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Mary Shelley

Frankenstein

Übersetzt

Christian Barth

Saga

Frankenstein ÜbersetztChristian Barth Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1818, 2020 Mary Shelley und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726539394

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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VORWORT

Dr. Darwin und einige deutsche Wissenschaftler hielten das Ereignis, von dem im Folgenden berichtet wird, für möglich. Von mir kann man nicht erwarten, daß ich einem solchen Hirngespinst auch nur den geringsten Glauben schenke. Ich benützte es zwar als Grundlage meiner phantastischen Erzählung, doch wollte ich keineswegs nur eine Reihe seltsamer Schrecknisse miteinander verknüpfen. Der Begebenheit, die Interesse verdient, haften durchaus nicht die Nachteile einer gewöhnlichen Spukgeschichte an. Mag sie in physischer Hinsicht auch unmöglich sein, so bietet sie doch eine völlig neuartige Situation: Die Einbildungskraft dringt weiträumiger und tiefer in die menschlichen Leidenschaften ein als sonst bei gewöhnlichen Beziehungen zwischen tatsächlichen Geschehnissen.

Ich habe mich bemüht, an der Wahrheit der elementaren Gesetze der menschlichen Natur festzuhalten, während ich ohne Bedenken neuartige Verwicklungen einführte. Die Ilias, die tragische Dichtung Griechenlands, Shakespeare im »Sturm« und im »Sommernachtstraum« und besonders Milton im »Verlorenen Paradies« richten sich nach dieser Regel; der simpelste Schriftsteller, der nur unterhalten will, wendet ohne Anmaßung dieselbe Regel an, nach der so viele ausgeklügelte Verwicklungen menschlichen Empfindens in den größten Dichtungen verlaufen.

Meine Geschichte stützt sich auf Dinge, die einmal beiläufig erwähnt wurden. Ich fing sie aus Vergnügen und als ein Mittel zur Belebung brachliegender geistiger Fähigkeiten zu schreiben an. Andere Motive vermischten sich damit während der Arbeit. Wenn ich auch nicht gleichgültig gegenüber den moralischen Wirkungen bin, die durch die Empfindungen oder die Charaktere des Werks auf den Leser ausgeübt werden, so beschränkte ich mich dennoch darauf, die entnervenden Effekte der Gegenwartsromane zu vermeiden und dafür die Liebenswürdigkeit persönlicher Neigung und die Größe universaler Tugend herauszustellen. Die Ansichten, die sich natürlicherweise aus dem Charakter und der Situation des Helden ergeben, dürfen nicht als meine eigene Überzeugung betrachtet und keine Folgerung auf diesen Seiten als eine voreilige Beurteilung eines philosophischen Systems bewertet werden.

Für mich ist es zudem reizvoll, daß die Niederschrift in jener eindrucksvollen Landschaft begonnen wurde, von der auch die Handlung ihren Ausgang nimmt, sowie in einem geselligen Kreis, den ich immer vermissen werde. Ich verbrachte den Sommer 1816 in der Umgebung Genfs. Die Jahreszeit war kühl und regnerisch; an den Abenden drängten wir uns um ein flackerndes Holzfeuer und amüsierten uns an deutschen Geistergeschichten, auf die wir zufällig gestoßen waren. Sie erregten in uns den spielerischen Wunsch, ähnliches zu erfinden. Meine zwei Freunde – aus deren Feder das Publikum weitaus bessere Erzählungen als aus meiner erwarten dürfte – und ich kamen überein, jeder von uns solle eine Geschichte um eine gespenstische Begebenheit schreiben.

Das Wetter heiterte sich plötzlich auf; meine beiden Freunde brachen zu einer Alpenwanderung auf und vergaßen beim Anblick der großartigen Szenerie ihre Gespenstervisionen. Die folgende Erzählung wurde als einzige vollendet.

Marlow, September 1817

ROBERT WALTON AN FRAU SAVILLE, SEINE IN ENGLAND LEBENDE SCHWESTER:

Erster Brief

St. Petersburg, den 11. Dezember 17. .

Du wirst gewiß mit Freude hören, daß sich mein Unternehmen trotz der üblen Vorzeichen bisher gut anließ. Ich traf gestern hier ein und habe nichts Eiligeres zu tun, als meiner lieben Schwester mein Wohlergehen zu versichern und ihr Vertrauen auf meinen Erfolg zu stärken.

Von London aus gesehen, befinde ich mich bereits weit im Norden. Wenn ich durch die Straßen von St. Petersburg wandere, verspüre ich eine kalte Brise auf meinen Wangen, die meine Nerven kräftigt und mir frohen Mut verleiht. Verstehst Du diese Empfindung? Die Brise weht aus jenen Breiten, denen ich mich nähere, und vermittelt mir einen Vorgeschmack des eisigen Klimas. Meine Tagträume werden durch diesen Wind der Verheißung zu funkelnder Lebhaftigkeit ermutigt. Vergeblich suche ich mich zu überreden, der Pol sei der Ursprung des Frostes, der Trostlosigkeit. Stets bietet er sich meiner Vorstellung als ein Ort der Schönheit, der Freude an. Dort, Margret, leuchtet die Sonne ewig. Ihr gewaltiges Rad rollt am Horizont hin und verströmt einen beständigen Glanz. Dort – Du erlaubst, liebe Schwester, daß ich den mir zuvorgekommenen Seeleuten glaube – gibt es weder Schnee noch Kälte. Sind wir über das stille Meer gefahren, so werden wir an ein Land getragen, dessen wunderbare Beschaffenheit jede bisher entdeckte Gegend auf dem bewohnbaren Erdball übertrifft. Seine Erzeugnisse und seine Formen sind wie die Erscheinungen der Himmelskörper in jener unbetretenen Einsamkeit zweifellos ohne Beispiel. Was ist nicht alles zu erwarten in einem Land des ewigen Lichts? Ich könnte dort die geheimnisvolle Kraft entdecken, die den Kompaß lenkt; ich könnte tausend Himmelsbeobachtungen erklären, die nur diese Reise erfordern, um ihre scheinbaren Unregelmäßigkeiten als richtig zu erweisen. Ich werde meine brennende Neugierde mit dem Anblick eines noch unerschlossenen Teils der Welt sättigen; ich werde ein Land betreten, das noch nie die Fußspuren eines Menschen trug. Das ist mein Ansporn, der jede Angst vor Gefahr oder Tod verscheucht und mich veranlaßt, die mühselige Reise mit einer Freude zu beginnen, wie sie ein Kind empfinden muß, das mit seinen Ferienkameraden im kleinen Boot zu einer Entdeckungsfahrt längs des heimatlichen Flusses aufbricht. Aber angenommen, alle Mutmaßungen wären falsch, dann kannst Du dennoch die unschätzbare Wohltat nicht abstreiten, die ich der ganzen Menschheit bis ins letzte Glied erwiese, wenn ich eine Durchfahrt nahe dem Pol für jene Länder entdeckte, die man gegenwärtig erst nach vielen Monaten erreichen kann, oder wenn ich das Geheimnis des Magneten ermittelte, was – falls überhaupt – nur durch ein Unternehmen wie meines geschehen kann.

Diese Überlegungen haben die Unruhe, mit der ich den Brief zu schreiben begann, zerstreut und eine himmelstürmende Begeisterung in meinem Herzen entfacht. Nichts trägt mehr dazu bei, dem Geist Ruhe zu schenken, als ein stetiges Ziel – ein Punkt, auf den die Seele ihr inneres Auge richtet. Diese Expedition war der Lieblingstraum meiner Jugend. Ich las mit heißem Eifer die Berichte über die verschiedenen Reisen, auf denen man den Nordpazifik über die den Pol umgebenden Meere erreichen wollte. Gewiß erinnerst Du Dich, daß eine Geschichte aller Forschungsreisen die ganze Bibliothek unseres guten Oheims Thomas darstellte. Meine Erziehung wurde zwar vernachlässigt, doch las ich leidenschaftlich gern. Tag und Nacht verbrachte ich über den Büchern; meine Vertrautheit mit ihnen vermehrte mein Bedauern, als ich im Kindesalter erfuhr, daß der ausdrückliche Wunsch meines Vaters meinem Qheim verbot, mir ein Seemannsleben zu gestatten.

Derartige Visionen verblaßten, als ich zum erstenmal jene Dichter las, deren Ergüsse meine Seele in höhere Sphären entrückten. Auch ich wurde ein Dichter und lebte ein Jahr lang im Paradies meiner eigenen Schöpfung; ich träumte davon, eine Nische im Tempel, in dem die Namen Homers und Shakespeares geheiligt werden, zu erhalten. Du kennst mein Versagen zur Genüge und weißt, wie schwer ich an der Enttäuschung trug. Gerade damals erbte ich das Vermögen meines Vaters, und frühere Wünsche wurden wieder in mir wach.

Vor sechs Jahren entschloß ich mich zu meinem gegenwärtigen Unternehmen. Die Erinnerung an die Stunde, in der ich mich dem großen Wagnis weihte, lebt noch in mir. Zunächst gewöhnte ich meinen Körper an Beschwernisse. Ich begleitete die Walfischer auf mehreren Fahrten ins Nordmeer; ich ertrug freiwillig Kälte, Hunger, Durst und den Mangel an Schlaf; ich arbeitete tagsüber härter als die Seeleute und widmete meine Nächte dem Studium der Mathematik, der Medizin und jener Zweige der Naturwissenschaft, die einem Abenteurer auf See nützlich sind. Zweimal heuerte ich als Untermaat auf einem Grönlandwalfänger an und erwarb mir einiges Ansehen. Ich gestehe, daß ich stolz war, als mir der Kapitän die zweite Stelle auf dem Schiff anbot und mich dringlich ums Bleiben ersuchte, da meine Dienste ihm wertvoll erschienen.

Warum, liebe Margret, sollte ich mir nicht die Ausführung eines größeren Plans zumuten? Mein Leben hätte in Wohlstand und Überfluß verlaufen können; aber ich zog den Ruhm jeder Lockung vor, die der Reichtum in meinen Weg stellte. Wenn nur eine einzige bestätigende Stimme mich ermunterte! Mein Mut und mein Entschluß wanken nicht, aber meine Hoffnungen schwanken, und oft bin ich niedergedrückt. Ich will eine lange, schwierige Reise fortsetzen; unerwartete Ereignisse werden meine ganze Tapferkeit erfordern. Ich muß nicht nur die Stimmung anderer zu heben, sondern auch meine eigene zu halten suchen.

Jetzt ist die günstigste Zeit, um in Rußland zu reisen. Die Schlitten fliegen eilig über den Schnee; so läßt sich weit gemütlicher fahren als in einer englischen Postkutsche. Die Kälte beißt nicht zu arg, wenn man – wie ich nun – in Pelze gehüllt ist. Es besteht nämlich ein großer Unterschied zwischen Herumlaufen und stundenlangem, bewegungslosem Sitzen, wenn keinerlei Tätigkeit das Blut daran hindert, in den Adern zu gefrieren. Ich beabsichtige nicht, mein Leben auf der Straße zwischen St. Petersburg und Archangelsk einzubüßen.

Ich werde nach der letztgenannten Stadt in zwei oder drei Wochen aufbrechen. Dort will ich ein Schiff mieten – was nicht schwerfallen dürfte, wenn ich dem Eigentümer die Versicherung bezahle – und so viele mit dem Walfang vertraute Matrosen anheuern, wie ich brauche. Vor Juni werden wir nicht segeln – wann werde ich wiederkehren? Wer weiß die Antwort, liebe Schwester? Habe ich Erfolg, dann vergehen viele Monate, vielleicht Jahre, bevor wir uns wiedersehen. Mißlingt es mir, wirst Du mich bald oder nie mehr erblicken.

Leb wohl, meine teuerste Margret! Der Himmel möge Dich segnen und mich beschützen, damit ich auch in Zukunft meinen Dank für Deine Güte und Freundlichkeit bezeugen kann.

Herzlichst, Dein Bruder!

Zweiter Brief

Archangelsk, den 28. März 17 . .

Wie träg verrinnt die Zeit in diesem Kerker aus Frost und Schnee! Dennoch – ein zweiter Schritt auf meinem Weg ist getan: Ich habe ein Schiff gemietet und sammle nun meine Matrosen. Die Männer, die ich bereits angeheuert habe, scheinen verläßlich und guten Muts zu sein.

In mir lebt ein Wunsch, dem bisher keine Erfüllung beschieden war. Ich leide sehr darunter, Margret, daß ich keinen Freund habe. Wenn die Begeisterung über ein gelungenes Werk in mir glüht, dann gibt es niemanden, der meine Freude teilt; wenn mich die Enttäuschung niederdrückt, ist niemand da, der mich in meinem Trübsinn aufrichtet. Gewiß, ich werde meine Gedanken dem Papier anvertrauen; aber das ist eine armselige Hilfe, um Gefühle mitteilen zu können. Ich sehne mich nach der Gesellschaft eines Mannes, der wie ich empfindet, dessen Blick dem meinen antwortet. Du hältst mich für romantisch, liebe Schwester, doch mich schmerzt es einfach, keinen Freund zu besitzen. Niemand steht neben mir, dessen Sinn ruhig und mutig, dessen Geist sowohl kultiviert als auch weit gespannt, dessen Geschmack dem meinen ähnlich ist, der meine Pläne billigt oder verbessert. Ein solcher Freund könnte die Fehler Deines Bruders wettmachen! Ich handle oft übereilt und werde bei Schwierigkeiten ungeduldig. Noch schlimmer ist, daß ich Autodidakt bin, denn die ersten vierzehn Jahre meines Lebens wucherte ich wie eine Wildpflanze und las nichts außer den Reisebüchern unseres Oheims Thomas. Dann lernte ich unsere gefeierten Dichter kennen; erst als es zu spät war, Vorteile daraus zu ziehen, erkannte ich die Notwendigkeit, mehr Sprachen als nur die eigene zu beherrschen. Jetzt, im Alter von achtundzwanzig, bin ich ungebildeter als mancher fünfzehnjährige Schuljunge. Ich habe zwar mehr nachgedacht, und meine Phantasie ist ausgedehnter und glänzender, aber sie bedarf – wie ein Maler sagen würde – der Gestaltung. Ich brauche einen Freund, der so viel Verständnis hat, um mich nicht als Phantasten zu verachten, und so große Zuneigung, um die Aufgabe, meinen Geist zu formen, auf sich zu nehmen.

Ich weiß, das sind müßige Klagen; auf dem weiten Ozean finde ich bestimmt keinen Freund, und auch hier nicht unter den Kaufleuten und Matrosen in Archangelsk. Allerdings schlägt selbst bei ihnen, unter Schlacke verborgen, manch warmes Herz. Mein Leutnant ist ein Mann, der Kühnheit und Unternehmungslust besitzt; er verzehrt sich nach dem Ruhm, oder eigentlich nach Verbesserung seines Berufs. Er ist Engländer und trotz der nationalen und standesmäßigen Vorurteile nicht durch die Zivilisation verweichlicht; er zeichnet sich durch die Neigung zu vornehmer Menschlichkeit aus. An Deck eines Walfängerschiffs lernte ich ihn kennen. Als ich ihn in dieser Stadt ohne Beschäftigung antraf, heuerte ich ihn ohne weiteres an, um meinem Vorhaben seine Unterstützung zu gewinnen.

Auch der Steuermann zeigt einen ansprechenden Charakter. An Bord fällt seine milde Zucht auf. Dieser Umstand – zu dem seine wohlbekannte Untadeligkeit und sein unbezweifelbarer Mut kamen – ließ mich ihn anwerben. Meine einsame Jugend, meine glücklichen Jahre unter Deiner sanften Obhut, haben die Grundzüge meines Wesens so verfeinert, daß ich eine gehörige Abscheu vor der Brutalität, wie sie auf Schiffen üblich ist, nicht überwinden kann. Ich glaubte niemals, daß sie unumgänglich ist. Als ich von einem Seemann hörte, der gleicherweise wegen seiner Herzensgüte und des Respekts, den ihm seine Mannschaft erweise, gerühmt wurde, hielt ich es für günstig, mir seine Dienste zu sichern. Eine Dame, die ihm ihr Lebensglück verdankt, erzählte mir seine recht romantische Geschichte. Sie hört sich so an: Vor einigen Jahren entbrannte er in Liebe zu einer jungen Dame russischer Abkunft, die keineswegs reich war. Nachdem er durch Prisengelder ein beträchtliches Vermögen angehäuft hatte, stimmte der Vater des Mädchens der Heirat zu. Er sah seine Angebetete nur einmal vor der vereinbarten Hochzeit; sie wär von Tränen überströmt, warf sich ihm zu Füßen und flehte ihn um Gehör an. Sie gestand ihm, daß sie einen anderen liebe, der aber arm sei und den ihr Vater nie als Schwiegersohn annehmen würde. Großherzig besänftigte er sie, gab sein Werben sogleich auf und bat nur um den Namen ihres Geliebten. Das bereits erworbene Gut, auf dem er sein künftiges Leben verbringen wollte, übereignete er samt dem restlichen Prisengeld seinem Rivalen, der damit ein wohlhabender Mann wurde. Dann bat er den Vater des Mädchens, der Heirat mit ihrem Geliebten zuzustimmen. Der alte Mann weigerte sich und hielt an seiner Verpflichtung gegenüber meinem Steuermann aus Ehrengründen fest. Dieser verließ das Land und kehrte erst zurück, als er hörte, daß seine frühere Angebetete ihrer Liebe gemäß verheiratet war. »Das ist ein edler Mann!« wirst Du sagen. Du hast recht; aber er ist ungebildet und schweigsam wie ein Türke. Eine unbewußte Sorglosigkeit haftet ihm an, die sein Verhalten zwar um so erstaunlicher werden, Interesse und Zuneigung, die er sonst erwarten könnte, aber zurücktreten läßt.

Glaube aber nicht, daß ich mich beklage oder mir einen unerreichbaren Trost für meine Mühsal ersinne, daß meine Entschlüsse schwanken. Sie stehen fest wie das Schicksal. Meine Reise ist nur aufgeschoben, bis das Wetter die Einschiffung erlaubt. Der Winter war äußerst streng, aber der Frühling beginnt hoffnungsvoll und gilt als erstaunlich vorzeitig. Vielleicht kann ich früher segeln, als ich erwartete. Ich werde nichts übereilen. Du kennst meine Vorsicht und Überlegtheit, sobald mir die Sicherheit anderer anvertraut ist.

Ich kann Dir meine Empfindungen angesichts des nahen Beginns meines Unternehmens nicht schildern. Unmöglich vermag ich dir einen Begriff der Erregung zu vermitteln, die halb freudig, halb ängstlich ist. Unerforschtes Gebiet will ich betreten, »das Land des Nebels und des Schnees«; doch keinen Albatros töten. Sei deshalb unbesorgt, auch wenn ich zu Dir so erschöpft und elend zurückkehren sollte wie der »Alte Seemann«. Du wirst über meine Anspielung lächeln, aber ich will Dir ein Geheimnis entdecken. Oft schrieb ich meine Neigung, meine leidenschaftliche Begeisterung für die gefahrvollen Wunder des Ozeans jenem Werk des phantasievollsten der neueren Dichter zu. Etwas geht in meiner Seele vor, das mir unverständlich bleibt. Ich bin praktisch, fleißig, sorgfältig, ein Arbeiter, der mit Beharrlichkeit und Anstrengung werkt; aber daneben ist eine Liebe für das Wunderbare in all meine Pläne verflochten, die mich hinwegtreibt von den gewöhnlichen Pfaden der Menschen, hinaus auf die wilde See und in unbekannte Gebiete, die ich erforschen will.

Doch wenden wir uns angenehmeren Gedanken zu. Wann sehe ich Dich wieder, nachdem ich die ungeheuren Meere überquert habe und um das südlichste Kap Afrikas oder Amerikas zurückgekehrt bin? Ich wage kaum auf solchen Erfolg zu hoffen; dennoch kann ich es nicht ertragen, das Gegenteil anzunehmen. Schreibe mir vorläufig bei jeder Gelegenheit. Deine Briefe sollen mich dann erreichen, wenn ich eine Aufmunterung meiner Stimmung benötige. Ich liebe Dich zärtlich. Behalte mich in freundlichem Gedächtnis, wenn Du nie mehr etwas von mir hörst.

Herzlich, Dein Bruder.

Dritter Brief

Den 7. Juli 17 . .

Liebe Schwester, in Eile ein paar Zeilen: Ich bin wohlauf, und meine Reise schreitet frisch voran. Ein Kaufmann, der von Archangelsk heimreist, soll diesen Brief nach England bringen. Er ist glücklicher als ich, denn ich sehe mein Vaterland vielleicht jahrelang nicht mehr. Doch erfüllt mich frohe Hoffnung; meine Leute besitzen Kühnheit und ernsten Willen. Selbst die treibenden Eisschollen, die ohne Unterlaß an uns vorüberziehen und die Gefahren jenes Gebiets, dem wir näher kommen, anzeigen, können sie nicht schrecken. Wir haben nun einen sehr hohen Breitengrad erreicht. Der Höhepunkt des Sommers ist überschritten; obwohl es nicht so warm ist wie in England, tragen die südlichen Stürme, die uns schnell auf jene von mir so leidenschaftlich ersehnten Küsten zutreiben, eine recht belebende Wärme zu uns her, wie ich sie nicht erwartet hätte.

Bisher überraschten uns keine Zwischenfälle, die in einem Brief erwähnenswert wären. Eine oder zwei steife Brisen und ein Leck sind Unfälle, deren erfahrene Seeleute sich kaum erinnern; ich werde zufrieden sein, wenn uns auf der Reise nichts Schlimmeres zustößt.

Ade, liebe Margret; sei gewiß, daß ich um meinetwillen wie um Deinetwillen mich nie unüberlegt einer Gefahr aussetzen werde. Ich werde kühl, beharrlich und vorsichtig sein.

Aber der Erfolg soll meine Bemühungen krönen. Warum auch nicht? Ich bin weit gelangt, ich habe einen sicheren Weg über das pfadlose Meer gezogen; die Sterne selbst sind Zeugen und Beweis meines Triumphes. Warum soll ich nicht weiter vordringen auf dem ungezähmten und doch gehorsamen Element? Was kann das entschlossene Herz und den festen Willen eines Menschen zurückhalten?

Mein übervolles Herz will sprechen. Aber ich muß aufhören. Der Himmel segne meine geliebte Schwester!

Vierter Brief

Den 5. August 17 ..

Ein seltsames Ereignis ist geschehen, das ich Dir berichten muß, obwohl Du mich wahrscheinlich sehen wirst, ehe diese Blätter in Deinen Besitz gelangen.

Letzten Montag, den 21. Juli, waren wir von Eis umgeben, das sich allseits an unser Schiff klammerte und ihm kaum Raum ließ, vorwärts zu kommen. Unsere Lage war gefährlich, zumal uns dichter Nebel einhüllte. Wir drehten bei und hofften auf eine baldige Änderung des Wetters. Gegen zwei Uhr lichtete sich der Nebel, und wir sahen ringsum weite und unregelmäßige Ebenen aus Eis, die kein Ende zu nehmen schienen. Einige meiner Gesellen murrten; ich selbst begann stutzig zu werden und ängstliche Gedanken zu hegen, als ein merkwürdiger Anblick plötzlich unsere Aufmerksamkeit auf sich zog und uns von der Sorge um die eigene Situation ablenkte. Wir sahen ein niedriges Gefährt, das auf Schlittenkufen befestigt war und von Hunden gezogen wurde, eine halbe Meile entfernt in nördlicher Richtung vorbeifahren. Ein Wesen, das die Umrisse eines Menschen hatte, aber augenscheinlich von gigantischer Statur war, saß in dem Schlitten und lenkte die Hunde. Wir beobachteten das schnelle Vorüberfliegen des Reisenden mit unseren Fernrohren, bis er in den fernen Unebenheiten des Eises verschwand.

Unverhohlenes Staunen bemächtigte sich unser aller. Wir waren nach unserer Meinung viele hundert Meilen von jedem Land entfernt; aber diese Erscheinung schien zu bedeuten, daß es in Wirklichkeit weniger weit war, als wir vermutet hatten. Da wir von Eis umschlossen blieben, konnten wir der Spur, die wir mit größter Aufmerksamkeit betrachtet hatten, nicht folgen.

Ungefähr zwei Stunden danach vernahmen wir das Grollen der Grundsee. Vor Mitternacht barst das Eis, und unser Schiff war frei. Wir lagen jedoch bis zum Morgen still, weil wir fürchteten, in der Dunkelheit mit den schwimmenden Ungeheuern zusammenzustoßen, die nach dem Brechen des Eises herumtrieben. Ich nützte diese Zeit, um einige Stunden auszuruhen.

Am Morgen ging ich, sobald es hell geworden, an Deck und fand alle Seeleute auf der einen Seite des Schiffs versammelt; sie unterhielten sich anscheinend mit jemandem auf dem Meer. Tatsächlich war in der Nacht ein Schlitten, jenem gleich, den wir gestern gesehen hatten, auf einer Eisscholle auf uns zugetrieben. Nur ein Hund war am Leben geblieben, doch es befand sich ein Mensch darin, den die Matrosen gerade überredeten, auf das Schiff zu kommen. Er war nicht, wie es der andere Reisende gewesen zu sein schien, ein wilder Bewohner einer unentdeckten Insel, sondern ein Europäer. Als ich an Deck trat, sagte der Steuermann: »Da kommt unser Kapitän, der gewiß nicht zulassen wird, daß Ihr auf offener See zugrunde geht.«

Der Fremde blickte mich an und sagte dann in englischer Sprache, allerdings mit ausländischem Akzent, zu mir: »Ehe ich den Fuß auf Ihr Schiff setze, möchte ich Sie in aller Freundlichkeit um eine Erklärung bitten, warum Sie hier sind.« Gewärtige Dir meine Verwunderung über eine derartige Frage aus dem Munde eines Mannes, der am Rande des Untergangs stand und für den meiner Überzeugung nach unser Schiff eine Zuflucht bilden mußte, die er nicht für alle Kostbarkeiten der Welt eingetauscht hätte. Ich antwortete, daß wir auf einer Forschungsreise zum Nordpol wären.

Als er das hörte, schien er befriedigt; er willigte ein, auf das Schiff zu kommen. Mein Gott, Margret – hättest Du nur den Mann sehen können, der so auf seine Sicherheit bedacht war! Wie erstaunt wärest Du gewesen! Seine Glieder waren nahezu erfroren, und sein Leib war durch die Erschöpfung in erschreckender Weise ausgemergelt. Niemals sah ich einen Menschen in solch bejammernswertem Zustand. Wir trugen ihn in eine Kajüte; sobald er sich nicht mehr an der frischen Luft befand, fiel er in Ohnmacht. Wir brachten ihn daher an Deck zurück und verhalfen ihm zum Bewußtsein, indem wir ihn mit Branntwein einrieben und ihn zwangen, eine kleine Menge davon zu trinken. Als er wieder Lebenszeichen von sich gab, wickelten wir ihn in Wolldecken und schleppten ihn in die Nähe des Kamins unserer Küche. Er erholte sich allmählich und genoß ein wenig Suppe, die ihm wohltat.

Zwei Tage vergingen, ehe er sprechen konnte. Ich fürchtete oft, daß die erlittenen Beschwernisse ihm den Verstand geraubt hätten. Als er sich etwas besser fühlte, brachte ich ihn in meine eigene Kajüte und pflegte ihn, soweit es meine Obliegenheiten nur erlaubten. Noch nie ist mir ein gleichermaßen interessanter Mensch vor Augen gekommen: sein Blick drückt gewöhnlich Wildheit, sogar Wahnsinn aus; doch gibt es Augenblicke (wenn ihm jemand mit freundlicher Geste begegnet oder einen geringfügigen Dienst leistet), in denen sich sein ganzes Aussehen aufhellt, gewissermaßen durch einen Strahl von Güte und Liebenswürdigkeit, wie ich es zuvor bei niemandem erlebt habe. Im allgemeinen ist er melancholisch und verzweifelt; manchmal knirscht er mit den Zähnen, als ob er sich ungeduldig aufbäume gegen die drückende Last des Leids.

Nachdem sich mein Gast ein wenig erholt hatte, kostete es mich keine geringe Mühe, die Leute fernzuhalten, die ihm tausenderlei Fragen stellen wollten. Ich gestattete nicht, daß er bei seiner körperlichen und geistigen Verfassung, deren Besserung offensichtlich von einer völligen Entspannung abhing, durch ihre müßige Neugierde gequält würde. Einmal jedoch fragte der Leutnant, warum er sich in einem derart seltsamen Gefährt so weit auf das Eis hinausgewagt habe.

Sein Gesicht nahm sofort den Ausdruck tiefster Düsternis an, und er antwortete: »Um jemanden zu suchen, der vor mir floh.«

»Reiste der Mann, den Ihr verfolgtet, auf die gleiche Weise?«

»Ja.«

»Dann glaube ich, haben wir ihn gesehen; am Tag, ehe wir Euch fanden, sahen wir einige Hunde einen Schlitten mit einem Menschen über das Eis ziehen.«

Das erregte die Aufmerksamkeit des Fremden. Er stellte eine Menge Fragen über die Richtung, die der Dämon, wie er ihn nannte, eingeschlagen hatte. Bald danach, als er mit mir allein war, sagte er: »Ich habe zweifellos Ihre Neugierde geweckt, wie auch die Ihrer guten Leute; aber Sie sind zu rücksichtsvoll, um mich mit Fragen zu bedrängen.«

»Es wäre in der Tat ungehörig und unmenschlich von mir, Sie mit meiner Wißbegierde zu belästigen.«

»Sie retteten mich aus einer seltsamen und gefährlichen Situation; Sie haben mir durch Ihre Güte das Leben wiedergegeben.«

Später fragte er mich, ob ich annähme, daß der Eisbruch den anderen Schlitten vernichtet habe. Ich antwortete, dies könnte ich nicht mit Sicherheit sagen. Das Eis sei erst vor Mitternacht zerborsten, und der Reisende könnte einen sicheren Ort schon vor diesem Zeitpunkt erreicht haben. Darüber wagte ich jedoch kein endgültiges Urteil zu fällen.

Von da an befeuerte ein neuer Lebensgeist die verfallende Gestalt des Fremden. Er zeigte den größten Eifer, an Deck zu gelangen, um nach dem Schlitten zu sehen, der damals beobachtet wurde; ich überredete ihn aber, in der Kajüte zu bleiben, denn er ist viel zu schwach, als daß er das rauhe Klima ertragen könnte. Ich mußte versprechen, daß jemand für ihn Ausschau halten und ihm sofort Nachricht geben würde, wenn irgendein neuer Gegenstand in Sichtweite auftauchen sollte.

Soweit mein Tagebuch, das über das seltsame Ereignis bis zum heutigen Tag berichtet. Der Gesundheitszustand des Fremden hat sich allmählich gebessert, aber er ist sehr schweigsam und wird unruhig, sobald jemand außer mir die Kajüte betritt. Jedoch wirken seine Umgangsformen so versöhnend und vornehm, daß die Matrosen alle Interesse für ihn zeigen, obwohl sie kaum Verbindung mit ihm haben. Ich selbst fange an, ihn wie einen Bruder zu lieben; sein anhaltender und tiefer Kummer erfüllt mich mit Zuneigung und Mitleid. Er muß in seinen besseren Tagen ein ausgezeichneter Mensch gewesen sein, da er sogar als Wrack noch so anziehend und liebenswert erscheint.

Ich klagte Dir in einem meiner Briefe, liebe Margret, daß ich auf dem öden Ozean keinen Freund finden könne. Jetzt habe ich einen Mann gefunden, den ich als Herzensbruder hätte besitzen mögen, ehe sein Geist von Elend zerrüttet wurde.

Ich werde mein Tagebuch, soweit es den Fremden betrifft, in Abständen fortsetzen, falls sich Neues ereignet.

Den 13. August 17 . .

Meine Zuneigung für meinen Gast wächst täglich. Er ruft in mir zu gleicher Zeit Bewunderung und Mitleid in höchstem Grad hervor. Wer kann solch einen vorzüglichen Menschen von Leiden gepeinigt sehen, ohne selbst nagenden Kummer zu empfinden? Er ist gütig und klug, sein Geist ist gebildet. Wenn er spricht, strömen seine Worte, obwohl sie trefflichst gewählt sind, flüssig und unvergleichlich beredsam dahin.

Er hat sich nun weitgehend von seiner Krankheit erholt und befindet sich ständig an Deck, anscheinend um Ausschau nach dem Schlitten zu halten, der seinem eigenen voraneilte. Zwar ist er vom Unglück gezeichnet, doch beschäftigt er sich nicht ausschließlich mit seinem eigenen Elend, sondern kümmert sich um die Plane anderer. Häufig unterhielt er sich mit mir über die meinen, die ich ihm ohne Heimlichtuerei mitteilte. Er ging aufmerksam auf alle Argumente zugunsten meines möglichen Erfolgs ein, sogar auf jedes winzige Detail der Maßnahmen, die ich getroffen hatte, um ihn zu sichern. Die Teilnahme, die er mir erwies, indem er die Sprache meines Herzens benützte, veranlaßte mich, die geheimsten Absichten meines Innern aufzudecken. Voll Leidenschaft sagte ich ihm, wie gern ich mein Vermögen, meine Existenz, meine ganze Hoffnung dem Erfolg meines Unternehmens opfern würde. Leben oder Tod eines Menschen wären nur ein geringer Preis für den Gewinn des Wissens, den ich suchte, für die Herrschaft, die ich über die elementaren Feinde der Menschheit erlangen, die ich weiterreichen würde. Während ich sprach, breitete sich ein Schatten auf dem Gesicht meines Zuhörers aus. Ich bemerkte zunächst, daß er seine Bewegung zu unterdrücken suchte, denn er hob die Hände vor seine Augen. Meine Stimme versagte, als ich Tränen zwischen seinen Fingern hindurchquellen sah und ein Stöhnen aus seiner Brust brach. Ich verstummte, und er sprach mit stockender Stimme: »Unseliger! Sind auch Sie diesem Wahn verfallen? Haben auch Sie aus diesem Giftbecher getrunken? Hören Sie mich an – ich will Ihnen meine Geschichte enthüllen, und Sie werden den Becher von Ihren Lippen schleudern!«

Diese Worte erregten, wie Du Dir denken kannst, meine Neugierde in ungemeiner Weise. Heftige Schwermut suchte den Fremden heim und besiegte seine geschwächten Kräfte; viele Stunden der Entspannung und ruhiger Unterhaltung waren nötig, um seinen Gemütszustand wieder auszugleichen.

Als er die Unrast seiner Gefühle überwunden hatte, schien er sich selbst zu verachten, weil er der Sklave seiner Leidenschaften geworden war. Nun unterdrückte er die düstere Tyrannei der Verzweiflung und regte mich dazu an, Dinge zu besprechen, die meine eigene Person betrafen. Er erkundigte sich nach der Geschichte meiner früheren Jahre. Das war schnell erzählt, doch ergab sich daraus manche Überlegung. Ich sprach von meinem Wunsch, einen Freund zu finden, von meinem Durst nach tieferer Sympathie für einen verwandten Geist, was mir bisher verwehrt geblieben war. Ich drückte meine Überzeugung aus, daß sich ein Mensch auch nicht des geringsten Glückes rühmen dürfe, der diesen Segen nicht genossen habe.

»Ich gebe Ihnen völlig recht«, antwortete der Fremde, »wir sind ungeformte Geschöpfe, halb vollendet nur, falls nicht ein Klügerer, Besserer, Wertvollerer als wir selbst (ein Freund sollte so beschaffen sein) uns hilft, unsere schwachen und mängelreichen Naturen zu vervollkommnen. Ich besaß einst einen Freund, der ein wahrhaft edler Mensch war, und fühle mich daher berechtigt, über Freundschaft zu urteilen. Sie können hoffen, die Welt liegt vor Ihnen: Sie haben keine Ursache zur Verzweiflung. Aber ich habe alles verloren und kann das Leben nicht neu beginnen.«

Während er so redete, spiegelte sein Gesicht einen stillen, stetigen Schmerz wider, der mich tief berührte. Er blieb jedoch schweigsam und zog sich bald in seine Kajüte zurück.

Obwohl sein Inneres von Leid geprägt ist, kann niemand die Schönheiten der Natur tiefer empfinden als er. Der Sternenhimmel, das Meer und jeder Anblick, den diese wunderreiche Gegend bietet, scheinen eine erhebende Gewalt über seine Seele auszuüben. Einem solchen Mann ist eine doppelte Existenz gegeben: Er kann leiden, er kann von Enttäuschungen überwältigt werden, und dennoch – zieht er sich in sich selbst zurück, wird er einem himmlischen Geist ähnlich, der eine Aura um sich trägt, in deren Kreis sich weder Schmerz noch Torheit wagen.

Lächelst Du über die Begeisterung, die mich befällt, sobald ich auf diesen begnadeten Wanderer zu sprechen komme? Wenn Du ihn kennen würdest, gewiß nicht. Gebildet durch Bücher und geprägt durch Dein zurückgezogenes Leben, bist Du anspruchsvoll geworden. Das macht Dich um so geeigneter, die außergewöhnlichen Züge dieses wunderbaren Menschen zu schätzen. Ich habe mich bereits bemüht, die Eigenschaft herauszufinden, die ihn so unermeßlich weit über jede mir bisher bekannte Person hinaushebt. Ich glaube, es ist seine intuitive Begabung, seine schnelle, niemals fehlgehende Urteilskraft, sein Eindringen in die Ursachen der Dinge, unvergleichlich an Klarheit und Genauigkeit. Hinzu kommt eine entsprechende Ausdrucksfähigkeit und eine Stimme von musikalischer Tönung, die andere Menschen bezaubert.

Den 19. August 17 . .

Gestern sagte der Fremde zu mir: »Sie werden bemerkt haben, Kapitän Walton, daß ich großes und unvergleichliches Mißgeschick erlitten habe. Ich beschloß einst, die Erinnerung an diese Übel solle mit mir sterben. Sie haben mich veranlaßt, meinen Entschluß zu ändern. Sie suchen nach Wissen und Weisheit wie ehedem ich. Ich hoffe fest, daß die Erfüllung Ihrer Wünsche nicht zur Schlange wird, die Sie beißt, wie mich. Ich weiß nicht, ob die Erzählung meines Unglücks Ihnen nützlich sein wird. Wenn ich aber überlege, daß Sie die gleiche Richtung einschlagen, sich denselben Gefahren aussetzen, die mich zu dem gemacht haben, was ich jetzt bin, dann stelle ich mir vor, daß Sie eine brauchbare Lehre aus der Geschichte ziehen können – eine, die Sie geleitet, wenn Ihr Unternehmen glückt, und Sie im Falle des Mißerfolges tröstet. Bereiten Sie sich vor, von Ereignissen zu hören, die gewöhnlich für unglaubwürdig gehalten werden. Wären wir in wohlgepflegten Landschaften, dann müßte ich fürchten, Ihrem Unglauben zu begegnen, vielleicht Ihrem Spott; aber in diesen wilden und geheimnisreichen Gegenden werden viele Dinge möglich erscheinen, die das Gelächter all jener hervorrufen würden, denen die stets veränderlichen Kräfte der Natur nicht vertraut sind. Ich zweifle nicht, daß meine Geschichte durch ihren Verlauf einen Wahrheitsbeweis für die berichteten Geschehnisse liefert.«

Ich war aufs höchste erfreut über sein Angebot, wenn ich auch ungern dulden wollte, daß sein Schmerz durch die Wiedergabe seiner Mißgeschicke erneuert würde. Allerdings hätte ich sehr gern die versprochene Erzählung gehört, einmal aus Neugierde, zum anderen wegen meiner festen Absicht, sein Geschick zu bessern, soweit es in meiner Macht stand. Ich drückte diese Empfindungen in meiner Erwiderung aus.

»Ich danke Ihnen«, antwortete er, »für Ihr Mitgefühl, aber es ist nutzlos, da mein Schicksal fast vollendet ist. Ich erwarte nur noch ein Ereignis; dann werde ich in Frieden ruhen. Ich verstehe Ihre Gefühle«, fuhr er rasch fort, als er wahrnahm, daß ich ihn unterbrechen wollte, »aber Sie geben sich einer Täuschung hin, mein Freund (gestatten Sie mir, Sie so zu nennen), denn nichts kann mein Geschick mehr beeinflussen. Vernehmen Sie meine Geschichte, und Sie werden sehen, wie unwiderruflich es abläuft.«

Er fügte noch hinzu, daß er seine Erzählung am nächsten Tag, falls ich Zeit hätte, beginnen würde. Ich nahm das mit aufrichtigem Dank an. Ich habe beschlossen, jede Nacht, wenn ich nicht von meinen Pflichten abgehalten werde, das im Laufe des Tages Erzählte so getreu wie möglich mit seinen eigenen Worten niederzuschreiben. Sollte ich beschäftigt sein, will ich wenigstens Notizen machen. Dieses Manuskript wird Dir zweifellos die größte Freude bereiten; mit welchem Interesse und Mitgefühl werde aber ich, der ich ihn kenne und es von seinen eigenen Lippen höre, an einem künftigen Tage darin lesen? Sogar jetzt, da ich beginne, klingt mir seine wohltönende Stimme im Ohr; seine glänzenden Augen ruhen auf mir mit ihrem ganzen schwermütigen Charme; seine Hand gestikuliert voll Lebhaftigkeit, während seine Gesichtszüge die verborgene Seele durchstrahlen lassen. Seltsam und leiderfüllt muß seine Geschichte sein – furchtbar der Sturm, der dieses stattliche Schiff auf seiner Lebensfahrt erfaßte und derart zertrümmerte!

1. KAPITEL

Ich bin ein gebürtiger Genfer; meine Familie gehört zu den angesehensten dieser Republik. Meine Vorfahren waren seit vielen Jahren dort Anwälte und Syndici; mein Väter bekleidete verschiedene öffentliche Ämter in Ehren. Er wurde von allen wegen seiner Untadeligkeit und seinem unermüdlichen Eifer für das allgemeine Wohl geachtet. In seinen jüngeren Jahren beschäftigte er sich ständig mit der Politik seines Landes; das und eine Reihe anderer Angelegenheiten hinderten ihn an einer frühen Heirat. Allerdings wurde er auch nicht erst gegen Ende seines Lebens Gatte und Familienvater.

Da die Umstände seiner Heirat Licht auf seinen Charakter werfen, muß ich sie erzählen. Einer seiner besten Freunde, ein Kaufmann in günstigen Verhältnissen, geriet infolge zahlreicher Unglücksfälle in Armut. Beaufort – so hieß der Mann – war stolz und unnachgiebig und konnte es daher nicht ertragen, arm und vergessen im selben Land zu leben, in dem er früher wegen seines reichen Standes angesehen war. Also beglich er auf die ehrenhafteste Weise seine Schulden und zog sich dann mit seiner Tochter nach Luzern zurück, wo er unerkannt und elend lebte. Mein Vater schätzte Beaufort als echten Freund; er war sehr bekümmert über seine Flucht ins Elend. Bitter beklagte er den falschen Stolz, der seinen Freund zu einer jede Zuneigung verachtenden Haltung zwang. Er verlor keine Zeit, ihn ausfindig zu machen, da er ihn zu überreden hoffte, mit Hilfe seines Kredits und seiner Unterstützung von vorne zu beginnen.

Beaufort hatte alles getan, um seine Verborgenheit aufrechtzuerhalten; es dauerte zehn Monate, ehe mein Vater seinen Unterschlupf ausfindig gemacht hatte. Glückstrahlend über diese Entdeckung eilte er auf das Haus zu, das in einer trübseligen Straße nahe der Reuß lag. Als er eintrat, hieß ihn die Verzweiflung willkommen. Beaufort hatte kaum etwas Geld aus dem Wrack seines Vermögens retten können; es genügte als Lebensunterhalt für ein paar Monate. Danach hoffte er eine anständige Arbeit im Hause eines Kaufmanns zu finden. In der Zwischenzeit verstärkte die Untätigkeit, welche Muße zum Grübeln hat, seinen nagenden Kummer; schließlich wurde sein Geist derart davon erfaßt, daß er binnen drei Monaten auf dem Krankenbett lag und zu jeder Anstrengung unfähig war.

Seine Tochter pflegte ihn mit größter Zärtlichkeit, aber sie mußte verzweifelt zusehen, wie ihre geringen Mittel eilig schrumpften, ohne daß Aussicht auf Unterstützung bestand. Caroline Beaufort besaß jedoch einen außergewöhnlichen Charakter. Sie besorgte sich einfache Arbeit: Sie flocht Stroh. Auf diese Weise verdiente sie so viel, daß es gerade für den Lebensunterhalt reichte.

Mehrere Monate vergingen. Ihr Vater verfiel zusehends, und seine Pflege beanspruchte fast ihre ganze Zeit. Die Mittel für den Unterhalt schwanden; im zehnten Monat verschied ihr Vater in ihren Armen und ließ sie als Waise und Bettlerin zurück. Dieser letzte Schicksalsstreich überstieg ihre Kräfte. Sie kniete an Beauforts Sarg und weinte bitterlich, als mein Vater ins Zimmer trat. Er erschien dem armen Mädchen wie ein schützender Geist, und sie vertraute sich seiner Fürsorge an. Nach dem Begräbnis seines Freundes brachte er sie nach Genf und gab sie in die Obhut einer Verwandten. Zwei Jahre später wurde Caroline seine Frau.

Zwischen meinen Eltern bestand ein beträchtlicher Altersunterschied, aber dieser Umstand verband sie nur um so inniger miteinander. Die aufrechte Gesinnung meines Vaters war vom Streben nach Gerechtigkeit beherrscht. Deshalb war es für ihn notwendig, daß er in hohem Maße Achtung aufbringen mußte, um lieben zu können. Vielleicht hatte er vormals an der erst spät entdeckten Unwürdigkeit einer geliebten Frau gelitten und war so dazu gelangt, größeres Gewicht auf erprobten Wert zu legen. In der Neigung zu meiner Mutter zeigte sich eine Dankbarkeit und Verehrung, die gänzlich von der kindischen Verliebtheit des Alters unterschieden war, denn sie beruhte auf der Achtung vor ihren Tugenden und auf dem Wunsch, sie weitestgehend für ihre früheren Sorgen zu entschädigen. Das verlieh seinem Verhalten ihr gegenüber einen Reiz, den ich nicht beschreiben kann. Alles wurde getan, um ihren Wünschen und ihrer Bequemlichkeit nachzukommen. Er bemühte sich, sie vor jedem rauhen Wind zu schützen – wie es ein Gärtner für eine schöne exotische Pflanze tut – und sie mit allem zu umgeben, was ihrem sanften und gütigen Gemüt Freude, bereiten konnte. Ihre Gesundheit und selbst die Ruhe ihres an sich stetigen Geistes waren durch die erlittene Unbill erschüttert worden. Während der zwei Jahre vor ihrer Heirat hatte mein Vater nach und nach seine öffentlichen Ämter aufgegeben. Nach der Hochzeit suchten sie sogleich das angenehme Klima Italiens auf; der Wechsel der Landschaft und der Interessen auf einer Reise durch jenes Wunderland war als stärkende Arznei für die geschwächte Konstitution meiner Mutter gedacht.

Von Italien aus besuchten sie Deutschland und Frankreich. Ich wurde als ihr ältestes Kind in Neapel geboren und begleitete sie als Säugling auf ihrer Wanderschaft. Für mehrere Jahre blieb ich ihr einziges Kind. Wie sehr sie auch aneinander hingen, so schenkten sie mir doch nicht minder wahre Schätze an Liebe aus einer unerschöpflichen Fundgrube. Die zärtlichen Liebkosungen meiner Mutter und das Lächeln freundlichen Wohlwollens auf dem Gesicht meines Vaters sind meine ersten Erinnerungen. Ich war ihr Spielzeug, ihr Abgott, mit einem: ihr Kind, das unschuldige und hilflose Geschöpf, das ihnen der Himmel bescherte, damit sie es zum Guten erziehen konnten; sein zukünftiges Los – sei es Glück oder Unheil – lag in ihren Händen. Das Bewußtsein ihrer Schuldigkeiten gegenüber dem Wesen, dem sie Leben gegeben hatten, war mir, zusammen mit beider regem Gefühl für Zärtlichkeit, in jeder Stunde meiner Kindheit ein Beispiel der Geduld, der Nächstenliebe und der Selbstzucht. Ich wurde an einem seidenen Band von einer Freude zur nächsten geführt.

Lange Zeit galt nur mir ihre Sorge. Meine Mutter hatte sich zwar von Herzen eine Tochter gewünscht, aber ich blieb zunächst ihr einziger Sprößling. Als ich fünf Jahre alt war, brachten meine Eltern auf einem Ausflug über die Grenzen Italiens eine Woche am Ufer des Corner Sees zu. Ihr gütiges Wesen lenkte ihre Schritte oft in die Hütten der Armen. Für meine Mutter war das mehr als nur eine Pflicht, nämlich eine innere Notwendigkeit. Sie hatte nicht vergessen, wie ihr Leid gelindert worden war, und wollte nun der Schutzengel der Bedrängten sein. Auf einem Spaziergang erregte eine dürftige Hütte in einem Seitental ihre Aufmerksamkeit. Sie wirkte besonders trostlos, und eine Schar halbbekleideter Kinder, die herumsprang, zeugte von Armut schlimmsten Ausmaßes. Eines Tages – mein Vater war nach Mailand gefahren – besuchte meine Mutter in meiner Begleitung diese Hütte. Sie traf einen Bauern und sein Weib, beide von Sorge und Arbeit gebeugt, die gerade ein kärgliches Mahl an fünf hungrige Kinder austeilten. Eines befand sich darunter, das meiner Mutter besonders gefiel. Es schien einem anderen Geschlecht zu entstammen, denn vier waren dunkeläugige, kräftige, kleine Vagabunden, während diesem Mädchen eine zarte Schönheit eigen war. Ihr Haar strahlte wie lebendiges Gold; trotz ihrer ärmlichen Kleidung schwebte eine Krone der Auszeichnung über ihrem Köpfchen. Die klare und hohe Stirne, die Augen von schattenlosem Blau, die Lippen und überhaupt die Gesichtsform drückten ein solches Empfindungsvermögen, eine solche Anmut aus, daß sie jeder als etwas Besonderes erkennen mußte, als ein vom Himmel gesandtes Wesen, das in allem engelsgleiche Züge aufwies.

Die Bäuerin merkte, daß meine Mutter mit Erstaunen und Bewunderung auf dieses liebenswerte Mädchen blickte, und erzählte darum eifrig dessen Geschichte. Es war tatsächlich nicht ihr Kind, sondern die Tochter eines mailändischen Edelmannes. Die Mutter, eine Deutsche, war bei ihrer Geburt gestorben. Das Kind wurde diesen guten Leuten in Pflege gegeben, die dadurch ihre Lage verbesserten. Sie waren jung verheiratet, und ihr ältestes Kind war gerade geboren worden. Der Vater ihres Pflegekindes, ein Italiener, der in der Erinnerung an den antiken Ruhm Italiens aufgewachsen war, gehörte zu den »schiavi ognor frementi«, die sich um die Freiheit ihres Landes bemühten. Er wurde das Opfer seiner Neigung. Ob er gestorben war oder noch in den Gefängnissen Österreichs schmachtete, wußte niemand. Sein Eigentum wurde konfisziert, sein Kind blieb verwaist und bettelarm den Zieheltern überlassen. Es erblühte in ihrem dürftigen Heim schöner als eine Gartenrose unter dunkelblättrigen Brombeersträuchern.

Als mein Vater aus Mailand zurückkehrte, fand er in der Halle unseres Hauses ein Kind beim Spiel mit mir vor; es war schöner als ein gemalter Cherub, sein Blick schlug jeden in Bann; seine Gestalt, seine Bewegungen waren zierlicher als die der Gemsen auf den Bergen. Die Erscheinung war bald geklärt. Mit meines Vaters Erlaubnis bat meine Mutter das Bauernpaar um ihr Mündel. Die bisherigen Pflegeeltern mochten zwar das Waisenkind gern, da dessen Gegenwart ihnen als Segen galt, aber sie hielten es für ungerecht, es weiterhin an ein entbehrungsreiches Dasein zu fesseln, wenn die Vorsehung eine so günstige Wendung bot. Sie fragten ihren Dorfpfarrer; das Ergebnis war, daß Elisabeth Lavenza eine Mitbewohnerin des elterlichen Hauses wurde, meine Schwester und mehr als das: die schöne und bewunderte Gefährtin meiner Beschäftigungen und Freuden.

Jeder liebte Elisabeth. Die innige und fast ehrfürchtige Zuneigung, die ihr alle widmeten und die ich teilte, wurde mein größter Stolz. Am Abend vor ihrer Ankunft in unserm Hause sagte meine Mutter neckend zu mir: »Ich habe ein hübsches Geschenk für meinen Viktor; morgen soll er es bekommen.« Als sie mir am nächsten Tag Elisabeth als das versprochene Geschenk vorstellte, faßte ich in kindlichem Ernst ihre Worte buchstäblich auf und betrachtete Elisabeth so, als ob sie mir gehörte. Ich wollte sie beschützen, lieben und hegen. Alles Lob, das man auf sie häufte, nahm ich entgegen, als gelte es einem meiner persönlichen Schätze. Wenn wir auch als Anrede die Namen Vetter und Kusine gebrauchten, so konnte doch kein Wort, kein Ausdruck die Art der Beziehung, in der sie zu mir stand, verkörpern. Sie war mir stets mehr als Schwester und gehörte mir allein bis zum Tode.

2. KAPITEL

Wir wurden gemeinsam erzogen, denn wir waren altersmäßig kaum ein Jahr auseinander. Eigentlich bedarf es keiner Erwähnung, daß uns Uneinigkeit und Zwist fremd waren. Harmonie beseelte unsere Freundschaft. Die Gegensätzlichkeit unserer Charaktere band uns nur noch fester aneinander. Elisabeth zeichnete sich durch ruhige Ausgeglichenheit aus, während ich trotz meines Temperamentes zu intensivem Fleiß fähig und zudem von heftigem Wissensdurst geplagt war. Sie folgte den ätherischen Schöpfungen der Dichter und entdeckte in der majestätischen und wechselreichen Landschaftsszenerie im Umkreis unseres Schweizer Heimes – den erhabenen Formen der Berge, dem Wandel der Jahreszeiten, in Sturm und Stille, dem Schweigen des Winters und dem sprühenden Leben unserer Alpensommer – einen weiten Bereich für Begeisterung und Freude. Schaute meine Gefährtin mit ernsthaftem und zufriedenem Geist auf die großartigen Erscheinungen der Dinge, so ergötzte mich die Erforschung ihrer Ursachen. Die Welt war für mich ein Geheimnis, das ich ergründen wollte. Neugierde und entschlossenes Forschen nach den verborgenen Gesetzen der Natur, die sich in helles Entzücken verwandelten, sobald sich mir etwas offenbarte, gehören zu den frühesten Empfindungen, deren ich mich erinnere.

Nach der Geburt eines zweiten Sohnes, der sieben Jahre jünger war als ich, beendeten meine Eltern ihr Wanderleben und blieben in ihrer Heimat. Wir besaßen ein Haus in Genf und ein Landhaus bei Belrive am östlichen Ufer des Sees, mehr als eine Meile von der Stadt entfernt. Wir wohnten gewöhnlich im letzteren, denn meine Eltern führten ein sehr zurückgezogenes Leben. Auch ich neigte dazu, die Menge zu meiden und mich nur an wenige Menschen rückhaltlos anzuschließen. Ich zeigte mich daher gegen meine Schulkameraden im allgemeinen gleichgültig. Mit einem von ihnen verknüpfte mich jedoch eine enge Freundschaft. Er hieß Henry Clerval und war ein Genfer Kaufmannssohn von einzigartiger Begabung und Phantasie. Er liebte waghalsige Unternehmen, Mühsal und Gefahr um, ihrer selbst willen. Rittergeschichten und Romanzen bildeten seine Lektüre. Er verfaßte heroische Gesänge und begann mehrere Zauber- und Abenteuergeschichten zu schreiben. Er wollte uns sogar Stücke aufführen lassen und uns maskieren, wobei die Gestalten den Helden von Roncesvalles, der Tafelrunde des König Artus und den Kreuzzugsrittern, die ihr Blut für die Befreiung des heiligen Grabes vergossen hatten, nachgebildet waren.

Kein Mensch kann eine glücklichere Kindheit gehabt haben als ich. Meine Eltern verkörperten den Geist reiner Freundlichkeit und Nachsicht. Wir fühlten, daß sie nicht launisch regierende Tyrannen waren, sondern die Vermittler und Schöpfer unserer vielen Vergnügen. Als ich andere Familien kennenlernte, konnte ich sehen, wie ausnehmend glücklich mein Los war; Dankbarkeit mischte sich bald in die wachsende Sohnesliebe.

Mein Temperament war manchmal heftig und meine Leidenschaften hitzig; aber wie nach einem meinem Wesen eingeprägten Gesetz richtete ich meinen Ehrgeiz nicht auf kindliche Ziele, sondern auf begieriges, allerdings nicht unterschiedsloses Lernen. Ich gestehe, daß weder die Struktur der Sprachen noch die Beschaffenheit der Regierungen oder die Politik einzelner Staaten eine Anziehungskraft auf mich ausübten. Ich wollte vielmehr die Geheimnisse des Himmels und der Erde erfahren, ob es nun die äußere Substanz der Dinge, einen der Natur innewohnenden Geist oder die Mysterien der menschlichen Seele betraf. Meine Bestrebungen gingen so auf die metaphysischen oder eigentlich (in ihrer höchsten Bedeutung) auf die physischen Geheimnisse der Welt.

Clerval beschäftigte sich unterdessen mit den – wenn ich so sagen darf – moralischen Beziehungen der Dinge. Seine Themen umfaßten die geschäftige Bühne des Lebens, die Tugenden der Helden und die Handlungen der Menschen. Er hoffte und träumte davon, einer von jenen zu werden, deren Namen die Geschichte als die tapferer und abenteuerlicher Wohltäter unseres Geschlechts bewahrt. Die heiligmäßige Seele Elisabeths leuchtete gleich einer dem Altar geweihten Lampe in unserem friedlichen Heim. Ihr Lächeln, ihre sanfte Stimme, der holde Glanz ihrer beseligenden Augen befeuerte uns. Sie war lebendiger Geist der Liebe, welcher Milde verströmte und uns anzog; ich wäre stumpf geworden durch mein Studium, grob durch die Heftigkeit meiner Natur, wenn sie nicht dagewesen wäre, um mich zu dämpfen und mich ihrer eigenen Sanftmut anzugleichen. Selbst Clerval (konnte sich je Schlechtes in seinem edlen Geist einnisten?) wäre kein vollkommener Mensch geworden, nicht so gedankenreich bei aller Großzügigkeit, so freundlich und behutsam trotz seiner Leidenschaft für abenteuerliche Heldentaten, hätte sie ihm nicht die reine Anmut und Güte vorgelebt und ihn dazu bestimmt, das Gute als letztes Ziel seiner hochfliegenden Pläne anzuerkennen.

Es bereitet mir ein ausgesprochenes Vergnügen, beim Gedächtnis meiner Kindheit zu verweilen, ehe das Unheil meinen Geist vergiftete und die strahlenden Visionen allseitiger Nützlichkeit in düstere und engbegrenzte Reflexion über sich selbst verwandelte. Wenn ich das Bild meiner jungen Jähre zeichne, berichte ich zugleich über die Ereignisse, die mit unsichtbaren Schritten zu meinem späteren Mißgeschick führten. Wollte ich mir Rechenschaft geben über die Geburt jener Leidenschaft, die meinen Lebensweg beherrschte, so sehe ich sie wie einen Gebirgsbach aus unbekannten und fast vergessenen Quellen entspringen; sie schwoll aber im Fortschreiten an und wurde zur Sturzflut, die in ihrem Lauf meine ganzen Hoffnungen und Freuden mit sich riß.

Die Naturwissenschaft war der Genius, der mein Geschick bestimmte. Ich will daher jene Tatsachen festhalten, die meine Vorliebe für diesen Wissenszweig bedingten. Als ich dreizehn Jahre alt war, unternahmen wir alle zusammen einen Ausflug zu den Bädern nahe Thonon. Das mißliche Wetter zwang uns, einen Tag im Gasthaus zu bleiben. Dort fand ich zufällig einen Band der Werke des Cornelius Agrippa. Ich öffnete ihn gleichgültig, doch wandelten die dargelegten Lehren und die berichteten Merkwürdigkeiten dieses Empfinden bald in Begeisterung. Ein neues Licht schien meinem Geist zu dämmern; ich hüpfte vor Freude und teilte die Entdeckung sofort meinem Vater mit. Er schaute beiläufig auf die Titelseite meines Buches und sagte: »Ach, Cornelius Agrippa! Mein lieber Viktor, vergeude deine Zeit nicht mit diesem betrüblichen Unsinn.«

Hätte mein Vater statt jener Bemerkung sich die Mühe gemacht, mir zu erklären, daß die Thesen Agrippas völlig überholt sind, daß es nun ein modernes, wissenschaftliches System gibt, welches eine ungleich größere Geltung als das alte hat, weil die Leistungen des letzteren bloße Einbildung, die des ersteren aber real und praktisch erprobt sind, dann hätte ich auf solche Argumente hin den Agrippa sicher beiseite geworfen. Ich hätte meine bereits erwärmte Phantasie zufriedengestellt, indem ich mit um so größerem Eifer zu meinen früheren Studien zurückgekehrt wäre. Vielleicht hätte die Kette meiner Ideen niemals den fatalen Anstoß erhalten, der zu meinem Ruin führte. Aber der flüchtige Blick, den mein Vater dem Buch gewidmet hatte, versicherte mir keineswegs, daß er seinen Inhalt kannte; ich fuhr fort, mit der größten Begierde darin zu lesen.

Als ich nach Hause zurückgekehrt war, galt meine erste Sorge der Beschaffung der gesammelten Werke dieses Autors und später der Werke von Paracelsus und Albertus Magnus. Ich las und studierte die wilden Phantastereien dieser Schriftsteller mit Entzücken; sie waren mir Schätze, die außer mir nur wenige Leute kannten. Ich habe mich als einen Menschen geschildert, den immer ein heißes Verlangen beseelte, in die Geheimnisse der Natur einzudringen. Trotz der intensiven Arbeit und den wunderbaren Entdeckungen der modernen Naturforscher blieb ich bei meinen Studien stets enttäuscht und unbefriedigt. Isaac Newton wird das Bekenntnis zugeschrieben, er fühle sich wie ein Kind, das angesichts des großen und unerforschten Ozeans der Wahrheit Muscheln sammle. Seine mir bis dahin bekannten Nachfolger in jedem Zweig der Naturwissenschaft erschienen meiner knabenhaften Fassungskraft wie Anfänger, die dasselbe Ziel verfolgten. Der ungelehrte Bauer sah die Elemente um sich und war mit ihrem praktischen Gebrauch vertraut. Der gelehrteste Philosoph wußte kaum mehr. Er hatte teilweise das Antlitz der Natur entschleiert, aber ihre unsterblichen Züge bedeuteten noch immer ein Wunder und ein Geheimnis. Er konnte sezieren, zergliedern und bezeichnen; aber – von einer endgültigen Ursache ganz zu schweigen – es waren ihm sogar die Ursachen zweiten und dritten Grades völlig unbekannt. Ich hatte einen Blick auf die Verschanzungen und Sperrmauern geworfen, die den Menschen daran hindern, die Festung der Natur zu betreten, und mich schnell und ohne Erkenntnis zurückgezogen.

Aber hier fand ich Bücher und Männer, die tiefer eingedrungen waren und mehr wußten. Ich glaubte ihnen alles, was sie versicherten, und wurde ihr Schüler. Es mutet gewiß seltsam an, daß derartiges im 18. Jahrhundert möglich war. Während ich die übliche Erziehung in den Schulen Genfs über mich ergehen ließ, eignete ich mir mein Wissen hinsichtlich meiner Lieblingsthemen ausschließlich selbst an. Mein Vater war kein Wissenschaftler, und ich mußte mich allein mit dem Bildungshunger eines Studenten und der Blindheit eines Kindes vorwärtskämpfen. Unter der Führung meiner neuen Lehrer begann ich mit dem größten Eifer die Suche nach dem Stein der Weisen und dem Lebenselixier; das letztere zog bald meine ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich. Der Reichtum war mir ein unwichtiges Ziel; doch welchen Ruhm würde eine Entdeckung mit sich bringen, die es ermöglichte, alle Krankheiten zu verbannen und den Menschen gegenüber dem Tod (einen jähen ausgenommen) unverletzlich zu machen!

Das blieb nicht mein einziger Wunschtraum. Die Beschwörung von Geistern oder Teufeln war ein Versprechen, mit dem meine Lieblingsautoren freigebig umgingen und dessen Erfüllung ich erstrebte. Zeigten meine Zaubersprüche keinen Erfolg, dann schrieb ich den Mißerfolg eher meiner eigenen Unerfahrenheit und Fehlerhaftigkeit zu als der mangelnden Geschicklichkeit und Genauigkeit meiner Lehrer. So beschäftigte ich mich eine Zeitlang mit veralteten Systemen, vermischte tausenderlei widersprüchlicher Theorien wie nur je ein Unerfahrener und zappelte verzweifelt in einem wahren Morast von mannigfaltigen Kenntnissen, bis ein neues Ereignis die Zielrichtung meiner Ideen veränderte.

Ich war fünfzehn Jahre alt geworden; wir hielten uns gerade in unserem Hause nahe Belrive auf. Dort wurden wir Zeugen eines äußerst heftigen, schrecklichen Gewitters. Es zog hinter den Bergen des Jura auf; plötzlich brach es mit fürchterlichem Getöse an verschiedenen Stellen des Firmamentes los. Ich blieb während des Sturmes draußen und beobachtete neugierig und wohlgefällig seinen Fortgang. Ich stand unter der Tür, als ein Feuerstrahl in die alte, prächtige, ungefähr 60 Fuß entfernte Eiche fuhr; so schnell wie das blendende Licht verschwand auch die Eiche, und außer einem verdorrten Stumpf blieb nichts übrig. Am nächsten Morgen suchten wir den Platz auf und fanden den Baum auf einzigartige Weise zerschmettert. Der Blitzschlag hatte ihn nicht gespalten, sondern in dünne Holzbänder zersplittert.

Bis dahin waren mir die augenfälligen Gesetze der Elektrizität nicht ganz fremd gewesen. Nun weilte bei dieser Begebenheit ein kundiger Naturwissenschaftler bei uns, der, von der Katastrophe angeregt, eine Theorie erklärte, die sich auf den Grundlagen der Elektrizitätslehre und des Galvanismus aufbaute. Das war für mich neu und erstaunlich. Alles, was er sagte, stellte Cornelius Agrippa, Albertus Magnus und Paracelsus, die Vorbilder meiner Träume, in den Schatten. Ihre vom Schicksal bestimmte Niederlage setzte einen Schlußstrich unter meine gewohnten Studien. Es schien mir, als ob nichts je erkannt werden könnte. Alle meine bisherigen Beschäftigungen wurden auf einen Schlag verachtenswert. Durch eine jener Launen des Geistes, der wir meistens in jungen Jahren unterworfen sind, ließ ich meine frühere Vorliebe fahren, schob die Naturgeschichte und alle ihre Zweige als ein form- und fruchtloses Gebilde beiseite und hegte den größten Widerwillen gegen eine Pseudowissenschaft, die nicht einmal die Schwelle des wirklichen Wissens betreten konnte. In dieser Verfassung suchte ich Zuflucht bei der Mathematik und den dazugehörigen Zweigen, weil sie auf sicherer Grundlage errichtet und daher meiner Überlegungen würdig waren.

Seltsam sind unsere Seelen beschaffen, und an dünnen Fäden hängt unser Gedeihen oder Verderben. Wenn ich zurückblicke, scheint es mir, als ob der fast übernatürliche Wechsel der Neigung und des Willens ein deutlicher Wink meines Schutzengels gewesen wäre, seine letzte Anstrengung, den Sturm abzuwehren, der damals schon in den Sternen auf mich lauerte. Der Sieg des rettenden Geistes kündigte sich durch eine ungewöhnliche Ruhe und Zufriedenheit an, die dem Aufhören meiner alten, letztlich quälenden Studien folgten. Ich hätte begreifen sollen, daß das Unheil mit ihrer Fortführung, das Glück aber mit ihrer Vermeidung verknüpft war.

Der Geist des Guten hatte sein Werk getan, doch die Wirkung blieb aus. Das Schicksal war übermächtig, und seine unwandelbaren Gesetze drängten auf meine vollständige und schreckliche Vernichtung.

3. KAPITEL

Ich war siebzehn Jahre alt, da entschlossen sich meine Eltern, mich zum Studium auf die Universität Ingolstadt zu schicken. Mein Vater hielt es zur Vervollkommnung meiner Erziehung für nötig, daß ich auch mit anderen Sitten als nur mit denen meiner Heimat vertraut würde. Meine Abreise wurde schon für einen nahen Zeitpunkt festgelegt; aber ehe der vereinbarte Tag herankam, ereignete sich das erste Unglück meines Lebens, gleichsam ein Omen meines zukünftigen Elends.

Elisabeth war am Scharlachfieber erkrankt; sie schwebte in der größten Gefahr. Während ihrer Krankheit überredeten wir meine Mutter, sie nicht selbst zu pflegen. Zuerst hatte sie unseren Bitten nachgegeben; kaum hörte sie jedoch, das Leben ihres Lieblings sei bedroht, als sie ihre Angst, welche sie nicht länger zu beherrschen vermochte, zum Krankenbett trieb. Ihre wachsame Sorge besiegte die Tücken des Fiebers; Elisabeth genas. Um so teurer bezahlte ihre Retterin die Folgen der eigenen Unklugheit. Am dritten Tage erkrankte meine Mutter; sogleich zeigten sich alarmierende Symptome, und die Blicke ihrer medizinischen Betreuer prophezeiten den schlimmsten Ausgang. Noch auf dem Totenbett verlor diese würdigste Frau ihre Tapferkeit und Güte nicht. Sie legte Elisabeths Hände in die meinen. »Meine Kinder«, sagte sie, »meine stärksten Hoffnungen auf künftiges Glück barg die Aussicht auf eure Verbindung. Sie wird nun der Trost eures Vaters sein. Meine liebe Elisabeth, tritt du an meine Stelle in der Familie. Wie schmerzt es mich, daß ich euch verlassen muß! Wer so wie ich geliebt wird, dem fällt das Scheiden schwer. Doch diese Gedanken geziemen mir nicht. Ich will mich fröhlich dem Tod hingeben und der Hoffnung, euch in einer anderen Welt wiederzusehen.«

Sie starb ruhig; ihr Gesicht drückte noch im Tod Liebe aus. Es erübrigt sich, die Gefühle jener zu beschreiben, deren teuerste Bande durch diesen unersetzlichen Verlust zerrissen werden; die Öde breitet sich in den Seelen aus, und die Verzweiflung prägt die Gesichter. Lange währt es, ehe das Gemüt einsieht, daß sie (die wir täglich sahen und deren Dasein ein Teil unseres Selbst zu sein schien) für immer von uns gegangen ist, daß der Glanz geliebter Augen erlosch, der Klang einer vertrauten, dem Ohr so lieben Stimme verstummte, um nie mehr vernehmbar zu sein. Das sind die Empfindungen der ersten Tage; wenn der Lauf der Zeit die Wirklichkeit des Unglücks bestätigt, beginnt die wahre Bitterkeit des Leids. Doch wer hat noch nicht diese rauhe Hand verspürt? Warum soll ich einen Kummer beschreiben, den alle empfinden müssen? Allmählich kommt die Zeit, da der Schmerz eher wohltuend als quälend ist. Das Lächeln, das sich auf die Lippen drängt, wird nicht mehr für eine Entweihung der Trauer gehalten. Meine Mutter war tot, aber wir mußten weiterhin unsere Pflichten erfüllen und unseren Weg mit den uns Verbliebenen fortsetzen; wir mußten uns glücklich schätzen, daß der Schnitter nicht alle erfaßt hatte.

Meine Abreise nach Ingolstadt, die durch diese Ereignisse verschoben worden war, wurde von neuem geplant. Mein Vater räumte mir eine Frist von einigen Wochen ein. Es schien mir eine Entweihung zu sein, wenn ich so bald die dem Tod verwandte Ruhe des trauernden Hauses verließ und ins Dickicht des Lebens eilte. War der Kummer mir auch neu, so beunruhigte er mich darum nicht weniger. Ich wollte ungern den Anblick der mir Gebliebenen missen; vor allem wünschte ich meine holde Elisabeth getröstet zu sehen.

Sie verheimlichte übrigens ihren Schmerz und bemühte sich, die Trösterin für uns alle zu sein. Zuversichtlich blickte sie ins Leben, erfüllte ihre Aufgaben mit entschlossenem Eifer und widmete sich ihrem Oheim und ihren Vettern. Sie wirkte bezaubernder denn je und ließ uns den erlittenen Verlust fast vergessen.

Schließlich nahte der Tag meiner Abreise. Clerval verbrachte den letzten Abend bei uns. Er hatte seinen Vater um die Erlaubnis gebeten, mich begleiten und mein Studienkollege werden zu dürfen, aber ohne Erfolg. Sein Vater war nämlich ein engstirniger Händler, der in den Wünschen und Ambitionen seines Sohnes nur Faulheit und Verderbnis sah. Henry war zutiefst unglücklich, weil er von einer freizügigen Bildung ausgeschlossen werden sollte. Er sagte wenig; aber aus seinen entzündeten Augen und seinem lebhaften Blick sprach der unterdrückte, aber feste Entschluß, nicht an die Kümmerlichkeiten des Händlerdaseins gekettet zu bleiben.

Wir saßen lange beisammen, da wir nicht die Kraft zu einem Lebewohl fanden. Endlich schlug die Trennungsstunde. Wir zogen uns zur Nachtruhe zurück, wenn auch jeder diesen dürftigen Vorwand durchschaute. Als ich im Morgengrauen zur Kutsche ging, waren alle da: mein Vater, um mich nochmals zu segnen; Clerval, um meine Hand zu drücken; meine Elisabeth, die mich bat, ihr oft zu schreiben, und ihrem Spielkameraden und Jugendfreund die letzten weiblichen Gefälligkeiten erwies.

Ich warf mich in die Kutsche und überließ mich schwermütigem Sinnieren. Stets hatten mich liebenswerte Gefährten umgeben, die sich gegenseitig Freude bereiteten; nun war ich allein. Auf der Universität, wohin ich eben fuhr, würde nur ich selbst mir Freund und Beschützer sein. Mein Leben hatte sich bisher in einem bemerkenswert abgeschlossenen und häuslichen Rahmen abgespielt. Meine unbesiegbare Abneigung gegen neue Gesichter rührte davon her. Ich liebte meine Brüder, Elisabeth und Clerval, denn das waren »alte, vertraute Gesichter«. Für den Umgang mit Fremden hielt ich mich nicht begabt.

So sann ich, als meine Fahrt begann. Im weiteren Verlauf besserte sich meine Stimmung, und meine Hoffnungen wuchsen. Ein leidenschaftliches Verlangen nach Wissen brannte in mir. Es war mir zu Hause oft schwergefallen, während meiner Jugend an einen Platz gebunden zu sein; ich hatte mich danach gesehnt, in die Welt zu wandern und unter anderen Menschen zu weilen. Nun erfüllten sich meine Wünsche, und ich wäre töricht gewesen, darüber Bedauern zu empfinden.

Auf meiner Reise nach Ingolstadt verfügte ich über genug Muße für diese und viele andere Überlegungen; sie dauerte nämlich sehr lang. Endlich erblickte ich den hohen weißen Turm der Stadt. Nachdem ich ausgestiegen war, wurde ich sogleich zu meiner Behausung geleitet, wo ich den Abend nach meinen eigenen Absichten zubringen konnte.

Am nächsten Morgen gab ich meine Empfehlungsschreiben ab und besuchte einige der führenden Professoren. Der Zufall (oder eher eine ungünstige Fügung, ein zerstörerischer Zug, der seit dem Augenblick, da meine widerstrebenden Schritte sich aus dem väterlichen Hause entfernten, einen allmächtigen Einfluß auf mich gewann) führte mich zuerst zu Herrn Krempe, Professor der Naturphilosophie. Er war ein linkischer, aber mit den Geheimnissen seiner Wissenschaft vertrauter Mann. Er stellte mir mehrere Fragen, die meinen Stand in den Wissenszweigen der Naturphilosophie betrafen. Ich antwortete nachlässig und erwähnte auch, eigentlich aus Verachtung, meine Alchimisten als mir bekannte Gewährsleute.

Der Professor zeigte sich erstaunt. »Haben Sie«, sagte er, »tatsächlich Ihre Zeit damit verbrächt, solchen Unsinn zu studieren?« Ich bejahte. »Jede Minute«, fuhr Professor Krempe freundlich fort, »jeder Augenblick, den Sie an diese Bücher verschwendeten, ist völlig verloren. Sie haben Ihr Gedächtnis mit veralteten Systemen und nutzlosen Namen belastet. Großer Gott! In welch verlassenem Lande haben Sie denn gelebt? Hat kein Mensch Sie freundlicherweise darauf hingewiesen, daß diese von Ihnen gierig aufgesogenen Phantastereien an die tausend Jahre alt und unwiderruflich vermodert sind? Ich hätte nie erwartet, in diesem aufgeklärten und wissenschaftlichen Zeitalter einen Schüler von Albertus Magnus und Paracelsus zu finden. Mein lieber Herr, Sie müssen Ihre Studien neu beginnen.«

Während seiner Rede trat er beiseite und schrieb eine Liste über verschiedene Bücher, die naturwissenschaftliche Themen behandelten und die ich mir beschaffen sollte, zusammen. Er verabschiedete mich, nachdem er erwähnt hatte, daß er zu Anfang der nächsten Woche eine Vorlesungsreihe über allgemeine Naturphilosophie beginne und daß Herr Waldmann, ein Kollege, an den Tagen, an denen er nicht lese, Chemie lehren werde.

Ich erwähnte bereits, daß ich seit längerem jene Autoren, die der Professor verworfen hatte, als nutzlos betrachtete. Ich war also nicht enttäuscht und darum auch nicht geneigt, die alten Studien wieder aufzunehmen. Professor Krempe nahm mich zwar keineswegs im voraus für seine Ziele ein, denn er war ein kleiner gedrungener Mann mit barscher Stimme und abweisendem Gesicht. Ich habe auf fast allzu philosophische Manier die Ergebnisse meiner Jugendentwicklung dargestellt. Im Knabenalter war ich mit den von der modernen Naturwissenschaft eröffneten Aussichten nicht zufrieden gewesen. Meine konfusen Ideen, die man meiner Jugend und der Ermangelung eines geeigneten Lehrers zuschreiben muß, hatten mich die Stufen des Wissens zeitlich rückwärts geleitet. Die Entdeckungen der jüngsten Forscher hatte ich für die Träume vergessener Alchimisten eingetauscht. Außerdem verachtete ich die praktische Seite der modernen Naturwissenschaft. Wenn die Meister der Wissenschaft Unsterblichkeit und Macht suchten, schien mir dies trotz ihrer Wirkungslosigkeit großartig zu sein. Aber nun hatte sich das Bild verändert. Der Ehrgeiz des Forschers beschränkte sich darauf, jene Visionen, auf die sich mein Interesse hauptsächlich gründete, zu vernichten. Ich war gezwungen, Einbildungen von grenzenloser Bedeutsamkeit für Tatsachen von geringem Wert hinzugeben.

Derart waren meine Überlegungen an den ersten zwei oder drei Tagen meines Aufenthalts in Ingolstadt beschaffen. Ich lernte inzwischen die wichtigsten Örtlichkeiten meiner neuen Heimat kennen. Als die folgende Woche begann, erinnerte ich mich an die Auskunft Professor Krempes über die Vorlesungen. Zwar konnte ich mich nicht aufraffen, die Vorlesung dieses kleinen, eingebildeten Burschen zu besuchen, um ihn vom Katheder herab dozieren zu hören, aber statt dessen fiel mir das über Professor Waldmann Gesagte ein. Ich kannte ihn noch nicht, da er bisher nicht in der Stadt weilte.

Teils aus Neugierde, teils aus Müßigkeit ging ich in den Hörsaal, den Professor Waldmann kurz danach betrat. Er beeindruckte mich ganz anders als sein Kollege. Ungefähr fünfzig Jahre alt, mit grauen Schläfen und schwarzem Haupthaar, von kleiner, aber aufrechter Gestalt und mit einer angenehmen Stimme begabt, wirkte er wie die Güte selbst. Er begann seine Vorlesung mit einer Wiederholung der Geschichte der Chemie und ihrer vielfachen Fortschritte; er sprach dabei die Namen der vorzüglichsten Forscher mit Begeisterung aus. Dann gab er einen kursorischen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft und erklärte viele elementare Begriffe. Nachdem er noch einige vorbereitende Experimente gemacht hatte, schloß er mit einer Lobrede auf die moderne Chemie, die ich nie vergessen werde.

»Die alten Lehrer in dieser Wissenschaft«, sagte er, »versprachen Unmögliches und leisteten nichts. Die modernen Meister versprechen sehr wenig, denn sie wissen, daß Metalle nicht umgewandelt werden können und daß das Lebenselixier ein Hirngespinst ist. Aber diese Denker, deren Hände nur im Schmutz herumzuwühlen und deren Augen einzig über dem Mikroskop oder dem Schmelztiegel nachzugrübeln scheinen, haben echte Wunder vollbracht. Sie dringen in die Schlupfwinkel der Natur ein und beobachten ihr Werk an den verborgensten Plätzen. Sie erforschen die Himmel genauso wie den Kreislauf des Blutes und die Zusammensetzung der Luft. Neu und unbegrenzt sind ihre Leistungen: Sie können dem Donner des Himmels befehlen, das Erdbeben nachahmen und sogar die unsichtbare Welt mit ihren eigenen Schatten äffen.«

So klangen die Worte des Professors – oder lassen Sie mich besser sagen, die Worte des Schicksals, die mich vernichten sollten. Während er sprach, war es mir, als ob meine Seele mit einem greifbaren Feind ringe. Nach und nach wurden die Elemente, aus denen mein Wesen aufgebaut war, angerührt. Saite um Saite ertönte, und bald erfüllte mich nur mehr ein Gedanke, eine Vorstellung, ein Ziel. So viel ist geleistet worden, rief die Seele Frankensteins aus, noch mehr, viel mehr will ich erreichen, indem ich in die vorgegebenen Fußstapfen trete. Ich will einen neuen Weg bahnen, unbekannte Kräfte erforschen und der Welt die tiefsten Geheimnisse der Schöpfung offenbaren.

Ich schloß in dieser Nacht kein Auge. Mein Inneres befand sich in einem wilden Aufruhr. Zwar fühlte ich, daß daraus Ordnung entstehen könnte, aber ich besaß keine Kraft, sie zu verwirklichen. Erst allmählich, als schon die Morgendämmerung hereinbrach, kam der Schlaf. Nach dem Erwachen schien alles nur ein wirrer Traum gewesen zu sein. Es blieb einzig der Entschluß, meine alten Studien wieder aufzunehmen und mich einer Wissenschaft zu widmen, für die ich eine natürliche Begabung zu haben glaubte. Am selben Tage besuchte ich Professor Waldmann. Sein Benehmen in der privaten Sphäre war noch gewinnender als in der Öffentlichkeit. Während seiner Vorlesung hatte eine gewisse Würde seine Miene beherrscht, die in seinem eigenen Haus einer großen Leutseligkeit und Freundlichkeit Platz machte. Ich berichtete ihm genau dasselbe über meine früheren Ziele wie seinem Kollegen. Er hörte aufmerksam dem kurzen Bericht über meine Studien zu und lächelte bei den Namen von Cornelius Agrippa und Paracelsus, jedoch ohne die Verächtlichkeit, die Professor Krempe gezeigt hatte. Er meinte dann: »Das sind Männer, deren unermüdlichem Eifer die modernen Denker größtenteils die Grundlagen ihres Wissens verdanken. Sie waren in hohem Grade die Instrumente bei der Entdeckung von Fakten, die wir benennen und klassifizieren, was oftmals eine leichtere Aufgabe ist. Die Anstrengungen genialer Männer, auch wenn sie in die falsche Richtung zielen, werden letztlich fast immer zu einem dauerhaften Gewinn für die Menschheit.«

Auf diese Bemerkung hin, die ohne jede Anmaßung oder Heftigkeit war, erwähnte ich, daß seine Vorlesung meine Vorurteile gegen die moderne Chemie beseitigt habe. Ich drückte dies in maßvollen Redewendungen aus und befleißigte mich der Bescheidenheit und Ehrerbietung, die sich für einen jungen Menschen gegenüber seinem Lehrmeister gebührt. Allerdings ließ ich mir auch nicht die geringste Begeisterung über meine beabsichtigten Arbeiten anmerken, denn das Eingeständnis meiner mangelnden Lebenserfahrung hätte mich beschämt. Ich bat ihn um seinen Rat wegen der Bücher, die ich mir besorgen sollte.

»Ich freue mich«, entgegnete Professor Waldmann, »wieder einen Schüler gewonnen zu haben. Wenn Ihr Fleiß Ihren Fähigkeiten entspricht, zweifle ich nicht an Ihrem Erfolg. Die Chemie ist derjenige Zweig der Naturwissenschaft, der die größten Fortschritte aufweist und noch größere verspricht. Aus diesem Grunde habe ich sie für mein spezielles Studium gewählt, gleichzeitig aber die anderen Zweige der Wissenschaft nicht vernachlässigt. Wer nur diese Sparte des menschlichen Wissens pflegte, würde ein armseliger Chemiker sein. Wenn Sie wirklich ein echter Wissenschaftler werden wollen und nicht nur ein unbedeutender Experimentator, dann müssen Sie sich mit allen Zweigen der Naturwissenschaft, einschließlich der Mathematik, beschäftigen. Das ist mein Rat.«

Darauf führte er mich in sein Laboratorium und erklärte mir die Handhabung der verschiedenen Apparaturen. Er schlug mir auch einige Anschaffungen vor und versprach mir zuletzt, daß ich seine eigenen Instrumente benützen dürfe, sobald mein weitergediehenes Wissen ihren Mechanismus nicht mehr schädigen würde. Nachdem er mir die Liste der erbetenen Bücher überreicht hatte, verabschiedete ich mich.

So endete ein für mich denkwürdiger Tag; er bestimmte mein zukünftiges Schicksal.

4. KAPITEL

Von nun an wurde die Naturwissenschaft, besonders die Chemie, buchstäblich meine einzige Beschäftigung. Ich las hingerissen die von Genialität und Unterscheidungsschärfe funkelnden Werke der modernen Forscher. Ich besuchte die Vorlesungen und pflegte die Bekanntschaft mit den Männern der Wissenschaft an der Universität. Ich gestand sogar Professor Krempe beachtlich viel Verstand und Kenntnis zu, derentwegen er wertvoll für mich war; sein abstoßendes Äußeres und seine schlechten Manieren waren allerdings nicht zu übersehen. In Professor Waldmann fand ich einen wahren Freund. Seine Sanftmut wurde niemals durch einen gebieterischen Ton gestört. Seine Unterweisungen erteilte er mit derartiger Offenheit und Gutmütigkeit, daß jeder Eindruck der Pedanterie, verschwand. Auf tausenderlei Weisen ebnete er mir den Pfad des Wissens und gestaltete die schwierigen Kapitel leicht verständlich für meine Fassungskraft. Mein Fleiß war anfänglich recht wechselhaft; bald wurde er aber stetiger und wuchs sich schließlich zu einem geradezu besessenen Eifer aus. Die Sterne erloschen oft schon im Morgenlicht, während ich noch immer in meinem Laboratorium arbeitete.

Bei dieser ausschließlichen Hingabe an die Sache waren meine gewaltigen Fortschritte durchaus verständlich. Meine Begeisterung erregte das Erstaunen der Studenten und mein Können das der Lehrer. Professor Krempe fragte mich oft mit schalkhaftem Schmunzeln, welche Fortschritte Cornelius Agrippa mache. Professor Waldmann dagegen versicherte mir seine aufrichtige Freude.

So vergingen zwei Jahre. Währenddessen dachte ich an keinen Besuch in Genf, sondern jagte mit Herz und Geist hinter verschiedenen Entdeckungen her. Nur wer sie selbst erfahren hat, kann die Verlockungen der Wissenschaft begreifen. In den üblichen Bildungszweigen ist das Ziel bereits von den Vorgängern abgesteckt; Neues kann man nicht mehr erfahren. Bei einer naturwissenschaftlichen Arbeit aber besteht immer die Möglichkeit für neue Entdeckungen, für Wunder. Ein Geist von mittelmäßiger Fassungskraft, der sich diesem Studium widmet, kann zweifellos gute Leistungen erreichen; wer jedoch wie ich unaufhörlich ein Ziel anstrebt und ganz von ihm in Anspruch genommen ist, gelangt sprunghaft voran. Nach zwei Jahren waren mir tatsächlich einige Verbesserungen an chemischen Instrumenten gelungen, die mir großes Ansehen an der Universität verschafften. An diesem Punkt angekommen, war ich mit der Theorie und Praxis der Naturwissenschaft vertraut geworden (was ich dem Unterricht der Professoren von Ingolstadt verdankte), und ein längerer Aufenthalt schien für meine Weiterbildung nicht mehr förderlich. Ich dachte daran, zu meinen Freunden in der Heimat zurückzukehren, als sich etwas ereignete, das mich zum Bleiben veranlaßte.

Eine der Erscheinungen, die meine Aufmerksamkeit in besonderem Maße auf sich gezogen hatte, war die Beschaffenheit des menschlichen Skeletts und überhaupt jeden lebendigen Wesens. Woher, fragte ich mich oft, kam das Prinzip des Lebens? Es handelte sich um eine kühne Frage und um eine, deren Beantwortung immer für ein Geheimnis gehalten wurde, doch gibt es viele Dinge, die wir erkennen würden, wenn nicht Feigheit und Nachlässigkeit uns von der Erforschung abhielten. Ich überlegte mir das und beschloß, mich in Zukunft vordringlich mit jenen Zweigen der Naturwissenschaft zu beschäftigen, die Bezüge zur Physiologie aufweisen. Wäre ich nicht von einem fast übernatürlich anmutendem Enthusiasmus angefeuert worden, hätte ich meine Beschäftigung mit diesem Gebiet sicherlich ermüdend, wenn nicht gar unerträglich gefunden. Um die Ursachen des Lebens zu untersuchen, müssen wir uns zunächst dem Tode zuwenden. Ich studierte die Wissenschaft der Anatomie, aber das genügte nicht. Ich mußte auch den natürlichen Verfall und die Fäulnis des menschlichen Körpers beobachten. Mein Vater hatte bei meiner Erziehung die größte Vorsicht walten lassen, daß ich nicht durch abseitige Schrecknisse Schaden erleide. Ich erinnere mich nicht, bei einer abergläubischen Geschichte gezittert oder die Erscheinung eines Geistes gefürchtet zu haben. Die Dunkelheit bedeutete nichts für meine Phantasie; ein Friedhof war für mich nur der Aufnahmeort für Körper ohne Leben, die zur Nahrung der Würmer wurden, nachdem sie einstmals Wesen voll Schönheit und Kraft dargestellt hatten. Nun sah ich mich gezwungen, die Ursachen und den Ablauf dieses Verfalls zu untersuchen sowie Tage und Nächte in Gewölben und Leichenhallen zu verbringen. Meine Forschung richtete sich auf alle jene Gegenstände, die der Zartheit menschlicher Gefühle meistens zuwider sind. Ich beobachtete, wie die schöne Gestalt des Menschen zerfiel und der Verwüstung anheimgegeben war. Ich sah die Fäulnis des Todes über die blühende Wange des Lebens siegen. Ich schaute zu, als dem Wurm die Wunder des Auges und des Gehirns zur Beute fielen. Ich sammelte mich, um die Ursachen, die den Wechsel von Leben zu Tod und von Tod zu Leben bedingen, im einzelnen zu prüfen und zu analysieren, als aus der tiefsten Dunkelheit eine jähe Helle aufleuchtete. Dieser Lichtstrahl glich einem Wunder und war doch ganz einfach. Während mir von der Ungeheuerlichkeit der eröffneten Aussicht schwindelte, staunte ich dennoch, daß es mir allein unter so vielen Forschern von Genie vorbehalten sein sollte, ein solches Geheimnis zu lüften.

Ich möchte daran erinnern, daß ich nicht die Einbildung eines Verrückten schildere. Das im folgenden Erzählte ist nicht weniger gewiß als der Sonnenglanz am Himmel. Nach vielen Tagen und Nächten voll unglaublicher Mühen und Anstrengungen gelang es mir, die Ursache der Zeugung und des Lebens zu entdecken – ja noch mehr: ich vermochte nun leblose Dinge zu beleben. Eine Wunderkraft könnte das bewirkt haben; doch die Stadien der Entdeckung waren eindeutig und wahrscheinlich.

Das Erstaunen, das ich zuerst über diese Entdeckung empfand, räumte bald der Freude und dem Entzücken seinen Platz. Plötzlich war ich auf dem Gipfel meiner Wünsche angekommen. Zwar hatte ich viel Zeit für eine furchtbare Arbeit verwandt, doch konnte die Plackerei kein besseres Ende finden. Diese Entdeckung war so groß und überwältigend, daß die Schritt um Schritt erkletterten Stufen meinem Blick entschwanden und nur das Ergebnis übrigblieb. Der Wunschtraum und das Arbeitsziel der klügsten Männer seit der Erschaffung der Welt befand sich nun in meinem Griff. Allerdings erschloß sich das Geheimnis nicht sofort in seiner Ganzheit wie eine magische Prozedur. Das gewonnene Wissen war eher so beschaffen, meinen Bemühungen die Richtung auf das Forschungsziel zu weisen, als dieses schon vollständig zu präsentieren. Ich ähnelte dem Araber, der versehentlich in die Totengruft geworfen worden war, endlich aber den Durchlaß zum Leben erzwang, einzig von einem glimmenden und anscheinend unwirksamen Licht geleitet.

Ich sehe an Ihrem Interesse, Ihrer Verwunderung, Ihrer Hoffnung, die Ihre Augen verraten, mein Freund, daß Sie gern das Geheimnis von mir erfahren möchten. Das ist unmöglich. Wenn Sie geduldig bis zum Ende meiner Geschichte zugehört haben, werden Sie leicht einsehen, warum ich diese Sache für mich behalten muß. Ich will Sie nicht ungewarnt und von Leidenschaft getrieben in Ihre Vernichtung und Ihr unweigerliches Elend rennen lassen, wie es mir geschah. Lernen Sie von mir (vielleicht nicht aus meinen Lehren, aber wenigstens aus meinem Beispiel), wie gefährlich der Erwerb von Wissen sein kann. Erkennen Sie auch, um wieviel glücklicher der Mensch ist, der seine Heimat für die Welt hält, als derjenige, der über die Grenzen seiner Natur hinausgelangen will.

Als mir die unbegreifliche Macht in die Hände gegeben war, zögerte ich eine Weile und sann über die Möglichkeit ihrer Anwendung nach. Obwohl ich jetzt Leben verleihen konnte, blieb immer noch ein Werk von unvorstellbarer Schwierigkeit und Mühsal zu tun, nämlich die Herstellung eines organischen Gehäuses mit all seinen komplizierten Verbindungen von Fasern, Muskeln und Adern. Ich schwankte zuerst, ob ich die Schöpfung eines mir gleichenden Wesens versuchen sollte oder einer Kreatur von einfacherer Beschaffenheit. Meine Einbildungskraft schwebte jedoch seit meinem ersten Erfolg in derartigen Höhen, daß sie mir keinen Zweifel an meiner Fähigkeit erlaubte, einem Wesen, das so komplex und wunderbar eingerichtet war wie der Mensch, das Leben zu schenken. Das Material, das mir gegenwärtig zu Gebote stand, schien dem mühereichen Plan zwar kaum angemessen, doch zweifelte ich keinen Augenblick an meinem letztlichen Erfolg. Ich bereitete mich allerdings auf eine Unzahl von Rückschlägen vor. Meine Tätigkeit konnte in jedem Abschnitt vereitelt werden, so daß mein Werk unvollständig blieb. Betrachtete ich aber die Verbesserungen, die täglich in Wissenschaft und Technik erzielt werden, konnte ich mutig hoffen, daß meine derzeitigen Versuche wenigstens die Grundlage zu einem späteren Erfolg lieferten. Auch die Größe und Komplexität meines Planes ließ ich selbstverständlich nicht als Argument für seine Undurchführbarkeit gelten.

Mit diesen Erwägungen schickte ich mich zur Erschaffung eines menschlichen Wesens an. Da die Winzigkeit der Teile ein merkliches Hindernis für den schnellen Fortgang meiner Arbeit darstellte, beschloß ich – entgegen meiner ersten Absicht – dem Wesen eine gigantische Statur zu verleihen, nämlich acht Fuß hoch und entsprechend breit. Nachdem ich diese Entscheidung gefällt und einige Monate mit erfolgreichem Sammeln und Herrichten des Materials verbracht hatte, fing ich das eigentliche Werk an.

Niemand kann sich die vielgestaltigen Gefühle vorstellen, die mich in der ersten Begeisterung des Erfolges gleich einem Wirbelsturm vorwärtstrugen. Leben und Tod schienen mir ideelle Grenzen, die ich erstmals durchbrechen sollte, damit sich ein Strom des Lichtes in unsere düstere Welt ergieße. Eine neue Gattung würde mich als ihren Schöpfer und Ursprung segnen; viele glückliche und hervorragende Wesen hätten mir ihr Dasein zu verdanken. Kein Vater könnte die Verehrung seiner Kinder so beanspruchen, wie ich die ihre verdiente. Als ich diesen Überlegungen nachhing, fiel mir ein, daß ich kraft meines Vermögens leblose Gegenstände zu beleben, im Laufe der Zeit (obzwar es jetzt noch unmöglich war) das Leben auch da bewirken könnte, wo der Tod den Leib bereits zur Verwesung verurteilt hatte. Diese Gedanken spornten meinen Geist an, während ich mit unaufhörlicher Leidenschaft mein Werk fortführte. Meine Wangen bleichten infolge des Studiums, und ich magerte während meiner Zurückgezogenheit ganz ab. Manchmal, kurz vor dem ersehnten Punkt, versagte ich; trotzdem klammerte ich mich an die Hoffnung, die der nächste Tag, die nächste Stunde verwirklichen konnte. Ein Geheimnis, nur mir bekannt, war meine Zuversicht. Der Mond starrte auf meine mitternächtlichen Mühen, wenn ich mit angespanntem und atemlosem Eifer der Natur bis in ihre letzten Verstecke nachspürte. Wer kann mein Grauen nachfühlen, mit dem ich die widerlichen Dünste des Grabes ertrug und lebende Tiere quälte? Die Erinnerung läßt meine Glieder zittern und meinen Blick verschwimmen. Damals drängte mich ein unwiderstehlicher und fast wahnsinniger Impuls vorwärts. Alles war dem Zweck, leblosen Lehm zum Leben zu erwecken, unterworfen. Ich schien die Seele und die Empfindung für alles, außer diesem einen Ziel, verloren zu haben. Es war wirklich nur eine vorübergehende Entrücktheit, die mir in aller Schärfe erst bewußt wurde, als ich zu meinen alten Gewohnheiten zurückgekehrt war und der unnatürliche Anreiz aufgehört hatte. Ich sammelte Knochen in den Leichenhäusern und drang mit ungeweihten Händen in die ungeheuren Geheimnisse des menschlichen Skeletts ein. In einem einsamen Zimmer, eigentlich einer Zelle, im obersten Stock des Hauses, das von den übrigen Räumen durch eine Galerie und eine Treppe getrennt war, hatte ich die Werkstatt für meine düstere Schöpfung eingerichtet. Meine Pupillen traten schier aus den Augenhöhlen, um jede Einzelheit meiner Arbeit zu überwachen. Der Seziersaal und das Schlachthaus lieferten einen großen Teil meines Materials; oft wandte sich meine menschliche Natur mit Ekel von meiner Beschäftigung ab, während ich mit ständig zunehmender Hast mein Werk dem Abschluß näherte.

Die Sommermonate vergingen, in denen ich mit ganzer Seele an der Verfolgung eines Ziels werkte. Es war eine äußerst schöne Jahreszeit; niemals spendeten die Felder eine reichere Ernte, noch bescherte der Wein eine üppigere Lese, doch meine Augen waren blind für die Reize der Natur. Dieselbe Einstellung, die mich zur Vernachlässigung meiner Umwelt zwang, ließ mich auch meine Angehörigen und Freunde vergessen; sie waren ja viele Meilen entfernt, und ich hatte sie seit geraumer Frist nicht mehr gesehen. Mir war klar, daß sie mein Schweigen beunruhigte, und ich entsann mich gut der Worte meines Vaters: »Ich weiß, daß du an uns mit Liebe denken wirst und wir regelmäßig von dir hören, wenn du mit dir selbst zufrieden bist. Verzeihe mir, wenn ich jede Unterbrechung in deiner Korrespondenz als einen Beweis dafür werte, daß du deine anderen Pflichten ebenso vernachlässigst.«

Ich konnte mir daher die Gefühle meines Vaters deutlich vergegenwärtigen; dennoch wollte ich mein Sinnen und Trachten nicht von meiner Beschäftigung losreißen, die an sich Ekel erregte, meine Phantasie aber unwiderstehlich an sich fesselte. Ich beschloß, alles aufzuschieben, was mit Liebe und Zuneigung zu tun hatte, bis das gewaltige Werk, das alle gewohnten Eigenheiten meiner Natur verschlang, vollendet wäre.

Ich bezichtigte meinen Vater in Gedanken auch der Ungerechtigkeit, falls er meine Nachlässigkeit dem Laster oder der Schuld zuschriebe. Heute bin ich überzeugt, daß er mit seiner Meinung recht hatte. Ein vollkommenes menschliches Wesen sollte stets eine ausgeglichene und friedliche Gesinnung bewahren und nie einer Leidenschaft oder einem vorübergehenden Wunsch erlauben, seine Gelassenheit zu stören. Ich glaube nicht, daß das Streben nach Wissen eine Ausnahme von dieser Regel bildet. Wenn das gewählte Studium die früheren Neigungen zu schwächen und den Geschmack an einfachen Freuden ohne Beimengung zu vergällen beginnt, dann ist es sicherlich widernatürlich für den menschlichen Geist. Richtete sich jedermann nach diesem Verhaltensmaß, gestattete kein Mensch irgendeiner Überspanntheit die Einmischung in den Frieden seiner häuslichen Beschaulichkeit, wäre Griechenland nicht versklavt worden, Cäsar hätte sein Reich gerettet, Amerika wäre gemächlicher entdeckt und darum Mexiko und Peru nicht zerstört worden.

Aber ich vergaß, daß man im interessantesten Teil einer Geschichte nicht moralisieren soll! Ihre Blicke mahnen mich an die Fortsetzung.

Mein Vater bedachte mich in seinen Briefen mit keinem Vorwurf und nahm von meinem Schweigen nur insofern Notiz, als er sich über meine Beschäftigung ausführlicher denn je erkundigte. Winter, Frühling und Sommer verflossen über meiner qualvollen Arbeit; doch sah ich weder die Blüten noch die entfalteten Blätter (vormals höchst erfreuliche Anblicke für mich), so ausschließlich war ich von meinem Werk in Anspruch genommen. Die Blätter jenes Jahres waren vertrocknet, ehe mein Gebilde seiner Vollendung entgegenging; nun zeigte mir jeder Tag klarer, wie gut es mir gelungen war. Mein Enthusiasmus wurde durch meine Furcht gedämpft, und ich betrachtete mich oft eher als einen Sklaven, zu Bergwerksarbeit oder irgendeinem anderen peinvollen Tun verurteilt, als einen mit seinem Lieblingsgegenstand beschäftigten Künstler. Jede Nacht ergriff mich ein leichtes Fieber, und ich wurde geradezu unerträglich nervös. Das Fallen eines Blattes erschreckte mich, und ich wich meinen Mitmenschen wie ein schuldbeladener Verbrecher aus. Manchmal sorgte ich mich selbst um meinen Zustand; ich war tatsächlich ein Wrack geworden! Nur die Zähigkeit meiner Absicht hielt mich noch aufrecht. Meine Mühen hoffte ich bald zu beenden; ich glaubte, daß Bewegung und Vergnügen danach die beginnende Krankheit vertreiben könnten. Ich vertröstete mich auf die Zeit nach der Vollendung meines Schöpferwerkes.

5. KAPITEL

In einer düsteren Nacht im November bekam ich das Ergebnis meiner Mühen zu Gesicht. Mit einer fast an Todesangst grenzenden Furcht trug ich die lebenspendenden Mittel zusammen, um damit dem leblosen Ding, das zu meinen Füßen lag, den Lebensfunken anzufachen. Schon war es ein Uhr morgens, der Regen plätscherte trübselig gegen die Fensterscheiben, meine Kerze flackerte nur noch, als ich beim Glimmen des verlöschenden Dochtes sah, wie sich das trübe, gelbe Auge des Geschöpfes öffnete. Es atmete stoßweise, während eine zuckende Bewegung die Glieder durchfuhr.

Unbeschreiblich ist mein Empfinden über diese Katastrophe, unbeschreiblich auch das erbärmliche Geschöpf, das ich unter unendlicher Qual und Mühsal gestaltet hatte. Seine Gliedmaßen standen im rechten Verhältnis zueinander, und darum hatte ich ihr Aussehen für schön gehalten. Schön! – Großer Gott! Seine gelbliche Haut spannte sich knapp über seine Muskeln und Adern, sein Haar wallte glänzend schwarz hernieder, seine Zähne schimmerten perlenweiß. Diese Üppigkeit bildete aber nur einen desto schrecklicheren Gegensatz zu seinen wässerigen Augen, deren Farbe von den umrahmenden weißen Augenhöhlen kaum zu trennen war, zu seinem runzeligen Gesicht, zu seinen flachen, beinahe schwarzen Lippen.

Die verschiedenen Ereignisse im Leben sind nicht so wandelbar wie die Empfindungen der menschlichen Natur. Ich hatte fast zwei Jahre lang gerackert, nur zu dem Zweck, einem leblosen Körper Leben einzuflößen. Ich hatte für dieses Ziel mit meiner Ruhe und Gesundheit bezahlt. Ich hatte es mit einer übermäßigen Leidenschaftlichkeit ersehnt – und als ich es erreichte, verschwand die Schönheit des Traumes. Statt dessen erfüllten atemloser Schrecken und Abscheu mein Herz. Unfähig, den Anblick des von mir geschaffenen Wesens zu ertragen, rannte ich aus dem Raum. In meinem Schlafzimmer lief ich lange Zeit auf und ab, da ich mich nicht zum Schlafen zwingen konnte. Endlich siegte die Müdigkeit über die erlittene Aufregung; ich warf mich in meinen Kleidern aufs Bett und suchte einige Augenblicke des Vergessens zu finden. Es war vergebens; zwar schlief ich wirklich ein, aber ich wurde von den wildesten Träumen heimgesucht. Mir war, als sähe ich Elisabeth, in der Blüte ihrer Gesundheit, die Straßen Ingolstadts durchwandeln. Erstaunt und erfreut umarmte ich sie; aber unter meinem ersten Kuß wurden ihre Lippen fahl, der Farbe des Todes gleich. Ihre Gestalt verwandelte sich, und plötzlich hielt ich den Körper meiner toten Mutter in den Armen. Ein Leichentuch umhüllte ihren Leib, und ich sah die Würmer zwischen den Falten des Stoffes kriechen. Ich fuhr entsetzt aus dem Schlaf hoch; kalter Schweiß bedeckte meine Stirn, meine Zähne klapperten, und mein ganzer Körper schüttelte sich. Da erblickte ich im matten, bläulichen Mondschein, der sich seinen Weg durch die Fensterläden bahnte, das jämmerliche Geschöpf, das elende Gebilde meines Ehrgeizes. Es hob den Vorhang des Bettes auf, und seine Augen (falls sie die Bezeichnung verdienen) waren auf mich gerichtet. Es öffnete seinen Rachen und stieß einige unartikulierte Laute aus, wobei eine Art Grinsen seine Wangen verzerrte. Vielleicht sprach es, aber ich hörte nicht zu; seine Hand war ausgestreckt, um mich festzuhalten, aber ich entkam und eilte die Treppen hinab. Ich flüchtete mich in den Hof, der zu dem Haus gehörte, in dem ich wohnte. Dort blieb ich die restliche Nacht, schritt in größter Erregung hin und her, lauschte aufmerksam und vermerkte jeden Laut, in der Furcht, er künde das Nahen der dämonischen Gestalt an, der ich unseligerweise Leben verliehen hatte.

Kein Sterblicher vermöchte die Schrecklichkeit dieses Anblicks zu ertragen. Eine wiederbelebte Mumie konnte nicht so häßlich sein wie dieses schreckliche Geschöpf. Ich hatte es vor Augen gehabt, solange es noch unfertig war; zwar schien es damals ungefüge zu sein, aber als die Muskeln und Gelenke sich schließlich bewegen konnten, wuchs es sich zu einem Wesen aus, wie es nicht einmal Dante erfunden hat.

Ich verbrachte eine erbärmliche Nacht. Manchmal hämmerte mein Puls so schnell und heftig, daß ich das Zucken jeder Ader zu spüren vermeinte; dann wieder sank ich schier zu Boden vor Müdigkeit und äußerster Schwäche. Inmitten dieser Schrecknisse brannte in mir die Bitterkeit der Enttäuschung. Die Träume, die so lange meine Nahrung und meine angenehme Erholung gewesen waren, wandelten sich nun zur Hölle. Es war ein blitzschneller Wechsel und ein vollständiger Absturz.

Endlich dämmerte der Morgen, trüb und feucht, und er enthüllte meinen schlaflosen und schmerzenden Augen die Kirche von Ingolstadt, ihren Turm und die Uhr, die sechs anzeigte. Der Pförtner öffnete die Tore des Hofes, der in dieser Nacht mein Asyl gewesen war; ich trat in die Straßen hinaus und durchmaß sie mit hastigen Schritten, als ob ich dadurch das Scheusal vermeiden könnte, das ich bei jeder Straßenbiegung zu erblicken fürchtete. Ich wagte nicht, in meine Wohnung zurückzukehren, sondern folgte einem Trieb, immer weiterzuhetzen, obwohl ich vom Regen, der von einem schwarzen und trostlosen Himmel herabströmte, ganz durchnäßt wurde.

Ich lief so eine Zeitlang dahin und versuchte durch körperliche Anstrengung die Last, die auf mein Gemüt drückte, zu erleichtern. Ich überquerte Straßen ohne klare Vorstellung, wo ich mich befand oder was ich tat. Mein Herz klopfte vor Angst; ich eilte in unregelmäßigem Tempo weiter und wagte nicht, um mich zu blicken:

»Wie einer, der auf ödem Weg

mit Angst und Grausen geht,

sich einmal wendet, weitereilt,

sein Haupt dann nie mehr dreht,

dieweil erkennt den grimmen Feind,

der hinter ihm schon steht.« 1

Schließlich langte ich gegenüber der Gaststätte an, bei der die verschiedenen Eil- und Postkutschen gewöhnlich haltmachen. Hier blieb ich stehen; warum, weiß ich nicht. Ich verweilte einige Minuten und blickte auf eine Kutsche, die vom anderen Ende der Straße her auf mich zufuhr. Als sie näher kam, bemerkte ich, daß es die Schweizer Eilpostkutsche war; sie hielt genau vor mir, die Tür öffnete sich, und ich sah niemand anderen als Henry Clerval. Er sprang sofort heraus, als er mich erkannte. »Mein lieber Frankenstein«, rief er aus, »wie froh bin ich, dich zu sehen! Das nenne ich einen glücklichen Zufall, daß du gerade in dem Augenblick meiner Ankunft hier bist!«

Meine Freude, Clerval zu sehen, war durch nichts zu übertreffen. Seine Gegenwart brachte meinen Gedanken den Vater und Elisabeth sowie alle jene häuslichen Bilder zurück, die meiner Erinnerung teuer waren. Ich ergriff seine Hand und vergaß für einen Augenblick Schrecken und Unglück; ich fühlte plötzlich und zum erstenmal seit vielen Monaten wieder Ruhe und heiteren Frieden. Ich hieß meinen Freund also aufs herzlichste willkommen; dann gingen wir zu meinem Kolleghaus. Clerval sprach einige Zeit über unsere beiderseitigen Freunde und über sein großes Glück, nun endlich die Erlaubnis für das Studium in Ingolstadt zu haben.

»Du wirst dir gut vorstellen können«, sagte er, »wie schwierig es war, meinen Vater zu überzeugen, daß die edle Kunst der Buchhaltung nicht alles nötige Wissen umfaßt. Ich glaube wirklich, daß ich ihn letzten Endes ungläubig zurückließ, denn seine immerwährende Antwort auf meine nimmermüden Bitten war die des holländischen Lehrers im ›Vikar von Wakefield‹: ›Ich beziehe zehntausend Florins im Jahr ohne Griechisch, ich esse nahrhaft ohne Griechisch.‹ Seine Zuneigung für mich siegte aber schließlich über seine Abneigung gegen die Bildung, und er gestand mir zu, eine Entdeckungsreise in das Land des Wissens zu unternehmen.«

»Ich freue mich sehr, dich zu sehen! Erzähle mir doch, wie es meinem Vater, meinen Brüdern und Elisabeth geht.«

»Ihr Befinden ist sehr gut, sie sind glücklich, wenn auch etwas beunruhigt, da sie von dir so selten hören. Nebenbei möchte ich dich um ihretwillen ein wenig kapiteln! – Aber, mein lieber Frankenstein«, fuhr er fort und blieb kurz stehen, um mir voll ins Gesicht zu blicken, »ich bemerkte vorhin gar nicht, wie schlecht du aussiehst, ganz dünn und blaß. Man könnte meinen, du hättest mehrere Nächte durchwacht.«

»Damit hast du richtig vermutet. In letzter Zeit habe ich mich mit einer Arbeit sehr abgeplagt und mir nicht genügend Ruhe gegönnt. Ich hoffe aber – und ich hoffe es aufrichtig –, daß diese Tätigkeit nun beendet ist und ich endlich frei bin.«

Ich zitterte am ganzen Leib. Ich scheute zurück, an die Ereignisse der vergangenen Nacht zu denken, und noch viel weniger durfte ich darauf anspielen. Ich schritt schnell aus, und bald erreichten wir mein Kolleghaus. Ich grübelte unaufhörlich, und wahre Schauer durchfuhren mich bei dem Gedanken, daß die Kreatur, die ich in meiner Wohnung zurückgelassen hatte, dort noch in voller Lebensgröße herumspaziere. Ich fürchtete mich, dieses Ungeheuer zu sehen; aber noch viel mehr fürchtete ich, daß Henry es sehen würde. Ich bat ihn deshalb, einige Minuten unten an der Treppe zu warten. Ich hetzte zu meinem Zimmer hinauf. Meine Hand lag schon auf der Türklinke, da überrieselte es mich kalt. Ich hielt ein undsammelte meine Kräfte. Dann stieß ich die Tür mit Wucht auf, wie es Kinder zu tun pflegen, wenn sie ein Gespenst auf der anderen Seite vermuten. Nichts rührte sich. Ich schritt furchtsam hinein: die Wohnung war leer. Mein Schlafzimmer beherbergte ebenfalls keinen häßlichen Gast. Ich konnte es kaum fassen, daß mir ein solcher Glücksfall beschieden war. Als ich mich vergewissert hatte, daß mein Feind wirklich entflohen war, klatschte ich vor Freude in die Hände und rannte zu Clerval hinab. Wir stiegen zusammen zu meiner Wohnung hinauf, und der Diener servierte alsbald das Frühstück. Aber ich vermochte mich einfach nicht zu beherrschen. Nicht nur die Freude hatte mich überwältigt, sondern ich fühlte, wie mein Körper infolge eines Übermaßes an Reizbarkeit bebte und mein Puls fiebrig klopfte. Ich hielt es auch nicht einen Augenblick lang auf demselben Platz aus. Ich sprang über die Stühle, klatschte in die Hände und lachte schallend. Clerval schrieb meine ungewöhnliche Stimmung anfangs der Freude über seine Ankunft zu; als er mich aufmerksamer betrachtete, bemerkte er eine Wildheit in meinen Augen, die er sich nicht erklären konnte. Mein lautes, unbeherrschtes und herzloses Gelächter versetzte ihn allmählich in Erstaunen und Schrecken.

»Mein lieber Viktor«, rief er, »was ist um Gottes willen in dich gefahren? Lache nicht auf diese Weise! Du mußt krank sein! Was ist denn daran schuld?«

»Frage mich nicht«, rief ich und bedeckte meine Augen mit den Händen, denn es war mir, als sähe ich das fürchterliche Gespenst in das Zimmer hereingleiten; »er allein kann dir darüber berichten! Ach, rette mich, rette mich!« Ich bildete mir nämlich ein, der Unhold ergriffe mich; ich schlug wild um mich und stürzte in einem Anfall nieder.

Armer Clerval! Was mag er empfunden haben? Ein Wiedersehen, das er mit solcher Freude erwartet hatte, verwandelte sich derart seltsam in Bitterkeit. Allerdings war ich kein Zeuge seines Schmerzes, denn mich umfing eine Ohnmacht, und lange, lange Zeit kam ich nicht mehr zu mir.

Dies war der Anfang eines nervösen Fiebers, das mich für mehrere Monate niederwarf. Die ganze Zeit über war Henry mein einziger Pfleger. Später erfuhr ich, daß er meinen Angehörigen das Ausmaß meines Leidens verheimlichte, um ihnen Kummer zu ersparen. Er handelte so mit Rücksicht auf das vorgeschrittene Alter meines Vaters und dessen Untauglichkeit für eine weite Reise, und auf Elisabeth, die meine Krankheit sehr unglücklich gemacht hätte. Die Hoffnung auf meine Genesung bestärkte seine Überzeugung, daß er ihnen dadurch nicht schade, sondern den besten Dienst erweise. Niemand wäre mir ein freundlicherer und aufmerksamerer Pfleger gewesen, als er es war.

Aber in Wirklichkeit war ich sehr krank. Gewiß hätte mich nichts außer der grenzenlosen und nimmermüden Hingabe meines Freundes dem Leben zurückgegeben. Die Gestalt des Unholds, dem ich Leben verliehen hatte, stand immer vor meinen Augen, und meine Phantasien drehten sich ununterbrochen um ihn. Zweifellos war Henry über mein Gerede erstaunt. Er glaubte zuerst an irre Auswüchse meines verstörten Geistes; doch die Hartnäckigkeit, mit der ich immer wieder zu demselben Gegenstand zurückkehrte, überzeugte ihn, daß meine Krankheit ihren Ursprung in einem ungewöhnlichen und schrecklichen Ereignis habe.

Nur allmählich und unter häufigen Rückfällen, die meinen Freund beunruhigten und schmerzten, erholte ich mich. Ich erinnere mich daran, wie ich zum erstenmal wieder fähig war, äußere Gegenstände mit einer Art Freude wahrzunehmen. Ich sah, daß die abgefallenen Blätter verschwunden waren, und daß an den Bäumen, die mein Fenster beschatteten, die jungen Knospen hervorsprossen. Es war ein unvergleichlicher Frühling; die Jahreszeit trug viel zu meiner Genesung bei. Empfindungen der Freude und der Zuneigung lebten in meinem Inneren auf. Meine düstere Stimmung verflog, und binnen kurzer Frist war ich wieder so vergnügt wie vormals, als mich noch nicht jene unglückselige Leidenschaft erfaßt hatte.

»Liebster Clerval«, rief ich, »wie freundlich, wie gut du zu mir bist! Den ganzen Winter hast du in meinem Krankenzimmer zugebracht, statt dich deinem Studium zu widmen, wie du es dir einst gelobtest. Wie soll ich dir das jemals vergelten? Mich plagen die größten Gewissensbisse, daß ich dich so enttäuschte; aber du wirst mir vergeben.«

»Du entschädigst mich, wenn du dich nicht mehr aufregst und so schnell wie möglich ganz gesund wirst. Du scheinst guter Stimmung zu sein, also kann ich über ein bestimmtes Thema mit dir reden, nicht wahr?«

Ich zitterte. Ein bestimmtes Thema! Was konnte das sein? Sollte er gar auf etwas anspielen, woran ich nicht einmal zu denken wagte?

»Beruhige dich«, sagte Clerval, der den Wechsel meiner Farbe bemerkte, »ich will nichts erwähnen, wenn es dich aufregt. Dein Vater und deine Kusine würden sehr glücklich sein, wenn sie einen von dir selbst geschriebenen Brief erhielten. Sie ahnen kaum, wie krank du gewesen bist, aber sie sind besorgt über dein langes Schweigen.«

»Ist das alles, mein lieber Henry? Wie kannst du nur glauben, meine ersten Gedanken flögen nicht zu meinen teuren Freunden, die ich liebe und die sich um meine Liebe so verdient gemacht haben!«

»Wenn das deine gegenwärtige Gemütsverfassung ist, lieber Viktor, dann erfreut dich vielleicht ein Brief, der seit einigen Tagen auf dich wartet; ich glaube, er kommt von deiner Kusine.«

6. KAPITEL

Clerval händigte mir darauf folgenden Brief Elisabeths aus:

Genf, den 18. März 17 . .

»Mein liebster Vetter, Du warst krank, sehr krank; nicht einmal die laufenden Briefe des lieben, gütigen Henry können mich über Dein Befinden zur Genüge beruhigen. Es ist Dir zwar verboten zu schreiben, eine Feder zu führen; dennoch, lieber Viktor, ist ein Wort von Dir selbst notwendig, um unsere Befürchtungen zu zerstreuen. Seit langem hoffte ich, die jeweils nächste Post werde die ersehnte Zeile bringen. Meine Überzeugung hielt meinen Oheim auch von einer Reise nach Ingolstadt ab. Ich bat ihn inständig, sich nicht den Unbequemlichkeiten und vielleicht sogar Gefahren einer weiten Reise auszusetzen, aber wie oft habe ich bedauert, daß ich sie nicht selbst unternehmen konnte. Ich stelle mir vor, daß die Aufgabe, Dich auf Deinem Krankenlager zu betreuen, einer besoldeten, alten Krankenschwester übertragen wurde, die weder Deine Wünsche ahnte noch die Sorgfalt und Zuneigung Deiner armen Kusine an den Tag legte. Gott sei Dank ist das jetzt überstanden! Clerval schreibt, daß es Dir merklich besser geht. Ich hege die größte Hoffnung, daß Du dies bald durch Deine eigene Handschrift bestätigst.

Werde gesund und kehre zu uns zurück! Du wirst ein glückliches, vergnügtes Heim vorfinden und treue Freunde, die Dich innig lieben. Dein Vater erfreut sich bester Gesundheit und ermangelt nur Deiner Gegenwart, um sich Deines guten Befindens zu vergewissern. Keine Sorge würde dann jemals wieder sein gütiges Antlitz trüben. Sehr zufrieden kannst Du auch mit den Fortschritten unseres Ernst sein. Er hat nun sein sechzehntes Jahr erreicht und sprüht vor Kraft und Geist. Als echter Schweizer will er in einen ausländischen Militärdienst eintreten, aber wir wollen ihn nicht ziehen lassen, ehe nicht sein älterer Bruder wieder zu uns zurückgekehrt ist. Mein Oheim begeistert sich keineswegs an der Vorstellung einer militärischen Laufbahn in einem fernen Land, aber Ernst zeigte nie Deinen gewaltigen Fleiß. Das Studium bedeutet ihm eine verhaßte Fessel; lieber verbringt er seine Zeit im Freien, klettert auf den Bergen herum oder rudert auf dem See. Ich fürchte fast, er würde ein Müßiggänger, falls wir nicht nachgeben und ihm erlauben, den erwählten Beruf zu ergreifen.

Seitdem Du uns verlassen hast, hat sich außer dem Heranwachsen der Kinder wenig geändert. Der blaue See und die schneebedeckten Berge bleiben immer gleich. Ich glaube, unser ruhiges Heim und unsere zufriedenen Herzen werden von denselben unveränderlichen Gesetzen bestimmt. Meine kleinen Beschäftigungen füllen meine Zeit aus und bereiten mir Freude; für alle Mühen werde ich von den glücklichen und freundlichen Gesichtern um mich belohnt. Eine Veränderung hat unser bescheidener Haushalt allerdings erfahren. Erinnerst Du Dich, bei welcher Gelegenheit Justine Moritz in Deine Familie kam? Wahrscheinlich nicht. Ich erzähle deshalb kurz ihre Geschichte. Madame Moritz, ihre Mutter, war eine Witwe mit vier Kindern, das dritte davon hieß Justine. Dieses Mädchen wurde von seinem Vater sehr geliebt, aber aus seltsam widernatürlichem Grunde von ihrer Mutter geradezu gehaßt und nach dem Tode des Vaters äußerst schlecht behandelt. Meine Tante bemerkte das. Als Justine zwölf Jahre alt geworden war, überredete sie Madame Moritz, ihre Tochter bei uns wohnen zu lassen. Die republikanischen Einrichtungen unseres Landes haben schlichtere und glücklichere Gebräuche erzeugt, als sie in den großen Monarchien zu finden sind. Bei uns gibt es nur geringe Unterschiede zwischen den einzelnen Klassen der Bevölkerung; auch die unteren Schichten, die weder so arm noch so verachtet wie anderswo sind, zeichnen sich durch gute und moralische Sitten aus. Ein Dienstbote in Genf bedeutet nicht dasselbe wie ein Dienstbote in Frankreich und England. Justine erlernte in unserer Familie die Pflichten eines Dienstmädchens – eine Stellung, die in unserem glücklichen Lande durchaus nicht Unbildung und Verlust an Menschenwürde mit einschließt.

Gewiß erinnerst Du Dich, wie sehr Du Justine geschätzt hast. Ich entsinne mich Deiner Bemerkung, daß ein einziger Blick Justinens Deine üble Laune vertreibe, denn es ergehe Dir wie Ariost mit der schönen Angelica: sie schaute so offenherzig und glücklich in die Welt. Meine Tante wurde durch ihre große Anhänglichkeit dazu bewegt, ihr eine gediegenere Ausbildung als zunächst beabsichtigt zu geben. Diese Haltung wurde wohl belohnt. Justine war das dankbarste Mädchen, das sich denken läßt. Ich hörte zwar niemals ein dementsprechendes Bekenntnis aus ihrem Munde, aber ihre Augen verrieten, daß sie ihre Beschützerin fast anbetete. Obwohl sie von Natur ausgelassen war und manchmal unüberlegt handelte, schenkte sie jeder Geste meiner Tante die größte Aufmerksamkeit, denn sie bedeutete ihr das würdigste weibliche Vorbild. Daher galt ihre ganze Bemühung der Nachahmung meiner Tante, ihrer Redeweisen und ihrer Sitten, so daß sie mich jetzt noch oft an sie gemahnt.

Beim Tode meiner geliebten Tante waren alle mit ihrem eigenen Schmerz beschäftigt und nahmen wenig Notiz von der bedauernswerten Justine. Sie hatte ihre Gönnerin mit kummervoller Zuneigung gepflegt und war selbst erkrankt. Nach ihrer Genesung warteten noch andere Prüfungen auf sie.

Ihre Geschwister starben, eins nach dem anderen, und ihrer Mutter blieb nur mehr die mißachtete Tochter. Das Gewissen der Frau regte sich; ihr kam zu Bewußtsein, der Tod ihrer Lieblinge sei ein Urteil des Himmels, der sie für ihre Parteilichkeit züchtige. Da sie Katholikin war, bestärkte sie ihr Beichtvater (so nehme ich an) noch in dieser Idee. Also wurde Justine einige Monate nach Deiner Abreise nach Ingolstadt von der reumütigen Mutter nach Hause gerufen. Das arme Mädchen weinte, als sie unser Heim verließ. Seit dem Tode meiner Tante war ihr Wesen sehr verändert. Der Schmerz hatte ihr zuvor auffallend lebhaftes Benehmen mit Sanftmut und gewinnender Güte veredelt. Auch der Aufenthalt im Hause ihrer Mutter trug nicht zur Erneuerung ihrer alten Fröhlichkeit bei. Die schwergetroffene Frau bewies eine recht unbeständige Reue. Gelegentlich bat sie Justine um Verzeihung wegen ihrer Unfreundlichkeit, aber viel häufiger beschuldigte sie ihre Tochter, den Tod ihrer Geschwister verursacht zu haben. Der andauernde Gram bewirkte bei Madame Moritz schließlich eine Auszehrung, welche ihre Reizbarkeit noch vermehrte. Nun hat sie für immer Frieden. Sie verschied beim ersten Einbruch des kalten Wetters im vergangenen Winter. Justine kehrte zu uns zurück, und ich liebe sie zärtlich. Sie ist klug, sanft und sehr hübsch. Wie ich bereits erwähnte, erinnern mich ihre Miene und ihre Ausdrücke an meine teure Tante.

Ich möchte Dir, lieber Vetter, auch ein wenig von unserem kleinen Liebling Wilhelm erzählen. Wenn Du ihn nur sehen könntest! Er ist für sein Alter groß und hat schalkhaft lachende, blaue Augen, dunkle Wimpern und lockiges Haar. Wenn er lächelt, erscheinen zwei kleine Grübchen auf seinen rosigen Wangen. Er spielt meistens mit der einen oder anderen kleinen Freundin, besonders mit Luise Biron, einem reizenden fünfjährigen Mädchen.

Lieber Viktor, vielleicht hörst Du gern ein wenig Klatsch aus unserem guten Genf. Die hübsche Mansfeld hat bereits die Gratulationscour zu ihrer bevorstehenden Hochzeit mit einem jungen adeligen Engländer namens John Melbourne überstanden. Ihre häßliche Schwester, Manon, heiratete vergangenen Herbst Herrn Duvillard, den reichen Bankier. Dein liebster Schulkamerad, Louis Manoir, erlitt seit der Abreise Clervals aus Genf vielerlei Mißgeschicke. Er hat sich inzwischen wieder erholt; man sagt sogar, er stehe kurz vor der Hochzeit mit einer lebhaften, reizvollen Französin, Madame Tavernier. Sie ist Witwe und viel älter als Manoir, aber sie genießt allgemeine Bewunderung und ist überall beliebt.

Ich habe mich in bessere Stimmung hineingeschrieben, lieber Vetter. Meine Besorgnis kehrt jedoch am Ende zurück. Schreibe, liebster Viktor – jede Zeile, jedes Wort bedeutet Segen für uns. Bestelle unseren vieltausendfachen Dank an Henry für seine Freundlichkeit, seine Zuneigung, seine vielen Briefe! Ade, lieber Vetter! Achte auf Dich und – ich flehe Dich an – schreibe!

Elisabeth Lavenza

»Ach, geliebte Elisabeth«, rief ich, als ich den Brief gelesen, »ich will sofort schreiben! Ich will meine Lieben von ihrer Angst befreien!« Also schrieb ich, und diese Anstrengung ermüdete mich sehr. Meine Genesung schritt im übrigen stetig voran. Nach vierzehn Tagen konnte ich mein Zimmer verlassen.

Eine meiner ersten Pflichten nach meiner Gesundung bestand darin, Clerval bei den Professoren der Universität vorzustellen. Ich befleißigte mich bei diesen Gelegenheiten eines kühlen Tones, der wenig zu den Wunden meines Geistes paßte. Seit jener fatalen Nacht, dem Endpunkt meiner mühsamen Arbeit und dem Anfang meines unglückseligen Geschicks, empfand ich schon beim Namen Naturphilosophie einen heftigen Widerwillen. Selbst als meine Gesundheit dann wiederhergestellt war, konnte der bloße Anblick eines chemischen Apparats die ganze Seelenpein meiner nervösen Symptome erneuern. Henry war dies aufgefallen, und er hatte deshalb alle meine Instrumente aus meinem Blickfeld entfernt. Auch eine neue Wohnung hatte er besorgt, denn meine Scheu vor dem Zimmer, das früher mein Laboratorium enthielt, war ihm ebenfalls nicht verborgen geblieben. Aber alle Vorsorge Clervals nützte mir nichts bei den Antrittsbesuchen. Professor Waldmann, der mit Freundlichkeit und Wärme meine erstaunlichen Fortschritte in den Naturwissenschaften rühmte, bereitete mir Qualen. Er nahm bald wahr, daß mir dieses Thema nicht behagte. Da er die wirkliche Ursache nicht vermuten konnte, schrieb er mein Benehmen der Bescheidenheit zu und wechselte von meinem Fortschritt auf die Wissenschaft selbst hinüber; offensichtlich wollte er dadurch meine Haltung auflockern. Was sollte ich tun? Er glaubte mich zu erfreuen – statt dessen peinigte er mich. Es schien mir fast, als ob er sorgfältig jene Instrumente, eins nach dem anderen, vor meine Augen rückte, die späterhin dazu dienen sollten, mich einem langwährenden und grausamen Tod auszuliefern. Ich zuckte unter seinen Reden zusammen und wagte doch nicht, meine Qual zur Schau zu tragen. Clerval, dessen Spürsinn für die Gefühle anderer sehr fein entwickelt war, machte dem leidigen Thema endlich den Garaus, indem er entschuldigend auf seine völlige Unwissenheit hinwies. Die Unterhaltung wandte sich mehr dem Allgemeinen zu. Ich dankte meinem Freund von Herzen, sagte ihm aber nichts davon. Sein Erstaunen darüber war zwar unverkennbar, aber er versuchte nie, mir mein Geheimnis zu entreißen. Obwohl ich ihn mit einer durch nichts eingeschränkten Mischung von Zuneigung und Verehrung liebte, vermochte ich mich nicht aufzuraffen, ihm das Ereignis anzuvertrauen, das in meiner Erinnerung stets gegenwärtig war. Ich hegte die Befürchtung, daß die entsetzlichen Einzelheiten einen anderen Menschen verhängnisvoll beeindrucken mußten.

Professor Krempe zeigte sich nicht so lenkbar. Meine damalige Verfassung, eine zitternde Reizbarkeit, litt unter seinen ungeschliffenen, plumpen Lobreden noch mehr als unter der gütigen Anerkennung Professor Waldmanns. »Ein verflixter Bursche!« schrie er. »Wahrlich, Herr Clerval, Sie dürfen mir glauben, er hat uns alle übertroffen. Ja, staunen Sie nur, wenn’s Ihnen Spaß macht, aber es ist nichtsdestoweniger wahr. Ein junger Kerl, der vor ein paar Jahren noch so fest an Cornelius Agrippa glaubte wie an das Evangelium, hat nun die Spitze der Universität erobert; wird er nicht sofort heruntergerissen, müssen wir uns alle in den Boden schämen.« Als er den leidenden Ausdruck meines Gesichtes bemerkte, fuhr er fort: »Herr Frankenstein ist bescheiden, eine ausgezeichnete Eigenschaft für einen jungen Mann. Junge Männer sollten sich selbst mißtrauen. Wissen Sie, Herr Clerval, ich tat es in jungen Jahren auch, aber mit der Zeit verliert sich das.«

Professor Krempe begann nun einen Lobpreis auf sich selbst zu singen, wodurch die Unterhaltung glücklicherweise bei einem mir gleichgültigen Thema angekommen war und auch blieb.

Clerval hatte meine Vorliebe für die Naturwissenschaften nie geteilt. Seine literarischen Ziele unterschieden sich gänzlich von denen, die mich gefesselt hatten. Er kam auf die Universität mit dem Vorsatz, die orientalischen Sprachen vollkommen zu erlernen. Damit wollte er ein Betätigungsfeld für den von ihm entworfenen Lebensplan eröffnen. Um keine ruhmlose Laufbahn einzuschlagen, richtete er seine Blicke nach dem Osten, der ein seinem Geist und Wagemut angemessener Bereich zu sein schien. Die persische und die arabische Sprache sowie Sanskrit zogen ihn an; leicht war ich zu bestimmen, dasselbe Studium anzufangen. Untätigkeit war mir schon immer verhaßt. Auf der Flucht vor meinen Gedanken und von Widerwillen gegen mein früheres Studium erfüllt, fand ich eine große Erleichterung darin, der Studienkollege meines Freundes zu werden. Die Werke der Orientalen verschafften mir nicht nur Belehrung, sondern auch Trost. Allerdings eignete ich mir nicht, wie er, kritische Kenntnisse über die verschiedenen Dialekte an (denn ich beschäftigte mich nicht eindringlich genug mit der Materie), sondern benützte es als eine zeitweilige Unterhaltung. Ich las nur, um die Bedeutung des Inhaltes zu verstehen. Meine Mühe wurde belohnt. Die Melancholie der Orientalen verströmt Ruhe, ihre Freude erhebt – das alles in einer Weise, die ich niemals beim Studium unserer Autoren erlebte. Liest man sich in jene Schriften ein, dann scheint das Leben nur aus warmem Sonnenschein in einem Rosengarten, aus dem Lächeln und dem Stirnrunzeln eines edlen Feindes und dem verzehrenden Feuer des eigenen Herzens zu bestehen. Wie sehr unterscheidet sich das von der mannhaften, heroischen Dichtung der Griechen und Römer!

Dergestalt verging der Sommer, und meine Rückkehr nach Genf wurde für den Spätherbst festgesetzt. Infolge verschiedener Zwischenfälle verzögerte sie sich, Winter und Schnee kamen, man hielt die Straßen für unpassierbar, meine Reise wurde auf den Frühlingsbeginn verschoben. Ich empfand diesen Aufschub schmerzlich, denn ich sehnte mich nach dem Wiedersehen mit meiner Heimatstadt und meinen geliebten Freunden. Verständlicherweise wollte ich Clerval nicht gern an einem ihm fremden Ort zurücklassen, solange er sich nicht einen Bekanntenkreis erworben hatte. Den Winter brachten wir jedenfalls in heiterer Stimmung zu. Der Frühling setzte ungewöhnlich spät ein, entschädigte durch seine Schönheit aber ganz für seine Saumseligkeit.

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