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Mia C. Brunner
Mordsklamm
Allgäu-Krimi

Zum Buch
Bierselig tot Die Brauerei »Baschtl-Bräu« nahe der Starzlachklamm läuft gut, bis der Braumeister am Morgen des 10-jährigen Jubiläumsfestes der Brauerei im Sudkessel eine Leiche entdeckt. Hauptkommissar Florian Forster, der zufällig Gast auf dem Fest ist, übernimmt die Ermittlungen. Wer ist der Tote? Und warum fehlt ihm ein Fuß? Ist der Konkurrenzkampf zwischen den Allgäuer Brauereien wirklich so groß, dass deshalb ein Mensch sterben musste? Auch die Suche nach dem verschwundenen Körperteil stellt den Allgäuer Hauptkommissar vor ein scheinbar unlösbares Problem. Florian Forster ermittelt in alle Richtungen, findet aber weder den fehlenden Fuß noch ein Motiv. Erst als ein zweiter Mord geschieht, begreift er schließlich die Zusammenhänge, die viel weitreichender sind, als anfangs vermutet. Er kommt dem skrupellosen Täter immer näher und gerät schließlich selbst in tödliche Gefahr.
Mia C. Brunner wurde in Wedel in der Nähe von Hamburg geboren. Seit 15 Jahren lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im Allgäu. Waren es früher nur Kurzgeschichten, die sie für ihre Kinder schrieb, machte sie später ihre ersten Krimierfahrungen mit selbstverfassten Dinnerkrimis, in denen sie ihre Faszination fürs Schreiben und ihre Leidenschaft fürs Kochen verbinden konnte. Nach »Schattenklamm«, »Schonfrist« und »Tödliche Klamm« ist »Mordsklamm« ihr vierter Allgäu-Krimi im Gmeiner-Verlag.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
Lektorat: Christine Braun
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Sascha / stock.adobe.com
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-8392-6572-7
1
Der helle Schein des Vollmondes fiel durch das große Dachfenster auf den frisch polierten Edelstahl, ließ die silbernen Flächen hell aufleuchten und warf mattes Licht in die mitternächtliche Dunkelheit.
Es war fast unerträglich heiß in dem kleinen Nebenraum des großen Gebäudes, in dem sich trotz der geöffneten Fenster die Hitze hielt wie in einer alten Nachtspeicherheizung. Die sommerlichen Rekordtemperaturen hatten Süddeutschland seit ein paar Tagen fest im Griff. Selbst jetzt – Stunden nach dem Sonnenuntergang – war kaum Abkühlung zu spüren.
Hier im Sudhaus der Brauerei, in dem den ganzen Tag über die kochenden Kessel den Bereich in eine Sauna verwandelt hatten, war es besonders schlimm. Der Schweiß lief einem in Rinnsalen von der Stirn, obwohl man sich kaum bewegte. Es nützte überhaupt nichts, sich das feuchte Gesicht mit den Unterarmen abzuwischen. Auch der Rest des Körpers war schweißnass. Die Haare tropften, als wäre man frisch aus der Dusche gekommen. Das T-Shirt klebte am Oberkörper wie eine zweite Haut. Eine Haut, die unangenehm war und aus der man schnell herauswollte.
Die Brauerei lief seit Jahren hervorragend. Von Beginn an konnten der Bierabsatz und die Gewinne stetig und deutlich gesteigert werden. Der kleine Betrieb hatte sich durch besondere und ausgefallene Biere sowie jährliche Brauereifeste in der Region mehr und mehr einen Namen gemacht und sich unter all den größeren und viel älteren Traditionsbetrieben immer besser behauptet. Die Nische, die er inzwischen wirtschaftlich füllte, reichte, um sich zu vergrößern. Aus diesem Grund war der Betrieb vor einem guten Jahr umgezogen. Hier, in dem viel größeren Gebäude, konnte nicht nur die Bierproduktion, sondern auch der Absatzmarkt gesteigert werden. Die Umgebung mit den vielen Gastwirtschaften im nahen Umkreis bot die Chance, noch erfolgreicher zu werden.
Die Brauerei befand sich jetzt in dem ehemaligen Stallgebäude eines alten Bauernhofes in der Nähe der Starzlachklamm im touristisch sehr beliebten Oberallgäu. Sonthofen, Hindelang, Rettenberg und Blaichach waren nur wenige Kilometer entfernt. Der Grünten, der Wächter des Allgäus, der direkt hinter der Brauerei in den Himmel ragte, war wie die umliegenden Orte selbst ein beliebtes Ausflugsziel.
In diesem neuen und funktionalen Betrieb war alles hochmodern. Alle Sud- und Reinigungsprogramme liefen computergesteuert, die Buchhaltung war dank der Software um einiges leichter und mit viel weniger Personal zu bewerkstelligen.
Aus diesem Grund müsste heute eigentlich niemand im Betrieb sein, obwohl der große Sud für das Sommerfest in drei Wochen anstand.
Das zehnjährige Brauereijubiläum in diesem Jahr sollte mit einem ganz besonderen Bier gefeiert werden. Mit einem Bier gebraut zur Sommersonnenwende, und die war heute. Dass außerdem auch der Vollmond am Himmel stand, machte das Bier noch edler. Mit diesen Argumenten würde jede einzelne Flasche zu etwas Ausgefallenem werden und mit Sicherheit reißenden Absatz finden. Die ersten Vorbestellungen waren schon vor Wochen eingegangen. Vor zwei Tagen kamen die Etiketten für diese spezielle Abfüllung von der Druckerei. Jetzt musste nur noch der Sud gelingen, aber da würde es sicher keine Schwierigkeiten geben. Auch der heutige Vorfall würde dem Erfolg dieses Bieres nicht im Wege stehen. Im Gegenteil. Alles lief bisher perfekt, dank der elektronischen Programmierung.
Obwohl alle Prozesse von Maschinen gesteuert wurden und ein Computerprogramm den gesamten Sud ausführte, musste man dennoch manchmal manuell in die Bierherstellung eingreifen. Zum Beispiel dann, wenn dem fast fertigen Gebräu ganz besondere Zutaten beigegeben werden sollten, die das Bier noch ein Quäntchen besser und wertvoller machten.
Der Mann in dem dunkelblauen T-Shirt, das ein Logo der Brauerei auf Brust und Rücken zierte, öffnete das Mannloch am Sudkessel, klappte den runden Deckel weit zur Seite und trat einen Schritt zurück, als heiße Dampfschwaden aus der Öffnung strömten und den Raum in einen nebligen und noch heißeren Hexenkessel verwandelten. Dann hob er den schweren nackten Körper an, der vor seinen Füßen lag, schob ihn Kopf voraus über die Kante und ließ ihn hineingleiten in die warme Maische. Das rotierende Rührwerk und die zischenden Heizkessel im Nebenraum übertönten das platschende Gluckern, als der Körper in die breiige Flüssigkeit tauchte. Lautes Rufen oder Hilfeschreie wären vermutlich ebenfalls in den Umgebungsgeräuschen untergegangen. Doch dazu war es gar nicht gekommen. Er hatte das Überraschungsmoment ausgenutzt, hatte einfach von hinten zugeschlagen, und sein Gegner war umgefallen wie ein schwerer Malzsack.
Da alte Schmutzwäsche nicht in ein frisches Bier gehörte, hatte er sein Opfer entkleidet. Das war unangenehm, aber notwendig.
Ob er letztendlich einen toten oder nur einen bewusstlosen Mann in die Maischepfanne geworfen hatte, wusste er nicht. Doch das machte keinen Unterschied. Jetzt war er auf jeden Fall tot. Und in ein paar Stunden würde er auch noch gut durchgegart sein, wenn der Treber ausgesiebt und die 80 Grad heiße Würze in diesem Gefäß zwei Stunden gekocht hatte.
Was wohl von einem menschlichen Körper übrig bleibt nach dem Kochvorgang und der anschließenden Reinigung mit hochprozentiger heißer Lauge?
Vermutlich nicht sehr viel.
Er schloss zufrieden lächelnd die Luke, drehte den großen Schraubverschluss am Mannloch fest zu und sah noch einmal durch die Glasscheibe in die heiße Maische. Dampfschwaden stiegen auf und bildeten einen dichten, undurchdringbaren Nebel im Gefäß.
Schade. Der Körper war nicht zu sehen.
Vielleicht war er inzwischen untergegangen, vielleicht war er bereits ins Rührwerk geraten. Wer konnte das wissen.
Also hob er die Eisenstange auf, an der Blut und Haare klebten, warf sie zu den anderen Edelstahlteilen in die große, mit Desinfektionsmittel gefüllte Wanne neben der Tür zum Kesselraum und verschüttete großzügig einen laugehaltigen Reiniger auf dem gesamten Boden des Sudhauses. Griffe, Hebel und Glasscheibe polierte er mit einem feuchten Tuch. Dann kontrollierte er zum letzten Mal den Verlauf des Sudprozesses am Computer, quittierte die Störmeldung weg, die sein manueller Eingriff in den Brauprozess ausgelöst hatte, schnappte sich die Kleidung seines Opfers und verließ schließlich zufrieden lächelnd die Brauerei.
Jetzt würde endlich alles besser werden.
Jetzt brach eine andere Zeit an.
Jetzt hatte er endlich das Leben, das ihm schon immer zustand.
Alles lief wieder in geordneten Bahnen.
2
»Ich habe dir doch gleich gesagt, ich gehöre nicht hierher«, bemerkte Paula mürrisch und fächerte sich mit dem kleinen Programmheft etwas Luft zu. Die Temperaturen waren heute fast unerträglich. Die Sonne schien – genau wie in den letzten fünf Tagen – unerbittlich vom wolkenlosen Himmel. Draußen zeigte das Thermometer fast 34 Grad an. Hier drinnen war es nur unwesentlich kühler.
»Alle starren mich an«, jammerte Paula. »Ich sehe einfach nicht aus wie eine dieser Mütter, die zum Jahresabschlussfest ihres Kindes geht. Ich gehöre nicht dazu.«
Jessica sah ihre Freundin zweifelnd an. »Könnte auch daran liegen, dass der Ausschnitt deines Sommerkleids fast bis zum Bauchnabel reicht. Hättest du nicht ausnahmsweise etwas Sittsameres anziehen können? Immerhin ist das hier eine Grundschulveranstaltung und keine Speeddating-Show.«
»Aber dort hätte ich mit diesem Outfit sicher alle Typen bekommen, oder?«, lachte Paula und zwinkerte dem Mann eines entgegenkommenden Elternpaares ungeniert zu, der seinen Blick nicht von ihr lassen konnte, bis er von seiner Frau einen deftigen Hieb mit dem Ellenbogen in die Seite bekam. »Außerdem ist es verdammt heiß heute, da muss man so viel Haut zeigen wie möglich.« Ohne die Menschen in ihrer Umgebung zu beachten, fächerte sich Paula mit dem Programmheft der Theateraufführung wieder hektisch Luft zu, warf den Kopf zurück und seufzte zufrieden. »Ja, das tut gut.«
Einige der umstehenden Gäste schauten etwas pikiert zu Paula hinüber. Eine ältere Lehrerin rümpfte missmutig die Nase und sah Jessicas Freundin tadelnd an.
»Hoffentlich kommt Florian ausnahmsweise einmal rechtzeitig«, sagte Jessica jetzt mehr zu sich selbst. Sie sah sich suchend um. »Svenja hat sich so gewünscht, dass auch er ihren Auftritt sieht. Sie wäre sehr enttäuscht, wenn er es nicht schafft.«
Es war Svenjas letztes Jahr auf der Gustav-Stresemann-Grundschule. Nach den Sommerferien würde sie das Gymnasium besuchen und ihr kleiner Bruder Tobias nach mehreren Jahren im Kindergarten hier in dieser Grundschule eingeschult werden.
Wie die Zeit verging.
Jetzt lebten sie alle schon drei Jahre im Allgäu. Aber waren sie wirklich hier angekommen? Für Svenja und Tobias – die zwei Kinder ihrer Schwester Susanne, die bei Jessica lebten – konnte sie die Frage eindeutig beantworten. Die beiden liebten Kempten, hatten viele Freunde gefunden und erinnerten sich kaum an ihr altes Leben in Hamburg. Jessica selbst allerdings vermisste ihre alte Heimat und ertappte sich in letzter Zeit immer häufiger bei dem Gedanken, wieder in den Norden zu ziehen. Zum Schulwechsel beziehungsweise Schuleintritt der Kinder wäre es eigentlich ideal. Wer weiß, wann es einen ähnlich perfekten Zeitpunkt geben würde.
»Hi, Jessy.« Florian stand plötzlich hinter den beiden Frauen und legte den Arm um die Schultern seiner Freundin. »Hi, Paula. Himmelherrgott, Paula«, jetzt lachte er laut. »Bei deinem Anblick fällt es verdammt schwer, dir anständig in die Augen zu schauen.«
»Danke für diese netten Worte«, trällerte Paula fröhlich. »Ich glaube, ich passe doch ganz gut hierher. Ich mische das prüde Pack ein bisschen auf. Dieses stocksteife Gehabe tut niemandem gut.« Sie drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in der Menschenmenge vor dem großen Buffet.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«, wandte sich Florian an Jessica. Diese antwortete nicht, und Florian spürte ein leichtes Unbehagen bei ihr. Deshalb hakte er vorerst nicht nach, sondern fragte stattdessen: »Wo sind die Kinder?«
»Svenja ist hinter der Bühne und zieht sich für die Vorstellung um, Tobi ist mit meinem Vater draußen auf dem Schulhof.«
Florian sah sie durchdringend an. »Irgendetwas ist mit dir.«
»So ein Quatsch«, winkte Jessica gespielt fröhlich ab. »Svenja wird sich freuen, dass du es noch zu ihrer Aufführung geschafft hast. Wie war der Vortrag?«
»Ich hab es überstanden«, sagte Florian und rieb sich den Nacken. »Ich glaube immer noch nicht daran, dass diese Präventionsveranstaltungen irgendetwas bringen.«
Warum ausgerechnet er den Infovormittag in der 9. Klasse der Hauptschule leiten musste, war ihm ein Rätsel. Normalerweise wurden ältere Kollegen oder pensionierte Beamte geschickt. Außerdem hatte er den Glauben an den Erfolg solcher Veranstaltungen verloren, seit er vor Jahren einer Gruppe Jugendlicher die Auswirkungen von Alkohol und diversen Drogen zu verdeutlichen versucht hatte und nur zwei Jahre später einer dieser jungen Menschen an einer Überdosis gestorben war. Vorträge konnten rein gar nichts verhindern – davon war Florian seither überzeugt.
»Man kann den jungen Menschen nie genug einbläuen, was passiert, wenn sie Straftaten begehen«, sagte Jessica, wirkte aber bereits wieder abwesend, denn sie sah sich suchend nach ihrem Vater um. In ein paar Minuten begann das Theaterstück. Sie sollten sich langsam einen Platz suchen.
»Du musst endlich Nägel mit Köpfen machen, Florian.« Herbert Grothe sah seiner Tochter nach, die mit Paula und seinem Enkelsohn Tobias die Turnhalle durch die große Doppeltür verließ, als die Theatergruppe nach einer halben Stunde Aufführung eine kleine Pause einlegte. Jetzt war er mit Florian allein.
»Was?« Der Freund seiner Tochter klang abwesend.
»Ich weiß, ich sollte mich da nicht einmischen«, begann Jessicas Vater und tippte Florian vorsorglich an den Oberarm, damit dieser ihm endlich seine volle Aufmerksamkeit schenkte. »Gedenkst du meine Tochter eigentlich irgendwann zu heiraten? Ihr seid schon mehrere Jahre zusammen.«
Florian sah verwirrt zu Herbert hinüber. »Das stimmt nicht«, erwiderte er ungehalten. »Mehrere Jahre sind das noch lange nicht. Wir waren zwischendurch öfter getrennt. Eine Zeit lang dachte ich, sie würde sich im Allgäu nicht richtig einleben.« Er schüttelte ungläubig den Kopf und lächelte dann. »Ich bin deshalb heilfroh, dass sie mir bisher nicht weggelaufen ist.«
»Dann weißt du also, dass sie seit ein paar Wochen eine Wohnung in Hamburg sucht?«, fragte Herbert überrascht, erkannte aber an dem entsetzten Ausdruck auf Florians Gesicht, dass dieser die Information heute zum ersten Mal hörte. »Aber sie hat noch nichts entschieden«, versuchte er deshalb schnell zu beschwichtigen. »Und ich glaube ehrlich gesagt auch nicht, dass sie es wirklich macht. Nach Hamburg umziehen, meine ich.« Herbert seufzte verzweifelt.
»Sie tut was?«, brachte Florian nach einigen Sekunden schließlich heraus. »Das ist ein Scherz, oder?«
»Wenn sie … ein wenig mehr … Sicherheit hätte«, versuchte Jessicas Vater es erneut, wurde aber von seinem Wunschschwiegersohn unterbrochen.
»Jessica wohnt in meinem Haus. Sie hat mein Versprechen, dass ich immer für sie da bin. Die beiden Kinder liebe ich, als wären es meine eigenen. Jessica weiß das. Wir gehören zusammen. Und sie hat einen Ring von mir, mit dem ich ihr einen Heiratsantrag gemacht habe. Indirekt zumindest«, fügte er leise hinzu. »Sie trägt ihn aber nicht. Ich akzeptiere, dass sie nicht heiraten will, doch dass sie hinter meinem Rücken ihren Abgang plant, ist nicht fair.«
Er stand auf, bahnte sich einen Weg durch die Sitzreihe zum Mittelgang und verließ die Turnhalle, ohne sich zu verabschieden.
3
Die einzige Information, die sie bekommen hatten, bevor sie sich auf den Weg nach Missen machten, war die eines Leichenfundes in einem Pensionszimmer eines kleinen Hotels.
Hauptkommissar Detlef Kern und Hauptkommissarin Jessica Grothe trafen etwa zeitgleich mit der Spurensicherung am Tatort ein, stiegen die Stufen zum ersten Stock hinauf und folgten dem Fingerzeig des Hotelbesitzers, der mit versteinerter Miene vermied, sie direkt anzusehen, und immer zwei Schritte hinter den beiden Ermittlern blieb. Ein toter Gast machte sich nicht besonders gut und konnte durchaus den einen oder anderen Pensionsgast dazu veranlassen, den Urlaub in diesem Hotel sofort abzubrechen.
»Wann haben Sie den Mann gefunden?«, fragte Jessica den Hotelbesitzer, während sie versuchte, mit ihrem Kollegen Kern Schritt zu halten. Der lange Flur, durch den sie gingen, schien frisch renoviert. Es roch nach Wandfarbe, und der dunkle Teppichboden sah aus, als wäre er erst kürzlich verlegt worden.
»Der Herr Guggenmoos und seine Frau sind seit fast 14 Tagen unsere Gäste. Sie kommen seit 20 Jahren regelmäßig ins Allgäu und wohnen immer in unserem kleinen Hotel. Sehr nette Leute«, berichtete der Hotelier und blieb abrupt stehen, als Hauptkommissar Kern die verschlossene Zimmertür als Erster erreichte und die Hand auf die Klinke legte. »Die beiden haben gestern nicht am Frühstücksbuffet teilgenommen, was ungewöhnlich war«, sagte er, und seine Stimme wurde bei jedem Wort leiser. »Als sie heute wieder nicht im Speisesaal erschienen, haben wir uns Sorgen gemacht und nach ihnen gesehen.« Er warf einen Blick auf den älteren Hauptkommissar, wandte sich dann ab, lehnte sich rückwärts an die Wand und starrte auf den Boden.
Jessica sah, wie Detlef Kern in das Zimmer schaute, schluckte und sich mehrfach bekreuzigte, bevor er einen Schritt zurückging und sich mit beiden Händen durch sein schütteres Haar fuhr.
»Himmelherrgott«, stöhnte er. »Das ist ja grauenvoll.«
Für das, was Jessica empfand, als sie selbst wenig später das Zimmer betrat, hatte sie keine Worte. Entsetzen und Abscheu trafen es wohl am ehesten.
Der Tote auf dem Bett war in typisch Allgäuer Tracht gekleidet, doch fehlten die Schuhe. Dafür trug er einen Hut mit imposantem Gamsbart. Sein Alter schätzte Jessica auf Mitte bis Ende 60.
Auf dem Weg hierher hatte sie mit ihrem Kollegen Kern über mögliche Todesursachen gemutmaßt. Beide waren zu dem Schluss gekommen, dass ihnen ein natürlicher Tod am liebsten wäre. Wenn er einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hätte – wenn kein Fremdverschulden vorlag. Aber bei diesem Anblick gab es absolut keinen Zweifel: Das war ein brutaler Mord.
Der Körper des Mannes war übersät mit Schnittwunden. Das ehemals weiße Trachtenhemd hing in Fetzen herunter und war vollgesogen von dunkelroten, inzwischen getrockneten Blutflecken. Nur der breite Mittelsteg der Hosenträger über seiner Brust war nahezu unversehrt und das gestickte Edelweiß darauf hell und sauber. Selbst die typisch grünen Verzierungen auf der dunklen Lederhose konnte man kaum noch erkennen, denn die gesamte Hose war voller Blut und wies trotz des festen Leders einige Schnitte auf. Es wirkte, als hätte der Mann mit einem übergroßen Bären gekämpft, bevor er starb. Doch dann wären die Schnitte nicht so präzise platziert worden. Den gesamten Körper von Herrn Guggenmoos zierten blutige Kreuze – viele Schnitte in seiner Haut, manche kurz und oberflächlich, andere tief bis auf die Knochen.
Der Oberkörper lehnte aufrecht an dem breiten, mit Tierschnitzereien versehenen Kopfteil des Bettes, fixiert vermutlich mit der Tatwaffe. Die breite, lange Klinge eines großen Dolches war tief in seine Kehle gerammt worden, hinten wieder ausgetreten und hatte sich in das Holz gebohrt, genau an der Stelle, an der neben dem Kopf die Schnitzerei eines röhrenden Hirsches hervorschaute. Es sah ein wenig so aus, als würde der durchbohrte Hirsch vor Schmerz stumm aufschreien.
»Scheiße, was ist denn mit dem passiert?« Der Rechtsmediziner Erwin Buchmann erschien in der Zimmertür und blieb beim Anblick der Leiche kurz stehen. Als er sich gefasst hatte, trat er neben Jessica, klopfte ihr zur Begrüßung aufmunternd auf die Schulter und nickte Hauptkommissar Kern zu.
»Der Mann heißt Hans Guggenmoos«, bestätigte Jessica, als sie seinen Ausweis aus der Geldbörse gezogen hatte, die auf der Anrichte unter dem Fenster lag. »Wo ist seine Frau? Der Hotelchef sagte doch, die beiden hätten hier gemeinsam Urlaub gemacht.«
Hauptkommissar Kern zuckte mit den Schultern. In seiner gesamten Polizeilaufbahn hatte er nie eine derart übel zugerichtete Leiche gesehen. Das Schlimmste, was ihm je untergekommen war, war eine mehrere Wochen alte Wasserleiche. Und das lag über 20 Jahre zurück.
»Ist der Mann schon lange tot, Ewe?«, wandte sich die Hauptkommissarin an den Rechtsmediziner, der die Leiche bereits untersuchte.
»Auf jeden Fall länger als einen Tag. Ich würde sagen seit zwei Tagen. Das Blut ist eingetrocknet. Wahrscheinlich kam er vorgestern im Laufe des Tages zu Tode«, überlegte er. »Aber das ist nur grob geschätzt, Jessica. Nimm mich bitte nicht zu wörtlich, bevor ich ihn genauer untersucht habe.«
Jessica nickte.
»Wir sollten das Zimmermädchen und die anderen Gäste befragen, Detlef«, schlug sie vor. »Gibt es hier im Hotel Überwachungskameras?« Als keiner antwortete, ging sie zur Tür, schaute in den Gang und richtete ihre Frage an den Hotelier, der immer noch an die Wand gelehnt etwa drei Meter von der Tür stand. Dieser schüttelte mechanisch den Kopf.
»Meinst du, die Frau ist entführt worden?«, wandte sich Jessica erneut an ihren Kollegen.
Doch Kern, der nach wie vor gebannt auf die Leiche starrte, hob erneut die Schultern.
»Vielleicht war sie es«, sagte er schließlich. »Vielleicht hat Frau Guggenmoos ihren Mann umgebracht und ist jetzt untergetaucht. Wir sollten sie zur Fahndung ausschreiben. Schau zusammen mit dem Hotelier, ob du im Handy des Toten ein Foto seiner Frau findest, das wir verwenden können. Er weiß, wie sie aussieht.« Jessica sah sich suchend um, fand aber kein Handy. Vielleicht war es in einer Schublade.
»Willst du behaupten, dass die Ehefrau die Mörderin ist, Detlef? Das ist doch unmöglich, oder Ewe?«, fragte Jessica und winkte einen Kollegen der Spurensicherung heran, der ihr die Schubladen der Anrichte unter dem Fenster öffnen sollte. Im Gegensatz zu ihr trug er Latexhandschuhe.
Der Rechtsmediziner Erwin Buchmann sah von dem toten Herrn Guggenmoos auf und Jessica direkt in die Augen. »Du meinst, weil das Festtackern am Bettgestell mehr Kraft benötigt, als eine schwache Frau aufbringen kann?« Er grinste. »Sie hätte einen Vorschlaghammer verwenden können, um den Dolch durch Kehle und Holz zu treiben. Die Klinge ist fast fünf Millimeter dick, die hätte sich dabei nicht verbogen. Im Übrigen hätte vermutlich auch ein männlicher Täter Hilfsmittel gebraucht. Das Bett ist aus tropischem Hartholz. Da braucht man viel Wumms, um etwas darin zu versenken.«
»Verstehe«, murmelte Jessica. »Ich glaube das trotzdem nicht!«
Die zwei Schubladen waren leer.
»Wenn wir die Frau gefunden haben, wissen wir mehr«, bemerkte Kern, drehte sich um und verließ das Hotelzimmer. »Ich befrage das Personal«, rief er noch aus dem Flur. »Du treibst ein Foto der Frau auf und leitest die Fahndung ein.«
»War das Durchstoßen der Kehle die Todesursache?«, wollte Jessica vom Rechtsmediziner wissen, während sie suchend durch das Zimmer streifte, ohne dabei die anwesenden Beamten der Spurensicherung zu stören. In der Brieftasche des Ermordeten hatte sie kein Foto der Ehefrau gefunden. Wenn kein Handy mit Fotos auftauchte, musste sie eine Personenabfrage in Hamburg machen, denn das Ehepaar lebte laut Personalausweis von Herrn Guggenmoos im schönen Stadtteil Blankenese am Hamburger Elbstrand.
»Der Dolchstoß hat dem Mann die Halsschlagader durchtrennt«, berichtete Ewe, legte seine Finger an die linke Halsseite des Opfers und sah sich die Wunde genauer an. »Aber er war schon vorher tot. Ansonsten hätten wir hier an den Wänden meterhohe Blutspritzer. Der Mann ist jedoch sehr langsam verblutet. Vermutlich ist die Wunde am Torso auf Höhe der rechten Niere diejenige, welche …« Der Rechtsmediziner deutete mit seiner Hand auf den dunklen, getrockneten Blutfleck im Laken neben dem Körper. »Allein das hier sind schätzungsweise fast zwei Liter.«
»Okay, dann schick mir den Bericht, sobald du fertig bist.« Jessica verließ ebenfalls den Raum und zog ihr Smartphone aus der Hosentasche. Wenn sie heute in Hamburg auf den Ämtern noch jemanden erreichen wollte, dann musste sie sich beeilen, denn es war Freitag und kurz vor Mittag. Außerdem wollte sie früh in den Feierabend gehen, um mit Florian etwas zu unternehmen. Ihr Vater verschaffte ihnen einen letzten kinderfreien Abend, bevor er morgen seine Heimreise nach Hamburg antrat.
*
»Haben Sie bei uns angerufen?«, rief Hauptkommissar Forster der jungen Krankenpflegerin entgegen, die ihnen auf dem langen Gang entgegeneilte.
Die Frau mit glänzend schwarzem Haar und dem typisch thailändischen Gesicht mit leicht dunklem Teint und mandelförmigen Augen nickte heftig, kam näher und blieb dann abrupt vor ihm und Kommissar Willig stehen.
»Sie sind aber leider zu spät«, verkündete sie, aber es klang nicht wie ein Vorwurf. »Die Frau, deretwegen ich Sie angerufen habe, ist verschwunden.«
»Okay.« Florian Forster schob beide Hände in die Taschen seiner Uniformhose und sah den Gang hinauf. Die Notaufnahme des Kemptener Krankenhauses befand sich im Erdgeschoss eines Nebengebäudes. Der fensterlose Gang mit den vielen Türen links und rechts schien durch die sich ständig wiederholenden Deckenleuchten, deren Licht den glänzenden Boden beschienen und sich dort spiegelten, beinahe unendlich. »Sie sagten, es handle sich um einen Verdacht auf häusliche Gewalt. Wie kommen Sie darauf?«
»Die Frau wurde vor einer Stunde in die Notaufnahme eingeliefert, mit einer tiefen Platzwunde an der Stirn, und behauptete, sie sei die Treppe runtergefallen.«
»Mhm«, brummte Forster und sah die Pflegerin durchdringend an. »Aber das wäre doch möglich, oder?«
»Vielleicht«, gab diese zu. »Zusätzlich zur Platzwunde hatte sie aber auf der gesamten rechten Gesichtshälfte blaue Flecken, außerdem Verletzungen an den Unterarmen und am Rücken. Glauben Sie mir, Herr Hauptkommissar. Ich kann Hämatome durch körperliche Gewalt inzwischen ganz gut von anderen unterscheiden. Die blauen Flecken zeigten unterschiedliche Stadien des Heilungsprozesses. Die Frau war völlig verängstigt und mager und wollte nicht, dass ihr Mann informiert wird. Außerdem gab sie falsche Personalien an. Eine Frau Gisela Mayer – wie sie sich nannte – gibt es nicht.«
»Das hört sich tatsächlich verdächtig an«, gab Hauptkommissar Forster zu, und sein Kollege Willig nickte heftig und machte dabei ein äußerst bedauerndes Gesicht. »Damit wir der Sache nachgehen können, brauchen wir aber mehr als einen falschen Namen.«
»Da hätte ich etwas«, sagte die Schwester und lächelte verlegen. »Die Dame hat so schnell die Flucht ergriffen – sie ließ ihre Handtasche im Untersuchungszimmer zurück. Warten Sie kurz, ich hole sie.«
Sie drehte sich um und lief schnellen Schrittes den Gang hinunter, bog nach links ab und war verschwunden.
Hauptkommissar Forster indes beobachtete belustigt seinen Kollegen Willig, der keinen Hehl daraus machte, dass er den leichten Hüftschwung der bildhübschen Krankenschwester äußerst sexy fand und ihr mit großen Augen und leicht geöffnetem Mund hinterhergaffte. Als er den Blick seines Kollegen bemerkte, lächelte er etwas dämlich.
»Was hältst du davon, Berthold«, fragte Florian amüsiert und ging zwei Schritte zurück, »wenn du allein auf die Schwester wartest? Ich gehe schon zum Auto.«
»Ist gut, Chef, ähm, ähm …«, stotterte Berthold und schaute zu Boden.
»… Florian«, half der ihm weiter und grinste breit. »Nur tu mir bitte einen Gefallen: Ohne ihre Telefonnummer gehst du hier nicht weg. Und ich meine nicht diejenige der geflüchteten Frau, sondern die der süßen Krankenpflegerin. Haben wir uns da verstanden?«
Berthold nickte. Seine Wangen färbten sich dunkelrot. »Klar, Chef, ähm, Florian.«
*
»Du kommst spät«, begrüßte Jessica ihren Freund, als dieser erst nach 19 Uhr das Haus betrat und die Treppe zum ersten Stock hinauflief. »Den Tisch habe ich auf 19.30 Uhr bestellt. Schaffst du das? Oder soll ich anrufen, dass wir uns verspäten?«
»Bin in fünf Minuten fertig«, rief Florian im Vorbeilaufen, ohne Jessica anzusehen, und verschwand im Bad. Keine Minute später hörte man bereits das Wasser in der Dusche rauschen.
Der Besuch bei Ulrike Hildebrandt, der Frau, die aus dem Krankenhaus geflüchtet war, war frustrierend gewesen. Der dicke Verband um ihren Kopf war professionell angelegt, verdeckte jedoch nicht die zahlreichen alten, bereits gelb verfärbten Hämatome an ihrer Schläfe. Auch hatte sie Probleme, ihren linken Arm zu heben, und hielt ihn deshalb leicht gebeugt und dicht an ihrem viel zu dürren Körper. Ihre Stimme war leise und klang gebrochen. Auf ihren Mann, der heute nicht anwesend war, ließ sie aber nichts kommen. Er habe mit ihrem Treppensturz absolut nichts zu tun. Er sei ein guter Ehemann und sie selbst einfach viel zu ungeschickt. Auf Florians Frage, warum sie im Krankenhaus falsche Personalien angegeben hatte, entschuldigte sie sich und versprach, die Angelegenheit Anfang nächster Woche aufzuklären. Sie begründete ihre Vorgehensweise damit, dass ihr Mann sich immer so viele Sorgen um sie mache. Sie wollte deshalb verhindern, dass er von ihrem Unfall erfuhr. Als sie den Hauptkommissar bat, ihrem Mann nichts zu verraten, wurde aus Florians anfänglichem Misstrauen ein solches Unbehagen, dass er Frau Hildebrandt ernst ansah und heftig den Kopf schüttelte.
So sehr er sich auch anstrengte, er konnte einfach nicht begreifen, warum manche Frauen ihre prügelnden Ehemänner schützten und damit riskierten, immer und immer wieder Opfer von Gewalt zu werden. Also beschloss er in diesem Moment, Frau Hildebrandt in der nächsten Woche erneut zu besuchen und dann hoffentlich auch ihren Mann anzutreffen. Wenn die Frau sich nicht selbst half, würde er es tun, indem er den Ehemann beiseitenahm und ihm verdeutlichte, was ihm drohte, wenn er weiterhin seine Frau halb totschlug. Prügelnde Männer waren meist leicht reizbar. Vielleicht gelang es ihm, Herrn Hildebrandt so zu provozieren, dass der Mann seine Hand gegen ihn erhob. Dann hätte er einen Grund, ihn aufs Revier mitzunehmen. Und wenn er ihn erst einmal im Verhörraum hatte, dann konnte er dem Kerl sagen, was er von Männern hielt, die Frauen verprügelten.
Florian dachte noch immer an seine Begegnung mit Ulrike Hildebrandt, als er bereits mit Jessica im Restaurant saß. Abwesend schaute er durch die große Panoramascheibe, ohne den atemberaubenden Blick über Kempten wahrzunehmen. Das Restaurant »Skylounge« im 13. Stock eines Geschäftshauses in der Innenstadt lieferte mit zwei komplett verglasten Seitenwänden die beste Aussicht über die Häuser der Alpenmetropole in ganz Kempten. Der wolkenlose Sommerhimmel, die strahlende Abendsonne, die üppig grünen Flächen um die Burgruine »Burghalde« im Stadtzentrum und der reflektierende Wasserspiegel der grünblauen Iller zeigten die Stadt heute von ihrer allerschönsten Seite. Doch die Gedanken ließen Florian nicht los.
»Erde an Florian«, witzelte Jessica, als er ihren dritten Versuch, ein Gespräch zu beginnen, erneut wortlos ignorierte. »Wo bist du denn? Kommst du heute noch zurück zu mir, oder soll ich mich zu anderen Gästen setzen? Ich würde mich gern unterhalten.«
»Entschuldige.« Er sah sie an und lächelte mechanisch. »Worüber willst du reden?«
»Keine Ahnung«, plapperte sie drauflos. »Egal worüber. Vorhin zum Beispiel habe ich dich gefragt, ob du nicht Lust hast, unseren Plan, das Wohnzimmer zu renovieren, endlich in die Tat umzusetzen. Vielleicht könnten wir morgen in den Baumarkt fahren und nach Wandfarbe schauen. Ein neues Sofa wäre auch super.«
Florian musterte sie durchdringend, doch sein Gesichtsausdruck war völlig unergründlich.
»Wozu?«, fragte er schließlich, ohne den starren Blick von ihr abzuwenden. »Solltest du dich nicht lieber um Wandfarbe für dein neues Wohnzimmer in Hamburg kümmern?«
Jetzt war es Jessica, deren Gesicht ausdruckslos wurde. Sie atmete mehrmals tief ein und aus, blinzelte die aufsteigenden Tränen weg und fragte: »Sollte ich?«
Florian klopfte angespannt mit dem Zeigefinger der flachen Hand auf die weiße Tischdecke, bis er sich darüber bewusst wurde. Dann nahm er seine Hand vom Tisch, legte sie unter dem Tisch auf sein Bein und ballte sie zur Faust.
»Du kennst meine Antwort, Jessy«, sagte er leise und klang verzweifelt. »Aber ich habe eine weitere Frage an dich. Was mache ich falsch?«
»Ich habe nie gesagt, dass du etwas falsch machst«, polterte Jessica. Immer wenn sie sich in die Enge gedrängt fühlte, wurde sie ungehalten und verlieh ihrer Stimme einen scharfen Unterton. Sie versteckte so ihre Unsicherheit.
»Jessy, bitte«, begann er erneut. »Wenn du mir nicht sagst, was ich ändern muss, damit du bei mir bleibst, dann werden wir uns verlieren. Ich komme allein einfach nicht darauf. Nenne es typisch männliche Engstirnigkeit, nenne es Allgäuer Machogehabe, aber ich dachte immer, du gehörst zu mir.« Er schüttelte lächelnd den Kopf, sah jedoch an ihrem Gesichtsausdruck, dass der Versuch, die Situation durch Selbstironie aufzulockern, absolut fehlschlug.
»Ich habe dir einen Heiratsantrag gemacht«, erinnerte Florian sie unnötigerweise an dieses Ereignis vor ein paar Monaten, als sie ihn wortlos hatte abblitzen lassen. »Vielleicht warst du noch nicht so weit, dann tut es mir leid. Da du nach dem schlimmen Vorfall mit deiner Schwester bei mir wohnen geblieben bist, hatte ich die Hoffnung, dass ich dir genauso viel bedeute wie du mir und du deine Zukunft mit mir teilen willst. Ich hab dich lieb, Jessy.« Als er über dem Tisch nach ihrer Hand griff, zog sie sie erschrocken weg.
»Ich würde alles dafür tun, damit du bei mir bleibst, Jessy. Aber ganz ehrlich«, Florian wurde mit jedem Wort leiser, »ich werde dich nicht aufhalten, wenn du unbedingt gehen willst.«
»Es bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, als nach Hamburg zu gehen«, brachte sie schließlich heraus. Sie klang, als wäre sie nach einer großen körperlichen Anstrengung total außer Atem.
»Ich verstehe dich einfach nicht, Jessy. Was habe ich falsch gemacht?«, wiederholte er seine erste Frage.
Urplötzlich sprang sie auf, starrte ihn über den Tisch hinweg wütend an und verschränkte die Arme vor der Brust, vermutlich um zu verhindern, dass sie mit ihren Händen aus lauter Verzweiflung die Gläser vom Tisch fegte. »Einmal in deinem Leben«, rief sie laut, »hättest du doch dein verdammtes Ehrgefühl, deine ach so tief in deiner Seele verankerte Moral, deinen beinahe grotesken Gerechtigkeitssinn und dein dummes Heldspielen –«, sie brach ab und holte tief und hektisch Luft. »Warum meinst du immer, genau zu wissen, was gut ist für andere, für mich, für die Kinder? Einmal in deinem Leben hättest du all das außer Acht lassen können. Für mich, wenn du mich doch so sehr liebst, wie du immer behauptest«, fauchte sie verächtlich, drehte sich auf dem Absatz um und schickte sich an, das Lokal zu verlassen, ohne die durch ihren Wutausbruch aufgeschreckten und verwirrten Gäste an den anderen Tischen auch nur eines Blickes zu würdigen.
»Verstehe ich das richtig, Jessy?«, rief er ihr hinterher. »Du wünschst dir, dass ich deine Schwester getötet hätte, anstatt ihr das Leben zu retten? Das wirfst du mir vor?«
»Genau das werfe ich dir vor«, schrie sie, blieb abrupt stehen und drehte sich zu ihm um. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
»Aber das wäre falsch gewesen, Jessy. Du weißt das. Ich glaube, dass hinter diesen Vorwürfen etwas anderes steckt. Den wahren Grund willst du mir nicht nennen. Wenn du dazu bereit bist, bin ich da«, bot er an. Seine grenzenlose Verzweiflung sah man ihm nicht an.
Sie verließ das Restaurant ohne ihn. Er bezahlte das Essen und die Getränke, spendierte den etwa 20 anderen Gästen als Wiedergutmachung ein Glas Sekt, fuhr mit dem Fahrstuhl zur Tiefgarage hinunter und fand Jessica in seinem Auto sitzend. Sie hatte den Zweitschlüssel benutzt, den sie immer in ihrer Handtasche bei sich trug, genau wie er einen Schlüssel für ihren Wagen besaß.
»Geht es dir besser?«, fragte er ohne den leisesten Vorwurf in seiner Stimme, als er auf der Fahrerseite einstieg und den Schlüssel ins Zündschloss steckte.
Jessica nickte nur stumm und starrte aus dem Fenster.
»Willst du nach Hause?« Er startete den Wagen und lenkte ihn Richtung Ausfahrt.
Dieses Mal schüttelte sie den Kopf.
Die ganze Fahrt über sagte er nichts, bis er nach guten zehn Minuten sein Auto auf den Schotterparkplatz am Bachtelweiher steuerte, den Wagen parkte und den Zündschlüssel aus dem Schloss zog. »Gehst du mit mir spazieren?«
»Gern«, antwortete sie leise. »Was hältst du von Sand?«
»Ähm …« Florian dachte angestrengt nach. »Ja, Sand ist … ähm … toll. Wofür?« Er hatte keine Ahnung, was Jessica von ihm wollte.
»Sand wäre doch die perfekte Wandfarbe für unser neues Wohnzimmer, oder?« Sie lächelte zaghaft, sah dann aber, dass ihr Freund sie verständnislos anstarrte. »Die Farbe sieht aus wie der helle Sand am Nordseestrand, den ich so liebe«, erklärte sie. »Kannst du dir vorstellen, dass wir in unserem Wohnzimmer in Kempten ein bisschen norddeutsches Flair reinbringen, oder kommt das für dich gar nicht infrage?«
»In Kempten?«, brachte er schließlich heraus. »Bei mir in Kempten? Nicht in Hamburg?«
»Nicht in Hamburg.« Sie nickte zur Unterstützung ihrer Worte. »Wenn ich darf, möchte ich gern bei dir bleiben.«
4
Er kam erst am kommenden Donnerstag dazu, die von ihrem Ehemann verprügelte Frau erneut aufzusuchen. Da Ulrike Hildebrandt keine Anzeige erstattet hatte, gab es für Hauptkommissar Forster eigentlich keine Veranlassung, in diesem Fall zu ermitteln. Doch die Sache ließ ihm keine Ruhe. Also fuhr er nach Feierabend zum Haus der Hildebrandts und klingelte kurz vor 18 Uhr an der Haustür. Sein Kollege Berthold begleitete ihn, stand neben ihm und drehte sich immer wieder nervös um.
»Was ist denn mit dir los, Berthold?«, fragte Florian amüsiert und klingelte erneut, als nach fast einer Minute niemand geöffnet hatte.
»Es ist verdammt einsam hier draußen«, flüsterte Berthold angespannt. Das Haus lag weitab am Waldrand in Durach. Das nächste Haus war 100 Meter entfernt. »Wer weiß, ob der Ehemann hier irgendwo rumhängt. Dem passt es bestimmt nicht, dass wir da sind.«
»Aber wir sind doch zu zweit, Berthold«, lachte Florian Forster und klopfte seinem Kollegen aufmunternd an den Oberarm. »Der hat gegen uns beide gar keine Chance.«
Dass er sich mit dieser Aussage etwas zu weit aus dem Fenster lehnte, konnte Florian in diesem Moment noch nicht wissen. Als die Tür aufging, blieb ihm das Lachen jedoch im Hals stecken.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte der Mann auf der anderen Seite der Türschwelle. »Warum klingeln Sie ununterbrochen? Ich versuche, meine Tochter ins Bett zu bringen.«
Erst jetzt bemerkte der Hauptkommissar das Baby auf dem Arm des Mannes. Es wirkte auf dem muskulösen Unterarm von Herrn Hildebrandt so klein und unscheinbar, dass Florian es zuerst übersehen hatte. Der Mann war riesig. Zwar vermutlich etwas kleiner als Berthold, der mit seinen über zwei Metern Körpergröße jeden überragte, den Florian kannte, doch dieser Hildebrandt war beinahe so breit wie hoch. Ein riesiger Berg purer Muskelmasse. Die Oberarme könnte Florian mit seinen Händen nicht umgreifen. Kiefer- und Wangenknochen zeichneten sich in seinem Gesicht deutlich ab, die Augen waren dunkel, wirkten fast schwarz. Er trug einen Dreitagebart, und seine etwas zu langen Haare waren ungekämmt, aber er wirkte keinesfalls ungepflegt, nur etwas gestresst. Der Mann war höflich und sah erschreckenderweise sogar sehr freundlich aus.
»Kripo Kempten, Hauptkommissar Forster«, stellte Florian sich vor und zog seinen Dienstausweis aus der Hosentasche. »Ich und mein Kollege Willig wollten uns noch einmal nach Ihrer Frau erkundigen. Immerhin war sie schwer verletzt.«
Herr Hildebrandt sah ihn völlig verdattert an. »Das verstehe ich nicht«, begann er, verlagerte den kleinen Körper seiner Tochter vom einen auf den anderen Arm und bat die zwei Beamten mit einer ausladenden Handbewegung ins Haus und in die Küche. »Ulrike ist doch nur die Treppe hinuntergefallen. Woher wissen Sie denn von ihrem Unfall?« Er setzte sich auf die Eckbank unter dem Fenster.
»Unfall«, platzte Florian verächtlich heraus, fing sich aber schnell wieder. »Ihre Frau war letzte Woche im Krankenhaus und eine der Krankenschwestern hat aufgrund der vielen alten Verletzungen die Kripo eingeschaltet, wegen Verdachts auf häusliche …«
»Aber das verstehe ich nicht«, wiederholte der Ehemann und legte seine inzwischen schlafende Tochter neben sich auf ein großes Kissen auf der Eckbank und seine große Hand auf den Bauch des Babys, damit es nicht hinunterfallen konnte. »Ulrike war im Krankenhaus? Davon wusste ich nichts. War die Verletzung so schlimm?«
»Das müssten Sie am besten wissen, Herr Hildebrandt. Wo ist Ihre Frau jetzt? Ich würde mich gern davon überzeugen, dass es ihr gut geht.«
»Sie schläft schon. Es war ein anstrengender Tag«, sagte Herr Hildebrandt und fügte nach kurzem Zögern hinzu: »Sie glauben, ich habe meine Frau die Treppe hinuntergestoßen?« Er sah verzweifelt aus.
»Nein«, erwiderte der Hauptkommissar, zog einen der Stühle unter dem Tisch hervor, drehte ihn um und platzierte ihn direkt neben dem Mann. Dann setzte er sich, die Rückenlehne zwischen seinen Beinen, und legte die verschränkten Arme auf das kunstvoll geschwungene und mit Blumen verzierte Holz der Lehne. »Ich glaube, Sie benutzen Ihre Ehefrau regelmäßig als Punchingball. Sie hat so große Angst vor Ihnen, dass sie Sie nicht anzeigt. Doch lassen Sie sich eins von mir sagen: Ich verachte Männer, die ihre Frauen verprügeln, und ich werde alles in meiner Macht Stehende dafür tun, Sie hinter Gitter zu bringen. Und jetzt möchte ich mit Ihrer Frau sprechen, Herr Hildebrandt.«
»Nein«, hielt der Familienvater dagegen, wenn auch sehr leise. Er wirkte plötzlich gar nicht mehr groß und gefährlich, sondern war mit leerem, traurigem Blick verzweifelt in sich zusammengesunken. »Meine Frau schläft. Kommen Sie bitte morgen wieder, Herr Hauptkommissar. Ich bringe jetzt meine Tochter ins Bett.«
Da sie keine rechtliche Grundlage hatten, das Gebäude zu durchsuchen oder mit der verletzten Frau zu sprechen, mussten Hauptkommissar Forster und sein Kollege Willig das Haus und das Grundstück verlassen. Florian war mehr als frustriert. Außerdem befürchtete er, die junge Ehefrau mit seinen zurzeit völlig haltlosen Behauptungen und der Drohung gegen diesen Hildebrandt erst recht in Gefahr gebracht zu haben. Was, wenn der Mann nun aus unterdrückter Wut erneut auf seine Frau losging? Ob er sich auch an dem kleinen Kind vergriff? Oder war er tatsächlich so friedlich, wie er sich gab? Vielleicht war die Frau wirklich nur die Treppe hinuntergefallen? Dem Aussehen ihrer Verletzungen nach zu urteilen, war das allerdings nahezu unmöglich. Es sei denn, ein solcher Treppensturz kam bei ihr häufiger vor.
Als Florian gegen 20 Uhr endlich die Haustür des alten Stadthauses aufschloss, in dem er mit ein paar Jahren Unterbrechung seit seiner Geburt lebte, stolperte er im Flur beinahe über die drei großen Rucksäcke, die für den morgigen Ausflug mit Herbert, Jessica und den Kindern fertig gepackt bereitstanden. Herbert hatte seinen Besuch um zwei weitere Wochen verlängert und würde im Anschluss die beiden Kinder zu Beginn der Sommerferien für drei Wochen mit nach Hamburg nehmen.
Florian und Jessica hatten sich für morgen freigenommen. Der Ausflug war eine Art Abschiedserlebnis mit der gesamten Familie, denn zu einem späteren Zeitpunkt gab es keine Möglichkeit für die beiden Hauptkommissare, einen gemeinsamen freien Tag zu bekommen. Es war Urlaubszeit.
»Ich habe endlich eine gute Idee für Samstagabend«, begrüßte ihn Jessica und zog ihn ins Wohnzimmer. Da ihr Vater noch vor Ort war, wollten Florian und sie am Samstag ihren gemeinsamen Abend von letzter Woche wiederholen. Seit ihrem Streit in der »Skylounge« war sie wie ausgewechselt. Florian wusste aber, dass sich ihr Gemütszustand schnell wieder ändern konnte. Auch war ihm nach wie vor nicht klar, was ihr solchen Stress gemacht hatte und vermutlich immer noch machte. Oder hatte sich ihr eigentliches Problem plötzlich in Luft aufgelöst?
»Na, dann sag. Wo geht es am Samstag hin?« Er hatte ihr die Entscheidung überlassen, und der Grund dafür war mehr als selbstsüchtig, das wusste er. Doch er brauchte nach all ihren Zurückweisungen und Anschuldigungen der letzten Wochen und Monate endlich die Bestätigung, dass ihr etwas an ihrer gemeinsamen Beziehung lag, dass er für sie wichtig war und nicht austauschbar oder gar auslöschbar.
»Die Brauerei Baschtl-Bräu bei Sonthofen feiert ihr jährliches Sommersonnenwend-Fest und ihr zehnjähriges Jubiläum. Dort könnten wir hingehen«, schlug sie vor. »Du trinkst doch gern Bier. Und das Wetter soll super werden am Wochenende.«
»Okay, dann machen wir das. Kommt Paula mit?«
»Ich habe sie noch nicht gefragt«, gab Jessica zu. »Sie hat einen neuen Freund und ich wusste nicht, ob es dir recht ist. Immerhin ist das unser Abend.« Sie sah ihn etwas unsicher an.
Hatte sie die gleiche Angst davor, mit ihm allein den Abend zu verbringen, wie er? Einen solchen Ausbruch wie letzte Woche wollte er so schnell nicht noch einmal erleben. »Frag sie. Und sie soll den Typen mitbringen, den sie sich geangelt hat. Ich frage noch Ewe. Wird bestimmt lustig.«
5
Die Landschaft war atemberaubend.
Das satte Grün der Wiesen leuchtete mit dem strahlenden Blau des Himmels um die Wette. Keine einzige Wolke war zu sehen und die Sonne stand so hoch, dass nicht einmal der imposante Grünten, der sich direkt vor ihnen erhob, viel Schatten auf die malerische Landschaft werfen konnte. Es war das perfekte Wetter für einen Biergartenbesuch, und schon von Weitem konnte man die Blaskapelle und das Lachen der Gäste hören, die am Brauereifest teilnahmen.
Der Weg zum Brauereigelände war einspurig asphaltiert und führte stetig bergauf. Unten hatten die Veranstalter eine Straßensperre und einen kleinen Parkplatz errichtet, um die Gäste davon abzuhalten, mit ihrem Auto direkt zur Brauerei hochzufahren, denn auf dem Brauereiparkplatz neben dem Gebäude waren Bierbänke und Sonnenschirme aufgestellt. Eine Bühne für die Kapelle und ein Bierausschank standen direkt an der Hauswand.
Doch der kleine Parkplatz auf der frisch gemähten Wiese neben der Absperrung war total überfüllt gewesen, als Florian und Jessica ankamen. Sie und Jessicas Freundin Paula mitsamt ihrem neuen Freund hatten aber neben der Burgberger Pfarrkirche noch eine Lücke fürs Auto gefunden. Zum Glück, denn ansonsten hätten sie auf einen der zusätzlich eingerichteten Pendelparkplätze in Blaichach oder Sonthofen ausweichen und auf den Bus warten müssen.
»Warum siehst du mich immer so komisch an?« Jessica zupfte etwas unsicher am Ausschnitt ihres Dirndls herum und blickte verstohlen zu Paula, die es mit ihrem eigenen Dirndl wieder sehr übertrieben hatte. Manchmal dachte Jessica, Paula könnte gleich nackt herumlaufen, das machte kaum einen Unterschied. Obwohl sie selbst in ihrem Dirndl lange nicht so viel Haut und Brust zeigte wie Paula, fühlte sie sich unwohl, auch weil Florian sie nicht aus den Augen ließ.
»Du hast keine Ahnung, wie sexy du aussiehst«, flüsterte Florian ihr ins Ohr, drehte sie zu sich herum und sah ihr tief in die Augen. »Meinetwegen kannst du öfter Dirndl tragen.«
»Ich komme mir darin total verkleidet vor«, gab Jessica zu. »In Norddeutschland sind die Trachtenkleider wesentlich sittsamer. Hochgeschlossen und lang.« Sie wies mit ihrer Hand zuerst auf ihren Hals, um kurz darauf auf ihre Füße zu zeigen. »Richtig lang, fast bis zum Boden.«
»Im Norden gibt es Tracht?«, fragte er, schien aber nicht wirklich interessiert, denn jetzt zog er seine Freundin ganz nah an sich und legte seine Hände auf ihren Hintern. »Herr im Himmel, du siehst nicht nur verdammt heiß aus, du fühlst dich auch gut an. Und du riechst sehr verführerisch.«
»Da drüben wird ein Tisch frei«, hörte er Paula rufen. »Schnell, sonst schnappt sich den ein anderer.« Paula griff nach der Hand ihres Begleiters und lief los, so schnell es in ihren Sandalen mit den hohen Absätzen ging.
Jemand tippte Florian von hinten auf die Schulter.
»Florian? Du hier? Das ist eine Überraschung.« Ein junger Mann in einem dunkelblauen Poloshirt mit dem Logo der Brauerei baute sich grinsend neben Florian auf, der sichtlich genervt von der Störung ein etwas mürrisches Gesicht zog und sich ärgerlich zu dem Störenfried umdrehte. Doch seine Miene änderte sich schlagartig, als er ihn erkannte.
»Hubi? Markus Hubertus? Dich habe ich ja ewig nicht gesehen! Arbeitest du hier?« Florian ließ Jessica los, gab dem Mann seine Hand und klopfte ihm gleichzeitig mit der Linken auf seinen rechten Oberarm. »Wie lange ist das her? Fast 20 Jahre?«
»Mindestens. Wir haben zusammen Abitur gemacht, vor einer halben Ewigkeit«, wandte sich der Brauereimitarbeiter jetzt an Jessica und streckte ihr seine Hand entgegen. »Markus Hubertus«, stellte er sich vor. »Willkommen im Baschtl-Bräu! Ich bin hier der Braumeister.«
»Freut mich. Jessica Grothe.« Jessica nahm Hubertus’ Hand und lächelte herausfordernd. »Wenn man schon einmal einen Braumeister persönlich trifft, kann man dann vielleicht einen Blick in die Brauerei werfen? Das würde mich durchaus interessieren.«
»Klar. Gern. Nur gehen wir dann am besten hinten rein. Die offiziellen Führungen beginnen erst am Nachmittag. Nicht, dass plötzlich jeder Gast jetzt schon eine haben möchte.« Florians alter Schulfreund legte seinen Arm wie selbstverständlich um die Schultern von Jessica und schob Florian mit der freien Hand an dessen Rücken vor sich her und um das große Stallgebäude herum, an dessen Front in großen Lettern der Name der Brauerei angebracht war.
»Das Baschtl-Bräu ist erst vor gut einem Jahr hierher umgezogen«, erklärte er, während er den Nebeneingang, der sich genau gegenüber der Festgesellschaft auf der anderen Seite des Gebäudes befand, aufschloss und seine Gäste schnell hineinschob. »Vorher waren wir neun Jahre in einem kleinen Hinterhof einer alten Gastwirtschaft bei Immenstadt beheimatet.«
»Wow«, platzte Jessica heraus, als Markus das Licht einschaltete und der riesige, fensterlose Raum plötzlich erstrahlte. »Diese Dinger sind ja gigantisch groß. Ist da das Bier drin?«
»Das sind unsere ZKTs – zylindrokonische Tanks«, erklärte Markus und lachte. »Dort gärt und reift das Bier, bevor es später abgefüllt wird. Dort hinten ist die Fass- und die Flaschenabfüllung.« Er zeigte auf eine Maschine am anderen Ende der Halle. »Und da sagt Mann immer, es komme Frauen nicht auf die Größe an. ›Gigantisch groß‹«, wiederholte er Jessicas Worte, allerdings sehr leise und nur an Florian gerichtet. Jessica bekam von dem Gespräch nichts mit, und Florian sah den Braumeister so bitterböse an, dass dieser erneut heftig lachen musste.
»Und wo wird das Bier gemacht?« Jessica wirkte aufgeregt. »Ich habe mal gehört, dass man Bier in großen Kupferkesseln kocht, weil Kupfer Eigenschaften hat, die für die Bierherstellung von Vorteil sind.«
»Diese Behauptung ist nach heutigem Stand der Wissenschaft so nicht mehr tragbar«, erklärte der Braumeister, der sich sichtlich geschmeichelt fühlte, dass Jessica Interesse an seiner Arbeit zeigte. Er legte erneut den Arm um ihre Schultern und ging mit ihr zwischen den meterhohen, silber glänzenden Tanks umher. »Heutzutage nimmt man Kessel aus Edelstahl. Die sind leichter zu reinigen und deshalb hygienischer. Außerdem haben sie die gleichen positiven Eigenschaften wie Kupfer. Die negativen entfallen sogar, zum Beispiel –«
»Ich bin eigentlich hier, um Bier zu trinken«, fiel Florian seinem alten Schulfreund ins Wort. »Und von meiner Freundin lässt du die Finger. Du hast dich in der Hinsicht wohl nicht geändert. Schon damals in der Schule hast du uns allen reihenweise die Mädels ausgespannt.«
Der Braumeister hob ertappt beide Hände in die Luft und grinste. »Wenn du hier im Allgäu mit einer solchen exotischen Schönheit ankommst, darfst du dich nicht wundern, Flo. Wo bist du denn her?«, wandte er sich erneut an Jessica. »Ich mag es, wie du sprichst.«
»Ich komme aus Hamburg und ich spreche hochdeutsch«, lachte Jessica. »Nichts Besonderes also.«
»Hier schon. Vor allem hier auf dem Land«, behauptete Markus. »Eine kühle Norddeutsche also.« Er grinste breit. »Dann trinkst du vermutlich lieber Pils als gutes Allgäuer Bier. Aber möglicherweise kann ich dich mit unserem Sommersonnenwend-Sud vom Gegenteil und von meinen ganz persönlichen Fähigkeiten überzeugen.«
»Sehr witzig, Markus«, grummelte Florian gereizt. »Sind wir hier fertig? Unsere Freunde warten draußen.«
»Die Sudkessel, Florian. Wir müssen uns noch die Sudkessel aus Edelstahl ansehen«, erinnerte ihn Jessica und sah erwartungsvoll zum Braumeister.
»Auf jeden Fall«, stimmte Markus Hubertus ihr zu und ließ Florians Freundin nicht eine Sekunde aus den Augen. »Das Sudhaus ist dort hinter der Tür.«
6
Der eben noch so smart und selbstbewusst aufgetretene Braumeister wirkte plötzlich, als hätte er einen Geist gesehen. Er starrte in die offene Luke des vorderen Sudkessels, in dem er aus Vorführgründen am Computer kurz vorher das Licht eingeschaltet hatte, und wich trotz des bestialischen Gestanks, der sich langsam im Raum ausbreitete, keinen Millimeter zurück.
»Heiland … Kreuz-Kruzifix, was ist das?«, brachte er gepresst heraus. Nun ging er doch ein paar Schritte zurück und hielt schützend seine Hände vor Nase und Mund. Der süßliche, modrige Geruch war nicht nur unangenehm, er brannte auch im Hals und in der Nase. »Ist das ein Mensch?«
Florian, der bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich damit beschäftigt war, Jessica nicht aus den Augen zu lassen und auf jedes kleinste Zeichen für ihr eventuelles Interesse an Markus Hubertus zu achten, wurde schlagartig hellhörig, stürmte zur Luke und sah ebenfalls in den hell erleuchteten Kessel.
Über einem dicken Rohr im Sudgefäß hing der fast komplett skelettierte Körper eines Menschen ohne Arme und Unterschenkel. Manche der fehlenden Knochen lagen auf dem blitzblank gereinigten Edelstahlboden des großen Kessels. Florian konnte eine knöchrige Hand mit nur drei Fingern und einen zertrümmerten Fuß sehen. Die Knochen waren nahezu klinisch sauber, schneeweiß und gänzlich ohne Haut. An wenigen Stellen des Körpers hing noch eine stinkende, ledrig glibberige Masse. Man konnte nur vermuten, dass diese einmal menschliche Sehnen und Haut gewesen waren. Ein groteskes Bild eines gereinigten, beinahe sterilen Massakers. Was war hier passiert?
»Jessy, ruf bitte die Spurensicherung an und hole dann Ewe her«, befahl Florian und wandte sich an den Braumeister. »Ist in diesem Gefäß in letzter Zeit Bier gebraut worden? Ich meine, ist es möglich, dass der Kerl mitgekocht wurde?«
Markus Hubertus sah ihn entsetzt an und schüttelte heftig den Kopf. »Nein. Das ist nicht möglich. In diesem Kessel wurde vor mehreren Wochen das letzte Mal Bier gebraut. Während meines Urlaubs. Nein. Das kann … nicht …« Er stockte, verstummte schließlich, drehte sich um und erbrach sich mitten auf den gefliesten Fußboden. Dann wischte er sich mit zitternder Hand das Erbrochene von den Mundwinkeln, starrte Florian verzweifelt an und schüttelte erneut den Kopf. »Ich muss zum Ausschank«, stammelte er und torkelte unsicher Richtung Ausgang. »Ich muss … ich muss … die Leute wegschicken. Der Sommersonnenwend-Sud … Keiner darf ihn trinken.«
*
»Wo ist denn das ganze Zeug hin?« Die Stimme des Rechtsmediziners Erwin Buchmann dröhnte aus dem Sudkessel heraus. Die Beamten der Spurensicherung suchten fieberhaft nach Spuren, Fingerabdrücken und einer eventuellen Tatwaffe, seit sie wussten, dass der Mann, der fast nur noch aus Knochen bestand, vermutlich einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte.
»Was für Zeug meinst du, Ewe?« Florian blickte zum wiederholten Mal durch die Luke ins Innere des Sudgefäßes und sah zu seinem Freund hinunter, der vorsichtig zwischen den Knochen herumlief, Fotos machte und sich den einen oder anderen größeren Splitter genauer ansah.
»Ich meine den Rest des Körpers«, rief der Rechtsmediziner von unten hinauf. »Die Haut und die Organe.«
Der Hauptkommissar zuckte unwissend mit den Schultern und sah sich suchend nach Markus um.
»Wäre gut, wenn wir etwas mehr Gewebe hätten als diesen kläglichen Rest an ein paar wenigen Knochen«, fuhr Erwin Buchmann fort.
»Wieso ist an dem Skelett eigentlich keine Haut mehr dran?«, fragte Florian und wusste bereits in dem Moment, als er die Frage unbedacht ausgesprochen hatte, dass er die Antwort darauf gar nicht hören wollte.
»Hast du schon einmal Hühnersuppe gemacht?« Ewes Worte hallten blechern von den Wänden des Gefäßes wider. »Wenn du das Suppenhuhn lange genug kochst, dann löst sich das Fleisch auch von ganz allein von den Knochen.«
»Und wo ist das Fleisch jetzt hin?«, wollte Florian wissen.
»Genau das habe ich doch eben auch gefragt.« Der Rechtsmediziner klang ungehalten. »Nimm dir endlich den Braumeister vor. Der kann dir bestimmt sagen, wo die ausgekochten Malzreste hingehen, wenn der Kochvorgang abgeschlossen ist. Hier unten ist eine Ableitung.« Er zeigte auf eine Stelle im Boden des Kessels. »Doch wo fließt die ganze Soße hin? Vielleicht finde ich dort noch Reste von meiner Leiche.«
»Der Treber?«, fragte der Braumeister, der immer noch gegen seine Übelkeit kämpfte und blass und zitternd auf einer der mittlerweile leeren Bierbänke im Außenbereich saß. »Den holt ein Bauer aus der Nachbarschaft ab. Für seine Rinder und Schweine.«
»Kannst du mir die Adresse geben, Markus?« Florian Forster rieb sich ungeduldig den Nacken. Er hatte Jessica gebeten, Paula und ihren neuen Freund nach Hause zu bringen und anschließend selbst heimzufahren und auf ihn zu warten. Ein Hauptkommissar reichte hier am Tatort vollkommen aus. Sein Kollege Berthold würde sicher gleich eintreffen, um ihn später mit nach Kempten zu nehmen.
»Natürlich, Flo. Aber ich glaube, von dem Treber ist nichts mehr übrig. Den werden die Tiere bereits gefressen haben.«
»Oh Gott«, stöhnte Florian. »Muss ich dann noch das Veterinäramt informieren?«
»Keine Ahnung«, erwiderte der Braumeister. »Mir macht viel mehr Sorgen, was aus dem guten Ruf der Brauerei wird. Der Chef hat erst kürzlich so viel Geld in die neue Anlage investiert. Wenn jetzt alles den Bach runtergeht, dann sitzt er auf einem riesigen Berg Schulden. Und ich bin meinen Job los.«
»Der Chef? Gehört die Brauerei nicht dir? Dein Vater hieß doch Sebastian, wenn ich mich richtig erinnere. Ich dachte, du hättest die Brauerei ihm zu Ehren Baschtl-Bräu genannt. Da hab ich wohl falsch gedacht. Kann ich deinen Chef dann bitte jetzt sprechen?«
Markus Hubertus schüttelte den Kopf. »Er ist mit seiner Frau im Urlaub. Deshalb war die Brauerei in den letzten Wochen geschlossen. Er heißt auch Sebastian mit Vornamen. Sebastian Lenz«, informierte ihn Markus. »Morgen kommt er wieder. Ich habe ihm aber bereits eine Nachricht geschrieben.« Markus zog sein Smartphone aus der Hosentasche und hielt es Florian entgegen.
Der warf nur einen kurzen Blick darauf und fragte: »Und hat er bereits geantwortet?«
»Nein. Er sitzt vermutlich gerade im Flieger. Die beiden waren in Thailand, da dauert die Heimreise schon ein paar Stunden.«
»Dann lasse ich ihn am besten direkt vom Flughafen abholen«, überlegte Florian laut. Er dachte kurz nach. »Sag mal, Markus. Warum kam Herr Lenz denn nicht zum Jubiläumsfest zurück? Sollte ein Chef bei einer solchen Veranstaltung nicht vor Ort sein?«
»Er wollte einen längeren Urlaub machen, und ich habe ihm versprochen, das Fest zu managen. Dafür genehmigte er mir vor dem Fest mehrere freie Tage.«
»Wer arbeitet sonst noch in der Brauerei? Wer hat einen Schlüssel? Wer kann die Anlage bedienen und kennt sich aus?«
»Nur ich. Und der Chef. Und vielleicht noch seine Frau, aber die hat keine Ahnung von dem Computerprogramm, nur einen Schlüssel.«
Florian sah, wie Markus angestrengt nachdachte.
»Die Aushilfskräfte – zwei junge Männer aus Blaichach – gehen uns manchmal bei der Fassabfüllung zur Hand. Einen Schlüssel besitzen sie allerdings nicht. Als ich gestern nach dem Rechten gesehen habe, waren alle Türen abgeschlossen.«
»Dabei ist dir der Tote im Sudhaus nicht aufgefallen?« Der Hauptkommissar sah den Braumeister ungläubig an.
»Leider nicht. Sonst hätte ich doch ein anderes Bier ausschenken lassen und nicht dieses verdammte Leichenbier. Oh Gott, was soll jetzt aus dem Baschtl-Bräu werden?«
*
»Du bist spät«, begrüßte ihn Jessica vom Sofa aus, als er kurz vor Mitternacht endlich nach Hause kam. Florian ließ sich auf den Sessel gegenüber der Couch fallen und legte die Füße auf den Glastisch, der zwischen ihm und seiner Freundin stand. »Bist du in dem Fall denn weitergekommen? Habt ihr die Identität der Leiche schon herausgefunden?«
»Ewe sagt, männlich und mittleren Alters. Aber du kennst ihn ja. Er legt sich nicht sofort fest, obwohl ich glaube, er weiß anfangs mehr, als er zugibt. Schön, dass du auf mich gewartet hast und noch nicht schlafen gegangen bist.«
»Oh, das war keine Absicht. Bin auch gerade erst gekommen. Ich musste Paula beruhigen. Sie war sehr aufgebracht, weil sie beinahe das verseuchte Bier getrunken hätte. Und du weißt, Paula beruhigt sich nicht so schnell«, sagte Jessica, beugte sich vor und schob etwas grob die Beine ihres Freundes vom Tisch. »Meinst du, dass ich mit meinen verzweifelten Versuchen, dich zu erziehen, irgendwann Erfolg haben werde?«
Florian schüttelte lachend den Kopf. »Das glaube ich nicht«, erwiderte er, vermied es aber, die Füße erneut auf den Tisch zu legen. Stattdessen lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Meinst du, du könntest das Dirndl noch einmal für mich anziehen?«
»Das glaube ich nicht.« Jetzt war es Jessica, die den Kopf schüttelte. Sie hatte bereits ein altes T-Shirt und eine kurze Pyjama-Shorts zum Schlafen an.
»Schade«, sagte Florian enttäuscht, wechselte dann aber das Thema. »Ich habe mir deine norddeutschen Trachten vorhin im Internet angesehen. Berthold hat mich nach Hause gefahren, da konnte ich die Zeit im Auto nutzen.«
»Und? Nicht sexy, oder?«, fragte Jessica und zwinkerte ihrem Freund zu.
Florians Blick verriet, dass er anderer Meinung war. Er biss sich auf die Unterlippe und ließ Jessica nicht aus den Augen. »Schade, dass du keine solche typische Hamburger Tracht besitzt. Die sieht so schön streng aus. Du würdest darin wirken wie eine strenge Lehrerin. Eine sexy strenge Lehrerin.«
»Und das würde dir gefallen?« Jessica klang amüsiert und entsetzt zugleich, lachte aber, als Florian eifrig nickte.
»Zieh doch das Dirndl noch einmal für mich an. Nur ganz kurz. Nur, bis wir im Schlafzimmer sind. Bitte«, flehte er und schaute treuherzig zu ihr hinüber.
»Du bist unmöglich«, schimpfte Jessica gespielt empört. »Ich verrate dir etwas: Ich habe tatsächlich eine norddeutsche Tracht. Die ziehe ich jetzt an und dann schauen wir mal, wie es so um deine Algebra und deine Grammatik bestellt ist.« Sie verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal zu ihm umzusehen.
Als sie kurz darauf das Wohnzimmer wieder betrat, erwartete sie, dass Florian vor Lachen vom Sessel kippen und sich nicht mehr einkriegen würde.
Doch ihr Freund saß noch genauso ruhig auf dem Sessel, wie sie ihn verlassen hatte, und musterte sie von oben bis unten. Er sah aus, als wäre er nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen, denn er rührte sich keinen Millimeter und atmete flach. Sein Blick hatte etwas Lauerndes.
»Und? Gefällt dir meine norddeutsche Tracht? Hochgeschlossen – wie ich gesagt habe«, plapperte Jessica drauflos und zwinkerte ihm erneut zu. »Aber streng finde ich das eigentlich nicht.«
Es vergingen einige Sekunden, bevor er auf ihre Frage reagierte.
»Was trägst du drunter?«, wollte er wissen, beugte sich vor, rieb seine Hände an dem Jeansstoff seiner Oberschenkel und ballte sie zu Fäusten. Jetzt hielt er die Luft an. Er sah aus wie ein wildes Tier, das sich zum Angriff bereit machte.
»Nichts«, sagte Jessica leise. »Siehst du – absolut nichts!« Mit einem Ruck riss sie alle silbernen Druckknöpfe an ihrem quietschgelben Friesennerz auf einmal auf und präsentierte Florian dieses Nichts mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
7
Das Erste, was Florian dachte, als er am späten Sonntagmorgen das Präsidium betrat und in seinem Büro den Besitzer des Baschtl-Bräu begrüßte, war, ob alle Brauerei-Inhaber so gut aussahen. Der Mann vor ihm trug eine beige Sommerhose, ein luftiges dunkelblaues Hemd mit kurzen Ärmeln, teure Schuhe und eine goldene Armbanduhr. Außerdem hatte er dieses smarte Aussehen eines Hollywoodschauspielers der 60er-Jahre.
Seine Kollegen hatten den Mann direkt am Flughafen abgepasst und hergebracht. Er wirkte beunruhigt, machte aber trotzdem einen souveränen und selbstbewussten Eindruck.
»Wer ist denn nur der arme Mann, den Sie in meiner Brauerei gefunden haben, Herr Hauptkommissar? Ihre Kollegen waren leider nicht sehr auskunftswillig.« Sebastian Lenz, der Brauerei-Inhaber, der seinem Aussehen nach unter 40 Jahre alt war, setzte sich ungefragt auf den Besucherstuhl an Florians Schreibtisch und blickte erwartungsvoll zu ihm auf.
Florian ging um den Schreibtisch herum und setzte sich ebenfalls. »Leider kann ich Ihnen auch nicht mehr sagen, Herr …«, er schaute auf die Notizen vor sich auf dem Tisch, »Herr Lenz. Haben Sie eventuell eine Idee, wer die Person sein könnte?«
Der Brauereibesitzer schüttelte bedauernd den Kopf. »Da fällt mir absolut niemand ein. Tut mir leid. Ach, es ist furchtbar. Wer macht denn so etwas Grausames?«
»Vermutlich jemand, der Sie nicht mochte. Immerhin hat der Täter Ihnen einen großen finanziellen Schaden zugefügt. Gibt es jemanden, der Ihnen Ihren Erfolg neidet? Oder der Sie aus persönlichen Gründen nicht mag? Es muss nicht direkt mit Ihrem Geschäft zu tun haben.«
»Ja, dieser Vorfall ist bitter für die Brauerei. Ich hoffe, wir schaffen es, das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Wir sind erst seit ein paar Monaten in der Region und haben einige neue Kunden. Es wird wohl schwierig werden, diese Kunden zu halten. Und vertuschen lässt sich die Sache kaum mehr bei all den Zeugen auf dem Sommerfest. Herrgott, das ist wirklich tragisch und wird mir finanziell das Genick brechen – vermutlich«, sinnierte Lenz, ohne dabei jammernd oder bemitleidenswert zu klingen. Er analysierte seine Situation realistisch und neutral.
»Aber wer will Ihnen schaden?«, erinnerte Hauptkommissar Forster den Brauereibesitzer an seine letzte unbeantwortete Frage.
»Niemand«, kam es spontan von Herrn Lenz, bevor er seine Stirn in Falten legte und auf einen Punkt an der Wand hinter dem Hauptkommissar starrte. »Natürlich habe ich Konkurrenten. Meine recht junge Brauerei hat den alteingesessenen zwar den einen oder anderen Kunden abspenstig gemacht, doch ich kenne die Besitzer der umliegenden Brauereien, und keiner von denen würde einen Menschen töten. Wirklich nicht!«
»Geben Sie mir bitte trotzdem die Adressen der Brauereien und die Namen der Inhaber«, sagte Florian, bevor er sich einige Notizen auf einem losen Zettel machte. »Wir wissen noch nichts Genaues über den Todeszeitpunkt. Fest steht jedoch, dass die Leiche ins Bier geworfen und mitgekocht wurde. Sie lag bei der späteren Reinigung bereits im Sudkessel. Deshalb vermuten wir als Todeszeitpunkt den 21. Juni, Sommeranfang. Wo waren Sie denn, als dieser spezielle Sommersonnenwend-Sud eingebraut wurde?«
»Das war kein Bier, in dem die arme Person mitgekocht wurde, sondern Würze. Entschuldigen Sie, Herr Hauptkommissar Forster, aber ich als Braumeister kann so etwas nicht unkorrigiert lassen«, belehrte ihn Lenz. »Bier ist es erst später, wenn die Hefezellen –«
»Herr Lenz«, unterbrach Florian Forster den erneuten Monolog des Brauereibesitzers unwirsch. »Wo waren Sie zu dem Zeitpunkt, den ich Ihnen eben genannt habe? Oder war Ihr Kollege Hubertus für diesen besonderen Sud ganz allein zuständig?«
»Weder noch«, gab Lenz bereitwillig Auskunft. »Wir hatten beide Urlaub. Meinen Angestellten hatte ich bereits eine Woche vor dem besagten Sud in den Urlaub geschickt mit der Bitte, das Sommerfest ein paar Wochen später allein zu managen. Ich selbst flog am folgenden Tag nach Thailand.«
»Und wer bitteschön hat dann das Bier gemacht?«, wollte der Hauptkommissar wissen, machte sich weitere Notizen auf seinen Zettel und wartete ungeduldig auf eine adäquate Erklärung.
»Der Computer«, antwortete Lenz und lächelte überheblich. »Ich hatte ihn so programmiert, dass alles von allein lief. Über meinen Laptop konnte ich noch am Flughafen München sehen, dass alles vernünftig eingestellt ist und sich keine Fehler eingeschlichen haben. In Phuket, Thailand, habe ich dann Tage später das Ergebnis überprüft. Mit dem Sud war alles in Ordnung. Keine Fehlermeldung. Ansonsten hätte Markus kommen und manuell eingreifen müssen. Doch das war, wie gesagt, nicht nötig.«
»Verstehe. Also hat in dieser Zeit – in über drei Wochen – niemand nach Ihrer Brauerei geschaut?«
»Ich gebe zu, das war ein großes Risiko, denn der Gärprozess müsste durchaus täglich überprüft werden. Ich habe so etwas auch noch nie zuvor riskiert, aber es ging nicht anders. Der Urlaub sollte meine Ehe retten, den musste ich nehmen. Und meistens geht mit den Suden alles gut. Auch dieses Mal – dachten wir. Markus hat mir vor ein paar Tagen per Mail geschrieben, dass alles reibungslos funktioniert hat. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätten wir für das anstehende Fest auf Lagerbestände für den Ausschank zurückgegriffen. Aber das Bier war perfekt.«
»Trotz der zersetzten Leiche im Sudvorgang?« Florian rümpfte die Nase und sah den Brauereibesitzer entsetzt an. »Gibt es nicht irgendwelche Messwerte, die durch einen mitgekochten Körper von der Norm abweichen?«
»Herrgott, das weiß ich nicht. Damit habe ich absolut keine Erfahrung, wie Sie sich denken können. Hätte ich gewusst, dass wir einen Menschen mitgekocht haben, dann hätte ich den kompletten Sud in den Kanal gelassen, das können Sie mir glauben, Herr Hauptkommissar. Doch sensorisch war alles perfekt. Das hat jedenfalls Markus gesagt, und der ist ein erfahrener Braumeister, dem ein Fehlgeschmack durchaus aufgefallen wäre.« Der smarte Brauereibesitzer Sebastian Lenz lehnte sich auf dem Stuhl zurück und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Dann lächelte er verlegen.
»Bei all der Tragik, die dieser Vorfall hat, Herr Hauptkommissar«, begann er, setzte sich wieder aufrecht hin, beugte sich vor und legte die Unterarme auf den Schreibtisch vor ihm. »Als ich erfahren habe, dass in meinem Bier ein Mensch mitgekocht wurde, ist mir eine Geschichte eingefallen, die ich während meines Studiums vor vielen Jahren gehört habe.«
Als Hauptkommissar Forster nicht nachhakte und ihn nur ausdruckslos ansah, fuhr er fort: »Es soll hier in Süddeutschland im späten Mittelalter einen Bräu, also einen Brauer, gegeben haben, der seinen Konkurrenten ermordet und anschließend den Kopf der Leiche bei all seinen Suden mitgekocht haben soll. Sein Bier war gefragt, er kam mit dem Brauen kaum hinterher und wurde reicher und reicher. Erst als der Bräu starb, fanden die Dorfbewohner die Überreste des bis dato vermissten Konkurrenten.« Lenz lachte laut auf. »Wenn einer der konkurrierenden Braumeister aus der Nachbarschaft in meinem Bier schwimmt, dann muss ich mir um meine Zukunft keine Sorgen mehr machen. Oder, Herr Forster? Vorausgesetzt, diese abstruse Legende stellt sich als Wahrheit heraus.«
»Das finde ich nicht witzig, Herr Lenz«, entgegnete der Hauptkommissar angewidert, sah Lenz ärgerlich an und schüttelte den Kopf. »Ein Mensch ist brutal zu Tode gekommen. Ihre Bemerkung ist mehr als pietätlos.«
»Ja, Sie haben recht. Das war geschmacklos«, bedauerte der Brauerei-Inhaber, nickte und schaute beschämt zu Boden. »Ich hoffe natürlich sehr, dass Sie schnell einen Schuldigen finden.«
*
Dieser Mordfall war völlig undurchsichtig. Auch nach einer weiteren Stunde Befragung kam Florian der Aufklärung keinen Schritt näher. Er hoffte, dass Ewe ihm Anfang nächster Woche sagen konnte, wer der Tote in der kochenden Würze war. Hoffentlich ließ sich nach dem stundenlangen Kochvorgang die DNA noch bestimmen. Und selbst dann musste es einen registrierten Vermissten geben, dem die DNA zugeordnet werden konnte, sonst nutzte die genetische Information wenig. Fingerabdrücke wurden in der Umgebung des Sudkessels keine gefunden. Doch vielleicht hatten sie ausnahmsweise einmal Glück im Unglück. Nächste Woche würde er zusammen mit Berthold die umliegenden Brauereien abklappern. Vielleicht fand er nicht sofort einen Täter, aber wenigstens ein Motiv wollte er so schnell wie möglich feststellen. Wenn es keine Richtung gab, in die man ermitteln konnte, vermutete man immer nur ins Blaue hinein, und dann war ein Mordfall neben all seiner Dramatik einfach nur frustrierend.
8
Die Fahndung nach der vermissten Ehefrau von Herrn Guggenmoos, den Hauptkommissar Kern und Jessica vor über einer Woche in dem kleinen Missener Hotel ermordet vorgefunden hatten, lief erst seit drei Tagen. Das lag vor allem daran, dass es Jessica nicht gelungen war, die Hamburger Kripobeamten von der Dringlichkeit zu überzeugen, ihr schnell ein Foto der Frau zu besorgen. Die Hauptkommissarin hatte die Hamburger Beamten schließlich regelrecht mit Anrufen bombardiert, doch ihre norddeutschen Kollegen ließen sich Zeit, die ihnen hier im Allgäu jetzt fehlte.
Jessica glaubte nach wie vor nicht daran, dass Frau Guggenmoos ihren Mann getötet hatte. Ihre Ermittlungen ergaben, dass die Verdächtige das Hotel, sollte sie geflohen sein, nur zu Fuß verlassen haben konnte. Ein Taxi hatte sie nicht genommen. Auch mit dem Bus war sie nicht gefahren, da die Buslinie 23, die durch Missen führte, aufgrund einer Straßenreparatur für mehrere Tage unterbrochen gewesen war.
Hätte Frau Guggenmoos dann nicht ihr eigenes Auto genommen, um schnellstmöglich wegzukommen? Der dunkelrote Mercedes allerdings stand noch immer vor dem Gasthof. Ihr gesamtes Gepäck befand sich im Hotelzimmer. Und die Jacke, die sie laut Auskunft des Hoteliers ständig getragen hatte, hing am Haken neben der Zimmertür. Das Einzige, was die Beamten der Spurensicherung nicht gefunden hatten, waren ihre Geldbörse und ihr Ausweis.
Hatte sie vielleicht einen Komplizen? Oder war die Frau entführt worden? Doch warum? Das Ehepaar Guggenmoos hatte keine Kinder und aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters vermutlich auch keine Eltern mehr. Eine eventuelle Lösegeldforderung machte dementsprechend keinen Sinn.
Um nähere Informationen über den finanziellen Hintergrund des Ehepaares und Auskunft über mögliche Verwandte zu bekommen, hatte sich Jessica am heutigen Vormittag erneut an die Hamburger Dienststelle gewandt, die sich um die Beschaffung des Fahndungsfotos gekümmert hatte. Sie glaubte nicht daran, dass die Hamburger Kollegen diese Aufgabe schneller erledigten als die erste.
Als bereits eine Stunde später ihr Diensttelefon klingelte und das Display eine Hamburger Nummer anzeigte, traute sie ihren Augen kaum.
»Hauptkommissarin Grothe«, meldete sich Jessica, schlug die Akte zu, die aufgeschlagen auf ihren Beinen lag, und legte sie auf die Ordner auf ihrem kleinen Schreibtisch. Außer der Tastatur und dem Bildschirm passte kaum noch etwas auf die Arbeitsfläche des winzigen Tisches.
»Jessica? Bist du das?«
Die Stimme, die ihr aus der Leitung entgegenschallte, erkannte sie nicht auf Anhieb, doch sie kam ihr bekannt vor.
Der junge Mann am anderen Ende lachte. »Jessica Grothe, Herrgott noch mal, was verschlägt dich Hamburger Deern bloß zu den Schluchtenscheißern?«
»Wer spricht denn da, bitte?«, fragte sie etwas ungehalten. »Rufen Sie an, um mir die gewünschten Informationen zu Familie Guggenmoos zu geben?«
Ihr Gesprächspartner lachte erneut. »Wenigstens hast du noch diesen süßen Hamburger Schlag in deiner Stimme und bist noch nicht total bayrisch. Ich bin’s, Malte Lübke, seines Zeichens der erfolgreichste und gut aussehendste Hauptkommissar Hamburgs!«
»Na, darüber lässt sich streiten«, bemerkte Jessica amüsiert. »Malte Lübke. Du hast deine Prüfung also doch noch bestanden?«
»Beim zweiten Versuch … mit Auszeichnung«, betonte er nicht ohne Stolz. »Beim ersten Mal hast du mich zu sehr abgelenkt.«
»Natürlich. Einer muss ja schuld sein.« Jessica stand auf und begann, in ihrem und Kerns Büro im obersten Stockwerk des Polizeipräsidiums umherzugehen. Ihr Kollege war diese Woche krankgeschrieben. »Du rufst an, um mir etwas zu meinem Fall zu sagen, oder?«
»Ja, aber zuerst will ich wissen, was dich nach Bayern verschlägt. Verstehst du deine Kollegen überhaupt, wenn die nur bayrisch sprechen?«
»Hier spricht niemand bayrisch. Ich bin im Allgäu!«, erklärte Jessica und erinnerte sich schmunzelnd daran, wie ihr Florian am Anfang ihrer Beziehung ausführlich die Unterschiede zwischen den Dialekten in Süddeutschland unterbreitet hatte und nebenbei erwähnte, dass es für einen Allgäuer das Schlimmste war, als Bayer betitelt zu werden. Umgekehrt war es vermutlich genauso. »Was ist jetzt mit den Finanzauskünften? Und wie kommt es, dass meine Anfrage heute so schnell bearbeitet wird?« Diesen Seitenhieb konnte sie sich nicht verkneifen.
»Meine Kollegen hatten Angst, dass du sonst wieder alle paar Minuten anrufst. Du warst ganz schön nervig. Aber das warst du schon immer.«
»Wie bitte? Ich habe hier einen Mordfall aufzuklären, da kann ich erwarten, dass man mir wichtige Informationen nicht vorenthält.«
Erneut hörte sie den Hamburger Hauptkommissar lachen.
»Dann wollen wir dir bei deinem Mordfall natürlich umgehend helfen«, sagte Malte Lübke und klang nun nüchtern und professionell ernsthaft. »Ich schicke dir nachher die Kontoauszüge von Hans und Renate Guggenmoos per Fax. Vorab ein paar Infos zum Familienhintergrund. Hast du etwas zu schreiben parat?«
*
Das Ehepaar Guggenmoos war weder sehr wohlhabend noch hatte es reiche Verwandtschaft. Scheinbar lebte nur noch eine kinderlose verwitwete Tante von Renate Guggenmoos. Eine 95-jährige Dame, die seit Jahren in einem schlichten Altenheim wohnte und an fortgeschrittener Demenz litt. Laut Malte Lübke erkannte sie nicht einmal mehr ihre Pfleger, die sie täglich betreuten, geschweige denn ihre Nichte Renate, die sie regelmäßig besuchte.
Die Kontoauszüge der Eheleute wiesen zwar monatliche Rentenbezüge auf und einen kleinen Betrag, der sich als Mieteinnahme einer Wohnung in Fuhlsbüttel entpuppte, aber alles in allem war das Ehepaar nicht reich. Bis auf ihre Eigentumswohnung in Blankenese und die kleine vermietete Wohnung hatten die beiden keinerlei Ersparnisse. Auch der Urlaub war nicht zufällig. Herr Guggenmoos war gebürtiger Allgäuer und besuchte einmal im Jahr das Grab seiner Eltern in Missen. Er hatte einen Bruder, eine Schwägerin und zwei Neffen, die sein Elternhaus in Börlas bewohnten.
Der Hamburger Hauptkommissar Lübke hatte gute Arbeit geleistet und Jessica sämtliche Erkenntnisse, Adressen und Bankdaten im Anschluss an ihr Telefonat sofort gefaxt.
»Mein aktueller Fall macht mich fertig«, begann Jessica beim gemeinsamen Abendessen mit Florian. »Wir haben überhaupt keine Anhaltspunkte. Der Täter hat keine Spuren hinterlassen und die Ehefrau ist nach wie vor verschwunden.« Sie schob ihren halb vollen Teller beiseite, verschränkte die Arme über dem Kopf und lehnte sich zurück.
Die Kinder waren zusammen mit ihrem Vater seit zwei Tagen in Hamburg. Florians Mutter Maria, die bei ihnen im Haus lebte, machte zusammen mit ihrer Freundin eine mehrwöchige Kreuzfahrt. Sie hatten sie heute gemeinsam zum Münchener Flughafen gebracht. Nun waren sie in dem alten Stadthaus für die nächsten Wochen allein.
»Mir geht es ähnlich. Isst du das nicht mehr?« Ohne eine Antwort abzuwarten, griff Florian nach Jessicas Teller und schob die Reste mit der Gabel auf seinen eigenen hinüber. »Ein gutes Rumpsteak darf man nicht verkommen lassen.«
»Ich bin kurz davor, den Suchradius auszuweiten. Die nähere Umgebung des Hotels in Missen haben wir bereits abgesucht, aber von der Frau fehlt jede Spur.« Sie seufzte erneut. »Ich hasse es, wenn ich keine Ideen mehr habe.«
»Glaubst du, die Frau ist auch tot?«
Jessica zuckte mit den Schultern.
Florian schob sich das letzte Stück Fleisch in den Mund, legte sein Besteck auf dem Teller ab und wischte sich wenig galant den Mund mit dem Handrücken ab. »Und wenn sie doch die Täterin ist?«
»Vielleicht. Aber warum? Ich finde einfach kein Motiv.«
»Eifersucht? Die beiden waren lange verheiratet. Eventuell hat er sie mit der Zeit so genervt, dass sie es nicht mehr ausgehalten hat. Oder er hat sie schlichtweg betrogen. Oder sie ihn«, tippte Florian, doch er verstand zu gut, wie ärgerlich es war, wenn man kein Motiv fand und nur spekulierte, was der Grund für einen Mord sein konnte.
»Wie sieht es denn bei dir aus?«, wollte Jessica wissen. »Habt ihr den Mann aus dem Sudkessel identifizieren können?«
»Nein, aber Ewe ist es tatsächlich gelungen, die DNA zu bestimmen.« Florian klang begeistert, als er ausführlich berichtete, was er inzwischen wusste. »Der tote Körper des Mannes hat mehrere Stunden in warmer Maische gelegen. Im Anschluss wurde er über zwei Stunden bei etwa 80 Grad gekocht und danach sorgte die Reinigungslauge endgültig dafür, dass die Knochen blitzblank waren und die Haut und die Organe sich fast komplett aufgelöst haben. Und trotz alldem haben Ewe und die Labortechniker im Rückenmark noch intakte DNA gefunden. Faszinierend, oder?«
»Aber ihr habt keine Vergleichsprobe, nicht wahr? Wird denn jemand vermisst, auf den die Angaben passen?« Jessica stand auf und begann die Geschirrspülmaschine einzuräumen.
»Das ist mein Problem«, gestand Florian. »Keine passenden vermissten Personen, die DNA nicht im System, nirgends Fingerabdrücke. Die ganze Brauerei war klinisch rein. Außer von Markus gab es keine Spuren. Fingerabdrücke von Herrn Lenz haben sie dagegen nur im Büro gefunden.«
»Meinst du, es war Markus?« Jessica drehte sich zu ihrem Freund um und sah ihn durchdringend an.
»Nein, nicht Markus. Sein Entsetzen war nicht gespielt, als er die Leiche gefunden hat. Aber ich habe noch ein weiteres Problem.« Er stand auf und griff nach der Pfanne, die noch auf dem Herd stand. Dann legte er sie in die Spüle und goss eine große Portion Spülmittel darauf.
»Was für ein Problem?« Jessica schloss die Klappe der Spülmaschine und schaltete das Gerät an.
»Ewe sagt, er habe nicht alle Körperteile gefunden. Es fehlen zwei Finger und ein kompletter Fuß. Wir haben alles abgesucht.«
»Oh je. Vielleicht hatte der Mann schon vor seinem Tod nur noch drei Finger«, sagte Jessica. »Könnte doch sein.«
»Nein, laut Ewe nicht. Die Finger sind eindeutig post mortem abgetrennt worden, wie der Fuß. Vermutlich durch das Mahlwerk im Kessel. Wann genau, also in welchem Prozess der Bierherstellung, kann man kaum sagen. Deshalb ist es schwierig zu bestimmen, ob die Teile im Treber, im Tank oder im Kanal gelandet sind. Ewe vermutet, dass es bereits vor dem Reinigungsvorgang passiert ist, weil die Bruchstellen am Knochen von dem aggressiven Reiniger ebenso stark angegriffen sind wie die restlichen Knochen, aber sicher ist er sich nicht. Wenn es so wäre, würde der Kanal wegfallen.«
»Hat man das kontaminierte Bier inzwischen nicht auch in den Kanal entsorgt?«, fragte Jessica verwirrt. »Das muss doch vernichtet werden.«
»Natürlich muss es das. Es soll Anfang nächster Woche kontrolliert aus dem Tank durch einen Filter abgelassen werden, um die eventuellen Knochenreste aufzufangen. Diesen Filter habe ich heute organisiert. Ich hoffe, er kommt morgen oder übermorgen an.«
»Verstehe. Da haben wir ja beide richtig Glück mit unseren Fällen. Scheinbar unlösbar bringt doch am meisten Spaß, oder?«
9
Hauptkommissar Forster stieg auf der Beifahrerseite des Streifenwagens aus, hielt kurz inne und rieb sich mit zwei Fingern seiner rechten Hand über die Augen.
»Soll ich allein hineingehen, Chef?«, bot Berthold an, schloss die Fahrertür und wartete, dass Florian seine Tür zuschlug, damit er das Fahrzeug mit dem Funkschlüssel verriegeln konnte.
Als der Hauptkommissar sich nicht rührte, ging Berthold um den Wagen herum und hielt seinem Vorgesetzten den Schlüssel entgegen. »Setz dich einfach wieder rein. Ich schaff das schon allein«, sagte er und konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
»Ich komme mit«, beschloss Florian, ließ die Tür los, an der er sich festgehalten hatte, schwankte kurz und lehnte sich rückwärts gegen den Streifenwagen. »Gib mir eine Minute, Berthold.«
Ihre Befragung der Brauereibesitzer in der Umgebung des Baschtl-Bräu hatte er sich einfacher vorgestellt. Im direkten Umfeld des Tatortes gab es vier weitere Brauereien, die nach Aussage des Brauerei-Inhabers Lenz alle einige Kunden an ihn verloren hatten. Bei den Kunden handelte es sich um Gastwirtschaften, kleine Hotels und Pensionen, die ihr Bierangebot aufgrund der günstigeren Konditionen der Baschtl-Bräu-Brauerei in den letzten Jahren umgestellt hatten. Zwei Getränkemärkte in Immenstadt und Sonthofen hatten das Bier zwar ins Sortiment aufgenommen, doch ob es die anderen Biere verdrängte oder nur ein zusätzliches Angebot für die Kundschaft darstellte, konnte ihm weder Sebastian Lenz noch einer der drei bisher befragten Braumeister sagen. Dafür war das Baschtl-Bier in dieser Gegend noch nicht lange genug auf dem Markt. Um eine Antwort darauf zu bekommen, müsste er vermutlich in besagten Supermärkten direkt nachfragen, aber das schien Florian etwas übertrieben.
Die frische Luft tat ihm gut.
Unmittelbar an der Hauptstraße, die sich durch das Dorf schlängelte, stand das graue Gebäude mit der riesigen Glasfront an der Westseite. Gleich daneben diente ein steinerner Torbogen als Einfahrt. Er war zu einer Zeit gebaut worden, als noch Kutschen das Bier abholten. Die großen Sattelschlepper und Biertransporter von heute passten nicht durch das Steintor. Für sie gab es eine weitere Einfahrt etwa 50 Meter weiter hinter dem Gebäude.
Der Besucherparkplatz der Brauerei lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite und war leicht abschüssig. Durch ein paar alte Weiden konnte man etwas entfernt, umringt von Wiesen, den Großen Alpsee sehen.
»Wie heißt denn hier der Braumeister?«, wollte Florian wissen und versuchte, mit Berthold Schritt zu halten. Sie überquerten die Straße und gingen auf das Tor zu. »Damit ich vorbereitet bin«, fügte er hinzu und bewunderte im Vorbeigehen die großen Kupferkessel des alten Sudhauses, die man durch die Glasscheibe sehen konnte.
»Der Braumeister ist ein gewisser Herr Voßkugler, der Brauereibesitzer heißt Rosenberger«, erklärte Berthold, blieb stehen und drehte sich zu dem Hauptkommissar um. »Aber das habe ich dir im Auto schon erzählt.«
»Ja, ich erinnere mich.« Florian rieb sich wieder die Augen und fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar. »Herrgott, Berthold. Sag mir, wie du es schaffst, das Bier abzulehnen, wenn man es dir anbietet? Ich packe auf gar keinen Fall eine weitere Maß«, jammerte er. Verstohlen spähte er durch das Tor in den Innenhof der Brauerei, doch dort war keine Menschenseele zu sehen. Vermutlich war gerade Mittagspause.
»Es gibt Männer«, begann Berthold und versuchte, nicht allzu breit zu grinsen, »die können einfach keiner Versuchung widerstehen, sagt meine ältere Schwester Angela immer. Und jetzt weiß ich auch, was sie damit meint. Du kannst nicht Nein sagen, Chef. Jedenfalls nicht zu Bier.«
»Doch, das kann ich. Ich bin schließlich im Dienst«, beschloss Florian und klang sehr überzeugt. »Sag mir nur, wie du es machst, Berthold. Du musstest noch überhaupt nichts trinken. Und mir drängen sie das Bier immer auf, obwohl ich dankend ablehne.«
Bertholds Tipps beherzigte Florian nur wenig später im Gärkeller, der im zweiten Untergeschoss der Brauerei lag. Hier war es feucht und kalt. Kondenswasser tropfte von der Decke und überzog die großen liegenden Edelstahltanks mit einer nasskalten Schicht. Schon auf der Treppe nach unten hatte er die Hände tief in die Hosentaschen geschoben. Obwohl er unten beinahe gestolpert und hingefallen wäre, weil er mit dem Fuß an einer erhöhten Türschwelle hängengeblieben war, ließ er die Hände, wo sie waren. Er schaute sich interessiert um und vermied es, den Braumeister und den Brauereibesitzer, die sich beide mit in den Keller bemüht hatten, länger als nötig anzusehen.
»Sie müssen unser Bier probieren, Herr Hauptkommissar«, sagte Herr Rosenberger, der Brauereibesitzer. »Es ist das beste hier im Allgäu. Wir sind mehrfach ausgezeichnet worden. Unser Braumeister Voßkugler ist ein wahres Genie in seinem Fach und bereits seit über 15 Jahren bei uns«, lobte der Eigentümer der Brauerei.
Florian hörte diese und ähnliche Worte bereits zum vierten Mal am heutigen Tag. Auch vier Brauereibesichtigungen hatte er inzwischen durch.
»Bitte machen Sie uns die Freude und probieren Sie selbst. Es wird Ihnen munden, Herr Hauptkommissar.« Rosenberger griff nach einem Maßkrug.
Bevor er ihn unter den kleinen Hahn halten konnte, der das Bier ausließ, schüttelte Florian heftig den Kopf. »Recht herzlichen Dank, aber wir sind im Dienst«, sagte er und wechselte schnell das Thema. »Kennen Sie Herrn Lenz, den Besitzer des Baschtl-Bräu, auch persönlich?«
»Aber klar.« Es war Braumeister Voßkugler, der die Frage beantwortete. »Wir haben einen jährlichen Stammtisch, der rotierend in jeder Brauerei im gesamten Allgäu stattfindet. Im letzten Jahr hat unser Betrieb ihn veranstaltet. Herr Lenz besucht den Stammtisch regelmäßig seit mehreren Jahren. Der Mann ist zwar sehr von sich überzeugt und etwas überheblich, aber immer höflich und versteht sich mit jedem«, fügte Voßkugler hinzu, ohne dass Florian danach fragte. »Der Vorfall in seiner Brauerei ist tragisch, doch Sie liegen mit Ihrer Vermutung falsch, Herr Forster. Das Biergeschäft ist heute nicht mehr leicht, die Absatzmärkte sind hart umkämpft. Aber wir sind die älteste Brauerei in der Region und haben eine ausreichend große Stammkundschaft, die uns die Treue hält. Ebenso geht es den anderen Brauereien in der Region. Die Baschtl-Brauerei hat nur eine kleine, unbedeutende Nische gefüllt.«
Auch diese Einschätzung hörte Florian Forster am heutigen Tag nicht zum ersten Mal. Ein Motiv für einen Mord oder auch nur einen Sabotageakt konnte er in keiner der Brauereien sehen.
»Könnte die von Ihnen erwähnte überhebliche Art des Brauereibesitzers eventuell bei irgendjemandem für Unmut gesorgt haben?«, fragte Berthold, der an der Türschwelle zum Kellerraum stehengeblieben war und bisher nur still beobachtet hatte. »Manche Menschen mögen keine Angeber«, fügte er erklärend hinzu.
Doch der Brauereibesitzer schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Wer ihn nicht mag, meidet ihn. Und so schlimm ist es gar nicht mit seiner Prahlerei«, überlegte Rosenberger und schüttelte seinen Kopf erneut, dieses Mal etwas energischer.
»Na ja«, mischte sich Voßkugler ein. »Es gab da einen Vorfall auf dem letztjährigen Brauereifest in Sebastians Brauerei. Ein Gast hat ihm eine verpasst. Lenz hatte sogar eine kleine Platzwunde an der Stirn. Soviel ich weiß, hat er den Vorfall jedoch nicht angezeigt. Obwohl damals die Polizei dort war. Lenz hat gemeint, der Kerl hätte wohl zu tief ins Bierglas geschaut, und wollte nicht, dass er unnötig Scherereien bekommt.«
»Und wer war der betrunkene Schläger?«, wollte Florian wissen. Wenn der Vorfall nicht angezeigt worden war, lagen die Personalien des Angreifers im Präsidium höchstwahrscheinlich auch nicht vor.
»Das weiß ich nicht. Ich war nicht dabei, sondern habe nur davon gehört. Die Polizeibeamten sind schnell wieder abgezogen und der wütende Faustschwinger ebenso«, erklärte Voßkugler und grinste. »Betrunkene gibt es auf solchen Festen immer. Manche sind friedlich, manche rasten halt aus.«
Nach ein paar weiteren Fragen wollte Florian sich schließlich verabschieden und streckte den beiden Männern seine Hand entgegen.
Brauereibesitzer Rosenberger drückte ihm den inzwischen vollen Maßkrug in die Hand und griff nach einem zweiten. »Dann vielen Dank für Ihren Besuch in unserer Brauerei, Herr Hauptkommissar. Auf erfolgreiche Ermittlungen und dass niemals das Bier ausgehen möge in unserem schönen Allgäu. Prost!« Er schlug den Glaskrug an denjenigen des Hauptkommissars und nahm einen großen Schluck.
Einige Sekunden lang starrte Florian auf die perfekte Schaumkrone seines Bieres. Dann seufzte er ergeben und nickte. »Auf Ihre Brauerei, Herr Rosenberger. Herr Voßkugler«, wandte er sich auch an den Braumeister, »dann werde ich doch mal probieren, was Sie hier Herrliches zusammengebraut haben.«
10
Neben dem großen Edelstahltank, dem ersten an der linken Außenwand des Stallgebäudes, stand Sebastian Lenz, der Brauereibesitzer. Heute trug er das dunkelblaue Firmen-Poloshirt mit dem Brauereiemblem und eine Arbeitshose in der gleichen Farbe. Er sah besorgt aus, half aber bereitwillig mit, als sein Angestellter Markus Hubertus zusammen mit zwei Beamten der Spurensicherung den schweren Schlauch an den Ablauf des Tanks anbrachte und das andere Ende über den großen, unten offenen Behälter mit dem feinmaschigen Stahlsieb hängte.
»Sie können sich nicht vorstellen, Herr Hauptkommissar«, sagte Lenz zu Florian Forster, der mit etwas Abstand vor der Tür zum Labor die ganze Aktion beobachtete, »wie mir das alles in der Seele schmerzt. Bier in den Kanal zu lassen ist immer schrecklich, doch dieses Bier war etwas ganz Besonderes.«
»Ja, allerdings«, bemerkte der Hauptkommissar sarkastisch. »Da lag eine Leiche drin.«
Sebastian Lenz zuckte bedauernd mit den Schultern und blickte bestürzt zu Boden. »Natürlich, das stimmt. Und das ist fürchterlich«, begann er, sah dann auf und schüttelte den Kopf. »Doch abgesehen von all diesen grauenvollen Umständen war mein Bier etwas Einmaliges. Es war mein Zehnjahres-Sud, ein Jubiläumsbier, ein besonderer Sud mit einer neuen Rezeptur, die ich vor über einem Jahr entwickelt habe und die extra für den zehnjährigen Brauereigeburtstag aufgespart wurde. Dieses Bier habe ich bereits beworben und die Nachfrage war riesig. Damit wären auf einen Schlag und in kürzester Zeit ein Fünftel meiner Schulden getilgt gewesen. Und jetzt …«, er seufzte laut.
»Markus hat mir vorhin erzählt, dass ein gewisser Herr Ferdinand Köbler sich hier ein paar Wochen vor Ihrem Urlaub unheimlich aufgeführt haben soll«, wechselte Florian Forster das Thema. »Ist das der gleiche Mann, der Ihnen auf dem Fest im letzten Jahr die Platzwunde verpasst hat?«
»Ach, der Köbler«, schmunzelte Lenz und schüttelte seinen Kopf. »Der hat mir sicher keine verpasst. Der ist fast 80 Jahre alt und eigentlich ein guter Kunde. Leider etwas cholerisch veranlagt. Ich hatte Mühe, ihn wieder aus der Brauerei hinauszubefördern. Ihm gehört eine Gastwirtschaft in Sonthofen, die wir seit etwa einem Jahr beliefern.«
»Wir wären dann so weit«, hörte Florian Markus rufen, bevor er nach den genauen Umständen des cholerischen Anfalls von diesem Herrn Köbler fragen konnte. »Sollen wir den Wechsel jetzt öffnen?«
Der Hauptkommissar nickte. Braumeister Hubertus griff nach dem Wechsel und ließ das Bier aus dem Tank durch den Schlauch und durch das Sieb in den Kanal ab.
»Die Bierproben habt ihr genommen, oder?« Die Frage kam vom Chef persönlich. »Sie sagten, Sie bräuchten noch Proben fürs Labor«, wandte sich Lenz erneut an den Hauptkommissar.
»Ja, die Proben sind schon in meinem Auto«, antwortete Florian dem Brauereibesitzer und wies mit seiner Hand zum einzigen Fenster auf dieser Hausseite. Dahinter befand sich der Parkplatz.
»Und es ist wirklich nur in diesem Tank Bier vom Sonnenwend-Sud? Was enthalten die anderen?« Florian hatte bei seinen gestrigen Brauereibesichtigungen gelernt, dass Bier zur Lagerung gekühlt werden musste. Die zwei Tanks neben demjenigen, aus dem gerade das Bier abgelassen wurde, waren feucht von Kondenswasser. Also waren sie kälter als die Raumtemperatur und beinhalteten folglich Bier.
»In Tank fünf und sechs ist unser Helles. Das wird morgen abgefüllt und geht noch am selben Abend raus«, erklärte Lenz und wies mit dem Daumen auf das große Plakat hinter ihm direkt neben der Tür zum Büro.
»›Hüttenzau-Bier, kristallklar wie das Wasser der Starzlach‹«, las Florian vor. »Sie nehmen Wasser aus der Starzlachklamm zum Bierbrauen?«
Lenz schmunzelte. »Aber klar«, sagte er, lachte dann laut und zwinkerte dem Hauptkommissar zu. »Die Starzlach entspringt irgendwo zwischen dem Grünten und dem Wertacher Hörnle, fließt unweit von hier vorbei und mündet in die Ostrach. Wir haben einen eigenen Brunnen hinter der Brauerei und benutzen zusätzlich Stadtwasser aus der Leitung. Beides kommt ursprünglich aus den Bergen, also das Stadtwasser vermutlich auch aus der Starzlach. Wir werben nur mit Tatsachen!« Er zwinkerte erneut. »Wollen Sie unser Hüttenzau-Bier mal probieren, während wir hier warten?«
Hauptkommissar Forster schüttelte etwas zu heftig seinen Kopf und schob instinktiv beide Hände in die Hosentaschen. »Ich bin im Dienst.«
»Haben Sie denn den Treber, den Bauer Schöller abgeholt hat, inzwischen untersucht?«, wollte Lenz wissen, kam zum Hauptkommissar herüber und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand neben der Tür zu seinem Büro. »Der Treber war noch nicht an das Vieh verfüttert, nehme ich an.«
»Nein, war er nicht. Da hatten wir Glück«, sagte Florian, ohne die zwei Beamten und Markus aus den Augen zu lassen, die bisher nichts gefunden hatten. »Der Treber ist beschlagnahmt, der Container versiegelt. Wir kümmern uns darum, sobald wir diese Aktion abgeschlossen haben. Wenn wir hier keinen Erfolg haben, hoffen wir auf den Treber.«
»Verstehe. Dann drücke ich die Daumen, dass Sie etwas finden.«
Davon ging der Hauptkommissar nicht aus, obwohl er ebenfalls darauf hoffte. Dass man im Treber, also in über einer Tonne breiiger Getreidesubstanz, ein paar Knochen oder kleine Knochensplitter finden konnte, hielt er erst recht für ausgeschlossen. Dann eher noch im Bier. Aber Markus Hubertus hatte erklärt, dass die Flüssigkeit vom Sudkessel durch eine Pumpe in den Tank geleitet wurde. Diese Pumpe blockierte bei größeren Fremdkörpern. Da die Befüllung des Tanks jedoch ohne Störung verlaufen war, dürften im Bier keine Feststoffe sein.
Umso erstaunter war Florian, als jemand plötzlich rief: »Da, das könnte ein Teil eines Fußes sein!«
*
Das Gebäude schien noch vor den zwei Weltkriegen gebaut worden zu sein. Die Wände waren schief, die Decken niedrig und mit dunklen, schweren Holzbalken gestützt. Kleine Holzfenster gaben den Blick zur Straße und Richtung Westen zum hübsch dekorierten Biergarten frei, der ringsum mit einer hohen Mauer von Nebengebäuden und der Straße abgegrenzt und wunderbar schattig von der riesigen Krone eines imposanten Kastanienbaumes überspannt war.
Die Inneneinrichtung wirkte etwas altmodisch, doch sauber und einladend. Auf den Fensterbänken standen Töpfe mit frischen, üppig blühenden Pflanzen. Die Bedienungen trugen allesamt Dirndl oder Tracht und übertrumpften sich regelrecht mit Freundlichkeit und Aufmerksamkeit.
Ferdinand Köbler bildete allerdings eine krasse Ausnahme.
»So a sau-seggl-bleder Siach!«, schrie er und schwang dabei drohend seine Faust. »Der will eisr G’schäft am End no ganz himacha!«
Die wenigen Gäste, die sich im Inneren der Gastwirtschaft aufhielten, drehten sich irritiert um.
»Sie mögen den Herrn Lenz nicht. Das habe ich bereits verstanden«, sagte Florian und hob beschwichtigend die Hände. »Was hat er Ihnen denn getan? Sie haben ihn Anfang Juni in seiner Brauerei aufgesucht. Was wollten Sie von ihm?«
»Des goht di an alta Scheiß a, was i mit deam do zum Schaffa g’hett hob«, brüllte Köbler. »Au wenn du moinsch, weil vo dr Polizei bisch, du wärsch ebbs B’sonders. Mei Zuig regel i immer no ganz alloi.« Er fuchtelte wieder mit der Faust vor Florians Gesicht, machte aber keine Anstalten, ihn tatsächlich anzugreifen.
»Jetzt lass aber mal guat sei, Vattr«, mischte sich eine Frau in einem teuren dunkelgrünen Dirndl ein, griff nach der erhobenen Faust ihres Vaters, drückte sie herunter und schob den alten Herrn mit sanfter Gewalt hinter den Tresen und durch die Tür zur Küche. Dann kam sie zurück und sah den Hauptkommissar verlegen an.
»Entschuldigen Sie bitte den Auftritt vo mei’m Vattr«, sagte sie bedauernd. »Er isch manchmal a bizla schwierig.«
»Schon gut. Aber was meinte Ihr Vater denn damit, dass Lenz ihn ruinieren wolle? Gibt es Ärger mit dem Besitzer des Baschtl-Bräu?«, fragte der Hauptkommissar, setzte sich auf einen der Hocker direkt an der Theke und legte seinen linken Arm auf die glatte, frisch polierte Holzfläche des Tresens. »Ich habe auf der Speisekarte gelesen, dass Sie in Ihrer Wirtschaft fast ausschließlich Baschtl-Bier anbieten.«
»Des stimmt scho«, bestätigte die Frau, die Florian auf etwa 50 Jahre schätzte. »Mit dem Bier an sich hot’s no nie Probleme geba.«
»Und was regt Ihren Vater dann so auf?«
»Ach, dr Vattr«, lachte sie, rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn, griff über die Theke und angelte sich ein Glas Wasser, das dort stand und nur noch halb gefüllt war. »Derf i Ihnen au was anbieten, Herr Hauptkommissar? Goht natürlich aufs Haus.« Ihr letzter Satz war nur geflüstert und sie sah verstohlen zur Küchentür, als befürchtete sie, ihr Vater würde gleich wieder herausstürmen. Vermutlich mochte er es gar nicht, wenn sie Freigetränke ausschenkte.
»Vielen Dank«, winkte Florian ab und schüttelte den Kopf. »Können Sie mir sagen, wo Ihr Vater um den 21. oder 22. Juni war?«
»Wenn Sie glauben, er hat was mit dem Toten im Bier zu tun, dann irren Sie sich, Herr Forster.« Sie schmunzelte. »Dr Vattr beffzgat bloß, der hot no nie jemand bissa. Und er hot ja au eigentlich gar koin Grund, sich über dr Sebastian Lenz zum ärgra«, erklärte sie dem Hauptkommissar, nahm einen großen Schluck aus ihrem Wasserglas und platzierte es wieder hinter dem Tresen. »Er regt sich bloß so unbandig auf, weil dr Lenz im Frühjahr den Hektoliterpreis fürs Hüttenzau-Bier angehoben hat. Des Bier läuft bei uns super. Dr Vattr luagat scho seeeehr aufs Geld, aber er weiß au, dass der Preis immer no unter dem von dr Konkurrenz liegt, und er dät sich lieber an Arm abreissa, als auf des guate und vergleichsweise ginschtige Bier vom Lenz zum verzichta.«
»Der Huara-Siach isch so a Lumpabeitel, so a kreuzdepperter«, hörte Florian den Gastwirt aus der Küche fluchen. Er stand auf, lächelte und hob zum Abschied die Hand.
»Und der neugierige Polizischt kriagt koi Freibier. Koi oinzige Halbe. Hosch mi verstanda?! Mir sind doch itt bei dr Wohlfahrt!«
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