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Norbert Stöbe
Kleiner Drache
AndroSF 121
Norbert Stöbe
Kleiner Drache
AndroSF 121
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© dieser Ausgabe: November 2020
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Andreas Schwietzke
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 220 1
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 876 0
Einst träumte Zhuang Zhou, er sei ein Schmetterling, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wusste von Zhuang Zhou. Plötzlich wachte er auf: Da war er wieder wirklich und wahrhaftig Zhuang Zhou. Nun weiß ich nicht, ob Zhuang Zhou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Zhuang Zhou sei, obwohl doch zwischen Zhuang Zhou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.
Zhuang Zi
Erstes Buch
Prolog
Sechzehn Jahre zuvor
Wie alle fünf Jahre leuchtete der Platz des Himmlischen Friedens blutrot. Zweitausenddreihundertzwanzig Fahnenmasten ragten in den wolkenlos blauen Himmel über Beijing, für jeden Delegierten einer. Niemand, der auf dem Weg zur Großen Halle des Volkes den Fahnenwald durchschritt, konnte sich der Wirkung des heroischen Knatterns und Flatterns entziehen. Gerüchten zufolge hatte man am Vorabend der Parteitagseröffnung in den Nebenstraßen gewaltige Maschinen aufgestellt, die im Falle einer Windflaute für Luftzug sorgen sollten. Wenn das stimmte, so hatte sich die Vorsichtsmaßnahme der Partei als überflüssig erwiesen, denn es wehte ein kräftiger, aber nicht zu kräftiger Wind. Das windbewegte rote Wogen beschwor die gewaltige Größe des Landes und seine ruhmreiche Geschichte herauf, und wer es durchmessen hatte und vor der breiten Eingangstreppe stand, fühlte sich erhoben und gestärkt für den Eintritt in die Große Halle. Während die Angehörigen des Politbüros und die Generäle über die Tiefgarage in das Gebäude geschleust und die Gebrechlichen an einem treppenlosen Nebeneingang in Empfang genommen wurden, stiegen die gesunden Delegierten jeder für sich, niemals in Gruppen, würdevoll und ein wenig beklommen die Treppe hinauf und nahmen nach Passieren der Sicherheitsschleuse am Eingang von einer der lächelnden Hostessen ihre Ausweiskarte, das Namensschild und das Huawei-Tablet in Empfang, auf dem die Tagesordnung und die zahlreichen Anträge und Änderungsvorschläge mitsamt des empfohlenen Abstimmungsverhaltens vorgespeichert waren. Erst im Vorsaal, wo an langen, mit bunten Blumengestecken geschmückten Tischen grüner Tee, Frühlingsrollen und Hühnersalat ausgeteilt wurden, fanden sich die ersten Grüppchen, und ihr aufgeregtes Geplauder mischte sich mit dem Gesang des Revolutionschors aus den Lautsprechern.
Wie alle, die zum ersten Mal die Ehre hatten, am Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas teilzunehmen, war auch Tsu Dongfeng vor lauter Ergriffenheit ganz warm ums Herz. Staunend musterte er die vielen fremden Gesichter und nippte ehrfürchtig am Tee, als habe er noch nie im Leben eine solche Köstlichkeit geschmeckt. Er war Landwirtschaftstechniker bei der Kooperative Pflug und Traktor und hatte seine Heimatstadt in der Provinz Shaanxi noch nie zuvor verlassen. Dass man ihn zum Delegierten bestimmt hatte, war eine unverdiente Ehre, die über ihn gekommen war wie ein Geschenk des Himmels. Bei seinen Kollegen stand er im Ruf, mehr als nur ein wenig wunderlich zu sein.
Dies verdankte er seinem Einfühlungsvermögen bei Kühen. Unter Menschen fühlte er sich fremd, doch bei den Tieren im Stall fühlte er sich aufgehoben. Er war überzeugt, dass sie alle eine Sprache hatten, doch verstehen konnte er nur die Sprache der Kühe. Mit den Jahren hatte er gelernt, dass ihr Muhen all die Gefühle ausdrücken konnte, die auch er bei sich empfand: Ungeduld, Angst, Zufriedenheit und bisweilen auch Glück. Er imitierte gern ihre Laute und unterhielt sich mit ihnen. Seine Arbeitskollegen lachten ihn dafür aus.
Doch sein Verständnis für das sanftmütige Wesen der Kühe blieb nicht ohne praktische Konsequenz. Es war ihm ein Anliegen, ihr Los zu verbessern, und das gelang ihm mit kleinsten Mitteln; er gab ihnen Namen, befestigte bunte Fahnen an der Wand, stellte ein Radio auf, das Musik spielte, und besorgte weichere Saugaufsätze für die Melkmaschine. Die Kühe dankten es ihm damit, dass sie mehr Milch gaben, seltener erkrankten und weniger Medikamente benötigten. Das blieb bei seinen Vorgesetzten nicht unbemerkt.
Während die Sticheleien seiner neidischen Kollegen immer spitzer und schmerzhafter ausfielen, suchten andere bei ihm Rat und gewährten ihm Unterstützung. So kam es, dass Pflug und Traktor als erste landwirtschaftliche Kooperative in ganz China den Laufstall einführte. Aus Lautsprechern in den Ecken in angenehmer Lautstärke beschallt, wanderten die Kühe zwischen Tränke und Futterstelle hin und her, suchten sich zum Wiederkäuen und Schlafen ein Lagerpodest aus und begaben sich selbstständig zur Melkmaschine, wenn der Euter sie drückte. Auch den traurigen Weg zum Transporter hatte Tsu Dongfeng verändert, nachdem er ihn viele Male zusammen mit den ausgemusterten Tieren abgeschritten hatte, sodass sie nun ohne Angst und beinahe von selbst in den Wagen gingen, der sie zum Schlachthof brachte.
Immer öfter schauten Besucher aus anderen Betrieben bei Pflug und Traktor vorbei, und alle wollten sie mit Dongfeng sprechen, was ihm gar nicht recht war. Dennoch beantwortete er mit stockender Stimme ihre Fragen, so gut er es vermochte, und als der Parteisekretär mit seiner großen schwarzen Limousine vorfuhr und von der großen Ehre sprach, die es bedeute, dem Vaterland zu dienen, nickte er bereitwillig, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Als das Lokalfernsehen den Parteitagsdelegierten von der Landwirtschaftskooperative interviewen kam und wissen wollte, wie er es zum Delegierten geschafft habe, lautete seine Antwort: »Ich wollte doch nur den Tieren helfen!«
Es dauerte zwei Stunden, bis alle Delegierten im großen Saal Platz genommen hatten. Sie legten ihre Tablets vor sich hin und packten aus ihren dicken Aktentaschen, Modell »Großer Elefant«, Aktenordner, Proviantdosen und Thermoskannen aus. Dies alles stapelten sie vor sich auf dem Ablagebord zu einem Sichtschutz, die »Kleine Mauer«, die ihnen während der einwöchigen Sitzungsperiode das eine oder andere verstohlene Nickerchen erlauben würde. Als alles gerichtet war, nahmen die Angehörigen des Politbüros unter tosendem Applaus ihre Plätze auf dem Podium ein. Präsident Xi Wenteng begrüßte die Delegierten, dann folgte der dreieinhalbstündige Rechenschaftsbericht, worauf die Sitzung vertagt wurde.
Der Parteitag nahm seinen Lauf, exakt im Zeitplan wurde die lange Liste der Tagesordnungspunkte abgehakt, und je länger der Sitzungsmarathon währte, desto kleiner wurden die Delegierten hinter ihrer kunstvoll errichteten Kleinen Mauer. Sie sanken in sich zusammen, betteten den Kopf auf die verschränkten Arme und dösten mit offenen und immer öfter auch mit geschlossenen Augen. Doch immer dann, wenn eine Abstimmung anstand, waren sie mit einem Schlag hellwach, orientierten sich blitzschnell im Raum, warfen einen Blick auf das Tablet, wo die gewünschte Abstimmungshaltung – ja oder nein – blinkte, und betätigten den roten oder den weißen Abstimmungsknopf, je nachdem, ein choreografiertes Ballett der Arme und Hände, das nonstop in alle Landesteile übertragen wurde. Es war, als hätten sie den Zeitplan des Parteitags verinnerlicht und als tickte ihre Körperuhr im Einklang mit Partei und Politbüro.
So war es auch am vorletzten Tag des Parteikongresses. Die Abstimmungsmaschine lief wie geplant, und die Delegierten, ermüdet von den Reden und der Monotonie der Tage, begannen sich nach ihrem Zuhause zu sehnen, nach ihrer Familie und ihren Freunden, die sie mit fantasievoll ausgeschmückten Berichten aus dem Zentrum der Macht in Erstaunen zu versetzen gedachten. Aufgerufen wurde Gesetzesvorlage dreihundertsiebzehn, eingebracht vom Kreisverband von Hulun Buir, einer Stadt weit im Norden, deren Bewohner als konservativ und eigensinnig galten. Nach hitzigen Diskussionen und ausgiebigem Studium der Schriften des Großen Vorsitzenden waren sie zu dem Schluss gelangt, dass ihr geliebtes großes China noch größer werden müsse. Um dieses Ziel zu erreichen, solle es sich auf seine eigenen Kräfte besinnen, zersetzende westliche Einflüsse abwehren und sich vor den Flüchtlingshorden schützen, die das Land zu überschwemmen drohten – kurzum, sie forderten eine neue Große Mauer. Aus Rücksicht auf die bekannte Befindlichkeit der Nordlichter und in der Absicht, Toleranz und Offenheit der Partei für Vorschläge aus dem Volk zu demonstrieren, passierte der abstruse Vorschlag alle Gremien, die mit der Vorauswahl der Anträge befasst waren, und landete schließlich auf den Tablets der Delegierten des Parteikongresses. Die Abstimmungsempfehlung – Nein! – war eindeutig, doch als es so weit war, setzte sich eine erschöpfte Motte auf die Wange des Vorsitzenden.
Auch der Vorsitzende war von dem Reden- und Abstimmungsmarathon ermattet. In Gedanken versunken, hob er in dem Moment die Hand und streifte die Motte weg, als Tsu Dongfengs Finger zum weißen Abstimmungsknopf wanderte, der für Ablehnung stand. Er hielt inne. Der Präsident hatte mit Ja gestimmt. Nacheinander hoben die Mitglieder des Politbüros die Hand. Dongfengs Zeigefinger wanderte nach links, zum Ja-Knopf – und mit ihm die Zeigefinger von zweitausendzweihunderteinundneunzig anderen Delegierten, was eine Zustimmungsquote von nahezu neunundneunzig Prozent ergab.
Beifall brandete auf. Offenbar traf der Gesetzesvorschlag eine patriotische Ader. Eine Stunde nach der Abstimmung formierten sich die ersten spontanen Demonstrationszüge. Die rote Fahne der Volksrepublik wurde geschwenkt. Es war ein historischer Moment. Und Tsu Dongfeng, der Kuhflüsterer, war dabei gewesen.
Teil 1
1
Der Schatten des Gingkobaums war unvergleichlich: dicht und kühl in der Nähe des Stamms, lichtdurchbrochen und flirrend wie das vielgestaltige Leben am Rand. Onkel Wus Lieblingsbank hatte frühmorgens und abends die perfekte Lage. Dann war es auf der Bank weder zu heiß noch zu kühl. An diesem Morgen hatte er seine Zikade dabei, eine ausdauernde Sängerin, deren Lied ihm das schwere Herz leichter machte. Den Holzkasten mit den dünnen Gitterstäben hatte er an einen Ast gehängt. Mit geschlossenen Augen lauschte er dem unermüdlichen Zirpen, das von anderen Zikaden im Park erwidert wurde. Er neigte den Kopf, das weiße Haar fiel ihm auf die Schulter, ein zartes Gespinst, nicht mehr. Die altersfleckige Haut spannte sich über den Gesichtsknochen. Er lächelte und lauschte. Die anderen Zikaden gehörten anderen alten Männern, auch ein paar Frauen waren darunter. Schon kurz nach Sonnenaufgang trafen die Ersten ein und vollführten auf dem Rasen mit dem Brunnen in der Mitte ihre Tai-Chi-Formen, bevor sie sich niederließen, um zu tratschen, zu spielen, zu warten. Einige ließen kleine bunte Drohnen steigen und klinkten, wenn sie den höchsten Punkt erreicht hatten, einen Wunschzettel aus, den der Wind davonwehte. Alles wurde in diesem Park ein wenig leichter; das Alter, die Trauer, die Einsamkeit der Entwurzelten.
Hinter Onkel Wu, dem Eisenzaun des Parks und der angrenzenden Straße ragten die elf fünfundzwanzigstöckigen Türme der Wohnanlage Glückliche Familie auf. In einem dieser Türme, die an der einen Seite an eine umzäunte Reichensiedlung grenzten, waren die Bewohner eines der letzten Hutongs untergebracht, das der Entfesselung des Drachen zum Opfer gefallen war, zusammen mit Umgesiedelten aus anderen Vierteln, die anderen Neubauprojekten hatten weichen müssen. Nach den verheerenden Kettenexplosionen der Dunklen Zwei Jahre waren große Geldmittel bewilligt worden, die es der Stadtverwaltung von Beijing erlaubten, nicht nur die Schäden zu beheben, die der Terrorismus angerichtet hatte, sondern es ihr ermöglichten, eigene, ganz neue Verwüstungen anzurichten.
Die Bewohner der Glücklichen Familie waren überwiegend alt, denn die Jungen zogen dorthin, wo es Arbeit für sie gab oder wo sie welche vermuteten. Diejenigen, die geblieben waren, hatten sich in Geister verwandelt, mit einem Bein in der Vergangenheit, mit dem anderen in der fadenscheinigen Gegenwart verhaftet.
Heute war Dschungelwoche, das hieß, die Fassaden der Wohnblocks waren von dichter grüner Tropenvegetation überzogen. In dem Pflanzengewirr waren Frösche, Affen und Faultiere versteckt. Karawanen von Blattschneideameisen wanderten umher. Die Blüten der exotischen Pflanzen hatte alle die Form von Future-Cola-Flaschen. Sie schwankten sachte und lockten, als wären sie Früchte, die man nur zu pflücken brauchte. Doch sie waren meterlang, und Onkel Wu fand, dass die schiere Größe ihnen etwas Bedrohliches verlieh. Allerdings konnte er der Fassadenillustration eine gewisse wohltuende Wirkung nicht absprechen. Der Fantasiedschungel der Colaflaschen linderte sein Fernweh, so als färbten die Wandbilder auf die Vorstellung ab, die er selbst sich von den Tropen machte, und ließe sie weniger verlockend erscheinen. Nein, der Dschungel war nichts für ihn – dieser nicht, und der echte auch nicht, falls es ihn überhaupt noch gab.
Ein helles Klingeln ließ ihn den Kopf heben und sich zur Straße wenden. Durch die Sträucher sah er nur einen hellen Schemen, doch er erkannte sie trotzdem – Wei Xialong auf dem Weg zur Arbeit. Sie fuhr eines dieser surrenden elektrischen Zweiräder, welche die Fahrräder abgelöst hatten. Bei diesen Gefährten waren die Räder seltsamerweise nebeneinander angeordnet. Xialong hatte sich auf dem Sitz kerzengerade aufgerichtet und winkte ihm zu, die andere Hand am Lenker. Er winkte zurück, und dann war sie auch schon vorbei.
Als er sich umdrehte, begegnete er dem Blick von Tschoulao, einem der elf Nachbarschaftswächter. Tschoulao musterte ihn forschend, langsam mit den Kiefern mahlend. Onkel Wu nickte ihm freundlich zu, dann schloss er die Augen und lauschte wieder dem Gesang seiner Zikade.
»Guten Morgen, Wei Xialong! Guten Morgen!« Der Chor der Angestellten war wunderbar synchron heute, keiner hatte Zhang Sammos Einsatz verpasst. Sie verneigten sich tief und warteten, bis Xialong sie passiert hatte, erst dann richteten sie sich mit ernster, gesammelter Miene wieder auf. Zhang Sammo, der stellvertretende Leiter des Beijing-Premiumstores Himmlische Geschöpfe, trat Xialong einen halben Schritt entgegen und schüttelte ihr lächelnd die Hand. Er trug keine Uniform, sondern einen etwas zu knapp sitzenden dunklen Anzug mit Namensschild und eine dezente, durchsichtige AR-Brille. Sein runder Schädel glänzte, seine dunkelbraunen Augen waren blank wie polierte Steine. Wieder einmal dachte sie daran, ihn zu fragen, weshalb er keine Kopfhaare habe, aber vermutlich hatte sie den passenden Zeitpunkt längst verpasst. Was bei der ersten Begegnung als statthafte Neugier gegolten hätte, wäre jetzt unhöflich und aufdringlich erschienen.
»Ist das neue Modell schon da?«, fragte Xialong.
»Wird gegen zehn angeliefert. Wenn Sie möchten, erkundige ich mich, ob der Liefertermin auch tatsächlich eingehalten wird.« Er hatte eine sonore, männliche Stimme.
»Das ist nicht nötig«, sagte Xialong. »Aber geben Sie mir Bescheid, sobald es da ist.«
Als er sich verneigte, bemerkte sie ein winziges Zögern im Bewegungsablauf. »Ist noch etwas, Zhang?«
»Nein, Xialong. Es ist alles in Ordnung.«
Xialong nickte und ging zum Lift. Er hatte sie bereits identifiziert, die Tür hatte sich einladend geöffnet.
Von ihrem Büro im ersten Stock aus konnte Xialong den Verkaufsraum überblicken. Die Modelle standen auf unterschiedlich großen Podesten, unter den Staubschutzhüllen in gleichförmigen Posen des Wartens erstarrt. In diesem Moment hatten sie etwas Unheimliches an sich und glichen weder Maschinen noch den Menschen, die sie verkörperten, sondern einem Dritten – einer archaischen Art von Gespenst, die hier nicht nur ausgestellt, sondern gleichzeitig gebannt und daran gehindert wurde, anderswo ihr Unwesen zu treiben. Erst als die Angestellten die Plastikhauben entfernten, verflog der verstörende Eindruck. Die Bots erwachten inmitten ihrer Miniaturmilieus nach und nach zum Leben und nahmen die monotonen Tätigkeiten auf, die sie erst dann unterbrechen würden, wenn ein Kunde Interesse an ihnen zeigte und eine erweiterte Demonstration ihres Funktionsspektrums verlangte. Ein Altenbetreuer hob eine leblose Puppe vom Bett in einen Rollstuhl, schob sie einmal im Kreis und legte sie wieder zurück. Eine klassische Gesellschafterin im Wickelgewand arrangierte Kunstblumen zu einem kunstvollen Gesteck. Ein Kind unbestimmten Geschlechts spielte mit Plastikfiguren und schaute immer wieder mit großen, traurigen Augen auf, als erwarte es das Erscheinen seiner geliebten Eltern. Eine Begleiterin, kopfunter an einer Chromstange hängend, vollführte einen zeitlupenhaften Salto, der ihre langen Beine zur Geltung brachte.
Xialong setzte sich hinter den Schreibtisch und rief den Tageskalender auf. Während sich der Monitor aus dem Schlitz in der Tischplatte entrollte, dachte sie flüchtig an Choum, mit dem sie in dieser Nacht das Bett geteilt hatte, nicht zum ersten, sondern schon zum dritten Mal. Er war Ingenieur und arbeitete für eine Softwarefirma in Hongkong. Kennengelernt hatte sie ihn auf der Robotikmesse in Beijing, an einem Stand für extrem geländegängige Kampfroboter. Dass er allein aus kindlichem Interesse die Ausstellung besuchte und den Tötungsmaschinen eine abstrakte, ganz und gar unschuldige Bewunderung entgegenbrachte, hatte sie fasziniert. Er war wichtig genug, um sie nicht zu kompromittieren, und unwichtig genug, um nicht aufzufallen. Sie konnte sogar hoffen, dass ihre Mutter nicht von ihm erfahren würde, denn schon morgen musste er wieder abreisen. Sie mochte sein herzhaftes Lachen und seinen Geruch, der ihr aus irgendeinem Grund raubtierhaft vorkam. Dass er ein großer Junge aus dem Süden war, machte das Ganze nur noch reizvoller. Vielleicht würde sie sich heute mit ihm zu einem späten Abendessen treffen. Vielleicht …
Sie stutzte. Sie hatte sich den Tag für die auf zwei Uhr anberaumte Videokonferenz frei gehalten. Vorher brauchte sie nur noch das neue Modell zu begutachten, falls es denn termingerecht angeliefert wurde. Die übrige Zeit wollte sie fürs Studium der Standort- und Marktanalysen, den Friseur und einen kleinen Imbiss im Büro verwenden. Vielleicht war das alles ein wenig übertrieben, doch sie hatte sich zu lange auf die Übernahme der Verantwortung für die vierzehn Premiumstores vorbereitet, um irgendetwas dem Zufall zu überlassen. Dieser Posten war der nächste und vorletzte Schritt vor der Übernahme der Leitung des Dachkonzerns Jiqiren, der auf Arbeits- und Militärroboter sowie autonome Drohnen spezialisiert war. Wenn alles nach Plan verlief, würde es in zwei Jahren so weit sein. Dafür hatte sie gelernt, studiert, gearbeitet. Ihr ganzes Leben war eine Gleichung gewesen, deren Ergebnis von vorneherein festgestanden hatte. Für Zufälle war da wenig Raum gewesen. Sie hatte ihre Rolle gespielt, weil ihr nichts anderes übrig geblieben war, und die kleinen Lücken im großen Plan zu nutzen gewusst. Umso größer war ihr Erstaunen darüber, dass der Zwei-Uhr-Termin in der Tagesübersicht fehlte.
»Ken?«, sagte sie.
»Womit kann ich dir helfen, Xialong?«, tönte die Stimme ihres körperlosen PA aus den Tischlautsprechern.
»Ich habe heute um zwei einen Termin, aber ich sehe ihn nicht.«
»Ich weiß von keinem Termin um zwei, Xialong.«
»Aber gestern war er noch in der Wochenübersicht aufgeführt!«
»Das kann ich leider nicht bestätigen. Handelt es sich möglicherweise um einen Irrtum?«
Ken konnte so verdammt höflich sein. Mit seiner rhetorischen Frage deutete er an, sie selbst könne sich geirrt haben, aber das war ausgeschlossen. Die ersten Vorbesprechungen hatten schon vor anderthalb Monaten stattgefunden. Seit Wochen bereitete sie sich auf ihre neuen Aufgaben vor, und seit Tagen nahm sie unter der Haut ein elektrisches Vibrieren wahr, das von einer Mischung aus Beklommenheit und freudiger Erwartung herrührte. Der Fehler musste bei Ken liegen. Aber Ken machte keine Fehler.
»Hast du heute oder gestern eine Terminlöschung vorgenommen?«, fragte sie.
»Die Frage kann ich eindeutig mit Nein beantworten.«
Erst gestern hatte sie den Dienstagtermin für die Massage abgesagt, weil sie sich den Abend hatte frei halten wollen. Ken aber hatte das vergessen – falls man in diesem Fall von »vergessen« sprechen konnte. Sie blickte in den Showroom hinunter. Alle Verkaufsmodelle waren ausgepackt und hatten ihre Routinen aufgenommen. Zwei Angestellte nahmen beiderseits des Eingangs Aufstellung, um die ersten Kunden zu begrüßen, und jeden Moment würde Zhang Sammo von seinem Büro aus die Doppeltür entsperren. Dann würde für das Himmlische Geschöpfe ein ganz normaler Arbeitstag beginnen.
»Ken, verbinde mich mit Hosenga in Shenyang.« Hosenga leitete die dortige Filiale, und es war sicherlich kein Zufall, dass sie in diesem Moment ausgerechnet an diesen Langweiler dachte, der das Wort Überraschung vermutlich schon im frühen Kindesalter aus seinem Vokabular gestrichen hatte. Auf einmal hatte sie das Gefühl, die Luft aus der Klimaanlage sei mindestens zwei Grad kühler geworden.
»Hosenga ist derzeit nicht im Büro«, meldete Ken.
»Dann ruf Dadei in Chongqing an.«
»Dadei ist nicht erreichbar«, meldete Ken nach wenigen Sekunden.
»Wer sagt das?«
»Ihre Sekretärin.«
»Ist sie noch in der Leitung?«
»Nein, aber ich kann sie gerne noch einmal anrufen. Soll ich mich erkundigen, wo Dadei sich aufhält?«
»Tu das.«
Während sie wartete, betraten die ersten Besucher den Ausstellungsraum, von den Empfangsdamen mit tiefen Verneigungen begrüßt. Es waren zwei Männer in dunklen, teuren Anzügen. Nach einem kurzen Blick in die Runde steuerten sie das Podium mit der Sternballerina an, die laut Funktionsbeschreibung auch für Küche und Haushalt geeignet war. Sie tauschten ein paar Bemerkungen aus, dann lupfte der eine ihr Kleid, und der andere zog ihr das Höschen herunter, wohl um zu prüfen, ob sie auch noch für andere Zwecke zu gebrauchen war.
Xialong wandte sich angewidert ab. Sie hielt nichts vom Ab-achtzehn-Konzept der Premiumstores. Eine noch so geschmackvolle Präsentation konnte nicht verhindern, dass immer wieder Leute ohne Manieren den Weg in die Läden fanden. Wenn sie die Konzernleitung innehatte, würde sie die Sexbots aus den Läden herausholen und ganz ins Internet verbannen. Anstatt geiler Geldsäcke würden dann lachende Kinder die Läden bevölkern und sich zusammen mit ihren Eltern ihren neuen Spielkameraden aussuchen. Um diese Neuausrichtung durchzusetzen, musste sie jedoch erst die Konzernleitung übernehmen. Und dieses Ziel, die große Konstante ihres Lebens, schien auf einmal ohne ersichtlichen Grund zu wanken. Vielleicht war ihre Reaktion aber auch vorschnell und allein der enttäuschten Erwartung geschuldet – denn was bedeutete schon ein geplatzter Termin, ein Fehler im Programm? In diesem Moment meldete Ken sich zurück und verkündete, Dadei sei beim Tennisspiel und wolle nicht gestört werden.
»Ruf Kowun in Harbin an.«
»Kowun ist nicht erreichbar«, meldete Ken zwei Minuten später.
»Roy Chen, Tianjin«, sagte Xialong.
»Befindet sich derzeit im Urlaub.«
Sie verzichtete darauf, weitere Teilnehmer der geplanten und auf geheimnisvolle Weise von ihrem und offenbar auch von allen anderen Terminplänen verschwundenen Videokonferenz anrufen zu lassen, und verharrte unentschlossen neben dem Schreibtisch, den Verkaufsraum im Rücken. Ihr Blick verschwamm. Ihre Gedanken mäanderten umher, beschrieben Spiralen im leeren Raum, verdunsteten wie Nebelschwaden in der Sonne. Sie richtete die Augen auf ein gerahmtes, fast einen Meter hohes Foto an der Wand. Es zeigte eine Frau um die sechzig, bekleidet mit einem hellen Kostüm. Der Schnitt des Kostüms wirkte zeitlos. Umso größer war der Gegensatz zu ihrem Gesicht, das die Erfahrungen eines langen Lebens aufgespeichert hatte. Die erschlafften Wangen und das dick gepolsterte Kinn zeugten von einem starken Hang zum Genuss, die harten, kleinen Augen von Selbstbeherrschung und Geschäftssinn. Doch es lag auch etwas Verstörendes darin, eine Art Traurigkeit, gepaart mit etwas Unberechenbarem, mühsam Gebändigtem. Vielleicht lag es auch an der unkorrigierten winzigen Fehlstellung der Augen, dem schwach ausgeprägten Silberblick.
Xialong nahm nichts davon wahr, als sie sich mit langsamen, träumerischen Schritten dem Foto näherte. Der Rahmen hing so hoch, dass ihre beiden Köpfe sich auf einer Höhe befanden. Als sie unmittelbar davorstand, neigte sie sich dem Glas entgegen, lehnte ihren Kopf an den Kopf der Frau und schmiegte sich mit dem Oberkörper an das Foto, als wollte sie damit verschmelzen. Sie erschauerte, ein Stöhnen kam aus ihrem Mund. Ihre Hände öffneten und schlossen sich. Es dauerte eine Weile, bis sie Ken hörte, der sie vom Schreibtisch aus mit sanfter Stimme auf sich aufmerksam zu machen versuchte.
»Xialong, ich soll dir mitteilen, dass das neue Modell angeliefert wurde.«
Widerwillig löste sie sich von der Glasscheibe und streifte mit der Hand an sich hinunter, als entferne sie unsichtbare Klebstofffäden, die sie mit dem Foto verbanden.
»Ich komme«, sagte sie.
Tsema, der Lagerverwalter, der die Palette hereingefahren hatte, war beiseitegetreten, hatte respektvoll die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete nun, wie Zhang Sammo den Karton schlitzte und aufklappte. Er hob den Deckel der sarkophagähnlichen Styroporverpackung ab und trat zurück, damit Xialong den ersten Blick auf das neue Modell werfen konnte.
Sie trat neben die Palette, beugte sich vor und zog die Schutzfolie ab. Der Bot hieß Dali, was Große Kraft bedeutete, sein Spitzname lautete Die Herrin. Xialong aktivierte das Modell mit einem Griff in die Achselgrube. Es richtete geschmeidig den Oberkörper auf, schwenkte den Kopf, um sich zu orientieren, kletterte aus der Transportverpackung und nahm daneben Aufstellung.
Dali war ein SM-Modell. Ihr langes Haar war zum Pferdeschwanz gebunden, ihre Augen wirkten durch die dunklen Augenschatten groß und unergründlich. Bekleidet war sie mit einem schwarzen Lederkorsett, schwarzem, geschlitztem Slip und schwarzen Strümpfen, die bis zur Mitte der Oberschenkel reichten. Die Strumpfhalter waren aus rot gefärbtem geflochtenem Echthaar. Die untere Gesichtshälfte und den Hals verbarg eine Gummimaske mit Nasenlöchern und runder Mundöffnung. Xialong hatte an der Entwicklung des Modells keinen Anteil gehabt und hätte auch nie zugelassen, dass es in die Premiumstores gelangte. Jetzt galt es, gute Miene zum geschmacklosen Spiel zu machen.
»Sammo, was meinen Sie?«
Jetzt, da die rituelle Inbetriebnahme hinter ihnen lag, entspannte sich Sammo und zeigte sich von seiner neugierigen Seite – vielleicht war es auch die männliche. Mit breitem Grinsen näherte er zwei Zeigefinger dem Mundloch in der Maske. Die spitz angefeilten Zähne zogen sich zurück, die Lippen wurden dicker und weicher, der Mund runder. Zhang schob die Finger hinein und bewegte sie vor und zurück. Eine Art Schmatzen war zu hören.
»Obszön!«, sagte er anerkennend.
Xialong lag ein Tadel auf der Zunge, doch sie beherrschte sich. »Ist das nicht ein wenig … zu explizit?«, sagte sie stattdessen. »Ich meine, diese … Frau mit ihrer … prägnanten Ausstrahlung hat das Zeug, die Atmosphäre des ganzen Ladens zu ändern. Sie ist eine ausgesprochen dominante Erscheinung, finden Sie nicht?«
»Sie ist eine Domina«, sagte Zhang, als wäre das ein Argument. »Und sie ist vielseitig. Ich bin sicher, sie macht nicht nur im Schlafzimmer eine gute Figur, sondern auch als Eventbegleiterin oder als Beraterin bei geschäftlichen Gesprächen. Ihre exzellente Datenbankanbindung und ihre unübertroffene Reaktivität rechtfertigen den außergewöhnlichen Preis. Wir sollten sie entsprechend in Szene setzen. Sie könnte sich zum Beispiel ständig umziehen und zwischen verschiedenen Rollen wechseln.«
Xialong kannte den Preis, und sie konnte sich denken, dass er bestimmt nicht wegen der Small-Talk-Qualitäten der Herrin so hoch angesetzt worden war. Vor ihrem geistigen Auge versammelten sich Scharen von Männern vor dem violett ausgeleuchteten Verkaufspodest. Mit gerötetem Gesicht lockerten sie sich den Hemdkragen und johlten immer dann, wenn es ans Umziehen ging.
»Darüber müssen wir uns noch unterhalten«, sagte sie mit mühsamer Beherrschung. »Aber nicht jetzt. Bitte entschuldigen Sie mich, ich habe zu tun.«
Doch sie hatte nichts zu tun. Sie hatte sich die Zeit für einen Termin frei gehalten, der anscheinend nie verabredet worden war. Sie fuhr zu ihrem Büro hoch, schenkte sich am Kapselautomaten grünen Tee ein, setzte sich an ihren Schreibtisch und beobachtete mit leerem Kopf das Kommen und Gehen der Besucher. Immer wenn ein Verkauf abgeschlossen wurde, eilte eine uniformierte namenlose Frau herbei und reichte dem Käufer ein Getränk, das der Eingangsscanner aus der persönlichen Cloud des Betreffenden herausgelesen hatte. Xialong wusste, dass bereits bei Betreten des Geschäfts ein Wust von Daten analysiert und die relevanten Ergebnisse in Stichwortform an den Verkäufer weitergeleitet wurde, den das System für die Beratung auswählte. So war es immer; jeder, der etwas verkaufen wollte, machte das so, doch jetzt, in diesem seltsamen schwebenden Moment der Orientierungslosigkeit, kam es ihr auf einmal zudringlich und unangemessen vor.
Sie hätte gern ihre Mutter angerufen, auch wenn es ihr schwergefallen wäre, sich ihr in diesem Moment der Verunsicherung anzuvertrauen, sei es aus Angst vor Zurückweisung, aus Scham über ihr nichtverschuldetes Versagen oder schlicht und einfach Ehrfurcht. Doch ihre Mutter hatte ihren jährlichen Zweiwochenurlaub angetreten und nahm während dieser Zeit keine Gespräche entgegen. Niemand wusste, wo sie die Urlaubszeit verbrachte, ob in einem Kloster, beim Glücksspiel oder bei einem heimlichen Geliebten. Trotzdem überlegte Xialong, ob sie es nicht wenigstens versuchen sollte, doch dann schüttelte sie den Kopf, ging zur Tür, trat auf den Gang, fuhr hinunter in die Tiefgarage und setzte sich auf ihr SegBike.
2
Eigentlich hatte sie nach Hause gewollt, doch stattdessen kurvte sie ziellos durch die Gegend, vorbei an Lebenden Fassaden, Geschäften, Bürohäusern, Horden von Fußgängern und Strömen von Verkehr. Sie wartete darauf, dass sich der Nebel in ihrem Kopf lichtete, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen. Die unerklärliche Wendung des Tages, der sie ihrem großen Ziel einen entscheidenden Schritt hätte näherbringen sollen, hatte sie stärker erschüttert, als sie sich zunächst eingestanden hatte. Auf einmal merkte sie, dass sie fast wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt war. Einen Straßenblock entfernt ragte der Glaspalast der Himmlischen Geschöpfe auf, ein Eckgebäude mit einem kleinen Vorplatz und einem überdachten Eingang, an dem die mit dem eigenen Fahrer oder dem Bottaxi eintreffenden Kunden auch bei Regen aussteigen konnten, ohne nass zu werden. Heute war mit Autokunden kaum zu rechnen, denn auf der Straße der Goldenen Chrysanthemen herrschte seit dem Morgen Stau, da half auch keine noch so intelligente Fahrzeuginteraktion mehr weiter, und die Luftstraße, die Ebene für die Schwebfahrzeuge, die unsichtbar über der Straße verlief, war den Behörden, Politikern und einigen wenigen VIPs mit Sondergenehmigung vorbehalten.
Mobile Händler auf wendigen SegBikes versorgten die Insassen der Fahrzeuge mit Getränken und Speisen. Einige hatten Gasflaschen mit Wasserstoff für die Brennstoffzellenautos auf den Rücken geschnallt. Junge Burschen schoben schwere Karren mit Austauschbatterien über den Gehsteig.
Xialong stieg ab und setzte sich in zweihundert Metern Entfernung auf eine Bank. Sie fühlte sich eigentümlich losgelöst von ihrer Umgebung, so als schwebe sie einen halben Meter über dem Erdboden. Die durch die Geschäftsstraße wimmelnden Menschen kamen ihr vor wie Aliens. Etwa die Hälfte trug eine AR-Brille, bei den Jungen war der Anteil noch höher. Eingesponnen in eine Zwischenwelt aus Realem und Virtuellem, staksten sie wie Cyborgs einher. Sie gestikulierten, bewegten die Münder, machten Ausfallschritte, ohne dass ein Hindernis zu sehen gewesen wäre. Wenn sie einander anrempelten, erwachten sie für einen Moment aus ihrer Halbtrance, entschuldigten sich mit der Dreifingergeste und machten da weiter, wo sie aufgehört hatten, was immer es war. Die zahlreichen Einkaufs- und Transportbots, die summend und sirrend auf dem breiten Gehsteig unterwegs waren, hatten Mühe, Zusammenstößen auszuweichen, und verharrten immer wieder in Wartestellung, bis sich vor ihnen eine Lücke auftat.
Xialongs Blick fiel auf einen Mann mittleren Alters mit orangefarbenem Haar. Er trug einen schlecht sitzenden grauen Anzug, den er offenbar in einem Secondhandladen erstanden hatte, einen dunkelroten Rucksack und Sandalen. Wie ein Bot mit defektem Sensorium hatte er sich an einer Straßenlaterne festgelaufen. Immer wieder machte er Anstalten weiterzugehen und drückte seinen Bauch gegen den Mast. Als ihm das nicht gelang, wich er einen Schritt zurück und schlug mit bloßen Fäusten auf die Laterne ein, die er wohl mit dem imaginären Gegner eines Overlayspiels identifizierte. In Wirklichkeit hatte er es mit dem metallenen Hohlmantel des Laternenmasts zu tun. Seine Hände waren aufgeplatzt, und das Blut tropfte auf den Boden. Entweder nahm er den Schmerz nicht wahr, oder er ordnete ihn der virtuellen Realität zu, in der er gefangen war.
Eine Gruppe von Schaulustigen hatte sich um ihn versammelt. Die Menschen gafften und lachten, und es wurden immer mehr. Sie feuerten den Mann an. Kinder und Erwachsene drückten sich im Straßenstau die Nase an den Fensterscheiben platt. Plötzlich schoss in drei Meter Höhe über dem Stau ein dunkelgraues Schwebfahrzeug heran und senkte sich neben der Laterne auf den Gehsteig ab. Die Gaffer machten ihm Platz und schlossen sich unwillig den strömenden Fußgängerscharen an. Männer in Jeans und weißen Hemden sprangen aus dem Fahrzeug. Da es keine Kennzeichnung trug, war nicht zu erkennen, ob sie dem Geheimdienst, der Polizei oder einem mobilen Greiftrupp für AR-Opfer angehörten. Sie legten dem Verwirrten Handfesseln an und zogen ihn ins Fahrzeug, das gleich darauf emporstieg und wie ein augenloser Tiefseefisch davonglitt.
Xialong wurde bewusst, dass ihr Com heute noch nicht geklingelt hatte. Ihr Armreif zeigte keine einzige Nachricht an, Ken hatte kein einziges Gespräch angenommen oder abgelehnt. Auf einmal kam sie sich vor wie eine Ausgestoßene. Alle Menschen hatten sie vergessen, die Welt drehte sich ohne sie weiter. Sie hob den Arm und flüsterte ins Com: »Ken, hörst du mich?«
Sein freundliches Gesicht baute sich vor ihr auf, eine zehn Zentimeter hohe holografische Projektion. »Ich höre dich klar und deutlich, Xialong«, sagte er.
»Dann sag mir, ob das Com defekt ist.«
»Das Gerät funktioniert einwandfrei.«
»Das ist unmöglich.«
»Dein Misstrauen verletzt mich.«
»Du bist nicht wirklich hilfreich, Ken«, sagte sie. »Und wenn ich’s mir recht überlege, bist du in dieser Situation sogar nutzlos.« Sie senkte den Arm, die Projektion erlosch. Eine winzige Version davon verweilte noch auf der kupferfarbenen Schuppenhaut des Armbands; sie schnippte das Ken-Icon weg. Als sie wieder aufsah, bemerkte sie ein zweites Schwebfahrzeug, das sich über der Fahrbahn der Straßenecke näherte. Es war eine teure Limousine, ein schwarzer Rochen mit getönten Fenstern. Auch die Rotorelemente waren schwarz. Das Schwebfahrzeug bog auf den kleinen Eckplatz vor dem Himmlische Geschöpfe ein und senkte sich ab. Die Türen öffneten sich, zwei Männer in dunklen Anzügen sprangen heraus und nahmen neben dem Fahrzeug Aufstellung. Eine junge Frau mit schulterlangem Haar stieg aus, bekleidet mit einem dunkelgrauen Kostüm. Sie hielt eine dunkelgelbe Schultertasche in der Hand und schritt, flankiert von den beiden Bodyguards, zum Eingang des Geschäfts. Xialong hatte die Frau noch nie im Verkaufsraum gesehen. Sie sah sie nur schräg von hinten, doch etwas an ihren Bewegungen veranlasste sie, ihr gebannt mit den Augen zu folgen, bis sie im Gebäude verschwunden war.
Xialong wohnte in einem Neunzig-Quadratmeter-Apartment im Wohnturm Ewiger Frieden, nicht weit vom Park der Glücklichen Familie gelegen. Ausschlaggebend für die Wahl waren die durch keine höheren Türme verstellte Aussicht sowie das Schwimmbad im höchsten, dem einundsiebzigsten Stock gewesen. Während sie, eingehüllt in die vertraute Enge der Expresskabine und die Geräusche der Belüftungsanlage und des Seilzugs, zu ihrem Apartment hochfuhr, stellten sich beruhigende Bilder ein, welche die verstörenden Ereignisse des noch jungen Tages relativierten. Ken – eine andere, fehlerfrei funktionierende Version von Ken – würde sie begrüßen. An der Wand hinter dem Esstisch würde die Überraschungslandschaft des Tages leuchten, und in den Himmel eingebettet wären die wichtigsten Nachrichten, darunter ein kleines Videoselfie von Choum, der ihr mitteilte, dass er das nächste Treffen gar nicht erwarten könne. Sie würde die Antwort hinauszögern und sich stattdessen die Entschuldigungen der Regionaldirektoren vorlesen lassen, die aufgrund eines Softwarefehlers in der firmeninternen Terminverwaltung die Videokonferenz versäumt hatten. Auch mit diesen Antworten würde sie sich Zeit lassen. Irgendwann aber würde die Konferenz stattfinden, sie würde die neue Strategie festlegen und am Ende die ganze Firma übernehmen, wie ihre Mutter es wollte.
Mit leisem Fauchen glitt die Kabinentür auf. Als sie auf den Gang trat, streifte etwas ihr Gesicht. Sie schlug es mit Hand weg, dann erst hörte sie das Sirren, Schwirren, Brummen. Der Flur war voll Insekten: blaue und gelbe Schmetterlinge, braune und graue Motten mit dicken Leibern. Sie saßen auf den mit klassischen Pflanzendarstellungen geschmückten Wänden und krabbelten über die Decke, flogen umher und umtanzten die Leuchtfelder. Der Anblick war grotesk und beängstigend, als hätte sich ein Teil des virtuellen Coladschungels, der diese Woche auf den Fassaden vieler Gebäude wucherte, verselbstständigt und in dieser modernen Wohnmaschine mit den hermetisch geschlossenen Fensterflächen materialisiert.
Sie hob den Arm, damit ihr PA die Bescherung sehen konnte.
»Ken?«, flüsterte sie. »Was hat das zu bedeuten?«
»Ich weiß nicht, wie die Frage gemeint ist.«
»Woher kommen die?«
»Es könnte sein, dass ein Flurnachbar eine Schmetterlingszucht betreibt und die Brutschränke und die Wohnungstür offen gelassen hat.«
Sie wandte sich nach rechts zu ihrer Wohnung und achtete darauf, auf keines der Tiere zu treten. Als sie den Kirschblütenzweig neben ihrer Tür erreicht hatte, schaute sie hoch. Ihr Blick fiel auf eine besonders dicke Motte, die sich mit ihren sechs Beinen an die Wand klammerte. Ihr dicker, behaarter Leib bewegte sich sachte auf und ab, die gefiederten Antennen zitterten. Sie wirkte größer als alle anderen Motten, der Rüssel war stark ausgeprägt und glich dem Saugorgan einer Mücke, was ihr einen Anstrich von Gefährlichkeit verlieh. Als Xialong die automatisch entriegelte Tür öffnete, hob die Motte ab und schwirrte durch den Spalt, noch ehe Xialong die Wohnung betreten konnte. Sie folgte ihr rasch, damit nicht noch mehr Tiere nachkamen, und schloss die Tür hinter sich.
Die Motte hatte sich auf den Rahmen des Bildes ihrer Mutter gesetzt, das identisch war mit dem Foto in ihrem Büro. Während Xialong sich nach einem Gegenstand umsah, mit dem sie das Insekt erschlagen konnte, bewegte die Motte die Antennen, als ob sie sich im Raum orientierte. Xialong legte die Tasche ab, lief ins Bad und kam mit einem Handtuch zurück. In diesem Moment hob die Motte vom Rahmen ab und drehte langsam eine Kurve durchs Zimmer. Von der Seite war der Saugrüssel deutlich zu erkennen. Die Flugbahn wirkte unnatürlich gleichmäßig.
»Ken?«, flüsterte Xialong, zog das InEar vom Armband ab und drückte es sich ins Ohr. »Was ist das für eine Motte?«
»Das ist keine Motte. Das ist eine …«
Xialong war stehen geblieben, folgte der Motte mit den Augen und verdrehte das Handtuch zu einem festen Strang. Als sich die Motte seitlich hinter ihr befand, kam sie näher.
»… Drohne.«
Xialong fuhr herum, holte aus und schlug zu. Der Hieb ging daneben. Die Motte wich zurück und versuchte erneut, in ihren Rücken zu gelangen. Xialong aber drehte sich mit, machte plötzlich einen Ausfallschritt, stolperte über den Staubsaugerbot und schlug im Fallen erneut mit dem Handtuch zu, diesmal begleitet von einem kleinen Schrei, der ihre Angst in Zorn verwandelte. Die Motte wurde gegen die Wand geschleudert, fiel zu Boden und drehte sich sirrend auf dem Teppich. Xialong schnellte hoch, setzte ihr nach und schlug immer wieder mit dem Handtuch zu, bis das Ding sich nicht mehr regte. Dann schaute sie sich keuchend im Zimmer nach weiteren Angreifern um, konnte aber keinen entdecken.
»Was war das, Ken?«
»Zeig mir das Gerät.«
Sie kroch zum Tisch und hielt das Com vor die Motte mit den zerknitterten Flügeln und dem verbogenen Rüssel.
»Das ist eine mir unbekannte Variante des Modells Sichere Heimat«, sagte Ken. Die Drohne Sichere Heimat wurde vor allem bei der Grenzsicherung und beim Kampf gegen den Terrorismus eingesetzt.
»Bist du sicher, dass die Drohne in unserem Haus hergestellt wurde?«, fragte Xialong entgeistert. Mit »unserem Haus« meinte sie Jiqiren, den Mutterkonzern von Himmlische Geschöpfe, und das hatte Ken auch so verstanden.
»Die Flügel wurden modifiziert, damit die Drohne lebensechter wirkt. Aber sie basiert ohne jeden Zweifel auf dem Modell Sichere Heimat. Das lässt sich auch ohne eingehendere Untersuchung sagen.«
»Das war eine Killerdrohne.«
»Ja, Xialong. Leider.«
Sie blickte sich hektisch in ihrem Apartment um: hellgraue Wände, italienische Designermöbel, die Bildwand zeigte heute eine Fantasielandschaft von Img Kowloon an, bei der Rottöne dominierten. Ein Putzbot glitt im Schleichtempo die Fensterscheibe entlang. Alles schien wie immer, dabei hatte sich alles verändert.
»Hat jemand in meiner Abwesenheit versucht, in die Wohnung einzudringen?«, fragte sie mit zitternder Stimme.
»Nein«, antwortete Ken. »Soll ich den Hausservice damit beauftragen, den Flur zu säubern?«
»Was? Ja, bitte tu das. Und sie sollen eine Bestätigung an dich senden, sobald sie fertig sind.«
Sie schaute auf das gerahmte Foto an der Wand. »Mutter«, flüsterte sie. »Was soll ich jetzt tun?« Mit großen Augen schaute sie in das so vertraute Gesicht, doch es gab keine Antwort.
Sie blieb auf dem Teppich sitzen, bis Ken sie informierte, dass der Flur von Insekten gereinigt sei. Dann richtete sie sich auf und begann zu packen. Lange brauchte sie nicht. Eine Reisetasche musste reichen.
3
Auf dem Potala-Platz vor dem verwaisten Winterpalast des letzten Dalai Lama standen siebzehn überdimensionale Gebetsmühlen, jede zweieinhalb Meter hoch. An der Ober- und Unterseite waren sie mit breiten Goldstreifen verziert, auf dem erdfarbenen Röhrenkorpus waren Mantras in ebenfalls goldener Farbe aufgemalt. Sechzehn der siebzehn Gebetsmühlen standen still, die siebzehnte drehte sich auf ihrem Podest stetig im Kreis. Vor elf Tagen hatten Glaubensbrüder die Mühle über dem ehrwürdigen Mönch Chogyal abgesenkt, und seitdem schob er unablässig die im Innern angebrachte Holzstange vor sich her und versetzte das Tongehäuse in Drehung. In der ganzen Zeit hatte er kein Wasser und keine Nahrung zu sich gekommen. Keiner der anderen sechzehn Mönche, die ihr Leben für den Protest gegen die chinesischen Unterdrücker geopfert hatten, hatte länger als drei Tage durchgehalten. Die siebzehnte Gebetsmühle aber drehte sich noch immer wie am ersten Tag, und wer sie ansah, dem trat unweigerlich die Gestalt des kleinen, hageren Chogyal vor Augen, der im finsteren Innern unermüdlich seine Kreise zog und das unsichtbare Licht der Mantras zu allen fühlenden Wesen aussandte.
Von Tag zu Tag strömten mehr Besucher herbei. Sie kamen aus Lhasa und aus anderen Orten Tibets, doch einige waren sogar aus dem chinesischen Kernland angereist. Sie alle standen reglos am Rand des Platzes, vereint in ehrfürchtigem Staunen, und starrten die sich drehende Gebetsmühle an. Einige hielten Ausdrucke mit dem Konterfei Chogyals in die Höhe, niemand sprach. Sie warteten auf den Moment, da die Drehung des Tongehäuses zum Stillstand kommen und der Kleine Mönch, wie er liebevoll genannt wurde, das Samsara, das Gefängnis des Leidens, hinter sich lassen und ins Nirvana eingehen würde.
Die staatlichen Vertreter, die Polizisten und Geheimdienstler in Zivil, schauten ebenso gebannt wie die Neugierigen, die Frommen und die Protestler. Erkennbar entweder an ihren grauen Uniformen oder ihrer gepflegten teuren Nachlässigkeit, waren sie in eine Art Lähmung verfallen. Die Vertreter der Staatsmacht, die es gewohnt waren zu prügeln, zu verhaften, zu verschleppen und die ohne Gerichtsprozess Verurteilten umzuerziehen, mit Bewusstseinsdrogen zu quälen und mit neuroaktiven Implantaten zu unterwerfen, wirkten unschlüssig, aller angemaßten Macht beraubt. Hatten sie Anweisung, sich zurückzuhalten, oder konnten auch sie sich der Ehrfurcht gebietenden Monotonie des Vorgangs auf dem Platz nicht entziehen? Fürchteten sie die Bilder, die von Drohnen, denen einfach nicht Herr zu werden war, über dunkle Kanäle ins ganze Reich übertragen wurden und sogar ihren Weg durch die Große Mauer ins Ausland fanden? Oder waren auch sie ergriffen von dem Wunder des seit elf Tagen andauernden Kreisgangs des unsichtbaren Mönchs in der Gebetsmühle? Es war, als habe er sich längst entmaterialisiert, und an seine Stelle sei eine unpersönliche Kraft getreten, die größer und wahrer war als alle Anweisungen, die in den Einsatzplänen standen, klarer und zwingender als die Worte, die über die InEars in ihre Köpfe drangen.
Ein kleiner Junge zwängte sich zwischen den Zuschauern hindurch und rannte auf den Platz. Offenbar wollte er Chogyals Gebetsmühle berühren. Der stillschweigende Waffenstillstand zwischen Zuschauern und Ordnungskräften war damit hinfällig geworden, der Bann gebrochen. Vier, fünf, sechs Männer stürmten auf die Freifläche und fingen den Jungen ab. Einer lähmte ihn mit einem Taser, einer trat ihm in die Seite, einer legte ihm Handfesseln an, zwei schwenkten Distanzwaffen, um die Zuschauer am Eingreifen zu hindern. Eine Kampfdrohne löste sich vom Befreiungsdenkmal und beschrieb langsam einen Kreis. Der bewusstlose Junge wurde zu einem grauen Wagen getragen.
Onkel Wu schaltete den Ton ab. Er schenkte sich grünen Tee nach und schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, was er von alldem halten sollte. Viele Menschen fürchteten sich in diesen bewegten Zeiten. Sie suchten nach einem Halt in den Fluten, die sie in den Strudel des Wandels zu ziehen drohten, und klammerten sich an vieles, das fragwürdig war. Sie sehnten sich nach Offenbarungen, Zeichen, Wundern und suchten Zuflucht bei den abstrusesten Überzeugungen. Aber wenn es nun stimmte, dass Chogyal seit elf Tagen in der Finsternis der Gebetsmühle seine Kreise zog? Was wäre, wenn der Tonzylinder sich auch morgen und übermorgen noch drehte? Was hätte es zu bedeuten? Er kannte die Dokumentaraufnahmen, welche die Regierung immer dann im Fernsehen zeigte, wenn es in Tibet zu Aufständen kam. Zu sehen waren zerlumpte Menschen, die zu Füßen der prachtvollen Klöster das Land bestellten, das ihnen nicht gehörte. Verstümmelte Bettler säumten die Straßen, manche Arbeiter trugen Fußfesseln. Bis zur Übernahme der Verwaltung durch die chinesische Regierung im Jahr 1959 hatte dort Leibeigenschaft geherrscht. Jetzt waren die Menschen angeblich frei – aber weshalb hingen sie dann an den alten Traditionen und verehrten die Mönche? Onkel Wu war kein Tibeter, sondern Chinese, doch die Bilder, die alten und die neuen, ließen ihn nicht kalt. Genau genommen wühlten sie ihn stärker auf, als in seinem Alter gut für ihn war.
An der Tür wurde geklopft; die Klingelanlage (mit konfigurierbarem Signalton und Videomonitor) hatte von Anfang an nicht funktioniert. Onkel Wu sah auf die Zeitanzeige an der Videowand. Es war bereits halb elf, spät für seine Verhältnisse. Wer konnte das sein?
Er schlurfte zur Tür und machte auf. Vor ihm stand eine junge Frau mit Kostümjacke und dunkelgrauem Rock, in der Hand eine Reisetasche, die ihre rechte Schulter nach unten zog. Sie lächelte verlegen.
»Onkel Wu, darf ich eintreten?«
Jetzt erkannte er sie wieder. Das war Xialong, das kleine Mädchen, dem er im Park Geschichten vorgelesen hatte, weil ihre Kinderfrau, eine Australierin, kein Chinesisch lesen konnte. Auch später noch, als sie nicht mehr von Privatlehrern unterrichtet wurde und die Universität besuchte, hatte sie ihn hin und wieder im Park besucht und ihm jedes Mal etwas mitgebracht: ein paar Süßigkeiten, eine Flasche Reiswein, eine gebratene Taube oder frisches Obst. Nie hatte sie ihn spüren lassen, dass sie, bewacht von Drohnen und schwer bewaffneten Sicherheitskräften, hinter dem Zaun im Kleinen Himmel lebte, wie die Leute sagten, einer streng bewachten geschlossenen Gesellschaft, die für Normalsterbliche so unzugänglich war wie dereinst der Kaiserpalast für einen Reisbauern aus der Provinz. Inzwischen wohnte sie außerhalb des Kleinen Himmels, das hatte sie ihm erzählt, und erst heute Morgen war sie auf dem Weg zur Arbeit am Park vorbeigefahren und hatte ihm zugewinkt.
Er verbeugte sich und geleitete sie durch den Flur in sein kleines Wohnzimmer. Während sie die Tasche abstellte, sich setzte und sich das Haar aus dem Gesicht strich, schenkte er ihr Tee ein. Er nahm ihr gegenüber Platz und betrachtete ihr schönes Gesicht, das aufgerissen war wie das Papier einer Tuschezeichnung. Verzweiflung und Angst lugten durch die Risse, trotzdem sagte sie kein Wort, sondern wartete höflich, bis er, der Ältere, sie ansprach. Onkel Wu aber schwieg.
»Das ist verboten«, sagte sie schließlich und deutete auf die Liveübertragung vom Potala-Platz in Lhasa. Eine Regierungsdrohne machte mit Fangnetzen Jagd auf die fliegende Kamera, und das Bild schwankte und ruckte, dass einem schlecht werden konnte.
»Ja«, sagte Onkel Wu. »Die Anlage hat ein junger Freund eingerichtet, und ich weiß nicht, wie man die illegalen Kanäle löscht.«
»Aber du könntest einen anderen Kanal einschalten.«
»Ja, das könnte ich«, sagte Onkel Wu, doch er tat es nicht. Eine Weile saßen sie einander schweigend gegenüber und lauschten der Zikade in ihrem Holzkäfig. Xialong kaute auf einem Teeblatt herum, dann begannen ihre Lippen, zu beben.
»Meine Termine sind verschwunden«, sagte sie. »Den ganzen Tag lang war niemand für mich zu sprechen. Meine Mutter ist nicht erreichbar. Zu Hause wollte mich eine Motte töten. Dann ist die Netzverbindung meines Coms ausgefallen. Ich kann niemanden mehr erreichen. Ich kann mir nicht mal mehr ein Taxi rufen. Ich komme an kein Geld heran. Und Ken ist so dumm geworden wie ein Stück Holz.« Sie hob den Arm. Der Ärmel ihrer Kostümjacke fiel herab und gab das Drachenband an ihrem schmalen Arm frei.
»Warum, mein Kind, gehst du nicht zur Polizei?«
Trotz der Wärme fröstelte Xialong. »Ich weiß es nicht. Ich glaube, ich traue mich nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, es wäre nicht gut.«
»Ich verstehe«, sagte Onkel Wu, obwohl er nichts verstand. Er ergriff ihre Hand, zog sie sanft auf den Tisch nieder und drückte sie. »Vielleicht solltest du erst einmal schlafen. Du kannst dich hier auf das Sofa legen. Warte, ich hole dir eine warme Decke.« Er ging in die kleine Schlafkammer und holte eine Decke aus dem Schrank. Als er zurückkam, schlief Xialong bereits, ohne sich entkleidet zu haben. Nur die Kostümjacke hatte sie über die Stuhllehne gelegt.
Besorgt und fürsorglich deckte er sie zu.
4
Früher war alles besser, dachte Kung, obwohl er erst zweiundzwanzig war. Die Hacks waren besser und die Drogen auch. Vielleicht konnte er früher auch nur mehr davon vertragen. Jetzt sah er aus wie dreißig, ach was, wie vierzig, und wenn er mal eine Nacht durchmachte, zitterten ihm morgens die Hände so sehr, dass er kaum noch eine Flasche Wasser ansetzen konnte.
Wasser war die einzige Medizin, die ihn vom finalen Burn-out trennte. Klares, sauberes, kühles Wasser und das Sanktuar.
Hong Gezi hatte ihn darauf gebracht. Er hatte keine Ahnung, wer hinter diesem Fakeprofil steckte, aber irgendwas in der Art, wie sie ihren jämmerlichen Zustand und die Wohltaten der Drei Wahrheiten schilderte, hatte ihn veranlasst, dem Link zu folgen. Vermutlich lag es daran, dass die Selbstbespiegelung bei Hong Gezi so lang und die vermeintliche Problemlösung so knapp ausgefallen war.
Unbewusst setzte er »knapp« mit »effektiv« gleich.
Der Link brachte ihn auf eine Seite mit dem Schriftzug Die Drei Wahrheiten. Kein Darknet und keine Kryptoserver nötig, keine Verschlüsselung. Das war verdächtig. Egal, dachte er. Hong Gezi hat’s auch überlebt. Er setzte das VR-Gear auf, schob die rechte Hand in einen Datenhandschuh und gelangte in ein graues Nichts, in dem sich drei beschriftete Portale abzeichneten: Vertrauen, Verehrung, Versenkung. Während er noch überlegte, ob er sich wieder ausklinken sollte, öffnete sich das Vertrauenportal, und er schwebte hindurch – in einen leeren, großen Kugelraum, dessen Innenbegrenzung aus einer durchscheinenden Schicht scrollender, einander überlagernder Worte bestand. Die Worte waren deutlich zu erkennen und bildeten Sätze, doch es waren einfach zu viele, um einen herauszugreifen. Gleichzeitig vernahm Kung einen gewaltigen Flüsterchor, eine Art kosmisches Gesäusel. Waren die Worte und das Geflüster kongruent? Er konnte es nicht sagen. Dann vernahm er eine einzelne, laute, verständliche Stimme, und sie sagte: »Wähle deinen Vertrauten.« Gesichter tauchten vor ihm auf, Männer und Frauen, Junge und Alte, und nach einer Weile, als es ihm langweilig wurde, sagte er bei einer etwa dreißigjährigen Frau mit freundlichem Blick Halt. Ihr Gesicht lächelte und bekam einen Körper. Sie verneigte sich vor ihm und sagte: »Ich heiße Mei und bin jetzt deine Vertraute. Ich bin immer für dich da.« Dann verschwand sie.
Der zweite Raum war ein weißer Kubus von etwa fünfzig Meter Seitenlänge. Trotz seiner Größe und Leere machte er den Eindruck eines Zimmers. Genau in der Mitte befand sich ein niedriger Sockel mit einer Art Kasten darauf. Kung schwebte hinüber. Aus fünf Meter Abstand stellte er fest, dass der Kasten ein Computer war – nicht irgendein Computer, sondern sein allererster Rechner, ein schwarzer Lenovo mit transparenter Seitenwand, durch die er in das blau ausgestrahlte Innere sah. Er hatte diesen Kasten geliebt und liebte ihn immer noch, doch ehe er ihn genauer in Augenschein nehmen konnte, traten Gestalten aus den Wänden hervor, viele Männer und einige wenige Frauen, und nahmen im Halbkreis hinter seinem geliebten ersten Rechner Aufstellung, darunter Konrad Zuse, der Erbauer des ersten programmgesteuerten Rechners, Noam Chomsky, der Begründer der Chomsky-Hierarchie, Bill Gates, der Erfinder von Windows, Linus Torvalds, der Initiator von Linux, und Liu Chuanzhi, der Gründer des Lenovo-Konzerns. Einige Personen kannte er nicht, doch er spürte, sie waren erschienen, um dem Kasten auf dem Podest Respekt zu erweisen. Und der Kasten, sein geliebter erster Rechner, morphte, die Kanten rundeten sich, das Gehäuse wurde gedrungener, kraftvoller, und plötzlich zoomte sein Blick hinein, schwenkte über Mainboard und Grafikkarte, stürzte in den Prozessor und raste die Schaltungsbahnen entlang, drang in eine Erweiterung ein, in eine kristallorganische Masse, in etwas noch nie Gesehenes, und er begriff, dass er und die Riesen der Vergangenheit sich versammelt hatten, um dem Neuen zu huldigen, und was er in diesem Moment empfand, verdammt wollte er sein, war Verehrung für den Schöpfergeist und die Schönheit dieser von Menschen erschaffenen Struktur.
Als er in den dritten Raum schwebte, war er bereit. Empfänglich. Deshalb war er zunächst enttäuscht. Drei Kinder hockten um eine Bodenmulde herum, durchscheinende, fahle Gestalten, wie aus einem alten, verblassten Papierbild herauskopiert und auf 3-D extrapoliert. Dann erkannte er sie: Das waren er selbst, seine verstorbene Schwester Chen-Chen und der Junge von nebenan. Er wusste auch, was in der Mulde lag: eine Murmel. Sie hatten sie in Erdlabyrinthen trainiert und mit ihr gemeinsam an Nachbarschaftswettbewerben teilgenommen. Der Hals schnürte sich ihm zu. Und da stieg die Murmel auch schon empor. Im Gegensatz zu den Kindern wirkte sie real und körperlich. Ein leuchtendes Schlierenmuster wanderte darüber hinweg, als ob sie rotierte. Gleichzeitig wurde sie größer, immer größer, und ehe Kung sich versah, befand er sich innerhalb der Kugel und sah, dass die Schlieren lebendige Blattmuster waren, die wuchsen und an ihren Rändern neue Blattinseln ausbildeten, die sich wiederum an ihren Rändern reproduzierten. Immer tiefer tauchte er in das fraktale Muster ein, und gleichzeitig verspürte er eine tiefe Ruhe wie schon lange nicht mehr.
Dies war seine erste Begegnung mit den Drei Wahrheiten, und seitdem war er ein Follower. Wenn es ihm schlecht ging, besprach er sich mit Mei oder suchte das Sanktuar auf und meditierte. Das war keine Frage des Glaubens, sagte er sich, sondern reine Logik. Die Drei Wahrheiten funktionierten. Sie waren effektiv. Und sie gewannen immer mehr Anhänger. Viele stellten allerdings auch Fragen nach dem unbekannten Betreiber des Portals. Doch solange es wirkte, war ihm egal, ob dahinter ein hundertjähriger Weiser steckte oder der genialische Algorithmus eines wahnsinnigen Freaks. Er wusste, wann ihm etwas guttat.
Der Eckplatz vor dem Eingang des Premiumstores Himmlische Geschöpfe war mit Plastband abgesperrt. Ein grau Uniformierter und ein AnBot leiteten den Fußgänger- und Botverkehr außen an der Absperrung vorbei, ein zweiter Beamter schaute ihnen zu. Eine Drohne hing reglos in der Luft, die Kamera drehte sich und filmte die Autos und die Passanten. Als Xialong sich mit ihrem SegBike dem Laden näherte, bekam sie ein mulmiges Gefühl.
Heute Morgen hatte sie sich noch zuversichtlich gefühlt. Onkel Wu hatte ihr ein karges Frühstück mit kaltem Reis und eingelegten süßsauren Sojasprossen bereitet, dazu gab es den ersten Teeaufguss des Tages. Wie schon ungezählte Generationen vor ihm hielt er an dem Brauch der armen, einfachen Leute fest, den Morgentee im Laufe des Tages immer wieder aufzugießen, bis abends ein heißer Sud dabei herauskam, dessen Geschmack und Farbe sich allenfalls erahnen ließen. Seine ruhige Stimme und die unaufdringliche Art und Weise, wie er ihr beim Essen zuschaute, taten ihr gut und bestärkten sie in der im Schlaf gewonnenen Überzeugung, dass der gestrige Tag wenig mehr gewesen war als ein böser Traum, ein Ausrutscher des Irrealen in den Alltag hinein, für den sich bald eine Erklärung finden würde. Zhang Sammo würde ihr einen Techniker schicken, der ihre Netzverbindung wiederherstellen und Ken samt ihrem Terminkalender debuggen würde. Sie würde neue Termine für eine Videokonferenz ausmachen und bei der Polizei wegen des Vorfalls vor und in ihrer Wohnung Anzeige erstatten. Genau genommen war sie gar nicht mehr sicher, dass es sich um einen Drohnenanschlag gehandelt hatte. Auf Kens Urteil war zu dem Zeitpunkt schon kein Verlass mehr gewesen. Möglicherweise war die angebliche Drohne lediglich ein besonders großes exotisches Mottenexemplar gewesen. Sie hätte nicht in Panik geraten, sondern das tote Tier genauer untersuchen sollen, dann hätte sie sich einige Aufregung erspart.
»Sie können hier nicht rein«, sagte der zweite Uniformierte, als sie das Bike abgestellt hatte und vor die Absperrung getreten war. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, hinter der AR-Brille huschte sein gelangweilter Blick umher, er sah sie nicht. »Gehen Sie weiter.«
»Aber ich sehe Angestellte im Geschäft. Ich arbeite hier.«
»Ach ja?«
»Allerdings«, sagte sie schnippisch. »Ich bin sogar die Chefin. Genau genommen gehört mir der Laden. Also sagen Sie mir gefälligst, was hier los ist.«
Er musterte ihr zerknittertes Kostüm und das SegBike, das ihr gefolgt war wie ein Hund. Was er sah, überzeugte ihn anscheinend nicht. »Das Geschäft wird gerade mit Sprengstoffsonden untersucht«, sagte er unfreundlich. »Heute Morgen ist eine Drohmail der Liga zum Schutz humanen Lebens eingetroffen. Möglicherweise handelt es sich um einen Fake, aber es wäre trotzdem besser, wenn Sie in der Nähe warten würden, bis die Durchsuchung abgeschlossen ist.«
»Also, ich glaube das nicht«, sagte Xialong entschlossen. »Lassen Sie mich auf der Stelle durch.«
Der Polizist seufzte. »Wenn Sie mir Ihren Namen sagen würden …«
»Wei Xialong«, sagte sie.
Er trat ein paar Schritte beiseite, hob den Arm vor den Mund und sprach halblaut in sein Com. Eine zweite Kameradrohne schwebte dicht über den Passanten heran. Der Polizist kam zurück.
»Frau Wei befindet sich in ihrem Büro«, sagte er. »Bitte weisen Sie sich aus.«
»Mein Com ist defekt«, sagte Xialong. Sie hatte es nicht überprüft, doch auf einmal war sie sicher, dass die holografische Identprojektion nicht funktionieren würde. Der Horror des Vortags war kein Albtraum gewesen. Er ging einfach weiter.
»Sie irren sich, wenn Sie glauben, Frau Wei sei im Geschäft«, sagte sie mit leiser, nicht sehr überzeugender Stimme. »Ich bin Wei Xialong. Bitte rufen Sie Zhang Sammo heraus, er kann es bezeugen.«
»Ich habe gerade eben mit diesem Herrn gesprochen«, sagte der Polizist, hob den Arm und hielt ihr das Com vors Gesicht. Vermutlich wurde ihr Bild an jemanden übermittelt, der es überprüfen würde. Der AnBot zielte mit einer Waffe auf die zweite Drohne. Ein dunkler Schatten schoss aus dem klobigen Lauf und entfaltete sich zu einem Netz. Es traf die Drohne und hüllte sie ein. Das Gerät begann zu trudeln, schwenkte zur Straße ab, schlitterte über ein Autodach, prallte auf die Fahrbahn und wurde überrollt.
Cheng Ko stand auf dem Namensschild des Polizisten. Während er und Xialong einander unschlüssig fixierten, trat ein Mann aus dem Eingang des Geschäfts. Xialong kannte ihn nicht, also war er vermutlich ein Kriminalbeamter in Zivil.
»Festnehmen!«, rief er und hob befehlend die Hand. »Nehmt die Frau fest!«
Der AnBot schwenkte herum und fuhr eine Art Trichter aus. Cheng Ko langte über das Absperrband hinweg und packte Xialong beim Arm. Sie riss sich los, machte kehrt und stieß gegen einen Transportbot. Sie kippte vornüber und stützte sich auf dessen gepolstertem Rücken ab. Der Bot erstarrte, offenbar hatte sich eine Schutzschaltung aktiviert.
»Bitte behindern Sie mich nicht!«, plärrte der Bot. »Ich bin im Auftrag einer hilfsbedürftigen Person unterwegs. Bitte …«
Xialong wandte sich zur Seite, stürmte zwischen Gaffern und VR-Blinden hindurch und rannte weiter, ohne sich umzusehen. Das SegBike blieb hinter ihr zurück. Erst als sie keine Luft mehr bekam, notgedrungen stehen blieb und feststellte, dass ihr niemand folgte, holte sie den Zettel aus der Kostümtasche, den Onkel Wu ihr gegeben hatte. Da sie kein Bottaxi anhalten konnte, gab sie die Adresse in den offline gespeicherten Stadtplan des Coms ein. Die Entfernung betrug 2,47 Kilometer.
5
Er träumte von einer schwarz-roten Schlange. Sie war so dick wie ein Finger und ringelte sich um seinen Arm. Sie bestand aus Segmenten, die entweder ein- oder zweifarbig waren. Wenn man die Reihenfolge variierte, entstünde ein Code. Die Zahl der Buchstaben war aufgrund der Länge der Schlange vorgegeben, ebenso die Zahl der möglichen Kombinationen der Segmente. Dafür musste es eine Formel geben, und vermutlich war sie einfacher, als es auf den ersten Blick erscheinen mochte. Trotzdem kam er nicht drauf. Vielleicht lag es an der ringelnden Bewegung, an diesem lebendigen, trockenen Gleiten auf seiner Haut, dass er sich nicht konzentrieren konnte. Er versuchte es trotzdem, strengte sich an … dann begriff er, dass die sich ringelnde Schlange das umlaufende Wake-up-Signal seines rhythmisch kontrahierenden Armbandcoms war.
Er schlug die Augen auf. Es war viertel nach elf, verflucht früh für seine Verhältnisse, und an seinem Arbeitsplatz blinkte das Besucher-Icon. Er hatte etwa viereinhalb Stunden geschlafen, viel zu wenig nach einer arbeitsreichen Nacht. Benommen glotzte er den Stream der Türcam an, den das Com in die Dunkelheit projizierte, dann wälzte er sich auf die Seite, tastete auf der Kiste neben dem Bett zwischen Snackkartons, Atemmasken, aktiven Nasenstöpseln und InEars nach einer sechseckigen Pille und steckte sie sich in den Mund.
Dann raus aus dem Bett und zur Tür getappt, mit einer Hand den Slip mit dem ausgeleierten Gummibund haltend: »Ja?«
»Sind Sie … Kung?« Das Gesicht vom Monitor, erschreckt und ängstlich.
»Komm rein.«
Er überließ es ihr, die Tür zu schließen, tappte zurück ins Halbdunkel der Monitore und Stand-by-LEDs, ließ sich in einen Sessel fallen und stand noch einmal auf, um den Slip über seine Blöße hochzuziehen. Die junge Frau nestelte verunsichert an ihrer Kostümjacke.
»Du bist nicht Linh«, krächzte er.
»Ich bin Xialong. Ich …«
»Hab Linh erst morgen erwartet, aber egal. Ich brauche je einen Pack Sechser und Dreier und zehn Portionen Neeze. Aber, he, das Zeug ist mächtig, hätte fast den Arzt gebraucht.« Er beugte sich vor und tastete auf dem Tisch nach einem Geldstick.
»Meinst du Rauschgift?«, fragte Xialong.
»Hä?« Er hob den Kopf, blickte schräg von unten in ihr rundliches, erschrockenes Gesicht. »Was ist eigentlich los mit dir?« Er ließ den Stick fallen, schnellte hoch, trat vor sie hin, riss ihre Jacke auseinander und zog ihr die Bluse hoch, ehe sie reagieren konnte. »Da ist ja nichts.« Linh hatte immer einen gut gefüllten Bauchgürtel dabei, aber diese Besucherin hatte nichts weiter vorzuweisen als ihren nackten, flachen Bauch.
Xialong, von Furcht gelähmt, starrte den Slip an, der ihm die Beine runterrutschte, dann wanderte ihr Blick zu seinem Schulterhöcker. Der Bann löste sich. Mit einem Aufschrei raffte sie die Jacke vor der Brust zusammen und wich Richtung Tür zurück, doch Kung, den die Sechsertablette wiederbelebt hatte, stellte seine Beweglichkeit dadurch wieder her, dass er den um seine Füße gewickelten Slip wegkickte und ihr splitternackt den Weg verstellte. Sie hob abwehrend die Arme vor Gesicht.
»Bitte tu mir nichts«, bettelte sie.
»Nein, nein, nein«, sagte er, »so geht das nicht. Du tauchst hier auf, reißt mich aus dem Tiefschlaf und hast keine Ware dabei – ich würde sagen, du schuldest mir eine Erklärung.« Vielleicht sollte ich mir besser ein Handtuch um die Hüfte binden, ging ihm durch den Kopf.
»Ein Handtuch, ein Handtuch«, murmelte er, wandte sich zum Bett, das wie ein Fremdkörper inmitten der Elektronik stand, zog das Laken unter der platt gewalzten Holoformdecke hervor und legte es sich um wie einen Ganzkörperlatz. »Besser?«
»Etwas«, sagte Xialong, hinter ihren Armen hervorlugend. Argwöhnisch beobachtete sie, wie Kung sich wieder setzte, dann rückte sie vorsichtig näher.
»Also«, sagte Kung.
»Was … also?«
»Vielleicht solltest du dich ebenfalls setzen. Jetzt setz dich schon.«
Sie gehorchte. Ihre Haare waren strähnig, sie hatte dunkle Augenringe, ihr Rock war zerknittert und die Jacke sowieso. Trotzdem machte sie irgendwie den Eindruck, als sähe sie normalerweise ganz anders aus. Als gehörte sie hier nicht her. Plötzlich zeigte sie über seine Schulter hinweg und sagte: »Der elfte Tag?«
Er drehte sich zu dem Monitor mit dem Tibet-Stream um. »Der zwölfte«, sagte er, nicht weil sein Zeitgefühl sich auf einmal wiederhergestellt hatte, sondern weil es rechts unten eingeblendet wurde. Schon erstaunlich, dass die Typen vom FreeVee es schafften, einen nahezu unterbrechungsfreien Stream zu senden.
Xialong nickte, sah auf ihre Hände. »Onkel Wu hat mich geschickt«, sagte sie leise.
»Ah.« Kung nahm eine Wasserflasche vom Tisch und trank. Dann richtete er die Webcam, die seitlich an seinem Monitor klemmte, unauffällig auf seine Besucherin und startete ein Programm.
»Du hast ihm die Fernsehwand eingerichtet.«
»Stimmt.«
»Mit illegalen Sendern.«
»Nicht nur.«
Xialong lächelte zaghaft, das erste Mal. »Onkel Wu hat mir deine Adresse gegeben.«
»Weshalb?«
»Er … er hat gemeint, du könntest mir vielleicht helfen.«
Kung schüttelte den Kopf. Er ahnte, dass dieser Besuch nichts als Ärger bedeutete und dass es am besten wäre, ihn möglichst kurz zu gestalten. Trotzdem sagte er, vielleicht aus Neugier: »Komm drauf an.«
»Worauf kommt es an?«, fragte Xialong. In diesem Moment war die Gesichtserkennung abgeschlossen. Die Infos wurden in einem Fenster angezeigt. Da er den gesamten Datenverkehr verschlüsselt und zerhackt über anonyme Server schickte, hatte die Auswertung einige Zeit gedauert. Das war eines der Zugeständnisse, die man in diesen Zeiten machen musste, wenn man den Sicherheitsbehörden ein Schnippchen schlagen wollte.
Wei Xialong, 28, ledig, Mutter Wei Lanlong, Vater unbekannt, keine Geschwister. Mit Sondergenehmigung zu Hause unterrichtet, dann Besuch der Tsinghua-Universität Beijing, Abschluss in Betriebswirtschaft. Der Mutter gehört der Jiqiren-Konzern, Wei Xialong leitet derzeit den Premiumstore Himmlische Geschöpfe in Beijing, Straße der Goldenen Chrysanthemen.
Die Kurzinfos wurden von ein paar Fotos ergänzt, Aufnahmen von Xialong in unterschiedlichem Alter, beginnend mit der Studienzeit. Keine Kinderbilder, keine peinlichen Partyfotos, kein öffentliches Profil. Das Geschäft war von außen zu sehen, auch ein paar Botmodelle des Mutterkonzerns.
»Wow«, sagte Kung.
»Was, wow?«, fragte Xialong.
»Tut mir leid, ich muss pissen.« Er erhob sich überstürzt und stolperte durch den Durchgang nach nebenan, wo neben einem Regal mit Elektronikteilen, Sachen zum Anziehen und Instantpackungen für den Küchenautomaten auch das Klo und die Dusche untergebracht waren, alles ohne Tür, ohne Vorhang, ohne jede Abteilung. Er bekam kaum Besuch, und noch keiner hatte sich je über einen Mangel an Hygiene oder gar Intimsphäre in seiner Wohnung beschwert. Die Leute, die zu ihm kamen, interessierten sich für andere Dinge. Die junge Frau aber hatte etwas an sich, das ihn seine normalerweise ausgeblendete Wohnrealität mit anderen Augen betrachten ließ. Bei ihm war es nicht nur schmutzig, sondern siffig. Der in die Decke eingelassene Ventilator rasselte, dicke Staubfäden schwankten unter dem Abdeckgitter im Aufwind. Das Ding beförderte die verbrauchte, von den Prozessoren aufgeheizte Luft nach draußen, aber wo kam eigentlich die frische nach? Die Fenster waren versiegelt, Tageslicht und Geräusche störten ihn beim Arbeiten. Genau genommen lebte er im permanenten Unterdruck. Und im Entlüftungsrohr wuchsen bestimmt Bakterien, die jeden Biologen in Verzückung versetzt hätten. Nicht nur da oben.
Er erleichterte sich, wusch sich das Gesicht und putzte sich sogar die Zähne. Einen sauberen Slip konnte er nicht finden, die waren wohl noch alle in der Wäscherei, deshalb begnügte er sich mit Jeans und T-Shirt. Als er mit zwei Packungen veganem Gemüseomelett ins Arbeitsschlafzimmer trat, schaute Xialong auf das Display mit dem Tibet-Stream, versunken in den Anblick der sich monoton drehenden Gebetsmühle, in der der Kleine Mönch eingeschlossen war. Wie schaffte der das ohne Essen und Trinken? Hätte er nicht längst tot sein müssen?
Kung leerte die Tüten in den PrepBoy, wartete, bis das Frühstück fertig war, dann nahm er die beiden Schalen heraus, nahm vier Stäbchen aus der Schublade, schenkte lauwarmen Tee in zwei Becher und balancierte alles auf einem fleckigen Bambustablett zum Tisch.
Xialong sah ihn fragend an, und als er nickte, machte sie sich hungrig über das Omelett her. Trotzdem aß sie mit Bedacht und führte die Stäbchen zum Mund, anstatt sich den Reis aus der Schale zwischen die Lippen zu schaufeln. Kung gefiel, was er da sah, und unwillkürlich bemühte er sich, den Tee ohne lautes Schlürfen zu trinken. Als sie gegessen hatten, sagte er: »Und jetzt erzähl.«
6
Tschoulao liebte die Ordnung. Die Ordnung verlieh dem Leben Sinn. Ordnung bedeutete, zwischen gut und richtig, wahr und falsch zu unterscheiden. Ordnung war größer als der einzelne Mensch mit seinen kleinlichen Wünschen. Ihm stand es gut an, sich unterzuordnen, wenn er des großen Sinns teilhaftig werden wollte. Die Alten hatten dies gewusst, sonst hätte das Reich mit seiner langen Abfolge von Kaisern nicht Jahrtausende überdauert und wäre nicht aus jeder Krise in neuer Pracht wiederauferstanden. Und auch die Partei wusste es und duldete keine Widersacher neben sich, welche die Menschen hätten in Verwirrung stürzen und das kostbare Gebäude des Staates gefährden können. Indem sie ihre Macht eifersüchtig hütete, schützte sie das große Ganze. Die Partei war klüger als der Einzelne. Der hatte nur zwei Augen. Die Partei hatte viele.
Auch Tschoulao hatte sein Leben lang seinen Beitrag geleistet, und er tat es noch immer, als Nachbarschaftswächter. Im Hutong war das einfach gewesen. Die Hälfte des Lebens spielte sich auf den Gassen und in den kleinen Innenhöfen ab. Jeder kannte jeden, nichts blieb verborgen. Er war ein respektierter Mann gewesen, mit dem man gerne sprach und den man um Rat fragte, wenn es Probleme mit der Ausbildung der Kinder oder der Medikamentenrechnung gab. Seine »Drähte« – so nannte er die Kontaktleute, denen er zweiwöchentlich Bericht erstattete – waren kein Stigma gewesen, sondern Ansprechpartner, an die man sich wandte, wenn es irgendwo hakte. Sie waren ein Teil des Lebens gewesen, so wie er ein Teil des wimmelnden, stinkenden, verfallenden Hutongs gewesen war.
Jetzt wohnten sie in neuen, modernen Häusern. Sie sahen fern an der Wand, es stank nicht mehr nach Schimmel und Pisse, doch die Probleme waren nicht geringer geworden. Mal war das Leitungswasser rot von Rost, mal kam es in den obersten Stockwerken gar nicht erst an. Mal gab es einen Kurzschluss in der Wand, dann wieder war der Lift ausgefallen, oder jemand hatte das Treppenhaus verunreinigt. Geld hatten die Leute auch nicht mehr als früher, doch es schien so, als wären mit der Höhe ihrer Behausungen ihre Ansprüche ins Unermessliche gewachsen. Hatte er etwa die Kabel mit der brüchigen Isolierung in die Wand eingebaut? Konnte er etwas dafür, wenn der Wasserdruck in den Leitungen nicht ausreichte? Und weshalb verstellten sich andauernd ihre Fernsehwände? Mit allem Ärger, ob berechtigt oder nicht, kamen sie zu ihm, und ihm blieb nichts anderes übrig, als die Beschwerden an den Hausmeisterservice weiterzugeben, der allzu selten mit seinem schicken roten Lieferwagen vorfuhr und allzu schnell wieder weiterzog. Seine Drähte halfen auch nicht weiter, denn er hatte nichts mehr zu berichten, was sie mit Gefälligkeiten hätten erwidern mögen. Die Wohntürme der Glücklichen Familie waren für ihn undurchsichtig. Von dem Leben, das sich hinter den Wänden abspielte, war er ausgeschlossen. Die Menschen vertrauten ihm nicht mehr, sie erzählten ihm nichts. Kam er in ihre Nähe, wurden sie stumm wie Fische. Zu ihm kamen sie nur, wenn es etwas zu schimpfen gab. Ansonsten warfen sie ihm böse Blicke zu, als wäre er persönlich schuld an ihrer Umsiedlung. Dabei hätten sie dankbar sein sollen, dass die Partei sie aus dem stinkenden Schmutz herausgeholt hatte.
Manchmal kam er sich überflüssig vor.
Heute war es anders. Eine Frau war aus Onkel Wus Wohnung gekommen.
An der Wand des Wohnraums liefen, säuberlich aufgeteilt in acht Reihen, die Programme des staatlichen Fernsehens und die Bilder der Flurkameras aus dem Block, in dem er wohnte. Alle paar Minuten wurde automatisch auf eine andere Auswahl von Kameras umgeschaltet. Praktisch konnte er das Kommen und Gehen im ganzen Haus verfolgen. Dass er den Bildern vielleicht nicht immer genügend Aufmerksamkeit schenkte, lag daran, dass sie ihn verwirrten. Die moderne Technik war etwas für die Jungen, so war das nun mal. Im Grunde war sie doch nur eine teure, schick gemachte Krücke für all die Dinge, die sich früher von selbst ergeben hatten.
Dass er die Frau bemerkt hatte, lag daran, dass Onkel Wu so gut wie niemals Frauenbesuch bekam. Tschoulao hatte schon seit Jahren ein Auge auf ihn, denn er hatte den Eindruck, hinter der gelassenen Maske des alten Mannes verberge sich gefährlicher Hochmut und tief verwurzelte Verachtung für die Partei. Dass die Leute ihn mochten und dass die alten und auch jüngeren Männer zu ihm kamen, um Tee zu trinken und Go zu spielen, war unverständlich und auch ungerecht. Auch Tschoulao beherrschte das Spiel, obwohl es von den Japanern erfunden worden war. Auch er hätte gern hin und wieder eine Partie gespielt, doch bei ihm klopfte niemand an, und wenn er irgendwo vorstellig wurde, speiste man ihn mit billigen Ausflüchten ab.
Er vergrößerte das Bild der Frau. Sie war jung, schön und teuer gekleidet, machte aber einen nervösen, erschöpften Eindruck. Ihr Blick huschte unruhig umher – verdächtig. Er beobachtete, wie sie im Treppenhaus verschwand – der Lift funktionierte nicht, und sämtliche Kameras waren dort defekt, von kriminellen Elementen zerstört. Als die junge Frau auf die Straße trat, hatte sie eins dieser selbstfahrenden Räder bei sich. Offenbar hatte sie es vorschriftswidrig in einem unabgeschlossenen Putzmittelraum abgestellt. Sie stellte sich aufs Trittbrett, platzierte ihren kleinen Hintern auf dem Sitz und fuhr los.
Tschoulao packte eine Portion scharfen Bratreis ab, tat ihn zusammen mit einer Thermoskanne grünen Tee in seinen Rucksack und legte für den Fall, dass ihm die Zeit lang werden sollte, ein Buch dazu, »Über die Freuden der Pflicht« von Meister Chen, ein Klassiker aus dem siebzehnten Jahrhundert, der heute leider zu Unrecht nahezu vergessen war.
Vor dem kleinen Schrein neben der Tür hielt er einen Moment inne. Angestrahlt von der Ewigen Kerze hing links ein kleines Porträtfoto seiner früh verstorbenen Frau und rechts davon ein größeres Abbild des amtierenden Ministerpräsidenten, der in seinem dunklen Anzug streng auf ihn herabsah.
Er schob den Fotorahmen beiseite. Dahinter kam ein Foto Mao Zedongs zum Vorschein. Das gütige Lächeln des unsterblichen Großen Vorsitzenden wärmte ihm das Herz. Der Partei galt seine Treue, Mao seine Liebe. Sicher, der Große Vorsitzende hatte Fehler gemacht, aber wer handelte, machte sich nun mal die Hände schmutzig, so einfach war das. Und niemand hatte mehr getan für China als er.
Tschoulao beugte sich vor und küsste Mao auf die rosige Wange, auf der sich ein bräunlicher Fleck abzeichnete – kein Muttermal, sondern die Spur der Verehrung. Er ließ den gerahmten Ministerpräsidenten zurückgleiten, dann trat er auf den Flur und wandte sich zum Ausgang. Im Treppenhaus stank es nach gebratenem, eingelegtem und gekochtem Kohl und nach verbranntem Plastik. Draußen roch es anders, nach Staub und Hitze. Er stieg die Treppe der Überführung hoch, hielt Ausschau nach der jungen Frau, doch sie war natürlich nicht mehr zu sehen. An der Seite der Überführung war eines dieser neuartigen Banner angebracht. Er wusste, dass sie auf die unter ihnen vorbeifahrenden Autos reagierten und den Insassen genau das anzeigten, woran sie gerade dachten oder was sie sich insgeheim wünschten. Er hatte keine Ahnung, wie das funktionierte, aber eines war sicher: Unter dem Großen Vorsitzenden hätte es so was nicht gegeben.
Im Park setzte er sich auf eine Bank, von der aus er durch das Gebüsch und den Zaun hindurch den Eingang des vierten Turms der Glücklichen Familie im Auge behalten konnte, und packte den Reisball aus. Er stellte die Thermosflasche daneben und steckte sich den ersten Brocken in den Mund. Die Gewürzmischung hieß »Bunter Süden« und schmeckte nach salzigem Tang.
Es war Vormittag, und die Bäume an der Ostseite warfen ovale Schatten. Dort hatten sich auf den Bänken die Alten versammelt, wiegten die Köpfe und taten so, als ob sie sich über ihre Zikaden unterhielten. In Wirklichkeit lästerten sie über die Partei, ganz bestimmt. Nach einer Weile tauchte Onkel Wu auf. Köpfe nickten, Hände wurden grüßend gehoben, ein ausgemergelter Greis stemmte sich mühsam hoch und klopfte Onkel Wu auf die Schulter. Lächelnd ging er zu seiner Lieblingsbank, auf der immer ein Platz für ihn frei war, und hängte, bevor er sich setzte, seinen Zikadenkäfig mit einem Doppelhaken an einen tief herabhängenden Ast des Gingkobaums. Dann machte er die Beine lang und unterhielt sich mit seinem Banknachbarn.
Tschoulao packte den halb verzehrten Reisball zusammen mit der Thermosflasche in den Rucksack. Niemand hatte sich zu ihm gesetzt, niemand hatte ihn angesprochen. Heute war ihm das egal. Er verließ den Park durch den stadtzugewandten Ausgang und ging außen herum zur Glücklichen Familie zurück. Niemand wusste, dass er einen Generalschlüssel besaß, der ihm Zugang zu allen Wohnungen verschaffte. Damit sein kleines Geheimnis nicht bekannt wurde, machte er nur selten von seinem Vorrecht Gebrauch. Heute war das anders. Nachdem er den Rucksack in seiner Wohnung abgelegt hatte, stieg er langsam die Treppe hoch. Wu wohnte in der dritten Etage. Als er schnaufend vor dessen Wohnungstür stand, drückte er den Schlüssel auf das Identfeld an der Wand. Die Tür sprang auf. Er trat rasch ein und schloss hinter sich die Tür. Der Schnitt der Wohnung war der gleiche wie bei allen Einpersonenunterkünften. In der kleinen Küche Spuren der milden Verwahrlosung, der alleinlebende alte Männer nicht entgehen konnten (wie Tschoulao aus eigener Erfahrung wusste). Das Bett im schmucklosen Schlafraum hingegen ordentlich gemacht. Im Wohnzimmer ein paar Andenken ans Hutong – hier ein Holzschemel, dort ein Foto, das ein älteres Paar vor einem Gemüseladen zeigte, der Mann mit spitzem Hut, die Mutter verschämt lächelnd, vielleicht Wus Eltern. Ein größeres Viddy mit den herumtollenden ersten chinesischen Mondastronauten, im Hintergrund die funkelnde Landefähre und die blaue Erdkugel. Abgegriffene Bücher, ein Tab mit gesprungenem Display. Kein Foto des Ministerpräsidenten, dafür ein Koffer neben dem Sofa. Er klappte ihn auf: Damenunterwäsche, Strümpfe, zwei Blusen, eine Hose, Strümpfe, eine dunkelrote Ledertasche, darin Toilettenartikel, Frauenkram. Und unter einem Pullover eine kleine, rotbraune Schlange. Er starrte sie an, wartete auf eine Bewegung, doch sie regte sich nicht. Die Schlange war wie tot. Was hatte sie im Koffer verloren? Vorsichtig streckte er die Hand aus, tippte sie in der Körpermitte an. Die Schlange färbte sich smaragdgrün. Blitzschnell spannte sie sich wie eine Feder, schnellte hoch, legte sich um sein Handgelenk und zog sich zusammen.
Tschoulao schrie. Er schlenkerte voll Abscheu die Hand, doch die Schlange löste sich nicht. Schließlich packte er sie mit der Linken. In dem Moment, da er sie berührte, wich die Spannung aus der Schlange, und er konnte sie mühelos entfernen. Sie hing zwischen Daumen und Zeigefinger wie ein toter Wurm, wieder gelbbraun wie zuvor. Er wollte sie gegen die Wand schleudern, hielt aber plötzlich inne und besah sich den Schlangenwurm in seiner Hand. Allmählich begriff er, dass es sich um Schmuck handelte – um einen Armreif. Und es war gar keine Schlange, sondern ein sehr schlanker Drachen mit reliefartig angedeuteten Pranken und Flügeln. Fluchend ließ er ihn auf den Tisch fallen.
In diesem Moment schaltete sich die Fernseherwand ein. Er nahm die Lichtveränderung aus den Augenwinkeln wahr und drehte sich um. Von schräg oben blickte er auf einen Platz mit grauem Pflaster, auf dem mehrere erdfarbene Zylinder standen. Bis auf einen standen alle still. Tag zwölf wurde rechts unten angezeigt. Im Hintergrund waren schneebedeckte Berggipfel zu sehen, dann kam ein weißes, mehrstöckiges Gebäude mit dunkelrotem Aufbau und zahlreichen Fenstern in Sicht. Das war der Palast des Dalai Lama, den die Rote Garde seinerzeit aus unerfindlichen Gründen verschont hatte. Und in dem sich drehenden Zylinder zog angeblich der Kleine Mönch seine Runden und wiegelte die Leichtgläubigen zu staatsfeindlichem Denken auf, dem irgendwann terroristische Taten folgen würden.
Ha! Onkel Wu, der harmlose, freundliche Alte mit der Zikade, war ein Volksverräter! Der verbotene Fernsehsender und der Besuch der jungen Frau deuteten sogar darauf hin, dass er einer Widerstandsgruppe angehörte und aktiv gegen den Staat arbeitete. Tschoulao hatte es geahnt, und jetzt war seine Vermutung Gewissheit geworden. Der nachklingende kalte Schock verwandelte sich in glühenden Hass. Er stürzte in die Kochnische, wühlte mit zitternder Hand ein Messer aus einer Schublade, eilte in den Wohnraum zurück und begann die Wand zu zerkratzten. Die Kratzer verbreiterten sich in der Displayschicht zu schwarzen Kanälen, was aussah, als werde Tibet von einem Erdbeben heimgesucht, das den Palast der Volksverdummer mitsamt den lächerlichen Gebetsmühlen und den verblendeten Gaffern verschlingen würde.
Es knisterte, dann wurde die Wand erst schwarz, dann grau.
Tschoulao stemmte die Hände in die Seite und betrachtete sein Werk voll Genugtuung, dann steckte er das Drachenarmband in die Tasche und ließ sich per Sprachwahl mit seinem Vertrauensoffizier verbinden.
»Ich möchte Anzeige erstatten«, sagte er, als die Automatenstimme sich meldete. »Es geht um einen Nachbarn.«
7
Es war später Abend, doch davon war in Kungs gruftartiger Behausung nichts zu merken. Hier herrschte ewiges Halbdunkel, in dem die Displays und Kontrollleuchten glommen wie das Cockpit eines Raumfahrzeugs. Es war, als habe sich das normale Leben auf einen anderen Planeten zurückgezogen, und die einzige Verbindung zwischen dieser zeitlosen Kapsel in der Leere des Raums und dem Alltag der Menschen seien schmale Funkbänder und flackernde Bilder, die umso unverständlicher erschienen, je länger man sie anschaute. Sie gehörten einer fremden Welt an, in der andere, undurchschaubare Regeln galten.
Xialong war es recht. Der schummrige Raum mit seinen bunten Punktlichtern übte eine beruhigende Wirkung auf sie aus, ganz so, als wären mit den momentanen Sorgen auch die dahinter verborgenen Probleme verschwunden.
Kung wusste, dass dies ein Irrtum war.
»Gib mir mal dein Com«, sagte er.
»Das hab ich bei Onkel Wu gelassen, weil es nicht mehr richtig funktioniert hat. Ist übrigens das Gleiche wie deins.«
»Meins ist ein Plagiat.«
»Oh.«
»Jedenfalls müssen wir das holen.«
»Holen?« Hieß das, sie durfte nicht bei Onkel Wu bleiben? Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie gehofft hatte, er werde sie solange bei sich aufnehmen, bis sich alles geklärt hätte. Und dass es sich aufklären würde, glaubte sie noch immer. Die verstörenden Geschehnisse der letzten Stunden würden sich als böser, aber letztlich substanzloser Albtraum entpuppen, und sie würde wieder einschwenken auf die schnurgerade in die Zukunft weisende Bahn, der sie ihr Leben lang gefolgt war. Anders konnte es nicht sein. Es wäre ebenso absurd gewesen, als wenn auf einmal zwei Sonnen am Himmel gestanden hätten.
Kung seufzte. Sein Gesicht war ein heller Fleck, zusammengesetzt aus kleineren bunten Flecken. Er schwenkte den Teebecher in der Hand, ohne zu trinken.
»Also, wie ich das sehe, hat jemand deine Identität angenommen und deine Passwörter und Log-ins geändert. Du hast gemeint, dieser Sammo habe deine Anwesenheit im Geschäft bestätigt?«
»Das hat der Polizist gesagt. Ich habe nicht mit ihm gesprochen.«
»Dafür gibt es zweierlei Erklärungen: Entweder Sammo steckt mit dem Identitätsdieb unter einer Decke und hat der Polizei gegenüber gelogen, oder er wurde von ihm getäuscht.«
»Aber wie denn getäuscht? Dann müsste er ja so aussehen wie ich.«
»Und wenn er das tut?«
»Das kann ich mir nicht vorstellen.«
»Ich mir auch nicht.« Kung stellte die Wasserflasche ab, seine Finger zuckten. Gierig starrte er den Noser an, der zwischen zerknautschten PB-Tüten und einer aufgeklappten Plastbox mit Speicherelementen lag, die wie metallisierte Käfer aussahen.
»Trotzdem«, sagte er. »Jemand hätte dich erkennen müssen. Die Angestellten waren im Geschäft. Sie hätten wissen müssen, dass du nicht in deinem Büro warst.«
»Der Polizist hat mit Sammo gesprochen, und dann wollten sie mich festnehmen.« Xialong sah ihn flehentlich an, dabei kannte sie ihn gar nicht. Dieser hagere, nervöse Bursche mit der bleichen, fadenscheinigen, welken Haut war ihr fremd und unheimlich, und trotzdem hatte sie das Gefühl, er sei der Einzige, der ihr helfen konnte. Offenbar war ihre Lage verzweifelter, als sie sich eingestehen mochte.
»Trink einen Schluck«, sagte Kung, der vergessen hatte, ihr Tee anzubieten. Er schob ihr seine Wasserflasche hin. »Ich verschwinde mal eben nach nebenan. Wenn ich zurückkomme, gehen wir zu Onkel Wu, holen deine Sachen und das Com, und dann probiere ich, in deine Accounts reinzukommen. Wird schon klappen.« Er sprang auf, schnappte sich den Noser vom Tisch und verschwand in der Vielzwecknische. Er zog das Fläschchen mit dem Neeze aus der Tasche, klappte den Toilettendeckel hoch, ließ die Hose herunter und setzte sich auf die Schüssel. Der Noser sah aus wie eine Miniaturbrille mit runden, dicken Gläsern. Er klappte ihn auf und träufelte je fünf Tropfen auf die luftdurchlässigen Schwämme, dann steckte er die Flasche ein, klappte den Noser zu und drückte ihn in die Nasenlöcher.
Und atmen – durch die Nase ein, durch den Mund aus.
Ein … und aus.
Ein … und … aus.
Das inwendige Zittern hörte auf. Irgendetwas entspannte sich im Unterleib, er pinkelte in die Schüssel, ein glockenhelles Rieseln, ein anstrengungsloser Zeugungs- und Schöpferakt. Köstliche Ruhe breitete sich in ihm aus. Er war bei sich. Er war ganz. Und doch schwang in diesem großen, leeren Raum, der er war, eine Art Sehnsucht, ein zarter Wunsch mit: sich anzuvertrauen, seine stille Ekstase zu teilen. Er streckte die Hand zum Waschbecken aus, doch das HeadGear war nicht da, er hatte es nicht mitgenommen, als er – vor wie langer Zeit? – hierhergekommen war.
»Kung?«
»Ja?«, antwortete er automatisch.
»Was machst du? Ich glaube, ich hab Angst.«
Die Frau nebenan, er hatte ihr etwas versprochen.
»Das brauchst du nicht«, sagte er. »Ich bin gleich fertig.« Er richtete sich auf, zog die Hose hoch, packte Neeze und Noser ein und spülte.
»So!«, sagte er zu laut, zu energisch, als er wieder ins große Zimmer trat. Am liebsten hätte er sich auf die Schenkel geklopft und einen kleinen Egotanz hingelegt, ahnte aber, dass er Xialong damit noch mehr beunruhigt hätte. »Auf zu Onkel Wu!«
Der Dschungel leuchtete. Diffuses grünliches Licht strahlte von den Fassaden der Glücklichen Familie aus. Sie schienen in einem Rhythmus zu atmen, der als Welle an den Gebäuden entlang floss, an der rechten Seite im Dunkel der Nacht verschwand und sich von links her erneuerte. Die Blattteppiche waren so dicht gestaffelt und die oberschenkeldicken Lianen so eng miteinander verwoben, dass man meinte, ins Innere eines hypertrophen Organismus zu blicken. Die Flaschenblüten mit ihrem roten Aufdruck glichen Symbionten, die sich über die Stängel von unsichtbaren Organen nährten.
Vor dieser morbiden vegetabilen Pracht wirkte der graue Wagen am Straßenrand unwirklich, und die kleinen Gestalten der Zuschauer, die sich vor dem Eingang des dritten Turms der Glücklichen Familie versammelt hatten, erschienen wie Zwergengeister, die sich jeden Moment verflüchtigen mochten. Doch es verhielt sich genau umgekehrt: Der Wagen war wirklich, und die beiden Anzugträger, die einen alten Mann auf den Rücksitz stießen, waren es auch, desgleichen der dürre Typ mit dem Strohhut, der ein wenig abseits der Gaffer stand und ein paar Worte mit dem rauchenden Fahrer wechselte, bevor der sich hinter das Steuer setzte und mit den Anzügen und dem Alten davonfuhr.
»Ich glaube, es ist schlimmer, als wir gedacht haben«, sagte Kung, dann bemerkte er, dass Xialong erstarrt war, ihr Gesicht eine verzerrte Fratze der Angst.
»Na komm«, sagte er leise. »Lass uns hinsetzen.« Er geleitete sie durchs Tor in den Park und setzte sich mit ihr auf eine dunkle Bank unter einem Gingkobaum. In einem vergessenen Holzkäfig zirpte laut eine Zikade, und der kleine Menschenauflauf, der durchs Gesträuch und den Zaun undeutlich zu erkennen war, verlief sich allmählich. Außer ihnen hielt sich kein Mensch im Park auf.
Als Kung der jungen Frau an seiner Seite behutsam den Rücken streichelte, löste sich ihre Erstarrung, und sie begann, heftig zu zittern. »Das ist meine Schuld«, schluchzte sie und schlug sich die Hand vor den Mund. »Sie sind hinter mir her, und jetzt haben sie Onkel Wu …«
»Sie?«, sagte Kung. »Wer sind ›sie‹?«
»Ich weiß es nicht!«, jammerte Xialong. »Ich weiß es doch nicht! Ich weiß gar nichts!«
»Trotzdem müssen wir überlegen, wie es jetzt weitergeht«, sagte Kung. Ihr Weinen machte ihn verlegen, und jetzt, da die Wirkung des Neeze nachließ, beschlich ihn kalte Angst. Auf einmal erschien es ihm durchaus möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich, dass auch er die unsichtbare Grenze zwischen Unbeteiligtem und Mittäter längst überschritten hatte, auch wenn nach wie vor unklar war, worum es überhaupt ging. »Du musst irgendwo untertauchen«, sagte er. »Erst einmal zur Ruhe kommen. Bei einem Freund.«
»Ich habe keine Freunde«, schniefte sie.
»Das glaube ich nicht. Jeder hat doch Freunde – ich meine, jeder außer mir. Zumindest irgendwelche Bekannte, die er um einen Gefallen bitten kann.«
Xialong schüttelte den Kopf und überlegte angestrengt. Ihr Lover Choum? Sie hatte mit ihm geschlafen, doch sie kannte ihn nicht, und er kannte sie nicht. Er wollte morgen nach Honkong zurückfliegen. Würde er bereit sein, die Rückreise zu verschieben, wenn sie ihn um Hilfe bäte? Und was könnte er überhaupt für sie tun, außer sie mit verlegenen Allgemeinplätzen beschwichtigen? Er war hier ein Fremder, kannte sich nicht aus.
Dann vielleicht Tse Ma, ihre Nachbarin aus dem Wohnturm, deren Ameisen sie manchmal fütterte, wenn sie verreist war? Außer ein paar Bemerkungen über das erstaunlich komplexe System der Plexiglasröhren, die ihre ganze Wohnung durchzogen, hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt. Zhang Sammo hatte sie noch nie privat getroffen, die Angestellten kannte sie nur aus dem Geschäft. Sa Sun, die Tochter ihres Englischlehrers, mit der sie einige Male ausgegangen war, hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen, nicht einmal übers Com. Und ihre Mutter … ihre Mutter war vorerst nicht zu erreichen. Abgesehen davon wusste sie ihre Comadresse nicht, kannte nicht einmal ihre Mailadresse auswendig, das hatte alles Ken für sie arrangiert, und das, was von ihm noch übrig war, war auf ihrem Com gespeichert, das sie bei Onkel Wu liegen gelassen hatte und das jetzt vermutlich in den Händen der Leute war, die ihn entführt oder verhaftet hatten. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, am Tor des Kleinen Himmels zu klingeln und darauf zu hoffen, in der Wohnung ihrer Mutter jemanden anzutreffen, der ihr helfen konnte. So wie die Dinge standen, wäre das zu gefährlich gewesen. Und sonst … sonst gab es niemanden. Sie hatte keine Freunde. Sie war reich, erfolgreich, zu Großem bestimmt – und doch mangelte es ihr am Grundlegendsten, Einfachsten, Allgegenwärtigsten des Lebens – an Freundschaft. Sie war allein. Das war merkwürdig, und noch merkwürdiger war, dass es ihr all die Jahre über nichts ausgemacht hatte, ja, dass es ihr nicht einmal aufgefallen war. Sie hatte in einem wohltuenden, betäubenden Nebel gelebt. Jetzt lichtete sich der Nebel, und zum Vorschein kam eine neue Welt, auf die sie nicht vorbereitet war.
»Wir müssen ins Geschäft«, sagte sie unvermittelt.
»Was?«
»Wir müssen ins Geschäft«, wiederholte sie. »Jetzt gleich.«
Das Himmlische Geschöpfe hatte drei Eingänge: das Kundenportal an der Straßenecke mit dem kleinen Platz davor, das Lieferantentor, das zum Innenhof hinausging, und den unauffälligen Beschäftigteneingang neben dem Schaufenster, der in ein schmales Treppenhaus führte. Exakt drei Personen hatten zu jeder Tages- und Nachtzeit Zugang zu Himmlische Geschöpfe: Zhang Sammo, der stellvertretende Geschäftsführer, Tsema, der Lagerchef (für den Fall, dass eine dringende Lieferung außerhalb der Geschäftsstunden eintraf), und Xialong. Normalerweise identifizierten sie sich mit der ID-App des Coms, doch darauf konnte sie nicht mehr zugreifen, da sie das Com in Onkel Wus Wohnung zurückgelassen hatte, und es hätte wohl auch nicht mehr funktioniert. Der Annäherungssensor, der ihre Anwesenheit bemerkt hatte, verlangte bereits zum dritten Mal mit metallisch schnarrender Stimme: »Bitte identifizieren Sie sich!« Xialong wusste, dass nach der sechsten Aufforderung bei der zuständigen Überwachungsfirma ein automatischer Alarm ausgelöst werden würde. Dann würde es keine zehn Minuten dauern, bis ein Wagen hier eintreffen würde.
»Und jetzt?«, flüsterte Kung, nervös von einem Bein aufs andere tretend. Sie standen dicht beieinander, und er bekam mit, dass sie mindestens zwei Tage lang nicht geduscht hatte. Er war in dieser Beziehung unempfindlich – gegen sich selbst und andere.
»Es gibt ein Failsafe«, sagte Xialong.
»Ach ja? Und wie funktioniert das?«
»Kombinierte Stimm- und Gesichtserkennung.«
»Nicht gerade der neueste Standard.«
Xialong grinste. »Override«, sagte sie. Das Sensorfeld färbte sich dunkelgrün, und einen Moment lang spiegelte es ihr Gesicht, dann klickte das Schloss, und die Tür sprang auf. Sie zwängten sich in den schmalen Flur. Xialong zog die Tür hinter sich zu.
Kung holte die Kopfleuchte aus seinem Rucksack, setzte sie auf und schaltete sie ein. Auch für Xialong hatte er eine Kopfleuchte eingepackt. »Und wenn jemand das Passwort geändert hätte?«, sagte er, als er ihr das elastische Band über den Kopf streifte.
»Das war kein Passwort, sondern ein Systembefehl.«
Kopfschüttelnd stapfte er hinter ihr über die schmale Fluchttreppe zur ersten Etage hoch. Vom Geländer der Empore aus blickte er in den dunklen Geschäftsraum hinunter. Die Bots ruhten unter ihren grauen Staubhüllen, schlafende Maschinen, von den draußen vorbeifahrenden Autos und der Straßenbeleuchtung in ein unstetes Halblicht gehüllt. Xialong hatte inzwischen die Tür zu ihrem Büro geöffnet, ebenfalls mittels Gesichtsidentifizierung. Sie kicherte leise; die Heimlichtuerei machte ihr offenbar Spaß.
Kung hingegen war beklommen zumute. Er kam sich vor wie ein Einbrecher, und auch wenn dieses Gewerbe eine gewisse Verwandtschaft zum Hacken aufwies, war das hier doch etwas grundlegend anderes. Es war die Realität, und wenn man erwischt wurde, reichte es nicht aus, die Datenleitung zu kappen.
Xialong hatte inzwischen hinter dem Schreibtisch auf ihrem Sessel Platz genommen. Ein Display fuhr hoch und beleuchtete fahl ihr Gesicht. Auf einmal sah sie aus wie eine Schauspielerin – wie eine Agentin in einem Thriller. Ihre Finger flogen über die Tastatur.
»Du kannst zehn Finger?«, fragte Kung.
»Du nicht?«
Nein, konnte er nicht. Das chinesische Schreibsystem mit Umschrifteingabe und Auswahl des Zeichens aus der Ergebnisliste hatte er nie gemocht. Er verwendete eine amerikanische Tastatur im Zweifingersystem mit zusätzlicher Spracheingabe.
Während Xialong auf den Bildschirm starrte und hin und wieder eine Handgeste für die Kamera vollführte, behielt er den Verkaufsraum und die Straße im Auge. Der Autoverkehr war stark, doch es waren relativ wenige Fußgänger unterwegs. Zwischen ihnen bewegten sich die kleineren Bots, die keinen Unterschied kannten zwischen Tag und Nacht und für ihre Besitzer Aufträge ausführten, während diese schliefen. Sie kauften ein, holten Pakete ab, entsorgten Müll und führten Hunde aus. Fast konnte man meinen, sie seien die eigentlichen Bewohner dieser Stadt, die ihren vermeintlichen Herren nur dann einen kurzen Auftritt gestatteten, wenn die Sonne die Staubglocke erhellte.
Ein erstickter Aufschrei kam vom Schreibtisch. Er ging hinüber. Xialong fixierte das Display, die Hand vor den Mund geschlagen.
»Was hast du?«, fragte er und legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter. Er spürte, wie sich etwas in ihr verflüssigte. Auf dem Display liefen die Bilder von vier Überwachungskameras. Xialong zeigte auf einen Punkt der Zeitschiene. Das Bild sprang um.
»Da!«, sagte Xialong. »Siehst du?«
Im linken oberen Fenster war der Eingang des Geschäfts zu sehen. Eine schwarze Schwebelimousine hielt auf dem Vorplatz, zwei Männer in dunklen Anzügen sprangen heraus. Hinten stieg eine Frau aus: Xialong, bekleidet mit einem hellen, eng geschnittenen Kostüm. Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn, schaute ein wenig verwirrt oder abgelenkt zur Seite, dann trat sie durch die Glastür in den Präsentationsraum. Im zweiten Kamerafenster durchquerte sie den Raum, nickte nach rechts und links Angestellten zu. Kurze Zeit später tauchte sie auf der Empore auf.
»Das bist du«, sagte Kung.
»Nein«, widersprach Xialong und deutete auf die Zeitliste. »Das war vorgestern um siebzehn Uhr zwölf. Ich habe das Geschäft am Vormittag verlassen und bin nicht wiedergekommen. Um die Zeit habe ich draußen ein Stück weiter auf einer Bank gesessen. Ich habe gesehen, wie der Wagen vorgefahren ist. Ich habe gesehen, wie diese Frau ins Geschäft gegangen ist.«
»Und dann?«
»Bin ich zu mir nach Hause gefahren und wurde von der Mottendrohne angegriffen.«
»Ich verstehe«, sagte Kung, obwohl er nichts verstand. Xialong ließ die Videoaufzeichnungen noch einmal ablaufen: Ankunft des Wagens, Betreten des Geschäfts, Durchquerung des Präsentationsraums, Empore. Beim dritten Mal zoomte sie auf das Gesicht der Frau. Ein Irrtum war ausgeschlossen: Das war sie und war es auch wieder nicht.
»Hast du mal einen Stick?«
Xialong wühlte in einer Schublade, dann reichte sie ihm einen USB-Stick. Er beugte sich vor, schob ihn in die Tischbuchse, bewegte die Hand und überspielte den Videoausschnitt. Dann zog er den Stick heraus und hielt ihn an die Beule, die sich auf seiner Schulter unter dem T-Shirt abzeichnete.
»Was machst du da?«, fragte Xialong.
Kung legte den Stick auf den Tisch und zog sich das Sweatshirt über den Kopf. Die Beule war kreisrund wie der angeschwollene Stich eines Rieseninsekts.
»Was ist das?«
»Das ist die Zukunft.«
»Die Zukunft?«
»Ein Implantat«, erklärte Kung. »Irgendwann werden diese Dinger Bewusstseinserweiterungen sein, unsere Berater, Gefährten, Freunde. Im Moment sind sie praktische Datenspeicher, die man nicht verlegen kann. Und die einem so leicht niemand wegnimmt.« Er verschwieg, dass das Ding zusätzlich mit ein paar schlecht funktionierenden Sensoren ausgestattet war. »Ich glaube, wir haben genug gesehen«, sagte er. »Gehen wir?«
»Noch nicht«, sagte Xialong.
Ein Sauger eierte über den Boden, vorbei an den Kisten, die vor dem geschlossenen Tor gestapelt waren und darauf warteten, am nächsten Tag von Tsema ausgepackt zu werden. Das Gerät gab ein unangenehmes Geräusch von sich, ein leises Scharren, Kratzen, Wimmern wie von etwas Eingesperrtem.
Xialong zog den Staubschutz ab. Der Bot stand reglos da, mit baumelnden Armen und hängendem Kopf. Ein Kabel führte zur Wand, wo im Regal grün die Kontrollleuchte der Strombuchse glomm. Nicht nur aufgrund ihrer Größe wirkte die Maschine irgendwie bedrohlich. Die schwarze Latexmaske, der rote, im Schein der Kopfleuchten kalt glänzende Mund und das Lederkorsett erzeugten die Wirkung eines Aliens, der jeden Moment zum Angriffsmodus übergehen mochte. Sie wirkte Respekt einflößend.
»Ich habe vielleicht keine Freunde«, sagte Xialong entschlossen, »aber ich will auch nicht allein sein.«
»Aber das da?«, sagte Kung.
»Ist das neueste, leistungsfähigste humanoide Modell des Jiqiren-Konzerns, mit vollkommen natürlicher, hochflexibler Stimmmodulation und nur noch ganz aus der Nähe von einem Menschen zu unterscheiden. Natürlich muss sie etwas anderes anziehen.«
»Sie?«
»Dali, die Herrin. Und einen anderen Namen braucht sie auch.« Xialong zog den Stecker aus der Strombuchse und ließ es in die Achselgrube einschnappen. Nach kurzem Zögern schaltete sie den Bot ein. Ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch die Maschine, dann hob sie den Kopf. In den Löchern der Gesichtsmaske hoben sich täuschend echte Lider. Dunkelbraune Augen schauten hervor, blickten nach rechts und nach links und richteten sich dann auf Xialong.
»Null-null-null-null«, sagte die Xialong. »Kalibrierung.«
»Bestätige: Kalibrierung.«
»Neuer Name: Litse.«
»Bestätige: Neuer Name Litse.«
»Neues Passwort: Regenpfeifer.«
»Bitte wiederholen Sie das neue Passwort.«
»Regenpfeifer.«
»Bestätige: Neues Passwort Regenpfeifer.«
»Und sag bitte du zu mir, Litse.«
»Bestätige: Ich sage du zu Ihnen.«
»Zu dir.«
»Bestätige: Zu dir.«
»Kalibrierung beendet.« Xialong nickt zufrieden und wandte sich zu Kung herum, der die Prozedur wortlos beobachtet hatte. »Na?«, sagte sie nicht ohne Stolz.
»Was, na?«
»Litse kann sogar Humor.«
»Oh«, machte Kung. »Jetzt, wo du's sagst …«
Xialong schaltete den Rechner aus. Das Display erlosch und verschwand in der Tischplatte. Sie gingen den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren, doch diesmal waren sie zu dritt. Im Verkaufsraum winkte Xialong in einem Anflug von Übermut in die Überwachungskamera. Sie spürte Litse hinter sich wie eine alte Freundin, die sie immer schon begleitet hatte, und ganz falsch war das nicht, denn Litse war jetzt auf sie geprägt und würde sie niemals im Stich lassen. Sie war nicht mehr allein. Und in diesem von Ungewissheit zitternden Moment hoffte sie, dass auch sie eine Zukunft haben möge. Sie versuchte, sie sich vorzustellen, doch es gelang ihr nicht.
8
Der Himmel über Lhasa war tiefblau, die Luft glasklar, und der Schnee auf den Bergen leuchtete so grell, dass es den Augen wehtat. Die Hänge, Grate und Gipfel wirkten überwirklich und so nah, als reichte eine kleine Willensanstrengung aus, um sich den Vögeln gleich emporzuschwingen und zu den friedlichen Buddhas, den lächelnden Bodhisattvas, den zornigen Dharmapalas und den grimmigen Himmelskönigen zu fliegen, die sich nicht ohne Grund diesen Ort zur Heimat gewählt hatten. Aber so überirdisch schön der Tag auch war, lag doch eine lastende Stille über der sonst so geschäftigen Stadt. Die Werkstätten und Läden der Tibeter hatten geschlossen, auch viele ansässige Chinesen waren ihrem Beispiel gefolgt. Der Verkehr war fast zum Erliegen gekommen. Auf den Gehsteigen, in den Gassen und auf den Plätzen waren kaum Menschen unterwegs, und die wenigen, die einander begegneten, nickten einander zu, als wären sie Freunde, die ein bedrückendes Geheimnis miteinander teilten.
Es war, als wäre die ganze Bevölkerung der Stadt am Platz vor dem Potala-Palast zusammengeströmt, über dem wie Raubvögel die Drohnenfänger mit ihren Netzkanonen kreisten. In Wahrheit waren es nur einige Hundert, mehr Menschen hatten die eilig errichteten Straßensperren nicht überwinden können. Doch sie wirkten vervielfältigt in ihrem trauernden Schweigen, denn sie waren Stellvertreter all derer, die in diesem bewegenden Moment nicht zugegen sein konnten und doch auf eine geheimnisvolle, übernatürliche Weise anwesend waren.
Die siebzehnte Gebetsmühle hatte am fünfzehnten Tag aufgehört, sich zu drehen.
Der Kleine Mönch war tot.
Fünfzehn Glaubensbrüder in ziegelroten Gewändern knieten an der Absperrung am Rand des Platzes, intonierten Mantras, die zugleich aus dem Bauch der Erde und dem Himmelsäther zu kommen schienen. Mit geschlossenen Augen, die Hände auf die Oberschenkel gelegt, wippten sie zeitlupenhaft verlangsamt mit den Oberkörpern. Recht und links von ihnen standen zwei chinesische Polizisten mit geschultertem Gewehr, aufrecht, mit starrem Blick und einem Glitzern in den Augen, das vielleicht vom Wind kam, der in Böen von den Bergen herunterwehte, vielleicht aber auch nicht.
Ein kleiner rot-weiß lackierter Kranwagen bog von der Straße zum Platz ein. Zwei Soldaten trugen das Absperrgitter weg, dann fuhr der Wagen durch die Lücke, beschrieb einen Bogen, hielt an und setzte zu der Gebetsmühle mit dem Kleinen Mönch zurück. Der Fahrer, bekleidet mit einem blauen Arbeitsoverall, stieg aus, in der Hand eine Fernbedienung. Der Kranausleger schwenkte über die Gebetsmühle und verlängerte sich. An seinem Ende befand sich kein Haken, sondern eine Art Tülle. Plötzlich schoss ein Netz heraus, das die tönerne Walze vollständig umschloss und dessen Öffnung lose auf dem Boden auflag. Zwischen den Netzfäden war eine dünne, undurchsichtige Folie zu erkennen. Der Kranwagenfahrer richtete die Fernbedienung auf das Netz, worauf es sich langsam zusammenzog. Dann hob der Kran die Gebetsmühle mitsamt dem Sockel an. Einen Moment lang schwankte sie am Ausleger hin und her, dann wurde sie herumgeschwenkt und auf die Ladefläche abgesenkt.
Ein Aufstöhnen ging durch die Menge der Zuschauer. Als der Kranwagen abfuhr und hinter der Platzabsperrung auf die Straße einbog, wurde gerufen. Viele Menschen weinten. Bewegung entstand, zeitgleich an mehreren Orten – erst ein Wogen auf der Stelle, dann bekam es Richtung und entwickelte Kraft. Während die fünfzehn knienden Mönche unverdrossen weitersangen, drängte die Menge gegen die Absperrung vor. Die Polizisten und Soldaten lösten die Tränengasmasken vom Gürtel und setzten sie auf. Schüsse fielen. Sirenenlärm näherte sich.
Der Einsatzleiter, ein dünner Mann in einer zu weiten Uniform, hatte einen Auftrag. Die Einsatzregeln waren eindeutig. Er hob das Com an den runden Gasmaskenfilter: »Die Situation gerät außer Kontrolle.«
Es roch nach Angst. Sie war in den fleckigen Betonwänden aufgespeichert, im dunkel gebeizten Schreibtisch und vor allem in dem Stuhl, auf dem er saß. Durch die harte Sitzfläche mit den schmerzhaften Wulsten am Rand sickerte sie in ihn ein und füllte ihn aus, bis er kaum mehr Luft bekam.
Vor ihm hatten schon viele hier gesessen wie er, hatten sich gefragt, weshalb sie hier waren und was sie erwartete. Er hatte sich doch nichts zuschulden kommen lassen. Er war ein alter Mann, an dem das Leben längst vorbeigezogen war. Er hatte sich abgefunden mit dem Tod seiner Frau und der Verpflanzung in die Glückliche Familie. Er hatte seinen Frieden gemacht mit der Welt – auch wenn ihn das nicht davon abhielt, sich Gedanken zu machen, denn wozu war der Kopf denn sonst da? Aber er behielt die Gedanken für sich, und das war das Entscheidende. Er redete nicht über Politik. Er tat niemandem etwas zuleide. Er war ein alter Mann, und er wusste nicht, weshalb man ihn zu dieser kleinen Nachbarschaftswache gebracht hatte. Er wusste nur, dass sie nicht für ihn zuständig war. Für das Viertel, in dem er wohnte, war die Wache in der Seepferdchenstraße zuständig. Das deutete vielleicht darauf hin, dass es sich um einen Irrtum handelte, dass man ihn mit jemand anderem verwechselt hatte. Dieser Gedanke machte ihm ein bisschen Hoffnung.
Hinter ihm ging die Tür auf, jemand trat ein. Die Tür wurde von außen geschlossen. Nach kurzem Innehalten trat ein Mann in einem dunklen Anzug um den Schreibtisch herum. Das Sakko spannte über seinem Bauch, sein rundes, pausbäckiges Gesicht schimmerte matt vor Gesundheit, unter seiner voluminösen AR-Brille funkelten kleine Äuglein hervor. Er legte einen kleinen Koffer auf den Schreibtisch und klappte ihn auf. An der Innenseite des Deckels befanden sich ein Display und mehrere Drehregler.
»Ich bin Chen Ren«, sagte er. »Und Sie nennt man Onkel Wu?«
Onkel Wu nickte.
»Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen«, sagte der Mann im Anzug. Er fühlte sich sichtlich unwohl im Verhörraum. Er war eindeutig kein Polizist, sondern wirkte eher wie ein Verkäufer oder wie ein billiger Anwalt. Onkel Wu beobachtete voll Argwohn, wie Chen Ren etwas aus dem Koffer nahm, das einer großen, labbrigen Badehaube glich. An der einen Seite hatte sie mehrere spitz zulaufende Fortsätze, wie eine stachlige Frucht.
»Keine Sorge«, sagte Chen Ren, der Onkel Wus Blick bemerkt hatte. »Das dient nur der Überprüfung Ihrer Angaben. Es tut nicht weh, Sie werden kaum etwas davon bemerken.« Er trat neben Onkel Wu und setzte ihm die Haube auf, mit den Stacheln nach innen. Onkel Wu, der sich unwillkürlich gegen den erwarteten Schmerz gewappnet hatte, stellte zu seiner Erleichterung fest, dass die Stacheln weich waren. Es waren … wie hieß das Wort noch gleich … Noppen. Es war beruhigend, dass ihm das Wort eingefallen war. Er hatte doch nichts getan. Er war doch unschuldig.
»So, wir können«, sagte Chen Ren, nachdem er sich eine Weile an der Innenseite des Kofferdeckels zu schaffen gemacht hatte. »Antworten Sie kurz und wahrheitsgemäß, dann sind wir bald fertig. Sie hatten Besuch von einer jungen Dame?«
»Ja«, antwortete Onkel Wu. »Von Xialong.«
»Antworten Sie nur auf meine Fragen«, sagte der Mann. »Was wollte die junge Dame von Ihnen?«
»Sie … sie wollte bei mir übernachten.«
»Weshalb wollte Sie bei Ihnen übernachten?«
»Weil … also, das habe ich nicht ganz verstanden. Sie hat gemeint, man habe sie nicht ins Geschäft gelassen.«
»Hat sie gesagt, weshalb man sie nicht eingelassen hat?«
»Ja … das heißt nein … oder vielmehr habe ich auch das nicht verstanden. Sie war durcheinander.«
»Durcheinander«, wiederholte Chen Ren. »Und am nächsten Tag?«
»Ist sie weggegangen.«
»Wohin?«
»Das … das weiß ich nicht.« Jetzt spürte er die Noppen. Sie waren immer noch weich und abgerundet, aber sie drückten gegen seinen Schädel, und das war unangenehm.
»Sagen Sie die Wahrheit.«
»Ich … ich weiß nicht, wohin sie gegangen ist.« Der Druck gegen die Schädeldecke steigerte sich jäh. Die Noppen waren auf einmal hart und spitz und bohrten sich in Haut und Knochen. Er schrie unterdrückt.
»Wohin ist sie gegangen?«, fragte Chen Ren, ohne die Stimme zu heben.
»Zu Kung«, plapperte Onkel Wu. »Das ist der junge Mann, der mir den Fernseher eingerichtet hat. Er ist immer so freundlich, ein netter Bursche, höflich und hilfsbereit. Er hilft mir, wenn etwas nicht funktioniert, weil der Hausmeister nicht kommt, wenn man ihn braucht. Ich habe Xialong gesagt, Kung könnte ihr vielleicht helfen.« Mit jedem seiner Worte hatte der Druck auf seinen Schädel ein wenig mehr nachgelassen, bis er nur noch die weiche Anwesenheit der Noppen spürte.
»Die Adresse«, sagte der Mann hinter dem Schreibtisch.
Onkel Wu nannte sie ihm.
»Danke«, sagte Chen Ren. »Sie waren mir eine große Hilfe.« Er erhob sich, kam um den Schreibtisch herum und nahm Onkel Wu die Haube ab. Es waren keine Blutstropfen an der Innenseite, nur die sauberen weichen Noppen. Er legte die Haube in den Koffer und klappte ihn zu.
»Bitte«, sagte Onkel Wu und wischte sich mit zitternder Hand den kalten Schweiß von der Stirn. »Wie … wie geht es jetzt weiter?«
»Vermutlich wird man Sie wegen staatsfeindlicher Propaganda anklagen, möglicherweise auch wegen Beihilfe zum Terrorismus. Aber das ist Sache des Staates. Was mich betrifft: Ich bin gar nicht hier. Ich war nie hier. Niemand hat mich gesehen – auch Sie nicht, Onkel Wu. Haben Sie das verstanden?«
Onkel Wu nickte benommen, dann ging der Mann hinaus.
Es war eine kleine und alte Wache, und die Zelle war noch kleiner und stammte anscheinend aus der Zeit der Kulturrevolution. Neben den zu einem fleckigen Braunton verblassten Parolen (Das Volk hat immer recht! Von Datschai lernen heißt siegen lernen!) waren verzweifelte Botschaften der früheren Insassen eingeritzt. Auf dem Metalltisch standen eine Wasserflasche und ein Pappbecher, auf der Pritsche lag eine zusammengefaltete braune Decke. Onkel Wu saß auf dem Stuhl, den Kopf an die Tür gelegt. Der Schließmechanismus der Türklappe war defekt, und durch die Öffnung konnte er auf den Flur und bis in den Bereitschaftsraum sehen, wo zwei Polizisten vor einer Videowand saßen. Es lief eine Magazinsendung des staatlichen Fernsehens. In einem hell ausgeleuchteten Labor wurde die Gebetsmühle vom Potala-Platz untersucht. Die rot verzierte lehmfarbene Walze hing an einem Haken von der Decke, den Leichnam des Kleinen Mönchs hatte man offenbar bereits weggebracht. An der Unterseite waren außen kleine Räder angebracht, weiter in der Mitte gab es ein kreisrundes Loch. Zwei Techniker in weißen Kitteln hoben eine Scheibe mit einem Zapfen vom Podest und zeigten auf das Loch. Dann zeigte die Kamera einen Elektromotor, der die Scheibe mit dem Zapfen über einen Keilriemen in Drehung versetzt hatte. Einer der Techniker sprach mit triumphierender Miene in die Kamera. Onkel Wu wandte sich ab, setzte sich auf die Pritsche und schlug die Hände um den Kopf.
War wirklich alles nur ein billiger Trick der Mönche gewesen? Hatten sich die Menschen verführen lassen und an einer Lüge gewärmt? Er wusste nicht, was er glauben sollte. Das Schauspiel auf dem Potala-Platz hatte ihn nach und nach in Beschlag genommen, mit jedem Tag ein bisschen mehr. Erst hatte er Anteil genommen, dann war er gebannt gewesen, bis er das Gefühl gehabt hatte, als werde die Gebetsmühle nicht vom Kleinen Mönch allein bewegt, sondern als sei er durchs Zuschauen ganz unmittelbar an dieser stillen, unerklärlichen und deshalb umso machtvolleren Handlung beteiligt, so wie Tausende oder Millionen andere Menschen vor ihren Fernsehwänden auch. Als manifestiere sich in der monotonen Bewegung ihrer aller Wille, rein, zweckfrei und unschuldig. Als könnten sie etwas bewirken, wenn sie denn nur wollten.
Jetzt schien es so, als habe ein versteckter Elektromotor das Wunder widerlegt. Einerseits war das nur logisch und vernünftig. Ein Mensch, und sei er auch ein Mönch, konnte nicht fünfzehn Tage lang pausenlos im Kreis gehen, ohne Wasser oder Essen zu sich zu nehmen. Das war unmöglich, es konnte nicht sein. Dennoch hatte er es geglaubt. Und dem staatlichen Fernsehen traute er jede erdenkliche Täuschung zu. Es war nicht ausgeschlossen, dass die Enttarnung des versteckten Drehapparats nichts weiter als ein staatliches Manöver war, das die Menschen entmutigen sollte.
Er wusste nicht, was er denken sollte. Fest stand nur, dass etwas geendet hatte. Und auch sein eigenes kleines Leben war an einem Endpunkt angelangt. Etwas Neues würde beginnen, auf das er keinen Einfluss mehr hatte. Und er wünschte sich, er bräuchte es nicht zu erleben.
Onkel Wu weinte.
Ein paar Straßen weiter, in einem fensterlosen Raum, der zwar größer als eine Gefängniszelle war, aber nicht minder beengt, betrachtete Kung Litse, die splitternackt vor ihm stand. Im trüben Licht der Monitore und der Sofaleuchte war sie von einer jungen Frau Anfang zwanzig nicht zu unterscheiden. Jedes Detail – das seidige Haar, die gepflegten Fingernägel, die Brustwarzen, das zu einem schmalen Streifen getrimmte schwarze Schamhaar, die Zehen – wirkte echt. Xialong hatte im engen Rahmen der Möglichkeiten ein paar Anpassungen vorgenommen. Die Lippen waren nicht mehr so wulstig, und von den drei Brustgrößen hatte sie die kleinste ausgewählt. Litse sah jetzt normaler aus, wirkte aber nach wie vor attraktiv – für Xialongs Geschmack sogar attraktiver als zuvor. Sie hätte sie gern betastet und herausgefunden, wo die Grenzen der Imitation lagen, doch in Kungs Anwesenheit traute sie sich nicht. Sie wollte keinen falschen Eindruck bei ihm erwecken. In diesem Moment wirkte er jungenhaft, verlegen und verletzlich. Hatte er überhaupt schon mal eine nackte Frau gesehen?
»Hast du eine Freundin, Kung?«, fragte Xialong plötzlich.
»Was? Ja … ab und zu. Ja.« Sein Blick wanderte zu dem HeadGear, das auf dem Tisch lag.
»Verzeihung«, sagte Xialong. »Das geht mich nichts an. Können wir anfangen?«
»Kannst du ihr sagen, dass sie sich auf den Bauch legen soll?«
»Du kannst selbst mit ihr reden«, sagte Xialong. »Sie versteht dich, und sie wird tun, was du sagst, glaub mir. Probier’s einfach aus.«
»Leg dich bitte aufs Sofa«, sagte Kung. »Auf den Bauch.«
Litse gehorchte. Ihre Bewegungen wirkten durch und durch natürlich; nicht unterwürfig, sondern selbstbewusst, beinahe ein wenig herablassend, bemerkte Xialong nicht ohne professionellen Stolz. Kein Wunder, dass ein unerfahrener junger Mann sie einschüchternd fand.
»Regenpfeifer«, sagte sie. »Wartungsmodus.«
Litse versteifte sich. Zwischen ihren Schulterblättern zeichnete sich ein hautfarbenes Rechteck ab, mit einem runden, leicht erhöhten Kreis am oberen Rand. Xialong drückte darauf, dann sprang eine Klappe auf. Darunter kamen bunt markierte Ventile, Tastschalter und eine USB-Schnittstelle zum Vorschein. Die Wartungsöffnung am Rücken (es gab noch eine weitere, größere, am Bauch) erweckte den Eindruck von Einfachheit, doch Xialong wusste, dass dies der Komplexität des Bots nicht gerecht wurde. Kung steckte ein langes Kabel ein, dann nahm er auf seinem Cockpitsessel Platz und rief ein Programm auf.
»Wow.«
Die Tuningsoftware von Jiqiren verfügte über eine neuartige WYSIWYG-Oberfläche. Litses Code wurde als Schichtgrafik angezeigt, die Ähnlichkeit mit einer exotischen Geburtstagstorte hatte. Die einzelnen Schichten – insgesamt waren es neun – waren unterschiedlich gefärbt, grün, blau, ocker, rot, und durch ein Gespinst goldener Fäden miteinander verbunden. Fuhr man mit der Maus darüber, nahm der Zeiger die Farbe der jeweiligen Schicht an, die sogleich vergrößert wurde und sich in eine Landschaft mit Mulden, Schluchten, Hügeln und Gebirgen verwandelte. In einem Fenster wurden Funktionen, Schnittstellen und Verlinkungen angezeigt. Die Visualisierung war die zweidimensionale Wiedergabe einer dreidimensionalen VR-Umgebung. Kung setzte das HeadGear auf und klappte das Visier herunter.
Nachdem er sich mit der Steuerung vertraut gemacht hatte, flog er die Schichten ab, bis er in der dunkelroten auf einen schwarzen, passwortgeschützten Bereich stieß. Das war das BIOS, in dem die Gesetze implementiert waren, die verhindern sollten, dass der Bot einem Menschen in irgendeiner Form Schaden zufügte. Natürlich war das Internet voll von raffiniert ausgeklügelten Szenarien, in denen gerade die Abwägungen regelgebundener Bots bestenfalls kurzschlussähnliche Patts und schlimmstenfalls einen schwerwiegenden Schaden herbeiführten, den sie von einer übergeordneten Warte aus betrachtet hätten vermeiden sollen und vermeiden können. In der Praxis allerdings hatten sie sich bewährt, und deshalb waren sie gegen Manipulationen besonders gut geschützt.
Kung öffnete in einem Fenster eine anonymisierte Datenverbindung zu einem Server in Singapur und lud den ShredMaster, ein geniales Werkzeug des legendären Muncher-Puncher, der schon vor Jahren einem Drohnenangriff erlegen war, dessen Werk aber von einem anonymen Nachfolger kongenial fortgeführt wurde.
In dieser Umgebung glich der ShredMaster einem grellbunten, mit schwarz-rot quer gestreiften Stacheln bewehrten Bakterium. Eine Weile drehte sich das Gebilde im virtuellen Raum, dann bildete es einen türkisfarbenen glänzenden Tentakel aus, der wie eine Windhose umherschwankte. Kung dockte die Fingerspitze an und führte den Schlauch zum BIOS-Bereich. Ein WYSIWYG-Eingriff glich einer computergestützten Gehirnoperation. Es kam darauf an, mit minimalem Aufwand den maximalen Nutzen zu erzielen. Der kleinste Fehler konnte verheerende Auswirkungen haben und im schlimmsten Fall zum Totalausfall des Systems führen.
Mit dem linken Zeigefinger tastete Kung das BIOS ab. Infofenster und fraktale Detailansichten ploppten auf. Die Versuchung, sich in eine dieser Ansichten hineinzustürzen und zur Ebene des nackten Codes vorzudringen, war beinahe übermächtig, doch Kung widerstand. Das war nicht der Moment für Abenteuer und Spielereien. Er tastete weiter, und als er fündig geworden war, führte er mit der rechten Zeigefingerspitze den Tentakel zu der Stelle und löste mit dem Daumen den Shreddermechanismus aus, der als grellweißer Laserstrahl visualisiert wurde. Die Lichtnadel drang in die schwarze Oberfläche ein, die auf einmal weich und verletzlich wirkte. Einen Moment lang sah es so aus, als könnte sie die zugeführte Energie folgenlos absorbieren. Dann begann der schwarze Bereich zu pulsieren, färbte sie sich an der Eintrittsstelle rötlich grau, schwoll an und platzte auf. Wie bei den Feuerwerksvulkanen, die man zu Neujahr auf die Straße stellt, schoss ein Strom silbriger Partikel aus dem Riss, fächerte sich auf, verblasste und verschwand.
Kung suchte weiter nach Rudimenten, identifizierte ein paar Subzentren samt Verbindungsbahnen, und neutralisierte sie mit chirurgischer Präzision. Als er den Eindruck hatte, dass bei weiteren Eingriffen das Risiko den zu erwartenden Nutzen übersteigen würde, schloss er den ShredMaster.
In diesem Moment tauchte rechts oben in seinem Blickfeld ein weißer Kubus auf. Er pulsierte schwach, und jedes Mal, wenn er sich ausdehnte, als ob er atmete, leuchtete er auf. Natürlich, das Versenkungssymbol der Drei Wahrheiten. Er hatte eine Weile nicht mehr daran gedacht, doch jetzt, in diesem Moment, empfand er Sehnsucht nach dem stillen Raum und nach Mei, seiner Vertrauten.
Widerwillig nahm er das HeadGear ab, loggte sich auf dem Rechner im Entwicklungszentrum von Jiqiren aus, wischte sich den Schweiß von der Stirn und drehte sich auf dem Stuhl herum.
Xialong saß angespannt auf dem Stuhl, offenbar hatte sie ihn die ganze Zeit beobachtet. »Bist du fertig?«, fragte sie.
Er nickte.
»Dann kann ich sie wieder einschalten?«
»Ja, schon … aber es könnte sein, dass sie ein unerwartetes Verhalten zeigt.«
»Zum Beispiel?«
»Na ja, ich weiß nicht. So wie jemand nach einer Gehirn-OP. Manchen Leuten bekommt so was nicht gut. Die sind hinterher ein anderer Mensch.« Er schnitt eine Grimasse und streckte die Zunge heraus. »Die verhalten sich seltsam.«
»Hör auf damit, das ist widerlich«, sagte Xialong. »Also, ist sie jetzt gefährlich oder nicht?«
»Tut mir leid«, sagte Kung. »Also, ich schätze, sie ist immer noch auf dich geprägt. Aber sie ist jetzt frei. Sie ist ein freier Bot. Solche wie sie werden von der Regierung gejagt und stillgelegt.« Er stand auf und zog das Kabel aus der Wartungsöffnung im Rücken des Bots.
»Okay«, sagte Xialong. »Regenpfeifer. Wartungsmodus beendet. Steh auf.«
Litse spannte sich an, stemmte sich hoch und richtete sich kraftvoll auf. Sie wendete den Kopf nach rechts und nach links, nach oben und nach unten. Täuschte sich Xialong, oder war ihr Blick jetzt wacher als zuvor? Lag vielleicht sogar so etwas wie Erstaunen darin? Hatte die Prägung tatsächlich Bestand, wie Kung es behauptet hatte? Oder würde Litse nach wie vor so harmlos und vorhersagbar sein wie einer dieser mechanischen Trottel, die einem beim Shoppen wie ein Hündchen auf den Fersen folgten? Doch es hatte keinen Sinn, Fragen zu stellen, die sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beantworten ließen. Litse war nur ein weiteres Fragezeichen unter vielen. Sie wusste nicht einmal, wo sie morgen sein und wo sie heute Nacht schlafen würde.
Seufzend packte Xialong die Klamotten aus, die sie kurz zuvor in einem Minikaufhaus mit Kungs Geld gekauft hatte: billige schwarze Unterwäsche, zwei bambusfarbene T-Shirts, eine Jeans, ein dunkelgraues Sweatshirt und eine schwarze Nylonjacke mit vielen Taschen.
»Zieh das an«, sagte sie und reichte Litse die Kleidungsstücke. Kung beobachtete einen Moment lang mit offenem Mund, wie sie den Slip anzog, dann sagte er unvermittelt: »Hast du dir schon mal überlegt, dass deine Doppelgängerin ein Bot sein könnte?«
»Meine Doppelgängerin?«
»Die Person auf dem Video, die deine Stelle in der Firma und vermutlich auch anderswo eingenommen hat.«
Xialong hatte sie beinahe vergessen. Es war, als gäbe es eine verborgene Kraft, die sie immer dann, wenn sie ermüdete oder sich ablenken ließ, in den Geisteszustand vor der Abfolge von Katastrophen zurückschnappen ließ, die ihr Leben in den Grundfesten erschüttert hatte, in die Zeit, die ihr bereits unendlich fern erschien und in der alles einfach und übersichtlich gewesen war.
»Ein Bot?«, sagte sie. »Nein, ausgeschlossen. Das hätte ich gemerkt.«
»Auf dem Video? Bist du sicher?«
»Ja«, sagte sie beinahe trotzig. »Schließlich stellen wir die Dinger her. Es gibt Unterschiede in der Mimik und im Bewegungsablauf, die fallen nur Experten auf. Aber sie sind vorhanden.«
»Aber wer ist sie dann?«
Xialong zögerte. Die Erkenntnis setzte langsam ein, dann traf sie sie mit Wucht. Bis jetzt hatte sie es nicht gewusst, doch auf einmal kam es ihr unwiderlegbar logisch vor. Die Folgerung, die sich daraus ergab, zertrümmerte das Gefüge ihres Lebens. Der Boden wankte, die Fundamente barsten, zerfielen zu Staub. Es war, als habe sie sich und die Welt bis jetzt durch eine verzerrende Brille betrachtet, und nun, da die Brille zersplittert war, erkannte sie das Vertraute nicht mehr wieder. Es gab keinen Sinn mehr, keinen Halt, nirgends. Sie schwankte, ließ sich in einen Sessel fallen und schlug die Hände vors Gesicht.
»Xialong?«
Sie atmete schnaufend in ihre Hände, sie wollte nicht weinen. »Sie ist ein Klon«, sagte sie mit gepresster Stimme. »Die Person, die mich verdrängt hat und mir nachstellt, ist meine …«
»Deine …«
»Meine Schwester!«
»Du hast eine Zwillingsschwester?«
»Nein. Sie ist meine Klonschwester. Es gibt nur diese Erklärung. Und wenn sie ein Klon ist, bin ich auch einer. Ja, ich bin ein Klon. Ein Klon!« Sie schluchzte.
Kung hockte sich unbeholfen neben sie und streichelte ihr Haar. »Klone sind verboten«, sagte er hilflos. »Es gibt bestimmt eine andere Erklärung.«
Ein ersticktes Auflachen hinter den Händen vor, dann hob sie ruckartig den Kopf. »Verboten!«, sagte sie mit schriller Stimme. »Ist das hier etwa nicht verboten?« Sie schwenkte den Arm durch sein dunkles Hackerverlies. »Ist es etwa nicht verboten, jemanden mit einer Drohne auszuschalten? Glaubst du etwa, ich wüsste nicht, dass Klone verboten sind und stillgelegt werden, wenn man sie erwischt? Was soll ich denn jetzt machen? Wo soll ich denn jetzt hin?«
Er wusste nicht, was er sagen sollte.
»Kommt der Ausschnitt vorne oder hinten hin?«
Xialong hob den Kopf und starrte Litse an, die das T-Shirt in Händen hielt und es hilflos hin und her wendete.
»Nach vorn«, sagte Kung, als er sich von seiner Verblüffung erholt hatte. »Wohin denn sonst?«
Als Litse das T-Shirt überstreifte, mit dem Ausschnitt an der richtigen Körperseite, neigte Xialong den Kopf an Kungs Ohr und flüsterte: »Ist das jetzt ein Zeichen von Entscheidungsfreiheit oder von eingeschränkter Intelligenz?«
Er lachte, froh darüber, dass sie noch scherzen konnte.
»Okay«, sagte er. »Ich glaube, du solltest das jetzt erst mal verarbeiten. Ich geh nach nebenan und versuche, ein bisschen Geld von deinem Konto abzuziehen, einverstanden?«
Xialong nickte, und Kung verschwand mit dem HeadGear hinter dem Vorhang, der seinen Arbeits- vom Privatbereich trennte. Er brauchte nicht lange, um sich in Xialongs von ihrer Doppelgängerin usurpiertes Konto einzuloggen und fünfundvierzigtausend Yuan auf ein Konto bei einer virtuellen Bank zu überweisen. Xialong hatte ihn gebeten, das Geld in Bitcoin zu konvertieren, doch er hatte einen besseren Vorschlag.
»Nimm X-Coin«, sagte er. »Bitcoin ist tot, glaub mir.«
»Von X-Coin habe ich noch nie gehört.«
»Weil es neu ist: besserer Algorithmus, ressourcenschonenderes Mining. In einem halben Jahr spricht die ganze Welt davon.«
»Bist du sicher? Ganz sicher?«
Er hob die Schultern. »Was ist schon sicher auf dieser Scheißwelt? Aber wenn ich Geld hätte, würde ich’s in X-Coin tauschen.«
Xialong hatte keine Ahnung, weshalb sie Kung vertraute. Aber vielleicht ging es auch gar nicht um Vertrauen, sondern um Mut und die Bereitschaft, alle Gewissheiten hinter sich zu lassen und daran zu glauben, dass etwas Neues möglich war.
»Dann tu’s.«
Er tätigte die Transaktion und überspielte das Digitalgeld auf einen USB-Stick. Jetzt hätte er zu Xialong zurückgehen, ihr den Stick übergeben und sie verabschieden können, was für seine eigene Sicherheit vielleicht am besten gewesen wäre. Doch die doppelte Versuchung – der Noser und das Neeze auf dem Nachttisch und der in seinem Kopf unablässig weiterblinkende weiße Block – waren einfach zu groß. Er gönnte sich eine mittelkleine Dosis, und als er leicht geworden war und sein Schlafverlies weit und prachtvoll, loggte er sich in den Tempel der Drei Wahrheiten ein und wählte das Vertrauen, den Raum, in dem Mei ihn erwartete, immerzu und auch jetzt wieder. Er hatte ihr so viel zu erzählen.
Als Kung hinter dem Vorhang hervorkam, hatte er eine Reisetasche dabei. Xialong, die in der Zwischenzeit ein wenig geschlafen hatte, blickte ihm fragend entgegen.
»Ich komme mit«, sagte er.
»Das kannst du nicht machen«, sagte sie schnell.
»Ich hab nachgedacht da drinnen«, entgegnete er. »Wenn sie bei Onkel Wu waren, werden sie über kurz oder lang auch bei mir anklopfen. Und glaub mir, hier gibt es einiges zu finden.« Er stellte die Tasche ab, setzte sich vor die Bildschirmwand, holte den Stick mit den X-Coins aus der Schublade und steckte ihn in die Buchse. Er überspielte etwas, dann hielt er den Stick an sein Schulterimplantat. Den Stick warf er auf den Boden und trampelte darauf herum. Dann steckte er einen zweiten Stick ein. Ein an- und abschwellendes Winseln kam aus den Lautsprechern, auf den Displays wurden die aus dem ganzen Land zusammengetragenen Trauerfeiern für den Kleinen Mönch von einem roten Symbol mit blinkendem Eingabefeld ersetzt. Kung machte eine Tastatureingabe, und Xialong bemerkte, dass seine Hände zitterten.
»Du willst alles löschen«, sagte sie.
»Keine Spuren hinterlassen«, sagte er gepresst. »Nichts zurücklassen. Einfach abtauchen und verschwinden.«
»So plötzlich?«
»Vielleicht habe ich mir das sogar immer gewünscht, weißt du? Aber es ist nicht leicht, das kannst du mir glauben. Für dich ist das hier bestimmt armselig. Aber ich habe Jahre gebraucht, um es mir aufzubauen. Um der zu sein, der ich bin. Jetzt muss ich ein anderer werden.«
Xialong fand seine Entscheidung ein wenig vorschnell, und für ihren Geschmack klang das alles auch ein bisschen zu pathetisch. Reichte es nicht aus, dass ihr Leben in Trümmern lag? Aus Angst, ihn zu verletzen, enthielt sie sich einer Bemerkung. Sie wollte ihm nicht unter die Nase reiben, dass sie älter war als er und möglicherweise trotz all ihrer Beschränkungen auf einen weiteren Erfahrungsschatz zurückgreifen konnte. Und außerdem war es in diesem Moment für sie ein Trost, dass sie in Begleitung eines Menschen ins Unbekannte aufbrechen würde und nicht bloß in Gesellschaft eines Bots, der ihr, das gestand sie sich nüchtern ein, unheimlich war.
Codezeilen jagten über die Bildschirme, das Alarmwinseln hatte aufgehört. Kung stand auf, hockte sich vor die Schlafpritsche, langte darunter und zog den Arm wieder zurück. Staubmäuse mit eingebackenen Fußnägeln klebten an seinem Ärmel, in der Hand hielt er ein altmodisches Tastenhandy. Erstaunlicherweise war der Akku geladen. Er tippte eine Nummer ein. Er wartete, bis die Verbindung hergestellt war, dann sagte er langsam und deutlich: »Der kleine Racker möchte Gassi gehen. Kommst du mit?« Er unterbrach die Verbindung.
»Was war denn das?«, fragte Xialong verblüfft.
»Das war ein Code. Jetzt weiß Nikita, was sie tun soll.«
»Und was soll sie tun?«
»Sich um mein digitales Vermächtnis kümmern!«, fauchte Kung. »Ach, Scheiße.« Er wischte sich über die Stirn. »Es gibt da ein, zwei Accounts, zu denen sie das Passwort hat. Da wird sie sich drum kümmern, solange ich die Füße stillhalten muss.«
Kung richtete sich auf. »Wir können«, sagte er betont forsch. »Hast du schon einen Plan?«
Xialong lächelte zaghaft. »Wie wär’s, wenn wir erst mal etwas essen?«
9
Die rüstigen Alten auf dem Rasen hatten die Form »Der weiße Kranich breitet seine Flügel aus« eingenommen. Da sie auf Flatterbewegungen verzichteten, sah es so aus, als hätten sie sich längst damit abgefunden, dass sie sich nie wieder in die Lüfte erheben würden. Tschoulao fand es realistisch, dass sie sich in ihre Lage schickten, doch da er an diesem besonderen Morgen vielleicht ein wenig empfänglicher als sonst für die unterschwelligen Äußerungen seiner Umgebung war, empfand er auch eine ganz eigene Art von Mitgefühl – eine Art wohliges Bedauern, das ihm umso angenehmer war, als es anderen galt und nicht ihm selbst. Auch die Blicke der Alten auf der Bank schräg gegenüber steigerten sein Behagen. Der eine, ein besonders hässlicher Mann mit einem Glasauge und gelblich-weißem Bart, der an eine alte Klobürste erinnerte, hatte ihm sogar zugenickt. Er wusste, dass nicht Freundlichkeit der Grund war. Aber die Menschen beachteten ihn wieder, und mit der Zeit würden ihre kleinbürgerlichen Aufwallungen einer wenn schon nicht politischen, dann immerhin realistischen Einsicht weichen, und irgendwann würde gewohnheitsmäßige Achtung daraus. Vielleicht würde es sogar wieder ein wenig so sein wie früher im Hutong.
Er hatte allen Grund, mit sich zufrieden zu sein.
Es war ein warmer Morgen, und es würde ein heißer Tag werden. Das Gras, auf dem die Alten die Tai-Chi-Formen der Vorturnerin imitierten, färbte sich bereits gelb. Wenn es so weiterging und nicht bald Regen fiel, würde es ganz und gar verbrennen. Im Fernsehen hatte es geheißen, die Sonnenstrahlung sei dieses Jahr besonders stark und in den Mittagsstunden unbedingt zu meiden. Nun, im Schatten des Gingkobaums scherte ihn das nicht. Er hatte den Stammplatz von Onkel Wu ganz selbstverständlich eingenommen, denn schließlich hatte er ihn sich verdient. Im Nachhinein wunderte er sich, weshalb er den alten Konterrevolutionär so lange hatte gewähren lassen. Das war schließlich ein öffentlicher Park, beziehungsweise ein Park für die Bewohner der Glücklichen Familie, und Privilegien, zumal solche, die jemand sich grundlos selbst zusprach, hatten hier nichts verloren.
Die berechtigten Ansprüche eines alten Dieners der Partei waren natürlich etwas ganz anderes.
Tschoulao lachte glucksend, schraubte die Thermosflasche auf und trank einen Schluck heißen grünen Tee. Er stellte die Flasche ab, dann stand er auf, ging zu einem tiefhängenden Ast und nahm den Haken ab, an dem ein kleiner Holzkäfig baumelte. Der schwere Drachenreif aus Onkel Wus Wohnung rutschte an seinem erhobenen Arm herum, was sich angenehm anfühlte, fast so, als gehörte er schon lange zu ihm. Er setzte sich wieder, stellte den Käfig auf sein Knie und beobachtete die eingesperrte Zikade. Das Tier hatte einen blauschwarzen Körper mit kräftig wirkenden Beinen, fast durchsichtige Flügel und rote Knopfaugen. Es war überraschend groß und hässlich. Nach einer Weile erzitterten die Flügel, und es ertönte ein rhythmisches, durchdringendes Schnarren.
Tschoulao schaute sich um. Auch andere Parkbesucher hatten ihre Zikade dabei. Manche Käfige hingen im Gebüsch, andere standen auf den Bänken, auf denen die Männer rauchten und die Frauen sich unterhielten. Überall zirpte und schnarrte es. Er hatte keine Ahnung, was die Leute daran fanden, aber er würde es herausfinden. Vielleicht war es ja gar nicht so falsch, ein bisschen so zu sein wie die anderen. Vielleicht gehörte das zu seinem neuen Leben, das heute beginnen sollte.
Tschoulao war so sehr mit seiner Zikade beschäftigt, dass er das große Fluginsekt nicht bemerkte, das von der Straße in den Park schwenkte. Es schwirrte heran, umkreiste einmal die Bank, dann ließ es sich auf seinem Nacken nieder, der entblößt war, weil er sich auf den Holzkäfig vorgebeugt hatte. Er nahm ein Kitzeln wahr, doch ehe er das lästige Insekt verscheuchen konnte, stach es zu. Verblüfft rieb er über die Stelle, an der eben noch die Motte gesessen hatte. Der Einstich brannte, und das Brennen breitete sich rasch aus. Es strömte in seinen Kopf und löschte den Park aus, den Tag und die Erinnerung an gestern und die Tage davor.
Tschoulao vergaß und starb.
Teil 2
10
Herr Cheng war ein strenger, aber gerechter Lehrer. Obwohl er meistens hinter seinem Steuerpult saß, bekleidet mit weißem Hemd und mal hell-, mal dunkelgrauer Jacke, das schwarz glänzende Haar stets makellos gekämmt, hatte er die ganze Klasse im Blick. Er hatte Augen in der Rückwand und an der Decke. Ihm entging nichts. Er erwischte stets den Schuldigen. Wenn jemand Unsinn machte oder beim Nachbarn abschrieb, musste er nach vorne kommen und neben dem Pult niederknien. Dann drehte Herr Cheng sich auf dem Stuhl herum und ohrfeigte ihn mit der immerzu gleichen langsamen Armbewegung, die dem Missetäter das Ausweichen leicht machte. Für sein Opfer kam es darauf an, nicht zu früh auszuweichen, denn dann bemerkte Herr Cheng die Finte und wiederholte die Strafe ebenso gemessen und langsam wie zuvor, als käme es ihm vor allem darauf an, der Gerechtigkeit Genüge zu tun, ohne dass ihm ein Härchen aus der Frisur rutschte.
Manchmal stand er auf, rollte auf seinen steifen Beinen zur Tafel und malte etwas darauf, obwohl er das ebenso gut von seinem Pult aus hätte erledigen können. Das nannte er variable Unterrichtsgestaltung. Zur Auflockerung erzählte er hin und wieder Witze, doch sie zündeten nicht – niemals. Während Herr Cheng mit einem erwartungsvollen Lächeln auf die Klasse schaute, herrschte gelangweiltes Schweigen, bis ihn jemand bat, den Witz zu erklären, was er auch geduldig tat. Pflichtschuldiges Gekicher war der Lohn.
Trotz seiner Strenge, seiner Schwächen und Marotten genoss Herr Cheng Respekt bei den Schülern, nicht zuletzt wegen seines Wissens, das ihn in die Lage versetzte, jede noch so ausgefallene Frage zu beantworten. Wenn er wollte, konnte er alle fünfhundertdreiundzwanzig Haiarten aufzählen. Er kannte jedes einzelne Schriftzeichen, egal wie alt es war. Machte Drugda sich dennoch einmal zu Hause über ihn lustig, tadelte der Vater sie und sagte, Herr Cheng sei eben ein altes Modell, und das habe Vor- und Nachteile. Welches die Vorteile waren, sagte er nicht. Aber: In ihrer kleinen Stadt müsse man froh sein, überhaupt einen so tüchtigen Lehrer zu haben.
Herr Cheng gab auch Nachhilfeunterricht. Die Kabinen standen gleich auf dem Flur, der so breit war, als wälzten sich noch immer die Kinder all derer durch die Gänge, die in den vergangenen Jahren das Grenzgebiet verlassen hatten, um in den großen Städten im Landesinneren und an der Küste ihr Glück zu versuchen. Acht weiße Türen waren an der Außenwand des Klassenzimmers aufgereiht, und Drugda wusste sogar, wie es drinnen aussah: Die Schüler saßen vor einem schmalen Schreibpult, auf dem sie ihr Convertible abstellen konnten, und blickten auf einen großen Monitor, aus dessen rechter unterer Ecke Herr Cheng hervorsah. Wer in einer der Kabinen Platz nahm, hatte ihn ganz für sich allein. Praktisch jeder, der später studieren wollte, nahm bei ihm Nachhilfe, und auch Drugda hätte dies liebend gern getan, doch sie durfte nicht. Ihr Vater meinte, sie hätten zu wenig Geld. Vielleicht hätte es gerade noch für Herrn Cheng gereicht, nicht jedoch für ein Studium in der großen Stadt, und deshalb sei es besser, wenn sie sich erst gar keine Hoffnungen mache.
Aber kann man ohne Hoffnung denn leben?, fragte sich Drugda, als ihr sehnsuchtsvoller Blick an einer sich schließenden Kabinentür abglitt. Sie hatte den Klassenraum als Letzte verlassen, hatte solange gewartet, bis Herr Cheng, das Ladekabel schon im Schaltpult eingestöpselt, ihr auffordernd zugenickt hatte. Immer war sie die Letzte, und das hatte einen Grund, und der hieß Pai.
Er ging in die Klasse über ihr, und vor zwei Wochen hatte er sie in einen Abstellraum gedrängt und von ihr verlangt, dass sie ihm die Hand in die Hose steckte. Aus Angst hatte sie getan, was er wollte. Die Hose hatte einen Gummizug, deshalb kam sie leicht hinein. Als dann aber sein Ding anschwoll und er seinen Mund auf ihren drückte und ihr die Zunge zwischen die Lippen schieben wollte, hatte sie Panik bekommen und ihn in die Backe gebissen. Dann war sie weggerannt. Tagelang lief Pai mit einem violetten Gebissabdruck im Gesicht herum und tat so, als habe er sie nie gesehen.
Dann fing er an, sie nach der Schule mit seinen Freunden abzupassen. Sie schubsten sie und beschimpften sie als Mongolin. Ihr Vater sagte, Mongolen sähen nicht anders aus als Chinesen, und auch sonst gebe es keine Unterschiede, sie seien Asiaten, alle miteinander. Aber Pai und die anderen Jungs nannten sie auch Schlampe, Fotze und Schlimmeres, und allmählich bekam sie Zweifel, ob ihr Vater wirklich recht hatte.
Sie war flink auf den Beinen, und obwohl der lange Rock, den ihr Vater sie zu tragen zwang, sie behinderte, konnte sie sich meistens selbst befreien und weglaufen. Einmal, als sie bereits an der Lippe blutete, rettete sie ein AnBot auf Patrouille, der die Bande mit einer gezielten Wolke Pfefferspray vertrieb.
Heute aber war es besonders schlimm. Herr Cheng hatte die Ergebnisse der Tests von vergangener Woche mitgebracht, und die Ergebnisse konnten Pai nicht gefallen haben. Jedenfalls musste er sich abreagieren, und kein Bot war in Sicht, der ihr hätte helfen können. Ghi und Feng hielten sie fest, und Pai ohrfeigte sie. Er kam ganz nah an sie heran, zerrte sie an den Haaren und spuckte ihr ins Gesicht.
»Mongolenschlampe!«
Sie biss sich auf die Lippe, um nicht zu weinen, und schmeckte Blut. Pai war ein Jahr älter und viel größer als sie. Sie konnte sich nicht wehren. Sie war ihm ausgeliefert.
»Es ist aus mit der Uni, hab ich recht?«, zischte sie. »Manche Leute werden dumm geboren, und es gibt nichts, was sie klüger macht.«
Pai rammte ihr die Faust in den Bauch. Pfeifend platzte ihr die Luft aus der Lunge, sie klappte zusammen. Anstatt sich gleich wieder aufzurichten und sich einen Rest von Würde zu bewahren, nutzte sie den Schwung der Bewegung und warf sich nach vorn, ihrem Peiniger entgegen. Ghi und Feng, die damit nicht gerechnet hatten oder vielleicht sogar ein wenig über Pais Brutalität erschrocken waren, ließen sie los, sodass sie ihn mit dem Kopf in der Magengrube traf. Er taumelte japsend zurück, und Drugda fiel auf den Bauch, fing den Sturz aber mit den Händen ab. Sie rappelte sich hoch, raffte den Rock und begann zu rennen. Obwohl sie kaum Luft bekam, lief sie immer weiter, ohne zu verschnaufen oder sich umzusehen, und erst als ihr Brustkorb und ihr Schlund so sehr brannten, dass sie meinte, aus ihrem Mund müssten Flammen schlagen, blieb sie stehen, beugte sich vor, stützte sich auf die Knie und atmete, atmete.
Als sie wieder Luft bekam, richtete sie sich auf und schaute sich zitternd um. Pai und dessen Kumpane waren nicht zu sehen, doch das musste nicht viel heißen. Sie befand sich in einer schmalen Nebenstraße, gesäumt von hässlichen Wohnblocks und kleinen Geschäften. Am Straßenrand lagen ausgeschlachtete Einkaufs- und Botenbots, die an tote Tiere erinnerten. Auf windschwankenden Bannern versuchten blinkende Pfeile, winkende Zeigefinger und halb nackte oder ganz nackte Frauen die wenigen Passanten in die Läden und Lokale zu locken. Ohne es zu merken, war sie in das Viertel gelaufen, das zu betreten ihr Vater streng verboten hatte.
Sie schaute sich hektisch um, voll Angst, Pai und seine Kumpane könnten irgendwo auftauchen. Unmittelbar neben ihr lag ein unkrautüberwuchertes Grundstück mit einem etwas zurückgesetzten ausgebrannten, rußgeschwärzten Gebäude. Früher war es vielleicht mal eine Schule gewesen, ein Verwaltungsgebäude oder ein kleiner Betrieb. Jetzt war es eine Ruine mit leeren Fensterlöchern und einer Fassade, die von einer tödlichen Pilzkrankheit befallen schien. Im Zaun war ein Loch. Sie hob den Maschendraht an und kroch durch das Loch. Auf dieser Seite des Zauns fühlte sie sich sehr viel sicherer als auf der Straße. Ein Trampelpfad zog sich durchs hohe Gras zur Ruine. Sie folgte ihm ein paar Schritte weit, dann bog sie ab und versteckte sich in einem Minicontainer, dessen verrostete Tür offen stand.
Als sie erwachte, war es dunkel. Das Gehäuse, in dem sie geschlafen hatte, knackte. Ein starker, fast betäubender Geruch nach Pflanzen und erhitztem Metall lag in der Luft. Durch die offene Tür sah sie einen Teil des ausgebrannten Gebäudes. Die Umrisse hoben sich schwarz vom Himmel ab. Sie hatte geglaubt, es wäre unbewohnt, doch jetzt waren mehrere Fenster erleuchtet. An der Decke eines Raums im ersten Stock flackerte Feuerschein. Schattengestalten bewegten sich durchs Licht. Oben auf dem Dach sang leise ein unsichtbarer Mann.
Sie betastete ihre aufgeplatzte Lippe, auf der sich bereits Schorf gebildet hatte. Der Vater würde schimpfen und sie bestrafen. In letzter Zeit waren seine Strafen härter geworden. Manchmal musste sie sich vorgebeugt an die Wand lehnen, und er peitschte ihr den Rücken mit dem Gürtel. Das kam daher, dass sie im Begriff war, zur Frau zu werden, hatte er ihr erklärt. Wenn sie jetzt nicht lerne, wie man sich benehme, sei es bald zu spät.
Erst einmal aber musste sie nach Hause kommen.
Sie richtete sich auf und streifte den Schulrucksack über, den sie als Kopfunterlage benutzt hatte. Sich immer wieder angstvoll zur Ruine umblickend, ging sie zum Zaun zurück und kletterte durch das Loch nach draußen. Ihr Rock verfing sich an etwas Scharfem, sie hörte, wie er zerriss. Ein Unglück zog eben neues Unglück nach sich, so war das. Sie biss die Zähne zusammen und wandte sich in die Richtung, in der sie ihr Zuhause vermutete.
Die Straße, das ganze Viertel hatte sich verändert. Licht strahlte in den Himmel hoch und bildete eine Art Glocke, in deren Schutz eine neue Art von Leben gedieh. Die Menschen waren zahlreicher geworden, sie bewegten sich auch anders als noch am Nachmittag. Sie waren in Gruppen unterwegs, unterhielten sich lautstark und wirkten selbstbewusster, gefährlicher. Verschiedene Musiken vereinigten sich zu einem aufpeitschenden Plärren. Die winkenden, lockenden Frauen auf den die Straße überspannenden Bannern hatten sich befreit und tanzten, flankiert von pulsierenden gelben, roten und grünen Schriftzeichen, als überlebensgroße Hologramme im leeren Raum, winkten, zeigten und lockten. Drugda schämte sich ihrer Nacktheit. Und dann fielen sie auf einmal in sich zusammen, und an ihrer Stelle erschienen einzelne Worte: Versenkung, Verehrung, Vertrauen, gefolgt von drei Querstrichen – dem Zeichen für die Zahl Drei. Alles war hier falsch, nichts war, wie es sein sollte. Sie schlug den Blick nieder und ging weiter. Wenn sie niemanden ansah, würde alles gut werden – vielleicht.
»Hallo, du.«
Eine Frau hatte sie angesprochen. Sie lehnte an einer Hauswand, die langen Beine überkreuzt, das Becken schamlos vorgeschoben. Ihr Lederrock war so kurz, dass Drugda den Ansatz ihrer Spalte sehen konnte. Sie trug eine Art Lederweste, mit einem Loch über den Brüsten, aus denen die rot geschminkten Nippel hervorschauten. Drugda wollte an ihr vorbeigehen, doch die Frau fasste sie beim Arm.
»Kleine Mädchen wie du sollten um diese Zeit hier nicht unterwegs sein.«
»Ich bin kein kleines Mädchen«, sagte Drugda und versuchte sich loszureißen. »Und ich bin nicht zum Spaß hier.«
»Ich auch nicht«, sagte die Frau und lachte. Ihre Stimme klang warm und auf eine besondere Art erwachsen. Drugdas Mutter, die vor zwei Jahren verstorben war, hatte sich nie so angehört.
»Lassen Sie mich los«, sagte Drugda. »Bitte.«
»Ich lasse dich los, wenn du nicht gleich wegläufst, einverstanden?«
Drugda überlegte einen Moment, dann nickte sie. Die Frau sah nicht böse aus. Sie hatte ein vollkommen makelloses Gesicht, war aber nicht mal geschminkt, von den glänzenden Lippen und den roten Nippeln einmal abgesehen.
»Gut. Hast du Lust, mir zu erzählen, was du hier machst?«
Nein, dazu hatte Drugda keine Lust, nicht die geringste. Aber sie hatte die ganze Zeit über, eigentlich seit dem Aufwachen, gegen ein Weinen angekämpft, und jetzt, da jemand mit ihr sprach, konnte sie es nicht mehr halten. Schluchzend erzählte sie von ihrem Horrortag. Die Frau hörte ihr zu, und nach einer Weile nahm sie ihren winzigen Rucksack ab und holte ein Päckchen heraus, das sich zu einem schlichten grauen Umhang entfaltete. Sie legte ihn um. Als sie losmarschierten, ertappte Drugda sich dabei, dass sie nach der Hand der Unbekannten griff. Die Frau ergriff sie, und nach kurzem Zögern ließ sie sich von ihr führen.
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