Читать книгу: «Katharsis. Drama einer Familie»
Michael Reh
Katharsis
Drama einer Familie
Roman

Reh, Michael : Katharsis. Drama einer Familie. Hamburg, acabus Verlag 2020
Originalausgabe
ePub-eBook: ISBN 978-3-86282-747-3
PDF-eBook: ISBN 978-3-86282-746-6
Print: ISBN 978-3-86282-745-9
Lektorat: Lea Oussalah, acabus Verlag
Satz: Lea Oussalah, acabus Verlag
Coverfoto: Milan Bettermann
Covergestaltung: Hushang Omidizadeh & Michael Reh
Rückcover & Autorenfoto: Tony Sargent
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© acabus Verlag, Hamburg 2020
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Inhalt
Cover
Impressum
Katharsis
Der Autor

Take your broken heart and make it into art
– Carrie Fisher
Prolog
Es war zu kalt für die Jahreszeit, zu kalt für den 11. Juni. Der Himmel war so bleiern wie der Geschmack auf seiner Zunge. Er stand in dem Zimmer unter dem Dach des roten Hauses, in dem er aufgewachsen war und hielt eine Kopie des Briefes in der Hand. Er kannte ihn auswendig, so oft hatte er ihn in den letzten Tagen gelesen.
Es war so weit. Er zog das weiße Hemd an, wickelte die Eisenstange in seine graue Windjacke und legte den Brief in eine alte Zigarrenschachtel, die er in das Versteck hinter die Wandverkleidung aus Eichenimitat packte. Leise ging er die Treppen herunter und verschloss vorsichtig die Haustür. Kein Mensch war auf der Straße. Die Luft stand, alles schien in Watte gepackt. Rasch ging er die paar Schritte ins Dorf.
Neben der Brücke lag gleich das alte Haus des Arztes, der ihn damals wegen einer Blinddarmoperation ins Krankenhaus geschickt hatte. Aber da war noch etwas anderes, das hatte er genau gespürt. »Sie werden dir nur ein paar Fragen stellen und ich werde mitkommen«, hatte seine Mutter gesagt. Aber dann war sie im Vorzimmer sitzen geblieben und er musste mit dem Arzt, der graue Haare und gelbe Fingernägel hatte und nach Eukalyptusbonbons roch, alleine in das Behandlungszimmer.
Der Arzt drückte auf seinem Bauch herum, um zu sehen, wie entzündet der Blinddarm war, und stellte furchtbare Fragen, die er nicht verstand. Er schämte sich, aber die Wut, dass seine Mutter ihn alleine gelassen hatte, war größer als die Scham und hatte ihn seit diesem Tag nie ganz verlassen.
Wie eine alte Freundin war die Wut seitdem immer für ihn da gewesen. Manchmal konnte er sie nicht kontrollieren, weil sie stärker war als er, aber er mochte sie. Jetzt meldete sie sich mit aller Kraft.
Das Dorf hatte sich in den letzten Jahren verändert. Früher hatte er viele Leute gekannt, die meisten hatten ihm freundlich zugelächelt und ihm durch die Locken gestrichen. Er war ein ganz außergewöhnlicher Junge gewesen und nie allein.
Jetzt ging er an diesem grauen Frühsommerabend durchs Dorf, die Geschäfte hatten schon geschlossen, denn ab 18 Uhr kaufte hier keiner mehr ein. Ein paar der alten Häuser aus der Zeit nach dem ersten Weltkrieg standen noch. Sie waren die Zeugen eines Dorfes, dessen bessere Zeiten schon lange vorbei waren. Man hatte viele der alten Gebäude während des Baubooms der siebziger Jahre abgerissen und durch hässliche Betonklötze ersetzt.
Er erinnerte sich an ein altes Fachwerkhaus mit Biergarten an der Hauptkreuzung des Dorfes. Als er ein kleiner Junge war, hatte eine junge Sängerin dort einen Auftritt, mit einem Anti-Drogen-Lied, das zum Riesenhit wurde.
Es erschien ihm, als ob die große Welt ins Dorf gekommen wäre. Sie hatten gewartet und ein Autogramm von der rothaarigen Sängerin mit dem Mittelscheitel bekommen. Sie hatte ihn gedrückt, ihm gesagt, was für ein hübscher Junge er sei. Sie kam ihm so erwachsen vor und war doch selbst noch fast ein Mädchen, gerade mal 15 geworden. Zwei Monate später hatte man das Gebäude plattgewalzt. Die Sängerin trat heute manchmal in den alten Hit-Revivalshows der siebziger Jahre im Fernsehen auf.
Er hatte sie neulich gesehen. Sie hatte noch den Mittelscheitel, war jetzt wohl Anfang fünfzig und sang immer noch das Lied des Jungen, der stirbt.
Der Gedanke verflog so schnell, wie er gekommen war.
Er ging die Hauptstraße weiter Richtung Kirche, vorbei am Telefunkenhändler, dem Spielwarengeschäft, dem Zeitungsgeschäft und der Kneipe, in der sich sein Vater regelmäßig betrank.
Er sah das Haus auf der anderen Straßenseite. Seelenlos, grau gestrichen und mit einem asphaltierten großen Hof, an den vier Garagen grenzten. Auf der rechten Seite war eine zwei Meter hohe Betonwand, auf der linken Seite begrenzten der Schulhof und das Gebäude der ehemaligen Sonderschule das Grundstück. Das angrenzende Hinterhaus war seit Jahren unbewohnt.
Er ging durch die vergitterte Hoftür, die nie verschlossen war, bog nach links ab und öffnete die Haustür.
Der Fleischer wohnte seit über dreißig Jahren im Haus und darüber, im ersten Stock, wohnten die beiden. Die Angst legte sich wie ein eisiger Ring um seinen Hals, kleine Schweißperlen bildeten sich auf seinem Gesicht, doch er nahm sie nicht wahr. »Es muss Schluss sein«, dachte er, »ein für alle Mal.« Die Wut war stärker als die Furcht.
Seine Hand zitterte leicht, als er die Haustür öffnete, und er hatte Angst, sich erbrechen zu müssen. Er nahm all seinen Mut zusammen und ging die Treppe zum ersten Stock hinauf, schlug ohne zu zögern mit dem großen Eisenhaken, den er vor Jahren auf den alten Gleisen gefunden hatte, den verglasten Teil der Wohnungstür auf.
Jetzt hörte er einen Schrei und sah die alte Frau mit Lockenwicklern aus dem Bad kommen. Als sie ihn sah, lachte sie, dann wurde sie wütend. Im Hintergrund lief der Fernseher.
Sie glich einer kläffenden, bösen Hündin, die ihn anschrie, bespuckte und versuchte, ihn mit Fußtritten an die Tür zu drängen. Sie war, das wusste er, 78 Jahre alt, doch der Hass und die Wut gaben ihr eine dämonische Kraft.
Er drängte sie mit aller Macht durch die Wohnküche in Richtung Badezimmer. Sie stieß mit dem Becken gegen den Küchentisch und eine Handvoll CDs flog auf den Boden. Der altersschwache Computer wackelte bedrohlich.
»Seltsam, dass sie einen Computer hat, in ihrem Alter«, dachte er. Nur ein flüchtiger Gedanke, der sein Unterbewusstsein streifte wie der Flügel eines Vogels.
Als sie die drei Stufen rückwärts in das tiefergelegene Badezimmer stolperte, schien ihr klar zu sein, was er vorhatte. Sie fiel hin und stürzte gegen den Rand der alten Badewanne. Mit einem Schlag holte er aus und die Wucht der Eisenstange spaltete ihren alten Schädel. Sofort waren die Lockenwickler und die blauen Kacheln voller Blut. Ihre Augen blickten ihn entsetzt an und erloschen.
Den alten Mann hinter ihm hatte er nicht gleich bemerkt. »Was machst du denn da, bist du verrückt worden?«, krächzte der Greis.
Ohne zu zögern drehte er sich um und hieb die Eisenstange mit voller Wucht gegen den Hals des alten Mannes. Mit einem unangenehm klingenden Knacken brachen die Halswirbel. Der Alte röchelte kurz und sank an dem Einbauschrank des Badezimmers in sich zusammen.
»So ist es gut«, sagte er zu sich selbst. Dann wusch er das Blut von der Eisenstange, verließ das Badezimmer und ging durch die Küche in den Flur. Der Fernseher im Wohnzimmer plärrte immer noch vor sich hin. Ohne zu zögern griff er zu dem altmodischen Telefon. Festanschluss! Erneut ein Gedanke wie ein Vogelflügel, so zart, so leicht und schon wieder vorbei. Er wählte 110 und sagte der Frau, die sich meldete, dass in der Hauptstraße 66 ein Mord begangen worden war und er auf sie warten würde. Er blieb ruhig auf dem Sofa sitzen, die Polizei würde bald eintreffen.
Der Ring aus Angst und Wut um seinen Hals, ein Leben lang gefühlt, lockerte sich. Endlich!
Er sah aus dem Fenster. Zum ersten Mal, seitdem die beiden den Bann um ihn und seine Sinne gelegt hatten, konnte er die Welt wieder klar wahrnehmen.
Er öffnete das Küchenfenster, das auf den betonierten Hof hinausging. Die Schwüle hatte abgenommen und ein frischer Luftzug strömte ihm entgegen. Gierig sog er ihn auf.
Die Sirenen der Einsatzfahrzeuge kamen näher.
1
Freitagnachmittag in Psychopolis
Freitag, der 11. Juni, schien ein Tag wie viele andere im Leben von Max Remark. Aber es war der Freitag, an dem sich alles ändern sollte.
Er erwachte aus dem Delirium der letzten Drogennacht mit einem zentnerschweren Kopf und einer ebenso schweren Zunge. Eine Handvoll Aspirin, literweise Espresso und viel Zucker halfen ihm meist über die erste Depression hinweg. So auch an diesem Morgen. Es gehörte zum guten Ton, sich koksend die Nächte um die Ohren zu schlagen, ohne an den Morgen danach zu denken. Zumindest in seiner Welt.
Alle taten es und in der Modeszene kamen die Dealer ins Studio, man musste keine Drogen auf der Straße kaufen oder sich in irgendwelchen dunklen Ecken schlechtes Zeug andrehen lassen. Jeder zog seine Lines, ohne sich um Geheimniskrämerei zu scheren. Irgendwann erwischte es im Laufe der Zeit jeden und obwohl Max über die Jahre viele Talente vor die Hunde gehen sah, zog es ihn immer wieder in den Strudel des anfänglichen Verzückens, des hemmungslosen Sex und der Gier nach mehr.
Ab einem gewissen Moment machten ihn die ständig gezogenen Lines zwar völlig verrückt, aber Pillen, Alkohol und ein dicker Joint holten ihn runter und irgendwann ebbte der Rausch und später auch die Depression ab. Es war alles eine Frage der Zeit.
Irgendjemand hatte ihm vor ein paar Jahren Koks auf einer Party angeboten. Zuerst nahm er die Droge nur ab und zu. Dann jedes Wochenende, kurz darauf hatte er ein, zwei oder drei Nummern von Dealern. Sein Dealer fuhr einen Porsche.
Er ließ sich immer wieder verführen, so wie all die anderen funktionierenden und nicht funktionierenden Junkies in New York. Diesem großen, wurmstichigen Apfel, der schon lange an keinem Ast mehr Halt gefunden hatte und am Boden liegend vor sich hin rottete.
Max lebte seit fast zwanzig Jahren in New York, jenem Apfel, den Eva angeblich Adam hingehalten hatte und den dieser voller Zorn auf den Boden hätte schmeißen sollen. Aber der Dummkopf nahm erst einen Bissen, ließ ihn fallen und schickte dann die Menschheit in das faulende Verderben.
Max und seine Freunde waren der festen Überzeugung, dass der Cocktail aus Uppers und Downers, schnellem Sex, Diätpillen, ADS-Syndromen, fettfreien Diäten, Botox und Cosmopolitans ungefährlich sei, dazu noch chic und ewig dauernd. Der Drahtseilakt namens New York Life forderte ständige Bereitschaft.
Der Tod ist ein langsamer Tänzer und Max stürzte sich ins Leben, aus Angst, etwas zu verpassen, oder, was viel schlimmer gewesen wäre, nicht mehr hip zu sein. Denn das wäre der wahre Tod eines jeden Bewohners von Manhattan.
Träume hatte er keine, die Suche nach Liebe abgeschlossen. Liebe war nur eine Erfindung der Literaten und von Hollywood, denn die machten Geld damit.
Mit Mitte zwanzig war Max von Paris nach New York gezogen, hoffnungsvoll seinem neuen Leben entgegen, unwissend um die Ereignisse, die in seiner Vergangenheit stattgefunden hatten. Er hatte seine Vergangenheit so erfolgreich verdrängt, dass sie keine Chance hatte, aus den Tiefen seines Unterbewusstseins hervorzukriechen und sich ihm zu offenbaren.
Er wurde Fotograf, war talentiert, hatte ein gutes Auge für die Schönheit der anderen. Er war erfolgreich, die Modeszene mochte seinen Blick auf die Dinge des Lebens. Und obwohl er oft erst mittags wieder nüchtern war und den Kopf nicht mehr zwischen den Schenkeln irgendeiner Unbekannten hatte, verzieh man es ihm. Meistens.
Kreative dürfen, ja müssen anders sein als der Rest der Welt. Zauberkinder, Wunderkinder, Exoten. Zumindest solange sie das gewünschte Ergebnis erzielen und gut verkaufen. Geht der Verkauf zurück, heißt es: »Hasta la vista, Baby«, und eine ganze Armee von Nachfolgern steht auf der Matte, um einen ins Tal der Versenkung zu stoßen. Von da gibt es keinen Aufstieg mehr, außer man inszenierte seine Auf- und Abstiege so gekonnt wie Cher.
Ständig tanzten am Set zehn hysterische Menschen um Max herum: Stylisten, Artdirektoren, Assistenten, Assistenten von Assistenten, Make-up- und Hairstylisten und Redakteure, meist weiblichen Geschlechts, die offensichtlich seit Jahrhunderten keinen Sex mit einem anderen Menschen hatten und dies nicht unbedingt freiwillig. »Mal baisé«, wie der Franzose sagt, denn kein Sex bedeutet eben auf Dauer bei den meisten Warmblütern auch schlechte Laune.
Max hingegen hatte so viel Sex, dass er ihm schon fast aus den Ohren wieder herauskam. Machte ein Teil von ihm aufgrund der Kokserei mal schlapp, nahm er die Wunderwaffe gegen Impotenz: kleine blaue Pillen zu zwei Dollar das Stück, aus dem Internet frei Haus geliefert.
Nach jeder durchgemachten Nacht versprach er sich hoch und heilig: »Never again«, und war doch am Nachmittag wieder bereit für die nächste Rutschpartie ins vermeintliche Glück. Er hatte sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt und machte sein Ding, egal ob high oder nicht, irgendwie kam immer etwas dabei heraus.
Der Heroinchic entstand nicht ohne Grund. Dass so viele Mädchen auf der Welt magersüchtig wurden, weil sie aussehen wollten wie Models, war nicht sein Problem. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Manche Models rauchten, schnupften oder spritzten Heroin in die Bikinizone, denn da sah man die Einstiche nicht. Kippten sie um, nahmen sie einfach eine Nase und bis fünf war alles im Kasten. Die Kasse stimmte.
An diesem Freitagabend war eine große Party in einem angesagten Club und Max wollte seinen besten Freund Jean-Marie dort treffen, den er seit zwanzig Jahren kannte. Es war ihnen egal, mit wem sie die Nacht verbrachten und Jean-Marie schlief mit allem, was zwei Beine hatte. Sex war wie Fahren auf der Autobahn. Es hing ganz davon ab, wie high sie waren, das Leben glich einem gezielten Drauflosfahren auf die Leitplanke. Volles Rohr drauf los und Whamm! Sex war Leben und Tod zugleich.
Jean-Marie, von allen nur JM genannt, konnte seit einigen Tagen sein Gesicht nicht mehr richtig bewegen – zu viel Botox. Er fand, er sah gut aus, mindestens fünf Jahre jünger, und wollte dies auch von jedem bestätigt wissen. Irgendwie war er immer noch der kleine Klosterschüler aus einem Pyrenäendorf in Saint-Marie. Sein Kommunionsbild mit den gefalteten Händen und der strahlenden Haut hing in Lebensgröße auf dem Gästeklo seines Penthouses in Chelsea.
JM war süchtig nach allem, was das Leben bot: Geld, Erfolg, Liebe, Essen, Sex, Alkohol, Macht, Klamotten, Koks, egal. Hauptsache, er bekam einen Kick und musste nicht daran denken, dass er als 16-Jähriger seine Schwester mit einem geklauten Jaguar gegen eine Wand im Pyrenäendorf gefahren hatte. Sie war sofort tot und er kotzte jedes Mal, wenn er während einer Panikattacke daran dachte. Silvester wollte er traditionsgemäß vom Dach seines Penthauses springen. Keine Therapien der Welt halfen ihm, mit beiden Beinen auf dem sumpfigen Boden Manhattans zu bleiben.
Egal ob Buddhismus, Hinduismus, Bagwhan, ja selbst Kabbala: Nichts hielt ihn mehr als drei Wochen in seinem Bann. Er stand morgens auf, nahm seine Schlankheitspillen, ging ins Fitnessstudio, hatte den ersten Sex des Tages im Dampfbad, ging danach zur Arbeit, hatte den ersten Cocktail um 16 Uhr, die erste Nase um 17 Uhr und dann auf zur nächsten Party, Max im Schlepptau.
Weder sein Therapeut, ein gelehrter Mann mit Buchveröffentlichungen, einer großen Nase und einem noch größeren Konto, noch sein Psychologe, der ihm immer wieder gerne die neuesten Pillen verschrieb, konnten ihm weiterhelfen. Aber sie verdienten über die Jahre nicht schlecht an ihm und gaben ihm zumindest das Gefühl, dass er etwas für sich tun würde und dabei nichts, aber auch gar nichts, unversucht ließ.
JM fickte alles, was zwei Beine hatte, oder auch nur eins. »Egal, mon cher, Fick ist Fick«, liebte er zu sagen. Diese Einstellung entsprach nicht unbedingt seiner katholischen Erziehung, aber er hatte in den letzten zwei Jahrzehnten auch nicht mehr in das Innere einer Kirche gesehen.
Auch Max war nach katholischen Grundsätzen erzogen worden, war Ministrant im Zirkus seiner Gemeinde gewesen, ganz zu schweigen vom Kirchenchor und der Jugendgemeinschaft. Damit gab es einen Schnittpunkt in der Vergangenheit der Freunde, die sie aneinanderkettete wie Klebstoff. Sie hatten früh gelernt, in einer heuchlerischen Welt anderen gegenüber die Wahrheit mit charmanten und intelligenten Lügen zu verheimlichen. Sie waren Meister in diesem Verfahren. Wären es die Siebziger gewesen, sie hätten mit Halston, Warhol und Bianca Jagger die Nächte im Studio 54 zur Legende werden lassen.
Denn nur darum ging es im American Dream: Sichtbar zu sein in der Masse der Anonymität, seine 15 Minuten Anteil am Ruhm zu haben, an den sich dann so viele verzweifelt klammerten, ohne wissen zu wollen, dass es nur 15 Minuten waren und nicht mehr. Aus, Schluss, der Nächste bitte! Gesehen werden! Darum ging es, das digitale Zeitalter verstärkte diesen Drang in fast jedem. Und genau das konnte Max. Sehen! Wenn es um andere ging.
Die Zeiten hatten sich geändert. Langjähriger Ruhm war nur noch eine Idee der Vergangenheit, denn alle wollten Action und bitte jeden Tag etwas Neues und Anderes. Instagram und Snapchat regierten die Welt.
Das Studio 54 hatte in den Siebzigern nach nur zwei Jahren die Pforten schließen müssen. Zuviel Sex, Drugs und Rock’n’Roll.
Nicht zu viel für die, die bei der Party dabei gewesen waren und noch lebten und nicht von AIDS oder einer kaputten Leber dahingerafft worden waren. Eher zu viel für die Hüter der Moral und die Sittenwächter der New Yorker Gesellschaft und derer gab es viele. Sie träumten von all den Dingen, die dort in den heiligen Hallen vor sich gingen. Aus Angst, es selbst mit Polizisten treiben zu müssen oder Kerzennummern durchzustehen, oder erst gar nicht – und das wäre das Schlimmste gewesen – in die heiligen Hallen eingelassen zu werden, riefen sie nach Panzern und Bataillonen, um Tugend und Anstand zu bewahren. Erst zwanzig Jahre später hatten es Bush Junior und Bürgermeister Guiliani geschafft, aus New York ein Disney-Land zu machen. Und das war es bis heute. Spiele fürs Volk. Schall und Rauch! Wenn auch nur nach außen hin.
Alice im Wunderland, in dem man die Wunder suchen musste.
Max stand an der stinkenden, dampfenden Ecke der Sixth Avenue und 48. Straße, Avenue of the Americas getauft. Er konnte nicht auf die Hamptons fahren, dorthin, wo jeder New Yorker, der es sich leisten konnte, am Wochenende verschwindet, um dann nach vier Stunden quälender Fahrt von 120 Kilometern die gleichen Gesichter wie in Manhattan zu sehen.
Er hatte am Sonntag ein Shooting, das er nicht verschieben konnte. Das Model, eine aparte Schönheit, war nicht nur berühmt für ihren Body und ihre Divenhaftigkeit, sondern auch dafür, handgreiflich zu werden und somit permanent in den Klatschspalten aufzutauchen. Bei Max hatte sie es einmal probiert, aber bevor ihn ein Schlag treffen konnte, hatte er selber zugeschlagen. Das Ganze endete in einer wilden Nummer auf dem Make-up-Tisch nach dem Shooting und seitdem ließ er sich die kleinen Tête-à-Têtes während der gemeinsamen Arbeit ungern entgehen.
Widerwillig nahm Max die U-Bahn, denn ein Taxi um diese Zeit in Manhattan zu bekommen, war unmöglich. Er schleuste sich durch das Geflecht von Menschen, Gerüchen und unzähligen Sprachen durch die Straßen hin zur Subway Nr. 9, dem Localtrain stadtabwärts, um nach Soho zu gelangen. Dort besaß er seit einigen Jahren ein Loft. Er hasste die U-Bahn, schwitzend stand er dicht gedrängt zwischen anderen schwitzenden und gestressten Menschen, die weiß der Himmel wohin mussten. Jeder wollte der Hitze der Straße entkommen und lieber einen Unterkühlungsschock in der klimatisierten U-Bahn erleiden.
Genervt war er kurze Zeit später im nicht minder überfüllten Soho, wo sich Touristenmassen aus aller Herren Länder an den Straßenhändlern, teuren Boutiquen und Künstlern, die ihre Bilder auf dem Pflaster ausstellten, vorbeiwälzten. Max wollte so schnell wie möglich in sein klimatisiertes Loft und Thierry, seinen Dealer, anrufen.
Sein Handy klingelte. Es war Carole, seine Agentin. Er fluchte, denn sie war nicht abzuwimmeln, wenn sie einmal am Apparat war. Carole war eine energische Frau, jüdisch, wie die meisten Agenten in New York. Selbst hartgesottene VIPs der Modebranche legten sich nur ungern mit ihr an, denn ihren Spitznamen der Drache hatte sie sich nicht umsonst verdient. Sie konnte alles und jeden in Grund und Boden reden und handelte dabei astronomische Gagen für Max aus.
Carole kannte alle Tricks der Branche und hatte sich selbst nach einem durch ihren immensen Drogenkonsum hervorgerufenen Bankrott wieder an die Spitze gearbeitet. Ende der achtziger Jahre hatte sie, verfolgt von einer nach Rache und Geld schreienden Schar von Gläubigern, nach Miami fliehen müssen. Die ganze Branche schien sich damals in Miami zu treffen, dort boomte es.
Carole spezialisierte sich auf europäische Kunden, riss sich am Riemen und wurde innerhalb kürzester Zeit wieder erfolgreich. Sie zahlte ihre Schulden, schmiss die Drogen ins Klo und zeigte den New Yorkern, was ein Comeback ist.
Max und Carole hatten sich während ihrer harten Anfangszeiten in Miami kennengelernt. Er mochte sie und erkannte ihr Potential. Sie verdiente im Laufe der Jahre viel Geld als seine Repräsentantin und hatte sich davon beim besten Chirurgen der Park Avenue ein Facelift machen lassen. Inzwischen war sie Mitte fünfzig, sah aber Dank der großen und kleinen Eingriffe zehn Jahre jünger aus. Einen Mann hatte sie nicht, aber das war auch gut so. Agentinnen in ihrem Alter arbeiteten besser, wenn sie kein Privatleben hatten und aufgrund mangelnder sexueller Betätigung unausgeglichen waren.
»Hallo Max, Darling, wo steckst du? Ich dachte, du wärst noch im Studio, ich muss dir unbedingt etwas erzählen …« Ohne Punkt und Komma und ohne die Absicht zu erfahren, wie es ihm ging, schnatterte sie drauf los und erzählte von Kunden, Gagen, Partys und anderen unwichtigen Dingen. Nach einigen Minuten kam sie endlich zum Grund ihres Anrufes. Max sollte am Dienstag nach Barbados fliegen, um dort eine neue Kampagne für Bloomingdales zu fotografieren. An Widerstand gegen Carole war nicht zu denken, was sie sagte, war Gesetz.
Nach zehn endlosen Minuten verabschiedete sie sich mit dem von Max abgerungenen Versprechen, am Sonntag nach der Arbeit bei ihr vorbeizukommen, um die Details für die Reise zu besprechen.
Er hatte den Eingang seines Appartementgebäudes fast erreicht und wollte schon Pablo, dem übergewichtigen puerto-ricanischen Doorman, das übliche »How are you?« entgegenrufen, da klingelte das Handy erneut. In der Annahme, es sei noch einmal Carole, nahm er ab, ohne auf das Display zu schauen.
Interessant, wie ein kleiner Moment, eine Unachtsamkeit, das Leben grundlegend verändern kann, ausgelöst durch den Druck auf eine kleine Handytaste. Über einen Satelliten im Weltall verbunden, meldete sich nicht Carole, sondern eine Stimme aus Paderborn in Westfalen: »Hallo, hier ist Marie.«
2
Die dritte Ohnmacht
Marie war drei Jahre älter als ihre Brüder.
An Selbstbewusstsein nach außen mangelte es ihr nie. Sie hatte eine große Klappe und riss diese zu allen gegebenen und unpassenden Momenten weit auf, um ihre Meinung kundzutun.
Sie fuhr auf den Motorrädern der heißesten Jungs und knutschte mit sämtlichen Liftboys der österreichischen Hotels, in denen die Geschwister die Weihnachtsferien mit den Eltern verbrachten. Jeder beneidete sie. Die Mädchen um ihre imposante Oberweite, die Frauen um ihre natürliche Lockerheit gegenüber den Männern und die Jungs um ihre Intelligenz. Die richtigen Kerle wussten, wo Marie zu finden war, auch wenn sie oft nicht bei ihr landen konnten.
Sie war eines dieser hinreißenden Vorstadtgeschöpfe, ein gewolltes Kind, gezeugt im ersten Ehejahr ihrer Eltern, Mitte der sechziger Jahre. Ihre Kindheit und Jugend inspiriert von Led Zeppelin, Dirty Dancing und dem Post-sechziger-Jahre-Feeling.
Man hätte sie damals fast als unkonventionell bezeichnen können, auch wenn sie, zum Leidwesen ihres Vaters, nicht sehr gebildet war. Er hütete sie wie seinen Augapfel, konnte aber nichts dagegen tun, dass sie sich zur Dorfdiva entwickelte. Sie behandelte ihn liebevoll und gleichzeitig kalkuliert.
Sie schmierte jedem gekonnt Honig um den Bart oder in die Betonfrisur und keiner kam auf die Idee, dass sie am Ende immer genau das bekam, was sie wollte.
Der unbekümmerte Teil des Lebens der Goldmarie ging rasch und unerwartet zu Ende. Was damals im September 1987 geschehen war, blieb ein wohlbehütetes Geheimnis. Eines von vielen dreckigen, zerstörerischen Geheimnissen, die dazu führten, dass Marie Max anrief. Er hatte seit über zwanzig Jahren nicht mit ihr gesprochen und hätte doch selbst im tiefsten Urwald ihre getrommelte Stimme unter Tausenden sofort wiedererkannt.
»Hallo, sprechen Sie Deutsch, könnte ich bitte mit Max sprechen?«, sagte die Stimme aus der Vergangenheit.
Max gab nicht der Versuchung nach, sich als seine Haushälterin oder einen anderen Dienstboten auszugeben, sondern versuchte, dem Vulkan, der in Sekundenschnelle aufloderte, Einhalt zu gebieten.
»Ja, Marie, hier ist Max«, war alles, was er herausbrachte.
»Es tut mir leid, dass ich dich störe«, sagte die so vertraute Stimme, die dennoch wie aus einer Lichtjahre entfernten Sternengalaxie klang, »aber es ist etwas Furchtbares passiert.« Ihre Stimme versagte. Max’ Magen verkrampfte sich.
»Hallo Marie, bist du noch dran, was ist denn los?«, aber außer einem Schluchzen war nichts mehr zu hören.
Eine fast vergessene Wut und ein nicht gekanntes Schwindelgefühl überkamen Max. Die Heulattacken seiner Schwester hatten sich früher oft stundenlang hinzogen und zu keinem Ergebnis geführt, außer, dass Marie ihren Willen bekam.
»Marie, wenn du mir nicht sagst, warum du mich anrufst, hänge ich sofort auf«, sagte er.
»Nikolas ist wegen Mordes verhaftet worden!«, schluchzte die Stimme aus der fernen Galaxie.
Es gibt Momente, da verläuft das Leben nicht mehr linear, da gibt es kein Gestern, Heute oder Morgen. Alles ist gleichzeitig. Raum und Zeit verbinden sich zu einem einzigen großen Moment und alle alten Narben sind wieder wie frisch geschlagene, blutende Wunden. Oft kennt man solche Momente nur aus Träumen, wenn sich das Bewusstsein nicht vor der Vergangenheit schützen kann.
Max fühlte sich wie Jesus am Kreuz, gemartert, blutend mit der Dornenkrone auf dem Haupt und festgenagelt, ohne die geringste Chance, entfliehen zu können. Dieses Gefühl war so stark und übermächtig und zog ihn auf eine Bewusstseinsebene, die er dachte, längst vergessen zu haben, oder die in jahrelangem Wegdrücken durch Drogen aus seinem Gehirn weggeätzt schien.
An diesem Freitag, auf einer staubigen und überhitzten Straße in Soho auf der Insel Manhattan, inmitten Tausender Menschen, wurde er zum dritten Mal in seinem Leben ohnmächtig.
3
Der Anfang
Max’ Vater, Herrmann, wurde als jüngstes von vier Kindern geboren. Seine Mutter Magdalena war eine verarmte Adelige aus Pommern, die sich während eines Besuchs bei Verwandten im Ruhrgebiet unsterblich verliebt hatte.
Dass das Objekt ihrer Begierde kein Geld hatte, war der 18-jährigen Magdalena von Rasatz egal und somit verlor Deutschland in jenem Sommer nicht nur den ersten Weltkrieg, sondern Max’ Großmutter auch ihre Unschuld an Paul, einen Bergarbeiter, auf einer der zahlreichen Zechen in einem Kaff im Ruhrgebiet namens Schwarzhausen.
Ihre Hingabe an den stattlichen Paul Wilde hatte zur Folge, dass sie von ihrer Familie verstoßen und enterbt wurde. Letzteres fiel naturgemäß nicht weiter ins Gewicht. Der Adelsname wurde ihr entzogen und sie durfte nicht nach Pommern zurückkehren.
Schwanger mit dem ersten Sohn, Paul Wilde junior, sollte sie ihr Leben von da an bis zu ihrem Tod im Zechendorf verbringen.
Schwarzhausen war zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein Kaff mit 400 Seelen. Da man aber reichhaltige Braunkohlevorkommen fand, entstand im Jahr 1905 die stattliche Zeche. Ein majestätisches Bauwerk, das eher an den Buckingham Palace erinnerte als an eine Industrieanlage, wären da nicht die Fördertürme gewesen, die das Landschaftsbild beherrschten und die Macht der Ruhrkohle AG bezeugten.
Schwarzhausen, zehn Kilometer von Dortmund entfernt, jener Stadt aus Bier, Stahl und Schweiß, sollte das Zentrum von Max’ kindlichem Universum werden.
Doch zurück zu Magdalena von Rasatz, der früh geschwängerten Landpomeranze, die nun, statt sich mit Anstandsunterricht – hätte sie ihn bloß richtig verfolgt – und Französischlektionen zu verlustieren, die dreckigen Windeln ihres Erstgeborenen waschen musste.
Magdalena und Paul zogen in eine Drei-Zimmer-Wohnung in die Hauptstraße, schräg gegenüber der katholischen Kirche, die sie auch beflissen jeden Sonntag aufsuchten.
Magdalena, mit einem potenten Mann verheiratet, gebar zwei Jahre nach Pauls Geburt Zwillinge, die auf den Namen Ilse und Erich getauft wurden.
Ilse wurde zur lebenslangen Friedensstifterin der gesamten Familie, vermittelte zwischen Brüdern und Vater, Mutter und Vater, Schwiegertöchtern und Vater. »Um des lieben Friedens Willen!«, wie sie sich ausdrückte, blieb sie ein Leben lang dem Glauben der katholischen Kirche verhaftet, ohne den lieben Gott oder andere Autoritäten zu hinterfragen.
Ihr Bruder Erich, missmutig und schon als kleines Kind ständig nölend, bereitete der Familie nie viel Freude und arbeitete später für das Finanzamt.
Magdalena durchlief ihr freudloses Leben an der Seite ihres Mannes, der im wahrsten Sinne mit strenger Hand die Familie zusammenhielt. Dies machte er nur zu gerne deutlich, indem seine Faust nicht nur auf dem Tisch, sondern auch in den Gesichtern der geliebten Frau und Kinder landete. Er verbrachte sein Leben unter der Woche in den Stollen der Zeche und am Wochenende bei seinen Repräsentationspflichten in der Kirche und in der örtlichen Kneipe. Man besuchte die Verwandten in den anderen Dörfern und lebte am Leben vorbei, da man es nicht kannte.
Depressionen kamen und gingen, die Weimarer Republik hinterließ keine Spuren und Schwarzhausen schlief nach wie vor den Dornröschenschlaf.
1933 sollte sich alles ändern, wenn auch nicht für lange. Hitler kam an die Macht und 13 Jahre nach der Geburt der Zwillinge wurde Magdalena wieder schwanger. Gewollt war der Nachkömmling anfangs nicht. Ein Schicksal, das sich in der Familie über dreißig Jahre später wiederholen sollte.
Es war ein besonders heißer Sommer, Olympia hielt Berlin und Europa in Atem. Alle schwitzten, waren aber dennoch im Aufschwung und guter Hoffnung. Magdalena in der Hoffnung, bald von den überschüssigen zehn Kilo befreit zu werden, das deutsche Volk in der Hoffnung, den wirtschaftlichen Aufschwung unter der Führung Hitlers zu erleben.
Herrmann wurde am heißesten Tag des Jahres, am 18. August gegen 14 Uhr, in einer Wohnküche geboren. Magdalena überlebte die Geburt mit Hilfe der Hebamme nur knapp, verlor Unmengen Blut und machte die späte Schwangerschaft in ihrem Leben permanent dafür verantwortlich, dass sie ein paar Jahre später an Blutkrebs erkrankte, den sie jedoch überlebte.
Trotz aller widrigen Umstände verband sie eine tiefe Liebe zu ihrem neugeborenen Sohn, der hilflos und blutverschmiert in ihren Armen lag, instinktiv wissend, dass die Mutter der rettende Anker seines Lebens werden sollte.
Eine dörfliche Idylle, wäre da nicht der hauseigene Diktator gewesen. Was Paul sagte, galt ohne Widerrede und Diskussion und wer nicht parierte, bekam eins aufs Maul. Wer ihm nicht den Respekt zollte, den er glaubte zu verdienen, wurde kleingemacht oder ganz einfach aus seinem Bewusstsein verdammt.
Selbst später im hohen Alter, er war bereits über achtzig, halb blind und vegetierte seit zehn Jahren im Morgenrock auf der Couch bei Korn und Bier dahin, hatte er die Macht über seine Familie nicht verloren. Niemand wagte es, sich gegen den alten Haudegen durchzusetzen.
Niemand weinte ihm allerdings auch nur eine Träne nach, als er starb, selbst seine Gattin nach 54 Ehejahren nicht. Sie war nur froh, nicht mehr jeden Mittag um 12 Uhr das Essen auf den Tisch stellen zu müssen.
Eine Blase umgab die deutschen Dörfer in der Zeit nach Hitlers Machtergreifung. Das Radio war Bindeglied zwischen den Machthabern in Berlin und den Mikrokosmen der Dörfer. Es gab Nationalsozialisten im ganzen Staat und auch genug in Schwarzhausen. Man passte sich an und der Dorfjude wurde verschleppt.
Paul Wilde junior, der Erstgeborene, war damals gerade Anfang zwanzig. Er wurde Soldat und starb auch brav im Feld fürs Vaterland. Erst später sollte Max herausfinden, dass sein seliger Onkel Paul, dessen Bild bis zum Tode der Großmutter über ihrem Sofa hing, in der SS war und auch zu Hitlers Leibgarde gehörte. Das wurde allerdings beim Sonntagskaffee verschwiegen.
Es gibt allerdings einen Beweis für seine Mitgliedschaft bei Hitlers Paradesoldaten. Für einen Film der Nazi-Diva Zarah Leander brauchte man in einer Szene fünfzig Statistinnen, die im Hintergrund einen engelsgleichen Chor mimten. Da die Leander groß und breit war, fand man keine Damen, die sich eigneten, und so wurde kurzerhand eine Gruppe von SS-Soldaten aus Berlin nach Babelsberg abkommandiert, in wallende Kostüme gesteckt, mit blonden Perücken ausgestattet und drastisch geschminkt. Noch heute kann man, wenn man genau hinsieht, Paul in der zweiten Reihe ganz rechts außen stehen sehen, während Frau Leander musikalisch verspricht, dass sie weiß, dass ganz, ja wirklich, ganz bestimmt ein Wunder geschehen wird, auch in Schwarzhausen.
Dort war das Gefühl der Ohnmacht allgegenwärtig, wenn auch den meisten nicht bewusst. Man lebte sein Leben, wehrte sich nicht und hatte höchstens Angst vor dem Nachbarn, der Informationen, die nicht regimekonform waren, weitergeben konnte. Was scherten einen die verschwundenen Juden.
Die ersten Lebensjahre von Max’ Vater waren geprägt von der engen Beziehung zur Mutter und zur älteren Schwester. Als der Krieg begann und die Nahrung knapper wurde, wurde er im Alter von fünf Jahren in ein kleines Dorf auf dem Land bei Paderborn geschickt. Kinderlandverschickung! Ein Bauernhof wurde sein neues Zuhause und sollte es für einige Jahre bleiben. Verstört von der Trennung, verschloss er sich mehr und mehr seiner gesamten Umgebung.
Er mistete Ställe aus, ging morgens fünf Kilometer zur Schule und nachmittags wieder zurück, trug Sommer und Winter kurze Hosen und schlief mit dem verhassten Knecht in einer Kammer ohne Ofen. Der Höhepunkt seines einsamen Lebens im Exil, das vier Jahre dauern sollte, war der monatliche Besuch der Mutter, die auch gleichzeitig auszog, um zu hamstern, damit die Familie daheim etwas zu essen hatte.
Einmal im Jahr kam er für kurze Zeit nach Hause. Beim letzten Besuch im Herbst 1944 nur, um mitzuerleben, wie das elterliche Haus zerbombt wurde. Von da an gab es kein Zuhause für Herrmann mehr.
Selbst dreißig Jahre später sprach er den Namen des Dorfes bei Paderborn nicht aus und nahm bereitwillig große Umwege in Kauf, um nicht an dem Ort seiner einsamen Kinderjahre vorbeifahren zu müssen.
Ein gehemmter, schüchterner Junge von elf Jahren kehrte nach Kriegsende im Sommer 1945 in sein Heimatdorf zurück, besuchte das Gymnasium und sagte zu allem Ja und Amen, aus Angst, wieder von der Familie getrennt zu werden.
4
Das Erwachen
Max wachte am Sonntag, den 13. Juni, gegen 14 Uhr auf.
Lippen wie Sandpapier, die Kehle völlig ausgetrocknet, sein Schädel brummte und für ein paar Minuten war er völlig orientierungslos. Nachdem er eine Ewigkeit an die Decke gestarrt und gewünscht hatte, sie wäre der Himmel, die Hölle oder zumindest das Fegefeuer, kehrte die Erinnerung langsam in seinen malträtierten Schädel zurück oder was noch von ihm übrig war und funktionierte.
Solche Momente widerten ihn so abgrundtief an, dass er vor lauter Selbsthass nicht wusste, ob er aus dem Fenster springen oder sich das nächste Messer im Harakiristil in den Bauch rammen sollte. Beides versprach einen zu blutigen Ausgang und so wartete er den Anfall einfach ab und schaute weiter auf den Wasserfleck an der Decke. Nach einer halben Stunde quälte er sich in die Küche des Appartements, sein Blick fiel auf leere Wodkaflaschen, Valiumtabletten und Koksreste auf der Anrichte.
Zwei Espressi und drei Zigaretten später kam die Erinnerung an die letzten 36 Stunden zurück. Nachdem er für einige Sekunden bewusstlos vor dem Flagshipstore von Ralph Lauren auf dem West Broadway zusammengebrochen war, kam Gott sei Dank Pablo, der Doorman, um ihn in die klimatisierten Hallen des Gebäudes zu schleppen.
Max hatte sich bei dem Fall die Stirn aufgeschlagen, blutete wie ein Schwein, sein Handy hatte den Fall seltsamerweise unbeschadet überlebt.
Während das Blut auf die weißen Marmorfliesen der Lobby tropfte, wusste Max nicht, ob die eventuelle Gehirnerschütterung oder seine Schwester, die immer noch am Telefon war, Schuld an seiner Übelkeit trug. Irgendwo nahm er die Kraft her, um zu sagen, dass er sie zurückrufen würde.
Kurze Zeit später begleitete ihn JM in die Notaufnahme des Mount Sinais Hospitals. JM kannte den Arzt von diversen sexuellen Happenings und so mussten sie nur dreißig Minuten zwischen schreienden Kindern, blutenden Unfallopfern und hysterischen Eltern warten.
300 Dollar später und mit einer Klammer auf der Platzwunde trafen Max und JM Thierry, den Schneemann mit dem weißen Pulver, an der Ecke 61. Straße und 10th Avenue. So begann eine Rutschpartie, die fast dreißig Stunden dauern sollte.
Max hatte die letzten zwei Stunden seines Lebens schon vergessen, noch bevor er sich kurz darauf mit JM die erste Line in die Nase zog. Danach war alles egal und die beiden Freunde putschten sich gegenseitig mit viel Wodka und einigen bezahlbaren Escorts zu den Limits ihres heiligen Grals hinauf.
Die Klammer in der Stirn wurde unwichtig, die Damen wurden erst am Samstagmorgen entlassen. An Schlaf war nicht zu denken, Thierry stand 45 Minuten nach einem Anruf erneut vor der Tür und sie machten da weiter, wo sie angefangen hatten. Neue Escorts waren schnell gerufen, Viagra war immer zur Hand. Jedes Gefühl wurde rigoros weggeschnupft.
Irgendwann am frühen Sonntagmorgen schaffte Max es, völlig high in ein Taxi zu fallen, das ihn nach Hause fuhr.
Vier Schlaftabletten der starken Sorte und zwei Valiumtabletten halfen ihm für einige Stunden, das Bewusstsein zu verlieren, und so stand er am Nachmittag mit der Klammer im Kopf und dem Eisring um sein Herz in seinem Soho-Loft und alles war mit noch stärkerer Macht und ohne Kompromiss zurückgekehrt: Nikolas saß in Dortmund in Untersuchungshaft, angeklagt wegen zweifachen Mordes.
Max bemerkte, dass er seine Schwester noch nicht einmal gefragt hatte, wen sein Bruder getötet hatte. Warum hatte er nichts gemerkt, gespürt? War das Band zwischen ihnen nicht mehr existent?
Mit Zwillingen ist das so eine Sache, besonders bei eineiigen. Nikolas und Max waren unzertrennlich in den ersten Jahren ihres Lebens und auch später, nachdem Nikolas dann schwierig wurde und sich zurückzog, spürte Max doch immer, wenn mit seinem Bruder etwas nicht stimmte.
Wie alle anderen in der Familie nahm Max irgendwann hin, dass Nikolas seltsam war, kaum sprach, anscheinend autistische Züge angenommen hatte. Er nahm es hin, wie man Wolken am Himmel hinnehmen muss, an einem Tag, der wolkenfrei bleiben soll. Es war eben so.
5
Der Anfang – zweiter Teil
Tibor Remark war ein schöner Mann.
Er kam von Ungarn über Umwege ins Ruhrgebiet, fand Arbeit beim Bergbau und ließ sich in Schwarzhausen nieder. Ein wahrer Till Eulenspiegel. Er erzählte harmlose Lügengeschichten, dass sich die Balken bogen, feierte, bis die Kühe nach Hause kamen, küsste mehr als eine Frau in seinem Leben und war im ganzen Dorf beliebt.
Er heiratete im Jahre 1937 Helene Bartholomae, eine verschlossene junge Frau, die als Schneiderin arbeitete. Die erste Tochter, Anna, wurde acht Monate später geboren. Das Kind wurde vom Vater zärtlich geliebt, von der Mutter eifersüchtig beäugt und verbrachte die ersten Lebensjahre glücklich in dem kleinen Hause nahe dem dörflichen Park.
Kinderfotos zeigen ein schlankes Mädchen mit dünnen Zöpfen und grünen Augen, das ständig auf dem Schoß des Vaters zu finden war. Er war ihr Held, Anna spürte, dass die Verbindung zum Vater etwas ganz Besonderes war, genauso wie ihr späterer Mann Herrmann am anderen Ende des Dorfes die Einigkeit mit seiner Mutter Magdalena pflegte.
Anna bekam zwei weitere Geschwister, Knut und Marianne. Als der Stammhalter drei Jahre nach ihrer Geburt der Stolz der Familie wurde, buhlte sie noch um die Gunst der Mutter. Aber die Geburt ihrer Schwester, dem Nesthäkchen der Familie, bedeutete das Ende der emotionalen Verbindung zu Helene.
Anna konzentrierte sich nun auf ihren geliebten und lustigen Vater, wurde nur dann lebendig, wenn er in ihrer Nähe war, und befolgte die Anweisungen der Mutter lautlos, deren Liebe sie nicht zu verdienen schien.
Als sie zwölf Jahre alt war, wurde sie zum Hüter ihrer jüngeren Geschwister, der Vater hatte einen schweren Unfall. Bei der Arbeit in der Grube fielen Eisenstangen auf seine Beine, er musste für sechs Monate ins Krankenhaus und brauchte fast zwei Jahre, um wieder laufen zu können.
Helene musste in diesen harten Nachkriegsjahren für ihre Mutter, ihren Mann und ihre drei Kinder sorgen und nahm den verhassten Beruf als Schneiderin wieder auf. Sie schneiderte sich tagsüber durch die Nachbarschaft und fuhr abends mit dem Fahrrad in das acht Kilometer entfernte Krankenhaus. Um ihr Leben aushalten zu können, vereiste sie innerlich und taute in den Jahren, die noch vor ihr lagen, nie wieder ganz auf.
Anna witterte ihre Chance, der Mutter näherzukommen und versuchte, ihr alles recht zu machen. Helene registrierte es, sprach von Pflichterfüllung und Aufgaben, ganz im preußisch-deutschen Sinne.
Anna wuchs zu einer Schönheit heran. Ihr wohlgeformter Körper, die grünen Augen, das dunkelblonde Haar und die vollen Lippen zogen viele Blicke auf sich, begehrliche der männlichen Spezies und neidische von der weiblichen Fraktion. Sie verbarg ihre Unsicherheit hinter der Maske einer Frohnatur, perfekt gespielt bis zum Tode. Sie lachte, was das Zeug hielt, und blühte auf, als ihre Pubertät sich dem Ende zuneigte.
Sie hatte eine Reihe von Verehrern, blieb aber keusch. Das Ideal der fünfziger Jahre, die Ära Adenauers und der katholischen Kirche, wollte, dass eine Frau unberührt in die Ehe ging, um dann das Desaster der sexuellen Frustration ausgiebig genießen zu können.
Sie fuhr, ganz im Sinne des Schlagers der fünfziger Jahre, in den Urlaub nach Italien, wurde zum ersten Mal braun, aß Spaghetti, saß unter Palmen und flirtete mit knackigen Italienern. Gesehen werden und doch unerreichbar bleiben, so glaubte sie, sei der richtige Weg, um sich für den Mann aufzusparen, der sie ehelichen sollte.
Die zwei Wochen in Italien im Sommer 1959 hatten sie erwachsen werden lassen. Sie kam als Frau zurück ins Provinzkaff, wo sie das Netz aus Kirchenchor, Berufsschule und Nachbartratsch erbarmungslos umgab. Anna bekam einen Job als Auszubildende in der Villa Hügel in Essen und wurde Sekretärin.
Es waren die Jahre des Wirtschaftswachstums, der kollektiven Verdrängung, die Zeiten von Caterina Valente, Freddy Quinn und Peter Alexander, der Lügen, um überleben zu können, des Heimatfilms, der diese Lügen weiter bestärkte, und der Seidenstrümpfe.
Später erinnerten sich Max’ Großeltern gerne auf Familienfesten an diese Zeit, als Deutschland im Aufbruch war und erfolgreich als wachsende Wirtschaftsnation wieder im Rampenlicht stehen konnte. Als man dann noch das Wunder von Bern erlebte, Weltmeister wurde, keimte der gebrochene Nationalstolz zaghaft wieder auf.
Worin viele Deutsche wirklich Weltmeister waren, bezog sich eher auf ihre fast grandiose Fähigkeit, die jüngste Vergangenheit zu verdrängen. »Ich war es nicht, Hitler ist es gewesen« stand vielen auf der Stirn geschrieben. Man hatte ja von nichts gewusst und sich um seinen eigenen Kram geschert, ums Überleben gekämpft, als der Iwan kam, und sich gefreut, als der Ami endlich aufgeräumt hatte.
Anna, geistig unberührt von der braunen Plage ihrer frühen Kindheit, genoss ihren vermeintlich höheren sozialen Status, da sie nun täglich in der Villa Hügel arbeiten durfte, ohne zu wissen, dass sie im Hause der hitlerschen Kollaborateure tätig war.
Am Wochenende musste sie allerdings wieder in die Rolle der braven Tochter im Elternhause schlüpfen, die Hühner füttern, Treppen putzen und mit der Übermutter Helene und der entfremdeten Schwester Marianne auf den Markt gehen. Nie sonderlich interessiert, was Hausarbeit und Kochen betraf, quälte sie sich mit der Zubereitung von Frikadellen und Sauerbraten und versalzte dennoch jede noch so einfache Suppe.
Einmal im Monat gab es den Tanzabend der katholischen Kirchengemeinde, einmal im Monat konnte sie lachen, tanzen, flirten und den jungen Männern den Kopf verdrehen, wenn auch nur bis 23 Uhr. Denn dann, und darauf bestand Helene, war Zapfenstreich für unberührte junge Damen.
Von einem dieser legendären Abende im Jugendheim gab es Fotos, auf denen Anna zu sehen ist. Nie allein, der Mann auf den Fotos an ihrer Seite wechselte ständig. Lachend, hinreißend und ausgelassen, so dass selbst der katholische Pfarrer, Herr Weferdam, ein Tänzchen mit Tibors hübscher Tochter wagte.
Nur ein Foto fiel aus dem Rahmen. Aufgefordert von einem jungen Mann mit schwarzen Haaren und Übergewicht, schwebt Anna, ernst und zurückhaltend, über das lädierte Parkett. Es war das erste gemeinsame Foto von Max’ Eltern.
Der linkische Herrmann verliebte sich sofort in dieses Wundergeschöpf, das nur aus Lachen und Lebensfreude zu bestehen schien. All das, was er nie sein durfte, nie sein würde, manifestierte sich in dieser jungen Frau.
Acht Monate später gab er stolz die Verlobung mit Anna bekannt.
6
Die Entscheidung
Lange hatte Max nicht mehr an seine Mutter gedacht. Während er regungslos auf der Couch lag und darauf wartete, dass sein Kater sich verzog, stiegen immer mehr Bilder aus der Vergangenheit aus den Tiefen seines Unterbewusstseins an die Oberfläche. Längst vergessene Situationen spulten sich wie ein alter Stummfilm vor seinem geistigen Auge ab. Er sah Nikolas und sich an einem warmen sommerlichen Sonntag in der Zinkbadewanne im Garten der Großeltern fröhlich herumplantschen. Sie aßen Zuckerwatte und Aal auf der Pflaumenkirmes und lernten vom Großvater Tibor, wie man Orangen schält. Sie kuschelten mit Anna, fühlten sich geborgen, kratzten die Schüssel mit den Teigresten aus, wenn Helene einen Kuchen backte.
Jeder liebte die blonden Engelszwillinge. Egal wo sie erschienen, schien sich die Welt nur um die beiden zu drehen. Die Erinnerung an diese Bilder brannte plötzlich in seinem durchlöcherten Gehirn und Max konnte den aufsteigenden Schmerz beim Gedanken an diese verlorene Zeit kaum unterdrücken. Er spürte die tiefe Liebe zu seinem Bruder und bekam keine Luft mehr.
Trotz der Exzesse der vergangenen 36 Stunden griff er zum Telefon, um den Schneemann anzurufen. Keine Antwort.
Seine Augen brannten, während er wartete, und ihm wurde bewusst, dass er das weiße Pulver brauchte, um nicht vollends von der Vergangenheit eingeholt zu werden.
Erneut wählte er die Nummer, die sich in den letzten Jahren in seinen Kopf eingebrannt hatte, setzte sich ungeduldig und schwitzend auf das Sofa. Immer wieder lief er zum Fenster und sah hinunter auf die Straße, in der Hoffnung, den weißen Porsche heranfahren zu sehen, doch nichts passierte.
Nach weiteren 15 Minuten wurde Max wütend. Warum rief dieser Scheißdealer nicht an und ließ ihn hier in der Hölle der Erinnerung schmoren? Die Minuten zogen sich wie Kaugummi, nichts konnte seine Gedanken vom Telefon und dem erlösenden Anruf trennen.
Dann, nach einer Ewigkeit, wie es schien, rief der Schneemann zurück, um zu sagen, dass er in einer halben Stunde kommen würde.
Max’ Magen verkrampfte sich mehr und mehr, er rauchte eine Zigarette nach der anderen, lief wie ein Tiger im Käfig von Wand zu Wand. Die Sonne verschwand hinter dem gegenüberliegenden Haus.
Plötzlich und unvorbereitet sah er seine eigene Reflektion im Fenster. Es war wie ein Peitschenhieb quer durch sein Gesicht. Einen Moment lang war er so geschockt, als hätte er ein Gespenst gesehen. Die Haare standen wild ab, er trug die gleichen Klamotten wie am Freitag und hatte eine Klammer auf der Stirn, die sein Gehirn davon abhielt zu platzen.
Doch das war es nicht, was ihn erschreckte, er hatte sich oft so gesehen, darüber gelacht und sich innerhalb kurzer Zeit restauriert. Ein Stehaufmännchen, das andere perfekt blendete.
Heute war es anders. Durch das zweiminütige Telefonat mit Marie hatte ihn die Vergangenheit eingeholt.
In diesem Moment klingelte es und der Doormann kündigte den Dealer an. Augenblicklich wurde Max ruhig und fokussierte seine gehetzte Seele einzig auf die Erlösung, die zu ihm kommen sollte.
Der Schneemann kam, scherzte und ging, dann war Max wieder allein. Er saß vor dem Tisch, auf dem das weiße Pulver lag und ihm wurde klar, dass, wenn er jetzt anfangen würde, es kein Ende geben konnte. Der Suchtdruck war plötzlich weg. Er stand auf, ging ins Bad und ohne noch einmal darüber nachzudenken, spülte er die Drogen ins Klo, duschte und buchte den nächsten Flug nach Düsseldorf. Vier Stunden bis zum Abflug, der Koffer war schnell gepackt. Ein Gefühl von Freiheit durchströmte ihn zum ersten Mal seit Jahren.
Er schickte Carole eine Mail, dass sie alle Jobs in den nächsten sieben Tagen absagen sollte, wohlwissend, damit eine mittelschwere Katastrophe für sie und einen Tsunami für sich auszulösen. Es war ihm egal.
Er handelte klar und ruhig, das Einzige, woran er dachte, war Nikolas. Die geklammerte Narbe auf der Stirn schmerzte plötzlich.
7
Doppeltes Glück
Die Bekanntgabe der Verlobung von Herrmann und Anna im Kirchenblatt der Gemeinde stieß nicht auf jedermanns Begeisterung.
Sie stammten aus unterschiedlichen Universen. Die Wildes, ein konservativer Clan mit einem Diktator als Familienoberhaupt und dem Wohnsitz an der Hauptstraße des Dorfes, standen in völligem Kontrast zu den Remarks, die liberal und völlig gegen das Naziregime im Haus am volkseigenen Park logierten.
Die Wildes hatten sich im Laufe der Jahre gut gestreut. Während der Clanvorstand Paul mit seiner Gattin Magdalena, der enterbten, pommerischen Landadeligen, mitten im Dorf in der Hauptstraße lebte, hatten sich die älteste Tochter Ilse und ihr lustiger Friseurgatte Heinrich Janos mit ihren drei Kindern auf dem Hügel am Ende des Dorfes zwischen Fußballplatz und Friedhof niedergelassen. Das alte Haus beherbergte nicht nur den Salon und die Wohnung, sondern auch deren Besitzer: einen zuckerkranken Asthmatiker und seine Gattin, die neben einer blondierten Turmfrisur auch die Nase aus nicht vorhandenen Gründen zu hoch trug.
Der älteste Sohn Paul junior war zu Magdalenas Trauer und zum Stolz des Familienoberhaupts gefallen, als er das untergehende Deutschland retten wollte. Sein Heldentod fand allerdings nicht auf dem Schlachtfeld statt, wie später gerne beim Sonntagnachmittagskaffee bis zum Erbrechen von Paul wiederholt, sondern aufgrund einer verschleppten Syphilis, die sich Paul junior bei einer Berliner Hure geholt hatte.
Der zweite Sohn Erich heiratete nach dem Krieg die Tochter des ehemaligen Fleischers des Dorfes: Magda. Ihre Mutter war in einer der letzten Nächte des Krieges durch einen Bombenangriff zu Tode gekommen, der Stiefvater schon Jahre vorher verstorben und die knapp zwanzigjährige Magda war plötzlich die gut situierte Erbin eines kleinen Vermögens geworden. Sie war nun die Besitzerin eines der größeren Häuser des Dorfes, das nicht durch den Krieg beschädigt worden war, vermietete die Fleischerei im Erdgeschoß und die Wohnung im Hinterhaus. Nie eine schöne Frau gewesen, spannte sie das Netz der Intrigen um die Verwandtschaft. Geld hatte sie genug.
Auch Annas Geschwister heirateten. Knut gewann die stille Greta und blieb im Dorf. Marianne heiratete einen Berliner Apotheker namens Theo und zog mit ihm in die einstige Hauptstadt des zerstörten deutschen Reiches.
Eines hatten Anna und Herrmann trotz ihrer unterschiedlichen Elternhäuser gemeinsam: Sie wollten beide raus aus einer Umgebung, die ihnen wenig Platz zum Atmen ließ.
Während sich der zwei Zentner schwere Herrmann im Alter von zwanzig Jahren noch Ohrfeigen von seinem Vater einfing, kontrollierte auch Helene später gerne die Wohnungseinrichtung ihrer Tochter, nachdem diese schon drei Jahre verheiratet war.
Die Liebe der beiden basierte auf der Regel: Raus aus der Enge der Elternhäuser und hinein ins eheliche Vergnügen, ohne vorher einen Kurs in Beziehungen abgeschlossen zu haben. Die siebziger Jahre waren noch Lichtjahre entfernt, als beide jungfräulich und blauäugig vor den Standesbeamten traten, um danach mit wehenden Fahnen in die eigene Wohnung in den Nachbarort zu ziehen.
Knappe vier Kilometer trennten die beiden Dörfer. Vier Kilometer Entfernung bedeutete, dass man die Familie nur am Wochenende sah. Ein Telefon hatten sie nicht und Errungenschaften wie Handys oder Computer gab es nur in Jules Vernes’ Romanen.
Die beiden lebten 13 Monate keusch miteinander, denn sie waren noch nicht kirchlich getraut worden, und das Damoklesschwert der Sünde schwebte über ihren standesamtlich getrauten und moralgetränkten Häuptern. Erst nach der kirchlichen Trauung schritten sie zur Tat und Marie wurde neun Monate später geboren.
Herrmann hatte einen Posten als Bürokaufmann bei der Ruhrkohle AG in Duisburg angenommen, Anna war an den Herd gebunden und nahm für eine Weile ihr Los als Hausfrau auf sich. Sie fütterte Marie, die regelmäßig alles wieder auskotzte. Statt in der Villa Hügel den Chefs Kaffee zu servieren und zum Diktat gerufen zu werden, musste sie Windeln waschen, einkaufen und den Kinderwagen durch ein ausgetauschtes dörfliches Universum schieben.
Zwei Jahre nach Maries Geburt hatte der monatliche Ehevollzug im Bett der jungen Wildes erneut Spuren hinterlassen. Diesmal gab es doppelten Grund zu Annas geteilter Freude, sie erwartete Zwillinge.
Nikolas und Max waren auf dem Weg und sollten ebenso wie ihr Vater am heißesten Tag des Jahres zur Welt kommen. Sonnenkinder, voller Glut. Nachdem bei Anna nach neuneinhalb Monaten endlich die Wehen einsetzten, riet ihr der Oberarzt noch vor der Niederkunft, die Treppe zu putzen, um den Geburtsvorgang schneller in Gang zu bringen. Die Krankenhaustreppe war somit auch spiegelblank, als die Zwillinge am 30. Juli zur Welt kamen.
8
Von einer Insel zur anderen
Max hatte nicht vor, allzu lange in Deutschland zu bleiben.
Er versuchte, nicht an die Konsequenzen zu denken, spürte nur instinktiv, dass Nikolas ihn brauchte. Wegen ihm machte er diese Reise. Er packte nur das Nötigste ein, da er nach einer Woche wieder in den vertrauten Sphären seiner Heimatinsel auftauchen wollte. Eine Woche in Schwarzhausen. Er versuchte, sich erst gar nicht vorzustellen, was ihn erwarten würde.
Um 19 Uhr bestieg er ein Taxi, das, nachdem es sich durch den Stadtverkehr und den Midtowntunnel gequält hatte, prompt im Verkehr auf dem Highway stecken blieb.
Die Vergangenheit hatte Max wie eine große Welle eingeholt. Sein Bruder saß in Untersuchungshaft und war wegen Mordes angeklagt. War es alles nur ein Versehen? Oder wollte Marie ihn mit einem Trick nach Deutschland zurücklocken? Und wen hatte Nikolas ermordet?
Max griff zu seinem Handy und suchte die Nummer seiner Schwester, die noch nicht ahnte, dass er die Reise über den großen Teich bereits angetreten hatte.
Nach einigem Klingeln meldete sich der Anrufbeantworter: »Dies ist die Nummer von Marie, Ingo, Leo, Lena und Paul Kretscher. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Piepton.«
Max schaute auf die Uhr. Es war bereits 1 Uhr morgens in Paderborn. Er hinterließ keine Nachricht.
Nachdem er aufgelegt hatte, wurde ihm bewusst, dass er von einer Minute zur anderen zum Onkel mutiert war, denn offensichtlich lebte seine Schwester nicht in einer WG, sondern hatte mit ihrem Mann Kinder in die Welt gesetzt. Na super, das Familienglück der Goldmarie war offensichtlich perfekt. Hatte er etwas anderes erwartet? Herrmann hielt bestimmt wie eh und je seine schützende Hand über das finanzielle Wohl seiner geliebten Tochter. Wie schön für ihn, wie schön für Marie! Max war diese Liebe fremd und da er um diese Zeit auch niemand anderen von der ihm geistig, moralisch und räumlich entfernten Familie erreichen konnte, schaltete er sein Handy aus und kam nach einer weiteren Stunde mit übler Verspätung am Flughafen an.
Er quälte sich durch die Massen von Touristen, schreienden Kindern und gestressten Businessleuten, um am Schalter der Fluggesellschaft zu erfahren, dass der Flug zwei Stunden Verspätung haben würde. Müde verzog er sich in die Lounge, um auf den Abflug zu warten.
Die Senator Lounge der Lufthansa am JFK Flughafen hatte eine Ruhezone, in der man die Füße hochlegen konnte und nicht von quäkenden Babys oder schnatternden New-York-Touristinnen, die zu viel Sex and the City gesehen hatten, belästigt wurde.
Gerädert von den Ereignissen und Exzessen der letzten 48 Stunden, freute sich sein gequälter Körper auf die zwei Stunden Auszeit. Er war alleine, schlief sofort ein und träumte, dass er auf dem Sofa seiner Tante Magda lag.
Er war noch ein Kind. Die Sonne schien durchs Fenster. Es war um die Mittagszeit im Spätsommer. Draußen war es ruhig, die an das Haus angrenzende Schule war leer, es waren Ferien. Der Geruch von abgekochtem Fett und frischer Blutwurst zog aus der Fleischerei im Erdgeschoß durchs Küchenfenster und Max, noch immer auf dem Sofa liegend, schaute durch die Küchentür in den Flur der Wohnung und sah eine selbstgestrickte Puppe auf dem Regal sitzen. Tante Magdas Hund, ein alter stinkender Terrier namens Mecki, lag in seinem abgewetzten Hundekorb. Max stand auf und wollte ihn streicheln, merkte aber, dass Mecki ausgestopft war. Tote Glasaugen sahen ihn ausdruckslos an. Max schaute nach rechts in das tieferliegende Badezimmer.
Die Übelkeit kam unerwartet, denn ausgestreckt an den Rand der alten Badewanne gelehnt lag Magda, die Augen weit geöffnet, die Hände verkrampft. Jemand hatte sie erschlagen, an ihrem gespaltenen Schädel klebte ein Rinnsal getrockneten Blutes.
Max öffnete den Mund und schrie, doch kein Laut kam heraus. Er versuchte zu fliehen, konnte jedoch keinen Muskel bewegen. Tote Hundeaugen fixierten ihn und es dauerte unendlich, bis ein lang gezogener Schrei aus seiner trockenen Kehle hervorbrach. Zuerst kaum vernehmbar, dann immer lauter werdend. Schweißgebadet wachte er auf.
Vollkommen verwirrt bemerkte er, dass die Empfangsdame der Lounge im Türrahmen stand und ihn entsetzt anstarrte. »Herr Remark, Ihr Flug geht in zwanzig Minuten«, krächzte sie und verschwand.
Erschrocken fuhr sich Max mit der Hand über die Stirn und zuckte schmerzhaft zusammen. Er hatte die Klammer vergessen und fühlte sich wie nach einem Marathon. Er nahm sein Handgepäck und stolperte durch die Passkontrolle und den Bodycheck, lief den langen Flur zum Flugsteig hinunter und erreichte die Maschine.
Noch ehe der Flieger abhob, versank Max völlig erschöpft in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Er verpasste die drei Gänge des Menüs, die Ansage des ersten Offiziers und des Kapitäns und wachte erst nach zwei Stunden in der abgedunkelten Maschine mitten über dem Atlantik wieder auf. Fast alle Gäste schliefen, ein paar schauten Videos auf ihrem Inseat-Monitor und drei Geschäftsleute bereiteten Unterlagen für die Sitzung vor, die ihnen in ein paar Stunden trotz Jetlag bevorstand.
Max war jetzt hellwach, ging zur Stewardess und bestellte einen Kaffee und einen doppelten Whiskey. Seine Gedanken in dem kleinen Raum in zehntausend Metern Höhe gingen zurück zu seinem Traum, den er nicht verstand.
Warum lag Magda mit aufgeplatztem Schädel neben ihrer Badewanne und ließ sich von ihrem ausgestopften Terrier anstarren? Max hatte die Frau seit Jahrzehnten nicht mehr getroffen, konnte sich nicht einmal erinnern, sie auf der Beisetzung seiner Mutter gesehen zu haben.
Alles, was ihm einfiel, waren Begegnungen in der Kindheit. Geburtstage, die Kommunion, Familienfeiern, bei denen man feucht-fröhlich Zusammenhalt vorgaukelte, sein Bruder, der sich immer ängstlich verkroch.
Magda und Erich waren oft dabei und dennoch hatte Max kein Bild von ihnen aus späteren Jahren. Es war wie ein eiserner Vorhang, der nicht nach oben gehen wollte, so wie im Theater, wenn auf der Bühne oder im Zuschauerraum Feuer ausbricht und entweder die Zuschauer oder die Akteure vor den verzehrenden Flammen geschützt werden sollen.
Tante Magda. Jahrelang hatte er nicht an diese Frau, die er nie sonderlich mochte, gedacht. Sie musste inzwischen fast achtzig sein.
Und dennoch war das Bild ihres zertrümmerten Kopfes, ihres erstaunten Gesichtsausdruckes so klar und real, dass ihm schlecht wurde.
9
Nie allein
Man drückte Anna kurz nach der durch das Treppenputzen eingeleiteten Geburt ihre beiden verquollenen, eher nach Minigreisen aussehenden Babys in die kraftlosen Arme. Automatisch quäkten sie nach der mütterlichen Brust, die ihnen aber aufgrund einer schmerzvollen Brustwarzenentzündung nicht gereicht wurde.
Somit nahm die Schwester die Neugeborenen aus den warmen Armen der Mutter wieder weg, nicht ohne ihr zu versichern, dass besonders hässliche Babys zu besonders hübschen Kindern heranwachsen würden. Anna bezweifelte dies, drehte sich um, bekam eine Morphiumspritze nach der schweren Geburt und war für die nächsten Stunden außer Gefecht gesetzt. Treppenputzen, ob vom Arzt verordnet oder nicht, war ihr nach diesem Erlebnis für den Rest ihres Lebens zuwider.
Die Schwester mit dem schönen deutschen Namen Gisela hatte im Bezirkskrankenhaus schon viele Babys zur Welt gebracht. Schnurstracks und ohne viele Fisimatenten wusch sie die schreienden Bündel mit lauwarmem Wasser, gab ihnen die Flasche und steckte sie ins Bett auf die Säuglingsstation. Dann rief sie bei der frischgebackenen Großmutter Helene an, mit der sie die Grundschule besucht hatte. Während die Goldmarie mal wieder Omas Bluse mit Spinat vollkotzte, erfuhr Helene, dass Anna Zwillinge zur Welt gebracht hatte.
Sie seufzte. Man stelle sich das nur vor: das erste Kind, leider nur ein Mädchen, kotzte ständig alles wieder aus, war zudem alle Nase lang krank und jetzt auch noch Zwillinge. Immerhin waren es Jungen. Wie Anna das hingekriegt hatte, wusste der Himmel.
Nachdem Helene ihrem ungeliebten Schwiegersohn in seinem Büro in Duisburg mitgeteilt hatte, dass er Vater von zwei Söhnen geworden war, war ihre Laune nicht besser. Musste sie doch mit der nicht mittagsschlafenden, dafür aber quäkenden und spinatverschmierten Goldmarie durchs halbe Dorf ziehen, um bei der Post auf der Hauptstraße den öffentlichen Fernsprecher zu benutzen. Ein eigenes Telefon gab es im Hause Remark damals noch nicht.
Die ersten Jahre der Zwillinge waren ungetrübt.
Im Sommer spielten sie im Garten der Großeltern, badeten in der Zinkbadewanne, kuschelten mit der Mutter und ärgerten die Schwester. Sie klebten förmlich an ihrer Mutter, ihrer Göttin, die an Schönheit nur von der Elizabeth Taylor ähnlich sehenden Nachbarin Frau Stahlke übertroffen wurde. Diese bereitete auch noch Nutellabrote zu, die es zu Hause nicht gab, da der Vater diesen Süßkram untersagte.
Marianne Stahlke wohnte zwei Häuser weiter, hatte ebenfalls drei Kinder, eine Küche, deren Tapete mit italienischen Motiven verziert war, und sie konnte grandios Mirácoli, den letzten Schrei von Kraft, zubereiten. Leider hatte sie einen Gatten, der sie zu allen nötigen und unnötigen Anlässen vertrimmte.
Herrmann empfand die Familie Stahlke als nicht gesellschaftsfähig und grüßte das Ehepaar nur höflich von der anderen Straßenseite. Anna und die Zwillinge mochten diese Frau aufrichtig und verabscheuten ihren Mann zutiefst. Er schlug nicht nur sie, sondern auch seine Kinder. Außerdem stank er immer nach billigen Zigarillos, hatte verfärbte Zähne, ließ die Badezimmertür ständig offen, wenn er auf dem Klo saß, und schlürfte beim Mirácoli-Essen so laut, dass einem der Appetit verging.
Das Fernsehen spielte eine große Rolle für Max, sah er dort doch die unterschiedlichsten Leute, Länder und Lebensweisen. Vieles verstand er nicht, doch sah er Menschen in einer Stadt namens Paris, in der es nur Pferdekutschen gab und wo die Frauen noch lange Kleider trugen. Besonders ein Film namens Die Halskette beeindruckte ihn. Weder wusste er, dass es sich um eine Romanverfilmung von Maupassants Le Collier handelte, noch dass es ein Lehrstück in Sachen Moral war. Auch war ihm natürlich nicht bewusst, dass Maupassant ein Frauenvernascher und vor über hundert Jahren an Syphilis gestorben war. Das sollte er erst zehn Jahre später im Französischunterricht erfahren.
Ihn rührte die treppenputzende schöne Frau in diesem Film und somit avancierte er ungewollt zum Lieblingskind der gesamten Nachbarschaft. Über Nacht war sein Lieblingsspiel das Treppenputzen geworden. Er putzte und putzte, während Nikolas mit strengem Blick daneben saß. Die Hausfrauen der Nachbarschaft konnten sich gar nicht beruhigen, dass der hübsche blonde Max so gerne die Treppen säuberte.
Oft bekam er zehn oder zwanzig Pfennig für dieses Spiel, das mehr mit einem Theaterstück zu tun hatte als mit der korrekten Treppensäuberung. Die Zwillinge trugen den erstverdienten Lohn zur Bude. So hießen damals im Ruhrpott die Kioske, heute auch Trinkhallen genannt. An der Bude gab es an die fünfzig verschiedene Behälter mit Süßkram, dem wahren Objekt der Begierde. Schaumzucker-Erdbeeren, Gummischlangen, Kokosquadrate mit Schokolade überzogen, Geleehimbeeren, Liebesperlenketten, Duplos, Milkyways und Marsriegel. Nach heutigen ernährungswissenschaftlichen Erkenntnissen das reinste Gift. Sie kauften alles, was das Putzgeld hergab, und stolzierten damit die Straße hinunter.
Nein, nicht die Goldmarie, sondern sie waren die wahren Pipi Langstrumpfs des Wemphofes, so der Name der Straße. Sie hatten Pipis Abenteuer – und es verwunderte sie nicht, dass ein Mensch so heißen konnte – im dörflichen Kino am Sonntagnachmittag gesehen. Die Zwillinge waren sehr beeindruckt von ihr, denn sie war stark, furchtlos und kaufte für alle Kinder im Dorf Köstlichkeiten aus dem herrlichen Süßigkeitenladen.
Zwar war eine Bude im Kohlenpott kein Süßwarengeschäft aus einem schwedischen Kinderfilm und auch das dörfliche Kino wurde zwei Jahre später zum Pampamkino, der ruhrpottlichen Variante eines Sexkinos, aber das scherte die Brüder nicht.
Da Pipi leider nicht in der Nachbarschaft, sondern in einem unbekannten Land namens Schweden wohnte, verteilten Max und Nikolas die Haribo-Erdbeeren und Milkyways an die Kinder aus der Straße, fühlten sich großartig und pinkelten dann mit zusammen Martin Stahlke von der Kirchhofsmauer auf den Bürgersteig. Unglücklicherweise kam Herrmann zu dem Zeitpunkt von der Arbeit und erwischte sie in flagranti.
Was den Zwillingen Spaß machte, brachte ihn auf die Palme. Hausarrest. Vorher gab es nach dem obligatorischen Satz: »Anna, hole mir den Riemen«, womit er meinte, dass sie ihm seinen Ledergürtel holen sollte, noch kräftig ein paar rote Striemen auf den Hintern.
Verheult krochen die Brüder unter den hämischen Blicken der Goldmarie, die immer brav aufs Klo ging und auch ansonsten keinen Unsinn machte, in ihr Zimmer, einander tröstend, dass sie nicht alleine waren, und heckten Pläne aus, wie sie bald gemeinsam vor ihrem unlustigen, riemenklatschenden Vater fliehen würden. Was Pipi konnte, das mussten sie auch schaffen!
Doch trotz Prügel mit dem Riemen, katholischen Glaubenssätzen und einem moralinsauren Vater waren die ersten Jahre ihres Lebens durchaus schön und nichts sollte darauf hinweisen, welch dunkles Schicksal Nikolas und Max erwarteten würde.
10
Deutscher Boden
Der Alkohol hatte seine Wirkung nicht verfehlt.
Max hatte um 5 Uhr morgens europäischer Zeit trotz besseren Wissens einen doppelten Whisky zu sich genommen. Eigentlich rührte er das Zeug nicht mehr an, seit er nach einer Schlittenfahrt mit dem Schneemann und JM eine halbe Flasche Scotch gesoffen hatte, um der aufsteigenden Koksparanoia zu entfliehen. Danach hatte er sich die Seele aus dem Leib gekotzt. An diesem Morgen auf dem Düsseldorfer Flughafen, der ihm äußerst provinziell erschien, war der Hangover nur halb so schlimm.
Misstrauisch schaute ihn ein deutsches Paar Augen an, das zu einem misstrauischen deutschen Grenzbeamten, der seinen Pass kontrollierte, gehörte.
Vor einigen Jahren hatte Max die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt, mit der festen Absicht, nie wieder deutschen Boden betreten zu wollen. Jetzt hatte er dem deutschen Grenzbeamten mit einem akzentfreien »Guten Morgen« seinen amerikanischen Pass hingelegt. Dieser hatte zwar sämtlicher Herren Länder Stempel, aber nicht den der Bundesrepublik Deutschland.
Eine grantige Stimme fragte, wie lange Max auf deutschem Boden weilen wolle und was er hier zu suchen hätte. Trotz eines aufkommenden Übelkeitsgefühls erwiderte er etwas von familiären Gründen und bekam unter herrischem Blick seinen Stempel. Max zog von dannen, nicht, ohne dem Beamten ein freundliches »Asshole« zugeworfen zu haben. Aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse verstand dieser offenbar ein »Ach so«.
Er wartete auf sein Gepäck und ging dann sofort in das Flughafenhotel, um zu schlafen.
Nach drei Stunden wurde er wieder wach, zog den Vorhang von den dreifach verglasten Scheiben zurück und starrte auf einen trostlos betonierten Innenhof, über dem ein bleierner Junihimmel hing. Er konnte die Flugzeuge, die abhoben und ankamen, zwar sehen, aber nicht hören. Vollkommene Schallisolierung. Sein Vater hatte auch jeden Abend alle Jalousien in der Wohnung heruntergelassen, die Züge auf den Gleisen vor dem Haus hatte er trotzdem gehört.
Wo sollte er anfangen?
Nachdem er ein paar Minuten auf die gegenüberliegende Betonwand gestarrt hatte, bestellte er einen doppelten Espresso und etwas zu essen beim Zimmerservice. Nach einer halben Stunde schob ein schlechtgelaunter Kellner das Frühstück mit einem geknurrten »Guten Tag« in das Zimmer. »Servicewüste Deutschland«, dachte Max, würgte das Essen herunter und spülte den dünnen Espresso hinterher. Er duschte, zog sich an und verließ das Hotel.
Er nahm den Aufzug in die untere Etage, ging zur nächsten Autovermietung, nahm nach einigen Minuten den Schlüssel für den Mietwagen in Empfang und machte sich auf den Weg.
Die Luft war schwül und schien kaum Sauerstoff zu beinhalten, man hätte sie mit einem Messer schneiden können.
Er fuhr über die B1 in seine alte Heimat und brauchte knapp eine Stunde, um die Ausfahrt zu erreichen, die ihn in das Dorf bringen sollte, das er seit über zwei Jahrzehnten nicht mehr betreten hatte. Wie klein die Welt doch geworden war, früher war die kurze Fahrt in die nächste Stadt schon eine Art Himmelfahrt gewesen.
Sein Magen grummelte pausenlos vor sich hin. Er zündete sich eine Zigarette an, hatte feuchte Hände und der Himmel schien noch ein wenig weiter auf das heiße Wagendach und Max’ trübe Stimmung zu sinken. Eine Welle der Hilflosigkeit schlug über ihm zusammen. Er fühlte sich plötzlich so hilflos wie damals.
Das Märchen der Schneekönigin, seiner alten Freundin, fiel ihm wieder ein. Er durfte das alles nicht so an sich ranlassen. »Mach bloß kein Drama aus der Sache! Reiß dich mal zusammen!« Tausend Gedanken schossen durch seinen Kopf. Wie würde er auf die Familie reagieren und wie diese auf ihn? Was würde sein Vater sagen, würden sie sich überhaupt etwas zu sagen haben?
Nach Annas Tod hatte Herrmann kurze Zeit später wieder geheiratet. Die neue Frau an seiner Seite kannte Max nur flüchtig. Sie war eine geschiedene Lehrerin aus dem Norden und hatte Max’ Eltern auf einer Studienreise in Rom kennengelernt.
Er erinnerte sich dunkel an eine lebenslustige Mittvierzigerin, die, wie so viele aus der Generation seiner Eltern, Dinge lieber verdrängte, als sie wahrzunehmen. Unsympathisch war sie ihm nie gewesen. Auch dann nicht, als sie seinem sich nach katholischen Grundsätzen noch in der Trauerzeit befindlichen Vater das Jawort auf einem unpersönlichen Standesamt gab.
Außer Marie war keiner aus der Familie anwesend, denn Helene, immer noch Matriarchin des Remark-Clans, billigte die neue Verbindung nicht.
In der Nacht nach Annas Beerdigung hatte Herrmann Max in volltrunkenem Zustand erklärt, dass er eine neue Ehe als einzigen Weg sehen würde, um nicht als Priester, Alkoholiker oder Selbstmörder zu enden. Wenn das die Alternativen zur Ehe für ihn sein sollten, war er doch besser bei der lebenslustigen, geschiedenen Norddeutschen aufgehoben.
Herrmann, der seinen Kummer erst lieber im Alkohol ertränkte und dann in einer neuen Ehe Vergessen suchte, saß in dieser Nacht wie ein Haufen Unglück auf der durchgesessenen Eckbank in der Küche.
Max wohnte damals schon lange nicht mehr zu Hause und kam zu Annas Beerdigung für einige Tage aus Paris, wo er damals studierte. Rätselhafte Umstände hatten zum Tod seiner Mutter geführt. Schweigen umhüllte die Wahrheit. Das Motto der Familie Wie es hier drinnen aussieht, geht niemanden etwas an hatte sich über Jahrzehnte bewährt und galt. Konventionen und Regeln waren die Grundpfeiler in Herrmann Wildes Leben, welches nicht durch die seltsamen Umstände des Todes seiner Frau und das Leben seiner missratenen Söhne gestört werden sollte.
Die Gefühle für seinen Vater, die er jahrelang in die unterste Schublade seines Bewusstseins verstaut hatte, kamen mit einer Gewalt zurück, die er nicht erwartet hatte. Max lenkte den Wagen noch rechtzeitig auf den Standstreifen, öffnete die Tür und erbrach sich.
Es war unvermeidlich, dass er sich wohl oder übel mit der gesamten fauligen Brühe der Lügen auseinandersetzten musste.
Nach ein paar Minuten hatte er die Hauptstraße des Dorfes erreicht und fuhr an schmucklosen Häusern vorbei, deren Tristesse durch die Farblosigkeit des Himmels noch unterstützt wurde.
Geändert hatte sich nicht viel. Man hatte den alten Wasserturm gegenüber dem Sportplatz abgerissen. Jetzt standen dort langweilige Doppelhaushälften und ein großes Mietshaus. Hinter allen Fenstern sah er Gardinen, die jeden Blick nach innen verwehrten.
Hundert Meter weiter parkte Max das Auto am ehemaligen Wohnort der Familie Janos.
Das Haus war geschrumpft, so schien es ihm, stand aber immer noch auf der höchsten Stelle des Dorfes. Von hier aus hatte man einen Blick auf die Hauptstraße. Der Friseurladen war längst verschwunden. Jetzt befand sich ein Restaurant mit Gartenterrasse in den ehemaligen Räumen des Salons. Die Rollläden waren heruntergelassen, Ruhetag. Die Wohnungen im Hause waren unbewohnt. Keine Gardinen, keine Namensschilder.
Max beschloss, einen Rundgang durchs Dorf zu machen. Er ging die Hauptstraße herunter, es waren nicht viele Menschen unterwegs. Er sah ein paar ältere Leute, die er nicht kannte, zum Friedhof eilen, junge Mütter mit Kopftüchern und plärrenden Kindern an der Bushaltestelle stehen und Hausfrauen mit Einkaufswägelchen auf den Supermarkt neben der Kirche zustreben.
Die Kirche stand immer noch mitten im Dorf und der Anblick des Hauses seiner Tante Magda, das genau gegenüberlag, versetzte ihm ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend.
Es war das trostloseste Haus, das er je gesehen hatte. Ein graues, zweistöckiges Gebäude mit einem betonierten Innenhof, umrahmt von Garagen und Mauern. Um in den Garten zu kommen, musste man durch die Garage gehen, die Magda und Erich gehörte. Die Vorhänge waren zugezogen und die Gardinen an den Seitenfenstern waren blickdicht. Die Wohnungen im hinteren Bereich des Hauses schienen schon lange nicht mehr bewohnt zu sein, die Wurstküche der Fleischerei im Erdgeschoss noch in Betrieb. Die Rolläden waren heruntergelassen.
Max ging links am Haus vorbei auf den alten Schulhof der ehemaligen Sonderschule. Eine Mauer trennte diesen vom Garten.
Oft hatten sich Onkel und Tante über den Lärm der Kinder auf dem Schulhof beschwert und schimpfend auf der Gartenseite gestanden und ihnen gedroht.
Obwohl Max und Nikolas manchmal in den Garten der Tante durften, hatten sie doch nie Freude daran, denn spielen war untersagt. Es war nur gestattet, auf einem Stuhl auf der betonierten Veranda zu sitzen und ein Buch zu lesen oder sich tödlichst zu langweilen. Max schaute über die Mauer in den trostlosen Garten, in dem schon lange nichts mehr gemacht worden war. Ein paar lieblos gepflanzte Blumen verwelkten unter dem bleiernen Himmel, die Gartenwege waren wie der Hof asphaltiert. Ein paar alte Apfelbäume trugen in diesem Sommer noch keine Früchte. Die Rollläden im ersten Stock des Hinterhauses waren heruntergelassen, eine Seite hing schief, das ganze wirkte wie ein Geisterhaus. Befremdet starrte Max auf die Fenster und seine Kehle schnürte sich zusammen. Hastig drehte er sich um, ging zurück zur Straße und befand sich vor der Fleischerei.
Eine junge Verkäuferin mit schlecht gefärbten Haaren und blauem Lidschatten bediente eine ältere Dame. In diesem Moment kam aus dem hinteren Bereich, in dem schon früher die Familie des Fleischers gewohnt hatte, eine Frau in den Laden. Sie war Ende sechzig, die Dauerwelle durch viel Haarspray gefestigt und sie trug einen weißen Kittel. Sie lächelte der Kundin zu und stellte das Tablett mit der frischen Blutwurst auf den Verkaufstresen.
In diesem Moment erblickte sie Max, wurde grau im Gesicht und versuchte, sich mit den Händen auf dem Blutwursttablett abzustützen. Da es aber nur halb auf der Anrichte stand, fiel es mit lautem Getöse auf den gekachelten Boden und die Blutwürste rollten durch das Geschäft.
Max wurde übel vom Anblick des toten Fleisches. Die Frau hinter der Fleischtheke bewegte sich nicht, sondern stand mit unbeweglichem Gesicht an die Ladentheke gelehnt, umgeben von Gehacktem, Blutwurst, Rindersteaks und Aufschnitt.
Emsig versuchte die junge Verkäuferin, die heruntergefallenen Blutwürste einzusammeln, und fragte die Fleischerin, was los sei. Diese sagte nichts, sondern starrte Max stumm an. Dann rollte ihr eine dicke Träne aus dem rechten Auge und tropfte auf die Blutwurst. Ein kleines Lächeln umspielte den verknitterten Mund und sie hob die Hand, winkte. Max hob die Hand und winkte zurück, ging die vier Stufen zur Eingangstür herauf und betrat die Fleischerei.
11
Die erste Trennung
Paul Wilde senior hatte beschlossen, dass er ein alter Mann sei, zog den Anzug aus und den Morgenmantel an. Er war 71 Jahre alt.
Danach verließ er die Wohnung nie wieder und tyrannisierte alle, die zu Besuch kamen. Er trank Weinbrand und Bier und entgegen aller guten Ratschläge rauchte er ständig Zigarren. Kam man in die kleine Wohnung der Großeltern, wäre eine Gasmaske durchaus angebracht gewesen, aber Anfang der siebziger Jahre gab es den Begriff passives Rauchen noch nicht und somit war der blaue Dunst, der die Wohnung erfüllte, ganz normal. Der Großvater hatte gelbe Finger, seine Lunge rasselte beim Atemholen und er schlug laut mit dem Löffel gegen den Tellerrand, wenn das Essen nicht pünktlich auf dem Tisch stand.
Da er nach einer Operation einen künstlichen Darmausgang hatte, aber nicht jeden Tag von einer professionellen Hilfe versorgt werden wollte, musste Herrmann neben den Einkäufen und den sonntäglichen verräucherten Kaffeebesuchen auch zweimal in der Woche nach der Arbeit die Windeln seines alten Vaters wechseln. War er beruflich verhindert, wurde Anna diese zweifelhafte Ehre zuteil.
Oft endete diese Aktion in lautstarken Beschimpfungen gegen Anna, diese in seinen Augen nichtsnutzige junge Frau. Alle anderen Verwandten hatten sich wohlweislich aus diesen Pflichten herausgewunden und schimpften nur hinterrücks über den alten Paul, dem es keiner recht machen konnte.
Anna, damals Mitte zwanzig mit drei kleinen Kindern, lief oft zu ihrer Schwägerin Magda, die ja nur hundert Meter entfernt in ihrer Wohnung auf die Jüngere wartete, um dann gegen den ganzen Wilde-Clan Gift zu sprühen.
Herrmann beschloss, zurück nach Schwarzhausen zu ziehen. Ende August zog die Familie Wilde in eine Fünf- Zimmer-Wohnung. Die Zwillinge waren sieben Jahre alt geworden in diesem Sommer.
Das Haus aus der Jahrhundertwende gehörte dem verknöcherten, magenkranken alten Herrn Knufmann, der im Erdgeschoss mit seiner kurzsichtigen und einem Frettchen ähnelnden Frau Bertha wohnte. Im zweiten Stock wohnte der Sohn des Hauses mit seiner geschwätzigen, immer lachenden Frau und seinen drei Kindern.
Die Nachbarschaft war gutbürgerlich und provinziell. Die Zwillinge teilten ein Zimmer, Marie, da schon fast drei Jahre älter, residierte im Einzelzimmer mit Waschbecken.
Sie spielten unter den Augen des greisen und grantigen Nachbarn Herrn Fost mit den anderen Kindern im Garten nebenan, machten Schularbeiten und gingen am Wochenende zum verrauchten Großvater. Alles verlief ruhig.
Anna und Herrmann waren beide sehr aktiv in der katholischen Kirche, im Kirchenvorstand, Pfarrgemeinderat, Kirchenchor und Kolpingverein. Letzterer traf sich jeden Freitag um 20 Uhr im Jugendheim. Nach Diskussionen um das seelische Wohlergehen der Gemeinde begab sich die Gruppe, damals bestehend aus dreißig Männern, in die populärste Kneipe des Ortes, Roberts, um ausgiebig zu trinken.
Alle paar Monate organisierte die Kolpingsfamilie eine Bildungsreise für die Mitglieder und ihre Ehefrauen. Für ein Wochenende im September war Berlin angedacht. Anna war froh, dem dörflichen Mief für einige Tage zu entkommen. Die Goldmarie wurde ins Paradies zur gutmütigen Tante Ilse auf den Hügel geschickt, die Zwillinge sollten bei Magda untergebracht werden.
Am Donnerstagabend klingelte das Telefon und eine schmerzgeplagte Magda ließ verlauten, dass sie es, wie sie sich ausdrückte, an der Pumpe hätte und außerdem Migräne im Anzug wäre, da das Wetter mal wieder umschlagen würde. Sie könne nur einen Jungen aufnehmen, Nikolas.
Anna machte kurzerhand Helene mobil. Unter schwerem und tränenreichem Protest wurden Nikolas und Max getrennt, da sich Helene ebenfalls außerstande sah, für zwei Enkelkinder gleichzeitig zu sorgen.
Max war geschockt. Noch nie war er von seinem Bruder getrennt gewesen. Während er bei seiner Großmutter in der Küche saß und mit feuchten Augen Kakao trank, kroch ein schlechtes Gewissen in ihm hoch. Es musste doch einen Grund geben, dass seine Mutter ihn von Nikolas getrennt hatte.
In dieser Nacht träumte Max von Ratten in einer dunklen Höhle, die wie überdimensionales Brot aussah, das von innen völlig zerfressen war. Die Ratten hatten nichts, um den Hunger zu stillen. Zu Hunderten starrten sie Max aus ihren rot unterlaufenen Augen an und gierten nach seinem Fleisch. Er lief und lief, fand aber keinen Weg, denn die Höhle war unendlich, ein dunkler, zerfressener Raum, dessen Boden weich und matschig war. Irgendwann prallte Max gegen eine Wand und die Ratten, die immer näherkamen, scharten sich in einen Halbkreis um ihn. Als die erste Ratte zum Sprung ansetzte, wachte Max schweißgebadet auf. Er war allein, auf der großen Couch im Wohnzimmer, das durch einen Flur vom Schlafzimmer der Großeltern getrennt war. Zitternd lag er wach, bis es hell wurde.
12
Die Begegnung
Die Frau kam hinter der Ladentheke hervor. Sie streckte Max ihre Hand entgegen.
»Max, mein lieber Junge, du bist zurückgekommen.«
Er nahm ihre Hand, während ihn die junge Verkäuferin und die Kundin erschrocken anstarrten. »Hallo Frau Weise.«
Sie hatten sich fast ein Vierteljahrhundert nicht gesehen und doch hatte sie ihn sofort wiedererkannt.
»Möchtest du mit nach hinten kommen?«, fragte sie.
Er nickte. Sie gab ein paar Anweisungen an die Verkäuferin und ging über die kleine Treppe in die Wohnung, die an das Geschäft grenzte. Max spürte den Blick der beiden anderen Frauen, als er ihr folgte, und hörte die junge Verkäuferin noch flüstern: »Ist das nicht …?«
Er schloss die Tür mit der Milchglasscheibe und folgte Frau Weise durch den Flur in die Küche. Die Wohnung hatte den gleichen Grundriss wie die Wohnung seiner Tante im ersten Stock. Ob die beiden noch da oben wohnten? Frau Weise bot ihm einen Platz auf der Eckbank in der Küche an.
»Wer hat dir Bescheid gegeben?«, fragte sie.
»Marie hat mich gestern angerufen und ich habe mich kurzerhand entschlossen zu kommen, aber sie hat nichts Genaueres gesagt. Ich weiß nur, dass Nikolas verhaftet worden ist. Ich habe die erste Maschine genommen und bin heute Morgen in Düsseldorf gelandet.«
»Möchtest du einen Kaffee?«
Max nickte stumm. Sie schenkte ihm einen Kaffee in eine alte, braune Tasse mit beigen Rändern ein, dann setzte sie sich mit einem leisen Stöhnen auf einen altersschwachen Biedermeierstuhl, der nicht in das billige Ambiente der Einbauküche passte.
»Wie haben Sie mich gleich erkannt, wir haben uns doch eine Ewigkeit nicht gesehen?«, fragte Max.
»Ich habe Nikolas zweimal die Woche in den letzten zwanzig Jahren bedient. Ihr gleicht euch immer noch sehr, auch wenn du ein bisschen schmaler bist als er. Sein Bild war in allen Zeitungen und die Klatschmagazine auf Pro7 und RTL haben auch schon über den Mord berichtet. Diese Reporter lungern immer noch hier herum. Ich hoffe, dich hat keiner gesehen, als du in den Laden gekommen bist?«, fragte sie besorgt.
Max schüttelte den Kopf und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Reporter, Fernsehen, Klatschmagazine?
Er trank einen Schluck vom Kaffee und zündete sich eine Zigarette an. »Wen hat er umgebracht?«
»Ach Gott, Junge, das weißt du nicht?« Sie griff sich an die faltige Kehle.
Wortlos griff sie in die Schublade, die im Tisch eingebaut war, nahm eine Ausgabe der Tageszeitung vom 12. Juni heraus und reichte sie Max. Auf dem Titelblatt starrte Nikolas ihm entgegen, er war etwas füllig und hatte einen Vollbart. Seine Haare trug er kurz.
»Der Familienschlächter« sprang es Max in dicken Lettern entgegen. »Der 41-jährige Nikolas W. aus Schwarzhausen hat in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni eine grauenhafte Tat begangen. Kaltblütig ermordete er seine Tante Magda W. (79) und seinen Onkel Erich W. (83). Gewaltsam verschaffte er sich Zutritt zu der Wohnung des Ehepaares und erschlug beide mit einem Eisenhaken. Die Opfer waren sofort tot.
Der Täter rief selbst die Polizei und stellte sich den Behörden. Seit seiner Verhaftung sitzt er in Untersuchungshaft und hat laut Aussage der Polizei noch keine Gründe für seine Tat angegeben.
W. lebte alleine und war halbtags in einer Friedhofsgärtnerei tätig.
Die Familie hat bisher keine Stellung zu dem Vorfall bezogen. Lesen Sie morgen mehr über die Vergangenheit des Täters und wie es zu diesem Mord in einer angesehenen Familie kommen konnte.«
Verwirrt starrte Max auf die beiden Fotos unter dem Artikel. Seinen Onkel erkannte er sofort wieder, denn er sah aus wie Max’ Großvater, der schimpfend und Korn trinkend auf dem Sofa saß. Magda hingegen erkannte er nur an den bösen kleinen Augen. Sie war eine alte Frau mit dünnen grauen Haaren geworden.
Max konnte nicht glauben, was er da las, und starrte auf die Zeitung. Nikolas hatte die beiden regelrecht niedergemetzelt, aber warum? Der Traum aus dem Flieger ging ihm durch den Sinn und ihm wurde erneut übel.
Früher hatten die Brüder oft gewusst, was der andere dachte, und nicht viel Worte gebraucht, um sich zu verständigen, aber dass der Traum die Realität gezeigt haben sollte, war Max entschieden zu viel. Die Zeit schien plötzlich wie ein zäher Brei, Max fühlte sich wie in Watte gepackt, heiß wie in einem Fiebertraum.
Frau Weise räusperte sich und berührte kurz seinen Arm.
»Max, ist alles in Ordnung, möchtest du ein Glas Wasser?«, hörte er sie fragen.
Max kämpfte sich durch die Watte, die ihn umgab, und schüttelte den Kopf. »Wie konnte es dazu kommen, ich verstehe das Ganze nicht. Nikolas hat Magda und Erich umgebracht? Warum sollte er das tun? Was haben die beiden ihm denn getan?«, stieß er hervor.
Die Absurdität des Gedankens war unfassbar für ihn. Da musste ein Fehler begangen worden sein, ein Komplott. Alles war nicht wahr und er lag wahrscheinlich im Drogenrausch nach irgendeiner wilden Party in New York in seinem Bett und hatte schwerste Halluzinationen.
In schlechten Filmen kneifen sich die Akteure in den Arm, um festzustellen, ob ihnen wirklich die Dinge zustoßen, die sie nicht wahrhaben wollen. Doch dies war kein Edgar-Wallace-Film der sechziger Jahre, in denen der schwarze Abt oder der grüne Bogenschütze sein Unwesen trieb. Max saß in Schwarzhausen, an einem Montagnachmittag im Juni und sein Bruder hatte Tante und Onkel erschlagen und dann die Polizei gerufen. Da half kein Kneifen.
»Waren Sie hier, als es geschah?«
»Nein«, erwiderte sie, »wir hatten Ladenschluss und ich war mit meiner Schwiegertochter im Kino in der Stadt. Es war niemand zu Hause, mein Mann ist ja schon lange tot. Als mich meine Schwiegertochter gegen 22 Uhr hier absetzte, war alles voller Polizisten und die haben mich natürlich gleich vernommen. Nikolas saß oben in der Küche und sagte kein Wort. Ich habe gestern deine Tante Ilse getroffen und sie hat mir erzählt, dass er seit der Verhaftung immer noch nicht gesprochen haben soll. Die Polizei hat dann alles oben abgeriegelt und zwei Tage lang durchsucht, aber der Sachverhalt ist ja klar. Er hat die Tat gestanden und jetzt sitzt er in Untersuchungshaft. Am Sonntag haben sie dann die Absperrung weggenommen und die Wohnung für die Verwandtschaft geöffnet. Du weißt ja, dass Magda und Erich im Clinch mit der Familie lagen.
Na ja, so richtig leiden konnte sie ja keiner, aber deswegen muss man sie ja nicht gleich umbringen. Dein Vater und deine Schwester waren dann auch gleich am Sonntagabend hier, sie wollen die Wohnung wohl räumen lassen. Du kannst dir ja vorstellen, was hier im Dorf los ist seit letzter Woche.«
Frau Weise erteilte ausführlich Auskunft über die Klatsch- und Tratschmechanismen des Dorfes. Max hörte nicht mehr zu.
»Haben Sie einen Schlüssel für die Wohnung?«
Sie starrte ihn entgeistert an und nickte.
»Ich kann es nicht glauben, ich muss da hoch, bitte geben Sie mir den Schlüssel.«
»Aber Junge, ich weiß nicht, ob das geht. Du kannst doch nicht einfach so da hochgehen.«
»Aber Sie haben doch gesagt, dass die Ermittlungen bereits abgeschlossen sind. Ich werde schon nichts anrühren oder mitnehmen. Sie können ja gerne mitkommen.«
Sie schüttelte den Kopf und gab ihm den Schlüssel. Max stand auf und ging in den grauen Hausflur, die Treppe knarrte unter seinen Tritten. Im ersten Stock sah er die Tür. Eine billige Spanplatte war vor die zerbrochene Scheibe genagelt worden.
Ohne zu zögern, betrat Max die Wohnung, in der eintöniges und fahles Licht brannte, obwohl es draußen hell war. Die Polizei hatte wohl vergessen, die Lampen auszuschalten. Unvermittelt und wie eine Welle brach die Gier über Max hinein. Plötzlich wollte er nur Thierry anrufen, damit das weiße Pulver ihn von diesem Ort wegbeamte.
Was machte er hier? Warum hatte er sich in den Flieger gesetzt, war sechstausend Kilometer geflogen?
»Verdammte Scheiße«, dachte er und ging nach rechts in die Wohnküche. Die Zeit schien in dieser Wohnung stehengeblieben zu sein. Die Lampe an der Decke verströmte wie damals ein kaltes Neonlicht und darunter baumelte ein Klebestreifen mit toten Fliegen. Das alte Sofa war durchgesessen und das Holzfenster zum Hof war noch nicht durch ein lärmschützendes neues Plastikfenster ersetzt worden.
Max schaute in den betonierten Innenhof und die Garagenzeile. Der Garten dahinter wurde fast durch die Stille erdrückt. Kein Vogellaut, keine Straßengeräusche. Der Himmel hing tief.
Es war heiß und stickig. Er öffnete das Fenster, um einen Luftzug in die Wohnküche zu lassen. Heiße, verbrauchte Luft stieg ihm entgegen und in nicht allzu naher Ferne grummelte das erste Anzeichen eines Sommergewitters. Hoffentlich würde es bald regnen.
Er rieb sich die Stirn, seine Wunde juckte, die Kopfschmerzen wurden wieder stärker. Er brauchte dringend Aspirin, drehte sich um und ging ins Bad. Um die Badewanne herum klebte vertrocknetes Blut, inzwischen schwarz geworden.
Erstaunlich, wie viel Blut in einem Körper ist, wie viel waren es, sieben, acht Liter? Und warum ist es so zäh und wird schwarz, wenn es trocknet?
Warum dachte er über die Konsistenz von Blut nach? Plötzlich wollte er nichts als raus aus dieser Wohnung, aus diesem Scheiß-Provinznest, aus diesem Land. Am besten so weit weg wie möglich! Scheiß doch auf das Aspirin. Er verließ das Bad und ging zurück in den Flur, da hörte er ein Geräusch aus dem hinteren Teil der Wohnung. Der Flur machte eine leichte Biegung, angrenzend daran lagen das Wohn- und Schlafzimmer. Ein säuerlicher Geschmack machte sich in seinem Mund breit. Er ging nach hinten und betrat den Schlafraum. Ein alter Mann stand mit dem Rücken zu ihm. Er war mittelgroß, hatte weißes welliges Haar und war etwas übergewichtig. Seine Kleidung war farblos, seine Haltung gebückt. Er hielt einen Umschlag in den Händen. Max räusperte sich, aber es kam keine Reaktion. Er hatte vergessen, dass Herrmann nicht besonders gut hörte, also klopfte er laut gegen den Türrahmen. Der alte Mann drehte sich um, starrte seinen Sohn entgeistert an und steckte hastig einen Umschlag in die Brusttasche seiner Anzugjacke.
»Hallo Papa«, sagte Max.
13
Die zweite Trennung
Es war eine schlimme Nacht. Max lag auf der Couch im Wohnzimmer seiner Großmutter.
Am Morgen rief Helene Magda an, um zu erfahren, ob die Brüder den Nachmittag zusammenverbringen konnten. Das würde leider nicht gehen, denn sie, Magda und Erich, würden mit Nikolas in den Zoo fahren und wären schon fast aus der Tür raus. Aus Max’ Sehnsucht wurde Wut. Nikolas vermisste ihn also gar nicht.
Am frühen Abend durfte er Fernsehen gucken, ein Privileg, das Helene nur selten gewährte. Im ersten Programm lief eine Verfilmung des Märchens Die Schneekönigin.
Er starrte auf den Bildschirm und erfuhr zum ersten Mal die Geschichte von Kay, Gerda und der Königin im Eispalast. Ihm gefielen die Schneekönigin und ihr vereistes Reich, denn Kay schien nicht mehr zu fühlen, dass er eigentlich lieber mit Gerda zusammen war und nach Hause wollte. Die Splitter des Spiegels, der eine in seinem Herzen, der andere in seinem Auge, machten ihn still und unempfindsam.
Das erschien Max wie eine Lösung. Seine Wut wich einer Kälte, die sich wie ein Ring um seine Gefühle legte. So wie in Andersens Märchen, in dem die Glassplitter des Spiegels und die Schneekönigin das Herz des Knaben vereist hatten, fühlte er plötzlich nichts mehr.
Dass Gerda ihren Kay am Ende mit den heißen Tränen erlöste und aus dem kalten Paradies in die Realität zurückholte, erschien ihm nicht weiter wichtig oder erstrebenswert. An diesem Abend ging Max klaglos ins Bett und schlief traumlos bis zum nächsten Morgen.
Am Sonntagabend kam Anna allein. Wie immer, wenn sie dem dörflichen Mief entflohen war, erschien sie wie ein anderer Mensch. Sie leuchtete, sprudelte nur so vor Energie und all den neuen Eindrücken, die sie aus der großen Stadt mitbrachte. Sie erzählte von der Mauer, die durch die Stadt Berlin gezogen war und Familien trennte, vom großen Kaufhaus KaDeWe, vom Kudamm, Checkpoint Charlie und den Berlinern mit Schnauze.
Ein Klischee nach dem anderen füllte ihre Erzählungen. Max hörte kaum zu, während Helene mit zusammengepressten Lippen aus dem Fenster schaute. Anna war wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Mal einen Schulausflug gemacht hatte. Diese Situation sollte sich immer wiederholen, wenn sie von einer ihrer Reisen, die sie später alleine zweimal im Jahr unternehmen würde, zurückkehrte. Dass Max besonders schweigsam war, fiel ihr nicht weiter auf.
Kurz darauf packte Anna Max in den hellblauen Audi 60, hielt fünf Minuten später vor Magdas Haus gegenüber der Kirche, stieg aus und war bald mit Nikolas zurück. Sie trug ihn auf dem Arm, was sie eigentlich schon seit einiger Zeit nicht mehr getan hatte, da die Jungen ihr zu schwer geworden waren.
Sie setzte Nikolas auf den Beifahrersitz und stieg ins Auto. Er sagte kein Wort und starrte nur vor sich hin. Der vereiste Max saß auf der Rückbank. Schweigend fuhren sie die paar Minuten nach Hause.
Anna drehte sich zu Max: »Max, steig aus, mach das Garagentor auf und warte vor der Haustür.«
Er tat wie befohlen, wissend, dass etwas passiert sein musste, denn er hatte seine Mutter noch nie so verwirrt gesehen. Er wartete einige Minuten vor der Haustür, bis Anna mit Nikolas auf dem Arm kam. Noch immer hatte Nikolas kein Wort gesagt. Fragend schaute Max ihn an, doch sein Blick blieb unerwidert. Sie aßen kurz zu Abend, putzten sich die Zähne und mussten ins Bett, schließlich war am nächsten Tag Schule.
Die Brüder hatten ein so genanntes Stockbett. Max schlief oben, Nikolas unten. Es war ruhig im Zimmer, Max beugte sich nach unten und fragte endlich, was los sei, wie es bei der Tante und im Zoo gewesen war. Nikolas antwortete nicht, drehte sich zur Seite. Max war verstört, kletterte aus dem Bett, um seine Mutter zu fragen, ob etwas passiert sei. Sie beruhigte ihn und meinte, Nikolas hätte wohl etwas Fieber und bekäme eine Erkältung. Max wusste, dass sie log. Sie schickte ihn zurück ins Bett. Im Dunkeln kletterte er die Holzleiter hoch und erschrak. Nikolas lag in seinem Bett und schaute seinen Bruder mit großen Augen an. Max legte sich neben ihn und sofort klammerte sich Nikolas an ihn an und weinte. Max weinte mit, wusste nicht warum, und fühlte nur, dass irgendetwas Schlimmes passiert war und dass es nie mehr so sein würde wie früher. Irgendwann schliefen sie fest umschlungen und völlig erschöpft ein.
Am nächsten Morgen musste Max allein in die Schule. Nikolas hatte Fieber, erbrach sich. Anna meinte, er hätte einen grippalen Infekt, Max sollte nicht zu ihm und in den nächsten Tagen bei seiner Schwester schlafen. Am nächsten Tag hatte Max ebenfalls einen heißen Kopf und wollte nicht zur Schule. Anna sagte, er solle nicht so ein Theater machen, band ihm einen Schal um und schickte ihn in die Grundschule.
In der ersten Pause um 10 Uhr mussten alle raus auf den Schulhof, es war ein schöner Septembermorgen und die Kinder spielten Gummitwist an der Mauer, die an Magdas Garten grenzte. Alle schrien und redeten laut.
Plötzlich erschien Magda an der Mauer. »Seid ruhig, ihr Blagen, das ist ja nicht zum Aushalten«, keifte sie. Dann sah sie Max. Sie starrte ihn an, murmelte etwas und schon war sie verschwunden.
Nach einigen Tagen ging es Nikolas etwas besser, aber er verhielt sich seltsam. Er aß nicht, selbst den geschmorten Wirsing, sein Leibgericht, das es immer mittwochs gab, verschmähte er. Er wand sich in den abendlichen Kuschelminuten aus den Armen seiner Mutter und redete nur das Nötigste. Jede Nacht kletterte er zu Max ins Bett, weinte, sagte aber kein Wort.
Max wusste nicht, was er tun sollte, lag bei seinem Bruder, bis er einschlief, und hielt ihn nur fest. Nikolas wachte oft in der Nacht auf und fing an zu schlafwandeln.
Nach einigen Wochen hatte er ein paar Kilo abgenommen. Herrmanns Strafpredigten und die Pflege seiner Mutter konnten ihn nicht aus seiner Sprachlosigkeit erlösen. Selbst als der Vater den Gürtel aus seiner Hose zog und Nikolas zum Reden prügeln wollte, erreichte er nichts damit. Nikolas starrte apathisch vor sich hin.
An einem windigen Freitagnachmittag Anfang November ging Anna mit den Zwillingen über die Brücke ins Dorf. Im ersten Haus auf der linken Seite hatte Dr. Betrail seine Praxis. Nikolas musste sich auf den Behandlungstisch legen. Der Arzt drückte mit großen Händen auf seinem Bauch herum und stellte Fragen, die Max nicht verstand. Dann erklärte er, dass Nikolas eine Blindarmentzündung hätte und ins Krankenhaus müsste. Der Arzt flüsterte Anna etwas zu und sie verließ mit Max den Raum. Nach einigen Minuten wurden sie wieder hereingerufen. Nikolas starrte den Mann im weißen Kittel entsetzt an.
Am nächsten Tag brachte Anna ihn ins Bezirkskrankenhaus. Sie konnte nicht bei ihm bleiben, denn das war gegen die Vorschriften. Drei Tage später besuchte sie ihn. Nikolas sprach kein Wort und weinte auch nicht. Er lag regungslos im Bett. Nach zwei Wochen wurde er mit einer großen Narbe am Bauch entlassen.
Tags darauf hörte Max seine Eltern im Schlafzimmer reden. Er presste sein Ohr an die Tür, als er seinen Namen hörte. Anna weinte, Herrmann sprach in kaltem Ton von schwer erziehbaren Kindern, die Probleme machten, und dass er mit seinem Latein am Ende wäre. Er habe heute mit Erich und Magda gesprochen und die hätten ihm geraten, Nikolas in ein Kinderheim zu schicken, damit er wieder richtig essen würde und nicht so bockig wäre. Max’ Hals wurde trocken. In fünf Wochen war Weihnachten.
Unvermittelt riss Herrmann die Tür auf. »Was erdreistest du dich und lauscht hier an der Wand? Dir werd ich zeigen, wer hier der Herr im Haus ist. Eine Unverschämtheit!« Und schon hatte er den Gürtel aus seiner Hose gezogen und schlug auf Max ein, der in sein Zimmer floh.
Herrmann folgte ihm Wut schnaubend, ein bebender Fleischberg von 120 Kilo, das Gesicht rot vor Wut. Marie und Nikolas sahen die beiden kommen und fingen ebenfalls an zu schreien. Marie hing sich an den Arm ihres Vaters, um ihn davon abzubringen, Max weiter zu verprügeln, Nikolas schrie und zog sich in die Ecke des Zimmers zurück.
Anna schaffte es schließlich, Herrmann zu beruhigen. Marie und Max wurden leise, nur Nikolas stand in seiner Ecke und schrie. Er schrie, ohne Luft zu holen und lief blau an. Seine Augen verdrehten sich nach oben, so dass fast nur das Weiße zu sehen war. Kurzerhand schnappte sich Herrmann seinen schreienden Sohn, ging ins Bad und stellten den Schlauch der Dusche an. Eiskaltes Wasser spritzte zu allen Seiten und er hielt Nikolas’ Kopf in den Wasserstrahl. Max starrte die beiden an, Nikolas bekam einen Schock, verschluckte sich, fing an zu husten und hörte auf zu schreien.
Laut schnaufend stellte Herrmann Nikolas hin, drehte den Wasserhahn zu und schaute Anna an: »Magda hatte Recht. Das wirkt und wir hätten es schon viel früher machen sollen! Morgen meldest du beide Jungs für das Kinderheim an. Es reicht mir.«
Drei Tage später brachte Anna die Zwillinge im wilden Schneegestöber des ersten Wintereinbruchs in ein katholisches Kinderheim, wo sie vier Wochen von Nonnen zum Essen und zur Gehorsamkeit erzogen wurden. Sie mussten die Betten selber machen, morgens um fünf aufstehen, Haferschleim und Joghurt essen. An den Nachmittagen wurde gebastelt. Nikolas war immer an Max’ Seite, sprach aber nach wie vor nicht. Max gewöhnte sich daran.
Am 22. Dezember war die Zeit im Heim vorbei. Anna holte ihre Söhne am Busbahnhof in Lüdow wieder ab. Sie kam eine halbe Stunde zu spät und erklärte, dass der Schnee und die Straßenverhältnisse daran Schuld hätten. Max wusste es jedoch besser. Sie stiegen ins Auto und fuhren zurück ins Dorf. Es schneite, Anna konnte nur sehr langsam fahren. Während der Fahrt, die vielleicht eine halbe Stunde dauerte, schaute Anna die Jungen immer wieder an und beteuerte, wie froh sie sei, dass beide wieder zu Hause seien. Sie glaubten es ihr nicht.
Zu Hause angekommen, lief ein dick vermummtes Mädchen auf sie zu, völlig mit Schnee bedeckt. Marie drückte erst Max und wandte sich dann zu Nikolas. Er schaute sie an, sagte kein Wort, drehte sich um und ging zur Haustür.
Er hatte seit dem Besuch bei Magda kein Wort gesprochen. Er würde für eine sehr lange Zeit nicht mehr sprechen.
14
Ad Absurdum
Max hatte im Laufe seines Lebens eine wunderbare Technik entwickelt, sich gegen alles zu schützen. Die Schneekönigin kam und legte einen Ring aus Eis um sein Herz und er fühlte nichts mehr.
Als er seinen Vater in Magdas Wohnung nach zwanzig Jahren wiedersah, funktionierte der Schneeköniginmechanismus wie immer hervorragend.
Herrmann starrte ihn fassungslos an. Das alte Gesicht vereiste, wurde hart und verschlossen. Nichts hatte sich geändert.
»Maximilian, ich wusste nicht, dass du in der Stadt bist.«
Max bemerkte, dass sich der Umschlag, den sein Vater sich in die Brusttasche gesteckt hatte, etwas wölbte. Offensichtlich war mehr als ein Dokument darin. »Ob da wohl das Testament drin ist?«, dachte er beiläufig.
Herrmann reichte Max seine Hand mit ausgestrecktem Arm entgegen. Max hasste diese ausgestreckte Hand, die nicht zu seinem Vater zu gehören schien, sondern die er wie einen Fremdkörper zwischen sich und andere stellte. Marie konnte er ohne weiteres in den Arm nehmen, aber bei Nikolas und Max kam dies einer Unmöglichkeit gleich. Wenn Nikolas wieder einmal aus einer Klinik oder von einer Sonderbeobachtung nach Hause kam, tätschelte Herrmann ihm kurz das Haar, als ob die Berührung seiner Haut ihm zu persönlich schien.
Max ignorierte die Hand. Sie war alt und faltig geworden, leblos.
Sie standen sich wie zwei Statuen aus Eis gegenüber. Max dachte, dass er wirklich dringend etwas zu trinken brauchte, um diese ganze Scheißsituation wegzuspülen. Hier stand er mit seinem Vater im Schlafzimmer seiner Tante, dabei sollte er doch auf einer Karibikinsel Bademode fotografieren, am Abend heftig Rum trinken und dann das Model vögeln. Die Situation war so absurd, dass er lachen musste.
Herrmann starrte ihn entgeistert an. Max schüttelte den Kopf: »Keine Angst, hat nichts mit dir zu tun«, log er, obwohl ja alles was mit ihm zu tun hatte.
»Was machst du denn hier?«
»Ich sortiere die Kleidung von Magda und Erich und werde sie morgen an die Kleiderkammer der Kirche weitergeben, es ist ja nichts beschädigt. Die Beerdigung ist übermorgen, die Leichen sind freigegeben. Sie werden in der Familiengruft beigesetzt.«
Falls er trauern sollte, so merkte man ihm nichts an. Herrmann gehörte zu der Sorte Menschen, die ihre Gefühle niemals zeigten, bis auf eine Ausnahme: unter Alkoholeinfluss.
Das einzige Mal, als er Max in den Arm nahm, war er so besoffen, dass es Max anwiderte. Bis heute konnte er seine Fahne riechen, seine glasigen Augen sehen, seine gestammelten Worte: »Komm doch mal her und gib deinem Vater einen Kuss«, hören und alles wand sich in ihm.
Bis zu seinem 21. Lebensjahr hatte er keinen Alkohol getrunken. Insofern war es gut, dass sein Vater ein funktionierender Alkoholiker war: Er bewahrte Max zumindest eine Zeit lang vor einem zu frühen Tod.
»Warum hat Nikolas das getan? Ist er durchgeknallt, hat er neue Medikamente bekommen?«
»Das kann ich dir nicht sagen. Woher soll ich das wissen? Er wohnt nicht bei mir und ist schließlich ein erwachsener Mann.«
Max starrte seinen Vater fassungslos an, obwohl er dessen Reaktionen nur zu gut kannte. »Aber er wohnt doch im gleichen Haus wie du.«
»Was nicht bedeutet, dass ich weiß, was er treibt, oder verantwortlich für ihn bin, er hat sich von mir abgewandt und …«
Wütend entgegnete Max: »Er hat sich von dir abgewandt? Das ist ja wohl das Letzte. Wie kannst du nur so etwas behaupten, das stimmt doch so nicht. Du hast ihn allein gelassen, hast ihn verprügelt und dann ständig in Sanatorien und Psychoheime gesteckt.«
»Das geschah nur zu seinem und eurem Besten. Er war schließlich ein schwer erziehbares Kind und wurde ja später auch als Autist diagnostiziert. Was sollten deine Mutter und ich tun? Wir haben versucht, euch gleich zu behandeln und das Beste aus der Situation zu machen. Er hat sich von uns abgewandt, nicht wir uns von ihm.«
Max konnte nicht glauben, dass sein Vater sich selbst nach diesen Morden noch weiter belügen konnte, ohne mit der Wimper zu zucken. Er glaubte anscheinend wirklich, richtig gehandelt zu haben.
»Du bist immer noch ein selbstgefälliges Arschloch, daran hat sich wohl nichts geändert. Lieber die Kinder opfern, als sich selbst zu hinterfragen«, entgegnete er achselzuckend. Er verspürte keine Wut mehr, die Schneekönigin hatte ihn wieder fest im Griff.
»Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden. Wo bleibt dein Respekt vor mir?«, schnaubte Herrmann.
»Den Respekt musst du dir woanders holen, probier’ es mal bei deiner Tochter.« Max drehte sich um und ließ ihn stehen. Offensichtlich musste er sich weitere Informationen woanders besorgen. Ohne ein weiteres Wort verließ er die Wohnung.
Er ging zurück zu Frau Weise, die noch immer in der Küche im Erdgeschoß saß, und reichte ihr den Schlüssel.
»Max, was ist los, du bist ja ganz weiß im Gesicht?«, fragte sie erschrocken.
»Ich habe meinen Vater oben getroffen. Ich melde mich morgen bei Ihnen, ich muss erstmal schlafen.«
Er verabschiedete sich und verließ das bleierne Totenhaus.
Der Himmel war inzwischen dunkelgrau geworden und das heranziehende Gewitter kündigte sich durch den ersten Donner an. Max lief die Hauptstraße hoch, gelangte zu seinem Wagen und fuhr zurück ins Dorf. Dort entdeckte er, wo früher ein Fachwerkhaus die alte Dorfkneipe beherbergt hatte, einen scheußlichen Betonklotz, in dem sich neben Arztpraxen und Büroräumen auch ein Hotel befand. Er ging hinein, mietete ein Zimmer, das an Unpersönlichkeit kaum zu überbieten war, packte seine Tasche aus und sah hinunter auf die Hauptverkehrskreuzung des Dorfes. Nur ein paar Spätzügler rannten noch herum, die Geschäfte hatten gerade geschlossen, es war nach 18 Uhr.
Er brauchte dringend etwas zu trinken. Er zog seine Jacke an, lieh sich an der Rezeption einen Regenschirm und steuerte auf die Kneipe, die gegenüber dem Haus seiner Tante lag, zu.
Der Name hatte sich wie so vieles nicht geändert. Roberts stand in altdeutscher Schrift, die Gemütlichkeit und ein gutes Bier versprach, über der Eingangstür. Hier hatten sie Familienfeiern, von der Kommunion über Taufen bis hin zum Leichenschmaus, erlebt. »Was soll’s?«, dachte er und ging hinein.
Der Geruch von Kneipen, so wie im Roberts, ist auf der ganzen Welt gleich. Es ist eine Mischung aus kaltem und warmen Rauch, Parfum, Schweiß, dummen Gesprächen, unerfüllten Lebenswünschen und Alkohol.
In der Kneipe hatte sich nichts geändert. An der Wand hingen die Glücksspielautomaten, dahinter ein altersschwacher Flipper, neben der Theke eine Sparbox der örtlichen Sparkasse.
Er ging an den Tresen. Frau Roberts stand wie damals mit einer dunkelbraun gefärbten und mit Haarspray gefestigten Hochsteckfrisur dahinter. Die Augenbrauen waren perfekt nachgezogen, der Mund leuchtend rot übermalt, die Falten waren tief eingegraben. Sie schaute ihn an und war keineswegs überrascht, ihn zu sehen, so schien es. Wahrscheinlich hatte sie genug in ihrem Leben in diesem Dorf mitbekommen.
»Was soll’s denn sein, Max, oder muss ich jetzt Herr Wilde zu dir sagen?«
»Max ist schon in Ordnung, Frau Roberts, aber ich heiße schon seit zwanzig Jahren Remark. Haben Sie was Kräftiges, einen Scotch auf Eis?«
Sie griff zur Flasche, schenkte einen Doppelten ein und schrieb den Betrag auf den eingetrockneten Bierdeckel.
»Da kann ich ja noch einiges trinken heute Abend, bei den Preisen«, versuchte Max zu witzeln. Sie zog die aufgemalte Augenbraue nach oben, nahm ihr Tablett und ging auf die andere Seite des Raumes, wo ein älterer Mann ein Bier und einen Korn bestellte. Ansonsten war es leer in der Kneipe, was Max nur recht war. Er hatte keine Lust, Menschen aus seiner Vergangenheit zu treffen, außerdem war ihm inzwischen bewusst, dass jeder hier im Dorf Bescheid wusste.
Frau Roberts kam zurück hinter den Tresen und zapfte das Bier.
»Seit wann bist du wieder da?«, fragte sie.
»Heute Morgen bin ich gelandet.«
»Und, hast du schon jemanden getroffen?«
»Oh ja, meinen Vater.«
Diesmal sah sie Max direkt an und zog nicht nur eine, sondern beide Brauen nach oben.
»Ich habe ihn zufällig in der Wohnung meiner Tante getroffen, als ich mir den Tatort anschauen wollte. Er war auch da, allerdings konnte er mir wie immer nichts erklären. Wissen Sie, wo Nikolas steckt? Auf welchem Revier ist er untergebracht oder wo ist das Untersuchungsgefängnis?«
»Sie haben ihn nach Lüdow gebracht, dort gibt es seit einiger Zeit ein UG, anscheinend wird er verhört. Dein Vater war gestern Abend hier und hat sich ordentlich die Kante gegeben und dann wird er ja gerne etwas gesprächiger. Er hat Nikolas aber noch nicht besucht und sich eher darüber ausgelassen, dass man ihn schon viel früher hätte einsperren sollen. Gegen 11 hat Renate ihn dann abgeholt. Laufen konnte er nicht mehr alleine.«
Sie stellte ihm einen weiteren zweifachen Whiskey vor die Nase, mit einem Ausdruck der professionellen Wirtin, die weiß, wann man einen Drink brauchte. Max kippte den Drink zu schnell, verschluckte sich an dem harten Zeug und verschüttete den Rest auf der Theke und seiner Hose. »Scheiße«, fluchte er und versuchte, zwischen dem Husten noch Luft zu holen.
Frau Roberts nahm ein Wischtuch, kam um den Tresen herum. Sie streute etwas Salz auf seinen Oberschenkel und drückte das feuchte Tuch darauf.
»Magda, wo bleibt mein Bier?«, rief der Gast am anderen Ende des Raumes.
Max schloss die Augen und merkte, wie er ganz plötzlich von innen nach außen vereiste. Es war wie eine plötzlich auftretende Lähmung, die ihn ergriff. Er konnte sich nicht bewegen, seine Kehle war wie zugeschnürt.
»Ich komme sofort, du siehst doch, dass wir hier einen kleinen Unfall hatten«, rief sie hinüber und presste das feuchte Tuch weiter auf Max’ Oberschenkel.
Um Max herum wuchs eine Mauer aus Stahl, er starrte auf die alte Frau, die ihm die Hose trockenrieb und hatte das Gefühl, dass die Schneekönigin Tausend Eisringe gleichzeitig um sein Herz und seinen Hals legen würde.
»Max, was ist mit dir, ist dir schlecht? Gott, Junge, du bist ja ganz blass geworden«, sagte die Wirtin, ihr Gesicht kam näher. Max sah, dass sich der Lippenstift in die kleinen Fältchen in ihren Mundwinkeln gegraben hatte. Bevor die Lähmung vollständig Besitz von seinem Körper ergriffen hatte, schaffte er es, einen Laut aus seiner Kehle zu bringen. Er versuchte, vom Barhocker zu steigen, schob ihre Hand, die immer noch auf seinem Oberschenkel war, weg und starrte sie an.
»Nichts, ich weiß nicht, vielleicht ist der Whiskey zu stark, entschuldigen Sie, ich brauche frische Luft«, stammelte er, legte einen Schein auf die Theke und taumelte aus der Kneipe.
Der Gast am anderen Ende des Raumes schüttelte den Kopf und sagte: »Genauso verrückt wie sein Bruder, die gehören beide eingesperrt!«
Es hatte inzwischen angefangen zu regnen und Max lief ohne den Schirm, den er in der Kneipe vergessen hatte, über die menschenleere Straße in Richtung Hotel. Der Nachtportier hatte seinen Dienst angefangen und las Zeitung. Als Max völlig durchnässt in der Lobby ankam, schaute der Mann kurz auf und schreckte förmlich zurück. Ein kurzer Blick auf die Titelseite genügte Max zur Erklärung. Nikolas starrte ihn aus leblosen Augen an. In roter Schrift zwei Wörter: Der Schlächter.
Max seufzte und schüttelte nur unwirsch den Kopf: »Nein, ich bin nicht Nikolas Wilde, sondern sein Bruder. Bitte sagen Sie dem Zimmerservice, er möchte mir die Karte heraufschicken und einen doppelten Scotch auf Eis.«
Der Portier reichte ihm den Schlüssel. Max drehte sich um und verschwand im Aufzug.
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