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Peter Altenberg
Neues Altes

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
EAN 4064066112691
Inhaltsverzeichnis
WIDMUNGEN IN MEINE BÜCHER
WESEN DER FREUNDSCHAFT
WAS IST EIN DICHTER?
BEKENNTNIS
ENTWICKLUNG
SANKT-MARTINS-INSEL
KONZERT
BUCHBESPRECHUNG
IDEALE
EIN BRIEF
VARIÉTÉ
DIE ABGELEHNTE EINLADUNG
HYPOKRISIE
STRANDBAD »GÄNSEHÄUFEL«
RÜCKKEHR VOM LANDE
KRANKENLAGER
HUNDE
H. N.
HELGA
DAS TELEPHON
DIE LÜGE
PLAUDEREI
LEBENSBILD
LEBENSBILDER AUS DER TIERWELT
BRIEF AN MITZI VON DER »LAMINGSON-TRUPPE«, DÄNIN.
APHORISMEN
TEXTE AUF ANSICHTSKARTEN
Rokoko
Schneesturm
Wald im Winter
Weg im Winter
HEILMITTEL
DER NEBENMENSCH
SCHUTZ
BRANGÄNE
DER AFFE PETER
UNGEZIEFER
MUTTER UND TOCHTER
DER DICHTER
HYSTERIE
WEIHNACHTEN
DER TAG DES REICHTUMS
SO SOLLTE ES IMMER SEIN
INSCHRIFT auf der Photographie eines Mädchens aus gutem Bürgerhause
TOPE
BEKANNTSCHAFT
EIFERSUCHT
GOETHE
DIE PFLEGESCHWESTER ROSA SCHWEDA
GESCHWISTER
DER BESUCH
SOMMERABEND IN GMUNDEN
ÄSTHETEN
ERINNERUNG
VÖSLAU
EIN BRIEF
DER FORTSCHRITT
ÜBER LEBENSENERGIEN
STRANDBAD
WESEN DER RELIGION
WIE SIE ES GLAUBEN WOLLEN, SO IST ES!
»PRODROMOS«
RESTAURANT PRODROMOS
DER BRAND
RÜCKSICHT
MYOSA
IM STADTPARK
EHEBRUCH
HAMSUN-MENSCHEN
MEMOIREN
WIDMUNG AN ANNA KONRAD
DER TOD
EINE GANZ WAHRHAFTIGE BEZIEHUNG
IM VOLKSGARTEN
ANSPRÜCHE EINER ROMANTIKERIN
LEBENSWEG
DIENSTE
WIE ICH GESUNDET BIN
GOTTESGNADENTUM
AN EINEN UNMODERNEN ARZT
ZYNISMUS
NACHTCAFÉ
DIE NERVEN
BRITISCHE TÄNZERINNEN
DER TRATTNERHOF
ARTISTISCHE RUNDSCHAU, WIEN
PARFÜM
ÜBERS SCHREIBEN
ANGSTSCHREI
JULI-SONNTAG
DER JAGDHERR
EPISODE
JOSEF KAINZ
BETTLERFRECHHEIT
VON MEINEM KRANKENLAGER AUS
KRANKHEIT
AN EINE ELFJÄHRIGE (†)
KRANKENBESUCH
NOTIZ
RÜCKKEHR VOM LANDE
NICHTS NEUES
DAS DORF
GERICHTSVERHANDLUNG IN WIEN
SEMMERING, ENDE SEPTEMBER 1911
PETER ALTENBERG ALS SAMMLER
YVETTE GUILBERT
KRANKENPFLEGE
HERBST AM SEMMERING
HERBSTANFANG
EINE BEGEBENHEIT
BESCHÄFTIGUNG
BESUCH IM EINSAMEN PARK
TANZ
PETER ALTENBERG Von Hans Franck (Hamburg)
Werke von Peter Altenberg
WIDMUNGEN IN MEINE BÜCHER
Inhaltsverzeichnis
Fräulein H. M., immer und ewig werden die Dichter an dem fast absichtlichen »Unverständnis« geliebter, vergötterter Frauen zugrunde geh’n — — —. Du allein brachtest mir die volle Sicherheit, daß mein sonst so oft mißverstandenes Dasein von dir erkannt wurde, in Weisheit und in Milde, wie von Gott selbst — — —! Heißt man das Liebe?! Gleichviel. Es ist die »Erlösung«, die eben keine andere bringen kann!
An Frau D. M., in unzerstörbarer Freundschaft.
Freundschaft, du immer und ewig mißbrauchtes, geschändetes Wort! Du bist »Erkenntniskraft des Gehirnes«, gemildert durch »des Herzens Wohlwollen«!
An Maria Maraviglia, spanische Tänzerin.
Leben, flüchtigstes, zerrinnendstes, kann ich dich nicht festhalten?! Ja! Durch Erinnerung, Melancholie und Ergebung ins Schicksal — — —.
Frau M. B. in Aachen.
Aus Fernen kam ein begeisterter Gruß — — —. Wie selig war ich — — — zwischen Aachen und Wien ist genügend Raum für die Enttäuschungslosigkeit zusammengehöriger Seelen geschaffen — — —!
An die Gemahlin des Herrn J. S.
Wie eine Aristokratin sehen Sie aus des 18. Jahrhunderts — — —. Augen voll ernster Ruhe und Noblesse, und dennoch wieder Augen der Sphinx und der Rheinnixen! Die Nase wie von urältesten Adelsgeschlechtern herstammend, sanft gebogen und dennoch stumpf abbrechend. Adlernase und Stumpfnase zugleich! So aus einer Zeit von vergangener Würde und Größe. Man sitzt neben Ihnen, betrachtet Sie, spricht ehrfurchtsvoll, wie mit keiner anderen. Man ist unter einem unerklärlichen Banne. Wie wenn man vorgestellt würde der »Kaiserin Marie Antoinette«. Man möchte zu Ihnen sagen: »Votre Altesse Royale — — —«. Aber man muß über die kleinen Ereignisse des Tages sprechen — — —. Und dabei blickst du wie eine traurige Fürstin — — —!
Für P. H., die »Romantikerin«.
Sie erwünschen es sich, daß ich Ihnen von meiner einsamen Landpartie im Vorfrühling Blätter ins Haus sende, in die enge Gasse der Vorstadt?! Nun, ich befestigte alles einzeln vorsichtig an silbernen Drähten, zarte, gelbgrüne Blättchen. Wie gleicht Ihr Herz doch der Vorfrühlingslandschaft — — —! Man bedauert direkt, daß es bald zu greifbarer Blüte und Frucht ausreifen werde im Sonnenbrande des Lebens!
Für Gertrude Barrison, Tänzerin.
Kalt und hart scheinbar sind Sie im Leben, das alle zu leben, alle zu erleiden, alle zu ertragen haben! Aber hinter diesem »gewaltsamen Sein« schlummert den ewigen Schlaf, besiegt und längst abgestorben, die »vergrämte Idealistin«! Geschreckt von der Heimtücke des Daseins, traut sie sich nie mehr zum Vorschein — — —. Und nur des Dichters Auge blickt noch in Welten, über die der Sargschleier, alles verbergend, liegt — — —.
An Miß Bessie.
Ich hatte dich irrsinnig lieb und vergeblich — — — man hat immer nur irrsinnig lieb, wenn es vergeblich ist!
An Frau E. R.
Eine Welt von zärtlichster Zärtlichkeit mußte in mir ersterben, auf dein Geheiß! Auf deinen strengen unerbittlichen Wunsch! In späteren Tagen warst du sanftmütig und gütig zu mir; in späteren Tagen! Aber den »süßen Wahnsinn« hast du mir gemordet, wolltest durchaus meiner Seele endlose Welten auf ein erfaßbares Maß zurückführen; vergeblich! Stört euch »unser Wahnsinn«, so enttäuscht euch schließlich noch mehr die »normale Liebe« der anderen! Sind wir auch »übertrieben« in unserer Verehrung, sind die anderen allzu nüchtern in ihrer gesunden Gerechtigkeit!
An Else Wiesenthal.
Immer und überall im Leben vermißt man »Hoheit und Würde« und »edle Kindlichkeiten« zugleich! Aber in Ihrem Tanzen findet man es. Deshalb ist man so beglückt und erlöst und erleichtert. Was man an seiner geliebtesten Geliebten schmerzlich-melancholisch vermißt, findet man, erstaunt, gerührt, bei Ihnen! Unerbittlich und starr wird immer naturgemäß sogleich die Seele des Mannes, falls ein wertvolleres Bild vor seine Seele tritt! Ehebruch, Treuebruch, was seid ihr für nichtssagende Namen! Das »Zulänglichere« löscht einfach stets das »Unzulängliche« aus! Soll man weiter verehren, was der Verehrung nicht mehr wert ist?! Gehet von hinnen, Schwerfällige, wenn die »idealere Tänzerin« naht! Die »Gleitende« besiegt die »Schleichende«!
WESEN DER FREUNDSCHAFT
Inhaltsverzeichnis
Ich kenne nur zwei Menschen, die mir freundschaftlich gesinnt sind, mein Bruder und A. R. Sie verstehen alles, was ich denke, empfinde, sage, geben allen Dingen die wohlwollendste Auslegung. Sie sind ganz ohne »Fallen-stellen-wollen«. Sie vernehmen nur das Wertvolle, überhören eventuelle Mißtöne, ohne zu zucken. Sie schöpfen vom geliebten Menschen den Rahm ab, beklagen sich nicht über die wässerige Milch, die darunter liegt, sondern erfassen es als ein Naturgesetz, daß der Rahm nicht bis zuunterst reichen kann — — —. Sie erläutern uns nach unseren in uns verborgen liegenden Idealen, nicht nach unseren allen augenfälligen alltäglichen Schwächen! Sie lauern auf unsere seltenen Höhepunkte, beachten nicht unsere Verkommenheiten. Sie sind noble Ausleger, Ausdeuter unseres wirklichen Wesens. Sie begreifen unsere Schwächen, sie achten unsere Stärke! Sie sind mit uns, wie man mit edelrassigen Kanarienvögeln, Papageien, Staren, Hunden, Affen ist. Man achtet ihre Eigenart, fordert von ihnen nichts Unmögliches. Man hält sich an ihre »besonderen« exzeptionellen Eigenschaften. Diese wohlwollend-sentimentale Art von Nervengutmütigkeit heißt: Freundschaft. Jede andere ist tief verlogen. Diese edle »ewige Gutmütigkeit« ist von Gottes Gnaden! Man hat sie zumeist erst mit Verstorbenen. Da kommt man erst zur Besinnung über besondere Werte, dringt tiefer ein in das Wesen desjenigen, dessen Lebendigsein uns nicht mehr stört. So lange er lebte, beging er die störende Ungeschicklichkeit, ein anderer zu sein an Denken und Empfinden als wir selbst!
WAS IST EIN DICHTER?
Inhaltsverzeichnis
Er sah am »Gänsehäufel« ein fremdes junges Mädchen, ganz lang und schlank, goldbraune wehende Haare, lange, schmale Hände und Füße, ein ockergelbes seidenes Trikot an dem mulattenbraunen Leibe.
Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen.
Er sah in einer japanischen Akrobatentruppe ein fünfjähriges Mäderl, gelber Teint, Stumpfnäschen, schwarze Haare wie eine Perücke. Lebendig gewordenes Kinderspielzeug!
Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen.
Er las von einer wunderschönen Preisfechterin in Venedig, aus reicher, geachteter Familie, die ohne Grund, neunzehnjährig, sich aus ihrem Zimmer, drei Stockwerke hoch, aufs Pflaster stürzte und starb.
Er konnte sie nie, nie, nie mehr vergessen.
Er hatte neben sich eine, ganz, ganz neben sich, hart neben sich, bei Tag und bei Nacht.
Die konnte er aber vergessen, vergessen, vergessen!
BEKENNTNIS
Inhaltsverzeichnis
Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts!
Mein Aug’, mein Ohr, mein Denken und mein Träumen
gehörten vielleicht eher den dunklen Mädchen von den
Sundainseln, romantischen Gebilden fremder Welten,
die ihre stillen Wege gehn nahe dem Urwald — — —.
Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts!
Wie Märtyrerinnen warst du aus der Vorzeit,
oder wie Krankenpflegerinnen fremder Menschen,
wie sie heut’ noch sind in Krankenhäusern und in
Klöstern — — —.
Belohnung war dein eigenes Gefühl in dir!
Im Geben nahmst du tausendfach zurück,
was du gespendet. Und davon lebtest du!
Nun bist du in dem Dienste deiner heiligen Seele
krank geworden — — —
der magische Schein der Selbstaufopferung verlischt — — —
du kannst nicht mehr grenzenlos ergeben sein!
Und weinend siehst du nun zum ersten Male deines
Lebens Not — — —.
Du gabst mir alles — — — und ich gab dir nichts!
Und dennoch traure ich verzweifelt am Sarge deiner
armen Seele — — —. Denn, glaube mir, sie starb!
ENTWICKLUNG
Inhaltsverzeichnis
Es gibt zwei Arten von Genies. Die, die eine neue naturgemäße Sache entdecken, und die, die es gläubig erfassen und verwerten. Der Glaube an die Genialität des anderen ist die nächstfolgende Genialität. Glaube an neue Erkenntnisse ist bisher unterschätzt worden. Es ist ein zweiter Grad von Genialität. Die anderen sind Skeptiker, also ungenial. Dann gibt es noch die Mitläufer mit den Schwindlern und Hochstaplern. Das sind die ganz Ungenialen, die einem ebenso Ungenialen wie sie selbst sind, feige Kärrnerdienste leisten. Sie leben von der Hoffnung, man werde sie ernst nehmen, weil sie einem nicht ernst zu Nehmenden ernstlich Gefolgschaft leisten! Aber in Gottes Buche ist alles verzeichnet, und dieser riesigen unerbittlichen Buchführung über Reelles und Unreelles unterliegt schließlich alles! Alles wird aufgedeckt, die reellen und die gefälschten Ziffern, und man sollte eben deshalb schicksalsergeben sein. Entwicklungskonjunkturen ausnützen ist jedoch eine der feigsten Gemeinheiten. Wenn man für die »Frauenseele« zum Beispiel kämpft, muß man zeit seines langen schrecklichen Lebens in jeder Beziehung daran auch elend verblutet sein. Die jungen Gänseriche haben aber noch einfach ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, ohne psychologische Mätzchen das Ihrige wie eh und je zu leisten. Der Entdecker leidet, und der Gläubige an ihn leidet. Aber der geschickte Ausnützer von Konjunkturen macht dabei seinen Rebbach.
Dasselbe findet in der Kunst statt. Gottes Pläne sind niemandem heilig, sondern man erstrebt es einfach, seiner eigenen verfehlten Organisation zum Durchbruche zu verhelfen! Freaks sind noch lange keine Genies, obzwar Genies oft Freaks waren. Sie waren es eben doch nur scheinbar. Denn hinter ihnen thronte Gott und die Natur, wenn auch ein wenig in allzu grotesken Formen. Es gibt Räusche, in denen man Symphonien dichtet; und es gibt Räusche, in denen man sich erbricht. Beides sind Räusche, Ekstasen, übertriebene Zustände. Aber Rausch und Rausch sind nicht gleich; und nicht jeder torkelnde Betrunkene schreibt dann in seinem einsamen Zimmer Schubert-Lieder!
SANKT-MARTINS-INSEL
Inhaltsverzeichnis
Als der Arzt ihr mitteilte, daß sie vor den dunklen Toren der Tuberkulose stehe, sagte sie: »Na, na, dös tun mer net, mit achtzehn Jahren?!«
Und sie eilte nach Gravosa, und lag auf der Sankt-Martins-Insel mutterseelenallein, mit ihren Proviantvorräten, von sieben morgens bis sieben abends, und breitete splitternackt die Arme aus, um die Heilkraft der Natur zu empfangen.
Sie ließ sich mit Mentholfranzbranntwein täglich zweimal eine halbe Stunde lang einreiben und nahm einen halben Liter Kakao mit sechs eingesprudelten rohen Eidottern. Ferner Bouillons mit eingesprudelten rohen Eidottern und Seefischfilets in großen Mengen.
Als sie gesund wurde, kam der Ehrgeiz und die Lebenslust über sie, und sie fand ein Engagement in einem ganz kleinen Theater. Ihre erste Rolle war die französische Gräfin Laborde-Vallais. Sie wußte durchaus nichts damit anzufangen, aber ein junger Herr schickte ihr in die Garderobe seine Visitenkarte.
Sie hatte sich mutig dem Tode entzogen, und bemerkte nun bald, daß das Leben es nicht wert sei, sich so sehr darum bemüht zu haben. Sie war dieser Gefahr »Tod« entronnen — nun kam diese größere Gefahr »Leben«! Dem konnte man nicht mit Sonnenbädern, Kakao, gesprudelten Eidottern, Mentholfranzbranntwein entrinnen!
Später lernte sie zufällig den Dichter kennen. Sie verstand nicht, worin das bestehe, ein Dichter zu sein. Man schreibt Bücher, und man ist ein Dichter. Aber was stellt es vor, und wozu ist es?!?
Aber eines Tages sagte er zu ihr: »Wie war es auf der Sankt-Martins-Insel?!? Sie lagen da, gottergeben, und erwarteten von Wiese, Wald und Sonne Ihre Heilung — — —.«
Und jemand sagte zu ihr: »Hören Sie mir schon auf mit Ihrer faden Sankt-Martins-Insel! Jetzt sind wir Gott sei Dank hier!«
Da blickte sie hilfeflehend zu dem Dichter, und sie fand einen hilfsbereiten Blick — — —.
Da wußte sie, was ein Dichter sei und wozu er da sei — — —.
KONZERT
Inhaltsverzeichnis
Du kamst aus dem Konzert, erfüllt von Liedern und den Liedertexten, die von Dichtern waren wie Stefan George, Richard Dehmel, Jacobsen, dem verstorbenen Dänen, der Musik in Worten machte.
Du warst schön und prächtig, gelb und gold war dein Gewand, und deine geliebten Augen blickten noch in Fernen, aus denen sie eben kamen. Ein Zwerg, ein Wurm, ein gekrümmtes armseliges Reptil erschien ich dir, ans Irdische dich feig gemahnend, die du aus hehren Fernen kamst, und meiner Liebe allzu gewohnte Seufzer verhallten in den Tönen deiner neuen Musikwelten.
Ich starb dahin vor Eifersucht auf das Konzert, und auf alles, was drum herum und dran hängt an Ablenkungen selbstverständlicher Art einer fanatisch geliebten Seele —. Ich starb dahin.
Du aber blicktest, gelb und goldig war dein romantisches Gewand, in Fernen, aus denen du soeben kamst, gleichsam von einer langen, langen, langen Reise —. Wo warst du, Frau?!?
Da senkte ich den Blick, der zuerst böse starrte, und ich ergab mich in das Schicksal — — —.
Du sagtest schlicht: »Es war sehr schön; man hat sehr viel gelernt; man blickte jedenfalls in Welten, die bisher verschlossen waren —.«
Da saß ich denn da und getraute mich nicht mehr, deine geliebten Hände zu berühren wie eh und je —.
Und du sagtest: »Was haben Sie?!?« Und ich sagte: »Nichts — — —.«
BUCHBESPRECHUNG
Inhaltsverzeichnis
Er hatte zu ihr gesagt: »Nun habe ich dich, über allen Kitsch der Künstler hinaus, den Kunstwerken der Natur und des Lebens selbst allmählich näher gebracht, habe dich mühselig gelehrt, die Romantik des Daseins aus erster Hand zu genießen! Nun gebe ich dir einen allerbesten, spannendsten, aufregendsten, ergreifendsten, lehrreichsten Roman zu lesen: »Der Volkskrieg in Tirol 1809« von Oberleutnant Rudolf Bartsch.«
Und sie las es in einigen Stunden einer schlaflosen Nacht. Alle Menschen darin standen ihr nahe, und sie zitterte um eines jeden Schicksal! Erzherzog Johann, die Offiziere, die Diplomaten, die Bauernführer wurden ihr zu vertrauten Freunden. Sie begann das Getriebe der Welt zu erkennen und Freunde und Feinde in gleicher Weise zu verstehen! Sie sah die Schlachten zwischen Intelligenz und Herz im Menschen, zwischen Vorurteil und Urteil, zwischen Fernsicht und Nahsicht!
Sie gewann eine tiefe, tiefe Liebe zu Peter Mayr und Andreas Hofer, zu den reinsten der Reinen, den eigentlichen Idealisten in dem Buche.
Sie weinte bitterlich und stundenlang über ihre edle Art. Sie schrieb sich folgende Stelle auf ein Pergamentblatt heraus und ließ es einrahmen unter dem Titel: »So sind alle, die für die Kommenden von Wert sind!«
Diese Stelle lautete: Der geniale Hormayr verscherzte sich das Zutrauen vieler, namentlich der Bauern. Als er nach dem Bankrott der österreichischen Invasion aus dem Lande floh, schob so recht das ganze Volk von Tirol den gegen Hormayr einfältigen, aber sittenreinen Sandwirt an die höchste Stelle — ohne dessen Zutun.
Schob: dieses Wort bezeichnet viel in Hofers Wesen und Laufbahn! Der bedächtige Sandwirt war keine aggressive, ideenwälzende Natur wie Haspinger, kein genial tollkühner Unfried wie Speckbacher. Viele seiner Führer hatten weit größere Begabung als der bloß mit einem schlichten, gesunden Hausverstand ohne weiten Blick ausgerüstete Hofer. Gedrängt, unwiderstehlich gedrängt wurde Hofer zu allem, was er tat. Eine äußere, aber geheime Macht, deren Walten er wohl ahnte, der er nie zu widerstehen suchte und die er verehrte, trieb ihn: der Volksgeist von Tirol!
Diese Macht erhob ihn hoch — er blieb demütig und schlicht; diese Macht entriß ihm all seine Entschlüsse. Durch sie gedrängt, siegte er bei Sterzing, am Isel und bei Leonhard. Durch sie gehalten, vermochte er nicht zu fliehen, als die Besten des Landes das sinkende Schiff verließen — und geschoben, ja ganz verwirrt von dem Einfluß der Verzweifeltsten des ganzen Landes, brach er im Spätherbst 1809 zum erstenmal in seinem Leben das Wort, verleugnete seine Unterwerfung, erhob von neuem den Ruf zum Aufruhr, und erst als sein Körperliches gefangen und dem Tode geweiht war, da befreite sich seine Seele, eine tiefe Erkenntnis seines ganzen Lebenslaufes durchzuckte ihn, und da wuchs er ins Übermenschliche. Dieser weichherzige Mann, der so leicht die gutmütigen Augen voll Wasser bekam, nahm trockenen Auges Abschied von einer Welt, die sich schlechter erwiesen hatte als er.
Daß man Hofer so oft verkannt und in ihm den Führer und Kommandanten des Aufstandes gesehen hatte! Er war weniger und doch mehr. Er war seinem Volke, was dem Soldaten seine Fahne ist: Das Panier von Tirol!
Selbst unbeweglich, aber von den Kühnsten und Besten getragen, allen voran. Unbefleckt, rein, verehrenswürdig, ja wahrhaft geheiligt! Von der Religion geweiht, vom Paten Johann mit einem Wahlspruch belebt, vom Kaiser ausgezeichnet und geschmückt. In der höchsten Not entfaltet, als alle Kommandanten versagten, siegt diese menschliche vorausgetragene Fahne Andreas Hofer, dann sinkt sie — — und mit ihr das Land Tirol. Er war eben der einfache, Mensch gewordene Idealismus, der embryonal in tausend Herzen, in tausend Gehirnen, in tausend Willenskräften verborgen lag!
Die edle Leserin machte die Hinrichtung Andreas Hofers mit, aber sie konnte nicht, wie er von sich selbst es sagte, sagen: »So leicht kommt mir sein Sterben an, daß mir die Augen davon nicht naß werden — — —.«
Sie aß wenig, sie sprach wenig durch viele Tage. Nur dem Freunde, der ihr diesen »Roman des wirklichen Lebens« anempfohlen hatte, blickte sie dankbarst in die Augen. Da sagte er denn zu ihr: »Dieser Oberleutnant Rudolf Bartsch ist vielleicht ein größerer Dichter als viele protokollierte Firmen dieser Branche. Denn er hat die in den Archiven des Lebens begrabene Poesie und Romantik der Menschheit zu lebendigem wirkendem Leben gebracht durch sein einfaches tiefes Buch!« Und die Dame reihte es ein in ihrer kleinen Bibliothek neben ihre Götter: Hamsun, Strindberg, Maeterlinck, Ibsen, diese Vermehrer des Bestandes der allgemeinen menschlichen Seele!
IDEALE
Inhaltsverzeichnis
Ein fünfzehnjähriges wunderschönes Stubenmädchen stahl ihrer Herrin zwanzig Kronen.
Die Herrin schickte zur Polizei und machte die Anzeige von dem Diebstahl. Da nahm die Fünfzehnjährige, die ihrer Mutter zum Namenstag ein Geschenk hatte machen wollen, eine Flasche mit Spiritus, trank die Hälfte aus, übergoß ihre Kleider mit der anderen Hälfte, zündete sie an. Nach elf qualvollen Stunden verstarb sie im Wasserbett.
Einfache künftige Polizeivorschrift:
Anzeigen gegen Untergebene unter zwanzig Jahren wegen Diebstahls unter 100 Kronen werden zwar angenommen, aber sobald es sich um einen ersten Fall handelt, in den Papierkorb geworfen!
Man vertröste die anzeigende »Canaille«, daß sich der Fall leider »verzögert« habe — — —.
EIN BRIEF
Inhaltsverzeichnis
Liebes Fräulein Marion Kaulitz, ich habe gestern in der Wiener Werkstätte, erster Bezirk, Graben 15, die Puppenausstellung besichtigt. Ich war ganz gerührt. Wie schrecklich sind doch diese Puppengespenster gewesen aus der Kindheit unsrer geliebten Schwestern und Cousinen! Wie starrten sie uns blöde herzlos an, erwiderten alle Liebe und Sorge mit einem nichtssagenden kretinartigen Grinsen, das unsre kleinen Herzen hätte lieblos machen müssen, wenn wir damals nicht so viel an selbstloser Liebe aufgespeichert hätten zu adeliger Verschwendung!
Aber nun schufen Sie, Fräulein, Puppen, die wie edle, zarte Menschenkinder blicken, träumerisch lächelnde, und solche, die sich anschicken zu weinen und es dennoch unterdrücken! Kleine, zarte Kindchen schufen Sie, nicht Puppen!
»Das Beste ist für unsre Kinder gerade noch gut genug«, sei der Wahlspruch von verständnisvollen Eltern. Eine meiner kleinen zartfühlenden Freundinnen, zwölfjährig, hat am Lande im Garten einen Zentralkäfig aus spinnwebdünnem Stacheldraht. Innerhalb ein kleiner ovaler Teich von Quellwasser, und blühende kleine Gesträuche. Dieser Käfig ist bewohnt von siebzig herrlichen Vogelarten. Hier genießt sie die Märchen der mysteriösen Natur aus allererster Hand, hat einen kleinen bequemen Fauteuil davor gerückt, sitzt stundenlang, beglückt und entrückt — — —.
Geradeso könnte man mit Ihren Püppchen sitzen, stundenlang, Fräulein Marion Kaulitz! Ich denke mir kinderlose zarte Damen, die dieselben sanft an ihr Herz drückten. Im Schlafzimmer sollten sie in Sofaecken kauern, wie kleine zarte Lebewesen! Es gibt einige darunter, die man direkt lieb gewinnt. Ich kann es mir vorstellen, daß eine alte Jungfer solche fünfzig ankaufte und so in ihrem Zimmer eine Welt erblühen ließe, die ihr im realen Leben versagt geblieben ist. Eine Welt von Poesie und ohne die Enttäuschungen. Eine ist darunter, dreißig Kronen, von der man es sich vorstellen muß, daß sie unbedingt eine weltentrückte Dichterin werden würde. Ich sagte zu der wunderbar schönen bleichen Verkäuferin mit den aschblonden Haaren und der sanftmütigen Stimme: »Melden Sie es mir seinerzeit, welche Dame diese scheinbar unscheinbare Puppe erstanden habe! Es wird jedenfalls eine ›innerlich Adelige‹ sein — — —.« Die bleiche Verkäuferin errötete und sagte: »Ein fremder Herr hat sie heute bereits von selbst für mich erstanden — — —.«
VARIÉTÉ
Inhaltsverzeichnis
»Sechs riesenstarke Männer und eine Sechzehnjährige, wunderbaren verklärten Antlitzes, und gewachsen wie ein edler Knabe. Man warf sie wie einen Gummiball, fing sie nach zahllosen Umdrehungen auf herkulischen Schultern geschickt auf. Dennoch zitterte man jedesmal für ihre edelzarten, unbeschreiblich rührenden, gebrechlichen Glieder. Sie blickte ekstatisch, ließ sich in die Luft wirbeln und auffangen und hätte, zufällig auf den Boden geschleudert und ermordet, zerbrochen, zerquetscht, keinen Laut von sich gegeben! Ekstatisch blickend wäre sie gestorben. Da dachte ein Graf: »Ich werde sie ihren Peinigern entziehen und ihrem Selbstmorde. Ich werde sie schützen, pflegen und behüten!« Aber das wunderbar verklärte Antlitz hätte sie dann sogleich verloren, und den edlen süßen Heldenblick wie in einer Schlacht, in der man gern vor dem Tode steht! Denn »leben ohne Ehre« ist da überflüssig geworden! O, Fräulein, gedenken Sie eines armseligen Zeitungsreferenten, der es nicht drucken lassen darf, daß er vor Ihnen hätte hinknien mögen! Sondern er mußte schreiben: »Einen wirklichen Rekord in der Parterreakrobatik bot die jugendliche Tochter des Truppendirektors. Eine Vereinigung von Kraft und Anmut — — —. Stürmischer Beifall belohnte aber auch ihre Leistung!« O, Menschheit, pfui über dich, die du noch immer die »spanische Stiergefechtsseele« hast, ohne Erbarmen und ohne Liebe, pfui! Fräulein M., Ihre edelzarten Glieder sind mehr wert als das begeisterte Gejohle einer herzlosen Menge. Gott beschütze Sie, Allerzarteste, in Ihrem gefahrvollen Berufe! Möge dennoch ein Graf Sie zuletzt erretten!«
DIE ABGELEHNTE EINLADUNG
Inhaltsverzeichnis
»Sie luden ihn ein auf ihre Besitzung. Er könne dort tun und lassen, was er wolle, niemand würde Ansprüche an ihn stellen. Er habe seine Freiheit garantiert. Er kam nicht. Er hatte zu tiefe Achtung vor dem Fernverkehr zwischen Menschen, die sich wenigstens teilweise verstehen, zu viel Verachtung für den Nahverkehr, der unter allen Umständen Abgründe öffnet, in denen die Seelen zerschellen. Welche Freiheit konnte man ihm garantieren, nachdem er als Gast von selbst infolge seiner inneren Kultur unwillkürlich den Gastgeber ununterbrochen berücksichtigt hätte? Die großen Abgründe sind leicht mit Freundschaft zu überbrücken, unüberbrückbar sind die allerkleinsten; was ist es, wenn der fanatisch geliebte Hund des Gastgebers dem Gaste als ein verwöhntes, ekelhaftes Beest erscheint? Genügt das nicht, alle Werte umzuwerten und Verzweiflung in den Nerven zu erzeugen, wo früher edler Friede war? Ich will von Speisen und Getränken gar nicht reden, von Tageseinteilungen. Der Gast wird zum »hysterisch-empfindsamsten« Menschen, weil er eben der »Gast« ist, der Gastgeber ebenfalls, weil er eben der »Gastgeber« ist! Es entsteht eine Beziehung von Verantwortlichkeit für das Glück des anderen. Man bemüht sich, ein anständiges aber ungeschicktes Kompromiß zu schließen zwischen zwei Nervensystemen. Nun gibt es aber auch noch tragischere Verwicklungen. Zum Beispiel »Lieblingsspaziergänge«, oder »Lieblingsplätze im Garten«, ja sogar »Lieblingsbäume und -blumen«. »Gekränkt sein« ist eine von unserem guten, ja von unserem besten Willen unabhängige Emotion der Seele. Wodurch könnte man es besiegen!? Durch Entfernung! Napoleon kann bei seinem Kammerdiener zu Gaste sein, aber nicht bei einem Napoleon! Außerdem kann man sich auch noch zu allem anderen vielleicht in das Stubenmädchen der Hausfrau verlieben. »Distanzen lassen« in jeglichem Verkehr ist die »Genialität der Bescheidenen«, »Distanzen nicht einhalten« ist die »Stupidität der Größenwahnsinnigen«! Es gibt daher für einen »bescheidenen« Gast eine einzige Form der Einladung an ihn: »Liebster Freund, wir reisen heute abends ab, unsere Villa steht Ihnen daher zur Verfügung. Die Köchin wird kochen, was Sie anbefehlen; außerdem bekommen Sie Tagesdiäten von zehn Kronen. Gedenken Sie unser in Liebe!«
HYPOKRISIE
Inhaltsverzeichnis
Ich möchte ein einziges Mal im Leben ein Liebespaar, ein junges Ehepaar antreffen, bei dem der Mann nicht in überquellender sorgsamer Zärtlichkeit das Zigarettenrauchen der Geliebten bespräche! »Anna, du weißt, dein Pensum ist bereits überschritten, ich habe drei Zigaretten täglich gestattet, eine nach dem Frühstück, eine nach dem Mittagessen, eine nach dem Nachtmahl. Ich glaube, ich bin jedenfalls ein nachsichtiger Gatte — — —.« Nein, das bist du nicht, du Hund! Gerade hierin also willst du ihr helfen, hast nicht die geringste Ahnung, du Esel, wieviel Narkotika sie braucht, um deine Langweiligkeiten zu ertragen, oder sich zu betäuben einmal auf anständige Art! Keine Frau raucht mehr Zigaretten, als sie unbedingt braucht, denn in der Kontrolle ihrer Genußfähigkeiten sind die Frauen begabter als die Männer, da sie den Gesetzen der unbewußten Natur näher stehen, sie daher besser erlauschen! Ich hasse die Männer, die ihre hypokrite zärtliche Fürsorge gleichsam auf das scheinbar übertriebene Zigarettenrauchen ihrer geliebten Frauen konzentrieren. Sie haben überhaupt nicht die geringste Ahnung von der minutiösen Hygiene des Frauenleibes, der Frauenseele! Aber vor der unschuldig-betäubenden, ja oft erlösenden Zigarette wollen sie sie zärtlichst behüten! Der Anfang aller Ungezogenheiten einer Frau, die sich dann allmählich und unscheinbar entwickeln, ist, ihr ihre unschuldigen Freuden zu mißgönnen!
STRANDBAD »GÄNSEHÄUFEL«
Inhaltsverzeichnis
Wie alt du wirst, Peter — —. Läßt dich deinen Idealen nicht mal mehr vorstellen?!
Ich sah zwei Schwestern, sechzehn und fünfzehn, mit braunem Teint und dunklen Haaren, stumpfnasig, edelhändig, edelfüßig.
Wie von den Inseln Ceylon, Sumatra, waren sie.
Die Sonne brannte auf den grauen mehligen Donausand des Strombades »Gänsehäufel«.
Ein buntes Treiben; und ich sah nur euch!
Wie flügge Vögelchen im Neste, sah ich euch, von eurem Vater zart behütet — —.
Finger, Zehen, zart zum Abbrechen.
Und eure Augen schienen noch nie ängstlich geblickt zu haben — — —.
Ein buntes Treiben auf dem Strand, im Wasser!
Familienglück mit plätschernden Babys, und Paare, denen man es ansah: »Ihr gehört zusammen!«
Von Weidenbüschen kamen Duft und Kühle — —.
Und als die beiden braunen Schwestern ihre weißen Strandkörbe verließen, um zu baden, hätte ich mich gern als Leibwache hinpostiert und zu jedem gesagt: »Die Körbe sind besetzt, ich hüte meiner geliebten Herrschaft ihre Ruheplätze — — —!«
RÜCKKEHR VOM LANDE
Inhaltsverzeichnis
Nun ist es wieder Herbst geworden, und die Grabenkioske füllen sich zur Abendzeit mit wohlgepflegten und gebräunten Damen.
Man hätte so viel zu erzählen, und man schweigt!
Man ist wieder in diesem Gefängnis »Großstadt«.
Man träumt von Licht und Luft und Wasser.
Man war ein anderer, besser, menschlicher.
Nun geht man seinen Trab wie eh und je.
Man fühlt sich altern, schwerfällig werden, klammert sich an dieses unglückselige Wort: »Verpflichtungen«!
Die Wohnung will nicht in Ordnung kommen, und die Dienstboten kündigen.
»Die gnädige Frau war am Land viel netter zu uns — — —.«
Ja, das war sie.
Die Kellner in den Kiosken begrüßen alle Gäste wie Weltreisende, die vielfache Gefahren überstanden haben — — —.
Nun nehmen sie Soda-Himbeer im sicheren Port!
Die Deklassierten, die nicht fort waren, mischen sich in die Menge der Zurückgekehrten, als ob nichts vorgefallen wäre — — —.
Ja, sie haben sogar die naive Frechheit, zu behaupten, Wien wäre am angenehmsten, wenn alles »auf den Ländern« weile — — —.
Damen, mit den veredelten gebräunten Antlitzen, lasset euch nicht betrügen von dem Prunk der Großstadt! Erschauet in den Spiegeln eurer Gemächer einen Zug auf eurem Antlitz, den Licht und Luft und Wasser und Freiheit modelliert haben, und der nicht da war ehedem, und der verschwinden wird im Wintertrubel!
Komödie hier, Komödie dort vielleicht — — —.
Doch unter freiem Himmel ist das Theater schöner!
KRANKENLAGER
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Ich lag wieder einmal im Sterben. Einer sandte mir daher Kalbsfußgelee in Glasdose, statt mir seine junge, schöne Geliebte zu senden, die mich unbedingt eher hätte erretten können als Kalbshaxen! Das Kalbsfußgelee hatte einen geheimnisvollen, uneröffenbaren Verschluß. Daher war es auch ganz gleichgültig, daß es vor dem Eröffnen zwei Stunden lang in Eis liegen sollte. Einer kam sehr teilnahmsvoll und besprach es mit mir ziemlich eingehend, ob er seiner Mitzi den Laufpaß geben solle oder nicht, nachdem doch, wie ich wisse —. Wir berieten hin und her, und er meinte schließlich, er sehe, ich sei nicht ganz bei der Sache. Zum Schlusse sagte er: »Hast du große Schmerzen?! Merkwürdig, daß diese Anfälle in letzter Zeit so häufig wiederkommen. Vielleicht sieht man dich übrigens morgen im Gasthaus. Da können wir es weiter besprechen.« Eine Dame kam, und ich teilte ihr mit, daß sie die schönsten Ohren, Hände von der Welt habe. Sie meinte, ich bliebe noch in der Sterbestunde ein Dichter, ein wirklicher Künstler. Einer kam und legte seine Zigarettenasche auf mein Nachtkästchen aus Bambus, neben die große, tiefe Aschenschale. Einer trug mir ein Buch weg, unter dem Vorwande, ich könne in meinem jetzigen Zustande ohnedies nicht die Sammlung finden, es zu lesen. Einer sagte mir, man dürfe sich nicht so sehr nachgeben, sondern müsse die Krankheit durch Energie überwinden. Gott, wo käme er selbst hin, wenn er sich immer gleich ins Bett legen wollte und sich pflegte!? Eine junge Dame schrieb: »Verehrter Meister, ich höre, daß Sie schwerkrank sind. Darf ich um ein Autogramm bitten?!« Als ich wieder genesen war, sagte man zu mir: »Nun, Peter, du ewig Unzufriedener, hast du es nicht jetzt wieder einmal erlebt, von wieviel Sympathie und echter Freundschaft du in schweren Zeiten dennoch umgeben bist?!« Ich blickte gerührt vor mich hin — das heißt, ich dachte: Verbrecher und Schafsköpfe!
HUNDE
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Ich hasse die Frauen nicht nur wegen der falschen Krawatten, die sie anhaben, wegen der falschen Schirmgriffe, der falschen Hüte, der falschen Manschettenknöpfe und so weiter — ich hasse sie in neuerer Zeit wegen der »Pflanzhunde«, die sie sich mit teuerm Gelde zulegen, um eine Art von verlogener Tierromantik mit ihnen aufzuführen.
Meine wunderbar schöne Schwester fand in ihrem fünfzehnten Lebensjahre ein schreckliches verhungertes Tier auf der Bergstraße nach Kaiserbrunn, direkt ein Scheusal. Aber sie betreute es fanatisch; und als sie es eines Sommermorgens im Bottich des kleinen duftenden Gemüsegartens ertränkt fand, legte sie sich ins Bett und verweigerte acht Tage lang die Nahrung.
Heutzutage aber kaufen sie sich für schwere Tausende prämierte Russische Windhunde, Springer erster Klasse, die zwar unerhört hohe Barrieren überspringen, aber nicht einmal den Seelengeruch aufbringen, die Wohnung ihrer scheinbar geliebten Herrin allein wieder aufzufinden!
Herzlose Idioten von äußerlich schönen Tieren favorisieren sie, schändliche Masken von Idealen, einen Abglanz ihrer eigenen leeren Persönlichkeiten, drapiert mit modernen Gewandungen! Wie sie selbst!
Seinerzeit war der getreueste Freund des Menschen favorisiert, der aufopferungsfähige weiße oder schwarze Pudel.
Heute aber liebt man den infam perfid treulosen Dackel, den grotesken Clown Foxterrier, und den stupiden herzlosen und gleichgültigen Russischen Windhund.
Heute geht man auf Farbe und Form. Aber das melancholisch-treuherzige Auge ist euch gleichgültig geworden! Es wird sich natürlich an euch rächen! Auch die »Ästhetik« kann nur aus den mysteriösen Tiefen des Herzens kommen; sonst ist es eine Blüte, die an ihrer eigenen schamlosen Kälte verkommt, verdorrt! Nur das Herz hat ewig belebende tropische Wärme. Schönheit allein mordet!
H. N.
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In deinen Augen lese ich dein Leben — — — mehr brauch ich nicht zu wissen, es ist alles. Und deine Stimme ersetzt mir die Musik der Welt! Deine Hände zu schauen, macht dankbar gegen das Schicksal — — und sie berühren, macht mich tief erschauern! Wie eine geknickte Blume prangst du in der Welt, die trotzig starrt von harten Pflanzen! Nur du erzeugst mir Sehnsucht, Gottes edle Qual! Die anderen genießt man, wenn sie da sind, und die Entfernung legt sie zu den Toten! Von dir aus strömt des Dichters Leid und Not, an diesem Stoffe brennen seine Flammen! Wenn du von Lieblingsliedern sprichst, hör ich sie tönen; Wenn du von Lieblingsbüchern sprichst, so hab ich sie gelesen! Wenn du von schönen Frauen sprichst, so seh ich sie, wenn du von Männern sprichst, so sterb ich vor Verzweiflung!
Und die Welt erdunkelt mir — — —. Der Bann, der Bann, Bannsegen ohne Fluch! So bannst du mich! Du bist verstört, von tausend geheimnisvollen Kräften hin und her getrieben, die aber mir zu Tau und Sonne werden, indem ich sie gerührt betrachte und begreife, wie eine Mutter ihres geliebten Kindes Rätsel — — —. Entfern dich nicht! Denn wenn du mich verläßt, erlischt für Dich dein eigener Zauber — — und eine Welt ersteht, die dich brutal genießen will!
HELGA
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Helga, mein Leitstern, bist du mir erloschen?!?
Leuchtest du mir nicht mehr in meinen Dunkelheiten?! Willst du meinen Verdüsterungen nicht mehr Klärung bringen?! Die Nebel zerstreuen, die sich über meiner Seele lagern, wie die Sonnenkraft auf Bergesgipfeln beim Nebelreißen?!? Wie ein Kindchen strecke ich die Arme nach dir aus. Hilf mir! Du gabst mir Kraft, du gabst mir Frieden! Sei ewig bedankt — — —! Nun kommen die Liebelosen und rauben mir alles! Düstere Nebel umwölken mein ehemals klares Gehirn — — —. Sei wieder die Sonne, die Klarheit bringt und Licht und Wärme! Hilf mir, Helga — — —! Alle andern Frauen nehmen und plündern, die Seele, den Leib, die Kraft des Gehirnes — — —! Du allein spendest und spendest und spendest! Kaum bist du fort, umdüstert sich alles — — —. Die bösen Geister nehmen mich in Besitz — — — Guter Geist, Helga, ich entbehre dich, wie ein krankes Kind seine Baba — — —. Gütige Kinderfrau, Helga, ich gebe dir diesen Ehrentitel, Statt dieses schnöden, inhaltslosen Titels: Geliebte!
DAS TELEPHON
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»Hier Peter Altenberg — — —.«
— »Oh, Peter, guten Abend. Denken Sie, ich kann heute abend nicht an Ihren lieben Stammtisch im ›Löwenbräu‹ kommen. Ich habe mir erst vor einer Stunde die Haare gewaschen und sie brauchen mindestens drei Stunden, um zu trocknen.«
»Schluß«, rief er und läutete rasend ab. —
Das war eine Art von Genugtuung. — Aber sehr bald darauf überkam ihn eine trübe Stimmung und er dachte: »Was, oh Fraue, was wirst du mir also noch alles antun, nachdem du dir nicht einmal rechtzeitig die Haare waschen konntest — — —.«
DIE LÜGE
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Eine der schrecklichsten Verlogenheiten des kleinen Lebens ist es, daß so viele in liebenswürdig-korrekter Art fragen: »Ist es gestattet, an Ihrem Tische Platz zu nehmen? Stört man nicht!?«
Welche verlogene Gemeinheit, eine solche perfid-jesuitische Frage zu stellen, nachdem man es doch sicher weiß, daß niemand daraufhin den Mut hat, zu antworten: »Nein!«
Möge doch jeder in seiner Vereinsamung bleiben, bis man ihn »liebevoll« ruft! Wie viele Feindselige drängen sich scheinbar freundschaftlichst heran, weil man mit einer Dame sitzt, auf die sie »fliegen!« Eine horrende feige Gemeinheit. Schändliche Wölfe im Schafspelze. Wenn sie ihre Beute »gerissen« haben, verschwinden sie! Niemand weiß, edle Distanz zu halten, weder im Gespräch, noch in Handlungen. Eine falsche, feige Gutmütigkeit beherrscht alles, vom liebenswürdigen, scheinbar erfreuten Lächeln der Begrüßung an, bis in die ernsteren Komplikationen hinein, wo die Maske fällt! »Wie geht es Ihnen?!« Jeder denkt dabei: Hoffentlich schlecht! Das Herz traut sich nirgends hervor; es keucht, erstickt unter Lügebergen! Niemand kann »er selbst sein«, schaut sich daher ängstlich um, nach dem Sukkurs der andern!
Heldentum: »Ist es erlaubt, an Ihrem Tische Platz zu nehmen?!«
»Nein!«
Dann geht der feige, geprügelte Hund aber hin und rächt sich!
PLAUDEREI
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Früher hat es naturgemäß Religionsstifter gegeben für die Seelen. Der Körper war urkräftig, und die Seelen waren schwächlich. Da bedurfte es der Ärzte für die Seelen. Nun aber ist es umgekehrt: die Seelen sind erstarkt, und die Körper sind schwächlich geworden. Da bedarf es der Religionsstifter für die Körper!
Keuschheit zum Beispiel war früher eine »psychologische« Forderung, heute wird es zu einer »physiologischen«! Einfachheit der Lebensweise war früher eine »psychologische Forderung«, heute ist es eine »physiologische« geworden!
Früher beschenkte man Arme aus »psychologischen« Gründen. Heute könnte man fast bereits sagen: »Ich gab einem Armen 50 Heller, denn ich fühlte es, daß mir mein Nachtmahl dann besser munden würde und ich es leichter verdauen könnte —.«
»Seelische Angelegenheiten« beginnen zugleich »physiologisch« aufgefaßt zu werden, also eine organische Verbindung von Selbstlosigkeit und Ichismus. Je mehr ich meinen Körper entwickle und schone, desto mehr kann ich seelisch für andere leisten! Ich bin von mir befreit! Für andere! Liebenswürdigkeit, Menschenfreundlichkeit ist Sache des Verdauungsapparats.
Mörder müssen Blähungen haben. Man kann nämlich auch unscheinbar morden; es muß nicht immer Messer und Kugel sein. Auch Worte können morden und jegliche Ungezogenheit! Frauen müßten daher besonders vorsichtig sein in bezug auf ihren gesamten Verdauungsapparat. Sie können leicht »seelisch morden«, wenn sie unverdauliches Zeug essen, das sie belästigt und beschwert. Ich will von einer der wichtigsten Sphären im »physiologischen Organismus« gar nichts auch nur andeuten, in der man entweder zum »Übermenschen« oder zum »Mandrill« wird! Aber der kommende Religionsstifter wird die Verbrechen, die »Höllen«, ausschließlich in der »physiologischen« Sphäre erkennen, wenn auch der »Alkoholgenuß« nur selbstverständlich den Prügelknaben vorstellt, der blöderweise für alle anderen Sünden herhalten soll! »Falscher Ehrgeiz« zum Beispiel ist ein »physiologischer« Mörder in uns, ein Krebs der Seele, eigentlich aber des Leibes! Die Würmer werden mich fressen, früher aber muß ich noch Baron werden! Sie sollen einen Baron also annagen! Man verlästert immer die Dekadenz. Aber wann werden die Menschen endlich nicht mehr essen, als sie benötigen, nicht mehr trinken, als sie benötigen?!? Bis sie es nicht mehr vertragen vor Schwäche! Dadurch aber werden sie dann allmählich wieder ganz stark werden!
Das ist der Werdegang! Zuerst völlern, auf seine überschüssigen Kräfte hin! Dann sparsam leben, wegen seiner unterschüssigen Lebenskräfte. Und dann infolgedessen gesunden, reich werden und es bleiben! Dekadenz ist der organische Übergang zur Aszendenz! Zuerst vergeuden die Menschen ihre Kräfte, weil sie zu viel davon haben. Dann sparen sie damit, weil sie zu wenig haben. Und schließlich haben sie wieder angesammelt und sparen wegen schlimmer Erfahrungen! Es gibt keinen anderen Weg!
Es wäre denn, daß ein »physiologischer« Religionsstifter die persönliche Macht ausübte, daß die Verschwender an Lebenskräften zu sparen begännen, ehe es unbedingt notwendig wäre! Dann könnte er »gottähnliche Menschen« züchten auf Erden! »Erkenntnisse aus Not« sind eigentlich dennoch lächerlich, sie haben keine »Verführungskraft«. »Erkenntnisse« aus »Erkenntnis« allein haben Triebkraft. Sie zeitigen Blüten und Früchte am Baume der Erkenntnis! Der ganze mögliche Fortschritt also: Erkenntnisse haben und sie durchsetzen, ohne »physiologisch« dazu bereits genötigt zu sein! Zum Beispiel also, Krankenkost essen, ohne es nötig zu haben, keusch leben, ohne es nötig zu haben, zehn Stunden schlafen, ohne es nötig zu haben! Mit diesem gewonnenen Überschuß an Lebenskräften es versuchen, ein »höherer, besserer Mensch« zu werden!
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