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Meg Harding

Finding home: Zuhause ist …

Aus dem Englischen von Mia Rusch

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2020

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Finding home

Übersetzung: Mia Rusch

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Nevskii Dimitrii – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-417-9

ISBN 978-3-96089-418-6 (epub)

Inhalt:

Jaden Matthews hat seinen Vater und die Familie seines Vaters nie kennengelernt, doch jetzt bekommt er einen Crashkurs darin, plötzlich Geschwister zu haben. Nach dem Tod seiner Großmutter findet er heraus, dass er drei Halbbrüder hat und Mitbesitzer eines Fitnessstudios ist. In Serenity, Florida. Da sein Leben in New York ohnehin gerade steinig ist, ist ein kleiner Urlaub dort vielleicht genau passend, um wieder klarzukommen.

Chase Michaels hat seine Zukunft bei einem Autounfall vor zehn Jahren verloren. Sein neues Leben hat er sich in Serenity aufgebaut – ein Leben ohne emotionale Verwicklungen. Doch das Treffen mit Jaden schaltet seinen Verstand aus und lässt sein Herz höherschlagen.

Kapitel 1

Serenity war eine kleine Stadt in Florida und lag scheinbar mitten im Nirgendwo. Vielleicht existierte sie auch gar nicht. Jaden Matthews hatte keine Ahnung. Er kannte nur die Adresse, die seine Mutter ihm geschickt hatte. Es war also fragwürdig, ob es die Stadt überhaupt gab. Langsam fragte er sich, ob sie ihn nur zu der Reise überredet hatte, damit er nicht mehr bei ihr zu Hause hockte und Trübsal blies. Vielleicht hoffte sie auch, dass er von einem Alligator gefressen wurde. Jaden hatte gehört, dass das in Florida tatsächlich vorkam.

Er fuhr rechts ran. Sobald sein Auto stand, ließ er die Stirn gegen das Lenkrad sinken und stieß ein frustriertes Seufzen aus. Vier Stunden. So lange war er heute schon unterwegs. Sein Fuß war eingeschlafen, genauso wie sein Hintern. Er hatte Kopfschmerzen. Es fühlte sich an, als würde jemand seinen Schädel mit einem Presslufthammer bearbeiten.

Google Maps hatte längst das Signal verloren. Jaden war auf einer einsamen Landstraße gestrandet, auf der es außer unzähligen Bäumen scheinbar nichts gab. Er musste dringend pinkeln. Doch was, wenn ein Bär ihn attackierte, sobald er aus dem Auto stieg? Das lag durchaus im Bereich des Möglichen. Er hatte Zeitungsartikel über Florida gelesen. Hier passierten nur schreckliche und bizarre Dinge.

Wie war er noch gleich hier gelandet? Ach ja, richtig. Als ob er das vergessen könnte. Die Geschichte ging folgendermaßen:

Vor zwei Monaten hatte sein Mann ihn nach neun Jahren Ehe verlassen, nachdem Jaden seinen Job in einer Steuerberatungskanzlei verloren hatte. Eigentlich hatte Jaden erwartet, dass man ihn bald in die Chefetage befördern würde, also war der Jobverlust ein Schock gewesen. Nun gut, Budgetkürzungen passierten. In diesem Fall musste man sich eben nach etwas Neuem umsehen. Er hatte gedacht, er würde schnell einen anderen Job finden. Steuerberater wurden immer gebraucht und Jaden hatte gute Referenzen. Drew hatte allerdings nicht gewartet, bis Jaden wieder auf die Beine kam. Vermutlich hatte es etwas mit dem Mann zu tun, mit dem er eine Affäre hatte. Einem Medizinstudenten. Jemandem mit großem Potenzial, der eine strahlende Zukunft vor sich hatte. Man musste kein Genie sein, um es zu kapieren. Jaden war fünfunddreißig und somit alt und langweilig. Vielen Dank auch. Drew behielt das Haus, bis sie eine einvernehmliche Lösung fanden. Jaden hatte das Auto behalten. Und Magneto, ihre Dogge. Das war die zweite Lektion, die er durch diese ganze Misere gelernt hatte: Man sollte immer einen Ehevertrag abschließen. Das wäre eine wirklich gute Idee gewesen. Jaden war zu seiner Mutter gezogen. Und dann war seine Großmutter gestorben. Er hatte nur vage Kindheitserinnerungen an sie; an die Kleider, die sie gerne getragen hatte, und an die Kuchen, die sie immer gebacken hatte. Sie hatte einen Hund gehabt, glaubte Jaden zumindest. Vielleicht war es auch eine Katze gewesen … Wie auch immer, sie war die Mutter seines Vaters. An ihn konnte Jaden sich nicht erinnern, sie hatten nie Kontakt zueinander gehabt. Doch seine Großmutter hatte er ein paarmal getroffen, als er noch klein gewesen war. Früher hatten sie sie manchmal besucht. Doch dann, als er fünf war, waren sie nach New York gezogen und der Kontakt war immer weniger geworden. Seine Großmutter hatte zu seinen Geburtstagen Geld und Glückwunschkarten geschickt. An Weihnachten hatten sie Weihnachtskarten und Schulfotos zurückgeschickt. Sie hatte ihr Haus und ihren Betrieb hinterlassen. Jaden wusste nicht, um was für eine Art Firma es sich handelte; er wusste nur, wem sie alles vermacht hatte: den Söhnen ihres Sohnes. Ja, tatsächlich. Söhne. Plural. Anscheinend hatte sein Vater sich ordentlich ausgetobt. Jaden wusste nicht, wo der Mann sich gerade herumtrieb. Es war ihm auch egal. Nun ja, jedenfalls tat er so, als wäre es ihm egal. Das war ein reiner Selbstschutzmechanismus. Eigentlich hatte er nicht nach Serenity kommen wollen. Er wollte mit seiner Verwandtschaft väterlicherseits nichts zu tun haben. Doch seine Mutter hatte ihn dazu gedrängt, wieder und wieder. Sie hielt es für eine fantastische Idee, wenn er seine Halbbrüder traf und das Kleinstadtleben kennenlernte. Du meinst doch auch immer, dass du einen Tapetenwechsel brauchst, hatte sie gesagt. Er bereute es, ihr jemals davon erzählt zu haben. Wenn er einfach die Klappe gehalten hätte, dann wäre er nie mitten im Nirgendwo auf einer einsamen Landstraße gestrandet und müsste sich keine Sorgen darüber machen, von wilden Tieren angefallen zu werden. Er kam aus New York; die gruseligsten Tiere, die er kannte, waren hungrige Eichhörnchen und fette Ratten. Magneto schlief nichtsahnend auf dem Rücksitz, schnarchte und sabberte auf die Ledersitze. Magneto hatte fast die ganze Reise hierher geschlafen, so auch heute. Sollten sie tatsächlich von einem Bären angefallen werden, würde Magneto keine große Hilfe sein. Jaden wusste nicht, wie Leute das aushielten. Er mochte es, alles in Gehweite zu haben, oder höchstens eine Viertelstunde mit dem Auto oder der U-Bahn entfernt. Wie konnte man nur so fernab der Zivilisation leben? Hier draußen gab es nicht mal Straßenschilder. Er hatte buchstäblich nicht die geringste Ahnung, wo er sich befand.

Während er weiter vor sich hin starrte und über die Lebensentscheidungen anderer Leute nachdachte, erblickte er drei Hirsche, die aus dem Wald trabten und die Straße kreuzten. Er hatte noch nie mit eigenen Augen einen Hirsch gesehen.

»Okay, ich gebe ja zu, das ist ganz cool«, sagte er zu sich selbst.

Magneto schlief immer noch. Er schnarchte wie eine Kettensäge. Manchmal, wenn er seufzte, bliesen sich seine Hängebacken auf und flatterten. Jaden konnte es nicht leugnen: Er liebte Magneto mehr, als er Drew jemals geliebt hatte. Magneto hatte Drew wortwörtlich in den Hintern gebissen, als sie gegangen waren. Die Erinnerung daran brachte ihn immer noch zum Lächeln.

Er startete den Motor wieder und fuhr weiter die Straße entlang. Beziehungsweise das, was man hier wohl Straße nannte. Er fuhr. Und fuhr. Immer weiter. Der Tank war nur noch zu einem Viertel voll. Jaden sah der Anzeigennadel dabei zu, wie sie sank und sank … Und schließlich war es so weit. Das Auto wurde langsamer und dann standen sie mitten im Nirgendwo am Straßenrand. Mit leerem Tank. Das nächste menschliche Wesen war vermutlich Hunderttausende Kilometer entfernt.

»Schöne Scheiße.«

Magneto wachte auf, als Jaden den Motor anflehte, auf magische Weise wieder anzuspringen. Er leckte ihm über die Wange und schnaubte ihm mit seinem warmen Atem ins Ohr. Ziemlich eklig.

»Vielen Dank auch.« Jaden griff ins Handschuhfach und fand die Reinigungstücher, die er für solche Anlässe darin aufbewahrte. Er begann, Magnetos Sabber von seinem Gesicht zu wischen.

Magneto bellte.

»Was hältst du von einem Spaziergang?«, fragte er ihn ernsthaft.

Magneto machte es sich wieder auf dem Rücksitz bequem und legte die Pfoten über den Kopf.

»Ja. Das habe ich mir gedacht.«

Die Wetter-App auf seinem Handy hatte für heute lauschige Temperaturen von 37 Grad Celsius angekündigt. Das bewies wohl, dass Florida tatsächlich die Hölle auf Erden war. Es war Mai. Hatte man hier noch nie von Frühling gehört? Mangels Alternativen öffnete er die Autotür, um die feuchtwarme Luft hereinzulassen. Es fühlte sich an wie in der Sauna. Nur gab es hier keine halb nackten Männer und auch keine Klimaanlage. Außerdem machte er sich immer noch Sorgen wegen der Bären. Es war wohl an der Zeit, den Notruf zu wählen und zuzugeben, dass er ein Idiot war.

Erst, als die Frau am anderen Ende der Leitung fragte, wo er sich befand, fiel ihm auf, dass er richtig tief in der Scheiße saß. Er hatte nämlich keine Ahnung. Nicht einmal den Namen der Straße kannte er. Highway 28? 47? 79? Woher sollte er das wissen?

»Können Sie nicht mein Handy orten?«, fragte er. »Ich bin nicht von hier.«

Die Frau am Telefon seufzte genervt. Durfte sie das überhaupt? Er hatte hier ein ernstes Problem.

Tut mir schrecklich leid, dass ich Ihnen Unannehmlichkeiten mache.

Er verdrehte seine blauen Augen. Nicht nur wegen ihr, sondern wegen der Allgemeinsituation. Das hier fühlte sich an, als würde er mit Vollgas auf einen Abgrund zufahren.

In diesem Moment hörte er ein Fahrzeug. Er wandte sich um und sah, wie sich ein Auto rasch näherte. »Da kommt jemand«, unterbrach er die Frau am Telefon. »Ich sehe mal, ob das Auto anhält. Können Sie dranbleiben, falls etwas schiefgeht?« Wenn er brutal ermordet neben dem Highway endete, dann wollte er zumindest, dass die Polizei seinen Mörder schnell fand.

Die Frau seufzte ihm erneut ins Ohr. »Sehen Sie viel fern?«, fragte sie.

Jaden begann mit der freien Hand zu winken und versuchte, die Aufmerksamkeit des Fahrers auf sich zu ziehen. »Ja, tue ich«, antwortete er. Ob es eine gute Idee war, auf die Straße zu laufen? Wie standen die Chancen, dass das Auto ihn überfahren würde?

»Sind Sie ein Fan von CSI?«

Jaden entschied sich dazu, neben seinem Auto stehen zu bleiben. Hoffentlich würde Winken ausreichen, um zu signalisieren, dass er Hilfe brauchte. »Navy CIS mag ich lieber«, sagte er. »Und Criminal Minds. Die Serie ist gut.«

Sie murmelte etwas. Er verstand sie zwar nicht, aber es war vermutlich wenig schmeichelhaft.

»Ich sehe auch Nachrichten«, verteidigte er sich. »Und die sind nicht fiktional.« Er hatte eine gesunde Dosis Misstrauen, was die Welt und Menschen anging. Besonders Menschen gegenüber. Menschen waren unberechenbar. Kein bisschen wie Zahlen, die man mit Logik und einer Portion Hausverstand verstehen konnte.

Das Auto wurde langsamer und blieb direkt hinter seinem stehen. Jaden verengte die Augen und versuchte, den Fahrer durch die getönte Windschutzscheibe zu erkennen.

»Das Auto hat angehalten. Ein silberner Toyota Corolla, ziemlich alt. Der hat schon bessere Tage gesehen.« Die Motorhaube hatte Dellen, die Kotflügel waren mit Dreck bespritzt. Ganz zu schweigen von all den toten Insekten, die an der Stoßstange klebten.

Die Frau am anderen Ende der Leitung blieb stumm.

»Haben Sie das notiert?«

»Oh, ja, sicher«, sagte sie.

Jaden glaubte ihr kein Wort.

Die Fahrertür wurde geöffnet. Jadens Magen krampfte sich vor Angst zusammen. Und dann erklang ein Hupen. Fast hätte er sich in die Hose gemacht. Mit rasendem Herzen wirbelte er herum und erblickte Magneto, der eine Pfote auf die Hupe gelegt hatte. Ein unschuldiger Ausdruck stand auf seinem niedlichen, schwarz-weißen Hundegesicht.

»Bist du fertig mit deinem Nickerchen?«, fragte Jaden und legte sich eine Hand auf die Brust, als ob das seinen Herzschlag beruhigen könnte.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte eine warme, tiefe Männerstimme hinter ihm.

Augenblicklich lief ihm ein Schauder über den Rücken. Hä? Das war seltsam. Er wandte sich um. Am Straßenrand stand ein „Calvin Klein“-Model. Die Natur hatte es eindeutig gut mit ihm gemeint. Der Mann war größer als Jaden, sicher über ein Meter achtzig, und seine Beine … Jaden lief ein wenig das Wasser im Mund zusammen. Sie waren lang und wohlgeformt. Seine Jeans schmiegte sich an seine Oberschenkel. Seine starken, muskulösen Oberschenkel. Jaden schluckte. Sein schlichtes weißes T-Shirt betonte seinen ebenso wundervollen, durchtrainierten Oberkörper. Sicher hatte er die Art von Bauchmuskeln, die Jaden normalerweise nur in Pornos sah. Er war braun gebrannt, sein Kinn und seine hohen Wangenknochen waren wie aus Stein gemeißelt, seine Lippen waren voll und rot. Seine Augen wurden von einer „Ray Ban“-Sonnenbrille verborgen und sein kastanienbraunes Haar fiel in Wellen bis zu seinen Ohren. Jaden fragte sich, ob er vor lauter Hitze im Auto ohnmächtig geworden war. Vielleicht war all das ja eine wunderbare Halluzination. Wenn der Typ gleich sein T-Shirt ausziehen würde, dann würde das die Frage beantworten. Vielleicht sollte er weniger Pornos gucken.

»Sind Sie okay?«

Jaden blinzelte. Der Typ hatte das T-Shirt bisher nicht ausgezogen. Also war dieser göttliche Mann wohl tatsächlich sein Retter in der Not. Wow. Zu schade, dass er gleich würde zugeben müssen, was für ein Idiot er war. »Ich habe keinen Sprit mehr«, sagte er. »Und keine Ahnung, wo ich bin.«

Der Mann lächelte. Er hatte Grübchen. Zwei sogar. Eines in jeder Wange.

Jadens Knie gaben fast nach. Mann, diese Hitze machte ihn wirklich fertig. Er lehnte sich gegen sein Auto, um nicht umzukippen. Schweiß lief seinen Nacken herab, unter seinen Kragen und seine Wirbelsäule entlang. Als Jaden sich über die Lippen leckte, schmeckte er Salz. Also hatte er sich nicht nur verfahren, sondern stand verschwitzt und eklig am Straßenrand. Wundervoll. Genau so wollte man sich dem heißesten Mann präsentieren, den man je gesehen hatte.

»Sie sind auf der State Road twenty-two, etwa fünfzehn Kilometer von Serenity entfernt.«

Jaden fiel die Kinnlade runter. »Sie verarschen mich, oder? Fünfzehn Kilometer? Mein Auto hätte nur noch fünfzehn Kilometer durchhalten müssen?« Wenn er so eine Schrottkiste hätte wie der heiße Typ, hätte er jetzt dagegengetreten. Aber er fuhr einen Audi, also stampfte er nur mit dem Fuß auf. Das konnte doch nicht wahr sein. Er war so nah am Ziel.

»Ich vermute also einfach mal, dass Sie nach Serenity wollen?«, fragte der Mann. Er war zwar immer noch unglaublich sexy, doch sein Grinsen nervte Jaden langsam. Seine Lage war nicht witzig, verdammt!

»Ja, genau dort will ich hin«, sagte er.

Sein potentieller Retter musterte ihn gründlich von Kopf bis Fuß.

Jaden richtete sich auf, versuchte, seine Schultern breiter wirken zu lassen. Er fuhr sich durchs Haar, um das verschwitzte Durcheinander noch irgendwie zu retten. Verglichen mit diesem Mann, ließ seine Erscheinung sicher zu wünschen übrig.

Die Frau am Telefon fragte: »Kann ich jetzt auflegen oder wollen Sie weiterhin meine Zeit verschwenden?«

Er legte auf. Falls er starb, konnte er sie als Geist heimsuchen.

»Ich kann Sie und Ihr kleines Pferd hier zur nächsten Tankstelle und wieder zurück bringen«, bot der Mann an und streckte eine Hand nach Magneto aus.

Zögerlich ging Magneto auf ihn zu, vorsichtig schnuppernd, die schwarz-weißen Ohren eng an den Kopf gelegt. Er mochte keine Fremden. Es hatte Wochen gedauert, bis er sich an Drew gewöhnt hatte, einfach nur, weil Jaden derjenige gewesen war, der ihn als Welpe aus dem Tierheim geholt hatte. Eigentlich hätte Magneto ein Geburtstagsgeschenk für Drew sein sollen. Dieser Plan war nach hinten losgegangen, aber es tat Jaden nicht wirklich leid. Er sah dabei zu, wie Magneto zaghaft an den Fingern des Mannes schnupperte. Dann schoss seine Zunge hervor und er leckte seine Hand ab, wobei er sie von oben bis unten vollsabberte.

Der Mann lachte und kniete sich vor Magneto hin. Dieser begann, über seine Wange zu schlabbern.

Das beantwortete wohl die Frage, ob Jaden diesem Typen vertrauen konnte. Sein Hund tat es eindeutig und das musste etwas bedeuten. »Das wäre wirklich nett. Vielen Dank«, sagte er und trat von einem Bein aufs andere. Ob er anbieten sollte, für die Hilfe zu bezahlen? Vielleicht, sobald sie an der Tankstelle waren. Es war sicher besser, noch zu warten, bevor er die Brieftasche zückte. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass Magneto sich irrte.

»Gerne doch.« Der Mann warf Jaden ein strahlendes Lächeln zu und fuhr damit fort, Magnetos riesige Schlappohren zu kraulen. »Ich bin Chase Michaels. Wie heißt Ihr Hund denn?«

»Magneto.«

Chase Michaels …

Irgendwie hörte sich dieser Name vertraut an. Doch Jaden konnte ihn nicht einordnen. Er schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich nur ein Zufall. »Wie einer der X-Men.« Das sagte er inzwischen immer automatisch dazu, nur um die unausweichliche Frage gleich zu beantworten.

Als Magneto seinen Namen hörte, wandte er sich von Chase ab und trottete zu Jaden. Dieser kraulte ihn zur Belohnung am Kinn.

»Und ich bin Jaden. Jaden Matthews.«

Chase wischte seine vollgesabberten Hände an seiner Jeans ab. Jaden krümmte sich innerlich. »Schön, Sie kennenzulernen. Wollen wir los oder brauchen Sie noch etwas aus dem Auto?«

»Ich hole nur kurz seine Leine.« Als Jaden danach griff, steckte er seine Brieftasche unauffällig in die Hosentasche. Erst im letzten Moment fiel ihm auf, dass er seine Autoschlüssel mitnehmen sollte. Wenn er sich jetzt auch noch aussperrte, wäre das die krönende Kirsche auf seinem beschissenen Tag. Er mochte keine Kirschen.

Magneto sprang auf den Rücksitz von Chases Auto und begann sofort damit, das Fenster vollzusabbern.

Jaden starrte ihn bestürzt an. »Es tut mir so leid«, sagte er rasch. »Ich zahle natürlich für die Autoreinigung.« Drew hatte sich immer geweigert, Magneto in sein Auto zu lassen. Und er hatte sich fürchterlich aufgeregt, wenn Magneto im Haus alle Fenster verschmiert hatte, während er den Eichhörnchen draußen beim Spielen zugesehen hatte. Jaden war mittlerweile ein routinierter Fensterputzer. Wenn er keinen neuen Job als Steuerberater fand, könnte er ja die Branche wechseln. Er könnte seine eigene Firma gründen und die Steuer selbst erledigen.

Aber Chase lachte nur. Die Sauerei, die Magneto in nicht einmal zwei Sekunden angerichtet hatte, schien ihn gar nicht zu kümmern. »Das ist schon okay«, sagte er. »Ich mache für ihn das Fenster auf.«

Sein Auto roch nach Äpfeln. Jaden sah sich unauffällig um, bis er im Becherhalter etwas entdeckte, das wohl ein Smoothie war. Die Farbe war braun und eher wenig appetitanregend. Er hatte erwartet, dass Country aus den Lautsprechern schallen würde, also war er angenehm überrascht, etwas anderes zu hören. Indie-Rock vielleicht? Er kannte das Lied nicht, aber der Beat war gut und der Sänger hatte eine schöne Stimme. Sollte er Smalltalk machen und fragen, welche Band das war?

»Also, was führt Sie nach Serenity?«

Jaden pulte an der Haut neben seinen Fingernägeln. Chase sah konzentriert auf die Straße und aus diesem Winkel konnte Jaden sehen, dass er lange, dichte Wimpern hatte. Nur seine Augenfarbe konnte er noch immer nicht erkennen.

»Meine Großmutter ist gestorben«, sagte er. »Anscheinend habe ich einen Teil ihres Unternehmens geerbt.«

Chases Sonnenbrille verrutschte, als er rasch den Kopf wandte. Aus atemberaubend grünen Augen starrte er Jaden an. »Sind sind ein Enkel von Lily-Anne?«, fragte er und schob die Sonnenbrille wieder hoch.

Jaden hatte zum wiederholten Male das Gefühl, auf irgendeine Art analysiert zu werden. Dann kam der Sinn von Chases Worten in seinem Kopf an. Ein Enkel. Wusste jeder außer ihm, dass er Brüder hatte? »Wie viele andere Enkel gibt es denn?«, wollte er wissen. Im Testament war das nicht genauer spezifiziert worden. Das Erbe sollte zwischen allen lebenden Enkeln aufgeteilt werden, so der genaue Wortlaut.

Chase hob die Augenbrauen. »Drei. Sie leben alle in Serenity. Schon seit Jahren.«

Hatte jemand Jaden ins Gesicht geschlagen? Es fühlte sich nämlich so an. Er hatte drei Halbbrüder und anscheinend waren sie alle miteinander aufgewachsen. In Serenity? Hieß das, dass sein Vater auch hier lebte? Würde er endlich den Mann kennenlernen, den er bisher eher als Samenspender betrachtet hatte?

Chase legte eine seiner großen, warmen Hände auf seinen Oberschenkel, in einer beiläufigen Bewegung. Jaden zuckte zusammen und starrte sie an. Seine Gedankenblase zerplatzte abrupt. Doch für Chase schien die Berührung keine große Sache zu sein. Er sollte ihn bitten, die Hand wieder wegzunehmen, doch die Worte drangen nicht aus seiner Kehle.

»Ähm«, sagte er.

»Sind Sie okay?«

»Ja.«

Chase wirkte nicht überzeugt, zog die Hand aber wieder weg.

Erst als Jaden tief Luft holte, fiel ihm auf, dass er den Atem angehalten hatte. Er sollte etwas sagen, bevor Chase Fragen stellte, die er nicht beantworten wollte. »Sie haben sie also gekannt?«

»Ja. Sie war wirklich unvergleichlich. Ich war am Sonntagabend oft bei ihr und Ihren Brüdern zum Essen eingeladen. Sie hat ein altes Lagerhaus gekauft, es renoviert und dort ein Fitnessstudio eröffnet. Die Jungs leiten es nun. Ich unterrichte ein paar Kurse dort, mehrmals die Woche. Das Studio bietet auch Physiotherapie an.« Er lächelte. »Ihre Großmutter war Krankenschwester, wussten Sie das? Sie hat es geliebt, Menschen zu helfen.«

Das hatte Jaden nicht gewusst. Er kratzte sich am Nacken. Seine Nerven flatterten. Er würde ein Außenseiter sein. Ein Außenseiter, der … Ja, was eigentlich? Der in eine Situation hineinplatzte, die ohne ihn perfekt funktionierte? »Ich kannte sie nicht wirklich«, murmelte er.

»Oh.«

Sofort breitete sich peinliches Schweigen aus. Es waren die längsten zehn Minuten seines Lebens. Obwohl er schon öfter solche unangenehmen Situationen erlebt hatte.

Als sie die Tankstelle erreichten, waren weit und breit keine anderen Kunden zu sehen. Jaden kaufte im Eiltempo einen Kanister und füllte ihn auf. Chase hatte Magneto aus dem Auto gelassen und spazierte mit ihm über die nahe Wiese, wo Magneto Grasbüsche und Sträucher markierte.

Anscheinend mochte Chase keine Stille. Auf dem Rückweg räusperte er sich nach einigen Minuten und fragte: »Also, wie lange wirst du bleiben?«

»Ein paar Wochen? Vielleicht einen Monat.« Das war zumindest der Plan. Lange genug, um sich um alles Nötige zu kümmern. Nur, dass es eigentlich nichts zu tun gab. Das Unternehmen seiner Großmutter lief auch ohne ihn und seine Brüder hatten wahrscheinlich schon ihr Haus ausgeräumt. Vielleicht würde er ein bisschen Krimskrams mitnehmen und sich darum kümmern, seinen Anteil an der Firma zu verkaufen. Seine Halbbrüder wollten sicher nicht, dass er plötzlich aus dem Nichts auftauchte und ihr Leben durcheinanderbrachte.

»Serenity ist eine kleine Stadt, etwa fünftausend Einwohner. Aber ich finde, es ist wirklich schön hier. Wir haben viel zu bieten.«

Jaden schnippte einen Fussel von seinem Hosenbein. Eigentlich sollte er Chase das nicht fragen … Aber er würde es trotzdem tun. »Kannst du mir etwas über sie erzählen? Über … meine Brüder?« Er hielt seinen Blick angestrengt auf die Bäume gerichtet, die draußen vor dem Autofenster an ihnen vorbeizufliegen schienen.

Chase zögerte kurz, doch dann drehte er das Radio leiser und begann zu sprechen. »Da sind Elliot, Phoenix und Zane. Phoenix und Zane haben schon hier gelebt, als ich nach Serenity gezogen bin, vor etwa sechs Jahren. Elliot ist dann ungefähr ein Jahr später dazugekommen. Soweit ich weiß, haben sie nach ihrem Vater gesucht und sind dann geblieben. Zane und ich sind im Studio für die Physiotherapie verantwortlich, Elliot ist fürs Personal Training zuständig. Phoenix macht alles Mögliche. Er leitet ein Rehabilitationszentrum für Wildtiere, das ist ziemlich zeitintensiv. Sie leben alle getrennt, aber Elliot hat die letzten sechs Monate bei Lily-Anne gewohnt, um sich um sie zu kümmern.« Er hielt neben Jadens Auto an. Sein Tonfall war warm, beruhigend. »Sie sind alle wirklich nett. Du musst dir keine Sorgen machen.«

Jaden lächelte schief. Sein Magen schien zu schlingern. Nun wusste er zumindest, dass sie nicht gemeinsam aufgewachsen waren. Aber trotzdem, es war eben nicht so einfach, sich keine Sorgen zu machen.

Großmutter Lily-Anne Bannister hatte in einem zweistöckigen Ranchhaus gewohnt. Es war aus großen Ziegelsteinen erbaut und besaß eine Veranda mit Holzgeländer. Eine Treppe führte hinauf zu der breiten Eingangstür. Ein Mann saß mitten auf den Stufen, als Jaden in die Einfahrt einbog. Er trug Jeans und Stiefel. Seine langen Beine hatte er ausgestreckt, mit den Ellbogen stützte er sich auf der Stufe hinter sich ab. Eine sehr lässige Pose.

Jaden schluckte den Knoten in seiner Kehle hinunter. »Was glaubst du, welcher meiner Brüder ist das?«, fragte er an Magneto gewandt.

Der Hund saß auf dem Beifahrersitz und sabberte das Armaturenbrett voll. Er leckte sich über die Lefzen, als würde er Jadens Frage überdenken.

Jaden wartete eine Sekunde und nickte dann. »Ja, ich habe auch keine Ahnung.«

Er könnte noch den ganzen Tag in seinem Auto sitzen und warten oder er könnte sich ein Paar Eier wachsen lassen und den Fremden treffen, der die Hälfte seiner DNA teilte. Es war sehr verlockend, einfach hierzubleiben, bis die Hitze ihn am Ende umbringen würde.

Magneto spürte sein Zögern und legte mit sanftem Druck eine riesige Pfote auf Jadens Oberschenkel. Er starrte Jaden würdevoll an.

»Für einen Hund bist du aber ganz schön überkritisch«, sagte Jaden und zog eine Schnute. Es war kein gutes Zeichen, wenn sein Hund es schaffte, ihm ein schlechtes Gewissen zu machen. Er atme tief ein. Und dann zittrig wieder aus. Schließlich öffnete er die Tür und hievte sich aus dem Auto. Magneto folgte ihm, stieß Jaden mit der Schnauze in den Rücken und schubste ihn vorwärts.

Der Mann auf den Stufen stand auf und ging mit langen, schnellen Schritten auf Jaden zu. Seine Jeans war ausgeblichen und zerrissen, sein T-Shirt schlicht, wie diejenigen, die man im Multipack im Discounter kaufte. Die Stiefel waren braun und schlammüberzogen. Je näher er kam, desto besser konnte Jaden ihn erkennen. Automatisch suchte er nach Ähnlichkeiten zwischen ihnen. Dieser Mann, sein Halbbruder, hatte schulterlanges, braunes, welliges Haar mit blonden Strähnen. Und einen Bart. Einer von diesen gepflegten Bärten, lang, aber modisch. Er sah aus, als könnte er in einer Shampoowerbung mitspielen.

Jaden konnte sich keinen Bart wachsen lassen. Drew hatte ihn einmal dazu überredet, es zu versuchen. Herausgekommen war nur ein ungleichmäßiger, zotteliger Mopp. In der Mitte seiner Oberlippe wuchsen einfach keine Haare und es sah bescheuert aus, wenn sein Schnurrbart in der Hälfte geteilt war. Die langen Haare würden ihm sicher auch nicht stehen. Er ballte die Hand zur Faust, um sich nicht in einer verlegenen Geste durch seinen langweiligen Kurzhaarschnitt zu fahren.

»Hey«, sagte Mister Shampoowerbung. »Du musst Jaden sein.« Er streckte ihm die Hand entgegen. »Es ist wirklich schön, dich kennenzulernen. Ich bin Elliot.« Sein Lächeln war freundlich und offen. Elliots Augen waren genauso dunkelblau wie Jadens und auch ähnlich geformt. Im Gegensatz zu Jadens dunklen Wimpern waren Elliots jedoch blond. Wenn Jaden aus einem bestimmten Winkel hinsah, konnte er sie kaum erkennen.

»Hi. Ich bin Jaden.« Er krümmte sich. Das wusste Elliot ja schon. Natürlich machte er sich gleich zum Idioten. »Ich freue mich auch, dich kennenzulernen.« Dann fiel ihm nichts mehr ein. Sein Kopf war wie leer gefegt. »Ähm.«

Elliot räusperte sich, kratzte sich unter dem Bart und trat von einem Bein auf das andere. »Ein Freund von mir hat angerufen und mir gesagt, dass du kommst. Wirst du hierbleiben? Ich kann dir das Haus zeigen.« Er lächelte verlegen. »Wir haben Strom und Wasser nicht abdrehen lassen, es ist also bewohnbar.«

Um ehrlich zu sein, hatte Jaden geplant, in einem Hotel zu wohnen. Er öffnete den Mund, um Elliot das mitzuteilen. Doch schlussendlich sagte er nur: »Ähm, klar.« Eilig schloss er den Mund wieder. Wie sagte man auf höfliche Art, dass man verrückt geworden war und seine Worte gerne zurücknehmen würde?

Elliot strahlte und wandte sich schon dem Haus zu. Jaden war seine verkrampfte Haltung bisher gar nicht aufgefallen, sondern erst jetzt, wo Elliot die Schultern sinken ließ. »Das ist großartig. Wir haben alles so gelassen, wie es war. Es ist genauso wie früher. Irgendwie war nie der richtige Zeitpunkt und wir wissen nicht wirklich, was wir mit all dem Kram machen sollen. Du kannst dich ganz wie zu Hause fühlen. Ich kann dich zum Einkaufen fahren, wenn du willst. Oder du könntest zu mir zum Abendessen kommen. Ich weiß, dass Phoenix und Zane dich auch gerne kennenlernen wollen. Aber ich kann verstehen, wenn du müde bist und dich den Rest des Tages ausruhen willst.«

Jaden blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, mit schnellen Schritten, um Elliots Tempo zu halten. Er würde Elliot unterbrechen müssen, um auch etwas zu sagen. »Ähm«, sagte er erneut, unsicher und vollkommen überwältigt. »Ich bin wirklich etwas müde.«

»Kein Problem. Ich zeige dir alles und um den Rest kümmern wir uns morgen. Mach dir keine Sorgen.« Elliot öffnete die Eingangstür und deutete mit einer ausladenden Geste in die geflieste Diele. »Nach dir.«

Jaden fragte sich, ob Alice sich so gefühlt hatte, als sie dem Kaninchen in den Bau gefolgt war. Er trat ein.

Kapitel 2

Das Problem am Kleinstadtleben war, dass man keinerlei Privatsphäre hatte. Chase stand erst seit zehn Minuten hinter der Theke seines kleinen Smoothieladens Healthy Blends, bis ihn jemand nach dem Neuankömmling fragte. Er hob die Augenbrauen und sah Lanie Kingsleigh fragend an.

»Wie hast du von ihm erfahren?«

Lanie war zwischen sechzig und achtzig. Sie nannte jedem, der fragte, ein anderes Alter, und war eine gigantische Klatschtante. Wenn das Leben eine Runde Stille Post wäre, dann wäre Lanie immer diejenige, die das Spiel beginnen würde. Ihr braun gefärbtes Haar war heute in Locken gestylt. Sie hüpften, sobald sie sich bewegte. »Jacob hat mich angerufen. Er hat aber nicht viele Details verraten.« Sie lehnte sich nach vorn. »Du gibst zu viel Mango rein.«

Chase hielt dabei inne, ihren Smoothie einzugießen. »Du hast einen Mango-Smoothie bestellt«, erinnerte er sie.

»Aber mit wenig Mango. Also, wirst du mir erzählen, wer er ist?«

Chase war sich nicht sicher, wie man einen Mango-Smoothie mit wenig Mango mixte. Er drehte sich um und tat so, als würde er den Smoothie auskippen, um einen neuen zu machen. Lanie verlangte das jedes Mal. »Nein, werde ich nicht«, sagte er freundlich und reichte ihr den Smoothie. »Einen wunderschönen Tag wünsche ich dir.«

Sie schnaubte, zog aber von dannen. Chase betrachtete es als einen Sieg.

Drei Minuten später wurde er wieder nach dem Neuen gefragt, diesmal von einer Mutter aus dem Elternverein, und ab da verselbstständigte sich die Sache. Langsam fragte er sich, ob Jacob, der Tankstellenwart, einen Aushang über Jaden Matthews Ankunft ans schwarze Brett gehängt hatte. Sie wollten wissen, wie er sprach. Hatte er einen Akzent, klang er kultiviert? Was wollte er in Serenity? Sobald alle herausfanden, wer er war, würde der Klatsch explodieren. Denn Jaden … Jadens Ankunft war eine wichtige Neuigkeit. Lily-Anne war in Serenity so etwas wie eine Berühmtheit gewesen. Sie war hier geboren und hatte ihr ganzes Leben hier verbracht. Außerdem hatte sie die Stadtversammlungen geleitet. Es gab hier niemanden, der sie nicht kannte und respektierte. Alle hatten Geschichten über ihren Sohn gehört. Chase war zu spät gekommen, um ihm noch zu begegnen. Lily-Anne hatte ihn als flatterhaft beschrieben. Kaum ist er da, ist er auch schon wieder weg, hatte sie gesagt. Andere waren nicht so nett, beschrieben ihn als Unruhestifter und Loser. Er blieb nicht gerne lange an einem Ort. Als seine Söhne vor all den Jahren eingetrudelt waren, war Lily-Anne ganz aus dem Häuschen gewesen. Genauso wie alle anderen in der Stadt. Nun, da jeder über den Schock hinweggekommen war, war Jadens Ankunft ein gefundenes Fressen. Es gab wieder einen Neuen, den man analysieren konnte. So, wie Chase es verstanden hatte, war Jaden der älteste Enkel. Seine Mutter stammte aus Serenity und war mit Sack und Pack verschwunden, wobei sie Jaden mitgenommen hatte. Er war der einzige Enkel, von dessen Existenz Lily-Anne gewusst hatte. Sie hatte immer gesagt, dass die Ankunft der anderen drei eine freudige Überraschung, ein Geschenk Gottes gewesen war. Eines dieser Geschenke Gottes betrat in diesem Moment den Laden. Die Glocke über der Tür klingelte fröhlich.

Phoenix hatte sein langes, blau gefärbtes Haar zu einem Dutt hochgebunden, sodass man die Piercings in seinen Ohren gut sehen konnte. Sein Nasenring leuchtete im fluoreszierenden Licht auf und er trug eine Katze im Arm. Chase verzichtete darauf, ihm zu sagen, dass Tiere im Laden nicht erlaubt waren. Er wusste schon, dass es zu nichts führte.

»Wen hast du heute mitgebracht?«, fragte er und begann bereits, Phoenix‘ übliche Bestellung vorzubereiten: einen Erdbeer-Cheesecake-Smoothie.

»Sie hat noch keinen Namen. Ich habe sie gerade in deinem Müllcontainer gefunden.«

Chase griff nach der Milch, goss etwas davon in eine kleine Schüssel und schob sie über den Ladentisch. »Darf ich fragen, was du in meinem Müllcontainer zu suchen hattest?«

Phoenix grinste breit. »Nö.«

Chase hatte nichts anderes erwartet.

Die kleine Katze schnurrte und machte sich über die Milch her, wobei sie Tropfen davon auf der Theke verspritzte. Chase würde alles desinfizieren müssen, wenn sie fertig war. Ihr Schwanz zuckte hin und her, gegen Phoenix‘ Bauch, sodass sie Katzenhaare auf seinem schwarzen T-Shirt verteilte. Sie war zerzaust und dürr, aber abgesehen davon schien ihr nichts zu fehlen. Aus gelben, neugierigen Augen starrte sie Chase an. Ihre Ohren waren unversehrt, sie schien keine Wunden zu haben und ihr fehlten keine Körperteile.

Chase streckte die Hand aus und wartete, bis sie zögerlich daran schnupperte, dann begann er sie unter dem Kinn zu kraulen. »Sie ist süß«, sagte er und lächelte, als sie versuchte, ihm mit ihren scharfen kleinen Zähnchen spielerisch in den Finger zu beißen.

»Willst du sie haben?«

Chase lachte.

»Ich meine es ernst.«

»Deswegen lache ich ja.« Chase hatte früher bereits ein Tier adoptiert und hatte Cleopatra über alles geliebt. Sie war ein Pitbull-Mischling gewesen; man hatte sie als Welpe aus einem illegalen Hundekampfring in Miami gerettet. Chase hatte sie von Hand aufgezogen und sie bei jedem noch so kleinen Problem zum Tierarzt gebracht. Sie hatte in seinem Bett geschlafen und war im Auto auf dem Beifahrersitz mitgefahren. Vor acht Monaten war sie an Krebs gestorben. Chase war nicht bereit dazu, etwas in sein Leben zu lassen, das er wieder verlieren konnte. Er schaffte das nicht mehr. Man liebte etwas und musste es dann wieder gehen lassen. Nein, er hatte genug. Bald würde er dreißig werden und er hatte genug Verluste ertragen müssen. Er kapitulierte. Es reichte schon, dass er so an dieser Stadt und ihren Bewohnern hing. Da brauchte er nicht auch noch einen zwei Kilo schweren Fellball, um den er sich Sorgen machen musste.

Phoenix schnaubte. »Ich überrede dich schon noch.«

Chase lächelte und zuckte ungerührt mit den Schultern.

»Also, erzählst du mir etwas über meinen Bruder?«

»Nun ja, Zane ist …«

»Der Halbbruder, der heute mit dir mitgefahren ist«, unterbrach Phoenix Chase unwirsch. »Ich weiß, dass du Elliot angerufen hast und er ihn beim Haus getroffen hat. Er hat mich angerufen und war komplett mit den Nerven durch.«

»Jaden«, sagte Chase, »dein Halbbruder heißt Jaden. Warum fragst du ihn nicht selbst aus? Und warum macht Elliot sich Sorgen? Jaden wirkt nett.«

Phoenix schwang sich auf die Theke und platzierte seinen Hintern auf der Arbeitsplatte aus Granit, als würde es ihn nicht kümmern, dass er sich hier in einem anständigen Laden befand.

Die Katze schenkte ihm einen missbilligenden Blick, bevor sie sich wieder der Milch widmete. Chases Herz zog sich vor Rührung zusammen.

»Aha. Nett, hm? Elliot meinte, er wolle heute nicht zum Abendessen vorbeikommen. Er ist müde. Elliot hätte gerne, dass wir einen weiteren Bruder dazugewinnen, aber er ist auch realistisch genug, um zu wissen, dass alles Mögliche passieren könnte. Und dann lehnt Jaden gleich die erste Einladung ab. Ja, natürlich macht Elliot sich Sorgen.« Phoenix verzog die Mundwinkel nach unten.

»Das war sicher nicht persönlich gemeint. Elliot macht sich zu viele Gedanken«, sagte Chase. Phoenix hätte das Wort „müde“ auch gleich in Anführungszeichen setzen können. Die Betonung war deutlich gewesen.

»Klar.«

»Er ist die ganze Strecke gefahren. Wahrscheinlich ist Jaden tatsächlich müde.« Er hatte zumindest so ausgesehen. Seine Augenringe waren dunkel und von stattlicher Größe gewesen, seine Miene hatte angespannt gewirkt. Während die anderen drei Brüder immer gelassen blieben, oder zumindest so taten, hatte Jaden verkrampft und gestresst gewirkt. »Ich glaube, er ist prinzipiell eher ein nervöser Mensch.«

Die Katze hatte ihre Milch ausgetrunken. Sie stieg anmutig über die Schüssel hinweg und blieb direkt vor Chase stehen. Erwartungsvoll starrte sie ihn an.

Chase seufzte. Sie miaute. Chase war ein schwacher, schwacher Mann. Er hob sie hoch und drückte sie an seine Brust. Dann ging er zur Ladentür, um das Schild umzudrehen, sodass es nun geschlossen anzeigte. Es war schon nach fünf. Es wären wahrscheinlich ohnehin nicht mehr viele Kunden gekommen.

»Warum denkst du, dass er ein nervöser Mensch ist?«, fragte Phoenix neugierig. »Was verschafft dir den Eindruck?«

Gott, wie sehr Chase diesen Klatsch hasste. »Frag doch Elliot, wenn du ihn später siehst.« Er wiegte die Katze in seinen Armen. »So ein neugieriger Mistkerl«, flüsterte er ihr zu. Chase hatte zu wenig Zeit mit Jaden verbracht, um sich ein Urteil zu erlauben. Auf keinen Fall wollte er Gerüchte in die Welt setzen, die auf reinen Vermutungen basierten. Er konnte sich noch zu gut erinnern, was für ein Chaos nach seiner Ankunft losgebrochen war. Aus irgendeinem Grund waren die Leute zu dem Schluss gekommen, dass Chases Schulterverletzung nicht von einem Autounfall stammte. Das Ergebnis des Stille-Post-Spiels lautete, dass ein verschmähter Liebhaber ihn vom Surfboard geworfen hatte. Dramatisch? Ja. Wahr? Kein bisschen. Chase konnte nicht einmal besonders gut surfen.

»Das habe ich gehört«, sagte Phoenix.

»Du solltest es auch hören.«

Phoenix schlürfte laut seinen Smoothie. Er war ein Arsch und wusste, dass es Chase nervte. Schließlich gab er nach. Er seufzte laut und resigniert. »Also schön. Dann verrat mir eben nichts.«

Chase grinste nur.

Wenn jemals irgendjemand etwas herausfinden und Fragen stellen sollte, würde Chase die Schuld auf seine Mutter schieben. Sie hatte ihm sein ganzes Leben lang eingebläut, wie wichtig es war, sich um andere zu kümmern. Manieren zu haben. Einige Jahre lang hatte er ihre Ratschläge in den Wind geworfen, doch diese Zeiten waren vorbei. Deshalb stand er nun vor Lily-Annes Haus. Mit einem Becher Nudelsalat, einer Schachtel Chicken Wings und sicherheitshalber auch noch einem Becher Käsemakkaroni aus dem nächsten Supermarkt. Was sollte er sagen? Er war eben ein netter Mensch und hatte das Gefühl, dass Jaden heute nicht mehr einkaufen gehen würde.

Es war irgendwie schräg und vielleicht würde Jaden das auch so sehen, also hatte Chase guten Grund, nervös zu sein, als er an der Tür läutete. Es hatte absolut nichts damit zu tun, dass er Jaden gerne wiedersehen wollte. Jaden mit seinen großen, dunkelblauen Augen und seinem Haar, das ihm eine Ähnlichkeit mit George Clooney gab. Sein Gesicht ließ vermuten, dass er Mitte bis Ende dreißig war, aber sein hellbraunes, schon leicht von Grau durchzogenes Haar ließ ihn älter wirken. Jaden hatte einen schlichten Kurzhaarschnitt, nichts Ausgefallenes. Er war nicht besonders groß, vielleicht knapp unter dem Durchschnitt, und recht schlank. Seine Gesichtszüge waren scharf geschnitten und er hatte hohe Wangenknochen und einen kantigen Kiefer. Objektiv gesehen sah Jaden ziemlich gut aus. Also schön. Er sah besser als gut aus, verdammt gut sogar. Aber das war Chase egal. Er war nicht hier, weil er Jaden scharf fand, sondern weil er ein netter, hilfsbereiter Mensch war. So einfach war das.

Die Tür schwang auf und da stand Jaden und blickte ihn überrascht an. Seine vollen Lippen waren leicht geöffnet und Chase sah dabei zu, wie er sich in die Unterlippe biss und einen Moment daran knabberte.

Chase hielt die Einkaufstüte hoch. »Ich habe dir Essen gebracht.«

»Du hast mir Essen gebracht?«

In diesem Moment fiel Chase ein, dass Jaden beim Essen vielleicht lieber keine Gesellschaft wollte. Irgendwie hatte er angenommen, dass er ihm Gesellschaft leisten würde. Eine gewagte Annahme. Nun stand er hier und wusste nicht, was er sagen sollte, und das war ganz allein seine Schuld. »Phoenix hat mir erzählt, dass Elliot ihm erzählt hat, dass du müde bist. Und ich dachte mir, da du die Stadt nicht kennst, wirst du wahrscheinlich nicht Einkaufen gehen. Ich bezweifle, dass Vorräte im Haus sind. Also habe ich dir etwas mitgebracht.« Er war so nervös, dass er Blödsinn redete. Wundervoll. »Chicken Wings, Nudelsalat und Käsemakkaroni. Ich dachte, irgendetwas davon magst du sicher. Und ich verstehe, wenn du keine Gesellschaft haben willst. Gehört alles dir.«

Jaden griff nicht nach der Tüte, die Chase ihm entgegenstreckte. Er leckte sich über die Lippen und sah zwischen Chase und der Tüte hin und her.

Gleich würde Chase vor Unruhe zu zappeln beginnen.

Jaden fuhr sich durchs Haar und hinterließ Furchen, die sich nur eine Sekunde später wieder von selbst glätteten. Dann trat er einen Schritt zurück. »Komm rein.«

Seine Nervosität ließ nach. Chase trat über die Schwelle mit baumelnder Einkaufstüte. Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Vielleicht, dass sich das Haus anders anfühlte, nun, da Lily-Anne nicht mehr hier war? Doch die Jungs hatten alles im ursprünglichen Zustand hinterlassen. Die Bilder hingen noch an der Wand, sogar ihre Schuhe standen noch im Schuhregal hinter der Tür. Er musste sich in Erinnerung rufen, dass sie nicht gleich die Stufen hinunterkommen würde, um ihm Limonade anzubieten. Aus Gewohnheit zog er sich die Schuhe aus und stellte sie oben im Schuhregal ab.

Er folgte Jaden ins Wohnzimmer. Der Fernseher war eingeschaltet, The Big Bang Theory lief gerade und das Gelächter vom Band zerriss die Stille. Ihm fiel auf, dass Jaden noch seine braunen Segelschuhe trug. Sie passten gut zu seiner Khakihose und dem kurzärmeligen Hemd. Chase lächelte. Jaden erinnerte ihn an einen dieser adretten Studenten aus einer Elitehochschule. Fehlte nur noch der lässig über die Schultern geworfene Pullover.

»Wo bist du zum College gegangen?«, fragte er.

»New York University.« Jaden sah ihn an, eine Augenbraue war hochgezogen. »Warum?«

Ja, Chase, warum?

Chase kratzte sich an der Nase. »Ich bin nur neugierig. Du weißt schon, ich mache Smalltalk, versuche, dich kennenzulernen.« Wenn Chase ebenfalls etwas über sich erzählte, würde Jaden dann eins und eins zusammenzählen? Würde ihm klar werden, wer Chase gewesen war? Wäre er damals nicht im Vollrausch in eine Telefonzelle gefahren, dann hätte er ein Star werden können. Doch so hatte er seine zukünftige Footballkarriere ein für alle Mal ruiniert. War es wichtig, ob Jaden es herausfand? Nein. »Ich war an der Texas A&M University.«

»Wie schön«, sagte Jaden. Er klang steif, nicht unfreundlich, aber man merkte, dass er Smalltalk nicht gewohnt war. Oder es war ihm unangenehm. Vielleicht auch beides. Doch es gab kein Anzeichen dafür, dass Jaden seinen Namen kannte. Oder die Schlagzeilen, die nach seinem Unfall in den Zeitungen zu lesen gewesen waren. Irgendwie war Chase erleichtert, obwohl er nicht wusste, weshalb. Es war ja nicht so, als wäre seine Vergangenheit ein Geheimnis. Verdammt, kurz nachdem es passiert war, hatten alle so getan, als wüssten sie mehr darüber als er selbst. Vielleicht redete er deshalb nicht gern darüber.

Jaden stand inmitten des Raumes, als wäre er fehl am Platz. Es gab keinen anderen Ausdruck dafür. Dies hier war nicht sein Zuhause, das war deutlich ersichtlich. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, und es war ihm eindeutig unangenehm, an diesem fremden Ort zu sein. Er machte einen Schritt auf den Fernseher zu, drehte sich um, um nach der Fernbedienung zu suchen, und änderte dann erneut die Richtung, als ob er zur Couch gehen wollte.

Chase verstand. Anscheinend versuchte er sich zu entscheiden, ob er den Fernseher während des Essens ausschalten sollte oder ob sie ins Esszimmer gehen sollten. Er erbarmte sich. »Ich liebe die Serie«, sagte er.

Jaden entspannte sich sichtlich. »Penny mag ich am liebsten.«

»Es ist also okay für dich, wenn wir auf der Couch essen?« Chase aß immer auf der Couch. Er lebte nun schon eine Weile allein. Anfangs hatte er noch am Tisch gegessen, aber dort fühlte er sich so einsam. Es gab ja niemanden, den er beeindrucken musste. Nur in dem seltenen Fall, dass er ein Date hatte, aß er am Tisch. Die Betonung lag auf selten. Er liebte Serenity, aber die Datingoptionen für schwule Singles waren beschränkt.

»Jepp«, antwortete er.

Er war es nicht gewohnt, sich vor anderen Menschen unsicher zu fühlen, egal ob er sie kannte oder nicht. Aber irgendetwas an Jaden machte ihn verlegen. Chase war nie der schüchterne Typ gewesen. Er war immer gut damit klargekommen, im Rampenlicht zu stehen. Der Klassenclown, der König des Abschlussballs, der Quarterback … Chase liebte es, Aufmerksamkeit zu bekommen. Immer noch, auch wenn er jetzt etwas zurückhaltender war. Er gab Kurse im Fitnessstudio und hatte keinerlei Probleme damit, wenn alle ihn ansahen. Er versuchte, sich zu beruhigen und seine ungewohnte Unsicherheit zu überwinden. Also ließ er sich einfach auf die riesige Couch sinken und machte es sich bequem, wie er es immer tat. Wenn er wartete, bis sich Jaden zuerst setzte, würden sie noch die ganze Nacht hier stehen. Chase griff nach der weinroten Couchdecke und legte sie über seinen Schoß. Er stellte das Essen ab und klopfte einladend auf den freien Platz neben sich. »Komm, setz dich. Wo ist eigentlich dein Pferd?« Er würde einfach so tun, als wäre die Situation überhaupt nicht unangenehm. Bis sie tatsächlich nicht mehr unangenehm war. Das war das Lieblingssprichwort seiner Mutter: Fake it till you make it.

Während Chase einfach auf die Couch geplumpst war, lässig und sorglos, setzte sich Jaden überaus vorsichtig. Als würde die Couch gleich explodieren, wenn er nicht aufpasste. Er faltete die Hände im Schoß. Seine Sitzhaltung sah äußerst unbequem aus. »Er ist draußen eingeschlafen. Magneto ist es nicht gewohnt, einen Garten zu haben, in dem er herumlaufen kann.«

Chase bekam schon Verspannungen, wenn er ihn nur ansah. Er schüttelte den Kopf, begann die Tüte auszupacken und stellte das Essen auf den Couchtisch. Er war aus Treibholz. Lily-Annes Lesebrille lag darauf, neben der Schale mit den Muschelschalen. Planten ihre Enkel etwa, aus dem Haus eine Art Schrein zu ihrem Andenken zu machen? Er wandte den Blick ab und sah zu Jaden. Seine Fingerknöchel waren weiß. »Wir werden Teller und Gabeln brauchen«, sagte er. »Und etwas zu trinken. Ich hätte Bier mitbringen sollen, sorry.«

Jaden sah so erleichtert aus, etwas zu tun zu haben, dass Chases Herz einen Schlag lang aussetzte. Tat er das Richtige, wenn er Jaden seine Gesellschaft aufdrängte?

Nun, gehen kannst du jetzt auch nicht mehr. Das wäre verdammt unhöflich.

Jaden kehrte mit Besteck und Tellern zurück. Sie wandten sich dem Fernseher zu und aßen.

Das war eine der unangenehmsten Situationen, die Chase je erlebt hatte. Er hätte schwören können, dass er gleich aus der Haut fahren würde, wenn er nicht etwas sagte. Irgendetwas. Das Essen lag ihm wie ein Stein im Magen. Er hielt etwa sieben Minuten durch, die absolut maximale akzeptable Dauer für Schweigen. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. »Also, was machst du beruflich?«, fragte er schließlich.

Jaden balancierte umständlich seine Makkaroni auf der Gabel. Er sah nicht auf, als er antwortete. »Ich bin Steuerberater. Das heißt, ich war Steuerberater.« Er verzog den Mund. »Ich wurde gefeuert. Budgetkürzungen. Eigentlich hätte mein Chef in Pension gehen sollen, dann hätte ich seine Stelle bekommen. Nun, er hat sich anders entschieden«, erzählte er und machte eine ausschweifende Geste, sodass der Teller fast von seinem Schoß fiel. »Aber es ist okay. Ich sehe mich nach etwas Neuem um und werde sicher bald etwas finden. Das ist einer der Vorteile, wenn man eine ordentliche Ausbildung hat.«

»Das klingt wie ein Zitat«, meinte Chase.

Das brachte ihm ein Lächeln von Jaden ein. Nur ein kleines Lächeln, kaum sichtbar, aber seine Mundwinkel bogen sich eindeutig nach oben. »Meine Mom sagt das immer.«

»Und sie hat auch eine ordentliche Ausbildung?«

Jaden nickte und deutete mit dem Kopf auf den Fernseher. »Sie ist biomedizinische Wissenschaftlerin. Deshalb mag ich die Serie auch so gerne: Weil sie mich an sie erinnert. Die Serie ist allerdings lustiger.«

Diesmal musste Chase lächeln. »Meine Eltern haben das auch immer gesagt. Das mit der Ausbildung. Also habe ich Betriebswirtschaft studiert. Ich dachte, das reicht.« Mit achtzehn hatte er es gehasst, dass sie ihn dazu gedrängt hatten, einen Plan B in Betracht zu ziehen. Er war jung gewesen, unbesiegbar. Hatte eine strahlende Zukunft vor sich gehabt, eine Karriere, nach der er sich mit Ruhm und einem Haufen Geld hätte zur Ruhe setzen können. Er hatte die Kurse geschwänzt, nur das Allernotwendigste gemacht. Gerade so viel, damit er im Footballteam hatte bleiben können. Er hatte keinen Plan B gebraucht. Bis er doch einen gebraucht hatte. Nun, zehn Jahre später, wäre er ohne den Abschluss, den er nie gewollt hatte, aufgeschmissen. Der Gipfel der Ironie. »Was wolltest du werden, bevor du vernünftig geworden bist?«

Jaden knabberte auf seiner Unterlippe herum. Chase begann langsam zu verstehen, dass Jaden das immer machte, wenn er nachdachte. Er wartete geduldig, schaufelte das Essen in sich hinein und sah den Bildschirm an, nicht Jaden. Schließlich, als schon die nächste Folge lief, sagte Jaden: »Ich wollte Han Solo sein.«

Chase lachte auf. »Wir sind ja zwei. Ich wollte Indiana Jones sein.«

Das entlockte Jaden ein ehrliches Lächeln. Seine Zähne blitzten auf, Grübchen bildeten sich in seinen Wangen. Chases Herz blieb für einen Moment stehen. Er mampfte weiter, um nicht irrtümlich etwas Unangebrachtes zu sagen.

Entspanntes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, als sie sich wieder auf den Fernseher konzentrierten. Chase erwischte sich dabei, wie er sich auf Jadens Kichern konzentrierte. Er wollte wissen, ob sie dieselben Dinge lustig fanden. Immer wieder sah er aus dem Augenwinkel zu Jaden, um heimlich seinen Gesichtsausdruck zu studieren. Er wirkte schon viel entspannter, die Falte zwischen seinen Augenbrauen hatte sich geglättet und sein Kiefer war nicht mehr so angespannt, als würde er ununterbrochen mit den Zähnen knirschen. Wenn Jaden Chase nervös machte, war es umgekehrt anscheinend zehnmal schlimmer. Er wollte das gerne ändern.

Nach einer Weile begann Jaden, die Werbeunterbrechungen auf lautlos zu stellen, um Chase Fragen über seine Brüder zu stellen. Er sprach nur zögerlich und verknotete die Finger ineinander. Den Blick hielt er meist stur auf den Fernseher gerichtet. »Haben sie Familien?«

Chase lehnte sein Knie in einer beruhigenden Geste gegen Jadens und ignorierte das Flattern in seinem Bauch. »Nein, sie haben nur einander. Sie sind ja auch jünger als du. Elliot ist einunddreißig, er ist der Älteste. Die anderen beiden sind erst Ende zwanzig.«

»Ich sehe also älter aus als einunddreißig?«

Chase brauchte eine Minute, um zu verstehen, dass Jaden ihm nie gesagt hatte, wie alt er war. Er dachte sicher, dass Chase ihn beleidigen wollte. Rasch setzte er zu einer Erklärung an. »Lily-Anne hat von dir erzählt. Sie hat mir gesagt, wann du geboren wurdest, ich habe daher nicht einfach so angenommen, dass du der Älteste bist. Du siehst keinen Tag älter aus als dreißig.« Das war nicht einmal gelogen. Nun, da er nicht mehr so verkrampft dasaß und die Falten auf seinem Gesicht sich geglättet hatten, sah Jaden um Jahre jünger aus als noch vor einer Stunde.

Jaden blinzelte ihn unter niedergeschlagenen Wimpern an. »Hat sie noch etwas über mich gesagt?«

Chase versuchte, sich zu erinnern, durchsuchte fieberhaft sein Gehirn. Lily-Anne hatte einmal gesagt, dass Jaden seinem Vater ähnlicher war, als seine Mom es sich gewünscht hatte … Doch das wollte Jaden sicherlich nicht hören. »Sie war stolz auf dich. Hat sich allerdings oft darüber beschwert, dass du kein Facebook hast.« Er grinste. »Sie hätte ihren Freunden gerne Bilder von dir gezeigt. Und sie hätte gerne Kontakt mit dir gehabt.«

»Ja?«

»Ja«, sagte Chase. Er wartete, bis Jaden die Information verarbeitet hatte, und konzentrierte sich auf eine komplett sinnlose Autowerbung. Sie zeigte Leute, die auf den Straßen tanzten. Aus irgendeinem Grund kam auch ein Elefant darin vor.

Dann ging die Serie weiter. Jaden stellte den Fernseher wieder laut. »Denkst du, sie werden mich mögen?«, fragte Jaden leise.

»Deine Brüder?«

»Halbbrüder.«

Chase legte den Arm um Jadens Schultern. Im ersten Moment verkrampfte sich Jaden, doch dann entspannte sich seine Haltung und er ließ sich gegen Chase sinken. »Es sind trotzdem deine Brüder. Und, ja, ich bin mir sicher, sie werden dich lieben.«

»Okay.«

Nur kurze Zeit später schlief Jaden ein, an Chases Schulter gelehnt. Es war schon nach Mitternacht, als Chase vorsichtig aufstand. Er deckte Jaden zu, ließ Magneto ins Haus und machte sich auf den Weg nach Hause.

Kapitel 3

Jaden war sich ziemlich sicher, dass man Daisy’s Diner direkt aus den Achtzigerjahren hierher versetzt hatte. Das Lokal war in grellen Farben eingerichtet und die Bilder, die an den Wänden hingen, hatten alle etwas gemeinsam: Sie wirkten, als wären sie der Serie Ein Duke kommt selten allein entsprungen. Sie zeigten Autos oder Mädchen in überaus knappen Jeansshorts, manchmal auch beides zusammen. Die Sitznischen waren klassischen Autos nachempfunden, nur dass kleine Tische in der Mitte standen. Eine Kreuzung zwischen Südstaaten-Stil und Pulp Fiction. Es war unglaublich kitschig. Countrymusik schallte aus einer leibhaftigen Jukebox in der Ecke. Ein Mann mit krächzender Stimme sang etwas darüber, dass eine Frau ihm das Herz gebrochen hatte. Es ging auch um Bier, und um Trucks. Dies hätte wirklich eine Parodie sein können, um sich über Florida lustig zu machen.

Jaden blieb direkt hinter der Eingangstür stehen und starrte auf sein Handy. War das wirklich der Ort, an dem Elliot sich mit ihm zum Frühstück treffen wollte? Ja. Tatsächlich.

Die Tür in seinem Rücken wurde geöffnet, Jaden sprang hastig zur Seite und entschuldigte sich bei der Frau, die soeben hereinkam. »Sorry«, sagte sie im selben Moment und schenkte ihm einen langen, fragenden Blick. Dann ging sie an ihm vorbei und setzte sich gegenüber an einen Tisch in der Ecke.

Es war ganz anders als in New York. Die Leute starrten. Jaden konnte ihre Blicke regelrecht auf seiner Haut spüren wie ein unangenehmes Kribbeln. Als er sich nach Elliots Gesicht umsah, versuchten sie, seinen Blick zu erhaschen. Sie tuschelten miteinander. Über ihn? Jaden war die schnelllebige Umgebung von New York gewohnt. Dort kümmerte sich niemand um die Leute in seiner Umgebung. Doch hier redeten die Menschen tatsächlich miteinander, niemand starrte auf sein Handy. Er gehörte nicht hierher. Das war mehr als deutlich. Ihm war selbst nicht klar, was er hier eigentlich wollte.

Gerade, als er wieder gehen wollte, kam Elliot herein, flankiert von zwei anderen Männern. Der zu seiner Linken hatte leuchtend blaues, langes Haar, das sein Gesicht umrahmte. Seine Nase war gepierct. Er trug Skinny Jeans und ein weites, schwarzes T-Shirt mit zerrissenem Kragen. Seine Kleidung war mit Tierhaaren übersät. Der Mann neben ihm trug eine kurze Sporthose und ein Tanktop, auf dem stand: I woke up like this. Er hatte dunkles, schwarzbraunes Haar, das vorne länger war als im Nacken. Beide hatten die gleichen dunkelblauen Augen. War es nun zu spät, um zu entscheiden, dass er das nicht schaffte? Jaden hatte fünfunddreißig Jahre als Einzelkind verbracht. Er hatte nur seine Mom und ihre Familie. Wieso sollte er das ändern wollen?

Elliot und der blauhaarige Halbbruder lächelten, als sie ihn sahen. Der dritte verzog keine Miene.

Ja. Es war nun definitiv zu spät, um sich anders zu entscheiden. Er versuchte, das Lächeln zu erwidern. Nun, es war wohl mehr eine Grimasse, aber er hatte es zumindest versucht.

»Hi«, sagte Elliot. Er trug heute ein legeres Sportoutfit. Seine Nikes waren neonblau. Jaden konnte nicht anders, als sie anzustarren. Die Farbe war sogar noch greller als die Einrichtung um ihn herum. »Hast du gut geschlafen? Konntest du etwas zu Essen auftreiben? Ich weiß nicht mehr, ob noch Vorräte im Haus waren. Wenn nichts mehr da war, hast du hoffentlich die Kataloge vom Lieferservice entdeckt.«

Anscheinend war Jaden nicht der Einzige, der nervös war. Er war sich nicht sicher, ob er erzählen sollte, dass Chase ihm Essen vorbeigebracht hatte. Das war eine süße Geste gewesen. Zuerst waren zwar Schmetterlinge in Jadens Bauch erwacht, aber dann hatte sich etwas verändert. Ein warmes, angenehmes Gefühl hatte sich in Jadens gesamtem Körper ausgebreitet. Sie hatten stundenlang geredet und Serien geguckt, bis Jaden anscheinend eingeschlafen war. Nun hatte Jaden eine Menge Essensreste, und er war ein bisschen in Chase verknallt. Auch, wenn das natürlich hoffnungslos war.

Der blauhaarige Mann schob Elliot kurzerhand beiseite und streckte Jaden die Hand entgegen. »Ich bin Phoenix.« Er deutete mit dem Kopf auf den dritten Mann. »Und das ist Zane. Es ist schön, dich kennenzulernen.« Sein Lächeln wirkte entspannt und ehrlich. Phoenix hatte einen festen Händedruck, seine Handfläche fühlte sich kühl an. Jaden wünschte, er hätte seine eigenen Hände noch an seiner Jeans abgewischt. Sie wurden immer schwitzig, wenn er nervös war.

»Freut mich auch«, sagte er. Es war ein Wunder, dass seine Stimme nicht brach.

Phoenix deutete auf einen freien Tisch, der wie ein roter Cadillac aussah. »Wir wäre es, wenn wir uns setzen? Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich brauche meinen Morgenkaffee.«

Jaden folgte ihnen zum Tisch. Zanes Schweigen machte ihn fertig. Warum sagte er nichts? Würde er derjenige sein, der Jaden nicht mochte und ihn als einen Eindringling betrachtete? Natürlich erwischte er den Platz neben Zane. Ihre Ellbogen berührten sich und er trat unabsichtlich unter dem Tisch gegen Zanes Knöchel. Er entschied sich dafür, so zu tun, als wäre nichts, und starrte mit brennenden Wangen auf seine Speisekarte. Eigentlich hatte er keinen Hunger. Es fühlte sich an, als würde ein schweres Bleigewicht in seinem Magen liegen. Schon allein beim Gedanken an Essen wurde ihm schlecht. Aufregung schlug ihm immer auf den Magen. Vor einiger Zeit hatte er vermutet, dass er ein Magengeschwür hatte. Sein Arzt hatte einige Tests gemacht und ihm dann empfohlen, zum Seelenklempner zu gehen. Laut ihm bestand keine Gefahr, dass er ein Magengeschwür entwickelte, sondern eher, dass sich eine Panikattacke anbahnte. Rein körperlich sind Sie gesund wie ein Pferd, hatte er gesagt. Jaden hatte diese Redewendung noch nie verstanden, aber die Nachricht war angekommen. Er war physisch in bester Form, mental war er ein Wrack. Eigentlich brauchte er keinen Arzt, um zu wissen, dass er ein neurotischer Mensch war. Das war eben einfach so.

»Wenn du Waffeln magst, empfehle ich die mit Zimt und Äpfeln. Aber der gefüllte French Toast ist auch gut. Und Gloria macht die fluffigsten Pfannkuchen der Welt. Also, ich meine, die sind auch lecker.«

Phoenix stieß Elliot mit dem Ellbogen an, nickte Jaden zu und verdrehte die Augen. »Ich muss mich für Elliot entschuldigen. Er kommt nicht viel raus und seine sozialen Kompetenzen sind verbesserungswürdig.«

Zane neben ihm schnaubte. Er zog den Kopf ein, versteckte sein Grinsen hinter seiner Faust und tat so, als würde er husten.

Jaden war sich ziemlich sicher, dass Elliot nicht auf sein Schienbein gezielt hatte, sondern auf Zanes. Doch er kickte Jaden. Fest. Jaden sog scharf die Luft ein.

Elliot wurde schlagartig rot. »Oh Fuck«, sagte er. »Sorry.«

Nun begann Zane wirklich zu lachen. Seine Schultern zuckten.

Phoenix biss sich auf die Unterlippe und gab sich sichtlich Mühe, seinen Lachanfall zu unterdrücken.

Genau in diesem Moment erschien die Kellnerin. Sie war groß, kurvig, rothaarig und wirkte kein bisschen überrascht, sie zu sehen. Ihre weiße Bluse hatte sie in ihre kurze Jeansshorts gesteckt, sodass man ihre langen, blassen Beine bewundern konnte. Sie sah Zane an und hob fragend eine Augenbraue. »Was ist denn so lustig?«, wollte sie wissen. »Ich kann um diese Uhrzeit auch eine Aufmunterung gebrauchen.«

Zane grinste zum ersten Mal und unterdrückte immer noch sein Kichern. »Oh, ich muntere dich immer gerne auf«, sagte er und wackelte vielsagend mit den Augenbrauen.

Sie schlug ihm mit ihrem Notizblock auf den Hinterkopf. »Nicht in einer Million Jahren.« Ihr Blick aus grünen Augen wanderte zu Jaden. Interessiert musterte sie ihn. »Und wen haben wir hier? Dich habe ich noch nie gesehen.«

»Das ist Jaden. Unser Bruder«, sagte Phoenix.

Jaden erstarrte. Ihm hatte es die Sprache verschlagen. Phoenix sagte das so einfach, als wäre es überhaupt nicht merkwürdig, dass ein Verwandter, ein Bruder auch noch, einfach so auftauchte. Er kannte Jaden gar nicht und trotzdem akzeptierte er einfach, dass sie Brüder waren.

»Noch ein Bannister? Wachst ihr auf Bäumen?« Die Kellnerin musterte Jaden erneut, diesmal von Kopf bis Fuß.

Jaden rutsche unruhig auf seiner Bank hin und her und sah angestrengt in die andere Richtung. Er stand nun mal nicht auf Frauen. Aber das hier war nicht New York, sondern eine Kleinstadt in Florida. Er würde seine sexuelle Orientierung nicht jedem auf die Nase binden.

»Was kann ich dir zu trinken bringen?«, fragte sie.

Er räusperte sich. »Kaffee, bitte.«

»Klar doch.« Ihr Blick verweilte noch einen Moment auf ihm, dann nahm sie die Bestellungen der anderen auf. »Kommt sofort.« Mit schwingenden Hüften ging sie davon.

Die Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf ihn. Jaden war versucht, die Kellnerin zurückzurufen. Zane hatte wieder seine neutrale Miene aufgesetzt.

Elliot kratzte sich am Kinn und lächelte verlegen. »Sorry wegen all der Fragen. Aber im Ernst: Hast du gut geschlafen?«

Es war seltsam, in Augen zu blicken, die seinen so ähnlich sahen. Jadens Mutter hatte braune Augen. Er hatte zwar gewusst, dass er das Blau von seinem Vater geerbt hatte, aber nun wurde ihm erst wirklich bewusst, was es bedeutete. Jaden hatte eine Seite, die er selbst gar nicht kannte. »Ich habe okay geschlafen«, antwortete er. Er erwähnte nicht, dass er auf der Couch übernachtet hatte statt in einem der Gästezimmer. Es war eigentlich keine Absicht gewesen, aber er würde wahrscheinlich auch heute nicht in einem der Betten schlafen. Es fühlte sich irgendwie zu persönlich an. Wahrscheinlich ergab das nur für ihn selbst Sinn. Aber es war einfach merkwürdig, sich im Haus seiner toten Großmutter einzurichten. Es war nicht sein Zuhause. Die Nachrichten heute Morgen hatten ihm nur bestätigt, wie weit er von zu Hause entfernt war. Er hatte den Fernseher eingeschaltet, komplett groggy ohne seinen üblichen morgendlichen Kaffee, und einen Bericht über einen Alligator gesehen, der sich auf einem Golfplatz herumtrieb. Es war ganz eindeutig: Er war nicht mehr in New York.

Phoenix gähnte. Sein Kiefer knackte. »Ich kann heute mit dir Einkaufen fahren, wenn du willst. Und ich kann dir die Stadt zeigen, damit du dich auskennst.«

»Ich …« Jaden wollte nicht bleiben. Er bekam aber langsam den Eindruck, dass sie das glaubten. Er musste das klarstellen. Also öffnete er den Mund, um genau das zu tun. »Das wäre nett«, sagte er.

Was zur Hölle?

Wer hatte seinem Mund erlaubt, das zu sagen? Ganz sicher nicht er.

»Cool.« Phoenix grinste und entblößte seine Zähne, die so aussahen, als würden sie aus einer Zahnpastawerbung stammen. »Wir haben uns gedacht, dass jeder von uns einen Tag mit dir verbringt. Um dich kennenzulernen.«

Jaden blinzelte. »Wollt ihr nicht über das Geschäftliche reden?« Offensichtlich hatte er keine Kontrolle mehr darüber, was er sagte. Am liebsten hätte er sich die Hand vor den Mund geschlagen, um nicht mehr mit allem ungefiltert herauszuplatzen.

Zane lehnte sich nach vorn, stützte sich auf den Ellbogen ab und verschränkte die Hände ineinander. Seine Haltung wirkte so ernst wie sein Gesichtsausdruck. »Willst du denn über das Geschäftliche reden?«

Jaden entschied sich für die Wahrheit. »Deshalb bin ich hier«, sagte er. »Ich dachte, ihr wollt mir meinen Anteil des Erbes abkaufen.«

Phoenix lehnte sich nach hinten und verschränkte die Arme. »Was, wenn wir das nicht wollen?«

Jaden öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder. Er schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht.«

»Das Fitnessstudio ist ein Familienunternehmen und Lily-Anne hat dir einen Teil davon hinterlassen. Sie wollte, dass du dabei bist. Wir werden dir deinen Teil nicht abkaufen, außer, du willst das unbedingt.« Phoenix hob die Hand, bevor Jaden antworten konnte, dass er genau das wollte. »Aber wir würden dich gerne kennenlernen. Wir hätten gerne, dass du uns eine Chance gibst.«

Elliot übernahm. »Uns ist klar, dass du vermutlich nicht ewig bleiben kannst. Aber auch, wenn es nur eine Woche ist, oder es drei Tage sind oder was auch immer, es würde uns viel bedeuten, wenn wir diese Zeit gemeinsam verbringen könnten. Du hast wahrscheinlich ein Leben, in das du zurückkehren willst. Aber auch, wenn Serenity in deinem Leben keine Rolle spielt, wir sind miteinander verwandt und das bedeutet uns etwas. Also. Bitte.«

Jaden betrachtete ihre ernsten Mienen, die drei dunkelblauen Augenpaare, die einander so ähnelten. Er sah sich im Café um. Die Menschen, die Auto-Tische, das allgegenwärtige Südstaatenflair … Nein, das hier war nicht New York. Vielleicht war ein Tapetenwechsel wirklich das, was er brauchte. Eine Pause von dem Leben, das in letzter Zeit ein wenig aus der Bahn geraten war. Es würde ja nur ein Monat sein. Das hier würde für ihn wie ein Urlaub werden. Und nach einem Monat würde er ihnen seinen Anteil des Unternehmens verkaufen und nach New York zurückkehren. Zurück in die Realität. Aber … »Sie kannte mich doch gar nicht«, sagte er. »Warum wollte sie, dass ich einen Teil ihres Unternehmens erbe?«

Zane schob den Salzstreuer auf dem Tisch herum. »Sie kannte dich nicht, aber du bist trotzdem ein Teil unserer Familie. Sie hat immer gehofft, dass du eines Tages zurückkehrst.« Der Salzstreuer fiel um. »Sie wollte, dass wir das hier tun.«

Jaden bezweifelte das. Und er bezweifelte auch, dass er diese unbekannten Erwartungen erfüllen konnte. Doch eigentlich war es egal, die Situation blieb die gleiche. »Also gut«, sagte er und versuchte, sich nicht berühren zu lassen. Weder von Elliots und Phoenix‘ begeistertem Grinsen noch von Zanes forschendem Blick.

Kleinstädte waren seltsam. Jaden, ganz der Stadtmensch, hatte das schon immer gedacht, obwohl er Kleinstädte nur aus Büchern oder aus dem Fernsehen kannte. Serenity war nicht rückständig, wie er es sich vorgestellt hatte. Es gab Einkaufszentren und asphaltierte Straßen, und Phoenix wollte ihn zu einem Supermarkt fahren, aber trotzdem war das nicht das, woran er gewöhnt war. Es gab so viel Platz. Und alles war flach, die Gebäude zogen sich in die Breite, nicht in die Höhe. Nur eine Handvoll Leute war auf den Bürgersteigen zu sehen. Wenn es überhaupt Bürgersteige gab. Viele Straßenabschnitte wurden nur von Wiesen und Bäumen gesäumt, es gab keinen Platz für Fahrradfahrer und Fußgänger. Phoenix musste mehr als einmal einem Jogger ausweichen. Und es gab Kühe. So viele Kühe. Ganze Felder voller Kühe, ab und zu auch ein paar Pferde. Jaden entdeckte sogar Ziegen, als sie an einem Haus vorbeifuhren. Winzige Ziegen, wie die, die er aus dem Streichelzoo kannte. Er hatte sich immer gefragt, was Leute mit diesen winzigen Ziegen anstellten, und nun wusste er es: Anscheinend waren es Haustiere. Die ländliche Alternative zu Hunden.

»Wo fahren wir hin?«, fragte er schließlich. Phoenix fuhr eine kurvenreiche Straße entlang, die von schattigen, moosbedeckten Eichen gesäumt war. Es schien, als würden sie sich immer weiter vom Stadtzentrum mit den Läden entfernen, um direkt in die Wildnis zu fahren.

»Wenn wir da sind, wirst du verstehen, warum Leute hier wohnen«, sagte Phoenix. Es klang ziemlich kryptisch, wie Jaden fand.

Er trommelte mit den Fingern auf der Sitzlehne herum und sah hinunter zu seinem iPhone, das auf seinem Schoß lag. Nun wäre ein guter Zeitpunkt, um eine Nachricht zu bekommen. Aber natürlich schrieb ihm niemand.

Die Bäume vor dem Autofenster verschwammen ineinander. Wenn Jaden dachte, die Straße nach Serenity würde mitten im Nirgendwo liegen, dann führte diese Straße im Vergleich dazu wohl direkt in die Everglades. Oder durch die Everglades hindurch.

Phoenix wurde langsamer, um eine unglaublich kurze Holzbrücke zu überqueren, die über einen kleinen Bach führte Jaden erblickte gerade noch den schwarz-gelben Panzer einer Schildkröte, die sich auf einem Ast sonnte. »Bist du das erste Mal in Florida?«, fragte Phoenix.

Jaden riss sich von der Betrachtung der Tierwelt los. »Das erste Mal, an das ich mich erinnere«, antwortete er. »Die anderen Male war ich noch zu klein. Meine Mom ist aus Serenity. Na ja, das heißt, sie hat eine Weile hier gelebt. Ursprünglich kommt sie aus Los Angeles.« Sie hatte ihm nie etwas über Serenity erzählt. Nichts außer: Ich versuche, so zu tun, als sei diese Zeit meines Lebens nie passiert. Ich bin eben kein Kleinstadtmädchen. Dann, ein paar Minuten später, als ihr klar geworden war, wie das geklungen hatte, hatte sie jedes Mal hinzugefügt: Von dir natürlich abgesehen. Du bist passiert und das war gut. Sie war nicht sonderlich gut darin, über Gefühle zu reden.

»Ah, cool.« Die Bäume wurden spärlicher, man konnte den strahlend blauen Himmel besser erkennen. »Zane und ich sind aus Montana. Unsere Mom wohnt immer noch dort.«

»Zane und du, ihr seid also …?«

»Ja, wir sind zu hundert Prozent Brüder. Mom hatte so eine Art wilde Phase. Sie hat unseren Vater kennengelernt, als sie auf einer Pferderanch in Wyoming gearbeitet hat. Zane und ich sind nur ein Jahr auseinander. Ein paar Monate, nachdem Zane geboren wurde, haben sie sich getrennt. Sie hat uns zurück nach Montana gebracht. Sie ist Cheyenne, also haben wir im Reservat gelebt. Sie haben es recht gut aufgenommen, wenn man die Umstände bedenkt.«

Jaden wusste nicht, was das hieß. »Was gut aufgenommen?«

»Unsere käseweißen Hintern«, sagte Phoenix, lachte und deutete auf sich selbst. »Mom ist ganz dunkel. Aber Zane und ich wurden mit schwarzem Haar geboren, das war’s. Wir waren das Zeichen ihrer Rebellion. Anders als die anderen. Es hat ein bisschen gebraucht, bis die Gemeinschaft uns akzeptiert hat.«

Phoenix und Zane hatten beide sonnengebräunte Haut, und auch, wenn sie nicht unbedingt dunkel waren, waren sie sicherlich nicht käseweiß. Diese Ehre fiel Jaden zu. Nur sein Gesicht und seine Unterarme sahen ab und zu die Sonne. »Oh«, sagte er, nicht sicher, was man darauf antworten sollte.

Phoenix grinste. »Alles gut. Unsere Familie … Es ist ihnen sehr wichtig, wo man herkommt. Also sind wir neugierig geworden. Mom wusste genug, um uns nach Serenity zu schicken. Also sind wir hierhergekommen. Um uns selbst zu finden, schätze ich. So irgendwie.« Er zuckte mit den Schultern. Es schien ihm nichts auszumachen, seine Vergangenheit mit jemandem zu teilen, der, technisch gesehen, ein Wildfremder war. »Wir haben unseren Samenspender aber noch immer nicht getroffen. Er ist noch nicht aufgekreuzt, seit wir hier sind. Ab und zu hat er Lily-Anne angerufen, aber das war es auch schon. Beim Begräbnis war er auch nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt von ihrem Tod weiß.« Er schilderte es völlig sachlich. Es schien ihn nicht mehr zu kümmern, dass der Mann, wegen dem er hergekommen war, nicht da war.

Das Auto wurde langsamer und Jaden sah auf, immer noch überfordert von all den neuen Informationen. Vier Kraniche stolzierten über die Straße, seelenruhig und ungerührt. Sie ignorierten das Auto einfach. Einer blieb stehen, um nach irgendetwas auf der Straße zu picken. »Ist das normal?«, fragte Jaden. Der New Yorker in ihm wurde bereits ungeduldig.

»Oh, ja«, sagte Phoenix und lachte. »Wenn es keine Kraniche sind, dann ist es ein Alligator, eine Schildkröte, eine Hirschfamilie … Die Liste geht endlos weiter. Wenn Touristen nach den Tieren hier fragen, sagen wir immer: ›Egal, welches Tier dir einfällt, das gibt es hier sicher‹.« Endlich hatten die Kraniche die Mitte der Straße erreicht und der Weg war frei. Phoenix fuhr vorsichtig an ihnen vorbei. »Das macht meinen Job recht interessant.«

Jaden versuchte, sich das Gespräch mit Chase ins Gedächtnis zu rufen. Er hatte erwähnt, was Phoenix beruflich machte. Aber er erinnerte sich nur vage an die Fahrt. Alles verschwamm ineinander. Nur die Erinnerung an Chase war noch glasklar. Die hervorstehenden Adern an seinen Unterarmen, die Länge seiner Finger, die Art, wie er mit der Zungenspitze über die Zähne fuhr, wenn er nach Worten suchte … Hitze flammte in seinem Bauch auf und Jaden räusperte sich. Für das hier war jetzt wirklich nicht der geeignete Zeitpunkt. »Was machst du denn beruflich?«, fragte er.

»Ich leite ein Rehabilitationszentrum für Wildtiere. Aber wir nehmen auch andere Tiere. Im Prinzip sammle ich Streuner auf. Die Leute bezahlen Eintritt, um mehr über Tiere zu erfahren. Mein Tierheim ist nur klein, aber in Miami gibt es ein großes Schutzzentrum, die machen großartige Arbeit. Wenn du mal die Gelegenheit hast, sieh es dir an, das wird dein Herz zum Schmelzen bringen. Ich nehme hauptsächlich die Tiere, die sonst keinen Platz bekommen, dringende Fälle und so weiter. Angefangen habe ich mit Hunden.«

Richtig. Nun erinnerte er sich wieder an Chases Worte. »Also, du rettest Waschbären und so?«

»Und so«, sagte Phoenix und grinste breit. »Ah, wir sind da.«

Jaden sah aus dem Fenster und erwartete … Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Jedenfalls nicht einen klaren Himmel und blaues Wasser, so weit das Auge reichte. Sie fuhren aus dem Wald heraus und bogen in eine Straße ein, die sicher viele Kilometer weit am Strand entlang führte. Das Gelände fiel schräg ab, wackelige hölzerne Fußwege führten über wildes Gebüsch hinweg zum goldenen Sandstrand.

Phoenix parkte das Auto neben der Straße am Waldrand. »Ich empfehle dir, deine Schuhe im Auto zu lassen«, sagte er und begann schon damit, seine eigenen Schnürsenkel zu entknoten. »Wenn du sie anlässt, kriegst du den Sand nie wieder raus.«

Jaden war noch nie am Strand gewesen. Aber er hatte Dokumentationen über Haie gesehen. Vielleicht waren diese auch der Grund dafür, warum er nie an einem Strand gewesen war. Aber solange sie vom Wasser wegblieben, dürfte wohl nichts passieren. Er folgte Phoenix die Straße entlang und zuckte zusammen, als der Asphalt seine bloßen Fußsohlen verbrannte und Kieselsteine sich in seine Haut bohrten. Phoenix schien die Hitze gar nicht zu bemerken, denn er tat so, als würde er nicht gerade über glühende Lava gehen.

Der Gehweg und der darauf folgende Sand waren nicht weniger heiß. Jaden sog schmerzerfüllt die Luft ein und trat unruhig von einem Bein auf das andere. Er war kein Fan davon, barfuß umherzulaufen. Er hatte es immer unhygienisch gefunden, und nun wusste er, dass es auch schmerzhaft war. Erst, als sie nur mehr wenige Schritte vom Wasser entfernt waren, wurde der Sand merklich kühler. Er seufzte erleichtert auf, krümmte die Zehen und blickte aus dem Augenwinkel aufs Wasser. Die Wellen schlugen unablässig gegen die Brandung und brausten ohrenbetäubend laut. Das Wasser war klar und dunkelblau, der Schaum weiß, stellenweise durchsetzt von dem Grün des Seegrases. Sobald die Wellen den Strand erreichten, wurde der weiße Schaum trüb, vermischte sich mit Sand und kleinen Muscheln. Der Ozean traf am Horizont auf den Himmel und es sah aus, als würde beides ineinander verschwimmen. Jaden entdeckte ein paar Boote, kaum mehr als winzige Punkte in der Ferne. Ja, er fand die endlosen Tiefen des Ozeans furchterregend, aber dennoch musste er zugeben, dass es ein wunderschöner Anblick war.

Phoenix blieb stehen und krempelte seine Hosenbeine hoch, so weit es nur ging. Dann watete er ins Wasser. Es umfloss seine Waden, die Spritzer der Wellen durchnässten seine Jeans und färbten sie dunkel. Er reckte seinen Kopf der Sonne entgegen, sein blaues Haar wehte ihm Wind und umflatterte sein Gesicht. Unwillkürlich tauchte ein Bild in Jadens Kopf auf: Phoenix, der in einem Bikini für Victorias Secret modelte. Er war sich nicht ganz sicher, ob er den Gedanken lustig oder grauenhaft finden sollte. Wahrscheinlich eher grauenhaft.

Jaden steckte die Hände in die Hosentaschen. Zögerlich streckte er einen Fuß aus, bis er eine Zehe ins Wasser tauchen konnte.

Fuck!

Eilig trat er wieder einen Schritt zurück. Viel zu kalt.

Sie gingen nebeneinander den Strand entlang; Phoenix im Wasser und Jaden mit Sicherheitsabstand auf dem Sand. Die Sonne brannte auf sie herab und durch seine Kleidung hindurch, bis der Stoff schweißnass war. Kräftiger Wind wehte. Das war wahrscheinlich das Einzige, was verhinderte, dass er in dieser Hitze einfach zusammenklappte. Das Gefühl von Sand zwischen seinen Zehen war neu und er war sich noch nicht sicher, ob er es mochte. Er war es gewohnt, immer Schuhe zu tragen. Schon jetzt dachte er darüber nach, dass er sich die Füße waschen würde waschen müssen, bevor er ins Haus ging.

Phoenix stieß ihm leicht gegen die Schulter. »Hör auf, zu denken und genieß es einfach.«

Das war auch neu für ihn. Noch nie hatte jemand ihm gesagt, dass er aufhören sollte, zu denken. Im Gegenteil, er konnte sich noch genau daran erinnern, dass seine Lehrer immer gesagt hatten, er sollte weniger vor sich hin träumen und mehr denken.

»Du denkst immer noch«, sagte Phoenix und unterbrach damit seine Grübeleien. »Atme tief durch und entspann dich. Konzentriere dich auf das Geräusch der Wellen.«

Jaden versuchte es. Doch sein Kopf arbeitete weiter. In den letzten vierundzwanzig Stunden war so viel passiert, auf das er nicht vorbereitet gewesen war. Es gab so viel, das er verarbeiten musste. Ihm war klar, dass Phoenix wahrscheinlich die Stille genoss, die friedliche Stimmung am Strand, doch wenn er nicht augenblicklich etwas sagte, würde er durchdrehen. Jaden wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Also, das hier ist ein Teil von Serenity?«, fragte er. Durch die Sonne konnte er Phoenix‘ Gesicht kaum erkennen. Halb blind verengte er die Augen.

»Nein«, antwortete Phoenix und bückte sich, um eine Muschelschale aus dem Wasser zu fischen. »Das ist die Definition von Serenity.«

Kapitel 4

»Okay. Hebt eure Hände über den Kopf und atmet tief ein. Dann langsam wieder aus. Dabei bückt ihr euch herab, bis eure Hände den Boden berühren, oder so nahe es eben geht. Haltet die Pose.«

Als Lehrer war es für Chase nicht unbedingt entspannend, dem Kurs die Yogaübungen vorzuführen, aber er fand es trotzdem bereichernd. Es ging dabei nicht um ihn, vielmehr half er anderen dabei, ihren inneren Frieden zu finden.

»Nun richtet euch wieder auf, sodass ihr wieder aufrecht steht. Wir machen nun mit dem rechten Bein einen Schritt nach vorn, winkeln das Knie an und strecken die Arme aus.«

Er demonstrierte jede Pose vorne im Raum und hielt die Augen offen, ob jemand Probleme hatte. Montagmorgen bestand seine Yogagruppe hauptsächlich aus Senioren. Die Übungen waren perfekt für sie. Solange er es nicht übertrieb und jemand sich eine Hüfte ausrenkte. Seine Abendkurse am Mittwoch und am Freitag wurden hauptsächlich von jüngeren Frauen besucht, die nach der Arbeit noch trainieren wollten. Männer waren nur selten dabei. Als früherer Athlet verstand Chase nicht wirklich, warum Yoga und Pilates als Frauensportarten betrachtet wurden. Aber es war tatsächlich so, dass alle Kurse, die er besucht oder geleitet hatte, zum Großteil von Frauen belegt waren. Seiner Meinung nach würden Männer vermutlich bessere Beziehungen führen, wenn sie mehr an ihrer Beweglichkeit arbeiteten. Andererseits waren die Stellungen, die Chase mit seinen Partnern ausprobierte, vielleicht nicht so interessant für Heteropaare. Er schüttelte den Kopf. Das waren keine angemessenen Gedanken, wenn er gerade einen Kurs unterrichtete. Schon gar nicht, wenn der Kurs von den größten Klatschtanten der Stadt besucht war. Er brauchte wirklich keinen Aushang am schwarzen Brett, auf dem stand, dass er mitten im Kurs einen Ständer bekommen hatte.

»Wir kommen jetzt zu den Bodenübungen.« Er zählte während den Atemübungen laut mit und das half ihm dabei, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Sobald alle mit der Brücke fertig waren und sie zu den komplexeren Übungen übergingen, begann er im Raum herumzugehen und dem einen oder anderen zu helfen. Er legte eine Hand auf Mrs. Declans unteren Rücken und zeigte ihr, dass sie ihn nicht halb ausrenken musste, um die Pose richtig zu machen. Dann half er Mr. Wingels dabei, sein Bein in die Luft zu strecken, und versicherte ihm, dass es okay war, wenn er das Knie dabei anwinkelte. Als Mrs. Whitaker einen Krampf in der Wade bekam, knetete er sie, bis es vorbeiging. Alles in allem eine ganz normale Unterrichtsstunde.

Er verabschiedete sich von jedem Einzeln, erinnerte alle daran, ausreichend zu essen und zu trinken, und Mr. Jenson daran, sein Gebiss nicht zu vergessen. Chase wusste nicht, wie jemand seine Zähne vergessen konnte, aber Mr. Jenson verlegte sie ständig.

Er hätte wissen sollen, dass er nicht ungeschoren davonkommen würde. Mrs. Declan blieb vor ihm stehen, die zusammengerollte Yogamatte auf der Schulter. »Ich habe gehört, du hast dich mit dem Neuen furchtbar gut verstanden.«

Chase blinzelte sie an. Manchmal vermutete er, dass die Leute in Serenity irgendwo zwischen den Fünfzigern und der heutigen Zeit hängen geblieben waren. Gott, Jaden war doch erst seit weniger als vierundzwanzig Stunden hier. »Ich habe ihm nur gezeigt, wo er hinmuss«, sagte er in neutralem Tonfall.

»Er wollte zu Lily-Anne.« Sie verengte die blassblauen Augen. »Er ist ein Bannister, nicht wahr? Kevins erster Sohn. Wie hieß er noch gleich? Jaden? Ich kannte seine Mutter. Hochnäsiges Ding. Dachte, sie sei zu gut für uns.« Wie immer, ignorierte sie jegliche persönliche Distanz und tippte Chase gegen die Brust. »Sei vorsichtig. Dieser Junge hat von beiden Seiten kein gutes Temperament geerbt.«

Sprachlos blickte Chase ihr hinterher. Das war ein hartes Urteil, wenn man bedachte, dass sie ihn noch nicht einmal kennengelernt hatte.

Mrs. Jenkins blieb auf ihrem Weg nach draußen ebenfalls vor ihm stehen. Chase wappnete sich für weitere ungefragte Ratschläge. Doch sie tätschelte nur seinen Arm und verdrehte die Augen. »Ignorier sie. Du weißt ja, wie schrullig sie ist.«

Die Worte brachten ihn zum Lächeln. Er verabschiedete sich mit einem Küsschen auf die Wange von ihr.

Sobald der Raum leer war, rollte er seine mintgrüne Yogamatte zusammen und schlüpfte in seine Flipflops. Es war kurz nach zehn Uhr morgens. Carly Matheson, seine Angestellte, beziehungsweise sein rettender Engel, passte auf den Smoothieladen auf. Nun hatte er Zeit, um selbst ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Er fuhr mit offenen Fenstern die Straße entlang, sodass der Wind sein Haar zerzauste und ihm direkt ins Gesicht wehte. Um die Musik über das Rauschen des Windes hinweg zu hören, stellte er sie laut. So, wie er es mochte. Er trommelte den Takt auf dem Lenkrad mit und sang aus voller Kehle. Adele hatte einfach etwas für sich. Immer, wenn sie im Radio lief, konnte er nicht anders, als mitzusingen.

Die Fahrt zum Strand schien immer Ewigkeiten zu dauern, aber in Wirklichkeit waren es wohl fünfzehn, höchstens zwanzig Minuten. Kam ganz darauf an, wie oft er halten musste, weil irgendwelche Tiere die Straße überquerten. Einmal war er von einem Pferd aufgehalten worden, das von der Miller-Farm entkommen war. Das war ein denkwürdiges Ereignis gewesen. Betsey, die Stute, war unglaublich stur und hatte sich schlicht geweigert, sich vom Fleck zu rühren. Außerdem hatte sie ihn gebissen, als er sie hatte berühren wollen. Seitdem hatte Chase einen gesunden Respekt vor Pferden.

Heute brauchte er fünfzehn Minuten. Als er in die Straße zum Strand einbog, erblickte er Phoenix‘ silbernen Corolla, der am Straßenrand parkte. Normalerweise hätte ihn das nicht überrascht. Phoenix kam oft zum Strand, um sich zu entspannen und zu erden. Chase begegnete ihm fast jeden Tag hier. Aber er hatte gedacht, dass Phoenix heute Zeit mit seinen Brüdern verbringen würde, um Jaden besser kennenzulernen.

Chase knabberte an seiner Unterlippe und starrte aus dem Fenster. Es war sicher zu viel des Guten, wenn er wieder mit Abendessen vor Jadens Tür auftauchte. Die ganze Stadt würde ihm dann Löcher in den Bauch fragen. Außerdem war es die Aufgabe von Jadens Brüdern, ihn zu verköstigen. Es war nicht Chases Job, dafür zu sorgen, dass Jaden sich in Serenity willkommen fühlte. Egal, wie sehr er Jadens Gesellschaft mochte. Nein, er mochte sie nicht nur, er genoss sie. Jaden war wirklich witzig, wenn er sich entspannte. Wenn er lachte, wechselte sich sein Kichern mit Schnauben ab. Lachfalten umgaben dann seine warmen blauen Augen und seine Wangen wurden von leichtem Rot überzogen. Jedes einzelne Mal, wenn Jaden sich gestern Abend über etwas amüsiert hatte, hatte Chase Schmetterlinge in seinem Bauch gespürt. Es sah ganz so aus, als wäre er ein wenig verknallt. In einen ziemlich sicher nicht schwulen Typen, der nur einen Monat in der Stadt bleiben wollte. So war Chase nun einmal. Es folgte eindeutig einem Muster, in wen er sich verknallte. In der Highschool, als er sich noch nicht geoutet hatte, hatte er auf den Torwart des Fußballteams gestanden, Alex Medina. Es war hoffnungslos gewesen. Vier Jahre war es so gegangen. Und alles nur, weil sie einmal gemeinsam hatten nachsitzen müssen, nachdem sie den Unterricht gestört hatten. Wenn Chase es nicht geheim gehalten hätte, dann hätte er sicher den Namen Chase Medina auf all seine Notizbücher gekritzelt. Alex, der durch und durch hetero war, war direkt nach dem Schulabschluss nach Spanien gezogen. Das letzte Mal, als sie miteinander gesprochen hatten, hatte Alex ihm gesagt, wie leid ihm das mit dem Unfall täte. Und dass er gerade spontan ein französisches Model geheiratet hatte. Dann, auf dem College, war da Jackson Maxwell gewesen. Einige Jahre älter als Chase und der Quarterback des Footballteams. Wenn man dieses Verknalltsein zusammenfassen wollte, dann mit den Worten: Träum weiter. Jack hatte seine Freundinnen gewechselt wie seine Unterwäsche. Er war die Art von Typ, die sich im Kino nur mit Sicherheitsabstand neben seine Kumpels setzte. Ja, er musste zugeben, Jack war ein Arsch gewesen. Ein richtiger Klischee-Footballer. Aber trotzdem heiß. Er hatte Chase unter seine Fittiche genommen und ihm geholfen, sich im Team zurechtzufinden. Nun machte er in der National Football League Millionen, war mit einem Supermodel verheiratet und hatte zwei Kinder. Chase hatte wirklich kein gutes Händchen für Männer. Und er musste dringend aufhören, über all das nachzudenken. Er wollte auf keinen Fall, dass noch weitere düstere Erinnerungen zurückkehrten. An das eine Jahr, das er so gerne vergessen wollte. Er war zum Strand gekommen, um zu meditieren, nicht, um alte Wunden aufzureißen, während er in seinem Auto vor sich hin schmorte. Er würde etwas Yoga machen und sich Jaden aus dem Kopf schlagen. Jaden und seine vollen, roten Lippen, die sicher wie geschaffen für Blowjobs waren. Ganz einfach.

Der Sand unter seinen Füßen war brennend heiß, kleine Muschelschalen stachen ihm in die Fußsohlen, wenn er nicht darauf achtete, wo er hintrat. Er rollte seine Matte direkt am Wasser aus, sodass er jedes Mal ein paar Spritzer abbekam, wenn die Wellen gegen den Strand schlugen. Vielleicht würde er nachher noch schwimmen gehen, bevor er nach Hause fuhr und sich umzog. Je nachdem, wie heiß ihm nach dem Training war.

Er begann mit ein paar Dehnübungen, wärmte sich auf, obwohl er theoretisch auch gleich hätte loslegen können. Beim Yoga war es wichtig, eine gewisse Routine zu bewahren. Er wusste genau, was er tun musste, um einen entspannten, tranceartigen Zustand zu erreichen. Bei einigen der Posen zuckte Schmerz durch seine Schulter, doch nach all den Jahren registrierte er es bloß noch als kleineres Ärgernis. Er machte sich eine mentale Notiz, dass er bald einen Termin bei seiner Masseurin vereinbaren musste, atmete den Schmerz weg und machte weiter. Auf keinen Fall durfte er seine Schulter schonen. Seine Physiotherapeutin, die er nach dem Unfall besucht hatte, war da sehr deutlich gewesen. Es war wichtig, über seine Schmerzgrenze hinwegzugehen, um beweglich zu bleiben.

Er befand sich gerade mitten in der Kapotasana-Position, einer Art Brücke, bei der man sich mit den Knien, Schienbeinen und Armen auf der Matte abstützte und seine Fußknöchel berührte, als er über das Meeresrauschen hinweg Stimmen vernahm. Ein Schatten fiel über ihn, gerade als seine zehn Sekunden vorbei waren. Er richtete sich wieder auf und erblickte Phoenix und Jaden, die ihm zusahen.

Phoenix‘ hochgekrempelte Jeans war nass und sein Haar kräuselte sich an den Enden zu Locken. Er streckte Chase eine Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen. »Hey, Mann. Wir unterbrechen dich doch nicht, oder?«

Jaden stand neben ihm mit geröteter Haut. Entweder, sie würde sich bräunen oder zu einem Sonnenbrand werden. Er hatte die blauen Augen verengt, wohl, um trotz der Sonne etwas erkennen zu können. Sein Haar war feucht und klebte an seiner Haut, Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Vielleicht versuchte Phoenix, ihn umzubringen. Der arme Mann war diese Hitze eindeutig nicht gewohnt.

»Nein, war schon fertig.« Er bückte sich, griff nach der Wasserflasche und bot sie Jaden an. »Du siehst aus, als könntest du das gebrauchen.«

Jaden nahm sie und betrachtete sie kritisch.

»Ich habe sie nicht vergiftet«, sagte Chase.

Jaden sah ihm in die Augen. »Aber du hast daraus getrunken.«

»Ähm … ja.« Es herrschte etwa eine Million Grad und er hatte gerade direkt unter der prallen Sonne trainiert.

»Es wäre unhygienisch, wenn ich nach dir daraus trinken würde. Weißt du, wie viele Bakterien wir austauschen würden?«

Chase blinzelte und versuchte, seine Worte zu verarbeiten. Er warf Phoenix einen Blick zu, doch dieser wirkte genauso verdutzt wie er selbst.

Okay …

»Ich habe mir heute Morgen die Zähne geputzt«, sagte er zu Jaden. »Und Mundwasser verwendet. Ich denke, du wirst es überleben, nach mir zu trinken.« Er sollte das nicht persönlich nehmen, manche Leute waren da eben komisch. Und doch tat er es; er nahm es persönlich. Chase hatte einen einwandfrei sauberen Mund. Lag es daran, dass er ein Mann war? Er musterte Jaden neugierig. So hatte er ihn eigentlich nicht eingeschätzt.

Jaden gab ihm die Wasserflasche zurück. »Danke, aber nein danke. Ich würde mich schrecklich fühlen, wenn du dir irgendetwas von mir einfangen würdest.«

Chase hob die Augenbrauen, sagte aber nichts. Er schraubte die Wasserflasche auf und nahm einen großen Schluck. Wenn Jaden nichts trinken wollte, würde er das eben tun. Er konnte nicht erkennen, ob Jaden rot anlief oder ob es an der Sonne lag.

Phoenix räusperte sich. Er unterdrückte eindeutig ein Grinsen. »Hattest du heute ein gutes Training?«

Chase ließ die Schultern kreisen und versuchte so, die verbliebenen Verspannungen zu lösen. »Ja. Das Wetter ist ganz nett. In ein paar Wochen muss ich mein Training dann wahrscheinlich auf den Abend verlegen.« Er kam relativ gut mit der Hitze klar, aber im Hochsommer um diese Uhrzeit zu trainieren, war ein todsicherer Weg, an einem Hitzekollaps zu sterben.

»Es wird noch heißer als jetzt?«, fragte Jaden ungläubig.

Phoenix und Chase lachten. »Ja«, antwortete Phoenix. »Das hier ist gar nichts.«

Jaden sah so entsetzt aus, dass er Chase ein wenig leidtat. »Du wirst schon weg sein, bevor es so weit ist«, sagte er. Jaden hatte ja gesagt, dass er nur wenige Wochen in der Stadt bleiben wollte.

Jaden warf Phoenix einen raschen, vielleicht schuldbewussten Blick zu und sah dann wieder Chase an. »Das stimmt«, sagte er leise. Er vergrub die Zehen im Sand. Die Hände hatte er in die Taschen seiner Shorts gesteckt. Sie waren knielang, dunkelblau und passten gut zu seinem adretten weißen Hemd. Er sah aus, als hätte er einen Tag auf der Yacht oder eine Runde Golf geplant. Nun, zumindest würde er so aussehen, wenn seine Kleider nicht völlig schweißdurchtränkt wären. Sie klebten an seinem Körper, sodass man erkennen konnte, dass er zwar schlank, aber nicht durchtrainiert war. Chase konnte durch den Stoff seines Hemds deutlich seine Nippel sehen. Eilig wandte er den Blick ab und fixierte stattdessen eine Stelle über seiner rechten Schulter. Hatte er einen Nerv getroffen? Jadens Reaktion ließ das vermuten.

Das hast du wieder toll gemacht, Chase.

Er fuhr sich durch das schweißnasse Haar, sodass es ihm nicht mehr in die Augen hing. Dann deutete er mit dem Daumen auf das Wasser. »Ich glaube, ich gehe eine Runde schwimmen, um mich abzukühlen.«

Phoenix blickte sehnsüchtig aufs Meer. »Ich gehe mit Jaden einkaufen. Und ich muss ihm die Stadt zeigen. Was meinst du, gibt es etwas, das er unbedingt sehen muss?«

Chase kratzte sich am Bauch, wo seine Haut von all dem Schweiß juckte. Er hatte sein T-Shirt schon nach anderthalb Minuten Work-out ausgezogen. Seine Haut fühlte sich warm und feucht an. Wenn er heute nach Hause kam, würde man sicher noch deutlicher seine Bräunungsstreifen sehen. Er überlegte gerade, welche Orte in Serenity er besonders mochte, als ihm auffiel, dass Jaden ihm gar nicht ins Gesicht sah. Nein, seine hübschen blauen Augen klebten förmlich an Chases Bauchmuskeln.

Oh.

Nun. Das war … widersprüchlich.

Immer, wenn Chase in sein leeres, stilles Haus zurückkehrte, hatte er das dringende Bedürfnis, sofort wieder kehrtzumachen und in seinen Laden oder ins Fitnesscenter zu fahren. Ganz egal, wohin, Hauptsache an einen anderen Ort. Es war nicht so, als würde er sein Zuhause nicht mögen, das tat er nämlich. Immer, wenn er der Realität entkommen wollte, kam er hierher. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Ort, der nur ihm gehörte. Das Haus hatte drei Schlafzimmer und zwei Badezimmer, im Garten einen großen Pool und viele hochgewachsene Bäume, die Schatten spendeten. Die Fassade war in einem warmen Beige gestrichen, akzentuiert mit einem dunklen Braun; eine Wohltat für die Augen. Die Einrichtung war hauptsächlich in warmen Blautönen und Beige gehalten, hier und da von grauen und grünblauen Akzenten durchbrochen. Der Boden war mit cremefarbenen Fliesen ausgelegt, die Holzmöbel waren getischlert. Seine Küche hatte Kästen aus Holz und Küchengeräte aus Chromstahl. Die Theke, die den Kochbereich von seinem ungenutzten Esszimmer trennte, fungierte auch als Bartisch. In den Fächern befanden sich diverse Spirituosen und Weinflaschen. Die meiste Zeit verbrachte er im Wohnzimmer. Seine Couchgarnitur war grau, mit zurückklappbaren Liegesitzen an beiden Enden. Er hatte sie mit Schlafkissen bestückt. Bequemlichkeit war ihm wichtiger als stilvolle Inneneinrichtung. Manchmal schlief er auf der Couch ein. Der riesige Flachbildfernseher hing gegenüber der Couch an der Wand und wurde von Bücherregalen eingerahmt. Er hatte nicht viele Bücher. In den Regalen befand sich hauptsächlich seine umfangreiche Filmsammlung, aber auf einem Regal stand die Das Lied von Eis und Feuer-Serie und auf dem anderen Eine Reihe betrüblicher Ereignisse. Was sollte er sagen? Er hatte eben einen breit gefächerten Geschmack.

Eines der Schlafzimmer war ein Gästezimmer, im anderen hatte er sich einen Fitnessraum eingerichtet. Für die Tage, an denen er nicht ins Fitnessstudio fahren wollte, um Gewichte zu stemmen. Oder für Tage, an denen draußen der Monsun tobte und es nicht möglich war, am Strand eine halbe Stunde Yoga zu machen.

Das ganze Haus war voll mit Dingen, die er mochte. Angefangen mit den Farben der „Kunst“ an den Wänden, also Postern, die den Eindruck erweckten, hier würde jemand in seinen Zwanzigern wohnen, bis hin zu dem Krimskrams, der in den Regalen stand. In einer Ecke hatte er ein Modell von R2D2, in einer anderen hing ein Regal, in dem er seine Game of Thrones-Funko Pops sammelte.

Trotz all dem, ohne eine andere Person im Haus, fühlte es sich … Nein, es fühlte sich nicht unbedingt kalt an, aber so ähnlich. Einsam. Chase hatte zwei Brüder und eine kleine Schwester. In seiner Kindheit war er immer von anderen Menschen umgeben gewesen, die sich in alles eingemischt und ihn damit zur Weißglut getrieben hatten. Auch auf dem College hatte er sich einen Schlafsaal mit anderen geteilt. Nach dem Unfall war er zurück nach Hause gezogen und hatte nach seiner Genesung den Abschluss online nachgeholt. Irgendwann hatte er beschlossen, dass sein Leben nicht automatisch enden musste, weil sein Traum nie wahr werden würde. Er wollte kein Loser sein, der bei seinen Eltern wohnte und nichts tat. Also war er hierhergezogen und hatte Cleo adoptiert.

Chase schaltete das Licht an und fragte sich, ob er Phoenix‘ Angebot annehmen sollte. Vielleicht wäre es ja nett, eine Katze zu haben. Er hatte gehört, dass Katzen sehr lange lebten. Er könnte die männliche Version einer verrückten Katzenlady werden. Sich zwanzig Katzen zulegen, die ihn auffraßen, wenn er alt und einsam starb. Chase blinzelte. Seine Gedanken waren ganz schön schnell düster geworden. Er massierte sich die Schläfen, kickte seine Schuhe achtlos weg und ging dann in Richtung Küche. Dort machte er sich ein gebratenes Caprese-Sandwich und summte Justin Biebers Love Yourself vor sich hin. Es war heute mindestens elfmal im Radio gelaufen und er hatte einen Ohrwurm. Irgendwann, als er das Sandwich umdrehte und den Refrain summte, wanderten seine Gedanken wieder zu Jaden. Anscheinend war das sein neues Hobby. Dabei hatte er sich solche Mühe gegeben, den Moment am Strand zu vergessen. Jaden hatte ihn nicht unbedingt angeglotzt, zumindest nicht offensichtlich, aber er hatte definitiv hingesehen. Und zwar nicht auf Stellen, die ein Heteromann ansehen würde. Chases Nippel waren durch all die Aufmerksamkeit schlagartig hart geworden. Und er war sich ziemlich sicher, dass Jadens ohnehin schon rote Wangen noch röter geworden waren, als er es bemerkt hatte.

Er stach mit der Gabel in das Sandwich, um den Knusprigkeitsgrad des Brotes zu testen. Okay, also war Jaden Matthews vielleicht nicht hetero. Aber war das wirklich wichtig? Er ließ das Sandwich auf einen Teller gleiten und drehte den Herd ab. Nein, er musste sich Jaden aus dem Kopf schlagen, auch wenn er wirklich schwul oder bi war. Er war nur auf der Durchreise und würde wieder von hier verschwinden. Mrs. Declan hatte recht. Er sollte nicht gleich anhänglich werden.

Chase blieb mitten im Türrahmen stehen, den Teller in den Hand, und riss die Augen auf.

Du kennst Jaden gerade mal vierundzwanzig Stunden. Warum zur Hölle denkst du darüber nach, nicht anhänglich zu werden?

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