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Paul Keller

In deiner Kammer

Geschichten

Saga

In deiner Kammer

© 1903 Paul Keller

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711517352

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com

Einleitung.

In deiner Kammer.

Du hast mich gerufen ... nun bin ich bei dir! Als du das Buch aufschlugst, kam ich zu dir. Ich bin in deiner Kammer.

In deiner Kammer? Ja!

Vielleicht schaust du auf seidene Decken, auf hohe Spiegel und kostbare Bilder und siehst mich fragend an.

Ja, es ist doch eine Kammer!

Deine Kammer!

Jetzt — gerade in diesem Moment — fragst du nichts nach Sammetpolstern und goldenen Borden; jetzt — gerade in diesem Moment — willst du an all die tausend Personen und Dinge nicht denken, denen du sonst so nahestehst; jetzt — gerade in diesem Moment — willst du dich auch nicht allein mit dir selbst beschäftigen.

Denn jetzt willst du lesen.

Und ein Lesender ist immer in einer schlichten Kammer, in der nichts da ist als ein Paar Augen, eine Seele und ein Buch.

Wer ich bin? O, das ist gleich! Auch, woher ich komme. Aber ehe ich zu dir kam, war ich auf einer weiten Reise. Da habe ich viel Menschen gesehen. Lachende und weinende, sehr viel gute Leute. Böse Menschen kenne ich fast gar nicht. Es begegnete mir manchmal einer, vor dem ich erschrak und meinte, er sei böse; aber wenn ich ihn genau betrachtete, war er nur ein Unglücklicher. Mit viel Schlechtem werde ich dich nicht erschrecken; du sollst dich in deiner Kammer nicht fürchten.

Ich bin noch jung, deshalb erschüttert mich das Leiden der Menschen heftig. Aber ich kann auch über kleine Dinge glücklich lachen. Und ich habe mich bemüht, mir die Augen blank zu halten, dass ich gut zusehen kann.

Was ich bei dir will? Eines nicht: ich will dich nicht belehren, ich will dir auch nicht raten. Wer weiss, ob du nicht klüger bist als ich, und dann wäre ich schlimm daran. Nein, ich will dir nur erzählen, was ich gehört und gesehen habe. Und wenn es wert für dich ist, wird deine Seele von selbst fortspinnen, wird zustimmen oder widersprechen, wird denken, wird ähnliche oder andere Bilder zeichnen mit deinen Menschen, deinen Fluren, deinem Himmel.

Ob du mir etwas schuldig bist? O ja! Geld freilich nicht. Das, was du etwa bezahlt hast, war für das Papier. Und deine Freundschaft darf ich nicht verlangen. Das wäre zuviel für den kleinen Dienst. Wenn du mir schon einen Gefallen tun willst, so bitte ich dich: mich nicht zu lange bei dir zu behalten. Lass dir nicht alles auf einmal erzählen! Das strengt an, und dann — wenn ich fort bin — weisst du nicht, was ich dir eigentlich gesagt habe. Nein, wenn ich dir bei jedem Besuche eine Geschichte erzähle, das ist genug. Ich komme wieder, sobald du willst.

Das bin ich. Und wer bist du? Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich es nicht gern wissen möchte. Aber ich kann es nicht wissen; ich erzähle dir ja mit geschlossenen Augen. Ich weiss nicht, wie es in deiner Kammer aussieht, weiss nicht, ob die Sonne hineinscheint oder eine goldene Ampel brennt oder ein kleines Talglicht neben dir auf die Diele tropft. Ich weiss nicht, ob du mit funkelnder Brille und kritisch gefurchter Stirn mir zuhörst oder ein schöner Schalk bist, der mir mit lachenden Augen gegenübersitzt. Aber sie ist ganz schön, diese Heimlichkeit. Und eines weiss ich doch von dir:

Du bist ein Mensch, der Stunden hat, in denen er einsam sein will, ein Mensch, der ein Interesse hat, das über seinen Kreis und seine Umgebung hinüberreicht ins grosse Gebiet der Allgemeinheit, einer, der teilnehmen mag an fremden Schicksalen, einer, der eine stille Kammer hat, wo er für sich ist.

Reich mir die Hand, wir wollen uns vertragen!

Das alte Heim.

O Gott, ... lag denn diese Strasse wirklich in derselben Stadt, in der er wohnte? Fast schien es ihm unbegreiflich.

Er wusste wohl: vor Jahren hatte er in diesem Stadtteil gewohnt, war er täglich diese selbe Strasse entlang gegangen, viele Male. Es war ihm heute, als ob er in eine alte Heimat zurückkäme, aber es war ihm auch, als sei er unterdes in weiter Fremde gewesen, in einem Lande, fern überm Meer ... viele Jahre.

Und doch hatte er immer in derselben Stadt gewohnt, die ganze Zeit. Nur in ein anderes Viertel war er gezogen, am anderen Ende der Grossstadt. Von seiner jetzigen Wohnung aus war dieser Stadtteil mit der elektrischen Strassenbahn in einer halben Stunde zu erreichen, und er war in ihm seit zehn Jahren nicht gewesen.

Ja, er hatte ihn absichtlich gemieden. Manchmal war’s nahezu ein Kunststück gewesen; aber er hatte es doch fertig gebracht ...

Was wollte er nur heute hier? Er wusste es nicht. Absichtslos, nur mit einem ganz leisen Schauern hatte er beim Spaziergang den Schritt über die Strombrücke gelenkt, die hierher führte.

Nun ging er willenlos wie ein Träumender den wohlbekannten Weg entlang, immer seiner früheren Wohnung zu, ... ging nach Hause.

Es hatte sich ja mancherlei hier geändert. Die elektrische Bahn durchsauste die Strasse, ein paar alte Häuser waren weggerissen, neue, aber durchaus nicht schönere Gebäude standen an ihrer Stelle, viele Firmenschilder waren geändert, und wo früher die kleine Buchhandlung war, handelte jetzt ein dickes Weib mit Filzschuhen und wollenen Strümpfen.

Aber der Fleischer war noch da. Er stand hinter seiner Ladentafel, rund, rosig und sauber wie einst. Der einsame Mann trat in den Laden und verlangte für 25 Pfennig gewöhnliche Wurst. Der Fleischer bediente den Herrn in dem vornehmen Pelze mit seiner besten Höflichkeit und schaute ihn immer an und war wohl sehr verwundert. Aber er kannte ihn nicht und hatte doch vor Jahren täglich mit ihm geplaudert.

Draussen schenkte der Herr die Wurst einem armseligen Gassenbüblein. Das wollte sie anfangs gar nicht nehmen, und als der Bursche schon das Papier in der Hand hielt, prüfte er erst den Inhalt mit vorsichtiger Miene. Aber dann roch er ein wenig daran und ass das Geschenk des unheimlich freigebigen Herrn auf, ob es vergiftet war oder nicht.

Der Fremde ging weiter. Gewohnheitsmässig kehrte er beim Kaufmann ein und verlangte ein halbes Dutzend Zigarren, das Stück zu 6 Pfennigen. Während der Kaufmann den Beutel füllte, fiel dem Käufer ein, das Rauchen sei eigentlich ein teurer Luxus. Er konnte sich’s nun einmal nicht abgewöhnen. Er bezahlte 40 Pfennige und bekam 4 Pfennige zurück. Die würde er natürlich der alten Henselten schenken, die ja um dieselbe Zeit schon immer vor dem Zigarrenladen auf ihn lauerte. Nun, wer sich selbst einen kostspieligen Genuss gestattet, kann für andere auch etwas tun.

Der Fremde lächelte. Wie weit verlor er sich doch! Gott wusste, wie lange die alte Henselten schon keinen Pfennig mehr brauchte.

Aber als er aus dem Laden trat, ... war sie da. Er erschrak vor ihr, wie vor einem Gespenste. Sie aber hob den vermummten Kopf zu ihm empor, blinzelte ihn mit ihren trüben Äuglein an und sagte, indes ein unendlich glückliches Lächeln über ihr verrunzeltes Gesicht ging:

„Herr Berthold ... hab’ ich doch recht gesehen ... hab’ ich doch recht gesehen ... Nein, so was ... und ich hab’ Sie so lange nicht ...“

Ein Hustenanfall erstickte ihre Stimme. Das hinderte sie aber nicht, ihm ihre braune, magere Hand hinzuhalten. In die liess er mechanisch die 4 Pfennige gleiten, die er noch zwischen den Fingern hielt. Die Alte erholte sich, besah das Geld beim Laternenlicht und nickte ihm zu: die Rechnung sei richtig. Da fasste er sich endlich.

„Nu, Henselten, leben Sie denn immer noch?“

„Immer noch!“ sagte sie weinerlich.

„Und haben Sie mich richtig wiedererkannt?“

Da machte sie ein geschäfts-kluges Gesicht.

„Nu, ich wer’ doch! Sie sein ja immer mei bester Kunde gewesen.“

Er lachte.

„Haben Sie denn eine feste Kundschaft?“

„O je, man muss wissen, wo man was herkriegt. Ich hol’ mir’s so auf der Strasse zusammen seit 15 Jahren. Sie sein wohl ganz von hier fortgemacht gewesen?“

„Ja, Henselten, ja, das heisst, warten Sie mal ... es freut mich riesig, dass Sie mich wiedererkannt haben ... da, nehmen Sie nur ..., ich bin’s Ihnen lange genug schuldig geblieben.“

Die Alte starrte auf das grosse Geldstück, das er ihr hinhielt.

„Nehmen Sie’s nur, ... ich werd’ mich jetzt schon besser um Sie kümmern. Wo wohnen Sie denn?“

Sie stammelte ihre Wohnung. In diesem Augenblicke nahte ein Schutzmann. Da griff sie scheu nach dem Geldstücke und humpelte mit langen Schritten davon.

„Mein Herr, sind Sie von der Alten angebettelt worden?“

„Angebettelt? Ich? Keine Idee! Wir sind alte Bekannte! Ich hab’ mich gefreut, sie wiederzusehen.“

„Pardon! Wir haben nämlich die Frau neuerdings im Verdachte, dass sie bettelt.“

Herr Berthold liess den findigen Polizeimann stehen und ging.

Die Strasse endete, ein kleiner Platz kam. Den Einsamen befiel ein leises Zittern. Hier hatte er gewohnt. Ob er’s wagte, einmal bis an das Haus hinüberzugehen, in dem er so glücklich und so zum Tode verzweifelt gewesen war? Es waren kaum zweihundert Schritte.

Er ging. Aber mitten auf dem Platze blieb er stehen. Dort drüben lag das Haus! Nummer 28... eine richtige Mietskaserne. Und doch sah’s jetzt nicht unschön aus. Fast aus jedem Fenster fiel Lichtschein. Das war ein Zeichen, dass lauter kleine Leute dort wohnten.

Nur die Fenster, hinter denen er gewohnt hatte, waren dunkel. Minutenlang schloss er die Augen. Es störte ihn niemand; der Platz war nicht reich an Verkehr.

Vor vierzehn Jahren war er dort drüben eingezogen, ein armer Kerl, aber doch ein glücklicher Mann. Sein Kleinod war die Margarete gewesen, sein junges, hübsches Weib. Jetzt wohnte er in einem viel schöneren Hause, jetzt hatte er ein anderes Weib ...

O Gott! ...

Ja, es ging doch nicht, dass er so erregt dastand, es würde auffallen. Langsam ging er vollends hinüber. Nummer 28! Ein Schild hing an der Haustür.

„Freundliche Wohnung im zweiten Stock, drei Zimmer mit Zubehör, 480 Mark, bald zu vermieten.“

Das musste „seine“ Wohnung sein. Er trat zurück. Richtig, die Fenster waren ohne Gardinen. Die Wohnung war frei.

Mit raschem Entschluss trat er in das Haus. Ein Klingelzug war da, daneben stand: „Zur Hausmeisterin!“

Er schellte.

Lange musste er warten. Da endlich kam ein schlürfender Schritt die Kellertreppe herauf. Es war wirklich noch die alte, langsame Hausmeisterin. Er erkannte sie genau, doch sie kannte ihn nicht.

„Bitte, wollen Sie mich in die freie Wohnung im zweiten Stock führen.“

„Die Wohnung wird nur bei Tage gezeigt.“

Er suchte in der Tasche und gab ihr ein Markstück.

„Machen Sie eine Ausnahme, ich hatte nicht eher Zeit!“

Da war sie willfährig und holte ein Licht.

Sie stiegen die erste Stiege hinauf. Sie kam ihm sehr schmal und steil vor. Früher war ihm das nicht ausgefallen; jetzt war er verwöhnt. Im ersten Stock las er die Türschilder.

„Ah, wohnen die Wendrichs immer noch hier?“

„Ja! Der Herr kennt wohl die Madame Wendrich? Die Tochter ist jetzt verlobt.“

„Die Luise?“

„Ja, die Luise.“

Na also! Vor 12 Jahren schon war das Mädel heiratsfähig und die Mutter hielt eifrige Ausschau für sie. Und jetzt ist sie schon verlobt. Nur Geduld muss man haben.

Die zweite Stiege!

„Warten Sie mal! Langsamer, — langsamer — ich — ich hab’ etwas kurzen Atem.“

„Wir sind gleich da. Hier — rechts ist die Wohnung!“

Er bleibt auf den letzten Treppenstufen stehen und hält sich an das Geländer. Die Kräfte drohen ihm zu schwinden — eine Angst packt ihn — eine furchtbare Scheu, da hineinzugehen.

„Sie! Ich glaube doch, es ist besser, wenn ich bei Tage wiederkomme.“

„Nu da! Jetzt, wo der Herr oben ist! Nee, nee, — ich hab’ hier ’n Stückchen Licht — bitte, kommen Sie nur! — Also das hier ist das Entree — es ist sehr geräumig —“

„Jawohl,“ sagt er, indes er in der offenen Tür lehnt, — „4 Meter 20 lang und 1 Meter 80 breit.“

„Na, sowas, — so ein Augenmass, — gestern erst ist’s ausgemessen worden! Das stimmt ja aufs Haar! Das is ja rein die Unmöglichkeit.“ —

„Zeigen Sie mir rasch die andere Wohnung, — ich — ich muss dann wieder fort — jawohl, ich hab’ nicht viel Zeit —“

„Gleich, lieber Herr! — Nanu, was ist ’n das für’n Geschrei dort unten? Jeses, das is der Julius, mein Enkelsohn, lieber Herr, — der is gewiss wieder gefallen, — das Kind, das Kind — ’n Augenblick bloss, lieber Herr, muss ich mal runter, — ich bin gleich wieder da — der Julius — entschuldigen Sie nur — der Junge —“

Sie drückt ihm das brennende Stearinlicht in die Hand und lässt ihn allein.

Regungslos steht der Fremde. Es ist totenstill um ihn her. Nur die Flamme knistert leise, und ein wenig Stearin tropft auf die Diele. Da wendet er scheu den Kopf und zuckt kurz zusammen vor seinem eigenen Schatten, der sich dunkel von der Wand abhebt.

Endlich geht er auf die eine Tür zu und legt die Hand auf die Klinke. Aber er bleibt zögernd stehen, als ob er in ein Mysterium eindringen sollte.

Wenn er öffnete, und der Tisch wäre gedeckt da drin wie einst, und sie stünde in der Stube und säh’ ihn an mit ihren freundlichen Augen! Die Hand zittert ihm heftig, und da geht die Tür auf.

Ein leerer, dunkler Raum. Nur das Stearinlicht wirft einen unsicheren Schimmer über das Gemach hin.

Das war ehemals seine Wohnstube! Dort stand das Sofa, dort der Tisch, dort sein kleiner Schreibtisch, dort ihr Nähtisch. Er weiss noch alles, er weiss, wo jedes Bild gehangen hat an der Wand. Und jetzt ist alles fort; das Sofa, der Tisch, die Bilder und — sie!

Der Mann legt die Hand über die Augen. Dann rafft er sich auf und sieht sich genauer in der Stube um. Es ist eine andere Tapete, aber es stecken noch ein paar Nägel in der Wand von seiner Zeit her. Auch der Ofen hat noch die zwei zersprungenen Kacheln, die er kennt.

Die Scheu vermindert sich, ein Heimatgefühl überkommt ihn. Da tritt er in das zweite Zimmer. Es war ehemals seine „gute Stube“. Er wollte ja eigentlich gar keine gute Stube, aber Margarete bestand darauf nach Frauenart. Es war eine ihrer wenigen kleinen Eitelkeiten. Er muss ein wenig lächeln. Wie klein und niedrig dieses Zimmer war! Seine jetzige Küche ist doppelt so gross als diese „gute Stube“. Und doch war es eine gute Stube, so sehr gut, dass er sich jetzt keiner einzigen bösen Stunde erinnert, die er hier verlebte.

Er tritt ans Fenster. Dort drüben liegt ein grosses dunkles Haus. Eine Volksschule ist’s, und er hat vor Jahren dort amtiert. Jetzt ist er längst nicht mehr Lehrer, jetzt ist er Grosskaufmann, Fabrikbesitzer, Stadtverordneter, Gott weiss, was er jetzt alles ist. Ja, ja, er ist gewaltig in die Höhe gekommen, sein Vermögen hat sich vermehrt, sein Ansehen ist gewachsen, seine Lebensweise hat sich verfeinert, nur sein Glück ist verloren gegangen. Nur sein Glück, sonst nichts! Alles andere ist in tadelloser Ordnung.

Er schaut immer hinüber nach den hohen, dunklen Fenstern, und da packt ihn — wie schon so oft — das Heimweh nach dem alten, lieben Berufe, dem doch sein ganzes Herz gehört hatte, und der auch gewiss seine Bestimmung war.

Seufzend wendet er sich endlich ab und geht nach der Wohnstube zurück. Ob er das letzte wagte und auch einmal da hinein in die Schlafstube ging? Dort drin war sie gestorben.

Er zögert lange. Aber dann öffnet er langsam die Tür. Jäh schliesst er die Augen. Steht nicht dort — dort im Winkel, im Scheine eines ungewissen Nachtlichtes, ihr Bett? Liegt sie nicht dort in ihren Qualen, und schaut sie ihn nicht traurig an mit ihren guten Augen? Und wimmert nicht das Kindlein wieder?

„Ich möchte so gerne bei euch bleiben, bei euch beiden! Weine nicht so sehr, guter Franz, — weine nicht gar so sehr?“

„Du hattest mich so lieb, — du bist so gut, — ich danke dir, Franz, ich danke dir für alles! Es war so schön bei dir!“

„Margarete!“

Das Licht fällt verlöschend zur Erde, der Einsame eilt in den leeren Winkel. Er presst die heisse Stirn gegen die kühle Wand und weint bitterlich.

Nach Minuten lehnt er sich ans Fenster. Draussen über dem stillen Hofe leuchten zwei Sterne.

Wie er so in den dunklen Hof hinausschaut, wird sein Gesicht finster. Warum hatte es ihn so furchtbar hart betroffen, warum musste sie sterben? Sie war sein guter Engel gewesen und hatte, als sie schied, die Liebe und das Glück mit sich genommen. Wenn sich sonst eine Ehe löst durch den Tod, findet der zurückbleibende Teil trotz seines Wehes doch einen Trost, einen Halt, einen Frieden, vielleicht gar ein neues Glück. Er nicht! Er hat sich hundertmal selbst belogen.

Hier, hier in diesen Räumen allein hat sein Glück gewohnt. Hier hat er’s zurückgelassen, und er findet es nicht wieder, und wenn er suchend wandert über die ganze Erde. Am allerwenigsten wird er es bei ihr finden — bei der Zweiten.

Kann es denn nach einer Ersten eine Zweite geben? Für ihn nicht! Es war ein furchtbarer Irrtum, als er sich an jene andere band. Sie ist auch nicht sein Weib geworden, — nur seine Gemahlin. Sein Weib war diese hier!

Wie kommt es aber, dass gerade heute nach so langer Zeit seine alte Liebe und Sehnsucht wieder lebendig wird? Weil er geflohen ist vor jener anderen, geflohen aus seinem kalten, frostigen Hause, geflohen wie ein Gemarterter. Und jetzt weiss er auch, warum der Fuss heute über die Strombrücke lenkte, warum er hierher kam.

Er musste einmal wieder zu Hause sein!

Ja, er hat viel verloren: sein Weib, seinen Beruf, seine Heimat. Er hat sich nie wieder heimisch gefühlt. Damals, als ihm kurz nach Margaretens Tode unerwartet die hohe Erbschaft zufiel, als er unglückseligerweise seinen Beruf aufgab, damals ist er ruhelos umhergezogen durch die ganze Welt. Er suchte Vergessen und Frieden. Der Tor! über die höchsten Alpenkuppen vermag ein winziger Grabhügel uns nachzuschauen.

Irgendwo traf er seine jetzige Frau. Sie war ihm so gleichgültig wie alle anderen, aber ihr Vater gefiel ihm. Die Ruhe des älteren Mannes tat seiner aufgeregten jungen Seele wohl.

Und eines Tages war er mit der Tochter verlobt. Als er damals nach dem Feste nach Hause in sein Zimmer kam und vor das Bild seiner Frau treten sollte, war es ihm, als habe er einen Ehebruch begangen. Und doch waren die Augen des Bildes, das vor ihm auf dem Tische stand, gütig und mild. Es war stille Nacht, und er sprach mit ihr in seinem Herzen. Da war es ihm, als ob sie ihm Antwort gäbe, als ob eine leise, zarte Stimme zu ihm spräche: „Armer Freund, ich zürne dir ja nicht! Finde eine neue Heimat, du lieber, ruheloser Mann!“

Und diese Heimat hat er nicht gefunden. Er ist in das Geschäft seines Schwiegervaters eingetreten, er hat ein kostbares Haus bezogen und einen grossen Haushalt eingerichtet, aber eine Heimat war das nicht. Er lebte immer wie ein halbfremder Gast bei seiner Gemahlin und ihren vielen Bedienten.

Ist sie gar so zu verurteilen? O nein! Sie ist schön, reich und geistvoll. Sie hat nur kein Herz. Und er — er hat sie ja auch nie geliebt. Die Heirat mit ihr war nichts als ein neuer, letzter Versuch, zur Ruhe zu kommen. Dass er so ganz und gar misslang, war kaum ihre Schuld.

Es fehlt ihr die Herzensgenialität Margaretens, ihre liebe Stimme, ihr sanftes stilles Wesen, ihre fürsorglichen, weichen Hände. Und das kann durch nichts, durch keinen oberflächlichen Glanz aufgewogen werden.

Müde lehnt sich der Einsame gegen das Fenster. Die zwei Sternlein vom Himmel schauen auf ihn freundlich hernieder. Ganz still steht er und lauscht und schaut mit den feinsten Sinnen seiner Seele. Da fällt der Groll von ihm ab, und sein Herz wird weich. Er schaut nicht nach rückwärts, aber es ist ihm, als schritte unhörbar sein geliebtes Weib durchs Zimmer, wie sie sonst tat, wenn er traurig war. Und jetzt fühlt er’s ... sie legt den blonden Kopf auf seine Schulter und schlingt den Arm weich um seinen Hals, und sie fragt nach seinem Kummer und tröstet ihn, es würde bald wieder besser sein.

Da wendet er sich jäh um. O, er ist allein! Eine Frage, eine einzige Frage nur wollte er an sie stellen: Wie es besser werden könnte.

Und da fällt ihm urplötzlich sein Kind ein, sein Kind und ihr Kind — die kleine Margarete. Die lebte noch. Damals, als die Frau starb, hatte er das Kind zu seiner Mutter und seiner Schwester gegeben, die in einer kleinen Stadt lebten; er selbst konnte es ja nicht erziehen. Und dann, als er sich wieder verheiratet hatte, hatte er sich gescheut, das Kind zu sich zu nehmen. Das Mädchen hing an der Grossmutter und an der Tante; aber die Hauptsache war, er mochte es seiner zweiten Frau nicht zur Erziehung übergeben. Die liebte ihn nicht, um viel weniger würde sie sein Kind lieben. Und die Liebe ist doch das einzige Werkzeug der Erziehung. Nein, sie konnte keine Frau sein, viel weniger eine Mutter. Es war ein Glück, dass sie selbst keine Kinder besass. So blieb die kleine Margarete bei der Grossmutter. Er bezahlte reichlich für die Erziehung und fuhr manchmal hin. Nicht oft! Er fürchtete sich, an seine alte Wunde zu rühren, wie er sich ja gefürchtet hatte, hierherzukommen. Er konnte auch jetzt das Kind nicht in sein Haus nehmen. Das war ganz unmöglich.

Also würde er sein glück- und liebeleeres Leben fortsetzen müssen. Die ganze Bitterkeit seiner Vereinsamung überfällt ihn aufs neue. Wenn jetzt die alte Frau kam und er aus diesen Räumen hinaus musste, wanderte er wieder in die Fremde.

Ein schwerer Seufzer der Angst vor seiner Zukunft ringt sich von seiner Brust; in seiner Qual faltet er die Hände. Und in schwerer Erregung spricht er; die Worte sind kaum hörbar. Manches bleibt nur Gedanke, manches löst sich in ein Seufzen auf. So, wie wenn einer in stiller Kirche mit ganz schwerem Herzen betet:

„Margarete, du Verklärte, kannst du mich hören? Weisst du, dass ich hier bin? Weisst du, dass ich nach Hause gekommen bin? Margarete, ich bin ja so unglücklich! Ich weiss mir keinen Rat, die Verzweiflung überkommt mich; hilf mir, Margarete, hilf mir noch ein einziges Mal! Siehst du, ich bin hier, hier in unserem Zimmer, hier, wo du mein Weib warst, hier, wo du Mutter wurdest, hier, wo du starbst, hier in dem Tempel deiner reinen Weiblichkeit, und ich flehe dich an, tröste mich nur dieses eine Mal!“

Erschöpft von der grossen Erregung, lehnt sich der Unglückliche gegen die Mauer. Er schliesst die Augen und scheint schwer nachzudenken. Es bleibt alles tot und stille. Die, zu der er sprach, ist zu weit. Aber, er lauscht doch ... lauscht ... lauscht ... wie wenn Antwort käme aus hoher Weite. Und plötzlich richtet er sich hastig auf, seine Augen sind weit geöffnet und strahlen vor Freude, seine Hände graben sich in die Haare.

„Das, Margarete, das soll ich tun? Das?! Die Mutter, die Schwester, das Kind hierherholen? Unser altes Heim wieder einrichten? Sie hier wohnen lassen? Hier, Margarete, hier in unserer Wohnung? Und wieder ein Heim haben? Und wieder ein Heim haben?“

Der Mann steht weinend mitten in der Stube.

„Margarete, gute Margarete, siehst du, das wusstest nur du! Das konntest nur du mir raten. Das fiel sonst niemand ein. Du weisst immer, was mir fehlt, du weisst immer einen guten Rat für mich. Ja, ja, ich will unsere alten Möbel von der Mutter kommen lassen, ich werde alles so einrichten lassen, wie’s war, und ich hole alle die Lieben hierher. Ich kann sie dann besuchen, so oft ich will, ich kann heimgehen, wenn es mir nicht gut geht. Ich werde wieder eine Margarete haben, ich werde wieder unsere Wohnung haben, ich werde das Kind selbst unterrichten, und so werd’ ich auch wieder Lehrer sein können. Ich danke dir, Margarete, denn das wusstest nur du!“ — — —

Die alte Hausmeisterin kommt. Sie erhebt ein grosses Lamento über ihren Enkel, der sich sehr verletzt habe, und bittet um Entschuldigung wegen ihres langen Ausbleibens.

„Schon gut, Frau Völker, es ist schon gut! Ich miete die Wohnung! Hier haben Sie eine Anzahlung, und hier ist meine Adresse. Ich komme bald wieder, da regeln wir alles. Gute Nacht, Frau Völker!“

„Gute Nacht, mein Herr!“

Verwundert geht die Frau auf den Flur an eine Gasflamme.

„Woher er bloss meinen Namen weiss!“

Sie liest: „Franz Berthold.“

„Herr Berthold, — Jeses, — Herr Berthold! Herr Berthold!“

Der hört sie nicht mehr. Er geht unten bereits wieder über den Platz.

Die Eisenbahn.

Der Schluss einer Geschichte.

Er sieht wieder nach der nahen Berglehne, über die der Weg nach der Stadt führt. Der Wind geht heute; da ist die Luft klar, und er wird vielleicht die Eisenbahn sehen können. Zwei Stunden sind’s ganz gut bis dahin, aber er hat schon einmal am Damme gestanden und die Bahn ganz nahe gesehen.

Auf der Berglehne steht eine Windmühle, die ist der Stolz des ganzen Dörfchens, denn sie hat fünf Flügel. Der Joachim hat einmal den Müller gefragt: ob es ihm denn nicht auch so vorkäme, als zeige die Windmühle beim Drehen mit ihren fünf Fingern immer hinüber nach der Stadt. Doch der Müller hat gelacht und gesagt, die Windmühle hätte ja gar keine Finger.

„Und sie hat doch Finger!“

Der Joachim lehnt sich am Feldrain zurück und versinkt ins Träumen. Zwei- oder dreimal meldet ihm der Schäferhund, dass nicht alles in Ordnung sei. Er beachtet’s nicht. Er ist dem Hunde gram und den Schafen noch mehr.

Dass er wandern wird, steht fest; aber nicht nach Berlin, wie er bisher wollte, sondern lieber nach Hamburg, wo das Meer ist. — Oder nach Breslau! — —

Eine schwere Röte zieht über das Gesicht des Burschen, und er schaut sich um: ob auch kein Mensch in der Nähe sei. Er ist ganz allein. Da wird er mutig und spinnt seinen Gedanken fort. Nach Breslau!

Ja, das ist sicher: sie hat zu ihrem Vater gesagt, er hätte ein interessantes Gesicht und kleine, schöne Hände. Die Martha hat’s aufgeschnappt und ihm wiedererzählt. Seit der Zeit spricht er öfter mit der Martha als sonst. Aber sie erzählt nichts Neues mehr.

Warum sie nur vorgestern so heulte, die Martha, das dumme Ding? Sie hat’s doch gut, sie ist so viel um das Fräulein und darf ihr die meisten Dienste tun. — —

Wie das Fräulein doch so klug, so reich und so engelsschön sein kann! Weit in der Ferne, in der grossen Stadt, gibt es vielleicht noch mehr solche Mädchen. Doch es soll ja nicht mehr geben, nur diese eine, nur diese!

Nach einer Weile fängt der junge Schäfer an zu rechnen und wälzt sich dann schwer im Grase. Es sind wirklich fünf Wochen, dass sie da ist, und ist nur noch eine Woche Zeit.

Joachim seufzt schwer. Der Winter ist so lang und der Sommer so kurz, und nur im Sommer ist er glücklich.

Die Sommergäste hat er immer verehrt — alle, sogar die dicke Kaufmannsfrau aus Posen. Die Sommergäste sind alle reich, sie brauchen nicht zu arbeiten, sie sind nicht grob zueinander und tragen nie schmutzige Kleider.

Joachim schaut an sich hinunter. Er hat die Sonntagsstiefel an und würde sogar den Sonntagsanzug zum Schafehüten anziehen, wenn er nur nicht gar zu sehr ausgelacht würde. Er möchte sich immer halbtot schämen vor ihr ... so in diesen Lumpen.

Ob sie heute aufs Feld kommen wird, oder ob sie im Walde liest? Gestern hat sie ihm im Vorbeigehen nur zugenickt, aber vor vier Tagen ist sie mit ihrem Vater bei ihm stehen geblieben. Ob denn die Schafe nicht auch manchmal krank würden, hat sie gefragt. Da ist er glücklich gewesen, ihr alle Schafkrankheiten aufzählen zu können, die er kannte, und hat auch die Mittel angegeben, sogar die geheimen.

Jetzt taucht ihm auch der Wunsch auf sie möchte einmal krank werden, er würde dann Tee für sie suchen. Aber er kann nichts für sie tun — gar nichts. —

Der Joachim ist ein wenig müde, darum lässt er von der Zukunft ab und denkt ans Vergangene — an alle Begegnungen mit ihr. Diese Gedanken sind ganz mühelos, weil sie ihm so geläufig sind.

Am liebsten stellt er sie sich vor, wie er sie zuerst gesehen hat; damals, als er mit der Herde heimtrieb und sie in der Haustüre stand. Er hat jetzt herausgefunden, dass das runde Fenster in der Tür, das im Abendlichte glänzte, ausgesehen habe wie eine Krone über ihrem Haupte oder wie ein goldener Heiligenkranz. Manchmal, wenn er sehr lebhaft daran denkt, kommen ihm Tränen in die Augen.

Aber wenn er an die andere Geschichte denkt, wie sie ihn fragte, ob es wahr sei, dass er Gedichte machen könne, wird er wild — wild über sich selbst.

„Es ist ja erst gar nicht wahr.“ Das sagt man doch zu keinem solchen Fräulein. Und dann überhaupt, was war er für ein Esel, dass er sich so schämte! Er hätte sein Glück machen können. Er hätte einfach „ja“ sagen und das blaue Heft zeigen sollen, dann hätte sie doch gesehen, dass er kein so erbärmlicher, dummer Kerl ist.

Nun weiss sie von allem nichts.

Wenn sie ihn noch einmal fragte, nur noch ein einziges Mal fragte! Aber er weiss schon, damit ist’s nichts mehr, sie hat’s übel genommen.

Er müsste selbst anfangen!

Joachim gerät in grosse Erregung, steht auf und macht einen Gang um die Herde. Dann setzt er sich wieder auf den früheren Platz.

Sein alter Plan ist wieder vor ihm aufgetaucht; der Traum von der grossen Stadt, von Ruhm und Reichtum. Den Zeitungsfetzen, auf dem von dem Dichter Peter Rosegger gedruckt steht, der jetzt berühmt und reich sei und doch ehemals bloss ein ungebildeter Schneidergeselle war, trägt er noch immer bei sich. Er liest die Geschichte alle Tage, denn wenn er sie bloss auswendig vor sich hinsagt, glaubt er sie nicht. Dass es so etwas wirklich geben könne, hat ihn ja so glücklich und so faul gemacht. Vor dem Winter wird ihn der Bauer fortjagen. Das macht der Geiz.

Es ist alles egal. Wenn er nur wüsste, wo der Schneider und Dichter Rosegger wohnt; da würde er einmal einen Brief an ihn schreiben, wie man’s anfangen müsse, wenn man ungebildet sei und dichten könne. Aber die Adresse steht nicht in der Zeitung.

Jetzt zieht er das blaue Heft unter der Weste hervor und beginnt in halblautem, singendem Tone Gedichte zu lesen. Plötzlich erstirbt seine Stimme zum Flüstern:

„Es kann nicht sein,

Du bist so fein

Doch du so weit und ich hier allein,

Das — das kann erst recht nicht sein!“

„Adieu, Joachim! Wir reisen heute schon! Adieu! Adieu!“

Der Schäfer schrickt auf. Drüben auf der Strasse sieht er die Droschke seines Bauern vorbeifahren, darin sitzt sie und ihr Vater.

„Adieu, Joachim!“

Der sitzt wie versteinert. Der Wagen fährt weiter. Sie wendet sich um und winkt noch einmal, auch der Vater. Und der Anton sitzt vorn auf dem Bock und knallt mit der Peitsche. Das alles sieht Joachim, aber er vermag kein Glied zu rühren. Er starrt nur dem Wagen nach, der den Berg hinauffährt. Erst wie er ihn jenseits des Hügels verschwinden sieht, öffnen sich seine Lippen. Ein kurzes, lallendes Lachen kommt ihm vom Munde:

„Sie ist fort!“

Dann sitzt er wieder ganz still — eine Viertelstunde lang; nur einen Stengel Sauerampfer kaut er gedankenlos. Schliesslich legt er sich hin, mit dem Gesicht auf die Erde, und bleibt so liegen eine halbe Stunde lang.

Plötzlich springt er auf. Er reisst die Mütze vom Kopfe und schlägt mit ihr Räder in die Luft wie ein Verrückter; und dann fängt er an zu schreien.

„Warten! Halt! Halt! Warten! Warten! Ich will Ihnen etwas sagen — etwas sa — a — agen! Ha — a — a — alt!“

Er rast über den Acker, hin zur Strasse und den Berg hinauf bis zur Windmühle. Dort bricht er erschöpft in die Kniee und schaut mit weiten, starren Augen in die Ferne.

Nichts mehr zu sehen, nichts mehr!

Joachim bleibt knieen. Wenn er wartet, wird er die Eisenbahn sehen können, auf der sie fährt.

So wartet er. Ein Stückchen weg von ihm liegt der Müller im Grase. Er ist eine Nacht und einen Tag auf der Mühle gewesen und jetzt eingeschlafen.

Drüben färbt sich der Himmel rot. In den goldenen Himmel wird sie hineinfahren, und er wird die Eisenbahn sehen können.

Ganz ruhig kniet der Joachim. Es ist jetzt kein anderes Gefühl in ihm als gespannte Erwartung.

Jetzt! — Da! — Der weisse Rauch! — Die Wagen kann er nicht ordentlich sehen! — Er springt auf die Füsse, steht auf den Zehen, schnellt sich in die Luft. Es genügt nicht! Dort! — — — Drei Sätze, ein Ruck, er hängt an dem einen Flügel der Mühle, schwebt hoch, höher! Der Rauch! Der Himmel! Die Wagen! Sie! — Er lässt die rechte Hand los, schwingt das Heft — hoch, hoch — das Gesicht wird dunkelblau. — Fünf oder sechs Sekunden dauert das alles, dann wird er mit fürchterlicher Gewalt hinabgeschleudert, dicht neben den Müller.

Einer wacht auf: der Müller.

Eine Vorfrühlings-Erinnerung.

Mein Stolz war damals eine kleine Tabakspfeife. Kein Junge im Dorfe ausser mir besass eine solche. Ich hatte das Prachtstück von einem „Kühprinzen“ erhandelt, einem jovialen jungen Manne von etwa 16 Jahren, der schon längst aus der Schule war, es aber doch nicht verschmähte, mit uns Schuljungen zu verkehren. Ja, seine Leutseligkeit ging so weit, dass er Schulden bei uns machte. Überhaupt, ein Lebemann war er! An einem einzigen Sonntagnachmittage — so kam mir ein dunkles Gerücht zu Ohren — hatte er beim „Titschen“ 120 Knöpfe verspielt. Und da kam er in Zahlungsschwierigkeiten. Also erschien er bei mir, der ich als Knopfkrösus im Dorfe bekannt war, und bot mir einige seiner Güter zum Verkaufe an. Einen kleinen Taschenkamm lehnte ich rundweg ab, aber für ein Taschentuch mit dem Bilde des alten Moltke setzte ich 25 Knöpfe. Das war zu wenig für ihn, und so bot er mir erst zögernd einen kleinen, runden Spiegel und dann nach fürchterlichem Seelenkampfe sein altes Taschenmesser zum Verkaufe. 60 Knöpfe war alles, was ich geben wollte. Dem armen Schlucker stand der Schweiss auf der Stirne. „60 sein zu wing,“ keuchte er. Da rückte ich endlich mit meinen selbstsüchtigen Absichten heraus. „Fer die Feife gäb’ ich zweehundert,“ sagte ich lauernd. „Du bist ganz verrückt,“ antwortete er und verliess mich. Kaltblütig liess ich ihn laufen.

Am nächsten Abend hatte ich die Pfeife. Der Spielgegner des „Kühprinzen“ hatte gedroht, ihn bei seiner Braut zu kompromittieren, wenn er nicht zahle. 20 Knöpfe musste ich allein für diese Drohung bezahlen, da sie der Gläubiger nur auf die Gefahr einer riesigen Tracht Hiebe hin riskieren konnte.

Ich lebte damals bei meinem Grossvater, der Landwirt war und gleicherzeit Stellmacher. Nie mehr im Leben habe ich seligere Zeit verlebt als bei ihm. Wir hatten zwar fast alle Tage Rauchfleisch auf dem Tische; aber er ass das fette, und ich bekam das magere, und wenn’s eine Arbeit gab, tat er sie selbst und liess mich springen. Ich sei nicht für die Arbeit, sagte er.

Im Hause meines Grossvaters lebte oben in der Giebelstube die alte Blümeln. Zu ihr bin ich oft hinaufgestiegen, und ich dachte immer ans Dornröschen, das zur Spinnerin schleicht. Aber die alte Blümeln spann nie. Im Sommer ging sie rüstig und fleissig zur Arbeit, Tag für Tag, und im Winter war sie, da sie gerade Zeit dazu hatte, immerfort krank. Was ihr fehlte, sagte sie keinem Menschen, mir auch nicht.

Auch an dem Märztage, von dem ich erzählen will, ging ich zur Blümeln. Sie lag im Bette und sah mich jämmerlich an. In der Stube waren vielleicht 30 Grad Hitze, und sie hatte noch zwei Tücher um den Kopf gebunden. Da klagte die Arme über Kopfschmerzen.

Ich machte mich der Blümeln so angenehm als möglich. Ich liess mir etwas von ihrem seligen Manne erzählen, ich beguckte staunend das Bild ihres Sohnes, der beim Militär war, ich legte auf ihren Wunsch noch einmal frische Kohlen aufs Feuer. Dann wurde ich launig. Ich erzählte eine Schnurre vom Alten Fritz, deren Pointe sie aber nicht zu erfassen schien; ich turnte über ihre Stühle, versuchte sechsmal vergebens auf dem Kopfe zu stehen und raubte ihr endlich gar einen Kuss. Da hatte sie mich endlich verstanden.

„Du willst wull Tobak?“ fragte sie.

„Ach ja, bluss a kleenes bissla,“ bat ich.

„Na, do such’ dir!“

Augenblicklich lag ich auf der Diele und kroch auf allen vieren unter Mutter Blümelns Bett. Dort stand, ganz im allerhintersten Winkel, eine riesige Strohschüssel mit trockenem Tee aller Art. Aus dieser Schüssel bezog ich meinen Bedarf an Rauchtabak.

Ich zog die Schüssel ans Licht und stellte sie auf den Tisch. Dann suchte ich aus der Tasche eine Menge grosser und kleiner Düten hervor und traf meine Auswahl. Zuerst versorgte ich mich mit meiner Lieblingssorte. Mutter Blümeln sah mir mit leidender Miene zu.

„Jüngla, niem ni zu viel Fafferminze,“ sagte sie.

„Aber die roocht sich gerade gutt,“ erwiderte ich.

„Ju, aber ich brauch’ se fer a Kupp. Niem lieber Spitzweger; uff der Lunge hab ich’s jitzt nich.“

Also nahm ich Spitzwegerich, obschon ich ihn wegen seiner dicken Rippen für eine untergeordnete Sorte hielt, versah mich genügend mit Thymian und Baldrian und stellte dann in einer grossen Düte noch eine hochfeine „Mischkulanz“ her. Darauf erbot ich mich freundlich, Mutter Blümeln eine Pfeife vorzurauchen, was sie aber im Hinblick auf ihre angegriffene Gesundheit ablehnte. So verabschiedete ich mich mit vielen Dankesworten und versprach auch, beim Hinausgehen die Türe nicht zu weit aufzureissen.

Wer schon in einer kleinen Stellmacherwerkstatt war, wird wissen, was ein „Radestock“ ist, und wer’s nicht weiss, stelle sich nur ein langes rechteckiges Loch in der Diele vor, in das der Stellmacher die Räder stellt, die er bearbeitet. Der Radestock hatte für mich mannigfache Bedeutung. Er war das Gefängnis, in das ich den „Fips“ sperrte, wenn er in Ungnade bei mir fiel; er war die Räuberhöhle, in der ich mit meinem Kumpan Karl von allen grossen Taten sprach; er war das Bergwerk, in das ich oft mit Laterne und Kohlschaufel stieg; er war der Brunnen, in den ich unzähligemal fiel, ohne je auf Frau Holles grüne Wiese zu kommen; er war das Grab, in das ich mich legte, wenn mir weich ums Herz war und ich tot sein und still liegen und träumen wollte. Jetzt sollte er auch mein Rauchkabinett sein.

Der Grossvater sass am Ofen und schlief. Vorsichtig betrachtete ich ihn, im Radestock knieend, dann packte ich auf der Diele meine Tabakvorräte aus. Ich hätte mir gerne ein Pfeffermünze geleistet, aber da ein ganz gewöhnlicher Donnerstag war, begnügte ich mich mit Baldrian.

Mein Kopf verschwand unter der Erde. Nur eine Hand langte aus der Höhlung heraus und rieb ein Zündholz gegen die rauhe Diele. Rot und magisch glänzte die dunkle Höhle des Radestockes auf, dann brannte die Pfeife.

O, war das ein Genuss! Ich blies den weissen Rauch aus der dunklen Höhle hinauf ins Lichte. Der Frühlingssturm stiess an die Fenster, die Uhr tickte, die Katze schnurrte, und ich lag so wonnig in der Tiefe und rauchte.

Von Zeit zu Zeit hob ich den Kopf und sah nach dem Grossvater. Er führte kuriose Bewegungen aus. Manchmal fuhr er mit der rechten Hand nach der linken Seite, als wenn er jemand eine Ohrfeige geben wollte, und manchmal griff er sich nach dem Beine. Ich tat zwei nachdenkliche Züge, und dann wusste ich’s. Säen wollte er gern, und das Reissen hatte er im Beine. Das war, weil’s Frühling wurde.

Wieder lag ich ganz still. Von der Zeit träumte ich, da ich ein grosser Herr sein und eine Tabakspfeife haben würde, zwei Meter lang, gefüllt mit richtigem Tabak. Ein Heer von Gedanken und Wünschen kam, und unter allen stieg immer der eine grosse, inbrünstige wieder auf: wenn es mir gelingen möchte, den Rauch durch die Nase zu blasen.

Es gelang nicht; ich musste nur erschrecklich husten.

Da stand plötzlich der Grossvater am Radestock. Wir sahen uns beide erstaunt an, dann mussten wir lächeln. Beide! Und ganz verständnisinnig!

„Dass dir no schlecht wird,“ sagte er und ging aus der Stube. Jauchzend blickte ich ihm nach. Die Tabakspfeife war sanktioniert.

Mein Jubelgefühl war so stark, dass mir der Radestock zu eng war. Ich lief in den Hof. Der Wind hatte das Tor aufgerissen, und draussen lag das weite Feld. Dort hinaus lief ich. Gleich hinter dem Besitztum des Grossvaters stieg der Feldweg zu einer kleinen Anhöhe empor. Auf der blieb ich stehen.

Die Felder lagen schwarz und braun; grau waren die Raine und matt das Grün der Saaten. Farblose Lachen standen in den Niederungen, hie und da war eine abgerissene, verlorene Schneelinie, und die schwarzen Krähen segelten durch die Luft. Es war ein ganz farbiges Bild. Auch die lichten Wolken, die mit der Sonne rangen, waren schön, und auf den Wiesen schüttelten die Weiden ihre langhaarigen Köpfe. Ich stand ganz still, und durch den jungen, gesunden Leib strömte es frühlingskräftig und wonnig.

Jetzt dazu noch eine Pfeife rauchen können, dann wäre das Mass des Glückes übervoll. So etwas fiel mir ein. Ach, es gelang nicht, wie ich mich auch bog und krümmte und die kleine Jacke ausbreitete: der Frühlingssturm löschte mir das Licht aus.

So tanzte ich den Berg hinunter. An der Esche passierte noch etwas. Dort wühlte ein Spatz mit seinem harten Schnabel im Moose. Ich vermutete gleich, ein Käferlein werde in dem grünen Bettchen liegen und gar wonnig vom Frühling träumen. Das wollte der Spatz fressen.

Lump! Wenn mich nun der Grossvater auch gefressen hätte, als ich vorhin so glücklich in der Tiefe lag!

Ich hob einen Stein auf und warf. Ich traf den Räuber nicht, doch ich verscheuchte ihn. Aber ach, der Stein lag schwer auf dem Moose.

Nun hatte ich vielleicht das Käferlein selber getötet.

Auf der Dorfstrasse erst endeten meine Gewissensqualen. Dort stand der Kühprinz und titschte, — titschte mit seinem alten Gegner. Er war so aufgeregt und so ins Spiel verbissen, dass er mich gar nicht sah. Sein Herr hatte ihn offenbar mit einem Auftrag ins Dorf geschickt, und er war noch nicht zurückgekehrt. Nein, er titschte, der leichtsinnige Mensch. Ich gedachte ihn zu ärgern.

Hinter einer Mauer stopfte ich meine Pfeife mit meiner besten Sorte — mit Pfeffermünze. Ich zündete das edle Kraut an und trat mit einem kurzen Grusse zu den Spielenden. Sie dankten kaum. Aber ich stand behaglich und protzig da und liess das köstliche Arom meines Tabaks dem Kühprinzen beständig unter die Nase streichen. Er schnüffelte, schnüffelte, ich glaube, die Augen gingen ihm über, aber er sagte nichts.

Er hatte übrigens grenzenloses Pech, der Kühprinz. Fast bei jedem Wurfe verlor er. Anfangs hielt sich das Spiel in mässigen Grenzen; — zwei Knöpfe auf einen Wurf, das kann ein mutiger Spieler schon wagen. Aber dann artete es aus. Der Kühprinz, der ungeheuer im Verluste war und immer mit meinen Knöpfen bezahlte, bot fünf, endlich sogar zehn Knöpfe auf einen Wurf. Mit Ingrimm sah ich die schönen Knöpfe, von denen ich doch jeden einzelnen kannte und liebte, in die Tasche des Gegners wandern. Ich warnte, — es war umsonst. Der Unglückliche war völlig verblendet. Endlich hatte er bloss noch zwanzig Knöpfe und setzte alles auf einen Wurf. Der Wurf fiel, und — alles war verloren. Mit erbleichtem Gesichte und zitternden Händen, so stand der Kühprinz da. Er war ruiniert! Mechanisch griff er in die Tasche und warf seinem Gegner die letzte Habe vor die Füsse. Mir aber ging zum erstenmal im Leben die Pfeife aus.

Ich weiss nicht, warum ich ihn begleitete. Es war wohl tiefes Mitleid. Ich wollte ihn trösten, mit ihm reden, — er gab keine Antwort. Erst als ich ihm riet, er solle sich nie mehr mit dem Heinrich einlassen, tat er einen leisen Fluch.

Der Frühlingswind sang in den Ästen, melancholisch und schaurig, der volle Bach rauschte und dröhnte, und unser Hund lief den Rand entlang und bellte das Wasser an. Mir wurde weich ums Herz.

Alles, was ich an kleiner Münze bei mir trug, es waren sieben Bleiknöpfe, bot ich dem Kühprinzen an. Er könnte ja klein und vorsichtig wieder anfangen, sagte ich gutmütig.

Finster schlug er meine Gabe ab. Er werde nie mehr spielen, sagte er. Da tat mir’s leid, dass er so ganz mit dem Leben abschliessen wollte. Und gerade jetzt, wo der Frühling kam.

Die Gasse, in der wir gingen, war schmal. Rechts und links lagen Gärten mit hohen, verwachsenen Zäunen. Die Ruten bogen sich im Winde, es war schon finster in der Gasse, und der Bach gurgelte so laut.

Da fürchtete ich mich plötzlich.

„Ich muss heem,“ sagte ich und blieb stehen.

Er sah mich an — tückisch, mit bösen, gelben Augen. Er wollte etwas sagen, aber er brachte es nicht gleich heraus, weil es ein schweres, sündiges Wort war.

„Ich muss heem,“ wiederholte ich. „Schloof gesund!“

Da krächzte er mich unvermittelt mit heiserer Stimme an: „Gib die Feife har!“

„Die Feife? Ich hütt’ mich! Die is meine!“

„Gib die Feife har!“

„Ich hab’ se gekooft! Fer zweehundert —“

„Gibste de Feife har!“

Das gurgelte er. Und er fasste mich am Halse. Er war einen Kopf grösser und wohl doppelt so stark wie ich. Er presste mir die Kehle zusammen. Ganz finster wurde es um mich, und ich fühlte nur den Arm des Räubers. Es lag so ein lähmender Schreck in meinen Gliedern, dass ich mich kaum wehrte. Ich glaube, ich dachte auch nichts, wie er mich so würgte. Nur der gute Grossvater fiel mir auf eine Sekunde ein mit heissem Heimweh.

Das Blut blieb mir im Kopfe stehen, und es war, als ob mir die Stirn auseinanderplatzen sollte. Vielleicht war ich nahe daran, die Besinnung zu verlieren.

Da liess der starke Bursche meinen Hals los und griff nach meiner Brusttasche. Und da — ich weiss nicht, wie es kam, da holte ich tief Atem und hatte auf einmal Kräfte. Mit einem gewandten Ruck riss ich mich los. Fest presste ich die linke Hand auf die geliebte Tabakspfeife, die rechte aber, zur Faust geballt, hieb ich dem Räuber gerade auf die Nase.

Ach, es war ein schlechter Hieb. Kein Tröpflein Blut quoll dem Kühprinzen über die Lippen; nur die Augen tränten ihm. Seine Wut aber steigerte sich. Wie ein wildes Tier sprang er abermals gegen mich an. Da gedachte ich, in dieser hohen Not, ihm einen Tritt gegen den Bauch zu versetzen. Ich trat, verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Rücken. Der Magen des Kühprinzen hatte für meinen Stiefelabsatz zu hoch gelegen.

Jetzt wäre ich verloren gewesen, wenn nicht ein Wunder passiert wäre. Es passierte eines: nämlich der Kühprinz lag auch. Er war über mich gestolpert. Blitzschnell erkannte ich die Situation, blitzschnell fuhr ich in die Höhe, blitzschnell ritt ich dem liegenden Kühprinzen auf dem Rücken. Er brüllte, er schlug mit den Beinen, er versuchte sich zu wälzen, er wollte sich auf die Hände stützen — alles umsonst; fest sass ich auf dem Rücken, nicht nur mit meiner ganzen furchtbaren Halb-Zentnerlast, sondern auch mit der Kraft einer Schraube, die nach physikalischen Gesetzen nicht locker lassen kann.

Jawohl, der Kühprinz war festgeschraubt!

Ein seliges Siegergefühl überkam mich, auf einen Moment wurde meine Phantasie rege, und der Frühlingswind, der durch die Ruten fuhr, grüsste einen Helden, der im dunklen Walde einen Riesen gefällt. Das ganz nahe Wasser aber sang mir ein brausendes Triumphlied.

Vor der Höhe dieses Gefühls erblich auch die niedere Regung, die mich als Lustanwandlung überkam, dem Kühprinzen zur Strafe für seinen Anfall hundert oder zweihundert Ohrfeigen zu geben und eine Million Püffe gegen den unfrisierten, dicken Schädel. Nein, ich tat ihm gar nichts, ich fragte nur, fragte mit der ganzen vornehmen Ruhe des Überlegenen:

„Wem’s is de Feife?“

„Meine is se,“ knirschte er.

Da bekam er doch eine Ohrfeige.

„Kannste die zweihundert Knöppe wiedergeben?“ fragte ich hochdeutsch, um ihm meine Überlegenheit begreiflicher zu machen. Nein, das konnte er nicht. Aber dennoch wollte er die Pfeife. Umsonst wollte er sie! Und er wollte auf, augenblicklich auf, wollte mir’s „anstreichen“. Auf diese glänzenden Präliminarien ging ich nicht ein, und so kam es wieder zu einem furchtbaren Ringen, während dessen der Kühprinz eine gotteslästerliche Liste von Flüchen und Schimpfnamen über mich ausschüttete.

Und da geschah etwas Unerhörtes. Auf der nahen Brücke erschien Berta, des Kühprinzen „Braut“. Sie kreischte laut auf, als sie uns so ringen sah; der Kühprinz brüllte wie ein Stier und machte wahnsinnige Anstrengungen, frei zu werden; ich aber hielt fest, und da er mich rasend in die Beine zwickte, gab ich ihm wieder zwei schallende Ohrfeigen.

Darob überkam die Jungfrau auf der Brücke ein Grausen, und mit dem erschütternden Rufe: „Der Keller ermurkst a Lamprecht! Der Keller ermurkst a Lamprecht!“ stürzte sie fort.

Mochte sie fortstürzen, mochte sie durchs ganze Dorf schreien, sie war lediglich ein Herold meines Ruhmes.

Doch was war das? Der Kühprinz lag ganz still und atmete nur schwer.

„Looss mich uf!“ keuchte er.

„Wem’s is de Feife?“ fragte ich.

„Deine!“ sagte er.

„Hab’ ich dir se richtig obgekooft?“ fragte ich wieder.

„Fer zweehundert,“ gab er zu.

„Lässte mich jitzt ruhig heemgiehn ?“ begehrte ich noch zu wissen.

„Ich tu’ dir nischt!“ gelobte er.

„Na, do stieh uf!“

Drei Sekunden später standen wir, und einen Moment später — hatte er mich abermals gepackt. Ein massloser, wütender Hass gegen den Wortbrüchigen überkam mich. Ich hieb, stampfte, biss, spie — jedes Mittel war mir recht. Dazwischen rief ich: „Fips! Fips! Fips!“ Der Hund erschien. „Niem a, Fips, niem a!“

O das blödsinnige Tier! Es erfasst nicht, dass sein junger Herr ringt auf Leben und Tod, es steht da und bellt kindisch, wie es vorhin das Wasser angebellt hat. Es meint, all diese grossen Vorfrühlingsereignisse seien lediglich zu seinem Vergnügen da.

Inzwischen wird mein Atem schneller, kürzer, keuchender; der Schweiss perlt von meiner Stirn, ein heisses Zittern fliegt über den masslos angestrengten Körper.

Da! — „Grussvater!“ — — —

Ein Klatschen — und mich umfängt ein eisiger Schauer.

Was ist?!

Jesus! Ich liege im Wasser!

Da der Kühprinz — —

„Ich hab’ dich ni neigeschmissa,“ schreit er.

„Hilfe — Hilfe!“

„Das — das — Was — mei — mei — ich — ich —“

„Grussvater! — — — — Gruss — — — —“

Was ist nur? Ich wache auf. Der Mond scheint draussen. Wir haben keinen Vorhang. Den Mond und weisse Wolken sehe ich. Auch den Apfelbaum. Und der Wind geht.

Die Augen fallen mir zu. Die Blümeln ist wohl da. Ich höre sie sprechen.

„Um dan Junga wär’s schade!“

„Nu do!“ sagt der Grossvater.

Ich mache die Augen wieder auf. Ich sehe ihn. Er hat heute rote Wangen, der alte Mann. Und die Blümeln ist wirklich da. Jetzt sehen sie, dass ich wache. Wie sie sich freuen! Wie sie auf mich einreden! Was ist denn eigentlich?

„Gelt, du wärst wieder munter, Paul?“ fragt die Blümeln.

Ich gucke mich um. Auf dem Tische steht der Blümelns Teeschüssel, und daneben liegt meine kleine Tabakspfeife. Auch die sieben Bleiknöpfe sind da und das andere Zeug, das ich in der Tasche hatte. Was eigentlich bloss sein mag? Ich kann gar nicht denken.

„Würste wieder gesund war’n, Paul?“ wiederholt die Blümeln angstvoll.

Ich weiss es ja auch nicht. Aber da sehe ich wieder die Teeschüssel und die Tabakspfeife, und da sage ich: „Ja, Blümeln, ich war’ schun wieder gesund war’n!“

Draussen singt der Frühlingswind, die Augen fallen mir wieder zu, und ein leiser, aromatischer Duft von Pfeffermünze zieht durch meinen Traum.

Seeschwalben.

Ich habe einmal einen sonderbaren Freund gewonnen. Der war Schullehrer auf einer Hallig. Wilhelm Schmitt hiess er und war eben ein Mittefünfziger, als ich ihn kennen lernte.

Seine Heimat war so trostlos, wie die Halligen alle sind, — ein langgestrecktes, fahlgrünes Eiland, an dem das Meer frass; auf der Düne ein paar kleine Dünenrosen und ein wenig Erika, sonst nur sehr kümmerliches Gras.

Aber ich fand bei Schmitt, was ich suchte — Einsamkeit und die Gelegenheit, ein wenig dem Friesischen nachzuforschen. Die tote Ruhe, die sonst in den niedrigen Hallighäusern herrscht, wohnte im Schulhause nicht, nur die friedliche Stille, die jeder verträgt, auch der moderne Mensch.

Schmitt lebte seit mehr als dreissig Jahren als Lehrer auf der Hallig. Er hatte wohl nie einen Versuch gemacht, von da wegzukommen, denn er war selbst ein Kind der Hallig. Viel Schüler hatte er nicht; die Leute auf dem Eiland brachten ihre Kinder, und von den benachbarten Inselchen kam manchmal eines herüber, wenn es das Meer erlaubte, und wenn die Leute Zeit und Lust hatten.

Das Schulhaus war sehr hübsch und ragte unter den elenden Hütten auf wie ein Schlösslein oder wie eine Festung. Es war erst unter preussischem Regiment gebaut, und die Regierung hatte an die Werft, d. h. an den künstlichen Hügel, der das Gebäude trägt, mehr Geld gewandt als an das ganze Haus. So hatte denn der Schulpalast auch bis jetzt alle Sturmund Springfluten siegreich überstanden, was nicht wenig dazu beitrug, mein Wohlbehagen und Sicherheitsgefühl auf der kleinen Insel zu mehren.

Schmitt erzählte mir einmal, dass in einer einzigen Nacht mehr als die Hälfte seiner Schüler ertrunken sei. Da hat er am anderen Tage auf der Düne, die der Stolz der Hallig war, ein bisschen zerzaustes Heidekraut gesammelt und ein ganz kleines Kränzlein gemacht. Das Kränzlein hat er auf die Flut gelegt, und es ist über das weite, grosse Grab geschwommen, in dem die kleinen Schläfer ruhten, als eine letzte Gabe von ihrem Lehrer.

Die Halligleute können nicht lachen. Auch Schmitt lachte nie, aber er hatte doch ein freundliches, friedevolles Wesen. Es ist immer so: je mehr es um den Menschen tobt und wirbelt, desto stiller wird es in ihm selbst.

Interessanter noch als Schmitt war seine Frau Regina. Sie war eine Professorentochter aus Berlin. Es sind mir wenig Frauen im Leben begegnet, die ich so geachtet habe wie sie. Ein kluges, stilles Weib war sie mit unsagbar weichen Händen. Eine derer, vor denen sogar die Bösewichte zahm und die Spötter stille werden. Ich habe auch selten ein Ehepaar kennen gelernt, das sich nach so langer Ehe noch eine so innige und ehrfürchtige Zärtlichkeit bewahrt hätte, wie diese beiden Leute.

Für den Mann war die Frau ein Segen. Sie rettete seine Seele vor der Erstarrung und war ihm mit ihrem goldenen Herzen und ihrem klugen, feinen Kopfe die beste Gesellschafterin.

Ich hatte viel Respekt vor meinem Freunde Schmitt; aber ich wunderte mich doch im stillen darüber, dass ihn Frau Regina genommen. Da sass ich einmal mit ihr auf der kleinen Bank, die in dem Gange stand, der rund auf der Werft um das Schulhaus herumlief. Schmitt war nicht zu Hause, und da erzählte sie mir.

Sie war mit ihrem Vater, dem Professor, nach der Hallig gekommen. Der war auch ein Einsamkeitsmensch und ein Freund des Friesischen. Schmitt war damals noch ein junger Mann. Sehr schön und sehr stark sei er gewesen, sagte Frau Regina. Er gefiel ihr, und es rührte sie sehr, dass er seine arme Heimat und deren ebenso arme Menschen so liebte. Er sei ihr immer als ein echter Heilandsjünger vorgekommen: so arm und so ein Freund der Armut, so still, so stark und immer so bereit zum Helfen.

Der Vater Reginas war ein eifriger Schlickläufer. Wenn das Meer zurückebbte, ging er hinaus auf den Schlickboden. Er sammelte keine Muscheln und ging nicht auf die Seehundsjagd; er wollte bloss draussen sein. Schmitt begleitete ihn anfangs, aber mit der Zeit ging der Professor allein.

Und da geschah es, dass der einsame Wanderer mitten auf dem trügerischen Meeresgrunde vom Nebel überfallen wurde.

Das ist das furchtbarste Entsetzen, das den Menschen befallen kann. Der lähmende Schreck, der den Armen durchblitzt, nach dem unvermutet eine Bestie die Pranke streckt, ist nur ein kurzer, dann kommt der Tod. Aber draussen sein auf dem Meeresboden und plötzlich umhüllt werden von den weissen Sterbeschleiern, die keinen Ausblick gewähren, das ist so schlimm, wie lebendig begraben zu sein. Wo ist rechts, wo ist links, wo geht es zum Lande, und wo führt der Weg hinaus ins endlose Meer? Die Wasserrillen füllen sich; wie giftige Schlänglein rieseln sie um die Füsse, die graue Flut steigt empor, Sekunde um Sekunde, die Angst benebelt den Sinn, der Tod lauert an allen Enden. Dann schreie, schreie in der Todesangst, es hört dich niemand, die Wasser nur spielen um deine Füsse, und es gluckst und quillt und lacht um dich, den Verlorenen!

„Sehen Sie, aus einer solchen Not hat mein Mann den Vater befreit. Ich sehe noch, wie er mit dem Nebelhorne hinauslief mitten in den dicken, heimtückischen Nebel hinein. Und der Ton des Hornes klang weiter, immer weiter und verlor sich. Ich stand hier allein, und damals bangte ich um zwei! Aber er brachte ihn, bewusstlos, doch lebend. Damals habe ich diesem Helden gesagt, dass ich ihn liebe — ich zuerst!“

„Und er wurde mein Mann. Es ist sehr einsam hier bei uns, und doch — ich bin ganz glücklich. Dreimal war ich noch in Berlin, aber es war mir immer sehr bange dort. Ich möchte nirgendwo anders sein als hier.“

„Haben Sie keine Kinder gehabt?“ fragte ich.

„O ja, einen Sohn!“ sagte sie ruhig. „Er wollte Seemann werden, wie alle die Burschen hier. Und da ist er auf seiner ersten Fahrt verunglückt. Mit vierzehn Jahren! Sein Schiff scheiterte in den japanischen Gewässern während eines Taifuns.“

„Das ist fürchterlich,“ warf ich ein.

„Das Meer will Opfer,“ sagte sie langsam. „Ich war einmal drüben.“

„In Japan?“ fragte ich erstaunt.

„Ja,“ sagte sie milde; „ich hab’ es möglich machen können, weil ich noch mein Erbteil hatte. Ich wollte dem Jungen noch einmal nahe sein.“

„Ist denn seine Leiche gelandet?“

„Nein, nein,“ sagte sie, „ich hab’ bloss über die Stelle im Meere fahren können. Aber ich war ihm doch nahe.“

Das war eine Mutter! —

Sie lächelte wieder.

„So kommt es, dass wir so aneinander hängen. Wir sind so ganz aufeinander angewiesen.“

Inzwischen kam Schmitt.

Wir blieben auf der Bank sitzen. Der Abend kam. Das blassgelbe, lehmige Meerwasser wurde für eine Weile vom Abendgolde überschüttet, die kleinen Fensterscheiben blitzten, und selbst das kurze fahle Gras schimmerte goldiggrün. Da erschien mir — was ja niemals sein kann — die Hallig schön.

Die Nacht stieg herauf. Da drang ein weher, klagender Ton an unser Ohr. Das klang so melancholisch, wie ich selten etwas gehört habe. Ich blickte fragend auf Schmitt.

„Es ist eine Seeschwalbe,“ sagte er. „Die Tierchen leben paarweise in grosser Zärtlichkeit zusammen. Wird eines von dem Paare getötet, so klagt das andere so lange, bis es auch stirbt.“

Frau Regina schmiegte sich fest an ihren Mann, und er legte den Arm um sie.

Ich hatte noch oft Gelegenheit zu sehen, wie unzertrennlich die beiden Ehegatten lebten. Sie waren meist beisammen. Er sass bei ihr in der kleinen Küche, und es geschah, dass sie während des Unterrichts bei ihm in der Schulstube war. Dann sass sie in einer Bank wie ein grosses Kind und hörte ihm schweigend zu.

Der Halligschullehrer behauptete, er könne die Einsamkeit nicht vertragen; er müsse immer Gesellschaft haben. Und er hatte auch immer Gesellschaft, immer dieselbe. Die vier Monate, da sie in Japan war, sind ihm länger geworden als vier Jahre. Er ward krank in der Zeit.

Und als sie zurückkam, hat er sogar auf den toten Knaben vergessen. So überselig war er.

Ans Festland kamen sie selten und dann immer zu zweien.

„Es ist nichts da drüben,“ sagte Schmitt, „man ist nicht allein; man kann sich verlieren.“

Ich wusste, dass beide die stille Hoffnung hatten, sie würden einmal zusammen sterben. Ja, sie beteten darum.

Einmal war eine fürchterliche Nacht. Das Meer donnerte und brauste, und der Sturm heulte über das schwarze Wasser. Die Hallig war von der rollenden See überflutet, und nur die Menschenhäuser auf ihren Werften ragten über die grausige Flut. Mir erstarb das Wort auf den Lippen vor Entsetzen, wenn eine Woge ans Fenster schlug oder das ganze Haus zitterte und bebte in dem Ansturm der Elemente. Im stillen machte ich meine Rechnung mit dem Himmel.

In der Wohnstube brannte die Petroleumlampe, und Frau Regina bereitete den Tee. Schmitt sah ihr lächelnd zu.

„Fühlen Sie sich so sicher?“ fragte ich endlich.

Er schüttelte den Kopf.

„Das Meer ist Gottes Kind, und wir sind Gottes Kinder,“ sagte er. „Aber ein Unglück kann schon geschehen. Der Edystone ist ja eingefallen, was ist da so ein Häuslein! Aber ich denke, die Regierung hat schon Geld genug für ein neues.“

„Und um etwas anderes ist es Ihnen nicht?“

„O ja, — um Sie! Aber ich glaube, so schlimm wird’s diese Nacht nicht.“

Ja, ich glaubte es; wenn das Haus barst und die Wellen hinaufkrochen bis zum obersten Fenster, die letzte tödliche Woge würde zwei umschlungene Menschen finden mit friedlich-stillen Gesichtern.

Ich war längst wieder zu Hause, da bekam ich eines Tages einen Brief mit Schmitts Handschrift.

Freudig öffnete ich das Schreiben, denn ich hoffte auf gute Nachricht von den Freunden. Da stand auf dem Briefbogen nur ein Satz:

„Denken Sie mal: meine Frau ist gestorben. Schmitt.“

Ich stand wie gelähmt, ich wollte es nicht begreifen. Kein Trauerabzeichen hatte der Brief, nur den einen Satz enthielt er. Und in solcher Fassung!

Aber das ganze furchtbare Weh des Vereinsamten, Zurückgebliebenen lag doch in diesem einen Satze.

Er konnte es wohl noch nicht begreifen, er mochte wohl noch wie ein Ungläubiger vor seinem Verluste stehen.

Ich schrieb ihm; ich suchte ihn auf, sobald es mir möglich war.

Ein Schiffer setzte mich über. Das Schulhaus stand einsam. Da fand ich ihn am Grabe Reginas. Er war ganz grau geworden.

Ich nahm ihn zärtlich an der Hand.

„Sind Sie täglich hier?“ fragte ich.

„Immer, manchmal auch in der Nacht.“

Mich fröstelte.

„Sie sollten’s nicht tun, lieber Freund, es zehrt doch so an Ihrer Seele.“

Er lächelte müde.

„Ich muss es ja tun, — sie ist ja meine Einzige. — Ich bin ihr nahe — nur, dass sie nicht reden kann, — dass ich sie nicht sehen kann. — Ich möchte sie so gern einmal sehen! — Ich gäb’ mein ganzes Geld für fünf Minuten.“ —

Die Nebel brauten um die einsame, tote Hallig, und ein klagender Laut kam vom Strande herüber. Bald darauf zog eine Seeschwalbe müde und krank an uns vorbei.

Auch er musste sterben. Er würde sich zu Tode trauern. Und es gab keine Rettung. Es wäre Wahnwitz gewesen, ihn von der Hallig fortnehmen zu wollen.

Und kaum war ich heimgekehrt, da bekam ich einen neuen Brief, der war kaum noch zu lesen.

„Kommen, kommen! Regina ist fort!“

Ich nahm Urlaub und reiste.

Als ich ins Schulhaus kam, kauerte er in einer Ecke der Wohnstube. Er erkannte mich kaum. Über seinem Geiste lag die Nacht.

Endlich sprach er.

„Auf der sichersten Stelle hab’ ich sie begraben! — Mauern lassen das Grab — Mauern! — — Aber das Meer hat die Hallig gefressen — gerade an der Stelle! — — Verfluchte Hallig!“

Ich wusste schon alles. Die Hallig war mitten entzwei gerissen worden, und das Grab war mit verschwunden. Das hatte ihm den Verstand genommen.

Plötzlich machte er ein listiges Gesicht und flüsterte: „Wo ist sie? — Ist sie vielleicht gar nach Japan geschwommen? — — Der Junge ist drüben — den hat sie geliebt — o ja! —“

Dann fing er an zu rasen.

„Aber mich auch! Mich auch! Mich auch! Mich noch viel mehr! Das ist wahr — — — ja, ja — — — wahrhaftig — — ich — ich lüge ja nicht! Mich noch mehr!“

Ich muss ihn fortbringen, bald! Er bedarf dringend des Arztes und der Pflege. Er ist ja so wie so verloren, aber ich muss doch meine Menschenpflicht tun. Da sage ich:

„Es könnte doch sein, dass sie nach Japan wäre!“

„Nach Japan? — Zu dem Jungen?“

„Ja, ich denke! Möchten wir nicht zusammen hinfahren und sie suchen?“

Er versinkt in tiefes Nachdenken.

„Nein,“ sagt er dann. „Sie geht nicht weg von der Hallig. Es ist ihre geliebte Hallig. Das hat sie gesagt. Sie ist noch da. Irgendwo da draussen ist sie. Ich such’ sie immer.“

„Sie gehen auf den Schlickboden?“ frage ich entsetzt.

„Alle Tage zweimal,“ sagt er. „In einer Stunde ist’s Zeit. Ich finde sie einmal, das weiss ich. Dann bring’ ich sie hierher, und dann kocht sie mir Tee. Sie wird bald sehen, dass ich krank bin.“

Mir graust so allein mit ihm. Ich springe zum nächsten Nachbar. Der ist ein verständiger Mann. Ich mache ihm Vorwürfe, dass er Schmitt hat allein ins Meer hinauslaufen lassen. Aber er sagt, er liesse sich nicht halten, und er käme auch immer rechtzeitig zurück. So ein alter Schlickläufer finde sich schon zurecht.

Trotzdem will ich Schmitt zurückhalten. Meine Überredungskünste sind freilich ganz erfolglos. Und doch kann ich ihn nicht hinauslassen in diesen Nebel! Da wende ich in der letzten Not Gewalt an.

Er aber entspringt mir und ist im Nu verschwunden. Ich will ihm nach, die Leute hindern mich. Ein paar Männer machen sich endlich auf meinen dringenden Wunsch auf, Schmitt zu suchen.

„Er kommt wieder,“ trösten die Halligleute.

Nein, er kommt nicht wieder! Die Männer kehren zurück; sie haben keine Spur von Schmitt.

Die Flut tritt ein, der Nebel verdichtet sich. Laut gellen die Hörner.

Das Wasser steigt, höher, immer höher! — Da ist es zur Gewissheit geworden. — Mit bleichen Gesichtern stehen um mich die Halligleute. Und metertief schlägt das Meer an die Küste. — — —

In der Nacht ist Mondschein über dem Meere. Ich schaue hinaus. Da ist es mir, als ob seine leise Stimme spräche:

„Ich hab’ sie gefunden draussen und bin bei ihr geblieben!“

Tiergeschichten.

Eine Serie kleiner Bilder.

1. Der Frosch.

Unterm festen Eise, tief im Schlamme, lag ein Frosch und schlief.

Er träumte von einem schönen Laubfrosch-Fräulein, das er geliebt, aber das seine Liebe verschmäht hatte.

Er träumte von einer fetten Fliege, die er gar gern gefressen, aber die ihm immer davongeflogen war, und von den armseligen Mücklein, mit denen er sich hatte begnügen müssen.

Er träumte von einem Uhu, der ihn dreimal mit dem Tode bedrohte, als er sang.

Er träumte von einem jungen Menschenkinde, das zur Herbstzeit gemeinsam mit ihm ins Wasser sprang, nachdem es zu sich selbst gesagt hatte: „Ich kann nicht mehr weiterleben!“ — — — — — — — —

Er träumte von einem neuen Frühling, zu dem er auftauchen würde, er ... der lebensmutige Frosch!

2. Fifi.

Der Arzt war in der Nacht dagewesen und noch einmal am Vormittag; aber seine Mühe war verloren, denn Fifi war gestorben.

Vergiftet, — vergiftet durch meuchlerische Hand!

Ein unbändiger Zorn fasste die Rentnerin Karoline Berber. Sie trocknete ihre Tränen und raste hinab zur Schule. Den Lehrer, den sie aus der Schulstube herausklopfte, überschüttete sie mit einem Schwall von Worten. Sie erzählte, schimpfte, drohte, heulte.

Der Fifi sei das herrlichste Hündchen der ganzen Welt gewesen und ihr, der kinderlosen, einsamen Witwe einziger Trost, ihre ganze Freude. Nun sei er vergiftet. Mit was? Mit Rattengift! Und niemand anders sei es gewesen als der Franz.

Der Franz war ein armer Junge, der einmal den Fifi, als er mit grämlicher, altväterlicher Miene vor der Türe sass, einen hässlichen, fetten Mops geschimpft und ihm eines mit einer Haselgerte übergezogen hatte. Er hatte damals diese Ehrenbeleidigung und Körperverletzung in der Schule abgebüsst, aber es war erklärlich, dass sich nun der Verdacht des Mordes auf ihn lenkte.

Doch Franz wies sein Alibi nach. Darüber vermehrte sich der Zorn und der Schmerz der Frau Karoline Berber auf ungefähr das Doppelte, und sie verliess die Schule mit der sehr ernst gemeinten Drohung, nie wieder etwas zum Kinderfeste und zur Weihnachtseinbescherung beisteuern zu wollen.

Dann ging sie zum Tischler und bestellte einen Sarg. Der Tischler, ein langsamer Kopf, war über die Massen erstaunt, für einen Hund einen Sarg machen zu sollen, aber schliesslich versprach er, für 15 Mk. seine hölzerne Kunst im Interesse des toten Fifi auszuüben. Zum Unglück erschien aber des Tischlers Frau und hörte von dem spekulativ-humanen Vorhaben ihres Mannes. Die Meisterin, ein robustes Weib, hiess darauf den Tischler kurzer Hand einen alten Schafskopf und bedeutete der Frau Berber, solange sie, die Frau Meisterin, ein ehrlicher Christenmensch sei und dahier in der Werkstatt ein bescheidenes Wörtlein mitzureden habe, würde ihr Mann für einen Hund keinen Sarg machen dürfen. So was sei einfach verrückt und obendrein ganz lästerlich.

Es ist klar, dass sich Frau Berber mit einem so „ordinären Weibe“ nicht weiter einlassen konnte. Sie kündigte also dem Meister für ewige Zeiten ihre Arbeit auf und schwankte nach ihrer Behausung zurück, wo sie ihren Gram und Zorn bei dem toten „Fifi“ ausweinte. Die Menschen sind heimtückisch, schlecht, herzlos, gemein ... alle! Am Nachmittag hielt sich Frau Berber eine Fuhre und holte einen Sarg aus der Stadt. — —

Zu der Witwe kam alle Tage die kleine Franziska, um ihr das Essgeschirr abzuwaschen und die Stube auszufegen. Dafür bekam Franziska täglich eine Brotstulle nebst einem Töpfchen Kaffee, sowie jeden Sonntag zehn Pfennige. Die Franziska war ein bildschönes Kind mit einem regen Geiste und einem frommen Herzen. Als reicher Leute Kind wäre sie wohl wie ein Engel gehalten worden. Aber Vater und Mutter waren tot, und die Tante, bei der sie lebte, war selbst arm und hatte fünf Kinder.

Franziska war die einzige, die bei dem Begräbnis des toten Fifi ausser Frau Berber zugegen war. Fifi lag in dem Sarge aus der Stadt, mit einer kleinen Steppdecke zugedeckt, als es Frau Berber endlich über sich brachte, von ihm Abschied zu nehmen.

Im Garten hatte sie ihm das Grab gegraben und die letzten schönen Herbstblumen hingestreut. Sie setzte auch den Sarg selbst in die Grube.

Dann stand sie in tiefem Schmerz versunken da.

„Nun bin ich ganz einsam, nun habe ich niemand, niemand, den ich liebe!“

Aber auch in die grossen, schwarzen Augensterne des Kindes stiegen die Tränen herauf. Der Jammer des Berlassenseins fasste die junge Seele, eine heisse, tiefe Sehnsucht nach Liebe. Und sie hatte niemand, der sie liebte!

Da stürzte sie plötzlich zu der Frau. Sie wusste nicht, was sie tat, sie wusste nicht, dass sie Liebe suchte, ein Mutterherz suchte, sie klammerte sich nur fest an ihren Arm und schluchzte laut auf:

„O, Frau Berber, ... o liebe Frau Berber!“

Die sah auf, ganz erstaunt und fast erschrocken.

„Was hast du, Franziska, was ist dir?“

Doch bald dämmerte ihr ein Verständnis nach ihrer Weise. Sehr freundlich sagte sie:

„Du bist ein gutes Kind! Gelt, du weinst halt, weil es dir auch so sehr leid um unseren guten Fifi tut?“ — — —

3. Der Schimmel.

Nun war der Schimmel abgeschirrt und der Wagen verkauft.

Der alte Gottfried stand vor der Siedekiste im Stalle und hielt die Mütze in der Hand. Und als ob die alte Kiste ein Altar wäre, vor dem er stünde, — so fing der Gottfried an zu beten.

Alte Leute weinen leicht vor Rührung. Auch Gottfried weinte, als er so in seinem kleinen Stalle Lebensrechnung hielt mit seinem Herrgott und dabei fand, dass er ihm gar viel zu danken habe. Am meisten wegen des Schimmels.

Als aber der Gottfried im Gebete auf den Schimmel zu reden kam, sagte er nur noch ein paar Sätze und machte ein rasches „Amen“, denn er musste sich umsehen, wie’s dem Alten schmeckte.

Es schmeckte ihm ganz gut. Er bekam gequetschten Hafer, weil er schon schlechte Zähne hatte, und obendrein Tränke von Kleie. Die mochte er besonders gern.

Ging der Gottfried näher an den Schimmel heran. Er wollte ihn nicht stören, er wollte ihn nur einmal ganz leise auf den Hinterschenkel klopfen. Aber dem Schimmel war die zärtliche Berührung ebenso lieb wie der Hafer. Er wandte sich um und schaute den Herrn an mit seinen grossen, trüben, treuen Augen.

Da konnte sich Gottfried nicht halten; er eilte zwei Schritte vor, umfasste den Hals des Pferdes mit beiden Händen und drückte seinen Kopf daran, dessen Haare noch weisser waren als die des Schimmels.

Das Pferd fuhr mit dem Maule liebkosend nach Gottfrieds Schulter, und in der Stellung blieben beide eine kleine Weile. Dann ermannte sich Gottfried.

„Friess, guder Hons, friess! Du hust dir’s verdient, du ales, treues Tier du!“

Und der Schimmel wandte sich der Krippe wieder zu, während Gottfried zur Siedekiste zurückging. Jetzt setzte er sich darauf und stützte den Kopf auf beide Hände.

Wenn ich sage, dass er an sein Leben dachte, spreche ich die Wahrheit. Alte Leute lieben die Reminiszenzen, und Gottfried hatte Grund zu Erinnerungen, mehr als ein anderer.

Das war im Frühjahr gewesen, zur Zeit des Eisgangs. Einundzwanzig Jahre war’s jetzt her. Da hatte er den kleinen Melzer-Johannes aus dem Flusse gezogen und dabei sich und dem Knaben zu knapper Not das Leben gerettet.

Der Johannes war damals ein hübscher Junge von zwölf Jahren, der Stolz seines Vaters, und noch mehr der Stolz seines Grossvaters, des alten Baumert. Da waren der Melzer-Bauer und der alte Baumert sehr freundlich zum Gottfried gewesen, der ihnen den Einzigen erhalten hatte. Freundlich jawohl, nach langer Zeit wieder einmal freundlich.

Das rotgelbe Licht der Stalllaterne ist stark genug, um die Wolke zu zeigen, die sich über das Gesicht des alten Mannes legt. An den Tag denkt er, da ihn der alte Baumert vom Hofe trieb, weil er, der Knecht, des Bauern Tochter liebte und sie ihn, an den anderen Tag, da sie die Frau des jungen Melzer wurde; und auch an die ferne Stunde, da sie begraben ward, als der kleine Johannes gerade sechs Tage alt war.

Und zwölf Jahre später rettete er demselben Johannes das Leben. Der alte Baumert reichte ihm die Hand.

„Na, Gottfried, sein mer halt wieder gude Leute! Wos Verbei ies, ies verbei! Ich bien amol grob zu dir gewast, aber du hust’s o dernoch getrieba. Dos ies nu olls lange verbei. Der Johanns — nee, nee, nee, inser Johanns!“

Und er bot dem Gottfried 100 Taler an, wozu der junge Melzer noch bemerkte:

„Du willst ja schun lange a selbständiges Fuhrwerk, Gottfried, und sporst druf. Do niem dir halt ’s beste Fard aus mem Stolle, a vierjähriga Schimmel, a ies deine! Der Johannes ies mei Eenziger, und ’n Kleenigkeet wor’s nich!“

Minutenlang ist’s dem Gottfried damals gewesen, als solle er dem alten Baumert das Geld vor die Füsse werfen und dem Melzer ins Gesicht sagen, er brauche seinen Schimmel nicht. Aber er nahm beides — das Geld und das Pferd. Sparer ist’s ihn dann manchmal angekommen wie Scham. Aber er überwand’s immer. Auch bald, als er mit dem Pferde am Zügel damals nach Hause zog. Es war schon finster, und er kam am Kirchhof vorbei.

Da blieb er eine kleine Weile halten und sagte hinüber:

„Sei ni biese, Therese! Wenn du gelabt hätt’st — do — do — hätt’ ich nischt gemucht — nee, wahrhoftig nich — do — hätt’ ich dir’s zuliebe geton, — aber die — die sein Fremde — olle — o der Junge!“

So wurde Gottfried ein Fuhrmann. Er holte für die Leute Holz aus dem Walde und Kohlen von den Gruben. Damit verdiente er eine Kleinigkeit mehr, als er und der Schimmel zum Leben brauchten. Also machte er Ersparnisse.

Jetzt spricht er wieder mit dem Schimmel.

„Nu gieht’s gor nimmeh ei a Pusch, ni uff a Berg und ni uff de Lahne! Ich bien alt, und du bist alt. Mer dermacha’s nimmeh! Mer sein ausgesponnt! Aber schien wor’s eim Pusche, Schimmel, gelt, ’s wor schien? ’s ging ju meestens siehr schwer. Und wenn’s glitschig wor, wor’s gefährlich. Aber wos ies denn possiert? A poarmal biste lohm gewast, und dreimal hob ich a Orm und zweemol ’s Been gebrocha. Wetter nischt! Und a su stille war’s immer eim Pusche, immer a su schien stille.“

Als ob auch ihn der Abschied schmerze, lässt der Schimmel den Kopf hängen. Aber das kann der Gottfried nicht sehen. Er geht hin und klopft dem Pferde den Hals.

„Luss gutt sein! Kimmt’s Frühjohr, do gieh’n mer spozier’n. Ei a Pusch gieh’n mer. Fer wetter gar nischt! Bluss eenzig, doss mer halt eim Pusche sein! Freiste dich nich, Hons?“

Nein, der Schimmel freute sich nicht, sondern liess den Kopf weiter hängen. Da lächelte der Gottfried pfiffig.

„Aha, du denkst om Ende, mer honn eim Winter nischt zu frassa — mir beede — wenn mir ni arbeita. Oho, Schimmel, doss de dich ni täuscht! Poss amol uf! Jitzt kimmt die Hauptsache!“ Und der Alte ging zu seiner Siedekiste, griff tief hinein in die Häcksel und zog einen grossen wollenen Strumpf heraus, der mit Geld gefüllt war. Gottfried hob den Strumpf mit beiden Händen in die Höhe, schüttelte ihn, dass es klimperte, und sprach zum Schimmel, wie zu einem, dem man eine masslose Überraschung bereiten will.

„Na, was meenste nu? Gelt, do guckste aber? Das ies inser, Schimmel, olls, olls, olls inser! Das ganze viele Geld do! Fein gesport honn mer und doch keene Nut gehabt. Willst’s amol sahn? Nu natirlich willst’s sahn, ’s interessiert dich schun, du hust’s ju o mit verdient.“

Und Gottfried schüttelte das sämtliche Geld in sein Futtersieb, hielt es dem Schimmel hin und leuchtete mit der Laterne dazu.

„Na, do sieh! Dos ies a Heffa, gelt? Die gelba, das sein Guldstückla. Fer a grusses krieg’ ich zwee Sack vull Hober und fer a kleenes enn! Nu, du freist dich wull gar ni? Verstiehste nischt dervo? Tu ock ni asu stupide, du bist doch sunst bale o su klug wie a Mensch. Nu, wenn du weg guckst, do sack’ ich’s halt wieder ei!“

Und Gottfried füllte das Geld wieder in den Strumpf und steckte ihn in die Häcksel. Dann kam er abermals zum Schimmel.

„Hober keef ich, und Siede und Hei und Struh und Kleia und — kumm amol mit’m Uhre a wing runder — uff a por Stückla Zucker monchmol reecht’s o!“ — —

Nach einer Weile fing Gottfried an vorzurechnen:

„Dreissig Mark brauchst du a Monat und ich — ich kumme mit fufzehn Mark gutt aus. Macht mitnander fünfundvierzig Mark! Wieviel eim Strumpe ies, weess ich ni, Schimmel, ich mag o ni zähl’n. Es tät mer leed, wenn’s uff zu wing Monate langte. Wägen dir, Hons!“

Da sah ihn der Schimmel wieder an mit seinen grossen, trüben, treuen Augen. Und Gottfried zog seinen Kopf näher heran und küsste ihn.

„Schlof gesund, Hons, schlof gesund!“

Dann ging er langsam zum Stalle hinaus. Am Himmel glänzten die Sterne. Dankbar schaute Gottfried hinauf.

„Jemanda hab’ ich gehabt eim Laba, dar war mir treu, dar hot mit mir gearbeit’, dam is mit mir gutt und biese erganga, dar war immer bei mir und hot mir nischt zuleede geton, — das wor der Schimmel. Nu honn mer Feierabend, nu war’n mir’s gutt honn — olle beede!“

Und er wandte sich noch einmal zurück.

„Schlof gesund, Hons, schlof gesund!“

Als Gottfried am anderen Morgen in den Stall kam, war der Schimmel tot. Entsetzt, — lallend, stöhnend vor Jammer stand Gottfried. Dann taumelte er näher und befühlte das erkaltete Tier.

„Hons! Hons!“

Und er brach ohnmächtig zusammen. Das erste Wort, als er erwachte, sprach er zu der Nachbarin, die an seinem Bette stand.

„A ies bluss gesturba, ... weil a mich ... ni pankrot frassa wullde ...“

Und nach einer Weile:

„Päselten, ... Sie sein orm; ... eim Stolle, ... ei der Siedekiste ... hot’s ’n Strump mit Gelde; ... was übrig ies noch meim Begräbnisse ... das vermach’ ich Ihn ...“

Die arme, ehrliche Frau erschrak. Und Gottfried fuhr fort:

„Nee, nee, Päselten, ... Sie kriega’s ju ni imsunste, ... ich verlang’ an grusse Gefälligkeet vo Ihn ... bata Sie, Päselten, doss bale olle ward mit mir, ... bata Sie!“

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9788711517352
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