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Nataly von Eschstruth

Lebende Blumen

Roman

Saga

Lebende Blumen

© 1921 Nataly von Eschstruth

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711472859

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Erstes Kapitel

Wenn man die lange, tiefschattige Lindenallee, welche aus der Stadt heraus in die an und für sich recht reizlos flache Umgegend führt, bis zum Ende hinabgewandert ist, so wogt auf warmen Sommerlüften oder mildem Frühlingsodem ein fast berauschender Duft daher.

Woher?

Die Leute in der Stadt wissen es und ihr liebster Spaziergang führt sie hinaus in das Stücklein unverlorenen Paradieses, welches hier, vor all dem Lärm und Grossstadtgetriebe selig versteckt, ein märchenhaftes Dasein träumt.

Man muss schon dicht vor den gewaltigen Ligusterhecken stehen, wenn man einen Blick in dieses wonnevolle Reich von Knospen, Blüten und Früchten werfen will.

Ein hohes, spitzgiebeliges Ziegeldach ragt über die Gruppen erlesen schöner Bäume empor.

Im Frühling zauberhaft anmutig in allen lichten Farbenmischungen, von dem zarten, fast weissgrünen Leuchten der Silberpappel durch dicke Tuffs maifrischer Birken, Kastanien, Linden, Ulmen und Ahorn, bis zu dem voll gesättigten Braunrot der Blutbuche und -nuss.

Dazwischen lachen Jasmin und Syringen, schüttet der Goldregen sein gleissendes Füllhorn aus übervollen Zweigen, und der Rotdorn prunkt mit dem glühenden Pirus um die Wette, dieweil neben ihnen in reizendem Wettbewerb all die vielen Ziersträucher mit weit offenen Blumenaugen und ausgebreiteten Zweigarmen dem segenspendenden Himmel entgegenstreben.

Wie artigen Kindern hat ihr Wärter ihnen kleine Täfelchen umgehängt, wie schmucke Serviettchen, auf welchen ähnlich wie „Mamas Liebling“ die schönen Namen prangen, nach welchen der liebe Frühling seine Kleinen benannt haben wollte!

Wer diese anmutigen Lenzeskinder lieb hat, kann viel Reizendes hier schauen, immer neue Wunder an Form, Farbe und Duft, welche sich täglich frisch erschliessen, in oft verschwenderischer Fülle und Abwechselung.

So oft wie Gott der Herr sein allmächtiges „Werde“ über die ehemals so öde und dunkle Welt gerufen, so oft haben sich entzückende Blütenkelche erschlossen, haben helle, liebe Äuglein dankbar zu ihm emporgestrahlt!

An dem sehr alten, weissgetünchten Haus scheint alles zusammengetragen zu sein, was da rankt, klettert und sich in graziösen Gewinden an Blatt und Bäumen emporschlingt.

Da sind alle Rosen, Glizienias und Klematisarten vertreten, ihre neu importierten Schwesterchen aus Japan und Amerika sind bald zwischen ihnen heimisch geworden und grüssen die ungezählten Freundinnen aller Gattungen und Sorten, welche sich auf den breiten Rabatten vor dem Hause, sowie auf den samtweichen, kurzgeschorenen Rasenflächen der Gartenanlagen zu imposanter Fülle und Vollendung entwickeln.

Die Nachtigallen bauen ihre Nester dazwischen und Schwälbchen und Stare finden voll treuer Sehnsucht alljährlich den Weg hierher zurück.

Hinter dem Haus, dessen schneehelle Tüllstores in dem Sonnenglanz leuchten, dehnen sich weite Felder wie zauberholde Blumenteppiche, je nach Jahreszeit und Modegeschmack mit den Massen von Veilchen, Narzissen, Hyazinthen und Tulpen bedeckt, welche zu Tausenden auf den Markt hinauswandern.

Da weben sich alle Fäden, welche den ungezählten Menschenleben das Muster wirken, in die Formen hinein, zu welchem all die Blumen und Knospen gebunden werden.

Die Rosengirlanden, welche dem jungen Erdenbürger glückverheissend in das Taufbecken nicken, die feierlich schönen Konfirmationsbuketts und die fröhlichen Kotillonsträusschen im Geleit der duftenden Blumenarrangements für Festtafeln aller Art’ — das keusche, heilige Weiss von Mrythe und Orange, welche im Brautkranz zum Symbol der Liebe werden, bis die ernsten, dunklen Zypressen und Imortellen sich zum letzten Gruss für selig in ihrem Gott Gntschlafene, im Palmenschmuck zusammenschliessen!

Es ist eine gar beredte Sprache, welche die kleinen Blumen duften, aber nicht ein jeder Mensch hört und versteht sie, denn dieses Lallen geht nicht in das Ohr, sondern in das Herz ein, und es sind meist nur die ganz Gottbegnadeten, welche so fein mit dem Herzen hören können, dass ihnen der Blumenduft die seligsten und tiefsinnigsten Psalter der Ewigkeit singt! Das ist ein ganz besonderes Himmelsgeschenk von dem, welcher sich selber den „guten Gärtner“ genannt hat, nicht nur für die Blümlein, welche draussen in Feld und Garten wurzeln, sondern vielmehr für all die zarten, liebreizenden Menschenblüten, welche er so gern hegt und pflegt, durch seine Gnadensonne erwärmt und erfreut und durch milden Regen nach Hitze und Wettergraus erquickt und stärkt.

Sie müssen nur kommen und den so freundlichen und barmherzigen Gärtner bitten, dass er sie als die Seinen anerkennen und freundlich in seine treue Hand schreiben will.

Dann fehlt es an keinem Guten, nur geduldig ausharren müssen sie in der Trübsalshitze und Gewitternot, wie die Schwestern in Wald und Heide. Wenn es noch so dunkel und traurig in der unheilschwülen Welt aussieht, einmal wird es doch wieder hell, — die rechte Zeit muss nur dafür kommen!

An dem grossen Gartentor ist ein breites Schild angebracht.

„Handels- und Kunstgärtnereien von Tobias Maximilian Eicklingen.“

Nicht nur stadt-, sondern weltbekannt ist seine Firma, Geschmack, Kunstsinn, tadellose Ware garantiert die alte Tradition des Hauses.

Heute sieht die Einfahrt, welche sonst als einzige ohne Blumenschmuck nur der Beleuchtung dient, ebenso imposant aus wie sonst bei hohen Fest- und Feiertagen, wo entweder die Pfingstmaien sie überragen oder die Christbäume fröhliches Willkommen bieten.

Heute schlingt sich eine grosse Girlande von Pfeiler zu Pfeiler, und die Menschen, welche aus den herzurollenden Wagen steigen, tragen ein Sonntagskleid und sehen alle so fröhlich aus, als wollten sie schon auf ihren Gesichtern den Sonnenschein des Frohsinns in das Haus tragen.

Bei Kommerzienrat Eicklingens ist Taufe!

Wunderbar! Das sechste Mädel!

Sonst wünschen sich die Väter zu ihren Töchtern doch meist auch einen Sohn, Herr Eicklingen macht jedoch eine Ausnahme von dieser Regel.

Er ist ein Germane, ur- und kerndeutsch „bis auf die Knochen!“ wie er selber sagt, und die Deutschen haben es schon von alters her bewiesen, dass sie das Weib als ihr Liebstes und Heiligstes stets in Ehren gehalten!

So auch er.

„Ich bin Gärtner und sollte mir nicht als reizendste Zierde meines Hauses Töchter wünschen?“ lacht er, und dabei reckt er seine hohe, markige Gestalt, und das blondlockige Haupt auf den breiten Schultern hebt sich stolz an der Wiege seiner Sechsten —: „Unsere Frauen und Mädchen sind die lebenden Blumen, welche unser arbeits- und mühereiches Leben schmücken, idealisieren und inhaltsreich machen! Würden wir Rosen pflegen, wenn sie nur Dornen trügen? — Ist nicht seit alters her die Blume zur Helmzier ritterlicher und streitbarer Männer erkoren? — Ich kann des Guten nie zu viel haben und meine Sechste hier ist mir noch willkommener wie die Fünfte!“

Und dabei hob er das süsse kleine Bündel im Taufkleid mit starken Armen empor, dass die himmelblauen Seidenschleifen aufwogten, küsste zärtlich das rosige kleine Gesicht und sagte: „Als erstes Blümchen bist du gekommen, du herziger Frühlingsgruss! Just mit den blauen Cillas zu gleicher Zeit! So sollst du auch ihren Namen tragen, und mit deinen himmelsfarbenen Augen, so Gott will, dein Lebenlang die fröhliche Lenzesverheissung zu denen tragen, die dich lieb haben: ich bringe euch den Frühling mit!“

Frau Meta, seine Gattin, zollte vollsten Beifall, und so geschah bei Eicklingens abermals das Originelle, so oft von allen Leute Besprochene, dass der Stadtgärtner seinem jüngsten Töchterchen ebenso wie allen vorangegangenen wieder einen Blumennamen gab.

Diese Passion des liebenswürdigen Mannes war ja so begreiflich!

Er lebte und webte ja nur für seine Blumen!

Immer neue Wunder schufen seine erfolgreichen Kulturen und die vollendet schönsten neuen Sorten, welche auf den Markt gebracht wurden, trugen den Namen Eicklingen auf ihrem Ruhmesbanner.

Eine zahlreiche Gesellschaft versammelte sich in den eleganten, gastlichen Räumen. Viele Anverwandte, Freunde und gute Bekannte, welche die kleine Cilla bei ihrem Eintritt in das Leben begrüssen wollten.

Der Taufaltar war mit den blauen kleinen Frühlingsboten, gleich wie mit einem Teppich bedeckt, aber es waren nicht mehr die einfachen Wiesenblümchen, wie sie sonst gleich freundlichen Äuglein aus Moos und überwinterten Halmen lugen, sondern grosse, herrlich gefüllte Kelche, welche die geduldigen Versuche ihres Gärtners belohnt hatten, und als neue, wenn auch nicht hochstielige Blumen seine Sortiments bereicherten.

An blauen Blumen herrscht leider Mangel!

Die Vergissmeinnicht stehen nur kurze Zeit zur Verfügung, die „Braut in Haaren“ und Eychorie widerstehen noch immer den Versuchen, sie zu modernen Luxusblumen zu machen!

Um so erfreulicher, wenn die Cilla endlich so völlig und dekorativ wurde, dass wenigstens die Ostertafeln durch sie ein neues, abwechselungsreiches Gepräge erhielten.

Darum hat man den Täufling auch in himmelblaue Schleifen gekleidet, und wie es der glückstrahlende Vater gewollt, schmückte ein flachgebundener Strauss das Brüstchen der Namensschwester, und ein allerliebstes, winziges Kränzchen lag gleich aneinandergereihten Sternen auf dem Köpfchen des Babys.

Gerade darauf war Tobias Maximilian sehr stolz, denn solch ein süsses Geschöpfchen im blauen Glorienschein war wohl noch nie zuvor getauft.

Originell wie immer! lächelten die Festgäste, und der sprudelnde Champagner sprühte den Tau glückseligster Lebenslust auf Kind und Blumen.

Die kleinen Schwestern des Täuflings sind zugegen.

Die Damen ziehen sie zu sich heran, sie zärtlich zu liebkosen, und die Herren scherzen mit den so hübschen und geistig regen Kindern.

Man plaudert mit ihnen, wie man sich gewöhnlich mit Kleinen unterhält, über Dinge, welche ihnen bekannt und geläufig sind und welche eine Antwort ihrerseits ermöglichen.

Gross ist die Auswahl der Themas ja nicht, und für viele Erwachsene, welche nicht ständig mit Kindern zu tun haben, hat der Verkehr leicht etwas Befangenes, welches beide Teile verlegen macht.

Was soll man mit solch unbedapften Geschöpfchen reden?

„Ah — komm mal her, mein Mädel! Du bist die Älteste unter euch Geschwistern?“

Die auffallend hübsche Achtjährige macht einen sehr wohlerzogenen Knix.

Der Blick ihrer tiefdunklen Augen, gross, voll und weich, wie metallisch flimmernder Samt, huscht dabei schnell an sich herab, ihr Spitzenkleidchen noch einmal prüfend zu mustern.

Sie trägt einen Kranz purpurroter Rosen auf den langwallenden schwarzen Locken.

„Und wie heisst du?“

Ein stolzes Heben des Köpfchens, ein Blick aufsprühenden Selbstbewusstseins in dem reizenden Gesicht, welcher kaum mit den Jahren der Kleinen in Einklang zu bringen ist.

Sie ist diese Frage so gewöhnt.

„Ich heisse Rose Damascena!“

„Rose Damascena?! Das ist ja ein sehr eigenartiger Name!

„Wie hübsch, dass du Rose genannt wirst!“

„Ich werde meistens Damascena genannt, weil dies die schönste der Rosen ist!“

„So, so!“

„Also ganz und gar eine kleine Königin unter deinen Geschwistern!“

Onkel Rolf, der Student, lacht und lässt die langwallende Haarespracht durch die Hände gleiten!

„Müssen wir dich etwa Majestät nennen?“

Damascena lächelt, — nicht wie ein Kind, sondern ein ganz klein wenig arrogant, wie ein Prinzesschen, welches man überflüssige Dinge frägt.

„Wenn wir Räuber und Königskind spielen, tuen es die Jungens von Geheimrat und Hauptmanns! — Sonst aber nicht.“

„Machen sie auch einen tiefen Knix dabei, wie das bei hohen Damen so üblich ist?“

„Wenn ich es als Prinzessin verlange, ja!“

„Und du verlangst es natürlich?“

„Wenn sie albern sind und nicht wollen, dann ja! — dann müssen sie, sonst spiel ich nicht mit!“

„Ganz recht so! Wenn man Rose Damascena heisst und Königin ist, müssen einem die höchsten Ehren angetan werden!“

Damascena nimmt solche Worte, welche immer im Scherz gesagt sind, sehr ernst und würdevoll auf und findet es ganz selbstverständlich, wenn sich die Unterhaltung in dieser Weise abspielt.

Sie steht meist etwas voran, und erwartet, dass man sie beachtet und ihr schmeichelhafte Worte sagt.

Es geschieht fast stets, denn das Kind ist ebenso auffallend hübsch, wie ihr Name herausfordernd eigenartig wirkt.

„Und du da, kleiner Tituskopf? — Wie heisst du?“

„Ich heisse Oleandra!“

„Alle Wetter, wie schön! — Wie kommst du denn zu diesem südländischen Namen?“

Die Genannte hält sich meist an der Seite ihrer Schwester Damascena und lächelt nur ein recht altkluges Lächeln.

„Oleandra heisst Lorbeerrose, so wie sie im Gewächshaus von Papas neuen Kulturen steht!“

„Lorbeer! Sieh mal da! Schon in der Wiege hat man dich mit Lorbeeren geschmückt, kleines Mädel!“

Hast du dir denn infolgedessen den Lorbeer zu deiner Schicksalsblume erwählt?“

Oleandra wiegt nachdenklich den Kopf.

„Wenn ich so heisse, sagt Tante Erna, so muss ich mir im Leben auch fraglos mal viele Lorbeerkränze holen!“

„Wo denn?“

Die Kleine zuckt die Achseln: „Ich weiss noch nicht so recht.“

„Willst wohl mal eine berühmte Sängerin werden?“

„Doras Klavierlehrer hat mich neulich schon mal singen lassen ...“

„Nanu?! — bist doch erst sieben Jahre alt!“

„Aber sie sagen, meine Stimme sei stark und kräftig! Und ich heisse doch Oleandra, die Lorbeerrose!“

„Wer ist denn Dora?“

„Der Backfisch bei Geheimrats!“

„Möchtest du nicht lieber eine weltberühmte Malerin werden?“

„Vielleicht auch! Fräulein hat neulich die Bilder, welche ich angetuscht habe, zu Papa getragen und gesagt: ‚Das Kind hat fraglos Farbensinn und Maltalent!‘“

„Das wäre ja grossartig! — Und was sagte dein Vater?“

Oleandra zuckte die schmalen Schulterchen und warf die Lippen auf.

„So recht eigentlich gar nichts! ‚Es sei ganz nett gemacht!‘ meinte er, und Fräulein versicherte: ‚ich beobachte meinen Schützling so scharf auf künstlerische Neigungen hin, weil sie doch Oleandra heisst!‘“

Das klang alles so fremd aus dem winzig kleinen Mündchen.

„Und du da, kleines Blondinchen, du bist die dritte der Schwestern?“

„Ja, ich bin Nummer drei!“ klingt die resolute Antwort, „Papas Schlingel und Mamas Bengelchen!“

Allgemeines Gelächter.

„Aber das sind doch nicht deine Taufnamen?“

„I wo! Ich heisse man Arnika!“

„Arnika! Das Kräutlein ‚Wohlverleih‘ im Volksmunde!“

„Wie ist denn dieses Arzeneikräutlein zu dir gekommen?“

„Papa hat doch die entzückende, vielfarbige Arnika gezüchtet! — Weisst du das nicht?“ klingt es beinah etwas ironisch zu dem Frager auf. — Ironisch, wenn das bei solch kleinem Kind überhaupt möglich ist! Aber die grossen, kühlen und klugen stahlgrauen Augen blicken so wunderlich und die kleine Stuppsnase hebt sich recht keck dazu in die Luft.

„Da willst du wohl mal einen Apotheker heiraten und recht viel Malzbonbons und süsse Regliesse essen?“

Arnika lacht sehr laut.

„Nein — ich mag keinen Mann! Und Walzbonbons erst recht nicht! Max drüben sagt, wenn ich nach so einem Wundkraut hiesse, müsste ich mal Doktor studieren!“

Oleandra zieht eine kleine Grimasse.

„Solch ein Unsinn! Sie hat ja immer geweint, wenn sich einer in den Finger schnitt und sie Blut sah.“

„Aber jetzt schon lange nicht mehr!“ verteidigt sich Arnika pikiert. „Jetzt habe ich unserer Köchin sogar selber einen Lappen um den Finger gewickelt, wie sie sich neulich verbrannt hatte, und die Gänse schneide ich jetzt immer auf und nehme sie aus, ganz wie ein Doktor das macht!“

„Weil sie doch Arnika heisst!“

„Und wenn die Puppen krank sind, kommt sie immer als Doktor und macht alles genau so, wie der Herr Sanitätsrat. Sogar Pillen sollen sie schlucken und sich in den Hals sehen lassen ... und ... und ...“

„Sei still! Du sollst das nicht sagen.“

„Sogar unsern Hund hat sie neulich kuriert, der hatte sich den Magen verdorben ...“

„Alle Wetter! Warum denn gerade den Magen verdorben?“

Wieder das fein spöttische Lächeln des Kindes.

„Nun, der streckt doch immer die Zunge heraus, wenn ich sage: Zeig’ mal deine Zunge, mein Jung’! so gehorcht er doch und ist nicht so albern, wie die dummen Puppen!“

Frau Eicklingen war herzugetreten.

„Ah, hier ist wieder Verwunderung über den Namen Arnika!“ ruft sie amüsiert. „Nicht wahr, eine seltsamer Gedanke von meinem Mann, das Kind so zu nennen! — Damals, kurz ehe sie geboren ward, hatte gerade seine entzückende Gartenedelarnika einen Preis bekommen — und da kam es ihm in der Freude so in den Sinn!“

„Kräutlein Wohlverleih ist doch eine sehr nette Bezeichnung für ein weibliches Wesen!“

„Daran denkt nur niemand! Immer heisst es Arnika!“

Wieder erhebt der Vetter Student die dröhnende Bierstimme.

„Ist ja auch viel zeitgemässer, wenn das Mädel Doktor wird! He! Arnika, ich studiere noch ein Dutzend Semester länger und warte auf dich! Dann wirst du Fuchs bei mir, — wir reiben unsere Salamander ...“

„Was ist denn das, Onkel? Bitte erzähl’! Ja, ja, ich reibe einen Salamander. Das ist doch ein Tier?“

„Und trinken Bierjunge! Du kannst doch hoffentlich schon ordentlich eins hinter die Binde giessen?“

Arnika schüttelt sich vor Lachen.

„Wenn ich Student werde, bekomme ich auch so ein Käppchen und Band wie du?“

„Na gewiss! Dann wirst du halt eine Couleurschwester.“

„Aber Rolf! Mach doch keinen Unsinn!“

„Warum denn nicht, Meta! Spass muss sein! Wenn das Mädel nun mal Arnika heisst, dann kann sie auch den Äskulapstab anstatt des Fächers oder Kochlöffels schwingen! Komm her, Schwester Saufsack, bist mein Kommilitone!“

Arnika schlägt derb in die dargebotene Hand ein.

Sie wird von Tag zu Tag mehr „Bengelchen“!

„Lilie soll ja Nonne oder Diakonissin werden!“ spottete sie, das möchte ich nun niemals! Im Kloster ist es so langweilig, sagt Dora, und in den Krankenhäusern ist auch nichts los!“

„Lilie?“ frägt es wieder in dem Kreis der fremden Gäste. „Bist du das, kleine Heilige?“

Und man winkt dem blassen Zwillingsschwesterchen der Oleandra, welche ziemlich teilnahmlos beiseite steht und der Unterhaltung schweigend lauscht. Sie scheint die wenigst hübsche.

Sehr mager und spitz neigt sich das farblose Gesichtchen zur Brust, und die Augen blicken müde und resigniert.

„Das wäre ja noch besser, wenn du in ein Kloster gehen wolltest, Lilie! Hast du denn Lust in solch grossem, dunklem Hause zu wohnen?“

Das Kind lächelt gleichmütig. „Papa sagt, hier in der Nähe gibt es gar kein Kloster! Aber barmherzige Schwestern genug!“

„Na also! Dann brauchen sie dich doch nicht mehr.“

Die ernsten Augen verschleiern sich.

„Sie sagen immer, weil ich Lilie hiess, so müsste ich wohl mal ganz was Frommes werden! — Solch eine Haube sieht ganz hübsch aus! — Und tanzen? — Ich mag so wilde Spiele gar nicht so gern!“

„Weil wir sie immer auslachen!“ tollt Arnika und macht am Arm des Onkel Student Schwingübungen.

„Wenn sie hopsen will oder Greifspielen, oder gar wildes Tier, dann schreien die Jungens immer: hurra! die Heilige geht los! — jetzt tanzt die heilige Lilie!“

„Das ist sehr unrecht von den Jungens.“

„Warum denn? Sie sagen doch alle, so eine Lilie sei eine Kirchenblume.“

„Es gibt doch so fröhliche Diakonissinnen.“

„Und warum muss denn jede Lilie so feierlich genommen werden?“

„Papa sagt auch, die Lilie sei die Schwester der Rose und eine der herrlichsten Blüten.“

„Nicht wahr, Kleinchen? Darum kannst du doch sehr lustig und fidel im Leben sein.“

Das Kind schüttelt den Kopf. „Warum denn? Tante Gretel sagt, die barmherzigen Schwestern werden im Himmel alle Engel. Und ich möchte sehr gern mal ein wirklicher Engel werden!“

„Aber erst im Himmel?“

„Ja, ich warte so lang!“ ist die gleichmütige Antwort. „Tante Altenhagen sagt doch auch, dann bekäme ich so einen goldenen Reif um den Kopf wie die heilige Anna auf dem Bild bei Pastors.“

„Na ja! Also doch eine Heilige!“

„Der Name ist Vorbedeutung!“

„Doch nicht immer!“

„Nun zum Beispiel unsere kleine Violetta.“

„Komm mal her, Puppchen! Was willst du Vorjüngste denn mal werden?“

Die grossen, guten und zärtlichen Augen des Kindes schlagen sich voll auf.

„Ganz artig und bescheiden sein, wie Mama und Fräulein sagen!“ lächelte sie.

„Das ist aber mal brav!“

„Warum sagt es denn Mama gerade zu dir?“

„Ein Veilchen muss immer ganz demütig sein,“ erklärt Damascena etwas diktatorisch, und Arnika belehrt abermals: „Das Veilchen ist doch das Sinnbild der Bescheidenheit, sagt Herr Motz, weisst du das nicht?“

„Natürlich weiss ich das!“

„Und Violetta heisst doch Veilchen.“

Oleandra wirft das Köpfchen zurück und lächelt.

„Sie ist ja noch so klein und dümmchen. Sie spielt nur mit ihren Puppen. Dann ist sie die Mama und kocht ihnen Suppe, und legt sie zu Bett und fährt sie im Kinderwagen ...“

„Und wenn sie erst grösser ist, will sie ihnen Kleider nähen.“

„Und Strümpfe stricken.“

„Und beim Christkind will sie sich zu Weihnachten einen Papa für ihre Kinder wünschen!“

„Bravo, Violetta! Das ist ein schlauer Gedanke!“ ruft ein unverheirateter Landgerichtsrat vergnüglich. Ich werde dem Christkind gleich meine Adresse schicken, falls es nicht wissen sollte, woher solch einen Vater auf Kaution nehmen!“

„Spielt ihr andern denn nicht ebenso gern mit Puppen?“

„Lilie! ja, Lilie spielt auch manchmal mit ihnen, aber dann sind sie meist krank, und sie setzt sich eine Haube von der Kinderfrau auf und kommt als Pflegerin.“

„Und ich als Doktor!“

„Fehlt ja nur noch der Totengräber!“ ulkt der Student. „Na Eicklingen hat sich ja mit seinen Töchtern ganz gut eingedeckt!“

„Mir ist das Spiel mit den dämlichen Puppen viel zu dumm!“ rümpft Rose Damascena das reizende Näschen.

„Mir auch! Mir erst recht!“ echoen Oleandra und Arnika.

„Na und was wird denn nun aus der kleinen Cilla hier?“

„Cilla heisst: Fürwitzchen!“

„Das ist ja drollig!“

„Also ein lüttes Gör, das immer recht frech mit dem Schnabel vorweg ist“, lacht der Student drastisch. „An der bekommst du mal Konkurrenz, Arnika! Wenn du nicht auf den Mensuren mitpaukst und dir nicht den Doktorhut holst, dann wird Fürwitzchen mein Liebling.“

„Cilla ist ja zu niedlich.“

„Die kleine Frühlingsbotin, wie ihr Vater sie nennt.“

„Wirklich ein entzückender Strauss von lebenden Blumen, mit welchen der ehrengeachtete Herr Tobias sein trautes Heim schmückt!“

„Sie sind wohl sehr stolz auf ihr Patenkindchen, gnädige Frau?“

Die Grossmama lächelt freundlich.

„Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich sie Mandelblüte genannt.“

„O wie poetisch!“

„Aus besonderer Vorliebe.“

„Kennen Sie nicht das süsse kleine Lied: Wenn die Mandeln blühen!“

„Italienisch?“

„Wenn es von ewiger Glückseligkeit kündet, so muss es auch in unsterblicher Sprache geredet sein!“

„Was ist dann, Grossmama, wenn es so weiss und duftig rosa im Land der Sonne an allen Ästlein und Zweigen blüht?“

„Dann zieht die Göttin Minne ein in Herz und Haus!“ lächelt die alte Frau mit weichem Blick der Sehnsucht, „und in ihrem Gefolge sind all die Wonnen und Freuden, von denen die Herzen so oft träumen und denken und doch unentwegt auf die Erfüllung ihres heissesten Wunsches warten müssen.“

„Grossmama! Du bist Dichterin!“

„Hattest du dir so viel von dem Namen für die Kleine versprochen?“

„Gewiss! Man glaubt so gern und so fest und zuversichtlich an solch schöne Verheissungen.“

„Wer weiss, ob Fürwitzchen deinen Erwartungen entsprochen hätte.“

„Warum?“

„Es gibt doch auch bittere Mandeln“, scherzte der Enkelsohn.

„Die wachsen nicht im Paradies!“ schüttelt die Matrone das ergrauende Haupt, „und die reizenden Reime des genialen Unsterblichen versichern ja für Herz und Seele alle Ruhe eines Seraphs mit aller Himmelslust dazu —: wenn die Mandeln blühen!“

„Wir taufen Cilla um.“

„Das gilt nicht.“

„Sie singen ihr das Lieblingslied so oft vor, gnädige Frau, bis Baby es als Ehrensache erachtet, alle Hoffnungen seines Grossmütterchens zu erfüllen.“

„Für Haus und Hof.“

„Und den gesamten Familienring der Eicklingen!“

„Das ist selbstverständlich.“

„Geteiltes Glück ist doppeltes Glück.“

„Während geteilter Taufkuchen nur halber Kuchen ist.“

„Rolf, du bist unausstehlich!“

„Minnchen ist nicht mehr so geizig wie früher, sie hat sich gebessert ...“

„Hörst du, Meta?“

„Inwiefern das?“

„Nun, als wir Oleandra und Lilie tauften, servierte sie uns aus lauter Sparsamkeit Zwillinge, damit sie die Festlichkeit mit einer grossen Torte bestreiten konnte.“

„Sehr richtig!“

„Bei meiner Nichte Cilla hilft alle Genauigkeit nichts, wir erhalten unverkürzte Ration!“

„Aber nicht nach Grossmamas Herzen. Die rosa und weiss blühenden fehlen!“

„Doch nicht!“ erklang eine sonore Stimme mit fröhlichem Lachen hinter der Plaudernden. „Ich weiss gar wohl die Wünsche meines lieben Weibes zu würdigen und bin stets bemüht, alle ihre Sehnsucht, so weit es in meiner Macht steht, zu erfüllen ...“

„Hurra! Der Grosspapa!“

Der alte Herr mit dem lockigen weissen Haar und dem noch immer flott ausgestellten dunklen Schnurrbärtchen, welches ihm das Aussehen eines Marquis mit gepuderter Perücke gab, stand zwischen den Portieren und winkte einem Diener, ihm zu folgen.

Die süsseste aller Mandeltorten trug dieser auf einem Tablett, nach dem Rauchzimmer, wo soeben noch eine „verfrühte Maibowle“ von Waldmeister aus den Frühbeeten der Firma Eicklingen, als besonderer Scherz angesetzt wurde, und der alte Grosskaufmann hielt ein Sträusschen von weissen und rosa Blumen in der Hand, verneigte sich ritterlich vor seiner Gattin und zitierte lächelnd: „Die ewige Liebe kann ihren Einzug halten, Sisi, die Mandeln blühen!“

Da gab es einen allgemeinen Jubel und Grossmama Luise sah ihrem Gatten voll tiefen und warmen Dankes in die Augen und sagte zärtlich: „Das sieht dir einmal wieder ähnlich, du Herzensmann!“

„Ist Cilla nun doch eine Mandelblüte geworden?“ forschte Damascena.

„Nach dem Taufschein wohl nicht! Aber ich denke, das Lieblingslied der Grossmutter ist nun doch wie ein sinniger Segenswunsch auf unseren kleinen Täufling überkommen!“

„Ich, als stimmberechtigter Onkel bin doch sehr dafür, dass man die Mandeltorte nicht grausam von der Bowle trennt!“ rief Student Rolf übermütig. „Ich füge meiner jüngsten Nichte zur Cilla und Mandelblüte noch den Waldmeister hinzu, denn dies ist die einzige Blume, welche für eine herangewachsene junge Dame die beste aller Bedeutungen hat!“

„Hurra — mir ahnt etwas!“

„Aber nichts Böses!“

„Im Gegenteil! — An die Gläser, meine Herrschaften! — Waldmeisters Brautfahrt ist zu weltbekannt, um sie in diesem weihevollen Augenblick verschweigen zu können!“

„Sehr richtig!“

„Der König der Wälder hat soeben seinen Einzug gehalten, um sich aus dem Strauss lebender Blumen, im Hause des Herrn Tobias eine Waldmeisterin zu wählen! In fünfzehn bis zwanzig Jahren, so denke ich, hat er seine Wahl endgültig getroffen und dann bitte ich um das Recht, für das neuverlobte Paar die süsseste aller Festbowlen ansetzen zu dürfen.“

„Bravo! Die kleine Cilla-Mandelblüte schiesst den Vogel ab!“

„I wo! Ich steh für mein Patenkind Damascena ein!“

„Bon; so tue ich es für meinen Kommilitonen Arnika!“

„Und ich für Oleandra!“

„Und ich stimme für die Lilie!“

„Na, Papa Eicklingen, dann lassen Sie die Warmbeete beizeiten anheizen, damit dem König Waldmeister warm ums Herze wird.“

„Das besorgen die holden Blümlein ganz allein.“

„Also heute bei der Taufe der Jüngsten wollen wir mit vollem Glas der Brautbowle gedenken, welche gleich Fortunas Füllhorn alle Glücksvollendung über dieses Haus ergiesst.“

„Grossmama — hörst du es? — Wenn die Mandeln blühen!“

„Sie tuen es.“

Der Pfarrer, welcher im Hause des Kommerzienrats den heiligen Akt der Taufe vollzogen, schritt an der Seite des Landegerichtsrates der Stadt entgegen. Es war ein köstlicher Heimweg, durch den milden, stillen Frühlingsabend.

Zum letztenmal stiegen die Vögel mit hellem „Gutenachtgruss“ zum Himmel, zogen ihre weiten Kreise, gleichsam als wollten sie noch einen freundlich hütenden Blick auf die Welt hernieder tun, welche so gar nicht müde werden will, gleichviel, ob die Sonne mit gutem Beispiel vorangeht und sich auf ihrem nächtigen Lager in weiche Wolkendecken hüllt.

Die Schwalben schiessen im fröhlichen Zickzackflug noch einmal hin und her über die saubere Landstrasse, und die Mückenschwärme stellen ihren tollen Ringelreihen ein und verkriechen sich in den Baumrinden.

Von den nahen Feldern tönt Gesang.

Die Landarbeiter ziehen mit ihren Gespannen, Pflug und Egge, sowie den farbenfreudigen Drillmaschinen Zurück. Die Alten müde und gebeugt von der Last der Jahre, die Jungen mit flottem Gang und geschulterten Spaten, helles Lachen in den Augen und ein Lied auf frischen Lippen.

Die ersten Dämmerschatten sinken herab und verdichten sich unter den breiten Lindenkronen der Allee.

Die Herren sind anfänglich schweigend nebeneinander hergeschritten. Nur hier und da tauschen sie kurzen Gruss mit Vorübergehenden, oder wehren frech kläffende Hunde ab.

Der Pfarrer zieht den Hut von dem Haupt, um hochaufatmend die frische Luft um die Stirn streichen zu lassen.

„Welch ein lindes Wehen ringsum“, sagt er leise. „Mehr denn je kommt mir im Frühjahr das herrliche Wort in den Sinn: ‚der Geist, welcher an allen Enden wirkt und schafft!‘ — dann deucht es mir, man sieht sein geschäftiges und schöpferisches Walten mit Augen, man erlebt es persönlich mit, wie eine Welt erschaffen wird.“

„Tatsächlich, Herr Pastor, Sie sprechen aus, was ich denke. Vor ein paar Wochen war hier noch Eis und Schnee und bleiche todesstarre Zeit über der Welt, welche wüst und leer in tiefer Leblosigkeit einen ewigen Schlaf zu schlafen schien, und heute ist wiederum wie vor vielen Millionen Jahren ein seliges Liebeswunder geschehen, welches sein „Werde, so gewaltig über all die Schneemassen rief, wie damals, als die ersten Seiten der Bibel erfüllt wurden.“

„Sie kennen und lieben also wohl gleich mir die wundervolle Haydensche Vertonung dieses Anfangskapitels der Schrift: Die Schöpfung.“

„Es bringe die Erde in Fülle hervor,

Blühende Gewächse, die Samen tragen.“

Welch eine Melodie! Welch eine Urkraft des Klanges! Unwillkürlich hört man solche Harmonien durch das weite All brausen.

„Blumen! — Lebende Blumen! Gerade heute, jetzt, wo wir solch einem jungen Menschenblümchen das Wasser ewigen Lebens über das blonde Köpfchen sprengen durften, gewinnt solch ein Schöpfungswort doppelt schönen Wert.“

„Es ist eine ganz reizende und eigenartige Idee von dem Ehepaar Eicklingen, ihren Töchterchen Blumennamen mit in das Leben hinaus zu geben!“

„Sehr praktisch und sinnig empfunden“, nickte der Pfarrer nachdenklich. „Aber so sehr ich auch früher schon diesen lebenden, kleinen Blumen voll Entzücken ihre schönen Namen zulegte, so sehr sind mir gerade heute ernste Zweifel gekommen, ob es wohl das rechte war.“

„Inwiefern das?“

„Man sagt wohl nicht mit Unrecht: Nomen est omen! Der Dame eines Menschen wird zu einem Stück eigenster Persönlichkeit. In einem Namen können nicht nur, — nein, sie tuen es sogar sicher — die einzelnen Charaktereigenschaften schroff zutage treten.“

„Und doch lacht man oft über so viel unpassend gegebene Namen. Ich kannte eine Brunhilde, verwachsen, klein, hässlich wie eine Meerkatze.“

„Äusserlich, bester Freund! Äusserlich!“

„Allerdings! — und einen Siegfried, den Idioten auf O-Beinen! Die wandelnde Parodie auf den reckenhaften Götterspross!“

„Äusserlich, lieber Freund! Rein äusserlich!“

„Ich verstehe Sie nicht! Trennen Sie den inneren Menschen so scharf von seinem Fleisch und Blut?“

„Gewiss, und versichere Sie, dass diese, Ihre angeführten Beispiele nur die Ausnahmen sind, die auffälligen, welche die allgemeine Regel bestätigen, dass die Namen für ihre Träger ein Glück — aber auch ebensogut ein Unglück sein können! Sie sahen an jener Brunhilde nur die Aussenseite, von dem Idioten schweige ich! Aber wissen Sie nicht, ob nicht in dem elenden, siechen Frauenkörper eine Seele wohnte, so stark, so totenkühn, wie diejenige von Wotans ‚herrlichem Kind?‘ Wenn man von klein auf mit einem Namen genannt wird, an welchen sich gewaltige Traditionen knüpfen, so bedingt es schon die menschliche Eitelkeit und Phantasie, all diese Überlieferungen auf sich selber zu beziehen und sie auf die eigene Person anzuwenden, welche ja denselben Namen trägt, wie das Ideal aus der Heldensage oder Geschichte.“

„Aha! Ich verstehe, wo Sie hinauswollen!“

„Schnurstracks auf das Ziel! Denken Sie sich einmal in die Lage Ihrer unglückseligen, verkrüppelten Brunhilde hinein.“

„Der Name speiste den Geist mit denselben Eindrücken, den eine Walküre auf Menschen macht. Das verwachsene, missgestaltete Mädchen möchte es der gewaltigen Himmelstochter gleich tun, der Name verpflichtet sie gewissermassen dazu! Warum hiesse sie sonst so? Und nun quält sich der gefesselte Geist in den trostlosen Banden eines schwachen missgestalteten Körpers! — Die Seele will heldenhaft, gewaltig empor, — der Leib zwingt sie erbarmungslos nieder! Der Geist jauchzende, sieghafte Tatenlust, der Körper grausame Gefangenschaft!“

„Man sollte annehmen, Herr Pfarrer, ein kranker Körper hat gar nicht die Kraft für derart seelischen Aufschwung.“

„So krank macht wohl ein akutes Leiden, nicht aber eine Missgestaltung! Denken Sie an Prinz Eugen, den edlen Ritter, an einen Menzel — an — um noch weiter zurückzugreifen — den Apostel Paulus mit dem Pfahl im Fleisch! — Wie viele andere könnte man noch nennen! Und dies sind Beispiele von übergewaltigem Geist, welcher die Materie bezwang: ‚Das Genie! Die Begeisterung!‘“

„Und wo diese fehlen? Ein verzweifelter Kampf ohne Sieg! Welchem meist der Name zum Ballast ward, der die falschen Illusionen, welche nicht verwirklicht werden konnten, weckte und täglich nährte!“

„In dieser Beleuchtung allerdings volle Wahrheit! — So glauben Sie, dass den kleinen Eicklingens ihre idealen Namen nicht sehr vorteilhaft sein werden?“

„Ich bin sehr gespannt, die seelischen Einflüsse und Entwickelungen, die diese Namen auf Leib und Seele ausüben werden, zu beobachten.“

„Es fiel mir heute allerdings auch auf, dass gerade von den Kinder die Bedeutung ihrer Namen besonders stark hervorgehoben wurde.“

„Von den Kindern selbst!“

„Je nun — unwillkürlich wurden auch die Grossen gereizt, davon Notiz zu nehmen.“

„Sehen Sie! — Nichts ist so gefährlich für das leichtempfängliche Kindergemüt wie ein Name, an welchen sich gewisse Bedingungen knüpfen.“

„Eine Rose! Ah — also, du bist die Königin unter den Geschwistern! Alle müssen dich wohl Majestät nennen?!“

„Und wenn es von Erwachsenen zehnmal im Scherz gesagt wird, so nimmt es ein lebhaftes Kind zehnmal für ernst.“

„Ich machte die Beobachtung, dass die kleine Arnika ein wenig gewaltsam für den Doktorhut gedrillt wird.“

„Wir hörten es ja, dass sie anfänglich eine direkte Abneigung gegen alles Verpflastern hatte, weil sie nicht mal Blut sehen kann.“

„Eine medizinische Passion liegt ihr so fern wie Himmel und Erde getrennt sind.“

„Aber sie heisst nun mal Arnika, und der Vetter Student amüsiert sich, sie als kleinen Kommilitonen anzuulken. Schliesslich wird aus dem anfänglichen Scherz eine moralische Verpflichtung, eine krankhafte Einbildung: du musst das werden, was alle von dir erwarten.“

„Hoffentlich sind die Kinderseelen alle so gesund und stark, dass sie sich von Wahnideen freiringen.“

„Sie alle haben noch das schwärmerische Alter vor sich, wo schon manche Phantasterei eine unliebsame Gestalt angenommen. Gerade in der Wahl des Berufes lassen sich junge Mädchen nur zu leicht durch ihr sensibeles Empfinden in verkehrte Bahnen lenken.“

„Da ist es nicht immer der Name, welcher peinlich beeinflusst, sondern oft auch gewissenlose Ratgeber, sogenannte verständnisinnige Freundinnen oder Freunde, welche das Lebensschifflein schon von viel armen, kleinen Pilotinen in stürmische Flut hinausgetrieben haben, wo nie der verheissene sichere Rettungshafen sich ihnen aufgetan.“

„Hörten Sie nicht, wie schon jetzt Oleandras Stimme gerühmt und ihr eine grosse Karriere als Sängerin prophezeit ward?“

„Ebenso das Mal- und Zeichentalent!“

„Weil sie Lorbeerrose heisst.“

„Bei andern geschieht es vielleicht auch ohne solch bedeutungsschweren Namen.“

„Die Mutter sagte mir, dass die kleine feine Stimme des Kindes in nichts aussergewöhnlich erscheine.“

„Beachten die Fremden solch mütterliche Einsicht? Würde bei einer verblendeten Tochter die Mama jemals Gehör finden, wenn die Menge von gedankenlosen Schwätzern es dem Mädel weismacht.“

„Das Schicksal so vieler, unbefriedigter Männer und Frauen, denen ein Talent anphantasiert oder aufgezwungen ward, welches sie nicht besassen, und an welchem sie als an einem verfehlten Beruf zugrunde gingen.“

„Jedenfalls bin ich auf das äusserste gespannt, inwieweit sich diese These Ihrer Ansichten bei dem reizenden Schwesternkranz im Stadtgärtnerhaus bewahrheitet.“

„Hoffen wir das beste!“

„Unsere Wege trennen sich wohl hier, verehrtester Freund. Sie biegen, der Kürze halber, wohl allsogleich in die Augustenstrasse ab?“

„Ein Stoss von Arbeit wartet noch auf dem Schreibtisch der Erledigung. Es war ein so schöner, genussreicher Tag heute, dass ich ihn würdig beschliessen möchte.“

„Immer fleissig! Hut ab! Ich bekenne mich mehr zu den Flagellanten froher Feierstunde! Für mich ist der Tag bis zum Schluss doch nur ein angebrochener, darum will ich dem flotten Brautschauer Waldmeister in der Taufbowle den soliden Pilsener Ehemann auf die Nase setzen.“

„Also ein ‚Prost Blume‘ zum Abendschoppen!“

„In jeder Weise, für das Gärtnerhaus ein Prost ‚lebende‘ Blume!“

„Auf Wiedersehen!“

Zweites Kapitel

An der Saale kühlem Strande

Stehen Burgen stolz und kühn!

Ihre Stätten sind zerfallen

Und der Wind weht durch die Hallen;

Wolken ziehen drüber hin!

Wie das sang und jubelte!

Wie kraftvoll laut und schmetternd es aus all den vielen jungen Männerkehlen zu dem hochgewölbten, tief blauen Sommerhimmel emporschallte.

Jahrhunderte sind über die Rudelsburg dahingezogen.

Ihre Stätte ist zwar verfallen, aber das morsch zerbröckelnde Gestein ist gleich einer unsterblichen Seele immer noch zurückgeblieben.

Es redet mit unsichtbarer Zunge eine gewaltige Sprache.

Wer sie zu verstehen weiss, der setzt sich im flimmernden Mondenschein, bei dem Licht der ewigen Sterne, auf die moosigen Ruinenblöcke und lässt sich von der leis raunenden Stimme erzählen.

Sie gehört dem Wind, welcher da flüstert:

Es sitzt die Zeit im weissen Kleid

Und spinnt — und spinnt — und spinnt —

— auch hier im Reich des Vergehens und Vermoderns, all die feinen, seltsam schimmernden Fäden, aus welchen Lieb und Leid, Hass und Lust, Krieg und Frieden, arm und reich, gesund und krank die schwermütigen Menschenschicksale und die bitterernste Weltgeschichte wirken!

Ein Gewebe, von Blut, Tränen und Schweiss genetzt, oft grausig zerfetzt und angebrannt an wilden Feuersbrünsten, versengt an der Sonnenhitze im Schmelztiegel der Trübsal, und selten, sehr selten nur goldig durchstrahlt von einer Sonne des Glückes, vor welche die Wetterstürme des Kampfes immer wieder von neuem schwarze Wolkenberge türmen.

Die Liebe überwindet sie — und neue Geschlechter wachsen heran und bauen neue Luftschlösser und neue Leitern bis in den Himmel hinauf!

Die Rudelsburg hat schon viel gesehen und gehört.

Jener halbzerfallene Rundbogen am Eck drüben, von welchem man auf den Weg zur Saale herunterblicken kann, entsinnt sich noch genau, wie zum erstenmal jener flotte Reiterzug des Ritters Schenke von Saaleck von der Nachbarsburg herüberschwenkte. Sie kamen als Brautwerber, von jenem Edeln, welcher die heilige Elisabeth für den Landgraf von Thüringen aus dem fernen Ungarnlande herübergeholt hatte.

Das schöne Edelfräulein Jutta, welche hier auf der Rudelsburg, just in der Fensternische die Kunkel drehte, sollte zur Stammutter auf die Saaleck herübergeholt werden.

Frau Sage weint leise in ihren Schleier, wenn sie an jenes blasse Bräutchen denkt, welchem das Schicksal keine Rosen der Liebe um das schimmernde Hochzeitskrönchen legte.

Wieviel bunte Wechselbilder zogen an der Burg vorüber.

Grimme Fehde, welche mit Schwert und Beil an den Toren raste und die Pechkränze in den Burgfried warf, eine finstere Zeit voll Hass und Wahn, welche die Hexen mit Feuer und Folter ausrottete, das Heer der Hussiten, welches racheheischend heranzog und seine blutigen Schatten bis zur Burg herüberwarf.

Und dann kamen nach kurzer Ruhefrist wieder die wüsten Söldnerscharen, welche die Acker zertraten und die Wälder, Haus und Hof verbrannten, bis abermals die alte Zeit versank und neue Schrecken aus dem Menschenhirn geboren wurden.

Wo ehemals der Morgenstern und die Lanze in der Faust der Kämpen dräute, da donnerten die Feldschlangen und spien Kanonen Tod und Verderben über das blühende Land, und wo ehemals die plumpen Planwagen auf breiten Holzrädern rollten und die Sänfte langsam daherschwankte, da pfiff und schnob die Eisenbahn mit glühenden Augen durchs Land, — Feuerfunken und roten Dampf in die Luft schleudernd, gar wundersam den frommen Sinn alter Landleute an jene Stelle der heiligen Schrift gemahnend, wo Gott der Herr des Tages als Rauchsäule und nachts als Feuersäule vor seinem Volk einherzog.

Im gleichförmigen Wechsel der Tage zog die Zeit über die Ruine dahin.

Die grünen Schillerwellen der Saale rieselten unaufhörlich, gleich einem leis wogenden Band dem fernen Meere zu.

Die Autos töfften im Tal, und hoch am Saum des Abendgoldes zogen die Luftschiffe ihre wundersame Fahrt.

Die Zeit im weissen Kleid regt noch immer die fleissigen Hände, aber sie hat das Haupt sinken lassen, als wäre sie müde geworden.

Im Kreislauf aller Dinge zieht das Leben im Schattentanz an ihr vorüber. Ein Reigen des Todes, Nebelbilder, welche immer verschwommener, immer bizarrer in zerrinnender Form und Farbe werden.

Um so überraschter öffnet sie daher die verschlafenen Augen, wenn es so frisch und jubelnd zu ihr emporschallt: „An der Saale kühlem Strande stehen Burgen stolz und kühn!“

Studenten!

Deutschlands Herzblut!

Wenn sie soviel frisches, blühendes Leben sieht, dann lacht selbst einer so übermüdeten alten Frau wie der Spinnerin am Zeitenrocken das Herz vor Freude!

Da wimmelt der fröhliche Zug die gewundene Strasse herauf.

Die flotten kleinen Zerevismützen keck auf dem Scheitel, das bunte Band über der Brust und den derben Stock oder Schläger im Arm, so wandern die lustigen Brüder ihrer alten Freundin, der gastlichen Rudelsburg, entgegen.

In hellen Haufen schliessen sich die Spaziergänger den fröhlichen Festschmarotzern an, und wenn es auch beinahe als eine Unmöglichkeit erscheint, dass der Burghof und die wenigen gedeckten Räume umher die Scharen der Hungrigen und Durstigen alle aufnehmen kann, ohne dass der Wirt an allen Vorräten bankerott macht, so schieben doch unaufhörlich neue Gruppen vergnüglicher Wanderer nach, dem Studentenfest die nötige Folie zu geben.

Ein paar Equipagen schliessen sich dem Zug an, nicht in respektabler Entfernung wie sonst üblich, um nicht von den Staubtrompen eingekrustet zu werden, sondern beinahe zur Seite der Marschierenden. Denn über Nacht ist ein ergiebiger Regen gefallen, welcher die knirschenden Wölklein gelöscht und die ganze Welt ringsum in köstlich duftende Frische gebadet hat.

Zwei Wagen folgen dicht aufeinander, denn sie gehören zusammen.

Alle Wetter!

Einer der kecken Brüder Studio hat laut kommandiert: Augen rechts! — als er einen neugierigen Blick auf die Insassen der Gefährte geworfen. So haben es die flotten Burschen gern! Ein reizendes Mädchengesicht neben dem anderen!

Die duftigen Sommerkleider von zarten Farben, ein elegantestes Gemisch von indischem Mull, Spitzen, Einsätzen und Stickereien, verraten, dass die jungen Damen der Gesellschaft angehören, denn nicht nur die Kleider allein, sondern die vornehme schicke Art, wie sie getragen werden, bestimmen ihren Wert.

Unter den grossen, reichgarnierten Hüten, welche den Köpfchen eine so entzückende Folie geben, lächeln sehr amüsiert, aber doch voll feiner Zurückhaltung die rosigen Gesichter, und der Blick des Kenners wandert unschlüssig hin und her, um der Schönsten die Palme des Sieges zu verleihen.

Von allen Reizen gerad die besten nur!

Welche vereint sie alle in sich?

Hie ein bisschen — da ein bisschen ...

Wahrlich, die Wahl, die Qual!

Wer sind die Damen?

Ein mobiler „Fuchs“, welcher den Namen „Hans in allen Ecken“ erhielt, weil er überall herumpirscht und alles und jedes auswittert, hat es längst in Erfahrung gebracht.

Schon drunten in Bad Kösen, wo die Herrschaften im Hotel zum „Mutigen Ritter“ abgestiegen sind!

„Wer ist es?“

„Der Inhaber grosser Kunst- und Handelsgärtnereien, allbekannte beste Firma, Herr Kommerzienrat Tobias Maximilian Eicklingen mit Gattin und Töchtern.

Einer der „alten Herren“, Herr Doktor Rolf Eicklingen, welcher heute an dem Kommers auch teilnehmen will, hat seine Anverwandten, welche auf einer Reise durch Thüringen begriffen sind, veranlasst, sich das eigenartige Leben und Treiben auf der Rudelsburg im Zeichen des Couleurstudenten einmal anzusehen.

Die eine der jungen Damen soll auch in Würzburg seit zwei Semestern studieren.

„Was der Tausend! Ärztin?“

„Na ja, was man so Fräulein Doktor nennt. Nicht aus zwingender Notwendigkeit oder wilder Passion, sondern weil es dem reichen Mädel Spass mach, mal zu zeigen, was ’ne Harke ist!“

„Also eine Illustration zu: O Eitelkeit, dein Name ist Weib!“

„Wie man’s nehmen will, — jedenfalls trägt sie auf dem kurzgeschnittenen Haar einen Herrenhut, und ihr fussfreies Kostüm weist durch die kecke kleine Joppe etwas stark den Sportschnitt auf!“

„Würde beim Reiten also gewiss auch im Herrensitz den Sattel besteigen!“

„Die im zweiten Wagen, auf dem Kutschbock! — Hübsches, lustiges Gesicht!“

„Es ist doch noch ein Platz in der Equipage frei! Warum muss sie sich neben den Kutscher setzen?“

„Sie fährt selber!“

„Zu schade, dass bei den Damen die ernste Wissenschaft so oft mit burschikosem Wesen Hand in Hand geht!“

„Warum eigentlich? — Es ist doch viel rühmlicher, wenn eine Dame als ganzes Weib viel leistet, anstatt als halber Mann?!“

„Das stimmt! Durch Äusserlichkeiten wird die Kluft, welche die Geschlechter trennt, doch nicht überbrückt?!“

„Das kurze Haar mag für eine Ärztin sehr praktisch sein, das gibt jeder zu, denn bei nächtlichen Konsultationen, wo es oft auf die Minute ankommt, bleibt für Toilette machen keine Zeit!“

„Auch die Joppe streift sich wohl schneller an, wie eine moderne Taille mit hunderttausend Druckknöpfen, Haken und Öschen!“

„Warum soll es ihr nicht Ernst mit dem Studium sein?“

„Doktor Eicklingen will wohl nur etwas vorbeugen, falls das Examen nicht cum laude ausfällt!“

„Na ja, dann war es halt nur Spass!“

„Wenn nicht, wie bei so vielen anderen Mädels, das bittere Muss dahintersitzt und den vollen Ernst des Lebensunterhaltes fordert, tändelt man gern ein bisschen in den Hörsälen herum!“

„Wollen mal sehen, ob wir uns nachher an die Mädels heranschlängeln können!“

— — — Vor dem „Mutigen Ritter“ hatten noch mehrere Equipagen bereitgestanden.

Doktor Rolf hatte soeben von einem der Arrangeure erfahren, dass noch etliche andere „alte Herren“-Mitglieder der Verbindungen, welche vor etlichen Jahren studiert hatten, an dem Zug teilnehmen wollten.

Aber auch im Wagen, ebenso wie er.

Da die Herren just in das Vestibül traten, und die gemeinsamen Plätze in ein und demselben Wagen für sie reserviert waren, erfolgte sogleich die Vorstellung.

Die Namen erklangen.

„Doktor Eicklingen!“

„Habe die Ehre — Landrat Bodenburg!“

„Sehr angenehm! Rechtsanwalt Gleidingen.“

„Freut mich von Herzen! Assessor Freiherr Dankwardt von Waldmeister.“

Allseitiges Händeschütteln. Vivat, crescat floreat Universa!“

Farbenbrüder.

Rolf hatte momentan betroffen aufgeschaut, als er den Namen Waldmeister vor seinen Ohren erklingen hörte.

Unmerklich biss er sich auf die Lippe, um nicht verräterisch aufzulachen.

Er musste plötzlich weit zurückdenken, fünfzehn Jahre zurück, an die Taufe seiner jüngsten kleinen Nichte Cilla-Mandelblüte, von ihm aus Scherz „Mandolinata“ genannt, bei welcher eine Waldmeisterbowle getrunken und lachend des königlichen Freiers gedacht wurde!

Auch Landrat Bodenburg lächelte amüsiert.

„Welch ein eigenartig schöner Namen, Baron!“ verbeugte er sich. „Wieviel poetische Gedanken löst er aus!“

„Dankwardt von Waldmeister lachte sehr animiert. „Ein famoser Namen, nicht wahr? — Er garantiert mir in jedem Kreise trunkfester Männer eine sehr sympathische Aufnahme!“

„Bravo! Für das ewig Männliche hat der Waldmeister in Verbindung mit dem Wein als ‚geistvoller Kamerad‘ etwas sehr Seelenverwandtes, für die Damen dürfte er leicht zu ‚feurig und berauschend‘ sein!“

Leises Gelächter.

„Danke für das Kompliment, bester Doktor — es ist zwar ein wenig rätselhaft für mich — —“

„So lesen Sie Roquette!“

„Haha — Waldmeisters Brautfahrt!“

Dankwardt strich sich den vollen Schnurrbart unternehmungslustig empor.

Sein männlich schönes Gesicht mit den kraftvoll energischen Zügen belebte sich unter einem Ausdruck von Humor, welchem die aufblitzenden Augen heiter sekundierten.

„Wenn ich mich mit diesem lyrischen und königlichen Namensvetter vergleichen darf, so ergeht es mir neben ihm wie einem Johann ohne Land!“

„Ihr Reich ist doch überall da, wo die holden Blümlein wachsen!“

„Nicht eine jede kann mich begeistern! Was nützen mir da drüben in dem Garten und dort am Balkongitter die schönsten Hängenelken und Tulpen und Narzissen, wenn sie so fest in dem heimatlichen Boden wurzeln, dass sie entblättern und welken, wenn Waldmeister sie auf seiner Brautfahrt als Herzenskönigin entführen will?!“

„Das ist allerdings fatal! Nun — so muss man symbolisch reden und alle reizenden Mädchenblüten der Botanik einverleiben!“

„Das nenne ich wiederum zu weit gegangen! Wenn ich den vollen echten Namen auf das Schild schreibe, auf welchem ich meine Gebieterin, wie weiland der Roquettsche Freiersmann, durch das Leben tragen will, so muss sie mir in gleicher Farbe bekennen! Jedes Lieschen oder Annchen ist nicht für eine Blumenkönigin prädestiniert!“

„Je nun — wir haben auch eine recht stattliche Anzahl junger Damen, bei welchen die Flora selber Pate stand!“

„Das schon, und ich gestehe ehrlich, dass ich mich schon lebhaft unter den Töchtern des Landes umsah, ob ich nicht eine Erika, Hortensia, Rose, Georgine usw. fand, für welche ich die Türen meines blühenden Reiches weit und die Tore hoch machen möchte, aber da war noch keine, denn die sind unter diesen Namen doch recht rar, welchen ich mein Herz zu Füsschen legen möchte!“

„So steht die rechte noch aus!“

Rolf sass so preisherrlich da wie ein Kater im Sonnenschein und schmunzelte über das ganze Gesicht, Rechtsanwalt Gleidingen aber blickte jählings auf und fixierte ihn momentan scharf durch seine Kneifergläser.

„Wie ist mir denn, — Eicklingen — das waren Sie doch, welcher sich heute bei dem Frühschoppen entschuldigte, Sie müssten ihre Verwandten von der Bahn abholen, — ein ganzes Gewächshaus voll lebender Pflanzen, — keine Berliner, aber ebenso vollkommen waschecht — und dann erzählten Sie, dass Ihr Onkel seinen sechs Töchtern teils die poetischsten, teils die verrücktesten Blumennamen gegeben habe!“

„Als Inhaber grosser Kunstgärtnereien konnte er sich ja den Luxus von sechs blühenden Töchtern leisten!“

„Ohne dafür Steuer zahlen zu müssen!“

Dankwardt hob jäh das interessante Gesicht: „Verrückte Namen hat er ihnen gegeben? Wie denn das?“

„Na, — Kräutlein Wohlverleih, alias Arnika und ‚Fürwitzchen-Mandolinata‘ finde ich, unter uns gesagt, doch ein bisschen manoli!“

„Famos! Arnika?! — Fürwitzchen ist ja reizend — tatsächlich so getauft?!“

„Auf dem Taufschein steht in diskreter Umschreibung ‚Cilla‘!“

„Ist ja fabelhaft amüsant! — Und die anderen Töchter?“

„Folgende Skala: ad I. Rose Damascena, ad II. Oleandra, die Lorbeerrose!“

Baron Waldmeister stieg das Blut jäh in die Wangen: „Alle Donner!“

„ad III. Arnika. — Numero 4. Violetta.“

„Ist ja entzückend!“

„Numero 5. Lilie!“

„Und den Beschluss bildet?“

„Die kleine Cilla-Mandelblüte, das Fürwitzchen, welches zu seines Hauses Ehre diesen Namen mit vollem Recht verdient.“

„Und der Krösus, welchem dieser blühende Reichtum gehört, ist Ihr Herr Onkel, Verehrtester?“

„Ja, gottlob nur mein Onkel, sonst würde ich bombensicher als Rittersporn, Schwertlilie, Männertreue oder Goldlack auf diesem Planeten umherirren.“

„Sie hätten sich nicht beklagen können, das sind doch alles erlesene Gewächse!“

„Ich nehme diese Namen auch nur an, weil sie meinen guten Qualifikationen entsprechen würden. Wenn aber der liebe Onkel schlechte Laune gehabt hätte, weil ich nur ein Bub anstatt ein Mädel war, dann hätte er mich auch ebensogut Sauerampfer, Storchschnabel oder Natterkopf nennen können.“

„Mensch! So lange Sie noch nicht mit dem Löffel assen à conto der Tuttflasche gar: Bienensaug!“

Die Herren sprachen so animiert, dass der Kutscher rückwärts schielte und lakonisch dachte: „Jetzt schon so fidel, und nun fahren sie doch erst hin!“

„Und diese holdseligste aller Mädchenblüten haben die Eltern zurzeit hierher verpflanzt?!“

„Hm ... sind nun gross genug! Mussten pikiert werden!“

Dankwardt machte ein ganz entsetztes Gesicht.

„Nanu, pikiert?! Warum denn das? Man dankt doch dem lieben Gott, wenn die Damen nicht pikiert auf uns arme Männer sind, und Ihr Herr Onkel ruft diesen peinlichen Fehdezustand noch künstlich bei ihnen hervor?!“

Rolf lächelte.

„Missverstehen Sie mich nicht, König Waldmeister! Pikieren ist bei Blumenzüchtern ein Fachausdruck, welcher ‚verpflanzen‘ bedeutet!“

Allgemeiner Beifall.

Nur der Becher fehlte, um in dieser animierten Stimmung eine feste und dauernde Freundschaft der vier „alten Herren“ von jungen Jahren zusammenzuschäumen.

„Sind die Herrschaften heute auch auf der Rudelsburg anwesend?“

„Und ob! Ich redete gut zu, als sie eine Reise durch Thüringen antraten. Dort vor uns die beiden Wagen. — ‚Ich liess sie fahren dahin!‘“

„Wir müssen sie kennenlernen, bester Doktor, Sie haben doch die Liebenswürdigkeit, uns nachher bekannt mit Ihren Anverwandten zu machen?“

Rolf zuckte mit undefinierbarem Gesicht die Achseln. „Ausgeschlossen! — Sie, Herr Landrat und Herr Rechtsanwalt sind ja harmlose Leute, welche in Laurins Rosengarten ehrliche Gäste sein werden. Aber ein Waldmeister, zu dessen Eigenart es erwiesenermassen gehört, ‚auf der Brautfahrt‘ zu sein, wie er soeben selber zugestand, der würde doch in Gedanken als Herzensdieb in den fremden Garten eindringen, und das kann ich nicht verantworten!“

„Wir beaufsichtigen ihn! Vor dem Scheiden muss er die Taschen umkehren!“

Rolf sah ein wenig schalkhaft aus. „Wir alle haben keine Ahnung, dass der Name Waldmeister existiert.“

„Er ist auch sehr selten!“

„Meine Nichten würden annehmen, es handele sich um einen kecken Scherz, oder aber, sie würden so befangen sein, dass es die Stimmung beeinträchtigte. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass schon bei Cillas Taufe eine Waldmeisterbowle getrunken ward, anlässlich welcher die Roquettsche Dichtung des öfteren erwähnt ward!“

In Dankwardts Auge flammte es auf.

„Wir tragen ja heute alle wieder die Farben, und bekanntlich ist die Studentenfreiheit eine weitgehende, welche nicht verübelt werden darf. Ist es nicht statthaft, dass ich mich unter meinem wahren Namen den Damen vorstellen lassen kann, — ei, wer hindert uns daran, dass ich mich umtaufe?! Frisieren wir doch schon durch alle Äusserlichkeiten diese kleine Komödie der Irrungen als fidelen Studentenstreich! Wenn ich früher irgend jemand genasführt oder geäfft hatte, so nannte mich meine nicht allzustrenge Mutter meist mehr anerkennend wie tadelnd „du lieber Strolch!“, denn meine Scherze waren wohl keck und launig, aber niemals verletzend oder gar bösartig! Also: Assessor Dankwardt Strolch! Das klingt ganz famos und kostet nichts!“

„Das ist ja eine pyramidale Idee, lieber Assessor!“ tobte Rolf noch ebenso impulsiv wie vor Jahren, da er noch mit Leib und Seele aktiver Verbindungsstudent war und jedwedem flotten Burschenstreich tatkräftigste Hilfe angedeihen liess!

„Das wird gemacht! — unter allen Umständen! Donnerwetter ja, endlich kommt mal wieder ein bisschen Leben in die Bude.“

„Die Herren werden auf unverbrüchliches Silentium vereidigt!“

„Und wenn die sehr verehrten Eltern der schmucken Blümelein solch einen Coulleur-Scherz übelnehmen? forschte der Landrat ein wenig befangen.

„Gibt’s gar nicht! Dafür bürge ich!“ erregte sich Rolf mit lustfunkelnden Äuglein. „Übelnehmen? Da kennen Sie Herrn Tobias Maximilian und Frau Meta schlecht! — Leben und leben lassen! Ein Gärtner ist an allerhand übermütiges Schossen, Sprossen und Geränk um sich gewöhnt, wenn es ihm zu arg wird, kommt er mit Bast und Schere!“

„Also auf Ihre Verantwortung, bester Doktor?“

„Ich stehe für alle Eventualitäten ein, vorausgesetzt, dass alles tatsächlich ein Ulk bleibt und die Devise Honny soit qui mal y pense! darüber schwebt!“

„Selbstverständlich, Doktorchen! Dafür bürgt unser Ehrenwort als Kavaliere!“

„Famos, also los!“

„Und bei dem Namen Strolch soll es tatsächlich bleiben?“

„Warum nicht? Musikalische Seelen pfeifen die Musik des Bettelstudenten dazu.“

„Alle Wetter! Bettelstudent und ein königliches Inkognito —? Wie reimt sich das zusammen, Majestät Waldmeister?“

„Durchaus operettenhaft! besagter ‚Strolch‘ von Enterichs Gnaden war doch auch bei der Demaskierung ein Fürst Bibitzki!“

„Und Sie sind König Waldmeister auf der Brautfahrt!“

„Bitte diese Nebenbeschäftigung des hohen Herren ad acta zu legen!“ wehrte Doktor Rolf ab. „Meine lieben Nichten sind unberechenbar, und nicht nur die Rose weist Dornen auf!“

„Haha! Röslein wehrte sich und stach —

Half ihm doch kein Weh und Ach —

Musst’ es eben leiden!“

„Ein Gärtner von dem Weltruf des Herrn Eicklingen züchtet doch keine monstreusen Blümchen! Eine Lilie oder Violetta mit Stacheln würde einem Lämmchen mit Hörnern gleichkommen. So etwas ist in den korrekten Warmhäusern einer ersten Firma nicht zu befürchten.“

„Dem stimme ich zu!“ nickte der Rechtsanwalt und bedauerte es, nicht die erste Garnitur von Schlips und Lackstiefeln angelegt zu haben, denn er ging auch stark auf Freiers Füssen und hätte zu gern mal ein so recht liebes, herziges Mädel gefragt, ob sie schon zu der grossen Polonaise durch das ganze Leben engagiert sei.

Davon schwieg er aber wohlweislich, denn er schien für Rolfs Begriffe ganz verheiratet auszusehen und ward als zuverlässiger Gast in des fremden Nachbars Garten zugelassen.

Er lächelte verschmitzt und dachte an das hübsche Liedchen vom Kirschendieb.

„Noch eins, meine Herren! Wir sind hier die treu Verschworenen und rechnen stark und zuversichtlich auf des Elternpaar Eicklingens Toleranz! — Wie steht es aber mit eventuellen Tanten oder guten Freundinnen — hm ... hm ... aus höheren Semestern, welche sich jeglichem Übermute ablehnend gegenüberstellen und in Papa Tobias Mistbeeten die Klatsch rosen repräsentieren?“

„Und wenn die alten Basen

Auch rümpfen die Nasen,

Sie haben’s genossen,

Das macht sie verdrossen,

Sie denken mit Seufzen an schönere Zeit!“

„Als Gumpert diesen Gesangswalzer komponierte, sah die Welt schon ebenso hinter den Kulissen der ‚zärtlichen Verwandten‘ aus, wie heutzutage!“

„Doch nicht! Die moderne Welt ist schauderhaft verdorben, aber sie hat selber die Einsicht und hält es für total berechtigt, dass nicht nur die alten Tanten, sondern sogar die oberste Instanz im Himmel die Stirne kraust, wenn der Spass aufhört, ein Spass zu sein!“

„Lieber Himmelsvater sei nicht bös,

Denn das Bravsein macht mich so nervös!“

„Das lassen Sie nur meine Sorge sein! Erstens sind keine alten Basen auf hundert Meilen Umkreis in Sicht — und ...“

Dankwardt fuhr frisch und zuversichtlich fort:

„Der liebe Himmelsvater ist sicher der Letzte, welcher als Schöpfer aller Blumen und Blümelein über dies Versteckenspielen als Studentenstreich böse ist, — denn um der Büblein willen hat er doch die Mägdelein geschaffen, wie Sie wissen.“

„Gut; — Herr Dankwardt Strolch — ich drücke Ihnen als Verbündeter die Hand!“

„Hier, meine biedere Rechte!“

„Das Lustspiel auf der Rudelsburg kann steigen! — Vivat — crescat — floreat!“

Drittes Kapitel

Droben, auf der überdeckten Halle, zu welcher die ausgetretenen Steinstufen emporführen, über welchen ehemals der berühmte Weltenbummler Rieselak seine Visitenkarte eigenhändig an die Wand malte, hatte die Familie Eicklingen an reservierter Tafel Platz genommen.

Von hier oben konnte man sehr bequem den Burghof überblicken, auf welchem in langen Reihen das lustige Volk der Studierenden Platz genommen, um durch einen Festkommers den heutigen Tag der Fuchstaufe zu feiern.

Die „Füchse“, welche natürlich eine besondere Rolle dabei spielten, hatten nicht ermangelt, schon in allerhand Äusserlichkeiten den „Jux“ zu markieren, welcher ihres Lebens Regel war.

Eine sehr primitive Eselequipage beförderte etliche der Herren, in einem Kinderwagen lagen bärtige Zwillinge mit langen Tabakspfeifen, von einer hünenhaften Spreewälderin gezogen, welche das Zerevis kokett auf dem Kopftuch und das bunte Bändchen stilvoll über dem Brustlatz angebracht hatte, und mit dröhnendem Bierbass die lieben Kleinen in den Schlaf sang: „Schlaf, Kindchen, schlaf, du bist ein grosses Schaf, — der Rektor hüt’ die Lämmerchen und spunnt dich ein ins Kämmerchen, — drum, Kindchen, sei hübsch brav — und schli—schlu—schlaaaf!“

Dabei hielt sie den sehr ungebärdig mit den Kanonenrohren strampelnden Büblein recht häufig eine Flasche „Schultheiss“ an die Mündchen, und das Publikum heulte vor Pläsier Beifall, wie mächtig die Neugeborenen schon saugen konnten. Andere Füchse litten auf Steckenpferden und bliesen munter auf kleinen Tätterättä-Hörnchen, dieweil etliche in wildem Knäul eine keine Karre „belegt“ hatten, welche ein Schwarm kläffender Verbindungshunde, durch die starken mitziehenden Fäuste ihrer Herren unterstützt, in grotesken Bogenlinien auf der Landstrasse daherzogen.

Wenn die Fahrt zu langsam ging, fand sich ein Tartüffe, welcher den diversen Boxern, Pintschern, Doppelnasen und sonstigen Rüden ein leckeres Knöchlein in flottem Galopp vorantrug, was wahre Orgien wilder Gier und Raublust bei den Kötern auslöste, so dass die Karre des öfteren umkippte und die Füchse schimpfend und tobend ihren edlen Zugtieren nachjagten.

Die Spaziergänger, welche in dichten Scharen den Zug begleiteten, brachen in nicht endenwollenden Jubel aus, bis in die atemschöpfende Pause aus den vorderen Reihen des Zuges wieder die gewaltigen Klänge studentischer oder patriotischer Gesänge zurückschallten. Dann gab es ein Tücherschwenken, Hütewirbeln und begeistertes Mitsingen, bis ein paar Füchse mit trefflich imitierten Tierköpfen und der langen, rotbuschigen Rute als Schleppe am Strick nachschleifend auf der Bildfläche erschienen und der Beifallsspektakel abermals einsetzte.

All dieser Trubel, Sang und Klang war nun auf dem Burghof zu Ruhe gekommen. Auch das Publikum war, so gut es ging, „verstaut“ worden, und bei Bier und belegten Brötern, alias warmen oder kalten Speisen, lauschte man den feierlich schönen oder eigenartigen Weisen, mit welchen nach alt studentischem Komment die Nachfeier des eigentlichen Aktus der Fuchstaufe auf der Rudelsburg begangen wurde.

Die Töchter des Herrn Eicklingen hatten bald die allgemeine Aufmerksamkeit erregt.

Gleich den „Damen im schönen Kranz“ sassen die sechs jungen Mädchen droben auf dem „Söller“ und schauten amüsiert auf das bunte Leben und Treiben hinab.

Je weiter die Zeit vorrückte, desto lebhafter gestaltete sich der Verkehr auch unter dem Publikum, und es überraschte nicht, dass die Herren jeden möglichen und unmöglichen Anlass benutzten, um an der Tafel Eicklingen vorüber zu wandern. Mit respektvollen, schwärmerischen oder gar kecken Blicken musterten sie die Schwestern, bemüht, sich auffällig zu machen, oder, so gut es anging, die Aufmerksamkeit wenigstens einer oder der anderen der jungen Damen zu erregen.

Viele Köpfe, viele Sinne!

Man las den jeweiligen Geschmack schon an den Augen ab, nach welchem Gesichtchen sie sich am öftesten und interessiertesten umwandten, und sehr charakteristisch wirkte es, wie die einzelnen Schwestern diese spontanen Huldigungen auffassten.

Rose Damascena hatte sich lässig auf dem Stuhl zurückgelehnt und liess den stolzen Blick ziemlich kühl über all die emporschauenden Augen im Burghof drunten, sowie über die „Fensterparade“ machenden Herren gleiten.

Sie war entschieden die Schönste im Kranze dieser lebenden Blumen. Ihre Toilette würde im einzelnen für auffällig gegolten haben, — an der Seite ihrer Eltern, so hoheitsvoll und abweisend getragen, löste sie jedoch allgemeine, respektvolle Bewunderung aus.

Eine leichte, lichtrote Foulardseide war sommerlich schick verarbeitet und gab dem Antlitz mit den tiefdunklen grossen Augen und dem üppig gewellten gleichfarbenen Haar eine imponierende Folie.

Wie schimmernd weiss hob sich der Hals aus dem eckigen Ausschnitt ab, wie elegant wirkte die feine Abschattierung von rot in rot — der Inkrustationen und der schmalen Saumstickerei, welche unter dem wehenden Oberkleid hervortrat.

Selbst der hohe Lackstiefel von weissem Rittleder war rot gezwickelt und zeigte in graziöser Form den zierlichsten aller Füsse.

Als Hut war die grösste zulässige Form gewählt, eine breite Aufkrempung von feinstem weissen Strohgeflecht, auf welchem rote Rosen in überreicher, etwas von der Mode abweichenden Form und Fülle lagerten.

Wie der heisse, süsse Duft dieser Blumenköniginnen wehte es um die schlanke und doch volle Gestalt des reizenden Mädchens. Neben ihr zur Rechten sass der Vater, zur Linken hatte Oleandra Platz genommen.

Diese nahm in liebenswürdiger, aber völlig gelassener Weise Notiz von den sie anstaunenden Passanten.

Es lag etwas Prüfendes in ihrem selbstbewussten Blick etwas Abmessendes, Erwägendes, wie ein Künstler ein Modell mustert, es auf seine Brauchbarkeit zu prüfen.

Es währte auch nicht lange, so nahm sie aus der breiten, hocheleganten Handtasche einen kleinen Zeichenblock und begann, anscheinend ganz unauffällig und doch sofort bemerkt, ein paar Studienköpfe zu skizzieren.

Die Betreffenden, welche sich in dieser diskreten Weise abkonterfeit wähnten, verdoppelten ihre Bemühungen sich zu nähern, bald durch einen koketten kleinen Seitenblick der jungen Künstlerin ermutigt, bald durch eine schroff abweisende Bewegung des interessanten Köpfchens in alle Tiefen der Unschlüssigkeit zurückgeschmettert.

Die Lorbeerrose schien tatsächlich die grüne Farbe zu bevorzugen.

Ihre Toilette glich in Fasson und Ausführung derjenigen Damascenas, nur schmückte den Hut eine breite Blattgirlande ohne Blumen, anscheinend Lorbeerlaub, dieweil auch das Kleid in allen Schattierungen von Grün schimmerte.

Da sich viele Ausländer unter dem Publikum befanden, hörte man oft leise, witzige Kritik, von einem Französisch-Schweizer mit einem Blick auf die grüngepaspelten Stiefelchen das bekannte Witzwort der Madame de Staël: „L’univers à vos pieds!“ und einem fidelen Amerikaner den leise gesummten Refrain der „Lady Evergreen!“

Lilie schien von all dem dezenten Flirt um sie her nichts zu merken.

Ihr weisses Spitzenkleid schloss hoch am Halse und fiel lang bis beinahe auf die Füsse hernieder.

Kein bunter Faden an der priesterlich keuschen Gestalt. — Nur ein flaches goldenes Kreuz an schwerer Kette, wie es die Konfirmantin oder Diakonissen-Oberin trägt.

Sie blickt kaum auf, nur der alten Dame, welche im Rollstuhl gefahren wird, sieht sie teilnehmend nach, und dem armen Jungen, welcher auf verkrüppelten Füssen vorüberhumpelt, nickt sie voll ernsten Mitleids zu.

Sie trinkt auch keinen Wein, sondern Limonade.

Arnika scheint sie des öfteren mit recht unliebsamen Scherzen zu provozieren. Sie weicht in ihrem Sommerlodenkostüm vollkommen von dem Geschmack der Schwestern ab.

Auf dem kurzen Lockenhaar sitzt der weiche Filz keck und unternehmend, — in das Knopfloch der Joppe ist aus „Sputz!“ ein Bierzipfel geknüpft; obwohl sie nicht kurzsichtig ist, klemmt sie ab und zu einen Kneifer auf das impertinente Näschen, und mit dem kleinen, eleganten Spazierstöckchen wippt sie forsch und klopft zeitweise nicht allzuderb, aber doch vernehmlich, den Takt der Musik angebend, auf den Tisch.

Sie ist auch recht hübsch, sehr frisch und voll, mit klugen, herausfordernden Augen. Wenn die Studenten sie anlachen, so lacht sie wieder und nennt sie nicht anders als halb ironisch, halb kordial „die Jungens!“

Violetta trägt ein himmelblaues Kleid. Nicht aus dem kostbaren, leicht vergänglichen indischen Seidenmull gearbeitet, sondern von sehr solidem Taft hergestellt, welcher eigentlich kein so recht geeigneter Stoff für derart junge Mädchen ist, trotzdem aber von Frau Meta gebilligt wird, weil ihr kleines Hausmütterchen diese schweren, schlicht fallenden Seidenstoffe so besonders liebt.

Eine mit cremefarbiger Seide en relief gestickte Borde schliesst Halsausschnitt und den Saum des Rockes ab und schmückt in vereinzelten Wiederholungen auch noch Taille und Überkleid.

Der Hut ist der schlank und einfach an das Köpfchen geschmiegten Frisur angemessen, eine kleine Fasson mit graziösem Federtuff, tief in die Stirn gedrückt, dass nur die goldbraunen Haarwellen an den Schläfen und dem Hinterkopf sichtbar werden.

Sie liebt weder Wein, noch Limonade, auch kein Glas Münchner, wie Arnika es nicht anders tut, sondern hat sich gleich der Mama eine Tasse Kaffee mit recht gutem Napfkuchen bestellt.

Ihr Blick schweift sorglich in die Runde, weniger neugierig, wie pflichtgetreu, ob nicht selbst hier, am dritten Ort, irgendein Vorkommnis ihres hilfsbereiten Eingreifens harrt.

Schon zum „x-tenmal“, wie Arnika spottet, hat sie dem „schusseligen“ Fräulein Fürwitz das Taschentuch unter dem Tisch heraufgeangelt, wenn es in der Unachtsamkeit neben — anstatt in die Tasche des Backfischchens gesteckt wurde, — den Sonnenschirm, welchen Cilla natürlich im Wagen liegenliess, hat sie auch noch im letzten Augenblick an sich genommen und die Handschuhe des Schwesterchens sorglich in ihr Juchtenledertäschchen versenkt.

Cilla-Mandelblüte hatte unterwegs, wie meistens, auf der Wiese „gegrast“ und an den Gebüschen „gerauft“, und das hatten die neuen Glacés übelgenommen und starrten sie vorwurfsvoll mit dunklen Fingerspitzen an.

„Weg damit!“ lachte die Kleine. „Die sehen ja scheusslich aus!“ sprach’s und schleuderte sie weit ab in das Wegekraut, Violetta aber hob sie emsig auf und sah die Verschwenderin erschreckt an: „Aber Fürwitzchen, die Handschuhe lassen sich doch noch reinigen!“

Nun, und wenn Schwesterchen sie verweigerte, streifte sie Violetta selber an, denn bei Regenwetter, wenn man einen Schirm oder Pakete tragen muss, können sie noch lange dienen.

Ja, klein Cilla ist goldig! Der Verzug des ganzen Hauses!

Sie heisst ja Fürwitzchen. Was Wunder, wenn sie von Kindesbeinen an ein toller kleiner Schelm war, dessen kecke Streiche weidlich belacht wurden, welche sogar der Kurzweil wegen verlangt wurden, bis sie dem Blondköpfchen zur zweiten Natur geworden waren.

Rosig! Von Kopf bis zu den Füssen ein rosiges Duftwölkchen!

Mächtige Flügelschleifen hinter den Öhrchen, welche die goldenen Flechten zusammenhalten, kennzeichnen das Backfischchen, das lachende Gesichtchen, frisch wie eine Maienblüte, mit grossen Blauaugen, und das kecke Stuppsnäschen sind das Entzücken von jung und alt.

Cilla hat sich Schokolade und Torte bestellt, nachher eine Portion Eis ... und dann vor dem Abendessen noch Apfelkuchen mit Schlagsahne.

Ob sie dieselbe noch essen kann?

Sie zuckt die Achseln. „Das ist ja ganz Wurst! Dann koste ich sie halt, und den Rest kann Violetta kriegen.“

„Selbstredend!“ — Die Schwester isst geduldig auf, obwohl sie Zitronencreme-Törtchen lieber gegessen hätte aber da es doch mal bestellt und bezahlt ist, darf es nicht umkommen.

Am Nebentisch haben drei Herren gesessen und unauffällig alles gehört, beobachtet und gesehen.

Der eine von ihnen ist eine auffallend schöne und interessante Erscheinung, so hübsch, dass selbst Rose Damascena den Blick der leuchtenden Augen sekundenlang auf ihm weilen lässt.

Oleandra neigt sich ihr flüsternd zu: „Sieh dir mal dein Gegenüber vom Nebentisch an! Ist der nicht tadellos? Ein bisschen wie der Graf von Luxemburg auf der Bühne! Der fand ja auch Gnade vor deinen Augen.“

„Inwiefern? Nur in der Verkörperung seiner Rolle und seines äusseren Menschen! Für Künstler und Talmigrafen habe ich nichts übrig, wie du weisst!“

Die Sprecherin sieht wieder sehr abweisend aus, kühl bis an das Herz hinan — und die Lorbeerrose lächelt: „Nun, dieser Herrlichste von allen sieht nicht nach Talmi aus! Ich möchte wetten, dass er ein echter Prinz ist! Auf was taxierst du ihn?“

Wieder heben sich Damascenas dunkle Wimpern, und ihr Blick begegnet demjenigen des Fremden.

Momentan zuckt dessen Haupt empor, als habe ein elektrischer Funken jäh gezündet. Sein Auge flammt auf, — ein heisses, ehrliches Entzücken spiegelt sich darin.

Seltsam, auch Rose Damascena hat zum erstenmal im Leben das Empfinden, als rege sich etwas, noch nie zuvor gekanntes, in ihrer Brust, — das zittert und tut ein paar schnelle Schläge.

Ein Herz?

Hat Königin Rose ein Herz?

Sie wusste es bislang noch nicht.

„Wenn der nun wirklich so reich, so vornehm, so hochgestellt ist, wie dein Mann unter allen Umständen einmal sein soll, Damascena — würdest du ihn mögen?“

Die Gefragte wendete beinahe gewaltsam das schöne Haupt zur Seite.

Sie zuckte die Achseln.

„Soviel Vorzüge auf einmal finden sich wohl bei keinem Sterblichen zusammen!“ antwortet sie gelassen. „Du kennst ja meinen Geschmack seit Kindesbeinen an. Ihr habt mich so oft ‚Majestät‘ im Scherz genannt, und Frau Königin —, nun, da habe ich schon früh erfahren, dass diese Trägerinnen einer Krone meist Konvenienzehen, ohne Herzensneigung, schliessen. Danach habe ich mein Fühlen und Begehren eingerichtet. — Ganz wie eine Königin!“

„Ich weiss!“

„Ein Geisterlaut herunterscholl —

Ade, du Schäfer mein!“

„Ich glaube wirklich, Damascena, für lyrische Schäfer und schmachtende Liebhaber, und wenn es der Apoll von Belvedere nach Aussehen und Gestalt wäre, du würdest ihm grausam den grössten aller Körbe geben und den urältesten Serenissimus vorziehen, wenn er dir Rang, Würde, Titel und Mittel garantierte!“

„Selbstverständlich! Denn ich bin überzeugt, dass nur diese das Glück eines Weibes ausmachen, welches so völlig Herrscherin ist, wie ich!“

„Oh, da kommt Onkel Rolf!“

„Endlich!“

„Wo mag er solange gesteckt haben?“

„Er musste so vielen alten Freunden die biedere Rechte schütteln!“

„Sucht er uns etwa? Wir sind doch auffällig genug!“

„Doch nicht! Er blickt eben nach unseren Nachbarn herüber!“

„Er scheint sie zu kennen!“

„Wie interessant, so erfährt man doch, wer der schöne Unbekannte mit den Götteraugen ist!“

„Tatsächlich, er schreitet auf sie zu!“

„Man begrüsst sich!“

„Sie blicken zu uns herüber ... Papa! Onkel Rolf nickt dir zu!“

Herr Tobias Maximilian wendet das höflich lachende Gesicht dem Stiefbruder zu, welcher ihm als Student den Titel „Onkel“ zugelegt, da auch bei ihm die Variante eine Tatsache war:

„Ich bin ein rechtes Lümpchen

Und borge unentwegt,

Und habe schon manch Pümpchen

Bei Onkels angelegt!“

Die Pümpchen hörten ja schliesslich auf, aber bei dem Ehrentitil „Onkel“ blieb es.

Die Herren erhoben sich und traten herzu.

„An eurer Tafel ist noch soviel Platz, und die Herren hier müssen so tief im Schatten und Hintergrund kämpfen, ohne nur einen Blick in den Hof hinunterwerfen zu können! Wenn du gestattest, liebe Meta, und du, ehrengeachteter alter Herr, so nehmen wir bei euch Platz. Ich bitte vorstellen zu dürfen! — Herr Rechtsanwalt Gleidingen — Herr Landrat Bodenburg — Herr Assessor Dankwardt Strolch!“

Alles horchte auf.

Der Kommerzienrat machte momentan ein Gesicht, als habe er nicht recht verstanden. Aber er erwiderte den Gruss sehr heiter, ebenso Frau Meta und Violetta und baten Platz zu nehmen.

Oleandra aber starrte momentan starr vor Überraschung auf den vermeintlichen Grafen, dann erhob sie sich gleich Damascena, um Platz freizugeben, die Stühle der Fremden einschieben zu lassen.

Dankwardts Blick traf abermals das schöne Antlitz der Königin Rose.

Hatte er sich vorhin getäuscht, als es ihm schien, ein feines Rot schimmere in ihre Wangen empor?

Ja, für ihn war es jedenfalls eine Täuschung. Jenes reizende Mädchen war keine Laura aus dem Bettelstudent, welche versichert: „Und wärst du arm und gering — und ohne klingenden Namen und hoher Herkunft — ich liebe dich dennoch — um deiner selbst willen!“

Rose Damascena mustert Herrn Strolch mit geradezu vernichtendem Blick, wendet sich brüsk ab und weiss es einzurichten, dass sie sich, möglichst entfernt von ihm, an dem anderen Ende der Tafel niedersetzen kann.

Dankwardt verneigt sich kurz und fährt fort, psychologische Studien zu machen. Wozu solch ein Name doch alles gut ist! Er ist ein Sesam für Frauenherzen, auch das sprödeste und verschlossenste vergisst momentan alle guten Erziehungsresultate von „Zusammennehmen — sich nichts merken lassen — ein bisschen Komödie spielen usw.“ und decouvriert auch die tiefinnersten Geheimnisse des Charakters.

Frau Meta kann es, sie erwidert den Gruss sehr höflich und blickt alsdann über den Träger hinweg, ohne dass es verletzend wirkt. Cilla lacht ungeniert auf und lässt sich ihren Apfelkuchen weiterschmecken.

Arnika kneift die Augen zusammen und streckt dem Assessor kordial die Hand entgegen. Sie ist an absonderliche Namen auf Akademie gewöhnt, Frosch, Lumps, Schwanz, Ochs, warum soll nicht neben so vielen anstössigen Strolchen auch mal ein respektabler in der Welt herumlaufen.

Sie spricht es aber nicht aus, sondern bekundet nur durch den Ausdruck ihres Gesichtes, dass sie, ebenso wie unter ihren Kommilitonen, so kleine Äusserlichkeiten nur höchst ulkig findet.

Lilie schaut überhaupt nicht auf, sondern rückt mit niedergeschlagenen Augen einen Stuhl weiter, und nur Violetta blickt sehr freundlich, ja doppelt liebenswürdig wie sonst zu dem armen Menschen empor, für den es ja mehr wie peinlich, ja oft wohl direkt qualvoll sein muss, so einen wenig angenehmen Namen seit Kindesbeinen mit sich herumschleppen zu müssen. Es scheint beinah, als ob alle Schwestern wie im heimlichen Einverständnis die Plätze so einnehmen und verteilen, dass Herr Dankwardt Strolch neben das artige, bescheidene Veilchen zu sitzen kommt, denn daran hat man Violetta seit jeher gewöhnt, mit dem fürlieb nehmen zu müssen, was die Schwestern übrig lassen, oder das zu erledigen, was die anderen langweilt.

Gab es eine Arbeit im Hause, welche Geduld und Selbstverleugnung erforderte, so ward sie Violetta zugeschoben, gab es etwas Gutes, was die Eigenliebe nicht teilen wollte, so nahm man dem selbstlosen Veilchen skrupellos auch noch das Teil, welches ihr gebührte.

Liebenswürdig und gutmütig gab sie es hin, ohne je eine Guttat vorzurücken oder Anerkennung, geschweige Lob und Lohn für eventuelle Opfer zu fordern.

Damascenas verletzende Art konnte nicht unbemerkt von Dankwardt bleiben.

Aber es war seltsam, — so bestimmt die selbstherrliche Schönheit angenommen hatte, der Unglücksrabe mit dem grauenvollen Namen werde nun den in seinen innigsten Gefühlen schwer Verletzten spielen, so bestimmt hatte sie sich diesmal selber geirrt, so überraschter war sie durch die peinliche Tatsache, dass ein Mann, welcher sie soeben noch mit einem geradezu himmelauflodernden Blick des Entzückens und der Bewunderung angestaunt, dass dieser Verehrer so gar keine Notiz mehr von ihr nahm.

Kaum dass sein Blick sie noch flüchtig streifte. Er schien sich recht vergnüglich und scharmant mit Violetta zu unterhalten, und Arnika, welche anfänglich Miene machte, den „ulkigen Knopp“ ein bisschen zu „veräppeln“, mischte sich immer lebhafter in die Unterhaltung.

Wie stets, ruhte sie nicht eher, als bis die Fremden genau orientiert waren, dass sie studierte und nie daran dachte, ihre goldene Freiheit aufzugeben.

Sie war dann erregten Widerspruch von seiten der anwesenden Herren gewöhnt, ein fideler Kampf, die Ehehasserin zu bekehren, aber Dankwardt Strolch stimmte ihr sehr anerkennend zu und versicherte: „Darin erkennt man den Ernst Ihres Strebens, mein gnädiges Fräulein! Es ist für jedermann ein Unglück, dem Beruf, welchen man in sich fühlt und für den man wähnt, geboren zu sein, untreu zu werden! Der Doktorhut einer sich nicht für jeden Kopf, ebensowenig wie ein Frauenhäubchen sich jedem Scheitel anpasst!“

„Natürlich! Auf vollkommenes Aufgehn in dem Beruf und ein absolutes Aufgeben seiner selbst! Das ist Frauenlos! Nur seltsam, dass die Männer Beruf und Hausherrenwürde so selbstverständlich in sich vereinen!“

„Hausherrenwürde ist wohl mehr ein Titel wie ein weitumfassender Wirkungskreis!“ lächelte Dankwardt amüsiert. „Was hat ein Mann in seiner Häuslichkeit zu tun? — Mal die Wirtschaftsbücher nachrechnen, mal die Dienstboten anblasen oder die unnützen Buben mit dem Rohrstock bedrohen — aber sonst? Was bleibt ihm an der Seite einer tüchtigen Hausfrau noch des weiteren übrig? — Man lässt sich von seinem Weibchen hegen und pflegen und sich mit zarten Händchen verwöhnen, wenn es so ganz und gar eine Ehe nach dem Sinne Gottes ist, bedeutet gerade für den Mann sein ‚home, sweet home‘, ein Quell des Vergessens, in welchem alle Tageslast und Bürde untergeht!“

„Das lernt sich allerdings schnell und ohne besonderes Studium!“ ironisierte das künftige Fräulein Doktor voll gutmütigen Spottes, bot dem „Gegner in diesem Wortduell“ ihr sehr elegantes silbernes Zigarettenetui dar und steckte sich selber einen „Tobak“ an.

Dankwardt quittierte lachend: „Um so mehr bewundern wir und danken es der Frau, wenn sie dieses Studium der Toleranz und Seelengüte schon beizeiten zur Vollendung ausbildet!“ — Sein Blick streifte Rose Damascena: „Die Herzenskälte des Weibes friert oft schon vor der Hochzeit alles Zukunftsglück zu Tode, dass von dem zersprungenen ‚Glas von Edenhall‘ nur die Scherben übrigbleiben, und ein einzig warmer, sonniger Blick wiederum kann selbst bei Schnee und Eis urplötzlich die bräutliche Myrte erblühen lassen!“ — Sein Antlitz wandte sich wie zufällig Violetta zu, welche aufmerksam lauschte und doch sehr freundlich und hilfsbereit zugriff, als der Kellner herantrat, um Tassen und Gläser einzusammeln.

Alle anderen jungen Damen im Kreis nahmen keinerlei Notiz von ihm, sie zogen kaum den Fuss zurück, um dem Vielbeschäftigten den Weg bequemer freizugeben, — Violetta aber griff ganz wie selbstverständlich nach den nächststehenden Tellerchen und Kännchen und stellte sie geschäftig auf den dazu gehörigen Tabletts zusammen.

Der Kellner dankte sehr verbindlich, und das junge Mädchen reichte ihm nur mit freundlichem Blick das Geschirr zu, kaum merklich, um das Gespräch nicht zu unterbrechen.

König Waldmeister sah zwar in lebhaftem Plaudern hin und her im Kreise, dennoch entging ihm auch nicht das Geringste von all den kleinen Indiskretionen, welche die Handlungsweise der jungen Mädchen selber ausplauderte.

Cilla beachtete die um sie her Sitzenden gar nicht mehr.

Sie amüsierte sich köstlich mit einem neu erfundenen Schelmenspiel, welches sie ganz heimlich und von niemand der Tafelrunde bemerkt, in Szene setzte.

Von den Zeitungen, welche Herr Tobias-Maximilian während der Wagenfahrt gelesen und nach letztem Einblick hier auf den Tisch gelegt hatte, riss Cilla sich kleine Stückchen ab, um sie zu festen Papierkügelchen zusammenzudrehen.

Sie lag, mit beiden Armen auf die Brüstung des Holzgeländers gestemmt, über ihren Stuhl herüber und schaute in den Burghof auf all die Tafeln, Tische und vielen Menschen herab, welche sich daselbst zusammengefunden hatten.

Unvermerkt schnippte sie die Kügelchen nach lohnenden Zielobjekten dieser „Unterwelt“.

Zuerst zielte sie nach den diversen Kaffeetassen und Bierseideln, dann nach den blanken Glatzköpfen, welche der Wärme wegen den Hut abgelegt hatten, und dabei erstickte sie vor innerlichem Lachen und Vergnügen, wenn sie gut getroffen hatte, und die Zielscheiben mehr oder minder erschrocken, entrüstet oder humorvoll den Absender dieser Projektile zu erforschen suchten.

Gerade unter ihr hatte ein hoher Würdenträger Platz genommen.

Ein General in Uniform, neben ihm ein sehr hübscher junger „Fuchs“, welcher den Anverwandten soeben herzlich begrüsst hatte.

Mochte wohl sein Sohn oder Neffe sein.

Der General sah sehr imposant aus.

So eine Uniform prunkt doch ganz gewaltig, und die Leute drehen doch fast alle die Köpfe nach ihr und ihrem Träger herum.

Anscheinend ist der Gewaltige ein noch sehr stattlicher, eleganter und vornehm aussehender Herr.

Wenn auch der starke Schnurrbart schon ergraut ist, so gibt er dem sehr frischen, sonngebräunten Gesicht noch nichts Altes, im Gegenteil, er wird stramm und flott emporgestrichen, und die grossen Augen unter den buschigen Brauen blicken noch recht jugendlich mit zwingendem Blick in die Welt.

Die Gestalt scheint auch recht stattlich, ein bisschen korpulent, aber noch militärisch aufrecht mit festem Schritt, das sieht man schon, wie er das Bein überschlägt oder mit scharfem Ruck zu Boden setzt.

Das wäre doch ulkig, wenn der gerade mal ein Geschoss auf den breiten Mützenbboden bekäme!

Cilla reckt das Näschen vor und zielt heimlich, aber sehr sorgsam.

Klapp!

Patsch ... da kollert das Kügelchen von der Mütze herunter auf den Tisch, glücklicherweise gleich über die Kante weg, nach der Erde herunter.

Gut getroffen!

Der alte Drömermichel scheint es gar nicht gemerkt zu haben, nur der Junge glotzt dem Papierchen sehr dämlich nach, dreht die Nase hin und her, und dann äugt er frecherweise zu ihr herauf.

Er sieht sie, — lacht — und ... droht ihr mit dem Finger!

So eine Kardinalsfrechheit!

Ihr mit dem Finger zu drohen, als ob sie noch ein dummes Göhr wär’!

Sie ist konfirmiert und „voll“!

Am liebsten schnitt sie ihm eine feste Fratze zurück, damit der Monsieur mal sieht, dass er eine Dame vor sich hat!

Unmöglich, er guckt schon wieder weg, dem Kellner entgegen, welcher ihm und dem alten Eisenfresser ie einen Teller mit Aal in Gelee bringt.

„Warte, für den „Dudufinger“ kriegste was! — als ob er gesehen hätte, dass sie die Kügelchen wirft.

Cilla dreht eifrig zwei neue, dicke Papierpillen und expediert sie, dann verschränkt sie die Arme ganz harmlos auf dem Geländer.

Sie könnte platzen vor Lachen!

Tatsächlich! Die Kugel sitzt, patent getroffen, mitten im Gelee drin!

Ha! wie der Kopf emporschnellt!

„Danke, meine Kleine!“ lacht er laut. „Die Tischplatte ist frisch lackiert und spiegelt jede Bewegung von da oben!“

Alle Donner!

Daran hatte sie nicht gedacht.

Sie schnellt zurück, duckt das Köpfchen, als sei die laute Stimme von drunten ein Hagelschauer gewesen, und ignoriert für die nächsten fünf Minuten ihren Namen Fürwitzchen.

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Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
Объем:
220 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711472859
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Правообладатель:
Bookwire
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