Читать книгу: «Das Buch der fünf Ringe»
Über den Autor
MIYAMOTO MUSASHI
(1584-1645) wurde früh von seinem Onkel in der Kunst des Duells unterrichtet. Mit 13 Jahren gewann er seinen ersten Zweikampf und mit 16 Jahren begab er sich auf Kriegerwallfahrt. Er nahm an mehreren großen Schlachten in sechs Kriegen teil und gewann angeblich 60 Duelle. Heute ist Miyamoto Musashi eine legendäre Gestalt, dessen Lebensgeschichte mehrfach verfilmt wurde und einen festen Platz in der japanischen Populärkultur hat. Seine Schwertkampftechniken der Niten-Ichiryu Schule werden heute weltweit gelehrt.
TIMO KLEMMER
wurde 1987 in Mannheim geboren und studierte Psychologie sowie Ostasienwissenschaften an der Universität Heidelberg.
Zum Buch
Miyamoto Musashi war der wohl legendärste Kensei (Schwertheilige) Japans. In unzähligen Duellen und Schlachten hatte er sein Geschick im Umgang mit zwei Schwertern bewiesen. Als er keine würdigen Gegner mehr fand, begab er sich mit sechzig Jahren in die Einsamkeit und schrieb seine Erkenntnisse über die Kunst des Schwertkampfes nieder. Vordergründig handelt Das Buch der Fünf Ringe (Gorin no sho) von den Strategien und Taktiken, die jedem Samurai als Grundlage dienen. Doch Musashis Lehre zielt, angelehnt an die fünf buddhistischen Zen-Ringe (Erde, Feuer, Wasser, Wind und Leere), über das Konkrete hinaus und lehrt Fähigkeiten, die auch für Nicht-Schwertkämpfer von Bedeutung sind: Disziplin, Ruhe und Gelassenheit im Angesicht von Herausforderungen. Er vermittelt, was letztlich jede Lebenskunst auszeichnet: Die Aufmerksamkeit für den Moment und die Möglichkeit, ihn wenigstens ein Stück weit zu verlängern und zu halten.
„Lerne die Situation, in der du dich befindest, insgesamt zu betrachten…“
MIYAMOTO MUSASHI
Das Gorin no sho handelt von der Taktik und der Kunst des Schwertkampfes. Heute ist das Buch vor allem als Vademekum für Manager und andere white-collar-Samurais im Umlauf, selbst wenn man dieser übertragenen Lesart nicht immer folgen möchte. Musashi selbst machte keinen Unterschied zwischen der Kunst des Krieges und allen anderen wichtigen Bereichen des Lebens: Was zählt, ist ein Bewusstsein für den richtigen Rhythmus des Handelns, eine distanzierte und passende Einschätzung der Lage und ein beständiges Streben nach Perfektion.
Miyamoto Musashi
Das Buch der fünf Ringe
Miyamoto Musashi
Das Buch der
fünf Ringe
Aus dem Altjapanischen neu übersetzt
von Timo Klemmer

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Alle Rechte vorbehalten
Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013
Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2013
Diese Übersetzung basiert auf folgenden Texten:
Das Buch der fünf Ringe auf dem japanischen Originaltext
aus dem Jahr 1645, Der einsame Pfad auf der Biographie
Nitenki aus dem Jahr 1776.
Lektorat: David Zettler, marixverlag GmbH
Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH
Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin/Universal Images Group
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0388-5
www.marixverlag.de
Inhalt
DAS BUCH ERDE
Was man den Weg der Kriegskunst nennt
Der Weg der Kriegskunst verglichen mit dem des Zimmermeisters
Der Weg der Kriegskunst
Die fünf Bücher über die Kriegskunst
Die Namensgebung des Nitō-Stils
Die Bedeutung des Begriffs „Kriegskunst“
Der Nutzen der Waffen in der Kriegskunst
Der Rhythmus der Kriegskunst
DAS BUCH WASSER
Die Geisteshaltung in der Kriegskunst
Die Körperhaltung in der Kriegskunst
Der Blick in der Kriegskunst
Der Umgang mit dem Tachi
Beinarbeit
Die fünf Kampfhaltungen
Der Weg des Tachi
Die fünf Kampftaktiken I
Die fünf Kampftaktiken II
Die fünf Kampftaktiken III
Die fünf Kampftaktiken IV
Die fünf Kampftaktiken V
Die Lehre von Haltung und Nicht-Haltung
Der Ein-Takt-Hieb
Der Takt der zwei Hüften
Der Schlag der Losgelöstheit aller Gedanken
Der Schlag des fließenden Wassers
Der zusammenhängende Schlag
Der Funkenschlag
Der Schlag des roten Herbstlaubs
Der Körper, der zum Tachi wird
Schlag und Treffer
Die Technik des Shūkō
Die Lack- und Leim-Technik
Der Größenvergleich
Die Beharrlichkeit beim Angriff
Körperstöße
Die drei Techniken zur Abwehr
Der Stich ins Gesicht
Der Stich in die Brust
Der Kampfschrei
Einer Klinge entgegentreten
Das Bestehen gegen viele
Der Nutzen des Kampfes
Ein einziger Hieb
Die direkte Verbindung
DAS BUCH FEUER
Die Umstände des Austragungsortes
Die drei Initiativen
Auf das Kopfkissen niederdrücken
Das Übersetzen
Die Lage begreifen
Das Schwert niedertrampeln
Um das Zusammenbrechen wissen
Zum Gegner werden
Die vier Hände loslassen
Den Schatten in Bewegung versetzen
Den Schatten zu Boden zwingen
Übertragen
Den Gegner aus der Fassung bringen
Das Einschüchtern
Das Eins-Werden
Die Ecken fassen
Den Gegner verwirren
Die drei Kampfschreie
Sich durch den Gegner pflügen
Das Zerquetschen
Der Unterschied zwischen Berg und Meer
Bis zum Grund vorstoßen
Sich erneuern
Rattenkopf und Stiernacken
Der General kennt seine Truppen
Den Schwertgriff loslassen
Der Felsenkörper
DAS BUCH WIND
Über die anderen Schulen, in denen man das große Tachi verwendet
Das „starke Tachi“ anderer Schulen
Über die anderen Schulen, die das kurze Tachi verwenden
Die mannigfaltigen Schwerttechniken anderer Schulen
Die Kampfhaltungen der anderen Schulen
Der Blick in den anderen Schulen
Die Bewegung der Füße in den anderen Schulen
Die Geschwindigkeit in anderen Schulen
Die Oberfläche und das Innere der anderen Schulen
DAS BUCH LEERE
DER EINSAME PFAD
Biografie von Miyamoto Musashi
DAS BUCH ERDE
Vorrede
Ich möchte hier den Weg der Kriegskunst, genannt Niten ichiryū1, den ich über Jahre trainiert habe, zum ersten Mal schriftlich darstellen. Wir befinden uns in der ersten Dekade des zehnten Monats des zwanzigsten Jahres der Ära Kan’ei (1643). Ich habe den Berg Iwato in der Provinz Higo auf Kyūshū bestiegen, bete zum Himmel, mache Kannon2 mein Aufgebot und wende mich gen Buddha. Ich bin ein Krieger in meinem sechzigsten Lebensjahr aus der Provinz Harima mit Namen Shinmen Musashi no Kami Fujiwara no Genshin.
Seit jungen Jahren schlägt mein Herz für den Weg der Kriegskunst. Mit dreizehn habe ich meinen ersten Kampf ausgetragen, im Zuge dessen ich Arima Kihei, einen Kriegskünstler der Shintō-Schule, bezwang. Im Alter von sechzehn Jahren überwand ich den hartnäckigen Kriegskünstler Akiyama aus der Provinz Tajima. Mit einundzwanzig Jahren zog ich in die Hauptstadt (Kyōto), wo ich auf Kriegskünstler des ganzen Landes traf. Ich bestritt zahlreiche Kämpfe und verlor doch nicht einen einzigen. Danach zog ich durch die verschiedenen Provinzen, traf auf zahlreiche Kriegskünstler und obwohl ich mehr als sechzig Kämpfe ausfocht, verlor ich kein einziges Mal. Dies beschreibt die Zeit von meinem dreizehnten bis zu meinem achtundzwanzigsten oder neunundzwanzigsten Lebensjahr.
Als ich das dreißigste Lebensjahr überschritt und auf meinen bisherigen Weg zurückblickte, erkannte ich, dass meine Siege nicht darin begründet waren oder ich meine Kriegskunst über alle Maßen betrieb. Möglicherweise war es ein naturgegebenes Talent, vielleicht eine Fügung des Himmels. Vielleicht lag es an einer Unzulänglichkeit der anderen Schulen in der Kriegskunst. Um den tieferen Grund zu erfahren, trainierte ich also von morgens bis abends, und im Alter von fünfzig Jahren verstand ich endlich den Weg der Kriegskunst. Seitdem verbrachte ich die Tage damit, ohne mich einer einzigen Schule vollkommen zu verschreiben. Da ich dem Weg der Kriegskunst folgte und mir selbst allerlei Künste und Fähigkeiten aneignete, brauchte ich keinen Lehrer, der mir dies alles beibrachte.
Für diese Niederschrift gebrauche ich weder die alte Sprache des Buddhismus noch des Konfuzianismus, weder Kriegschroniken noch Bücher über Kriegstaktiken. Um den wahren Geist des Niten ichiryū darzulegen, der sich im Weg des Himmels und Kannon wiederspiegelt, ergreife ich nun, in der zehnten Nacht des zehnten Monats zur Stunde des Tigers3, meinen Pinsel und beginne zu schreiben.
Die Kriegskunst ist das Handwerk der Samurai. Vor allem die Feldherren müssen es beherrschen, die einfachen Soldaten sollten es kennen. Doch in der heutigen Welt gibt es keinen Krieger, der wirklich den wahren Weg der Kriegskunst verstanden hätte. Es gibt verschiedene Wege: Da wäre der Weg der Erlösung durch die Lehren Buddhas, der Weg der Studien im Konfuzianismus, der Weg des Arztes der verschiedene Krankheiten heilt, oder den des Dichters, der die Kunst des waka4 lehrt. Es gibt vom Weg des erlesenen Geschmacks5 bis hin zum Weg des Bogenschießens viele weitere Wege der verschiedensten Künste und Begabungen. Jeder folgt dem Weg, der seinem Geschmack entspricht. Dass jemand Gefallen an dem Weg der Kriegskunst findet, ist allerdings selten.
Man sagt, der Weg des Kriegers zerfällt in den Weg des Pinsels und den des Schwertes. Man muss einen Sinn für beide haben. Selbst wenn man ungeschickt ist, so ist man doch ein Krieger, wenn man sich dem Gesetz des Kriegers verpflichtet hat. Im Allgemeinen wird angenommen, dass ein Krieger zu sein bedeute, dass man sich dem Tod hingibt. Doch die Bereitschaft zum Tode beschränkt sich nicht allein auf die Krieger, denn auch Priester, Frauen und Bauern können sich aus Pflichtgefühl oder Scham dazu entschließen dem Leben zu entsagen.
Allerdings unterscheidet sich der Weg des Kriegers von den anderen Wegen dadurch, dass der Krieger versucht andere zu übertreffen. Ob er im Duell die Schwerter kreuzt oder siegreich aus einer Schlacht hervorgeht – er will im Dienste des Herrschers6 oder um seinetwillen Ruhm und Ehre erlangen und dies mit der Tugend der Kriegskunst. Man glaubt, dass, selbst wenn man sich ein Leben lang in der Kriegskunst übt, dies in einem Ernstfall kaum hilfreich sein werde. Doch übt man jederzeit Nützliches, und ist man ein Meister geworden, gibt man Nützliches weiter. Dies ist der wahre Weg der Kriegskunst.
1 Niten-ichiryü
: wörtlich: Zwei-Himmel-Stil. Im Folgenden auch Nitō-Stil genannt.
2 Kannon
: wörtlich: „die Geräusche der Welt vernehmend“. Kannon ist der höchste Bodhisattva des Mahayana-Buddhismus – ein Wesen das danach strebt, sich selbst aufzugeben, um die Welt zu erleuchten. Es ist wohl die ikonographisch weitverbreitetste Figur des Buddhismus und wird zumeist in weiblicher Form dargestellt, obwohl er ursprünglich vom männlichen Bodhisattva des Mitgefühls Avalokiteshvara abgeleitet ist.
3 Stunde des Tigers: Der Tag ist in zwölf Doppelstunden eingeteilt, die den zwölf chinesischen Tierkreiszeichen entsprechen. Die Stunde des Tigers beschreibt den Zeitraum zwischen drei und fünf Uhr morgens.
4 waka
: wörtlich: „japanisches Gedicht / Lied“. Auch tanka
(Kurzgedicht) genannt. Ein waka ist die typischste japanische Gedichtform, das eine Silbenstruktur von 5 – 7 – 5 – 7 – 7, also insgesamt 31 Silben aufweist.
5 gemeint ist hier sadō
, die Kunst der Teezeremonie.
6 gemeint ist hier der daimyō
, also der militärische Verwalter eines Lehens (han) innerhalb der Struktur des bakufu
(militärische Regierung des Shōgun)
Was man den Weg der Kriegskunst nennt
Es heißt, dass in China und Japan diejenigen, die diesem Weg folgten, als Meister der Kriegskunst bezeichnet wurden. Als Krieger musste man diese erlernen. Auch wenn es in der heutigen Zeit Leute gibt, die als Kriegskünstler durch die Welt reisen, so sind diese bloß in der Fechtkunst7 bewandert. Die Priester des Kashima- und des Katori-Schreins der Provinz Hitachi errichteten, als Vermittler der erhabenen Gottheiten, Schulen und ziehen neuerdings durch die Provinzen, um die Leute zu unterweisen. Seit frühester Zeit wird die Kriegskunst zu den zehn Fähigkeiten und sieben Künsten gezählt. Und obwohl sie eine Kunst ist, darf sie sich nicht in bloßer Fechtkunst erschöpfen. Es ist schwer, den Nutzen der Techniken allein durch die Fechtkunst zu begreifen. Natürlich muss diese nicht dem Gesetz des Soldaten entsprechen.
Blicken wir auf die Welt, so sehen wir, dass man die Künste, verschiedenerlei Werkzeuge sowie auch sich selbst feilbietet, und man fühlt sich letztlich selbst wie eine Ware. Es gibt weit mehr Blüten als Früchte und die äußere Erscheinung gilt mehr als der Inhalt. Besonders was den Weg der Kriegskunst betrifft, schmückt man sich mit Prunk und lässt dort Blumen erblühen, wo vorher nicht einmal Knospen waren. Sei es dieses oder jenes Dōjō8, alle wollen sie Gewinn aus ihren Lehren schlagen. Jemand sagte einmal „Die ungeschliffene Kriegskunst ist die Ursache für schwere Verwundungen“, das dürfte wohl stimmen.
Es gibt vier Wege, die ein Mann in seinem Leben beschreiten kann: Den Weg des Samurai, den des Bauern, den des Handwerkers oder den des Händlers9.
Da wäre zunächst der Weg des Bauern. Dieser nutzt allerlei Gerät zum Ackerbau, während sie dem Wechsel der Jahreszeiten folgt und die Jahre vergehen. Das ist der Weg des Bauern …
Als Zweites wäre da der Weg des Händlers. Um Sake zu brauen benötigt man verschiedenerlei Werkzeug. Man versucht dann an seinen Produkten zu verdienen und so seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Weg eines jeden Händlers besteht also darin, Gewinn zu erwirtschaften, um davon zu leben. Das ist der Weg des Händlers.
Als Drittes wäre da der Weg des Samurai. Der Samurai muss mit den für die Erfüllung seiner Aufgabe notwendigen Waffen vertraut sein sowie Kenntnisse über die verschiedenen Tugenden besitzen, um dem Weg des Kriegers zu folgen. Wenn er die Waffen nicht parat hält und er ihre jeweiligen Eigenschaften nicht kennt, wird er diese wohl kaum zu schätzen wissen.
Als Viertes wäre da der Weg des Handwerkers. Der Weg des Zimmermanns besteht darin, geschickt mit verschiedenartigen Werkzeugen umgehen zu können. Mit dem Winkelmaß muss er alles nach Plan ausarbeiten. Ohne Unterlass verrichtet er seine Arbeit und verdient sich so seinen Lebensunterhalt.
Dies sind die vier Wege. Der des Samurai des Bauern, des Handwerker und des Händlers.
Vergleichen wir die Kriegskunst mit dem Weg des Zimmermanns. Der Vergleich bietet sich dadurch an, dass beide mit Häusern zu tun haben: Die Häuser des Hofadels, die Häuser des Schwertadels, die vier Häuser10, ob sie fallen oder fortgeführt werden, in welchem Stil, in welcher Erscheinung, unter welchem Ruf sie auftreten und so weiter. Dass der Vergleich naheliegt, sieht man ebenfalls an den Schriftzeichen11. Der Zimmermann ist jemand, der einem großen Plan folgt. Ebenso verhält es sich mit dem Weg der Kriegskunst. Wer die Kriegskunst erlernen will, möge diese Schrift zu Rate ziehen. Der Lehrer ist wie eine Nadel und der Schüler wie ein Faden. Unaufhörliches Training ist notwendig.
7 gemeint ist hier Kendō
, eine spezifische Schwertkunst, die heute auf der ganzen Welt gelehrt wird und streng reglementiert ist.
8 Dōjō
: Trainingshalle für Kampfkünste.
9 gemeint ist hier shi-nō-kō-shō
, eine Art Ständesystem der Edo-Zeit in Japan, die den Wert der Stände absteigend in die vier Klassen Samurai – Bauern – Handwerker – Händler festlegt.
10 Die vier Häuser: Damit sind die vier Familienzweige des Fujiwara-Klans gemeint, welcher seit frühester Zeit großen Einfluss auf die Familie des Kaisers hatte.
11 Zimmermann: jap. daiku
besteht aus den beiden Schriftzeichen für groß ōkii
und planen / entwerfen takumu
.
Der Weg der Kriegskunst verglichen mit dem des Zimmermeisters
Der General ist wie der Zimmermeister. Er muss sich mit dem Maß der Welt, dem Maß seines Landes und dem seines Hauses auskennen. Das ist der Weg des Befehlshabers. Der Zimmermeister muss die Winkel von Tempel und Pagode verinnerlichen, über den Plan des Palastes und Schlosses Bescheid wissen, Leute beschäftigen und Gebäude errichten. Der Zimmermeister ist auf diese Weise genauso ein Befehlshaber wie der General.
Um Gebäude zu errichten, muss das Holz zugemessen werden. Gerades, astreines und schönes Holz wird für die vorderen, gerades, aber etwas astiges und starkes Holz wird für die hinteren Pfeiler verwendet. Das schwächere, aber dennoch astreine, sehr schöne Holz wird für Türschwelle, Wandleiste und Schiebetüren gebraucht. Astiges und krummes, aber starkes Holz kann, nach sorgfältiger Prüfung, an nicht einsehbaren Stellen zur Stabilisierung des Hauses genutzt werden. Schwaches, astiges Holz dient als Gerüst und kann danach als Brennholz verwendet werden.
Der Zimmermeister muss seine Zimmermänner nach ihrem jeweiligen Geschick auswählen und ihnen entsprechend die Arbeit an Böden, Schiebetüren, Türschwellen, Wandleisten und Zimmerdecken zuteilen. Die Unbegabteren sollen sich der Querbalken annehmen und die noch Unfähigeren mögen Keile hobeln oder andere Arbeiten verrichten. Wenn man seine Männer entsprechend ihren Fähigkeiten einsetzt, geht die Arbeit effizient und routiniert voran.
Doch der Meister muss nicht nur darauf achten, dass die Arbeit effizient voranschreitet und die Arbeiter sie nicht zu locker nehmen. Es ist ebenfalls wichtig, dass er ihre Fähigkeiten richtig einschätzen kann, sie ermutigt und nicht zu viel von ihnen verlangt. Genauso ist es auf dem Weg der Kriegskunst.
Der Weg der Kriegskunst
Wie der Zimmermann schärft auch der Samurai sein Werkzeug, stellt verschiedenerlei Ausrüstung her und führt sie in einem Werkzeugkasten mit sich. Er nimmt die Befehle seines Meisters an, kürzt Balken und Pfeiler mit dem Dachsbeil, bearbeitet Boden und Bretter mit dem Hobel, schnitzt, drechselt und nimmt genauestens Maß. So arbeitet er sich mit Geschick in die schwierigsten Ecken. Das ist die Kunst des Zimmermanns. Und ist er durch stete Ausübung seiner Arbeit routiniert geworden und geschickt im Umgang mit dem Winkelmaß, so wird er zum Meister.
Der Zimmermann schätzt scharfes Werkzeug. Daher ist es wichtig, dass er es in seiner freien Zeit schleift. Mit diesen Werkzeugen stellt er Hausaltäre, Bücherregale, Tische, aber auch Laternen, Hackbretter bis hin zu Topfdeckeln mit meisterhaftem Können her. Das ist die Spezialität des Zimmermannes. Genauso verhält es sich mit dem Samurai, wenn man diesen genauer betrachtet.
Außerdem erfordert die Handwerkskunst, dass nichts krumm gerät, dass die Enden zusammenpassen, dass alles fein geschliffen und glatt poliert ist und sich am Ende nichts verzieht. Das ist das Wesentliche. Wer vorhat, sich auf dem Weg der Kriegskunst zu üben, sollte das hier Geschriebene sorgfältig beachten und überprüfen.
Die fünf Bücher über die Kriegskunst
Ich teile die Kriegskunst in fünf Wege ein, die ich in den fünf Büchern jeweils einzeln darstelle. Da wären: Erde, Wasser, Feuer, Wind und Leere.
Das Buch Erde handelt im Wesentlichen vom Weg der Kriegskunst, der Darstellung meines eigenen Stils und weshalb man mit bloßer Fechtkunst niemals den wahren Weg erreicht. Man lernt hier vom Großen und Kleinen, gelangt vom Seichten in die Tiefe. Da es so ist, als würde man einen geraden, ebenen Weg auf die Erde zeichnen, nenne ich das erste Buch Erde.
Das zweite Buch nenne ich Wasser. Es nimmt das Wasser als Beispiel, damit das Herz wie das selbige wird. Das Wasser passt sich jedem Gefäß – egal ob eckig oder rund – an. Es wird zu Tropfen oder zum Meer. Wasser ist blau und rein. Diese Eigenschaften werde ich in diesem Buch darlegen.
Wenn man die Basis der bloßen Fechtkunst genau versteht, wenn man im Zweikampf einen Gegner nach Belieben besiegt, ist man in der Lage jeden auf der Welt zu besiegen. Einen Gegner zu besiegen oder zehn Millionen wird dir gleich sein.
Der General sieht das Kleine als das Große an, so wie wenn man aus einer einen shaku12 großen Form einen großen Buddha errichtet. Solch eine Lehre lässt sich nur schwer beschreiben. Sich eine Sache ansehen und zehntausend13 weitere zu begreifen, das ist der Nutzen der Kriegskunst. Diese Eigenschaften werde ich im Buch Wasser beschreiben.
Buch Nummer drei nenne ich Feuer. In diesem Buch werde ich über den Kampf schreiben. Egal ob groß oder klein, das Feuer hat die Eigenschaft, in der Schlacht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Weg des Kampfes, Mann gegen Mann oder zehntausend gegen zehntausend bleibt immer derselbe. Sowohl die Übersicht zu bewahren als auch Sorgfalt walten zu lassen, muss genauestens erlernt werden.
Das Große ist leicht zu überblicken, das Kleine jedoch schwer zu fassen. So ist es leicht das Verhalten einer großen Anzahl von Männern einzuschätzen, da diese nicht plötzlich die Richtung ändern können. Ein Einzelner jedoch ist schwieriger einzuschätzen, da er seine Absichten schnell ändern kann. Dies alles muss genauestens beachtet werden.
Im Buch Feuer wird die Essenz der Kriegskunst vermittelt, die man sich durch schnelles Handeln aneignet, damit sie einem alltäglich vorkommt, wenn man eine Entscheidung treffen muss. Gleichwohl werden im Buch Feuer Sieg und Niederlage im Kampf beschrieben.
Viertens, das Buch Wind14. Dieses Buch wird nicht von meinem eigenen Stil handeln, sondern die verschiedenen Stile und Methoden anderer Schulen in der Welt der Kriegskunst darstellen. Weil es den alten Stil, den modernen Stil, die Stile der unterschiedlichen Häuser und so weiter gibt, werde ich die Ausübung der verschiedenen Stile der anderen Schulen in der Welt der Kriegskünste deutlich erklären. Man kann sich nicht selbst verstehen, wenn man die anderen nicht versteht. In allem, was man auf dem Weg tut, gibt es Ablenkungen. Man kann sich tagein, tagaus bemühen, und doch kann sich das Herz abwenden. Und selbst wenn sich der Körper auf dem rechten Weg wähnt und man diesen gerade überblicken kann, so kann man doch vom wahren Weg abgekommen sein. Wenn man den wahren Weg nicht bis zum Ende geht, fällt man einer Entstellung des Herzens anheim, und letztlich verkommt es völlig. Dies sollte man beachten.
Gleichwohl gibt es andere Kriegskünste, angefangen bei der Fechtkunst, und auch andere Ansichten über die Welt. Der Nutzen meiner Kriegskunst liegt im Besonderen in ihrer Ausführung. Das Buch Wind soll dazu dienen die anderen Kriegskünste zu beschreiben und andere Stile darzustellen.
Und letztlich das fünfte, das Buch Leere. Wenn ich von Leere spreche, heißt das, dass es weder einen Durchgang noch ein Inneres gibt. Um das Prinzip zu begreifen, entfernt man sich von ihm. Auf dem Weg der Kriegskunst wird man frei und erlangt außergewöhnliche Kräfte. Zur passenden Zeit erkennt man die Gunst des Augenblicks und wie man wie von selbst angreift und abwehrt. Dies alles ist der Weg der Leere. Im Buch der Leere ist festgehalten, wie man den wahren Weg beschreiten kann.
12 1 shaku
entspricht ca. 0,303m.
13 Zehntausend ist eine der Zahlen, die im japanischen für „sehr viel / unzähliges“ benutzt werden. So auch zum Beispiel in dem Ausruf banzai
(zehntausend Jahre), welcher dem Kaiser gewidmet ist, auf dass er ein langes Leben führen möge.
14 Das Kanji für Wind kaze / fū
hat auch die Bedeutung Stil.
Die Namensgebung des Nitō-Stils
Wenn man von Nitō15 spricht, denkt man sogleich an die Krieger, ob General oder Soldat, wie sie zwei Schwerter an der Hüfte tragen. Früher nannte man diese Schwerter Tachi16 und Katana17, heute allerdings Katana und Wakizashi18. Wie der Krieger die beiden Schwerter an der Hüfte trägt, muss nicht haarklein aufgeführt werden. Jedenfalls tragen die Krieger unseres Landes zwei Schwerter. Das ist der Weg des Kriegers. Den Nutzen dieser Waffen erkennt man, wenn man den Nitō-Stil erlernt.
Anders als der Speer oder die Naginata19, die zu den „äußeren Kriegswaffen“ zählen, werden diese Schwerter unmittelbar am Körper getragen. Wer meinem Weg wahrhaft folgen will, muss von Beginn an mit Tachi und Katana mit beiden Händen üben. Wenn man bereit ist sein Leben hinzugeben, sollte man sein Werkzeug nicht aufsparen und es sollte niemandes Wunsch sein mit ungenutzter Waffe an der Hüfte zu sterben. Wenn man allerdings beide Hände mit einer Waffe belegt hat, fällt es schwer diese frei nach links und rechts zu bewegen. Daher ist es notwendig die einhändige Führung des Tachi zu üben.
Die Waffe einhändig zu halten, was mit Speer und Naginata nicht möglich ist, gelingt mit Katana und Wakizashi. Ob zu Pferde, beim Sprint, im Morast oder tiefen Schlamm, auf steinigen, abschüssigen Pfaden oder in Menschenmengen – das Tachi beidhändig zu halten ist unvorteilhaft. Wenn man zur Linken einen Bogen, einen Speer oder eine andere Waffe hält, sollte man sich die Fähigkeit aneignen das Tachi mit einer Hand zu führen. Dies beidhändig zu tun, entspricht nicht dem wahren Weg. Sollte es aber einmal schwer fallen den Gegner einhändig zu erschlagen, so muss dies beidhändig erfolgen. Dies einhändig tun zu wollen, ist der Mühe und Zeit nicht wert.
Um ein Tachi einhändig zu führen, ist es zunächst erforderlich den Nitō-Stil anzuwenden, also ein Tachi in jede Hand zu nehmen. Für Anfänger mag es schwierig sein, das Tachi so zu schwingen, hat es doch schließlich sein Gewicht. Dies ist wohl mit allen Dingen anfänglich so, ganz gleich ob man den Bogen spannt oder die Naginata schwingt. Hat man sich jedoch daran gewöhnt, lässt sich der Bogen kraftvoller spannen und ebenso erlangt man die Kraft, das Tachi leichter zu schwingen.
Der Weg des Tachi ist kein schneller, wie ich im zweiten Buch Wasser noch darlegen werde. Das Tachi eignet sich für den weiten Raum, das Wakizashi für den engen. Das ist die Grundregel. Wer dies beachtet, wird sowohl mit der langen als auch der kurzen Waffe siegreich sein. Aus diesem Grund ist die Länge des Tachi auch nicht entscheidend. Man wird in jedem Fall siegreich sein, wenn man den Nitō-Stil beherrscht. Wenn man allein gegen eine Schar von Gegnern antritt oder in einem engen Raum eingeschlossen ist, so ist es von entscheidendem Vorteil mit zwei anstelle eines Schwertes zu kämpfen. Dies werde ich hier nicht im Detail ausführen, da man von einem auf alle Fälle schließen kann. Wer den Weg der Kriegskunst beherrscht, für den wird es nichts mehr geben, dass er nicht versteht. Dies gilt es zu beachten.
15 nitō
besteht aus den beiden Schriftzeichen für zwei ni
und Schwert katana
und ist ein anderer Name für den von Musashi eigens entwickelten „Zwei-Himmel-Stil“, welcher den Kampf mit zwei Schwertern beschreibt.
16 Tachi
: Schwert mit über 60 cm langer Klinge.
17 Katana
: Eigentlich eine Weiterentwicklung des Tachi, wie sie ab dem 15. Jahrhundert verwendet wurde, steht das Schriftzeichen selbst einfach für Schwert.
18 Wakizashi
: Kurzschwert mit einer Klingenlänge von 30-60 cm.
19 Naginata
: langstieliges Katana, ähnlich einer Hellebarde.
Die Bedeutung des Begriffs „Kriegskunst“
Jene, die diesen Weg beschreiten und im Umgang mit dem Tachi vertraut sind, werden von der Gesellschaft „Kriegskünstler“ genannt. Auf dem Weg der Waffenkünste werden jene, die gut mit dem Bogen umgehen können, Meisterschützen genannt, wer mit dem Gewehr umzugehen weiß, wird Musketier genannt, wer den Speer beherrscht, wird als Speerkämpfer bezeichnet und wer den Umgang mit der Naginata beherrscht, erhält den Namen Hellebardier. Doch diejenigen, die im Umgang mit dem Tachi und dem Wakizashi versiert sind, werden nicht als Langschwertkämpfer oder Kurzschwertkämpfer bezeichnet. Bogen, Gewehr, Speer, Naginata – allesamt Werkzeuge der Kriegerkaste – sind zwar auch Teil der Kriegskunst, doch gibt es einen Grund, warum man gerade das Tachi mit der Kriegskunst verbindet.
Da man mit der Tugend des Tachi die Welt und seinen Körper beherrscht, bildet sie die Basis der Kriegskunst. Wer die Tugend des Tachi beherrscht, ist im Stande allein zehn Männer zu besiegen. Und wenn ein Mann zehn besiegen kann, können hundert Männer tausend und tausend zehntausend bezwingen. Darum gilt mein Stil genauso für einen wie auch für zehntausend Mann. In der Kriegskunst dürfen nicht die Gesetze des Kriegers vernachlässigt werden. Andere Wege, wie der des Konfuzianers, Buddhisten, Teemeisters, Lehrers, Nō-Tänzers20, sind nicht vergleichbar mit dem Weg des Kriegers.
20 Nō
: eine traditionelle Form des japanischen Theaters, bei der sich die Schauspieler in einer streng reglementierten Choreographie über die Bühne bewegen. Die Rollen der Schauspieler werden durch ihre Masken angezeigt.
Der Nutzen der Waffen in der Kriegskunst
Wenn man über die richtige Anwendung der Waffen Bescheid weiß, kann man mit jedweder Waffe umgehen. Das Wakizashi hat seinen Nutzen in engen Räumen und im Nahkampf. Das Tachi entfaltet seine Wirksamkeit an allen möglichen Orten. Die Naginata ist dem Speer auf dem Schlachtfeld unterlegen. Der Speer ist für die Vorhut, die Naginata für die Nachhut. Bei gleicher Erfahrung ihrer Besitzer ist der Speer doch die etwas stärkere Waffe. Doch auf einem überfüllten Schlachtfeld ist der Nutzen beider Waffen, der Naginata und des Speers, eher gering. Auch sind sie ungeeignet, um den Feind zu belagern. Sie sind nichts weiter als Schlachtfeldwaffen, doch sind sie für das Schlachtfeld unverzichtbar. Wenn man ihre Wirksamkeit allerdings in Innenräumen erprobt und sich in Kleinigkeiten verliert, vergisst man überdies den wahren Weg und damit ihren eigentlichen Nutzen.
Auf dem Schlachtfeld ist der Bogen von besonderer strategischer Bedeutung. Er ermöglicht, dass der Lanzentrupp wie auch die übrigen Truppen schnelle Bewegungen ausführen können. Doch bei einem Angriff auf eine Burg oder bei einer Distanz zum Gegner von mehr als zwanzig ken21 ist der Bogen ungeeignet. In der heutigen Zeit wird kaum noch nach dem Bogen verlangt und so ist sein Einsatz zur bloßen Kunst verkommen, ohne Nutzen – einer Blüte ohne Frucht. In einem Ernstfalle wäre diese Kunst kaum zu gebrauchen.
Um das Innere einer Burg zu verteidigen, gibt es wohl keine bessere Waffe als das Gewehr. Auch im Feld, bevor die direkte Schlacht begonnen hat, erweist es sich als nützlich. Danach jedoch ist es nicht mehr zu gebrauchen.
Der Vorteil des Bogens ist, dass man den Pfeil mit bloßem Auge verfolgen kann. Bei einer Gewehrkugel ist dies nicht möglich, was ein Makel des Gewehrs ist. Dies gilt es zu beachten.
Bei einem Pferd ist es entscheidend, dass es stark und belastbar ist, ohne widerspenstig zu sein. So ähnlich verhält es sich auch mit den Waffen. Ein Pferd sollte vor allem kräftig gebaut sein. Auch Katana und Wakizashi sowie Speer und Naginata sollten von gutem Handwerk sein und dementsprechend schneiden können, während Bogen und Gewehr stabil sein müssen, damit sie bei Gebrauch keinen Schaden nehmen.
Man sollte indes keine dieser Waffen einer anderen vorziehen. Benutzt man sie über ihren Zweck hinaus, taugen sie so gut wie nichts mehr. Man sollte niemanden nachahmen und sich stattdessen die Waffe aussuchen, deren Umgang einem am leichtesten fällt. Weder Generäle noch einfache Krieger sollten einer Sache prinzipiell über einer anderen den Vorzug geben oder eine bestimmte Waffengattung vernachlässigen. Dies gilt es zu beachten.
21 1 ken entspricht ca. 1,81m.
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