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Paul Rosenhayn

Die weiße Orchidee

Sieben Abenteuer

des

Joe Jenkins

Elftes bis zwanzigstes Tausend

Saga

Die weiße Orchidee

© 1916 Paul Rosenhayn

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592533

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes Abenteuer:

Der Teilhaber

(Frankfurt am Main)

Die Lampen der Auffahrt zu der weissen Villa in der Kaiserallee erloschen auf einen Schlag, nachdem das letzte der Automobile seine Insassen abgesetzt hatte und eiligst wieder davongeknattert war.

Die schimmernden Lichter, die durch die seidenverhängten hohen Fenster drangen, zitterten in den nebelfeuchten Vorfrühlingsabend hinaus. Durch die weiten, lichten Räume zogen schwere süsse Düfte exotischer Blumen.

Die Frau des Bankiers, die mit Anmut und Takt die Rolle der Gastgeberin versah, wandte sich mit strahlendem Lächeln an den hochgewachsenen Herrn, den sie seit seiner Ankunft mit ihrer ganz besonderen Aufmerksamkeit ausgezeichnet hatte. „Maëstro Murandotti schickt sich an, den Flügel zu öffnen, Mr. Jenkins“, begann sie leise. Ihr Gast verbeugte sich leicht. „Ich kenne diesen genialen Pianisten von seinem Auftreten in Boston“ erwiderte er, indem er einen schnellen Blick zu dem Künstler hinüberwarf. „Keiner spielt Beethoven mit einer solchen Empfindung wie er!“

In mächtig aufschäumenden Akkorden fluteten die ersten Takte der Mondscheinsonate aus dem ungeheuren Steinway. Die Majestät dieser Klänge schien allmählich zu einem leisen Flüstern zu ersterben, das zärtlich und weich durch die Räume schwebte, wie ein kosender Sommerwind, der nachts durch blühende Linden streicht.

Der Detektiv liess seine grauen kühlen Augen hinüberschweifen zu dem Spielenden. Seltsam, wie ihn diese Musik immer wieder ergriff! Diese fremdartigen und traurigen Töne, die wie Mondlicht auf ihn niederrieselten, versetzten sein Blut immer von neuem in eine eigentümlich zitternde Wallung, über die sich sein scharfer Verstand vergebens Rechenschaft zu geben versuchte ... Er wandte sich geräuschlos und ging mit leisen Schritten quer durch den Palmenhain.

Dort drüben, hinter der alabasternen Artemis, winkte ein stilles Plätzchen. Durch das dunkle Grün der Palmen schimmerten weisse Korbsessel. Jenkins liess sich behaglich nieder und stützte sinnend den Kopf in die Hand. Wie aus weiter Ferne brandeten die Töne in diesen stillen Winkel herüber.

Auf einmal hatte er das deutliche Gefühl, dass ihn jemand anblicke. Er öffnete die Augen und wandte langsam den Kopf. Dort drüben, neben der kleinen Fontäne, starrten ihn aus einem bleichen Mädchengesicht zwei grosse Augen an. Jenkins warf einen prüfenden Blick aus seinen halbgeschlossenen Lidern auf die Erscheinung. Die junge Dame mochte im Anfang der Zwanziger stehen; das schöne, bleiche Gesicht war von braunem Haar umwellt. Das Antlitz trug den ganzen Schmelz der Jugend; aber hier, zwischen den Brauen, grub sich eine senkrechte Falte tief und schneidend ein, die diesem halb kindlichen Gesicht einen seltsam auffälligen Zug gab.

In dem Augenblick, da Jenkins seine Blicke auf sie richtete, verschleierten sich ihre Augen hinter den langen Wimpern und senkten sich langsam zu Boden. Scheinbar interesselos wandte der Detektiv den Kopf zur Seite und schaute gleichgültig über die blühenden Rhododendren — um im nächsten Moment das Gesicht blitzschnell wieder herumzudrehen. Wieder waren diese dunklen, brennenden Augen voll und wie fragend auf ihn gerichtet. Die Dame stand auf und setzte zögernd den Fuss auf den Kiesweg, der quer durch den Wintergarten lief und auf seine Bank zuführte. Im nächsten Augenblick stockte sie wieder und blieb stehen. Jenkins stand auf und ging ihr entgegen.

Einen Schritt vor der Dame blieb er stehen und blickte sie mit leichtem und höflichem Lächeln an. „Gnädiges Fräulein ... wollen Sie mich sprechen?“

In die Wangen der Dame stieg ein dunkles Rot. „Ja ... Mr. Jenkins ... Sie haben es erraten ... ich möchte Sie sprechen ... nein, ich muss Sie sprechen ... ja ... ich will es Ihnen gestehen ... ich bin nur in dieser Gesellschaft, um Ihnen zu begegnen und Sie zu sprechen.“ Er machte eine leichte Verbeugung. „Ich stehe Ihnen zur Verfügung. Wollen wir uns in jene Ecke setzen?“ Sie nickte.

„Wir werden dort ganz ungestört sein.“

Aus dem fernen Musikzimmer drang tosendes Beifallklatschen. Stühle scharrten, gedämpftes Frauenlachen schlug herüber, dann trat wieder Stille ein, und die kosenden Klänge eines Chopinschen Walzers schmeichelten durch die Räume. Joe Jenkins lehnte sich ein wenig in dem tiefen Korbsessel zurück und fragte, indem er einen kurzen Blick über ihr Gesicht gleiten liess: „Sie sind Frankfurterin, gnädiges Fräulein? ...“

Sie wandte sich überrascht zu ihm herum. „In der Tat, Mr. Jenkins.“ — „Ihr Akzent sagte es mir.“ — „Ich bin aus Frankfurt am Main und wohne erst seit zwei Wochen in Berlin.“ — „Ich vermute,“ der Detektiv blickte aufmerksam auf das Teppichmuster zu seinen Füssen, „Ihre Übersiedlung nach Berlin hängt mit dem Fall zusammen, über den Sie mich zu befragen wünschen.“ — „Ja, Mr. Jenkins,“ sie nickte bestürzt, „und die Dinge, die ich erlebt habe, sind so rätselhaft, dass ich vermute, sie werden selbst Ihnen, Mr. Jenkins, interessant und ungewöhnlich erscheinen.“ Der Detektiv sah sie ermunternd an und machte eine leichte Bewegung mit der Hand.

„Ich lebe“, begann sie zögernd, „seit einer Reihe von Jahren mit meinem Stiefvater zusammen. Meine beiden Eltern sind früh gestorben; meine Mutter war die zweite Frau Papas. Mein Stiefvater, Dr. Leutholdt, war früher einer der angesehensten Rechtsanwälte und Notare einer kleinen Stadt in der Nähe von Frankfurt. Vor einigen Jahren hat er sich ganz von seinen Geschäften zurückgezogen und lebt nur noch seinen humanitären Bestrebungen, und aus unserer kleinen Villa in der Liebigstrasse laufen Fäden, die uns mit vielen grossen Wohltätigkeitsinstituten der ganzen Welt verknüpfen — diesen Verbindungen verdanke ich auch die Einladung in dieses Haus; der Bankier Kellermann ist ebenso vermögend wie mildtätig.

Auch mir ist, das darf ich wohl sagen, der Sinn für Wohltaten an armen Mitgeschöpfen angeboren — und mich verbindet überdies eine tiefe Sympathie mit meinem gleichgesinnten Vater. Wir leben in angenehmen, wenn auch nicht gerade reichlichen Verhältnissen; auch ich habe ein kleines Vermögen, das mir meine Mutter hinterlassen hat. Ich verkehre in der besten Gesellschaft des Frankfurter Westends; allmählich indessen konnte mich das Drohnenleben, das uns jungen Damen der Gesellschaft geradezu vorgeschrieben ist, nicht mehr befriedigen. Es war mein Vater, der mich zuerst auf die Zwecklosigkeit meines Lebens aufmerksam machte, und ich erkannte bald, wie recht er hatte. Ja, ich sehnte mich nach wirklicher, schaffender Tätigkeit — nach Arbeit.

Eines Tages nun lasen wir in der ‚Frankfurter Zeitung‘ ein Inserat. Darin wurde für ein kleines Exportgeschäft der elektrotechnischen Branche in der Mainzer Landstrasse eine tüchtige junge Dame gesucht, die den Chef, der häufig auf Geschäftsreisen war, möglichst bald ganz zu vertreten hatte.“

„Wer las dieses Inserat?“ fragte Joe Jenkins. „Sie oder Ihr Herr Vater?“

„Mein Vater.“ Die Antwort klang ziemlich verwundert. „Mein Vater brachte mir die Zeitung mit nach Hause. Nun ... ich bewarb mich um den Posten, der auch noch dazu mit einem guten Gehalt dotiert sein sollte, und nach drei Tagen erhielt ich die Aufforderung, mich vorzustellen. In Begleitung meines Vaters fuhr ich nach der Mainzer Landstrasse. Ich muss gestehen, das Herz klopfte mir, als ich das grosse Kontorhaus betrat. Der Inhaber war ein liebenswürdiger jüngerer Herr mit verbindlichen Manieren, der mir gleich gut gefiel. Aber — auch ich schien ihm zu gefallen, und nach einer Viertelstunde war ich angestellt. Acht Tage später trat ich ein.

Meine Tätigkeit war nicht schwer. Aber sie gab mir das Gefühl, in der Welt zu etwas nütze zu sein. Ich darf es wohl sagen, ich habe meinen Posten mit Eifer und Liebe ausgefüllt und mich schnell eingearbeitet. Wenn Herr Berthold Wiese, so hiess der Inhaber, verreist war, so konnte ich ihn bald zu seiner vollen Zufriedenheit vertreten. Die liebenswürdigen Karten, die er mir von seinen Reisen schrieb, und die Blumen, die er mir mitbrachte wenn er zurückkehrte, bewiesen mir seine Anerkennung. Zwischen uns beiden entwickelte sich allmählich eine tiefgehende Sympathie; ich glaubte bald aus seinen Worten, seinen Blicken und seinen Gebärden herauszufühlen, dass er mich liebte, und auch mir gefiel der hübsche und gewandte Mann, der fast ganz Europa bereist hatte, von Tag zu Tag mehr. Und als er mich eines Tages fragte, ob ich seine Frau werden wolle, da sagte ich mit Freuden Ja.

Selig fuhr ich an diesem Mittag nach Hause. Aber — je mehr ich mich der Liebigstrasse näherte, desto grösser wurde meine Furcht, desto lauter meine Zweifel. Was würde mein Vater dazu sagen! Ich brachte das Geständnis, das mir auf den Lippen schwebte, nicht heraus. Erst am Abend, als ich mit meinem Vater nach dem Abendessen am Kamin sass, da fasste ich mir ein Herz und berichtete meinem Vater stockend und schüchtern, dass mir Herr Berthold Wiese einen Heiratsantrag gemacht habe, und dass ich mich als seine Verlobte betrachte.

Zu meinem freudigen Erstaunen hatte mein Vater nichts gegen diesen Bund einzuwenden. Er erklärte mir, dass ich in dieser rein persönlichen Angelegenheit einzig und allein meinem Herzen folgen solle, und dass ihm mein Verlobter als Schwiegersohn willkommen sei. Am nächsten Sonntag machte mein Bräutigam seinen Antrittsbesuch, und wir verlebten einen entzückenden Abend.

Nun folgte eine sonnige, glückliche Zeit. Mein Leben verlief zwischen zwei Menschen, die mich liebten, zwischen zwei edlen und geistig hochstehenden Männern. Bis eines Tages das Unheil kam. Plötzlich — über Nacht.

Mein Verlobter war auf einer seiner Geschäftsreisen. Eines Abends, kurz vor Geschäftsschluss — ich wollte eben die Lampen ausschalten —, bekam ich einen Besuch. Einen unheimlichen Besuch. Ein alter Mann mit eisgrauem Bart, die gebückte Gestalt auf einen Stock gestützt, trat mit schleppenden Schritten ein. Um den Hals hatte er einen dicken wollenen Schal geschlungen, und er sprach mit einer heiseren Stimme, wie ein Kranker. Der unstete Blick seiner Augen wich unaufhörlich dem meinen aus und war meist zu Boden gerichtet.

‚Ist Herr Wiese zu sprechen?‘ Seine Stimme klang drohend und unheilkündend.

Ich vermutete einen Kunden. ‚Nein, mein Herr,‘ entgegnete ich höflich, indem ich den Widerwillen gewaltsam bezwang, den mir dieser Mensch einflösste, ‚aber — ich bin seine Vertreterin, und Sie können von mir ebensogut bedient werden.‘

Er lachte höhnisch. ‚Das möchte ich sehr bezweifeln,‘ war seine hämische Entgegnung. ‚Wann kommt Herr Wiese zurück?‘

‚Morgen, glaube ich.‘

‚Gut, sagen Sie Herrn Wiese, Herr Pieter Molenbroek wäre hier gewesen.‘

Und damit schlürfte er hinaus. In der Tür drehte er sich nochmals um. ‚Morgen abend zwischen sechs und sieben komme ich wieder!‘

Am nächsten Morgen kam mein Verlobter von der Reise. Ich berichtete ihm von dem seltsamen Besuch, und es schien mir, als ob er sich verfärbte. ‚Herr Molenbroek?‘ wiederholte er mit schwerer Stimme, und ich hatte das Gefühl, als ob er zittere. Schon um fünf Uhr nachmittags verliess mein Bräutigam das Bureau, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit. „Ich habe noch einen Ausgang.“ Sonst pflegte er mir Rechenschaft über jeden Weg zu geben, den er machte ...

Punkt halb sieben, wie angekündigt, trat Pieter Molenbroek ein. ‚Ist Herr Wiese jetzt zu Hause?‘ fragte er mit seiner heiseren Stimme.

Ich wurde fast verlegen. ‚Nein,‘ sagte ich zögernd, ‚Herr Wiese musste einen wichtigen Geschäftsgang machen.‘

‚So ... so ...‘ meckerte der Alte. ‚So ungefähr hab’ ich’s mir gedacht. Aber — sagen Sie Herrn Wiese ...‘ und damit hob er drohend seinen Krückstock, ;das wird ihm nicht viel nützen. Er wird mir nicht entgehen ... hören Sie? Mir nicht! Wenn er morgen um diese Zeit nicht hier ist ... dann soll er Pieter Molenbroek kennen lernen ... Pieter Molenbroek aus Amsterdam!‘ Und damit warf er dröhnend die Tür hinter sich zu.

Am anderen Tage erzählte ich meinem Verlobten von dem Besuch. Er hörte mich schweigend an, gab kein Wort der Erklärung. Vergeblich wartete ich auf irgendeine Aussprache ... er war doch sonst offen gewesen gegen mich ... er schwieg. Und am Nachmittag kam er überhaupt nicht ins Bureau.

Um sieben Uhr erschien der Alte. In der Tür blieb er stehen. ‚Er ist natürlich wieder nicht da?‘ begann er kreischend. ‚Nein, Herr Molenbroek ... er ist nicht ins Geschäft gekommen.‘ Der Alte richtete sich zornbebend auf und schlug mit seinem Krückstock in sinnloser Wut auf das Zahlbrett an der Barriere. ‚Glaubt dieser Schuft, er wird mir entgehen? Sagen Sie Herrn Wiese, Pieter Molenbroek liesse mit sich nicht spassen!

Haben Sie mich verstanden? Sagen Sie Herrn Wiese, der Mann wäre hier gewesen, dessen Frau er ... sagen Sie ihm, ich würde ihn niederschlagen, wo ich ihn träfe ... ihn totschlagen ... hören Sie?‘ Damit tappte er fluchend hinaus. Ich sah, dass er unten in ein Automobil stieg.

Was hatte das zu bedeuten? Was meinte der Alte mit dieser Anspielung auf seine Frau? ... Und während ich traurig heimging, drängte sich mir allmählich das Gefühl auf, dass über meinem Verlobten etwas Unausgesprochenes schwebe ... etwas Dunkles ... vielleicht ein Verbrechen ...

Als ich am anderen Morgen ins Geschäft kam, war mein Verlobter nicht da.

Auch im Laufe des ganzen Vormittags erschien er nicht. Halbtot langte ich diesen Abend zu Hause an. Mein Vater kam mir besorgt entgegen und sah mich erwartungsvoll an. ‚Nichts‘, mehr konnte ich nicht sagen. Mein Vater eilte in meines Bräutigams Wohnung; er hatte in einem Pensionat der Beethovenstrasse zwei Zimmer inne. Nach zwei Stunden kehrte er heim, mit gesenktem Kopf. Seit gestern abend war Berthold Wiese nicht ins Pensionat zurückgekehrt.

Als ich am anderen Morgen um neun Uhr mit klopfendem Herzen und zitternden Knieen in das Geschäft kam, entdecke ich auf meiner Schreibmappe einen Brief, der seine Schriftzüge trägt. Ich reisse ihn auf und lese — hier ist der Brief, Mr. Jenkins — bitte lesen Sie ihn selbst.“

Der Detektiv nahm den Brief und entfaltete ihn. Er lautete:

„Geliebte!

Das Spiel ist aus. Pieter Molenbroek hat sich gerächt. Ja — ich will Dir alles gestehen.

Es mag jetzt vier Jahre her sein, da habe ich in jugendlicher Unbedachtsamkeit den Lockungen einer Circe nicht widerstanden. Ich hatte einen stillen Teilhaber in meinem Geschäft in Amsterdam — eben Herrn Pieter Molenbroek — und ich verkehrte in seinem Hause. Zwischen mir und der jungen schönen Frau des alternden Mannes entspann sich rasch ein unerlaubtes Verhältnis. Eines Tages — ich weiss nicht wie — kam der betrogene Gatte dahinter, und es gab eine Katastrophe. Er hat seine Frau hinausgejagt, und ich — ich bin geflohen.

Während ich diesen Brief schreibe, sitze ich mit Herrn Molenbroek im Wartesaal des Hauptbahnhofs.

Noch weiss ich nicht, was Molenbroek über mich beschlossen hat. Was mich noch besonders drückt, das ist dieses: nicht nur moralisch bin ich der Schuldner dieses Mannes; nein, er, mein früherer stiller Teilhaber, ist auch materiell mein Gläubiger. Darum habe ich in diesem Augenblick mit ihm einen Pakt geschlossen: ich habe mein gesamtes Hab und Gut und mein Geschäft in aller Form an ihn abgetreten.

An einem der nächsten Tage also wird Herr Molenbroek offiziell von dem Geschäft Besitz ergreifen. Ich reise noch diese Nacht ab. Und wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich wohl hoffentlich schon im Auslande. Sobald es irgend möglich ist, hörst Du von mir.

Dein Berthold.“

Joe Jenkins nickte gedankenvoll, faltete den Brief zusammen und gab ihn der Dame zurück. „Was geschah weiter?“

„Lange überlegte ich, ob ich in diesem Geschäft bleiben sollte. Aber ich hatte das Gefühl, es meinem Verlobten schuldig zu sein, auf dem Posten auszuharren.“

„Und Herr Molenbroek kam?“

„Am übernächsten Tage hielt er seinen Einzug. Er lüftete nur leicht den Hut und sagte mit seiner heiseren Stimme: ‚Sie wissen wohl, dass ich jetzt hier der Herr bin.‘ Dann ging er in sein Privatkontor hinüber.

Schon um sieben Uhr ging er wieder. Kurz vorher redete er mich an, immer in seiner verletzenden hoffärtigen Manier, den Kopf zur Seite gewandt, die Augen hinter seiner blauen Brille auf irgendeinen Gegenstand im Zimmer gerichtet.

‚Sie werden jeden Morgen meine Wünsche auf einem Zettel vorfinden,‘ sagte er kalt. ‚Ich habe nicht die Gewohnheit, mich mit meinen Leuten zu unterhalten.‘

Seit diesem ersten Tage habe ich Herrn Molenbroek kaum mehr gesehen. Ich hörte ihn jeden Tag durch die Separattür, die vom Flur in sein Arbeitszimmer führt, kommen und gehen. Und pünktlich lag jeden Morgen ein Zettel auf meinem Pult, mit seinen Anweisungen für diesen Tag, die in lakonischer, fast verächtlicher Kürze gehalten waren.“

„Einen Augenblick,“ unterbrach Joe Jenkins die Sprechende. „Waren diese Zettel mit der Feder oder mit der Schreibmaschine geschrieben?“ — „Mit der Schreibmaschine.“

„Was wurde aus Ihrem Verlobten? Hörten Sie wieder von ihm?“

„Nein. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde habe ich gewartet — auf einen Brief, auf eine Karte, auf ein Lebenszeichen — nichts. Was ein solches Warten auf etwas, was nie eintrifft, für ein Menschenherz bedeutet, das wissen Sie vielleicht, Mr. Jenkins. Ich sann und grübelte Tag und Nacht über das Unglück nach, das ihn, das mich betroffen hatte. Und mit jedem Tage wurden mir alle diese Dinge rätselhafter und unheimlicher. Und immer unheimlicher und abstossender und verdächtiger wurde mir dieser Pieter Molenbroek, den ich täglich hörte und nie sah. Allmählich drängte sich mir die Überzeugung auf: dieser Mann weiss etwas, was er nicht sagt. Er war zuletzt mit Berthold Wiese zusammen; er weiss, wo sich Berthold Wiese aufhält ... und eines Nachts wurde es mir mit einem Schlage klar: Berthold Wiese ist ermordet worden ... Und Pieter Molenbroek ist sein Mörder! Mein Vater sah, wie ich mich härmte und grämte. Und eines Tages rief er mich in sein Zimmer.

‚Kind,‘ sagte er, ‚so geht das nicht weiter. Du musst heraus aus diesen Verhältnissen, aus dieser Luft — sonst verlierst du mir den Verstand. Du sollst reisen.‘ So seltsam es klingt, Mr. Jenkins — ich bin nicht gern fortgegangen. Mit einer fast abergläubischen Zärtlichkeit hing ich an dieser Stadt, an diesen Strassen, die mein ganzes Glück und mein ganzes Unglück gesehen hatten. Da las ich zufällig, dass Sie sich in Berlin aufhielten, Mr. Jenkins. Und als ich dies gelesen hatte, da war mein Entschluss gefasst: ich nahm das Anerbieten meines Vaters an und ging nach Berlin in der Hoffnung, ja in der Gewissheit, Ihnen zu begegnen und Sie um Ihren Rat zu fragen.“

Der Detektiv stützte gedankenvoll den Kopf in die Rechte und sah eine Weile stumm zu Boden. Endlich hob er langsam seinen Blick zu der jungen Dame empor. „Haben Sie mir,“ seine Stimme klang ernst und nachdenklich, „haben Sie mir alles gesagt, was geschehen ist? Alles, bis aufs letzte?“

„Alles, Mr. Jenkins.“

„Besitzen Sie ein Bild Ihres Verlobten?“

„Ja.“

„Ich möchte es haben.“

Sie zog aus einem Medaillon ein Miniaturbildnis, das einen hübschen jungen Herrn mit kühnen und scharfen Zügen darstellte.

„Ich brauche auch den Abschiedsbrief.“

Sie übergab ihm zögernd und wehmütig Bild und Brief, und er sagte lächelnd: „Sie erhalten beides in einigen Tagen wieder ... Und nun eine Frage: wann fahren Sie nach Frankfurt zurück?“

„Wann Sie es für erforderlich halten, Mr. Jenkins.“

„Wir haben heute Montag. Ich bitte Sie also, am Freitag abend in Frankfurt zu sein und mich in der Zeit zwischen sieben und acht Uhr abends im Hotel Georgia telephonisch anzurufen ... Und nun wollen wir uns trennen. Denn ich glaube, man wird schon auf unsere Unterhaltung aufmerksam.“

In der Bar des Georgiahotels, an der Westseite des Frankfurter Hauptbahnhofs, klangen die Gläser. Über diesem kleinen Raum lag der undefinierbare Hauch der grossen Welt. Ein kosmopolitisches Gewirr zahlloser Sprachen übte seinen Zauber; durch den bläulichen Zigarettendampf schimmerten weisse Schultern, girrte leises Frauenlachen. In einem der Klubsessel an der Peripherie des Raumes sass ein Herr in mittleren Jahren, dessen energisches glattrasiertes Gesicht mit dem breiten Kinn den Amerikaner verriet. Die kühlen grauen Augen beobachteten eine Weile interessiert das bunte Treiben.

Die Drehtür rauschte. Der alte Herr, der zögernd eintrat, sah sich suchend um. Er ging langsam an den Tischreihen entlang und nahm endlich in einem Klubsessel Platz, der neben dem des Amerikaners stand.

„Mr. Jenkins?“

„Was wünschen Sie von mir?“ fragte der Amerikaner kurz.

Der andere schwieg einen Augenblick. Dann hob er langsam den Kopf, und indem er dem Amerikaner in die Augen blickte, sagte er leise: „Mein Name ist Dr. Leutholdt.“

Über die Züge des Detektivs ging ein leichtes Lächeln. „Der Vater meiner jungen Klientin?“ fragte er nickend. „Ja ... Mr. Jenkins. Der Vater ... der gekommen ist, eine Bitte an Sie zu richten.“ — „Und die wäre?“ — „Ich weiss, Mr. Jenkins, warum Sie nach Frankfurt gekommen sind. Und ich möchte Sie nur um das eine bitten: lassen Sie diese Angelegenheit ruhen ... fahren Sie zurück nach Berlin ... gleich morgen früh ... glauben Sie mir, es ist zu unser aller Besten. Vor allem zum Besten meiner armen Tochter.“

Der Detektiv wandte seinen Sessel herum und sah dem alten Herrn voll ins Gesicht. „Und warum glauben Sie das, Herr Leutholdt?“ fragte er langsam.

Dr. Leutholdt sah einen Augenblick vor sich nieder: „Mr. Jenkins,“ begann er leise, „diese Geschichte hat meine Tochter schon an den Rand einer Nervenkrisis gebracht. Deshalb habe ich sie gerade nach Berlin geschickt, damit das veränderte Milieu, die veränderte Luft ihr wohltun und sie auf neue Gedanken bringen sollten. Wühlen Sie jetzt den ganzen traurigen Fall wieder auf, Detail für Detail, so ist, wie mir unser Hausarzt versichert, das Schlimmste zu befürchten. Zumal ich der Überzeugung bin: je mehr wir in diese Sache eindringen, desto erschütterndere und hässlichere Dinge werden zutage treten. Darum meine ich, wir breiten ein für allemal den Schleier des Vergessens über diese Dinge.“

Mr. Jenkins hatte stumm zugehört, ohne seine Meinung durch die geringste Geste kundzugeben. „Sie irren sich, Mr. Leutholdt,“ begann er lächelnd, „wenn Sie glauben, dass es nur die Angelegenheit Ihrer Fräulein Tochter ist, die mich nach Frankfurt geführt hat. Ich habe auch sonst Geschäfte hier. Ich werde mich also zunächst mit anderen Dingen befassen. Immerhin ... man kann nicht wissen ... auf alle Fälle werden Sie noch von mir hören.“ Und indem er sich erhob, wandte er sich an Dr. Leutholdt: „Sie entschuldigen, wenn ich mich zurückziehe — aber ich bin wirklich ein wenig müde. Gute Nacht.“ Und mit schnellen Schritten ging er durch die kleine Tür, die zur Hotelhalle führte. — — —

In den Industriepalästen der Mainzer Landstrasse hämmerte das geschäftige Leben des Werktags. Joe Jenkins, der das Auto an der Ecke der Speyerer Strasse verlassen hatte, trat auf das grosse Geschäftshaus zu und studierte die zahlreichen Zinktafeln, die in geätzten Buchstaben die Namen der Firmen angaben. Hier stand:

Berthold Wiese Nachfolger,

Technisches Bureau

auf der kleinen Plakette. Der Detektiv betrat den Paternoster und fuhr in den dritten Stock hinauf.

Der schrille Ton der Glocke gellte durch die Räume. Nichts rührte sich drinnen.

Joe Jenkins klingelte zum zweitenmal. Irgendwo knarrte eine Tür. Dann näherten sich schlürfende Schritte. Nach einer Pause öffnete sich plötzlich die Tür ein Stückchen. „Was wünschen Sie?“ fragte eine heisere Stimme. „Ich bin Ingenieur,“ antwortete Jenkins, „und ich beabsichtige, für eine amerikanische Firma einige Elektrizitätszähler zu kaufen.“

Die Tür ging auf, und ein alter Mann mit grauem Bart, um den Hals ein grosses Tuch, auf der Nase eine ungeheure blaue Brille, musterte misstrauisch den Ankömmling. „Hier gibt’s nur gegen bar“, sagte er schroff, indem er den Amerikaner höhnisch anzwinkerte. Joe Jenkins lächelte. „Seien Sie unbesorgt — ich zahle Kasse.“

„Dort ist das Musterlager“, knurrte der Alte, indem er mit schleppenden Schritten voranging. Joe Jenkins folgte schnell.

Die Wände des mittelgrossen Zimmers waren fast bis zur Decke mit Strommessapparaten aller Grössen und verschiedener Systeme behängt. „Hier ist ein Katalog.“

Joe Jenkins blätterte in dem umfangreichen Buch und liess sich mehrere der Zähler zeigen und erklären. Dann fragte er, indem er wieder in den Katalog blickte: „Führen Sie auch Hochspannungszähler für Drehstromnetze?“

Der Alte nickte lächelnd. „Natürlich ... die Drehstromapparate habe ich dort in einem kleinen Separatzimmer.“ — „Kann ich einen solchen im Betrieb sehen?“

„Einen Augenblick. Ich werde die Transformatoren in Betrieb setzen.“ Er öffnete die Tür zu einem kleinen Nebengelass und humpelte hinein. Joe Jenkins warf einen schnellen Blick auf die halb offen stehende Tür und einen zweiten auf die Schreibmaschine, die in der Nähe der Barriere auf einem kleinen Tischchen stand. Blitzschnell zog er eine kleine Nagelschere und beugte sich über die Maschine. Ein knirschender Laut — und der Detektiv trat ans Fenster, um gleichmütig auf die Strasse hinunterzublicken.

Als Joe Jenkins eine halbe Stunde später mit dem Alten aus dem Demonstrationsraum heraustrat, zog er sein Notizbuch. „Ich nehme den Hochspannungszähler,“ sagte er. „Hier nehmen Sie eine kleine Anzahlung von hundert Mark. Mein Spediteur wird die Maschine gegen Erlegung des Restes von Ihnen abholen. Haben Sie die Güte, mir den Empfang zu bestätigen.“

Der Alte nickte. Er nahm einen Briefbogen aus dem Formularschrank und legte ihn unter die Walze der Maschine. Dann setzte er sich auf den kleinen Hocker und drückte die Tasten ...

Verwundert beugte er sich über die Klaviatur. „Merkwürdig,“ brummte er, „das Farbband ist gerissen ... ich werde ein neues holen lassen ... warten Sie ein paar Minuten!“

Mr. Joe Jenkins sah auf die Uhr. „Es tut mir leid,“ sagte er geschäftig, „aber so lange kann ich nicht warten. Schreiben Sie die paar Zeilen ruhig mit der Feder!“

Der Alte warf einen schnellen forschenden Blick auf den Amerikaner, dann setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb die Quittung.

Langsam ging Joe Jenkins die Treppe hinunter, während auf seinem Gesicht allmählich ein nachdenkliches Lächeln erschien. Dann trat er in den frischen Morgen hinaus und bestieg das Auto, das ratternd auf ihn wartete.

„Fahren Sie mich zur Obervormundschaftsbehörde!“

Das grosse Frühlings-Tennistournier in Homburg vor der Höhe, das die Sportsaison des jungen Jahres einleitete, neigte sich dem Ende zu. Auf den untersten Sitzen der Tribüne, ganz nahe den Spielenden, sassen Dr. Leutholdt und Helene, seine Stieftochter. Sie war im Anfang apathisch, fast widerwillig dem Hin und Her des Spiels gefolgt; aber jetzt, da der Endspurt begann, sass sie mit geröteten Wangen und mit blitzenden Augen da. In diesem Augenblick setzte ein orkanartiger Jubel ein. Das war der Beifall, der dem jungen Sieger, dem Amerikaner O’Harra Curree, galt.

„Nun ... was sagen Sie zu meinem Landsmann?“

Es war eine wohlbekannte ruhige, ein wenig fremdklingende Stimme, die diese Worte gesprochen hatte. Die beiden wandten sich um. Hinter ihnen stand Joe Jenkins.

„Sie interessieren sich für Tennis, Mr. Jenkins?“ fragte Dr. Leutholdt.

„Natürlich ... als Amerikaner interessiere ich mich für jeden Sport. Zufällig las ich den Namen meines Studienfreundes O’Harra Curree, und da wollte ich nicht verfehlen ... zumal ich morgen nach Berlin zurückfahre.“

„Ah!“ Dr. Leutholdts Gesicht hellte sich auf. „Ihre Geschäfte sind beendet, Mr. Jenkins?“

Der Detektiv lächelte. „So ziemlich, und wenn es Ihnen recht ist, meine Herrschaften, so würde ich mich freuen, wenn Sie an einem kleinen Souper teilnehmen wollten, das im Georgiahotel auf mich wartet. Der Zug geht in fünfundzwanzig Minuten.“

„Was meinst du, Helene?“

Sie warf einen forschenden Blick in das unbewegliche Gesicht des Amerikaners. Einen Augenblick schien es ihr, als ob etwas in seinen Augen aufblitzte. Dann neigte sie den Kopf.

„Also, angenommen, Mr. Jenkins.“ — — —

Der Zug ratterte durch das Taunustal. Joe Jenkins liess seine Augen bewundernd auf der lieblichen Landschaft ruhen, die an den Fenstern vorüberglitt. Die beiden betrachteten ihn nachdenklich.

Nach einer Weile brach Dr. Leutholdt das Schweigen. „Da Sie morgen nach Berlin zurückfahren, Mr. Jenkins, so muss ich annehmen, dass Sie Ihre Bemühungen in unserer Sache eingestellt haben.“

Der Gefragte wandte langsam seinen Blick dem Notar zu. Dann sah er Helene an, deren brennende Augen traurig auf ihm ruhten. „Nun,“ er lächelte leicht, „einiges habe ich immerhin erfahren. Unter anderen Dingen habe ich z. B. auf der Obervormundschaftsbehörde festgestellt, dass Fräulein Helene am ersten Mai das einundzwanzigste Lebensjahr erreicht haben wird.“

Der Notar sah den Amerikaner erstaunt an: „Nun ... und ...?“

„Nun ... an diesem Tage sollte Fräulein Helene in den Besitz ihres Vermögens gelangen, das ihr ihre Mutter hinterlassen hat. Fünfzigtausend Mark ...“

In den Augen des Alten glomm ein unruhiges Feuer auf. „Ich weiss nicht recht, Mr. Jenkins,“ begann er zögernd ...

„Nun, Herr Leutholdt, ich will ein wenig deutlicher sprechen. Fräulein Helene weiss bis heute offenbar nicht, dass sie ihr Vermögen nicht bekommen wird ... weil Sie nämlich dieses Vermögen in das Berthold Wiesesche Geschäft für Ihre Tochter eingelegt haben ... und dass es daher verloren ist. Verloren bis auf den letzten Pfennig.“

Helene wandte das bleiche Gesicht in höchstem Befremden ihrem Stiefvater zu. Einen Augenblick herrschte Totenstille in dem kleinen Raum. Dann sagte Dr. Leutholdt leise: „Ja, mein Kind ... Mr. Jenkins sagt die Wahrheit. Ich habe es dir bis heute verschwiegen ... denn ich konnte es nicht übers Herz bringen, dir die traurige Wahrheit zu verkünden; es ist so: um dir und deinem künftigen Gatten eine Existenz zu schaffen, habe ich deinem Verlobten dein Vermögen, die fünfzigtausend Mark von deiner Mutter, ins Geschäft gegeben. Nun sind sie wohl verloren ... aber: ich werde dir das Geld ersetzen ... aus meinen eigenen Mitteln.“ Sie hob abwehrend die Hand. ‚Davon ist keine Rede, Vater. Du hast es sicher gut gemeint und geglaubt, zu meinem Besten zu handeln.“

Der Hotelportier legte die Hand an die Mütze. „Das Kabinett Nr. 20 ist reserviert. Im übrigen wartet in Ihrem Zimmer ein Herr auf Sie. Hier ist seine Karte.“ Joe Jenkins warf einen Blick auf den dünnen Karton und nickte. „Sehr gut.“

Der Oberkellner führte die drei die Treppen hinauf zu dem kleinen Souperraum.

„Würden die Herrschaften,“ begann Jenkins lächelnd, „etwas dagegen haben, wenn ich den Geschäftsfreund, der oben auf mich wartet, an unserem Souper teilnehmen lassen würde?“

„Nicht das geringste“, antwortete Dr. Leutholdt.

„Führen Sie also den Herrn“, wandte sich der Detektiv an den Oberkellner, „hierher!“ Der Kellner machte eine Verbeugung und wollte sich zurückziehen. „Halt — noch eins. In dem Augenblick, in dem er eintritt, melden Sie ihn mit den Worten: ‚Hier ist der Herr, Mr. Jenkins.‘ Haben Sie verstanden?“

Der Kellner verbeugte sich diensteifrig und verschwand geräuschlos.

Ein elastischer Schritt kam näher, und im nächsten Moment trat der Kellner wieder ein. Hinter ihm schlürften schwere Schritte heran. „Hier ist der Herr, Mr. Jenkins“, sagte der Kellner, auftragsgemäss meldend. Ein grunzender Laut kam vom Korridor. Dann fragte eine heisere Stimme: „Was ... Mr. Jenkins? Sie sind Mr. Jenkins, der Detektiv? ... So haben Sie mir einen falschen Namen gesagt? Ich denke, Sie sind ein Ingenieur aus New York? Was soll das heissen?“

Beim Klange dieser heiseren Stimme fuhren Leutholdt und seine Tochter wie elektrisiert empor und starrten auf die Tür. Die Portiere schlug rasselnd zurück, und vor den Erstaunten stand Pieter Molenbroek.

Auch der Angekommene schien im höchsten Grade bestürzt, denn er blickte ratlos bald auf die beiden, bald auf Joe Jenkins. Indem er sich brüsk nach dem Detektiv herumwandte, fragte er mit einer Stimme, die vor Erregung seltsam verändert klang: „Was soll das heissen, Mr. Jenkins? ... Warum stellen Sie sich mir als Geschäftsmann vor, während Sie in Wirklichkeit Detektiv sind? ... Nun, ich denke, ich habe hier nichts zu suchen.“

„Oh doch,“ kam ihm Jenkins zuvor und stellte sich in den Rahmen der Tür, als wolle er den Ausgang versperren. „Ich habe mit Ihnen zu reden, Herr Molenbroek. Ich möchte mit Ihnen über Herrn Berthold Wiese sprechen.“

„Was habe ich damit zu tun!“ schrie der Alte in höchstem Zorn. „Halten Sie mich vielleicht für den Mörder des Herrn Berthold Wiese?“

„Nein ...“ antwortete Joe Jenkins lächelnd. „Der Mörder des Herrn Berthold Wiese können Sie nicht sein, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde nicht.“

„Und der wäre?“ fragte der Alte mit einem plötzlichen Beben in der Stimme. „Weil Sie selbst Herr Berthold Wiese sind.“

Ein Schrei zitterte durch den Raum. Helene stand taumelnd am Tisch. Und auch Pieter Molenbroek stand wie versteinert. Langsam hoben sich seine weissen Hände krampfhaft zitternd gegen den Detektiv.

„Ist das wahr?“ fragte Helene endlich mit einer Stimme, die wie aus weiter Ferne kam. „Berthold Wiese ... bist du es wirklich?“

Die scheuen Augen Pieter Molenbroeks suchten das Gesicht des Notars, der finster zu Boden starrte. „Bist du es, Berthold?“ fragte Helene zum zweitenmal mit leiser Stimme.

Pieter Molenbroek liess sich schwer wie ein Totkranker in einen Stuhl niedersinken. „Ja,“ hauchte er endlich, kaum hörbar, „ich bin es. Aber —“ und er heftete seine angsterfüllten Augen mit einem fast abergläubischen Ausdruck auf den Detektiv — „der Mann, der das herausgebracht hat, muss der Teufel in Person sein!“

„Sie schmeicheln,“ antwortete Joe Jenkins lächelnd. „Das war gar nicht so schwierig — denn da Sie mir selbst eine Quittung gegeben haben, die genau die gleichen Schriftzüge trägt wie Ihr Abschiedsbrief an Fräulein Helene“ — und er zog die beiden Schriftstücke aus der Tasche ...

Mit einem Ruck sprang Pieter Molenbroek auf. „Dann haben Sie also an meiner Schreibmaschine ...“

„ ... das Farbband durchschnitten,“ vollendete der Detektiv. „Ganz richtig!“ Helene gab einen Laut. „Aber ... um Gottes willen ... warum das alles?“ stöhnte sie.

„Danach fragen Sie am besten Ihren Herrn Papa.“ Und er richtete seine grauen Augen fest und durchdringend auf den Notar, der totenbleich am Fenster lehnte. Helene fuhr herum. „Du, Papa?“

„Ja, gnädiges Fräulein,“ antwortete statt seiner Joe Jenkins. „Ihr Vater ist, was Sie vielleicht nicht wissen, ein Spieler ... Das sagt alles. Nachdem er sein eigenes Vermögen verspielt hatte, kam auch das seiner Tochter an die Reihe ... und da heckte er einen feinen Plan aus ... zusammen mit Herrn Berthold Wiese, einem seiner Spielkollegen, auch so einer Jeuratte ... Der musste ihm eine Quittung ausstellen über eine Geschäftseinlage von fünfzigtausend Mark. Kurz darauf verschwand Herr Wiese ... anscheinend durch einen Mord. Da er sein gutgehendes Geschäft nicht aufgeben wollte, so tauchte er in anderer Gestalt wieder auf ... in der des angeblichen Teilhabers Pieter Molenbroek ...

Am Tage Ihrer Mündigkeit, am 1. Mai, hatte Ihr Vater sich auszuweisen über Ihr Vermögen. Da hatte er also eine feine und korrekt ausgestellte Quittung über fünfzigtausend Mark in seiner Brieftasche; diese Quittung des Herrn Berthold Wiese hätte er alsdann vorgelegt unter der wehleidigen Erklärung, dass Herr Wiese — der Halunke! — leider mit diesem Geld durchgebrannt sei. Herr Molenbroek hätte wohl bis zu diesem Tage sein Warenlager liquidiert und wäre, vermutlich nachdem er den Erlös mit Ihrem Vater geteilt hätte, ebenfalls verduftet ... und Herr Leutholdt hätte als der alte unantastbare Ehrenmann dagestanden.“

Helene erwachte wie aus einem wirren Traum. Tiefatmend richtete sie sich auf und ging auf ihren Verlobten zu. „Das alles ist also wahr, Berthold? ... Warum hast du das getan?“

„Auch das ist ziemlich einfach,“ fuhr Joe Jenkins fort. „Denn erstens hat Herr Wiese ganz gut bei dem Geschäft verdient — und zweitens war er froh, auf diese Weise von Ihnen loszukommen, denn er ist seit fünf Jahren glücklicher Familienvater ... Sie sehen ... es sind Ehrenmänner ... alle beide ... und jetzt, meine Herren, stelle ich Ihnen eine Frist von sechs Wochen. In dieser Zeit werden Sie alles, was Sie besitzen, zu Geld gemacht haben können ... um aus dem Erlös Fräulein Helene nach Möglichkeit zu entschädigen ... für den Verlust ihres Erbteils. Zur Sicherheit habe ich“ — er sah auf die Uhr — „auf alle Fälle einen Gerichtsvollzieher beauftragt, um diese Stunde, in der wir alle vier so behaglich hier plaudern, die Besitztümer dieser beiden Herren unter Siegel zu setzen.“

Zweites Abenteuer:

Die Dose Ludwigs des Fünfzehnten

(Berlin)

Der Portier des Hotels sah dem jungen Manne, der zögernd und verwirrt in das Innere der Halle trat, mit einem bedenklichen Blick nach.

Gewiss; dieser junge Mensch war peinlich sauber gekleidet; der Wäschekragen leuchtete geradezu im Schein der Glühlampen. Aber der zu enge Winterpaletot, der sich am Hals und im Rücken krümmte und zerrte, bildete einen grotesken Gegensatz zu den viel zu weiten Beinkleidern, die vom vielen Bürsten grau und fadenscheinig geworden sein mochten. Und der Zylinder, den er bescheiden in der Hand hielt, mochte vor zehn Jahren den Stolz eines Modejünglings gebildet haben. Heute war er ein lächerliches ausrangiertes Möbel.

Der Portier schüttelte den Kopf. „Seltsame Gäste beehren uns,“ knurrte er, „seitdem Mr. Jenkins in unserm Hotel wohnt.“

Der junge Mann blieb stehen und sah sich hilflos um. Sichtlich wuchs seine Verlegenheit in dem Masse, in dem die Gäste, die in den Longchairs herumsassen, auf seine Erscheinung aufmerksam wurden, die seltsam genug von dem Prunk dieser Räume abstach. Ein paarmal machte der Verwirrte den Versuch, einen der Kellner anzureden, die geräuschlos durch die Halle glitten. Aber jedesmal, wenn er dem eisigkalten Blick der elegant Befrackten begegnete, liess er beschämt von seinem Vorhaben ab.

Eben landete surrend und klingend der Fahrstuhl auf dem Boden des Erdgeschosses. Der Liftboy riss geschäftig die Tür auf und sprang mit einem behenden Satz auf den Teppich des Flurs. Seine Augen blickten suchend umher und blieben endlich mit einem halb erstaunten, halb spöttischen Ausdruck auf der Erscheinung des jungen Mannes haften, der bewundernd in das hellerleuchtete Innere der Mahagonizelle blickte. Der Junge zog mit übertriebener Höflichkeit die Mütze, ging auf den Fremden zu und fragte, indem er ihm lächelnd ins Gesicht starrte: „Der Herr wünschen?“

Der Angeredete zuckte ein wenig zusammen. „Ich möchte zu Mr. Joe Jenkins“ sagte er leise.

Der Boy liess einen leutseligen Blick über die dürftige Erscheinung gleiten. „Kommen Sie!“ sagte er herablassend und wandte sich dem Fahrstuhl zu. Zögernd folgte der andere.

Vor einer Tür des langen Hotelkorridors blieb der Junge stehen.

„Ihre Karte, bitte.“

Über das Gesicht des Aufgeforderten ging eine leichte Röte. „Ich habe keine Karte.“

Der Junge lächelte wieder. „Dann also Ihren Namen.“

„Felix Dellin. In einer dringenden Angelegenheit.“

„Einen Augenblick.“

Der Boy huschte lautlos in das Zimmer und kam nach einigen Sekunden zurück. „Mr. Jenkins lässt bitten.“ Damit öffnete er die Tür und liess den Besucher hinein.

„Treten Sie näher“ sagte eine ruhige Männerstimme.

Der Ankömmling hob zögernd seinen Kopf und blickte in zwei kühle graue Augen, die ihn aufmerksam betrachteten.

„Nehmen Sie Platz, Herr Dellin“ forderte ihn der am Fenster Stehende auf.

Der Besucher liess sich zögernd auf den Rand des lederbeschlagenen Stuhls nieder auf den die Hand des andern deutete, und blickte, augenscheinlich nach Worten suchend, in hilfloser Verlegenheit auf seinen Zylinder, den er unschlüssig in der Hand drehte. Der Detektiv liess seinen prüfenden Blick auf der Erscheinung seines Besuchers ruhen. Der schäbige Sonntagsstaat stand in deutlichem Gegensatz zu den intelligenten Zügen des jungen Gastes und zu seinen feinen weissen Händen.

„Was führt Sie zu mir, Herr Dellin?“ fragte der Amerikaner freundlich aufmunternd.

Der junge Mann blickte auf. „Ich weiss wahrhaftig nicht, Mr. Jenkins, wie ich beginnen soll ...“

„Reden Sie nur. Erzählen Sie mir ungeniert, was Sie auf dem Herzen haben. Ich habe zufällig eine Stunde Zeit. Hier, trinken Sie ein Glas Whisky mit mir?“

Der Detektiv schenkte zwei Gläser voll und bot seinem Besucher das eine an, von dem dieser nur schüchtern nippte.

„Also,“ munterte Joe Jenkins nochmals seinen Gast auf, „Sie haben irgend etwas erlebt, was Sie bedrückt — — was Sie sich nicht erklären können ...?“

Der Verwirrte stellte klirrend sein Glas auf den Teller nieder und gab sich einen sichtlichen Ruck. „Ja, Mr. Jenkins,“ begann er zögernd, „ich habe etwas erlebt ... etwas Seltsames und Unerklärliches.“ Er fasste in die Brusttasche, holte ein altes zerschlissenes Portefeuille hervor, kramte unter den Papieren und zog eine Banknote heraus. Nervös faltete er sie auseinander und legte sie auf den Tisch.

„Dieser Tausendmarkschein ist mir sozusagen vom Himmel gefallen,“ sagte er leise. „Und zwei soll ich noch bekommen ...“

Der Detektiv nahm die Banknote und betrachtete sie prüfend. „Nun. Und ist das gar so beunruhigend?“

Der andere lächelte wehmütig. „Ja, Mr. Jenkins. In meinen Verhältnissen ist das, ich darf wohl sagen, ein Wunder: dieser Tausendmarkschein und die zwei, die ich noch erhalten werde ...“

„Also erzählen Sie.“

Der Besucher liess seine Augen an seiner schäbigen Kleidung herunterwandern, zupfte befangen an seiner Krawatte und räusperte sich.

„Es war vor acht Tagen. Ich kam eben aus dem Bureau — ich bin Schreiber bei einem Rechtsanwalt und Notar — in mein Stübchen zurück, um mir mein bescheidenes Abendbrot herzurichten, als es an meine Tür klopfte. Ich öffne. Eine alte Frau tritt humpelnd herein.

‚Ich möchte Ihre Zukunft lesen, junger Herr‘ sagt sie lächelnd. ‚Es kostet nur ein paar Groschen, junger Herr. Sie werden erstaunt sein, was ich Ihnen alles prophezeien kann.‘

Ich ziehe erschrocken meine Hand zurück. Danke, gute Frau. Solche Scherze sind mir zu kostspielig. Auch glaube ich nicht an Prophezeiungen.‘

Die Alte schüttelt den Kopf. ‚Geht’s Ihnen denn gar so schlecht? Nun, auch dafür weiss ich ein Mittel.‘ Damit kramt sie in ihrer grossen Handtasche und zieht ein Stück Papier hervor. ‚Hier, junger Herr. Kaufen Sie mir ein Los ab. Es kostet nur eine Mark.‘

Sie sieht mich fragend an und drückt mir das Papier in die Hand. Ich schüttle den Kopf. ‚Nein, liebe Frau. Für solche Sachen habe ich kein Geld.‘

‚Haben Sie schon einmal in einer Lotterie gespielt?‘ fragt sie.

‚Noch nie‘ antworte ich lächelnd.

‚Nun, sehen Sie wohl, junger Herr. Und dann wundern Sie sich, wenn es Ihnen schlecht geht!‘

Sie hascht nach meiner Hand. ‚Sehen Sie, hier ist die Glückslinie‘ sagt sie sinnend, indem sie die Innenfläche meiner Rechten betrachtet. ‚Nehmen Sie ein Los, sage ich Ihnen. Sie gewinnen! Hier steht es deutlich in Ihrer Hand geschrieben.‘

Ungeduldig wehre ich ab. ‚Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Unsinn!‘

‚Und ich sage Ihnen, junger Herr, Sie müssen spielen!‘ beharrt sie. ‚Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Sehen Sie nur!‘ Damit dreht sie das Los herum und zeigt mir die andere Seite. ‚Was für wunderbare Sachen Sie hier gewinnen können — für eine einzige Mark! Nämlich Sie müssen wissen — das ist keine gewöhnliche Geldlotterie. Es ist eine Kunstlotterie!‘

‚Auch das noch!‘ knurre ich, ärgerlich werdend.

‚Nun ja. Aber keine Bilder, wie Sie vielleicht meinen. Nein, wertvolle Kunstgegenstände. Der erste Preis ist eine goldene Statuette. Der zweite eine brillantenbesetzte Schnupftabaksdose; der dritte Gewinn ist eine goldene Uhr — und so weiter ... Wie kann man sich nur so zieren! Ich sehe, junger Herr, Sie sind ein bisschen schwach von Entschluss!‘ Damit fasst sie auf den Tisch, wo etwas Geld liegt, das ich mir eben ins Portemonnaie stecken wollte, gerade als sie kam. ‚Hier, behalten Sie das Los. Ich nehme mir eine Mark, hören Sie? In drei Tagen ist Ziehung. In drei Tagen werden Sie mir dankbar sein, dass ich Sie zu Ihrem Glück gezwungen habe!‘

Damit trippelt sie zur Tür. ‚Einen Augenblick!‘ rufe ich sie zurück. ‚Also zunächst: was ist das überhaupt für ein Los? Wie heisst die Lotterie?‘

‚Es steht drauf, junger Herr, es steht drauf,‘ antwortet sie ungeduldig. ‚Lesen Sie nur!‘

Ich nehme das längliche Stückchen Papier vom Tisch und entfalte es. ‚Grosse Mannheimer Kunstlotterie‘ lese ich laut.

Sie nickt. ‚Sie werden diese Lotterie wohl dem Namen nach kennen, junger Herr. Sie besteht seit fünfundsiebzig Jahren.‘

Ich zucke die Achseln: ‚Also meinetwegen. Ich glaube zwar, das Geld ist zum Fenster hinausgeworfen. ... Und überhaupt ... wer sind Sie denn, liebe Frau? Wie erfahre ich, ob ich etwas gewonnen habe?‘

Sie lacht und zieht ein Kärtchen aus ihrer unergründlichen Tasche.

‚Hier haben Sie meine Adresse, junger Herr.‘ Damit tut sie ein paar Schritte ins Zimmer und wirft die Karte auf den Tisch. Dann schlüpft sie zur Tür hinaus.

Ich greife verdriesslich nach der Karte und lese:

Frau Johanna Nordenfeldt,

Steineichenstrasse 102,

Berlin N.“

Der Detektiv zog aus der runden japanischen Dose, die auf dem Tisch stand, eine Zigarette, zündete sie langsam und bedächtig an und richtete den Blick auf sein Gegenüber. „Und Sie haben gewonnen?“ fragte er, indem er behutsam das Streichholz ausblies.

Der andere nickte. „Ja, Mr. Jenkins. Vor drei Tagen, als ich abends um halb acht nach Hause komme, tritt meine Wirtin bei mir ein. ‚Herr Dellin,‘ sagt sie, ‚es ist schon zweimal ein Geldbriefträger dagewesen mit einem Wertbrief für Sie.‘ Verständnislos schüttle ich den Kopf.

Denn die Lotterie war das letzte, an das ich dachte. ‚Ja,‘ fährt sie fort, ‚er will noch einmal wiederkommen; ich habe ihm gesagt, Sie wären um acht Uhr zu Hause.‘ Damit geht sie hinaus.

Um acht Uhr klopft es, und auf mein Herein tritt der Geldbriefträger ein. ‚Herr Dellin? ... Ich habe hier einen Wertbrief. Er ist mit viertausend Mark versichert. Wollen Sie mir bitte Ihre Quittung geben.‘

Erstaunt, mit zitternden Fingern, schreibe ich meinen Namen auf das Postformular und erhalte ein grosses, weisses, dickes Kuvert ausgehändigt, in dem offenbar ein Etui oder etwas ähnliches ist.

Kaum ist er draussen, so reisse ich das Kuvert auf. Ein längliches Kästchen liegt darin. Ich löse den Bindfaden: in dem dunklen Samt liegt mattschimmernd eine goldene Tabatiere, reich mit Edelsteinen besetzt. Ich öffne die Dose. Darin liegt ein Zettel:

‚Wir beehren uns, Ihnen anbei den zweiten Gewinn unserer letzten Ziehung zu übersenden.

Die Direktion der Mannheimer Kunstlotterie.‘

Fassungslos starre ich auf das Geschenk, das mir das Glück hier unerwartet in den Schoss geworfen hat. Denn das Leben hat mich nicht verwöhnt, Mr. Jenkins. Jahrelang hat mich das Unheil verfolgt wie ein erbarmungsloser Feind. Sollte das alles nun vielleicht ein Ende haben? War das die Schicksalswende?

Das, was ich hier in meiner zitternden Hand hielt, das bedeutete für mich neues Leben. Ich habe vor vier Jahren meine Studien aufgeben müssen — ich bin von Hause aus Philologe — als mein Vater durch einen Unglücksfall ums Leben kam und uns ohne einen Pfennig zurückliess. Damals war ich froh, als ich nach vielem Suchen eine Stelle als Schreiber bei einem Rechtsanwalt bekam. Und das alles sollte nun vielleicht ein Ende haben! Diese goldene Dose hier bedeutete für mich mehr als einen Vermögenszuwachs. Sie bedeutete die Rückkehr in ein menschenwürdiges Dasein. Sie bedeutete die Möglichkeit, meine Studien fortzusetzen und mir eine geachtete, vielleicht auch materiell vorteilhafte Position zu verschaffen.“ Der Besucher sah an sich nieder. „Sie bedeutete anständige Kleidung, in der ich mich unter meinesgleichen sehen lassen könnte. Sie bedeutete — das Glück schlechthin. Und nun,“ der junge Mann legte die Hand auf die Stirn und senkte den Kopf, „und nun ist vielleicht alles das nichts als der Auftakt zu einem neuen Unglück, furchtbarer, unfassbarer als alles, was ich bisher erlebt habe.“

Er holte tief Atem, warf einen zögernden Blick auf den Amerikaner und fuhr fort:

„Ich mache Licht. Erst jetzt erkenne ich mit Entzücken die feinen Linien dieser liebenswürdigen kleinen Goldschmiedearbeit. Die Dose mochte ans der Zeit Ludwigs des Fünfzehnten stammen.

Ach, am liebsten hätte ich das kostbare Kleinod behalten. Ich konnte mich nicht sattsehen an dem Feuer dieser edlen Steine, die die Strahlen meiner armseligen Petroleumlampe in allen Farben des Regenbogens funkelnd zurückwarfen. Aber dann fiel mein Blick auf den Tisch, auf dem ein bisschen Wurst und ein Stück Schwarzbrot lagen. Meine Augen irrten in meinem armseligen Kämmerchen umher bis zu der Ecke, in der meine geflickten Stiefel lagen; sie blieben auf der alten wurmstichigen Kommode haften, in der der schäbige Sonntagsanzug lag, in dem Sie mich hier sehen.

Nein. Vier Jahre hatte ich dies Elend getragen. Jetzt, da mir das Glück lächelte, zum erstenmal in meinem Leben lächelte — jetzt musste ich es fassen und halten.

Morgen mit dem frühesten würde ich einen Juwelier aufsuchen und ihm mein Kleinod verkaufen. Nicht so auf den ersten Anhieb, oh nein. Ich hatte gehört, dass diese Leute dem Unerfahrenen unerhört niedrige Gebote machten. Da hiess es, schlau sein und so tun, als ob man es nicht nötig hätte ... Morgen früh, wenn ich ins Bureau ging, war ich vielleicht schon ein wohlhabender Mann ... Sie lächeln, Mr. Jenkins. Viertausend Mark — ja — lächerlich, nicht wahr? Aber ... wer in solchem Elend gelebt hat wie ich ... für den sind viertausend Mark ein unerhörtes Vermögen.

Morgen früh ... morgen früh ... nein, das war ja eine Ewigkeit. Eine volle lange Nacht würde das bedeuten, die ich ganz sicher zubringen würde, ohne ein Auge zuzutun. Ich blickte auf die Uhr. Es war neun. Wenn ich es versuchte ... Und plötzlich erfasste mich der Rausch des Besitzes. Ich hatte doch ein Vermögen in der Hand; warum sollte ich warten? Das Blut stieg mir zu Kopf. Nein, ich musste Geld haben.

Nicht weit von hier wohnt ein Antiquitätenhändler. Ich hatte ihn oft beobachtet, wenn er morgens sein kleines Schaufenster öffnete. Der würde für ein gutes Geschäft zu haben sein, und wenn es mitten in der Nacht wäre. Schnell zog ich mich an und schlüpfte auf die Strasse, die Faust in der Tasche um die kostbare Dose gekrampft.

Das kleine Geschäft war schon dunkel und abgeschlossen.

Nun, es gab wohl noch eine Hintertür zu seiner Privatwohnung; richtig, hier war ein Schild:

‚August Wermke‘

stand darauf. August Wermke: das war derselbe Name, der vorn an der Ladenscheibe stand. Ich klingelte und trat ein.

Der alte Antiquar, der auf Filzpantoffeln angeschlürft kam, war nicht weiter verwundert. Er mochte solche späten Besuche gewöhnt sein. Er liess mich in ein kleines unscheinbares Bureau eintreten, dessen einziger Schmuck ein ansehnlicher Geldschrank war. Ich zog meine Tabatiere und legte sie stumm auf den Tisch. Herr Wermke warf einen Blick auf die Dose. Verwundert zog er die Brauen hoch, wandte langsam den Kopf und mass mich mit misstrauischem Gesicht.

‚Ist das Ihr Eigentum?‘

‚Ja,‘ antwortete ich. ‚Ich habe sie in der Lotterie gewonnen.‘

Er nickte, zog ein Vergrösserungsglas und betrachtete aufmerksam und fast andächtig das goldene Döschen. Wohl eine Viertelstunde mochte die Prüfung dauern. Dann nahm er die Lupe aus dem Auge, klappte sie zusammen und fragte, indem er sich zu mir herumwandte:

‚Sie haben doch eine Legitimation bei sich?‘

‚Freilich‘ antwortete ich und kramte in meiner Tasche. Er nahm zögernd meinen Steuerzettel entgegen, liess nochmals einen forschenden, halb misstrauischen Blick über meine Erscheinung gleiten und fragte plötzlich:

‚Was wollen Sie für die Dose?‘

‚Die Tabatiere ist‘ begann ich zögernd, „viertausend Mark wert. Wenigstens war sie mit viertausend Mark bei der Post versichert.‘

Der Antiquar deutete auf einen kleinen Holzstuhl und setzte sich hinter seinen Schreibtisch.

‚Viertausend Mark sind mir zuviel,‘ sagte er endlich. ‚Ich kann Ihnen im Augenblick auch nicht genau sagen, was ich für die Dose geben kann. Ich muss die Reinheit der Steine bei Tageslicht prüfen lassen. Ich denke, es wird ungefähr auf dreitausend Mark kommen. Wenn Sie damit einverstanden sind ...‘

Er schloss den Geldschrank auf und nahm eine Note heraus.

‚Hier haben Sie eine Anzahlung von tausend Mark, und morgen abend können Sie sich die restlichen zweitausend holen.‘

Einen Augenblick zögerte ich. Er stand lächelnd vor mir, in der Hand den Schein, der sich knisternd bewegte. Ich warf einen Blick auf das Geld. Das Herz klopfte mir bis zum Halse. Aber ich nahm mich zusammen und sagte so ruhig wie möglich:

‚Gut. Ich bin einverstanden.‘

Fünf Minuten später stand ich auf der Strasse. Und hatte tausend Mark ...

Wie ein Betäubter taumelte ich durch die Gassen. Heute früh ein armer Teufel und jetzt ein Mann, der tausend Mark besass. Und weitere zweitausend zu erwarten hatte. Ich fühlte behutsam in die Tasche. Dort knisterte der Braune. Sollte ich mit diesem Reichtum in der Tasche in meine armseligen vier Wände zurückkehren? Nimmermehr. Nein, diesen Abend musste ich feiern.

Plötzlich fiel mir Frau Nordenfeldt, die Kollekteuse, ein, die alte Frau, die mir diesen Reichtum gebracht hatte. Sie hatte richtig prophezeit. Das Los hatte mir Glück gebracht. Das verdiente wohl eine Belohnung. Und plötzlich wusste ich es: sie musste mitfeiern. Ja, das war ich der armen Alten schuldig.

Ich suchte den Zettel, den sie mir gegeben hatte: Steineichenstrasse 102. In Berlin N sollte es sein. Ich kannte die Strasse nicht. Aber welcher Grossstädter kennte wohl jede Strasse seiner Vaterstadt!

An der Ecke stand ein Schutzmann. Ich ging auf ihn zu und bat ihn, mir zu sagen, wie ich nach der Steineichenstrasse komme. Er sah mich kopfschüttelnd an:

‚Steineichenstrasse? Gibt es gar nicht.‘

‚Doch,‘ antwortete ich, sehen Sie hier, hier steht es. Steineichenstrasse 102, Berlin N.‘

Er schlug sein Buch auf, blätterte mit wichtiger Miene darin umher und schüttelte den Kopf. Eine Steineichenstrasse gibt es nicht in Berlin.‘

‚Vielleicht eine neue Strasse‘, meinte ich.

Er zuckte die Achseln. ‚Gehen Sie mal auf die Wache, dort kann man Ihnen genauen Bescheid geben.‘

Ich ging auf die Wache. Ein seltsames Gefühl überkam mich. Was hatte das zu bedeuten? Eine Strasse, die nicht existierte —? Nun doch, vielleicht eine jener Vorstadtstrassen, die erst im Werden sind, die noch kein Mensch kennt ...

Nein. Auf der Wache sagte man mir klipp und klar: eine Steineichenstrasse gab es nicht in Berlin.

Als ich wieder auf der Strasse war, fühlte ich, wie mir das Herz zitternd klopfte. Was bedeutete das? Eine Strasse, die es nicht gab — und die Frau selbst hatte mir die Strasse aufgeschrieben ... Also ein Irrtum, ein Verhören war ausgeschlossen. Was bedeutete das?

Langsam ging ich durch die Strassen. Ein feiner Regen begann herniederzurieseln. Allmählich beruhigten sich meine aufgeregten Nerven wieder. Alles würde sich aufklären. Es musste doch wohl ein Versehen zugrunde liegen. Vielleicht war die Alte nicht ganz richtig im Kopf; wer konnte es wissen? Und als ich eine Stunde später in einer kleinen Weinstube sass und eine Flasche Bordeaux trank, da war ich mit Gott und der Welt zufrieden. Freilich, als ich den Tausendmarkschein wechseln wollte, da sah mich der Wirt misstrauisch an und schüttelte den Kopf. Lachend nahm ich die Note zurück und warf einen Zwanzigmarkschein auf den Tisch. Den letzten ...

Als ich in der Nacht wieder in meiner alten Bude anlangte, da kamen mir doch allerhand Bedenken. Dieses Zimmer, das kaum zu verschliessen war, war kein geeigneter Aufbewahrungsort für ein kleines Vermögen ... Und das viele Geld immer bei mir tragen? Nein, das war auch nicht das Richtige. Und auch ein bisschen zu verführerisch. Ich sass wach und grübelte, und endlich beschloss ich, morgen früh mit dem ersten die tausend Mark auf eine Bank zu tragen. Ich konnte dann abheben, so oft ich Geld brauchte.

Am andern Morgen, als das eiserne Gitter der kleinen Depositenkasse geöffnet wurde, da war ich der erste, der den Kassenraum betrat. Mit dem stolzen Gefühl eines Kapitalisten, der zu seiner Bank ging ...

Der Vorsteher sah mir erwartungsvoll entgegen.

‚Guten Tag,‘ sage ich lächelnd und ziehe meine Brieftasche, ‚ich möchte ein Konto bei Ihnen eröffnen.‘

Der Vorsteher nickte: ‚Sehr wohl, mein Herr. Wieviel möchten Sie einzahlen?‘

Ich ziehe den Tausendmarkschein. Bitte, soviel für den Anfang. Morgen werde ich mehr bringen.‘

Obwohl ich nicht hinsehe, fühle ich den Blick des Vorstehers, der mich forschend und ein wenig zweifelnd von der Seite misst. Mein Äusseres mochte ihm nicht aussehen nach dem Besitz von Banknoten ...

‚Ich habe nämlich in der Lotterie gewonnen‘, setze ich erklärend hinzu.

Da tritt ein Lächeln auf sein Gesicht. ‚Ah, ich gratuliere, mein Herr,‘ sagt er freundlich. ‚Darf ich fragen, welche Lotterie Ihnen dieses Glück gebracht hat?‘

Ich nickte. ‚Ich habe den zweiten Treffer der Mannheimer Kunstlotterie gewonnen.‘

‚Der Mannheimer Kunstlotterie?‘ wiederholt er fragend.

‚Nun ja.‘

‚Darf ich fragen, wann Sie diesen Treffer gemacht haben?‘

‚Gestern abend kam das Geld.‘

Er blickt mich an und schüttelt den Kopf. ‚Gestern abend kam das Geld? ... Das muss ... ein Irrtum sein, mein Herr.‘

‚Ein Irrtum?‘ frage ich verwundert, ‚warum ein Irrtum?‘

‚Nun,‘ sagt er kühl, ‚weil die Mannheimer Kunstlotterie seit zehn Jahren nicht mehr existiert.‘

Ich greife unwillkürlich nach dem Tausendmarkschein. ‚Was sagen Sie da?‘ stammle ich. ‚Nicht mehr existiert? Gestern abend habe ich den Einschreibbrief erhalten, in dem der Gewinn lag. Der zweite Preis: eine goldene Tabaksdose. Ich habe sie für dreitausend Mark verkauft und tausend Mark Anzahlung erhalten.‘

Er zuckt die Achseln. ‚Ich weiss es zufällig ganz genau. Ein Onkel von mir war vierzehn Jahre lang Geschäftsführer der Mannheimer Kunstlotterie. Vor zehn Jahren ist das Unternehmen erloschen.‘

Tausend Gedanken kreisen mir durchs Hirn. Die alte Frau ... mit einer Adresse, die es nicht gab, eine Lotterie ... die nicht existierte ... Und wieder fühle ich, wie der Blick des Vorstehers mich argwöhnisch durchdringt. Da raffe ich mich auf.

‚Ich habe das Los zu Hause‘ sage ich kurz. Zwar habe ich im Moment keine Zeit, denn ich muss ins Bureau. Aber ich werde morgen früh kommen und Ihnen das Los vorlegen. Da werden Sie sehen, dass Sie im Irrtum sind.‘

‚Das würde mich sehr interessieren‘ antwortete der Beamte am Schalter mit einer leichten Verbeugung.

Ich nehme meinen Tausendmarkschein, stecke ihn in die Tasche und verlasse mit taumelnden Schritten den Raum.

Es wäre mir unmöglich gewesen, heute meine gewohnte Arbeit zu tun. Die Menschen, die Häuser, alles tanzte vor meinen Augen. Die Vorübergehenden sahen mich verwundert an: Kein Zweifel, ich fieberte ... Ich fuhr aufs Bureau, entschuldigte mich mit Familienangelegenheiten, und mein nächster Weg war zu Ihnen.“

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9788711592533
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