit meinem Koffer bis zum Bahnhof hinunter. Mir fehlen die Worte, um auszudrücken, was an diesem Nachmittag in mir vorging. Mein Herz brannte vor Wut, ich fühlte mich betrogen.
Ich hatte immer nur von Erwartungen gelebt:
«Wenn du einmal gross bist …»
«Wenn du einmal reich bist …»
«Du wirst sehen …»
«Später wirst du verstehen …»
«Dafür bist du noch zu jung …»
Und nun, noch nicht einmal zwölfjährig, wurde ich wieder eingesperrt. Alle Versprechen waren in den Wind gesprochen. Auf nichts würde ich ein Anrecht haben als aufs Unglück.
Wieder musste der Kampf aufgenommen werden. Italienische Schwestern, die anders waren als jene, die ich schon kannte? Mutter hatte gut reden, ich glaubte ihr nicht. Mutter hatte gut reden …
Ihre Beweggründe waren achtbar, sie wollte nur mein Bestes. Doch als ich bei den Schwestern eintrat, hatte ich mein ganzes Vertrauen verloren. Von diesem Tag an habe ich ihr lange Jahre hindurch misstraut, obwohl ich gleichzeitig von ihr geliebt werden wollte wie früher. Ich habe so heftig an diesem Widerspruch gelitten, dass ich schliesslich seelisch krank wurde. Der Widerspruch war umso stärker, als ich zwar ihr kleines Töchterchen sein wollte, mich daneben aber praktisch und intellektuell genügend emanzipiert fühlte, um auf meinen eigenen Füssen zu stehen.
Wir läuteten.
Eine Schwester kam uns öffnen, und wir betraten einen winzigen, schmalen Flur. Man führte uns ins Sprechzimmer auf der Nordseite. Darin befanden sich ein langer Tisch, Stühle und ein Klavier. An der Wand der Papst, der italienische König, ein Kruzifix.
Als ich das sah, grinste ich innerlich voller Hohn. Nichts Neues. Oder vielmehr schlimmer denn je. Vor einem Jahr hatte man für die Republik gestimmt, doch bei ihnen hing immer noch Vittorio Emmanuele m., über den mein Vater kaum je ein Wort verloren hatte, so sehr hielt er ihn, wie er mir einmal gesagt hatte, für Mussolinis Hampelmann.
Ich konnte meine Wut gerade solange runterwürgen, um Mutter zuzuflüstern:
«Verlang wenigstens von ihnen, dass sie mich Klavier spielen lassen.»
«Aber ich habe kein Geld für den Unterricht.»
«Ich brauche keinen Unterricht, ich kann sehr gut allein üben. Aber fragen sollst du.»
Die Oberin war gekommen, uns zu empfangen.
Mutter hatte nichts gesagt wegen des Klaviers und war eilig weggegangen mit dem Versprechen, wir würden uns am kommenden Sonntag wiedersehen.
Ich erinnere mich peinigend genau, wie mein Gehirn sich schmerzhaft zusammenkrampfte und gegen meinen Willen den Gedanken formulierte:
«Sie wird nicht kommen, ich weiss es.»
Mein Vertrauen war amputiert, und der Stumpf tat weh.
Es war fast sechs Uhr, ich wurde für den abendlichen Rosenkranz in die Kapelle geschickt.
Auch das war nichts Neues.
Hinterher bemächtigte sich eine Schwester meines Koffers und schickte mich zum Essen. Lauter kleine Kinder. Im Moment meiner Ankunft waren nur zwei Grosse da: ein vierzehnjähriges Mädchen namens Sara, schon seit ihrer zartesten Kindheit hier, und eine kurz vor mir eingetroffene Neapolitanerin, deren Namen ich vergessen habe.
Später sollte noch eine vierte Grosse zu uns stossen: Ines.
Wir setzten uns an den Tisch.
Nach den Erlebnissen dieses Tages verspürte ich nicht den geringsten Appetit. Zudem bestand das Nachtessen aus jenem abscheulichen Griessbrei, mit dem Mutter mich in meiner frühen Kindheit trotz heftiger Abwehr gefüttert hatte.
«Iss, Neue, du kannst nicht bloss von kaltem Wasser leben.»
«Ich … ich mag nicht, ich habe Griessbrei nicht gern.»
«So, dem Fräulein schmeckt es nicht. Aus Güte nimmt man dich auf, du kommst aus einem Land, wo man Hungers stirbt, und du …»
«Aber man verhungert ja gar nicht.»
Nichts zu machen. Lange noch sollten wir diesen widerwärtigen, aus den Resten der Quartierläden bestehenden Frass vorgesetzt bekommen, und man musste sich noch höflich bedanken dafür und an Italien denken, wo man so schrecklich hungerte, als könnte ein solcher Gedanke uns sättigen.
Schon um halb acht Uhr mussten wir schlafen gehen.
Auch das war nichts Neues.
In einer Zimmerecke wieder so ein Bett hinter Vorhängen, von wo aus eine Schwester, jeden Monat eine andere, den Schlaf von uns potenziellen Verbrechern – was Kinder in den Augen dieser Gattung von Erziehern sind – überwachte.
1930er-Jahre, Bern
Dora Stettler, *1927
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Immer wenn Weihnachten näher rückte, nahm Mama im Warenhaus Loeb an der Spitalgasse eine Stelle an. Sie arbeitete dort als Verkäuferin während der Wintersaison. Das ergab einen geschätzten Zustupf in die Haushaltkasse. Diese Zeit verbrachten wir noch nicht schulpflichtigen Kinder im städtischen Jugendheim im Mattenhofquartier. Dort seien wir gut aufgehoben, versuchten uns die Eltern verständlich zu machen.
In diesem Heim herrschte eine strikte Tagesordnung. Zum Frühstück gab es regelmässig den kernigen, verhassten Haferbrei. Auf harten Bänken sassen wir an langen Tischen und schauten zu, wie die «Tanten» uns einen Schöpflöffel voller Brei auf die Teller klatschten. Eine andere Tante band uns den Esslatz um. Sie schnürte ihn so eng, dass man kaum noch Luft holen konnte. Gelang es uns nicht, im richtigen Moment den Finger zwischen Latz und Hals zu schieben, wurden wir fast stranguliert, und der Haferbrei rutschte nur mühsam die Kehle runter.
Tag für Tag trugen alle Kinder die selben karierten Ärmelschürzen. Blaue für die Mädchen und rote für die Knaben. Zum Schutz gegen Wind und Kälte wurden wir für den täglichen Spaziergang in dicke schwarze Pelerinen gehüllt. Den Rest des Tages verbrachten wir vorwiegend im Hause beim Spielen. Einmal im Zimmer, durften wir diesen Raum ohne Abmeldung nicht mehr verlassen. Etwa wöchentlich einmal erschien die Vorsteherin im Spielzimmer, klatschte in die Hände, sang ein Lied und hüpfte mit uns im Kreise herum. Danach war ihr Kontakt-Soll erfüllt, und sie überliess uns wieder den Tanten, die sich mehr oder weniger gefühlvoll mit uns abgaben.
Nachts wurden wir an den Füssen ans Gitterbett gefesselt, weil die Tanten nicht mochten, dass wir die Decke wegstrampelten. Umdrehen im Bett war somit unmöglich. Wir mussten die ganze Nacht in der selben Position verbringen. Ich bewunderte meinen Bettnachbarn, dem es gelang, die Fussbänder zu lösen. Das Kopfkissen, in dem wir uns verkuscheln wollten, wurde uns unter dem Kopf weggerissen. Ein Kissen sei ungesund und führe zu einem Buckel.
Diese Umplatzierung ins Heim hatte zur Folge, dass uns eine Weihnachtsfeier im Kreise der Familie nicht beschieden war. Ein Christfest zu Hause habe ich ein einziges Mal bewusst erlebt, als ich sechs Jahre alt war. Elsbeth war wie Markus schulpflichtig geworden und musste nicht mehr ins Heim. Dadurch hatte ich das Glück, dass ich nicht allein dorthin abgeschoben wurde. Wir hatten mindestens drei lange, freudlose und trübe Winter in diesem Kinderheim verbracht. Erst als sich der Frühling ankündete, wurden wir von den Eltern dort wieder herausgeholt.
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