Читать книгу: «Ein tödliches Komplott»
Ein tödliches Komplott
Michael Korn & Liz Croll Band 4
Ein Thriller von
Matthias Boden
Copyright © 2022
Alle Rechte bei Matthias Boden
Werrestraße 107b
32049 Herford
E-Mail: MatthiasBoden8@gmail.com
9783986476311
Eine angebliche Bundesbehörde benutzt einfache Bürger als Kuriere in den gesamten Vereinigten Staaten. Eine junge Angestellte versucht dem ganzen auf den Grund zu gehen und gerät in Lebensgefahr. Das FBI kommt bei den Ermittlungen nicht weiter und fragt zähneknirschend bei Interpol um Hilfe. Rhonda Miller entsendet das Team unter der Leitung von Liz Croll in die USA. Die Agenten stoßen auf unerwartete Probleme als Leonie Korn von einer FBI Angestellten erkannt wird. Die FBI Agentin nutzt die Daten des Teams um Leonie zu überführen und bringt damit Liz Ehemann und die Kinder des Teams in Gefahr. Das Team muss erfinderisch werden um den Fall zu lösen und sich der Agentin des FBI entledigen bevor sie alle zur Zielscheibe werden.
Für Karin,
und ihre unvergleichliche Hilfe über all die Jahre.
Inhalt
Prolog Vereinigte Staaten, Portland (OR)
1. Kapitel Bahamas, Nassau
2. Kapitel Vereinigte Staaten, Washington D.C. (WA)
3. Kapitel Vereinigte Staaten, Cleveland (OH) Bahamas, Nassau
4. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
5. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)
6. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
7. Kapitel Bahamas, Nassau
8. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
9. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV) Vereinigte Staaten, Dallas (TX) Vereinigte Staaten, Cleveland (OH)
10. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
11. Kapitel Bahamas, Nassau
12. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR) Vereinigte Staaten, Cleveland (OH) Bahamas, Nassau
13. Kapitel Bahamas, Nassau
14. Kapitel Vereinigte Staaten, Dallas (TX)
15. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
16. Kapitel Vereinigte Staaten, Dallas (TX) Vereinigte Staaten, Portland (OR)
17. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
18. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
19. Kapitel Vereinigte Staaten, Cleveland (OH)
20. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
21. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
22. Kapitel Vereinigte Staaten, Cleveland (OH)
23. Kapitel Vereinigte Staaten,Portland (OR)
24. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV) Bahamas, Nassau
25. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
26. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR) Nassau, Bahamas
27. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
28. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
29. Kapitel Bahamas, Nassau
30. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
31. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)
32. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
33. Kapitel Bahamas, Nassau
34. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)
35. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
36. Kapitel Bahamas, Nassau
37. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)
38. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
39. Kapitel Bahamas, Nassau
40. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
41. Kapitel Vereinigte Staaten, Los Angeles (CA) Vereinigte Staaten, Portland (OR)
42. Kapitel Bahamas, Nassau
43. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
44. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR) Bahamas, Nassau
45. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
46. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV) Vereinigte Staaten, Portland (OR)
47. Kapitel Bahamas, Nassau Vereinigte Staaten, Portland (OR)
48. Kapitel Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV) Vereinigte Staaten, Portland (OR)
49. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
50. Kapitel Bahamas, Nassau Vereinigte Staaten, Portland (OR)
51. Kapitel Bahamas, Nassau
52. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR)
53. Kapitel Bahamas, Nassau Vereinigte Staaten, Portland (OR)
54. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR) Bahamas, Nassau
55. Kapitel Vereinigte Staaten, Portland (OR) Bahamas, Nassau
Epilog Bahamas, Nassau 60. Kapitel
Danksagung Die Reihe um Liz Croll und Michael Korn:
Prolog
Vereinigte Staaten, Portland (OR)
Schwaches Licht einer windschiefen Straßenlaterne erhellte die Szenerie an einer Umgehungsstraße. In irgendeinem dieser Fahrzeuge sollte ihre Zielperson sitzen und warten. Schon seit einigen Stunden hatte Vivian Burgess die Straße nicht aus den Augen gelassen. Von ihrem Kontakt im Hauptquartier hatte sie erfahren, dass die Übergabe exakt hier und heute über die Bühne gehen sollte. Immer wieder konnte sie sehen, dass Beutel aus Zellophan und Briefumschläge sowie Bargeld den Besitzer wechselte. Das war hier nach Sonnenuntergang bereits normal, aber ihr Kontakt sprach von einer Menge, die nicht in eine Tüte passen konnte. Er hatte ihr den Wert von über zehn Kilogramm genannt, die heute den Besitzer wechseln würden.
Mit ihrer Kamera und dem hochauflösenden Objektiv saß sie in sicherer Entfernung versteckt in einem Jägerunterstand. Sogar ihr Gesicht hatte sich vorsorglich noch einmal geschwärzt, obwohl das eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Vivian war ein Mischling. Ihre Mutter war eine Afroamerikanerin und ihr Vater ein Weißer. Sie war deswegen eher so dunkelfarbig wie ein Milchkaffee und konnte in dieser Umgebung bei den schlechten Lichtverhältnissen nicht auffallen. Selbst die Tiere interessierten sich nicht für die versteckte Verwaltungsangestellte, die hier wartete.
Endlich sah sie dort unweit der Laterne einen völlig in schwarz gekleideten Mann. Der lange Mantel war deutlich zu auffällig für die Jahreszeit. Zu viel Columbo gesehen vermutlich, aber das war hier nicht Los Angeles, sondern Portland. Diese Agenten konnten aber auch nie wirklich unauffällig sein. Ihr sollte es recht sein. Je einfacher er zu erkennen war, umso leichter für sie und ihre Kamera die Übergabe im Bild festzuhalten. Immerhin hing sie jetzt schon fast drei Wochen an diesem Auftrag fest, weil er immer wieder verschoben wurde.
Angefangen hatte alles mit einem einfachen Brief in ihrer Post. Eine mysteriöse Bundesbehörde mit den drei Buchstaben SNB hatte sie angeworben diesen Job für ihr Land zu erledigen. Sie bekam alles, was sie dafür brauchte gestellt und dachte nicht weiter darüber nach. Ihr erster Auftrag war einfach gewesen. Sie sollte einfach nur mit einem Zug nach San Francisco in Kalifornien fahren, dort einen blauen Kleinwagen auf einem Parkplatz eines Supermarktes abholen und ihn nach Portland bringen. Dort sollte sie den kleinen Wagen einfach in einer Seitenstraße abstellen, den Schlüssel auf dem rechten Hinterrad ablegen und sich aus dem Staub machen. Bekommen hatte sie dafür neben einer Fahrkarte für den Zug auch noch eine Vergütung von 2000 Dollar.
Für sie als Berufsanfängerin aus einer eher unterprivilegierten Arbeiterfamilie an der Westküste war das ein nettes Zubrot, das sie gerne in Anspruch genommen hatte. Das Geld bekam sie wieder per Post an ihre Adresse geliefert. Kurze Zeit später bekam sie eine neue Aufgabe angeboten. Sie sollte einfach nur ein Paket annehmen und es dann in einem Restaurant bei der Garderobe liegen lassen. Als sie nach dem Essen, das ihr ebenfalls nachträglich bezahlt wurde, ihren Mantel abgeholt hatte war das Paket einfach verschwunden. Trotzdem bekam sie pünktlich das versprochene Geld, inklusive der Kosten des Abendessens.
Ihr dritter Auftrag führte sie nach Salt Lake City, um einen Rollkoffer zu übernehmen, den sie dann nach Eugene in Oregon bringen sollte. Dazu musste sie eines ihrer Wochenenden fast nur in Zügen verbringen, aber sie erhielt dafür sogar 5000 Dollar. Für das Geld ein Wochenende in einem Zug zu verbringen war jetzt nicht gerade das schlechteste, auch wenn das Schlafen viel zu kurz kam. Trotzdem lag das Geld für ihre Dienste wieder vollzählig in ihrem Briefkasten. Was konnte sie besseres erwarten, als für kleine Transporttätigkeiten schon einige tausende Dollar zu verdienen? Vivian hatte erst ihre Ausbildung abgeschlossen und begann in ihrem Beruf. Da konnte man einen Extraverdienst schon gut gebrauchen.
Ihr jetziger Auftrag war fast noch einfacher. Sie sollte einfach nur mit der Kamera beobachten und auf keinen Fall eingreifen, egal was auch passierte. Sie wusste, dass die Übergabe irgendwann an diesem Abend auf der Umgehungsstraße erfolgen musste. Man stellte ihr die Kamera und eine Speicherkarte zur Verfügung, die sie nach Erledigung auf einer öffentlichen Toilette im Stadtzentrum von Portland deponieren brauchte. Jetzt saß sie schon seit mehr als zwei Stunden in diesem Busch und wartete. Es war nicht wirklich bequem in diesem Jägerunterstand und die Aussicht war auch nicht wirklich eine Augenweide, aber was sollte sie besseres verlangen.
Endlich passierte etwas worauf sie wartete. Der Mann in dem langen Trenchcoat beobachtete die Fahrzeuge und hielt sich eher in den dunklen Ecken der Straße auf. Viviane hatte ihn direkt auf dem kleinen Bildschirm ihrer Kamera. Der junge Typ sah gar nicht so übel aus. Er war ungefähr in ihrem Alter, hatte ein schüchternes Auftreten, sah aber trotzdem ziemlich heiß aus. Hätte er sie in einer Bar angesprochen wäre sie nicht abgeneigt gewesen. So aber gehörte er nur zu einem Auftrag und brachte ihr Geld ein, wenn er denn endlich das Paket mit den 18 Kilogramm abholen würde.
Langsam traute er sich mal ein bisschen mehr ins Licht was Vivian veranlasste mehrfach den Auslöser ihrer digitalen Kamera mit dem Teleobjektiv zu drücken. Sie hatte ihn genau im Bild. Unmöglich ihn nicht genau darauf zu erkennen. Seine kurzen schwarzen Haare die in kleinen Locken an seinem Haupt klebten waren fast exakt zu erkennen. Auch die kleine Narbe unter seinem Kinn war deutlich zu sehen. Er hielt sich auffällig im Schatten und blieb von den Menschen fern, die dort an der Straße standen. Scheu blickte er sich um und bewegte sich dann vorsichtig im leichten Unterholz des angrenzenden Grabens die Strecke entlang. Er erreichte einen mattschwarzen Kombi und machte sich an der Heckklappe zu schaffen. Das Gepäckfach schwang auf und er schnappte sich ein in dunkles Papier gewickeltes Paket. Sein Ausdruck ließ erkennen, dass dieses Päckchen ziemlich schwer war. Eng an sich gedrückt machte der junge Afroamerikaner sich wieder auf den Rückweg. Vivian Burgess hatte alles aufgenommen und wollte bereits wieder ihren Beobachtungsposten verlassen als er von einem Mann im Anzug aufgehalten wurde.
Es entwickelte sich ein lautes Wortgefecht, was in einer wilden Schlägerei mündete. Vivian sollte auf keinen Fall eingreifen, also hielt sie mit der Kamera drauf und knipste Bilder im Sekundentakt. Das Paket, was er in den Armen hatte, fiel auf den Boden und gab einen Teil des Inhalts frei. Es sah aus wie Mehl in einer merkwürdigen Konsistenz. Der leichte Wind blies das Pulver in die Luft und trieb es die Straße entlang. Viele andere Menschen wurden darauf aufmerksam als plötzlich ein weiterer junger Mann hinzukam und schreiend gestikulierte. Dann ertönte eine Sirene und die Schwärze der Nacht wurde durch blaue Blitze erhellt. Mit quietschenden Reifen hielten mehrere Streifenwagen direkt neben den beiden kämpfenden Männern. Vivian hielt den ganzen Vorgang mit ihrer Kamera fest. Plötzlich fiel ein lauter Schuss und der Paketbote brach blutend zusammen.
Die Beamten schnappten sich die Reste des Pakets, kümmerten sich um den Verletzten und wogen das restliche Pulver in einem Streifenwagen ab. Vivian hatte genug gesehen. Den ganzen Vorgang hatte sie mit ihrer Kamera dokumentiert. Es war Zeit zu verschwinden und die Kamera mit der Speicherkarte in der öffentlichen Toilette zu hinterlegen. Sie verließ ihren Jägerunterstand und machte sich auf den Rückweg durch das kleine Wäldchen. Während sie die Kamera fest an sich gedrückt durch den Wald quälte, machte sie sich Gedanken. Hatte sie eben aus sicherer Entfernung einen Drogendeal beobachtet der schiefgegangen war? Aber warum hatten die Beamten auf den jungen Mann geschossen? Man konnte doch den Widerstand mit Handgriffen brechen, ohne den Dealer so schwer zu verletzen. Aber wenn das ein schiefgegangener Drogendeal war, weshalb hatte eine Bundesbehörde wie das SNB daran Interesse?
Vivian blieb im Wald stehen und dachte darüber nach, was sie mit den Beweisen anfangen sollte. Eine Sicherungskopie behalten oder ihre Beweise abliefern und nicht weiter darüber nachdenken. Sie hatte ihr Geld ja verdient, ohne ihren Auftrag zu gefährden. Die Frage war nur was sie mit der Sicherheitskopie anfangen sollte, wenn sie denn eine anfertigte. Sie hatte ja nur eine Polizeiaktion mit Bildern festgehalten und eine Kopie der Fotos brachte ihr ja keine Vorteile. Vivian könnte sie nur an eine Tageszeitung verkaufen und damit noch ein paar Dollar verdienen, aber in den USA passierten jeden Tag tausende Verbrechen, die nicht unbedingt in der Zeitung standen. Sie entschied sich dagegen. Ihr Job war erledigt und sie würde mit Sicherheit noch weitere Aufträge erhalten, mit denen sie ihr kleines Gehalt aufbessern konnte.
Vivian setzte ihren Weg in die Innenstadt von Portland fort, ohne einen weiteren Gedanken an den Vorfall zu verschwenden. Hinter dem Wäldchen hatte sie ihren Kleinwagen geparkt, den sie sich durch den zusätzlichen Verdienst ihrer Nebentätigkeit leisten konnte. Sie klemmte sich hinter das Steuer und fuhr in die Stadt. Vor ihr tauchten die hohen leuchtenden Gebäude von Portland wie aus dem Nichts auf und beleuchteten ihren Weg zum Übergabeort. Dort angekommen parkte sie ihren Wagen in der Nähe einer Pizzeria und begab sich auf die Damentoilette. Wie vorhergesagt fand sie dort an der Wand den Automaten für Damenhygieneartikel. Die Klappe ließ sich ganz einfach öffnen und sie deponierte dort die Kamera. Dann schloss sie die Klappe wieder und setzte sich in den Außenbereich des Lokals.
Sie hatte einen guten Blick auf den Eingang. Der Kellner nahm ihre Bestellung auf und kehrte kurz darauf mit ihrem Erfrischungsgetränk zurück. Vivian behielt den Zugang der Toilette die ganze Zeit im Blick. Nach den ganzen erfolgreichen Aufträgen wollte sie nun endlich wissen, wer eigentlich hinter den Aufträgen steckte. Irgendjemand musste die Kamera ja am Übergabeort abholen und zur Bundesbehörde SNB bringen. Der Kellner brachte ihr die bestellte Pizza. Er war etwas verwirrt, weil Vivian darauf bestand sofort zu bezahlen. Wenn schon jemand die Kamera abholen würde wollte sie keine Zeit verlieren, um der Agentin zu folgen.
Es dauerte gut eine ganze Stunde bis endlich eine adrett gekleidete junge Frau die Toilette betrat und kurz darauf mit einer Tasche wieder in der Tür erschien. Die Ausmaße der Tasche waren groß genug um die Kamera darin zu verbergen. Vivian beschloss ihr in sicherem Abstand zu folgen. Während sie ihr in einigem Abstand durch die Straßen folgte, schätzte sie die schlanke Frau ab. Ihr Businesskostüm in dem dunklen Blau passte zu einer Bundesagentin im Dienst des SNB, aber warum trug sie keine Waffe oder anderes Material zur Verteidigung bei sich. Nichts deutete darauf hin, dass sie in der Lage war sich zu verteidigen. Die Blondine war schlank, deutlich kleiner als Vivian mit ihren 1,75 m und bewegte sich eher wie eine normale Passantin.
Die Verwaltungsangestellte folgte ihr bis zu einem Bürogebäude, das sie ohne Kontrolle betrat. Sie war sich unsicher, ob sie ihr bis in das Gebäude folgen sollte. Wenn das ein Büro der SNB war, wollte sie nicht im Gebäude aufgegriffen werden. Vivian lief an dem Gebäude vorbei und riskierte einen Blick ins Innere. Ein Schild an der Tür des Bürogebäudes verriet ihr, dass es ein Verwaltungsgebäude der staatlichen Wasserversorgung war. Eine Bundesbehörde wie das SNB versteckte sich also hinter einer Institution im Dienste der Einwohner. Es war nichts Ungewöhnliches an dem Gebäude zu erkennen. Die Schalter lagen im Dunkeln und der helle Marmor wurde nur durch leichtes Licht der Notbeleuchtung erhellt. Die Frau der Vivian gefolgt war schien sich hier auszukennen, denn ihr Weg führte sie schnurstracks zu einer Tür am Ende des Ganges.
Nachdem die Agentin hinter dem Eingang verschwunden war, stellte sich Vivian auf eine weitere Wartezeit ein. Nach weniger als zwei Minuten verließ die Agentin das Büro aber wieder ohne die Tasche und trat auf die Straße hinaus. Sie beschloss die Agentin weiterzuverfolgen. Wie ein Android ging sie durch die hohen Gebäudeschluchten in Richtung eines eher ruhigen Viertels. Ohne sich umzusehen, bog sie um die nächste Straßenecke. Vivian folgte ihr weiter. Als sie an der Straßenecke ankam, war die junge Agentin plötzlich verschwunden. Vivian schaute sich um, ob die Agentin sich in eines der kleineren Häuser zurückgezogen hatte, konnte sie allerdings nirgendwo entdecken.
Mit ihren braunen Pupillen blickte sie suchend in der Dunkelheit der Straße und achtete auf eine Bewegung. Alles, was sich bewegte, waren einige Zweige eines Busches die sich im leichten Wind wiegten, ansonsten war alles still. Beobachtend drang sie weiter in die Straße vor bis sie an einer kleinen Mauerkante eines Unterstands von hinten eine Hand an der Schulter nach hinten riss. Vivian fiel der Länge nach auf den Boden und nahm instinktiv eine Abwehrhaltung ein. Über ihr erschien die blonde Agentin. Sie presste Vivian hart die Knie auf die Schulter und fragte sauer, »Wer sind sie und warum folgen sie mir schon die ganze Zeit?«
»Ich bin Vivian Burgess«, entschuldigte sie sich, »Ich wollte nur wissen, wer sich hinter den drei Buchstaben SNB versteckt. Tut mir leid, aber sie waren meine einzige Spur!«
Die Blondine blickte sie böse an. »Ihre Spur hat sie zu einer Studentin geführt die sich ihr Studium mit kleineren Aufträgen eben dieser Gesellschaft verdient!«
Vivian war enttäuscht. Das war nicht die Art von Antwort die sie sich erhoffte. »Würden sie mich bitte aufstehen lassen und die spitzen Knie von meinen Schultern nehmen?«
Ohne eine Antwort stand die junge Frau wieder auf. Mühsam erhob sich Vivian wieder und klopfte sich den Staub der Straße aus den Klamotten. Anstatt einer Agentin zu folgen hatte sie nur eine weitere Botin, wie sie selbst, erwischt die sich ihr Leben auf diese Art finanzierte.
»Ich bin Tiana Nielsen«, sagte die kleinere Blondine, »entschuldige den Angriff, aber ich war nur vorsichtig.«
»Schon in Ordnung, ich habe es verdient eine auf die Nase zu bekommen. Ich wollte nur in Erfahrung bringen, wer sich hinter der Gesellschaft SNB versteckt. Im Internet habe ich keinerlei Angaben darüber entdeckt«, gab Vivian offen zu.
Tiana gab ihr die Hand, »Mein Auftrag war es eine Kamera in einen Raum der Verwaltung der Wasserversorgung zu bringen. Dafür bekomme ich ein bisschen Geld, um mein Leben zu finanzieren. Ohne diesen Job müsste ich schreienden Bälgern ihre Hamburger in einer Filiale einer Kette servieren und mir die Beine wund laufen.«
»Du bist also auch nur eine Angeworbene, die kleinere Aufträge erfüllt«, erklärte Vivian enttäuscht. »Ich hatte den Auftrag ein paar Bilder zu machen und die Kamera mit der Speicherkarte in dem Klo zu verstecken, aus der du sie dann geholt hast. Ich dachte, du wärst eine Agentin von SNB und wollte etwas mehr in Erfahrung bringen.«
Tina begann zu lächeln, »Ich bin auch nur eine kleine dumme Studentin die sich ihren Lebensunterhalt auf diese Art verdient. Keine Ahnung wer hinter der ominösen Abkürzung SNB steckt.«
»Darf ich dich vielleicht zu einem Drink einladen?«
»Ich bin lange nicht mehr eingeladen worden«, lachte die junge Blondine, »meistens versuchen das nur junge Kerle, die mir an die Wäsche wollen.«
Vivian begann laut zu lachen, »Das kenne ich, aber keine Sorge ich mache keine Anstalten bei dir zu landen. Hübsche Jungs sind mir da lieber.«
»Mir auch, aber davon gibt es in Portland scheinbar nicht mehr viele.«
Die beiden jungen Frauen gingen zurück in die Innenstadt und setzten sich in eine kleine Bar mit leiser Musik um sich zu unterhalten. Je länger der Abend dauerte, umso angeregter wurde ihr Gespräch. Anstatt eine Agentin der Bundesbehörde zu finden hatte sie eine Freundin gefunden. Tiana war gerade mal 22 Jahre alt und studierte Automatisierungstechnik an der Hochschule von Portland. Sie stammte aus Pocatello, einer Kleinstadt aus Idaho. Sie verstanden sich immer besser und warfen ihr Wissen über die Gesellschaft für die sie kleinere Aufgaben erledigten zusammen. Erst spät in der Nacht kehrten sie in ihre Wohnungen zurück. Beide hatten die Handynummern ausgetauscht und schrieben sich in den folgenden Tagen über einen bekannten Messenger Dienst.
1. Kapitel
Bahamas, Nassau
Schon seit Stunden lagen die beiden jungen Frauen jetzt schon in der Sonne. Dolores brauchte eine lange Pause. Während der letzten Wochen hatte sie jeden Morgen zusammen mit Michael sehr hart trainiert. Sie waren Schwimmen, sind am Strand entlang gerannt, Gewichte gestemmt und einen Sandsack verprügelt. Die junge Kommissarin spürte ihre Arme schon nicht mehr. Der ehemalige Bodyguard war als es draußen noch dunkel war erneut aufgebrochen um zu laufen. An diesem Wochenende hatte sich Dolores eine Pause genommen, bevor am Montag der Drill auf dem privaten Schießstand anstand. Die letzten Monate hatte sie ein rigoroses Fitnessprogramm absolviert und konnte jetzt auch in Stresssituationen die Nerven an der Waffe behalten.
Ihre beiden kleinen Mädchen Valeria, Dolores Tochter und Emilia, die Leonie zur Welt brachte, durften vor ihren Müttern in dem aufblasbaren Gummipool plantschen. Die beiden waren kaum aus dem kühlen Nass zu bekommen. Ständig verbrachten sie so viel Zeit wie nur möglich in dem runden Becken. Michael hatte es für seine geliebten Töchter besorgt, nachdem sie immer wieder an der Strand wollten. Aber im Meer zu schwimmen war ohne ständiges aufpassen nicht machbar. Deshalb organisierte er für sie dieses Freibad. So konnten sie, ohne große Aufsicht jeden Tag viel Zeit darin verbringen. Michael scherzte ständig, dass die beiden Nackedeis irgendwann mal noch Schwimmhäute bekommen würden.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel als Michael in seinen Sportklamotten völlig verschwitzt auf die Terrasse kam. Seine beiden Töchter machten sich einen Spaß daraus ihren Vater nass zu spritzen. Ihn störte das nicht als er seine beiden Frauen küsste und seinen MP3-Player auf den kleinen Tisch legte. Emilia kletterte aus dem Plastikpool und füllte einen Becher mit Wasser. Damit kam sie von hinten auf den geliebten Daddy zu und leerte das kühle Nass über seinem Rücken aus. Michael drehte sich blitzschnell um, und hob seine Tochter hoch. Er gab ihr einen zarten Kuss auf die Wange und brachte sie zurück zum Pool. Vorsichtig setzte er seine Tochter ab und küsste auch Valeria, die sich vor lachen kringelte, ihren Vater nass spritzen zu können.
Micha blieb einfach still vor den beiden stehen, warf die Arme nach hinten und bot ihnen ein großes Ziel für die Wasserfontänen. Die beiden Kinder gaben ihr bestes ihren Vater von oben bis unten nass zu bekommen. Dolores und Leonie schauten den dreien glücklich lachend zu. Michael, der jetzt sowieso schon nass war, ließ sich einfach neben die beiden Kinder in den Pool fallen. Die beiden Mädchen turnten auf ihrem Vater herum und hatten eine Menge Spaß. Michael kämpfte gespielt mit den beiden und wandte sich im schon fast leeren Plastikbecken seiner Kinder. Der größte Teil des Wassers hing in seinen Sportklamotten oder war ausgelaufen.
Erst nach fast einer Viertelstunde befreite er sich von den beiden Mädchen und kniete sich vor ihrem Schwimmbecken hin. Mit sanfter Stimme fragte er seine Töchter, »Was wollt ihr beiden Zuckermäuse essen?«
Valeria und Emilia steckten die kleinen Köpfe zusammen und stimmten sich untereinander ab. Sie hatten mittlerweile gelernt, dass sie beide entscheiden mussten, weil keine von ihnen alleine war. Leonie und Dolores hatten ihnen wie Michael beigebracht, dass Entscheidungen die Beide betreffen untereinander besprochen werden sollten. Auch wenn Damien, der Sohn von Liz und Jason, bei ihnen war, wurde er mit eingebunden. Selten gab es mal Streit zwischen den beiden. Sie waren Schwestern, bis auf zwei Wochen gleich alt und beide bekamen von ihren Eltern immer das Gleiche. Keine von beiden wurde anders behandelt.
»Pizzaaaaa«, riefen sie wie aus einem Mund ihrem Vater entgegen.
»Was frage ich überhaupt?«, lachte Michael als er sich zu seinen beiden Frauen umdrehte die noch immer entspannt auf ihren Sonnenliegen kuschelten. »Wollt ihr beiden süßen Ladys euch den Kindern anschließen und auch eine Pizza essen?«
Wie auch die beiden kleinen berieten, sich auch die Mütter die ihren Kindern das vorlebten. Sie stimmten dem Vorschlag zu.
Micha nickte, »Dann hüpfe ich mal eben unter die Dusche. Ihr beiden Wasserratten könnt euch in etwa zehn Minuten mit gewaschenen Fingern in der Küche einfinden. Wer Pizza essen will, muss auch helfen!«
Emilia machte ein böses Gesicht und rief, »Warum müssen immer nur wir helfen? Dia Mamas bekommen auch Pizza und müssen nicht helfen!«
Michael sank vor den beiden Mädchen auf die Knie, schloss sie in seine Arme und erklärte, »Die beiden Mamis müssen die ganze Woche hart arbeiten, während ihr beiden Zuckermäuse spielen dürft. Wenn wir unterwegs sind arbeiten wir sogar jeden Tag von Morgens bis Abends. Jetzt sind wir zu Hause und die beiden Mamas machen eine verdiente Pause. Ich weiß, dass ihr das gemein findet und kann das gut verstehen. Als ich noch so ein Zwerg wie ihr war, musste ich auch immer meiner Mama helfen, was mir auch keinen Spaß gemacht hat. Aber hätte ich ihr nicht helfen müssen, könnte ich jetzt auch nicht mit euch kochen. Außerdem könnt ihr euch dann irgendwann eure Pizza selbst machen ohne, dass ich helfen muss.«
Die Erklärung war für die beiden verständlich und natürlich wussten sie das die beiden Mamas unter der Woche im Büro der Agenten an ihrem Schreibtisch saßen, oder Leonie mal wieder draußen in der Sonne auf Früchte schoss. Sie konnten während dieser Zeit mit Damien entweder im Büro oder in Jasons Bar spielen so viel sie wollten. Michael kochte sogar unter der Woche im Büro und da musste dann auch Damien mithelfen. Valeria hatte dabei Spaß, nur Emilia konnte sich etwas Schöneres vorstellen. Scheinbar kam sie mehr nach ihrer Mutter die bereits in jungen Jahren Spaß an Waffen hatte.
Während Michael im Badezimmer verschwand und sich duschte, zogen die beiden Jüngsten leichte Kleidchen im Partnerlook an. Dolores und Leonie kümmerten sich derweil um das fast leere Schwimmbad auf der Terrasse. Die umliegenden Spielzeuge der Mädchen legten sie wieder ordentlich an ihren Platz zurück und ließen einen Gartenschlauch den Wasserspiegel wieder auf normal anheben. Die beiden Kinder würden spätestens nach der Pizza wieder im Wasser toben. Bevor ihr Vater aus dem Badezimmer kam, standen die beiden schon wartend in der Küche.
Nachdem seine Kinder immer wieder nach Pizza verlangten und Michael nicht ständig Lust hatte erst einen Hefeteig zu machen und dann ewig zu warten bis er aufgegangen war hatte er sich einen Gärschrank für die Küche besorgt. Dort hatte er genug Hefeteig für die ganze Familie schon vorbereitet. Während Emilia die Pizzasauce vorbereitete, versuchte Valeria den Teig auszurollen. Ihre Kraft reichte noch nicht aus, um die Teigfladen gleichmäßig vorzubereiten. Michael musste ihr helfen.
Als die Vorbereitungen abgeschlossen waren, durften die beiden Mädchen den Teig mit ihren Lieblingszutaten belegen. Auch hier zeigte sich welches Mädchen von welcher leiblichen Mutter stammte. Während Emilia wie Leonie Hähnchen bevorzugte mochte Valeria deutlich lieber Salami und Schinken. Eines hatten aber beide gemeinsam, auf keiner Pizza konnte es zu viel Käse geben. Die Pizzen für die beiden Mütter belegte Michael der die beliebtesten Beläge seiner Frauen natürlich kannte. Während die Mafiatorten im Ofen gebacken wurden kümmerte er sich um neuen Hefeteig für den Gärschrank. Die beiden Mädchen saßen wartend vor der Scheibe und schauten gebannt zu wie der Käse, den sie sehr großzügig darauf verteilt hatten, langsam schmolz. Die Vorfreude stand ihnen schon deutlich ins Gesicht geschrieben.
Nach dem Essen unterhielt sich Micha mit Leonie, die ihm half das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen.
»Emilia kommt mehr nach dir mein Herzblatt. Meinst du, wir sollten ihr auch den Umgang mit Waffen näherbringen?«, fragte er seine geliebte Frau.
Leonie dachte einen Moment darüber nach, »Schön, dass du fragst Liebling, ich denke das würde ihr Spaß machen, aber nicht das sie irgendwann auch meinen ehemaligen Beruf ergreift.«
»Das wird kaum passieren«, lachte Micha, »François wird sie sicher so wie dich an die Hand nehmen und eine Agentin aus ihr machen.«
Damit war Leonie einverstanden. Sie hatte ihr Leben als Auftragskillerin begonnen und arbeitete jetzt international für Interpol und durfte ihre Fähigkeiten dort einbringen. Nebenbei hatte sie erst da den Mann ihres Lebens und eine ganz besondere Frau kennengelernt mit denen sie jetzt ein Eheleben auf den Bahamas führen konnte. Valeria war eher die ruhigere der beiden Mädchen und interessierte sich wie andere Kinder für Pferde. Dolores und Leonie hatten sich auch schon in Nassau umgesehen, wo sie ihren Lieblingstieren nahe sein konnte. Ein kleiner Reitstall am Rand der Stadt bot für eine geringe Gebühr sogar Reitkurse an. Michael war nicht so begeistert davon seine Tochter auf den Rücken eines Gauls zu setzen der größer war als er selbst. Er machte sich große Sorgen um Verletzungen, wenn sie abgeworfen wurde. Immerhin waren die Mutter von Liz Croll, ihrer Anführerin, bei einem Reitunfall gestorben als sie gerade neun Jahre alt war. Das sollte seiner Tochter auf keinen Fall passieren.
Dolores und Leonie beruhigten ihn aber. Sein kleines Mädchen würde ja auf kleinen Fohlen reiten lernen und nicht auf ein großes Springpferd klettern um dann damit über den Strand reiten. Außerdem war der Platz durch eine Koppel begrenzt. Erst, wenn Valeria ein bisschen reiten gelernt hatte und alt genug war gab es auch die Möglichkeit eine Reitbeteiligung für sie zu bezahlen. Das bedeutete für die kleine, dass sie immer das gleiche Pferd ritt, sich aber natürlich auch darum kümmern musste. Man konnte ihr aber auch ein eigenes Reitpferd kaufen und dort im Stall stehen lassen. Aber im Moment war sie einfach noch zu jung. Mit ihren fünf Jahren könnte sie gerade mal auf ein Pony aufsteigen und ein bisschen im Freien über die Koppel reiten. Der Reitstall stellte sogar eine Trainerin zur Verfügung die für kleines Geld den Kindern alles beibrachte um sich sicher im Sattel halten zu können. Schließlich beugte sich Michael dem Druck der beiden Frauen und stimmte zu Valeria im Reitstall anzumelden.
Leonie würde unterdessen Emilia die Waffen näherbringen. Natürlich völlig ungefährliche Spielzeuge die mit Zündhütchen einen Knall abgaben, ohne ein Projektil auszuwerfen. Die ehemalige Auftragskillerin nahm sie auch ins Gebet niemals auf Lebewesen anzulegen. Da gab es auch nur eine einzige Ausnahme. Wenn ihr böse Erwachsene etwas antun wollten, durfte sie sich selbstverständlich verteidigen, aber auch nur, wenn sie die Leute nicht kannte und klar erkennbar war, dass sie ihr oder ihren Freunden etwas antun wollten. Zusammen erklärten die drei Agenten den beiden Mädchen was sie vorhatten. Die Mädchen jubelten und wollten sofort anfangen.
Michael erinnerte die beiden kurzen daran, dass dafür erst noch Vorbereitungen nötig waren. Valeria benötigte für ihren Reitunterricht natürlich noch passende Hosen und Schuhe sowie einen passenden Helm. Ohne die Schutzausrüstung durfte sie nicht auf ein Pferd steigen. Emilia brauchte selbstverständlich auch mindestens eine Schutzbrille und natürlich eine Spielzeugwaffe und Reinigungsmaterial. Das spielte für die beiden kleinen allerdings keine Rolle. Sie wollten direkt nach Nassau und die Sachen besorgen.
Es war Samstag und die drei Erwachsenen wollten ihre Kinder natürlich auch nicht enttäuschen. Vor allem Michael konnte seinen beiden kleinen Mädchen nichts abschlagen. Eine halbe Stunde später starteten die Eltern mit den beiden im großen SUV nach Nassau. Leonie nahm Emilia an die Hand und suchte einen Büchsenmacher auf, während Michael und Dolores mit Valeria in einem Sportgeschäft verschwand. Dolores suchte mit der kleinen einen passenden Schutzhelm aus während Michael sich schon um Reitklamotten für seine Tochter kümmerte. Sie brauchten fast eine ganze Stunde bis Valeria mit Reitstiefeln und passenden Hosen mit dem Helm unter dem Arm auf die Straße trat. Die kleine war sichtlich stolz auf ihre neue Ausrüstung für die Dolores fast 400 Dollar bezahlen musste. Als sie zum Auto zurückkamen, wartete Leonie bereits mit brennender Zigarette auf die drei. Emilia saß auf dem Rücksitz und hielt eine täuschend echte Spielzeugwaffe in der Hand.
Natürlich war die Waffe ungeladen und Leonie hatte Emilia verboten zu zielen und abzudrücken. Das interessierte die Kleine allerdings herzlich wenig, denn sie ließ ihre Waffe nicht aus den Händen und drehte sie in der Sonne hin und her. Sie konnte es kaum erwarten im heimischen Garten damit zu schießen. Michael trat an den Kofferraum des Fahrzeugs und wollte die Besorgungen aus dem Sportgeschäft dort verstauen. Sein Blick fiel auf die Verpackung der Handfeuerwaffe die Emilia stolz ihrer Schwester präsentierte und auf einen noch verschlossenen großen Lederkoffer. Irritiert fragte er Leonie was sie denn alles gekauft hatte.
»Die kleine Waffe die unsere Tochter gerade in der Hand hält und noch eine Kleinigkeit für zu Hause. Damit kann sie auf meinem Schießstand ein bisschen zielen üben. In dem Koffer liegt ein kleines Luftgewehr aus der sie zumindest kleine Kugeln verschießen kann. Alles zusammen gab es für gerade mal 300 Dollar.«
Michael stöhnte als er das Zubehör was er für Valeria noch gekauft hatte, in den Kofferraum legte. Ohne weitere Verzögerung dirigierte ihn Dolores zu dem Reiterhof den die beiden Frauen für ihre Tochter gefunden hatten. Valeria konnte es kaum erwarten endlich auf einem ihrer geliebten Tiere Platz zu nehmen und einige Runden auf der Koppel zu drehen. Emilia hingegen war am Maulen. Sie wollte auch endlich ein bisschen mit ihrer glänzend neuen Pistole im Garten liegen und ein paar Zündhütchen platzen lassen. Dolores blieb mit ihrer Tochter auf dem Reiterhof während Michael mit Leonie und Emilia nach Hause fuhr, um die beiden abzusetzen. Dann kehrte er wieder auf den Reiterhof zurück und beobachtete wie seine Tochter in voller Montur auf einem Pony ein paar Runden drehte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lächeln. Dolores scherzte man müsste ihr nach einigen Stunden das Lachen operativ entfernen müssen.
Als die drei nach drei Stunden mit einer total überglücklichen Valeria zurückkamen, lag die kleine Emilia neben ihrer Mutter auf der Terrasse und schoss mit dem Luftgewehr auf eine wenige Meter entfernte Zielscheiben. Auch sie war überglücklich einige Metallkugeln auf die große Papierscheibe abgeben zu dürfen. Leonie half ihr mit ein paar Hinweisen. Valeria stellte sich noch immer in ihrer gesamten Reiterkluft hinter die beiden und schaute ihrer Schwester zu. Michael kümmerte sich inzwischen um das Abendessen und presste einige Orangen für frischen Saft aus. Dolores hatte eine riesige Idee und nahm sich eine von den Früchten. Damit ging sie zu der zielenden Emilia und sprach Leonie an, »Schatz, was meinst du, wenn Emilia zum Abschluss auf die leuchtende Frucht anlegt?«
»Großartige Idee Liebling. Emilia wird sie mit einem hübschen Loch veredeln.«
Leonie stoppte die Bemühungen ihrer Tochter und ließ sie das Luftgewehr ablegen. Erst dann stellte Dolores die reife Frucht ein bisschen versetzt zur dort stehenden Zielscheibe auf den Boden und ging wieder hinter die kleine Schützin. Erst als ihre zweite Mutter wieder hinter ihr stand durfte sie das Chili Camo wieder in die Hand nehmen, um auf die Frucht zu zielen. Emilia legte sich das Luftgewehr gekonnt an ihre Schulter und blickte durch das aufgeschraubte Zielfernrohr. Leonie legte ihr vorsichtig die Hand auf das Gewehr und bat sie sich zu konzentrieren und alles was sie in den vergangenen Stunden gelernt hatte noch einmal durchzugehen. Erst dann sollte sie sich nur noch auf die Orange fokussieren und abdrücken. Die Kleine konzentrierte sich nur noch auf ihren Atem, brachte das Fadenkreuz ihrer Zieloptik in die Mitte der runden Frucht. Dann atmete sie hörbar aus und drückte den Auslöser. Die runde Stahlkugel verließ den Lauf ihres Gewehrs und traf die Orange am linken oberen Rand. Sie legte das Gewehr lächelnd ab und stand auf. Freudestrahlend lief sie zu der angeschossenen Frucht und hielt sie voller Stolz in die Luft.
Die beiden Mütter und ihre gleichaltrige Schwester klatschten ihr Beifall. Sie hatte die Orange sauber getroffen. Michael hatte den Schuss durch das große Terrassenfenster beobachtet und kam nun strahlend auf seine Tochter zu. Er hob sie stolz in die Luft und gab ihr einen dicken Kuss. Die kleine Emilia stand ihrer Mutter in nichts nach und schien ihr großes Talent geerbt zu haben. Mit Emilia auf dem Arm ging er zu Valeria und hob sie auf den anderen Arm. Auch sie bekam einen dicken Kuss und ein Lob für die Reitstunde die sie absolviert hatte. Beide Kinder trug er fest an sich gedrückt zum großen Tisch der bereits für das Abendessen eingedeckt war.
Das Abendessen hatte sich Dolores gewünscht. Michael hatte für die gesamte Großfamilie Hackbällchen in Tomaten-Paprikasauce mit Reis und Salat zubereitet. Hätte er die beiden Kinder gefragt gab es keine große Auswahl. Jede Frage nach einem Essen beantworteten sie mit ihren Lieblingsgerichten. Entweder alles mit Pommes, Pizza, Spaghetti Bolognese mit extra Parmesan oder Schnitzel in sämtlichen Variationen. Hackbällchen standen nicht sehr hoch in der Gunst der Kinder, aber sie hatten bereits zum Mittag eine Pizza bekommen.
Emilia und Valeria erlebten eine wundervolle Kindheit. Die beiden waren unter den anderen Kindern in Nassau etwas Besonderes. Beide wuchsen dreisprachig auf und waren die einzigen Kinder die nicht nur eine Mutter, sondern gleich zwei ihr eigenen nennen konnten. Die Amtssprache in Nassau war natürlich Englisch was die beiden als Muttersprache lernten, daneben lernten sie aber auch noch Spanisch von Dolores und eben Deutsch von Michael. Auch die Erwachsenen konnten mittlerweile die drei Sprachen fast tadellos. Auch Liz hatte sich neben Englisch noch an weiteren Sprachen versucht. Die Chefin des Teams konnte neben ihrer Muttersprache nun auch gut genug Spanisch.
2. Kapitel
Vereinigte Staaten, Washington D.C. (WA)
Im 9. Stockwerk des J. Edgar Hoover Building an der Pennsylvania Avenue stand der Special Agent James Lawrence an seinem Bürofenster und blickte hinaus auf die belebte Straße. Hinter ihm lagen mehrere Akten auf seinem Schreibtisch. Bereits seit einigen Wochen landeten fast täglich neue Hinweise dort. Auf jedem der braunen Umschläge stand neben seinem Namen das Kürzel SNB. Irgendeine Gruppierung in den Vereinigten Staaten gab sich als Bundesbehörde aus und schickte einfache Normalbürger wie Zugvögel durch die einzelnen Bundesländer. Sie transportierten Drogen, Waffen und sogar Sprengstoff von einem Ort zum Nächsten. Die Betroffenen hatten davon keine Ahnung.
Lawrence war der Agentenführer der vom Justizministerium der Vereinigten Staaten bestellt worden war, diesen Fall mit allen verfügbaren Mitteln aufzuklären. In seiner langen Karriere konnte er schon einige schwere Verbrechen aufklären, was ihm einen sehr guten Ruf einbrachte. Nun hatte man ihn mit dem Fall der SNB betraut. Die polizeilichen Ermittlungsakten lauteten fast immer genau gleich. Einfache Bundesbürger aus den einzelnen Staaten wurden angeworben, um dem ganzen Land zu helfen. Sie erhielten dafür Bezahlungen von einigen tausend Dollar. Alles was sie dafür tun sollten waren Pakete zu transportieren, Autos zu überführen oder minderwertige Botengänge. Falls man sie anhielt, wurden sie für Verbrechen angeklagt die sie nur im Auftrag durch eine angebliche Behörde begangen hatten. Wer hinter dieser angeblichen Behörde steckte, war nicht festzustellen.
Man musste die einzelnen Bürger über längere Zeit beobachtet haben bevor man sie anwarb. Ausnahmslos alle von ihnen gehörten einer Gruppe von Menschen an die jung waren, gerade ihre Ausbildung abgeschlossen hatten und in finanziellen Problemen steckten. Diese Menschen waren leichte Beute gewesen. Man konnte sie relativ günstig bekommen und die Ausgaben die man ihnen als Vergütung bot, waren nur ein winziger Teil der Beute. Eine scharfe Waffe auf dem Schwarzmarkt kostete gut und gerne hunderttausende Dollar. Die transportierten Drogen brachten auch ein Vielfaches der bezahlten Vergütungen ein. Es wurde Zeit dem ganzen auf die Spur zu kommen.
James Lawrence ließ zwei seiner Agenten rufen die den Fall untersuchen und aufklären sollten. Sie waren zwei seiner besten. Echte Spürhunde und sehr gut ausgebildet. Lawrence brauchte nicht lange zu warten bis die beiden an seine Bürotür klopften. Nacheinander kamen die Special Agents Cooper Knight und Ashleigh Spears in sein Büro. James Lawrence forderte die beiden auf vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Seine Agenten folgten mit einem kurzen freundlichen Nicken und setzten sich auf die Besucherstühle vor seinem Schreibtisch. Ashleigh warf einen kurzen Blick auf die Akten die vor ihr auf dem Schreibtisch ihres Vorgesetzten lagen. Die junge Agentin erkannte sofort das Kürzel SNB darauf.
Neugierig fragte sie, »Geht es um die angebliche Bundesbehörde?«
James Lawrence nickte nur kurz, »Was wissen sie darüber Spears?«
»Nur das was in unserem System steht. Eine angebliche Bundesbehörde die es gar nicht gibt benutzt Bürger in finanziellen Schwierigkeiten als Kuriere für Waffen und Drogen in den ganzen USA. Wer dahintersteckt ist für die Ermittlungsbehörden ein Rätsel. Man hat sie bisher nicht gefunden und es gibt auch keinen Hinweis auf die Täter.«
»Exakt Spears«, stimmte James Lawrence zu, »Unsere Aufgabe ist es die Täter aufzuspüren und sie vor Gericht zu stellen. Das Justizministerium hat mich mit dieser Aufgabe betraut. Sie sind zwei der besten Agents unter meiner Zuständigkeit, deshalb werden sie diese Aufgabe übernehmen. Der letzte Bürger wurde in Portland mit 18 kg Crystal Meth erwischt. Bei seiner Festnahme durch die örtlichen Polizeikräfte wurde er schwer verletzt. Sie fliegen bereits heute Nachmittag und kümmern sich um den Fall. Die Polizeiführung in Portland habe ich bereits informiert. Man erwartet sie bereits.«
Cooper Knight machte ein mürrisches Gesicht. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken einfach der örtlichen Polizei vor die Nase gesetzt zu werden. Die meisten Strafverfolgungsbehörden in den Vereinigten Staaten hatte keine besonders gute Erfahrungen mit Agenten des FBI gemacht. Wann immer aus Washington einige Agenten auf einen Fall angesetzt wurden hatten sie die dumme Angewohnheit gleich komplett alles zu übernehmen. Andere Meinungen als die der Agents zählten dann nicht mehr und wurden systematisch ignoriert. Das einzige was ihm an der Aufgabe gefiel war die Tatsache, dass er mit Ashleigh Spears zusammen an dem Fall arbeiten durfte. Insgeheim hatte er eine Schwäche für die Agentin an seiner Seite, was aber aufgrund der Strukturen der Ermittlungsbehörde außen vor bleiben musste. Beziehungen unter Kollegen duldete man nicht.
»Gibt es noch Fragen?«, wollte James Lawrence von seinen Agenten wissen.
»Nur eine«, meldete sich Knight zu Wort, »da es sich dabei scheinbar um eine größere Gruppe handelt, ansonsten wäre es kaum im ganzen Land möglich Bürger anzuwerben, gewährt man uns welche Hilfe?«
»Das Justizministerium gewährt uns alle verfügbaren Mittel die wir benötigen.«
»Ich meinte eigentlich mehr Leute die an dem Fall mit uns arbeiten und nicht Ressourcen«, präzisierte Knight seine Frage.
Lawrence wollte dieser Frage eigentlich ausweichen. Das Justizministerium stellte ihm zwar alles Mögliche zur Verfügung, aber mehr Leute konnte er leider nicht auftreiben. Trotzdem konnte er seine Agents nicht im Stich lassen, weil er wusste, dass die zwei eigentlich viel zu wenig waren. »Ich hatte gehofft, dass dieses Thema nicht zur Sprache kommt«, gab er zu. »Mehr Mitarbeiter stellt man uns leider nicht zur Verfügung. Man verwies mich dann auf Interpol in Lyon, die ich aber bisher nicht angefragt habe. Wir werden diesen Fall alleine aufklären, ohne uns irgendwelche Schreibtischtäter ans Bein zu binden. Nur, wenn es wirklich gar nicht mehr anders geht, werde ich dort nachfragen uns wenigstens ein oder zwei Leute zu schicken die dann unter ihrer Führung arbeiten werden.«
»Bleistiftjongleure sollen uns helfen?«, fragte Spears etwas enttäuscht.
»Leider ja«, bestätigte Lawrence und schlug die Augen nieder. »Ich hätte mir auch mehr Hilfe gewünscht, aber vorerst geht es erst einmal darum die ganzen Ausmaße des Sumpfs festzustellen, bevor wir ihn trocken legen können. Im Justizministerium nimmt man den Fall nicht ganz so wichtig, dass man mehrere Leute dafür abstellt.«
Ashleigh Spears schüttelte sauer den Kopf, »Man fordert eine Aufklärung mit allen verfügbaren Mitteln und schickt dann zwei Agenten, weil man sich bei einem Jahresetat von fast zehn Milliarden Dollar im Jahr nicht mehr leisten kann. Stattdessen verweist man uns an Interpol die mit ihren paar Millionen im Jahr das alles machen können. Wir sparen am falschen Ende!«
James Lawrence konnte ihr nur zustimmen aber ihm waren leider die Hände gebunden. Seine anderen Agenten waren im ganzen Land verstreut und hatten zu viele Baustellen die sie beackern mussten. Knight störte das wie seine Kollegin auch nur sah er darin eine Chance länger mit Spears zusammenarbeiten zu können. In seinen Augen war sie etwas ganz Besonderes. Mit ihren 28 Jahren, den schulterlangen kastanienbraunen Haaren und den blauen Augen war sie genau seine Kragenweite. Die angenehm dunkle Stimme besorgte das Übrige. Zudem vereinigte sie auch noch eine gute Auffassungsgabe und eine sehr hohe Intelligenz auf sich.
Auch Ashleigh fand gefallen an ihrem Kollegen der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Burt Reynolds hatte. Nur der Bart fehlte Cooper Knight dafür aber den konnte man ja wachsen lassen. Trotzdem kamen sich die beiden nicht näher. Die Vorschriften beim FBI waren in der Beziehung ziemlich deutlich formuliert und erlaubten keine romantische Beziehung unter Kollegen. Aufgeben wollte sie ihren Job aber bei der Bundesbehörde auf keinen Fall. Seit sie noch ein kleines Mädchen war träumte sie davon zur Polizei zu gehen und gefährliche Verbrecher zu verhaften. Das hatte sie jetzt endlich erreicht, auch wenn für das Privatleben kaum noch Zeit blieb. Ashleigh war mit ihrem Job verheiratet. Das hatte den unglaublich großen Vorteil, dass der nicht fremdgehen konnte wie ihre damalige Highschool Liebe.
Cooper Knight bekam von seinem Agentenführer noch eine Akte überreicht in der die Hinweise zu der Gruppierung SNB aufgeführt waren und verließ mit seiner Kollegin das Büro ihres Chefs. Draußen auf dem Gang führten die beiden eine ungezwungene Unterhaltung während sie zum Ausgang schlenderten. In wenigen Stunden würde schon ihr Flug nach Portland abheben. Formal war Cooper Knight aufgrund der längeren Dienstzeit ihr Vorgesetzter aber das spielte zwischen ihnen keine Rolle. Spears hatte sich schon auf der Akademie einen Namen gemacht. Ihr Gedächtnis war phänomenal. Die hübsche Special Agentin vergaß kein Gesicht und konnte sich auch noch Jahre später an die Ereignisse mit der Person erinnern. Cooper hatte seine Vorteile eher im schriftlichen Bereich. Die Fakten die er in den Akten las, konnte er fast originalgetreu wiedergeben. Das hatte ihm in der Schule, wenn es um das Gedichte auswendig lernen ging schon oft genug geholfen. Ein oder zweimal kurz vor Unterrichtsbeginn zu lesen hatte ausgereicht um es frei aufsagen zu können. Nur mit den Zahlen funktionierte das nicht. Jahreszahlen vergaß er bereits wieder, nachdem er sie gelesen hatte.
Vor der FBI Zentrale verabschiedeten sie sich voneinander und fuhren zu ihren Wohnungen. Sie mussten noch für den Auftrag in Portland packen bevor am Nachmittag ihr Flieger ging. Erst kurz vor dem Abflug würden sie sich wieder am Flughafen treffen. Ashleigh Spears war sehr gespannt auf das was sie erwarten würde. Nachdem die eigentliche Polizei bisher nur Hinweise gesammelt hatte, kamen sie den Tätern nicht auf die Spur. Es brauchte die Hilfe der Profis vom FBI. Die Hilfe von ihr und ihrem Kollegen. Eigentlich freute sie sich auf diese Aufgabe, ihr war nur nicht wohl bei dem Gedanken keinerlei Kollegen außer Cooper bei sich zu haben. Sie waren nur zu zweit und die Gesellschaft SNB operierte in den gesamten USA. Wie viele Leute daran beteiligt waren, konnte man nicht abschätzen. Natürlich hatten sie die Polizeibeamten der Städte im Rücken, aber die konnten ihnen nur Hinweise liefern.
Auch Cooper wäre es lieber gewesen in einem großen Team auf Verbrecherjagd zu gehen und nicht nur mit seiner Kollegin. Er wusste, dass es gefährlich werden könnte nur zwei Bundesagenten ins Feld zu schicken, um eine ganze Organisation hochzunehmen. Oft hörte man davon, dass Freunde und Kollegen aus dem Leben gerissen wurden, nur weil sie im Kampf gegen skrupellose Verbrecher alleine gegen eine Übermacht angetreten waren. Ihre einzige Aussicht auf Hilfe war Interpol in Lyon, die aber erstens noch nichts von ihrem Glück wussten und zum anderen nur Bürotiger beschäftigten die sich maximal an Briefbögen mal die Finger aufschnitten. Diese Menschen waren nicht im freien Feld zu gebrauchen. Da konnte es schon ziemlich hart zur Sache gehen.
Am frühen Nachmittag, die laue Frühlingssonne stand bereits schon ziemlich tief am Firmament, trafen die beiden Agenten vor dem Flughafen von Washinton D.C. zusammen. Ihre Reisetaschen wurden in die Maschine geladen und die beiden Special Agents folgten in die Aluminiumhülle. Während die Boeing 737 über die Startbahn raste, warf Cooper Knight einen Blick in die Akten die ihnen ihr Agentenführer zusammengestellt hatte. Ashleigh bat ihn laut vorzulesen was sie bisher hatten. Sie wollte sich die Akten nicht auch noch anschauen müssen. Cooper las und fasste es in seinen eigenen Worten für sie zusammen.
»Die meisten Opfer sind junge Frauen die in prekären Lebensumständen stecken. Bevorzugt sprechen sie Studentinnen an, die mit dem Kleingeld was sie als Kellnerin verdienen ihr Leben und ihr Studium finanzieren. Sie locken sie alle mit kleineren Beträgen, wie 2000 bis etwa 5000 Dollar für einfache Botendienste. Irgendwo etwas abholen und an einem anderen Ort wieder abstellen. Die Polizei tappt nach wie vor im Dunkeln. Sie haben sogar schon versucht einen Verdächtigen nur zu beschatten und darauf zu warten, wer das gelieferte Päckchen abholt, aber auch nach drei Tagen war noch niemand daran interessiert. Als sie das Paket dann selbst geholt haben war es leer. Der Inhalt war wie von Zauberhand verschwunden, obwohl sie das Paket die ganzen drei Tagen nicht aus den Augen gelassen hatten. Was die Beamten in Texas versucht haben wäre auch mein erster Ansatz gewesen. Die haben nur den Lieferant mit Zivilbeamten beobachtet und darauf gewartet was passiert. Aber auch nach mehr als einem Monat wurde er nicht wieder beauftragt. Irgendjemand der Gruppierung die hinter SNB steht muss entweder die ganzen Kuriere überwachen, oder Verbindungen in die höchsten Polizeikreise haben.«
»Das wird ja immer besser«, maulte Ashleigh Spears ihren Kollegen an. »Da verschwindet Material aus Paketen die überwacht werden und die Kuriere werden nicht mehr eingesetzt, wenn wir sie im Auge behalten. Das ist ja wie verhext! Aber könnten wir nicht mit ein bisschen Überwachungstechnik zumindest die Empfänger ausfindig machen?«
»Wie soll das gehen?«, fragte Cooper verwirrt. »Die lassen ihre Pakete nicht unbeaufsichtigt. Wir können da nicht einfach einen Sender anbringen und darauf warten, dass es abgeliefert wird.«
Spears lächelte geheimnisvoll, »Wenn wir einen Kurier umdrehen können dann schaffen wir es auch ein Paket nachzuverfolgen.«
Während die Boeing in zehn Kilometer Höhe weiter Richtung Westen flog diskutierten die beiden Ashleighs Vorschlag. Die Frage war nur wie man einen Kurier umdrehen konnte ohne das die SNB Leute nichts davon mitbekamen. Ganz egal aus welcher Perspektive sie das Problem aber auch betrachteten kamen sie zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. Das Problem war einfach nicht zu lösen. Jede Möglichkeit die sie besprachen, führte immer wieder in die gleiche Sackgasse. Eine Lieferung die nicht aus den Augen gelassen wurde konnte man nicht einfach mit einem Sender versehen, ohne dass es jemand mitbekam. Sie brauchten andere Lösungsansätze.
Dann berichtete Cooper vom letzten Kurier den die Kollegen in Portland festgenommen hatten. »Edwin Nash hat fast 18 kg Crystal Meth aus dem Kofferraum eines Wagens der an einer Umgehungsstraße abgestellt war herausgeholt. Sein Auftrag war es die hochgefährliche Droge nach Sacramento in Kalifornien zu bringen. Als er sie übernommen hatte wurde er von den Kollegen einkassiert. Leider hielt er sich für einen Geheimagenten der seinen Auftrag zu Ende bringen musste und fing an sich gegen seine Festnahme zur Wehr zu setzen. Ein junger Streifencop, der ihn mit seiner Dienstwaffe in Schach halten wollte, um seinen Vorgesetzten zu sichern war allerdings so nervös bei der Geschichte das sich ein Schuss gelöst hat. Er traf Mister Nash so unglücklich in den Oberbauch, dass sein Projektil erst den Magen durchlöcherte und anschließend die Milz zerfetzte. Der 19 Jahre alte Aushilfsarbeiter wurde in der Klinik notoperiert und konnte durch die Ärzte gerettet werden. Die Kollegen haben sein Appartement durchsucht und fanden nicht den geringsten Hinweis auf das SNB. Erst als sie ihn vernehmen konnten kam heraus, dass er dafür 2500 Dollar erhalten sollte, was in seinem Fall ungefähr drei Monatsgehältern entspricht. Der Wagen den man ihm zur Verfügung stellte war erst am Vorabend aus der Garage einer Familie gestohlen die einen Kurzurlaub in der Karibik verbringt.«
»Sehr clever«, summte Ashleigh, »Der Diebstahl des Wagens wäre also gar nicht aufgefallen bevor Nash seinen Auftrag beendet hatte. Wie haben die Kollegen davon erfahren, dass Mister Nash etwas erledigt?«
»Es gab einen anonymen Hinweis auf den Wagen in dem die Drogen versteckt waren.«
»Ein anonymer Hinweis auf gleich mal 18 kg Crystal Meth? Wer könnte ein Interesse daran haben so etwas zu verraten?«, fragte sie.
»Ein Drogendealer dem es angeboten wurde?«
»Unwahrscheinlich«, schüttelte Spears den Kopf, »zufällig weiß ich, dass die meisten Drogen an der Westküste über den Hafen von Seattle ins Land gelangen und Crystal Meth verkauft sich am besten in Los Angeles, Las Vegas oder in San Francisco. Sacramento liegt nicht weit von San Francisco entfernt. Gut möglich, dass es nur ein weiterer Übergabeort war an dem die 18 Kg aufgeteilt werden sollten. 6 kg werden extra abgepackt und die restlichen 12 kg werden durch einen weiteren Kurier weiter nach Süden geschafft. 1,5 Gramm davon kosten knapp 100 Dollar. Das sind also rechnerisch 1,2 Millionen Dollar. Die 2500 Dollar für Nash sind also nicht mehr als ein kleines Trinkgeld und er trägt das ganze Risiko.«
Cooper nickte nur stumm. Edwin Nash würde für einige Jahre hinter Gitter verschwinden. Er wusste zwar nicht was er da transportiert aber das spielte auch keine Rolle. Alleine die transportierte Menge war so groß, dass man ihm eine Verteilungsabsicht nachweisen konnte. Unwissenheit schützt nicht vor einer Strafe. Die Strafe für Drogenschmuggel über eine Bundesgrenze war so schon hoch genug, dass es keine Rolle mehr spielte, ob er es verkaufen wollte oder nicht.
3. Kapitel
Vereinigte Staaten, Cleveland (OH)
Es ärgerte ihn maßlos. Der ganze Plan war gescheitert. Er hatte für dieses Vorhaben extra mehr als eine Million riskiert und ein verdammter Streifencop mit seinem unruhigen Finger vereitelte ihn. Jetzt hatte er brillante Fotos, die ihm überhaupt nicht schmeckten. Warum musste der Sergeant genau an diesem verdammten Tag mit einem Frischling unterwegs sein, der sich schon in die Hose macht, wenn einer laut hustet? Das konnte einfach nicht wahr sein. Gut, der Auftritt seines Kuriers war gar nicht so übel wie er sich das vorgestellt hatte, aber die Folgen waren alles andere als das, was er geplant hatte. Ausgerechnet dieser Cop stand ihm in Portland noch im Weg.
Der Plan war eigentlich narrensicher. Sein Kurier sollte den verdammten Cop so weit reizen bis der sich nicht mehr halten konnte und dem Kurier etwas antut. Dann wäre er ihn wenigstens gleich los gewesen und die Nation wäre wieder durchgedreht. Ein dunkelhäutiger Kurier, jung und dämlich wie eine Landstraße, wird von einem Drogencop auf offener Straße verprügelt. Dazu die hübschen Fotos die er in Auftrag gegeben hatte schön unter die Medien verteilt und schon hätte er diesen Typen mindestens die nächsten tausend Jahre los. Die ganze afroamerikanische Bevölkerung hätte wieder etwas worauf sie einprügeln konnte und seine Geschäfte an der Westküste fielen nicht mehr ins Gewicht. Vor allem bekäme sie niemand mit, weil sie alle abgelenkt wären.
Schon viel zu oft war ihm dieser Drogenspürhund in die Parade gefahren und hatte mehr als genug seiner Aktionen verhindert. Der musste einfach weg, damit er in Portland freie Hand hatte. Jetzt stand er in seinem Büro am Fenster und blickte hinunter auf den Lake Erie. In seiner Hand hielt er ein Glas zwölf Jahre gereiftem Scotch mit zwei Eiswürfeln, die im Glas klirrten. Er musste sich etwas Neues ausdenken. Der Blick auf das blaue Wasser, was in der Frühlingssonne glänzte, brachte ihn immer wieder auf die besten Ideen. Heute allerdings blieb die Wirkung aus. Dafür meldete sich das Telefon auf seinem Schreibtisch. Missmutig stellte er das Glas auf die Tischplatte und nahm das Gespräch entgegen.
»Was?«, fragte er sauer.
»Wir bekommen ein Problem in Portland, Sir.«
»Was für ein Problem? Tritt zufällig noch der Columbia River über die Ufer und schwemmt dieses Dreckloch weg?«
»Nein Sir«, schränkte der Anrufer ein. »Das FBI ist auf dem Weg nach Portland. Washington schickt zwei Special Agents die unsere Aktivitäten untersuchen sollen. Die sitzen schon in einer Maschine, die in Kürze hier landet!«
»Haben wir zufällig noch eine Boden-Luft-Rakete übrig? Wir könnten sie vom Himmel holen. Es war klar, dass sich diese Schnüffler irgendwann auf die Suche machen. Wir sind darauf vorbereitet. Schaffen sie besser diesen Sergeant Barber aus dem Weg. Der hat uns in den letzten Monaten schon viele Lieferungen versaut und ich bin es langsam leid ihn mit Samthandschuhen anfassen zu müssen.«
»Unsere Waffen sind bereits verkauft Sir. Aber das ist das FBI, was da ankommt und kein Taubenzüchterverein.«
»Es gibt keinen großen Unterschied zwischen dem FBI und einem Taubenzüchterverein. Die werden nichts Verwertbares finden und fliegen dann wieder zurück. Selbst, wenn sie etwas finden sollten habe ich sie immer genau da wo ich sie haben will. Je mehr sie zu sehen glauben, umso einfacher ist es sie zu täuschen. Unsere Vögelchen bekommen Bargeld in einem Briefumschlag, das sich nicht zurückverfolgen lässt. Die glauben, sie arbeiten für eine staatliche Behörde und es gibt im ganzen Land Millionen davon. Das einzige, was mir Sorgen macht, sind diese dämlichen Beamten, die mir immer wieder in die Suppe spucken und extrem hohe Kosten verursachen. Das Humankapital ist egal, die sind leichter zu ersetzen als fehlende Zigaretten. Aber diese kleinen Mengen, die wir sie transportieren lassen, gehen ganz schön ins Geld. Roger Barber hat uns zwischenzeitlich schon mehr als vier Millionen gekostet, weil er seine Adlernase immer wieder in meine Angelegenheiten hängt. In keiner anderen Stadt haben wir dieses verdammte Problem. Aber es ist nicht so einfach einen Drogenfahnder umzulegen, ohne die gesamte Truppe aufzuwecken, die an ihren Donutläden schlafen. Ich möchte den aus dem Weg haben, dann können wir endlich mit großen Mengen operieren.«
»Was sollen wir tun?«, fragte die Stimme aus dem Telefon.
»Nicht in die Hosen scheißen. Ich kümmere mich schon darum. Im Moment bleiben wir in Portland bei den kleinen Mengen bis wir endlich Barber aus dem Weg haben. Ändern sie einfach die Routen für unsere Lieferungen bis ich grünes Licht gebe.«
»Wann kommt die nächste Lieferung?«
Er musste kurz nachdenken. Es war nicht so einfach den Überblick zu behalten, wenn man in vielen Städten gleichzeitig am Arbeiten war. Dann fiel es ihm wieder ein. »Die nächste Lieferung trifft nächsten Donnerstag ein. Irgendwas um 30 Kilogramm in kleinen Mengen wie bisher. Versenden sie maximal fünf Kilogramm zu unseren Abnehmern, bis wir den blöden Cop losgeworden sind.«
»In Ordnung Sir«, klang die Stimme aus dem Hörer und die Verbindung wurde unterbrochen.
Der gute Scotch in seinem Glas war durch die geschmolzenen Eiswürfel schon verwässert. Wütend kippte er den Inhalt in die Blumen auf seiner Fensterbank und schenkte sich ein zweites Glas ein. Dieses Mal ohne Eiswürfel. Er brauchte einen Plan, den Roger Barber, den Drogenfahnder aus Portland, endlich daran hinderte, seine Geschäfte aufzudecken. Erneut blickte er wieder auf das aufgewühlte Wasser unterhalb seines Büros. Nur wenige Minuten später hatte er eine großartige Idee, wie er seinen Widersacher im Westen aus dem Weg räumen könnte. Er trank den Scotch mit einem tiefen Zug aus und schluckte das hochprozentige Getränk. Die Hitze des Alkohols in seinem Schlund fühlte er bis es in seinem Magen landete. Dann griff er zum Telefon und wählte eine Kurzwahl.
»Ja?«, meldete sich eine zarte Frauenstimme.
»Hallo Emma. Sag mal, wann hat Barber seinen nächsten Termin bei einer deiner Angestellten?«
»In ungefähr einer Woche besucht ihn Madeleine, aber warum möchtest du das wissen?«
»Kannst du Madeleine etwas mitgeben, wenn sie ihn besucht?«
»Klamotten oder was?«, fragte sie.
»Hör auf mit dem Unsinn. Ich will, dass sie ihm etwas unterschiebt, am besten gut versteckt!«
Er hörte sie leise stöhnen bevor sie sagte, »Wie groß und schwer ist es, was sie verstecken soll?«
Ein Lächeln umspielte seine Lippen, »Etwa ein Pfund schwer und nicht größer als drei Schachteln Kippen.«
»Das sollte sie schaffen. Musst du wissen, wo es versteckt ist?«
»Nur grob. Das FBI wird es dann schon finden und ihn aus dem Verkehr ziehen!«
»Du weißt schon das mir dadurch ein Stammkunde wegfällt?«
Er nickte. »Natürlich weiß ich das. Ich werde mir etwas als Ausgleich einfallen lassen. Vielleicht der Bürgermeister oder so.«
»Der ist doch sowieso schon Kunde bei mir«, lachte sie, »Die halbe Stadtverwaltung ist bei mir Kunde. Wenn das deren Schlampen zu Hause wüssten, könnte ich die Stadt übernehmen!«
»Du bekommst einen Ausgleich, das ist versprochen, Emma. Sobald Barber weg ist sorge ich dafür, dass du einen neuen Kunden bekommst, der genug Geld bei dir lässt«, versprach er.
»Okay, ich gebe dir Bescheid wo Madeleine dein Päckchen versteckt hat. Wer bringt es?«
Er dachte kurz darüber nach, dann sagte er, »Ein Kurier wird es am üblichen Platz hinterlegen. Ich sorge dafür, dass es spätestens am Donnerstag da ist.«
»In Ordnung«, bestätigte sie die Absprache. »Ich gebe dir sofort Bescheid wo sie es bei ihm hinterlegt hat.«
»Danke Emma«, lächelte er und legte auf.
Direkt danach nahm er seinen goldenen Kugelschreiber und machte sich eine kurze Notiz auf seiner Schreibunterlage. Den Kurier zu finden war kein Problem, nur musste er einmal mehr auf das Geld für ein halbes Kilo Stoff verzichten. Allerdings wäre er dann auch Roger Barber los und konnte in Portland endlich auf die großen Lieferungen umsteigen. Die Kuriere waren zwar nicht teuer, aber für jeden kleinen Abschnitt musste er wieder Kleinbeträge aufwenden, die sich mit der Menge schon zu einem großen Ausgabeposten summierten. Die andere Möglichkeit wäre Portland komplett auszusparen und einen Umweg über Spokane und dann nach Reno in Kauf nehmen. Der längere Weg war zwar sicherer, aber es würde zu einer Unterversorgung führen, die er sich nicht erlauben wollte. Das ganze Liefernetzwerk aufzubauen war schon schwer genug.
* * *
Bahamas, Nassau
Einmal die Woche traf sich das ganze Team mit den Kindern in Jasons Bar. Die jüngsten erlebten diese Tage immer zusammen. Damien, der älteste unter den Kindern freute sich auf seine Freundinnen Valeria und Emilia und seinen besten Freund Mika, den Sohn von Mike und Karyani. Während die Erwachsenen alle zusammen um einen Tisch saßen und sich über alles Mögliche unterhielten, durften die vier Kleinen toben so viel sie wollten. Jason hatte sogar den Sonntag in seiner Bar als Familientag ausgeschrieben. Alle anwesenden Kinder durften so viele Fish and Chips, oder auch nur Chips, also Pommes in sich reinstopfen wie sie wollten. Die Eltern durften sich einen schönen Tag ohne den Nachwuchs machen und bezahlten die Verpflegung für die Kinder nur anteilig. Für einen kleinen Unkostenbeitrag waren die Getränke und das Essen für die Kinder frei und Jason hatte extra für diese Tage ein paar junge Frauen engagiert, die auf die Kinder aufpassten.
Als sich das herumgesprochen hatte, dass sonntags in Jasons Bar Familientag war, mit Schwimmen und großem Kinderprogramm, wurde er mit großem Interesse aufgenommen. Den ganzen Tag lang war die Bar voll mit jungen Familien die eine kurze Auszeit von ihren Kindern genossen. Auch die Erwachsenen hatten Spaß, denn sie konnten sich in aller Ruhe unterhalten, ohne auf den Nachwuchs zu achten oder von ihnen gestört zu werden. Die Kids waren beschäftigt und durften auf einem großen Trampolin herumspringen. Sogar eine kleine Hüpfburg hatte sich Jason geleistet, die nebenan mit Druckluft stabil gehalten wurde. Auf dem feinen Sand durften die kleinen Burgen bauen oder in einem abgesperrten Bereich ins warme Meer springen. Auch einige Einheimische beteiligten sich an dem Familientag. Es gab zum Beispiel Kinderschminken, einen Zeichner und ein älterer Mann aus der Nähe scharte im Abstand von einer Stunde immer wieder Kinder um sich, denen er Geschichten erzählte. Verpflegung gab es durch die jungen Damen, die sich um die Aufsicht kümmerten. Jeder bekam so viel zu trinken und zu essen wie er wollte. Auch Eis gab es zum Nulltarif.
Jasons Bar war sonntags noch nie so gut besucht gewesen, und durch Damien und die Kinder des Teams kam er auf diese Idee. Mit der Kalkulation, die er auf Basis einiger weniger Besucher anstellte, war es anfangs ein Nullsummenspiel. Nachdem sich dieser Tag aber herumgesprochen hatte war die Bar so voll, dass er locker noch eine weitere mit Gästen versorgen konnte. Nun stellte er zusätzlich noch Bänke und Tische auf, damit er keine Reservierungen annehmen musste und der Masse an Gästen Herr zu werden. Trotzdem war es immer noch schwierig alle unterzubringen. Die Kinder hatten jede Menge Spaß an den Tagen, während die Eltern ihre Ruhe hatten.
Für die Kinder des Teams war es das Highlight jeder Woche. Schon am frühen Morgen waren die vier total aufgekratzt und konnten es kaum erwarten loszufahren. Damien war immer der erste der vor Ort war. Jason war, der erste der am Morgen die Bar öffnete und Liz kam dann wenig später mit ihrem Sohn nach. Für Emilia und Valeria begann der Spaß erst nach dem Mittagessen. Leonie und Dolores hatten bei den beiden Mädchen immer wieder beobachtet wie sie während der Fahrt die Lenkbewegungen nachahmten. Als sie es Michael gegenüber erwähnten, kam er auf eine grandiose Idee. Eines der Mädchen durfte während der Hinfahrt auf seinem Schoß sitzen und den großen SUV lenken. Auf der Rückfahrt war dann die andere dran mit Fahren. Micha bediente die Pedale und die Mädchen das Lenkrad, natürlich mit Unterstützung durch den Vater. Trotzdem waren sie darauf Feuer und Flamme.
Als sie an der Bar ankamen, waren die beiden Mädchen nicht mehr zu halten. Die zwei rannten wie der Wind auf die einzelnen Teammitglieder zu und schlossen sie in die Arme. Auch Damien und der kleine Mika begrüßten sich untereinander mit einer Umarmung. Sofort danach waren die vier bis am Abend nicht mehr zu sehen. Auf Leonie wartete jeden Sonntag bereits ihr Lieblingsdrink auf sie. Sobald Jason den schwarzen SUV anfahren sah, nahm er sich den Mixer zur Hand, warf einige Eiswürfel und eine gelbe Maracuja hinein. Dann füllte er den Mixer mit eiskalter Milch auf und ließ die Maschine etwa eine Minute laufen. Den Drink füllte er in ein großes Glas und stellte es vor Leonies Stammplatz am Tisch. Die Sitzordnung war immer die gleiche. Die sieben Erwachsenen unterhielten sich angeregt den ganzen Tag lang. Nur Jason stand hin und wieder auf, damit er sich um das Geschäft kümmern konnte.
Dolores wollte von Karyani wissen wie sie auf den Namen ihres Sohnes kamen. Die Erklärung dafür lieferte Mike, »Wir haben lange darüber nachgedacht wie er heißen sollte. Da waren ganz schön viele Namen im Spiel, aber wir konnten uns auf keinen davon einigen.«
Karyani setzte fort, »Unsere Idee war, ihm einen Namen zu geben der etwas von uns beiden hatte. Im Endeffekt war unsere Idee dann unsere Vornamen zu verwenden. Wir haben die ersten beiden Buchstaben unserer Vornamen kombiniert. Dabei kamen schließlich zwei mögliche Namen heraus. Einmal Mika oder eben Kami. Der erste gefiel uns allerdings besser, deswegen haben wir ihn Mika getauft.«
»Ich hatte eher gedacht, ihr lasst den Computer entscheiden«, scherzte Liz, die damit auf das liebste Hobby der beiden anspielte.
Die Agenten verstanden sich untereinander prima. Nicht nur, dass sie sich jeden Tag bei der Arbeit begegneten, sie mussten sich auch blind auf die anderen verlassen können. Das schweißte sie zusammen und sie waren im Lauf der Zeit zu den dicksten Freunden zusammengewachsen. Liz fühlte sich im Kreise ihrer fünf Kollegen mehr als wohl. Als sie noch in London Dienst für das dortige Revier arbeitete, war sie eher die Einzelgängerin, die Spuren verfolgte und dann die jeweiligen Täter vor Gericht stellen ließ. Niemals hatte sie gedacht, mit mehreren unterschiedlichen Charakteren ein Team zu bilden. Bernand Roussel hatte sie damals mehr oder weniger wild zusammengewürfelt. In den ersten Wochen war Michael ein rotes Tuch für sie und Mike betrachtete sie als Sicherheitsrisiko. Von Leonie, die damals noch Lea hieß und als Auftragskillerin arbeitete, hielt sie nicht das geringste.
Damals duellierte sie sich über Wochen mit Michael um die Führung des Teams. Erst als Mike seine Herzdame Karyani ins Spiel brachte, die ihnen einiges an Technik lieferte und sie erwähnte, dass sie mit Mike eine Beziehung führte, kam sie auf die Idee die beiden wieder zusammenzubringen. In Venezuela hatte sie sich mit Michael und Leonie, die damals schon ein Paar geworden waren, schwer gestritten. Auf dem Flug zurück, wollte sie das Team bereits wieder verlassen. Nur durch die Vermittlung zwischen den Fronten von Karyani blieb sie bei Interpol und dem Team. Michael wollte das Team gar nicht führen. Er verstand sich als Bodyguard für das gesamte Team. Insbesondere Leonie lag ihm am Herzen. Als er mitbekam, dass Karyani mit Mike zusammen war, sah er die Chance die Sicherheit deutlich zu verbessern. Er hatte mit dem Hacker bereits einige male zu tun und wollte verhindern das er die Sicherheit gefährdete, weil er die dumme Angewohnheit hatte mit allen Frauen, die er traf, ein sexuelles Verhältnis anzufangen. Auch bei Liz hatte er es da schon versucht. Er entschied Kary in das Team aufzunehmen und Liz nicht mehr zu bekämpfen die sich die Führung des Teams wünschte. Nach dem ersten Auftrag, den sie gemeinsam aufklären konnten, war aus den Einzelkämpfern ein richtiges Team geworden.
Dolores kam erst beim zweiten Fall, als das Team einen Juwelenraub aufklären musste, hinzu. Sie hatte sich zu Leonie hingezogen gefühlt was Michael nicht verborgen blieb. Außerdem hatte er ihr Talent erkannt und sorgte dafür, dass die junge Kommissarin beim Team bleiben konnte. Liz wollte auf kein Mitglied wieder verzichten müssen. Jeder machte seinen Job so wie sie sich das nur wünschen konnte und beklagte sich nicht. Auch, wenn sie die unliebsamen Aufgaben erledigen mussten, gab es nicht die kleinsten Widerworte und die Mitglieder beklagten sich nicht. Das war mehr als sie jemals erwartet hatte.
Trotz dass sie jeden Tag zusammen arbeiteten, gab es kaum Streit unter ihnen. Jeder kam mit den anderen bestens aus. Sogar der Spaß kam nicht zu kurz. Der alte Stinkstiefel Michael überraschte sie dabei am meisten. Seit er mit Leonie zusammen war, entwickelte er sich zum echten Spaßvogel der Truppe. Es gab kein böses Wort mehr von ihm, sondern er kümmerte sich ganz nebenbei noch um die Verpflegung. In den Mittagsstunden kochte er sogar ein leckeres Essen für sie, kümmerte sich um die Kids die im Büro herumtobten und sorgte manchmal für einen großen Spaß. Die Lorbeeren für ihre Triumphe erhielt meist nur Liz alleine. Mike, Karyani, Dolores, Leonie und Michael wollten gar nicht daran beteiligt werden. Ohne ihr Team hätte sie die Fälle nicht lösen können und wollte auch sie am Erfolg beteiligen, aber sie lehnten das geschlossen ab. Die Anerkennung war für ihre geschätzte Anführerin vorbehalten was sie auch jedes Mal klar zum Ausdruck brachten.
Erst spät am Abend, die Sonne war bereits wieder vom Himmel verschwunden, machten sich die einzelnen Paare mit ihren Kindern auf den Rückweg. Bereits morgen Früh würden sie wieder in ihrem Büro eintreffen und arbeiten. Traditionell waren Leonie und Dolores die ersten an ihren Schreibtischen, während Michael in der Küche am Werkeln war und ein Frühstück vorbereitete.
4. Kapitel
Vereinigte Staaten, Portland (OR)
Die beiden Freundinnen Tiana und Vivian hatten sich für ein gemeinsames Frühstück in einem netten Café verabredet. Seit ihrem ersten Zusammentreffen hatten sie viel über verschiedene Messenger kommuniziert. Beide arbeiteten verdeckt für SNB, ohne genau zu wissen, wer das eigentlich war. Vivian machte das fast wahnsinnig. Sie wollte endlich Antworten auf ihre Fragen. Sie war Tiana gefolgt, weil sie die große Blondine für eine Agentin hielt. Allerdings war sie selbst noch ein viel kleineres Licht als Vivian. Ihre Aufträge beschränkten sich mehrheitlich auf den Transport von einfachen Gütern. Durch die Bezahlung für ihre Dienste konnten sie sich ein bisschen Luxus leisten.
Es war schon relativ spät am Morgen für ein Frühstück. Die Sonne hatte beinahe ihren Zenit erreicht, als die beiden im Außenbereich des Cafés Platz nahmen. Der Frühling hielt erst Einzug in Portland. Dementsprechend war es noch ziemlich kühl, dass die beiden sich warm eingepackt hatten, um keine Erkältung zu riskieren. Tiana trug sogar noch einen dicken Schal. Vivian machte sich darüber lustig, denn so kalt war es nun auch wieder nicht das man den Hals extra schützen musste. Bevor sie zu einer Erklärung ansetzte, zog sie den Stoff ein bisschen auf die Seite und machte einen frischen Knutschfleck sichtbar. Vivian verstand sofort, was Sache war und grinste ihre Freundin an.
»Da ging es wohl heiß her. Hat es einer geschafft dich anzugraben?«, fragte sie neugierig.
Tiana musste lachen, »So heiß nun auch wieder nicht, vor allem hatte ich nicht wirklich was davon.«
»Also ein Reinfall, wie meistens.«
»Ich werde meinen ›Liebhaber‹ trotzdem noch einige Jahre behalten.«
Ihre Freundin schaute ungläubig auf die Blondine, »Du willst dir ernsthaft einen Typen ans Bein binden, der dich im Bett nicht auf Touren bringt? Ist das ein Geldsack, der nur mit einer jungen Frau angeben will?«
Mit jedem Wort was Vivian hervorbrachte wurde Tianas lachen noch breiter, »Der Typ verdient kein Geld, ich war nur ein paar mal mit ihm im Bett. Da ist allerdings nichts gelaufen. Er hört auf den tollen Namen Tyron und ist der 11-jährige Sohn meiner Schwester, der vorgestern Geburtstag hatte.«
Vivian wurde auf der Stelle totenstill. Tiana hatte den Knutschfleck von ihrem Neffen bekommen und überdeckte ihn extra mit dem Schal damit man ihn nicht sah. Das war Tyrons Art sich für sein Geburtstagsgeschenk zu bedanken, was ihm seine Tante machte.
»Du hast mich schon wieder reingelegt«, lachte Vivian.
»Nein«, erwiderte Tiana, »Ich habe dich nur eine Weile in dem Glauben gelassen, dass ich mit einem was am Laufen hätte und du bist immer weiter darauf eingestiegen. Nicht alle Männer in meinem Leben wollen mir nur ins Höschen. Tyron ist ein ganz lieber, nur nicht ganz so auf der Höhe. Bei seiner Geburt hat sich die Nabelschnur um seinen Hals gelegt, was zu einer Unterversorgung an Sauerstoff geführt hat. Deshalb ist er ein bisschen eingeschränkt. Ein Knutschfleck ist seine Art sich zu bedanken, weil er weiß, dass du die Spuren etwa eine Woche lang behältst.«
»Auch schön. Ist mal was anderes als eine flüchtige Umarmung.«
Nach dem Thema Familien kamen die beiden langsam zu ihrer Arbeit für den SNB und dem Geld was sie damit verdienten. Tiana hatte am Morgen noch eine Nachricht in ihrer Post. Sie bekam den Auftrag ein kleines Päckchen im Kasten eines Löschschlauchs abzuholen und in einem Bordell zu hinterlegen. Was ihr Sorgen machte war, dass sie an diesem Tag eine Semesterarbeit schreiben musste und deshalb den Termin nicht einhalten konnte. Sie bat Vivian für sie einzuspringen. Das Geld für den Auftrag würde sie selbstverständlich auch bekommen, was Vivian allerdings ablehnte. Tiana hatte genug mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Sie würde den Auftrag an ihrer Stelle erledigen und ihr das Geld dafür überlassen. Durch ihren letzten Auftrag des SNB hatte sie noch genug Bares, um einen weiteren Monat damit auszukommen.
Ti, wie sie von Freunden genannt wurde, versprach das wieder gutzumachen und einen Auftrag für Vivian zu erledigen, wenn sie in Schwierigkeiten steckte. Noch immer wussten sie nicht, wer sich eigentlich hinter der Organisation eigentlich verbarg. Sie hatten schon im Internet nach dem Geheimdienst gesucht, wurden allerdings nirgendwo fündig. Vivian vermutete etwas völlig Geheimes dahinter. In den Vereinigten Staaten gab es hunderte Organisationen mit ominösen drei Buchstaben, von denen man vorher noch nie etwas gehört hatte. Am bekanntesten waren das FBI, CIA, NSA oder auch die DIA. Ihr Auftraggeber SNB war auf keiner offiziellen Liste zu finden.
Diese Organisation musste also so geheim sein, dass ihre Existenz an allen Stellen abgestritten wurde. Auch deren Ziele waren für die beiden jungen Frauen nicht feststellbar. Allerdings gab es alleine in den Vereinigten Staaten so viele Organisationen mit drei Buchstaben, von denen noch nie jemand auch nur den Hauch einer Information zu hören bekam. Hollywood machte sich teilweise auch in Filmen darüber lustig. Zum Beispiel erschuf man für eine ganze Filmreihe die Abkürzung MIB, die sich mit außerirdischen Lebensformen beschäftigte. Die Bewohner der Staaten waren der Meinung, dass eine Organisation, die geschaffen wurde, für ihre Sicherheit sorgte. Als herauskam, dass die NSA zum Beispiel die ganze Welt abhörte, begründete man das mit der Sicherheit der Nation. Der Aufschrei darüber war in den Staaten deutlich geringer als in Europa. Die ganze Europäische Union verurteilte die Abhöraktion sämtlicher Spitzenpolitiker der einzelnen Länder auf das Schärfste, sorgte aber trotz allem dafür, die USA weiter als Freunde zu betrachten. Sämtliche Politiker kamen nicht einmal auf die Idee eine genaue Untersuchung darüber zu verlangen.
Auch bei der Einreise in die Vereinigten Staaten gab es eine deutlich übertriebene Untersuchung. Es war beinahe unmöglich mal eben eine Zwischenstation in den USA einzulegen, ohne sein gesamtes Leben offenzulegen. Die DHS, also das Department of Homeland Security, unterzog jeden Besucher einer genauen Prüfung. Bevor man auch nur in ein Flugzeug steigen konnte, was auf amerikanischem Boden landen würde, musste man mindestens einen Monat vorher einen Antrag stellen. Der sogenannte ESTA Antrag musste bereits lange vorher ausgefüllt und positiv beschieden sein, um überhaupt in ein Flugzeug zu kommen. Selbst, wenn man dann auf einem Flughafen landete, war es aber noch lange nicht sicher, ob man auch wirklich einreisen durfte. Jeder Besucher wurde einzeln geprüft und mit geschickten Fragen über seine Angaben des Antrags zugeschüttet. Gab es dabei auch nur die geringste Abweichung, wurde man nicht in das Land gelassen, sondern wieder in ein Flugzeug gesetzt und zurückgeschickt. Das ganze Verfahren war aber nicht nur für die Einreise vorgeschrieben, sondern, auch wenn man auf einem Flughafen der Vereinigten Staaten umstieg und das eigentliche Flugziel außerhalb des Landes lag.
Vivian wollte zumindest feststellen, für wen sie da eigentlich Aufträge erledigte. Sie durfte deutlich gefährlichere Aufträge erledigen als ihre Freundin. Bei Ti waren es meist nur irgendwelche Botendienste, während es bei Vivian auch mal um Überwachungen ging. Auch wenn das bisher nur einmal der Fall war, aber ihre Botendienste beschränkten sich darauf, verschiedene Fahrzeuge von einem Ort zum anderen zu bringen. Bei Tiana handelte es sich in den meisten Fällen nur um Botendienste, die zu Fuß zu erledigen waren. Auch ihr neuester Auftrag fiel in diese Kategorie. Sie sollte ein Paket aus einem Bürogebäude in der Innenstadt abholen. Dort war es in einer Schlauchbox in einem oberen Stockwerk versteckt. Tiana sollte das Päckchen dann durch die Stadt zu einem Etablissement bringen, das Frauen eigentlich nur betraten, wenn sie in einem gewissen Bereich arbeiteten. Es sollte in einem Bordell auf der Toilette hinter einer Wandfliese versteckt werden.
Die genaue Adresse bekam sie von ihrer Freundin. Die Anweisung war klar und deutlich formuliert. Um die Wandfliese zu lösen, sollte sie eine kleine Nagelfeile verwenden, das Päckchen verstecken und die Fliese wieder so anbringen wie sie war. Um sie zu finden, gab es sogar die genaue Lage, die man abzählen konnte. Fünfte Reihe von unten und die 18. Platte rechts der Tür. Viviane dachte sich nichts dabei. Das war ein Auftrag, wie sie ihn für SNB schon einige Male erledigt hatte. Das war wohl die Anfängerliga der Organisation. Ihre Aufträge waren etwas höherwertiger und auch etwas besser bezahlt als die ihrer Freundin. Trotzdem wollte sie endlich wissen, für wen sie da eigentlich arbeiteten. Immerhin war es mehr als ungewöhnlich als Privatperson von einer staatlichen Organisation als Agent eingesetzt zu werden, obwohl man sich weder beworben hatte, noch eventuelle Vorkenntnisse vorhanden waren.
Der Auftrag, den sie für Tiana erledigen würde, könnte vielleicht ein bisschen Licht ins Dunkle bringen. Jedenfalls wollte Viviane dieses Mal wissen, was sie da für wen transportierte. Auch Tiana selbst wollte ein bisschen mehr darüber erfahren, von wem sie das Geld für ihre abgeschlossenen Aufträge bekam. Nicht das sie sich beschweren wollten, es war einfach der Wunsch nach mehr Hintergrundwissen über diesen Geheimdienst, für den sie arbeiteten. Wer weiß, vielleicht könnte man auf diese Weise auch ein paar höherwertige Jobs ergattern.
* * *
Wenige Kilometer entfernt von den beiden jungen Frauen setzte eine Boeing 737 auf der Landebahn auf, die in Washington gestartet war. An Bord hatten es sich die beiden Special Agenten, die das FBI auf den Fall des SNB ansetzte, gemütlich gemacht. Ashleigh Spears und Cooper Knight waren endlich am Einsatzort angekommen. Ihr erster Weg führte sie zu den Beamten, die Edwin Nash mit der großen Menge Chrystal Meth festnehmen konnten. In ihrem Bericht waren sie als Sergeant Roger Barber und Officer Jeffrey Hester angegeben. Der letztgenannte war auch der Beamte, der den unglücklichen Edwin Nash mit einer Kugel durchlöcherte, um seinen Vorgesetzten zu schützen. Sie wollten mit den beiden Beamten ein informelles Gespräch führen.
Das Polizeirevier der beiden Beamten lag etwas außerhalb der Innenstadt und gehörte zum 14. Bezirk. Die FBI Agenten wurden dort bereits erwartet. Der Chief hatte die Beamten Roger Barber und Officer Jeffrey Hester im Büro behalten seit er wusste das Washington jemand anwies den Fall zu untersuchen. Der Sergeant hatte das als Untersuchungshaft für Polizeibeamte verurteilt. Erst als er erfahren hatte, dass Agenten des FBI zu ihnen unterwegs waren, verstand er den Sinn dahinter. Sein Chief wollte die Wartezeiten der Agenten möglichst kurz halten, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Die beiden Polizisten saßen schon den ganzen Tag in ihrem Großraumbüro und schrieben einige liegengebliebene Berichte.
Ashleigh Spears und Cooper Knight kannten diese Reviere aus vorhergehenden Ermittlungen schon zur Genüge. Der Geruch nach altem Papier, Reinigungsmittel und Kaffee war über die gesamten Vereinigten Staaten gleich. Spears mochte den Geruch nicht besonders, aber manchmal musste sie da eben durch. Insbesondere neue Ermittlungen begannen meist in den Revieren der normalen Polizei. Man nahm die beiden Agenten bereits am Eingang in Empfang und brachte sie ohne lange Erklärung in ein leeres Büro. Nur wenige Minuten später betraten die beiden Beamten den Raum und schlossen die Tür. Der Officer war extrem nervös und fummelte ohne Unterlass an seinem Gürtel herum. Es war das erste Mal für ihn, dass er von FBI Agenten vernommen wurde. Sein Sergeant hatte das bereits des Öfteren erlebt und war demnach ein alter Hase was das anging. Ohne Scheu setzte er sich auf einen freien Stuhl, schlug die Beine übereinander und wartete auf die ersten Fragen.
Spears nahm den jungen unerfahrenen Officer ins Visier. »Das ist hier kein Stehimbiss. Hinsetzen!«
Jeffrey Hester war völlig überfordert mit der Situation. Mit zitternden Fingern stellte er sich umständlich einen Stuhl zurecht und nahm darauf Platz. Barber interessierte das Schauspiel, das sein Kollege bot nicht. Der Beginn seiner Karriere lag schon so lange zurück, dass er sich nicht mehr daran erinnern konnte, wann er das erste Mal auf Agenten des FBI getroffen war. Damals war er ebenfalls ziemlich nervös gewesen. In der Zwischenzeit war es ihm egal. Er betrachtete das FBI nicht mehr als Gegner, die sich in seine Ermittlungen einmischten, wenn ihnen danach war. Sie waren ein notwendiges Übel, wenn etwas vorging, was seine Gehaltsklasse deutlich überstieg.
Special Agent Cooper Knight begann die Anhörung mit dem Sergeant, »Sergeant Barber, woher wussten sie von der Übergabe?«
Barber räusperte sich ganz entspannt, »Es gab einen anonymen Anruf, der uns die Übergabe angekündigt hat.«
»Haben sie versucht, den Anruf zurückzuverfolgen?«, wollte Spears wissen.
»Natürlich, das passiert völlig automatisch. Wir konnten die Anrufstelle nicht ermitteln. Der Anrufer brachte das ganze System durcheinander.«
»Gut, sie haben sich auf die Informationen verlassen und den Dealer entdeckt. Was passierte dann?«, erfragte Cooper Knight.
Barber machte es sich bequem, »Wir waren zum angegebenen Zeitpunkt vor Ort und konnten den Verdächtigen erkennen, der sich später als Edwin Nash herausstellte. Er entnahm ein großes, offensichtlich schweres Paket aus dem Kofferraum eines dunklen SUV. Als er sich aus dem Staub machen wollte habe ich entschieden ihn zu überprüfen. Der anonyme Anrufer hatte exakt vorausgesagt auf welchen Wagen wir achten müssen und was sich in dem Paket befindet. Er sprach von einer großen Menge Methamphetamin, genannt Crystal Meth oder auch Ice. Die spätere Überprüfung ergab eine Gesamtmenge von etwa 18 Kilogramm, die wir sicherstellen konnten. Davon liegen 17,2 Kilogramm jetzt in der Asservatenkammer und warten auf die Vernichtung.«
»Wo sind die restlichen 800 Gramm gelandet?«, stellte Spears eine Zwischenfrage.
Barber blickte sie an, »Das Paket ist Edwin Nash aus der Hand gefallen und aufgeplatzt. Der Wind hat dann das ausgetretene Pulver über die Straße geweht.«
»Okay, weiter!«, forderte ihn Spears auf.
»Es kamen mehrere Kollegen zu der Situation. Der Verdächtige versuchte sich zu entfernen, woraus ein Handgemenge entstand, in dessen Verlauf mein Kollege einen Schuss abgegeben hat. Nash brach zusammen, wurde medizinisch versorgt und in die Klinik gebracht. Wir haben dann die Beweise aufgenommen und den Ort abgesperrt«, gab Barber zu Protokoll.
Cooper Knight machte sich in seinem Notizbuch einige Aufzeichnungen. Seine Kollegin lief in dem kleinen Büro auf und ab und tippte sich währenddessen mit dem Zeigefinger gegen die Nase. Nach einigen Sekunden wandte sie sich an Officer Jeffrey Hester, »Wieso haben sie auf den Verdächtigen geschossen?«
Der junge Officer brauchte einige Sekunden bis er antworten konnte. »Ich sah meinen Sergeant im Hintertreffen, deshalb habe ich einen Schuss auf den Angreifer abgegeben.«
»Man hat ihnen auf der Polizeischule nicht beigebracht, zuerst einen Warnschuss in die Luft zu feuern?«, warf ihm Spears vor.
»Doch, natürlich«, stotterte Hester.
Die junge Agentin schüttelte den Kopf, »Und obwohl man ihnen das beigebracht hat, feuern sie dem armen Edwin Nash ohne Warnung eine Kugel in den Magen. Ganz nebenbei zerfetzt das Projektil auch noch die Milz, bevor sie stecken bleibt.«
Barber stellte sich vor seinen jungen Kollegen. »Lassen sie den Officer zufrieden! Er hat einen Fehler begangen wie schon jeder von uns. Hester ist jung, es war sein erster gefährlicher Einsatz und er war extrem nervös. Dabei vergisst man schon mal etwas, was man gelernt hat.«
»Wäre Edwin Nash jetzt tot, hätte ihr Kollege jetzt noch ganz andere Probleme, aber das lassen wir jetzt mal dahingestellt. Interessanter ist allerdings die Frage, weshalb der Drogenschmuggel in den letzten sechs Monaten in der Umgebung von Portland um fast 60 % angestiegen ist«, fügte Ashleigh Spears hinzu.
Der Sergeant wurde etwas ungehalten, »Hören sie Mädchen, mehr als arbeiten können wir nicht. Ich verbringe die meiste Zeit meines Lebens auf der Straße, um dieses Dreckszeug aufzuspüren und zu verhindern, dass jeder Idiot es an einer Straßenecke kaufen kann. Wir werden an jeder Ecke kaputtgespart, junge Kollegen systematisch abgezogen und bekommen immer mehr bürokratische Scheiße auferlegt. Jetzt sollen wir uns dann auch noch dafür rechtfertigen, warum es für diese Verbrecher einfacher ist den Müll zu verkaufen. Während sie noch in die Windeln geschissen haben, war ich bereits auf der Straße unterwegs und habe gegen das Unrecht gekämpft. Heute schickt uns das FBI eine Agentin, die sich nicht mal alleine anziehen kann, deren einzige Intention zu sein scheint uns zu belehren, was wir besser machen sollten!«
Cooper unterbrach ihn, »Wir sind nicht hier, um sie unter Druck zu setzen, sondern sollen diesen Fall aufklären, um ihnen zu helfen. Derzeit versuchen wir nur zu erfahren, was dazu geführt haben könnte. Die Verwaltung liegt nicht in unserer Hand und auch wir haben damit immer öfter Probleme. Vielleicht gibt es jemanden, den sie im Verdacht haben.«
»Verdächtige?«, fragte Barber. »Wie viele wollen sie denn sprechen?«
»So viele wie nötig sind, um eine Spur zu finden! Sie kennen ihre Pappenheimer hier in Portland. Wer sitzt da ganz dick im Geschäft?«
Sergeant Barber musste nicht lange überlegen. In seiner Stadt gab es nur ganze zwei, die mit derlei Geschäften ihr Geld verdienten, aber so gut wie nie öffentlich bekannt wurden. »Es gibt zwei Leute, die den Drogenhandel in Portland kontrollieren. Im Westen ist das Arthur Antunes und im Osten Kylie Richardson. Den beiden werden sie allerdings nicht das geringste nachweisen können. Die haben sich so abgesichert, dass sie nie auch nur im Entferntesten mit Geschäften dieser Art in Verbindung gebracht werden.«
Cooper Knight fing an zu grinsen, »Wir werden den Herrschaften mal einen Besuch abstatten. Es wäre hilfreich, wenn ihre Truppe mal die bekannten Dealer für einige Nächte auf Staatskosten unterbringen würde. Wenn die Geschäfte nicht mehr laufen, werden die normalerweise nervös und begehen Fehler.«
Der Leiter der Drogenkommission war damit einverstanden und versprach sich, die nächsten paar Tage die größten Dealer der beiden mit allen verfügbaren Mitteln zu jagen. Zumindest würde er ihnen kurzzeitig die Zellen von innen zeigen. Es war kein großes Geheimnis, dass sie nicht lange darin ausharren müssten. Wann immer man sie aufgriff, hatten sie entweder gar keinen Stoff dabei, oder Kleinstmengen, die gerade mal eine Haftzeit von zwei oder drei Tagen rechtfertigten.
5. Kapitel
Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)
Der Las Vegas Boulevard erwachte langsam aus seiner durch künstliches Licht erhellte Dunkelheit. Vor einer Filiale eines großen Burgerbraters gegenüber dem Mandalay Bay stand Evan Watts in der aufgehenden Sonne. Nur langsam erwärmte sich die Stadt. Im April lag die Nachttemperatur noch bei lausigen acht Grad. Im Lauf des Tages stiegen sie erst langsam auf angenehme Werte deutlich über 20 Grad. Watts war schon mitten in der Nacht aus seinem Bett gestiegen, um den Termin nicht zu verpassen. Er hatte erst vor kurzem ein Paket übernommen und es außerhalb der Stadt im trockenen Wüstensand verborgen. Heute sollte er es endlich wieder loswerden.
Es enthielt genug Stoff für etwa eine Woche. Die Geschäfte im Vergnügungspark Las Vegas liefen noch nicht besonders. Die Verkaufszahlen stiegen erst langsam, nachdem sie im Dezember begonnen hatten, in das große Geschäft einzusteigen. Man musste in der Stadt sehr vorsichtig sein, denn die Polizei trieb überall ihr Unwesen. Einen Einstieg zu finden war schon schwer genug und man durfte hier niemandem vertrauen. Hilfreich waren die Kontakte zu Prostituierten, die in der Wüste ihrer Arbeit nur mit erheblichen Schwierigkeiten nachgehen konnten. Offiziell war es ausgerechnet in Las Vegas verboten, diese Dienste anzubieten. Touristen die keine Ahnung hatten das die Prostitution hier illegal war gerieten gerne in eine Falle, den schon die Anstiftung und Verabredung war verboten. Junge Polizistinnen nutzten diesen Umstand und sprachen Männer in Casinos an. Wenn diese dann mit der Beamtin auf das Hotelzimmer verschwinden wollten, klickten die Handschellen.
Trotzdem war dieser Weg weniger Risikoreich für Drogendealer ihren Stoff unter die Bevölkerung zu bringen. Die Damen des horizontalen Gewerbes kannten ihre Stammkunden und wussten, wer davon infrage kam. An die verkauften sie dann ihren Bestand bis eine weitere Lieferung ankam. Die Beschaffungswege mit den Drogenlieferungen bereitete ihnen immer noch Schwierigkeiten. Der Stoff kam über den Hafen von Seattle ins Land und wurden dann über den Umweg Portland bis nach Las Vegas verteilt. Die Lieferungen waren noch viel zu klein und die Nachfrage überstieg langsam das, was sie geliefert bekamen. Diese Woche waren es nur knapp zwei Kilogramm, die aus Portland geliefert wurden. Das reichte einfach nicht, um genug Geld zu verdienen.
Evan Watts war dafür zuständig, die Lieferungen in der Wüste abzuholen und sein Partner, auf den er hier wartete, verteilte die Ware dann an die Ausgabestellen. Das waren ausgesuchte Damen aus dem horizontalen Gewerbe, die dann die Ware unter ihren Kunden verteilten. Erst kurz vor der verabredeten Zeit erschien Roy Cabrera auf der anderen Straßenseite. Er schien extrem nervös zu sein. Alle paar Augenblicke schaute er sich um, ob ihn jemand verfolgte. Roy hatte sich als Tourist getarnt. Um seinen Hals baumelte eine große Digitalkamera und in der Hand hielt er einen kleinen Straßenplan. Auf der Stirn des Mittdreißigers zeigten sich dicke Schweißperlen. Trotz der relativ kühlen Luft an diesem Morgen war ihm aufgrund der Aufregung viel zu warm.
Roy Cabrera war ein ehemaliges Bandenmitglied im Großraum von Las Vegas. Er war eine kleine Nummer im Untergrund der Stadt, der es nie bis nach oben schaffte. Als das FBI das Räubernest ausräucherte, konnte Cabrera über die Grenze nach Tijuana in Mexiko flüchten. Dort verkroch er sich bei einem Drogenkartell bis er nach Las Vegas zurückkehren konnte. In Mexiko suchten ihn die Behörden wegen mehrfachen Mordes. Seitdem lebte er versteckt im Großraum von Las Vegas. Er wurde vom gemeinsamen Chef angeworben sein Projekt zu unterstützen. Cabrera verließ das Haus nie unbewaffnet. Auch heute hatte er irgendwo am Körper mindestens eine Faustfeuerwaffe versteckt.
Evan Watts gab ihm das Zeichen, dass alles okay war und zündete sich eine Zigarette an. Dann setzte er sich auf eine vor dem Restaurant befindliche Bank und streckte die Beine in die ersten Sonnenstrahlen. Cabrera überquerte die noch nicht so dicht befahrene Straße und ging auf den Laden zu. Auch er zündete sich eine Zigarette an und setzte sich neben den wartenden Evan Watts. Die Übergabe klappte problemlos. Roy nahm die Kamera vom Hals und öffnete das Objektiv. Es war nur eine Attrappe und beinhaltete das zu einem Bündel gerollte Geld. Er übergab es an Watts, der seinerseits ein in dickes Plastikfolie verpackten Umschlag aus seinem Hosenbund zog und es vorsichtig zu Cabera schob. Dann stand er auf, trat seine Kippe auf dem Boden aus und machte sich auf den Weg. Roy blieb alleine zurück. Mit flinken Fingern versteckte er den dicken Umschlag unter seinem Hemd und machte sich wieder auf den Weg.
Seinen Wagen hatte er wenige Ecken weiter in einer Seitenstraße abgestellt. Immer wieder schaute er sich nervös um, ob ihn jemand beobachtete. Er schalt sich selbst so nervös zu sein. In seiner Karriere hatte er schon hunderte Übergaben abgewickelt, trotzdem war er immer noch extrem nervös und aufgeregt. Mehrfach hatte man ihn schon dabei observiert und Zugriffe geplant, aber er war ihnen immer entwischt. An diesem Morgen lief alles glatt und niemand wurde auf ihn aufmerksam. Roy startete den Motor seines Wagens und fädelte sich in den Verkehr ein. Er folgte dem Las Vegas Strip in Richtung Flughafen. Am beleuchteten Ortsschild stand schon um diese Uhrzeit eine große Menge Touristen. Jeder Besucher wollte sich das simple Schild einmal ansehen.
Das Welcome to Fabulous Las Vegas Schild ist ein von Leuchtröhren beleuchtetes Schild auf dem Mittelstreifen des Las Vegas Boulevard. Seit 1959 begrüßte es Besucher von Las Vegas schon auf der Vergnügungsmeile mitten in der Wüste Nevadas. Nachdem Roy das Schild hinter sich gelassen hatte, bog er nach rechts auf einen Feldweg ab. Dort hielt er an, stoppte den Motor und zog das übernommene Päckchen aus seinem Hosenbund. Es war nicht schwer, das merkte er sofort als er es in der Hand hatte. Schon seit Monaten musste er kleinere Mengen unter seinen Angestellten so aufteilen, dass jeder etwas davon bekam. Roy wollte sich darüber beschweren, weil immer weniger ankam, aber er kannte die Lieferkette nicht. Alle seine Lieferungen stammten aus Seattle. Wie sie dann aber den Weg nach Portland fanden, wusste er nicht. Nur eine Kontaktmöglichkeit hatte er bekommen.
Er sollte, wenn es Probleme gab, eine Nachricht in einem Forum schreiben und dann auf einen Anruf warten. Der Anruf kam innerhalb von einigen Stunden auf sein Handy. Der Anrufer ließ aber seine Stimme elektronisch verzerren und die wichtigste Regel lautete: ›Keine Namen!‹.
Die Lieferung war viel zu wenig. Die Nachfrage überstieg das Angebot mittlerweile bei weitem und er brauchte dringend mehr Stoff, um alle Kunden damit zu versorgen. Das durfte so nicht bleiben, das wusste Roy. Entweder bekam er eine auf den Deckel, weil die Einnahmen viel zu gering waren, oder die Kunden besorgten sich ihren Stoff bei den hunderten anderen Dealern, deren Versorgungswege nicht über tausende Ecken verliefen. Er streckte die erhaltene Menge zwar, war allerdings nicht bereit von seinem Verdienst etwas abzugeben. Roy nahm sein Handy zur Hand und wählte sich in das Forum ein. Dort hinterließ er eine kurze Nachricht. Während er auf den Anruf wartete, machte er sich auf den Weg zu seinem Unterschlupf zwei Autostunden von der Stadt entfernt.
Gewissenhaft überprüfte er, ob ihm auch niemand gefolgt war. Erst als er sich ganz sicher war, steuerte er sein Domizil an. Es lag mitten in der Wüste, weit ab von jeglicher Zivilisation und war nahezu perfekt getarnt. Die Hütte besaß nur einen gemauerten Eingang aus hellem Kalksandstein und unterschied sich farblich nicht von dem Sand, der ihn umgab. Strom bezog er über ein kleines Solarpaneel. Das Hauptproblem war Wasser hier draußen. Zu seinem Schutz hatte er hunderte Liter Wasser in Kanistern hergebracht und lagerte sie unterirdisch. Daneben lagen viele Überlebensrationen, wie sie von den Streitkräften verwendet wurden. Er konnte es hier gut und gerne einige Wochen aushalten.
Das Death Valley war dafür hervorragend geeignet. Über tausende Kilometer bekam man keine Menschenseele zu sehen, das Handynetz hier draußen war großflächig gar nicht vorhanden und eine Panne mit dem Wagen war tödlich. Wer nicht unbedingt musste, vermied es sich hier draußen in der tödlichen Sonne aufzuhalten. Roy hatte hier sein Lager untergebracht. Hier war nicht nur er unauffindbar, sondern auch die gelieferten Drogen waren hier sicher.
Roy nahm sich seine kleine Waage zur Hand und setzte sich an den alten abgewetzten Tisch. Er entfernte die Folie in dem der Stoff verpackt war und legte den Inhalt auf die Waagschale. Die Anzeige gab an, dass er exakt zwei Kilo erhalten hatte. Kein Gramm mehr. Das waren ziemlich genau 571 Päckchen zu je 3,5 Gramm. Aber Roy war ein alter Hase im Geschäft. Crystal Meth konnte man mit MDM Kristallen, ein Nahrungsergänzungsmittel wunderbar strecken. So wurden aus den jeweils 3,5 Gramm schweren Tütchen insgesamt 28 Gramm. Wozu sollte man auch leer ausgehen, wenn man schon das Risiko trug und die Konsumenten merkten davon sowieso nichts! Sein Vorrat an MDM Kristallen war allerdings so gut wie aufgebraucht. Bevor er aber wieder in die Stadt fuhr, verbrauchte er den Rest was er noch hatte. Das gestreckte Zeug versteckte er im Reserverad seines Wagens. Einer kurzen Kontrolle durch die Polizei würde das Versteck standhalten. Das musste genügen bis er die Drogen verteilt hatte.
Die zwei Stunden, die er vom Death Valley bis Las Vegas brauchte, vergingen wie im Flug. Seine erste Anlaufstelle war eine alte Bekannte, die sich selbst als die Nuttenkönigin von Las Vegas bezeichnete. Allerdings war sie bereits viel zu alt, um viele Kunden zu bedienen. Deshalb betrieb sie nur noch eine Zentrale und bot Prostituierten einen sicheren Arbeitsplatz. Es war zwar in der Stadt verboten, aber das führte auch nur dazu sich selbst im Untergrund aufzuhalten. Das älteste Gewerbe der Welt fand grundsätzlich immer einen Weg, auch wenn die Politik das versuchte zu vermeiden. Gut betuchte Kunden hatten alle ihre Telefonnummer, um sich so für ein paar Stunden eine junge Dame zu mieten. Offiziell arbeiteten sie als Servicekräfte mit einigen speziellen Aufgaben. Es war nichts anderes als Prostitution und das wussten auch die Staatsbediensteten, konnten aber nicht dagegen vorgehen.
Sie war eine wichtige Kundin für ihn, die ihren Servicekräften immer wieder auf Verkaufstour schickte. Pro Woche konnte er dort schon genug Geld verdienen, um seine Lieferungen zu bezahlen. Ihr Büro lag in einem nicht besonders dicht besiedelten Gebiet der Stadt. Sogar die Polizei hatte kein besonderes Interesse daran dort ihre Zeit zu vergeuden. Für Roy war das Abliefern dort relativ ungefährlich. Seine nächsten Verteiler mussten noch auf ihre Lieferungen warten. Kahina, wie sich nannte, übernahm einen Großteil seiner gesamten Lieferung. Das, was er ihr heute brachte, war zu wenig, aber Roy bat sie um etwas Geduld. Er machte dafür Lieferprobleme verantwortlich. Glücklicherweise lag direkt in der Nähe ein Supermarkt in dem er sich MDM Kristalle besorgte um den Rest seiner Lieferung im Death Valley strecken zu können.
Roy plante direkt am nächsten Morgen erneut die zwei Stunden Fahrt in Kauf zu nehmen und den Rest aufzubereiten. Kahina war zumindest mal für ungefähr drei Wochen versorgt, was ihm ein bisschen den Druck nahm. Allerdings musste die nächste Lieferung aus Portland deutlich höher ausfallen. Als er das Büro der Zuhälterin verließ, klingelte auch schon sein Mobiltelefon. Die elektronisch verzerrte Stimme war ihm schon immer unangenehm. Heute musste er aber trotzdem mit ihr Vorlieb nehmen, um seine Lieferungen zu erhöhen.
»Was gibts?«, fragte die tiefe Stimme.
»Die Lieferungen dauern entweder zu lange oder der Umfang ist zu gering. Der Bedarf ist viel höher als ich decken kann.«
»Das ist uns bekannt«, bekam er als Antwort. »Die Lösung des Problems ist bereits in Arbeit, dauert aber noch ein paar Tage. Wir melden uns, wenn die Liefermenge erhöht werden kann!« Dann war die Leitung tot.
»Blöder Arsch«, murmelte Roy vor sich her, als er das Telefon wieder wegsteckte.
Anstatt eine Lösung zu bekommen, hielt man ihn weiter nur mit billigen Versprechen hin. Er hatte das langsam satt. Der Markt in Las Vegas war geöffnet und er konnte im großen Stil verkaufen, bekam aber gar nicht die Menge an Stoff, die er brauchte. Durch sein Strecken des Stoffs generierte er zwar höhere Einnahmen, trotzdem war es ihm noch viel zu wenig. Die ganzen Jahre in der Versenkung sollten jetzt endlich ein Ende finden und ihn als reichen Mann hervorbringen. Man hielt ihn aber über die Entfernung künstlich klein. Das war einfach nicht mehr zu rechtfertigen. Roy brauchte eine andere Lösung.
Noch am selben Abend in seiner kleinen Wohnung in Las Vegas, abseits des großen Strips, legte er sich eine Strategie zurecht. Er hatte immer noch Kontakte in die Szene von früher und mit einem kleinen Angebot könnte er vielleicht seine Lieferungen deutlich erhöhen. Falls es die Liefermenge nicht nach oben brachte, wäre aber vielleicht eine Erweiterung seines Sortiments möglich. Es war bereits mitten in der Nacht als er seinen alten Kollegen anrief. Die beiden Männer kannten sich noch von seinen Anfangszeiten in dem Geschäft. Sein Leben war fast genauso wie Roys verlaufen. Beide waren sie damals aufgeflogen und mussten sich aus dem Staub machen. Während Roy nach Mexiko flüchtete, bestieg sein Kumpel ein Boot in San Diego und ließ sich nach Kanada bringen. Quellen hatten beide genug.
»Roy, du alter Taugenichts. Lebst du noch?«, fragte er am Telefon.
»Wie du hörst, atme ich noch Paul. Sprachanrufe aus dem Jenseits sind meines Wissens nach nicht möglich.«
»Wie war das Leben zu dir, alter Freund?«
»Es hätte lieber sein können, aber es wird langsam besser. Hör mal Paul, ich habe ein großes Problem mit meinen Lieferanten, hättest du jemanden an der Hand, der mir zusätzlich mehr liefern kann?«, fragte er frei heraus.
»So kenne ich dich Roy, immer gleich auf den Punkt kommen. Die erste Frage ist aber, wo du dich eigentlich herumtreibst.«
Roy huschte ein schwaches Lächeln über die Lippen, »Amerikas Spielplatz.«
Diese zwei Worte reichten aus, um jedem klarzumachen, wo man sich gerade aufhielt. Die Stadt in der Wüste Nevadas bedurfte keiner weiteren Erklärung und sie wurde sofort verstanden.
Paul pfiff durch die Zähne, »Bist du in die Oberliga aufgestiegen?«
»Nur Orts technisch«, gab Roy etwas geknickt zu. »Meine Lieferanten spielen aber immer noch in der Amateurliga und so wie es aussieht ändern sie das die nächsten 200 Jahre auch nicht. Ich brauche mehrere Lieferanten, die genug Kapazitäten aufbringen können!«
Paul atmete hörbar tief durch, »Was brauchst du Roy?«
»Ice, Snow am besten alles was geht!«
»Ich werde sehen, was ich tun kann, Roy, aber das dauert ein paar Tage.«
Die beiden beendeten das Gespräch. Roy hatte ein gutes Gefühl. Auf Paul hatte er sich schon immer verlassen können und das würde sich auch dieses Mal nicht ändern. Nun musste er nur noch warten bis sich sein Kollege mit neuen Lieferanten bei ihm meldet. Am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg, die MDM Kristalle zu kaufen und dann in seinem Versteck den Rest der Lieferung zu strecken. Er brauchte noch viel mehr Drogen, um richtig in den Verkauf einsteigen zu können. Leider dauerte das noch lange genug. Selbst wenn Paul seine Lieferanten angefragt hatte, dauerte es noch eine ganze Weile bis die Lieferungen bei ihm ankommen würden. Dann könnte Roy endlich anfangen richtig zu verkaufen.
6. Kapitel
Vereinigte Staaten, Portland (OR)
Schon seit Stunden observierte Vivian Burgess nun schon das Hochhaus im Herzen von Portland. Das Paket sollte erst im Laufe des Tages geliefert werden, hatte sie von ihrer Freundin Tiana erfahren. Soeben saß sie im Außenbereich eines kleinen Restaurants und genoss Tagliatelle in einer herrlichen Weißweinsauce. Sie kannte das Lokal noch nicht, fühlte sich von der Speisekarte auch nicht besonders angelockt, aber es war der einzige Standort, von dem aus sie ungefährdet den Eingang des gegenüberliegenden Hochhauses überwachen konnte. Immer, wenn sie dachte, ihr Päckchen würde endlich geliefert werden, stellte sich der potenzielle Agent als Geschäftsmann heraus, der einen Termin wahrnahm.
Den letzten Bissen ihrer Mahlzeit spülte sie mit einem Glas frisches Quellwassers hinunter. Gerade in diesem Moment sah sie einen Mann in zerschlissenen Klamotten das Hochhaus betreten. Sein Anzug schien schon viele Jahre in einem Schrank gelagert worden zu sein. Die Motten hatten einige Löcher in dem Stoff hinterlassen, die notdürftig mit einigen Flicken kaschiert wurden. Der Träger war ein älterer Mann, der seine besten Zeiten schon lange hinter sich haben musste. Seine Bewegungen zeugten von schmerzenden Beinen und er ging etwas gebeugt. Vivian hatte das Gefühl diesen Mann bereits schon einmal gesehen zu haben. Sie konnte sich allerdings nicht erinnern, wo das gewesen sein könnte.
Der etwas ältere betrat das Verwaltungsgebäude, hielt sich aber nicht am Empfang auf, sondern steuerte direkt auf den Aufzug zu. Entweder kannte sich der alte Mann hier aus, oder es war ihr Kurier, dachte sich Vivian. Sie musste ihm folgen, um ihre eigenen Ermittlungen am Leben zu erhalten. Allerdings zweifelte sie ernsthaft daran, dass dieser Mann im Dienst von SNB stand. Seine Tarnung mit dem alten schlechten Anzug und so unvorsichtig wie er zu Werke ging konnte er eigentlich kein Agent sein. Trotzdem lag es jetzt an ihr, diesem Geheimdienst auf die Spur zu kommen. Vivian bezahlte ihr Essen beim Kellner und wartete an der nächsten Straßenecke auf den Besucher.
Kurz darauf kam der Mann mit dem zerschlissenen Anzug wieder aus dem Verwaltungsgebäude und trat in die Frühlingssonne in Portland. Vivian beobachtete ihn aus sicherer Entfernung. Als er seinen Weg antrat, blieb sie hinter ihm und folgte ihm versteckt durch die belebte Großstadt. Sein Weg führte durch die engen Straßenschluchten bis zu einer Bushaltestelle. Vivian hatte nicht damit gerechnet, dass ein Agent mit dem Bus fahren würde. Sie brauchte auf die schnelle eine Idee, wie sie möglichst unerkannt an ihm dranbleiben konnte. Sie entschied sich in die Offensive zu gehen und etwas abseits von ihm auf den Bus zu warten. Während er völlig ruhig und gelassen vor dem Häuschen der Haltestelle stand, pirschte sie sich etwas abseits von hinten an das Häuschen heran und wartete. Sie ließ den alten Mann nicht aus den Augen.
Sein Profil glitzerte in der noch schwachen Sonne. Das Gesicht war mit tiefen Falten durchzogen und die grauen Haare hatten sich wie zu einem Heiligenschein um seinen ansonsten unbehaarten Kopf zurückgezogen. Er trug eine dicke Hornbrille auf der Nase. Vivian konnte erkennen, dass er ohne sein Nasenfahrrad so gut wie nichts mehr erkennen konnte. Das machte ihr Hoffnung unerkannt zu bleiben, wenn sie ihm folgte. Als der Bus ankam, zog er sein Ticket aus der Tasche und wartete darauf, dass der Fahrer die Türen öffnete. Neben ihm standen noch einige weitere Fahrgäste. Vivian bewegte sich ebenfalls in die Warteschlange zum Einsteigen, blieb aber außerhalb seines Sichtfelds. In den Filmen sah das immer leichter aus, jemandem unerkannt zu folgen.
Mit einiger Anstrengung und einem leisen Stöhnen erklomm der Mann die Einstiegsstufe des Busses. Unbedarft zeigte er dem Chauffeur sein Ticket und warf einen Blick in den Fahrgastraum. Nur einige Fahrgäste saßen auf den dunkelgrauen plastiküberzogenen Sitzen. Im hinteren Bereich saßen einige Schüler, die sich vor einem jungen Mädchen betont cool gaben. Der ganz normale Wahnsinn wie in jedem Bus. Als Vivian an der Reihe war, zog sie ihr Portemonnaie aus ihrer kleinen Handtasche und kaufte sich eine Fahrkarte bis zur Endstation. Da sie nicht wusste, wann ihre Zielperson den Bus wieder verließ, wollte sie auf der sicheren Seite sein.
Sie durchquerte den Mittelgang und bewegte sich selbstbewusst an ihrer Zielperson vorbei weiter nach hinten. Seinen Sitz hatte er im vorderen Teil des Fahrzeugs gefunden. Sie setzte sich etwas weiter hinten in das Fahrzeug auf einen freien Sitz auf der gleichen Seite. Um sie zu entdecken, müsste er schon den Kopf um hundertachtzig Grad drehen. Vivian versuchte sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen, aber das Adrenalin pumpte in großen Mengen durch ihre Blutbahn. Wenn der alte Mann sie entdecken würde, müsste sie wieder einiges erklären. Allerdings schien der potenzielle Agent nicht weiter auf seine Mitfahrer zu achten. Vivian erfuhr währenddessen einige Beachtung durch die jüngeren Fahrgäste im hinteren Teil. Das junge Mädchen hatte sich Kopfhörer aufgesetzt und achtete nicht weiter auf die Sprüche der Gleichaltrigen. Diese hatten sich jetzt Vivian ausgesucht, um ihre Versuche anzubringen.
Es dauerte nur einige Sekunden bis einer der Testosterongesteuerten Jünglingen mit tausenden Pickeln anfing sie zu bezirzen. Vivian wollte ihn, ohne großes Aufsehen, wieder loswerden, um ihre Zielperson nicht auf sie aufmerksam zu machen. Sie entschied sich für einen besonderen Auftritt dem jungen Gegenüber. Sie bedachte ihn mit einem abschätzigen Blick und ließ ihn auf seiner Körpermitte einige Sekunden verweilen. Dann setzte sie ein kleines Lächeln auf, beugte sich zu seinem Ohr und flüsterte ihm zu, »Nächstes Jahr, wenn du volljährig wirst, darfst du mich gerne nochmal ansprechen. Ich habe immer Bedarf an neuen Sklaven, die mein Leben finanzieren und sich für ein Leben entscheiden, dass ihnen das Abspritzen verbietet. Wann wirst du denn volljährig?«
Der Junge machte ein erschrockenes Gesicht und verzog sich sofort wieder zurück zu seinen Kollegen. Vivian lächelte, denn kurz darauf begann das Getuschel unter den Jugendlichen auf den hinteren Sitzplätzen. Diese kurze Ansage hatte ausgereicht, um dem Jugendlichen klarzumachen, dass er nicht das geringste bei ihr zu suchen hatte. Das hatte sie in einigen Jahren bereits gelernt. Den jungen ging es nur darum eine hübsche Frau ins Bett zu bekommen. Wenn man ihnen aber direkt klarmachte, was sie mit ihr erwarten würde, verzogen sie sich. Wenn es hieß, nicht mehr ejakulieren zu dürfen, zog sich ihre vergrößerte Libido sofort zurück und versteckte sich. Der Funk unter den Jugendlichen erledigte dann den Rest, denn keiner hatte daran ernsthaftes Interesse. Selbst, wenn konnte er sich im Kreise seiner Freunde nicht leisten darauf anzuspringen.
Die Linie des Busses führte immer weiter aus der Innenstadt von Portland hinaus. Die Häuser an der Straße wurden deutlich kleiner und die Menschen weniger. Ihre Zielperson einige Reihen vor ihr schaute verträumt aus dem Fenster. Immer mehr Grün tauchte an der Straße auf und die großen Bürotürme der Innenstadt verschwanden hinter ihnen im Abgasnebel. Auch die Abstände zwischen den Haltestellen wurden immer größer. Vivian warf einen Blick auf den Streckenverlauf, der als Diagramm über ihr hing. Die Anzeige auf dem Monitor im vorderen Teil hinter dem Fahrer zeigte ihr, dass sie nur noch einige Haltestellen bis zur Endstation hatten.
Erst als die vorletzte Haltestelle auf der Route angesagt wurde, machte sich ihre Zielperson bereit auszusteigen. Sie waren in einer ziemlich spärlich besiedelten Vorstadt angekommen. Die kleinen Häuser am Straßenrand waren allesamt in einem eher erbärmlichen Zustand. Die Farbe der Fassaden war verblasst oder hing schon in langen Fetzen an den Behausungen herunter. Vivian konnte sich noch gut an diese Art zu leben erinnern. Auch sie war erst seit ihrer Ausbildung langsam aus so einer Gegend in die Stadt geflüchtet. Ihre Wohnung war zwar auch nicht gerade eine Mansarde in einem angesagten Viertel der Stadt, aber zumindest war sie ruhig und doch zentral gelegen. Sie hatte sogar den Vorteil eine U-Bahn-Station in ihrer Straße zu haben. So brauchte sie bis in die Innenstadt nur einige Minuten.
Als der Bus anhielt und ihre Zielperson mit einem unsicheren Schritt auf den schmutzigen Asphalt das Fahrzeug verließ, schickte sie sich auch an das Vehikel zu verlassen. Der alte Mann beachtete sie nicht, als er sich in die entgegengesetzte Richtung des Busses auf den Weg machte. Vivian blieb einige Sekunden verwirrt an der Bushaltestelle stehen und sah ihm unsicher hinterher. Das konnte beim besten Willen kein Agent des SNB sein. Trotzdem musste sie an ihm dranbleiben. Der Weg sollte nicht umsonst sein und sie wollte zumindest in Erfahrung bringen, wer das war und was er damit zu tun hatte.
Sie folgte ihm noch eine ganze Weile in sicherem Abstand zu einem verwildert aussehenden Haus in einer schrecklich aussehenden Straße. Immer wieder musste der Alte vor ihr eine kurze Pause einlegen, um den Weg zu überstehen. Er war nicht mehr wirklich so fit auf den Beinen und brauchte die Pausen wohl um Luft zu holen. Das Haus, auf das er zusteuerte, war von einem alten verrosteten Zaun umgeben und die Büsche im Vorgarten schienen seit Jahrzehnten nicht mehr zurückgeschnitten worden zu sein. Sie ragten meterhoch vor der beigen Fassade auf, die einmal in Weiß gestrichen wurde. Der alte Mann zog seinen Schlüssel aus der Tasche seines Anzugs und betrat das Haus. Vivian sah ihm von weitem zu. Das Sideboard, was sie im Flur stehen sah, war genauso abgetakelt wie der Anzug, den ihre Zielperson trug.
Vivian entschied sich nach wenigen Minuten ihrer Zielperson zu folgen und lief an seinem Briefkasten vorbei. Ein Name war nicht darauf vermerkt, aber es lagen einige Briefe darin. Vorsichtig sah sie sich um und als niemand zu sehen war griff sie sich einen der Briefe auf dem die Adresse angegeben war. Auf dem Weg zurück zur Bushaltestelle sah sie sich den Namen des Empfängers an. Das Schreiben war an einen Curtis Chase adressiert. Das war also der Name des Agenten, den sie verfolgt hatte. Während sie auf ihre Fahrgelegenheit in die Stadt wartete, nahm sie ihr Mobiltelefon aus der kleinen Handtasche und schrieb eine Nachricht an ihre Freundin Tiana Nielsen, für die sie diesen Auftrag übernahm. Ihre Freundin sollte am Abend den Namen überprüfen und alles herausfinden, was interessant sein könnte.
Die Busfahrt zurück nach Portland machte sich Vivian einige Gedanken zu dem alten Mann, den sie bis in die graue Vorstadt verfolgt hatte. Das konnte definitiv kein Agent des SNB sein, es sei denn er hatte die fast perfekte Tarnung. Die ganze Fahrt über machte sie sich die verschiedensten Gedanken und entwarf in ihrem Kopf ein paar mögliche Szenarien. Trotzdem musste sie davon ausgehen wieder jemanden verfolgt zu haben, der nur einen kleinen Auftrag erledigte. Die erste Verfolgung führte sie auch nur zu Tiana die, wie sie selbst einige Aufträge für das SNB erledigen durfte. An die Organisation war scheinbar kein herankommen.
In der Innenstadt wischte sie die negativen Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf ihren Auftrag. Sie betrat das Verwaltungsgebäude und nahm den Fahrstuhl bis in die 14. Etage. Dort wandte sie sich nach links und folgte dem Gang bis zur Feuertreppe an der Außenseite. Dort war der Kasten des Wasserschlauchs, dessen Verschluss bereits geöffnet war. Noch einmal blickte sie sich um, ob sie niemand beobachtete, aber niemand beachtete die junge Frau. Vivian öffnete den Kasten und sah das in hellblauen Plastik eingeschlagene Paket darin liegen. Sie nahm es in die Hand und ließ es unter ihrer dünnen Jacke verschwinden. Mit dem Oberarm presste sie es unter ihre Achsel und ging zurück zum Aufzug. Erst dort verstaute sie das Päckchen in ihrem hinteren Hosenbund. So verließ sie das Bürogebäude und ging hinüber zu dem Restaurant, in dem sie schon den halben Tag auf der Lauer lag. Dieses Mal nahm sie sich einen Tisch im Innenraum. Den Kellner ließ sie nur ein Erfrischungsgetränk bringen.
Als es vor ihr auf dem Tisch stand, nahm sie einen tiefen Schluck aus dem Glas. Dann stand sie auf und verschwand auf der Toilette. Vivian schloss sich in einer Kabine ein und befreite das Paket. Sie setzte sich auf den Thron und betrachtete das Päckchen in ihrer Hand. Es war nicht besonders groß und wog auch nur einige hundert Gramm. Sie wollte endlich wissen, was sie da transportierten, wenn sie schon nicht herausfinden konnten, wer hinter der Organisation steckte. Mit feuchten Händen zog sie die dicke Plastikfolie auf die Seite. Heraus kam ein weißer Block in der Größe einer Handypackung, der erneut mit einer durchsichtigen Zellophanhülle umhüllt war. Das innere sah aus wie grobes Meersalz, was man zu einem Block zusammengepresst hatte. Sofort schoss ihr ein unangenehmer Gedanke in den Kopf. Sie und ihre Freundin transportierten Drogen für eine angebliche Bundesbehörde durch die Stadt.
Sie konnte dieses Päckchen nicht einfach blindlings abliefern, als ob sie nichts gesehen hätte. Aber würde man sie aus den Augen gelassen haben? Wer immer auch dahintersteckte, musste ein Interesse daran haben, dieses Paket an seinen Bestimmungsort zu bringen und den Kurier wahrscheinlich überwachen. Vivian brauchte auf der Stelle einen Ausweichplan. Sie entschied sich dafür, das Päckchen im Spülkasten des Restaurants zurückzulassen und ein Kaufhaus in der Innenstadt aufzusuchen, um dort einen Ersatz zu erwerben, den sie dann abliefern konnte. Ohne das Paket weiter mit sich herumzutragen setzte sie sich wieder an ihren Tisch. Aus den Augenwinkeln achtete sie auf die Personen um sie herum.
Nach einiger Zeit, ihr Getränk war bereits leer war sie sie sicher nicht beobachtet zu werden. Vivian bezahlte und verließ das Restaurant. Sie nahm Kurs auf einen großen Supermarkt, immer darauf achtend, dass niemand ihr folgte. Mehrfach sah sie sich unsicher um. Aber je mehr Menschen sie auch beachtete, konnte sie niemanden ausmachen, der ihr folgte. In dem Verkaufshaus angekommen steuerte sie die Abteilung mit den Gewürzen an. Sie brauchte etwas Vergleichbares zu dem Pulver in der Packung. Grobes Meersalz war ihr deutlich zu teuer, denn die Menge, die sie benötigte, würden ihre finanziellen Möglichkeiten deutlich überschreiten. Nach einigem Umsehen fand sie ein Süßungsmittel mit der gleichen Textur. Zu ihrem Glück war dieses Pulver auch noch im Angebot. Für kleines Geld kaufte sie sich zwei Packungen davon. Das nächste Ziel war die Zubehörabteilung um Plastikbeutel zu erstehen. Alles, was sie dann noch brauchte, war bläuliche Plastikfolie. Die gab es zum Glück überall zu kaufen.
Mit den ausgesuchten Sachen steuerte sie die Kasse an und bezahlte sie ordnungsgemäß. Zusätzlich steckte sie alles zusammen in eine Tragetüte und machte sich auf den Weg zu ihrer Wohnung. Immer wieder blickte sie sich deutlich nervös um, aber es war niemand zu sehen, der ihr folgte. Erst als ihre Wohnungstür hinter ins Schloss fiel und sie die Kette vorlegte, fühlte sie sich sicher. Ohne Umschweife setzte sie sich an ihren Küchentisch und präparierte das abzuliefernde Päckchen, wie sie es im Restaurant zurückgelassen hatte. Als sie damit fertig war, steckte sie es wieder in den hinteren Hosenbund und verließ ihre Wohnung zum vorgeschriebenen Lieferort.
7. Kapitel
Bahamas, Nassau
Nach einem langen Tag im Büro hatten es sich die beiden Mütter Leonie und Dolores gemütlich gemacht. Die beiden Mädchen tollten wie gewöhnlich in ihrem Pool herum. Michael war noch unterwegs, um einige Besorgungen zu machen. Es war erst früh am Nachmittag, aber Dolores wusste, was noch auf sie warten würde. Diese Woche musste sie wieder auf ihrem privaten Schießstand bestehen. Sie hatte, mit Michael ausgemacht ihre Probleme zu beseitigen. Dazu gehörte ein extremes Fitnessprogramm und Lektionen was den Umgang mit Waffen unter Stress betraf. In den letzten Wochen war sie jeden Tag viele Kilometer an der Seite des ehemaligen Bodyguards gerannt, hatte Gewichte gestemmt und sich immer wieder völlig verausgabt. Sie hätte nie gedacht, dass der eher übergewichtige Michael in so einer Form sein konnte. Er hatte jede Übung mit ihr mitgemacht und doch noch zu Scherzen aufgelegt.
Valeria und ihre Halbschwester waren schon die halbe Woche bester Laune. Während sie bei ihren geliebten Pferden weilte, durfte ihre Halbschwester unter Aufsicht im Garten auf Gemüse und Früchte anlegen. Die Mütter wechselten sich ab mit den beiden. Emilia hatte viele Tipps von ihrer Mutter übernommen und wurde immer besser. Michael hatte sich für heute etwas Besonderes für seine Tochter ausgedacht. Da Valeria die meiste Zeit auf einem immer wieder wechselnden Pony verbrachte, hatten die Eltern zusammen entschieden, ihr eine Reitbeteiligung zu kaufen. Micha hatte sich bereit erklärt alles dafür in die Wege zu leiten und Angebote einzuholen. Entscheiden musste dann die kleine Valeria alleine. Sie wollten ihr nicht vorschreiben, auf welchem Pony sie reiten sollte. Die kleine musste mit dem Gaul auch zurechtkommen. Letzten Endes war es ihre Entscheidung.
Die beiden nackten jungen Mädchen warteten bereits ungeduldig auf ihren Vater. Als er endlich mit zwei dicken Einkauftüten durch die Tür kam, waren die beiden nicht mehr zu halten. Seit sie ihre Hobbys hatten, denen sie fast täglich exzessiv nachgingen, mussten sie auch fast nicht mehr in der Küche helfen. Mittlerweile fehlte es ihnen schon ein bisschen, was sie natürlich nicht zugeben wollten. Aber es war ausgemacht, dass sie zusammen mit Valeria in den Reitstall fahren würden, wenn Michael die Einkäufe weggeräumt hatte. Dolores Tochter hatte mit ihrer Schwester verabredet so gut sie konnten zu helfen, damit sie so schnell wie möglich in den Reitstall kam. Die Begrüßung fiel trotzdem wie immer aus. Die beiden kleinen Mädchen umarmten ihren Vater, der jedes Mal extra auf die Knie ging und den beiden einen dicken Kuss gab.
»Hallo ihr beiden Zaubermäuse. Ihr könnt es wohl kaum noch erwarten endlich hier wegzukommen«, lachte er als er die beiden im Arm hatte.
Natürlich waren die beiden nicht mehr zu halten. Sie hatten schon den halben Tag auf exakt diesen Moment gewartet. Dementsprechend machten sich die drei auch gleich daran, die Lebensmittel wegzuräumen. Die beiden Mütter beobachteten lachend wie die beiden Mädchen die Tüten ausräumten und Michael alles anreichten, der es dann in den Schränken verstaute. Die beiden Mädchen hatten bereits schon nach dem Frühstück ihre Kleider bereitgelegt, die sie am Nachmittag anziehen wollten. Valeria hatte natürlich ihre Reiterausrüstung bereitgelegt. Emilia begnügte sich mit einem kurzen Sommerkleid. Nachdem die beiden Tüten leer waren, rannten die beiden in ihr Zimmer und zogen sich an.
Währenddessen informierte Michael seine beiden Frauen über eine kleine Änderung in ihren Plänen. Nachdem er sich die Preise einer Reitbeteiligung auf den verschiedenen Ponys angesehen hatte, kam er zu dem Schluss, dass sich das nicht im Geringsten rechnete. Stattdessen hatte er sich nach Ponys zum Kaufen umgesehen und einige gefunden, die gar nicht so teuer waren. Davon wusste Valeria natürlich noch nichts. Statt einer Reitbeteiligung bekam sie ein eigenes Pferd und durfte selbst Reitbeteiligungen anbieten. Valeria erfuhr das allerdings erst, als sie schon unterwegs waren. Sie kannte den Weg zu ihrem Reitstall schon im Schlaf und merkte sofort, dass Michael nicht dahin fuhr. Sie beschwerte sich lautstark, weil sie nicht länger warten wollte.
Erst dann erklärte ihr Michael, dass er ein eigenes Pony für seine Tochter kaufen wollte, statt jeden Monat eine Reitbeteiligung zu finanzieren. Die paar Tausend Dollar die er dafür ausgeben musste würden sich schon nach kurzer Zeit amortisieren. Außerdem hatte Valeria so immer ihr eigenes Pferd, auf dem sie reiten konnte, wann sie wollte. Emilia freute sich für ihre Halbschwester, denn sie bekam ebenfalls eine Überraschung, wie ihr Michael versprach. Dolores hoffte, dass ihre Tochter lange genug brauchen würde, sich ein Pony auszusuchen. Je länger ihre Kleine dafür benötigte, umso weniger Zeit würde für sie und Michael auf dem Trainingsgelände übrig bleiben. Das war allerdings vergebens, denn gleich das erste Pony, was sie sich anschaute, gefiel der Kleinen so gut, dass sie am liebsten direkt darauf sitzen geblieben wäre.
Das Pony würde erst am nächsten Tag in den Stall auf dem Reiterhof gebracht werden, was bedeutete, dass Valeria heute noch ein letztes Mal auf einem Übungspony Platz nehmen musste. Leonie würde heute bei ihr bleiben während Micha und Dolores zu Hause trainierten. Ihre nächste Lehrstunde bei François Pierlot in Lyon würde erst nächsten Monat stattfinden. So lange trainierte sie alleine im Garten hinter dem neu gebauten Haus der Familie. Michael setzte die beiden am Reiterhof ab, wünschte ihnen viel Spaß und machte sich dann mit Emilia und Dolores wieder auf den Rückweg. Die Kleine bohrte bei ihrem Vater nach, was er sich als Überraschung für sie ausgedacht hatte. Er bat sie zu warten bis sie zu Hause waren. Sie geduldete sich noch die paar Minuten. Dolores war nicht gerade so begeistert. Sie hatte gehofft, dass diese Aktion deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würde.
Als der Motor des großen SUV auf dem Parkplatz vor ihrem Haus erstarb, drehte sich Michael zu seiner Tochter um und bat sie nicht sofort ins Haus zu rennen. Er stellte sich vor den Kofferraum, drückte seiner Tochter den Schlüssel in die Hand und sagte, »Dein Geschenk liegt im Kofferraum. Du machst ihn auf und darfst dir dann dein Geschenk nehmen.«
Die kleine bekam leuchtende Augen und Dolores machte ein überraschtes Gesicht. Sie hatte ebenso wie Leonie keine Idee, was er sich hatte einfallen lassen. Emilia drückte auf den Knopf der Fernbedienung. Die Heckklappe fuhr nach oben und im Gepäckraum des Fahrzeugs kam ein schwarzer Plastikkoffer zum Vorschein. Emilia griff sofort zu und rannte damit ins Haus. Als sie verschwunden war, fragte Dolores, »Was ist da drin?«
Micha begann zu lachen, »Ich habe bei François eine Kleinigkeit für sie bestellt. Es ist eine Sonderanfertigung für Emilia. Eine Faustfeuerwaffe, die exakt die gleichen Kügelchen verschießt wie ihr Luftgewehr. Allerdings ist der Rückstoß wohl noch ein bisschen zu stark für ihre zarten Hände und auf eine gewisse Entfernung ist das Dingen sogar tödlich, wie er sagte. Kam bereits vor drei Tagen hier an und ich habe es erst heute abgeholt. Leonie weiß auch noch nichts davon.«
»Du bist völlig verrückt, mein Schatz«, grinste sie ihn an und gab ihm einen Kuss.
Michael nahm Dolores in den Arm und flüsterte, »Natürlich bin ich verrückt. Das sollte eigentlich niemanden mehr überraschen. Wer mit gleich vier Frauen unter einem Dach lebt, muss total verrückt sein!«
Dolly versetzte ihm einen kleinen Schlag auf den Oberarm und ging mit ihm ins Haus. Emilia hatte den Koffer bereits auf dem Sofa abgelegt und geöffnet. Sie konnte nicht glauben, was ihr Vater da für sie besorgt hatte. Die Pistole sah fast genauso aus wie die Dienstwaffen der Agenten. Der Lauf war natürlich entsprechend des Kalibers deutlich kleiner, aber es sah fast aus wie eine Echte. In dem Koffer lagen sogar noch vier Magazine für die Waffe, die sie erst laden musste. Allerdings funktionierte die Waffe nur mit einem gewissen Luftdruck. Dafür brauchte sie hinten am Verschluss eine Gaspatrone, die allerdings nicht eingepackt waren. Michael wusste das und hatte extra noch ein paar davon besorgt. Das Training, was Dolores noch bevorstand, wurde eher zum Training für Emilia, die mit der Waffe in der Hand die gleichen Übungen wie die beiden Erwachsenen absolvieren durfte.
Allerdings war der Rückstoß für die kleine Emilia schwer zu kontrollieren. Bei ihrem Luftgewehr fing das ihre schmale Schulter auf, aber bei der Faustfeuerwaffe mussten ihre Arme das alles abfedern. Nach nicht einmal einer Stunde musste sie unter Tränen aufhören. Ihr taten furchtbar die Arme weh und sie konnte einfach nicht mehr damit feuern. Micha musste seine Tochter trösten und ihr versprechen, dass er mit ihr üben würde, damit sie länger damit schießen konnte. Dolores ging zurück ins Haus und nahm die extra gekaufte Knallwaffe mit nach draußen. Damit konnte sie zumindest mit den beiden trainieren, was ihr bedeutend mehr Spaß machte als Dolores. Aber auch sie erkannte einen Vorteil für sich darin. Da Emilia mit den beiden unterwegs war, fiel ihr Training nicht ganz so hart aus.
Nach etwas mehr als drei Stunden beendeten sie das Schießtraining. Micha hatte sich aber für den Abschluss noch etwas Besonderes für die jüngste ausgedacht. Zum ersten Mal durfte sie mit der Waffe ihres Vaters auf ein extra aufgestelltes Ziel schießen. Dazu legte sie sich auf der Terrasse auf eine Unterlage und richtete die Glock 17 ihres Vaters nach vorne. Micha kniete sich mit den beiden Beinen neben den kleinen Körper und lehnte sich nach vorne. Da Emilia den Rückstoß einer echten Waffe auf keinen Fall halten konnte, stützte er ihre kleinen Hände. Sie musste zielen und alleine abdrücken, er würde nur den Rückstoß abfedern.
Für seine Tochter war das ein absolutes Highlight. Das erste Mal, mit einer scharfen Waffe auf eine Zielscheibe anzulegen war etwas Besonderes. Michael zog ihren Gehörschutz, den sie alle trugen auf die Seite und gab ihr einige Tipps. Sie durfte insgesamt fünf Schüsse abfeuern. Micha übernahm nur das Abfedern für seine Tochter. Sie war begeistert. Die Schüsse, die sie abfeuerte, trafen allerdings nicht das aufgestellte Ziel, sondern landeten deutlich daneben. Eine echte Waffe war eben doch etwas anderes als ihre Übungswaffen. Trotzdem wollte sie gar nicht mehr damit aufhören. Micha ließ sich nicht erweichen ihr mehr als fünf Versuche zu genehmigen.
Während die Erwachsenen hinter ihr die beiden Dienstwaffen reinigten, durfte sie mit ihrem Luftgewehr üben. Emilia kam wirklich nach Leonie. Am liebsten würde sie abends ihr Gewehr mit ins Bett nehmen. Allerdings bestanden ihre Eltern darauf, die Waffen ungeladen in ihrem eigenen Waffenschrank einzuschließen. Den Schlüssel musste sie jeden Abend abliefern bevor sie ins Bett ging. Aber da der Schrank in ihrem Kinderzimmer stand, hatte sie ihre Schätze die ganze Nacht im Auge. Valeria hatte extra ein Regal bekommen, in dem ihre Reitsachen einen eigenen Platz hatten. So hatten beide Mädchen das wichtigste immer im Blick, wenn sie in ihrem Zimmer waren.
Als Leonie anrief um sie und Valeria vom Reiterhof abzuholen nahm sich Dolores die Autoschlüssel und machte sich auf den Weg. Micha würde in der Zwischenzeit anfangen zu kochen. Völlig unerwartet half ihm seine Tochter beim Kochen. Das war ihre Art sich noch einmal bei ihrem Vater zu bedanken. Obwohl sie es eigentlich nicht musste und mochte, half sie ihrem Vater in der Küche. Als Dolly mit den beiden anderen Familienmitgliedern ankam, hatten sich Vater und Tochter ein bisschen Musik angemacht und tanzten durch die Küche. Es roch bereits nach frisch gekochtem Essen. Leonie hatte schon auf der Fahrt erfahren, was Emilia bekommen hatte und wollte sich die neue Waffe unbedingt anschauen.
Die von François hergestellte Handfeuerwaffe sah einer Dienstwaffe der Agenten täuschend ähnlich und glänzte in schwarzem Lack. Eigens für die jüngste besaß sie mehrere Gravuren mit den Buchstaben EK. Selbst der Griff war auf beiden Seiten damit verziert. In dem Koffer lagen die vier Magazine, die jeweils 40 der kleinen Stahlkugeln fassen konnten und ein Zertifikat. Es war ein Einzelstück und extra für die kleine Emilia hergestellt. Leonie fragte bei ihrer Tochter nach, ob sie es ihr erlaubte einige Stahlkugeln daraus abzufeuern. Natürlich stimmte ihre Tochter zu und folgte ihrer Mutter nach draußen. Leonie legte ein Magazin ein und gab einige Schüsse daraus ab. Es fühlte sich fast an wie ihre Dienstwaffe, nur der Rückstoß war deutlich kleiner als bei einer echten Waffe. Trotzdem hatte die kleine Stahlkugel, die aus dem Lauf flog, so viel kinetische Energie, um jemanden ernsthaft zu verletzen. Nachdem Emilia auch noch erzählte aus der Dienstwaffe ihres Vaters einige Schüsse abgegeben zu haben war Leonie sichtlich stolz auf ihre Tochter.
Beim Abendessen gab es unterschiedliche Themen am Tisch. Valeria freute sich wie an Weihnachten über ihr neues Pony, das ab morgen im Stall stehen würde. Michael musste sein Versprechen Emilia zu trainieren noch einmal bestätigen. Für die beiden Mädchen war der Tag unvergesslich. Wieder einmal hatten sie beide etwas Einzigartiges bekommen. Leonie hatte allerdings noch eine Idee für den Abend. Sie warf die Idee in den Raum, die beiden Mädchen einige Kugeln aus einem ihrer Gewehre abfeuern zu lassen. Emilia war sofort Feuer und Flamme, während Valeria nicht so begeistert war. Sie hatte einfach keinen Spaß an Waffen und wollte das auch nicht. Allerdings wollte sie ihrer Halbschwester diese Möglichkeit auch nicht verwehren. Dolly machte den Vorschlag, dass Emilia einige Kugeln aus einem Gewehr ihrer Mutter abfeuern durfte und Valeria dafür einen Wunsch bei ihren Eltern freihaben würde. Die beiden Mädchen steckten sofort wieder die Köpfe zusammen und sprachen über diese Idee. Es war schön zu sehen wie die beiden miteinander harmonierten und sich absprachen. Es war ihnen ins Blut übergegangen, alles zu besprechen, was beide betraf.
Sie waren mit dem Vorschlag einverstanden. Leonie nahm ihre Tochter an die Hand und brachte sie zu ihrem Waffenschrank, der deutlich größer war. Sie durfte sich eine davon aussuchen, mit der sie schießen wollte. Die erste Rückfrage von Emilia war, welche davon den kleinsten Rückstoß hatte. Sie machte sich Sorgen um ihre Schulter. Nachdem ihre Hände schon wegen der neuen Waffe weh taten, wollte sie das nicht auch noch an ihrer Schulter erleben. Leonie gab zu, dass sie das nicht aushalten würde, egal welche davon sie sich auch aussuchte. Allerdings war die Lösung ganz einfach. Die Mutter würde das Gewehr an ihrer Schulter andrücken und Emilia würde zielen und feuern wie vorher schon bei Michaels Dienstwaffe. Emilia suchte sich dann das für Leonie personalisierte Gewehr aus.
Leonie verhakte ihr Gewehr mit der integrierten Auflage in den Platten der Terrasse und presste ihre Schulter dagegen. Emilia legte sich neben ihre Mutter und machte große Augen als sie einen Blick durch das Zielfernrohr warf. Das war ein deutlich besseres als sie auf ihrem Luftgewehr montiert hatte. Aber Leonies Gewehr war auch auf weitere Entfernungen ausgelegt. Diese Strecken würde Emilias Luftgewehr niemals erreichen. Die Tochter von Micha und Leonie durfte eine einzelne Patrone einlegen und dann auf ein beliebiges Ziel anvisieren. Leonie zwang sich nicht zu überprüfen wie ihre kleine Tochter anlegte. Sie ließ sich überraschen. Emilia dirigierte das Fadenkreuz auf die Position, die sie treffen wollte und drückte dann den Abzug durch. Das Projektil durchschlug das anvisierte Ziel und Emilia warf die kleinen Arme in die Luft. Das war für sie das bis dahin beste Erlebnis ihres jungen Lebens.
In Zukunft durfte sie mit ihrem Vater und Dolores trainieren und dann auch öfter mit den Dienstwaffen der beiden schießen. Die beiden Mädchen konnten nicht glücklicher sein. Sie waren auf der ganzen Insel einzigartig. Sie hatten einen Vater, der für die beiden alles Erdenkliche möglich machte und sie vergötterte. Und sie waren die einzigen Kinder, die gleichzeitig zwei Mütter als ihr eigen bezeichnen konnten. Die anderen Kinder aus dem Kindergarten waren etwas neidisch auf die beiden Mädchen. Ihr Elternhaus funktionierte tadellos und immer war jemand für sie da. Während der Ferien durften die beiden auch deutlich länger aufbleiben als ihre Freundinnen aus der täglichen Erziehungsanstalt.
Die anderen wussten nicht, was die Eltern der beiden Mädchen arbeiteten, aber sie waren immer erreichbar. Viele Eltern hatten das Problem, dass sie nicht einfach von der Arbeit zu ihren Kindern eilen konnten. Nur ab und an waren weder die Mütter noch der Vater einige Wochen nicht zu sehen. Stattdessen hatten sie entweder den Vater von Damien dabei oder eine junge Frau, die sich um sie kümmerte. Trotzdem waren sie äußerst beliebt bei ihren Freunden im Kindergarten. Nur die Erzieherinnen hatten ein kleineres Problem mit den beiden Kindern. Wann immer sie etwas besprachen, was die Erwachsenen nicht mithören sollten, wechselten sie in eine andere Sprache, die niemand verstehen konnte. Beide sprachen Englisch, aber auch Deutsch und Spanisch, was die Erzieherinnen immer wieder zur Weißglut brachte.
8. Kapitel
Vereinigte Staaten, Portland (OR)
Der Ort, an dem Vivian Burgess ihr Paket abliefern sollte, lag etwas außerhalb der Stadt in einem Etablissement, das nicht gerade einladend auf die Damenwelt wirkte. Die einschlägigen Läden lockten vorwiegend Männer, die gegen Bezahlung ihren Trieb befriedigen konnten. Frauen betraten diese Lokalitäten eigentlich nicht, wenn sie nicht gerade dort arbeiteten. Vor allem reagierten die dort angestellten Damen ziemlich negativ auf weitere Frauen. Stutenbissigkeit machte sich breit, weil sie sich um ihre Einnahmen Sorgen machten. Die roten Lampen sollten nicht nur anziehend auf die Männerwelt wirken, sondern auch eine flüchtig erotische Stimmung zu erzeugen.
Zudem war auch in Portland, wie in den gesamten USA, Prostitution illegal. Nur in Nevada wurde sie geduldet. Das änderte allerdings nicht daran, dass die örtliche Polizei fast nichts dagegen unternehmen konnte. Diese Etablissements gab es trotzdem an fast jeder Straßenecke außerhalb der Städte. Vivian wollte es nicht wahrhaben in diese Lokalität zu gehen und dort etwas zu hinterlegen. Ihr vorbereitetes Päckchen trug sie im hinteren Hosenbund mit sich. Bevor sie hineinging, überprüfte sie noch einmal sorgfältig, ob sie an alles gedacht hatte. Ihr war ziemlich unwohl als sie auf die Tür zutrat.
In der Luft hing ein widerlicher Geruch nach tausenden Parfüms, deren Melange in ihrer Nase kitzelte und jede Menge Zigarettenrauch. Es war kaum auszuhalten. Vivian wollte so schnell wie möglich wieder aus dem Laden raus, aber sie musste erst noch den Auftrag, den sie von ihrer Freundin Tiana übernommen hatte, zu einem Ende bringen. Aufgrund des Ortes, an dem sie sich befand, wollte sie es sofort hinter sich bringen. Ein Getränk bestellte sie besser nicht, denn das würde bedeuten sie müsste länger hier ausharren als nötig. An der improvisierten Bar, die aus einem einfachen Brett zu bestehen schien, drängten sich viele, fast unbekleidete junge Damen um einige Männer. Diese saßen auf unbequem aussehenden Hockern aus Holz, rauchten wie alte Kamine und betatschten die Damen.
Der ganze Gastraum stand vor Dreck und Abfall. Nicht einmal die Gläser waren ordentlich gespült. Die Herren der Schöpfung fingen sich garantiert keine Krankheiten ein. Sie desinfizierten sich von innen mit dem hochprozentigen Alkohol, der in ihren Gläsern schaukelte. Vivian rümpfte die Nase. Sie wollte hier besser nichts berühren. Die Tür zur Toilette hatte die besten Zeiten schon lange hinter sich. Sie hing schief in ihrem Rahmen und der Lack war schon seit gefühlt hundert Jahren abgeblättert. Die beiden aufgeklebten Nullen hingen nur noch an einigen Kleberesten fest und machten den Eindruck, als würden sie sofort abfallen, wenn man die Tür etwas fester schloss.
Der Raum, den Vivian als Toilette vorfand, erinnerte entfernt an ein schmieriges Kellerloch. Die hellen Fliesen an den Wänden waren übersät mit Schlieren und einem offensichtlichen Fettfilm. Die Toilettenschüsseln wiesen dieselbe Verschmutzung auf, nur unterbrochen durch einige runde helle Stellen. Sie versuchte die Tür abzuschließen, um alleine zu sein. Um nichts zu berühren, nahm sie sich ein graues Papier aus dem Spender, der neben dem dreckigen Waschbecken an der Wand klebte. Vivian faltete das Papier doppelt und zog den Riegel an der Tür vor. Dann begann sie die Fliesen an der Wand abzuzählen. Fünfte Reihe von unten und die 18. Platte von rechts der Tür war als Versteck angegeben.
Nachdem Vivian die Platte ausfindig gemacht hatte, nahm sie sich eine extra eingesteckte Nadelfeile aus ihrer Handtasche. Vorsichtig löste sie damit die Fliese an der Wand, die schon nach dem ersten aufhebeln fast von alleine auf den Boden fiel. Vivian stützte sie mit ihrem Papiertuch ab. Dahinter war in der Wand ein großes Loch verborgen. Man hätte darin auch bequem ein ganzes Radio unterbringen können. Sie fummelte das vorbereitete Päckchen aus dem Hosenbund und stopfte es sorglos in die Vertiefung. Es verschwand vollständig darin. Sie klappte die Platte wieder nach oben bis sie wieder an ihrem Platz saß und drückte sie mit dem Papiertuch fest.
Sie betrachtete noch einmal ihr Werk und öffnete dann wieder den Riegel an der Tür. Vivian ließ das Papier einfach auf den Boden fallen, als sie aus dem Raum wieder auf den Gang trat. Wieder stieg ihr der ekelhafte Geruch in die Nase und sie musste einen Würgereiz unterdrücken. Ohne auf etwas anderes zu achten, verließ sie das Etablissement. Auf der Straße atmete sie einige Male tief durch, um den Rauch aus ihrer Lunge zu bekommen. Vivian hatte das dringende Bedürfnis sich sofort unter eine Dusche zu stellen und sich einige Stunden abzuschrubben. Allerdings konnte sie das noch nicht. Sie hatte noch etwas anderes vor.
Die Straßen der Großstadt Portland erstrahlten unter der künstlichen Beleuchtung. Zu dieser Zeit wurde es noch sehr früh dunkel und die vielen Laternen spendeten ein gelbliches Licht. Ihr Weg führte sie zurück in die Innenstadt mit den großen Bürogebäuden. Vivian setzte sich in ein kleines Café und zog ihr Mobiltelefon aus der Handtasche. Sie musste Tiana informieren, was sie entdeckt hatte. Sie wählte die Nummer ihrer Freundin und wartete bis das Gespräch aufgebaut war.
»Hallo Vivian, du bist zu früh. Ich bin noch dabei etwas herauszufinden«, meldete sich Tiana mit fröhlicher Stimme.
»Ich kann nur hoffen, dass es für uns nicht schon zu spät ist!«, sagte Vivian verärgert. »Man setzt uns als Drogenkuriere ein. Das Päckchen, was du transportieren solltest, enthielt irgendein grobkörniges Pulver.«
»Das kann alles Mögliche sein«, erwiderte Tiana.
Vivian verdrehte einen Moment die Augen, »Warum sollte man uns wohl dafür bezahlen ein Pulver durch die Gegend zu tragen und dann auch noch in einem illegalen Bordell abliefern?«
»Was weiß ich? Vielleicht ist es ein experimentelles Medikament, was ausgeliefert werden muss.«
»Welche Nutte verteilt Medikamente? Wenn es Drogen sind und wir damit erwischt werden, gehen wir für mindestens fünf Sonntage ins Gefängnis!«
Tiana stöhnte, »Die fünf Wochen halten wir auch noch aus.«
»Mein Gott bist du naiv Ti. Das Mindestmaß für Drogenschmuggel in nicht geringen Mengen sind fünf Jahre, also gehen wir dann für fünf Ostersonntage in den Bau und nicht nur ein paar Wochen. Außerdem kennen wir unsere Auftraggeber nicht, um den Cops Hinweise zu geben. Wir sollten keine Aufträge mehr für SNB durchführen, hörst du?«
»Bist du völlig irre? Ich muss mein Studium bezahlen und auch von irgendwas leben! Ich kann es mir nicht leisten, auf die Bezahlung zu verzichten.«
Vivian wurde sauer, »Du kannst nicht im Gefängnis studieren Ti. Wenn sie dich damit erwischen fährst du ein und du kannst dein Studium begraben. Niemand wird dich mehr einstellen, wenn du wegen Drogenschmuggel verurteilt wurdest. Wir müssen einen anderen Weg finden, uns zu finanzieren.«
»Und was bitte?«, fragte sie erwartungsvoll.
»Ich weiß es noch nicht, aber uns wird sicher etwas einfallen. Jetzt kümmere du dich um den Typen, den ich verfolgt habe. Ich hab den Auftrag erledigt, du wirst also noch mindestens einmal bezahlt und dann sehen wir weiter.«
Tiana brummte nur kaum hörbar und unterbrach das Gespräch. Vivian steckte ihr Handy wieder in die Handtasche. Ihren nächsten Anruf durfte sie unter keinen Umständen von einem Telefon machen, dessen Nummer auf sie registriert war. Es musste ein öffentliches Telefon sein und keinen Aufschluss darüber geben, dass sie damit telefoniert hatte. Sie musste dieses Teufelszeug möglichst loswerden und das klappte am besten mit einem anonymen Anruf bei der Polizei von Portland. In dem Café, in dem sie saß, würde das nicht funktionieren. Die ganze Zeit hatte sie sich möglichst unauffällig umgesehen und eine Menge Kameras entdeckt. Gut versteckt, aber dennoch sichtbar. In einer Stadt wie Portland war das normal, um Überfälle zu vermeiden oder den Tätern schneller auf die Spur zu kommen.
Vivian bezahlte ihre Rechnung und spazierte aus dem Café in die laue Nacht hinaus. Sie wusste bereits, wo sie telefonieren konnte. Ganz in der Nähe ihrer Wohnung befand sich eine Telefonzelle, die auch nicht von Kameras überwacht wurde. In aller Ruhe lief sie durch die noch belebten Straßen der Stadt. Kurz bevor sie das Telefon erreichte, blickte sie sich noch einmal um. Niemand war ihr gefolgt, wie sie erkennen konnte. In ihrer Tasche kramte sie nach der Telefonkarte, die sie sich für Notfälle gekauft hatte. In der kleinen Seitentasche wurde sie dann endlich fündig. Sie stellte sich in die Zelle, nahm den Hörer ab und führte die Karte in den dafür vorgesehenen Schlitz ein. Sie wählte die normale Notrufnummer und gab dem Beamten am anderen Ende den Hinweis auf das Versteck des eigentlichen Pakets.
* * *
Unweit des kleinen Cafés, in dem Vivian Burgess gerade mit der Polizei telefoniert hatte, lag Edwin Nash in seinem Krankenbett. Die Klinik in der Stadtmitte von Portland war auf Schusswunden, wie er sie abbekommen hatte, spezialisiert. Ashleigh Spears und ihr Kollege vom FBI wollten zumindest hören, was ihnen der überführte Dealer sagen konnte. Sie waren mit ihren Ermittlungen nicht sehr viel weitergekommen. Alles, was sie bei der Polizei erfahren hatten, stand schon in ihren Akten, die sie bekamen, bevor sie in Washington gestartet waren. Nun galt es dem Verletzten etwas auf den Zahn zu fühlen.
Sergeant Roger Barber führte die Besucher des FBI zu dem Verletzten in die Klinik. Er hatte bereits seine Beamten darauf angesetzt, die beiden Drogenkönige der Stadt ausfindig zu machen. Obwohl man den beiden viele Jahre nicht das geringste nachweisen konnte, versteckten sie sich vor den Ermittlungsbeamten. Das Geld, was sie mit ihren Drogengeschäften verdienten, nutzten sie, um sich irgendwo in Portland zu verstecken. Es war sehr schwierig, die beiden aufzufinden. Sie überließen die Geschäfte ihren Angestellten. Die beiden Größen des Geschäfts zogen nur im Hintergrund die Fäden.
Cooper Knight war nicht wirklich auf Betriebstemperatur gekommen. Er konnte sich nicht recht auf den Fall konzentrieren. Statt sich mit den Fakten zu beschäftigen, interessierte er sich mehr für seine Kollegin. Sie kam ihm in diesem Frühling deutlich hübscher vor als zuvor. Knight musste sich eingestehen, dass er deutlich mehr an seiner Kollegin interessiert war als an dem Fall, den sie bearbeiteten. Spears hingegen beachtete ihn kaum. Sie versuchte den aufgetragenen Kriminalfall zu lösen. Es war immer so bei ihr. Da intime Beziehungen unter Kollegen des FBI verboten waren, verbiss sie sich in den Fall und achtete nicht mehr so sehr auf ihren Kollegen.
Der Verletzte Edwin Nash lag eingehüllt in Verbände und dem gängigen Krankenhaushemdchen in seinem Krankenbett und starrte die Decke an. Er hatte sich bereits damit abgefunden, nach seinem Aufenthalt in der Klinik für einige Jahre in einer Haftanstalt zu landen. Seit mindestens vier Monaten arbeitete für das SNB und war innerhalb der Organisation aufgestiegen, wie er glaubte. Anfangs musste er einfache Botengänge erledigen, aber nach einigen Wochen bekam er deutlich gefährlichere Aufträge. Er blickte nur einmal kurz zur Seite, als der Sergeant mit seinen Besuchern sein Lazarett betrat. Schon seit seinem letzten Auftrag hatte er mehrere Verhöre durch die Beamten überstehen müssen. Was konnte ihm auch noch mehr passieren als ohnehin schon!
Der Sergeant der ihn auf der Umgehungsstraße verhaftet hatte kannte er bereits, nur seine beiden Besucher waren ihm fremd. Allerdings konnte er sich bereits denken, mit wem er es zu tun bekam. Beamte des Federal Bureau of Investigation sahen immer gleich aus. Selbst Blinde würden sie in ihrem Aufzug auf hunderte Meter Entfernung erkennen. In ihren Businessoutfits sahen sie alle gleich aus. Die Abzeichen an den Gürteln hatten sie zwar gut versteckt, aber die Klamotten waren identisch. Edwin Nash brauchte weniger als zwei Sekunden, sie zu identifizieren und dem FBI zuzuordnen. Man kannte ihr Auftreten aus vielen Filmen.
Die beiden stellten sich ihm als Agents Ashleigh Spears und Cooper Knight vor. Abgestellt von Washington seinen Fall unter die Lupe zu nehmen und aufzuklären. Darüber konnte Edwin Nash nur milde lächeln. Nicht mal er selbst kannte seine Auftraggeber. Die Agentin nahm sein Verhör vor, während der Agent an ihrer Seite mehr an ihr interessiert schien als an seinen Aussagen. Trotzdem kritzelte er einige Eindrücke in ein kleines Buch. Allerdings sah es eher aus als würde er mit seinem Bleistift ein Bild seiner Kollegin zeichnen.
»Mister Nash«, begann die hübsche Agentin, »Was genau war ihr Auftrag an der Umgehungsstraße?«
»Das habe ich ihren Luschen bereits öfter erklärt, wenn sie zu blöd sind, zum Lesen sollten sie vielleicht eine Schule besuchen.«
»Wir haben ihre Aussage bereits gelesen, Mister Nash. Allerdings glaube ich ihnen nicht, was sie zu Protokoll gegeben haben.«
Der angeschossene antwortete, »Was sie Glauben dürfen sie einem Pfaffen erzählen. Sie haben meine Aussage bekommen, das muss ausreichen. Aber vielleicht sollten sie besser verstehen, dass sie nichts mehr aus mir rauskriegen. Was glauben sie wohl, warum ich hier liege?«
Ashleigh Spears lächelte, »Ein Kollege des Sergeants hat sie ein bisschen angeballert. Hätten sie sich nicht ihrer Verhaftung widersetzt, wäre nicht das geringste passiert.«
»Meiner Verhaftung widersetzt? Ich habe nicht das geringste getan, verdammte Scheiße! Das Paket sollte zu einem anderen Standort und gerade als ich es hatte, taucht der Arsch da auf«, sagte Nash und zeigte mit dem Finger auf den Sergeant, »Anstatt sich erstmal auszuweisen, fing er an, an meinem Paket herumzuzerren wie ein Irrer. Dabei hat er es zerstört und einen Teil des Inhalts auf die Straße geworfen. Dann taucht noch der kleine Lutscher neben mir auf, schreit herum wie ein frisch gefickter Gartenzwerg und jagt mir eine Kugel durch den Magen. Das ist Polizeibrutalität!«
Spears drehte sich zu Sergeant Barber um und fragte, »Waren sie in Uniform vor Ort?«
»Nein. Wir waren auf einer Überwachung also in Zivil wie gewöhnlich.«
»Sie hielten es nicht für erforderlich, sich Mister Nash gegenüber als Polizeibeamter auszuweisen?«, fragte die junge Agentin verwundert.
Barber schüttelte den Kopf, »Wir hatten einen anonymen Hinweis und er wollte mit den Drogen verschwinden. Ich habe ihn also aufgehalten und dabei das Paket erwischt, was dann aufgegangen ist. Dabei ist ein Teil der Drogen schon über die Straße gesegelt. Mein Kollege hat ihn dann aufgefordert sich zu ergeben damit wir ihn festnehmen können. Allerdings hatte Mister Nash nur Flucht im Sinn, was meinen Kollegen veranlasste einen Schuss abzugeben.«
Cooper notierte einige Daten auf seinem Block, während Spears langsam ein Licht aufging. Die beiden Beamten versuchten ihre Haut zu retten und drehten sich einige Aussagen passend zurecht. Wann immer sie nicht ganz nach Vorschrift handelten, bogen sie die Wahrheit ein bisschen zurecht, wie es gerade für sie am günstigsten war. Dieses Verhalten war immer zu beobachten, wenn sich das FBI einem Fall annahm. Jeder Beamte hatte Angst davor seinen Job zu verlieren. Eigentlich sorgte diese Angst dafür, dass sich die Beamten an die Regeln hielten und nach ihren Vorgaben arbeiteten. In diesem Fall war aber ein Verdächtiger verletzt worden und man musste die Wahrheit ein bisschen zurechtbiegen.
»Ihr junger Kollege hat ihnen einen Haufen Ärger eingehandelt Barber«, stellte Ashleigh fest. »Sie sind verpflichtet sich auszuweisen, wenn sie in Zivil operieren, was natürlich auch für ihren Partner gilt. Das haben sie unterlassen und einen Bürger verletzt, ohne ihm etwas nachweisen zu können. Diese Methoden sind zu Recht illegal. Zudem haben sie auch noch einen Afroamerikaner angeschossen. Wenn das an die Öffentlichkeit kommt, dreht die Bevölkerung wieder durch. So wie es in den Akten stand, ergibt sich die Tatsache, dass sie einen Bürger der Vereinigten Staaten, ohne sich als Beamter zu erkennen gegeben haben, kontrollieren wollten. Das wiederum bedeutet, dass die erlangten Beweise vor keinem Gericht des Staates Oregon zugelassen werden. Mister Nash kann für sein Vergehen nicht belangt werden, weil die Beweise illegal erlangt wurden. Diese ganze Aktion wird eine Untersuchung nach sich ziehen. Cooper, wir sind hier fertig!«
Ohne ein weiteres Wort ließen die beiden Agents den Sergeant mit Edwin Nash alleine in dessen Krankenzimmer. Sie machten sich auf den Weg zurück ins Revier. Nash brauchten sie nicht mehr zu verhören. Sie mussten die Hinweise auf anderem Weg erlangen. Wenig später erschienen sie wieder auf dem Revier und suchten in den älteren Akten nach Hinweisen.
9. Kapitel
Vereinigte Staaten, Las Vegas (NV)
Die Wüstensonne Nevadas hatte die kleine Wohnung von Roy Cabrera schon den ganzen Vormittag aufgeheizt. Trotz der eingebauten Klimaanlage wurde es immer wärmer. Der Dealer lag nach einer langen Nacht, die er im Death Valley verbracht hatte, noch im Bett. Ungefähr jede Stunde wachte er völlig verschwitzt wieder auf. Roy hatte sich schon mehrfach bei der Hausverwaltung beschwert, weil die Klimaanlage wohl fehlerhaft war. Sie schaffte es einfach nicht mehr, die kleine Bude anständig zu kühlen. Spätestens im Sommer, der nicht mehr lange entfernt war, wäre es nicht mehr auszuhalten.
Die Gesellschaft, die jeden Monat die, zugegeben, relativ kleine Miete einstrich, kümmerte sich kaum noch um das Gebäude. Wäre es nach ihm gegangen hätte er schon längst eine andere angemietet, allerdings musste er vorsichtig sein und durfte nicht auffallen. Seine Drogendeals brachten ihm zwar genug Geld für eine bessere Wohnung in guter Lage ein, aber er konnte es sich nicht leisten aufzufallen. Solange er noch selbst für die Ware verantwortlich war, musste er unter dem Radar bleiben. Die Polizisten kamen nur an die kleineren Dealer heran, die großen waren schon lange nicht mehr auf der Straße anzutreffen. Das war sein großes Ziel. Einmal zu den richtig großen gehören und zumindest einen Teil der Stadt zu kontrollieren.
Am frühen Nachmittag konnte er einfach nicht mehr schlafen. Roy kletterte immer noch niedergeschlagen aus seinem Bett und verzog sich in das kleine Badezimmer seiner Wohnung. Er brauchte jetzt dringend eine kalte Dusche, um den Schweiß der Nacht abzuspülen. Gerade als er fertig war und sich abtrocknete, klingelte sein Mobiltelefon. Roy nahm das Gespräch entgegen, während er sich umständlich das feuchte Handtuch um die Hüfte schlang. Es war sein alter Kumpel Paul, den er wegen weiterer Lieferanten angesprochen hatte.
»Roy, du alter Halunke. Wie war das Leben zu dir?«
»Hör auf zu fragen Paul. Immer, wenn du denkst es kann nur noch besser werden, bekommst du wieder eine auf die Finger. Ich habe versucht Material zu besorgen und musste dafür sieben Supermärkte ansteuern. Danach saß ich die ganze Nacht an meinem Tisch und habe die Ware vorbereitet.«
»Ah ja, und dann fragst du mich noch nach mehreren Lieferanten, damit du noch mehr arbeiten darfst. Du brauchst dringend Personal, mein Freund.«
Roy grinste, »Das kannst du laut sagen, aber mit den kleinen Chargen, die ich hier bekomme, geht das nicht so einfach. Außerdem kann ich hier niemandem vertrauen. Diese Stadt ist ein Haifischbecken und wer nicht aufpasst, wird gefressen.«
»Ich habe zwei weitere Lieferanten für dich aufgetan. Einer davon hat pro Monat noch vier Kilo Schnee, die er dir für einen anständigen Kurs liefern kann und der andere könnte weitere zwei Kilo liefern. Zusätzlich aber auch noch sechs Kilo Ice, wenn du interessiert bist«, erklärte Paul.
Roy freute sich wie ein Kind an Weihnachten. »Das ist hervorragend, Paul. Wann kann die erste Lieferung erfolgen?«
»Wenn du Kapazitäten hast bereits nächste Woche. Wir brauchen nur einen Ort für eine Übergabe!«
»Den habe ich bereits. Die Koordinaten gebe ich den Lieferanten durch.«
Er konnte Paul grinsen hören, »Das ist in Ordnung. Aber du solltest auch genug Geld bei dir haben, sonst wird niemand deine Leiche finden. Die machen da keine Späßchen!«
»Das habe ich mir bereits gedacht, aber am Geld sollte es nicht liegen. Ich habe genug, um die Lieferungen zu bezahlen. Wie ist die Reinheit von der Ware?«
»Schnee zu 89 % und Ice zu 92 %.«
Roy grinste in sich hinein. Das war besser als er erwartet hatte. Mit den Werten konnte er die Lieferungen deutlich strecken und noch mehr Geld einnehmen. »Okay, schick mir die Daten. Ich erwarte die Lieferungen dann.«
»Mach ich Roy. Und nicht vergessen, das Geld bereitzuhalten. Ich melde mich nächsten Monat wieder bei dir!«, sagte Paul und legte auf.
Endlich hatte Roy ein bisschen mehr Ware, die er im Großraum Las Vegas unter die Menschen bringen konnte. Seine Abnehmer wollten sowieso schon deutlich mehr von ihm kaufen als er heranschaffen konnte. Jetzt hatte er zwei neue Lieferanten, denen er das benötigte abkaufen konnte. Es war zwar immer noch zu wenig für seinen großen Plan, aber er war nicht mehr nur auf die Gnade der SNB angewiesen, die ihn an der kurzen Leine hielt. Sollten sie doch endlich ihre Lieferprobleme in den Griff bekommen. Falls er dann aus dieser Richtung mehr erwarten konnte, wäre er im Großraum Las Vegas einer der Verteiler, die sich einen Teil der Stadt sichern konnte. In Amerikas Spielplatz in der Wüste von Nevada war der Bedarf besonders hoch. Das Glücksspiel in den vielen Casinos lockte jährlich sehr viele Kunden an. Vor allem diejenigen, die schon genug Geld auf der Seite hatten und das hier als Freizeit betrachteten, zogen sich gerne mal eine Line.
Roy Cabrera freute sich auf die bevorstehenden Wochen und der Anhebung seiner Vorräte. Das bedeutete zwar in erster Linie mehr Arbeit für ihn, aber auch mehr Einnahmen, für die er über verschiedene Möglichkeiten neue Drogen in sein Sortiment aufnehmen konnte. Seit Cannabis zum Eigengebrauch in den Staaten legalisiert war, konnte man damit kein Geld mehr verdienen. Der Staat griff sich die Einnahmen ab und da es nicht mehr illegal war, konnte man damit auch nichts mehr verdienen. Die Kunden waren einfach zu verwöhnt, weil man Cannabis fast überall kaufen konnte.
* * *
Vereinigte Staaten, Dallas (TX)
Der Morgen dieses Frühlingstages in Dallas war ungewöhnlich kalt zu dieser Jahreszeit. In der Nacht gab es sogar noch teilweise Bodenfrost und die Temperatur war noch nicht auf angenehme Werte angestiegen. Auf dem Parkplatz vor dem Lincoln Square, einem Einkaufszentrum zwischen Dallas und Fort Worth am Tom Landry Freeway wartete Stuart Clarke leicht frierend in seinem himmelblauen Transporter. Er hatte sich einen Kaffee gekauft, um sich wenigstens ein bisschen aufzuwärmen. Sein Kontakt ließ ein bisschen auf sich warten. Er hatte vorher angekündigt, dass es etwas länger dauern könnte.
Leider wartete er jetzt schon über eine Stunde auf seine Lieferung. Es war nicht einfach in Amerika an eine unregistrierte Waffe zu gelangen. Zwar durfte man in Texas offiziell Waffen kaufen und auch bei sich tragen, aber sie waren alle auf die jeweiligen Besitzer registriert. Brauchte man unregistrierte Waffen wurde es deutlich schwerer an eine zu gelangen. Sein Kontakt konnte allerdings einige davon liefern, die man nicht in einem Waffengeschäft bekam. Stuart hatte einige bestellt, die auf dem offiziellen Markt überhaupt nicht geliefert wurden. Der National Firearms Act regelte den Besitz der vollautomatischen Waffen in den USA. Privatleute, die eine solche Waffe bei sich tragen wollten, brauchten eine Erlaubnis. Dazu wurden sie vom FBI überprüft und mussten beim zuständigen Bundesamt Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives, kurz ATF genannt eingetragen werden.
Stuart Clarke war schon mehrfach wegen krimineller Machenschaften verurteilt worden und musste auch einige seiner 34 Lebensjahre hinter Stahlstangen verbringen. Wer allerdings vorbestraft war, durfte keine Waffe mehr besitzen oder bei sich tragen. Das machte es für Personen in seiner Position sehr schwer an Feuerwaffen zu kommen. Kaufen konnte er sie nicht, weil man ihn sofort abgelehnt hätte. Es blieb ihm nur die Möglichkeit seine Schnellfeuergewehre illegal zu erwerben. Dazu gehörte es leider auch auf seinen Lieferanten zu warten. Jetzt saß er am frühen Morgen hier auf diesem düsteren Parkplatz.
Langsam ging schon die Sonne auf und der Parkplatz wurde etwas belebter. Das war nicht gerade das, was sich Stuart erhofft hatte. Er wollte das Geschäft im Wert von 300.000 Dollar möglichst abwickeln, solange es noch dunkel war. Vor allem war das Einkaufszentrum nicht gerade der beste Ort, um unerkannt Geschäfte abzuwickeln. Plötzlich hielt direkt vor ihm ein Mittelklassewagen mit einem Nummernschild aus Oklahoma. Der Fahrer des Wagens war ungewöhnlich. Er wirkte wie ein junger Student auf Klassenfahrt und nicht wie ein Waffenhändler. Stuart stieg aus und ging auf den Fahrer zu.
Der entschuldigte sich sofort, »Tut mir leid, ich bin verdammt spät dran, aber ich wurde auf dem Highway aufgehalten. Ihre Lieferung liegt im Kofferraum.«
Ohne Umschweife öffnete der junge Mann die Heckklappe und im Gepäckfach des Wagens kam eine länglich zugenagelte Holzkiste zum Vorschein. Stuart sah sie einen Moment schweigend an. Dann ging er zu seinem Transporter zurück und öffnete eine Seite der Ladefläche. Die Holzkiste war sehr schwer und der junge Student musste ihm helfen sie zu verladen. Als sie sicher auf seiner Ladefläche lag, war ihm auch ganz schön warm geworden. Der Student schien keine Ahnung zu haben, was er da durch die Gegend gefahren hatte, aber das störte Stuart auch nicht. Sein Geschäftspartner hatte ihm bei der Bestellung schon mitgeteilt, dass die Lieferung von einem dritten durchgeführt wurde. Begründet wurde das durch Sicherheitsbedenken. Stuart Clarke konnte das gut verstehen. Niemand wurde gerne mit scharfen Waffen auf der Straße angehalten. Vor allem nicht mit den Waffen, die er bestellt hatte.
Die vollautomatischen M 16 waren schon lange in den USA verboten. Kaufen konnte man sie im freien Handel nicht. Diese automatischen Gewehre waren ausschließlich dem Militär vorbehalten und konnten auf dem Markt nicht erworben werden. Stuart hatte über seinen Kontakt allerdings zwei davon organisieren können. Für nur 150.000 Dollar das Stück waren sie ein Schnäppchen gewesen. Clarke war schon immer ein Waffennarr und einmal in seinem Leben wollte er eine davon sein Eigen nennen dürfen. Bei seinem Jahr bei der Army, die er im Rahmen der Wehrpflicht ableisten musste, bekam er sie nur bei Berufssoldaten zu sehen, aber nie selbst eines davon in die Hand.
Der Student fuhr ohne ein weiteres Wort wieder davon und ließ Clarke alleine. Er schlug die Tür seines Lieferwagens zu und setzte sich mild lächelnd hinter das Steuer. Glücklich über die erfolgte Lieferung fuhr er vom Parkplatz des Lincoln Centers und fuhr in Richtung des Six Flags over Texas Vergnügungsparks davon. Auf den Straßen war zu dieser Zeit nicht wirklich viel los, was Stuart Clarke ein schnelles vorankommen ermöglichte. Erst in der Moore Street, südlich des Turner-Parks in Dallas hielt er den himmelblauen Transporter wieder an. Stuart stieg aus und verriegelte die Garagentür bevor er sich die Holzkiste vornahm.
Mit einem Brecheisen hebelte er den Deckel ab und fand unter Holzwolle seine Gewehre in einem Ständer. Die Magazine waren an den Enden unter einer Menge an Holzwolle verborgen. Die beiden M 16 sahen in ihrem leicht glänzenden Schwarz wundervoll aus. Vorsichtig streckte Stuart seine Hände aus und ließ seine Finger über das kühle Metall gleiten. Ein großes Lächeln zeigte sich in seinem Gesicht. Er hatte seinen Herzenswunsch vor sich. Funktionstüchtige M 16, komplett neu und unbenutzt. Munition hatte er bereits im Vorfeld dafür besorgt. Allerdings füllte er nur eines der Magazine auf. Die anderen blieben leer. Ein Gewehr wollte er zum Feuern verwenden, das andere allerdings war nur zu Dekozwecken gedacht.
* * *
Vereinigte Staaten, Cleveland (OH)
Für seinen großen Plan war alles vorbereitet, hatte er erst vor wenigen Sekunden am Telefon erfahren. Emma Reed, die Leiterin des Horizontalen Gewerbes in Portland, hatte das Päckchen erhalten. Auf die Kuriere war verlass gewesen. Am Telefon hatte sie ihm bestätigt, die verpackten Drogen im Versteck gefunden zu haben. Auch Madeleine hatte ihre Aufgabe erledigt und die Fracht bei ihrem Besuch des Sergeants unter seinem Kleiderschrank zu verstecken. Sie hatte sogar daran gedacht, das Päckchen ein bisschen zu öffnen und ein bisschen des Pulvers unter dem Schrank verteilt zu haben. Jetzt fehlte nur noch sein Anruf bei der Polizei, um den Sergeant der Drogenfahndung aus dem Weg zu räumen.
Noch ein letztes Mal zog er genüsslich an der angesteckten Havanna in seinem Büro und blickte wie üblich über die Wasseroberfläche des Lake Erie. Es war an der Zeit seinen Anruf bei der Polizei in Portland zu machen und Sergeant Barber an den Haken zu hängen. Falls die Polizisten schnell genug waren, könnten sie ihn sogar noch wegen Prostitution einsperren. Allerdings wollte das Emma vermeiden. Ihre Mädchen sollten nicht in seine kruden Pläne verstrickt werden und schon gar nicht bei der Arbeit verhaftet. Die Angelegenheiten von Emma Reed waren sowieso illegal und sie konnte keine Probleme mit den Cops der Sitte brauchen. Zudem würden sie noch auf ihn zurückfallen und die Unterhändlerin hatte kein großes Problem damit ihn zu verpfeifen. Er musste ihr zusichern, sie und ihre Mädchen aus seinen Angelegenheiten herauszuhalten.
Wenigstens war alles so weit vorbereitet. Nur Madeleine war noch bei dem Drogenspürhund zugange. Sobald er eine weitere Rückmeldung erhielt, konnte er anfangen. Über seinem gealterten Gesicht lag ein fröhliches Lächeln. Die gute Zigarre aus dem Humidor in seinem Büro schmeckte heute gefühlt noch besser als sonst. Eine handgerollten Cohiba Behike aus Kuba bestellte er über seinen Händler in Havanna. Die Qualität war ausgezeichnet und eine einzelne der besonderen Zigarren kostete ihn knapp 300 Dollar. Es waren die edelsten Zigarren, die man aus Kuba bekommen konnte. Er verfügte über genügend Geldmittel, sich jeden Monat eine Kiste mit 40 Stück dieser teuren Stäbe zu leisten. Geliefert wurden sie in einem speziellen Humidor, der nur für den Transport von Kuba in die Vereinigten Staaten zu gebrauchen war. Nach der Ankunft brachte er sie in seinem Schrank des Büros unter.
Für die Zeiten, in denen er sich eine davon ansteckte, galt strickte Ruhe. Sie waren etwas Besonderes und nicht für jeden Anlass gedacht. Zur Feier des Tages und im Hinblick darauf, die Bremse in Portland ausschalten zu können, nahm er sich die Ruhepause. Barber sollte ruhig noch ein bisschen auf Madeleine herumspringen, es wäre für die nächsten Jahre das letzte Mal für ihn. Ein Drogencop den man wegen Drogenbesitzes verhaftete, war in jeder Haftanstalt der Staaten ein gern gesehener Gast. Andere Mithäftlinge machten sich einen Spaß daraus sie bis an ihr Ende zu quälen. Genau das wünschte er sich für Barber, der ihn schon viele Millionen gekostet hatte.
Die Cohiba Behike war schon langsam aufgeraucht als endlich sein Telefon klingelte. Es war Emma. Madeleine war von ihrem Besuch bei Barber zurückgekehrt und der Sergeant würde jetzt schlafen, teilte sie ihm mit. Überschwänglich bedankte er sich bei ihr und beendete das angenehme Gespräch mit seiner Gehilfin. Er griff zu seinem speziellen Telefon auf seinem Schreibtisch. Es war standardmäßig so eingerichtet, dass die Anrufe nicht zurückverfolgbar waren. Der Computer leitete das Gespräch über eine ganze Reihe von Gegenstellen um bis es dann den Teilnehmer kontaktierte. Die Polizei verfügte ein spezielles System, um solche Anrufe zurückzuverfolgen. Sein Gerät brachte dieses System so durcheinander, dass jede Abfrage eine andere Stadt in den USA als Standort zurückmeldete. So war sichergestellt, dass sein eigentlicher Aufenthaltsort geheim blieb.
Zufrieden tippte er die Telefonnummer der Polizei Portland in das Eingabefeld und wartete darauf, bis sein Gespräch aufgebaut war. Sofort nach dem ersten Klingelzeichen nahm ein Beamter das Gespräch an und meldete sich als Officer Witmarch.
In ruhigem Ton sagte er, »Ich möchte ein Verbrechen melden, von dem ich Kenntnis erlangt habe. Ein Beamter der Polizei handelt mit Crystal Meth in großem Stil und konsumiert dieses Rauschmittel. Sein Name ist Roger Barber. Der Dienstgrad und seine Position sind mir nicht bekannt, allerdings soll er auf ihrem Revier arbeiten. So weit ich informiert wurde, versteckt er in seinem Schlafzimmer eine große Menge der Droge.« Direkt danach legte er wieder auf und grinste über das ganze Gesicht.
Der Beamte würde sicher schon die richtigen Schritte übernehmen und er würde sofort davon erfahren. Er hatte einen seiner Spitzel schon in Position gebracht, der Anweisung hatte, ihn sofort anzurufen, wenn sich die Polizei dem Haus näherte. Nach wenigen Minuten war es schon so weit und sein normales Telefon klingelte.
»Ja?«, fragte er aufgeregt wie zur Bescherung an Weihnachten.
»Die Polizei fährt soeben vor Sir«
»Wie viele sind es?«, fragte er sensationsgierig.
»Drei Streifenwagen und ein Kastenwagen halten gerade in diesem Moment vor seinem Haus!«
»Das ist ja perfekt. Ich hoffe mal sie nehmen ihn richtig auseinander.«
»Sir, es kommt noch ein Fahrzeug vor seinem Haus an. Sieht nach FBI aus!«
Er schlug mit der Hand auf seinen Schreibtisch. Mit denen hatte er nicht mehr gerechnet, aber sie waren ja schon vor Ort, wie er wusste. Wie gebannt hörte er dem Bericht seines Spitzels am Telefon zu. Es war einfach unglaublich. Niemals hätte er gedacht sich über eine Polizeiaktion freuen zu können. Aber dieses Mal half sie ihm und seiner Unternehmung mehr als alles andere. Falls sie Barber einpackten, und das müssten sie nach dem Fund definitiv, wäre der Weg in Portland endlich frei sein Geschäft richtig aufzuziehen.
10. Kapitel
Vereinigte Staaten, Portland (OR)
Die Polizeibeamten des Reviers hatten bereits die Wohnung von Sergeant Roger Barber gestürmt, als die Bundesbeamten des FBI ankamen. Ashleigh Spears und ihr Kollege Cooper Knight stiegen aus dem Wagen aus, den sie für ihre Ermittlungen in Portland zur Verfügung hatten und standen im lauen Wind, der aus Osten her vom Meer kam. Sie hatten auf dem Revier erfahren, dass ihr Informant angeblich selbst die Droge nahm und auch Vertrieb. Die junge FBI Agentin hatte sofort das Motiv erkannt. Barber konnte in seinem Beruf die anderen Dealer aus dem Weg räumen, um sein eigenes Geschäft voranzutreiben.
Er konnte sich so die Konkurrenz vom Hals schaffen. Ein besseres Motiv konnte man gar nicht finden. Barber steckte also selbst dahinter. Spears wollte aus erster Hand erfahren, was man bei ihm fand und ob er vielleicht sogar den beschlagnahmten Stoff aus der Asservatenkammer nicht vernichten ließ, sondern selbst weiter verteilte. Die Anklage wäre in diesem Fall ein leichtes. Barber als Drogenkommissar hatte beste Verbindungen in das Milieu und konnte den Stoff nicht nur aus dem Verkehr ziehen, sondern auch noch für sich verkaufen. Er war in den letzten Monaten überaus erfolgreich, wenn es darum ging, die Drogen aufzuspüren und die kleineren Dealer ins Gefängnis zu bringen. Durch seine Verbindungen in die Drogenkriminalität von Portland konnte er leicht feststellen, wer seine Konkurrenten waren und woher sie den Stoff bekamen.
Einfacher konnte man nicht an Geld kommen. Sein Verdienst als Sergeant war nicht gerade besonders hoch. Ein kleines Zubrot durch den Stoff, den andere in seine Stadt brachten. Damit konnte er sich eine goldene Nase verdienen. Zusammen folgten sie den Polizisten in die Wohnung von Roger Barber. Das frei stehende Haus in einer Seitenstraße von Portland wurde nur sehr spärlich von den Straßenlaternen erhellt. Trotzdem sah man, dass es erst vor kurzem frisch gestrichen worden war. Für Cooper Knight war das ein weiterer Hinweis auf die Schuld des Sergeants. Ein einfacher Polizeibeamter verdiente im mittleren Dienst nicht besonders, woher sollte er also das Geld nehmen die gesamte Fassade neu anpinseln zu lassen. Es sei denn er hätte es selbst gemacht, was aber bei seinen gesammelten Überstunden in der letzten Zeit kaum möglich war.
In dem Haus war es sauber und ordentlich. Es wirkte fast wie frisch gewischt. Die Möbel, die Barber ausgesucht hatte, passten zu der Wohnung. Insgesamt ergab sich daraus ein gemütliches Ambiente für die Zeit nach der Arbeit, um sich zu entspannen. An den Wänden hingen geschmackvolle Bilder und einige Filmplakate von Filmen, die fast überall auf der Welt erfolgreich waren. Die Luft war angereichert mit einem leichten Duft nach Zedernholz, was irgendwie beruhigend wirkte. Als sie in das Schlafzimmer kamen, sahen sie Barber umringt von drei Beamten auf dem Bett sitzen. Seine Haare waren noch feucht und im angrenzenden Badezimmer sah man noch feuchten Dampf. Sie hatten ihn wohl direkt unter der Dusche erwischt. Er hatte nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen.
Einige Kollegen untersuchten das ganze Haus auf Drogen, hatten bisher aber nichts gefunden. Nur unter dem Schrank hatten die Kollegen ein Päckchen hervorgeholt. Eine Ecke des in Plastik verpackten Pulvers war geöffnet und man sah deutlich, wie ein Teil davon bereits fehlte. Das sah gar nicht gut für Barber aus. Spears irritierte der Gesichtsausdruck des Sergeants. Er schien das völlig gelassen hinzunehmen und war die Ruhe in Person. Wie auf einer Sommerparty wischte, er sich die Feuchtigkeit, die ihm von den Haaren ins Gesicht lief, aus dem Gesicht. Die Beamten vor ihm kannte er sogar und hielt ein bisschen Smalltalk. Die ganze Gruppe schien zu scherzen, denn die Beamten grinsten fröhlich.
Als er die Agents des FBI sah, bot er ihnen sogleich einen Sitzplatz an. Knight und seine Kollegin verzichteten allerdings darauf. Sie erachteten den Sergeant immer noch als schuldig. Die Beweise lagen ja direkt vor dem Schrank auf dem Boden. Spears trat auf das Päckchen zu, ging in die Hocke und schaute sich das Pulver etwas genauer an. Was sie dort sah, erinnerte zwar an die berühmte Droge, konnte es allerdings kaum sein. Crystal Meth waren eher gröbere Kristalle als das in dem Paket. Für Heroin oder eine andere gebräuchliche Droge auf dem Markt allerdings zu grobkörnig. Etwas in ihr zweifelte ernsthaft daran, dass die Kollegen hier das gefunden hatten, was sie erwarteten.
Vorsichtig tippte sie mit dem Finger in die Substanz des Päckchens. Einige Kristalle blieben auf der Fingerspitze hängen. Spears drehte sich zum Licht und besah sich die Körner auf ihrer Fingerspitze. Das konnte beim besten Willen kein Crystal Meth sein. Die Kristalle waren eher bräunlich als Transparent wie sie es eigentlich sein sollten, wenn es die Droge war. Die ganze Struktur war anders. Während Crystal Meth eigentlich längliche Kristalle bildete, waren das hier grobe und eckige Körner. Sie konnte sie auch nicht einfach zwischen den Fingern zerreiben. Langsam führte sie den Finger an ihre Nase und roch vorsichtig daran. Sie musste schmunzeln. Das, was sie da zwischen ihren Fingern hatte, war die gebräuchlichste und verbreitetste Droge weltweit. Um ganz sicherzugehen, tippte sie den Finger auf ihre Zunge.
Spears erhob sich wieder und stellte sich neben ihren Kollegen. Dann fragte sie, »Haben sie sonst noch etwas gefunden?«
»Bisher nicht, aber wir sind auch noch nicht fertig«, bekam sie vom leitenden Beamten mitgeteilt.
»Ich denke sie können die Durchsuchung aufgeben. Ich habe zwar schon viele Orte gesehen, an denen man Kandiszucker aufbewahrt, aber unter dem Kleiderschrank ist mir neu.«
»Kandiszucker?«, fragten Knight und der leitende Beamte wie aus einem Mund.
»Ja! Vielleicht feiert ihr Kollege gerne Teepartys in seinem Schlafzimmer während er sich mit einer Dame vergnügt. Ich habe schon so ziemlich alles gesehen, was es für Vorlieben in diesem Bereich gibt. Das ist natürlich sehr ungewöhnlich, aber nicht verboten. Zumindest fällt mir jetzt kein Bundesstaat unseres Landes ein, in dem Geschlechtsverkehr zwischen Erwachsenen mit einem Tee verboten wäre«, erklärte sie grinsend, während ihr Kollege ebenfalls neben dem gefundenen Plastikpäckchen auf die Knie sank und sich den Inhalt ansah.
Auch er tippte sich einige Kristalle auf die Zunge und schmeckte, bevor er niedergeschlagen bestätigte, »Das ist tatsächlich Kandiszucker.«
Barber gluckste auf seinem Bett und fing an zu lachen. »Verhaftet ihr mich jetzt, weil ich Kandiszucker in meinem Schlafzimmer habe, oder darf ich mir jetzt etwas anziehen?«
»Zucker ist kein Straftatbestand, Sergeant, allerdings sind wir mit der Durchsuchung noch nicht fertig«, beharrte der Einsatzleiter.
Spears griff ein »Hören sie auf mit dem Unfug. Die ganze Wohnung sieht aus wie geleckt. Wenn sie bis jetzt nichts gefunden haben, werden sie auch nirgendwo anders etwas finden. Sergeant Barber lächelt vergnügt in die Runde, weil er weiß, dass ihm nichts passieren kann. Außer Zucker wäre mittlerweile verboten worden, dann könnten sie ihm etwas vorwerfen. Das ist aber, laut meinem letzten Stand nicht der Fall, also haben sie absolut nichts gegen ihn in der Hand. Sex ist kein Verbrechen, Zucker überall erhältlich und Körperpflege schon überhaupt nicht. Packen sie ihre Kollegen ein und kümmern sich um andere Fälle!«
Der Einsatzleiter gab sich geschlagen und gab Anweisung zusammenzupacken und die Wohnung zu verlassen. Immerhin war Spears Bundesagentin des FBI und gegenüber ihm weisungsbefugt. Seine Kollegen packten ihr mitgebrachtes Equipment zusammen und schlenderten damit zum Ausgang. Der Einsatzleiter war, der letzte der ging und die beiden Agenten mit dem Sergeant alleine ließ. Spears folgte ihm in den Gang und forderte Barber auf, sich etwas anzuziehen. Dann schloss sie die Tür zum Schlafzimmer und die beiden Männer blieben alleine zurück. Wenige Minuten später öffnete Barber die Tür und kam mit ihrem Kollegen aus dem Schlafzimmer.
»Darf ich ihnen einen Kaffee anbieten?«, fragte er die Agenten.
Spears antwortete nach einem kurzen Blick zu ihrem Kollegen »Gerne. Aber bitte mit normalem Zucker, falls sie welchen haben.«
Barber lachte mit tiefer Stimme und bat die beiden in die Küche an den runden Tisch aus hellem Kiefernholz. Er begann frischen Kaffee aufzusetzen. Die Agenten setzten sich auf die Stühle. Ashleigh ergriff erneut das Wort und richtete eine erste Frage an Barber.
»Treiben ihre Kollegen öfter solche Scherze mit ihnen, Sergeant?«
»Eigentlich nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wer daran ein Interesse haben sollte. Wir verstehen uns untereinander gut auf dem Revier, aber solche Scherze erlaubt sich keiner von uns. Die Beamten haben schon mehr als genug zu tun, da muss man nicht noch eilig eine Durchsuchung beim Staatsanwalt beantragen, ein Team zusammenstellen und dann eine Wohnung auseinandernehmen. Außerdem ist es kaum möglich während ich unterwegs bin hier einzusteigen ohne, dass ich es bemerke. Nur meine Nachbarin besitzt einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Aber die ist derzeit gar nicht in der Nähe. Sie wurde letzte Woche mit Verdacht auf eine Lungenentzündung in die Klinik gebracht«, erklärte er freundlich, als der Duft nach frischem Kaffee die helle Küche eroberte. Dann fügte er hinzu, »Mir scheint eher, dass man versucht hat mir etwas anzuhängen. Allerdings ist mir nicht klar, warum man dazu Zucker in meinem Schlafzimmer verstecken sollte.«
»Genau das ist der Punkt, der mir auch unbegreiflich ist. Ein Dealer, der etwas gegen sie hat, würde wohl kaum Zucker verstecken, sondern eine ganze Anzahl verschiedener Drogen überall deponieren und dann auf dem Revier anrufen und ein Verbrechen melden.«
Barber drehte sich zu ihr um, lehnte sich an die Anrichte und fragte, »Jemand hat die Dienststelle angerufen und ein Verbrechen gemeldet?«
Cooper Knight erwachte aus seinen Tagträumen mit seiner Kollegin in der Hauptrolle, »Es gab einen Anruf auf der Nummer des Drogendezernats. Ein Officer hat ihn entgegengenommen und die erforderlichen Schritte eingeleitet. Der Anrufer hat auch explizit auf das Schlafzimmer verwiesen, wo die Drogen angeblich liegen würden. Man hat den Anruf schon zurückverfolgt. Laut Auskunft der Technik kam der Anruf aus Fayetteville in Arkansas.«
Der Sergeant überlegte eine Sekunde, »Schon wieder ein Anruf. Lassen Sie mich raten. Der Anrufer wollte anonym bleiben und mich nur anschwärzen. Natürlich nur ganz zufällig, wenn gerade sie vom FBI bei uns auftauchen. Bei Nash war es ebenfalls so ein Anruf, der uns auf die Spur gebracht hat. Irgendjemand verfolgt wohl das Ziel mich aus dem Weg zu räumen. Aber warum mit Kandiszucker? Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!«
»Wer war sonst noch in der Wohnung außer ihnen? Sie hatten heute Abend definitiv Besuch. Weiblichen Besuch wie ich vermute und hatten ein bisschen Spaß in der Horizontalen, wie ich am Zustand des Betts erkennen konnte«, wollte Spears wissen.
»Gute Ermittlungsarbeit Special Agentin Spears«, lobte Barber. »Sie haben recht. Ich war nicht alleine. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass mich einmal die Woche eine junge Dame besucht. Auf die näheren Details muss ich hoffentlich nicht eingehen.«
»Mal abgesehen davon, dass sie eine Prostituierte in Anspruch nehmen, was übrigens illegal ist, geht es mir darum aufzuklären, warum man zu solchen Mitteln greift. Ganz zu schweigen von der Unfähigkeit, wenn man statt einer Droge Kandiszucker versteckt. Angenommen, der Fall Edwin Nash und dieses Schauspiel hier gehören zusammen, muss die Dame, die sie regelmäßig besucht, darin verwickelt sein. Eine andere Möglichkeit würde mir auf die Schnelle jetzt nicht einfallen. Wie heißt die Dame, wo arbeitet sie und wo ist sie zu finden?«, fragte Spears ganz offen heraus.
Barber wollte das nicht einfach so beantworten. Es war ihm mehr als unangenehm von der FBI Agentin ertappt worden zu sein. Wenn sie das wüssten, könnte er auch gleich einen Aushang auf dem Revier machen. Allerdings war es offensichtlich, dass seine bevorzugte Servicemitarbeiterin etwas damit zu tun haben musste und er es nicht mehr verschweigen durfte. Deswegen erzählte er ganz offen davon, dass aufgrund seines Jobs nicht viel Zeit für eine Beziehung blieb. Seine erste Ehe war am Zeitmangel zerbrochen und durch die vielen Schichten auf dem Revier gelang es ihm nicht eine andere Dame für sich zu begeistern. Natürlich hatte er, wie jeder andere Mensch auch, das Bedürfnis nach Körperkontakt und Nähe. Sein Gehalt war zwar nicht sehr üppig, aber einmal die Woche leistete er sich eine junge Frau aus diesem Gewerbe. Sie nannte sich Madeleine und arbeitete auf freiwilliger Basis bei Emma Reed. Ihr Etablissement war nicht ortsgebunden. Sie unterhielt außerhalb Portlands mehrere kleinere wirklich heruntergekommene Läden und tarnte sie als Bar.
Sie selbst leitete ihre Geschäfte über das Internet und Telefon. Wo sie allerdings ihre Unterkunft hatte, wusste niemand. Spears wollte nicht glauben, dass man ihren Aufenthaltsort nicht ganz einfach herausfinden konnte. Eine Abfrage der Telefongesellschaft oder der IP Nummer ihres Computers waren eine Sache von wenigen Minuten. Barber fing an zu schmunzeln und erklärte, »Stellen sie sich das nicht so einfach vor. Emma Reed hat gute Verbindungen bis in die höchsten Kreise von Portland. Fragen Sie mal einen Staatsanwalt nach einem Beschluss. Das dauert keine Stunde bis sie eine Absage erhalten, weil die Beweise, die sie vorlegen, zu gering waren oder nicht ausreichen würden. Die Sitte hat schon die ganzen Ermittlungsakten der letzten Jahre vorgelegt, die alle auf Emma Reed hindeuteten, aber ein Beschluss blieb ihnen immer versagt.«
»Ich darf annehmen, dass die Staatsanwälte ebenfalls alleinstehende Männer sind?«, fragte Spears grinsend.
»Sehr gut geraten Agentin Spears. Aber leider falsch. Drei der vier Staatsanwälte sind verheiratet, inklusive des Oberstaatsanwalts.«
»Verstehe. Sie haben wohl Abends sehr lange im Büro zu tun und bearbeiten dort die Stressbälle in den Dekolletés der Damen. Falls die Ehefrauen davon erfahren, steigt die Scheidungsrate sprunghaft an. Darum will natürlich auch niemand, dass in diese Richtung ermittelt wird.«
Cooper Knight flüsterte seiner Kollegin etwas zu. Er wollte diese Aufräumarbeiten nicht auch noch erledigen. Spears dachte ein bisschen darüber nach, dann gab sie ihm einen Wink, der Zustimmung signalisierte. Cooper verließ daraufhin die Küche des Sergeants und zückte sein Telefon. Währenddessen unterhielten sich der Hausbesitzer und die Agentin weiter. Er erklärte ihr, dass auch viele hochrangige Politiker der Stadt in die Aktivitäten von Emma Reed verstrickt waren. Selbst der Bürgermeister der Stadt war bei ihren Angestellten als Kunde gelistet. Sozusagen hatte es Emma Reed im Laufe der Zeit geschafft alle wichtigen Stellen erfolgreich zu infiltrieren. Niemand traute sich in dieses Wespennest zu stechen.
Spears musste einsehen, dass in dieser Richtung einiges passieren musste. Eine Unternehmerin im Bereich der Prostitution kontrollierte die Stadt. Dieser ganze Sumpf musste trockengelegt werden. Es war nicht hinnehmbar von illegalen Aktivitäten, denen viele Entscheidungsträger verfallen waren, blockiert zu werden. Trotzdem brauchten sie die Hinweise dieser Madeleine, wer denn hinter dem Komplott gegen den Sergeant stand. Emma Reed fiel dabei aus. Sie konnte kaum ein Interesse daran haben, einen Kunden loszuwerden, der jede Woche eines ihrer Mädchen buchte. Laut Barbers Aussage hatte sie mit Drogen auch nichts Hut. Ihr Geschäft war ebenfalls illegal, aber die Strafen dafür waren weit niedriger. Barber gab aber auch zu, dass einige ihrer Mädchen, die sie kontrollierte, abhängig von diesem Zeug war. Sie verkauften ihre Körper, um an das benötigte Geld zu kommen, ihre Sucht zu finanzieren.
Kurz darauf kam Cooper Knight wieder zurück. Er hatte in Washington angerufen und mit dem Verantwortlichen ihres Einsatzes gesprochen. Er wollte sich um das weitere kümmern. Knight zeigte seiner Kollegin den Daumen nach oben. Damit wusste sie auch Bescheid, dass der Agentenführer im Hauptquartier ihrer Bitte entsprochen hatte. Während sie zu dritt die Kanne frischen Kaffees genossen, stellten sie immer neue Vermutungen auf, wer ein Interesse daran haben könnte, Sergeant Barber aus dem Weg zu räumen. Der Beamte kannte seine Kandidaten schon lange genug. Keiner der beiden Barone, die in der Stadt den Markt kontrollierten, hatten ernsthafte Versuche unternommen, ihn loszuwerden. Mehrheitlich bekam er sogar aus den beiden Lagern Hinweise zu größeren Lieferungen. Scheinbar waren Arthur Antunes und Kylie Richardson nicht bestrebt einem Neuankömmling einen Teil der Stadt zu überlassen.
11. Kapitel
Bahamas, Nassau
Das Team um Liz Croll war gerade in ihrem Büro beim Mittagessen als das Telefon klingelte. Micha, der gerade mit frischem Saft für die Kinder aus der Küche kam, stellte die Karaffe auf den Schreibtisch der Anführerin und nahm den Hörer ab.
»Wer stört?«, fragte er etwas brummelig.
Das Gespräch, was eher ein Monolog war, dauerte einige Minuten. Je länger er den Hörer in der Hand hielt, umso mehr verdunkelte sich seine Miene. Dann sagte er, »Ich gebe es weiter, Rhonda«, und legte auf. Während er die Karaffe wieder anhob und sich auf den Weg zum Tisch machte, setzte er wieder sein Pokerface auf. Zuerst schenkte er den vier Kindern den gekühlten Saft ein, bevor er sich wieder auf seinen Platz setzte und das Team unterrichtete.
»Rhonda hat angerufen. Wir sollen in Amerika dem FBI helfen eine Organisation aufzudecken. Sie nennen sich SNB und lassen Drogen, sowie Waffen durch einfache, meist junge Studenten und Berufsanfänger mit weniger Geld die Waren quer durchs Land transportieren. Das FBI hat zwei Agenten abgestellt, die das untersuchen sollen, die allerdings in Lyon angerufen haben und Unterstützung brauchen. Amy und ihr Team sind gerade in Schweden unterwegs, was bedeutet wir sollen denen helfen.«
»Da kann mal wieder sehen, was das für Blindgänger sind«, scherzte Mike. »Kaum wird es etwas schwieriger, brauchen sie Hilfe, um einen Tagedieb zu überführen.«
Damien, der Sohn von Liz, der gerade auf einem Stück Fleisch kaute, fragte in die Runde »Was ist ein Tagedieb? Klaut der anderen Tage?«
Das Team begann zu lachen. Die Kinder machten fragende Gesichter. Aus ihrer Sicht war die Frage an die Erwachsenen mehr als berechtigt. Michael kannte das schon von seinen beiden Mädchen. In dem Alter stellten sie den Tag über mehr als genug Fragen. Er stand auf und kniete sich neben die Kinder am Tisch, als er erklärte, »Der Ausdruck Tagedieb ist ein altes deutsches Sprichwort, was bereits vor 200 Jahren schon gebräuchlich war. Johann Wolfgang von Goethe, ein berühmter deutscher Dichter, verwendete den Tagedieb schon in seinen Werken. Es bezeichnet eine Person, die keiner nützlichen Beschäftigung nachgeht und den ganzen Tag nichts tut.«
Die Antwort reichte den Kindern aus und sie kümmerten sich weiter um ihr Mittagessen. Den Müttern gefiel es wie der ehemalige Bodyguard mit den Kindern umging. Leonie und Dolly erlebten das täglich zu Hause. Die beiden Mädchen waren ständig am Fragen und Micha erklärte ihnen geduldig alles, was sie wissen wollten. Liz und Karyani bewunderten diese Fähigkeit bei ihm. Sie hatten nach einigen Stunden intensiven Fragens der Kinder nicht mehr die Nerven alles zu erklären. Ihn schien das nicht zu stören, obwohl Leonie und Dolly wussten, dass er teilweise auch genug davon hatte. Allerdings war es ihm wichtig seinen beiden geliebten Kindern ihre Fragen zu beantworten so gut er das konnte.
Liz wollte das Thema jetzt nicht beim Mittagessen ansprechen und gab nonverbale Hinweise an ihre Freunde. Nach dem Essen, wenn die vier wieder zusammen spielten, blieb noch genug Zeit, das alles zu diskutieren. Natürlich gab es keine passendere Zeit, als sie genau dann wieder in der Welt herumzuschicken, als ihre Kinder gerade ihre Ferien hatten. Ihr gefiel das nicht. Wieder einmal mussten sie ihren Nachwuchs alleine zurücklassen und Verbrecher ausfindig machen. Für die Mütter war das immer wieder eine Herausforderung. Jason war nicht mehr in der Lage sich einige Wochen um alle vier zu kümmern. Solange sie noch klein waren und im Sand zusammen spielten, konnte er sie beaufsichtigen und sich um ihre Bedürfnisse kümmern. Mittlerweile waren sie aber nicht mehr zu halten und entwickelten eigene Ideen.
Im Hause Korn und Paredes gab es dieses Problem nicht mehr. Die drei hatten schon seit Monaten zwei Studentinnen engagiert, die sich um die beiden Mädchen bemühten. Sie wechselten sich bei der Kinderbetreuung ab, wenn die Eltern mal wieder unterwegs waren. Damien blieb natürlich bei seinem Vater, solange Liz auf Tour war. Nur Karyani und Mike, die ja beide zum Team gehörten, brauchten für Mika jemanden. Da sie aber bisher niemanden gefunden hatten der auf ihren dreijährigen aufpassen konnte, durfte er für die Zeit zu Valeria und Emilia. Da war er unter seinen Freunden und die Studentinnen kümmerten sich um die Anliegen des kleinsten.
Nach dem Mittagessen räumte Michael den Tisch ab und die Kinder widmeten sich wieder ihrer Tagesbeschäftigung. Danach fand er sich dann vor der Tür ein, um mit Leonie und Liz, die beiden Raucherinnen, einen Glimmstängel zu inhalieren. Leonie machte sich Sorgen dem FBI unter die Arme greifen zu müssen. Es war zwar ein paar Jahre her, seit sie in Houston von exakt dieser Organisation verhaftet worden war. So viel Gutes war ihr in der Zwischenzeit passiert, was sie unter keinen Umständen wieder verlieren wollte. Sie hatte Michael und Dolores an ihrer Seite, durfte sich über die Geburt ihrer Tochter freuen und ihre Halbschwester machte das Glück perfekt. Liz wusste das natürlich, sie war ja hautnah dabei, wie sich das alles entwickelte. Ihre Angst erkannt zu werden war regelrecht spürbar.
Michael empfand die vor ihnen liegende Aufgabe als extrem unangenehm. Er machte gegenüber der Teamchefin auch keinen Hehl daraus. Mit Ausnahme von Micha und Dolores waren sie in den USA immer gefährdet. Mike musste vier Jahre im Gefängnis brummen, seine geliebte Frau wurde wegen diverser Straftaten gesucht und Leonie als ehemalige Auftragskillerin entkam mithilfe von Liz und Mike aus den Fängen des FBI. Falls man sie erkennen würde, was leicht passieren konnte, waren sie alle gefährdet. Dem ganzen Team war nicht wohl dabei in der Höhle des Löwen arbeiten zu müssen.
Liz versprach den beiden sich schon im eigenen Interesse darum zu kümmern. Bevor sie zu einer Besprechung zusammenkamen, rief sie Rhonda Miller in Lyon an.
Die Direktorin von Interpol meldete sich schon nach dem ersten Klingelzeichen, »Hallo Liz, was brauchst du?«
»Sicherheiten Rhonda. Du weißt, dass unser gesamtes Team in den Vereinigten Staaten extrem gefährdet ist. Falls jemand von uns dort erkannt wird sind wir und unsere Familien in Gefahr. Wir möchten nicht auf dem Präsentierteller sitzen, ohne irgendwie abgesichert zu sein«, legte Liz los.
»Ich wollte eigentlich Amys Team schicken, aber die sind anderweitig gebunden und ich habe nur euch zur Verfügung. Ich weiß um die Verstrickungen Bescheid. Ihr habt von meiner Seite aus jeglichen Rückhalt den ihr braucht. Um es ganz deutlich zu formulieren, und das kannst du gerne allen ausrichten, falls euch irgendwas passiert, ihr erkannt werdet oder irgendjemand gegen euch vorgehen will, dürft ihr ungestraft jeden umlegen. Ihr habt jedes Recht, das in euren Arbeitspapieren steht und das weltweit«, erklärte Rhonda eindringlich.
»Was passiert, wenn man uns direkt vor Ort verhaftet?«, wollte Liz wissen.
»Dann, meine liebe Liz, bin ich versucht jeden einzelnen Interpolmitarbeiter in die Staaten zu entsenden und euch da rauszuholen. Falls sie es wirklich versuchen sollten, lernt dieser Staat wie es sich anfühlt Krieg zu spielen. Aber dieses Mal in der Heimat direkt vor der eigenen Haustür.«
Liz konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Wollen wir hoffen, dass es nicht so weit kommt!«
»Kann ich sonst noch was für euch tun?«
»Derzeit nicht Rhonda. Wir melden uns, wenn wir etwas brauchen. Danke!«, entgegnete die Anführerin und legte dann auf.
Nach einer kurzen Pause bat die Chefin ihr Team an den Tisch zur ersten Besprechung. Mike, der Hacker des Teams, hatte bereits die Unterlagen, die man ihnen zur Verfügung stellte, überflogen und konnte die Hinweise weitergeben. Die Kinder waren draußen beschäftigt und spielten fangen. Das gab ihnen genug Zeit sich das alles anzuhören. Bevor Mike seinen Bericht loswerden durfte, beruhigte Liz ihr Team und gab ihnen das Ergebnis ihres Gesprächs mit Rhonda Miller weiter.
»Wir alle sind in den Vereinigten Staaten gefährdet, das will ich auch nicht in irgendeiner Form schönreden. Ich habe mit Rhonda in Lyon telefoniert und sie um Sicherheiten gebeten. Sie steht hinter uns bei allem was passiert. Sie erlaubt uns jeden zu killen der gegen uns vorgeht, egal wer es auch sein sollte. Falls man uns verhaftet wird sie alle Hebel in Bewegung setzen uns herauszuholen. Notfalls ist sie auch dazu bereit, ganz Interpol zu bewaffnen und einen Krieg gegen die Amerikaner vom Zaun zu brechen. Sie hat mich noch einmal an unsere Arbeitspapiere erinnert, in denen uns zugesichert wird, jedes auch illegale Mittel anzuwenden, das wir für erforderlich halten. Uns kann also nichts passieren.«
Michael richtete ein Wort an Liz, »Mit deiner Erlaubnis Queen würde ich gerne anregen, dass unsere Familien, insbesondere die Kinder, während unserer Abwesenheit zumindest durch Schusswaffen gesichert sind. Dazu würde ich gerne mindestens drei alte Kollegen hierher beordern, die aufpassen, dass nichts passiert!«
»Meinst du wirklich, das wird nötig sein, Micha?«, wollte Kary wissen. »Wir haben unsere Tarnidentitäten im Ausland zwar abgelegt und operieren wieder unter unseren normalen Namen, aber ich glaube nicht, dass jemand Rückschlüsse auf den Wohnort unserer Kinder ziehen kann.«
»Nenn es meinetwegen Vorsicht oder völlig bescheuert, aber ein blöder Zufall würde ausreichen sie ausfindig zu machen und wir wollen alle nicht das ihnen auch nur das geringste passiert«, gab er zu bedenken.
Alle machten sich Gedanken um ihre Kinder. Niemand wollte, dass ihnen etwas geschieht und seine Bedenken waren nicht von der Hand zu weisen. Das Federal Bureau of Investigation hatte verschiedene Möglichkeiten den Aufenthaltsort zu ermitteln, auch außerhalb der Vereinigten Staaten. Liz erinnerte ihre Mitstreiter an den Fall ›Ikarus‹, der in England seinen Abschluss fand. Damals war es sogar notwendig, einen Killer, der auf sie angesetzt war, vor der Bar ihres Mannes auszuschalten. Dort war es einem Privatmann gelungen, die Adresse ausfindig zu machen. Leonie beugte sich zu ihrem Ehemann und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er nahm sich einen kurzen Moment Zeit, um über ihren Vorschlag nachzudenken. Micha nickte nur stumm. Liz, die das mitbekam, wollte wissen, was Leonies Anliegen war.
Die kleine Blondine erklärte, »Emilia trainiert an Waffen, wie ich als Kind. Sie hat von François eine tödliche Handfeuerwaffe geschenkt bekommen. Ich möchte, dass sie im Notfall sich, Valeria und Mika verteidigen kann, sozusagen als letzte Verteidigungslinie. Ganz davon abgesehen, was wir hier entscheiden.«
»Früh übt sich, wer eine Meisterin wie ihre Mutter werden will«, versuchte Mike einen kleinen Scherz.
Die Anführerin hatte genug davon und wollte zu einem Ende kommen. Deshalb ließ sie die Truppe über Michas Vorschlag abstimmen. Alle schoben ihre Bedenken im Interesse ihrer Kinder beiseite und stimmten dem Angebot zu. Micha ließ daraufhin die anderen kurz alleine und telefonierte vor der Tür mit einem alten Kollegen. Währenddessen unterhielt sich das Team über Emilias Hobby und die Fortschritte, die sie schon gemacht hat. Dolores erwähnte auch, dass sie ihr beigebracht hatten, nie auf Lebewesen anzulegen, mit der Ausnahme, wenn ihr oder ihren Freunden Gefahr drohte. Karyani begann zu lachen. Sie hatte also die gleiche Entwicklung wie Leonie vor sich, nur mit dem Unterschied nicht auf die schiefe Bahn zu geraten.
Kurz darauf kam Micha von seinem Telefonat zurück und berichtete, »Ich habe einen alten Kumpel angerufen. Er kommt mit drei weiteren Bodyguards zu uns und passt auf unsere Familien auf während wir weg sind. Die Bezahlung ist bereits geregelt.«
»Okay, danke Micha«, sagte Liz und drehte sich zu Mike um. »Mike, bring uns auf den neuesten Stand, was haben wir vor uns?«
Die vier Frauen und Michael schlossen die Augen und entspannten sich. Sie hatten die Methode von Michael übernommen, der sich so die Fakten notierte. Der Hacker räusperte sich kurz, rückte auf dem Sofa nach vorne und begann zu referieren, »Eine unbekannte Gruppe setzt in den ganzen Staaten einfache Bürger als Kuriere für Drogen und Waffen ein. Sie tarnen sich als Geheimdienstorganisation mit dem Kürzel SNB. Seit etwas mehr als fünf Monaten werden überall im Land immer wieder Privatpersonen mit Crystal Meth oder verschiedenen verbotenen Waffen erwischt und landen dafür hinter Gittern. Angeworben werden sie mit einfachen Briefen und Bargeld, das sie in ihrem Briefkasten finden, wenn sie einen Auftrag erledigt haben. Die Urheber konnten bisher nicht ermittelt werden. Das FBI hat zwei Agenten angewiesen, dem nachzugehen. Eine Special Agentin Ashleigh Spears und einen Special Agent Cooper Knight. Sie befinden sich derzeit in Portland und sind besorgt, weil sie zu wenig Personal haben. Das FBI hat bei Interpol um Unterstützung gebeten. Trotz mehrfacher Überwachung der Lieferungen konnte bisher niemand der Organisation enttarnt werden. Direkt vor den Augen der Polizei sind Beweismittel aus einer Lieferung verschwunden ohne, dass es bemerkt wurde. Unser Auftrag lautet, mit den beiden Agenten die Organisation SNB ausfindig zu machen und die Hintergründe aufzudecken.«
»Meine Fresse sind die dämlich«, brach es aus Karyani heraus. »Die lassen sich Drogen, die sie beobachten, vor der Nase klauen. Was sind das nur für Stümper?«
»Kary, was erwartest, du von einem Volk, was 25 Millionen Dollar ausgibt, um einen Kugelschreiber zu entwickeln, der auch im All schreibt? Die Russen haben dieses Problem mit einem Bleistift für ein paar Cent gelöst. Die meisten Einwohner dieses Landes sind mit Naiv noch sehr wohlwollend umschrieben«, erwiderte Michael. Das brachte ihm einen kleinen liebevollen Klaps von Leonie ein. Auch Karyani bekam von ihrem Mann ein vorwurfsvolles Gesicht. Die beiden waren schließlich Amerikaner. Allerdings kannten sie das schon von ihren Freunden.
»Das bringen die nicht alleine hin?«, wollte Liz wissen.
»Wie du siehst nicht Liz«, antwortete Mike kopfschüttelnd.
»Das FBI hat so viele Agenten in den ganzen USA verstreut und sie schicken ganze zwei da hin. Was machen die ganzen anderen 36.000 davon?«
Leonie grinste »Die bohren in der Nase Liz. In Amerika kann sonst was passieren und das FBI schickt immer nur zwei Agenten. Das ist deren Standardgröße. Ich habe im Laufe der ganzen Zeit so viele Menschen abgeknallt und war sogar unter den meistgesuchten Personen gelistet. Trotzdem waren immer nur zwei hinter mir her. Die letzten beiden haben acht Jahre gebraucht, um mich zu bekommen. Das ist ihnen nur gelungen ist, weil ich so blöd war auf einen davon reinzufallen.«
»Okay«, schloss Liz das Thema ab, »die werden ja noch einen halben Tag ohne uns auskommen. Ich schlage vor wir fliegen morgen früh da hin und erledigen das Thema. Wird ja nicht so lange dauern die zu finden. Ich frage mich nur was die beiden Spezialisten dann machen? Wollen die vielleicht lernen wie man es macht?«
Dolores meldete sich zu Wort, »Ich denke mal sie haben uns nur angefordert, um Aufgaben zu übernehmen, die sie nicht selber machen wollen. So wie ich gelesen habe machen sie das immer. Entweder sie spannen normale Polizisten ein, die unliebsamen Aufgaben zu übernehmen und jetzt denken sie wohl, dass sie uns die Scheiße aufs Auge drücken können.«
»Die werden sich umgucken«, brummte Michael, »Unsere Queen fliegt nicht da hin, um denen den Arsch zu wischen. Wenn ich den Ausdruck in ihren Augen richtig deute, übernimmt sie den ganzen Fall ohne sich vom FBI auf der Nase herumtanzen zu lassen. Stimmts oder hab ich recht?«
Die Anführerin schüttelte den Kopf, »Micha kennt mich mittlerweile schon viel zu gut. Ich habe nicht vor denen zuzuarbeiten damit sie sich ein gut gemacht abholen können. Wir sind ein Team von Spezialisten und klären solche Fälle alleine. Außerdem haben sie uns gerufen, weil sie alleine nicht damit klarkommen.«
Die sechs Agenten sprachen noch eine ganze Weile über den Fall, um einen Ansatz zu finden. Jede Idee wurde aber von Mike wieder verworfen, weil die Polizisten in den USA diese Ansätze auch schon erfolglos verfolgten. Nach etwa einer Stunde unterbrach Liz die Diskussion. Sie mussten sich vor Ort selbst ein Bild machen. Vielleicht gab es ja schon neue Hinweise bis sie in Portland waren, was ihnen einen Ansatz bot. Dann entschied sie dem Team bis zum Morgen freizugeben. Sie mussten ihre Kinder noch darüber informieren, dass sie eine Weile unterwegs sein würden. Außerdem sollten sie ihnen noch sagen, dass sie für die Zeit von Bodyguards beschützt wurden, was sie nicht zu beunruhigen brauchte.
Sie sammelten die vier Kinder ein und machten sich auf den Heimweg. Während der Fahrt nach Hause erfuhren Emilia und Valeria von ihren Eltern alles, was es zu wissen galt. Die einzigen Rückfragen, die sie hatten, waren, ob sie für diese Zeit noch ihren Hobbys nachgehen durften. Leonie beruhigte die beiden Mädchen. Valeria durfte weiter jeden Tag auf ihrem Pferd reiten und Emilia durfte mit ihren Waffen im Garten schießen. Michael erklärte seiner Tochter, dass der Mann, der kommen würde, um sie zu beschützen, auch mit ihr trainieren würde. Er hatte seinen Kollegen gebeten Emilia ein bisschen zu trainieren damit sie vorankam und auch mit ihren Waffen umgehen konnte. Solange die Eltern nicht da waren, sollten die beiden Töchter nicht darunter leiden. Zudem waren die beiden Studentinnen ja auch noch für sie da. Allerdings mussten sie den Mädchen versprechen, täglich mit ihnen zu telefonieren.
Бесплатный фрагмент закончился.
