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Über den Autor
Über den Autor
M.A. phil. Katharina Maier, geboren 1980, hat Vergleichende Literaturwissenschaften studiert und arbeitet inzwischen als freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie ist Herausgeberin weiterer erfolgreicher Titel aus dem marixverlag.
Zum Buch
Zum Buch
„Lebe wohl und bleibe mir unwandelbar gewogen, wie ich auch Dich über Stock und Stein im Herzen zu tragen hoffe.“
Gottfried Keller an seinen Studienfreund,
den Maler Salomon Hegi
Gute Freunde sind das vielleicht Wichtigste auf der Welt – und das war schon immer so. Die Höhen und Tiefen solcher großen Freundschaften haben in vergangenen Jahrhunderten Eingang in zahlreiche Briefe gefunden, die mal von tiefsten Gefühlen, mal von kleinen, rührenden oder auch witzigen Alltäglichkeiten berichten. Diese Freundschaftsbriefe geben uns Einblick in eine Welt, in der all die wunderbaren Seiten des Freunde-Seins inniger und dauerhafter Ausdruck fanden, als das in unserer flüchtigen, elektronischen Zeit oft üblich ist.
Goethe und Schiller, Friedrich der Große und Voltaire, Rilke und Rodin, Ludwig II. von Bayern und Wagner – immer wieder haben tiefe Freundschaften zwischen Künstlern, Politikern, Philosophen und anderen großen Männern unsere Geschichte und Kultur entscheidend mitgeprägt.
Meist stiller, aber nicht weniger bedeutend, waren die Freundschaften großer Frauen wie Bettina von Arnim, Catharina Elisabeth Goethe, Cosima Wagner und Rosa Luxemburg zueinander oder zu berühmten Männern, die sich von ihnen inspirieren ließen.
Haupttitel
Große Briefe der Freundschaft
Unsere Seelen sind ja auf dem Du-Fuß
Tausend Aller-Allerbestes Du!
Herausgegeben von Katharina Maier
Impressum
| Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. |
| Alle Rechte vorbehalten |
| Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2012 Alle Briefe wurden behutsam an die neue Rechtschreibung angepasst. Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH Bildnachweis: mauritius images GmbH, Mittenwald/die Kleinert Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0196-6 www.marixverlag.de |
Inhalt
Über den Autor
Zum Buch
Vorwort
Luther und Melanchthon während des Augsburger Reichstags 1530
Luther an Melanchthon
Melanchthon an Luther
Luther an Melanchthon
Jonathan Swift und Charles Ford
Swift an Ford
Ford an Swift
Swift an Ford
Ford an Swift
Swift an Ford
Ford an Swift
Friedrich der Große, der »Philosoph von Sanssouci«, an Voltaire
Das »Pflegkind« Maria Theresia an Gräfin Rosalie von Edling
Die Familie Klopstock und »Vater Gleim«
Klopstock an Gleim
Klopstock an Gleim und Ramler
Meta Moller an Gleim
Klopstock an Gleim
Meta Klopstock an Gleim
Gleim an Klopstock
Klopstock an Gleim
Gleim an Klopstock
Gleim an Karl Christian Klopstock
Klopstock an Gleim
Gleim an Klopstock
Gleim an Klopstock und dessen zweite Frau Johanna Elisabeth, genannt Windheme
Klopstock und Windheme an Gleim
Gleim an Windheme
Gleim an Klopstock
Windheme an Gleim
Lichtenberg an seine Freunde
An den Studienkollegen Jöns Matthias Ljungberg
An den »Gevatter«, Buchhändler und Verleger Johann Christian Dieterich
An Dieterich und dessen Frau Christiane
An Frau Dieterich
An Frau Dieterich (Christelchen)
An Frau Dieterich und Töchter
An Georg Heinrich Hollenberg
An G. H. Amelung
An Christoph Wilhelm Hufeland
Catharina Elisabeth Goethe an Herzogin Anna Amalia
Frau Aja, die Bettine und Goethe
Bettine an Frau Aja
Bettine an Frau Aja
Frau Aja an Bettine
Bettine an Frau Aja
Frau Aja an Bettine
Goethe an Bettine
Bettine an Frau Aja
Goethe an Bettine kurz nach dem Tod von Frau Aja
Bettine an Goethe über den Tod von Frau Aja
Goethe und Schiller
Goethe an Schiller
Schiller an Goethe
Goethe an Schiller
Schiller an Goethe
Goethe an Schiller
Schiller an Goethe
Goethe an Schiller
Schiller an Goethe
Goethe an Schiller
Schiller an Goethe
Goethe an Schiller
Schiller an Goethe
Goethe an Schiller
Schiller an Goethe
Goethe an Schiller
Schiller an Goethe
Goethe an Schiller
Schiller an Goethe
Byron über Shelley
An John Murray (1778–1843), bedeutender schottischer Verleger
An R. B. Hopper
An Thomas Moore (1779–1852), irischer Dichter
An John Murray
An Thomas Moore
An Mary Shelley
Eduard Mörike und Theodor Storm
Mörike an Storm
Storm an Mörike
»Herr Meisterin« George Sand und der »alte Troubadour« Gustave Flaubert
George Sand an Flaubert
Flaubert an George Sand
George Sand an Flaubert
Flaubert an George Sand
George Sand an Flaubert
Flaubert an George Sand
George Sand an Flaubert
Flaubert an George Sand
George Sand an Flaubert
Flaubert an George Sand
George Sand an Flaubert
Franz Liszt an seinen Schüler und zeitweiligen Schwiegersohn Hans von Bülow
Liszt an Wagner
Richard und Cosima Wagner an Friedrich Nietzsche
Cosima Wagner an Nietzsche
Richard Wagner an Nietzsche
Cosima Wagner an Nietzsche
Richard Wagner an Nietzsche
Cosima Wagner an Nietzsche
Richard Wagner und Ludwig II. von Bayern
Ludwig an Wagner
Wagner an Ludwig
Ludwig an Wagner
Wagner an Ludwig
Adolph Kolping an den Landschaftsmaler Ferdinand Müller
Gottfried Keller an Theodor Storm, Paul Heyse und andere Freunde
An Johann Salomon Hegi
An Theodor Storm
An Eduard Münch
An Paul Heyse
An Theodor Storm
An Maria Knopf
Johann Strauss an den Musikalienverleger Carl Haslinger
Die »uralte« Marie von Ebener-Eschenbach an Enrica von Handel-Mazzetti
Wilhelm Busch an Maria Anderson
Manet an Mallarmé
Paul Cézanne an Émile Bernard
Zola an Flaubert
August Strindberg und Paul Gauguin
Strindberg an Gauguin
Gauguin an Strindberg
Van Gogh an Gauguin
Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis an Sophie Liebknecht
Rilke an »seinen Meister« Rodin
Paula Modersohn-Becker an Clara Westhoff (und an Rilke)
Verzeichnis der Briefeschreiber
Literaturverzeichnis
Fußnoten
Kontakt zum Verlag
Vorwort
»Ein Freund ist gleichsam ein anderes Ich«, schrieb der römische Schriftsteller und Rhetoriker Cicero im ersten Jahrhundert vor Christus. Ähnliches verkündete der große Philosoph Aristoteles schon über dreihundert Jahre früher: »Freundschaft, das ist eine Seele in zwei Körpern.«
Wie die Liebe ist auch die Freundschaft etwas Zeitloses. Sie geht sogar mit Ersterer Hand in Hand. Im Deutschen mögen wir unseren Freunden weit weniger bereitwillig sagen, dass wir sie lieben, wie z.B. im Englischen oder im Griechischen, aber das Gefühl besteht nichtsdestotrotz. Es gibt sogar genug Denker, Dichter und ›ganz normale‹ Menschen, die der Freundesliebe eine viel größere Dauerhaftigkeit zuschreiben als der romantischen – und sei es so humoristisch wie Wilhelm Busch:
»Es blüht die Wurst nur kurze Zeit
Die Freundschaft blüht in Ewigkeit.«
Sein ebenso scharfzüngiger Kollege Heinrich Heine stimmt ihm ernster zu: »Hat man die Liebe durchgeliebt, fängt man die Freundschaft an.«
Natürlich bleiben nicht alle Freundschaften bestehen. Auch so einige der ›großen‹, berühmten Freundschaften, von denen Zeugnisse in diesem Buch abgedruckt sind, endeten im Streit oder doch zumindest in der Entfremdung. Andere wiederum dauerten Jahrzehnte, wenn nicht gar ein ganzes Leben. Doch ob sie nun lange Zeit oder nur kurz währten, die Freundschaften zwischen so bedeutenden Geistern wie Friedrich dem Großen und Voltaire, Goethe und Schiller, George Sand und Gustave Flaubert und van Gogh und Gauguin waren immer intensiv und fruchtbar. Im freundschaftlichen Austausch, so scheint es, erreichte ihre schriftstellerische, philosophische, künstlerische und politisch-kämpferische Produktivität neue Höhen. Gemeinsam waren sie ›mehr‹, als sie alleine waren. Die Großen Briefe der Freundschaft lassen uns einen kurzen Blick in das ›Innenleben‹ dieser faszinierenden Beziehungen werfen.
Zugleich waren diese ›großen Freundschaften‹ auch Alltagsfreundschaften. Man erzählte einander von Krankheiten und Geldsorgen, Herzensangelegenheiten und anderen Ärgernissen, von Erfolg und Misserfolg, von Glück und Unglück. Und so bieten die Großen Briefe der Freundschaft auch Einblick in das Alltagsleben einiger der berühmten Männer und Frauen der Geschichte. Schließlich war in Zeiten vor E-Mail und Telefon der Brief die einzige Möglichkeit, mit weit entfernt lebenden Freunden in Kontakt und über deren Leben ›auf dem Laufenden‹ zu bleiben.
Diese Briefkultur, die uns abhandengekommen ist, geht nicht selten mit einer tiefen Emotionalität einher, einer Innigkeit, wie sie uns nicht ganz vertraut ist. Daran ändert nichts, dass viele der Freunde, die auf den Seiten dieses Buches zu Wort kommen, stets das in unseren Ohren so formal klingende ›Sie‹ gebrauchen. Gerade in der Zeit des 18. und frühen 19. Jahrhunderts (und auch später noch) spricht dies selten von fehlender Herzlichkeit, sondern ist eher ein Zeichen fortwährenden Respekts. In der Tat lehren uns diese Großen Briefe der Freundschaft aus vergangenen Jahrhunderten so einiges über Offenheit und Freundesliebe.
Jeder Brief in diesem Buch ist so eigen und individuell wie sein Schreiber, sein Empfänger und die Beziehung, die die beiden verbindet. Deswegen wurde der charakteristische Ausdruck eines jeden Briefeschreibers nach Möglichkeit bewahrt, wobei allerdings kleine Korrekturen zur besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit der Briefe vorgenommen wurden. Außerdem wurden alle Briefe behutsam in die neue Rechtschreibung übertragen.
Zuletzt möchte ich noch einen tiefen Dank an Eva Maier aussprechen, meiner ganz persönlichen ›Frau Aja‹. Sie weiß, wofür.
Katharina Maier, Januar 2011
Luther und Melanchthon während des Augsburger Reichstags 1530
Philipp Melanchthon (1497–1560) war in vieler Hinsicht die rechte Hand des großen Reformators Martin Luther (1483–1546). Die Freundschaft zwischen den beiden war so innig, dass Melanchthon einmal gesagt haben soll, dass er lieber tot wäre, als von Luther getrennt zu sein.
Der hochgelehrte Philosoph Melanchthon lernte den Reformator kennen, als er die Position eines Professors für griechische Sprache an Luthers Heimatuniversität in Wittenberg antrat. Er unterstützte den theologischen Rebellen oft mit gelehrtem Rat und entschlossener Tat in seinen zahlreichen Auseinandersetzungen mit Bischöfen, Kardinälen und anderen »Sophisten und Mönchen«.
Besonders bedeutend war Melanchthons Auftreten beim Augsburger Reichstag 1530; zu dieser Gelegenheit wollten die protestantischen Theologen und Landesfürsten die Sache der Reformation vor Kaiser Karl V. und gegen ihre katholischen Gegner verteidigen. Luther selbst konnte Kursachsen, wo er unter dem Schutz des dortigen Kurfürsten stand, nicht verlassen, ohne sein Leben zu verwirken. Deswegen fungierte Melanchthon beim Augsburger Reichstag als Stellvertreter seines Freundes.
Ganz reibungslos funktionierte die ganze Sache allerdings nicht, wie der Briefwechsel aus jener Zeit zeigt: Luther sorgt sich um die Freunde, die sich im fernen Augsburg in echter Gefahr befinden; noch mehr allerdings sorgt er sich um Melanchthons große Besorgtheit, der nichts so fürchtet wie das Scheitern der protestantischen Sache.
Nichtsdestotrotz trat Melanchthon in Augsburg mit großer Beredtheit und Entschlossenheit auf. Aus seiner Feder stammt die »Confessio Augustana«, das Augsburger Bekenntnis, das die Vertreter der Reformation Kaiser Karl V. überreichten und das heute noch die Grundlage der evangelischen Kirchen bildet. Nach Luthers Tod wurde Melanchthon zu einem seiner bedeutendsten Nachfolger.
Luther an Melanchthon
12. Mai 1530
Gnade und Friede im Herrn!
Lieber Philipp, am 8. Mai habe ich eine Antwort auf Euren Brief aus Nürnberg begonnen; aber es kam etwas dazwischen, sodass ich’s bisher aufgeschoben habe. Inzwischen haben wir Euer Bündel Briefe aus Augsburg erhalten. Ich habe meine Streitschrift gegen die Geistlichen [von Augsburg] längst beendigt und nach Wittenberg geschickt. […] Als ich dies erledigt hatte, habe ich die Propheten zur Hand genommen und mit großem Eifer angefasst, ich überschlug, bis Pfingsten könne ich alle Propheten übersetzt haben. Dann Äsop und anderes.
Ich hätte es auch sicherlich geschafft, so ging die Arbeit vorwärts. Aber der alte äußere Mensch erlitt einen Zusammenbruch, sodass er das Ungestüm des inneren, neuen Menschen weder aushalten noch ihm folgen konnte. Sausen, ja Donner erfüllte das Haupt, und wenn ich nicht sogleich aufgehört hätte, wäre ich in eine Ohnmacht gefallen, der ich auch kaum in diesen beiden Tagen entgangen bin. Nun ist es schon der dritte Tag, dass ich nicht einmal einen Buchstaben ansehen wollte noch auch konnte. Es will nicht mehr tun, sehe ich wohl, die Jahre treten herzu. […] Allmählich aber geht der Aufruhr im Kopfe zurück, da er mit Medikamenten und anderen Mitteln beruhigt ist. Das ist also der Grund, warum ich so spät geantwortet habe.
An dem Tage, als Dein Brief von Nürnberg ankam, machte Satan seine Aufwartung bei mir. Ich war allein […], und so sehr übermannte er mich, dass er mich aus der Kammer trieb und ich die Gesellschaft der Menschen aufsuchen musste.
[…]
Jene faulen Esel [beim Reichstag] denken über die Sache der Kirche nach und sind davon angetan. Magister Joachim schickte mir Karyken oder Datteln und Weintrauben und schreibt mir zweimal griechisch. Wenn ich wieder gesund bin, will ich ihm türkisch schreiben, damit er auch liest, was er nicht versteht. Warum schreibt er mir denn griechisch? Ich will hier aufhören, ein ander Mal mehr, damit ich nicht von Neuem die Kopfschmerzen, die sich gelegt haben, reize, zumal sie schon sehr reizbar sind. Aber ich bete, betet Ihr auch!
[…] Der Herr sei mit Euch! Grüße Euren ganzen Kreis! Aber höre, was ich besonders wünsche: Sieh zu, dass Du nicht an Deinem Kopfe Schaden leidest wie ich! Darum befehle ich Dir und dem ganzen Freundeskreise: Unter Bedrohung des Bannes sollen sie Dir Verhaltensmaßregeln für Dein Körperchen geben, damit Du nicht Dein eigener Mörder wirst und nachher tust, als ob es aus Gehorsam gegen Gott geschehen sei. Man dient Gott auch durch Ruhe, ja vielleicht durch nichts mehr als Ruhe. Deshalb hat er vor allem den Sabbat so streng gehalten wissen wollen. Also verachte das nicht! Gottes Wort ist es, was ich schreibe.
Dein Martin Luther
Melanchthon an Luther
nach der Übergabe des Augsburger Bekenntnisses am 25. Juni, nach drei Wochen des Schweigens vonseiten der beim Reichstag versammelten Protestanten (deswegen Luthers Unmut)
Wir sind hier in den elendsten Sorgen und beständig in Tränen. Dazu bin ich heute noch besonders niedergeschlagen, da ich [las], dass Du so sehr zürnst, ja, unsere Briefe nicht einmal lesen willst. Ich will, mein Vater, meinen Schmerz nicht noch durch Worte vergrößern, aber ich bitte Dich, zu bedenken, an welchem Orte und in wie großer Gefahr wir sind, wie wir außer Deinem Troste nichts Tröstliches haben können. Täglich strömen die Sophisten und Mönche zusammen, um den Hass des Kaisers gegen uns zu entzünden. Die Bischöfe hassen uns ohnedies furchtbar. Sind vorher Freunde da gewesen, jetzt sind sie fort. Wir kämpfen hier allein und verlassen mit unermesslichen Gefahren. Ich bitte Dich, auf uns, die wir gewiss in den wichtigsten Dingen Deiner Autorität folgen, und auf die öffentliche Sache Rücksicht zu nehmen, und Dich nicht zu weigern, unsere Briefe zu lesen und zu beantworten, damit Du unsere Verhandlungen leitest und uns tröstest. […]
Luther an Melanchthon
Gnade und Friede in Christo, ich sage; in Christo, nicht in der Welt, Amen. Ich hasse gar sehr Deine elenden Sorgen, von denen Du, wie Du schreibst, verzehrt wirst. Dass sie Dein Herz so beherrschen, liegt nicht an der Größe der Not, sondern an der Größe unseres Unglaubens. […] Warum zermarterst Du Dich beständig, ohne einmal aufzuatmen? Ist die Sache falsch, so wollen wir widerrufen. Ist sie aber wahr, warum machen wir Ihn mit Seinen so großen Verheißungen zum Lügner, da Er uns gebietet, getrost und ruhigen Sinnes zu sein? Wirf, so sagt Er, Deine Sorge auf den Herrn! Der Herr ist nahe allen, die bekümmerten Herzens sind und Ihn anrufen. Oder ist das in den Wind geredet und vor die Hunde geworfen?
Auch ich werde häufig gequält, aber nicht beständig. Deine Philosophie quält Dich, nicht Deine Theologie, wie auch Dein Joachim von gleicher Sorge verzehrt zu werden scheint. Als ob Ihr mit Euren nutzlosen Sorgen etwas ausrichten könnt! Was kann denn der Teufel mehr tun, denn dass er uns erwürge! Was denn? Ich beschwöre Dich, der Du sonst immer so kampfeslustig bist, bekämpfe Dich auch selbst, Deinen schlimmsten Feind […]. Ich bete gewisslich für Dich mit allem Fleiß, aber das ist mein Kummer, dass Du Dir mit Deinen Sorgen hartnäckig das Blut aussaugen lässt und meine Gebete so zuschanden machst. Ich meinerseits bin wegen unserer Sache – ist es Beschränktheit oder Willen des Geistes, Christus weiß es! – nicht sehr besorgt, vielmehr habe ich größere Hoffnungen, als ich gedacht hatte.
[…]
Aus unserer Wüste, 27. Juni 1530.
Dein Martin Luther
Gnade und Friede in Christo!
Ich weiß wirklich nicht, lieber Philipp, was ich noch an Dich schreiben soll; so sehr schreckt mich der Gedanke an Deine elenden und eitlen Sorgen zurück, und ich weiß, dass ich tauben Ohren predige. Das kommt davon, wenn Du allein Dir, nicht aber mir und den andern glaubst, Dir sehr zum Schaden. Ich gestehe Dir: Ich bin in viel größerer Drangsal gewesen, als Du es je sein wirst; ich möchte es keinem Menschen wünschen, auch meinen ärgsten Feinden nicht, mögen sie auch noch so frevelhaft und ruchlos sein, dass es ihnen wie mir ergehe. Und doch habe ich in solchen Übeln oft Linderung erfahren durch den Zuspruch eines Bruders, […] bald von Dir, bald von Jonas oder einem andern. Warum hörst Du nun auch nicht auf uns? […]
In persönlichen Kämpfen bin ich schwächer, Du aber tapferer; dagegen in öffentlichen Kämpfen stets umgekehrt: Du wie ich in persönlichen Kämpfen und ich wie Du, wenn ich »persönlich« das nennen darf, was zwischen mir und Satan vorgeht. Denn Du schätzt Dein Leben gering, fürchtest aber für die öffentliche Sache. Ich aber bin wegen der öffentlichen Sache getrosten Mutes und ruhigen Sinnes, denn ich weiß: Sie ist sicherlich gerecht und wahr, ja Christi und Gottes Sache, sie braucht darum ihrer Sünde halber nicht zu erblassen, wie ich kleiner Heiliger erblassen und zittern muss. Darum bin ich fast ein sorgloser Zuschauer, und jene wütenden und drohenden Papisten achte ich nicht so viel! Stürzen wir, so wird Christus mit stürzen, Er, der Herrscher der Welt! Und sei es denn, so will ich lieber mit Christus stürzen als mit dem Kaiser stehen!
[…]
Der Herr Jesus Christus bewahre Dich, dass Dein Glaube nicht aufhöre, sondern wachse und siege, Amen! Ich bete für Dich, ich habe gebetet und werde es tun, und zweifle nicht, ich bin erhört. Denn ich fühle das Amen in meinem Herzen. Geschieht nicht, was wir wollen, dennoch wird geschehen, was besser ist! Denn wir erwarten ein künftig Reich, wenn alles in der Welt betrogen hat.
Am letzten Juni 1530.
Dein Martin Luther.
Jonathan Swift und Charles Ford
Jonathan Swift (1667–1745) ist der Nachwelt vor allem als Autor von Gullivers Reisen in Erinnerung geblieben, eines der meist gelesenen Bücher der Welt. Die Erzählungen von Gullivers Expeditionen zu den Liliputanern und zu den Riesen von Borbdingnag sind heutzutage vor allem in gekürzter Fassung und als Jugendbücher bekannt. Eigentlich aber handelt es sich bei Gullivers Reisen um einen der größten satirischen Texte der Literaturgeschichte.
Swift war ein einzigartiger Satiriker, auch wenn er sich selbst in einem der unten stehenden Briefe genau dieses Talent abspricht. Einen Namen machte sich der gebürtige Ire im London des frühen 18. Jahrhunderts als politischer Journalist; am Anfang seiner Karriere stand er auf der Seite der liberalen Whigs, ab 1710 jedoch unterstützte er die konservativen Tories. Dies war auch der Grund dafür, dass Swift nach dem Tod von Königin Anne und dem Fall der Tories 1714 nicht vom heimatlichen Dublin nach London zurückkehren konnte, das er seiner Geburtsstadt eigentlich bei Weitem vorzog. Swift gilt bei den Iren zwar heute noch als Nationalheld, weil er tatkräftig gegen die Unterdrückung seiner Landsleute durch die Engländer kämpfte; im Grunde jedoch verabscheute Swift Irland von ganzem Herzen (zumindest tat er so).
Überhaupt galt der Autor wie der Mensch Swift als ausgesprochener Misanthrop und Griesgram. Dem gegenüber stehen die tiefen Freundschaften, die ihn mit vielen der geistigen Größen seiner Zeit verbanden; an den klassizistischen Dichter und Verssatiriker Alexander Pope schrieb Swift einmal, dass er nur das »Tier Mensch« im Allgemeinen verachte, individuelle Exemplare der Spezies aber durchaus liebe.
Zu diesen geliebten Menschen gehörte Charles Ford (1682–1741), ein Grundbesitzer, der seine Zelte dauerhaft in London aufgeschlagen hatte. Ford war ein politischer Mitstreiter Swifts und fungierte oft als Mittelsmann zwischen dem exilierten Satiriker und den Druckern und Buchhändlern der Hauptstadt. Swift bewunderte Ford als einen wahren Gentleman, der sich durch Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein, Bescheidenheit, Umgänglichkeit, Nonchalance und Geschäftstüchtigkeit auszeichnete – alles Qualitäten, die der Schriftsteller an sich selbst vermisste.
Im Laufe der Jahre wurde der ohnehin exzentrische Swift immer eigenbrötlerischer. Er litt sein Leben lang am Ménière-Syndrom, das sich bei ihm als Schwindel, akute Orientierungslosigkeit und temporäre Taubheit manifestierte. 1739 wurde der große Satiriker deswegen für geisteskrank erklärt. 1
Swift an Ford
London, 8. März 1709
Ich habe mich kürzlich an einigen meiner Korrespondenten schuldig gemacht, und Du bist unter ihnen; ich kann diesen Umstand nur damit erklären, dass ich so wenig zu tun habe, und das nimmt all meine Zeit in Anspruch, da nämlich nichts so viel von derselben verschlingt wie Müßiggang.
Es soll mir mehr als fernliegen, den Versuch zu wagen, Dich davon zu überzeugen, dass Du nicht glücklich bist; ich kann mir nur nicht erklären, warum Du behauptest, Dein Glück hätte im Februar letzten Jahres seinen Anfang genommen: Dieser Zeitraum zeichnet sich weder dadurch aus, dass Du nach London gekommen bist, noch dadurch, dass Du London verlassen hast.
Ich bin der unumstößlichen Überzeugung, dass Du Dich inzwischen davon hast überzeugen können, dass ich weder bereits Ruhm und Ehre erlangt habe noch die Absicht habe, es in naher Zukunft zu tun: In meiner Partei ist man nämlich der Ansicht, dass mir die Kunst der Sorgfalt abgeht, wie sie jeder diskreten Person wohl ansteht.
Irgendwann diesen Sommer werde ich Dich sehr wahrscheinlich auf dem Weg zu meiner Residenz mit meiner Anwesenheit erfreuen; und Du wirst feststellen müssen, dass, als ich Dir das Versprechen machte, Dich in meine Familie einzuführen, dies allein aus politischem Kalkül heraus geschah; nämlich, um mein Anrecht zu stärken, in die Deine aufgenommen zu werden.
Ob ich hier angenehmen Zeitvertreib finde oder nicht, würde ich Dir um alles in der Welt nicht offenbaren, es sei denn, ich wäre sicher, dass ich nie wieder mit einer Rückkehr nach Irland gesegnet würde. Ich muss lernen, mich diesem Land und seinen Menschen gegenüber gefälliger zu verhalten, aber ich werde Dir ein Geheimnis anvertrauen (obwohl es kein bedeutendes ist): Ich bezweifle, dass ich, sollte ich je dorthin zurückkehren, meine Zeit sehr viel anders verbringen würde als dazumal. Diesen Umstand möchte ich nicht anders erklären als mit einer kleinen Geschichte von einem Gentleman aus meiner Bekanntschaft, der einst in Frankreich Weintrauben kostete und daraufhin keine englische Rebe auch nur eines Blickes würdigte, nachdem er in die Heimat zurückgekehrt war. Wenn Du nun feststellen musst, welch ein griesgrämiger Geselle ich bin, dann bitte ich Dich, die eine oder andere Entschuldigung für mich zu ersinnen. Doch die Schuld soll nicht bei Irland liegen; zumindest werde ich alles tun, um mich das glauben zu machen; denn ich bin inzwischen so schwer zu befriedigen, dass mir jedes unerwartete Gesicht, das mir über den Weg läuft, sauer aufstößt, und die kleinste Unannehmlichkeit oder Unhöflichkeit verursacht mir Atembeschwerden und Magenschmerzen.
Du erzählst mir von so manchem Zeitvertreib; lass mich Dich fragen, ob unter all diesen Vergnügungen auch jener Genuss bedacht ist, den nichts anderes vermitteln kann, als allein unter Büchern zu sitzen, solange das Herz begehrt. Ich war der Meinung, Du wärst über alle Maßen zufrieden, aber diesen Glauben hat mir das Übermaß Deiner moralischen Überlegungen zerstört. Du wirst feststellen, dass sie mich ganz melancholisch gemacht haben. Es ist meine Erfahrung, dass nur wenige Männer sich mit derartigen Gedanken beschweren, es sei denn, sie befinden sich nicht so, wie sie gerne wollten.
[…] Bitte empfehle mich und meine demütigsten Dienste Mrs. Ford und Deiner Schwester, und auch Mr. Elwood, wenn er Dir über den Weg läuft; dieser Mann genießt meine Achtung, und, um meine Londoner Phrase zu gebrauchen: Ich ertrage unsere Bekanntschaft.
Larcore, 9. Juli 1713
Ich bin Dir außerordentlichen Dank schuldig, dass Du mir so oft schreibst, aber ich muss Dich anflehen, davon abzulassen, wenn es Dir zu viele Umstände bereitet. Ich bin mir sicher, dass ich Deine sechs Briefe erhalten habe, denn drei habe ich hier erhalten, und ich glaube, dass ich genauso viele in Dublin zurückgelassen habe. Ich blieb länger dort, als die Geschäfte mich gezwungen hätten. Mit der Ausnahme eines einzigen Tages empfing ich dort nie Besuche, denn ich war sehr unpässlich, und ich habe meinerseits keinen einzigen Besuch geleistet, sondern mich nach Larcore gestohlen, um hier auszureiten und bitteres Gebräu zu schlürfen. Mir geht es ein wenig besser, Dank sei Gott, doch kann ich noch immer keinen klaren Kopf fassen.
[…]
Wenn man mich diesen Winter rufen lässt, dann werde ich kommen und mich an Euren Aktivitäten in dem Maße beteiligen, in dem es mir meine Gesundheit gestattet. Andernfalls bleibe ich, wo ich bin, und werde dieses Land durch Gewohnheit ertragen lernen. Selbst die tausend Pfund, die mir mehrfach versprochen worden sind, um meine Schulden zu begleichen, werden mich nicht dazu bringen, einzulenken, außer wenn ich den Befehl erhalten sollte, zu kommen. […]
Ich wage es nicht, mehr zu schreiben, mehr bringt mein Kopf nicht zustande. Seine Ergüsse sind dieser Tag nicht viel wert. Er muss also für die Unzulänglichkeiten seines Besitzers geradestehen, so wie es Diener eben manchmal für ihre Herren zu tun gezwungen sind.
Ford an Swift
Paris, 23. Oktober [1716]
Wenn ich kommen würde, um Dich wiederzusehen, würdest Du mir doppelt so viel Geld geben, wie Du mir vor sechs Wochen anbotest, nur, um mich nicht gesehen zu haben. Genauso könnte es sein, dass Du es Dir einiges kosten lassen würdest, wenn Du nichts von mir hören müsstest, aber der beiliegende Brief erreichte mich diesen Morgen, und ich konnte es nicht über mich bringen, ihn wegzuschicken, ohne einige Worte an Dich hinzuzufügen. Ich versichere Dir, dass sie Dich nicht wieder in die Arme der Melancholie treiben werden. Ich möchte Dich nur fragen, wie es Dir geht und wie Du Deine Tage verbringst. Gehen Deine großen Pläne für Larcore vorwärts, oder verhindert der horrende Regen Deine Erwerbungen genauso wie meine Reise? Diese Fragen zu beantworten, kostet Dich nichts weiter als einen Penny und wenige Minuten. Im Gegenzug werde ich Dir alles, was Du willst, über mich und meine Reiseabenteuer erzählen. Ich werde weiterreisen, sobald fünf oder sechs Sonnentage die Straßen getrocknet haben und das beste Land der Welt erträglich machen. Wenn ich vom Reisen rede, werde ich hier ausgelacht, umso mehr, wenn ich erwähne, dass ich auf besseres Wetter warte. Doch für mich ist das Reisen selbst der vergnüglichste Teil überhaupt; und während mein Reisegefährte sich die ganze Zeit schon nach Rom wünschte, wünsche ich Rom tausend Meilen weiter weg, damit ich noch weiter durch Frankreich und Italien zu reisen hätte. Wenn Du mir die Freude machst, zu schreiben, dann adressiere den Brief an Mr. Cantillon Banker in Paris.
Swift an Ford
15. Dezember 1720
Wir befanden uns einige Tage lang in größter Sorge um Dich, aber zu guter Letzt versicherte man uns, dass Du sicher in London angekommen seist. Ich war für ein paar Tage außer Gefecht gesetzt. Es war meine alte Taubheit, die mich daran hinderte, in die Dawson Street zu gehen [und Deine Mutter zu besuchen]. Ich sende Dir mit diesem Brief das Zeug, das ich Dir versprochen hatte, so korrekt, wie ich nur kann. Es hat mich Mühe genug gekostet, ob es nun gut ist oder nicht. […]
Du wirst mich doch wissen lassen, ob Du alles erhalten hast.
Dublin, 15. April 1721
Du und ich, wir korrespondieren nicht zu gleichen Bedingungen, denn Deine Briefe sind nützlich und unterhaltsam und kosten mich nicht selten keinen Penny; während Du jedes Mal für den Erhalt der meinen bezahlen musst, die außerdem ein derartiges Geschreibsel darstellen, dass sie sicher ganz unbrauchbar und stumpfsinnig sind. Ich aß vor ein paar Tagen bei Deinen Leuten zu Abend, die bei guter Gesundheit waren und mir versicherten, dass es um Dich ebenso steht, und ich bin mir sicher, dass Du Dich über all die gegenwärtige Aufregung köstlich amüsierst. […]
Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Dame, deren Schuldschein ich Dir anvertraute, wegen anderer Schulden im Gefängnis war, und Mr. Charlton schrieb mir in ihrer Sache; ich bin sicher, dass sie eine ausgekochte Schurkin ist; aber ich bitte Dich, mir den Schuldschein in den Händen einer vertrauenswürdigen Person zurückzusenden, und ich werde ihn gegen den Hauptübeltäter verwenden, der sich meines Wissens hier in der Stadt herumtreibt.
[…] Ich muss feststellen, dass man heutzutage noch weniger Freunden vertrauen kann, als unsere Großmütter es uns immer hinter die Ohren schreiben wollten. […] Ist das nicht ein feiner Stoff für einen Brief? Aber leider habe ich sonst nichts zu erzählen. – Ich schreibe zurzeit an einer »Geschichte meiner Reisen«, die ein sehr voluminöses Buch abgeben wird und von Ländern erzählt, die bis dato völlig unbekannt waren.
Ich spreche Dir mein Bedauern wegen des Ablebens von Lady Newtown aus. Man sagt mir, dass sie ihren Leichnam hierher überführen wollen. Bitte empfehle mich Mr. Lewis und Pope und Gay. Es gibt genug Leute, die das Ausbleiben der beiden abschließenden Bände von Mr. Popes »Homer« sehr beklagen.
Dublin, 5. April 1733
Ich habe Deinen vorletzten Brief an einen so geheimen Ort verlegt, dass ich außerstande bin, ihn wiederzufinden. Deinen letzten habe ich nun vor mir liegen. Mein alter Schwindel hat mich während des ganzen vergangenen Monats in solche Verwirrung gestürzt, dass ich mich in die Hände Deallys begeben habe und täglich Medizin schlucke. Der Schwindel war nicht heftig, und es geht mir ein wenig besser, aber Du darfst nicht erwarten, dass ich einen klaren Kopf habe, denn ich irre stets im Dunklen umher. […] Doch vor zehn Tagen befiel mich noch ein weiteres grausames Missgeschick. Denn ich habe mir mein verstauchtes Bein entweder noch einmal gestaucht oder aber mir ein Rheuma zugezogen. Ich kann also nur unter Schmerzen laufen, und dennoch spaziere ich drei oder vier Meilen am Tag; ich bin entschlossen, dies zu tun, solange ich nur irgend kann, nicht um gegen den Tod, sondern um gegen den Schmerz anzukämpfen. Ich werde nicht noch weiter auf all meine Beschwerden eingehen und lediglich anfügen, dass ich bestimmt mein halbes Gedächtnis und all meinen Erfindungsgeist verloren haben muss. […]
Ob ich Dich bald besuchen komme, kann ich nicht sagen. Meine Angelegenheiten hier sind heillos verworren, dazu kommt, dass meine neue Behinderung und die Wiederkehr meines alten Leidens mich so niederdrücken, dass an solch eine Reise nicht zu denken ist. Meine Absicht war, wenn ich denn meine Angelegenheiten bereinigen und einigermaßen gesunden könnte, im August aufzubrechen und den Winter abwechselnd bei Lord Bolingbroke und Mr. Pope zu verbringen. Alle seine jüngsten Werke werden hier ununterbrochen gedruckt, auch die anderer Dichter. Ich stimme mit Dir darin überein, dass Lady Mary [Wortley Montague] die fragliche Satire nicht verfasst habe, obwohl ich keine zehn Zeilen davon gelesen habe. Den Teufel im Leib dazu hat sie allerdings.
Du schreibst nichts über Deine Gesundheit. Wenn es Dir inzwischen nicht besser geht, dann habe ich Grund, mich zu beklagen, weil Du Dich nämlich nicht bei mir beklagst.
Ich beneide Mr. Pope, weil er so angefeindet wird. Ich bin der Ansicht, dass alle Männer von Witz und scharfem Verstand denselbigen in der Kunst der Satire einsetzen sollten, und wenn es die Schlingel auch nur ärgert, anstatt sie zu bessern. Wenn mein satirisches Talent der Griesgrämigkeit meines Gemüts entsprechen würde, würde ich nichts anderes mehr als Satiren schreiben.
Ford an Swift
London, 14. April 1733
Von Deinem schlechten Gesundheitszustand zu hören, macht mir große Sorgen. Ich habe mir schon oft gewünscht, Du würdest Dich bei Deinen Spaziergängen zurückhalten; denn obwohl es immer heißt, dass Reiten gut gegen einen schwindligen Kopf wäre, habe ich doch noch nie gehört, dass Spaziergänge als Heilmittel für eine Verstauchung verschrieben worden wären; und die heftigen Anstrengungen, denen Du Dich unterziehst, führen sicherlich leicht zu Schweißausbrüchen, die wiederum schnell eine Erkältung nach sich ziehen können und ohne Zweifel sogar auch die Auslöser Deiner vielen anderen Beschwerden sind. Ich bin voll und ganz davon überzeugt, dass sich Dein Zustand hier sehr schnell bessern würde. Ich war ausnehmend erfreut, als ich Mylord Mayor sagen hörte, welch ungeheure Freude es ihm bereiten würde, Dich dieses Jahr hier zu sehen […]. Ich wünschte von ganzem Herzen, dass alle Deine Klagen genauso wenig in der Realität begründete wären wie Deine Sorge, Du hättest die Hälfte Deiner Erinnerungen und all Deinen Erfindungsgeist verloren. Ich maße es mir an, zu behaupten, dass Du immer noch über ein besseres Gedächtnis verfügst, als die meisten anderen Menschen je besessen haben, und von Erfindungsgeist besitzt Du ohnehin mehr als jeder andere Mensch auf Erden. […]
Ich mache mir große Hoffnungen, dass dieses schöne, milde Wetter Dir guttun wird, und sehne mich danach, zu hören, dass Du mitten in den Reisevorbereitungen steckst und bald nach London aufbrichst. Ich bin ganz und gar Dein dankbarer etc.
London, 3. Juni 1736
Werter Herr,
auch wenn Sie es unterlassen haben, die letzten zweieinhalb Jahre mit mir zu korrespondieren, so kann ich doch noch nicht von Ihnen lassen; ich glaube, das ist nun der sechste Brief, den ich Ihnen sende, ohne ein Wort von Ihnen von Ihrer eigenen Hand gelesen zu haben. Mylord Oxford erzählte mir letzten Winter, dass er von Ihnen gehört hätte und dass Sie sich damals wohl befunden hätten. Mr. Cæsar berichtete mir erst vor Kurzem Ähnliches. Solche Nachrichten sind mir immer höchst willkommen; doch es würde meiner Freude unendlich viel hinzufügen, wenn ich es von Ihnen persönlich hören würde; und Sie wissen auch, dass ich wegen meiner ehrlichen Zuneigung zu Ihnen ein gewisses Recht habe, eine solche Nachricht von Ihnen zu verlangen.
Schon fünf Monate bin ich jetzt in einen unerquicklichen Prozess mit einem Iren verwickelt. Diese Gesellen treiben sich in Schwärmen im Saint James’s Park herum; man kann dort bei schönem Wetter kaum mehr in Ruhe flanieren, weder auf der Straße noch im Park. Der fragliche Schurke versperrte mir den Eingang zu einer Taverne […] und wollte mich nicht vorbeilassen, bis ich ihm eine Kopfnuss versetzte. An jenem Abend tat er so, als würde er die Sache mit Humor nehmen; doch am nächsten Morgen stand ein irischer Anwalt vor meiner Tür und legte mir mit größtem Respekt nahe, dem Burschen Genugtuung zu geben; er spann eine fürchterliche Geschichte von einem Wundarzt und einem blutigen Hemd und behauptete, zu seinem eigenen Schaden mir, dem er ja noch nie zuvor begegnet war, besagten Ratschlag zu erteilen, um zu verhindern, dass ich öffentlich bloßgestellt würde. Weder dieser wohlmeinende Herr noch die Warnungen unseres Freundes Mr. L. und noch einiger anderer konnten mich jedoch zum Einlenken bewegen. […]
Ich werde jeden Tag gefragt, ob denn keine Hoffnung bestünde, Sie jemals wieder hier begrüßen zu dürfen, und ich bedauere es immer sehr, niemandem Auskunft über Ihre Absichten erteilen zu können. Ich bezweifle, dass meine Briefe Ihre Geduld über alle Maßen strapazieren, und schließe deshalb mit der Versicherung, dass niemand Ihnen mehr alles Glück dieser Erde wünscht als ich, der ich voll und ganz der Ihre bin, etc.
Swift an Ford
22. Juni 1736
Deine Version der Briefaffaire lasse ich auf keinen Fall gelten, weil ich mir mehr als sicher bin, dass Du mir nie mehr als einen letzten Brief geschickt hast, mit Ausnahme des Papiers natürlich, dass ich vor ungefähr einer Woche erhalten habe. Es ist schon so, dass ich die vergangenen zwanzig Monate keinen einzigen Tag der Gesundheit genießen durfte; mein Schwindel dauerte in einem fort, wenn auch nicht immer sehr heftig, so jedoch stark genug, meinen Geist niederzudrücken, und zwar umso mehr, da ich die schlimmen Zeiten und die Menschen und all die Unterdrückung, mit denen die Geschichte beide Königreiche plagt, von Herzen überhabe. Ich bin den Leuten hier wie dort der verhassteste Mensch auf Erden: zumindest dort, bei Dir zu Hause, bei allen, die Macht innehalten und die mir, Gott sei mein Zeuge, viel zu viel zutrauen, denn ich kann ihnen schon lange nicht mehr schaden oder dienlich sein. Was nun Dich betrifft, habe ich nie auch nur ein Körnchen jener wahren Liebe und Wertschätzung verloren, die ich Dir entgegenbringe. Ich habe mir jedoch gedacht, dass wir wahrscheinlich nie wirklich dazu bestimmt waren, einander in dieser Welt zu begegnen, denn meine Gesundheit erlaubt mir keinesfalls, nach England zu reisen, und Du wirst nie in der rechten Geistesstimmung sein, um nach Irland zu kommen. Ich wage es nicht, mich längere Zeit oder in der Tat eine längere Strecke von dieser Stadt hier zu entfernen, ganz zu schweigen davon, nach London zu gehen, denn ich fürchte jeden Moment jenen leidigen Schwindelanfall und jene merkwürdige Taubheit, die manchmal bis zu sechs Wochen lang andauern kann. Und meine Finanzen sind solcherart, dass ich mir gar nicht leisten kann, komfortabel in London zu leben. Außerdem verfüge ich nicht einmal über drei Freunde, mit denen ich gerne konversieren oder dinieren würde. Hier besitze ich ein großes Haus, das meinem einfachen Geschmack durchaus entgegenkommt, und kann ein Krümelchen zum Abendessen verspeisen, ohne mich zu verschulden; nichtsdestoweniger war ich gezwungen, mir 200 Pfund zu leihen, um die kleine Familie aus dreieinhalb Bediensteten halten zu können, weil ich mich nämlich mit einem eklatanten Mangel an vernünftigem Honorar konfrontiert sehe.
Als Sr. … letzthin von England zurückkehrte, erzählte er mir, Du hättest arg geschwollene Beine; dass er Dich deswegen ernstlich verwarnte und Dir riet, aufs Land zu fahren und Dich behandeln zu lassen, dass Du aber seinen Rat ablehntest und sagtest, dass Du andere kenntest mit denselben Beschwerden, die nach zwanzig Jahren immer noch am Leben wären, und mehr könntest Du Dir gar nicht wünschen. Aber Du hast natürlich nicht gedacht, dass die Hälfte dieser zwanzig Jahre ein Bild des Elends waren. Als ich viel jünger war, als Du jetzt bist, nicht älter als 32, schwoll mein linkes Bein an, weil mir nämlich der Wein verhasst war und ich immer nur Wasser trank. Weil ich in London lebte, war ich gezwungen, an diesem Bein einen geschnürten Strumpf zu tragen; aber ich heilte mich selbst, weil ich ohne Unterlass zu Fuß ging; und obwohl das Bein mir oft Ärger machte, führte diese Übung letzten Endes dazu, dass ich die Schwellung ganz los wurde. Sie ist seitdem auch nicht wiedergekommen, und ich kann immer noch sechs oder sieben Meilen am Tag zu Fuß bewältigen. Aber ich war und bin besonnener als Du. Ich lege wenig Wert auf ein langes Leben; aber da es nun eben andauert, bin ich bestrebt, es mir durch stetes Maßhalten erträglich zu machen. Ich freue mich sehr über Deinen Sieg über den irischen Schurken. […]
Ich habe Mrs. Ford schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen und weiß auch nicht, wo ich sie finden könnte; und die Ludlows haben mich ganz und gar verlassen. Aber das zu Dir zu sagen, ist – wie Alexander sagte, als einer seiner Statthalter ihm während seines Siegeszugs gegen Darius über die Kleinkriege in Griechenland schrieb – wie Dir von einem Krieg zwischen Pygmäen und Kranichen zu erzählen. Der D. of Argyle war immer ein wahrer Schotte, und doch täuschte er mich für eine Zeit; und ich hatte ihm doch einst so viel Liebe entgegengebracht. Wo ist unser Freund Lewis? Ich habe ihn immer geliebt und stehe nach wie vor hoch in seiner Schuld. Ich würde ihm jederzeit ohne Zögern meine Dienste anbieten – und er verheiratet sich wie ein … – und ich hielt ihn doch für einen der weisesten Männer, die ich jemals kennenlernen durfte. Ich hoffe, dass wenigstens Mylord Masham eine ehrliche Haut geblieben ist; sollte das so sein, so hoffe ich, dass er meine ergebensten Grüße akzeptiert. Taugt sein Sohn irgendwas? Ich hatte bei ihm immer meine Zweifel. Gott segne Dich, ich bin für immer und von Herzen der Deine.
Ford an Swift
London, 8. Juli 1736
Du kannst Dir nicht ausmalen, wie sehr es mich bewegte, einen Brief von Deiner Hand zu sehen, nach zweieinhalb Jahren des Schweigens. Die Freude, die es mir bereitet, dass ich noch nicht ganz vergessen bin, wurde schnell getrübt von Deinem Bericht über Deinen schlechten Gesundheitszustand. Ich fürchte, dass Du zu viel nur für Dich alleine lebst; und ein solcher Rückzug hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf all jene, die eigentlich für vergnügte Gesellschaft gemacht sind. Ich war die letzten dreißig Jahre mit so vielen fröhlichen Gefährten gesegnet, weil ich mich einfach neuen anschließe, wenn die alten heiraten und sich aus dem Staub machen. […] Welche Abneigung die Männer an der Macht auch immer gegen Dich hegen mögen – alle anderen würden sich um Deine Gesellschaft bemühen und sich dabei von Dir die Bedingungen diktieren lassen. Und was die Hochgestellten angeht, ich bin mir sicher, dass Du Dich, so wie die Dinge zurzeit stehen, schämen würdest, stündest Du auf gutem Fuße mit ihnen. Wenn sie Dich hassen, dann nur, weil sie Dich fürchten, weil sie um Deine Fähigkeiten besser Bescheid wissen, als Du das zu tun scheinst: Selbst in Deiner melancholischen Stimmung schreibst Du mit viel zu viel Feuer, als dass Dein Geist wirklich niedergedrückt sein könnte. Dein Schwindel und die Taubheit bereiten mir die allergrößten Sorgen, obwohl ich der Überzeugung bin, dass sie Dich hier seltener befallen würden und besser behandelt werden könnten. Auch müsstest Du für niemanden ein Abendessen springen lassen, weil Du jeden Tag zwei oder drei Einladungen erhalten würdest. Ich werde zu diesem Thema nichts weiter sagen, denn ich weiß, dass Du nicht zu überzeugen bist.
[…] Ich habe keinen Grund, an Lord Masham zu zweifeln. Seinen Sohn kenne ich nicht, nicht einmal vom Sehen. Unser Freund Lewis wird unentwegt von seiner kranken Frau in Anspruch genommen, die seit einigen Jahren im Sterben liegt, aber nicht stirbt. Wenn er mich nicht besucht, was er höchstens zweimal im Jahr für eine Viertelstunde tut, sehe ich nichts von ihm. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen Gesundheit und Glück und bin für immer und wahrhaft Dein etc.
Friedrich der Große, der »Philosoph von Sanssouci«, an Voltaire
Friedrich der II., auch »der Große« oder liebevoll »der Alte Fritz« genannt, regierte Preußen von 1740 bis zu seinem Tod 1786. Der 1712 geborene Sohn des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. galt als größter Feldherr seiner Zeit, aber auch als aufgeklärter Herrscher, der die Folter abschaffte, allgemeine Glaubensfreiheit proklamierte und zahlreiche Reformen durchführte. Friedrich II. war zwar ein absolutistischer Herrscher und durchaus ein Machtmensch, sah sein Königtum jedoch als Pflicht und, wie er in den Briefen an seinen bewunderten Freund Voltaire mehrfach schreibt, als einen »Beruf«, der ihm übertragen worden war.
Friedrich suchte bereits 1736 als Kronprinz Kontakt zu dem französischen Philosophen, in dem viele schon damals die Verkörperung der Aufklärung sahen und der wegen seiner subversiven Schriften weltlichen wie kirchlichen Autoritäten oft ein Dorn im Auge war. Der 18 Jahre ältere Voltaire (1694–1778) wurde schnell zum Mentor des philosophie- und kunstbegeisterten Prinzen, der seine Liebe für das Geistige und Schöne auch als König nie verlor. Friedrich II. betätigte sich sogar selbst als politischer Schriftsteller, Musiker und als »Philosoph von Sanssouci«. Voltaire bewunderte den jungen König als Verkörperung aufklärerischer Ideale, vor allem des vernunftgelenkten Handelns, war aber mit seinen kriegerischen Akten durchaus nicht immer einverstanden.
Die Beziehung zwischen König und Philosoph verlief nicht konfliktfrei. Dass Voltaire 1750 als Kammerherr in die Dienste seines hoheitlichen Freundes trat – für beide eigentlich ein außerordentlicher Prestigegewinn – führte drei Jahre später fast zum Bruch zwischen Friedrich II. und Voltaire. Es war eben doch etwas anderes, die freiheitlichen Schriften des Aufklärers von Weitem zu bewundern, als den scharfzüngigen Wahrheitssager am eigenen Hof zu haben; so meinte der preußische König einmal zu seinem rebellischen Kammerherrn, dass seine Werke zwar die allerhöchste Bewunderung verdienten, doch: »Ihr Verhalten verdient, dass man Sie in Ketten legt!«
Voltaire reichte schließlich seinen Abschied ein und wurde sogar kurzzeitig in Frankfurt verhaftet. Doch noch im gleichen Jahr nahmen der Philosoph und der König ihren Briefwechsel wieder auf. Es scheint, dass die beiden schlicht übereinkamen, in gewissen Dingen nicht einer Meinung zu sein – »they agreed to disagree«, wie es die Engländer ausdrücken würden.
Die Brieffreundschaft zwischen Friedrich II. und dem »Patriarchen von Ferney« (auch Voltaire konnte sich männlich-herrschaftlich gebärden) hielt insgesamt über vierzig Jahre an. Als der Aufklärer 1778 starb, hielt der »Philosoph von Sanssouci« am Grabe seines ungleichen Freundes eine fulminante Trauerrede.
Berlin, 8. August 1736
Habe ich auch nicht das Glück, Sie persönlich zu kennen, so sind Sie mir doch durch Ihre Werke bekannt genug. Das sind Geistesschätze, wenn der Ausdruck erlaubt ist, Kunstwerke, die mit so viel Geschmack und Feinheit gebildet sind, dass ihre Schönheiten sich bei jeder Lektüre in neuem Lichte zeigen. Ich glaube in ihnen den Charakter ihres geistvollen Verfassers zu erkennen, der unserem Jahrhundert und dem menschlichen Geiste zur Ehre gereicht. Die großen Männer der neueren Zeit werden Ihnen einst Dank wissen, und nur Ihnen allein, falls der Streit wieder ausbricht, ob den Neueren oder den Alten der Vorzug gebührt; denn Sie lassen die Waagschale zugunsten der Neueren sinken.
Mit den Eigenschaften eines hervorragenden Dichters verbinden Sie eine Fülle von Kenntnissen, die freilich mit der Poesie in gewisser Weise verwandt sind, ihr aber erst durch Ihre Feder zugehören. Nie hat ein Dichter metaphysische Gedanken in Verse gebracht: Solche Ehre war Ihnen zuerst vorbehalten. Diese philosophische Tendenz Ihrer Schriften veranlasst mich, Ihnen eine durch mich angeregte Übersetzung der Anklage und Rechtfertigung von Wolff zu übersenden, des berühmtesten modernen Philosophen, der Licht in die dunkelsten Gebiete der Metaphysik getragen und diese schwierigen Fragen ebenso erhaben wie klar und bestimmt erörtert hat, dafür aber grausamerweise der Irreligiosität und des Atheismus bezichtigt worden ist. Das ist das Schicksal großer Männer: Stets setzt ihr überlegener Genius sie den vergifteten Pfeilen der Verleumdung und des Neides aus.
Ich lasse jetzt die Abhandlung desselben Verfassers »Von Gott, von der Seele und der Welt« übersetzen und werde sie Ihnen zusenden, sobald sie vollendet ist. Ich bin gewiss, Sie werden die Beweiskraft aller seiner Schlüsse schlagend finden; denn sie folgen mathematisch einer aus dem anderen und sind ineinander geschmiedet wie Kettenglieder.
Bei der Nachsicht und Unterstützung, die Sie allen gewähren, die sich den Künsten und Wissenschaften widmen, hoffe ich, Sie werden mich nicht aus der Zahl derer streichen, die Sie Ihrer Belehrung würdigen. Denn so nenne ich Ihre Korrespondenz, die jedem denkenden Wesen nur nützlich sein kann. Ja, ohne das Verdienst anderer zu schmälern, wage ich zu behaupten, dass es auf der ganzen Welt ohne Ausnahme keinen gibt, dessen Lehrer Sie nicht sein könnten.
Fern sei es mir, Sie in einer Weise zu beweihräuchern, die Ihrer unwürdig wäre; dennoch kann ich Ihnen versichern, dass ich in Ihren Werken zahllose Schönheiten finde. Ihre »Henriade« entzückt mich und triumphiert glücklich über die wenig einsichtsvolle Kritik, der man sie unterzogen hat. Das Trauerspiel »Cäsar« zeigt uns durchgeführte Charaktere und ist von großen, gewaltigen Gefühlen erfüllt. Ihr Brutus kann nur Römer oder Engländer sein. […]
Das erweckt in mir den sehnlichen Wunsch, alle Ihre Werke zu besitzen. Ich bitte Sie, mir diese zu schicken und mir keines zu versagen. Sollte sich unter den handschriftlichen eins befinden, das Sie aus notgedrungener Vorsicht der Öffentlichkeit vorenthalten, so verspreche ich Ihnen, tiefstes Geheimnis zu wahren und ihm nur insgeheim Beifall zu zollen. Leider weiß ich, dass ein Fürstenwort heutzutage wenig gilt; doch hoffe ich, Sie werden sich nicht von den allgemeinen Vorurteilen bestimmen lassen, sondern sich zu meinen Gunsten zu einer Ausnahme entschließen.
Ihre Werke würden mich reicher machen als alle vergänglichen und verächtlichen Glücksgüter dieser Welt, die ein und derselbe Zufall uns schenkt und wieder nimmt. Mithilfe des Gedächtnisses kann man sich jene, Ihre Werke, aneignen und sie so lange besitzen wie dieses. Mein Gedächtnis ist schlecht; darum schwanke ich lange, bevor ich mich entscheide, was darin Aufnahme finden soll.
Stünde die Dichtkunst noch auf ihrer alten Stufe, d. h., könnten die Dichter nur langweilige Idyllen trillern, Eklogen nach dem alten Schema und abgeleierte Stanzen verfertigen, oder wüssten sie ihre Leier nur auf den elegischen Ton zu stimmen – ich würde ihr für immer entsagen. Allein, Sie veredeln die Dichtkunst, Sie zeigen uns neue Wege, die ein Cotin und Rousseau nicht beschritten haben.
Ihre Gedichte besitzen so große Vorzüge, dass alle höher stehenden Geister sich gern in sie vertiefen. Sie sind ein Lehrbuch der Moral, das uns denken und handeln lehrt. Sie schmücken die Tugend mit leuchtenden Farben. Der Begriff des wahren Ruhmes wird darin formuliert. Sie gewinnen den Wissenschaften so feine und zarte Reize ab, dass man nach der Lektüre Ihrer Werke vom Ehrgeiz erfasst wird, in Ihre Spuren zu treten. Wie oft habe ich mich nicht dieser trügerischen Lockung hingegeben und mir dann gesagt: Unseliger, lass ab, diese Bürde übersteigt deine Kräfte! Man kann Voltaire nicht nachahmen, wenn man nicht selber Voltaire ist.
In solchen Augenblicken habe ich es empfunden, dass die Vorzüge der Geburt, der leere Schall von Größe, mit dem die Eitelkeit uns einlullt, nur wenig oder besser gesagt gar nichts vorstellen. Das sind Maßstäbe, die unser inneres Wesen nicht berühren, lediglich äußerer Schmuck. Wie sehr sind ihnen die Geistesgaben vorzuziehen! Wie viel ist man denen schuldig, die die Natur schon bei ihrer Geburt ausgezeichnet hat! Gefällt sie sich doch, Wesen zu schaffen und mit allen nötigen Gaben auszustatten, um Fortschritte in den Künsten und Wissenschaften zu machen; ihre durchwachten Nächte zu belohnen, ist dann Sache der Fürsten. Ach, erwählte der Ruhm doch mich zum Werkzeuge, um Ihre Erfolge zu krönen! Nur das eine würde ich fürchten, dass dies lorbeerarme Land weniger Lorbeeren hervorbrächte, als Ihre Werke verdienen, und dass man statt seiner zum Eppich greifen müsste.
Begünstigt aber das Schicksal mich nicht so sehr, dass ich Sie mein nennen kann, so darf ich wenigstens hoffen, Sie, den ich schon so lange von ferne bewundere, eines Tages zu sehen, um Sie persönlich all der Achtung und Hochschätzung zu versichern, die denen gebührt, die, der Leuchte der Wahrheit folgend, ihre Arbeiten dem allgemeinen Wohle widmen.
Charlottenburg, 27. Juni 1740
Ihre Briefe, lieber Voltaire, bereiten mir stets unendliche Freude, nicht durch die Lobreden, die Sie mir halten, sondern durch Ihre belehrende Prosa und die reizenden Verse. Sie wollen, dass ich von mir selbst rede wie der ewige Abbé Chaulieu. Was tut’s? Ich muss Sie zufriedenstellen.
[…]
Ich traf Freitagabend in Potsdam ein, wo ich den verstorbenen König in sehr traurigem Zustande fand. Ich dachte mir gleich, dass sein Ende bevorstünde. Er erwies mir tausend Freundlichkeiten und sprach mit mir mehr als eine volle Stunde über die inneren und die äußeren Staatsgeschäfte, und zwar mit aller erdenklichen Geistesklarheit und Vernunft. Das Gleiche tat er am Sonnabend, Sonntag und Montag. Er schien sehr ruhig und gefasst und ertrug seine unendlichen Leiden mit größter Standhaftigkeit. Am Dienstag früh fünf Uhr legte er die Regierung in meine Hände, nahm zärtlich Abschied von meinen Brüdern, von allen höheren Offizieren und von mir. Die Königin, meine Brüder und ich waren in seinen letzten Stunden um ihn; er bewies in seinen Qualen den Stoizismus Catos. Er starb mit der Neugier eines Physikers über das, was im Augenblick seines Todes in ihm vorging, und mit dem Heroismus eines großen Mannes und hinterließ uns allen den aufrichtigen Schmerz über seinen Verlust und das nachahmenswürdige Beispiel seines tapferen Sterbens.
Die Fülle von Arbeit, die mir seit seinem Tode zugefallen ist, hat mir zu meinem berechtigten Schmerze kaum Zeit gelassen. Ich glaubte, dass ich seitdem ganz dem Vaterland gehörte. In diesem Sinne habe ich nach besten Kräften gearbeitet und schleunigst Maßnahmen zum allgemeinen Wohle getroffen, soweit ich es vermochte.
Ich habe gleich damit begonnen, die Wehrkraft des Staates um sechzehn Bataillone, fünf Schwadronen Husaren und eine Schwadron Gardedukorps zu vermehren. Ich habe die Grundlagen unserer neuen Akademie gelegt. Wolff, Maupertuis, Vaucanson und Algarotti habe ich gewonnen. […] Die meiste Mühe macht mir die Errichtung von Kornmagazinen in allen Provinzen, die so groß sind, dass das ganze Land für anderthalb Jahre Nahrung vorrätig hat.
Doch genug von mir! Mich will’s verdrießen!
Teurer Freund, erfahre, welche Lust
Mir schon jetzt erfüllt die Brust,
Bald Dich an mein Herz zu schließen!
Remusberg, 26. Oktober 1740
Das allerunvermutetste Ereignis hindert mich diesmal, lieber Voltaire, meine Seele wie gewöhnlich der Ihren zu erschließen und nach Herzenslust zu plaudern. Der Kaiser ist tot!
Der Fürst, den Natur für den Thron nicht erschuf,
Ward König, dann Kaiser; Eugen hat Ruhm ihm erworben.
Doch ist er, zum Unglück für seinen Ruf,
Als Bankrottierer gestorben.
Dieser Todesfall wirft alle meine friedlichen Pläne über den Haufen. Ich glaube, im Monat Juni wird es sich eher um Schießpulver, Soldaten, Laufgräben handeln als um Schauspielerinnen, Ballette und Theater. Daher sehe ich mich gezwungen, den Handel, den wir vorhatten, zu vertagen. […] Dies ist der Augenblick der völligen Umwandlung des alten politischen Systems; der Stein hat sich gelöst, den Nebukadnezar auf das Bild aus vier Metallen rollen sah, der sie alle vier zerstörte.
Tausend Dank für die Vollendung des Druckes vom »Machiavell«! Arbeiten kann ich jetzt nicht daran; ich bin mit Geschäften überlastet. Meinem Fieber gebe ich nun den Laufpass; denn ich habe meine Maschine nötig. Sie muss jetzt alles hergeben, was nur möglich ist.
Hauptquartier Herrendorf in Schlesien, 23. Dezember 1740
Ich erhielt zwei Briefe von Ihnen, lieber Voltaire, konnte aber nicht eher antworten. Wie der König im Schachspiel Karls XII. bin ich stets auf den Beinen. Seit vierzehn Tagen sind wir immerfort unterwegs, und bei was für Wetter!
Ich bin zu abgespannt, um Ihre reizenden Verse zu beantworten, und zu durchgefroren, um ihren Reiz voll auszukosten, aber das kommt wieder. Verlangen Sie keine Gedichte von einem, der gegenwärtig wie ein Fuhrmann auf der Landstraße liegt und manchmal bis über die Ohren im Schmutz steckt.
Wollen Sie wissen, wie mein Leben sich abspielt? Wir marschieren von 7 Uhr früh bis 4 Uhr nachmittags. Dann speise ich, arbeite, empfange langweilige Besuche, und schließlich kommt ein Wust von albernen Bagatellen. Da gilt es, Querköpfe zurechtzusetzen, Heißsporne zu zügeln, Faule anzutreiben, Ungeduldige im Zaum zu halten, Raubgierige in die Schranken des Rechts zu weisen, Schwätzer anzuhören und Stumme zu unterhalten. Kurz, man muss mit den Durstenden trinken, mit den Hungernden essen, mit den Juden zum Juden und mit den Heiden zum Heiden werden.
Das ist meine Beschäftigung! Gern würde ich sie mit einer anderen vertauschen, wenn mir das Phantom, Ruhm genannt, nicht allzu oft erschiene. Wahrhaftig, es ist großer Wahnsinn, aber man kommt schwer davon los, ist man einmal davon ergriffen.
Potsdam, 7. August 1766
Mein Neffe schrieb mir, er habe sich vorgenommen, auf der Durchreise den Philosophen von Ferney zu besuchen. Ich beneide ihn um den Genuss, Sie zu hören. Mein Name war in Ihren Gesprächen überflüssig. Sie hatten soviel Gesprächsstoff, dass Sie es nicht nötig hatten, sich über den Philosophen von Sanssouci zu unterhalten.
Sie schreiben mir von einer Philosophenkolonie, die sich in Kleve niederlassen will. Ich habe nichts dagegen einzuwenden und kann ihnen gewähren, was sie wünschen, außer dem Holze, das der Aufenthalt Ihrer Landsleute in den Wäldern ganz zerstört hat. Ich stelle jedoch die Bedingung, dass sie diejenigen schonen, die geschont werden müssen, und in ihren Druckschriften den Anstand wahren.
[…] Darf man Vorurteile, die die Zeit in der Anschauung der Völker geheiligt hat, grob verletzen? Und darf man, wenn man Gedankenfreiheit genießen will, den bestehenden Glauben beschimpfen? Wer sich ruhig verhält, wird selten verfolgt. Denken Sie an das Wort von Fontanelle: »Hätte ich die Hand voller Wahrheiten, würde ich es mir mehr als einmal überlegen, ehe ich sie öffnete.«
Die Masse verdient nicht, aufgeklärt zu werden, und wenn Ihre Gerichte streng gegen den unglücklichen jungen Mann verfahren sind, der das Zeichen zerschlagen hat, das die Schriften als Symbol ihres Heils verehren, so machen Sie die Gesetze des Königreichs dafür verantwortlich. Jede Obrigkeit hat geschworen, nach diesen Gesetzen zu richten. Sie kann ihr Urteil nur aufgrund ihrer Vorschrift fällen, und es gibt für den Angeklagten keine Rettung als den Nachweis, dass das Gesetz auf keinen Fall seine Anwendung findet.
Wenn Sie mich fragen, ob ich ein ebenso hartes Urteil gesprochen hätte, so antworte ich mit Nein. Ich hätte die Strafe, der Stimme der Natur folgend, dem Vergehen angepasst. Hast du eine Statue zerschlagen, so verurteile ich dich, sie wiederherzustellen. Hast du vor dem Pfarrer […] den Hut nicht abgenommen, so verurteile ich dich, vierzehn Tage hintereinander ohne Hut in der Kirche zu erscheinen. Hast du Werke von Voltaire gelesen, so wird es Zeit, junger Mann, dass du dir ein richtiges Urteil bildest. Zu diesem Zwecke wird dir aufgegeben, die Summa des heiligen Thomas und die Anleitung zur Brevierlektüre des Herrn Pfarrers zu studieren. Der Wundbeutel wäre so vielleicht härter bestraft als durch den Richter; denn die Langeweile ist ein Jahrhundert, der Tod ein Augenblick.
Möge der Himmel oder das Schicksal diesen Tod von Ihrem Haupte fernhalten, und mögen Sie dieses Jahrhundert, das Sie berühmt machen, sanft und friedlich aufklären. Wenn Sie nach Kleve kommen, werde ich das Vergnügen haben, Sie wiederzusehen und Ihnen die Bewunderung auszusprechen, die Ihr Genie mir stets eingeflößt hat. Im Übrigen bitte ich Gott, Sie in seinen heiligen Schutz zu nehmen.
Sanssouci, 24. Oktober 1766
Wenn ich auch nicht die Kunst verstehe, Sie wieder jung zu machen, wünsche ich Ihnen doch ein langes Leben, als Zierde und Lehrer unseres Jahrhunderts. Was wäre die schöne Literatur ohne Sie? Sie haben keine Nachfolger; leben Sie so lange als möglich.
[…]
Ich beglückwünsche Sie zu der guten Meinung, die Sie von der Menschheit haben. Ich kenne dieses zweibeinige, ungefiederte Geschlecht durch meine berufliche Tätigkeit sehr genau und sage Ihnen voraus, dass weder Sie noch alle Philosophen der Welt es von dem Aberglauben, an dem es hängt, heilen werden. Die Natur hat ihm diese Zutat bei seiner Erschaffung beigemischt. Furcht, Schwäche, Leichtgläubigkeit, vorschnelles Urteil ziehen die Menschen unwiderstehlich zum Aberglauben hin.
Nur wenige philosophische Geister sind stark genug, die tiefen Wurzeln der ihnen durch die Erziehung eingepflanzten Vorurteile zu zerstören. Manche, deren gesunder Verstand, über den Aberglauben aufgeklärt, sich gegen den Unsinn aufbäumt, werden angesichts des Todes von Neuem abergläubisch und sterben als Kapuziner. Bei anderen hängt die Denkweise von ihrer guten oder schlechten Verdauung ab.
Meines Erachtens genügt es nicht, die Menschen aufzuklären. Man müsste ihnen geistigen Mut einflößen können, sonst werden Empfindlichkeiten und Todesfurcht über die stärksten und methodischsten Beweisführungen triumphieren.
[…] Immerhin glaube ich, dass die Stimme der Vernunft durch Auflehnung gegen den Fanatismus das zukünftige Geschlecht duldsamer machen kann als das unsrige, und das wäre schon ein großer Gewinn.
Man wird Ihnen dafür danken, die Menschen von dem grausamen, barbarischen Wahne geheilt zu haben, der von ihnen Besitz ergriffen hatte und dessen Folgen Abscheu einflößen.
Fanatismus und wütender Ehrgeiz haben blühende Strecken meines Landes verheert. […]
Jetzt, wo wieder Ruhe und Ordnung herrscht, werden vor allem die Philosophen allerorten in meinem Lande eine Zukunft finden, vor allem der Feind des Baal und jenes Kults, den man in Ihrem Lande die Babylonische Hure nennt.
Ich empfehle Sie dem heiligen Schutze Epikurs, Aristipps, Lockes, Gassendis, Bayles und all der vorurteilsfreien Seelen, die ihr unsterblicher Genius zu Cherubim an der Bundeslade der Wahrheit gemacht hat.
Potsdam, 26. September 1770
Meine Hauptbeschäftigung besteht darin, in den Ländern, zu deren Herrscher mich der Zufall der Geburt gemacht hat, Unwissenheit und Vorurteil zu bekämpfen, die Geister zu erleuchten, die Sitten zu mildern und die Menschen so glücklich zu machen, wie es ihre Natur und die mir zur Verfügung stehenden Mittel erlauben.
Augenblicklich bin ich nur damit beschäftigt, mich von einer langen Reise zu erholen. Ich bin in Mähren gewesen und habe den Kaiser wiedergesehen, der sich anschickt, eine große Rolle in Europa zu spielen. An einem bigotten Hofe geboren, hat er einfache Sitten angenommen; mit Weihrauch gefüttert, ist er bescheiden; entflammt von Ruhmbegier, opfert er seinen Ehrgeiz der Kindespflicht, die er gewissenhaft erfüllt; und obgleich er nur pedantische Lehrer gehabt hat, beweist er genug Geschmack, um Voltaire zu lesen und sein Verdienst zu achten.
Wenn Sie dieses wahrheitsgetreue Bild dieses Fürsten nicht befriedigt, muss ich gestehen, dass Sie schwer zufriedenzustellen sind.
Potsdam, 24. Oktober 1773
Wenn es mir für immer versagt ist, Sie wiederzusehen, so freue ich mich doch, dass die Herzogin von Württemberg Sie gesehen hat. Diese Unterhaltung aus der Ferne ersetzt nicht den persönlichen Austausch. Berichte und Briefe sind kein Ersatz für Voltaire, wenn man ihn selbst besessen hat.
Ich danke Ihnen für die der Erinnerung an meine verstorbene Schwester geweihten Tränen. Ich hätte sicher mit geweint, wenn ich dieser rührenden Szene beigewohnt hätte. Nennen Sie es Schwäche oder übertriebene Verehrung, ich habe für meine Schwester geplant, was Cicero für seine Tullia plante. Ich habe ihr einen Tempel errichtet, der der Freundschaft geweiht ist. Im Hintergrunde steht ihr Standbild, und an jeder Säule hängt ein Medaillon mit dem Reliefbild eines Heros der Freundschaft. Ich schicke Ihnen den Entwurf. Der Tempel steht in einer Baumgruppe meines Gartens. Ich gehe oft hin, um an meinen Verlust und das einst genossene Glück zu denken.
[…]
Wir hoffen, dass diesen Winter vielleicht Friede geschlossen wird. Im Übrigen lieben wir das Sprichwort: »Leben und leben lassen.« Der Friede ist kaum zehn Jahre alt. Man muss ihn zu erhalten suchen, solange es ohne Gefahr möglich sein wird, und sich nicht zu viel noch zu wenig vorsehen, dass man nicht von einem Räuberhauptmann und Führer bezahlter Meuchelmörder überfallen wird.
Das ist nicht die Politik Richelieus oder Mazarins, aber die des Volkswohls, der wichtigsten Aufgabe der Obrigkeit.
Ich wünsche Ihnen diesen Frieden und alles erdenkliche Glück und hoffe, der Patriarch von Ferney wird den Philosophen von Sanssouci nicht vergessen, der sein Genie bewundern wird, solange noch Lebenswärme in ihm ist. Vale.
Potsdam, 24. Juli 1775
Unsre Deutschen haben den Ehrgeiz, sich ebenfalls an den schönen Künsten zu erfreuen. Sie bemühen sich, es Athen, Rom, Florenz und Paris gleichzutun. So sehr ich mein Vaterland liebe, so kann ich nicht sagen, dass sie bisher Erfolg gehabt hätten. Zweierlei fehlt ihnen: die Sprache und der Geschmack. Die Sprache ist zu wortreich. Die gute Gesellschaft bedient sich des Französischen, und einige Schulbücher und Professoren können der Sprache nicht die Feinheit und Eleganz geben, die sie nur im Verkehr mit der großen Welt erlangen kann. Nehmen Sie dazu die Verschiedenheit der Mundarten. Jede Provinz hält an der ihr eigenen fest, und bis jetzt ist noch nicht entschieden, welches Idiom den Vorzug verdient. Vor allem fehlt den Deutschen der Geschmack. Es ist ihnen noch nicht geglückt, die Dichter aus der Zeit des Augustus nachzuahmen. Ihre Werke sind eine schlechte Mischung des römischen, englischen, französischen und deutschen Geschmacks. Auch fehlt ihnen das feine Unterscheidungsvermögen, das die Schönheiten herausfindet, das Mittelmäßige vom Guten, das Edle vom Erhabenen zu unterscheiden und jedes am passenden Orte zu verwenden weiß. Wenn ihre Poesie viele klingende Worte enthält, sind nach ihrer Meinung ihre Werke wohlklingend, obwohl es gewöhnlich nur ein bombastisches Geschwätz ist. In der Geschichtsschreibung wird nicht der kleinste Umstand weggelassen, und wäre er noch so überflüssig. Ihre besten Bücher behandeln das Staatsrecht. Mit Philosophie befasst sich seit dem genialen Leibniz und der großen Monade Wolff kein Mensch mehr. Sie glauben, im Drama Erfolg zu haben, aber bis jetzt ist nichts Ausgezeichnetes erschienen. Deutschland ist jetzt gerade so weit wie Frankreich zur Zeit Franz I. Das literarische Interesse fängt an, sich auszubreiten. Man muss warten, bis die Natur echte Genies entstehen lässt, wie unter den Ministerien Richelieus und Mazarins. Der Boden, der einen Leibniz hervorgebracht hat, kann auch andere hervorbringen.
Ich werde diese schönen Tage meines Vaterlandes nicht erleben, aber ich sehe ihre Möglichkeit voraus. Sie werden mir sagen, das könne Ihnen sehr gleichgültig sein, und es wäre für mich bequem, den Propheten zu spielen, wenn ich den Termin der Erfüllung meiner Voraussage möglichst weit hinausschiebe. Das ist eben meine Art zu prophezeien, und sie ist die sicherste, da mich niemand widerlegen kann.
Ich für meine Person tröste mich damit, dass ich im Zeitalter Voltaires gelebt habe. Das genügt mir. Möge er leben, verdauen, seine gute Laune nicht verlieren und vor allem den Einsiedler von Sanssouci nicht vergessen. Vale.
Potsdam, 7. September 1776
Ludwig XIV. und Ludwig XV. haben durch ihre lange Regierung die Geduld der Franzosen auf eine harte Probe gestellt. Ich bin nun 36 Jahre auf meinem Posten. Vielleicht missbrauche ich nach ihrem Beispiele das Recht zu leben, vielleicht bin ich nicht gefällig genug abzutreten, wenn man meiner überdrüssig wird.
Es ist noch immer meine Gewohnheit, mich nicht zu schonen. Je mehr man sich verwöhnt, umso empfindlicher und kraftloser wird man. Mein Beruf fordert Arbeit und Tätigkeit; Körper und Geist müssen sich der Pflicht unterordnen. Es ist nicht nötig, dass ich lebe, aber wohl, dass ich handle. Ich habe mich dabei immer wohlgefühlt. Ich dränge jedoch niemand meine Methode auf und begnüge mich, sie selbst zu befolgen.
Das »Pflegkind« Maria Theresia an Gräfin Rosalie von Edling
Maria Theresia (1717–1780) war Erzherzogin von Österreich, Königin von Böhmen und Ungarn und in gewisser Weise ungekrönte Kaiserin. Im Jahre 1745 erreichte die Erbtochter Kaiser Karls VI. nämlich die Wahl und Krönung ihres Ehemannes Franz I. zum deutschen Kaiser; die Regierungsgeschäfte führte aber allein Maria Theresia. Sie war Mutter von sechzehn Kindern, unter ihnen die beiden künftigen Kaiser Josef II. und Leopold II. Marie Antoinette, die unglückselige französische Königin, die ihr Leben im Zuge der Französischen Revolution verlor, war eine Tochter der österreichischen Machtpolitikerin. Maria Theresia war ihren Kindern zwar oft liebevollste Mutter, aber ihrer ambitionierten Heiratspolitik entkam nur die Tochter Marie Christine, die als Einzige den Mann heiraten durfte, den sie liebte.
Dieser auf der einen Seite warmherzigen, auf der anderen oft kalt kalkulierenden ungekrönten Kaiserin war die Gräfin Rosalie von Edling (1695–1779) eine geradezu mütterliche Freundin. Von Jugend an hing Marie Theresia mit kindlich-freundschaftlicher Liebe an Rosalie und suchte gerade in schweren Zeiten, wie etwa dem Tod eines Kindes oder auch ihres geschätzten Mannes Franz Stefan, Trost bei der alten, vertrauten Freundin. Briefe an Gräfin Rosalie von Edling
[Januar 1761]
Liebste Salerl. In meiner großen Betrübnis, einen so lieben Sohn, als wie der Karl war, verloren zu haben, habe [ich] keine andere Konsolation, als meiner alten, guten Freunde mich zu erinnern, wo Du eine der Ersten bist, und niemals genug Dir meine Erkenntlichkeit bezeigen kann für alles Gute, was ich Dir schuldig bin. Es ist hier ein sehr habiler Oculist, Wenzel genannt, der sehr vielen völlig geholfen […]. Er operiert viel geschwinder, weniger schmerzlich, und [es] kann der Star niemals mehr zurückkommen, weil er ihn nicht sticht, sondern herausnimmt, und die ganze Operation eine und eine halbe Minute dauert und nicht mehr Schmerzen als ein Aderlass macht. Wenn Du Dich resolvieren könntest, ihn zu sehen, so will ich Dir ihn schicken; Du dürftest Dich um nichts sorgen, da ich mich von allem chargiere; es soll Dir auch nichts kosten als das Logement. Ich erwarte also Deine Antwort und wäre wohl vergnügt, wenn ich Dir zu etwas nützlich sein könnte. Bete für mich, da ich es in allem nötig habe, denn Gott hat mir viel auferlegt. Ich verdiene es nur allzu wohl, verlange nichts anderes als zu seiner Ehre und zum Nutzen der Länder und Heile meiner Kinder, solang Gott es noch will, mein Leben anzuwenden, so traurig es auch jetzt und künftig noch zu sein scheint. Seine Gnade aber ist mir dazu höchst nötig, denn ohne selbe ist der Mensch nichts und ich noch weniger als ein anderer.
Liebste Salerl, ich wünsche, statt dieses [Briefes] mit Dir reden zu können, und bleibe allzeit Deine gewiss treue, alte Freundin
Maria Theresia
Den 21. Februar 1766
Liebste, beste und älteste Freundin, wer hätte es jemals gemeint, dass Du mich als Witwe sehen sollst! Gott hat dieses schwere Schicksal über mich verhängt; seine Gnade, sein Wille ist es allein, der mir helfen kann, es zu ertragen. Den vollkommensten, den liebenswürdigsten Herrn habe ich verloren; seit dreiundvierzig Jahren war mein Herz ihm allein ganz angetan; er war mein Trost in allem, in meinem harten Lebenslaufe, jetzt ist nichts mehr für mich. Wie glücklich fände ich mich, wenn ich bei Dir meine letzten traurigen Tage und in der Stille mein Seelenheil beschließen könnte! Auch diesen Trost habe ich nicht und [muss] wegen so vieler Kinder, die, vorhin mein Vergnügen, jetzt mir große Sorgen und Kummer machen, noch in dem Getümmel der Welt bleiben, welche mir schier unerträglich scheint.
[…] Bete für mich, liebste Salerl, dass Gott mich erleuchte und stärke, solang ich noch in dieser Welt herumkugeln soll, und sei versichert von meiner wahren Freundschaft.
Maria Theresia
Ich schicke Dir hier eine traurige Denkmünze, die aber jetzt mein einziger Trost ist.
Den 30. August [1766]
Liebste Salerl. Nach der Gewohnheit von etlichen und fünfzig Jahren [kommt] in fünf Tagen Dein Ehrentag, den ich niemals vergesse bei der heiligen Messe. Unser wertester Erzbischof kommt wieder zu Dir. Ich bin ihm und Dir neidisch, denn gern und nötig für mein Seelenheil wäre, in Ruhe und Stille meine alten schweren Tage zu endigen.
Ich schicke Dir spanischen Tabak; wenn Du ihn gut findest oder Dein Herr, so kann [ich] Dich öfter bedienen, und schicke Dir eine Dose wie einen Stammbaum, wo der jetzige Kaiser und ich sind, der König und die Königin von Frankreich und Heinrich IV. oben. Sie ist mir aus Paris geschickt worden, eine rechte Kinderei. Deiner treuen Sekretärin Esther schicke ich die andere Kleinigkeit, und sei persuadiert von meiner alten Freundschaft, Liebe, Hochschätzung und Dankbarkeit.
Maria Theresia, Dein Pflegkind
Die Familie Klopstock und »Vater Gleim«
Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1804) war einer der bedeutendsten Dichter des 18. Jahrhunderts. Er befreite die deutsche Lyrik von der Regelstarre der vorhergehenden Jahrzehnte, verlieh ihr neuen Schwung und kann so als Wegbereiter der großen Dichter des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gesehen werden. Dem Primat der Vernunft, das die frühen Aufklärer vertraten, setzte Klopstock das Gefühl entgegen und wurde so zu einem der wichtigsten Vertreter der sogenannten »Empfindsamkeit«.
Ähnliches gilt für Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 –1803), ebenfalls empfindsamer Dichter, dessen Nachruhm als Poet zwar nicht mit dem Klopstocks zu vergleichen ist, der aber die Ideale der Empfindsamkeit wohl konsequenter lebte als irgendein anderer. Im Zentrum dieser Bewegung standen die Freundschaftsbünde – Männer und Frauen, Dichter und Denker liebten sich von Herzen und ohne Zurückhaltung als wahre, treue Freunde, überschütteten sich mit Zuneigung und hielten emotional nichts zurück. Das macht die Briefe von Gleim und der Familie Klopstock bis heute so rührend zu lesen; sie geben uns Einblick in eine Zeit, in der man weniger reserviert war, sich weder seiner Tränen noch seiner Freude noch seiner Liebe schämte und in der Freundschaft das höchste Gut auf Erden sah.
Gleim lebte dieses Ideal bis zur letzten Konsequenz. Er war mit fast allen poetischen und geistigen Größen seiner Zeit befreundet. Sein Wohnhaus in Halberstadt, das heutige Gleimhaus, machte er gegen Ende seines Lebens zu einem »Freundschaftstempel«. Aus seinen Briefen an Klopstock oder auch dessen Bruder Karl Christian (Klopstock hatte insgesamt 16 Geschwister), die Gleim um die Mitte seines Lebens schrieb, wird deutlich, wie sehr es ihm zu schaffen machte, dass kaum einer seiner Mistreiter den Freundschaftsidealen der Jugend mit der gleichen Treue anhing wie er selbst.
Nichtsdestotrotz dauerte die »Blutsfreundschaft« zwischen Gleim und Klopstock von früher Jugend bis in den Tod. Gerade im Alter näherten sich die beiden wieder an, und die späten Briefe sprechen von einer ähnlichen, wenn auch vielleicht weniger hitzigen Innigkeit wie die frühen.
Ein Merkmal der Freundschaftsbünde der Empfindsamkeit ist ihr umfassender Charakter. Sie beschränkten sich nie auf nur zwei Freunde, sondern schlossen alle, die sie liebten, mit ein. Ein Beispiel ist die Beziehung zwischen Meta Moller (1728–1758), Klopstocks großer Liebe und späterer Frau, und Gleim. Fröhlich nennt Meta, auch »Klärchen« genannt, Gleim ihren »Nebenbuhler«, will es nicht hören, dass Klopstock sie möglicherweise mehr lieben könnte als seinen Freund, und bietet Gleim ihre freundschaftliche Liebe schon allein deshalb an, weil er eben Klopstocks Freund ist.
Ähnliches wiederholte sich über vierzig Jahre später mit Johanna Elisabeth von Winthem (1747–1821), Metas Nichte, die Klopstock in hohem Alter ehelichte (Meta war nur vier Jahre nach der Eheschließung im Kindbett gestorben, und Klopstock betrauerte sie im Grunde sein Leben lang). Johanna, genannt Windheme, wurde ebenso in den »Freundschaftsbund der alten Männer« einbezogen wie Elisa, Gleims Nichte, die den »Vater Gleim« umsorgte (deswegen der Spitzname »Tante Nichte«). So gewann Gleim im Alter einen Abglanz des jugendlichen Freundschaftsbundes zurück, dessen Abklingen ihn oft so geschmerzt hatte.
Klopstock an Gleim
Quedlinburg, den 30sten Juli 1752
Wenn es möglich wäre, dass ich mit Ihnen böse werden könnte, mein lieber Gleim, so würde ich es werden, dass Sie weder kommen noch schreiben, warum Sie nicht kommen. Ich denke doch nicht, dass unser lieber Ramler auch etwas Schuld mit hat? Das wäre ein bisschen gar zu früh in der ersten Woche nach der Hochzeit. Doch ich halte ihn für unschuldig, und Gleim, Gleim, der böse, der geliebte Gleim allein hat die Schuld. Ihm, diesem bösen Manne, befehle ich hiermit, dass er morgen früh um 8 Uhr in Quedlinburg sei; Ramler und Sucro bitt’ ich aufs Freundschaftlichste darum.
Klopstock an Gleim und Ramler
(Die Anspielung auf »Fanny« und »Klärchen« bezieht sich darauf, dass Klopstock durch die liebreiche Begegnung mit Meta Moller endlich seine unglücklich erste Liebe zu Maria-Sophia Schmidt, genannt Fanny, überwunden hatte.)
Quedlinburg, den 31sten Juli 1752
Wenn Sie wüssten, was mir Ihre Terminstage für Unruhe machen! Die kurze Zeit, da ich noch hier sein kann! Mein Verlangen, diese mit meinen Eltern und Ihnen zuzubringen! – Ach! Gleim! Kommen Sie zu mir, wenn es Ihnen irgend möglich ist! Ich muss die Zeit meines Hierseins gewiss länger als nur Einen Tag Sie genießen, ob Sie gleich so gleichgültig gegen die weltlichen Dinge sind, dass Sie nur Einen fordern. Gehört denn die Freundschaft, gehört unsere Freundschaft auch mit den weltlichen Dingen? Wie sehr, sehr gern möchte ich bei Ihnen sein! Aber meine Eltern lassen mich noch nicht fort. Schreiben Sie mir wenigstens. –
Und Sie, mein lieber Ramler, Sie müssen wissen, dass ich gewiss schon von Ihnen geträumt [hätte], wenn ich nicht immer von einem Mädchen, das Klärchen und nicht Fanny heißt, träumte. Und dann, mein lieber Herr Bräutigam, müssen Sie auch wissen, dass Ihre arme Braut von Ihrer zärtlichen Gewissenhaftigkeit gegen Ihre Freunde zum Mindesten auch ein kleines Teilchen haben will, nämlich, dass Sie alles, alles anwenden, mit unserm Gleim zu kommen. Mit aller Jungferlichkeit einer sittsamen Braut biete ich Ihnen dafür einen Kuss an, wenn Sie kommen; da es hingegen bei Ihnen drüben zu nichts weiter kommen wird, als dass Sie mir die Hand küssen dürfen!
Ich bin, meine liebsten Freunde,
Ihr etc.
Meta Moller an Gleim
Hamburg, den 3ten November 1752
Sie haben wohl gedacht, dass ich gar nicht an Sie schreiben würde? – Aber Klopstocks Gegenwart und hauptsächlich meine Krankheit ist ja wohl Entschuldigung genug. Jetzt aber sollen Sie auch einen langen, langen Brief haben, der ganz von Klopstock voll ist; und wenn er dieses nicht sein sollte, so würde ich es doch wohl nicht anders können. Wie glücklich, wie unaussprechlich glücklich bin ich, Klopstock liebt mich! – Ja, nun habe ich weiter keine Ausdrücke. Nun bleibt mir nur die ganze Empfindung meiner Glückseligkeit und meiner Liebe, und wie wollte ich zu diesen Empfindungen Ausdrücke haben. Ich hatte sie ja nicht in Klopstocks Armen. – Klopstock selbst hat sie nicht.
Ich bin jetzt freilich nicht so glücklich, als ich vor einigen Wochen war, da ich meinen Klopstock immer bei mir hatte; aber ich ertrage seine Entfernung doch noch ziemlich gut. Sie können [sich] denken, mein Freund, dass ich, was es hieße, Klopstock nicht haben, dass ich das in einem hohen Grade fühlen muss, weil ich gefühlt habe, was es hieß, ihn [zu] haben. […] Er ist gottlob immer so wohl und so munter, und er schreibt so fleißig. – Ein Brief ist zwar ein Brief, aber wenn man sich nicht selbst haben kann, so ist er schon viel.
Wollen Sie mir nicht auch bald einen Brief schreiben, Herr Gleim! Worin Sie so von einem Mädchen schwatzen wie ich von Klopstock? Oder hängen Sie noch immer den Gedanken nach: Ob denn auch für Sie so wohl ein Mädchen geschaffen wäre als für Klopstock? – Allerdings; Sie werden es finden. Seitdem Klopstock und ich uns gefunden haben, seitdem glaube ich ganz gewiss, dass sich alle die finden, die sich zugehören. Das sage ich zu meinen Freundinnen auch, die, seitdem sie Klopstock kennen, verzweifeln wollten, dass sie einen solchen finden werden. […] – Wie würde ich mich freuen, wenn ich einmal mit Klopstock zu Ihnen käme, und Sie würden geliebt! –
Wissen Sie wohl, dass ich Ihnen noch halb böse bin, dass Sie nicht mit Klopstock nach Hamburg gekommen sind? Dann hätte ich doch Klopstocks Gleim, den er vielleicht fast so lieb hat wie sein Klärchen, gekannt. […]
Sie sind zu sehr Klopstocks Freund und daher auch der meine, als dass ich mich nicht so unterschreiben sollte, als ich gegen Klopstock tue; nämlich im Voraus schon
Klärchen Klopstock
Klopstock an Gleim
Lingbyn, den 14ten August 1753
Ich habe Ihnen bisher nicht schreiben mögen, mein lieber Gleim, weil ich Sie und mich nicht gern daran erinnern wollte, dass Ihre Liebe, worüber ich mich so freute, aufgehört hat. Sie werden aber gleichwohl nicht loskommen, mir künftig einmal umständlich davon schreiben zu müssen. Jetzt bitte ich Sie, ob ich es gleich gern so bald wissen möchte, noch nicht darum, weil Ihre Wunde noch so frisch ist. Eins befürchte ich nur (aber überzeugen Sie mich ja bald, dass ich dies nicht zu fürchten habe), nämlich, dass Sie auf das Künftige zu sehr abgeschreckt sein möchten. Denn ich muss meinen lieben Gleim noch durch die Liebe glücklich sehen, das muss ich! Hören Sie, das leid’ ich nicht anders. Und wenn ich nach Deutschland komme und Sie haben keine Frau, so komm’ ich nicht nach Halberstadt! Merken Sie sich das! Auf den Grenzen können wir wohl zusammenkommen, aber nach Halberstadt komm’ ich nicht; das ist gewiss. –
[…] Meine Moller wird alle Tage runder. Sie hat sogar Grübchen an den Händen bekommen, und die Taille (ganz unparteiisch würde ich sagen, dass es die schönste ist, die ich gesehen habe), diese süße Taille hat nichts bei dem Rundwerden verloren. O, es ist kaum auszustehen, dass das süßeste unter den Mädchen noch nicht mein kleines Weibchen ist. – Merken Sie sich das. Ich wiederhol’ es. Sie müssen eins haben, wenn ich zu Ihnen kommen soll.
Meta Klopstock an Gleim
Quedlinburg, den 30sten Juli 1754
Ich habe mit Fleiß nicht eher als heute schreiben wollen, weil ich Ihnen heute erst sagen kann, dass das böse Fieber meinen Klopstock endlich verlassen hat. Wie sehr freue ich mich! Und Sie – – – ja, Sie freuen sich ebenso sehr, denn Sie lieben Klopstock ebenso sehr als ich – – – Nun, nun, ich will nicht mehr mit Ihnen hierüber schmälen, denn Sie haben doch in Ihren Briefen so getan, als wenn Sie mir einen Vorzug einräumten. Aber ich will mit meiner Liebe zu Klopstock auch nicht einen gar zu großen Vorzug vor Ihnen haben, und das müssen Sie dadurch beweisen, dass Sie bald, bald kommen und meinen lieben, süßen Mann, der nun wieder anfängt, heiter zu werden, besuchen. Sie sollen auch auf meinem Stuhle bei ihm sitzen und seine eine Hand haben. – – Aber ich sollte bald darüber zur Schwätzerin werden und jetzt, da mein Klopstock wieder besser wird, bin ich das wohl am besten gegen ihn; vor allem, da Sie, mein Herr Nebenbuhler, nicht zugegen sind. Aber kommen Sie, kommen Sie nur bald. Klopstock sagt mir noch einmal, dass ich Sie recht darum bitten soll und Herrn Sucro auch; ich bin sehr seine Freundin geworden, denn ich verstehe mich so ein bisschen auf sanfte Mienen.
Soll ich Ihnen jetzt danken oder soll ich mit Ihnen schmälen? – Ich danke Ihnen allerdings recht sehr sowohl für das Verzehrbare als für das Unverzehrbare; aber ich schmäle gleichwohl mit Ihnen, dass Sie immer Ihre Briefe auf die Art begleiten. Brauch ich denn noch mehr als wobei ich sagen kann: Das ist von Gleim! – Hab’ ich nicht Briefe von Ihnen? Und sind mir die nicht lieber als Bücher von andern? Ja, wenn Sie uns noch von Ihren neuen Oden nur zum Lesen geschickt hätten! – Warten Sie nur, ich weiß wohl, was ich Ihnen für einen Streich spielen will! Ich will Sie dann und wann bitten, mir einige vorzusagen, und dann: habe ich ein gutes Gedächtnis, und dann behalte ich sie.
Auf den Montag kommt Giseke hier an, um hier zu bleiben; und den Donnerstag über acht Tage kommen Gärtner und seine Frau. Sehen Sie, welch’ eine Versammlung von Freunden; aber Gleim, der Klärchens Nebenbuhler, der Klostocks Liebling ist, wann kommt der? –
Gleim an Klopstock
Halberstadt, den 6ten Februar 1764
Mit nichts, mein lieber Freund, mit nichts lässt sich Ihr Stillschweigen entschuldigen. Nicht mit der Faulheit des Postmeisters, nicht mit Ihrer Lust zu arbeiten, nicht mit der Hoffnung, mich bei sich zu sehen, nicht mit dem Vorsatz, zu mir zu kommen, kurz mit nichts. Es ist, als wenn Ihr, meine Freunde, Euch das Wort gegeben hättet, mich zum Tode zu ärgern. Zu allen sagt’ ich, dass mich nach ihren Briefen dürstet. Keiner löscht diesen freundschaftlichen Durst mit einem Trunke Wasser. O, die bösen Menschen! Selbst die Klopstocks taugen nicht viel. Mit dem Cato möchte’ ich sagen: »Die Welt ist mein nicht wert!« Und selbst Klopstock macht, dass ich es mit Recht sagen könnte. Wie lange werden Sie noch bei uns sein? Hernach werden Sie kaum an mich denken: Schreiben werden Sie gewiss nicht. Macht es euch übrigen Menschen denn gar kein Vergnügen, Briefe von euren Freunden zu bekommen? Oder ist es für euch große Geister zu klein? Vor zehn Jahren waren Sie ein viel andrer Klopstock! Ich könnte das Alter meiner Freunde aus ihren Briefen wissen. Es ist kläglich! Zehn Jahre jünger waren sie alle lebhafter, offenherziger; sie waren ganz Herz. Nach zehn Jahren werden sie alle ganz Verstand, ganz kalter, trockener Verstand sein. O, dieser fatale Verstand ist mir zuwider, mein lieber Klopstock! […] Gewiss ist, dass kein Mensch auf der Welt so sehr Ihr Freund und so bös’ auf Sie ist als
Gleim.
Klopstock an Gleim
Hamburg, den 25sten Februar 1773
– – – Ihr rotes Buch hat mir keine kleine Freude gemacht. Es hat sehr viel Neues in Sache und Ausführung; nur etliche lyrische Wiederholungen wünschte ich heraus, und hier und da eine kleine Härte. – – –
Sie mögen nichts davon schreiben, was Ihnen böse Leute getan haben? Wissen Sie denn nicht, dass man sich, bei Anlass eines solchen halb gesagten Worts, noch mehr betrüben kann, als wenn man weiß, worin die Sache eigentlich besteht? –
Ich umarme Sie mit meiner alten Freundschaft. –
Gleim an Klopstock
Halberstadt, den 13. April 1777
Bei den Freuden unsrer Jugend, mein bester, teuerster, liebster Freund und Gönner! Bei jenen unschuldigen Freuden! Die Ursache des Aufschubs meiner Beantwortung Ihres ersten Schreibens war der äußerste Mangel an Zeit. Ich wollte das liebe Schreiben, das, ich habe Zeugen, meinem Herzen so große Freude machte, nicht in einer dieser elenden, kalten Stunden beantworten, in welcher aller Geist und alles Leben von dem in Urteil und Rügen begrabenen, geschäftigen Mann gewichen ist, in diesen elenden Stunden der Lohnarbeit wollte ich so ein Schreiben, mitten aus dem Herz heraus geschrieben, nicht beantworten; ich wollte Muße haben, zu Geistes- und Herzenskraft mich erst zu erholen. –
Aber das zweite Schreiben, mein teurer Lieber! [Es] riss mich weg von Urteil und Rügen – da bin ich, schlage in Ihre Freundeshand und sage, dass ich von Jahr zu Jahr den Vorsatz hatte, die Freundschaft unsrer Jugend zu erneuern; sage, dass ich den deutschen Mann, den ich als Jüngling liebte, von Angesicht zu Angesicht betrachten, zu dem Ende nach Hamburg hinüberfliegen und bei seinen Musen ihn überfallen wollte. Der Himmel ist zuwider gewesen. […] Dieses Jahr ist’s wieder nicht möglich; übers Jahr aber, wenn Gott noch Leben gibt, umarme ich meinen alten, lieben Freund, mit diesem warmen Herzen, mit welchem ich immer der Ihrige geblieben bin.
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