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Nataly von Eschstruth

Mondscheinprinzesschen
und andere Erzählungen

Saga

Ebook-Kolophon

Nataly von Eschstruth: Mondscheinprinzeßchen. © 1919 Nataly von Eschstruth. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711469989

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

Vor langen Jahren wohnte einmal ein König auf stolzer Burg am Rhein, der war bös und gottlos, kriegerisch und gewalttätig, so dass sein Volk ihn nicht liebte, sondern nur fürchtete. Seine Gemahlin, die schöne, liebliche Königin, gewann desto mehr die Herzen aller Armen und Unterdrückten, denn sie war fromm und gut wie ein Engel und suchte nach Kräften all die Wunden zu heilen, welche der hartherzige König schlug.

Da ward sie sehr krank und kam zum Sterben, und sie legte die Hände auf das Köpfchen ihres einzigen Töchterchens, welches in allen Dingen ihr Ebenbild war, und sprach: „Meine süsse, kleine Lelja, ich muss dich nun allein auf der Welt zurücklassen und tue es in der freudigen Zuversicht, dass meine Armen und Kranken doch nicht durch meinen Tod verwaist werden, denn du sollst künftig hier an meiner Statt ihr Trost und ihre Hilfe sein! Schon jetzt hast du mir brav geholfen, die Tränen zu trocknen und die verzweifelten Herzen zu trösten, du sollst es auch fernerhin tun, meinem Angedenken zu Heil und Segen!“

Die kleine Lelja weinte heisse Tränen und versprach, treulich der lieben Mutter Worte zu befolgen.

Als man die Königin begraben hatte, blieb das holde Prinzesschen allein und verlassen in der Königsburg zurück, denn ihr Vater befand sich wieder auf einem Kriegszug, von welchem er mit reicher Beute heimzukehren hoffte.

Das war gute Zeit für sein blondlockiges Töchterchen, welches nun unbehindert alle Armen und Kranken besuchen und ihnen Speise und süsse Worte des Trostes bringen konnte.

Als der König heimkehrte, fand er seine Tore von Bettlern belagert und zwischen ihnen, barmherzig und holdselig wie ein Engel, sein Töchterlein Lelja, das seine Gaben austeilte.

Der König ergrimmte, jagte zornig die Armen davon und schalt und bedrohte die kleine Prinzessin, er werde sie in den tiefsten Kerker einsperren, wenn sie noch einmal zur Diebin an seinem Eigentum werde!

Da weinte Lelja bitterlich und fürchtete sich sehr, die Werke ihrer Nächstenliebe noch sehen zu lassen, aber ihrer Mutter Worte lebten in ihrem Herzen, darum konnte sie es nicht über sich gewinnen, das Elend ohne Hilfe und Rettung zu lassen.

Heimlich schlich sie sich nachts aus der Burg und beschenkte ihre Schützlinge.

Der Mond beschien ihren Weg, dass sie sich nicht verirrte, und die Prinzessin blickte dankbar zu ihm auf und lächelte ihm zu.

So kam es, dass Lelja den stillen, friedlichen Mond sehr lieb gewann, viel lieber noch als die Sonne, welche stets drohte, ihrer Barmherzigkeit zur Verräterin zu werden, — und auch der Mond schien ein ganz besonderes Wohlgefallen an dem Prinzesschen zu finden, denn er schob jedesmal die Wolken beiseite, wenn das geheime Pförtlein in der Burgmauer knarrte, und begleitete sie als treuer Wächter auf ihrem nächtlichen Gang.

Eines Tages erscholl Kriegsgeschrei durch das Land.

Der König des Nachbarlandes, welchen Leljas Vater überfallen und beraubt hatte, kam mit grosser Streitmacht gezogen, um sich zu rächen.

Und so sehr man sich auch zur Wehr setzte, die Burg ward gestürmt und Feuer in ihr Dach geworfen.

Da gellte das Kampfgeschrei schauerlich durch die stille Nacht, und die Flammen schlugen empor und verschlangen die stolzen Zinnen und Säle. In ihrer Todesangst hatte die kleine Lelja sich auf die Plattform des höchsten Turmes geflüchtet, und der Kriegslärm schallte wüst zu ihr empor; die Feinde stürmten bereits die Treppe hinauf, und die Flammen leckten schon gierig über die Mauerbrüstung.

Da sank die Prinzessin voll Verzweiflung auf die Knie nieder und flehte den lieben Gott und alle Heiligen um Hilfe an.

Kaum aber, dass sich ihre Lippen zum Gebet öffneten, teilten sich die schwarzen Wolken, der Mond trat silbern hervor und seine Strahlen spannen sich wie eine feste, breite Brücke zu dem Turm herab.

„Komm empor zu mir, du liebes, frommes Mägdlein!“ nickte der Mond freundlich lächelnd, „betritt getrost die Brücke, welche ich dir gebaut habe, und komm zu mir herauf! Ich habe jede Nacht gesehen, wie gut und barmherzig du warst, darum darf ich dir jetzt in der höchsten Not helfen, denn die Engel im Himmel beschützen die fromme Unschuld!“

Voll inniger Dankbarkeit schritt Lelja auf der silbernen Brücke dahin, und zwei lichte Engel schwebten rechts und links neben ihr auf rosigen Wolken, die stützten und hielten sie, wenn sie schwindelig werden wollte und zu fallen drohte.

„So hast auch du die Armen und Schwachen gehalten und gestützt!“ sprachen sie lächelnd, und hre Stimmen tönten lieblich wie Harfenklang. Kaum aber, dass die Prinzessin auf der wundersamen Brücke dahineilte, tönte das Geschrei ihrer Verfolger schon auf dem Turm, und nach wenigen Minuten stürzte der stolze Bau krachend zusammen und begrub alle unter seinen Trümmern, welche noch in der Burg weilten. Lelja aber schwebte hoch empor durch die ziehenden Wolken, immer tiefer lag die Erde unter ihr, die brennende Burg erschien ihr schliesslich nur noch wie ein winzig kleines Fünkchen, und die höchsten Berge sahen aus wie unscheinbare Sandkörnchen. Der Mond aber kam näher und näher, und wie erstaunte Lelja, als sie nun ganz deutlich erkennen konnte, wie es auf ihm aussah!

Das, was sie drunten von der Erde aus stets für eine runde, silberne Kugel gehalten hatte, das war das grosse, leuchtend helle Kuppeldach eines wundervollen, zauberhaft schönen Palastes. Weisse Marmorsäulen stützten es, und luftige Hallen wölbten sich darunter.

Alles funkelte und glänzte und tat dem Auge doch nicht weh, denn ein mildes, bläuliches Licht flutete darüber hin, und die Sterne standen ganz nah und brannten so bunt glitzernd wie das schönste Feuerwerk.

Lelja war ganz sprachlos vor Entzücken und wagte kaum ihre Brücke zu verlassen und den Mond zu betreten.

Aber die Engel redeten ihr liebevoll zu, und zu gleicher Zeit ertönte eine himmlische Musik und viele kleine Elfchen eilten ihr voll Jubel mit ausgebreiteten Ärmchen entgegen.

„Wir sind die Mondscheinelfen!“ riefen sie, „und wir kennen dich schon lange, liebe Lelja, haben dich nachts gar oft geleitet, wenn du die Hütten der Armut besuchtest, du sahst uns damals nur nicht! — O wie froh sind wir, dass du gutes, frommes Kind nun bei uns bist! Glückselig sollst du fortan sein und hier den Lohn für all deine Barmherzigkeit und deinen Gehorsam finden.

Sie nahmen die Hände des Prinzesschens und geleiteten es auf den Mond.

Ja, war dies denn wirklich der Mond?

So etwas wunderbar Schönes hatte Lelja noch nie gesehen, selbst ihre Bilderbücher hatten keine so schönen Dinge gezeigt.

Ein zauberhaft schöner Garten umgab sie. Schlanke Palmen flüsterten über ihr, wundervolle Blumen blühten allerwegen, und Schmetterlinge, so gross und so bunt wie leuchtende Edelsteine, schaukelten sich an den demantblitzenden Kelchen.

In den Zweigen der Bäume lockten köstliche Früchte aller Arten, so niedrig hängend, dass das kleine Mädchen nur die Händchen auszustrecken brauchte, um die schönsten Aprikosen, Pfirsiche und Äpfel zu greifen.

„Du darfst pflücken und essen, was dir gefällt und was du magst!“ lächelten die Elfchen.

Vögel mit schillerndem Gefieder flogen zutraulich umher und liessen sich auf die Hände der Elfchen nieder und sangen gar süsse Lieder, und auf den sammetweichen Waldwiesen schritten weisse Rehe und niedliche Lämmchen, die kamen furchtlos herangesprungen und liessen sich streicheln.

Ach wie schön, wie herrlich schön war das!

Der Sand auf den Wegen flimmerte wie Silber, die Quellen murmelten und dufteten wie das beste Kölnische Wasser, und wenn ein zarter Windhauch durch die Blumen und Zweige streifte, so erklangen sie melodisch wie silberne Glöckchen.

„Sieh hier!“ lachten die Elfchen, „hier blühen noch ganz absonderliche Blumen, Lelja, wenn man ein wenig schüttelt, fällt aus jeder ein Bonbon!“

Das Prinzesschen konnte solch ein Wunder gar nicht begreifen, schon aber hafteten ihre Blicke an den hohen Marmorhallen des Palastes, vor welchem sie angelangt waren.

Wie in einem Zauberland gleisste und strahlte der Märchenpalast, und doch sah er so traulich aus, dass sie sich gar nicht fürchtete, hineinzugehen. Welch eine Pracht! Kein Kaiserschloss kann schöner sein! Unter der silbernen Mondkuppel dehnte sich ein Saal — ach so weit und hell und warm — darin standen die herrlichsten Spielsachen, mit welchen sich die Elfchen tagsüber vergnügten, denn am Tage, wenn die Sonne am Himmel stand, hatten sie freie Zeit, nur des Nachts flogen sie auf den Mondstrahlen hernieder zur Welt und stellten sich an die Bettchen der braven, frommen Kinder, welche vor dem Einschlafen ihr Gebetchen gesagt haben; — diese Kinder beschützen sie dann in der dunklen Nacht und bringen ihnen schöne Träume.

Immer weiter führten die Mondelfchen ihre neue kleine Gespielin. In dem grossen Esssaale sah es gar lecker aus! Da standen lange Tafeln, besetzt mit silbernen Schüsseln und Tellern, ach und welch köstliche Speisen in Hülle und Fülle!! Kuchen und Schokolade, Marzipan und Torten, süsse Puddings und Schlagsahne — und jedes Elfchen durfte davon essen so viel es mochte, — aber wohlverstanden nur dann, wenn es Suppe und Braten zuvor gegessen hatte, wie sich das bei jedem guten und vernünftigen Kind von selbst versteht.

„Nun sollst du auch noch ein paar schöne silberne Flügelchen bekommen, so wie wir sie auch haben, damit du frei umherfliegen und uns auch einmal zu den silbernen Sternchen am Himmel begleiten kannst, denn diese müssen wir schön blank putzen, und wenn ein besonderer Festtag im Himmel oder auf Erden ist, dann nageln wir noch ein paar mehr an, damit recht festlich illuminiert ist!“

Wie sie das noch so sagten, hefteten sie Lelja ein paar reizende kleine Flügelchen an die Schultern, und sie wuchsen auch gleich fest und Prinzesschen hätte auch sofort fliegen können, aber sie wagte es noch nicht. Auch stand sie plötzlich ganz traurig, hatte die schönen blauen Augen voll Tränen und faltete inbrünstig die kleinen Hände.

„Ei Lelja! Du weinst?“ fragten erstaunt die Elfchen, „gefällt es dir denn nicht bei uns?“

Die Kleine nickte und lächelte unter Tränen.

„O ja, es ist wunderbar schön hier, und ihr seid so lieb und freundlich zu mir, — aber ich bin in all dieser Pracht und Schönheit doch so allein, niemand von meinen Lieben ist bei mir, ach, und meine Sehnsucht nach lieb Mütterlein wird immer grösser!“

Die Elfchen blickten einander bedeutsam an und lächelten.

„Hast du denn schon zu dem lieben Gott gebetet, dass er dir dein Mütterchen wiedergeben möchte?“ — fragten sie.

„Ach ja!“ seufzte Lelja, „so recht von Herzensgrund! Als ich hierher, über die silberne Brücke zu dem Mond schritt, da betete ich immer, die lieben Engel möchten mich doch zu Mütterlein geleiten!“

„Nun so komm, — dort in dem Palmenhain steht eine Kapelle, da sollst du noch einmal niederknien und bitten!“

Leljas Augen leuchteten in Freude und süssem Glauben, sie eilte voll Sehnsucht nach dem flüsternden Hain, aus welchem das goldene Kreuz der Kapelle ihr entgegenleuchtete.

Die grossen, goldenen Türflügel taten sich auf, und als Lelja demütig auf die Knie sank und die Hände faltete, da schwebte eine blaue Wolke hernieder und auf den Marmorstufen stand eine lichte Engelsgestalt, die breitete die Arme voll inniger Liebe aus.

„Mutter!“ schluchzte Lelja voll seliger Wonne und flog an die Brust der Wiedergefundenen.

Nun erst war ihre Seligkeit vollkommen, und sie wohnte nun für immer mit ihrer Mutter in dem silbernen Mondpalast bei den kleinen Strahlenelfen.

Welch eine Wonne!

Nun spielt sie mit den Rehen, Lämmchen, Vögeln und Schmetterlingen, nun pflückt sie die herrlichen Früchte und regt ihre Flügelchen zu seligem Fluge. Und die Elfchen nehmen sie mit, wenn sie die Sternchen plank putzen und wenn der dunkle Nachthimmel so recht festlich erhellt sein soll. Dann füllen sie Lelja das Kleidchen voll kleiner Sterne, geben ihr silberne Nägel und ein Hämmerchen und sagen: „Nun hilf uns!“ — Prinzesschen ist aber noch ein wenig ungeübt bei der Arbeit, und so passiert es denn manchmal, dass ihr das Kleidchen niederfällt und alle Sternchen herausfallen, in hellem Streif an dem Himmel herunter!

Die Menschen, welche ja nichts von dem kleinen Mondprinzesschen wissen, sagen dann: „Eben fiel eine Sternschnuppe!“ — aber es war keine, es waren nur die blanken Sternchen, welche Lelja aus dem Kleidchen verlor!

Die Elfchen lachen sie dann weidlich aus, fliegen schnell nach und fangen die Fünkchen wieder ein.

Noch eins hat die Kleine tief bekümmert.

„Ach, was soll nun aus all den armen, kranken, traurigen Menschen auf der Welt werden, wenn wir sie nicht mehr trösten können, lieb Mütterlein?“ seufzte sie gar oft, und sie tat wieder, was sie stets im Leben getan hatte, wenn ihr das Herzchen traurig war, — sie betete. Und weil das Gebet der Frommen und Braven erhört wird, so erlaubte der liebe Gott dem guten kleinen Mädchen, dass es die armen, betrübten Menschen auch fernerhin trösten dürfe.

Abends, wenn der Mond am dunklen Himmel steht, fliegen Lelja und ihr Mütterlein, der schöne, friedliche Engel der Nacht, auf den glitzernden Mondstrahlen zur Erde hernieder.

Und wo sie tränennasse Augen sehen und bange Seufzer zum Himmel schallen hören, da streichen sie sanft tröstend über die gramgefurchte Stirn und küssen die müden Augen zu erquickendem Schlummer zu.

Darum lieben alle traurigen und unglücklichen Menschen das sanfte Mondlicht so ganz besonders, und manch heisserregtes Herz findet unter seinem heiligen Glanz den verlorenen Frieden wieder!

Unter der Maske

Novelle

Die Frau Sanitätsrätin stand hinter dem Sessel, in welchem ihr Sohn, der junge, schmucke Fabrikant mit dem kecken blonden Schnurrbärtchen und den schalkhaft blitzenden Augen, behaglich zurückgelehnt lag und blaue Rauchwölkchen in die Luft blies. Sie formten sich alle zu den tadellosesten Ringen, welche langsam durch die warme, duftige Luft des Salons schwebten, bis sie an den zackigen Blättern einer Agave, deren graziöse Krone sich von dem Blumentisch herüberneigte, zerrannen.

Die alte Dame sah mit traurigem, ein wenig forschendem Blick in das frische Antlitz ihres Einzigen.

„Gehst du, Freddy? Gehst du ganz gewiss?“

Der junge Mann wandte lächelnd den Kopf und küsste — ohne seine Stellung zu verändern — die schlanke, weisse Hand, welche mit sanftem Druck auf seiner Schulter lag.

„Aufs Wort, Mutterchen, ich gehe! Was ich einmal versprochen habe, das halte ich auch, wenn es mir auch noch so langweilig und unangenehm ist.“

„Ich traue dir noch nicht so recht! Warum willst du es mir denn durchaus nicht sagen, welch ein Kostüm du gewählt hast — warum soll ich dich nicht vorher sehen ...“

Wieder drückten sich seine Lippen zärtlich auf die leicht bebenden Finger der Sprecherin, und seine Augen leuchteten voll Schelmerei.

„Maskengeheimnis, kleine Mama! Tiefes Maskengeheimnis! Ich bitte dich, respektiere es! Du weisst, dass ich ein närrischer Kauz bin ...“

„Schäme dich, Freddy! Geheimnisse vor der Mutter! Das war doch früher nicht so! Da gab es keine Falte in deinem Herzen, welche ich nicht kannte! Aber jetzt ... o ich empfinde es ja täglich, wie es anders geworden ist!“

Wie vorwurfsvoll ihre Stimme klang, — wie die zarten Hände bebten ... und jetzt ... gar eine Träne?

Freddy richtete sich jählings auf. Einen Augenblick zuckte und arbeitete es in seinem Gesicht, dann schloss er die alte Dame stürmisch in seine Arme und flüsterte: „Welch eine böse Einbildung, Mutterchen! Du weisst, dass niemand meinem Herzen näher steht als du! Wenn du es ernsthaft wissen willst, sage ich es natürlich — ich werde heute abend als Don Carlos den Maskenball bei dem Herrn Präsidenten verschönern, — schwarzer Samt mit rotem Seidenfutter — gepufft und geschlitzt, dass es eine Lust ist! So ... bist du nun zufrieden?“

Sie streichelte mit lebhaftem Blick seine Wangen.

„Du mein bester — liebster Schlingel! Also endlich Farbe bekannt! — Ich darf dich doch sehen?“

Wieder eine sekundenlange Pause der Verlegenheit, dann zuckte Alfred Naugardt zweifelnd die Achseln.

„Das wird wohl nicht möglich sein, Herzensmamachen, wir wollen uns alle in dem Maskenleihinstitut ankleiden lassen — Rudolf, Leutnant von Mirsch, Selke und ich —, weil der Friseur nicht Zeit hat, in unsere so entfernten Wohnungen zu laufen ... Aber vielleicht mache ich es möglich und fahre noch einen Augenblick hierher — falls noch Zeit ist, Mutterchen — mit Bestimmtheit darfst du nicht darauf rechnen!“ —

„Ich würde dich gar zu gern sehen!“ lächelte die alte Dame, und ihr Blick flog voll zärtlichen Stolzes über die schlanke, zierliche und doch so blühende Gestalt des Sohnes; „das Kostüm wird dir herrlich stehen! Du wirst Eroberungen machen ... und ... ach ... wirst du dich nicht auch endlich einmal erobern lassen?!“

Wie ihr Blick in seine Seele drang! „Freddy — ich begreife nicht, dass du der süssen kleinen Cilly Mornier gegenüber so unempfindlich bleibst — dieses herzige Wesen — dieses bildhübsche Mädchen — und ach ... wenn du wüsstest, wie gern sie dich hat!“

Alfred lachte hell auf. „Ein Trotzkopf ist sie! Grossgezogen mit dem Kräutlein Eigensinn. Sie schwärmt für die moderne Frauenbewegung, sie will das gute, alte Wort: ‚Er soll dein Herr sein!‘ nicht mehr anerkennen! Immerhin! hat sie ihren Kopf — so habe ich auch den meinen, wir wollen sehen, welcher stärker ist!“

Und der Sprecher drückte die Mutter etwas aufgeregt an die Brust, schnitt ihr jedes weitere Wort durch einen Abschiedskuss ab und stürmte zur Tür. „Jetzt kommt das Heiratsprojekt. — Rette sich wer kann! — Auf Wiedersehen, kleine Sanitätsrätin — halte mir den Daumen, dass Don Carlos heute abend auch einer Königin versichern kann: ‚Das Leben ist doch schön!‘“ — Wie ein Wirbelwind war er davon, und Frau Clementine nahm eine Stickerei zur Hand und lächelte befriedigt vor sich hin.

Endlich, nach vieler Mühe, hatte sie es heraus! Also, Don Carlos! Wahrlich, keine üble Wahl — er wird die Herzen im Sturme nehmen! — Und Cilly? Ja nun, es ist noch nicht aller Tage Abend, und der holden Schelmin wird das Warten schliesslich selber lang! Sie liebt ja den Freddy — und all die Neckerei und der lustige Krieg mit ihm führt schliesslich doch zu seinem Sieg! — Warum forschte Frau Major Helbig so dringlich nach Alfreds Kostüm? Das geschah lediglich für Cilly! Sie will den Geliebten kennen und sich ihm unbefangen nähern können! O, die Mädchen sind ja schlau, wenn es gilt, einem stolzen Liebhaber das „Bettelwort“ auf die Lippe zu zwingen. In diesem Falle ist Frau Naugardt die Verbündete des künftigen Schwiegertöchterchens, sie ziehen an einem Strick, an dem rosigfarbenen, geheimnisvollen Zauberfädchen, welches den starrköpfigen jungen Kaufmann auf die Knie zwingen soll! Hastig nahm die Sanitätsrätin ein Billett zur Hand und schrieb an Frau Major Helbig: „Endlich kann ich Ihnen genauen und sicheren Bescheid geben. Der Betreffende erscheint als Don Carlos, schwarzer Samt mit roter Seide.“

Sie schellte und gab dem Diener den Brief zur schleunigen Bestellung, — und dann setzte sie sich näher zum Fenster und zog lächelnd die seidenen Fäden durch den feinen Battist, — sie stickte Ausstattung!

— — — Die Lichter brannten vor dem Spiegel, und mitten in dem Zimmer des Hotels, in welchem Alfred Naugardt tief verborgen und geheimnisvoll Toilette machte, stand der junge Mann und blickte mit fröhlichem Gesicht auf einen Korb hernieder, aus welchem ein ganz seltenes Gewirr von Spitzen, Atlas und Blumen hervorschaute.

Er zwirbelte das blonde Bärtchen keck empor. War es ein Unrecht gewesen, der Mutter das Märchen vom Don Carlos-Kostüm aufzubinden? O nein, es war Notwehr, Selbsterhaltung gewesen. Eine Frau ist wie die andere, — sie plaudern alle gern, und schon manch ein Lebensglück ist an Weiberlippen zerschellt! Darum hat er nicht seit zwei Wochen solch saure Arbeit getan, um der rollenden Kugel Fortunas den Weg zu bahnen! Weder Zeit, noch Mühe, noch Geld hat er gespart, um zum Ziel zu gelangen. Da galt es zuerst, die Schneiderin von Cillys bester Freundin Alice — auszubaldowern! Dann musste die Schneiderin gewonnen werden, — sie musste dem Schlachtplan geneigt und zur sicheren Verbündeten gemacht werden. O, das war kein leichtes Stück Arbeit, — aber wirklich, alles war geglückt! Hier im Korb lag ganz genau dasselbe Kostüm, wie es Fräulein Alice heute abend anlegen wird, — oder besser gesagt, wie sie es anlegen wollte, — denn dass sie nicht erscheint, ist ebenfalls ein Werk Alfreds gewesen, welches ihm nicht leicht geworden. Sein bester Freund kam ihm endlich dabei zu Hilfe. Er liebte Fräulein Alice und beabsichtigte, sich mit ihr zu verloben, — auf Alfreds Bitten und seine ehrliche Beichte hin hatte er sich entschlossen, schon heute als Freier bei der jungen Dame anzuklopfen, ganz überraschend — zu später Stunde, — die Fahrt zum Ball dadurch vereitelnd. So weit wäre alles glatt gegangen, — nun hilf weiter, du gutes Glück, welches ja ein junger Mann stets haben muss.

Wenige Minuten später sass Alfred Naugardt vor dem Spiegel und hinter ihm stand lachend der Friseur und verwandelte den blondlockigen Männerkopf in ein brünettes Mädchenhaupt, täuschend ähnlich demjenigen des Fräulein Alice. Ein Spitzenschleier verhüllte die Ohren und die verräterische Partie um Wangen und Hals, flammende Granatblüten und ein hoher Goldkamm schmückten das Haar, und während der Künstler mit der Brennschere seines Amtes waltete, flogen Freddys Gedanken zurück zu einer Stunde, welche schon damals die glücklichste seines Lebens werden sollte und doch so verhängnisvoll endete.

Es war im Herbst. Man machte eine Landpartie. Tiefblau wölbte sich der Himmel, köstlich frische Luft wehte von dem nahen See herüber, und der Buchenwald lag vor ihnen wie ein Märchengebild, mit Gold, Smaragd und Purpur überschüttet. Seite an Seite schritten sie dahin, — zurückbleibend hinter den andern, die Herzen so voll, die Blicke so leuchtend und sehnsüchtig in die Ferne gerichtet, als ob von dort das süsse Wunderland der Liebe winke!

Aber nur kurze Minuten dauerte solch ein seliges Träumen. Kaum, dass Freddy die ersten, leisen Worte flüsterte — Worte von bedeutsamem Klang, Worte, welche ahnen liessen, dass seinem Herzen in dieser Stunde Flügel gewachsen, sich innig werbend zu der Geliebten aufzuschwingen — da verflog die träumerische Weichheit in Cillys rosigem Antlitz, der Ausdruck kecken, selbstbewussten Trotzes, welcher es so oft beherrschte, trat wieder in demselben hervor, und ihre Augen blitzten seltsam zu ihm auf.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, finden Sie?“ sagte sie achselzuckend. „Je nun, oft wäre es wohl recht viel besser, die Menschen blieben allein und für sich, anstatt sich freiwillig Fesseln anzulegen, welche nur später drücken!“

„Rosenketten drücken nicht!“

„Wenn Menschen, welche nicht zusammen passen, sie gemeinschaftlich tragen müssen, drücken selbst solche Rosenketten!“

„Was verstehen Sie unter ‚nicht zusammen passen‘?“

Sie lachte und zuckte die Achseln. „Nun, Starrköpfe, die sich nicht ineinander fügen können!“

„Eine Frau soll immer das weiche Wachs in den Händen des Gatten sein!“

Sie faltete die feinen Augenbrauen schier zornig zusammen. „Natürlich, die Frau soll sich fügen, dulden — ertragen! Die Frau soll Sklavin sein und die Launen ihres Tyrannen gutheissen! Welch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Die brutale Gewalt des Stärkeren dürfte an dem neunzehnten Jahrhundert scheitern, in welchem hoffentlich Geist und Verstand des Weibes jenes Männervorrecht, uns unter die Füsse treten zu dürfen, aufheben wird!“

„Unter die Füsse treten? Ich glaube, es gibt keine grössere Machtstellung auf der Welt als die eines liebenden und geliebten Weibes! Der Mann beugt seine Knie vor der Königin seines Herzens!“

„Einmal im Leben! Vielleicht bei seiner Werbung, und solche Sentimentalität und zeitraubende Förmlichkeit haben die modernen Männer auch schon längst gestrichen! Aber dennoch wird solch ein imaginärer Kniefall zeitlebens als eine schreckliche Sklavenarbeit ins Treffen geführt!“

„Wenn unsere nüchterne Zeit wohl auch zumeist von einem Beugen des Knies absieht, so ist doch die ganze Werbung eines Mannes ein demütiges Sichneigen vor der Geliebten!“

Ihre Wangen flammten heisser, ihre Stimme klang immer erregter und die dunklen Augen sprühten ihm entgegen wie in Spott und Kampfeslust. „Ist es denn wahrlich eine solche Überwindung, eine solche Erniedrigung für einen Mann, dem Mädchen, von dem er so viel — alles verlangt — zu sagen, dass er sie liebt?“

Auch Alfred schoss das Blut in den Kopf.

„Ich möchte wohl sehen, ob sich je eine der demütigen, engelsmilden, entsagungsvollen Frauen dazu verstehen würde, solch ein ‚Bettelwort‘ auszusprechen!“ antwortete er gereizt.

Cilly blieb stehen und ward schon allein bei solch einem Gedanken leichenblass. „Wir ... wir Mädchen auch noch die Liebeserklärungen machen? — eher sterben! — Tausendmal lieber sterben!“

„Aha!“

„Nicht aus Hochmut, nicht aus Trotz — wie Sie eben anzunehmen scheinen! Aber aus Stolz — dem edlen weiblichen Stolz und Schamgefühl, welches sich vor einem Manne nichts vergeben darf!“

„Wenn das neunzehnte Jahrhundert mit der abhängigen Stellung des Weibes aufräumen soll, so muss es auch mit allem, was daraus hervorgeht, brechen! Eine Frau, welche den Mann als völlig gleichartiges Wesen ansieht, braucht sich nicht mehr zu schämen, noch zu erröten; die Frau der Zukunft vergibt sich nichts mehr, wenn sie um einen Gatten wirbt, den sie anständig ernähren kann. Sie sprechen so wegwerfend von einer Liebeserklärung — gut, heiraten Sie doch mal einen Mann, zu welchem Sie das entscheidende Wort sagen!“

Sie knäulte das Spitzentuch zwischen den bebenden Händen. „Nie, Nie! Ich verlange von meinem Zukünftigen den Kniefall, welcher ihn zu meinem Vasallen macht!“

„Gut! Und ich verlange von meiner Zukünftigen, dass sie mich so glühend, so über alles liebt — dass sie mir ihre Liebe gesteht!“

Cilly starrte ihn an, als habe sie nicht recht gehört.

„Ich schwöre es Ihnen — ich verlange eine Liebeserklärung und einen Kniefall.“

„Und ich schwöre es Ihnen ebenfalls — ich heirate nur eine Frau, welche mir selbst ins Ohr flüstert, dass sie mich liebt! Den Kniefall erlasse ich ihr vielleicht, obwohl mir derselbe auch recht angenehm wäre!“

„Empörend! Ich hoffe, darauf warten Sie bis an Ihr Lebensende!“

„Wer weiss!“

Sie wandte ihm schroff den Rücken und stürmte den moosigen Abhang hinab, mit bebenden Lippen, den Arm ihrer Freundin Alice zu nehmen.

Der schöne, goldensonnige Herbsttag aber endete mit Sturm und Regen.

Sie sahen sich oft und viel danach, sie verkehrten in alter Weise, nur dass sich manch ironischer Blick, manch spitzes Wort in das Geplauder schlich, und dabei drückten sie sich beide den giftigen Pfeil Amors immer tiefer und rettungsloser in die Herzen.

Sie liebten sich beide — doch keines wollt’ es dem andern gestehn, sie sahen sich an so feindlich, und wollten vor Liebe vergehn! — Welch eine qualvolle bittere Zeit sehnenden, glühenden Hangens und Bangens!

Cillys flehender Blick warb um Liebe, — ihre Eitelkeit brannte darauf, einen süssen, grossen Triumph über den Geliebten zu feiern.

Mit allen erlaubten Mitteln reizender Koketterie versuchte sie, den starrköpfigen Verehrer vor ihre Füsse niederzuzwingen, und Freddy wiederum bot alles auf, was in seinen Kräften stand, den Funken der Liebe in ihrem Herzen zur Flamme zu schüren.

Welch ein glühendes, leidenschaftliches Werben auf beiden Seiten, und welch ein spröder Stolz, welch ein Eigensinn und Trotz bei jedem, den begonnenen Kampf zu Sieg und Ehren durchzuführen!

Umsonst, kein Nachgeben, kein Weichwerden hier oder dort! Das anfängliche Spiel war ernst geworden; die Brücke hinter jedem war abgebrochen, und doch standen sie einander gegenüber und breiteten voll qualvoller Sehnsucht die Arme aus: „Komm!“ — Wer aber sollte nachgeben?

Cillys spröder Stolz bäumte sich auf gegen das Ungewöhnliche und Herausfordernde einer Annäherung von ihrer Seite. — Jetzt, der entscheidenden Tatsache gegenübergestellt, sah sie es erst ein, wie weit entfernt sie davon war, eine „moderne Fortschrittlerin“ der Frauenbewegung zu sein, und wie tief und unlöslich die alten Grundsätze und Ansichten der Mutter und Grossmutter auch in ihrem Herzen wurzelten.

Sie wäre gestorben vor Scham und Verlegenheit, hätte sie dem Geliebten auch nur mit einer Silbe gestehen sollen, wie verzweifelt und trostlos es in ihrem Herzen aussah, wie die Liebe sie zu der Sklavin des erwählten Mannes gemacht, ohne dass er ihr die Händchen mit Rosenketten gefesselt! Oft schon deuchte es ihr wie ein Verbrechen, wenn ihr Blick — ihr Händedruck ihm mehr verrieten, als es die strenge Sitte erlaubt, und doch war sie ihrem Empfinden gegenüber oft so willenlos!

Ach, wie bereute sie ihren törichten Trotz, ihre unüberlegten Worte so bitter, welche sie an jenem unglückseligen Herbsttag so ewig weit von allem Glück geschieden hatten! Sie sah, dass Alfred sie liebte, — sie standen einander so nah, — ach so nah, dass sie nur einander in die Arme zu sinken brauchten, um für ewige, glückselige Zeiten vereint zu sein, und doch lag ein selbst aufgerissener Abgrund zwischen ihnen — —: „der liess sie zusammen nicht kommen, das Wasser war gar zu tief!“ —

O der bitteren Pein! —

Alfred sah und empfand genau, welch ein holder Wandel in dem Herzen der Geliebten vor sich gegangen war, wie das Leid der Sehnsucht allen Trotz und Eigensinn ausgerottet hatte; er fühlte und empfand es ihr auch nach, dass sie es voll holden Schamgefühls nie zuwege bringen würde, ihm die verlangte Liebeserklärung zu machen, — ja, jetzt, bei ruhiger, kühler Überlegung wäre es ihm sogar höchst unangenehm und der Geliebten unwürdig erschienen, hätte sie sich zu einer Liebeserklärung emanzipieren wollen!

Aber was beginnen?

Er, als Mann konnte und durfte in diesem Streit nicht nachgeben. Er würde damit für alle Zeit bei ihr verspielt haben, die alten Teufelchen des Trotzes und der Eitelkeit hätten schnell neuen Lebensodem aus dieser seiner Schwäche gesogen, und seine Ehe wäre auf dem morschesten aller Fundamente erbaut.

Er soll dein Herr sein! — Dies Wort ist und bleibt der Grund- und Eckstein für eine jede glückliche Ehe, und ein Weib, welches nicht die Würde und Überlegenheit des Mannes anerkennt, wird nie an seinem Herzen das Glück finden, welches sie erhofft und erträumt. Die schwache Natur des Weibes verlangt einen starken Halt und eine kräftige Stütze an dem Führer durch das Leben, — und ihr Glauben daran und ihr Vertrauen sind für ewig erschüttert, zeigt dieser Starke auch nur ein einziges Mal eine Schwäche, über welche sie triumphiert.

Nein, — zu seinem und zu ihrem Heil —! er durfte nicht nachgeben. Aber so wie bisher ging es nicht weiter; dieser unerträgliche Zustand konnte und durfte nicht länger andauern.

Da war Alfred auf einen guten Ausweg verfallen; er ersann eine List, welche hoffentlich zum Ziele führte.

Und nun war die Stunde gekommen, wo sich dies zeigen sollte.

Unter Lachen und Scherzen stand er vor dem Spiegel, und eine wohlbetagte Schneiderin und der Friseur verwandelten ihn in eine der reizendsten Spanierinnen, welche man sehen konnte!

Welch eine Taille! — Alfred biss die Zähne zusammen und sagte: „Ziehen Sie nur fest zusammen — ich halte es noch für zwei Zentimeter enger aus! — Und der Fuss! Wahrlich, keine Dame brauchte sich seiner zu schämen! — Puder und Schminke taten das ihre, spanische Spitzen verschleierten, was nicht gesehen werden sollte, und jede Bewegung war nett und zierlich, wenngleich die Schneiderin schier sterben wollte vor Lachen und immer wieder mahnte: „Schwenken Sie die Röcke nicht so toll! Machen Sie kleine Schritte, Herr Naugardt! — Am besten ist’s, Sie setzen sich recht viel und lange hin!“

Das nahm er sich auch vor.

Eine Droschke rasselte vor die Tür, und Freddys bester Freund, Leutnant von Mirsch, sprang mit schnellen Schritten die Treppe empor.

„Ah, famos! Don Carlos! Also du hast dir dieses teure Kostüm doch andrehen lassen, alter Junge! Sehr hübsch! Schwarzer Samt und rote Seide! Ha, ich wünschte, ich könnte dich meiner Mutter mal, wenigstens von fern, zeigen!“ —

Mirsch brach in stürmische Worte des Beifalls aus, als die allerliebste Spanierin ihm sehr kokett die Hand zum Kusse bot, und wenige Minuten später fuhren „Monsieur et madame“ dem hellerleuchteten Ballsaal entgegen.

Cilly sollte das Kostüm einer Odaliske tragen — aber Alfred stand dennoch geraume Weile und liess den bunten Maskenschwarm an sich vorübertosen, ehe er die Geliebte zu erraten glaubte. Da wirbelten mehrere Türkinnen im Tanz an ihm vorüber — nein ... keine von all diesen konnte Cilly sein! Endlich blitzt und funkelt es ihm grell in die Augen, weiche Seidenstoffe glänzen vor seinem Blick, und in der vollen, verführerischen Schönheit, so wie Sichel seine Odaliske gemalt, steht Cilly unter schwarzer Halbmaske vor ihm.

Erregt legt sie ihren weissen, samtweichen Arm auf den seinen.

„Endlich, Alice! Wo um alles bleibst du?“ flüstert sie mit unverstellter Stimme; „wir hatten doch verabredet, dass wir uns unter der Kaiserbüste dort treffen wollten!“ —

Alfreds Herz schlägt hoch im Halse. Er presst ihren Arm fester und fester an sich. „Ich wollte mich soeben zu Majestät durcharbeiten,“ flüsterte er mit piepsender Stimme; „ich stand ja hier wie eingekeilt!“

Cilly lacht und kneift ihn in den Arm. „Warum sprichst du denn so albern? Mir gegenüber brauchst du doch die Stimme nicht zu verändern?!“

Er kichert in hellem Diskant: „Doch! Doch! Ich will mich üben! Mama sagt, so wie man einmal mit eigener Stimme spricht, fällt man den Herrn gegenüber auch aus der Rolle!“

„Meinetwegen!“ seufzt die reizende Odaliske, „ich will es ja gerade, dass er mich bald erkennen soll! Ach Alice — heute — oder nie!“ —

„Ist er denn schon da?“

„Ja; ich sah ihn — und ich hefte mich an seine Fersen! Ich sage ihm — dass ich aus der Hand die Zukunft lesen kann — und dann nenne ich ihm ... aber du weisst ja schon — — kennst ja meinen Schlachtplan — ich muss heute siegen — ich muss Gewissheit haben — ich ertrage es nicht länger ...“

Alfred vermeint, die Welt drehe sich im Kreise um ihn! Welch eine Wonne! Jetzt schon — so schnell kam der Augenblick, wo er sie zu weiterem Geständnis drängen kann! Er legt den Arm voll kühner Leidenschaft um sie, — er ist ja Alice!

„Komm — setz dich dort zu mir — lass uns plaudern —“ flüstert er.

„Wo denkst du hin? Das können wir morgen! Jetzt will ich ihn suchen und ihn hoffentlich für immer finden!“ — Und schnell wie der Gedanke entwindet sie sich ihm, und da gerade ein lustiger Matrose vorübereilt und sie in übermütiger Weise mit sich fortzieht, so wirbelt Cilly im Tanze dahin, schneller und überraschender, als die schöne Spanierin es sich träumen lässt.

Ungestüm will er ihr nacheilen — aber ein Harlekin und ein Mephisto nehmen unter krähendem Jubel das „schöne Spanien“ gefangen, und bis Freddy sich mit etwas handfester Ungeduld von ihnen befreit hat, ist die Odaliske und ihr Tänzer im dichten Menschenschwarm verschwunden.

Er eilt hin und her ... er sucht mit den Blicken ... endlich sieht er die Goldmünzen leuchten — ah ... spasshaft — sie schreitet an dem Arm seines guten Mirsch, des schwarz-roten Don Carlos dahin. Wie sie sich an ihn anschmiegt — wie sie zu ihm aufflüstert ... Der Tausend, ja! —

Mit kräftigen Armen bahnt sich die Spanierin ihren Weg — schon nähert er sich ... da zieht Cilly den etwas widerstrebenden Carlos mit sich in das Gewoge der Tanzenden — ihr Köpfchen sinkt an seine Brust — sie schweben davon!

Hält sie jenen Don Carlos etwa für ihn? Das wäre eine schöne Bescherung! —

Fiebernd vor Aufregung stürmt Alfred ihnen abermals nach — aber wie schwer hält es, in dieser Menschenmenge und dem riesengrossen Hotelsaal einem tanzenden Paare zu folgen! Dazu die aufdringlichen Herren, — welche mit ihren Artigkeiten die „holde Schöne“ verfolgen, sie umringen oder ihr den Weg versperren! —

Freddy möchte am liebsten die Maske herunterreissen und sie mit bärtigen Lippen hohnvoll zärtlich anlächeln!

Jetzt ... da stehen sie wieder jenseits an der Wand! Ist Cilly von Sinnen? Sie löst eine Rose von der Brust und reicht sie dem Stockfisch von einem Mirsch ... als ob ... ja, fraglos! was will er denn — dies alles gilt ja ihm selber, ihm, Alfred! — Aber zum Kuckuck noch eins, wenn Mirsch Feuer fängt? Na ja — er neigt sich schon recht tief ... Er küsst ihre Hand — Wie ein Rasender bahnt Freddy sich einen Weg. Ha! keine zwei Schritte mehr entfernt — und dahin wirbeln sie abermals!

Ein Gefühl glühender Eifersucht überkommt den armen Verliebten! Er, welcher Cilly durch kleine Einflüsterungen eifersüchtig machen und ihr das Geständnis der Liebe entlocken wollte, er fühlt sich plötzlich selber von den Flammen dieser Leidenschaft ergriffen.

Ausser sich folgt er — eilt hin und her ... aber es ist, als ob alle bösen Geister sich gegen ihn verschworen hätten, er erreicht das unruhige, tanzlustige Pärchen nicht.

Da überkommt es ihn wie dumpfe Resignation, er wendet sich nach der kleinen Seitennische, wo die Marmorbüste des Kaisers an der Wand glänzt, und wo in lauschigem Grün trauliche Ruheplätzchen winken.

Dort ist es noch etwas menschenleer, denn alles drängt der Mitte des Saales zu, wo ein paar Gaukler lustige Possen treiben.

Da klingt und klirrt es leise neben ihm; atemlos, sichtlich hocherregt, stürmt die reizende Odaliske herzu, wirft sich neben ihm auf das Polster, schlingt ausser sich die Arme um ihn und drückt das Antlitz auf seine Schulter.— „Alice!“ schluchzt sie auf, „alles ist verloren! — Er liebt mich nicht — er liebt eine andere — alles war nur falsches Spiel von ihm — —“

Freddy wagt kaum zu atmen, aber drückt die zitternde Gestalt an sich. „Was denn — um alles in der Welt — sprich —!“ murmelt er.

„Erst nahm er all meine kleinen Avancen sehr überrascht an — er schien mich nicht zu erkennen, oder besser, er wollte es nicht! — Als ich ihm die Rose gab — flüsterte er plötzlich, wie in höchster Überraschung: ‚Gretchen? — Gretchen? — könntest du es sein? — Schelm — hast du etwa eine Perücke auf?‘ — Ach Alice — das war echt — das war keine Verstellung — er hielt mich für Grete Markwitz ... er nannte sie du ... er ist einig mit ihr — o, und Mirsch war gewiss nur Elefant — für ihn — und wir dachten, Mirsch werbe selber um Grete ...“ Leidenschaftliches Schluchzen unterbrach die Worte, Cilly schob die Maske ein wenig hoch und trocknete die Augen.

„War’s nicht doch etwa nur Zufall?“ flüsterte Freddy, kaum noch seiner mächtig.

„Nein!“ stiess Cilly verzweifelt hervor — „ich spielte für ein paar Minuten Gretes Rolle ... und da — ach, da erfuhr ich alles; — sie sind heimlich verlobt!“

„Grete und Mirsch?“

„Unsinn! mit ihm ist sie verlobt — mit ihm! mit Freddy! — Ach Alice — das überlebe ich nicht!“

Die schöne Spanierin zog die Unglückliche noch näher an sich. „Und du hast Alfred Naugardt wirklich so sehr geliebt?“

Cilly presste nur die Hände wie in stummem Schwur gegen die Brust. „Warum fragst du noch, Alice, du weisst es doch! Ja, ich habe ihn geliebt und liebe ihn noch — und werde ihn immer lieben, und wenn er auch nur ein frevles Spiel mit mir trieb — wenn er mich strafen wollte für meinen Trotz und über mich triumphieren — ach, Alice — ich liebe ihn dennoch!“

Wie ein leiser, qualvoller Aufschrei klang es, aber er verhallte in dem brausenden Jubel, welcher die Gaukelkünste der beiden Zauberer belohnte.

Freddy aber beugte sich ein wenig, schob die Maske zurück und rief mit glückzitternder Stimme nur ein einziges Wort: „Cilly!“ —

Sie starrte ihn an — sie erbleichte bis in die Lippen, unfähig, sich zu regen, er aber drückte voll jauchzender Wonne Kuss um Kuss auf ihr tränen-überflutetes Antlitz und sagte lächelnd: „Nun du es mir selber gesagt hast, Cilly, dass du mich lieb hast, nun glaube ich’s auch!“ —

Niemand fiel es auf, dass zwei gute Freundinnen den ganzen Abend auf dem Divan zusammen sassen, eine Odaliske und eine Spanierin, und dass sie sich aneinanderschmiegten und so leis, zärtlich und vertraut plauderten wie ein Brautpaar!

Ja, warum sollen sich zwei so reizende junge Mädchen nicht auch dann und wann küssen? Sie waren wohl beide noch recht jung. Sie tanzten auch sogar zusammen, was bei dem Trubel und der Karnevalsstimmung auch nicht sonderlich auffiel.

Nur Cillys Mama schüttelte einmal im Vorübergehen den Kopf und sagte: „Aber Kinder, ihr seid ja wieder wie die Kletten unzertrennlich! Geht man darum auf einen Maskenball?“

Da nahm sie „Alice“ eifrig beiseite, man flüsterte lebhaft — die Spanierin lüftete ein wenig die Maske, und die zukünftige Schwiegermama fiel vor Überraschung beinahe in Ohnmacht.

Noch vor der Demaskierung waren die drei alsdann verschwunden. Anderntags aber gab’s viel in der Gesellschaft zu erzählen — Cilly und Alice hatten sich verlobt, — — aber die schöne Spanierin trug ein Schnurrbärtchen unter der Maske und hiess Freddy Naugardt!! —

Der verkannte Puttfarken

Humoreske

Der Sonnabend war ein ereignisreicher, viel besprochener Tag. Die verwitwete Gräfin P. liess nämlich an diesem Tage Theater spielen, wie Alt und Jung, Hoch und Niedrig der kleinen Residenzstadt in Erfahrung gebracht hatte, und die Tatsache, dass Komtesse Lilly, ihre Tochter, am Sonnabend das zwanzigste Lebensjahr vollendete, entlockte den Missgünstigen scharfe Kritik, den Wohlwollenden ein duldsames Lächeln und ein Achselzucken, welches deutlich aussprach: „Warum soll sie nicht? Der Zweck heiligt die Mittel.“

„Hm — und wer ist Komtesse Lillys Partner?“ klang es immer wieder an das Ohr der Gräfin. Diese entfaltete unendlich gleichgültig den Fächer. „Unser kleiner Fähnrich! Der jüngste Sohn unserer verehrten Exzellenz Trossen. Lilly geniert sich so sehr, mit avancierteren Herren zu spielen. Herr von Rupert wird den Etienne, die Hofdame der Herzogin die Gabriele, meine Lilly das Dörtfieken und der Fähnrich den Pot au feu in den ‚Brandenburgischen Eroberungen‘ spielen.“

Darob klärten sich dann regelmässig die Mienen der fragenden Damen auf.

Und nun war der ersehnte Sonnabend gekommen! In der eleganten Villa der Gräfin entwickelte sich ein reges Hasten und Treiben, um alle Vorbereitungen für die ereignisreichen Abendstunden zu treffen.

Währenddessen sass die Gräfin in eleganter Morgentoilette in ihrem Boudoir und ordnete mit Lilly die Blumen.

Die kleine Mama liess einen Moment die brillantblitzenden Händchen sinken.

„Bis jetzt ist mir alles nach Wunsch gegangen, Lilly!“ seufzte sie leicht auf. „Mein Schlachtplan hat sich glänzend bewährt! Dass du mit Rupert und dem Fähnrich spielst, hat verschiedentlich gute Folgen gehabt. Erstlich hat es die neidischen und missgünstigen Augen getäuscht und sie auf ihrem Beobachtungsposten während der Proben eingeschläfert, und zweitens hat es Graf Kurt ganz ausserordentlich gereizt. Der Vielbegehrte sah sich zu seiner Überraschung nicht begehrt, und das hat seine Wirkung nicht verfehlt.“ —

Lilly neigte das blonde Köpfchen noch tiefer auf die Blumen nieder.

„Glaubst du? Ich habe wirklich nichts bemerkt!“

„Aber, Kind! dann musst du blind geworden sein! Er hat noch nie einer jungen Dame so auffallend viel Aufmerksamkeit erwiesen wie dir, und du hast dich auch vortrefflich dabei benommen, ganz so, wie ich es von dir verlangte, manchmal sogar etwas zu kühl. Das war während der Proben durchaus am Platze; heute aber, wo der Würfel fallen soll, muss die Taktik vollständig geändert werden. Du hast Zeit, während der Pausen ein wenig mit ihm zu kokettieren — und gelegentlich des Soupers, wo er an deiner anderen Seite sitzt, musst du mit allen erlaubten Mitteln auf ihn wirken. Wie ich den Grafen bisher beobachtete, wird er sich heute abend sicher erklären, wenn du meinen Winken folgst.

Lilly presste die feinen Lippen herbe zusammen.

„Er ist mir so unsympathisch! Ich werde ihn niemals lieben können,“ klang es bebend über ihre Lippen, und die grossen, blauen Augen füllten sich mit Tränen. „Ach, Mama — liebe, beste Mama —“ Sie verstummte ängstlich unter dem kalten, strengen Blick, welcher sie traf.

„Namen, Vermögen und Stellung des Grafen entsprechen den Anforderungen, welche ich an deinen zukünftigen Gatten stelle!“ schnitt die Mutter sehr energisch jeden weiteren Einwand ab. „Bilde dir nicht ein, dass ich jemals einem unbemittelten Freier das Jawort geben werde — nie — selbst dann nicht, wenn er so verliebte Augen und so schöne Verse machen könnte wie Herr von Rupert!“ Ein ironisches Lächeln spielte um die Lippen der Sprecherin, dann erhob sie sich.

Mit leisem Frou-Frou rauschte die Schleppe über den dicken Teppich, und die Portieren fielen hinter ihr zusammen.

Einen Augenblick noch verharrte Lilly regungslos, wie unter dem Bann der kalten Grauaugen, welche so berechnend und lieblos nicht nur in die Welt, sondern auch auf das einzige Kind blickten. Dann schlug das junge Mädchen die Hände vor das Antlitz und weinte bitterlich.

Keine Hoffnung! — Trostlos schwarz liegt die Zukunft vor ihr, und der heutige Abend, auf welchen sich alle so sehr freuen, macht ihr das Herzchen zum Sterben schwer.

Währenddessen flogen die Stunden dahin und die ersten Schleier der Dämmerung breiteten sich über die kleine Residenz aus.

Leutnant von Rupert stand in seiner einfachen, aber sehr behaglichen Junggesellenstube. Ein Zug ernster Schwermut lag auf dem hübschen Gesicht, ein leiser Seufzer stahl sich über seine Lippen. Nun war die selige, goldene Zeit der Proben, des täglichen Sehens mit der Geliebten vorüber, und wer weiss, wann er jemals Gelegenheit findet, Lilly zu sagen, wie unaussprechlich, wie über alles er sie liebt! Es ist eine hoffnungslose, trostlose Liebe, das weiss er, denn das Geld macht harte Herzen, und die Gräfin trennt sich nicht von ihrem Reichtum. Sie sucht einen reichen Mann für ihre Lilly — und sie wird ihn finden, denn wer bliebe den süssen Kinderaugen der Geliebten, dem rosigen Gesichtchen, dem engelhaft milden und fügsamen Lächeln gegenüber kalt? — Niemand! Graf Kurt auf die Dauer am wenigsten, das hat er mit dem scharfen Blick der Eifersucht längst beobachtet.

Ein klirrendes Geräusch lässt den Denker aufschrecken.

Neben ihm auf der Erde kniet sein Bursche und füllt im Schweisse seines Angesichts einen kleinen Koffer mit so wunderlichem Zeug, dass dem biederen Puttfarken vor Staunen Mund und Nase offen stehen: Eine ganz „verdeiwelte“ Perücke von weissen, gelockten Haaren, einen Federhut, wie ihn kaum die Lakaien im Schloss bei festlichen Gelegenheiten tragen, und Rock und Hosen — ei du mein leiver God! — so ’was muss wohl noch von dem ältesten Ältervater des Herrn Leutnants herstammen! Na, Krischan Puttfarken wird sich hüten und ein Wort darüber verlauten lassen. Es ist ja dem Herrn Leutnant seine Sache, ob er sich vorschriftsmässig anzieht oder nicht — aber der Säbel, dieses heillose Ding, wie er in der ganzen deutschen Armee nicht mehr vorkommt — wenn den der Herr Oberst sehen sollte — und sogar nicht ’mal ordentlich geputzt — Grundgütiger — das kostet ja beiden den Kragen, dem Herrn Leutnant sowohl wie dem Krischan Puttfarken. — Und dieser Gedanke erschreckte den wackeren Grenadier dermassen, dass er den Säbelkorb nach unten hielt und die rostige alte Klinge klirrend aus der Scheide schiessen liess.

Schon springt Herr von Rupert auf und steht neben ihm. „Puttfarken — Schafsdämel — was hast du denn nun schon wieder gemacht?“ stöhnte er auf, wie ein Mensch, der auf das Schlimmste gefasst ist.

Das rotlackierte Gesicht mit den hellen, wasserblauen Augen wendet sich ohne sonderlich geistigen Ausdruck dem Frager entgegen. „Dat wier man blus dei olle Düvelspicke!“ sagt er in mild beruhigendem Ton und fährt mutig fort: „Soll di ok mit? Dorub is doch gor keen Verlat nich, dei splittert, wenn man blos mit in ’n Kaffeepott rührt; draufslahn könn’s mit dem Ding nirgend nich, Herr Lütnant!“

„Narrheit! Pack den Degen ein — es ist die höchste Zeit! Hast du alle anderen Sachen genau so in den Koffer gepackt, wie ich sie dir hingelegt hatte?“

„Is allen’s propper in’.“

Herr von Rupert sieht mit misstrauischen Blicken umher. „Auf den Degen ist kein Verlass, aber auf dich auch nicht!“ grollt er. „Wenn ich nicht alles selber bedenke und besorge, bin ich blamiert. Du denkst eben nie für deinen Herrn. — Wenn ich nicht an Brot und Wurst dächte, könnte ich manchen Abend verhungern!“

Puttfarken neigt seufzend und schuldbewusst das strohgelbe Haupt: „Dat füll allens schun waren,“ nickt er phlegmatisch; „der Herr Lütnant sin jo alle Abend utladen —“

„Kerl — zum Schockmillionen — widersprich nicht immer! — Ich habe lange genug Geduld gehabt; bei der nächsten Gelegenheit fliegst du in die Kompagnie zurück!“

Das „Befehl, Herr Lütnant!“ blieb aus. Die treuherzigen Augen starrten den Sprecher so wehmütig an, dass dieser sich jählings abwendete.

„Pack’ weiter! Wir müssen gehen.“

Und Puttfarken packte, und vor seinen Ohren schwirrten die Worte: „Aber auf dich ist auch kein Verlass!“ Ach, es war ja leider eine traurige Wahrheit, dass sein Herr schon unendlich viel Ärger mit ihm gehabt hatte! Jeder andere Offizier hätte ihn längst in die Kompagnie zurückgesteckt, aber der stets so freundliche, gute Rupert wetterte höchstens ’mal mit einigen Kraftworten los und hatte doch immer wieder Geduld und Nachsicht mit ihm.

Krischan Puttfarken seufzte tief auf und drückte noch einmal mit dem Knie recht nachdrücklich auf die eingepackten Sachen, damit sie hübsch glatt im Koffer liegen sollten.

„Kerl — bist du rein des Teufels? Das ganze Spitzenkoller verknüllt ja und wird platt wie ein Pfannkuchen! — Und der Federhut! — Hast du den rein vergessen, dass du wie unsinnig darauf ’rumstampfst?“

Und aufs höchste erregt schob Rupert den verdutzten Grenadier beiseite und schloss den Koffer. — Da hatte er’s ’mal wieder! So gut gemeint von ihm und doch war’s dem Herrn Leutnant wieder nicht recht!

„Wo sind die Schminkdosen eigentlich? Hast du den Zettel bei dem Friseur abgeliefert, und hat er dir die Sachen mitgegeben?“

Krischan versicherte eifrig, dass alles besorgt sei; der Herr „Frinzeur“ wollte die Sachen gleich direkt ins Theater schicken.

„Ins Theater?!“ —

„Jo — ik hevv ihm seggt, dat de gnä’ Herr hüt in der Komödie spölen duht. — He wullt’s ersten gor nicht gloven un’ meent, dat wir nich in Deather in’, — awerst ik bedüt’ em —

„Und er hat ins Theater geschickt?“

„Up min Veran’wortung, seggt he!“ — triumphiert Krischan und wirft sich in die Brust.

Rupert schlägt nur die Hand gegen die Stirn. „Sehr erfreulich! Können wir den Umweg machen und die Sachen erst wieder abholen! Marsch — nimm den Handkoffer! — Nun heisst’s Schritte machen.“

„Nee, Herr Lütnant, hüt hevv ik de Droske nich wedder vergeten!“ strahlte Puttfarken siegesbewusst.

„Eine Droschke — heute, bei dem köstlichen Wetter?“ — schreit Rupert entsetzt auf. „Heute — wo ich schon so viele Ausgaben diesen Monat hatte —?

Bei dem tollen Hundewetter neulich zu Fusse laufen — und heute bei Sonnenschein fahren? — Na man tau — Wie Krischan will — ich halte still!“ — philosophiert er halblaut, und da gerade die fatale Droschke vor das Haus rollt, schreitet er dem bestürzten Burschen voran, die Treppe hinab.

Puttfarken stehen die Tränen in den Augen. Nein, er kann es nicht recht machen, beim besten Willen nicht!

Zuerst geht’s nach dem Theater, um wieder gut zu machen, was Krischan falsch gemacht. — Wie ein Stich geht es dem zerknirschten Grenadier durch das Herz, dass der Kutscher für diese Extrastation fünfzig Pfennig mehr berechnet, als sie fünf Minuten später vor der eleganten Villa der Gräfin hielten.

Trübselig klettert er von dem Bock herunter und ergreift den Handkoffer, um hinter seinem Herrn die teppichbelegten Stufen emporzusteigen.

„’Abend, Friedrich! — Herrengarderobe oben?“

„Befehl, Herr Leutnant, eine Treppe höher! Die Frau Gräfin lassen bitten, dass der Herr Leutnant zuvor einen Augenblick in den Salon treten und den Burschen so lange warten lassen möchte.“

„Schön — soll sofort besorgt werden. Krischan, lass’ dich zur Herrengarderobe weisen und warte dort!“

Herr von Rupert schwenkt seitwärts durch die Portiere ab und tritt, während Puttfarken schwerfällig eine Treppe höher stampft, in den ihm so wohlbekannten grossen Salon, an welchen sich manch’ liebe, traute Erinnerung der Probezeit knüpft.

Lilly ist noch nicht anwesend, nur die üppige, kleine Gestalt der Gastgeberin rauscht ihm in jugendlicher Toilette und in sichtbar grosser Erregung entgegen.

„Mein bester Herr von Rupert — ist Ihr Bursche mit hier?“

Der junge Offizier sieht die Fragerin ein wenig überrascht an.

„Allerdings, gnädigste Gräfin. — Sind vielleicht noch Befehle für ihn, so bitte ich vollständig über Krischan zu verfügen — ihm aber, wenn möglich, etwaige Bestellungen schriftlich zu geben!“

„Wir sind in grösster Verlegenheit, lieber Herr von Rupert! Denken Sie doch, Dreischke, der Kulissenschieber, lässt eben melden, dass seine Kinder am Scharlachfieber erkrankt sind. — Selbstverständlich darf er mir nicht das Haus betreten! Was sollen wir nun anfangen? Meine Dienerschaft ist ausgeschlossen — die Lohndiener sind bei dem Fest des Kriegervereins beschäftigt. — Es bleibt nur noch eine Hilfe — Ihr Bursche!“

Rupert hob in entsetzter Abwehr die Hände. „Fordern Sie Ihr Schicksal nicht derart leichtsinnig in die Schranken, gnädigste Gräfin! Sie kennen Krischan Puttfarken nicht! Sie ahnen nicht, welch’ einen Geist Sie mit ihm rufen!“

„Ist er so ungeschickt?“

„Mehr noch als das — Sie riskieren alles bei ihm!“

Die Gräfin lacht. „Je nun — eine grosse Dressur ist ja durchaus nicht für seine Leistungen nötig! Er steht lediglich in der Ecke der ersten Kulisse und lässt den Vorhang sich heben und senken.“

„Selbst die kleinsten Ursachen genügen für einen Krischan, um die ungeheuerlichsten Wirkungen dadurch zu erzielen!“

„Sie übertreiben, Rupert! Ich übernehme alle Verantwortung!“

„Wenn Frau Gräfin mir das versprechen wollen, gut! — Ich wasche meine Hände in Unschuld.“ —

„Waschen Sie, cher ami — und senden Sie Krischan, den so schwer verleumdeten, sogleich zu mir, ich will ihn schnell mit Hilfe des Souffleurs in seinen Dienst einweihen. — Es wird vortrefflich gehen!“ —

Lachend winkte sie ihm zu, und Rupert kreuzte die Arme resigniert über der Brust: „Tu l’as voulu, George Dandin! Nun müssen Sie auch die Konsequenzen tragen!“ — Und er stürmte die Treppe empor, um seinen so unzuverlässigen „Knappen“ in aller Eile mit den eindringlichsten Ermahnungen zu versehen und auf seinen Posten hinabzuschicken.

Krischan Puttfarken strahlte. Zwar stand er ein paar Minuten wie geblendet von all dem Ungewohnten vor der Frau Gräfin und dem Souffleur, aber er verstand über Erwarten schnell, was man von ihm wollte, und liess den Vorhang mit aller Verve sich heben und senken, je nachdem der Souffleur ihm einen Wink gab.

Nun stand er mit glühendem Kopf in sein schmales Eckchen zur Seite der Bühne gedrückt und hatte das Gefühl, als ob das gesamte Weltall feurige Kreise um ihn zöge. Es war das erste Mal im Leben, dass Krischan Puttfarken einer Theatervorstellung beiwohnte.

Mit starren Augen blickte er hin auf die Bühne, auf welcher sich ganz wunderlich kostümierte Leute versammelten. — Beim Himmel, da war auch sein Leutnant! — Aber wie sah er aus! Beinah’ hätte er ihn in der grossen Lockenperücke und in dem seltsamen Rock gar nicht wiedererkannt.

Und nun nochmals die Klingel. — „Aufziehen!“ ruft der Regisseur. Krischan schrickt nervös zusammen und legt sich in die Riemen — „Rutsch“ geht der Vorhang in die Höhe — tadellos!

Puttfarken atmet hoch auf und trocknet sich den Schweiss von der Stirn. Er ist noch so völlig benommen, dass er nur wie geistesabwesend auf die Bühne starrt und die wunderlich angezogenen Menschen auf derselben sprechen hört, ohne den Sinn ihrer Worte zu verstehen. Puttfarken bekommt endlich ein bisschen Klarheit, was das alles bedeuten soll, aber diese Klarheit erfüllt ihn mit lähmendem, überraschendem Schreck. Es ist Krieg! Ganz plötzlich spricht sein Herr Leutnant von Einquartierung — Franzosen, — Überfall! Ei, du mein Himmel, das ist aber ’mal plötzlich gekommen! Das eine schöne Fräulein, welches seinen Herrn Leutnant ganz ersichtlich zu lieben scheint, muss sich auch furchtbar aufregen, denn sie stellt sich ganz lamentabel an und meint, der Leutnant, welchen sie komischerweise immer Etienne nennt, solle sich lieber nicht mit den Feinden einlassen. Aber da kommt sie an den Rechten! Der wettert nicht schlecht darauf los, denn so ein Überfall hat ’was auf sich! Richtig, jetzt stürmt er auch davon — gewiss um Alarm blasen zu lassen, denn wenn die Franzosen schon so dicht hier bei der Villa sind, heisst es wie der Teufel drauf und dran gehen!

Krischan Puttfarken bebt vor Aufregung an allen Gliedern.

Und die Dame, welche nun allein in der Stube zurückgeblieben (Puttfarken sieht nur sie, das Publikum bleibt ihm durch die Kulisse verborgen), scheint reine umzukommen vor Angst — sie eilt an das Fenster und ringt die Hände.

Komisch! Sie muss hinausblicken können, obwohl Krischan deutlich sieht, dass das Fenster eigentlich eine Tür und nur so angemalt und mit einer Gardine verhängt ist wie ein Fenster. Aber sicher hat sie ein Guckloch, denn sie beschreibt ja alles so deutlich, was sie sieht, dass dem braven Burschen sich die Haare sträuben vor Entsetzen. „Da stürmt er hin durch den Lindengang — ganz allein! — Wie ein Rasender kämpft er gegen den Feind — umzingelt — hilflos der Übermacht preisgegeben — und niemand eilt ihm zu Hilfe!“ — schreit die Dame gellend auf; gleichzeitig knattern draussen Schüsse. —

Krischan überkommt es wie wilde, sinnlose Verzweiflung. Keiner kommt seinem lieben Herrn zu Hilfe?! Oho! Auf den Krischan Puttfarken ist denn doch noch Verlass! — Der lässt seinen Leutnant nicht im Stich, und wenn’s das Leben kostet!

Und mit den Worten: „Töven’s ’mal — Frölen! Ik kümm’! Hei hat ja nur dei verdraxte Plembe, wo nix uthalen kann!“ — stürzt der biedere Grenadier über die Bühne, schiebt mit kraftvollen Armen die entsetzte Gabriele beiseite und schreit ununterbrochen: „Ik kümm! Ik kümm to Hülp!“ — Ein kraftvolles, leidenschaftliches Rütteln an der Tür — krachend fliegt dieselbe auf — die Dekoration bricht hernieder, und Krischan steht wie gelähmt und starrt — ebenso wie das gesamte Publikum des Saales — auf ein Bild, welches er nicht erwartet hatte.

Die Tür gewährt den Bick auf einen kleinen Flur, welcher durch eine Portière geteilt ist und von einer Gasflamme hell beleuchtet wird. Rechts vom Vorhange steht ein alter Major und dreht eifrig eine Maschine, welche die furchtbaren Schüsse so täuschend ähnlich hervorbringt, und ihm verborgen, links davon, steht Herr von Rupert und hält Dörtfieken — Lilly im Arm, just in dem Augenblick ihr einen Kuss gebend, als Puttfarken schnell wieder Blitz die Tür aufreisst. — —

Tableau! —

Ein ungeheurer Tumult erhob sich; Jubel, Rufen, Bravo klatschen. — Nur die Gräfin lag halb ohnmächtig in ihrem Sessel. Krischan Puttfarken zog den Kopf in die Schultern und gewann mit zwei Sätzen die rettende Treppe. —

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9788711469989
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