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Paul Rosenhayn

Der Ritt in die Sonne

Roman

Saga

Der Ritt in die Sonne

© 1926 Paul Rosenhayn

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592632

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I

Auf einer Bank im Tiergarten sassen drei junge Männer.

Regen troff nieder; Autos hasteten jenseits der kahlen Bäume vorüber.

Die drei sassen unbeweglich. Es war in der Nähe der Rousseau-Insel: zwischen dem Neuen See und den Renaissance-Häusern um die Gegend der Hitzigstrasse.

Die drei hatten manches Gemeinsame. Keiner von ihnen besass einen Schirm, keiner einen Paletot. Ihre Kragen waren defekt und ihre Schuhe zerrissen.

„Mit dem Adressenschreiben ist es auch nichts,“ sagte der eine. „Denn seht mal, man braucht dazu eine warme Stube. Oder auch, das kommt ja vor, man kann die Arbeit bei jemandem im Bureau machen. Das ist alles ganz schön. Aber seid ihr mal irgendwo gewesen, wo Adressenschreiberei zu vergeben war?“

Der zweite winkte mit der Hand, an der der Rest eines fabelhaften Handschuhs prunkte. „Ob ich da war! Einmal? Hundertmal. Schlange gestanden. Als ich oben war, war die Arbeit vergeben.“

„Ich bin ein Hamburger Fahrensmann,“ sagte der dritte. „Aber jetzt, um diese Zeit — die meisten Kasten liegen im Dock. Vor sechs Wochen habe ich abgemunstert.“

„Abgemustert,“ verbesserte ihn der Adressenschreiber.

„Heute werde ich mal sehen, ob ich in der ‚Palme‘ unterkomme.“

„Geben Sie diesen Versuch von vornherein auf,“ sagte der erste mit einem halben Blick auf seinen Nachbar. Er zog einen kleinen Spiegel, der keinen Rand besass, aus der Tasche, und indem er aufmerksam hineinblickte, versuchte er unter Zuhilfenahme von etwas Spucke seinem Kragen den trügerischen Glanz der Sauberkeit zu verleihen. „Es ist überfüllt im Asyl für Obdachlose, jede Nacht überfüllt. Und wenn Sie schon wirklich hineinkommen, was haben Sie dann? Man plündert Sie vollends aus.“

„Gut,“ sagte der dritte. „Gut. Es ist ja schliesslich egal. Nicht wahr? Ein bisschen früher oder ein bisschen später, das macht wenig Unterschied.“ Er warf einen Blick in die Runde und sagte mit tiefer Stimme, so, als ob er einen wichtigen Entschluss gefasst hätte:

„Dann werde ich heute abend einen Spaziergang nach dem Landwehrkanal machen, von dem ich wohl nicht mehr zurückkehren werde.“

Der zweite nickte. „Das ist eine gute Idee. Wenn Sie erlauben, komme ich mit.“ Und indem er sich seinem Nebenmann zuwandte, fragte er leise:

„Und du?“

Dieser hob eben eine verrostete Musterklammer vom Boden auf. „Welch ein ausgezeichneter Kragenknopf!“

„Und du? Oder, nichts für ungut: und Sie? Wollen Sie dieses gottverdammte Leben weiterführen?“

Der Gefragte liess den Kragenknopf mit einer hilflosen Gebärde fallen. „Ich hab’ ein Mädel ...“

„So so. Ein Mädel!“ mischte sich der dritte ins Gespräch. Er kniff die Augen zusammen wie ein gestrenger Examinator. „Schickt sie dir Wurst? Geld? Brot?“

„Nein.“

„Also worauf wartest du?“

„Man hofft,“ sagte jener leise. „Ich bin doch noch so jung ...“

„Du siehst am reduziertesten von uns allen aus. Glaube mir, mein Junge, ich kenne das: wenn erst mal die Schale zum Teufel ist, dann ist es aus. Jeder Schutzmann fühlt sich berechtigt, dir einen Tritt zu geben. Also mach’ keine Geschichten — in acht Tagen bist du doch so weit. Das geb ich dir schriftlich. Wozu die lange Quälerei? Je schneller daran, je schneller davon. Ich hab’ noch ein paar Groschen. Wir besaufen uns. Und dann ...“

„Ja.“

„Sieh mal, dort drüben, wo die Sonne untergeht! Siehst du die lange Baumreihe?“

„Ja.“

„Dort ist die Ruhe, mein Junge. Dort drüben, schau mal genau hin, dort ist der Kanal.“

Und ermunternd sagte der zweite: „Warum soll man noch länger warten? Ein paar Minuten Angst und Würgen. Na ja, das geht auch vorüber. Und dann — dann ist es aus mit dem verfluchten Elend. Bedenk’ mal, was das heisst: keinen Hunger mehr! Du brauchst nicht die Nächte in Regen und Kälte auf ’ner Bank zu schlafen. Was sag’ ich, zu schlafen — zu zittern. Keine Sorge mehr um morgen. Niemand, der uns hetzt. Keiner, der sich so ein armseliges Vergnügen daraus macht, dir zu antworten: für Sie habe ich keine Arbeit. Also komm, hörst du?“

Die drei standen auf.

„Ich heisse Fritz Jacobsen,“ sagte der erste.

Wie über einen guten Witz lachten die beiden andern.

Der zweite nannte seinen Namen: „Jonny Reimers.“

Und auch der dritte stellte sich vor: „Hans Hieronimy.“ Wobei man ihm ansah, dass er die Notwendigkeit eines solchen Zeremoniells durchaus nicht einsah.

„Man will doch wissen,“ sagte Jacobsen, „mit wem man zusammen beerdigt wird.“

Die drei gingen durch die aufgeweichten Wege, in denen Laub des Sommers gelb und modernd lag. Der Regen hatte ein wenig nachgelassen, aber die Luft war erfüllt von grauer Feuchtigkeit, die, halb Dunst, halb Nebel, alle Dinge in ihre beklemmende Farbe hüllte.

„Wie Busstag,“ sagte Reimers.

„Da freut man sich eben auf einen ‚Klaren‘.“ Hieronimy zeigte hinüber.

Die Budike war erfüllt von Lärm und von Geruch. Der Seemann schien hier nicht fremd zu sein. Der Schnaps lief den dreien durch den Hals wie rinnendes Feuer.

„So,“ sagte Hieronimy. Seine einfache und energische Art hatte etwas Mitreissendes; der letzte Gang schien ihm eine Handlung der Disziplin zu sein wie jede andere.

Langsam gingen die drei quer über den Asphalt, in den Tiergarten zurück. Hieronimy stapfte gleichmütig, sichtlich von keinen Bedenken beschwert, dem Ziel zu; aber die Schritte der beiden andern verloren ihre Zuversichtlichkeit, und ihre Augen wichen sich aus.

Plötzlich blieb Fritz Jacobsen stehen. Er legte die Hände an die Schläfen und sagte laut und entschlossen:

„Nein!“

Eben glitt ein offenes Auto an den dreien vorüber. Darin sass ein Herr im Pelzmantel, an seiner Seite eine elegante Halbweltdame. Die beiden schauten die drei Vagabunden mit der völlig verständnislosen Neugier an, mit der man etwa ein Tier im Käfig betrachtet.

„Das könnt’ dir wohl so passen!“ Der Seemann grinste: „Ein Auto und eine Villa. Und eine Freundin vom Ballett. Ich glaub’s schon!“

„Ich tu’s nicht.“

„Dann lass es bleiben. Dann gehen wir allein. Komm, Reimers!“

„Ihr sollt es auch nicht tun.“

„Was stierst du bloss immer hinter dem Auto hèr? Bist du denn ein Kind, dass du meinst: wenn ich so was sehe, dann muss ich’s haben? Mein lieber Junge, lüg dir doch nichts vor. Die Welt ist schön für die Reichen. Die anderen können sich aufhängen. Oder in den Kanal gehen. Oder sich totschiessen — die Wahl wird ihnen gnädig überlassen.“

„Was zum Teufel ist denn für ein Unterschied zwischen uns und denen? Das bisschen Kleidung? Du lieber Gott!“

„Wenn man null Pfennige in der Tasche hat,“ sagte Reimers, „dann ist dieser Unterschied verdammt gross. Also komm!“

„Passt mal auf!“ Jacobsen wies hinüber nach den Häusern. „Seht ihr die weisse Villa dort drüben?“

„Natürlich sehen wir die. Wir sind ja nicht blöd’.“

„Dort wohnt ein reicher Millionär.“

„Millionäre sind gewöhnlich reich.“

„Ein Millionär. Der ist nicht bloss Millionär, sondern auch verreist.“

„Willst du etwa bei ihm einbrechen?“

„Das ist nicht das richtige Wort. Nicht einen Pfennig Geld möchte ich haben. Nicht einen Wertgegenstand. Übrigens sind alle Zimmer dreifach verriegelt und verrammelt. Bloss im Zimmer des Dieners hängen ein paar ganz gut erhaltene Anzüge.“

„Sag’ mal, woher weisst du denn das?“

Ein bisschen verlegen antwortete Jacobsen: „Ich kenne den Diener.“

„So. So.“

„Er hat mir neulich mal erlaubt, eine Nacht in seiner Kammer zu schlafen. Jetzt ist er mit seinem Herrn nach dem Süden gefahren. Ich will euch einen Vorschlag machen. Ich werde hinaufgehen und Anzüge für uns holen. Was meint ihr dazu?“

„Das lässt sich hören.“

„Nur geliehen. Ich werde einen Zettel zurücklassen. Darin verpflichten wir uns, die Anzüge innerhalb einer Woche zurückzubringen. Versteht ihr wohl? Das ist kein Scherz. Das ist ein Vertrag, den wir mit dem Mann schliessen. Ein Ehrenwort, das wir geben. In einer Woche müssen wir es geschafft haben. Bringen wir das nicht fertig, dann passen wir nicht in die Welt; dann sind wir reif für den Kanal. Also hört ihr: Können wir in einer Woche die Kleider nicht zurückgeben, so werden wir heute über acht Tage das tun, was wir heute verschoben haben: wir werden in den Kanal gehen.“

„Gott, ja,“ sagte Reimers. „Warum schliesslich nicht?“

Hieronimy zuckte die Achseln. „Er ist ein Kind. Aber weiss Gott, Kinder picken manchmal im Dunkel auf ein blindes Huhn.“

„Du meinst: ein blindes Huhn pickt manchmal ein ...“

„Das ist doch ganz egal, wer pickt. Mach’ schon und hol’ die Anzüge.“

Jacobsen stelzte, die Hände in den Hosentaschen, quer über den blätterbedeckten Asphalt. Die Dämmerung nahm seine armselige Gestalt auf, und während er drüben in das graue Dickicht hineintrabte, schien er völlig eins zu werden mit den trostlosen Konturen der herbstlichen Bäume. Die beiden sahen ihm schweigend nach. Nun hatte das dunkle Grau ihn vollends verschluckt.

„Ob er wohl wiederkommt?“ sagte Reimers nach einer kleinen Weile.

„Der kommt wieder.“ Hieronimy zwinkerte. In der Tiefe seiner dunklen Augen schien ständig ein verschleiertes Lächeln zu glimmen. „Der kommt wieder.“

„Er ist ein fixer Kerl,“ nickte Reimers. „Ich trau ihm schon zu, dass er was mitbringt.“

„Hm. Bloss kein Geld. Das behält er allein.“

Reimers blickte an sich nieder: ein einziger Knopf baumelte an einem letzten Faden seines Jacketts, das zerbeult und bauchig war von Regen, Wind und Sonne. „Das war mal Marengo,“ lachte er. „Ein güet Fraueli hat ihn mir geschenkt; in Basel. Warst du mal in Basel? Und guck’ mal die Hosen. Wenn die richtig aufgebügelt werden und gewendet und Knöpfe dran kommen, und ein bisschen geflickt, dann kann man sie im Dunkeln immer noch sehr gut tragen.“

„Wenn er das fertigbringt,“ sagte Hieronimy, „und mir einen Anzug besorgt, weisst du: dann kann ich direkt irgend etwas unternehmen. Man geht zum Beispiel in ein Zigarrengeschäft und kauft sich sechs Zigarren und steckt sich eine an. Dann entdeckt man plötzlich, dass man sein Portemonnaie vergessen hat. Was will er machen? Dir die angesabbelte Zigarre aus dem Mund nehmen?“

„Er kann dich verhaften lassen.“

„Mein lieber Junge, du denkst als Vagabund; denk’ mal als feiner Mann. Er macht einen Bückling: ‚Darf ich mir Ihren werten Namen notieren? Nicht wahr, Sie bringen die Kleinigkeit gelegentlich mit vor?‘ Und wenn du Glück hast, gibt er dir die anderen fünf in der Tüte noch mit.“

„Wenn man anständig angezogen ist,“ sagte Jonny Reimers leise, „dann haben die Leute Vertrauen zu einem. Dann kann man Arbeit finden. Sonst denken sie ja doch bloss, man lauert auf eine Gelegenheit, mit dem Silberzeug davonzugehen.“

„Ein bisschen langweilig, das mit der Arbeit,“ meinte der Seemann. „Montag früh fängst du an, und Sonnabend abend machst du glücklich fünfzehn Mark. Wovon willst du von Montag bis Sonnabend leben?“

„Es ist natürlich schwer. Man muss die Zähne zusammenbeissen.“

„Wenn man in Schale ist,“ sagte Hieronimy sinnend, „dann kann man sich mit heransetzen, wenn sie irgendwo Karten spielen. Das lässt sich schon machen; man hat eben kein Kleingeld bei sich, und die Hundertmarkscheine will man doch nicht in den Pot schmeissen. Verstehst du? Du spielst also auf Krampf. Geht’s gut, steckst du deine zehn Mark freundlich lächelnd in die Tasche. Geht’s schief, türmst du.“

„Irgendwo draussen,“ sagte Jonny Reimers und wischte sich den Regen aus dem Haar, „irgendwo draussen ein Häuschen. Und eine liebe Frau. Und vielleicht zwei Kinder.“

„Warum nicht gar eine Geflügelfarm ...“

„Wär’ auch nicht schlecht. Auf jeden Fall: ein paar Hunde, so ein paar rechte, lustige Halunken. Hast du mal junge Hunde gesehen? Das ist schön, weisst du.“

„Die Hauptsache ist eben, dass man auftreten kann. Ich wette mit dir: in einer Woche habe ich tausend Mark gemacht.“

Reimers tat einen Pfiff. „Gibt es denn eine Arbeit, die tausend Mark die Woche einbringt?“

Hieronimy wölbte den Mund, als ob er eine dicke Zigarre rauche. „Pass’ mal auf: ein paar Mark besorgt man sich schon. Man verspricht einer ältlichen Dame, dass man ihr Holz hacken will. Oder: man markiert den Dusslichen, und sie gibt einem einen Taler mit und einen Einholkorb. Oder: man macht was mit einem gut erhaltenen Paletot — so was gibt’s in den Kaffeehäusern und vor den Kleidergeschäften — also kurz und gut: du gehst auf die Zeitung und gibst ein Inserat auf: ‚Zehn Prozent Zinsen pro Woche garantiere ich unternehmenden Kapitalisten.‘ Am andern Morgen um acht reissen sie dir die Klingelschnur kaputt. So was wie Klante-Konzern.“

„Und dann?“ fragte Reimers kopfschüttelnd. „Wie willst du denn zehn Prozent die Woche damit verdienen?“

„Ich mach’ ja nur Scherz.“ Hieronimys Gesicht wurde plötzlich gespannt, und seine Augen hefteten sich auf einen Punkt jenseits der Strasse. Reimers wandte sich herum.

Dort kam Jacobsen, den Arm mit Kleidern bepackt.

„Es hat geklappt,“ keuchte er halb lachend. „Hier ist ein blauer für dich. Hier ist ein schöner Kötteweh. Hier sind braune Stiefel dazu. Und hier dieser schwarz und weiss gestreifte passt mir wie angegossen. Ich habe ihn gleich angezogen. Dann ist hier noch ein Überzieher; einer war bloss da. Den müssen wir abwechselnd tragen.“

„Das ist ja ein nagelneuer Raglan,“ staunte Hieronimy.

Jacobsen nickte. „Fragt sich bloss: wer soll anfangen?“

„Das knobeln wir aus.“

„Unsinn.“ Reimers schob Hieronimy beiseite. „Jacobsen hat ihn gebracht; Jacobsen soll ihn tragen.“

„Geht mal ins Gebüsch und zieht euch um.“

Die beiden verloren sich in der triefenden Dämmerung. Man hörte ein lustiges Pfeifen, und ihre Schritte schienen straffer geworden zu sein.

Jacobsen knöpfte wohlgefällig den dunklen Gürtelmantel zu. Wahrhaftig: hier in der Tasche steckten Nappa-Handschuhe — und in der kleinen Billettasche klimperte es. Er fasste hinein; siebzig Pfennige!

Hieronimy war der erste, der zurückkam.

„Ein Gentleman vom Broadway,“ sagte Jacobsen lachend.

„Wie richtig du das aussprichst,“ wunderte sich der Seemann. „Direkt mit Manhattan-Akzent!“

„Ich war zwei Jahre drüben.“

„Hat dir nicht viel genützt, was?“

Schon kam Jonny Reimers. Er stopfte noch an den Hosenträgern; dann knöpfte er, vor Erregung zitternd, die Weste um einen Knopf schief zu.

„Also so was hält’ ich mir nicht träumen lassen.“ Reimers versenkte die Hände behaglich in die Jacketttaschen. „Die sind ja heil,“ konstatierte er verblüfft.

„So was gibt’s,“ bestätigte Jacobsen. „Und denk’ mal, siebzig Pfennige habe ich gefunden.“

„Mensch, heute gehen wir ins Palais de Danse!“

„Jacobsen sieht aus wie ’n Graf,“ sagte Jonny Reimers.

„Wie ’n Graf,“ wiederholte Hieronimy geringschätzig. „Er sieht direkt aus wie ’n Hochstapler.“

Die drei gingen, mutig den Dingen ins Auge blickend, am Rande des Tiergartens entlang. Dort drüben glühte die Laternenreihe der Charlottenburger Chaussee. Und, seltsam genug, in der Haltung der beiden andern schimmerte ein ganz leiser Respekt vor dem raglantragenden Jacobsen auf.

„Jetzt ein paar Würste,“ meinte Reimers, „und dazu ein Glas Bier.“

„Und ein paar Zigaretten,“ setzte Jacobsen hinzu.

„Warum nicht gleich Sekt,“ lachte Hieronimy. „Ihr seid Phantasten. Weiss Gott, was uns blüht.“

Jacobsen drückte den Hut, diesen wunderbaren, steifen, ledergefütterten Hut, zärtlich auf die Schläfen. „Vergesst nicht; dies alles haben wir uns geliehen. Diese Anzüge und diesen Mantel und die Hüte und die Schuhe. Eine Woche lang gehört es uns. Wir wollen nicht überschnappen, weil wir Glück gehabt haben. Wir bleiben zusammen und warten ab, was da kommt.“

„Da kommt zunächst ein Auto,“ sagte Hieronimy, „nimm dich in acht.“

Ein dicker Herr, der Typ eines Kommerzienrats, sass im Fond des Wagens. Sein Blick streifte die drei Männer — nein, die drei Herren — und plötzlich, während seine Augen über Jacobsen glitten, zog er den Hut. Gleichzeitig rief er seinem Chauffeur etwas zu. Knirschend stoppte der Wagen.

Die drei sahen sich an. „Was will denn der?“ erkundigte sich Jacobsen.

„Frag’ ihn,“ spottete Hieronimy.

Der Schlag des Wagens öffnete sich. Der Insasse ging, den Hut in der Hand, auf die drei zu. Und indem er Jacobsen die Rechte entgegenstreckte, sagte er in jubelndem Ton:

„Welch eine Freude, Mr. Vandergult, Sie in Europa zu treffen!“

Jacobsen warf einen Blick nach links auf Reimers und einen Blick nach rechts auf Hieronimy. Die sahen beide interessiert geradeaus.

„Jawohl,“ sagte er.

„Sie kennen mich doch noch?“ fragte der fremde Herr mit einer Stimme, die noch jubilierender klang als zuvor. „Kommerzienrat Sudicatis! Darf ich fragen, was Sie in Berlin machen? Übrigens, wo wohnen Sie? Dumme Frage,“ lachte er sich selbst aus, „im Adlon natürlich. Und diese beiden Herren? Wohl Geschäftsfreunde? Also im Tiergarten muss man suchen, wenn man den reichsten Mann Amerikas treffen will. Nein, wie komisch!“

„Ja,“ sagte Jacobsen. „Es ist zum Totlachen.“

„Ich glaubte fast, Sie wären abgereist, ohne mir überhaupt die Ehre erwiesen zu haben!“

„Ich bin in der Tat sozusagen nur auf der Durchreise da.“

„Wissen Sie, woran ich Sie erkannt habe? An Ihrem Ulster. Es gibt nur einen Mann auf der Welt, der diese fabelhaften Stoffe trägt. Der ist, wenn ich nicht irre, aus Ihrer eigenen Weberei.“

„Natürlich,“ sagte Jacobsen.

„Bin ich ein Textilfachmann?“ triumphierte Herr Sudicatis. „Ein Blick, und das Fabrikat der Weberei Vandergult ist entdeckt.“

„Es ist fabelhaft,“ sagte Jacobsen.

„Als ich diesen Ulster sah, wusste ich: dort geht Cornelius Vandergult spazieren. Wie ein einfacher Bürgersmann. Aber da sieht man die Kultur des wahren Reichtums. Oder den Reichtum der wahren Kultur. Oder man könnte auch sagen ...“

„Sie werden entschuldigen,“ sagte Jacobsen. „Um es Ihnen offen zu sagen: wir haben nämlich Hunger.“

„Welch ein wundervolles Deutsch Sie sprechen! Man merkt sofort, dass Sie in Deutschland studiert haben. Und Hunger haben Sie? Meine Herren, das ist goldig. Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Erweisen Sie mir die Ehre und steigen Sie in meinen Wagen — Ihre Geschäftsfreunde ebenfalls, und nehmen Sie bei mir einen kleinen Imbiss.“

„Gott,“ sagte Jacobsen und sah sich achselzuckend nach den beiden um. Die zwinkerten ihm lebhaft zu.

„Also sagen Sie schon ja.“

Die drei stiegen ein; der Chauffeur hielt die Hand salutierend an die Mütze.

Eine Villa tat sich vor den dreien auf — ein Herrenzimmer, ein Speisesaal mit französischen Gobelins, mit Langusten und Fasan, mit Kapaun-Croquetts, mit kalifornischen Früchten und mit Bordure Madeleine. Und eine Halle mit Klubsesseln von unergründlicher Tiefe — mit Importen in zwanzigerlei Kisten, mit Queen, mit Cointreau und mit Grand Marnier Lapostolle Cordon Rouge.

Und der Kommerzienrat Sudicatis konstatierte mit geschmeichelter Andacht, dass er sich nicht erinnern konnte, jemals Gäste beherbergt zu haben, die einen derartigen Appetit entwickelt hatten wie Herr Vandergult und seine Freunde. Während der fünf Gänge des Desserts bereits hatte der Gastgeber seinen illustren Besucher von der Seite angeblinzelt; eben, als er ihm eigenhändig die Sahne in den Mokka goss — doppelt soviel als nötig war, hier war alles reichlich — sagte er blinzelnd:

„Ich habe eben eine unglaubliche Entdeckung gemacht. Soll ich Ihnen sagen, was Sie sind?“

Jacobsen schob den Sessel mit einer schreckhaften Bewegung zurück und blickte hinüber zu den beiden Freunden. Auch sie hatten die alarmierenden Worte vernommen.

„Sie sind obdachlos,“ sagte der Kommerzienrat.

Jacobsens Hand klatschte auf die Lehne. „Woher ... Woher ...“

Der Kommerzienrat zog den goldenen Chronometer. „Alle Züge sind fort. Und Ihr Gepäck ist natürlich mit. Sie haben kein Stück mehr hier in Berlin.“

Jacobsen bestätigte diese Vermutung.

„Also, das ist grossartig. Soll ich Ihnen die Wahrheit sagen? Ich habe schon ans Hotel Adlon telephoniert, dass Sie heute dort übernachten werden. Und draussen steht ein kleiner Koffer, fertig gepackt mit dem Notwendigsten, was der Mensch so braucht. Das hatten Sie nicht erwartet, was?“

„Nein,“ sagte Jacobsen.

Die beiden Freunde zündeten sich eben beruhigt Zigarren an von Dimensionen, die sie noch vor zwei Stunden nicht für möglich gehalten haben würden. Jacobsen sah ein, dass er über ihre Haltung wachen müsse. Er erhob sich ein ganz klein wenig unsicher.

„Lieber Kommerzienrat. Ich bin wahrhaftig müde. Wenn Sie also nichts dagegen haben ...“

„Aber wie sollt’ ich! Das Auto steht vor der Tür. Ich begleite Sie selbstverständlich.“

Während sie die Treppe hinuntergingen, sagte der Kommerzienrat: „Sehen Sie mal.“ Dabei streichelte er zärtlich seine Hose. „Kennen Sie das?“

Fritz kannte es nicht, und er verstand überhaupt nicht, was Herr Sudicatis meinte.

„Vandergult. Weberei Vandergult. Alles Vandergult.“

„Ach so. Natürlich.“

Der kleine Koffer mit dem Notwendigsten erwies sich als ein rindledernes Ungetüm mit tausend Dingen, von denen die drei bisher nur zum Teil gehört hatten: vom seidenen Oberhemd bis zu den glacéledernen Slippers fehlte nichts. Daneben Necessaires in allen Grössen, mit so vielen Scheren, Bürstchen, Feilen, dass Hieronimy sofort innerlich seine Taxation fertig hatte: Gesamtwert unter Brüdern 1000 bis 2000 Mark.

Das Auto hielt vor dem nächtlichen Hotel. Ein Spalier sich tief verneigender Livrierter empfing Herrn Vandergult aus Newyork, der inzwischen auch für seine beiden Geschäftsfreunde — sie hatten ihre Anschlüsse nach auswärts ebenfalls versäumt — Zimmer verlangt hatte.

In dicken Läufern ertrank der Lauf ihrer Schritte. Lichtsignale dirigierten geräuschlos einen Stab gehorsamer Diener — weisse Türen öffneten sich, führten in schimmernde Gemächer voll Duft und Glanz und Farbe. Seidene Frauenröcke knisterten, leuchtende Augen musterten voll unterwürfiger Neugier den interessanten Gast, dessen Name wohl schon durch das Haus schwirrte.

Bei einer Flasche Burgunder sassen die drei zusammen auf Jacobsens Zimmer und besprachen die Ereignisse dieses seltsamen Tages. Aber ihren müden Händen entfielen die dampfenden Zigarren, und ihre Hirne, überanstrengt, verwirrt und überwältigt von den unfassbaren Dingen dieser Stunden, waren nicht imstande, Neues aufzunehmen. „Und dann Klante-Konzern,“ sagte eben Hieronimy und blickte sich um.

Keiner antwortete; die beiden lagen in ihre Sessel zurückgelehnt und rührten sich nicht.

Da machte auch er sich’s bequem. Und während er noch behutsam die Zigarre auf dem Lederbezug des Schreibtisches auslöschte, schlief er ein.

Fritz Jacobsen — nein: Cornelius Vandergult, sass am Fenster und frühstückte. Unten, auf dem Asphalt der Strasse Unter den Linden brauste hundertfältig das Leben der Grossstadt vorüber. Autos jagten, Schutzleute kommandierten, der Menschenstrom wogte, staute sich, ebbte in die Seitenstrassen, zerrann, flutete aus neuen Kanälen wieder herein. Drüben, auf der französischen Botschaft, wehte die Trikolore.

Der Kellner, dessen Schritt völlig unhörbar war, hatte eben den Teller mit den Überresten des gebratenen Fisches mit einer neuen Schüssel vertauscht: Porridge. Er schob mit einer zärtlichen Bewegung den Streuzucker heran und schenkte, immer mit dieser streichelnden Lautlosigkeit, den Kaffee ein, dessen Aroma das Zimmer bereits kräftig und verheissungsvoll erfüllte.

„Was ist das eigentlich für ein Lärm da draussen?“

Der Kellner lächelte diskret.

„Ich höre es schon seit einer halben Stunde. Einmal war es mir, als ob hier jemand an die Tür klopfte.“

„So ist es, Mr. Vandergult. Der Lärm gilt Ihnen.“

„Wieso?“ fragte Jacobsen verwundert.

„Hm. Nämlich Mr. Vandergult: es sind Bittsteller, die darauf warten, dass ... dass Mr. Vandergult das Zimmer verlässt.“

„Bittsteller ... Also Leute, die Geld haben wollen?“

„So ist es.“

„Sagen Sie den Leuten, ich hätte selber nichts.“

Der Kellner versuchte, ein todernstes Gesicht zu machen. Aber es gelang ihm nicht; er platzte heraus: „Das werden sie mir wohl nicht glauben, Mr. Vandergult. Aber ich werde die Leute fortschicken.“

Der Kellner verschwand. Man hörte draussen einen Wortwechsel und das Geräusch von trippelnden, widerwillig sich entfernenden Schritten.

Die Tür ging auf; es waren Reimers und Hieronimy.

„Also das war ein Frühstück!“ Reimers warf sich in den Sessel und streckte sich mit einer glückseligen Gebärde aus. „Es wird ja nun in einer halben Stunde aus sein mit der Herrlichkeit, taxiere ich. Aber ich kann sagen, zwei Tage halt’ ich’s aus. So viel habe ich eingepackt. Mein Gott, was es hier alles gibt! Und das nennen sie das kleine Frühstück.“

„Es ist eben englisches Breakfast,“ sagte Hieronimy belehrend. „Die Weintrauben habe ich gegessen; die Bananen und Äpfel habe ich mir auf alle Fälle eingesteckt. Und dann habe ich mir überlegt: die Zuckerschalen und die Zuckerzangen sehen mir verteufelt nach echtem Silber aus. Was meint ihr, wenn man ...“

„Du bist wohl ganz von Gott verlassen,“ tadelte Reimers. „Mach’ Jacobsen keine Unehre.“

„Reimers hat recht,“ sagte Jacobsen. „Verlier nicht den Kopf. Wenn Herr Vandergult oder seine Freunde hier Zuckerschalen einstecken, dann ist es natürlich auf der Stelle aus mit der Herrlichkeit. Also tu mir den Gefallen und beherrsch’ dich. Hier, steck’ dir eine Zigarette an.“

„Woher hast du denn die?“

„Ich hab’ mir eine Schachtel zum Frühstück mitkommen lassen.“

„Wissen möchte ich,“ sagte Reimers sinnend, indem er eine von den Korkgetippten aus der Schachtel nahm, „wie das enden wird.“

„Ja.“ Hieronimy nahm sich zwei Zigaretten. „Wer soll zum Beispiel eigentlich den ganzen Kram bezahlen?“

„Das weiss ich auch nicht. Vielleicht der Kommerzienrat. Oder sonst — was kann uns passieren? Sie sollen uns einsperren. Schlechter als im Tiergarten ist es auf dem Alexanderplatz auch nicht, denke ich.“

„Alexanderplatz,“ nickte Hieronimy. „Draussen stehen zwei Herren. Die sehen mir akkurat so aus, als wenn ... als ob ...“

„Warum kommen sie nicht herein?“

„Wird schon werden.“ Eben erschien der Kellner, um abzuräumen.

„Was sind das für Herren da draussen? Haben Sie ihnen nicht gesagt, dass ich ...?“

„Gewiss, Mr. Vandergult, ich habe ihnen gesagt, Sie hätten keine Zeit.“

„Nun, und? Warum gehen sie nicht?“

„Ich weiss auch nicht. Sie haben mir geantwortet, sie hätten Zeit.“

„Na also,“ nickte Hieronimy. Dann gab er Reimers heimlich ein Zeichen; die beiden schlenderten mit nervöser Langsamkeit zum Zimmer hinaus.

Die unbehagliche Stimmung eines beginnenden Katzenjammers lagerte sich über den Raum. Eben erreichten die ersten Strahlen der jungen Morgensonne die äussersten Winkel. Sie füllten sie mit tropfendem Gold, und die leuchtenden Streifen wurden sichtlich breiter. Wie herrlich war das Leben! War es nicht doppelt furchtbar, nach einer Nacht in diesen Räumen wieder hinaus zu müssen in Dunkelheit und Armut?

Es klopfte.

„Herein!“

Es war ein Boy in Livree.

„Was wünschen Sie?“

„Ihr Auto steht unten, Mr. Vandergult.“

„Was für ein Auto?“

„Ihr Auto.“

„Woher kommt es? Wer schickt es?“

„Das weiss ich nicht, Mr. Vandergult.“

Also schön. Warum nicht ja sagen zu allem, was sich bot? Diese Minuten des Glücks waren kurz bemessen, und jede Wendung, die den Rausch verlängerte, war ein Gottesgeschenk, das ein armer Teufel nicht zurückweisen durfte.

Da waren die beiden Herren. Sie sahen in der Tat aus, wie ... wie ... Hieronimy hatte wohl einen scharfen Blick für so was. Sie sahen ihm entgegen mit jener sachlichen Neugier, die nichts und alles sagte. Nun war er bei ihnen angelangt. Jetzt würden sie die Hände ausstrecken nach ihm; jetzt war es aus.

Nichts dergleichen geschah. Die beiden Herren griffen à tempo nach den Hüten. Sie machten stumme Verbeugungen und traten einen halben Schritt zurück, um ihn ungehindert passieren zu lassen.

Aber sie blieben stehen.

Kellner und Boys salutierten; untertänig grüssten die Herren an der Rezeption. Ein paar Mützentragende stürzten an den Drehausgang. Draussen nahm ihn der Portier in Empfang und geleitete ihn, einen halben Schritt hinter ihm bleibend, an die Bordschwelle.

Dort stand eine lackglänzende Limousine.

Es war wie im Märchen.

Die Tür des Autos öffnete sich von innen. Ein Herr im Pelz stieg aus.

Jacobsen wusste sofort, dass er dieses Gesicht kannte. Und dann erinnerte er sich: es war der Herr, der gestern im Auto an ihm vorübergefahren war, an der Seite jener schönen Halbweltdame.

„Herr Vandergult? Sie kennen mich nicht. Mein Name ist Oskar Richwald. Ich bin der bekannte Filmfabrikant. Nur eine Stunde, Herr Vandergult, nicht mehr. Wir fahren nur eben ins Atelier am Zoo. Dort drehe ich meinen grossen Welt-Monumental-Film: ‚Das Trikot-Paradies‘. Ich will nichts von Ihnen, Herr Vandergult. Sie sollen es sich bloss ansehen. Heute ist die grosse Szene, wo fünfhundert junge Damen im Paradies erscheinen; Kleidung völlig paradiesisch. Es wird Ihnen gefallen, es sind die fünfhundert schönsten Mädchen des Kontinents. Mit nichts bekleidet als ihrer Unschuld tanzen sie den grossen Reigen der Keuschheit. Das ist fabelhaft! Das müssen Sie sehen! Wenn es Ihnen gefällt ... na ja, dann sagen Sie eben Ja.“

„Wieso Ja?“

„Dann legen Sie hunderttausend Dollars ein. Oder sagen wir: fünfzigtausend Dollars.“

„Und wenn es mir nun nicht gefällt?“

„Dann haben Sie zwei Stunden etwas Schönes gesehen.“

Das Auto setzte sich bereits in Bewegung.

„Ich glaube kaum, Herr Richwald, dass ich in der Lage sein werde, mich mit fünfzigtausend Dollars zu beteiligen.“

„Aber wir wollen gar nicht davon reden. Sie sind mein Gast. Lassen Sie diesen Rausch der Schönheit an sich vorüberziehen; nach drei Stunden fahre ich Sie wieder heim.“

Die Hardenbergstrasse! Wie ganz anders wirkten diese Häuser, dieser Asphalt, diese Menschen, wenn man sie durch die Scheiben eines herrschaftlichen Autos betrachtete. Hier war er gestern, mit zerrissenen Schuhen, an der Seite von Reimers und Hieronimy getrabt!

Fünfzig Jupiterlampen leuchteten auf, als er an der Seite des Filmdirektors das Atelier betrat. Blühende Frauenschönheit leuchtete ihm entgegen — fünfhundert junge Schönheiten, die durch nichts als durch die Temperatur des Ateliers gegen Erkältung geschützt schienen. Der Reigen der Keuschheit verzichtete auf eigentliche choreographische Ambitionen — aber fünfhundert schimmernde Frauenkörper waren ihrer Wirkung sicher. Vandergult konnte dies nicht leugnen, als es ihm der Direktor zuflüsterte; übrigens flüsterte er so, dass man in den entferntesten Winkeln des Ateliers jedes Wort bequem verstand.

„Nun kommt erst was Schönes,“ sagte er.

Alles blickte zu Vandergult hinüber: interessiert, gespannt, erwartungsvoll, halb siegessicher, halb ängstlich. Er hatte das Gefühl, dass dieser Raum mit allem, was darin war, sich ihm zu Füssen lege. Dass er nur die Hände auszustrecken brauche — dass Macht, Erfolg, Reichtum, Glück demütig des Herrn warteten, der sie mit seinem Griff zwang.

Dann kam Bianca Bell. Die Diva.

Fritz Jacobsen — Cornelius Vandergult erkannte auf den ersten Blick die Dame von gestern; in dieser selben Haltung hatte sie sich an ihren Begleiter geschmiegt, als sie im Tiergarten an ihm vorübergefahren war. In der Kleidung unterschied sie sich erheblich von der pelzvermummten Erscheinung von gestern. Diese Dame schien in Extremen zu schwelgen: mal zuviel, mal zuwenig. Gleichwohl wirkte sie dezent, das kosige Rund ihrer Schultern und ihrer Hüften gewährte künstlerisches Entzücken.

Sie tanzte nicht schlecht. Hinter dem Apparat stand der Ballettmeister und dirigierte mit leiser, scharfer Stimme; ihre weichen Bewegungen folgten den Kommandos nachlässig und graziös.

Dann gingen die beiden Herren ins Bureau.

Der Direktor öffnete die Importenkiste. „Ich würde Sie selbstverständlich am liebsten zu einem guten Essen einladen, Herr Vandergult. Aber wir haben hier nur eine Kantine, und das ist wahrhaftig kein Raum, in dem man einen Vandergult bewirten kann.“

„Jawohl,“ sagte Fritz.

„Auch ist das Essen ein bisschen primitiv. Und nun will ich Sie mit keiner Silbe drangsalieren. Überlegen Sie, was Sie beschliessen wollen. Ich komme morgen früh zu Ihnen ins Hotel und hole mir Ihren Bescheid ab. Oder ...“ — ein schneller Seitenblick traf den Gast — „oder haben Sie vielleicht schon einen Entschluss gefasst?“

„Ja,“ sagte Vandergult. „Ich will Sie nicht hinhalten, Herr Direktor. Um es offen zu sagen: Ich bin bei weitem nicht so reich, wie Sie vermuten.“

Hier gestattete sich der Direktor einen kleinen Heiterkeitsausbruch.

Ich bin deshalb zu meinem Bedauern nicht in der Lage, mich an Ihrem Unternehmen zu beteiligen.“

Die Tür ging auf. Bianca Bell trat ein; in Zivil. „Herr Vandergult — meine Frau.“

Bianca ging mit einem Blick auf Vandergult zu, wie ihn Fritz Jacobsen in seinem bisherigen Leben nicht für möglich gehalten hätte. Das war kein Blick — das war ein Feuerstrahl. Was sage ich: ein Feuerstrahl? Das war ein Bombardement, das war eine Kanonade.

„Herr Vandergult will eben ins Hotel zurückfahren, mein Kind.“

„Das ist herrlich,“ antwortete Bianca. Auf den etwas erstaunten Blick Vandergults fügte sie erklärend hinzu:

„Ich muss nämlich nach der Friedrichstrasse. Wollen Sie mich bis zum Hotel mitnehmen?“

Der Direktor begleitete die beiden bis an den Wagen. „Wissen Sie, Herr Vandergult,“ sagte er, sich ängstlich zur Linken des erlauchten Gastes haltend, „man erkennt mit einem Schlage den smarten Amerikaner. Jeder Europäer hätte beim Anblick dieser fünfhundertundeinen Schönheit bestimmt die Besinnung verloren und hätte Ja gesagt. Sie erzählen mir von Ihren beschränkten Mitteln. Diese kühle Skepsis, Herr Vandergult, mit der Sie über den Dingen stehen, ist etwas, was wir euch nicht nachmachen. Meine Hochachtung, Herr Vandergult.“

„Jawohl,“ sagte Fritz.

Der kleine Ruck, mit dem das Auto anzog, genügte, um Bianca Bell so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass sie mitten auf Herrn Vandergult hinauffiel. Sie entschuldigte sich aber sofort und streichelte ihm, Verzeihung bittend, den Arm. Und, offenbar eingedenk ihrer schweren Mission, den Kampf mit der kühlen Skepsis eines Mannes aufzunehmen, der über den Dingen stand, lehnte sie das Köpfchen an seine Wange.

Eben fuhr das Auto über jene Stelle des Tiergartens, an der Fritz mit seinen beiden Kumpanen gestern diesem selben Wagen, dieser selben Insassin nachgestarrt hatte.

Trèfle duftete. Weicher Pelz streifte seine Hände, eine zärtliche Frauenwange lockte.

Plötzlich fing Bianca an zu weinen.

Ehrlich erschüttert wandte sich ihr Begleiter zu ihr herum. Es bedurfte mehrfacher Fragen, um sie zu einer Erklärung zu bringen. Aber auch dann war nicht sonderlich viel zu verstehen. Sie sei entsetzlich unglücklich.

Wieso, um Gottes willen?

Das könne sie ihm unter keinen Umständen verraten. Es wäre was mit ihrem Mann und so.

Sie möge Vertrauen zu ihm haben.

Sie werde jetzt kein Wort mehr sprechen. Seit einer Stunde wisse sie überhaupt erst, was Liebe sei. Ihr Mann sei eine Verirrung ihrerseits. Glücklicherweise sei er gar nicht ihr Mann. Bloss so. Es sei ihr also glücklicherweise durchaus Gott sei Dank die Möglichkeit gegeben; hier brach sie ab.

Fritz glaubte trotz ihrer unklaren Worte einigermassen zu wissen, was sie meine.

Das Auto fuhr durchs Brandenburger Tor.

Sie reichte ihm Abschied nehmend die Hand; eine neue unglückliche Bewegung des Wagens warf sie an seine Brust. Sie wollte sich losmachen; aus irgendeinem Grunde schien das nicht recht zu gehen. So begnügte sie sich damit, ihm ins Ohr zu flüstern:

„Wenn Sie mir noch länger so zureden, so würde ich am Ende gar vielleicht unter Umständen mit Ihnen hier hinaufgehen.“

Fritz konnte sich nicht erinnern, ihr zugeredet zu haben; aber sie verstand das wohl besser. So gab er ihr die nach seiner Meinung durchaus die Situation klärende Versicherung, dass er ihr in keiner Weise zu nahe zu treten gedenke, zumal er so gut wie verlobt sei.

Der Wagen fuhr langsamer. Bianca murmelte etwas von einer Beteiligung.

„Meine liebe gnädige Frau,“ sagte er, „auch wenn ich wollte, ich habe wirklich kein Geld, mich zu beteiligen.“ Hierauf brach sie in unbändiges Lachen aus, zog seinen Kopf mit einem Ruck an sich heran und küsste ihn. Und während er halb betäubt ausstieg, hörte er sie noch entsetzt rufen: „Was haben Sie getan?“

II

Die beiden Herren standen noch auf dem Korridor. Ihre Mienen waren noch immer von jenem amtlichen, halb gleichmütigen, halb energischen Ausdruck, und ihre Schritte hatten in diesen langen Stunden nichts von ihrer geräuschlosen Bestimmtheit eingebüsst. Sie sahen dem Ankömmling schweigend entgegen.

„Herr Vandergult?“ fragte der eine.

„Ja.“

„Darf ich Sie einen Moment auf Ihr Zimmer begleiten?“

„Ja,“ sagte Fritz.

Der Zimmerkellner eilte diensteifrig herbei und schloss auf. Dann zog er sich mit einer Verbeugung zurück, nicht ohne einen gewissen ahnungsvollen Blick auf das Gesicht des vierschrötigen Fremden zu werfen, der geschlagene vier Stunden auf dem Korridor gewartet hatte.

Der andere stand unbeweglich auf seiner Stelle, den Blick auf die Tür geheftet, hinter der die beiden verschwunden waren.

„Bitte nehmen Sie Platz,“ sagte Fritz.

„Danke. Sie erlauben wohl, dass ich stehen bleibe.“

Fritz antwortete nicht.

„Sie werden sich vielleicht gewundert haben, dass wir einen halben Tag lang draussen herumgestanden haben. Es hat seine guten Gründe, Herr Vandergult. Sie werden sofort alles erfahren.“

Er trat auf Fritz zu und legte ihm die Hände mit eisernem Griff auf die Schulter: „Mr. Vandergult — es ist das drittemal, dass ich den Sprung ins Glück wage.“

„Nanu,“ sagte Fritz.

„Das drittemal. Die beiden ersten Male bin ich zu kurz gesprungen. Reichen Sie mir Ihren Arm, dann komme ich hinüber über den Graben.“

„Darf ich vielleicht fragen ...?“

„Sofort. Das erstemal wollte ich Bankier des Zaren werden. Da wurde er abgesetzt. Das zweitemal stand ich in Verbindung mit Hugo Stinnes — da starb er. Heute gilt es. Wenn ich’s heute nicht schaffe, schaff’ ich’s nie.“

„Was denn eigentlich?“

„Machen Sie mich zu Ihrem Hofbankier, Herr Vandergult.“

Vandergult öffnete den Mund zu einer Antwort; aber sein Besucher liess ihn nicht dazu kommen. „Ich weiss, was Sie sagen wollen. Ich weiss, dass drei Bankiers unten in der Halle sitzen und warten. Ich bin der erste; ich habe dem Etagenkellner hundert Mark gegeben. Ich weiss, was Sie sagen wollen: Sie brauchen für Ihre Geschäfte den Bankier Rothermel nicht.“

„Na also,“ sagte Vandergult.

Herr Rothermel schien einen furchtbaren innerlichen Kampf mit sich selbst auszufechten. „Was kann ich bloss tun, um Ihnen ein Interesse an meinen Propositionen zu bieten? Das einzige, was ich habe, ist Geld. Und damit ist Ihnen natürlich nicht beizukommen.“

„Natürlich nicht,“ sagte Vandergult.

„Ich würde an Ihr gutes Herz appellieren; aber ich weiss, das ist geschäftlich unfair. Und ausserdem macht es, glaube ich, auf einen Amerikaner keinen Eindruck. Also was um Gottes willen soll ich tun?“

„Ich kann Ihnen nicht helfen, Herr Rothermel.“

„Sie zwingen mich zum Äussersten.“

Voll Spannung blickte Vandergult auf den Bankier. Dieser machte ein entschlossenes Gesicht; dann ging er zum Erstaunen Vandergults mit schnellen Schritten zur Tür hinaus.

Gleich darauf öffnete sich die Tür wieder. Aber es war Reimers.

„Wir müssen Schluss machen. Die Geschichte wird brenzlig.“

„Wo ist Hieronimy?“

„Der ist schon ausgerückt. Wir sitzen hier vorm Rest.“

„Ja,“ sagte Fritz, „dann heisst es wohl scheiden. In welchem Hotel werden wir heute Nacht schlafen?“

„Im Hotel zum Tiergarten, denke ich. Dritte Bank links von der Siegesallee. Sieh hier, es fängt an zu regnen. Ach du, Fritz, das war ein schöner Tag, den ich dir verdanke.“

„Mir?“

„Du hast doch den grossartigen Einfall gehabt, mit den Anzügen. Du bist ein famoser Kerl. Wir bleiben zusammen, Fritze! Wir werden die Augen offen haben, da müsst’ es mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht zwei jungen Kerls wie uns eines Tages glücken sollte. Bloss Kurage. Komm, Fritze.“

Es klopfte.

„Das ist der Kellner mit der Rechnung.“

Nein, es war nicht der Kellner. Und es war auch keine Rechnung. Es war Herr Rothermel, der Bankier.

„Ich sehe, Sie haben schon wieder eine neue Konferenz, Herr Vandergult. Keine Angst, in einer Sekunde bin ich wieder draussen. Also hier mein Vorschlag: hier ist eine Million in bar. Bitte, widersprechen Sie nicht; ich halte mir die Ohren zu, ich will kein Wort hören. Nehmen Sie die Million, behalten Sie sie, machen Sie damit, was Sie wollen. Ich bestelle jetzt neue Briefbogen: das Bankhaus J. C. Rothermel vertritt die europäischen Interessen des Hauses Cornelius Vandergult. Bitte, widersprechen Sie nicht, lassen Sie mich machen, was kann Ihnen passieren?“

„Ich bin vorläufig sprachlos, Herr Rothermel.“

„Gott sei Dank; ich flehe Sie an, bleiben Sie’s. Verbuchen Sie das Geld als Beteiligung meines Bankhauses an Ihren Unternehmungen.“

„Wenn meine Unternehmungen nun nichts einbringen?“

„Das ist ein guter Witz. Ich vertraue Ihnen. Wenn Sie fallen, will ich gern mitfallen. Werden Sie nicht bös, das ist natürlich nur ein Scherz. Es geht mich natürlich gar nichts an, für was für Unternehmungen Sie das Geld verwenden; geben Sie’s privat aus, wie Sie wollen. Ich will nur mit Recht und mit gutem Gewissen sagen können, dass ich Ihr Bankier bin. Sagen Sie nicht Nein. Draussen steht mein Kompagnon. Wenn ich mit der Million in der Hand zurückkomme, zieht er sein Geld aus dem Geschäft. Nehmen Sie die Million, und Sie haben einen Menschen glücklich gemacht.“

„Zwei Menschen.“

„Zwei Menschen, natürlich: meinen Kompagnon auch. Und nun Adieu, Herr Vandergult. Auf Wiedersehen! Leben Sie wohl! Vielen Dank.“

Draussen war er.

Jonny Reimers ging langsam durch das Zimmer. Nein, er ging nicht; er schlich, er hinkte, er kroch. Dann liess er sich in einer ganz merkwürdigen Haltung, wie sie Jacobsen noch nie an einem Menschen gesehen hatte, in den Sessel fallen. Und mit völlig überwältigter Stimme fragte er:

„Sag’ mal: was bedeutet das?“

‚Vandergult‘ warf einen scheuen Blick auf die Banknotenbündel, die den Tisch bedeckten; langsam wandte er das Gesicht zur Tür, durch die eben Herr Rothermel verschwunden war. Zögernd drehte er den Kopf dem Freunde zu.

„Ich weiss es auch nicht, Jonny. Ich hab’ mich zum Spass auf ein altes Gerümpel gesetzt. Und nun sehe ich: Das ist gar kein altes Gerümpel. Das ist eine Flugmaschine, die mich in die Höhe trägt, ob ich will oder nicht.“

Jonny ging mit gesträubten Haaren wie ein furchtsamer kleiner Hund auf den Tisch zu und betrachtete mit grossen, angstvollen Augen das Geld.

„Fritze, sag’ mal, ist das nun wirklich und wahrhaftig Wahrheit? Bin ich das, Jonny Reimers vom Stubbenhuk in Hamburg, bist du das, Fritz Jacobsen — und stehen wir hier beide wirklich und wahrhaftig im Hotel Adlon in Berlin in unserem Hotelzimmer? Und vor uns auf dem Tisch liegt eine Million? Fritze, Fritze, bin ich verrückt oder träum’ ich? Oder bin ich vielleicht derartig besoffen, dass ich überhaupt nicht mehr weiss, was oben und unten ist? Und, sag’ mal, vielleicht wach’ ich jetzt in zwei Minuten auf, und es ist ein Schutzmann, der mich am Arm rüttelt, und ich lieg auf einer Bank im Tiergarten?“

„Nein, Jonny. Es ist alles Wahrheit.“

„Ja, aber das ist doch gar nicht möglich! Wir beiden armseligen stellungslosen Adressenschreiber lümmeln uns in Klubsesseln und wühlen im Geld?“

„Ja, Jonny.“

„Aber ich versteh noch immer nicht ... Wann und warum ... wenn er nun gleich wiederkommt und das Geld zurückholt?“

„Der kommt nicht wieder. Der ist froh, wenn ich es behalte.“

„Gibt’s denn so was auf der Welt? Ein Mensch kommt zur Tür herein und fleht dich an, du sollst ihm eine Million abnehmen? Und rückt aus, weil er Angst hat, du könntest ihm die Million an den Kopf werfen? Ist denn die Welt verrückt, oder bin ich bloss so dumm?“

„Die Welt ist verrückt, Jonny. Sie läuft denen nach, die Erfolg haben. Und sie tritt die mit Füssen, die unten sind. Nun sag’ mal selbst, hättest du das Geld zurückgewiesen?“

„Das war doch gar nicht möglich. Ich glaube, der Mann hätte sich vor unseren Augen erschossen. Du hättest sagen können, was du wolltest — er hätte sich die Ohren zugehalten und wär hinausgelaufen. Nein, Fritze, das Geld gehört dir, das kann ich beschwören.“

„Ja, was machen wir denn nun damit?“

„Wir ist gut. Du bist der Besitzer.“

„Wir gehören zusammen.“

„Ich will dir mal was sagen, mein Junge: sei nicht dumm. Vor allem sei nicht leichtsinnig. Es ist gut von dir gemeint, und wenn du willst, so bleiben wir auch beisammen. Aber das Geld gehört dir. Wenn wir gemeinsam mit diesem Geld vielleicht mal neues Geld verdienen, dann kannst du mich dran beteiligen.“

„Auf alle Fälle bleiben wir beisammen. Du hast es selbst gesagt: wenn wir beide gemeinsam den Kampf aufnehmen, muss es gelingen.“

„Du hast jetzt nicht mehr nötig zu kämpfen.“

Fritz zog eine von den Banknoten aus dem Häufchen und betrachtete sie wohlgefällig. „Es kann ebenso schnell wieder vorbei sein, wie es gekommen ist. Und dann geht die Hetze los.“

„Ich habe hier im Hause eine Bar gesehen. Mit zwei Reihen Flaschen, weisst du? Und einen Mixer und solche Sachen. Wenn wir eine Stunde in dieser Bar gesessen und ein bisschen herumprobiert haben, werden uns die Dinge viel einfacher erscheinen.“

„Das ist eine gute Idee.“

Während sie die Treppe heruntergingen, bemerkte Jonny schüchtern: „Ich möchte Hieronimy holen.“

„Der hat uns doch im Stich gelassen.“

„Er hat’s eben mit der Angst gekriegt. Das kann man ihm schliesslich nicht übelnehmen.“

„Weisst du denn, wo er ist?“

„Ja“

„Also geh’ schon und hol’ ihn.“ — — —

Der Mixer kam mit der Karte. „Vielleicht einen Martini?“

„Einen Martini.“

Vandergult hatte kaum das Stückchen Zitronenschale vom Glasrand entfernt, als neuer Besuch erschien: Herr Oskar Richwald, der Filmdirektor, begleitet von Bianca Bell.

„Grüss Gott. Hier sind meine Verträge. Mit Gaumont-Paris und hier: mit Laemmle-New York. Die ganze Produktion abgeschlossen. Und nun, klipp und klar, wollen Sie sich beteiligen?“

„Wieviel brauchen Sie?“ sagte Vandergult vornehm.

„Fünfzigtausend Dollars.“

„Gut. Ich beteilige mich.“

„Famos,“ sagte Herr Richwald erfreut. „Das ist ein Wort. Wie sagtest du, Bianca?“

„Ich sagte nichts.“

„Was glauben Sie, was für ein Relief uns das gibt: das Haus Vandergult als Kommanditist meiner Filmfabrik!“

„Das wäre mir weniger erwünscht, Herr Richwald,“ sagte Vandergult erschrocken. „Im Gegenteil, ich muss Sie bitten, die Tatsache meiner Beteiligung diskret zu behandeln.“

Herr Richwald machte ein völlig verständnisloses Gesicht.

„Ich liebe es nicht, in der Öffentlichkeit genannt zu werden,“ fügte Vandergult erklärend hinzu.

Herr Richwald zog eine Zeitung. „Aber Ihr Name steht doch fettgedruckt als Äberschrift im Abendblatt.“

„Um Gottes willen!“

Herr Richwald lächelte bewundernd. „Wahrer Reichtum ist doch immer bescheiden.“

„Was steht denn in der Zeitung über mich?“ erkundigte sich Vandergult.

„Nun: die Redaktion meldet, dass es dem Bankhaus J. C. Rothermel gelungen ist, eine Interessengemeinschaft mit dem Haus Cornelius Vandergult in New York einzugehen. Die Meldung macht natürlich grosses Aufsehen. Das bedeutet für dieses unscheinbare Bankhaus“ — Herr Richwald konnte sich nicht enthalten, ein wenig vorwurfsvoll dreinzublicken — „natürlich einen Aufstieg zu ungeahnten Höhen.“

„Soso,“ murmelte Vandergult. „Zu ungeahnten Höhen.“

Eben kamen Reimers und Hieronimy. Reimers hielt das Blatt in der Hand und deutete verstohlen auf die fettgedruckte Äberschrift; ebenso verstohlen nickte Vandergult ihm zu, zum Zeichen, dass er bereits wisse. „Und nun müssen Sie mich entschuldigen, Herr Richwald, ich habe mit diesen Herren noch zu sprechen.“

„Das ist schade,“ bedauerte der Filmdirektor. „Es ist hier so behaglich; wir hätten eigentlich ... Wie sagtest du, Bianca?“

„Ich sagte nichts.“

Aber der glühende Blick, der Herrn Vandergult traf, als Bianca mit ihrem Gatten an ihm vorüberrauschte, liess erkennen, dass sie, wenn auch vielleicht nichts gesagt, so doch zum mindesten allerhand gedacht hatte.

„Dein Name steht mitten über der Zeitung.“

„Ich weiss schon.“

„Du, das ist gefährlich.“

Hieronimy mischte sich ins Gespräch. „Ich hab’ im Vorbeigehen den Portier nach den Zügen gefragt: London Punkt 9 Uhr vom Bahnhof Friedrichstrasse. Paris 11 Uhr 22 Minuten vom Anhalter Bahnhof.“

„Also London,“ entschied Vandergult. „Ich möchte zahlen.“

„Die Anzüge,“ erinnerte Reimers.

„Richtig. Wir werden uns in London neue kaufen und sie zurückschicken. Oder noch einfacher, wir gehen jetzt in irgendeinen Laden in der Friedrichstrasse und equipieren uns. Das Geschäft kann dann die Rücksendung ...“

„Am einfachsten ist es, wir schmeissen die Anzüge ins Wasser,“ riet Hieronimy.

Aber die beiden andern stimmten für gewissenhafte Erfüllung des Paktes.

Neunzehn Pferde lagen im Endspurt. In Epsom, dem klassischen Rennplatz Englands. Neunzehn Pferde; und der Favorit hiess „Minnehaha“.

Die Stute „Minnehaha“ gehörte dem Stall Vandergult.

Die drei sassen atemlos, erdrückt von der vieltausendköpfigen Menge, mitgerissen in den Rhythmus des ungeheuren Ringens. Sie schrien mit. Sie tobten mit. Sie fuchtelten mit. Am meisten schrie, tobte und fuchtelte Fritz Jacobsen. Denn, so ist der Mensch, er hatte sich völlig in die Vorstellung hineingelebt, Vandergult zu sein — und der Besitzer dieser Stute „Minnehaha“ zu sein.

Richtig: „Minnehaha“ siegte.

Während das Johlen und Toben und Trampeln wie eine irrsinnige Sinfonie zum Himmel stieg, wand sich ein Boy mit der Mütze „Cecil Hotel“ durch die Gruppen. Er hielt ein kleines Kuvert in der Hand: ein Telegramm. Und er rief unausgesetzt irgend etwas, was im allgemeinen Toben völlig verloren ging.

Dann, als das Geschrei ein wenig abflaute — sozusagen in einer akustischen Lücke, die plötzlich entstand — vernahm man deutlich, was der Junge schrie:

„Ein Telegramm für Mr. Vandergult!“

Fritz Jacobsen stand auf und winkte mit der Hand. A tempo hatte ihn der smarte Junge erkannt: „Hier, Mr. Vandergult, ein Telegramm für Sie!“

Das war das Signal für dreihundert bis fünfhundert Menschen, wie auf ein Kommando die Köpfe zu Jacobsen herumzuwenden. Der Name raunte sich fort durch die Reihen, flüsterte sich weiter von Bank zu Bank — zweitausend — fünftausend — achttausend Menschen starrten zu Fritz Jacobsen hinüber.

Eben wurde die Stute „Minnehaha“ zur Wage geführt. Da flogen, man hörte förmlich das Rauschen dieser einen einzigen vertausendfachten Bewegung — also in diesem Augenblick flogen unzählbare Hüte von den Köpfen, und der Ruf gellte über die Rennbahn von Epsom:

„Three Cheers for Cornelius Vandergult!“

Hieronimy und Reimers schnellten entsetzt von ihren Plätzen: Jacobsen nahm den Hut ab und erhob sich blutübergossenen Gesichts. Er öffnete den Mund, vielleicht in der ehrlichen Absicht, die Situation aufzuklären; aber nicht einmal Reimers und Hieronimy vermochten auch nur ein Wort zu verstehen. Denn das allgemeine Gebrüll hatte in verstärktem Masse wieder eingesetzt.

Dann, niemand vermochte zu sagen, auf wessen Geheiss, begann die Menge zu „Vandergults“ Standort vorzufluten. Barrieren krachten, ein paar verzweifelte Policemen versuchten sich der Strömung entgegenzuwerfen; aber sie waren wie jene kleinen Weidenzweige, die man warnend an seichte Stellen pflanzt: die Wogen rasten um sie herum, und nur durch kluges Biegen vermochten sie dem Umgerissenwerden zu entgehen. Und dann hatten die ersten Spritzer der Flut den Sattelplatz erreicht.

Wieder erschien ein tausendstimmiges „Cheer“; dann drangen ein paar beherzte Männer über die Barriere und nahmen Fritz Jacobsen alias Cornelius Vandergult auf die Schultern.

Nun war der Gipfel des allgemeinen Entzückens erreicht. Jacobsen lachte, sträubte sich, versuchte eine Ansprache oder dergleichen; aber nichts hatte Erfolg, nichts drang durch. Ja, er hatte das deutliche Gefühl, dass man jede seiner Gesten falsch verstand.

Es half nichts. Er musste mitmachen, wohl oder übel. Reimers und Hieronimy versuchten sich zu drücken; aber schon hatte Jacobsen ihren Fluchtversuch bemerkt, und sein beruhigendes Winken versöhnte sie mit der aufregenden und vielleicht nicht ganz gefahrlosen Situation.

„Wenn hier ein Pferd aus dem Stalle Vandergult gelaufen ist,“ sagte Hieronimy, „dann müssen doch Leute da sein, Stallmeister oder so was, die Vandergult kennen. Also läuft er jede Minute Gefahr, entlarvt zu werden.“

„Bei diesem entsetzlichen Tumult versteht man sein eigenes Wort nicht,“ lachte Reimers, „wie sollte es da der Stallmeister fertigbringen, sich bemerkbar zu machen?“

„Auf alle Fälle ist es eine verdammt unangenehme Geschichte. Wenn er schlau ist, benutzt er den nächsten unbewachten Moment, um loszukommen.“

Aber Jacobsen war nicht schlau. Oder, vielleicht, dass er Geschmack gefunden hatte an diesem Spiel mit der Gefahr. Oder, vielleicht war die Sache einfach so, dass sich der ersehnte Moment trotz allen Hoffens nicht einstellen wollte.

Der Lordmayor von London begrüsste Mr. Cornelius Vandergult. Und abends gab es ein Galadiner im Cecil-Hotel.

An der Tête der Tafel sass der gefeierte Gast der Stadt London, Cornelius Vandergult, bisher genannt Fritz Jacobsen; und ihm gegenüber am Ende der Tafel sass ein Herr, der ihm lächelnd mit dem Sektglas zuprostete, und dem man den Stolz ansah über die Ehre, dem reichsten Mann der Welt und dem Sieger von Epsom zutrinken zu dürfen.

Das war der Prinz William von Battenberg.

Während Cornelius Vandergult die Grape-Fruit verzehrte, die ihm die Viscountess Jermyn, seine Nachbarin zur Linken, mit ihren schlanken Händen bereitete, lief ein neues Telegramm ein: für Mr. Cornelius Vandergult. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er die erste Depesche noch uneröffnet in der Brieftasche trug.

Er riss beide auf: mit dem Dessertmesser, das ihm die Prinzess Royal Maud, seine Nachbarin zur Rechten, liebenswürdig reichte.

Beide waren vom Bankhaus I. C. Rothermel in Berlin. In dem ersten fragte er, Rothermel, an, ob Herr Vandergult geneigt sei, seinen Anteil an der Filmfabrik des Herrn Oskar Richwald zu verkaufen, selbstverständlich mit entsprechendem Nutzen. Und ob Mr. Vandergult weiter geneigt sei, ihn, Rothermel, zum Sachwalter für die Durchführung dieses Geschäfts zu ernennen. Das Gerücht, dass sich das Haus Vandergult an der Richwaldschen Filmfabrik beteiligt habe, habe die Aufmerksamkeit der Börse begreiflicherweise auf dieses Unternehmen gelenkt. Die Finanzwelt vermute hier ganz besondere Chancen — ein Vandergult wisse schon, was er tue!

Und in dem zweiten Telegramm drahtete Herr Rothermel: Da er noch keine Antwort empfangen habe, so sehe er, dass sein erstes Telegramm zu wenig konkret gewesen sei. Also klipp und klar: es liege ein Angebot vor, Herrn Vandergult seinen Anteil in Höhe von fünfzigtausend Dollars gegen eine sofortige Zahlung von einer halben Million Dollars abzukaufen. Um Antwort werde ergebenst gebeten.

Darauf liess sich Fritz Jacobsen von der Viscountess Jermyn ein Blatt Papier und von der Prinzess Royal Maud einen Bleistift geben und schrieb:

„Einverstanden.“

Hierauf reckte er den Arm nach hinten, und jemand kam mit einer devoten Verbeugung, nahm ihm das Telegramm ab und versprach absolut sofortige Beförderung.

Das war der Präsident des Königlichen Rennklubs.

Als Fritz Jacobsen spät in der Nacht den Hotelkorridor entlangschritt, öffnete sich behutsam die Tür des Zimmers, das neben dem seinigen lag. Heraus trat auf den Zehenspitzen ein Mann.

Es war Hieronimy.

„Was hast du da gemacht?“

In Hieronimys Gesicht stieg Verlegenheit auf, aber unter dem strafenden Blick des Freundes mochte sie sich in herausfordernden Trotz verwandeln.

Er öffnete die Hand. Eine Brillantbrosche blitzte darin.

„Hast du die gestohlen?“

„Aber feste.“

„Wer wohnt hier?“

Hieronimy zuckte, verdrossen widerstrebend, die Achseln. „Die Gräfin Demidow.“

„Augenblicklich legst du diese Brosche wieder da hin, wo du sie hergenommen hast.“

Hieronimy trat einen Schritt zurück und mass Jacobsen von oben bis unten mit einem bösen Blick. „Sag’ mal, sprichst du eigentlich im Ernst, oder machst du Ulk?“

„Ich spreche im Ernst,“ antwortete Jacobsen drohend, „Bringe den Schmuck zurück, sage ich dir.“

Hieronimy schlug eine Lache an. „Und das sagst du — ein Schwindler?“

Eine Blutwelle stieg Jacobsen ins Gesicht. Eine schwere und drohende Pause legte sich zwischen die beiden.

„Ich bin kein Schwindler,“ sagte Jacobsen endlich. „Ich habe kein Wort der Unwahrheit gesprochen, ich habe niemals behauptet, Vandergult zu sein. Man hat mich in diese Dinge hineingedrängt. Gegen meinen Willen. Das weiss keiner so genau wie du.“

Wieder lachte Hieronimy auf. Das brachte Jacobsens Blut in Wallung; er packte jenen bei der Schulter, um ihm den Schmuck zu entwinden.

Ein Schritt klang auf. Es war eine Dame, die einen erstaunten Blick auf die beiden warf und plötzlich befremdet stehenblieb. „Was suchen Sie in meinen Zimmern?“

„Sind Sie die Gräfin Demidow?“ fragte Jacobsen.

„Allerdings.“

„Ich habe einen Dieb abgefasst — sehen Sie hier.“

„Das ist mein Eigentum.“

„Bestimmen Sie, was mit diesem Mann geschehen soll, Frau Gräfin.“

„Lassen Sie ihn laufen. Er wird schon einmal an den Unrechten kommen,“ sagte die Gräfin. „Lassen Sie ihn laufen. Und haben Sie vielen Dank, mein Herr.“

Hieronimy ging den Korridor hinunter, dem Ausgang entgegen, seinen Zimmern zu. Jacobsen holte ihn mit ein paar schnellen Schritten ein. „Du packst deine Sachen und verlässt augenblicklich das Hotel. Mit einem Verbrecher habe ich nichts gemein.“

Hieronimy richtete seine dunklen, glänzenden Augen auf den Weggenossen, der ihm so unvermittelt den Abschied gab — aus Gründen, die er nicht begriff, die ihm ein Vorwand dünkten, bestimmt, sich eines lästigen Kostgängers zu entledigen. In der Tiefe seines verschleierten Blicks glomm ein böses Licht auf. „Und wenn ich nun nicht gehe? Was kannst du mir tun?“

„Das will ich dir sagen, mein lieber Freund. Wenn du in einer Viertelstunde nicht verschwunden bist, telephoniere ich an die Polizei.“

„Und wenn ich den Leuten nun erzähle, wer Herr Cornelius Vandergult in Wirklichkeit ist?“

„Dann bringt man dich zur Beobachtung deines Geisteszustandes in eine Irrenanstalt.“

„Also gut,“ sagte Hieronimy. „Du bist jetzt oben; da gibst du mir einen Fusstritt. Das hätte ich mir gleich denken können.“

„Das lügst du. Du weisst genau, dass es eine Lüge ist. Ich trenne mich von dir, weil ich mit einem Verbrecher mein Leben nicht teilen will.“

Er zog die Brieftasche. „Hier hast du fünfhundert Pfund. Wenn du vernünftig bist, kannst du damit irgend etwas anfangen.“

Hieronimy warf einen finsteren Blick auf das Geld. Zögernd nahm er die Hand aus der Tasche; zögernd streckte er sie nach dem Gelde aus. „Wenn du meinst, dass du mich nun los bist, mein Lieber, dann irrst du dich. Du sollst an mich denken, das gebe ich dir schriftlich. Hans Hieronimy lässt sich nicht beiseite schieben. Frag’ mal den dicken Tommy Taylor in Brooklyn. Der wollte es auch so mit mir machen; und dabei bin ich es, der ihm zu seiner Kneipe in der zweiundfünfzigsten Strasse verholfen hat. Sie haben ihn noch gerade aus dem Hudson gefischt; zwei Sekunden später hätte es ihm nichts mehr genützt. Es hat mich drei Jahre Sing Sing gekostet; nun schön.“

„Mach’, dass du fortkommst.“

*

Pünktlich um halb neun am nächsten Morgen richtete der Hotelkellner das tägliche Bad.

„Was gibt es Neues?“

„Ein Herr wartet.“

„Wie heisst er? Was will er?“

„Ein Mr. Higgins. Es scheint etwas Wichtiges zu sein, was er von Ihnen will, Mr. Vandergult. Er ist sehr aufgeregt.“

„Hat er ein anständiges Trinkgeld gegeben?“ erkundigte sich Vandergult lachend.

„Der,“ sagte der Kellner geringschätzig mit einer Daumenbewegung über die Schulter. „Der trägt ja Zugstiefel.“

„Was hat das mit den Stiefeln zu tun?“

„Verzeihung, Mr. Vandergult.“

„Reden Sie nur. Das interessiert mich.“

„Ja, die Sache ist nämlich so. Leute mit Zugstiefeln geben überhaupt keine Trinkgelder.“

„Nanu?“

„Es ist so, Mr. Vandergult. Da können Sie jeden Kollegen fragen. Glauben Sie mir;“ seine weiteren Worte waren unverständlich, denn platschend ergoss sich das Wasser in die Wanne.

Als es wieder ruhig wurde, sagte Vandergult: „Ich habe inzwischen meine Stiefel Revue passieren lassen. Gott sei Dank, es sind keine Zugstiefel darunter. Ich darf also hoffen, dass ich vor Ihren Augen bestehen kann.“

„Oh, Mr. Vandergult! Nehmen Sie mir das offene Wort nicht übel. Es ist mir nur so entschlüpft.“

„Wie kommt es denn, dass Leute mit Zugstiefeln ...“

„Das weiss ich auch nicht. Es ist ein anderer Schlag. Glauben Sie mir, in unserem Beruf lernt man Menschen kennen. Am liebsten sind mir Gäste, die glattrasiert sind wie Mr. Vandergult.“

„Was, damit hat es auch eine besondere Bewandtnis?“

„Aber freilich. Männer mit Vollbärten geben keinen Penny.“

„Das ist ja grossartig.“ — — —

Mr. Higgins, der eine halbe Stunde später in den kleinen Salon eintrat, trug in der Tat Zugstiefel. Er sah Mr. Vandergult mit einem festen Blick aus seinen runden Augen ins Gesicht. Und schob den Hut ein wenig in den Nacken.

„Guten Tag, Mr. Higgins,“ sagte Vandergult. „Wie geht es Ihnen?“

Mr. Higgins schien über derlei belanglose Redensarten erhaben. Er trat auf Vandergult zu — so energisch, dass dieser einen halben Schritt zurückwich, weil er für die Spitzen seiner Lackschuhe fürchtete, und sagte:

„Ich bin der Besitzer des Geländes parallel der London-Brighton-Eisenbahn.“

„Aha.“

„Die London-Brighton-Eisenbahn betreibt die Linien nach der Südküste von England. Das Gelände, das mir gehört, hat einen Wert von dreihundertsiebzigtausend Pfund.“

„Ich gratuliere.“

„Dieser Preis ist allerungünstigst kalkuliert. Mit anderen Worten, er ist spottbillig.“

„Soso.“

„Also eine Frage, Mr. Vandergult: wollen Sie das Gelände kaufen?“

„Nein,“ sagte Vandergult.

Mr. Higgins nickte. „Das habe ich mir gedacht.“

„Na also,“ sagte Vandergult. „Dann sind wir uns ja einig.“

Mr. Higgins steckte die Hände in die Hosentaschen und trat wieder so nahe an Vandergult heran, dass dieser, um seine Lackschuhe in Sicherheit zu bringen, mit dem Rükken gegen die Scheibe prallte. „Sie irren sich, die Tür ist dort drüben. Dies hier ist ein Fenster.“

Mr. Higgins schüttelte den Kopf und legte Vandergult die Hand mit einem Ruck auf die Schulter. „Hören Sie, was ich Ihnen sage. Ich bin Ihnen nicht böse.“

„Sie glauben nicht,“ antwortete Vandergult, „wie glücklich mich Ihre Worte machen.“

„Aber ich möchte trotzdem ein Geschäft mit Ihnen machen. Wollen Sie fünfzigtausend Pfund verdienen, ohne einen Penny zu investieren?“

„Ja,“ sagte Vandergult.

„Hören Sie zu. Die London-Brighton-Eisenbahngesellschaft hat alles Interesse daran, mein Gelände in ihren Besitz zu bringen. Um die Wahrheit zu sagen, sie wird es in soundso viel Jahren unbedingt haben müssen. Aber, das ist eben das Dumme: erst in soundso viel Jahren. Die Gesellschaft weiss: es läuft ihr nicht weg.“

„Die Gesellschaft hat nicht unrecht,“ sagte Vandergult.

„Sie lässt sich Zeit. Darüber kann ich hinwegsterben. Das möchte ich vermeiden.“

„Das begreife ich vollkommen,“ sagte Vandergult.

„Hören Sie zu: Auf dem Bahnhof London Bridge steht eine Lokomotive unter Dampf.“

„Das ist ja hochinteressant.“

„Eine Lokomotive der London-Brighton-Eisenbahngesellschaft auf dem Bahnhof London Bridge. Diese Lokomotive werden Sie mit mir besteigen und eine Fahrt mit mir nach Norwood Junction machen.“

„Was soll ich denn da?“

„Gar nichts. Darauf fahren Sie mit mir wieder nach London Bridge zurück.“

„Und dafür wollen Sie mir fünfzigtausend Pfund bezahlen.“

„Ja.“

„Das ist grossartig,“ sagte Vandergult.

Mr. Higgins nickte und machte den vergeblichen Versuch, Vandergult durch die Mauer hindurchzudrücken. Sie war stärker als er. Enttäuscht wich er zurück.

„Ich werde dafür sorgen, dass der Manager der Eisenbahngesellschaft genau weiss: auf dieser Lokomotive fährt Vandergult. Ich zeige Ihnen während der Fahrt rechts und links mein Terrain. Sie blicken interessiert hinüber und machen sich ein paar Notizen. Verstehen Sie? Die Eisenbahngesellschaft merkt, dass Vandergult auf das Terrain reflektiert. Ein Spekulationsobjekt ersten Ranges für einen Zwischenkäufer — denn wenn die Gesellschaft es in einigen Jahren aus zweiter Hand von Ihnen erwirbt, muss sie vielleicht das Zehnfache bezahlen: Vandergult kann’s abwarten. Was wird sie also tun? Sie wird mir heute nachmittag einen Brief aufs Pult legen mit einem Angebot. Abgemacht? Fünfzigtausend Pfund bei Besteigung der Lokomotive.“

„Hunderttausend Pfund.“

„Nicht einen Penny mehr. Sagen wir fünfundsiebzigtausend.“

„Abgemacht.“

„Also kommen Sie. Mein Auto wartet vor der Tür.“

„Ich möchte noch schnell meinem Sekretär ein paar Worte sagen. Gehen Sie ruhig einstweilen vor.“

„Aber Sie lassen mich nicht im Stich, Mr. Vandergult.“

„Seien Sie unbesorgt.“

Jonny Reimers wäre gern mitgefahren, aber er hatte Zahnschmerzen. Und ein dunkler Instinkt sagte ihm, dass Fahrten auf Lokomotiven kein eigentliches Heilmittel gegen Erkältungen sind. Er murmelte etwas von einem Grog von Whisky.

Die Fahrt verlief programmässig. Da heller Sonnenschein war, verlängerte Mr. Higgins sie bis Brighton. Schliesslich konnte er für seine fünfundsiebzigtausend Pfund etwas verlangen. Unterwegs machte Vandergult imaginäre Notizen, während Higgins einige Kommentare gab, wobei er nicht unterliess, Herrn Vandergult gegen die Eisenwände der Lokomotive zu drücken.

Es war fast Abend, als Vandergult ins Hotel zurückkehrte. Man erzählte ihm die merkwürdige Neuigkeit, dass soeben aus dem Fenster seines Hotelzimmers ein Mann hinausgeflogen sei. Auf die Strasse.

Neugierig trat Vandergult näher. Als er die Tür des Wohnzimmers öffnete, sah er zu seinem Erstaunen Jonny Reimers mit einem Besen in der Hand. Er fegte rätselhafte Dinge zusammen. Undeutlich erkannte Vandergult ein Tintenfass, einen Hut, eine Taschenuhr und Bestandteile einer Lampe.

„War hier ein Erdbeben?“ erkundigte er sich.

Jonny ergriff den Besen und zeigte zum Fenster hinaus. „Verstehst du?“ fragte er.

„Nein,“ sagte Vandergult.

„Hieronimy war hier. Er wollte eine Erpressung versuchen. Da habe ich ihn hinausgeboxt. Buchstäblich. Er ist durchs Fenster geflogen.“

Vandergult nickte. „Welch ein glücklicher Zufall, dass wir parterre wohnen.“

Er trat ans Fenster. Eben hielt eine Droschke, in die ein Mann humpelnd einstieg. Es war Hieronimy.

Jonny Reimers, den Besen in der Hand, trat interessiert näher. Draussen stand ein Halbkreis von Menschen, die in auffallender Weise geschart waren und ein wohlwollendes Lächeln zeigten.

„Was machen die für merkwürdige Gesichter?“ fragte Reimers kopfschüttelnd.

„Die meinen natürlich, es handelt sich um eine Kinoaufnahme. Siehst du, da drüben applaudiert schon einer.“

Jonny schloss das Fenster und zog die Vorhänge zu.

„Sag’ mal“ — nachdenklich setzte sich Jacobsen in den Sessel. „Glaubst du, dass Hieronimy durch diesen kleinen Vorfall ausgesöhnt worden ist?“

Reimers lachte. „Nein. Das glaube ich nicht. Ich glaube, nun wird er ...“

Jacobsen nickte. „Meinst du nicht auch, dass es Zeit sein dürfte, vielleicht abzureisen?“

„Ich bin ganz deiner Meinung. Wohin wollen wir gehen?“

„Hm. Ich habe hier einen Scheck über 75 000 Pfund auf die Midland Bank. Den werden wir morgen früh kassieren. Und ich denke, dann fahren wir nach Paris.“

III

Die beiden schlenderten über den Boulevard Saint Michel.

Das hundertfach schillernde Leben des abendlichen Paris umtoste sie: jenes seltsame, noch nicht völlig romanische und dennoch keineswegs nordische Getriebe, das in der ganzen Welt nicht zum zweiten Male anzutreffen ist, und das den unbeschreiblichen Reiz der Stadt Paris bildet. Die Menschen, die Pärchen, die eleganten Leute, die Kleinbürger rechts und links von den beiden hatten sich untergefasst, scherzten, plauderten, lachten, lächelten dem Vorübergehenden zu, hatten ihn eine Sekunde später völlig vergessen, — aber über allem diesem leichten und harmlosen Tun der Rhythmus einer sicheren und liebenswürdigen Kultur. Trotz ihrer Naivität umglänzte diese Frauen, diese Männer der Scharm einer leichten und heiteren Würde; weder die kleinbürgerliche Zutunlichkeit des Italieners, die im Grunde weniger scharmiert als bettelt — noch die unfreundliche Eckigkeit des Mitteleuropäers hatten hier einen Platz. Hier bildete jeder einen willigen Teil des Ganzen, jeder ordnete sich unter, darum war jeder Herr.

Sie setzten sich zu einem Café au lait nieder: bei Soufflet, dem berühmten Soufflet. Ein Täfelchen hing hinter ihrem Tischchen:

„Hier dichtete Paul Verlaine.“

„Woher kannst du eigentlich Französisch?“ fragte Jonny Reimers.

Fritz lachte: „Ich kann ja gar kein Französisch. Bloss so ein paar Brocken, wie sie jeder kann. Du hast doch auch Französisch in der Schule gehabt.“

„Das schon. Aber ich habe beinahe alles wieder vergessen.“

„In Paris kommt man mit Englisch durch. Das habe ich in diesen paar Stunden schon gemerkt. Und wenn sie einen wirklich nicht verstehen: das verstehen sie alle.“ Damit deutete Fritz auf seine Brieftasche. „Was schaust du übrigens immer in die Ecke hinüber? Da sitzt doch niemand.“

Jonny fuhr zusammen. „Da hängen Zeitungen. Londoner Zeitungen.“

„Na, und?“

Ein wenig verlegen blickte Reimers zu Boden. „Ich mein’ immer, es müsste was von uns drin stehen. Ein Schwindler hat in London sein Unwesen getrieben. Er ist unter dem Namen Cornelius Vandergult aufgetreten und hat ... und hat ...“

„Na, was hat er denn? Red’ nur ruhig weiter.“

„Er hat ... na ja, also jedenfalls du hast doch ...“

„Na, was zum Teufel habe ich denn eigentlich? Denk’ doch mal nach, Jonny. Habe ich irgend jemanden geschädigt?“

„Du hast dich als Vandergult ausgegeben.“

„Nicht einmal das ist richtig. Man hat mich für Vandergult gehalten.“

„Du hast es dir gefallen lassen.“

„Jonny ...“ Fritz sprach mit leiser, schonender Stimme, so, als ob er einem Kinde eine Angelegenheit auseinandersetze, die über dessen bescheidenen Horizont ging. „Jonny, habe ich mir denn, wie sagt man, einen rechtswidrigen Vermögensvorteil dadurch verschafft? Es ist wahr, ich habe Wachteln auf Sockel gegessen und Hummer à la Newburg und Chicken on Toast mit Monaco Potatoes, und ich habe dem Prinzen William die Hand geschüttelt und der Prinzessin Maud; und der Herzogin von Westminster habe ich auf den Fuss getreten. Glaubst du im Ernst, dass mich das glücklich gemacht hat? Dass ich einen Vermögensvorteil darin sehe? Übrigens ist es auch rein juristisch kein Vermögensvorteil. In Wirklichkeit haben alle diese Herrschaften sich gefreut, den reichsten Mann der Welt unter sich sehen zu dürfen. Alle haben sich geschmeichelt gefühlt, dass Vandergult an ihrem Tische gesessen hat.“

Eine junge Brünette ging vorüber: schlank, von jener charakteristischen rassigen Linie, die die Pariserin mit so geringem Aufwand zu erzielen weiss.

„Alle Wetter! Ist die süss!“ sagte Reimers.

Fritz nickte. „Das ist eine Dactylo.“

„Was ist das: eine Dactylo?“

„Eine Stenotypistin.“

„Woher weisst du denn das schon wieder?“

Fritz deutete auf den „Petit Parisien“, der auf dem Stuhl lag. „Vacances“ das können nur Vakanzen sein, und „Dactylo avec machine propre“, da gehört nicht viel dazu, das zu übersetzen: „Tippfräulein mit eigener Maschine.“

„Du bist ein Teufelskerl.“

Fritz lachte und schüttelte den Kopf. „Ich habe bloss die Augen und die Ohren offen, mein Junge. Mach’s auch so. Glaub’ mir: es rentiert sich!“

„Schade,“ sagte Jonny nachdenklich, „dass ein Mann mit deinen Anlagen hoch ... hoch ... nun ja ... hoch ...“

„Willst du einen Toast auf mich ausbringen, Jonny?“

„... hochstapeln muss. Ich finde kein anderes Wort.“

„Er lässt nicht locker!“ Fritz blickte gramvoll zum Himmel. „Ich habe dir von diesem Higgins erzählt. Weisst du noch?“

„Das war der Mann, der dir 75 000 Pfund gezahlt hat?“

„Ja. Also Jonny, nun denk’ mal ganz unvoreingenommen nach: hat dieser Mann etwas anderes gemacht als ich? Und dabei ist er ein untadeliger Ehrenmann, dem keiner einen Vorwurf zu machen wagt. Auch du nicht, der du über mich am liebsten den Stab brechen möchtest.“

„Nein, Fritz. Ich will nicht über dich den Stab brechen. Aber die Geschichte mit diesem Herrn Higgins liegt denn doch wesentlich anders, mein Junge. Higgins hat dich in der Tat für Vandergult gehalten.“

„Als ob es darauf ankäme.“

„Aber gewiss kommt’s darauf an. Du willst doch darauf hinaus, dass er die Eisenbahngesellschaft getäuscht hat. Das ist aber ein Irrtum von dir. Er hat sie nicht getäuscht. Denn er hielt dich doch für Vandergult.“

„Du musst ein bisschen gründlicher denken lernen, Jonny! Dass Higgins mich für Vandergult gehalten hat, ist schon richtig. Du vergisst aber ganz, dass ich ihm ausdrücklich erklärt hatte: ich reflektiere nicht auf sein Gelände. Im Gegenteil, ich lehne den Ankauf ab.“

„Du bist aber doch gar nicht Vandergult und kannst gar nicht ablehnen.“

Fritz schüttelte traurig den Kopf. „Du besitzt die Logik einer Waschfrau, Jonny. Ich habe abgelehnt — das bedeutet für Herrn Higgins, dass Vandergult abgelehnt hat. Denn da er mich für Vandergult hielt, so kommt es doch, begreifst du das nicht?, auf die Auffassung an, die Higgins nach Lage der Dinge haben musste. Diese Auffassung war, daran kannst du im Ernst nicht rütteln: Vandergult will nicht. Habe ich recht oder nicht?“

„Du hast recht, aber ich wiederhole: er hielt dich für Vandergult.“

„Um so besser. Oder vielmehr: um so schlimmer. Gleichwohl packte er mich auf die Lokomotive und fuhr mit mir im Triumph nach Brighton. Wenn das keine absichtliche Täuschung gewesen ist mit dem ausgesprochenen Zweck, sich einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, dann weiss ich nicht.“

„Er hat aber doch kein Wort gesprochen.“

„Das ist ganz nebensächlich. Wie sagt man? Ganz unerheblich. Er hat durch die Fahrt mit Vandergult ...“

Jonny wollte ihn unterbrechen.

„Halt den Schnabel. ... durch die Fahrt mit Vandergult oder doch zum mindesten mit einem Manne, den alle Welt für Vandergult hielt, sowohl er selbst als auch die Eisenbahngesellschaft, den Eindruck erwecken wollen, Vandergult wünsche dies Terrain zu kaufen. Er hat dadurch die Eisenbahngesellschaft anfeuern wollen; er hat sie also zu einem Kauf, zu einer Zahlung bewegen wollen, die nicht zustande gekommen wäre, wenn die Gesellschaft nicht eben der Meinung gewesen wäre: Vandergult reflektiert auf das Gelände, wir müssen ihm zuvorkommen. Hast du mich verstanden?“

„Allerdings,“ sagte Jonny, indem er verdriesslich hinüberging und den „Daily Telegraph“ vom Haken nahm.

„Wenn das kein rechtswidriger Vermögensvorteil ist, den sich Herr Higgins verschafft hat, dann gibt es überhaupt keinen. Nun, steht mein Steckbrief drin?“

„Der Teufel soll sich auskennen in diesen Riesenzeitungen. Hier steht — warte mal — hier steht etwas mit der Überschrift: London-Brighton and South Coast Railway‘ und, weiss Gott, hier steht auch. ‚Cornelius Vandergult‘. Na ja, da haben wir’s. Und hier steht auch: ‚Colonel Higgins.‘“

„Lass mal sehen.“ Fritz überflog die Zeilen und lachte plötzlich herzlich auf. „Also, siehst du wohl: Mr. Higgins hat richtig kalkuliert. Er hat sein Gelände an die Eisenbahn für 600 000 Pfund verkauft. Der Coup ist ihm also geglückt, und alle Teile sind zufrieden.“

„Was steht denn da über dich? Dein Name wird doch genannt? Dein Name — mein Gott, jetzt betrachte ich dich selbst schon als Vandergult.“

„Hier steht: Der bekannte amerikanische Finanzier Cornelius Vandergult wollte seine Hände auf das Terrain legen. Aber die London-Brighton-Eisenbahngesellschaft ist ihm zuvorgekommen. Soweit sind wir denn doch noch nicht gekommen, dass ausländische Kapitalisten sich zwischen zwei englische Geschäftsleute schalten können, um sich wucherisch zu bereichern! Mr. Vandergult musste mit langer Nase abziehen, denn Colonel Higgins ist ein viel zu guter Patriot: er hat dem Angebot der heimatlichen Gesellschaft den Vorzug gegeben, obwohl es niedriger war als das des Amerikaners. Ja, ja, Mr. Vandergult: es gibt noch Dinge auf der Welt, die höher im Kurse stehen als das Geldverdienen!“

Nun musste auch Jonny Reimers lachen. „Glauben die eigentlich, was sie da schreiben?“

„Ach wo. Kein Mensch glaubt es. Die Zeitung nicht und die Eisenbahngesellschaft nicht, und am allerwenigsten Mr. Higgins. Aber alle freuen sich. Die Zeitung kann Vandergult eins auswischen. Aus Rache dafür, dass Vandergult ihren Zeitungskonzern nicht angekauft hat, obwohl man ihn ihm zweimal angeboten hat. Die Eisenbahngesellschaft freut sich, dass sie das Terrain, und zwar immer noch billig, gekriegt hat. Und endlich freut sich Colonel Higgins, dass er 600 000 Pfund in der Tasche hat.“

„Und viertens freut sich der sogenannte Cornelius Vandergult, dass er 75 000 Pfund verdient hat.“

„Stimmt Jonny. Ich sehe, du kannst den Blick nicht von ihr wenden. Von der kleinen Dactylo dort drüben.“

„Oder sie nicht von mir.“

„Sei nicht eitel. Wenn du also willst, so gable sie dir auf. Wir fahren in irgendein Revuetheater.“

„Wenn du meinst ...? Aber ich kann kein Wort mit ihr reden.“

„Das wird ihr am meisten Vergnügen machen. Überall in der Welt imponiert es, wenn einer die Landessprache nicht versteht.“

„Wirklich? Ich dachte, das ginge bloss uns Deutschen so.“

„Lass dir nichts erzählen; das behaupten bloss gewisse Zeitungen in Deutschland, die damit hetzen wollen. Der Barbier, der mich vorhin im Hotel rasiert hat, versicherte mir voll Stolz, er sei eigentlich gar kein Franzose, er sei ein Kelte. Und das Zimmermädchen sagte freudestrahlend, ihre Mutter sei eine Engländerin; man sähe ihr doch hoffentlich an, dass sie keine Pariserin sei?“

„Wie soll ich denn mit ihr anfangen?“

„Bring’ ihr den ‚Petit Parisien‘ hinüber und zeige ihr die Stellenangebote. Vielleicht sucht sie etwas; dann freut sie sich. Oder sie sucht nichts; dann freut sie sich erst recht: über den Irrtum. Darauf deutest du hier auf diese Seite, wo die Theateranzeigen stehen; warte mal, hier ist das Inserat des ‚Theatre Marigny‘. Hier hast du einen Bleistift. Damit machst du ein Fragezeichen neben das Wort ‚Marigny‘. Wenn sie das nicht versteht, kannst du getrost wieder an deinen Platz zurückkehren, denn dann will sie nicht“

Jonny stand entschlossen auf, um sich sofort darauf ebenso entschlossen wieder hinzusetzen. „Nein, es geht nicht.“

„Was geht nicht? Warum geht es nicht?“

„Wenn sie hört, dass ich ein Deutscher bin, wird sie ...“

„Eins musst du noch lernen, Jonny: Menschenkenntnis.“

„Was ist da zu kennen?“

„Sie hat herübergesehen. Drei-, viermal.“

„Siebenmal!“ belehrte ihn Jonny.

„Um so besser. Sie hat also genau gesehen, dass wir den ‚Daily Telegraph‘ gelesen haben.“

„Du, das ist ...“

„Jetzt rede ich. Was liegt näher, als dass sie uns für Engländer halten wird?“

„Wenn sie nun aber Englisch kann?“

„Hast du schon mal einen Franzosen gesehen, der Englisch kann? Und nun gar eine Französin? Da kannst du ganz ruhig sein.“

„Wenn du meinst ...“

Zögernd stand Jonny auf. Er tat es mit so ausgesprochenem Erfolg, dass das ganze Lokal zu ihm hinübersah.

Enttäuscht und völlig verwirrt, machte er Miene, sich abermals schleunigst niederzusetzen. Er hätte es sicher getan, wenn ihm nicht Fritz einen fürchterlichen Blick zugeworfen hätte. So steckte er die Hände in die Hosentaschen, schlenderte mit geradezu herausfordernder Unabsichtlichkeit unter dem gespannten Interesse sämtlicher Gäste durchs Kaffeehaus und verschwand in der Herrentoilette.

Die junge Dactylo dort drüben blickte verdutzt zu Fritz hinüber, und in ihr frisches, schönes Gesichtchen trat ein belustigtes Lächeln. Er gab es zurück und zwinkerte ihr tröstend zu, mit dem Kopf nach jener Tür deutend, hinter der Jonny Reimers soeben verschwunden war: „Einmal muss er doch wiederkommen!“

Und er kam. Er kam frisch gebürstet, das Jackett tadellos korrekt zugeknöpft, das Gesicht erstrahlend in rosiger Frische. Er hatte sich also da drinnen gewaschen.

Erwartungsvoll blickte ihm Mademoiselle entgegen, und auch Fritz lächelte ihm aufmunternd zu. Aber zu seinem Erstaunen ging Jonny seelenruhig an der jungen Dame vorbei und landete wieder drüben bei Fritz Jacobsen.

„Zum Teufel! Du machst dich lächerlich!“

„Ich muss doch die Zeitung holen,“ flüsterte Jonny.

„Ach so.“

Abermals verliess Jonny, diesmal mit der Zeitung bewaffnet den Freund. Und jetzt, unter dem eisernen Zwange von Jacobsens Blick, steuerte er geradezu hinüber zu der jungen Dame, die ihn mit ermunternder Kühle empfing.

Merkwürdig, die Unterhaltung kam in Gang. Sollte sie doch vielleicht Englisch sprechen? Dann war Jonny überführt. Leider war kein Wort zu verstehen, so leise sprachen die beiden.

Fritz Jacobsen nahm die „Illustration“ vom Haken und blätterte darin. Während er gedankenlos die Seiten durch die Finger gleiten liess, leuchtete ihm plötzlich irgendwo sein Name ins Auge. Oder vielmehr der Name Vandergult. Er hatte ihn schon wieder verloren, denn die Finger hatten mechanisch weitergeblättert, während sich das Auge erst den Bildeindruck formte. Vandergult ... Vandergult ... Hier unten. Hier unten ... hier stand es ... Er musste all sein Französisch zusammenkramen, um die paar Zeilen zu verstehen. Hier unten stand:

Eine glückliche Braut.

Wir bringen hier das Bild der jungen Dina d’Orsay. Sie ist die Tochter des Marquis d’Orsay, des bekannten Textilgrossindustriellen. Die junge Marquise d’Orsay ist nicht nur eine der schönsten Erscheinungen der Pariser Gesellschaft — sie wird auch bald die reichste Frau der Welt sein. Die Details sind romantisch genug: Als Kind wurde sie mit dem einzigen Sprössling des Hauses Vandergult, dem jungen Cornelius Vandergult, verlobt; damals war sie elf, er achtzehn Jahre alt. Seither haben sich die beiden nicht gesehen. Sicherem Vernehmen nach wird der junge Vandergult noch in diesem Monat in Paris eintreffen, um sich mit seiner jungen Braut zu vermählen und sie nach Amerika zu holen. Die Villa Vandergult in der Fünften Avenue wird zu diesem Behufe, wie die amerikanische Presse meldet, bereits mit unerhörtem Luxus instand gesetzt.

Soweit der Text. Darüber, die ganze Seite füllend, das Bild Dina d’Orsays. Fritz sah es an, und ein Blutsstrom schoss ihm zum Herzen.

Konnte die Natur wirklich etwas so Herrliches geschaffen haben? Dieses vollendete Ebenmass der Züge, diese grossen, dunklen, unschuldigen Augen, der nicht zu kleine energische Mund, durch den zwei Reihen fester Zähne schimmerten — dieses volle leuchtende Blondhaar, das wie glitzerndes Geschmeide den schmalen kleinen Kopf umgab ...

Aus diesem Gesicht blickte nicht nur Anmut, nicht bloss körperliche Schönheit; aus diesen Zügen strahlte Reinheit und Güte.

„Nanu, Fritz!“

Er blickte auf. Es war Jonny, der zurückgekehrte Jonny, der lachend vor ihm stand. Instinktiv klappte er die „Illustration“ zu. „Wo ist deine Dactylo?“

„Ja, denke dir, sie erwartet uns um neun Uhr vor dem Theater Apollo.“

„Was gibt’s da?“

„Eine berühmte französische Operette: La Veuve gaie.“

„Das ist schön,“ nickte Fritz, „diese berühmte französische Operette ist eigentlich eine berühmte deutsche Operette. Du kennst sie vielleicht unter dem Namen ‚Die lustige Witwe‘.“

„Also, denke dir: sie spricht ein bisschen Englisch. Gerade soviel, dass es zu wenig ist. Verstehst du?“

„Eigentlich nicht ganz.“

„Also pass’ auf: sie spricht einigermassen fliessend, eigentlich fliessender als ich. Aber sie ist natürlich völlig unsicher. Und jedesmal, wenn ich irgend etwas Verkehrtes sage, dann glaubt sie natürlich, ich habe recht und sie macht’s verkehrt. Und schleunigst verbessert sie sich in’s Falsche.“

„Die Hauptsache ist, dass du Vertrauen erweckst, Jonny.“

„Und denke dir, sie ist richtig eine Dactylo. Und zwar: Privatsekretärin eines Grossindustriellen. Er hat eine Wollwarenfabrik oder so. D’Orsay heisst er. Oder eigentlich genau: Marquis d’Orsay.“

Fritz blickte dem Freund ins Gesicht, und die „Illustration“ entfiel seiner Hand. Da war der Name zum zweitenmal, innerhalb einer Viertelstunde zum zweitenmal. War das ein Wink des Himmels? Dem Wünschenden mochte es fast so scheinen. D’Orsay, d’Orsay! Klang das nicht wie Musik? Und nun gar: Dina d’Orsay. Gab es denn überhaupt einen zweiten Namen auf der Welt, der so zärtlich klang, so voll Rhythmus, erfüllt von Liebe, nein, voll fiebernder Sehnsucht ... schon aus der Alliteration strömte lockende Kraft: Dina d’Orsay ... Er schlug das Heft auf; erst jetzt entdeckte er, dass er die ganze Zeit über den Finger dazwischen gehalten hatte. „Wie findest du die?“

Jonny warf einen Blick auf das Mädchenbildnis, nahm dem Freunde das Heft aus der Hand und sagte gleichmütig, wie wenn man ein Kunstwerk betrachtet: „Sehr hübsch.“ Eben wollte er das Büchlein auf den Tisch zurücklegen, als er plötzlich stutzte.

„Da steht ja dein Name,“ sagte er verblüfft.

„Ja.“ Fritz nickte und sagte freundlich mit der Ruhe des gesicherten Besitzers:

„Das ist meine Braut.“

„Deine was?“

„Meine Braut. Ich heirate sie im Laufe dieses Monats.“

„Warte mal ...“ Jonny fasste sich an den Kopf. „Hier steht ‚Dina d’Orsay‘. Das ist doch derselbe Name wie ... wie.“

„Es ist seine Tochter.“

„Und die willst du heiraten?“

„Sie ist mit dem jungen Vandergult verlobt. Aber die beiden haben sich ein einziges Mal gesehen; damals war sie elf, er achtzehn.“

„Ich glaube, Fritz, es ist Zeit, abzureisen.“

„Jetzt, in diesem Augenblick, wo es anfängt zu dämmern, soll ich abreisen? Ich denke nicht dran.“

„Du kannst doch nicht im Ernst ... Du hast bisher Glück gehabt, Fritz. Unverdientes Glück. Mach’ jetzt um Gottes willen nicht die Dummheit und denke, es muss immer so bleiben. Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht.“

„Verstehst du denn nicht: dies ist der Moment, wo ich zum erstenmal wirklich den Wunsch habe, Vandergult zu sein. Vandergult zu heissen. Für Vandergult gehalten zu werden. Kannst du im Ernst kühl bleiben beim Anblick dieses entzückenden Mädels?“

„Also verliebt,“ sagte Jonny dumpf. „Rettungslos verliebt. Guten Abend, Fräulein.“

„Wieso guten Abend, Fräulein?“

„Ich habe ihr bloss Adieu gesagt. Sie ist eben gegangen.“

„Hast du ihr meinen Namen genannt?“

„Natürlich.“

„Und welchen? Fritz Jacobsen?“

„Na, weisst du, ich bin zwar blöd, aber so blöd, wie du glaubst, bin ich doch nicht.“

„Also Cornelius Vandergult. Dann ist also alles in Ordnung. Heute abend gehe ich hin und sehe mir meine Braut an.“

„Und ich sage dir, Fritz: wenn du klug bist und vorsichtig, dann fährst du heute abend mit mir nach Berlin. Wir haben vierzehn Tage im Luxus gelebt, haben die schönsten Dinge der Welt gesehen und genossen; du hast ein Vermögen gemacht — was willst du eigentlich mehr?“

„Bist du denn damit zufrieden?“

„Du etwa nicht? Hast du denn ganz den Verstand verloren? Du könntest dir irgendwo in Berlin ein Zigarrengeschäft kaufen. Oder eine Geflügelfarm draussen auf dem Lande. Mit sechs Hunden und einem Pferd, und kannst heiraten und lebst herrlich und in Freuden. Statt dessen willst du hier im fremden Lande das Unmögliche möglich machen. Nein, Fritz, das ist Wahnsinn. Ich meine es gut mit dir, das weisst du. Ich will dein Bestes. Ich will auch nichts von deinem Gelde haben. Glaube das nicht etwa. Dir ist dein Glück zu Kopf gestiegen; so fängt es immer an: wen Gott strafen will, den schlägt er zuerst mit Blindheit.“

„Du hast recht, Jonny; verstandesmässig hast du recht. Aber es gibt etwas, was über das rein praktische Rechnen hinausgeht. Und ich glaube ...“

„Das ist eine freche Herausforderung an das Schicksal.“

„Jeder grosse Wurf ist eine Herausforderung an das Schicksal, Jonny.“

„Du willst also ...“

„Ja. Jetzt will ich Vandergult bleiben.“

„Und wenn’s herauskommt, dass du gar nicht Vandergult bist? Denn herauskommen muss es doch einmal. Und wahrscheinlich viel schneller als du denkst.“

„Wenn’s herauskommt — gut: dann ist es immer noch Zeit, aufzuhören. Sieh sie dir doch an, Jonny. Ist dieses göttliche Geschöpf nicht wert, dass man seinetwegen den Ritt in die Sonne riskiert?“

„Den Ritt in die Sonne ... Ja, ja, das ist es. Du willst in die Sonne reiten. Und du vergisst, dass du nur ein armseliger kleiner Erdenwurm bist, und dass du verbrannt sein wirst, ehe du dich einen Meter vom Erdboden erhoben hast.“

„Ach was, Jonny, sei kein Hasenfuss. Ich bin jung und habe das Herz auf dem rechten Fleck. Ich will’s riskieren, auch auf die Gefahr hin, zu verbrennen oder abzustürzen oder was du sonst willst. Ich will den Ritt in die Sonne wagen. Und du — du sollst mein Begleiter sein. Willst du? Wenn du nein sagst — ich bin dir nicht böse, Jonny. Dann gebe ich dir Geld, dass du nach Deutschland zurückfahren kannst ... und natürlich, dass du dir deine Geflügelfarm kaufen kannst und dazu sechs Hunde und ein Pferd. Also Jonny ...?“

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