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Copyright: © 2017 Michael Kornas-Danisch

KISHOU III

Und so EINS nicht sein kann

Und so eins nicht kann SEIN

So war ZWEI

Von Anbeginn

So war GETRENNT

So war GESCHIEDEN

Das EINE

Von dem EINEN

Von Anbeginn

Und wo ZWEI ist

Wo da ist GETRENNT

Das EINE von dem EINEN

Da ist KEIN HALTEN

Da ist

VERHALTEN

Da ist ein WEG

Da ist BEWEGUNG

Des EINEN zum ANDEREN

Und wo da BEWEGUNG ist

Da ist KRAFT

… schon von Anbeginn

Das Drom der Asimielen
Die Zollstelle und der Heilige Dom des allseitigen Verhaltens
Tolsmoi Rhodes

Rhodes betrachtete enttäuscht die dicke, schwere Wolkendecke über sich. Es war wohl unverkennbar, das der Tag anbrechen wollte – doch das grelle Aufblitzen der Sonne, wenn sie sich nun endlich anschicken wollte auf den schnurgeraden Horizont zu kriechen, würden sie wohl keine Chance haben zu erblicken. Er verzog den Mund, strich sich mit der Hand über das alte, vernarbte Gesicht, und schüttelte den Kopf ...

„Tolsmoi?“, fragte eine befehlserwartende Stimme neben ihm.

Seinen Blick nicht von den Wolken lösend, nickte der Angesprochene langsam ... „Ja! – ja, schickt sie los!“

Der Gefragt hatte, erhob sich neben ihm, und verschwand nach hinten in die Dämmerung – seinen Weg suchend, zwischen dem am Boden kauernden Trupp seiner Kampfgenossen.

Rhodes senkte endlich den Kopf, und ließ sein Blick über die endlose Singala wandern – jenen verwunschenen Ort, in den sie sich anschickten, einzudringen. Mehr und mehr begann sie sich in all ihrer nichtssagenden Öde aus dem trüben Licht heraus zu schälen.

Es war verabredet mit den Tolsmois der Oasen Flin und Goozl, gleichzeitig in die Singala einzudringen, sobald die Sonne den ersten Lichtstrahl über den Horizont warf. Eine solche Wolkendecke war nicht gerade die Regel dieses Droms – aber natürlich musste sie ausgerechnet heute den Himmel verschließen.

Er schüttelte erneut verärgert den Kopf, wenngleich man auf solcherlei Unpässlichkeiten vorbereitet war.

Das nahe, heftige flattern kleiner Flügel lenkte seine Aufmerksamkeit wieder in den Himmel. Zwei Vögel erhoben sich dort in diesem Moment, und gewannen schnell an Höhe. Seine Augen wendeten sich wieder der Singala zu. Es würde eine kleine Zeit dauern, bis die fliegenden Boten die beiden anderen Trupps erreicht hatten. Bis es so weit war, musste er sich in Geduld üben – und Geduld gehörte eher nicht zu den Tugenden der Asimielenen. Er nutzte diese Zeit, über die Hyndriden der Singala nachzusinnen, und wie man ihnen begegnen könnte – wenn es diese dort draußen überhaupt gab.

Für einen Moment suchte er, wie schon oft, nach einer Erklärung, warum bereits seit einigen Dekaden keine Hyndriden mehr im Drom gesichtet wurden. Der Erklärungsmöglichkeiten waren viele, aber keine fand bislang eine Bestätigung. Es hatte aber einen wichtigen Grund, dessen war er sich sicher. Irgend etwas lag in der Luft. Und irgend etwas sagte ihm, dass die Ruhe vor den Hyndriden in der Singala ihr Ende finden würde ... Für diese Art Voraussicht brauchte es nicht einmal die Erfahrungen seines für einen Asimielenen ungewöhnlich hohen Alters. Und nicht zuletzt dachte er natürlich auch an jene angeblichen ,Wächter der heiligen Tafel’, die es dort draußen geben sollte. …

Doch wie immer, blieb alles nur ein Spiel mit den Gedanken. Niemand unter ihnen hatte bisher auch nur eines dieser Geschöpfe Suäl Graals in der Singala gesehen – auch wenn viele es immer wieder behaupteten. Tatsächlich hätte niemand von ihnen auch nur hundert Schritte in der Singala zurücklegen können. Allein das verriet schon, dass diese Kreaturen nur in ihrer Phantasie auch in der Singala beheimatet waren – und Phantasien von den Hyndriden der Singala fanden sich wohl in den Köpfen eines jeden Asimielenen.

Im Drom wusste man über die Zeiten, wie man ihnen begegnen konnte – aber Hyndriden waren sehr wandelbar ... und die in der Singala – wenn es sie denn überhaupt dort gab – kannte ja niemand wirklich.

Der Versuch, dort einzudringen, war verrückt – vollkommen verrückt. Aber könnte es etwas Anstrebenswerteres geben, als das Undenkbare? – zumal es das erste Mal in der langen Geschichte der Asimielenen mehr versprach, als nun den Tod. ...

Der schmale Mund Rhodes verzog sich zu einem kleinen Lächeln ...

~*~

Tolsmoi Bork

Tolsmoi!“, rief einer der am Boden Kauernden, und sein Arm streckte sich aufgeregt in den Himmel. Es begann sich langsam eine gewisse Unruhe unter der wartenden Meute zu verbreiten. Die Sonne sollte den Horizont längst erreicht haben ...

Die spiegelnde Glatze des kleinen, etwas rundlichen Mannes, dem der Anruf galt, kippte nach hinten, und seine Augen folgten dem Arm des Rufenden. Zwei kleine schwarze Punkte hoben sich dort deutlich vom Grau der schweren Wolken ab – und ihre Flugbahnen begannen sich in diesem Moment zu teilen. Vögel gab es viele in diesem Drom. Diese hier, zu dieser Zeit und unter diesen Umständen, konnten aber nur das alternativ verabredete Zeichen bedeuten.

Ruhig folgten die Augen Borks, des Tolsmoi der Oase Flin, dem steten Anwachsen eines der beiden Punkte – während der andere erwartungsgemäß seine Flugbahn einhielt, und wohl jeden Moment über sie hinweg ziehen würde.

Nur kurze Zeit später hockte das Tier bereits auf dem Landeholz – ein in den Boden gesteckter Stab, mit einem T-Stück obenauf. Das Nachrichtenkörbchen an eines seiner hochstelzigen, dünnen Beine war leer. Seine Ankunft war Nachricht genug.

Der Tolsmoi Bork steckte sich einen frischen Kaustab zwischen die Zähne, und seine Augen wanderten musternd über die am Boden sitzenden Gefolgsleute, die, ihrer Ruhe nun endgültig beraubt, anstalten machten, sich zu erheben ... „Nein – nein! Wir warten noch eine verdammte Zeit!“, rief er in die Menge – und während seine Hände beschwichtigend zur Ruhe aufforderten, wendeten sich Bart, Gesicht, und Kaustab wieder dem Himmel zu.

Der Zweite Vogel hatte sie inzwischen überquert und verlor sich langsam im fernen Zwielicht.

Auch der Tolsmoi Bork schätze eine Zeit, die es wohl brauchen würde, bis der andere Vogel ebenfalls sein Ziel erreicht hatte – erst dann wollte auch er zum Aufbruch rufen.

Vorzubereiten gab es nichts mehr, es war alles längst getan. Alle Besonderen Apparate, die denkbar waren, um sich gegen mutmaßliche Hyndriden, und jenen ,Wächtern der Heiligen Tafel‘ zu verteidigen, standen versorgt auf ihren Plätzen.

Wie beiläufig zog er sein Krypt aus dem Wams – ein kleines Büchlein, das jeder Asimielene mit sich trug, um zu jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit seine Gedanken und sonstige Neuigkeiten darin festzuhalten – und begann mit einem Stift, der nicht weniger zerkaut war, wie jener, den er in seinem Munde mit den Zähnen malträtierte, darin herum zu kritzeln ...

~*~

Tolsmoi Kilak

Kilaks Augen waren das Unruhigste, das man sich nur denken konnte. Eigentlich war kein Moment vorstellbar, wo sie nicht in Bewegung waren – der jetzige jedoch war ein Solcher.

Seine hagere Gestalt, mit viel zu großem, mantelartigen Umhang, stand wie angewurzelt – und ebenso fixiert starrten seine großen, etwas hervorquellenden Augäpfel in eine bestimmte Richtung des wolkenschwangeren Himmels. Von dort musste die Botschaft zum Aufbruch kommen, dessen eigentlich vorgesehenes Zeichen der Himmel an diesem Morgen verweigerte. Seine ohnehin großen Augen weiteten sich noch einmal, als er endlich meinte, sie zu erblicken.

Er wartete nicht, bis sich der vermeintliche Vogel am Himmel zu einem Tatsächlichen aus der Dämmerung herausschälte. Kilak galt als verwegen und rücksichtslos neugierig – wohl der Grund, warum die Bewohner Goozls ihm in dieser Dekade die Funktion des Tolsmoi zuwiesen hatten. Für ihn konnte es keinen trefflicheren Zeitpunkt für seine Wahl geben. Das Erkunden der Singala war ein Traum der Asimielenen seit die Großen Wasser nicht mehr flossen und sie aus dem ehemaligen riesigen See hervorgegangen war.

Es waren nicht die zu erwartenden Gefahren, die sie bislang von einer Erkundung der Singala abgehalten hatte – nicht die Kreaturen Suäl Graals, die ja nach Meinung eines jeden Asimielenen mit Sicherheit auch an diesem Ort ihr Unwesen trieben. Es war vielmehr die unendliche Öde dieses Ortes, die ihnen bis zu dieser Zeit unüberwindlich erschien. Die Singala verweigerte jede Art der Orientierung – kannte keinen Punkt, dass dem Auge eine Abwechslung, und dem Geist einen neuen Gedanken bot. Die Öde des Äußeren hätte sich augenblicklich in ihr Innerstes hineinfressen und jeden Gedanken darin ausgelöscht. Eine Gefahr, die selbstverständlich nach wie vor bestand.

Nun aber war es das Wagnis wert, einen Weg dort hinein zu finden. Es war eine Zeit angebrochen, die bislang nicht gedacht werden konnte – eine Neue und besondere Zeit, die von Habadam, dem Chemuren und Regenten dieses Droms einem Samen gleich in ihre Köpfe gepflanzt, jedes Wagnis rechtfertigte. Eine solche Zeit – ein solcher Samen – kreiert neue Gedanken und damit neue Möglichkeiten. So hatten sie endlich eine Vorstellung davon, wie sie es wagen konnten.

Kilak holte ausgiebig Luft, bevor er lauthals über die Menge schrie. „Die Karren und Wagen in die Mitte – verhaltet euch angemessen zu euren Positionen ... .Und das niemand von euch aus der Reihe tanzt!“

~*~

Geschöpfe Suäl Graals

Die Luft vibrierte, und die obere Schicht des feinen Sandes auf dem Boden führte einen hektischen Tanz auf – dirigiert von den starken Schwingungen eines abgrundtiefen Tones, der die Atmosphäre erfüllte. Obwohl kein Ohr seine Herkunft zu bestimmen im Stande wäre, war seine Ursache doch offenbar.

Ein großes, pyramidenförmiges Gebilde, schwärzer als die dunkelste Nacht – glatt und matt seine Flächen, das selbst die scharfen Kanten in seinen Winkeln vom gleißenden Licht der hohen Sonne für das suchende Auge nur gerade erahnbar waren, musste seine Ursache sein.

In respektvollem Abstand vor dieser Erscheinung saß eine bizarre Gestalt auf seinem gepanzerten Reittier. Seine mächtiges Äußeres – gehüllt in zerschlissene, farblose und weite Tücher, die aus den Überresten einer Rüstung hervorquollen wie die losen Hautfetzen eines gemarterten Körpers, hielt eine Lanze, unter dessen Spitze, zwischen einigen dort befestigten Bändern, verblichene Schädel hingen. Ihre wenigen verbliebenen Haare wurden vom leichten Wind bewegt – einem Wind, der hier in den Weiten der Singala ebenso außergewöhnlich war, wie der alles erschütternde dunkle Ton, der nun über der Öde lag.

Das breite, grau-fahle Gesicht der mächtigen Gestalt mit seinen pupillenlosen roten Augen war unbewegt auf die alles beherrschende Pyramide ausgerichtet.

Ebenso bewegungslos stand unweit hinter ihm ein Meer von Reitern, deren Äußeres sich von der ersteren Gestalt kaum unterschied. Ihnen fehlte die Rüstung – wenn man denn die vereinzelten und notdürftig zusammengehaltenen Metallplatten am Körper des Ersteren als eine solche bezeichnen wollte. Er erschien vielleicht noch um einiges größer und furchterregender als seine Artgenossen – aber das konnte auch nur die Suggestion seiner Haltung sein, die diesen Eindruck erweckte. Es war auf jeden Fall unverkennbar, das er der Führer dieses Heeres war ...

„Und als das große Wasser

In dem das Geschöpf Gala erkannte,

Versunken,

Und nicht mehr Gala war,

Da war Singala an seiner Stellen!“

Die sich mehrstimmig überlagernde Stimme, die in diesem Augenblick den tiefen Dauerton unterbrach, als würde sie sich aus ihm heraus formen, um nach dem Ende jeden Satzes wieder in ihn zurückzukehren, war so wenig in seiner Herkunft zu bestimmen, wie der dunkle Dauerton, der sofort wieder jede Pause der Stimme füllte ...

„So hat die Zeit

Das in ihr Verborgene

Offenbart,

Wie alles Verborgene offenbart sein muss

In der Zeit.

Denn so spricht Suäl Graal,

Und so ist es entschieden!

In jener Zeit nun,

Da Gala nicht,

Und Singala war,

Da schuf ich den Hyndriden –

Euch!

Um zu wachen

Über das nun nicht mehr Verborgene.

Um zu wachen

Über das nun nicht mehr Verborgene

In den kommenden Zeiten.

Ausgestattet mit der List der Wandlung

Und der Kraft des Verachtenden,

Ist nun die Zeit, das Offenbarte –

Ist nun die Zeit, die Heilige Tafel

Zu bewahren.

Zu bewahren vor jener Macht,

Die der ewigen Dunkelheit entwich,

Die Große Ordnung Suäl Graals zu stören.

Schon hat sie Gedanken erschaffen

In den Geschöpfen dieses Droms.

Gedanken wider der Ordnung.

Gedanken wider der Furcht meiner Macht.

Gedanken, beseelt zu forschen

Nach dem Entschleierten,

Um es sich dienbar zu machen

Wider der Ordnung Suäl Graals.

Es ist nun eine Zeit,

Da das Unbeugsame,

Unterschieden in Zeit und Ort,

Einzudringen wagt

In die Singala.

So ist nun die Zeit

Zu bewahren,

Was Suäl Graals ist.

Wie es euch bestimmt war von Anbeginn!“

„Wer ist die Macht, die es wagen kann, dir zu begegnen?“ Die gewaltige Stimme des Anführers des Heeres zerriss die vibrierende Luft.

„Hyndride! Du bist nicht gemacht, Fragen zu stellen!“

Eine unüberhörbare Drohung lag in den Worten, die die mächtige Stimme des Hyndriden überlagerte und für einen Moment zum verstummen brachte.

„So gib uns mehr Augenlicht, damit wir auch in der Nacht deinen Feind erkennen!“, hob er erneut an.

„Nein!“, donnerte der Himmel.

„Die Nacht bewahrt,

Das unerkannt sein muss

Für Deinesgleichen!

Denn das Dunkel ist die Mutter der Zeit,

Deren Sohn nach dem Erkennen strebt.

Du bist nicht gemacht

Zu erkennen!

Geschaffen habe ich dich,

Was der Dunkelheit entrissen

Zu bewahren -

oder zu zerstören

Wo es sich gegen mich erhebt.

Denn ich bin das Dunkel,

Bewahrend darin

Das nach dem Lichte strebt –

Trachtend,

Das Geordnete zu stören.

So spricht Suäl Graal!

Sucht und vernichtet also

Die es wagen

Die Singala zu stören.

Die es wagen

Ihr zu nehmen,

Was ich, Suäl Graal

ihr bestimmt habe!“

Ohne jede Ankündigung endete plötzlich das tiefe, und alles beherrschende Summen.

Für einen Augenblick noch stand die dunkle Pyramide still und unangepasst, als ein bizarrer Fremdkörper in der Öden Weite – dann war auch sie in der Zeit eines Wimpernschlages verschwunden.

Erst jetzt begann sich die zerschlissene Gestalt etwas zu Bewegen. Sein Kopf drehte sich langsam, und seine pupillenlosen, roten Augen schienen die Weite der Singala zu durchwandern – als suchte er in ihr etwas.

Das Heer würde sich aufteilen müssen, um in ihr nach dem zu suchen, was es zu finden galt ...

~*~

Das neue Land

Das Erste, dass Kishou bemerkte, bevor sich noch all ihre Sinne dem neuen Land zuwenden konnten, war so allerweltsnormal, das sie eigentlich meinen wollte, es nie vermisst zu haben – wäre da nicht die große Überraschung über dieses vermeintlich Gewöhnliche: Wind!

Sie waren schon ein Stück weit ins Land hineingegangen, aber Kishou war noch immer mit ihren Gedanken zu sehr verhaftet im Zweiten Tal der Zweiten Ebene des Zweiten Droms, und seinem erst kürzlich entronnenen ,Tal der Fügung’ – und natürlich nicht zuletzt bei dem zurückgelassenen treuen Kurluk – um das Neue in sich aufzunehmen.

Ungläubig breite sie nun die Arme aus, und ließ den seichten Zug des Windes durch ihre gespreizten Finger gleiten ... Sie war stehen geblieben und schaute mit staunenden Augen zu Mo hinauf. „Wind!?“, sagte sie mit großer Verwunderung in der Stimme.

„So ist es entschieden!“, nickte Mo.

„Boorh entscheidet: Der Atem des Großen Belfellands verdrängt an diesem Ort von nun an in alle Zeit das Allsein!“

„Stimmt!“, erinnerte sich Kishou an Boorhs einstigen Worten. „Du hast ja mal sowas gesagt!“ Fasziniert drehte sie sich langsam mit weit geöffneten Armen im Kreise. Wie sie sich so drehte, bemerkte sie nun auch endlich die neue und fremdartige Umgebung. Alles hier schien zerrissen, unstet und willkürlich. Der Boden war mit großen und kleinen Steinen übersät – teilweise unter Sanddünen begraben – wie auch die unübersehbaren unzähligen Reste einer ehemaliger Vegetation.

Kräftiges Wurzelwerk ragte überall wie versteinert aus dem Sande, und dazwischen stachelige Klumpen, die einst Grasnarben gewesen sein mochten. Säulenartige Gebilde ragten vereinzelt oder in Gruppen aus dem Boden, einseitig geschliffen vom scharfen Sand, den der Wind wohl gegen sie schlug. Nur weil einige von ihnen Verästelungen aufwiesen, die offenbar stark genug waren, der bewegten Luft in der Zeit zu widerstehen, durfte man annehmen, dass es sich hier um die skurrilen Zeugen einer lange vergangenen Vegetation handelte – um die kläglichen Reste eines ehemaligen, ausgedehnten Waldes.

„Nicht sonderlich gemütlich!“, entfuhr es Kishou sinnend, wie sie nun nach und nach das neue Land in sich aufnahm.

„Tatsächlich! – Sehr unangenehm!“, wurde sie vom Unteren Squatsch unterstützt. Auch der musterte zweifelnd die Umgebung. “... habe lange nicht mehr an diesem Ort das Allsein verdrängt – keine angenehme Zeit bemesse ich hier!“ Er wiegte seinen viel zu großen Kopf auf dem kaum erahnbaren Hals. „Nein, keine angenehme Zeit!“

„Habt ihr eine Ahnung, wie’s jetzt weitergeht – also ich meine, wo wir hin müssen!?“, unterbrach ihn Kishou.

„Boorh entscheidet: Kishou bemisst nun den Pfad zum ,Heiligen Dom des allseitigen Verhaltens’!“

„,Heiliger Dom des allseitigen Verhaltens’?“, horchte Kishou auf. „Was is‘ das denn?“

„Boorh entscheidet: ...”

„In ihm verdrängt der Ort das Allsein ...”, wurde er vom Unteren Squatsch unterbrochen, “... der euch Einlass gewährt in das Dritte Tal der Dritten Ebene des Dritten Droms!“

„Was ist ein ,Heiliger Dom’?“, wollte Kishou wissen.

„Nun – ein ... Dom eben ... ein Dom ...!" Das Untere Squatsch spitzte nachdenklich die Lippen ...

„Ein großes Bauwerk ist in ihm vom Allsein verdrängt!“, sagte Mo ruhig. „In ihm bemessen ist eine große Bedeutung für das Volk der Asimielen, den er bewahrt all ihre Gedanken!“

„So verdrängt es das Allsein!“, fand das Untere Squatsch nun wieder seine Worte. “... eine große Bedeutung. Deshalb bemessen sie in ihm auch eine Heiligkeit ... .sehr heilig!“, unterstrich er bedeutungsvoll.

„Und ihr wisst, wo wir ihn finden?“, fragte Kishou zweifelnd, die verwirrende Landschaft um sich herum musternd.

„So ist es entschieden!“, bestätigte Mo.

“... und so verdrängt es das Allsein!“, ergänzte Boorh.

„Kein Problem – kein Problem!“, mischte sich auch gleich das Untere Squatsch wieder mit wichtiger Mine in die Bestätigungen ein. „Nein – kein wirkliches Problem. Es dürfte etwa ... nun – so ungefähr ...” Seine Augen suchten in eine bestimmte Richtung die Landschaft ab ...

„Dort ist der Ort des Heiligen Doms entschieden und vom Allsein verdrängt!“ sagte Mo, und ihr Arm streckte sich etwas zur linken der Richtung des Ortes, wo sich die Sonne vom Horizont erhoben hatte.

Kishou hielt sich schützend die Hand über die Augen, um die nahe Sonne in Blickrichtung abzuschirmen. ... „Und wie weit?“, fragte sie.

„Sehr viele Male wird das Licht der Sonne neu entschieden sein!“, antwortete Mo.

„Puh ...”, stöhnte Kishou. “... klingt nicht gerade nach einem Spaziergang. T’ja – wenn Kurluk noch hier wäre ... Und ... wo finden wir diesen ... Habadam? – So hieß doch der von eurer Sippe, der hier der Herrscher ist – oder?“

„Habadam?“, rief das Untere Squatsch, während sich seine Augen erschrocken weiteten.

„Hieß der nicht so?“, fragte Kishou, und dachte wohl, ob der Reaktion des Unteren Squatsch, sich im Namen geirrt zu haben.

„Oh ja – oh doch!“, rollte der mit den Augen, und gestikulierte mit seinen kurzen Ärmchen abwehrend in der Luft herum. „In diesem Namen will tatsächlich der erkannt werden, den ihr bemesst. Eine sehr unangenehme Verdrängung vom Allsein – sehr unangenehm!“ Er war sichtlich beunruhigt, und sein ganzer kleiner Körper geriet in Bewegung ... „Ihr habt ihn noch nicht vom Allsein verdrängt – Ihr kennt ihn nicht – sehr unangenehm ... .wie das ganze Land hier. Sehr unangenehm!“

„Boorh entscheidet: Habadam: Boorh ,will nicht’! – also Habadam ,Böse’! Boorh entscheidet: Kishou, die Bezwingern Suäl Graals und Befreierin der Großen Wasser braucht Habadam nicht, um ...”

„Du weißt, dass Trautel Melanchful gesagt hat, dass wir es nur zusammen schaffen können – … hab’ ich dir jedenfalls schon mal gesagt!“, reagierte die etwas genervt. „Keine Ahnung, warum ihr euch so anstellt, aber er muss dabei sein ... sonst hätte es Trautel Melanchful nicht ausdrücklich gesagt!“

Es war wohl einer der höchst seltenen Momente, in denen sich das Untere Squatsch und Boorh einig waren, und so herrschte auch Einigkeit in der betretenen Stille, die nun eintrat.

„Also wo finden wir ihn?“, fragte Kishou mit Bestimmtheit in die Ruhe hinein.

„Hier – wenn ihr erlaubt!“

Alle Köpfe flogen herum ...

~*~

Aufbruch in die Singala

Der Tolsmoi Rhodes spie gezielt auf eine Planke des Bodens, die tatsächlich noch an einer Stelle des Wagens zwischen Kisten, Beuteln, Säcken und Getäu hervor lugte. Das Knirschen des Sandes zwischen seinen Zähnen verminderte es indes nicht.

Er saß auf einem der vollbepackten Wagen, und musterte aufmerksam über die Köpfe seiner Truppe hinweg die tödliche Eintönigkeit der Singala – und immer wieder auf die Formation seines Trupps. Sie hatten sich lange auf diesen Augenblick vorbereitet, und zumindest bis zu diesem Moment sah alles ganz gut aus.

Weit waren sie noch nicht gekommen. Die Wolkendecke hatte sich inzwischen etwas aufgelöst, und ließ hier und da die Strahlen der Sonne passieren. Es war schon eine gute Weile her, wo sie den Horizont überschritten hatte, dennoch war das Ufer der Singala noch immer gut zu erkennen – obgleich es sich farblich nicht einmal sonderlich von der Einöde unterschied.

Es wären wohl nicht richtigen Worte, wenn man sagen wollte: die Asimielenen waren in die Singala eingedrungen. ,Eingeflossen’ wäre stimmiger. Denn kein Asimielene durfte sich eigentlich am Rande des Trupps aufhalten. Ein einziger unbedachter, und etwas zu lange gewährter Blick in die Gleichförmigkeit der Umgebung, hätte ihren Geist auslöschen – und damit ihren Tod bedeuten können.

Für den Asimielenen war keine Gefahr größer, als die der Fraglosigkeit. Wenigstens ein einziger kleiner, noch so unbedeutender Punkt, sollte da sein, gegenüber dem sie sich verhalten konnten – der Fragen aufwarf, die wiederum alle möglichen Gedanken produzieren würden – denen gegenüber man sich erneut verhalten musste ... Die Singala kannte solche Keimzellen des Geistes nicht, von denen der Asimiele lebte – die er gewissermaßen atmete.

So liefen jene, die sich am äußeren Rand des Trupps aufhielten, seitwärts – ihre Gesichter den Gefährten zugewandt und ihre Augen stets ins Innere des Trupps gerichtet – während die inneren ihren Marsch bremsten, um sie vorbeiziehen zu lassen. Vorn angekommen, verlangsamte sich der letztlich rückwärtige Gang der Äußeren, bis sie wieder von der Meute verschluckt wurden, und ins Innere glitten – während gleichzeitig am hinteren Ende des Trupps die entsprechende Menge der Asimielenen gerade nach außen fiel – um dort wiederum im Seitwärtsgang das Spiel von Neuem zu beginnen.

Auf diese Weise wechselte jeder von ihnen immer wieder seinen Standort von Innen nach Außen, und zurück – und niemand war zu lange der Gefahr ausgesetzt, in die Leere der Singala zu blicken, und zugleich konzentriert damit beschäftigt, die Formation aufrecht zu erhalten. Im Inneren des Trupps wurde die sichere Situation ausgiebig genutzt, die Krypte hervorzuholen, um darin die letzten Gedanken und Erfahrungen festzuhalten.

Es war alles nicht gerade unkompliziert – aber gut durchdacht und hinlänglich geübt. So hatte es von außen betrachtet tatsächlich den Anschein einer fließenden Masse – wenngleich auch einer sehr zähen. An ein schnelles Fortkommen war auf diese Weise nicht zu denken.

Ein Trupp bestand jeweils aus etwa zweihundert Asimielenen. Das Los hatte über ihre Anwesenheit hier entschieden, denn es wäre wohl niemand unter den Asimielenen, der freiwillig auf dieses Unternehmen verzichtet hätte – auch wenn einer Rückkehr kaum die Chance der vorhergesagten Zahl eines fallenden Würfels zukam.

Dann waren da noch jeweils fünfzehn vollbepackte Wagen – immer drei nebeneinander bildeten das gleichbleibende Zentrum des Aufmarschs. Jeder von ihnen wurde gezogen von zwei kräftigen Fläcks – büffelartige Tiere mit kaum erahnbaren, stumpenförmigen Hörnern, zottigen schwarzbraunen Fell, und breiten Kopf, der sich vorn zu einem kurzen Rüssel verjüngte. Sie waren nicht besonders groß, dafür aber ausdauernd und zäh. Ihren Wasservorrat trugen sie in sackförmigen, durchhängenden Bäuchen mit sich. Sie wirkten dadurch etwas plump, und tatsächlich waren sie alles andere als flink – aber das war hier auch nicht gefragt. Ein schnelles Vorankommen war ja in dieser Umgebung sowieso von vornherein ausgeschlossen.

Vier bis fünf Tage, schätzten die Asimielenen, würde ihr Marsch dauern, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Was es hier zu finden galt, sollte sich in etwas der Mitte der Singala aufhalten. Doch bereits Einen Tag vor dem Ziel würden sich die drei getrennt marschierenden Trupps vereinigen – wenn alles gut ging.

Die beiden äußeren Flanken des geteilten Einmarsches – es waren zum Einen die Asimielenen um den Tolsmoi Rhodes von der Oase Tisma, und auf der anderen Seite die des Tolsmoi Kilak von der Oase Goozl – zogen mit einem Pflug, den sie jeweils am mittleren Wagen der letzten Reihe vertäut hatten, eine Furche in den lockeren Boden. Während sich die auf diese Weise gegrabene Schneise hinter ihnen in der Ferne verlor, hatten die jeweiligen Tolsmois von ihrem erhöhten Sitz auf den Wagen darauf zu achten, dass diese Schneise in ihrem Lauf eine kleine, genau vorausberechnete Krümmung aufwies. Auf diese Weise vordringend, sollten die Trupps in der Folge des dritten Tages aufeinander stoßen.

Der mittlere Trupp – der des Tolsmoi Bork von der Oase Flin, musste entsprechend ohne jede Kursabweichung immer genau geradeaus marschieren. Aus hier nicht weiter zu erörternden Gründen – es hat wohl etwas mit der eigensinnigen Natur dieses Volkes zu tun – nutzten diese allerdings für die notwendige Markierung, die ihren gradlinigen Kurs gewährleisten sollte, keinen Pflug, sondern fein gemahlene Holzkohle, die von einem der letzten Wagen über einen langen, rüsselartigen Trichter auf den Boden entlassen wurde. Ein endloser, tiefschwarzer Faden verlor sich auf diese Weise hinter ihnen.

Wer das Volk der Asimielenen nur flüchtig kannte, hätte leicht annehmen können, dass sie sich einfach nur nicht auf einen gemeinsamen Marsch einigen konnten, und jeder der Oasenvölker seinen eigenen Gedanken folgte. Wer sie allerdings besser kannte, wusste, dass sich dahinter eine gut durchdachte Strategie verbergen musste.

Die Asimielenen kannten die mutmaßlichen Hyndriden der Singala nicht. Es musste unklar bleiben, ob sie überhaupt eine Chance hatten, sich ihrer zu erwehren – wie es auch keinerlei Gewissheit darüber gab, ob die Feinde der Hyndriden, jene mächtigen Handriden, ebenfalls in der Singala irgendwo ein Zuhause hatten, um ihnen im Zweifelsfalle beizustehen zu können. Nichts wusste man – was aber natürlich niemand wirklich bedauerte, wie jeder sofort bestätigen würde, der sich etwas mit den Asimielenen auskannte, denn es beflügelte ihre Gedanken. Letztlich: Drei unabhängig von einander marschierende Trupps bedeuteten schlicht, dreimal die Chance durchzukommen.

Sie ahnten zum Zeitpunkt ihres Einmarsches noch nicht, wie bald sich ihr Kalkül auszahlen sollte …

~*~

Habadam

Habadam!“, entfuhr es Boorh und dem Unteren Squatsch gleichzeitig – aber es war nicht gerade der Klang von Freude, die in ihrem Ausruf mitschwang. Was in Mo in diesem Moment vor sich ging, war wie immer, nicht zu erkennen. Scheinbar unbeeindruckt, nahm sie die Überraschung zur Kenntnis.

Das große, und eher hagere Wesen, das in diesem Moment hinter einem Felsen hervorkam, war offenbar um so erfreuter. Kleine Knopfaugen strahlten unter weißen, buschigen Augenbrauen hervor, und unter der großen, schmalen und ziemlich hakenförmigen Nase, deuteten sich, unter einem vollen und bis über die Brust reichenden und spitz zulaufenden weißen Vollbart, zwei zu einem Lachen geöffnete unregelmäßige Zahnreihen an.

Er reichte nicht ganz an die Größe Boorhs heran, erschien aber im ersten Moment – wohl auf Grund seiner schlaksigen Gestalt – fast größer als dieser. Ein langer, blauer und bis zum Boden reichender, geschlossener Mantel fiel von seinen schmalen Schultern, aus dessen weite Ärmel heraus, lange, etwas spindelige Finger hervor lugten. Das Kleidungsstück war überall mit großen, weißen Symbolen bestickt, und sein Kopf zierte eine ebenso blaue Kappe, unter der ein unbändiges langes Büschel schlohweißer Haare hervorquoll.

Außer der auffälligen Nase und den hellen Knopfaugen war eigentlich nicht besonders viel von seinem Gesicht zu erkennen. Eine Hand hielt einen langen, knorrigen Stab, der in seinem Verlauf am oberen Ende abgeknickt war. Der Jüngste schien er wahrlich nicht mehr zu sein ...

„Koschu!“, rief die Gestalt freudig aus, während sich seine Arme einladend weit öffneten. Ein seltsames Knistern war vereinzelt aus seiner Richtung zu vernehmen, und kleine Blitze entluden sich zwischen den ausgebreiteten Händen ... „Verzeiht meine kleine Unaufmerksamkeit ...! “, rief er mit einer erstaunlich tiefen und warmen Stimme, die man dieser Gestalt gar nicht zubilligen wollte. „Ich warte schon eine Ewigkeit auf euch, und war wohl mit meinen Gedanken gerade etwas geschwätzig – als ich eben meinen Namen hörte ...! Welch ein Reiz!“

Er war nun herangekommen, und schien jetzt doch einigermaßen fassungslos, wie er Kishou gegenüberstand. „Für alles was sich Verhält, gibt es immer sehr viele Möglichkeiten!“, sprach er mit ehrfürchtiger Gebärde. „Bisher gedachte ich keine davon unbemessen zu lassen, oder gar auszuschließen – doch ihr übertrefft alles, was mein Geist zu bemessen imstande war ...! “ Ruhelose Augen bemaßen Kishou für einen Moment in Sprachlosigkeit – dann wendete er sich plötzlich ab, reckte seine Arme hoch in den Himmel, und rief in ihn hinein: „Suäl Graal! – ungeliebte Schwester und unbändige Herrscherin über alles, was da ist. Sieh her! – die neue Zeit ist angebrochen! Du wirst sie nicht aufhalten!“ Indem er dies rief, richtete er die Spitze seines Stabes in den Himmel. Knisternde Blitze traten daraus hervor, und ein knallender Donner erfüllte die Luft.

Strahlend wendete er sich wieder Kishou zu – die nur die ganze Zeit mit offenem Munde dastand. „Ich kann euch nicht sagen, wie erfreut ich bin!“, rief er – und endlich bemerkte er wohl auch die anderen ... „Eine zweite Sonne ist nun ebenfalls aufgegangen im Drom der Asimielenen. Mo! Es ist ein wahrlich erregender Reiz, sich nach so langen Zeiten wieder zu dir verhalten zu können! ... Und auch das Untere Squatsch!“, bemerkte er nun. „Wie lange haben wir uns nicht mehr zueinander verhalten!“

„Nicht lange genug!“, konterte der nur mit böse blitzenden Augen.

„Herrlich! – wie mir das gefehlt hat. Ich danke dir!“, freute sich der Neuankömmling offenbar über die Reaktion des Unteren Squatsch ... „Und auch Boorh – dazu in einem Stück! Ihr müsst gut auf ihn aufgepasst haben, Koschu!“, freute er sich spitzbübisch.

Der reagierte mit einem finsteren Blick. „Boorh entscheidet: nichts verdrängt an diesem Ort das Allsein, das als ,Koschu’ erkannt werden will!“, brummte er böse.

„Nicht?“ Die buschigen Augenbrauen des quirligen Alten klappten nach oben.

„Ich bin Kishou!“, fand diese nun endlich ihre Sprache wieder. „Du bist wohl Habadam, … von der Sippe der Chemuren.

„Ich ... denke – ja! So verhält es sich wohl ... , schien der Gefragte etwas irritiert – um sich jedoch gleich wieder zu fangen. „Verzeiht meine kleine Unverhältnismäßigkeit – wie kam ich nur auf ,Koschu’ ...?“

„Und du hast gewusst, dass wir kommen?“, wunderte sich Kishou. „Hat Trautel Melanchful ...”

„Trautel Melanchful?“ Erneut klappten die zottigen, weißen Augenbrauen des Chemuren nach oben. „Trautel Melanchful ist euch bekannt? Wie ergeht es der Alten? Ist sie gar mit euch gekommen?“ Seine Augen suchten aufgeregt die Umgebung ab ...

„Nein, ich komme von ihr – sie hat mich geschickt!“, klärte sie Habadam auf. „Ich dachte nur, dass sie dich vielleicht in so einer ,Ankunft’ ...”

„Welch ein Fluss von Neuigkeiten!“, fiel ihr der aufgeregte Alte freudig ins Wort ...

„Also Das sie dir Bescheid gesagt hat!“, schloss Kishou ab.

„Nein, nein! Es gab keine Ankunft. Es wäre hier auch sehr schwierig in diesen Zeiten zwischen all den unbemessenen Verhalten ...”

„Aber woher wusstest du es dann, dass wir kommen?“, wunderte sich Kishou.

„Ich wusste, dass ihr kommt?“, schien sich ob dieser Frage Habadam nun ebenfalls zu wundern, und seine dichten Brauen zogen sich nachdenklich nach unten ...

„Aber Du hast doch eben gesagt, dass du auf uns gewartet hast?“, wunderte sich nun wiederum Kishou.

„Ich verhielt mich wartend zu euch ...”, überlegte der Alte. „Doch ich wusste nicht das ihr kommt!“

„Häh?? – wie jetzt ...?“. verstand Kishou nun gar nichts mehr. „Du hast auf uns gewartet, aber ...”

„Nun ja, es war eine Möglichkeit, dass ihr kommt!“, unterbrach er sie sogleich. „Es verhielten sich dem gegenüber natürlich noch viele andere Möglichkeiten!“ ... Aber diese schien mir doch die Möglichste unter allen Möglichen. Und so, wie sich hier alles gerade verhält ... Und es ist ja auch die allerhöchste Zeit, dass ihr kommt!“, stellte er fest. „Allerdings ...” Sein Blick viel auf ihre Gefährten, “... dass auch einige meiner Sippenbrüder sich zu euch verhalten ... erstaunlich ... das kam mir nicht in den Sinn! Höchst erstaunlich! – Und euer Name ...” Er strich sich nachdenklich über den Bart ... „Es gab wohl zu viele der Möglichkeiten. Verzeiht meine kleine Unverhältnismäßigkeit. Die fehlenden Wasser machen mir sehr zu schaffen. Meine Form hat doch sehr nachgelassen. Doch lasst uns nur eine kleine Zeit zueinander verhalten, und ...”

„Habadam – es ist genug!“, wurde er unwiderruflich von Mo unterbrochen. „Es ist entschieden, dass du in Kishou und uns das Land der Asimielenen bemisst, so, wie es in dieser Zeit das Allsein verdrängt!“

„Ein guter Gedanke!“, erkannte Habadam sofort an. „Setzen wir uns doch! Zuvor berichtet mir aber, wo ihr euch verhieltet, bevor ihr kamt, und wie es euch bisher ergangen ist. Ich will zunächst alle Neuigkeiten aufsammeln. Danach stellt eure Fragen!“

Sie setzten sich, wo sie gerade standen auf den Boden, und Kishou begann ihre Abenteuer zu berichten. Das Knistern um Habadam herum, und die kleinen Blitze, die sich nun vermehrt immer wieder zwischen seinen Händen entluden, oder für Momente den Boden mit seinem Körper verbanden, irritierte sie anfänglich etwas – aber es gelang ihr doch schnell, es zunächst einmal hinzunehmen. Die Chemuren hatten eben so ihre Eigenheiten, und sie war ja schon einiges gewohnt.

Habadam saß kerzengerade vor ihr mit weit aufgerissenen, leuchtenden Augen, und schien jedes ihrer Worte begierig in sich aufzusaugen. Es war ja nicht gerade wenig, was Kishou zu erzählen hatte – zumal sie sprach, als würde sie alles selbst noch einmal erleben. So verging einige Zeit, bis sie schließlich zum Ende kam.

Habadam stierte noch eine Weile auf Kishou, als sie verstummte, als müsste er noch einen Moment abwarten, bis auch die Letzten ihrer Worte sicher in ihm verstaut waren – dann atmete er einige Male tief ein und aus ...”Ich gehöre zum alten Geschlecht der Chemuren, die die Zeiten überdauerten. Doch es wird noch das Verhalten vieler dieser Zeiten in ihrer Summe benötigen, um all eure Verhältnismäßigkeiten zu entdecken!“, sagte er mit tragender Ehrfurcht. „Ich danke Suäl Graal, das sie uns die großen Wasser nahm, ihr wäret sonst für alle Zeiten im Allsein verborgen geblieben. So nun aber verhält es sich, das der große Sammler allen Wissens erfahren darf – ... dass er nichts weiß!“

„Entschuldige, Habadam ...”, reagierte Kishou, die von der plötzlichen Ernsthaftigkeit der Worte Habadams etwas verunsichert war. „Du redest einerseits so ziemlich normal ... und andererseits doch wieder nicht ... .zumindest trotz allem für mich noch in Rätseln ... .Also ich mein‘ … Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich dich verstehe! – Aber macht ja nix!“, erwachten plötzlich ihre Gesichtszüge zu einem befreienden Lächeln. „So war’s bis jetzt ja immer, wenn ich irgendwo gerade neu angekommen war!“

Auch unter Habadams dichtem Gesichtskleid schimmerten wieder die zwei lachenden Zahnreihen hindurch, während sein Blick fast verklärte Züge annahm.

„Du bist ein Zauberer, stimmt's!“, legte Kishou nun endlich los. Diese Frage brannte ihr vor allen anderen die ganze Zeit schon auf der Zunge. „Zumindest siehst Du genauso aus ... wie Merlin, der in einigen Geschichten von Trautel Melanchful ganz wichtig ist. Er ist auch ein großer Zauberer und ...”

„Oh nein, oh nein!“, wurde sie sogleich von einem offenbar erschrockenen Habadam unterbrochen. „Wo denkt ihr hin? – In mir verhält sich natürlich ein ,Magier’ wie ihr es seid. Und mit eurer Hilfe sicherlich auch bald wieder ein Großer!“

„Häh?“, stutzte Kishou. „Also mal abgesehen von dem in der Mitte – aber ist das nicht dasselbe?“

„Nein. Auf keinen Fall.“, winkte Habadam erschrocken ab. „Ein Zauberer ist ein ... Taschenspieler! Ich bin kein Taschenspieler. Ich bin ein Magier – wie ihr es seid!“

„Tut mir Leid,“ zuckte Kishou mit den Schultern. „Ich hab’ keine Ahnung was ein ‚,Taschenspieler’ ist – aber wieso sagst du immer, dass ich auch ein Magier bin? Das meinst du doch – oder?“

So wenig man unter den wallenden Haaren des Alten von seinem Gesicht erkennen konnte, war es doch unübersehbar, dass er mit Kishous Frage nichts Rechtes anzufangen wusste ... „Nun – selbstverständlich werde ich mich nicht mit euch jemals messen können ...” Seine Hand raufte angestrengt nachdenklich den langen Bart ... „und fürwahr – ich sehe, meine Magie verhält sich nicht gleich der euren ... Meine mag euch wohl etwas … einfach und plump erscheinen – ... so ist mir doch kein Name bekannt, der eure hohe Kunst beschreibt. Ich kenne nur die des Magiers!? Doch klärt mich auf! Wie ist der Name der euch beschreibt?“

„Na ... Kishou!?“, meinte die zögerlich. Unsicher, ob dies die rechte Antwort auf die Frage war.

„Ah – höchst interessant! Das ist mir neu!“, glaubte Habadam nun zu begreifen. „Es gibt also den Zauberer, den Magier, und Kishou! Verstehe!“ Er nickte mit dem Kopf. „In mir verhält sich nur ein Magier – aber immerhin doch: An eurer Seite schon bald wieder ein Großer! ... wenn ihr den Wunsch meines Verhaltens euch gegenüber nicht in den Wind schlagt, von nun an als eurer Begleiter nicht mehr von eurer Seite zu weichen.“

„Ganz im Gegenteil!“, freute sich Kishou, die den kauzigen Kerl alles andere als unsympathisch empfand. „Ich würde dich sonst darum bitten. Trautel Melanchful hat gesagt, dass wir es nur gemeinsam schaffen können!“ Sie stockte plötzlich ... „Ach so – entschuldige. Du weißt ja noch garnicht worum‘s überhaupt geht!“

Der Kopf Habadams senkte sich etwas, und die hellen Knopfaugen schielten verschmitzt auf die für ihn doch recht kleine Kishou herunter. „Um es mit einfachen Worten, und wohl doch wohl wohlbemessen auszudrücken, nennen wir es mal: Wasser holen!“

Kishou hätte beinahe laut aufgelacht. Habadam verfügte offenbar über eine gute Portion Humor.

„Doch nun sagt mir, was ich euch berichten kann!“, setzte er wieder an. „Ihr werdet wissen wollen, wie sich alles vom Allsein Verdrängte zueinander verhält im Drom der Asimielenen!“

„Gibt es hier auch Oasen!“, war sofort Kishous erste Frage.

„Oh ja – sehr viele!“, antwortete Habadam nickend. „Es verhalten sich mit den Zeiten weniger und weniger zum Volk der Asimielenen – doch noch sind es recht viele. „Er glättete gedankenvoll seinen Bart ... „Sie sind im Allgemeinen nicht mehr sonderlich groß – in einigen verhalten sich nur noch wenige Bäume zu ihnen. Doch andere sind noch durchaus ...”

„Und Korks?“, unterbrach ihn Kishou lauernd.

Habadam nickte. „Die Korks verhalten sich mit einer großen Wahrscheinlichkeit überall im Großen Belfelland – seit jenem unseligen Kampf gegen Suäl Graal und ihren ,Horden der Gleichen’. Ihr wisst sicherlich davon.“

„Ja – schon!“, seufzte Kishou. „Ich hab’ halt trotzdem gehofft...”

„Aber es verhalten sich nicht mehr sehr viele von ihnen in diesem Drom!“, beschwichtigte Habadam sofort, als er Kishous Seufzer bemerkte. „Es sind nur noch kleinere versprengte Gruppen. Über all die Zeiten hat mein Volk ihr Verhalten studiert, und einen Besonderen Apparat geschaffen – den ,Visus’! Nur ein einziger von ihnen kann in der Formation einer solchen Gruppe von Korks so viel Verwirrung stiften, dass ihr Verhalten nicht mehr zum Ziel führt. In ihnen verhält sich keine Gefahr mehr in diesem Teil des Großen Belfellands!“

„Puh ...! “, machte Kishou. „Das ist doch schon mal `ne richtig gute Nachricht. „und dein Volk, die Asimielenen?“

„Ihr werdet eure Freude an ihnen haben!“, reagierte Habadam sofort. „Man streitet sich so gut es geht, und schafft noch immer viele neue Gedanken. Natürlich kein Vergleich zu früheren Zeiten ...”, bremste er sich selbst etwas wehmütig, “... der Verhältnismäßigkeiten sind nicht mehr sehr viele hier – aber man verhält sich eben zu dem, was noch da ist, so gut es geht!“

„Aha ...”, meinte Kishou nur. Sie konnte mit dieser Auskunft nicht so recht etwas anfangen: ,... Sie streiten sich so gut es geht ...’ Aber so wie Habadam darüber sprach, schien es nicht sonderlich gefährlich zu sein ...

„Wie wäre es, wenn der Zauberlehrling ... – verzeiht meine kleine unbemessene Verdrängung!“, entschuldigte sich das Untere Squatsch mit einem kurzen Schulterzucken in Richtung Kishou, “... also wenn der ,Weißbart’ mal etwas etwas vom ,Dom des allseitigen Verhaltens’ in uns vom Allsein trennen würde? ... wenn er die Güte besäße! Ich kann mir nicht vorstellen,... kann ich mir nicht, dass er noch immer bemessen ist, wie wir ihn zuletzt vom Allsein verdrängten!“

„Ein guter Gedanke, Unteres Squatsch!“, unterbrach ihn Habadam – und mit einem zwinkernden Seitenblick zu Kishou: „Ich muss vermuten, dass sich meine geschätzten Sippenbrüder schon über eine längere Zeit in eurer Nähe aufhalten!“ Er wurde wieder ernster. „Doch die Vermutung meines Sippenbruders verhält sich wohlbemessen: Suäl Graal hat seinerzeit die Heilige Tafel von ihrem Sockel im Heiligen Dom gerissen, und in unermesslichem Zorn in die Winde verstreut! Es verhält sich nun leider so, dass kein Weg mehr in das Dritte Tal der Dritten Ebene des Dritten Droms führt!“

„Oh!“, machte Kishou.

„Wo befindet sich der Ort, an dem in dieser Zeit die Heilige Tafel vom Allsein verdrängt ist!“, fragte Mo bestimmt.

„Ich verhielt mich gerade nicht zu ihr, als sie so wütete, Mo, mein Abbild der Sonne.“, antwortete Habadam. „Der Möglichkeiten sind viele – wie allerdings auch die Zeiten, die seither verfließen. Viel Zeit für viele Gedanken!“, zwinkerte er Kishou zu. Er machte eine kleine Pause, bevor er weiter sprach. „Ich sehe zwei Teile der heiligen Tafel. Jede von ihnen trägt eines der heiligen Worte, deren Verhalten zueinander alles Sein begründet – und die voneinander getrennt doch nichts als nur Worte scheinen!“ Die Augen Habadams schlossen sich, und er schien in eine Art Trance zu versinken, bevor er weiter sprach ...

„Mit ungeheurer Wucht schleudert Suäl Graal die Heilige Tafel in die Winde des Asimielenlandes. Sie zerschellt an einem Fels hoch oben am Gipfel des Berges Goltasar zu zwei gleichen Teilen. ,Udun’, die Eine – ,Gala’ die Andere! Während der eine Teil sich auf dem Gipfel Goltasars in dem Fels verfängt, um dort seine Ruhe zu finden, trägt es den anderen weit über ihn hinaus – bis auch dieser endlich über dem mächtigen und weiten Galasee niederkommt – und in seiner Mitte auf den tiefen Grund versinkt!“

Habadams Augen öffneten sich wieder.

„Ich versteh’ ehrlich gesagt überhaupt nichts!“, sagte Kishou endlich, und nicht ohne Beklemmung. Es klang alles nicht gut, auch wenn sie nicht verstand worum es hier ging. „Was ist die ,heilige Tafel’ ... Und überhaupt alles ...?“

„Boorh entscheidet: In einem Sockel, dessen Ort in der Mitte der großen Halle des Heiligen Doms das Allsein verdrängt, ist das Schloss des Tores bemessen zum Dritten Tal der Dritten Ebene des Dritten Droms. Und Boorh entscheidet: In der Heiligen Tafel verdrängt sein Schlüssel das Allsein!“

Habadams Brauen klappten nach oben und legten seine Kulleraugen frei. „Interessanter Gedanke – sehr treffende Beschreibung seines Verhaltens – erstaunliche Lösung! Wenn du erlaubst, behalte ich diesen Gedanken. Boorh – du hast bei mir was gut!“

Boorh grinste zufrieden über beide Backen – zumindest für einen Moment. Dann fiel ihm wohl auf, woher das Kompliment kam, und sofort zogen sich seine Lippen wieder von den Ohren zurück, um wieder seinem, für ihn hier angemessenen düsteren Blick zu offerieren.

„Aha ...! “, versuchte sich Kishou nun ein Bild von der Sache zu machen. „Also einfach gesagt bedeutet das: Der Schlüssel zum Tor des Dritten Tals der Dritten Ebene des Dritten Drom ist kaputt – und ein Teil von ihm liegt auf einem hohen Berg und der andere auf dem Grund eines großen Sees ...! Hier gibt's ein’n großen See?“, fiel ihr plötzlich auf.

„Nein!“, war dessen ganze Antwort.

„Wie ... Nein!? – Du hast doch eben gesagt, dass der eine Teil in einen großen See fiel?“

„Nein, ich sagte, das es sich so verhielt, dass diese zweite Hälfte der Heiligen Tafel auf den Grund des großen und weiten Galasees versank – in seiner Mitten!

„Also gibt's hier doch einen See!“

„Nein!“

„Ach so!“, meinte Kishou endlich zu verstehen. „Dann ist der ,Galasee’ gar kein See. Ich dachte nur ... wegen dem Namen ...”

„Doch, doch!“, widersprach Habadam. „Der Galasee war sogar ein sehr großer See – er verhielt sich schon fast wie ein Meer. Allein das Verhalten der vielen Wellen ...”, geriet er ins Schwärmen. „Keine wiederholte sich jemals. Doch alle verhielten sich in geheimnisvoller Weise zueinander. – Niemals gab es eine, deren Verhalten nicht irgendwie geprägt war von der anderen ...”

„Ach soooo!“, verstand Kishou nun endlich wirklich. „Es gibt ihn heute nicht mehr!“

„Nein!“, sagte Habadam, was nun wohl endlich als Bestätigung zu verstehen war. „Er ist – wie die meisten der Wasser – im Allsein seines eigenen Grundes verschwunden, oder von den Winden davongetragen ... .und mit ihm alle seine Wellenberge und Täler!“

Während sich Habadams Gesicht verdunkelte, erhellte sich das Kishous ... „Das bedeutet aber immerhin, sie liegt jetzt irgendwo da auf der Erde rum – wir könnten sie also finden!“

„Diese Möglichkeit besteht durchaus!“, bekräftigte Habadam. Und seine kleinen Augen blitzten wieder auf. „Ich habe mein Volk bereits von eurem baldigen Eintreffen unterrichtet – und einige von ihnen sollten schon auf dem Weg dorthin sein, um sie zu finden!“

„Echt?“, staunte Kishou „Und das andere Teil? – auf diesem Berg?

„Es verhält sich hier noch etwas beschwerlicher – aber auch dort wird man suchen ... .Doch mir scheint die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass dies gelingen wird.

„Wieso?“, erschrak Kishou.

„Die Singala hat so ihre Tücken. ihr Verhalten ...!

„Singala?“, unterbrach ihn Kishou.

„Alte Worte einer sehr alten Sprache des Großen Belfellands!“, erklärte Habadam bereitwillig. „Der Wortstamm von ,Gala’ ist ,'Gal', und bedeutet soviel wie ,das Bewegte'. ,Gali' ist die ,Bewegung', und ,Gala' bedeutete soviel wie ,Acker des Lebens' - heute sagen wir ,Wasser' dazu. Sein Verhalten ist zu jeder Zeit das der Bewegung! Und ,Sin’ bedeutete soviel wie: verborgen, verloren, verstecken ... je nach dem! Es verhält sich in dem Namen nun jener Ort, den einst der große und weite Galasee beanspruchte!“

„Verstehe!“, nickte Kishou aufmerksam.

„Es ist kein guter Ort für den Asimielenen – Eine weite und unüberschaubare Fläche ohne jeden Reiz verhält sich dort. Nichts ist in ihr, was den Geist bewegt – doch wo keine Bewegung ist, da ist Allsein!“

Kishou nickte nachsinnend. „Ich glaube, ich verstehe was du meinst. Als ich damals Trautel Melanchful verließ, wanderte ich lange durch die Erste Ebene des Ersten Tals des Ersten Droms – bevor ich auf die Kyiten traf. Da hat’s wohl genauso ausgesehen. ... Also einfach nichts weit und breit, und in alle Richtungen. Da hatte ich auch irgendwann so’n komisches Gefühl, als würde ich langsam irgendwie verschwinden ... oder so. Der Kopf wurde immer leerer. Wenn ich nicht noch gerade rechtzeitig ...“

„Und in euch verhalten sich viele … und eine ,Kishou’!“, gab Habadam noch zu bedenken. „Gar mächtiger als ein Magier! Ihr könnt euch denken, wie wenig mein Volk sich diesem Feind der Leere erwehren kann, wenn ihr damit schon eure Mühe hattet!“ Nein – bis zu eurer Ankunft konnten sie es nicht wagen, in die Singala einzudringen!“

„Und jetzt können sie’s?“, wunderte sich Kishou.

„Die Nachricht eures baldigen Erscheinens brachte sehr viel Bewegung in ihre Geister – viele neue Gedanken – alles verhält sich nun neu zueinander in ihren Köpfen. Sie fanden Möglichkeiten des Verhaltens darin, wie sie die Singala überwinden könnten!“

„Aber du meinst trotzdem, dass sie es nicht schaffen werden?“ Kishou ahnte eigentlich mehr, als das sie wirklich verstand.

„Wenn es nur die Singala wäre ...?“ Seine buschigen, weißen Brauen zogen sich eng zusammen. Doch leider ist die Singala nicht wirklich verlassen von allem. Nicht auch von den Hyndriden ... zumindest spricht einiges dafür!“

Allein schon der Klang dieses Namens ließ Kishou erschauern. „Hyndriden?“, fragte sie besorgt ...

~*~

Geisterreiter

„Hyndriden!“ Der Kaustab kippte aus dem Munde Borks, als er aufbrüllte, und verschwand irgendwo zwischen Kisten und Säcken. Er war aufgesprungen, und sein Arm streckte sich zu seiner Rechten in die weite Öde.

Er beobachtete schon eine ganze Weile diese Staubwolke, die anfangs sehr weit und klein erschien – inzwischen aber keinen Zweifel mehr zuließ, dass sie anwuchs und direkt auf sie zukam.

Ruckartig kam die Meute zum stehen, und alle Köpfe drehten sich in die Richtung, die Borks Arm bezeichnete.

„Die Wagen raus!“, war seine nächste Anweisung.

Einige sprangen sofort auf die Rücken der Fläcks, und lenkten sie mit ihren Pritschen sternförmig auseinander, bis sie einen großen Kreis bildeten. Hektisch befreiten sie die Tiere von den Deichseln und zerrten sie hinter die Karren. Schilde, Speerkatapulte und Kästen mit Drindeln wurden von den Wagen gezerrt und in Stellung gebracht. Die Bögen wurden gespannt und die großen, extra für dieses Wagnis geschaffenen, nach unten spitz zulaufenden Schilde, in den Boden gerammt. Die Wagen würden hier nur wenigen von ihnen Schutz bieten können ...

„Tolsmoi, was verhält sich dort?“, rief eine Stimme.

Bork stand noch immer hoch aufgerichtet auf der Pritsche, der nun ein Teil der lückenhaften Wagenburg war. Er hatte sich längst wieder einen neuen Kaustab zwischen die Zähne geschoben und blickte angestrengt auf das, was da auf sie zukam. Schon bald sollten sie in Reichweite der Pfeile sein. Aber wer? „Ich kann verdammt noch mal nichts erkennen!“, schrie er. „Ich sehe nur die Fahne von Staub – nichts, was sich zu ihr auch nur irgendwie verhält!“

In diesem Moment stutzte er. Er meinte aufspritzenden Sand zu sehen – wie ihn die Hufen schneller Reittiere verursachen, wenn sie auf sandigen Boden aufschlagen. Langsam und ungläubig zog er seinen Kaustab aus dem Mund. Dann schlug plötzlich irgend etwas neben ihm in das Seitenholz der Pritsche ein ... Ein Pfeil würde ein solches Geräusch verursachen ... „Geisterreiter! Es sind verdammte Geisterreiter!“, brüllte er auf, während er sich mit einem jähen Satz nach hinten über die Seitenwand der Pritsche rollte – zunächst auf dem dort stehenden Fläck landete – und endlich den Boden erreichte.

Irgend etwas prasselte nun in kurzen Abständen gegen die vorderen Wagen und die aufgepflanzten Schilde seiner Leute – und einige von ihnen gingen bereits von irgend etwas getroffen zu Boden, bevor sie sich hinter die Schilderwehr retten konnten. Keiner wusste, was ,Geisterreiter’ waren, aber jeder von ihnen hatte sofort eine Vorstellung von der Sachlage, nachdem ihr Tolsmoi einen Namen für diese Hyndriden gefunden hatte ...

„Schießt eure verdammten Pfeile und Speere in jede Richtung, wo sich der verdammte Boden bewegt, und lasst die verdammten Drindeln Tanzen, das die Luft mit ihnen gefüllt ist!“, schrie er hinter dem Wagen kauernd, in den Schilderwald hinein.

,Drindeln’ waren flache, etwa zwei handtellergroße und sehr scharfkantige Metallscheiben, die mit viel Geschick und großer Wucht wie ein Diskus abgeworfen, Verheerendes unter den Gegnern anrichten konnte. Ob sie es hier auch tatsächlich taten, wäre aber wohl nicht zu erkennen – und in Ermangelung eines klaren Zieles, auch eher unwahrscheinlich. Wolken von Pfeilen und Speeren stiegen auf, und zwischen ihnen surrten kreiselnd Scharen von Drindeln den Geisterreitern entgegen – während gleichzeitig unsichtbare Geschosse die eisenbeschlagenen Holzschilde der Asimielenen traktierten, und unter den für Momente freistehenden Schützen seine Opfer forderte.

Immerhin – die Wut der Gegenwehr schien die Unsichtbaren aufzuhalten. Der aufspritzende Sand unter ihren Hufen zeigte an, dass sie sich auflösten. Zu beiden Seiten begannen sie nun offenbar in einigem Abstand die Wagenburg zu umkreisen.

Bork fluchte vor sich hin, als es ihm plötzlich erschien, als sähe er im aufgewirbelten Staub schemenhafte Gestalten – da wo die Geisterreiter und ihre Reittiere waren, konnte kein Staub den Raum füllen. Vielleicht konnte man so wenigstens ihre Anzahl abschätzen ...? Aber es war zu undeutlich.

Sein Blick fiel auf das lange Trichterrohr seines Wagens, unter dessen Ende sich langsam ein kleiner Haufen des Holzkohlenstaubes bildete ... „Ich brauche hier sofort eine verdammt gute Deckung und zwanzig Mann!“, schrie Bork schwitzend, und seine spiegelnde Glatze schien zu glühen.

Augenblicklich lösten sich einige der Schilde vom Boden und bewegten sich auf ihn zu.

Kaum im Schutz geborgen, sprang Bork auf, und riss den erstbesten Sack mit Kohlenstaub vom Wagen, den er zu fassen bekam. „Holt von dem verdammten Wagen alles an leeren Säcken, was ihr zu fassen bekommt!“, befahl er, während sein Messer bereits in den Staubsack hineinstieß, um ihn der Länge nach aufzuschlitzen. Vom Wagen fiel Sackleinen auf ihn herab, und sofort begann er, quadratische Fetzen aus ihnen heraus zu schneiden und zu reißen, um dann auf ihnen mit seinem Händen Haufen von Kohlenstaub aufzuschütten. Die anderen hatten wohl verstanden, was ihr Tolsmoi damit bezweckte, und taten es ihm gleich. Geschickt klemmten sie Augenblicke später die vier Ecken der gefüllten Tücher zwischen die Finger.

„Wir werden jetzt Angreifen!“, schrie er zu seiner Truppe hinüber. „Ihr werdet das Verhalten der verdammten Hyndriden bald erkennen können, wenn ich nicht irre! Ich möchte, dass kein verdammter Pfeil, kein Speer und keine Drindel sein verdammtes Ziel verfehlt! Inzwischen bereiten sich hier die nächsten zwanzig von euch vor!“ Er blickte kurz zu dem, der ihm am nächsten stand ... „Geh' hinter den verdammten Wagen in Deckung, und berichte den Nachrückenden, wie es sich zu verhalten gilt!“

Dann brach er mit der ersten Gruppe aus.

In der Deckung der schweren Schilde, die von der Hälfte des kleinen Stoßtrupps vorangetragen wurden, liefen sie einfach geradewegs hinaus, um die Höhe des Rings zu erreichen, auf dem die Geisterhaften um die Wagenburg herum stoben.

Zumindest für einige Irritation schien der Ausbruch Borks und seiner kleinen Truppe unter ihnen zu sorgen. Links und rechts vor ihnen stob ungleichmäßig Sand auf, als würden Tiere, sich unschlüssig im Kreise drehend, den Boden unter ihren Hufen aufwühlen ... Dann aber vereinigten sich Hufe um Hufe, und es war bald unverkennbar, dass sich einige der Reiter zusammengerottet hatten, um nun direkt auf sie zuzupreschen.

„Jetzt!“, brüllte Bork, und warf einen seiner gefüllten Tücher hoch vor sich in den Himmel. Im selben Moment verspürte er einen brennenden Schmerz im linken Oberarm – irgend etwas hatte ihn getroffen ...

Die Luft war bereits von einem schwarzen Nebel erfüllt – immer mehr Tücher entluden ihre dunkle Fracht ... Dann ging alles zu schnell, als das Bork noch irgend etwas planen konnte. Schwere Speere, getrieben von der Wucht der sich entspannenden Katapulte und gefolgt von Drindeln und Pfeilen, schlugen direkt vor ihm krachend in Hünenhafte schwarze Gestalten hinein, und riss sie von den Rücken geschwärzter seltsamer Decken – wie ihre Reittiere nun erschienen. Etwas Riesiges bäumte sich vor den Schilden auf, die sich direkt vor ihm befanden. Ein harter Schlag traf zwei von ihnen und warf sie mit ungeheurer Wucht zurück – und schmerzhaft gegen Bork, der sich im nächsten Moment unter ihnen begraben fand. Am Boden liegend, zwischen tobenden Sand und schwarzen Nebel sah er noch, dass sie nicht mehr die einzigen waren, die hier draußen ihr Glück versuchten. Dann spürte er einen weiteren harten Schlag – und einen mächtigen Druck, der ihm die Luft aus den Lungen presste – dann war es nicht mehr nur die Schwärze des Staubes, die ihn umgab …

~*~

Fahrt nach Hebela

Der feste Weg, den Habadam angekündigt hatte, und den sie nun auch endlich erreichten, führte zur nächst gelegenen Oase mit Namen ,Hebela’. Zur allgemeinen – und besonders Kishous freudiger Überraschung, war Habadam keineswegs zu Fuß unterwegs, sondern mit einem Karren, der hinter dem Felsen stand, hinter dem er aufgetaucht war. Ein weißes ,Biesel’, war vor ihn gespannt.

Solche Biesel unterschieden sich von einem Pferd bestenfalls auf Grund ihrer unerwartet großen Augen, der langen Mähne, die sich vom Kopfansatz über ihren langen Hals als Kamm über den Rücken bis zu ihren ebenso buschigen Schwanz hinzog – und wohl nicht zuletzt durch das armlange Horn, dass auf ihrer Stirn saß, und aus aufeinander gesteckten und sich nach oben hin verjüngenden hellblauen Kugeln zu bestehen schien. Kishou war sichtlich entzückt von seinem Anblick.

Das holpern und schwanken des Wagens, als er bis eben noch gemächlich querfeldein über das grobe Land stolperte, war vorbei, und der Wagen nahm auf der nun folgenden festen Piste erstaunliche Fahrt auf. Kein Vergleich zu dem, was sie von Kurluk gewohnt waren, aber genug um gut voran zu kommen.

Habadam saß auf einer etwas erhöhten hölzernen Bank vorn auf dem Wagen, und Kishou hatte es sich in Boorhs Schoß bequem gemacht – ihren gespannten Bogen vor sich liegend.

Was sie von Habadam über die Hyndriden erfahren hatte, war wenig geeignet, ein unbeschwertes Wohlgefühl aufkommen zu lassen – wenngleich auch alles in diesem Drom seit ihrer Ankunft zunächst keinen Grund zur Klage bot. So beobachtete sie in konzentrierter Stille das vorbeiziehende Land mit seinen zuweilen skurrilen Zeugen ehemaliger Vegetation, jederzeit darauf gefasst, dass etwas davon plötzlich lebendig würde ...

Hyndriden, so war sie von Habadam aufgeklärt worden, waren Wesen Suäl Graals, deren Gestalten auf so vielfältige Weise in Erscheinung treten konnten, wie die Gedanken, die sie zu erfinden im Stande waren. Sie bewohnten die Tiefen der Erde, das Land und die Luft, wie er berichtete, und ihre Überfälle waren selten vorhersehbar.

Auf Habadam selbst schienen diese Wesen allerdings keinen besonderen Eindruck zu machen – wohl aus dem schlichten Grunde, wie Kishou vermuten wollte, das Habadam als Chemure und Magier wohl ein schlechtes Opfer für diese Kreaturen darstellte. Sie wusste zwar noch nicht, welche besonderen Kräfte Habadam auszeichneten, das er aber über solche verfügen würde, war für sie ohne Frage. Ihre bisherigen Gefährten waren dafür Beispiel genug.

Kishou konnte natürlich mit solchen Attributen nicht aufwarten – zumindest war dies ihre Ansicht. Wenngleich sie inzwischen ein Dompteur war, so war sie doch verletzlich, und der festen Überzeugung, erst am Anfang ihrer Lehre zu stehen. So war in ihr auch keinerlei Bedürfnis, diesen Hyndriden zu begegnen und das Misstrauen groß – zumal ihre Phantasie nach der Beschreibung Habadams in jedem Felsen eine solche Unnatur vermuten durfte. Entsprechend still und Aufmerksam beobachtete sie jedes Objekt dieser unwirtlichen Landschaft.

Ein kleiner Lichtblick immerhin waren diese seltsamen ,Handriden’, von denen Habadam ebenfalls berichtete. Auch sie waren Wesen Suäl Graals, und gehörten wohl einst zu den Hyndriden. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund, den selbst Habadam nicht zu benennen wusste – ,es gäbe zu viele der mögliche Ursachen für ein solches Verhalten‘, wie er meinte – betrachteten diese Handriden aber offenbar die Hyndriden als Feinde, und bekämpften sie, wo immer sie aufeinander trafen. Oft schon waren sie die letzte Rettung für die Asimielenen gewesen.

Wenn Kishou Habadam richtig verstanden hatte, waren diese Handriden deswegen aber noch lange nicht Freunde der Asimielenen – sie interessierten sich schlicht nicht für diese. Sie waren ebenso wie die Hyndriden ein mächtiger Haufen wilder Reiter, und unterschieden sich, abgesehen von der Auswahl ihrer Gegner, kaum von den Hyndriden.

Kishous Blick wanderte zum Himmel. Immer wieder tauchten dort kleine Wolken von ziehenden Vögeln auf, die ruhig ihre Bahnen zogen und bald wieder verschwanden – zu hoch, um Einzelheiten zu erkennen. Sie legte den Kopf weiter in den Nacken und blickte in den zerzausten Bart Boorhs. „Hast Du schon mal Hyndriden gesehen, Boorh?“, fragte sie nach oben. „Also ich meine damals vielleicht, als die Großen Wasser noch flossen, und du ja bestimmt auch mal hier warst!“

Boorhs Kopf senkte sich, und endlich konnte sie auch seine dunklen Knopfaugen sehen. „Boorh entscheidet: Hyndriden sind Wesen dieser Zeit!“, meinte er. „Boorh hat sie noch nicht bemessen und vom Allsein verdrängt!“ Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht, und seine Augen begannen zu funkeln. „Doch Boorh entscheidet: Wo immer sie auf dem Pfade Kishous das Allsein verdrängen, wird die Axt Boorhs ihr Sein bemessen!“

Kishou musste grinsen. „Ich hoffe dennoch sehr, dass es uns erspart bleibt, Großer!“, meinte sie, patschte liebevoll auf dessen gewaltige Hand, die auf ihrem Schenkel ruhte, und erhob sich aus seinem Schoß. Sie nahm ihren Bogen, wankte etwas unsicher zur Front des Wagens, und setzte sich vorn neben Habadam auf die Pritsche.

„Habt ihr noch genug Wasser?“, fragte Habadam.

„Für heute wird’s noch reichen!“. stellte Kishou fest. „Und wir kommen ja noch vor Abend zu der Oase, wie Du gesagt hast. Wieso fragst Du?“

Habadams Arm streckte sich, und einer seiner spindeligen Finger wies an Kishou vorbei ins Land. „Eine ,Lea’!“

Kishou blickte angestrengt in die bezeichnete Richtung. „Eine Lea?“, fragte sie. „Meinst Du den langen Stängel da drüben, mit der großen Blüte drauf?“ Durchaus fasziniert schaute sie zu dem seltsamen Gewächs hinüber, das sie bald in einiger Entfernung passieren würden. Es bestand, soviel sie sehen konnte, lediglich aus einem langen und sehr dünnen, etwas verbogenen Stiel, der sicherlich Boorh um die Hälfte überragte, und am Ende des gebrechlich erscheinenden Schaftes balancierte diese Pflanze eine für sie augenscheinlich viel zu große, schwere und rote Blüte, deren Blätter zu den Rändern hin in ein helles Gelb ausliefen ...

„Ja!“, bestätigte Habadam, während er umständlich seinen Bart zu zähmen versuchte, der im Fahrtwind wehend, ihm immer wieder die Sicht nahm. „Dort verhält sich eine Lea zu uns! Ihre Wurzel steht tief in der Erde in einem Wasser. Ihr Standort sagt jedem schon aus großer Entfernung, dass sich zu diesem Ort eine Wasserstelle verhält!“

„Das is’ ja praktisch!“, staunte Kishou. „Das die nicht umkippt mit dem dünnen Stiel und der großen Blüte oben drauf ...? Wird die nicht gleich von den Tieren gefressen?“ Viel Auswahl gab es ja hier nicht, wie sie sich dachte.

„Jedes Wesen des Dritten Droms verhält sich mit sehr großem Respekt zu ihr. Niemand würde es je wagen, sie zu stören!“, verneinte Habadam – und das war wohl auch auf einfache Weise einsichtig, wie Kishou sogleich verstand. Der Wert eines solchen Zeichens musste für jeden in dieser Öde unersetzlich sein.

„Wieso gibt es hier eigentlich so einen glatten Weg?“, fragte sie gleich weiter, wo sie schon bei den Wunderlichkeiten dieses Droms waren.

„Oh, dass Drom ist natürlich voll davon!“, wurde sie sofort von Habadam belehrt. „Sie verhalten sich zu den Oasen über der Erde und auch unter der Erde – wo einst die Wasserläufe sich zum Drom verhielten. Aber ich verstehe euer Erstaunen!“, setzte er fort. „Ich erinnere mich, dass mir die festen Wege im Ersten und Zweiten Drom sehr gefehlt haben. Es war dort immer ein sehr mühseliges Vorankommen – dafür aber zuweilen auch recht Interessant, den richtigen Weg zu finden! Ach ja, Ephral!“, begann er plötzlich in schwärmerischen Ton zu sinnieren. „Ich habe diese Stadt des Zweiten Tals der Zweiten Ebene des Zweiten Droms geliebt, mit all seinen Zinnen, Türmen und verwinkelten Gassen. Ich habe Mo damals häufig besucht – ich gebe zu, dies Verhalten war nicht immer nur gerichtet auf Ephral und seine Zinnen und Türme!“, fügte er zwinkernd hinzu.

„Ja!“, lachte Kishou sofort verstehend. „Mo ist unglaublich schön. Ich kann manchmal auch nicht aufhören, sie anzugucken!“

„ja, ja ...”, seufzte Habadam. Ich erahne, welches Verhalten sich hinter eurem Wort des .schönen' verbirgt. Nur ihr übertrefft noch ihr Erscheinen".

„Kishou musste laut auflachen. „Nu’ hör’ aber mal auf!“ Sie empfand es als äußerst angenehm, sich mit Habadam zu unterhalten. Er war sehr redselig und neugierig, und entgegen seiner alten Gestalt äußerst wach und beweglich. Dazu waren seine Worte von verblüffender Klarheit, wie Kishou es lange nicht mehr gewohnt war, zu hören. Sie ergab sich dankbar dem kurzweiligen Geplauder mit ihm, und vergaß dabei sogar die Hyndriden.

So verging die Zeit fast wie im Fluge, als sie beim überqueren des Kamms einer kleinen Anhöhe meinte, in nicht als zu weiter Entfernung die hier unübersehbare Farbe des Lebens zu erblicken. Ein grüner Streifen breitete sich dort aus ... Hebela!

~*~

Erster Kampf mit den Hyndriden

Tolsmoi! – Tolsmoi!“ Immer wieder drangen die Rufe aus irgend einem Winkel in der Dunkelheit auf ihn ein. Zuerst aus großer Entfernung – dann immer näher. Bork spürte ein brennen auf seinen Wangen. Es lag wohl daran, dass immer wieder irgendetwas in sein Gesicht klatschte, wie er endlich zu verstehen begann. Langsam – sehr langsam drang wieder so etwas wie ein Bewusstsein in seinen kahlen Schädel.

Er begann die Schläge abzuschätzen, die ihn rhythmisch trafen ... 1 ... 2 ... 3 ... seine Hand schnellte hoch und die Fessel eines Armes verfing sich darin, bevor die dazugehörige Hand ein wiederholtes Mal seinen Kopf traktieren konnte. Seine Augen öffneten sich. „Warum verprügelst Du mich, verdammt!“ Er blickte verärgert in das Gesicht eines seiner Leute, der über ihn gebeugt war, und dessen Handgelenk nun fest in seinem Griff lag.

Statt zu antworten drehte sich der nach hinten. „Er verhält sich wieder zu uns!“, rief er.

Borks Augen wanderten herum. Eine Traube von Mitstreitern stand um ihn versammelt, deren Gesichter sich gerade entspannten. Endlich erinnerte er sich. „Das ist hier verdammt noch Mal nicht das Allsein!“, murmelte er, und versuchte sich aufzurichten. Mit schmerzverzerrtem Gesicht fiel er aber sogleich wieder zurück auf den Boden. Keiner seiner Knochen schien mehr am rechten Ort zu sein ...

„Das Glück verhielt sich zu deinen Gunsten, Tolsmoi!“, meinte nun der über ihn gebeugt stand. Wir fanden Dich unter einem Schild – und unter dem Reittier eines Hyndriden, das auf Dich gefallen war! Du bist in einem Stück geblieben. Nur ein unsichtbarer Pfeil steckte in deiner Schulter!“

„Helft mir hoch!“, grummelte Bork, während er einen zweiten Versuch unternahm, sich aufzurichten. „Wie verhält es sich mit den verdammten Hyndriden!“, keuchte er, als er mit einiger Hilfestellung endlich aufrecht saß.

„Sie sind abgezogen!“, kam die Antwort. „Sie verhielten sich als gute Zielscheiben in ihren ,schwarzen Gewändern’!“

„Handriden?“, fragte Bork knapp.

„Keine!“, war die ebenso knappe Antwort.

„Verdammte Singala!“, murmelte Bork. „Nicht einmal Handriden wagen sich an diesen verdammten Ort ... Verluste?“

„Ein gutes Viertel von uns ist im Allsein. Wir sammelten ihre Krypte und begruben ihre Hüllen. Noch einmal so viele sind verletzt!“

„Gut!“, nickte Bork. „Nein nicht gut!“, korrigierte er sich schimpfend. Er kramte einen Moment in seinem Mantel herum und zog einen etwas zerknickten Kaustab heraus. Ärgerlich bog er ihn zurecht und schob ihn sich zwischen die Zähne. „Keine verdammten Handriden – nicht einmal eine Handvoll verdammter Handriden!“, schimpfte er vor sich hin, und dachte nach. „Nehmt drei von den verdammten Wagen. Die Verletzten werden auf ihnen nach Flin zurückkehren – ihre Blicke immer auf die verdammten Hinterteile der Fläcks gerichtet!“

„Gut! Wir anderen werden derweil einen neuen Tolsmoi wählen!“, meinte einer, was mit allgemeiner Zustimmung quittiert wurde.

„Wieso wollt ihr einen neuen verdammten Tolsmoi wählen?“, schrak Bork auf, dass ihm beinahe wieder der Kaustab aus dem Munde fiel.

„Du bist doch verletzt!“, wunderte sich der neben ihm Stehende. „Also verhältst du dich gemäß den Verletzten, wie du selbst es bemessen hast.

„Was ist das für ein verdammter Unsinn!“, schimpfte Bork. „Ich bin nicht verletzt! Ich habe lediglich einige verdammte Erfahrungen gesammelt. Mein Krypt braucht Futter!“

„Der Tolsmoi hat recht!“, hörte man sofort eine Stimme aus der Menge. Gleich darauf wühlte sich jemand mit verbundenem Kopf und auf hölzerne Krücken gestützt daraus hervor. „Mit mir verhält es sich ebenso!“, rief er.

„Ich auch!“, war irgendwo eine etwas krächzende, schwache Stimme vom Boden her zu hören. Gleich darauf kamen von überall her Rufe, die dasselbe für sich in Anspruch nahmen. Niemand wollte offenbar zurückgeschickt werden ...

Bork verdrehte entnervt die Augen, und schaffte es gar, sich mit zusammengebissenen Zähnen zu erheben. „Ein Tolsmoi ist erst verletzt, wenn er im verdammten Allsein ist. So verhält es sich aber nicht bei den anderen!“, schimpfte er lautstark. „Außerdem brauchen die verdammten schwerer Verletzten die verdammten weniger schwer Verletzten, damit sich noch jemand zu ihnen angemessen Verhalten kann!“

Da der Tolsmoi einer Oase in der Zeit seines Amtes das Sagen hatte, setzte Bork sich letztlich durch. Allerdings kamen am Schluss nur noch gerade etwa dreißig Verletzte zusammen. Die anderen schafften es wohl, sich genügend unverletzt zu benehmen, und wurden nicht mehr aufgefunden.

Sie hatten viel Zeit verloren, bis der Treck nun endlich wieder bereit war, aufzubrechen. Die Sonne stand schon weit hinter ihnen, und die Verletzten waren endlich abgefahren, als Bork etwas mühevoll seinen Wagen bestieg. Die linke Schulter schmerzte, und der Verband schränkte seine Bewegungsfreiheit ein. Als wäre das nicht genug, stolperte er auch noch auf der Pritsche über irgendetwas und fiel der Länge nach hin – zum Glück auf die weichen Säcke mit der zerriebenen Holzkohle. Er richtete sich fluchend und mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf und suchte nach dem Fallstrick.

„Wir haben ein Bündel Pfeile der Geisterreiter gesammelt, wo wir sie finden konnten!“, rief ihm jemand von unten zu. „Wer weiß, wozu ihr besonderes Verhalten mal gut ist!“

„Auf jeden Fall dazu, um über sie zu stolpern!“, schimpfte Bork, und tastete nach der unsichtbaren Beute. Sie waren länger und stärker als die ihren, und hatten offenbar keine richtige Pfeilspitze, sondern schienen nur an ihrem vorderen Ende gespitzt.

Kopfschüttelnd nahm er sein Krypt zur Hand und vermerkte alles gewissenhaft – auch das er sich nun sicher war, dass sie nicht durchkommen würden …

~*~

Die Taktik Rhodes

Rhodes stand aufgerichtet auf seinem Wagen inmitten seiner Truppe, und ließ seinen Blick über die Singala streichen. Sie hatten eine Pause gemacht, um ihre staubigen Kehlen zu benetzen. Seine kräftige, aber für einen Asimielen hochgewachsene Gestalt mit kantigen Gesicht drehte sich langsam im Kreise, um in jeder Richtung das zu sehen, was es hier im Übermaß zu sehen gab: Nichts.

Fast war er beunruhigt, dass sie noch immer auf keinerlei Hyndriden gestoßen waren – gab es die hier überhaupt? Man war sich dessen eigentlich absolut sicher – aber warum eigentlich? Wirklich gesehen hatte sie doch noch niemand von ihnen?!

Der Gedanke an ihre Präsenz an diesem Ort war den Asimielenen seit allen Zeiten so selbstverständlich, dass niemand diese vermeintliche Tatsache jemals in Frage gestellt hatte. Ja man spekulierte zuweilen gar, dass sie von hier kamen – hier ihr eigentliches Domizil hatten. Vielleicht stellt sich ja nun aber heraus, dass ...

„Tolsmoi! Der Tag neigt sich dem Ende zu. Sollten wir uns nicht ebenso verhalten und gleich hier den Morgen abwarten, wo wir schon rasten?“, wurde er in seinem Gedankengang von einem seiner Leute unterbrochen.

„Nein, wir verhalten uns zur Nacht marschierend, so gut es möglich ist. Erst dann werden wir lagern!“, antwortete Rhodes mit Bestimmtheit. Er gedachte die Dunkelheit zu nutzen, um so weit wie möglich zu kommen. Hyndriden greifen niemals nachts an – zumindest war das die allgemeine Erfahrung, und noch nie ist ihnen Gegenteiliges bekannt geworden. Wenn sich mögliche Hyndriden in der Singala nun ebenso verhielten, wollte er diesen Umstand nutzen. Er durfte nur nicht vom Kurs abkommen in der Dunkelheit – aber solcherlei Kleinigkeiten gehörten zu den lösbaren Problemen ...

~*~

Ein seltsamer Fund

Die hagere Gestalt Kilaks, des Tolsmoi der Oase Goozl, saß auf einer Kiste seines Wagens und starrte missmutig auf die Furche, die der Pflug hinter seinen Wagen in den lockeren Sand grub, um sich in einer leichten Rechtsbiegung in der Ferne zu verlieren.

Der Tag würde sich bald dem Ende zuneigen, und nichts war es bislang Wert in das Krypt aufgenommen zu werden. Wenn es so weiterginge, gäbe es wohl nichts zu berichten, wenn sie wieder zu ihrer Oase zurückgekehrt waren. Wenigstens das Bruchstück der Heiligen Tafel würde er versuchen, als Trophäe für seinen Trupp vor den anderen zu sichern.

Ungeduldig wendete er sich kurz nach vorn, und blickte in die nichtssagende und trostlose Ferne, die noch vor ihnen lag. Er wendete sich gerade wieder ab – als er stutzte und sein Kopf zurückfuhr ... Seine scharfen Augen hatten für einen Augenblick irgend etwas Ungewöhnliches registriert. Er erhob sich und suchte angestrengt die unendlich scheinende Fläche in der Marschrichtung ab, die sich irgendwann da vorn mit dem Himmel verband ... Dann endlich bemerkte er es wieder. Unweit vor ihnen – etwas rechts vom Kurs gelegen – schien es ihm, als sähe er eine Ansammlung kleiner dunkler Punkte im immer eintönigen Sand.

Vergessen war aller Missmut und die zehrende Langeweile. Er kletterte über Kisten und Säcke hinweg bis an den vorderen Rand seines Wagens, als meinte er, damit einen Vorteil zu gewinnen, und so den Erscheinungen näher zu sein. Es dauerte noch seine Zeit, bis die Punkte nun deutlich als etwas erkennbar waren, was auf keinen Fall hierher gehörte.

Er blickte wieder zurück zur Furche, die ihren Kurs bestimmte. Sie würden beim Einhalten dieses Richtung an der Erscheinung vorbeiziehen ... „Nach rechts!“, brüllte er ohne langes zögern, und seine Arme wiesen in die Richtung der seltsamen Punkte. Er würde schon wieder auf den Kurs zurückfinden. Sein Trupp hätte es ihm nie verzeihen, eine Neuigkeit unbesehen vorübergehen zu lassen – und er sich selbst schon gar nicht.

Die Meute, in ihrer seltsamen Gangart, schwenkte träge nach rechts, und immer mehr von ihnen wagten den Blick nach draußen in die eingeschlagene Richtung. Es musste schließlich einen Grund für diese harte Kurskorrektur geben.

Nachdem es nun tatsächlich etwas gab in dieser tödlichen Einöde, das sich zu ihnen ,verhielt’, löste sich die beschwerliche Gangart mehr und mehr auf, bis man endlich gemeinsam gradlinig auf die seltsamen Erscheinungen zu marschierte.

Nach und nach gewannen die dunklen Punkte Konturen, und zeigten sich endlich als dass, was sie waren: Etwa kopfgroße, gleichmäßig geformte, und wie poliert glänzende Kugeln. Ein ganzes Feld davon lag vor ihnen.

Kilak ließ ein gutes Stück vor ihnen halten und sprang von seinem Gefährt. „Wartet!“, rief er, sich seinen Pfad durch die Menge bahnend. Er gedachte diese seltsamen Objekte zunächst einmal selbst zu inspizieren. Dass von den Kugeln irgendeine Gefahr ausgehen könnte, wollte er nicht annehmen – vollends ausschließen konnte er es aber auch nicht. Eine gewisse Vorsicht war immer geboten.

Er schritt bis dicht an das Kugelfeld heran und ließ seinen Blick darüber schweifen ...

Nichts war erkennbar, dass eine Gefahr signalisierte. Ruhig lagen die Kugeln, wie zufällig verloren, im Sand, und mit nur geringen Abständen zueinander. Alle waren von gleicher blau-violetter Farbe ... Er fragte sich, wo sie wohl herkamen, und warum sie hier waren. Aber es konnte keine Antwort darauf geben – jedenfalls jetzt noch nicht. Ihre Existenz war zu unwirklich in dieser Umgebung – und so, wie sie sich verhielten, gaben sie auf die Schnelle weder eine Auskunft über eine mögliche Ursache ihres Hierseins, noch über eine Wirkung.

Kilak zog sein Krypt aus dem viel zu weiten mantelartigen Umhang, kritzelte hektisch einige Eindrücke und Gedanken hinein – und verstaute es wieder. Langsam beugte er sich nun endlich zu eines dieser Dinger hinunter. Er umfasste das kugelige Gebilde vorsichtig mit den Händen und richtete sich mit ihr auf.

Sie hatte einiges an Gewicht, und sie fühlte sich kühl an – wie er es aus irgendeinem Grunde auch erwartet hatte. Allerdings fühlte sie sich weniger glatt an – wie er es ebenfalls erwartete.

Unruhig tasteten seine Augen über den glänzenden runden Körper. Wenigstens für den gefühlten Widerstand fand sich sogleich eine Erklärung. Die Kugel wies in kurzen, regelmäßigen Abständen kleine Löcher auf – eine Art Perforierung – nicht viel stärker als dünne Nadelstiche.

Fast mit Beruhigung nahm Kilak diese Sonderbarkeit zur Kenntnis. Es machte die Sache komplizierter – warf mehr Fragen auf, als wenn die Kugeln einfach nur glatt und ebenmäßig gewesen wären. Und wo mehr Fragen waren, gab es auch mehr Möglichkeiten einer Antwort ... „Verstaut einige von den Dingern auf die Wagen!“, rief er kurzentschlossen zu seinen Mannen hinüber. „Wir werden sie mitnehmen um ihr Verhalten später zu befragen. Wenn wir sie nach der Rückkehr in unseren Ort lange genug betrachten und darüber streiten, werden wir viele Möglichkeiten ihres Verhaltens finden!“

Eilig rückte der Trupp heran und bestaunte nun ebenfalls den seltsamen Fund. Erste Gedanken wurden eiligst in die Krypte geschrieben, bevor man sich nun endlich daran machte, so viele von ihnen wie möglich auf die Wagen zu hieven. Ihre Anzahl musste aber sehr begrenzt bleiben, weil man mit ihrem beträchtlichen zusätzlichen Gewicht die Fläcks nicht über Gebühr strapazieren durfte. Es lag schließlich noch ein weiter Weg vor ihnen.

Kilak entschloss sich der Einfachheit halber, denselben Weg, den sie abweichend vom Kurs hierher gekommen waren, wieder zurück zu marschieren, um von dort aus die alte Richtung wieder exakt aufnehmen zu können ...

~*~

Ankunft in Hebela

D

ie Sonne meinte es gut mit ihnen, und es sollte noch ein wenig Zeit verbleiben, die Farbenpracht Hebelas bei Licht zu betrachten. Kishou fühlte immer wieder eine tiefe Erleichterung in sich aufkommen, wenn sie eine dieser frischen und lebendigen Horte inmitten der Trostlosigkeit erreichten. Die hohen Mauern und hölzernen Palisaden konnten niemals hoch genug sein, um die überquellende Pracht des Grüns dahinter zu verbergen.

Ihre Ankunft war wohl nicht unbemerkt geblieben, und aus dem weit geöffneten Tor, an dem ihr befestigter Weg endete, strömten ihnen die Bewohner des Ortes in Scharen entgegen. Bald schon schwammen sie mit ihrem Karren in einem Meer von Asimielenen, die ungeheuer erregt schienen und alle durcheinander riefen, dass kein Wort zu verstehen war.

Es war ein anderer Empfang, wie damals der in Zargo – ihrer ersten Begegnung mit einer Oase in der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms. Die Grabenmacher, die jene Oase bewohnen, betrachteten die Ankömmlinge anfänglich wie ein Wunder, und verstummten in Ehrfurcht und Fassungslosigkeit. Auch war es damals eine Zeit, in der Kishou die Schönheit der verschwenderischen Natur, die sie bis dahin schon so lange missen musste, nicht bemerkte. Sie hatte kurz zuvor Tek verloren, und damit das wertvollste, das sie jemals besessen hatte. Hier nun war alles anders. Es war ein brodelndes Meer in dem sie badeten. Die lauten Rufe und das Stimmengewirr waren ohrenbetäubend.

Es war ohne Zweifel eine außergewöhnlich freudige Erregung, die dieses Chaos hervorrief – das war leicht in den Gesichtern der Tobenden zu lesen. Dennoch fühlte sich Kishou verunsichert, schaute immer wieder neben sich zu Habadam und klammerte sich an ihren Bogen, der aufrecht zwischen ihren Schenkeln stand.

Habadam hingegen schien den Auftritt sehr zu genießen, und seine wässrig klaren Augen funkelten erregt. Es dauerte noch eine Zeit, bis sie endlich das Tor passiert hatten, und Kishou wieder einmal für einen Moment meinte, von den satten Düften des prallen Lebens erstickt zu werden.

Der Weg endete bald hinter dem Tor auf einem weiten, mit dichtem Gras bewachsenen Feld. Die eigentliche Oase, in der Pracht all ihrer Farben und ihrer schweren grünen Sattheit, begann erst im Anschluss dieser Fläche. Es schien so etwas wie eine stille gemeinsame Übereinkunft unter den Oasen für einen solchen Platz zu geben, denn er fand sich Dromübergreifend bislang noch in jeder Oase, die Kishou betrat.

Habadam erhob sich von der Pritsche – und bald darauf seinen knöchrigen Stab hoch über seinen Kopf. Dennoch dauerte es eine gute Weile, bis sich die Menge endlich beruhigte. Jetzt stierten sie in ihren bunten Gewändern mit großen und weit aufgerissenen Augen stumm auf Kishou – immer wieder auf ihre Gefährten, die sich nun ebenfalls erhoben hatten – und auf kleine Heftchen, die jeder von ihnen in seinen Händen hielt, um zwischen den ruhelosen Blicken auf die Ankömmlinge, irgend etwas dort hinein zu schreiben ...

„Hebelaner und ihr, die ihr gerade von wo auch immer kommend, euch zu diesem Orte verhaltet!“, setzte Habadam an. „In euch verbindet sich das Vergangene mit dem Gegenwärtigen, das Gegenwärtige mit dem Zukünftigen, und das Zukünftige mit dem Vergangenen! Und weil sich das Eine zu dem Anderen verhält, wie sich unsere Fragen zu den Antworten Verhalten, so ist nichts von Bestand im Großen Belfelland. Nicht die Vergangenheit, nicht das Gegenwärtige, und nicht das Zukünftige. So trennt sich alles vom Allsein und findet sich im Großen Belfelland vom Allsein verdrängt.

Und wie sich das Entschiedene des Vergangenen zum Gegenwärtigen Verhält, so fand ich darin die Ankunft Koschus als die Möglichkeit des Künftigen, wenn ihr euch meiner Worte erinnert, und wie ihr sie in euren Krypten aufgehoben findet!“ Er zuckte etwas mit den Schultern. „Der Möglichkeiten des Künftigen sind jedoch so viele, wie sich das Eine zum Anderen vermag zu verhalten. So seht es mir nach, dass meine Bemessungen nicht ganz vollkommen waren!“

Habadam richtete seinen hageren Körper nun so weit auf, wie es ihm nur gelingen konnte, bis er endlich nach einer gut gesetzten Spannungspause proklamierte: „Was sich nun tatsächlich zu euch verhält, ist viel mehr, als ich erwartete. Es ist eine Kishou, deren Magie uns so unbekannt ist, wie die unzähligen Fragen, die sich in uns verflüchtigten, seit die großen Wasser nicht mehr fließen, und uns mehr und mehr das Hoffen – und damit das Verhalten nehmen! Und mit ihr sind jene, die ihr in den unzähligen alten Krypten vergangener Zeiten aufgehoben findet, und die seit allen Zeiten unvergessen und gebunden im Heiligen Dom ruhen!

Habadam schaute musternd in die Runde. „Ich sehe die Fragenden Blicke in euren Gesichtern, und wie ihr in euren Krypten nach den Antworten sucht. Nun – Es sind lang verschollene Teile meiner Selbst – meiner Sippe. Es ist Boorh, der Herrscher über die Ebenen des Ersten und des Zweiten Droms! Es ist Mo, die Beherrscherin der Täler des Ersten und des Zweiten Droms – und in derer Vollkommenheit Sonne und Mond von jeher ihr Spiegelbild finden – und es ist das Untere Squatsch, der mit Boorh die Zweite Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms beherrscht und dessen Macht das Sein vom Allsein verdrängt.

Ein aufgeregtes Gemurmel hob an. Alles blätterte in diesen Kleinen Heftchen oder schrieb irgend etwas hektisch darin hinein – während das Untere Squatsch unauffällig sein Sakko zurechtrückte und versuchte, neben Mo und Boorh etwas größer zu erscheinen.

Habadam musste erneut seinen Stab heben, um sich einigermaßen Ruhe zu verschaffen. „Nehmt nun diese wertvollen Worte, tauscht und teilt sie in den Oasen der Ebene, das jeder in der Dritten Ebene des Dritten Tals des Dritten Droms seinen Gewinn daran hat, und sich sättigen kann!“

Die Reaktion war ein aufbrausendes Stimmengewirr von lauten Rufen und drängenden Asimielen, in denen der Wagen Habadams regelrecht schwamm. In dem aufbrausenden Geschrei war kein Wort zu verstehen, aber Habadam deutete die Reaktion wohl dennoch richtig. Es gelang ihm allerdings trotz allerlei Gebärden nicht, die Massen zu beruhigen. So strich er endlich mit seinem Stab in einer weit ausholenden Bewegung über die Menge, und überall dort, wo seine Geste die Asimielenen erfasste, verstummten die Laute. Bald darauf herrschte vollkommene Stille. Es hatte durchaus etwas unheimliches, weil Münder und Gesten verrieten, dass sie sich eigentlich keinesfalls beruhigt hatten – ihre Stimmen wurden offenbar lediglich von der Luft nicht mehr weitergetragen.

Dieser Umstand und seine offensichtlich magische Ursache führte endlich zum Erfolg. Die Münder schlossen sich und eine echte Ruhe trat ein.

„Wir werden uns noch für eine Zeit zu Hebela verhalten, Niemand wird also etwas versäumen, wenn er die Neuigkeiten in das Drom trägt!“, rief Habadam nun in die Menge. „Verhaltet euch also, wie sich der Asimiele verhält, der reicher an Wissen ist, als der andere!“ Das war augenscheinlich die Information, die den Asimielenen fehlte. Sie fürchteten wohl, etwas zu versäumen, wenn sie Hebela verlassen würden, um die neue Kunde im Drom zu verbreiten.

Die Unruhe brauste wieder auf, und die allgemeine Aufregung konnte größer nicht sein. Alles lief durcheinander. Wagen mit Zugtieren in wachsender Anzahl wühlten sich, Hebela eilig verlassend, durch die Menge, oder am Rande des Platzes an ihnen vorbei, um die ungeheuerlichen Neuigkeiten schnellstens in das gesamte Drom zu tragen. Doch auch ein großer Teil belagerte nach wie vor die Ankömmlinge und bedrängte Kishou und ihre Gefährten mit laut gerufenen Fragen. Es war noch immer unmöglich, auch nur eine von Ihnen zu verstehen, geschweige denn, sie zu beantworten.

Kishou war überfordert. Habadams Worte waren entgegen ihrer bisherigen Erfahrungen mit ihm, alles andere als leicht verstehbar und ein einziges Rätsel für sie. Sie wirkte ziemlich hilflos, wie sie da so neben ihm stand, und irritiert die drängende Menge betrachtete.

„Die Hebelaner werden sich mit einer Menge Fragen zu euch verhalten!“, wandte sich Habadam mit einem verschmitzten Seitenblick an Kishou. Seine kleinen Augen sahen sie mit hochgezogenen Brauen an. „Wie wollt ihr euch dazu verhalten? Wollt ihr gleich darauf antworten, oder wollt ihr lieber zunächst in euer Heim – ihr werdet natürlich bei mir wohnen!“, schlug er vor. „Mein Heim verhält sich nicht weit zu diesem Ort!“

Kishou war mehr als dankbar für diese Auswahl, und entschied sich fraglos für das Heim. Es brach ohnehin der Abend herein, und sie hatte das dringende Bedürfnis, erst einmal zur Ruhe zu kommen.

Mit einiger Mühe gelang es Habadam, den Drängenden Geduld abzuringen, und sie mit ihrer Neugier auf den nächsten Tag zu vertrösten. Langsam bewegte sich der Wagen endlich durch die Menge hindurch, und verschwand dann im Dickicht der Oase.

Boorh hatte kein festes Heim – zumindest wusste Kishou nichts von einem Solchen, und rechnete wohl auch nicht damit. Sie hatte ihn nie danach gefragt. Mo dagegen verfügte über große und ansehnliche Paläste in Kurham und Ephral. Auch Habadam verfügte nun also über eine Wohnstatt – allerdings befand sich eine Solche in jeder Oase des Droms, wie sie auf ihre Nachfrage hin erfuhr. Sie dachte eigentlich, dass Hebela die Heimstatt Habadams wäre – dem war aber nicht so.

Viel mehr als eine Wohnstatt war es dann aber auch tatsächlich nicht. Zumindest unterschied es sich kaum von all den Behausungen, die sie bereits überall auf ihrem kurzen Weg ausmachen konnte – und die, entgegen ihrer Erfahrungen in den Oasen des zweiten Droms, scheinbar willkürlich verstreut und zum Teil sehr dicht beieinander im Buschwerk herumstanden. Hier gab es keine Zäune, keine Hecken, keine Türen, noch sonst irgendwelche Begrenzungen. Mehr oder weniger breite und ausgetretene Wege verbanden die Behausungen miteinander.

Das Heim Habadams taucht irgendwann einfach plötzlich auf – nichts, was es irgendwie angekündigt hätte. Immerhin offenbarte es sich letztlich doch geräumig genug, Kishou und ihren Gefährten ausreichend Platz zu bieten.

Der augenscheinlich wenig genutzte Pfad endete plötzlich in einem schattigen Dickicht – direkt an der Schwelle des Hauses. Glänzend geschliffene Steinplatten zierten den Boden eines kleinen, etwas dämmrigen Vorraumes, in dem eine breite, leicht geschwungene Holztreppe in ein oberes Stockwerk führte. Das Licht, dass ihn erhellte fiel aus drei türlosen Räumen hier hinein, die sich an den Vorraum anschlossen. Genauer gesagt, aus Zwei von Ihnen. Der dritte war erst über einen kleinen Flur zur Rechten erreichbar.

Die geräumige Diele selbst war vollkommen leer und ungenutzt – was man von den angrenzenden Räumen wahrlich nicht sagen konnte. Lichtdurchflutet von großen Fensteröffnungen, bot sich hier ein Bild großer Geschäftigkeit.

Außer kunstvollen Tischen und gepolsterten Stühlen, die man hier finden konnte, und deren Anwesenheit Kishou allein schon aufgrund ihrer Erfahrung mit dem kargen Mobiliar der Wohnstätten im Zweiten Drom überraschten, waren die Wände verstellt mit Regalen, in denen zu Hauf gebundene Schriften, Bücher und Papierrollen lagen und standen. Selbiges fand sich auch ungeordnet auf den Tischen, auf Kisten, und sogar auf den hölzernen Dielen des Fußbodens. Viele Gefäße, Krüge und Figuren standen verteilt ebenfalls in den Regalen, und dienten hin und wieder dem dort Gelagerten als Stütze. Alles war reich verziert, und trug zumeist ähnliche Symbole, wie sie schon auf dem langen Mantel Habadams zu sehen waren. Viele große und kleine Talkleuchtenständer aus filigran geschmiedetem Eisen oder kunstfertig gedrechseltem Holz vervollständigten die etwas chaotisch erscheinende Wohnlichkeit.

Eine etwas kompakte und stattliche Figur erschien plötzlich im Türrahmen und blickte unsicher hinein. Er trug einen mächtigen Bart und lange Zöpfe, und erinnerte Kishou im ersten Moment an Linsilf, dem Führer der Langen Schatten in der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms … „Verzeiht die Unbemessenheit meines Eindringens …“, entschuldigte er sich in Richtung Kishou mit einer Verbeugung. „… aber das allgemeine Verhalten erlaubte es mir bisher noch nicht, bis zu euch vorzudringen!“, wendete er sich nun an Habadam.

„Oh, Driesal!“, wurde er sofort von Habadam erkannt. „Er ist der Tolsmoi dieses Ortes!“, stellte er ihn Kishou vor.

„Ja, ich … ich dachte nur …“, verneigte sich der noch einmal, „Ich dachte nur, das Verhalten Hebelas ist aus den Fugen. Ich … ich sollte wissen, wie es sich im Weiteren verhält, damit ich den Bewohnern Hebelas etwas sagen kann …!“ Er schien sich nicht sonderlich wohl zu fühlen, wie er da so stand zwischen Tür und Angel, versuchte aber dennoch, Haltung zu bewahren.

„Es verhält sich alles zu unserer Zufriedenheit!“, antwortete Habadam. „Ich will dich morgen über unser weiteres Verhalten unterrichten. Bis dahin sorge dafür, dass Kishou ungestört bleibt!“

„Gut … gut, ich werde mich also abwartend verhalten, und auch das Verhalten der Hebelaner in dieser Weise lenken!“, versprach der Tolsmoi nicht sehr glücklich. Er hatte wohl gehofft, wegen seiner hohen Funktion als Tolsmoi nicht erst bis zum nächsten Tag warten zu müssen, um mehr zu erfahren. Wohl etwas enttäuscht zog er wieder ab.

„Ich denke, die oberen Räume verhalten sich zu euch und Mo angemessen!“, wandte sich Habadam nun wieder an Kishou. „Gleich in der Nähe verhält sich ein Zimmermann, ich werde ihn über euer besonderes Verhalten unterrichten. Ich vermute doch, dass ihr es zuweilen vorzieht, das kleinen Allsein aufzusuchen, wie es auch im Vierten Drom, bei den Breenen so üblich ist!“, schmunzelte er.

„Äh ... Ja!“, fiel Kishou nur dazu ein.

Habadam verschwand aus dem Türbogen, und Kishou und Mo stiegen die Treppe in das obere Stockwerk hinauf. Habadams bekundete ,Angemessenheit’ bestand wohl in seinem Wissen, dass Mo in jedem Fall ein eigenes Revier vorzog, in das sie sich zurückziehen konnte. Für Boorh und das Untere Squatsch war es hingegen gleichgültig, wo sie sich befanden. Und Kishou – wohl ohne Frage für Habadam – brauchte auch ihr eigenes Revier. Kam sie doch Mo am nächsten.

Der geräumige Flur am oberen Ende der Treppe zeigte gleich in ihrer Blickrichtung die Eintritte zu zwei weiteren Räumen – und hinter ihnen, gleich gegenüber, fand sich eine großflächige Fensteröffnung mit einem Austritt daneben, der auf eine sehr geräumige und begrünte Veranda führte. Darunter musste wohl irgendwo der Eingang des Hauses liegen.

„Entscheidet, welches der Reviere das eure ist. Mo ist dann für das andere entschieden!“, meinte Mo, in ihrem unnachahmlichen, warmen, aber klaren Ton.

„Mir egal!“, reagierte Kishou, und stolzierte einfach in den nächst gelegenem Raum hinein. Er unterschied sich eigentlich kaum von den Unteren. Er war nur offenbar weniger benutzt und entsprechend aufgeräumter. Ein großer, dunkel polierter Holztisch stand in seiner Mitten, auf dem ein mehrarmiger ebenfalls hölzerner Leuchter abgestellt war. Sechs Stühle umgaben den Tisch.

Zur Linken, in der Ecke des Raumes, vor einem hohen, mit Büchern und verzierten Gefäßen vollgestellten Regal, prunkte ein fetter, großer, in samtenen grün gepolsterter schwerer Sessel, mit dicken, wulstigen Armlehnen. Mit dem kleinen Tischchen zu seiner Linken, und einem langstieligen eisernen Leuchter zur Rechten, wo sich auch ein in die Mauern eingelassener Kamin befand, hatte er wahrscheinlich alle Attribute, von denen Kishou in diesem Moment wohl träumte.

Zwei große Fenster und ein Austritt erhellten den Raum mit einem seltsam farbigen Licht. Der Austritt führte auf einen geräumigen Balkon. Er erstreckte sich über die volle Breite der Fassade.

Eine kleine Rasenfläche lag hinter dem Haus, bevor die ungebändigte Natur ihren Raum beanspruchte. Zur Rechten sah man das Dach eines weiteren Hauses durch das Blattwerk der Bäume schimmern – und fast gerade zu, wenn man den Blick nur etwas nach links lenkte, die Ursache des farbig durchwebten Lichtes, das Kishou sofort aufgefallen war. Zwei Turkelbäume erhoben dort ihre mächtigen Kronen. Sie waren etwas versteckt hinter jenen Bäumen, die die Rasenfläche begrenzte, doch ihre Kronen überragten um einiges diese Behinderung. Ihre Blätter funkelten in allen denkbaren Farben, und überfluteten den Ort mit ihren Reflexionen. Das rufen von Vögeln erfüllte die Luft, und von irgendwoher war der unregelmäßige Schlag eines Hammers zu hören.

Kishou lehnte sich über die rustikale, unbearbeitete Brüstung des Balkons und schaute zu den blitzenden Kronen der Turkelbäume hinauf. Sie weckten Erinnerungen. Erinnerungen an schöne und traurige Zeiten. „Es ist wunderschön hier“, sagte sie verträumt fast für sich. „Wie ein richtiges Zuhause!“ Ein feuchter Film überzog ihre großen Augen. „Wenn nur Tek auch hier sein könnte ...” Ihre Worte erstickten.

„Wo ist er denn gerade?“, fragte Mo, die neben ihr stand, und ebenfalls zu den Turkelbäumen hinüber sah.

Kishou schaut auf zu ihr, die erst jetzt ihre Augen auch ihr zuwendete. Die Klarheit ihres Blickes schienen alle Geheimnisse zu öffnen, und blieben doch selbst das größte Geheimnis. Ein fast unmerkliches Lächeln umspielte ihr Gesicht.

Es war nicht wirklich eine Frage, wie sie sofort verstand. Ihre Hand strich zärtlich über ihr kleines Bäuchlein ... „Hier!“, hauchte sie.

„So ist es entschieden!“, nickte Mo langsam.

Kishou schob sich unter Mos weißen Umhang, und schmiegte sich fest an ihren Körper. „Manchmal vergess’ ich's noch“, sagte sie leise.

„Ja!“ Mos Hand strich zärtlich über den Kopf Kishous. So standen sie wohl eine ganze Weile ...

~*~

Kampfloser Tod

Kilak streckte seine Arme hoch über seinen Kopf, und gab damit das Zeichen zum Halt.

Die Dämmerung war inzwischen soweit fortgeschritten, dass die Furche hinter ihnen, die nötig war um ihren Kurs zu bestimmen, kaum noch auszumachen war. Man wollte den Morgen abwarten, um den Marsch fortzusetzen.

Die Fläcks zogen die Wagen in einem großen Kreis um das Lager herum – bis auf dem des Tolsmois. Er wurde in der Mitte des Lagers postiert. Kilak saß dort mit einigen seiner Leute Rücken an Rücken, um rundum über die Köpfe ihrer Mitstreiter in die kommende tiefe Schwärze der Nacht blicken zu können.

Ein möglicher Angriff von Hyndriden war zwar nach aller Erfahrung während der Dunkelheit nicht zu erwarten, aber wer von ihnen wusste schon, was man hier in den unbekannten Weiten der Singala Erwarten durfte, und was nicht.

Nach und nach wurden Harzlampen und auch kleine Feuer entzündet, die zumindest ein diffuses Licht über das in Dunkelheit versinkende Lager ausbreiteten. Die kleinen Feuer waren wohl zunächst ein Ausdruck der Gewohnheit, den Nächten in ihren Häusern zu begegnen, denn eigentlich war es hier nicht notwendig. Das Meer des glitzernden Sternenhimmels, mit seinen unzähligen verschiedensten Mustern, die in allen Richtungen den Horizont begrenzten, ließen keine Gefahr aufkommen, ihren Geist zu verlieren.

Ein weiterer, und hier nun wahrscheinlich der entscheidendere Grund für das Bedürfnis nach Licht, waren aber wohl die seltsamen Kugeln. Man nutzte natürlich die Gelegenheit der Ruhe, sie schon ein erstes Mal näher zu betrachten, um über deren Sinn und Herkunft streiten zu können. Sie wurden also sogleich von den Wagen gezerrt, und lagen nun in Mitten von Zirkeln aufgeregt diskutierender Münder und schreibender Hände.

Zunächst einmal gab es wohl so viele Erklärungen für sie, wie es Köpfe im Lager gab, ihr Geheimnis zu entlocken. Nach und nach vereinigten sich dann immer mehr der verschiedensten Theorien und es bildeten sich kleine und größere Lager heraus, die in etwa ähnliches in ihnen vermuteten.

Die einen meinten, dass es sich am wahrscheinlichsten um ehemalige Seetiere handeln könnte, die einst in Kolonien lebten und nun über die Zeiten versteinert zurückgeblieben waren. Versteinerungen ehemaliger Lebewesen und Knochen waren keine ungewöhnlichen Erscheinungen in der langen Trockenheit des Droms der Asimielenen.

Andere fühlten sich sogleich an ihre kugelförmigen ,Visen’ erinnert – ihren Besonderen Apparaten, die mit Schleudern zwischen die Korks katapultiert wurden. Nur waren diese Kugeln hier ungleich größer und schwerer.

Hyndriden hätten durchaus das entsprechende Format, diese schweren Kugeln vielleicht als Geschosse zu nutzen – war eine weitere Idee. Sie hatten sie vielleicht an der Fundstelle verloren – oder als Depot dort angelegt. Eine nicht gerade erbauliche, aber immerhin doch faszinierende Theorie.

In einer ähnlichen Richtung bewegte sich jene These, die sich mit der ungewöhnlich Präzision ihrer runden Gestalt beschäftigten. Sie meinten, es müsse sich unbedingt um irgendwelche Besonderen Apparate handeln, deren Gebrauch auf ihre perfekten Rolleigenschaften beruhen sollte. Die ebenförmige Beschaffenheit der Singala wäre ein gutes Indiz für diese Möglichkeit. Man könnte sie dem Gegner in großen Mengen mit entsprechender Kraft über große Distanz entgegen rollen ... Die Fundstelle war also möglicherweise ein ehemaliges Schlachtfeld zwischen den Hyndriden und ... ja – aber gegen wen? Handriden? Die würden sich wohl kaum von diesen Dingern beeindrucken lassen ... Diese Theorie fand dennoch viele Anhänger, allein weil sie die Möglichkeit zuließ, dass die Singala von noch weiteren Wesen bewohnt war – was die Anzahl möglicher weiterer Theorien sogleich vervielfachte ...

Viel Zuspruch fand auch der Ansatz, die Ursache der Kugeln in ihrer seltsamen, gleichmäßigen Perforation finden zu können. Offenbar dienten die Kugeln dazu, etwas Dünnes – möglicherweise irgendwelche dünnen Stäbchen – in sie hinein zu platzieren. Man müsste sich also darauf konzentrieren, herauszufinden, was man in sie hineinsteckte – beziehungsweise was vielleicht ursprünglich einmal hineingesteckt war, und über die Zeiten verloren gegangen ist.

Bei aller vorläufigen Annäherung der verschiedenen Ansätze war doch unabsehbar, dass man noch lange brauchen würde, um dass Geheimnis der Kugeln zu lüften. Es hatte aber zumindest schon einmal den Effekt, das die Zeit im Fluge verging, und sich der Morgen bereits ankündigte, bevor noch der Einigungsprozess entscheidende Fortschritte gemacht hatte.

Die kleinen Feuer waren längst ausgegangen und nur die vielen Harzlampen brannten noch, und produzierten nach wie vor ihre charakteristischen Rauchfähnchen. Es war kaum zu bemerken, wie langsam – nach und nach – die aufgeregten Stimmen auf seltsame Weise träger wurden – mit der Zeit immer mehr verstummten. Die bereits verstummt waren, saßen einfach nur da, mit seltsam anmutenden glasigen Augen, die aus ihren Augenhöhlen geradeaus ins nirgendwo blickten.

Irgendwann war dann Stille. Vollkommene Stille. Vereinzelt vielleicht ein kleines Rascheln, wenn mal eines der Krypte aus den Händen rutschte und in den Sand fiel.

Die dünnen Rauchfähnchen der Lampen waren zu vielfältig, als dass jene aufgefallen wären, die aus den kleinen Löchern der Kugeln heraus strömten – zumal ihre blass-blaue Färbung in der Dämmerung kaum zu sehen war. Der süßlich, leicht beißende Geruch verbrannten Harzes lag über dem Lager, und überdeckte jenen, der ohnehin kaum wahrzunehmen wäre.

Einer der Asimielen – es war ausgerechnet einer von denen jener Gruppe, die meinten, in der Perforation der Kugeln deren Geheimnis finden zu müssen – fiel plötzlich um. Einfach so. Es nahm niemand Notiz davon. Er fiel aus seiner Sitzhaltung nach vorn auf sein Gesicht, und blieb so einfach liegen. Vollkommen regungslos. Seine Hände unternahmen nicht einmal den Versuch, den Fall abzufangen.

Irgendwann tat es ihm ein zweiter gleich – nur das der zur Seite kippte. Ein kurzes dumpfes Geräusch kündete davon.

Der Dritte dumpfe Aufprall folgte sehr schnell, und nach diesem konnte man das Aufschlagen der einzelnen Körper nicht mehr voneinander trennen. Sie kippten einfach um – alle. Wortlos, mit teilnahmslosen Blicken fielen sie in den Sand. Lediglich einer dieser Aufschläge auf den Boden hob sich noch einmal von den anderen ab – als der Tolsmoi Kilak rücklings über die Seitenwand des Wagens kippte, und sein schlaffer Körper aus der Höhe auf den Boden aufschlug. Sein viel zu großer mantelartiger Umhang verfing sich im Sturz noch einmal kurz an einem Nagel. Der scharfe Ton reißenden Stoffes passte nicht zu den anderen Geräuschen ...

Die Kugeln schienen nun lebendig zu werden. Unzählige Sprossen von fadenförmigen Würmern lugten aus unzähligen kleinen Löchern der kugeligen Gebilde, bis sie nun begannen, sich aus ihnen hinaus zu schieben. Nein, es waren keine Würmer ... Würmer haben einen Anfang und ein Ende! Diese hier schienen nur einen Anfang zu haben. Es waren endlos lange, dünne Fäden. Lebendige Fäden. Sie quollen ohne Unterlass aus den Kugeln heraus, und ergossen sich zuckend und schlängelnd über den sandigen Boden.

Sofort begannen sie den Sand aufzuwühlen – tauchten mühelos in ihn ein. Da wo sie verschwunden waren, wurde der Boden wie lebendig – sackte hier und da ein, oder es entstanden wellenartige Aufschüttungen. Ein Krypt rutschte in eine der Kuhlen hinein – und versank auf seinem Boden wie in Wasser ... bevor es seinem Besitzer ebenso erging.

Der Untergrund des Lagers schien sich immer mehr in einen See zu verwandeln. Einen See aus flüssigem Sand. Still rutschten nach und nach die Körper, die Fläcks, ihre Wagen, und alles was sich auf ihnen befand nach unten – und versanken in einem körnigen See ...

Als die Sonne ihren ersten Strahl über den fernen Horizont warf, gab es nichts mehr, was auf ein Lager von Asimielenen verwies. Es gab überhaupt nichts mehr, was auf irgend etwas verwies. Alles was es hier gab, war eine unendlich öde, gleichförmige Fläche sandigen Bodens. Die Singala. Was hätte es hier jemals anderes gegeben haben können ...?

~*~

Die Vorsicht des Tolmoi Rhodes

Rhodes stand hoch aufgerichtet auf seinem Leitwagen und hob beide Arme über seinen Kopf. Ein langgezogenes „Halt!“ aus seinem Munde brachte den Haufen zum stehen. „Lenkt die Wagen aus – wir rasten!“

Selbst die hellsten der Sterne begannen bereits zu verblassen. Rhodes entzündete einen Pfeil, und schoss ihn in nicht zu steilem Winkel über die Köpfe seiner Männer hinter sich in den Himmel. Er wollte nicht unnötig irgend jemand auf sich aufmerksam machen.

Im Abstand von jeweils zwanzig Schritten liefen hundert seiner Männer mit Fackeln in den Händen genau an der Schneise entlang, die der Pflug hinter dem Wagen des Tolsmoi in den Boden Schnitt. Die Lichterkette reichte Rhodes aus, um den Kurs halten zu können. Der brennende Pfeil verriet den Folgenden nun das Ende der Aktion, und sogleich erloschen zwei von drei Lichtern. Die übrigen sollten zur Orientierung der jeweils Nachfolgenden genügen – Brennstoff war ein knappes Gut auf dieser Reise ...

Die Formation der Wagen riss auseinander und begann sich kreisförmig um das Lager neu zu formieren.

„Vanleu!“, rief Rhodes einen der Umstehenden bei seinem Namen. „Kümmere dich darum, dass die Schilde aufgepflanzt werden, und Katapulte, Drindeln und Bögen sich ebenso wehrbereit verhalten!“

Diese Art von Vorsicht war ungewöhnlich für einen Asimielen und fand auch nicht bei jedem seiner Landsleute seine Zustimmung. Zu vieles konnte einem entgehen, wenn man zu wenig wagte. Das er dennoch zum Tolsmoi der Oase Tisma gewählt wurde, lag wohl nur an seiner großen Erfahrung, die schon viele Bände gebundener Krypte im Heiligen Dom füllten. Man bewunderte ihn darum – zumal sie den für einen Asimielen eklatanten Widerspruch zwischen Erfahrung und Vorsicht noch nicht lösen konnten. Genau das aber machte ihn nun wiederum besonders Interessant, denn diese Fragen suchten nach einer Antwort ...

„Wir haben ein gutes Stück geschafft in dieser Nacht, Tolsmoi!“, meinte einer, der gerade eine Kiste über den Boden an ihm vorbei zog. „Wie lange werden wir uns zu diesem Ort verhalten?“

Rhodes antwortete nicht. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er aufmerksam die Weite der Singala und das erstrahlen des Himmels. Er war eigentlich sehr zufrieden. Sie hatten tatsächlich eine erstaunliche Strecke zurückgelegt, weil sie wegen des Sternenhimmels auf die zeitraubende Marschformation verzichten konnten. Es mochte in dieser Nacht gut das Doppelte der Strecke gewesen sein, die sie Tags zuvor geschafft hatten.

Aber die Offenheit der Singala bereitete ihm mehr und mehr Sorgen. Solange sie noch die Grenze dieses unheilen Ortes hinter sich ausmachen konnten, schien sie noch nicht so bedrohlich wie jetzt, wo der Blick in jede Richtung dasselbe Panorama bot. Einzig die Schneise des Pfluges hinter ihnen gab Auskunft darüber, in welcher Richtung ihr Ausgangspunkt lag – und die Sonne natürlich im Ungefähren. Ihr Verhalten erschien hier aber eher trügerisch. Ihr Lauf am Himmel war alles, worauf man sich bei ihr noch beziehen konnte. Hier unten in der Landschaft, die keine mehr war, gab es nichts mehr, woran man sich orientieren konnte. Woran sollte man den Lauf der Sonne prüfen? Was, wenn sie sich gerade jetzt entschied, einen anderen Weg am Himmel zu nehmen? Rhodes kniff die Lippen zusammen, und sein Blick wechselte einen Moment zu dem neben ihm stehenden Wagen. Er durfte nicht zu lange in diese Grenzenlosigkeit hinein starren ...

Zögerlich wagte er einen erneuten Blick in die Singala. Ein Gegner würde in ihr keine Deckung finden – aber sie selbst ebenso wenig ... .und was noch schwerer wog: Sie kannten ihren Gegner nicht! „Den ganzen Tag!“, sagte er endlich – mehr laut denkend, als tatsächlich antwortend. Aber der gefragt hatte, war eh mit seiner Kiste weitergezogen, nachdem die Antwort zu lange ausblieb.

Entschieden wendete Rhodes sich von der Singala ab und der geschäftigen Menge zu. „Holt die Wagen zurück und baut sie so auf, dass sie sich in einem engen Kreis zueinander Verhalten – die Tiere in die Mitte!“

Unmutsäußerungen wurden laut. Niemand konnte mit der Anweisung etwas anfangen, zumal sie ohne den Anblick der Wagen vor ihren Augen, die ihren Blick in die Singala immer wieder unterbrachen, gezwungen waren, ihr vollends den Rücken zuzukehren.

„Grabt euch ein Stück weit vor den Wagen ein – tief genug, dass ihr geduckt darin verschwinden könnt. Eure Schilde sollen sich zu den Gräben verhalten wie schützende Dächer, wenn es nötig wird!“

„Das ist viel Arbeit im Verhältnis zu einer kurzen Rast!“, ereiferte sich einer.

„Sie wird bis zum Untergang der Sonne andauern!“, erwiderte Rhodes ruhig, während seine Augen prüfend über das Lager glitt, ob er auch alles bedacht hatte. „Und nehmt genug Wasser und Proviant von den Wagen und schafft sie in die Gräben. Es wird das Verhalten der Zeit zu unseren Gunsten verändern, wenn es nötig wird!

„Wir sollen uns hier den ganzen Tag aufhalten?“, drang eine ungläubige Stimme zu ihm.

Ja, Salkar!“, bekam der Zweifelnde zur Antwort – laut genug, dass auch die Umstehenden es hören konnten „Das Feuer reicht noch für die nächste – und vielleicht auch noch die übernächste Nacht. Wir werden das günstige Verhalten der Dunkelheit nutzen, solange es uns möglich ist. Die Strecke, die wir darin zurücklegen können, verhält sich zum Tagesmarsch mehr als günstig. Ob wir eine offene Schlacht überstehen können, wissen wir nicht – und wenn wir schon das Verhalten des Gegners nicht kennen, soll der Gegner wenigstens nicht erkennen können, wie wir uns zu ihm verhalten. Leuchtet das ein?“

Es leuchtete ein. Das war es eben, was Rhodes zum Tolsmoi prädestinierte. Seine Gedankengänge waren ungewöhnlich, aber schlüssig. Sie hatten immer etwas, was Wert war, in das Krypt aufgenommen zu werden ...

Unter der hier nur dünnen Schicht feinkörnigen Sandes war der Boden trocken und hart. Es verlangte einiges an Anstrengung, ihm ein Erdloch abzuringen. Der Tag hatte längst begonnen, als endlich nur noch Köpfe und Schultern zu sehen waren – vor sich griffbereit die Schilde, und nah genug um den Graben verteilt, immer wieder aufgebaute Katapulte für die Speere.

Rhodes saß noch eine Zeit mit ein paar seiner Leute auf einem der Wagen, und beobachtete über die Erdlöcher seiner Mannen hinweg die Weiten der Singala – dann kauerten sie sich liegend an die Seitenwände, und schlugen Planen über ihre Körper ...

~*~

Tolsmoi Bork zieht weiter

Die Öde widerte ihn an. Bork spie den kläglichen Rest seines Kaustabes aus, und kramte in seinem Gurtbeutel bereits nach Ersatz.

Aber noch mehr überwog die Faszination dieser Unwirklichkeit. ,Das Allsein selbst mochte so beschaffen sein’, dachte er bei sich, und schob sich den neuen Stab zwischen die Zähne. Der frische Geschmack des Holzes war angenehm, und ließ ihn für einen Moment den trostlosen Anblick vergessen. Er wendete sich ab. „Der verdammte Sand verhält sich nun warm genug unter euren Ärschen – wir brechen auf!“, schnauzte er über die Menge. „Wallan, Mark!“ rief er zu Zweien von ihnen hinüber. „Werft ein Auge auf den verdammten Pflug, ob er sich angemessen verhält!“ Fluchend stelzte er, durch Haufen von Utensilien, die vorher in Säcken verstaut, nun aber mehr oder weniger geordnet den Boden seines Leitwagens bedeckten, über die Pritsche zu dessen Ende.

Die vergangene Nacht war arbeitsreich gewesen. Alles was in Säcke verstaut und nicht Kohlenstaub war, wurde ausgeschüttet, um den so gewonnenen Leinen zur Anfertigung von Staubbomben zu nutzen. Ein Stück der Seitenplanke seines Wagens wurde in einer Weise an den hinteren Teil der Pritsche gezimmert, das sie notdürftig als Pflug dienen konnte. Zu wertvoll war nun der schwarze Staub, um ihn als Wegmarkierung zu verschütten.

Es gab für den Tolsmoi Bork viele Möglichkeiten, was demnächst geschehen konnte – eine von ihnen stand allerdings außer Frage: „Die verdammten ,Geisterreiter’ werden nicht lange auf sich warten lassen!“, rief er in die geschäftige Menge. „Lasst also eure verdammten Krypte sich verhalten, wo sie sind. Ich will das jedes verdammte Auge, das sich im Innern eures Haufens verhält, nach ihnen sucht!“

„Tolsmoi!“

„Was ist?“

Einer seiner Leute drängte sich an seinen Wagen. „ich hatte den Gedanken, dass wir die alte Formation aufgeben sollten. Dieses Verhalten macht uns zu langsam. Wir sollten unser Verhalten den Wagen gegenüber umkehren, und sie nach außen verlegen! Mit einem solchen Verhalten könnten wir eine normale Marschformation einnehmen und die verlorene Zeit wieder aufholen!“

„Ein guter Gedanke!“, nickte Bork anerkennend. „Ich werde ihn in mein verdammtes Krypt aufnehmen – und dann vergessen wir ihn wieder! Die verdammten Fläcks und die Wagen würden uns in ihrem Verhalten die verdammte Sicht nach außen nehmen. Außerdem sind die verdammten Fläcks zu wertvoll, um sie möglicherweise zu verlieren, wenn wir überrascht werden!“

Immerhin, der Gedanke war gut genug, um in das Krypt des Tolsmoi zu gelangen. So trottete denn der Diskutant einigermaßen zufrieden und kopfnickend wieder davon.

Bork trat mit dem Fuß gegen den provisorischen Pflug und grummelte etwas Unverständliches vor sich hin. „Also gut! Ihr wisst, wie es sich zu verhalten gilt. Setzt euch in Bewegung!“, brüllte er endlich, als er sah, dass inzwischen alles auf seinen Plätzen war.

In diesem Moment wurden die ersten Sonnenstrahlen, die über den Horizont blitzten, von seiner spiegelblanken Glatze reflektiert. Seine kompakte, eher etwas untersetzte Erscheinung inmitten der wogenden Menge, wie er da so hoch aufgerichtet mit leuchtendem Kahlkopf auf seinem Leitwagen stand, erweckte die Assoziation eines zu niedrig geratenen Leuchtturms. Er war nicht sonderlich zufrieden – eher Nervös, gespannt, mit einer ordentlichen Portion Missmut. Seine Schulter machte ihm mehr zu schaffen, als er gehofft hatte. Sie schmerzte unter dem engen Verband, und er würde wohl kaum eine Chance haben, an den bevorstehenden Kämpfen teil zu nehmen.

Der Pflug machte seine Sache gut – zumindest vorerst. Die bei den anderen waren eisenbeschlagene, scharfkantige, und speziell gefertigte Hölzer. Wie ein Kiel zogen sie ohne großen Widerstand ihre Schneise in den Boden. Wie lange dieses einfache Brett hier dem bissigen Sand widerstehen konnte, war bestenfalls eine gute Gelegenheit für streitbare Spekulationen in der Truppe – und entbehrliches Holz von den Pritschen war Mangelware ...

~*~

Störung

Kishou saß mit gekreuzten Beinen auf dem großen Tisch ihres Zimmers. Die Hände lagen auf den Knien, und ihre Augen waren geschlossen …

Ihre Sinne waren an jenem Ort, der keiner mehr war, und den der Dompteur regelmäßig aufzusuchen pflegt. Alles Sein schien verschmolzen in einem einzigen und unendlich kleinen Punkt, dessen inneres unermesslich war. Kein Stern störte hier die ewige Nacht, und auch jeder Laut fand hier sein Ende … so zumindest sollte es sein und so war es immer gewesen.

Mit der Langsamkeit unendlich gedehnter Zeit wendete sich ihr Gesicht zur Seite. Ein Ton war zu hören an diesem Ort, der keiner war, und wo es ihn nicht geben konnte … Es war ein sehr dunkler Ton – fast mehr eine Ahnung – doch nicht dunkel genug, um mit der Stille der ewigen Nacht zu verschmelzen.

In wiederum unendlicher Zeit wand sich ihr Gesicht der anderen Seite zu … Doch auch hier war keine Ursache für diesen Ton zu erahnen. Er war überall.

Doch niemand konnte sein an diesem Ort, außer sie selbst – denn dieser Ort war sie selbst ...

Sie entschied, zurückzukehren.

~

Ein gefundenes Fressen

Oh – verzeiht die kleine Unverhältnismäßigkeit meines Auftretens in dieser Zeit …!“ Habadam stand vor dem Tisch, auf dem sie saß, und war etwas bestürzt, als sich Kishous Augen plötzlich weit öffneten. „Ihr seid nicht nur eine Kishou, sondern auch ein Dompteur! Ich bemerkte es bereits bei eurer Ankunft – ihr tragt seinen Bogen …! – ihr seht besorgt aus!“, unterbrach er sich selbst, als er meinte, dergleichen in Kishous Gesicht zu entdecken.

„Nein, nein – es ist nichts!“, reagierte Kishou … „Oder ich weiß nicht … irgendwas stimmt nicht!“

„Oh, das verhält sich normal – vollkommen normal!“, fand Habadam sofort die Erklärung. „Irgend etwas verhält sich immer unstimmig. Ich kenne keine Zeit, in der alles gestimmt hätte – außer der eurigen natürlich. Nein, das Verhalten einer stimmigen Zeit existiert nicht – zumindest ist dies eine Möglichkeit. ... die Wahrscheinlichste, möchte ich mal spekulieren … Natürlich könnte es auch ganz anders sein! Ich würde euch gern diesbezüglich einige Vorschläge unterbreiten, aber die Hebelaner und die gerade Zugereisten können es nicht erwarten, euer Verhalten zu studieren. Sie sind in diesen Zeiten der versiegenden letzten Wasser sehr ausgehungert und von all zu großem Appetit. Man erwartet euch auf der ‚Streitwiese’!“

„Streitwiese?“, wunderte sich Kishou.

„Ja, darin verhält sich der Ort, an dem wir die Stadt zuerst betraten – ihr erinnert euch? Dort pflegt man den Genuss des Streitens – sofern sich noch ein Verhalten findet, über das sich streiten lässt. Meine werten Sippenangehörigen sind bereits dort – es fehlt gewissermaßen nur noch die Hauptmahlzeit!“, freute sich Habadam sichtlich mit blitzenden Augen.

„Genuss des Streitens … Ich bin `ne Hauptmahlzeit …?“ Kishous Gesicht drückte Zweifel aus ...

„Oh – verzeiht die kleine Unverhältnismäßigkeit meiner Worte. Es ist euch ja vielleicht nicht bekannt … Ich dachte es euch schon erklärt zu haben – es wäre ja immerhin möglich gewesen … Nun – das Volk der Asimielenen ernährt sich vornehmlich von Gedanken. Dazu braucht es natürlich immer neuer Verhaltensmöglichkeiten, um solche ernten zu können – wenn ihr versteht. Zumindest verhält es sich so bezüglich ihrer Hauptnahrungsquelle. Es gibt daneben natürlich noch allerlei andere Möglichkeiten!“

„Was es alles gibt …!“ Kishou schüttelte beruhigt, und nunmehr fast schon amüsiert den Kopf.

„Und äh ... nehmt euren Bogen mit!“, bat Habadam noch. „Er erzählt viel von dem Volk der Afeten. Die Asimielenen kennen sie nur noch aus alten Legenden noch älterer Krypte, und euer Verhältnis gegenüber der Legende ist fruchtbarster Boden für vielerlei Gedanken.

„Ich versuch´s, zu verstehen!“, grinste Kishou, stieg vom Tisch und zog mit routinierter Bewegung die Sehne auf den Bogen …

Boorh, Mo und das untere Squatsch saßen Seite an Seite mit gekreuzten Beinen auf einem hölzernen Podest am Rande des Platzes, wie auf einem Sockel aufgestellte Statuen. Davor war das Chaos, dessen akustischer Ausdruck schon von Weitem zu hören war.

Als nun auch noch Kishou dazu kam, war das Chaos komplett. Was auf dem Boden saß erhob sich und drängte nach besserer Sicht, und alles verrenkte sich die Köpfe. Für einen kleinen Moment brach das Stimmengewirr vollkommen in sich zusammen und eine regelrechte Stille trat ein. Die hatte aber nicht einmal die Zeit eines Atemzuges, bevor sich dann, einer starken Brandung gleich, ein kontrastloser Stimmenteppich darüber legte.

Zum Glück konnten sie das Podest, das direkt an der Grenze eines dichten Waldes aufgebaut war, von hinten besteigen.

Kishou fühlte sich nicht besonders wohl, wie sie da so stand und über die tobende Menge blickte. Habadams Ausdruck der ‚Hauptmahlzeit’ schien ihr nun zutreffend – sie hatte durchaus das Gefühl, aufgefressen zu werden.

Auf die einladende Geste Habadams setzte sie sich neben den anderen, und auch Habadam selbst gesellte sich dazu. „Ihr müsst das hiesige Verhalten verzeihen ...! “, rief er Kishou ins Ohr. „Allein das Verhältnis eures Anblick löst in meinem Volk bereits so viele Fragen und Möglichkeiten einer Antwort aus, dass es ein Fest ist, das erst einmal gefeiert werden will – wenn ihr versteht!“ Habadam selbst schien nicht weniger aufgeregt, wie die knisternden Entladungen um ihn herum verrieten. Er gestikulierte mit weit geöffneten Knopfaugen in Richtung der Menge und meinte. „Dergleichen Verhalten hat noch niemand hier erlebt. Es wird eine Zeit dauern, bis die Möglichkeiten der Art eurer Erscheinung erschöpft sind, und sie euch endlich direkt befragen können!“

Die Masse dort unten geriet zunehmend in Bewegung und überall schienen sich kleine und größere Gruppen zu bilden, die sich aber immer wieder auflösten, um sich in neuen zusammenzufinden. Offenbar debattierte man heftig miteinander, während die Blicke der Einzelnen stetig Kishou und die Chemuren aufsuchten. Krypte, wie die Asimielenen diese kleinen Heftchen nannten, wurden zu Hauf irgendwo her herangeschleppt und durchgeblättert, während man irgendwelche Notizen in seine eigenen machte.

„'tschuldigung Habadam ...! “, rief Kishou nach einer langen Weile, in der sich nichts an der Situation änderte, “... wie lange dauert denn das noch. Ich kann nicht die ganze Zeit hier nur so rumsitzen. Ich hab’ noch nicht mal gefrühstückt. Ich hab Hunger und will auch was von der Oase hier sehen!“

Habadam zeigte sich ehrlich betroffen, das er nicht daran gedacht hatte – ‚obwohl doch immerhin eine große Wahrscheinlichkeit für solcherlei Bedürfnisse bestand’, wie er sofort bemerkte. „Kein Asimiele würde diesen Zustand ertragen können!“, gab er dann auch sofort zu. „Aber ein außerordentlich Interessantes Problem, das einer Lösung bedarf. Wenn ihr euch noch eine kleine Zeit in Geduld üben wolltet? Ich denke, es verhält sich da eine gute Möglichkeit einer Lösung in meinem Kopf!“

Mit diesen Worten erhob er sich, und ließ seinen Blick suchend über die Menge gleiten. Dann schien er etwas entdeckt zu haben. Er stieg vom Podest, und wühlte sich mitten durch die Menge hindurch, die ihm freilich überall respektvoll auswich.

Es war für Kishou nicht schwer, seinen Weg zu verfolgen – er überragte mit seiner schlaksigen und außergewöhnlichen Gestalt seine Landsleute fast um die Hälfte – bis er endlich sein Ziel gefunden zu haben schien. Einen Moment später bewegte er sich wieder eine Weile in eine andere Richtung. Jemand lief offenbar vor ihm her – bis er wiederum zum stehen kam. Bald darauf verließen zwei aus der Menge zusammen mit Habadam das Gewühl am rechten Rande des Platzes und verschwanden im Dickicht der Vegetation.

Die von Habadam angekündigte ,kleine Weile’ schien für Kishou nicht enden zu wollen – als er plötzlich neben ihr auftauchte. Ein Asimiele mit rotem Rauschebart und rundlicher Figur schleppte etwas an ihr vorbei, dass Kishous Augenbrauen hochschnellen ließ. Ein anderer, nicht weniger stattlicher Asimiele, mit seitlich zu Zöpfen geflochtenem Haar, in dem sie den Tolsmoi Driesal wiedererkannte, kam gleich hinterdrein und schaute prüfend zwischen Kishou und diesem ‚Etwas“ hin und her.

Die meinte ihren Augen nicht zu trauen. Dieses ,Etwas’, deren Rückseite sie sah, und das nun ein Stück vor ihr abgestellt wurde, war augenscheinlich eine sitzende Figur, geformt aus Ton oder etwas ähnlichem – und die ihr verdammt bekannt vorkam ...

Der sie abgestellt hatte, hantierte nun mit verschiedenen Werkzeugen unter steten kritischen Blicken auf Kishou an der Vorderseite der Figur herum, während der mit den Zöpfen immer wieder unter gleichen kritischen Blicken auf den arbeitenden einredete. Dann schien man endlich zufrieden zu sein. Mit einem breiten Strahlen im Gesicht drehte der Rotbärtige die Figur zu Kishou.

„Sufus hat einen außerordentlichen Sinn für das Verhalten von Proportionen zueinander und deren Erscheinungen!“, rief nun Habadam ihr ins Ohr, nachdem er sich neben sie gesetzt hatte. „Es wird ein paar neue Gedanken in den Köpfen meines Volkes aufwerfen, wenn nun dieses Abbild von euch statt eurer Selbst hier verbleibt, doch sie werden sich schnell auf die Möglichkeit einigen, dass ihr hier nicht so lange mit spärlichstem Verhalten sitzen könnt!"

Kishou schaute fasziniert auf ihr Abbild, dass ihr bis auf’s Haar zu gleichen schien. „Und was ist mit den anderen?“, fragte sie.

„Kein Problem – der Chemure verhält sich nicht zur Zeit!“, beruhigte er sie.

Was auch immer dieser Satz bedeuten sollte – Mo, Boorh und das Untere Squatsch saßen da, wie eingefroren. Sie waren in jene seltsame Starre verfallen, die für Kishou aus hundertfacher Erfahrung längst schon selbstverständlich war. Insofern brauchte es keiner weiteren Erklärung von Habadam ...

Das für Kishou seltsame Gebaren der Asimielenen hatte durchaus auch ein Gutes. Die Oase war nun wie ausgestorben, und Kishou konnte unter der Begleitung Habadams nach einem ausgiebigen Frühstück ungestört den Ort erkunden.

Er erinnerte mit seinen vielen Türmen und Zinnen zuweilen an Ephral, der Heimstatt Mos in der Zweiten Ebene des Zweiten Tals des Zweiten Droms. Was sich dort aber auf einen zentralen Ort der Oase konzentrierte, war hier gewissermaßen verstreut in alle Winde. Überall tauchten im dichten Buschwerk stattliche Besiedlungen auf, mit eng verschachtelten Gassen und zuweilen erstaunlich hoch gebauten Häusern.

Zu ebener Erde konnte man immer wieder durch große, offene Fenster in die Behausungen hineinsehen. Schilder mit Zeichen und Symbolen waren darüber angebracht. In zumeist ausladenden Räumen waren vor allem hohe, mit Krypten vollgepackte Regale zu sehen – in anderen Räumen immer paarweise zusammengestellte Gegenstände, wie Kugeln und Würfel, kleine Figuren von Asimielenen, gepaart mit allerlei Gegenständen, wie Steine, Baumnachbildungen und noch unüberschaubar mehr an anderem, zuweilen seltsamen und schwer zu deutenden Gegenständen.

„Das Verhalten Hebelas ist bekannt in der Dritten Ebene des Dritten Tals des Dritten Doms für seine vielen guten Geschäfte!“, referierte Habadam mit weit ausladenden Bewegungen. „Deshalb ist Hebela immer gut besucht von Auswärtigen. Dort drüben zum Beispiel: ,Gundels gedankliche Raritäten’ – sehr gefragt – oder dort!“, er wies mit seinem knorrige Stab auf ein nur ein paar Häuser weiter gelegenes Geschäft: ,Gedanken zum Vorgang des Denkens’. Oder auch hier ...! “ er blickte in das offene große Fenster des Ladens, an dem sie gerade vorübergingen: ,Rüdis Gedankenspiele – Verhalten aller Art’! Ihr werdet in Hebela viele hervorragende Geschäfte finden, wo es sich wahrlich lohnt, seine Gedanken zu tauschen!“, stellte er nicht ohne Stolz fest.

Kishou unterdrückte ihre Befremdung um den scheinbaren Kult von Gedanken. Immerhin wusste sie ja von Habadam, dass der Gedanke für die Asimielenen die Hauptnahrungsquelle darstellte – was für sie schon unverständlich genug war.

Mit einiger Verwunderung bemerkte sie dann irgendwann, dass sie nirgendwo eine Tür fand – oder auch nur eine Fensterscheibe?! Anfänglich dachte sie noch, dass alle Türen und Fenster gerade offen ständen – was schon seltsam genug wäre – aber letztlich musste sie feststellen, dass es sie tatsächlich nicht gab!?

„Der geschlossene Raum kann sich nicht angemessen Verhalten, um seinen Atem zu erneuern!“, erklärte ihr Habadam sofort auf ihre Frage. „Das Verhalten der Winde des Großen Belfelland muß jeden Winkel erreichen können. Es verhält sich wie mit eurem Kopf!“, fügte er sogleich hinzu. „Würdet ihr ihn verschließen, so kämmen keine neuen Gedanken mehr hinein. Wie auch die Winde in einem geschlossenen Raum ohne frischen Atem bald schon von üblem Geruch wäre, so würde sich wohl auch bald der Schimmel über eure Gedanken legen!“

„’n witziges Bild!“, grinste Kishou. „Aber ich mach’ die Türen trotzdem ganz gern mal zu – sonst bekommt man ja niemals Ordnung rein, wenn immer wieder was neues von draußen reinkommt!“, relativierte sie mit ironischem Unterton.

„Ein erstaunlicher Gedanke!“, stellte Habadam überrascht fest. Er war stehengeblieben und strich nachdenklich und mit hochgezogenen Augenbrauen durch seinen langen, weißen Bart ... Die Ironie Kishous war im wohl entgangen „Madame KA meinte auch einmal etwas in dieser Art – wenn ich mich recht erinnere ... Ihr erlaubt, dass ich euren Gedanken in Besitz nehme, um nach Möglichkeiten eines Irrtums eurerseits zu forschen – obgleich ihr es seid, die diesen Gedanken formte! ... Verzeiht diese möglicherweise kleine Unverhältnismäßigkeit euren Gedanken gegenüber!“ Mit diesen Worten setzte er sich wieder in Bewegung.

Als sie gegen Abend zur Heimstatt Habadams zurückkehrten, und der sich für diesen Tag verabschiedete, um mit einigen Fackeln bewaffnet zum ‚Streitplatz zurückzukehren, kletterte Kishou geschickt in einen der Turkelbäume hinein, die sie Tags zuvor vom Balkon des Hauses aus bemerkt hatte, und machte es sich auf einer starken Astgabel bequem. In dem berauschenden Funkeln seiner Blätter, die gleich einem nicht enden wollenden farbigen Feuerwerk die Abendsonne um sie herum reflektierte, ließ sie den Gedanken ihren Lauf.

Einen Moment lang überlegte sie auch, ob sie nicht doch zum ‚Streitplatz’ gehen sollte …

Die Hände auf ihrem kleinen Bäuchlein abgelegt, wäre sie fast dort oben eingeschlafen ...

~*~

Wandlungen der Hyndriden

Tolsmoi?“

„ja!“

„Bemisst du den Vogel da oben?

„Schon eine gute Zeit!“

Sein Verhalten ist ungewöhnlich – was hältst Du davon?“ Der Gefährte des Tolsmoi Rhodes flüsterte fast, als könnte es hier irgendwo unwillkommene Lauscher geben.

Während der gesamte Trupp, eingegraben im Sand, verborgen unter ihren Schildern hockten, lagen der Tolsmoi Rhodes und drei seiner Leute auf einem der Wagen unter Planen und Säcken versteckt, und beobachteten durch die schmale Ritzen zwischen den Stößen der Seitenwände die Singala in allen Richtungen.

„Tolsmoi?“, war noch einmal die Stimme des Fragenden zu hören – nun etwas lauter, weil Rhodes nicht antwortete, und er meinte, dass Rhodes ihn nicht gehört hatte.

„Interessant!“, war nun endlich dessen knappe Antwort. Rhodes war wohl selbst noch zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, als das er darauf eingehen wollte.

Vögel waren im Land der Asimielenen nichts ungewöhnliches – was jedoch, wie dem Trupp längst schon aufgefallen war, nicht für die Singala galt. Dieser verwunschene Ort wurde ohne Zweifel von den Kreaturen des Droms gemieden. Nichts Lebendiges war ihnen hier bisher begegnet – nicht einmal Spuren davon.

Der Vogel dort oben war entweder nicht besonders groß, oder er war sehr weit entfernt. Gegen das strahlende Blau des Himmels war nicht mehr zu erkennen, als dass es sich eben um einen Vogel handelte. Lediglich sein auftauchen über der Singala – und noch mehr die Tatsache, dass er sich scheinbar für die Lagernden interessierte – warf Fragen auf. Schon eine geraume Zeit schwebte er dort oben in einer weiten Kreisbewegung über ihnen.

„Vielleicht ist es ein Hyndride – ein Späher vielleicht!“, raunte es wieder mit gepresster Stimme unter einer der Planen hervor.

„Vielleicht!“, war wieder nur die knappe und ungedämpfte Antwort Rhodes.

Der Tag war schon um einiges fortgeschritten, und die Sonne stand hoch am Himmel. Die seltsame Erscheinung dort Oben mochte für den einzelnen Asimielen ein höchst willkommenes Ereignis sein. Allein der Umstand, dass sie sich in ihren separaten Löchern hockend nicht darüber austauschen konnten, durfte die Erregung um einiges gedämpft haben. Da sie aus ihren Verstecken heraus bestenfalls den Himmel betrachten konnten, war es wohl mehr als wahrscheinlich, dass sie alle das Phänomen da oben längst bemerkt hatten.

„Er verhält sich sehr ruhig dort oben. Wir könnten versuchen, ihn ...”

„Vergiss es!“, war die klare Botschaft Rhodes an den zu erwartenden Vorschlag, „Wenn es ein Hyndride ist, und er Klarheit über unser Verhalten hier unten haben würde, wäre er längst nicht mehr da. Wenn wir uns aber offen zu ihm Verhalten, und ihn anschließend nicht mit Sicherheit daran hindern können, zu entkommen, haben wir unseren Vorteil verspielt!“

Der Logik konnte sich niemand entziehen, und so wäre wohl wieder eine gespannte Stille eingetreten, wenn sich nicht gerade in diesem Moment die Situation geändert hätte ...

„Er zieht ab!“ rief der, dessen Stimme bislang bemüht war, bestenfalls bis zum Tolsmoi zu gelangen. Es war wohl die Überraschung.

„Ich sehe sein Verhalten!“, antwortete Rhodos ruhig. „Es ist die Richtung, aus der wir kommen. Wenn es ein Späher war, dann dürfen wir die Hyndriden wohl hinter uns erwarten. Lasst also die Krypte in den Taschen und haltet die Augen offen!“

Man rückte sich unter den Planen und Säcken zurecht, um einen guten Blick nach hinten zu haben. Da ihr Wagen mit dem Pflug den hinteren Teil der Formation bildete, und wegen des Pfluges die Rückwand hier fehlte, hatten sie die beste Sicht nach hinten, die sie sich nur wünschen konnten. Die Hyndriden hatten somit immerhin nicht die geringste Chance einer Überraschung ... Zumindest wenn die Annahme zutraf, dass der Vogel ein Späher der Hyndriden war – und dass er nun zu denen zurückkehrte, die seinen Bericht erwarteten ...

Ein fast unmerkliches Rauschen und das entfernte vereinzelte Schlagen von schweren Flügeln ließen Rhodes aufhorchen. Seine Augen suchten unruhig den Himmel ab, aber es war nichts zu sehen. Die Geräusche kamen zweifellos näher, ohne dass sich in ihrem Himmelsausschnitt etwas zeigte. Irritiert schob er die Plane von seinem Kopf und suchte in allen Richtungen. Eigentlich genügte bereits die erste Kopfdrehung, um die Herkunft der Geräusche vor den Augen zu haben.

Für einen Moment verfluchte er sich, wie er so dumm sein konnte, der einfachsten Logik des vorher beobachteten Vogelverhaltens gefolgt zu sein, um auf dessen simple List der falschen Fährtenlegung herein zu fallen ...

Wenn er genügend Zeit gehabt hätte, wäre ihm vielleicht klar geworden, dass seine jetzige Schlussfolgerung nicht weniger falsch sein musste, denn der zeitliche Abstand zwischen dem Abdrehen des ersten Vogels und dem nun folgenden Angriff war viel zu kurz für einen so riesigen Umweg des Spähers. Es war bestenfalls die Zeit, die eine Flucht vor denen benötigte, die nun den Himmel belebten.

Ein großer Schwarm riesiger fliegender und echsenartiger Kreaturen stürzte mit weit geöffneten Rachen und zum greifen bereite mächtige Klauen aus großer Höhe auf sie herab. Selbst Rhodos wäre beinahe der Faszination dieses Anblicks erlegen. Es war wohl nur sein hohes Alter und die Erfahrung, die ihn daran hinderte, lediglich gebannt in den Himmel zu starren.

Es war ihm auch sofort klar, dass jeder von denen, die in den Löchern kauerten, den Angriff schon viel länger verfolgt haben mussten, da sie ja aus ihrer Position nichts anderes als den Himmel sehen konnten. Niemanden von ihnen würde also die nun folgende einzig mögliche Anweisung ihres Tolsmois überraschen – sie konnten nur darauf warten ...

„Die Katapulte!“ Rhodos war mit einem Satz aufgesprungen und brüllte in die Singala hinein. Im selben Moment schon sprang er von der Pritsche. „Unter die Wagen!“, rief er dabei den Gefährten zu, weil er sich nun zu erkennen gegeben hatte, und es auf dem Wagen keine Deckung mehr für sie gab.

Die Schilde rutschten zur Seite, und wie eine Herde aufgescheuchter Maulwürfe sprangen die Asimielenen aus ihren Löchern, um im nächsten Moment an den bereitstehenden Katapulten das Ziel aufzunehmen. Die Hyndriden würden nun wohl feststellen müssen, dass ihr Überraschungsangriff aus der Luft keine sonderliche Überraschung für ihr Ziel war. Sie hatten sich gut vorbereitet ...

Asimielenen waren außergewöhnliche Schützen. Es mochte mit ihrer seltsamen Affinität gegenüber Verhältnismäßigkeiten zusammenhängen. Die Bewegungen von Flugbahnen und das Maß ihres Verhaltens bezogen auf ein Ziel, waren ihnen von daher wohl gewissermaßen in die Wiege gelegt – entsprechend entlud sich im nächsten Moment ein Inferno am Himmel. Dutzende dieser Kreaturen taumelten getroffen, überschlugen sich, und krachten irgendwo in den harten Boden. Nur wenigen von ihnen gelang es, mit der Wucht ihrer Greifer, Verteidiger und Stellungen hinwegzufegen, um darauf sofort ihr Heil in der Flucht vor heranrasenden Drindeln und Pfeilen zu suchen. Der Wagen, unter dem Rhodes Schutz gesucht hatte, wurde samt den Fläcks von einem der Angreifer ein Stück weit in die Luft gerissen und wieder fallen gelassen. Das Monster hatte aber nicht mehr die Zeit sich um die nunmehr freigelegten zu kümmern. Mit vier Speeren im Leib stieg er taumelnd und brüllend in den Himmel auf, um plötzlich wie ein Stein herabzufallen.

Es war ein kurzer Kampf, in dem sich zudem die schwerfälligen Körper der Hyndriden mit ihren großen Schwingen gegenseitig behinderten. Angreifer und flüchtende kollidierten immer wieder in der Luft, und rissen sich gegenseitig zu Boden. und es war letztlich ein weiterer Triumph des alten Tolsmoi Rhodes, der einmal mehr vorführte, wie man ein solches stolzes Alter erreichte.

Aber es war auch nicht die Zeit, Triumphe zu genießen. Die schwer getroffene und leidlich dezimierte Horde der Hyndriden suchte ihr Heil in der Flucht, doch keiner der Asimielenen würde ernsthaft die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass damit der Kampf beendet war.

„Sammelt die Krypte derer, die im Allsein sind!“, rief Rhodes über den Kampfplatz. „Einige von euch sammeln die Speere, Pfeile und Drindeln aus den Körpern der Hyndriden, die dem Verhalten eines Kampfes noch genügen. Und wo sich unter den Hyndriden noch eine Zeit in den Körpern zu der euren Verhält, zeigt ihnen das Allsein!“

Im letzten Satz schwang eine für Rhodes ungewohnte Verachtung mit. Er mochte diese tumben Hyndriden nicht, obwohl er ihnen doch immerhin eine guten Teil seines Ruhmes verdankte. Aber Kreaturen, die lediglich durch körperliche Gewalt brillierten – und sei sie noch so interessant in ihren Spielarten – waren ihm einfach zuwider. „Und vergesst nicht, streng auf das Verhalten eurer Augen zu achten – es soll immer etwas zwischen euch und der Singala sein!“, befahl er weiter. „Alle anderen werden die Wagen zusammenstellen, das sie sich ringförmig zueinander verhalten! Bedeckt eure Gräben wieder mit den Schilden, wie es sich vorher verhielt, und platziert die Katapulte um den Wagenring – Alle anderen Besonderen Apparate zur Abwehr sollen im Innern bei den Wagen liegen. ihr selbst grabt euch im Hof des Wagenrings liegend ein und bedeckt eure Körper mit dem Sand der Singala. Nichts von euch soll sich mehr zu ihr Verhalten!“

Die unruhigen, zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen Rhodes verrieten die Spannung in seinem Gesicht, die sein voluminöser Bart sonst versteckt hätte. „Und geht davon aus, das sich die Zeit verdammt klein zum nächsten Angriff der Hyndriden verhalten wird!“, setzte er noch einmal lautstark nach.

„Sollen wir darum streiten, was du mit all dem bezweckst? ...”, sprach ihn einer an, “... oder wirst du uns dein Verhalten erklären?

„Meinst du, es wäre jetzt eine Zeit des Streites oder irgendwelcher Erklärungen?“, erwiderte Rhodos in einer wohl eher suggestiven Gegenfrage und dem entsprechenden Blick.

„Nein Tolsmoi!“, hielt der dem Blick seines Anführers stand. „Aber was geschieht mit den Fläcks? – so wie es sich verhalten wird, sind sie ungeschützt!“

„Ja – du hast recht.“, bekannte Rhodes, während seine Augen die sich bereits herauskristallisierende Wagenburg aufsuchten. „Ich denke, dass Verhältnis der Zeit zum nächsten Angriff bietet keine Möglichkeit, die Tiere noch auszuspannen. Und wo sollten sie hin? Das Verhalten der Wagen zueinander müsste noch enger sein – was aber den Hof noch mehr verkleinern würde. Es verhält sich schon bereits jetzt kaum genügend Platz darin!“ Sein Blick suchte wieder sein Gegenüber. „Siehst du die Möglichkeit eines angemessenen Verhaltens das Problem zu lösen – innerhalb des bestehenden Zeitverhältnisses?

„Der Angesprochene schüttelte nachdenklich den Kopf. „Nein – nicht im Verhältnis der Zeit!“.

Rhodes nickte. „Dann geh' an die Arbeit!“, sagte er nur.

Sein Gegenüber nickte ebenfalls, wendete sich um, und verließ Rhodes im Laufschritt.

Jeder Kopf hier suchte wohl nach einer Erklärung für Rhodes Entscheidungen, aber es war in diesem Moment tatsächlich keine Gelegenheit, gemeinsam danach zu suchen.

Dieses Problem war aber zum Glück nicht sehr groß, weil die letzten Geschehnisse eindeutig für Rhodes sprachen. Und tatsächlich zeigte sich einmal mehr dessen Entscheidung fast wie mit den Hyndriden abgesprochen. Die letzten seiner Truppe, die damit beschäftigt waren, die Gefährten mit Sand zu bedecken, gruben sich gerade selbst ein, als Rhodes auf seinem Wagen, wieder versteckt unter einer Plane, durch die Anstöße der Seitenbretter die Staubfahne sichtete, aus der sich schon bald schwarze Punkte herausschälten. Ein erneuter Angriff stand offenbar kurz bevor.

„Sie kommen!“, rief er laut ins Innere der Wagenburg. „Und wie es scheint, dieses mal ganz normal auf ebener Erde mit Reittieren – haltet euch bereit auf mein Zeichen die Katapulte und sonstigen Besonderen Apparate zu besetzen!“

Das war offenbar der Grund, warum Rhodes die Strategie seiner Verteidigung verändert hatte. Nach dem für die Hyndriden erfahrenen Debakel, war kaum damit zu rechnen, dass sie es noch einmal auf die gleiche Weise versuchen würden. Er wusste nicht, wie ihr erneuter Angriff aussehen würde, aber sie sollten wohl annehmen, dieselbe Situation vorzufinden, wie beim ersten Mal mit seinen Streitern unter den Schilden vor der Wagenburg im Sand. Das die Hyndriden auf gewöhnliche Weise, also auf Reittieren daherkamen, enttäuschte ihn fast – bestätigte in ihm aber auch wieder einmal deren offenbare Tumbheit. Für dieses Auftreten hätte es den ganzen Aufwand kaum bedurft.

Die Hyndriden kamen auf ihren Tieren schnell näher, und Rhodes erwartete den kurz bevorstehenden Augenblick, indem sie in die Reichweite ihrer Wurfgeschosse kommen würden. Nur noch wenige Momente, und er würde den Beginn des Kampfes ausrufen ...

Doch dieser Moment blieb ihm versagt.

Bevor die Hyndriden noch die Grenze der Reichweite der Katapulte überschritten, stoppten sie plötzlich ihren Galopp. Die Entfernung war noch immer zu groß, um genau zu erkennen, was dort vor sich ging. Unverkennbar war jedoch, dass sie von ihren Reittieren abstiegen, und sich zusammenrotteten.

Es sah im ersten Moment für Rhodes aus, als wollten sie zu Fuß aufmarschieren. Irritierend war dabei jedoch, dass keinerlei Schilde zu erkennen waren – und ein Angriff in vollkommen offenem Felde, ohne jede Schutzmaßnahme ... soviel Dummheit wollte er nicht einmal den Hyndriden zutrauen.

Mit recht, wie sich gleich darauf abzeichnete.

Was Rhodes Augen wahrzunehmen meinten, schien zu verrückt, als das es tatsächlich wahr sein konnte, aber eine andere Möglichkeit der Interpretation dessen, was er meinte zu sehen, fand er nicht ... Die Körper der Hyndriden wurden undeutlich – ihre Farbe glich sich offenbar der Umgebung an. Sie waren bald nicht mehr zu unterscheiden von dem eintönigen dunkelgelb des allgegenwärtigen Sandes, der die gesamte Singala auszeichnete. Doch das war nur der Anfang – dann begannen sie irgendwie langsam zu zerbröckeln ...

Sie vielen nach und nach auseinander – in sich zusammen. Rhodes Kopf versuchte zu erfassen, was da vor sich ging. Er hat in seiner Zeit schon einige Erfahrungen mit den Hyndriden ansammeln können - aber das hier ließ sich nirgends zuordnen.

Hyndriden konnten in jeder beliebigen Form auftreten, wenn es nur ihrer Masse entsprach, dass war allgemeines Wissen, und nichts, was verwundern konnte – aber es waren hier keine Zusammenhänge ihres Tuns zu erkennen. Warum erst hier diese Wandlung? Was überhaupt für eine Wandlung – in was? Ein großer Haufen Sand, so schien es letztlich, war alles, was von ihnen übrig war …

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9783754155530
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