Читать книгу: «Saat der Rache»
Martin Huber
Saat der Rache
Die Chronik der Niflungen
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Widmung
PROLOG – Aldrians Zeugung
TEIL I – Der Verrat
Die frühen Jahre
Das Gastmahl zu Bern
Sigfrids Jugend
Der Vasall
Sigfrid und Grimhild
Gunter und Brunhild
Veränderungen
Bedachte und unbedachte Worte
Der Meuchelmord
TEIL II – Die Vergeltung
Attalos Brautwerbung
Boten aus Susat
Auf die Pferde!
Hol über!
Ein großzügiger Gastgeber
In Susat
Teurer Wein
Blutrausch
Hagens Tod
EPILOG – Aldrians Rache
NACHWORT
Die Geschichte hinter der Chronik
Geschichtliche Ergänzungen
ANHANG
Das Geschlecht der Niflungen
Die Gaue der Niflungen-Chronik
Die handelnden Personen
Berühmte Schwerter
Glossar
Impressum neobooks
Impressum
Texte © Copyright by Martin Huber
Grafiken © Copyright by Martin Huber
Cover © Copyright by Martin Huber
martin.huber@literaturatelier.com
https://www.literaturatelier.com/
Alle Rechte vorbehalten.
https://www.neobooks.com/ebooks/martin-huber-saat-der-rache-ebook-neobooks-AVwRDf6PEmIqAD8jNZ-T
ISBN: 978-3-7427-8792-7
Widmung
Für Nüriye
PROLOG – Aldrians Zeugung
Mit einem kaum unterdrückten Aufschrei fiel Hagen zurück auf das Lager. Märeth rollte vorsichtig von ihm herunter. Die Wunde an seiner rechten Seite war wieder aufgebrochen. Von der Mitte aus färbte ein zunehmend größer werdender Blutfleck die Bandagen.
Rasch erhob sich die junge Frau und holte Wasser, Moospolster und frische Binden. Während sie den Verband erneuerte, gingen ihr die Ereignisse der letzten Tage durch den Kopf.
Der prächtige Einzug der Niflungen in die Burg Susat und die freundliche Begrüßung durch König Attalo. Die emsigen Vorbereitungen für das Festmahl, die zunehmende Nervosität bei den Gästen und dazwischen die Königin, Grimhild, die ruhelos und auffallend bleich ständig auf Irung, Osid und andere Männer einredete. Danach das Gastmahl, das so fröhlich begann und in einem Blutbad enden sollte. Als Jungherr Aldrian von seiner Mutter direkt zu Hagen lief und ihm mit der Faust ins Gesicht schlug. Und wie Hagen daraufhin aufsprang, den Knaben mit der einen Hand an seinem Schopf festhielt und…
Märeth senkte den Kopf und versteckte die Tränen hinter ihren Haaren, während sie weiter die Wunde wusch. Die Erinnerung an den irren Gesichtsausdruck Grimhilds, ihr Weinen und Lachen, als sie die blutigen Hände an ihrem weißen Kleid abzuwischen versuchte – diese Erinnerung würde sie wohl ihr Leben lang verfolgen.
Damit begann ein zweitägiges Gemetzel, wie es Susat noch nicht erlebt hatte. In der Steingasse hinter dem ummauerten Burggarten floss das Blut buchstäblich in Strömen bergab. Der Blutgeruch hing nach wie vor über der Burg und der Nachhall der Schreie und das Klirren der Waffen klangen Märeth noch in den Ohren.
Am Ende waren alle Niflungen tot – alle bis auf einen: Hagen. Der lag jetzt schwer verletzt vor ihr auf dem Bett und die Schwertwunde an seiner rechten Flanke hörte nicht auf zu bluten!
Es war am Abend des zweiten Kampftages, als kein Gefechtslärm mehr in die Kammer drang, in die Märeth sich mit anderen Frauen geflüchtet hatte. Plötzlich hörten sie Schritte vor der Tür, es klopfte und Didrik, ihr Oheim, betrat den Raum. Er war erschöpft, bleich im Gesicht, gezeichnet von seinen Wunden und sein Gewand war zerschlissen und blutgetränkt.
„Märeth“, sagte er, „du verstehst doch etwas von Wundpflege. Ich brauche deine Hilfe!“ Ohne zu zögern, stand sie auf und folgte ihm. Auf dem Weg fragte sie:
„Seid ihr arg verletzt, Oheim?“ Didrik erwiderte ihr:
„Danke, dass du dich um mich sorgst, Märeth, aber es gilt nicht meine Wunden zu pflegen.“ Er blieb stehen, nahm sie bei der Hand und sah ihr fest in die Augen. „Du kennst Hagen?“ Sie nickte. „Er ist todwund“, fuhr der Oheim fort. „Wir waren Freunde fürs Leben und nur dieser leidige Zwist hat uns zu Feinden gemacht. Ich habe ihn in einem ehrenhaften Kampf niedergerungen. Aber jetzt ist er so stark verwundet – ich fürchte, er wird nicht mehr aufkommen.“
„Nun, ich will sehen, was ich für ihn tun kann“, erwiderte sie.
„Hagen hat einen letzten Wunsch geäußert“, fuhr Didrik fort. „Er will einer Frau beiliegen, bevor er stirbt, um sein Vermächtnis zu hinterlassen. Das ist sein gutes Recht, auch wenn sich dieses gegen meinen Herrn, Attalo, richtet. Also eilen wir“, sagte er und nahm seine Schritte wieder auf, „denn ich muss noch sehen, dass ich eine Frau finde, welche bereit ist, mit ihm die Nacht zu verbringen.“
Märeth hielt einen Augenblick inne, als sie dies hörte. Didrik blieb ebenfalls stehen und wandte sich zu ihr um.
„Was ist? Warum zögerst du?“
„Ihr braucht nicht weiter zu suchen“, antwortete sie ihm. „Ich werde die Nacht bei ihm bleiben. So kann ich ihm auch helfen, wenn er meine heilkundige Hand benötigt.“
„Märeth, du hast mich nicht verstanden. Er will eine Frau zum Beischlaf, um einen Bluträcher zu zeugen.“
„Doch, das ist mir bewusst, Oheim Didrik.“
„Aber Hagen war es auch, der deinen Vater erschlagen hat, wie du ja vielleicht schon erfahren hast!“ Didrik rang nach Fassung, da er sich die Beweggründe der jungen Frau nicht erklären konnte.
Abermals zögerte Märeth kurz, dann schüttelte sie abwehrend den Kopf.
„Ein Bote hat mir das tatsächlich schon zugetragen. Jedoch hat er in ehrlichem Kampf gesiegt. Da gibt es nichts, was ich ihm vorwerfen müsste.“ Märeth hatte ihre Schritte wiederaufgenommen und Didrik folgte ihr.
„Aber eine Bedingung habe ich, Oheim“, fügte sie hinzu, an der Tür zur Kammer, in der Hagen lag, noch einmal innehaltend. „Ihr dürft niemandem auch nur ein Wort davon sagen. Das müsst ihr mir schwören. Wenn ihr damit einverstanden seid, werde ich heute Nacht mit Hagen das Lager teilen.“
„Wenn ihr darauf besteht: einen Eid auf mein Stillschweigen“ entgegnete ihr Didrik. Unvermittelt hatte er von der gewöhnlichen Anrede der deutlich Jüngeren zur ehrenvollen Bezeichnung gewechselt, als hätte er eine hohe Frau vor sich. Märeths Beweggründe blieben ihm allerdings ein Rätsel. Doch der Blick der jungen Frau hielt ihn davon ab, weiter in sie zu dringen.
Sie war achtzehn Jahre alt. Seit sie vierzehn Lenze zählte, wollte man sie immer wieder einem Mann zum Weib geben, wogegen sie sich stets heftig zur Wehr zu setzen verstand. Zweimal hatte ihr Vater, Irung, der Gefolgsmann der Königin, einen Brautlauf arrangiert und musste dann zähneknirschend den Brautpreis zurückzahlen, weil seine Tochter ausgerissen war und sich in Susats umliegenden Wäldern versteckt hielt. Dort fand sie Unterschlupf bei einer alleinlebenden kundigen Frau, Dankrun mit Namen, welche Märeth ihr Wissen weitergab. So befasste sie sich schon mehrere Jahre mit dem Erlernen von Kräuter- und Heilkunde und gab nichts auf das Gerede ihrer Umgebung, dass sie sich für keinen Mann gut genug sei. Und so kam Märeth unter die Vormundschaft Didriks, denn nachdem er das zweite Mal den Brautpreis zurückzahlen musste, sagte Irung sich von seiner Tochter los.
Märeth wusste, was dieses Vermächtnis, von dem Didrik gesprochen hatte, bedeutete. Der Blutrache einen Weg zu ebnen, war ein heiliger Akt. Es gab für einen Mann nichts Schlimmeres, als ungerächt zur Todesgöttin Hel zu fahren. Wenn sie ihm einen Bluträcher schenkte, könnte sie ihm seinen Frieden geben und gleichzeitig ihr Heil mehren. Aber Hagens Beweggründe allein waren nicht ausschlaggebend, dass sie sich dazu bereit erklärte. Was Didrik nicht wusste: Sie selbst wollte einen Rächer zeugen.
Als Märeth dreizehn Jahre alt war – wenige Monate nach ihrer Ankunft in Susat, in Grimhilds Gefolge zusammen mit ihren Eltern – lag sie eines Tages im Stroh des Reitstalles der Burg. Sie hatte den Wurf einer Katze entdeckt und mit den kleinen Fellknäueln gespielt, bis das Muttertier fand, dass es genug sei, ihre Jungen eines nach dem anderen in die Tiefen des Strohgebirges trug und dem Mädchen mit einem Fauchen zu verstehen gab, dass es dort nicht willkommen sei.
Sie hätte auf die Katze hören und den Stall verlassen sollen. Aber das Heu duftete und die Wärme der Tiere lullte Märeth ein.
Als sie aufwachte, stand ein Mann über ihr – es war Attalo, der König. Von einem Ausritt zurückgekehrt, fand er das schlafende Mädchen im Stroh. Den Stallknecht hatte er daraufhin mit einem fadenscheinigen Vorwand fortgeschickt und war soeben dabei, seinen Gürtel zu lösen. Sein Beinkleid fiel zu Boden und er kniete sich über Märeth. Sie wollte schreien, aber eine Hand bedeckte ihren Mund und die andere umfasste die Gurgel des Mädchens. So groß war die Pranke des riesigen Mannes, dass sie den zarten Hals fast ganz umschloss:
„Wenn du leben willst, dann schweigst du jetzt und für immer. Hast du verstanden?“
Was konnte das Mädchen, fast noch ein Kind, gegen den Hünen ausrichten; also nickte sie. Die nächsten Augenblicke wollten nicht enden und sie biss sich in die Hand, um den Schmerz der Entjungferung nicht hinauszuschreien. Als der König von ihr abließ, sagte er beiläufig, während er sich wieder gürtete:
„Vergiss nicht, wenn du leben willst – zu niemanden ein Wort darüber!“ Dann stieg er über das weinend im Stroh liegende Mädchen hinweg und stapfte aus dem Stall. Die unmittelbar danebenstehende Stute, die daraufhin mit ihren samtweichen Nüstern Märeths Gesicht berührte, war der einzige Trost, den das Mädchen nach dieser Qual erhielt.
Das also war der Grund, warum sie sich der Vermählung durch ihren Vater widersetzt hatte. Es wäre nicht mehr zu verheimlichen gewesen, dass sie ihr Magdtum schon verloren hatte. Das wiederum hätte nicht nur Schmach und Schande über ihre Familie gebracht, sondern sie auch das Leben kosten können.
Märeth hatte es nie vergessen. Sie hasste Attalo aus tiefstem Herzen. Aber sie war eine Frau und zur Rache nicht berechtigt. Wenn jedoch Hagen einen Bluträcher zeugen wollte, dann trug sie gerne das Ihre dazu bei.
Als sie mit Didrik die Kammer betrat, lag dort Hagen noch bleicher als sonst auf der Bettstatt. Sein schwarzes Lederwams war völlig zerfetzt und blutverschmiert und in einem noch verheerenderen Zustand wie das Didriks. Auch er zeigte zahlreiche Wunden, aber am bedrohlichsten schien der große Blutfleck auf dem Laken unter seiner rechten Flanke zu sein.
Märeth sah sich den Recken genauer an. Sie kannte ihn schon aus ihren Kindertagen in Vernica und hier in Susat hatte sie ihn wieder beim Umzug der Niflungen durch die Stadt und danach beim Festmahl erblickt. Da sah sie ihn zum ersten Mal mit den Augen einer Frau. Er war nicht schön anzusehen, wenngleich er stattlich und gut gewachsen war und etwas Faszinierendes, fast Magisches in seinem Ausdruck hatte. Von der lauernden Wildheit seines Blickes aus dem einzelnen, linken Auge fühlte sich Märeth auf eine eigenartige Weise gleichzeitig angezogen und eingeschüchtert.
„Oheim Didrik“, sagte sie, „helft mir, ihn aus der Rüstung zu bringen“. Zu zweit richteten sie den Verwundeten auf und schälten ihn aus den Resten des ledernen Harnischs. Dies bedurfte all ihrer Aufmerksamkeit, damit sie sich selbst nicht an den schartig gehauenen Metallteilen verletzten. Hagen zerquetschte einen Fluch zwischen den Zähnen, aber die Schmerzen brachten wieder etwas Farbe in sein Gesicht. Er öffnete das Auge und sah Märeth vor sich, die ihm gerade die Lederriemen aufknotete. Mit einem durchdringenden Blick musterte er die junge Frau.
Nachdem sie ihn zu zweit seiner Kleider entledigt und vollständig nackt ausgezogen hatten, begutachtete Märeth die zahlreichen Wunden. Unzählige sah sie über den geschundenen Körper verteilt. Viele davon so schwer, dass sie jeden anderen auf der Stelle kampfunfähig gemacht hätten. Wie der große Lappen aus Haut und Muskeln an seinem linken Schenkel, von Hagen selbst provisorisch im Kampf verbunden.
Unter all den Verletzungen fand sich aber am rechten Rippenbogen der klingenbreite Stich von Ekkisax, Didriks Schwert, aus der ununterbrochen das Blut floss. ‚Hier rinnt das Leben aus dem Körper‘, dachte Märeth. Sie presste einen Stofflappen auf die Wunde und sagte zu Didrik:
„Drückt dies fest an, Oheim. Ich hole Verbandzeug.“ Damit eilte sie aus dem Zimmer.
Didrik saß neben Hagen auf der Bettkante, der wieder mit geschlossenem Auge in seinen Laken lag und schaute ihm in das blasse Gesicht.
„Mein Freund, du weißt, dass wir unserer Bestimmung folgten. Du musstest für die Sache deines Königs kämpfen und ich war meinem verpflichtet. Wie es aussieht, habe ich dir den Weg zur Hel bereitet. Aber mit Bestimmtheit hättest du im umgekehrten Fall ebenso gehandelt. Wir sind nun einmal Krieger und das ist unser Handwerk. Dafür brauchen wir einer dem anderen keinen Vorwurf machen. Märeth – sie ist die Tochter Irungs – wird dir deinen letzten Wunsch erfüllen und das Lager heute Nacht mit dir teilen. Ehre sie! Sie ist eine Frau mit besonderen Fähigkeiten und sie wird alles daransetzen, dein Vermächtnis weiterzugeben.“
Hagen öffnete das Auge, als Didrik geendet hatte, und ein Grinsen erhellte sein von Schmerzen angespanntes Gesicht:
„Mach nicht so viele Worte um die paar Scharten. Was war das für ein vortrefflicher Kampf. Ich ärgere mich nicht darüber, dass du mich geschlagen hast. Nur schade, dass zahlreiche ausgezeichnete Männer wegen Grimhilds Zorn zur Hel fahren mussten.
Aber was das Mädchen betrifft: Da hast du gut gewählt, mein Freund!“
„Du irrst dich,“ entgegnete ihm Didrik. „Nicht ich habe sie ausgesucht, sondern sie dich!“
Bevor Hagen nachfragen konnte, wie sein Gegenüber das gemeint hätte, betrat Märeth wieder die Kammer. Die beiden unterbrachen ihr Gespräch, um der Frau nicht zu zeigen, dass sich die Unterhaltung um sie gedreht hatte.
Sie trug einen Krug mit heißem Wasser und eine kleine Truhe mit sich, die sie auf einem niedrigen Schemel neben dem Bett absetzte. Märeth öffnete sie und entnahm ihr getrocknete Moospolster und Baumflechten, einen Beutel mit fein gemahlenem Pulver der Blutwurz, einen Tiegel mit Harz und lange Stoffstreifen. Nachdem sie alle Verletzungen mit Wasser gereinigt und mit einem sauberen Tuch abgetrocknet hatte, streute sie die blutstillende Arznei auf die frischen Wunden, wobei sie nicht vergaß, die notwendigen Segenssprüche zu flüstern. Die meisten Blessuren hörten damit fast unmittelbar auf zu bluten. Sogar die Blutung aus der Flanke kam zum Stillstand, aber Märeth wusste, dass der Schwertstich tief reichte und das Pulver innen keine Wirkung tun konnte. Die größeren Wunden deckte sie mit Moospolstern, und zerzupften Rindenflechten zu, die älteren und die oberflächlichen Kratzer bestrich sie mit Harz aus dem Tiegel. Zuletzt fixierte sie die Wundauflagen mit Binden und versah die geharzten Wunden ebenso.
Didrik stand daneben und schaute ihr bewundernd zu, mit welcher Ruhe und Sicherheit sie die Verletzungen versorgte. Nach verrichteter Arbeit räumte sie alles wieder in die Truhe, erhob sich und sagte zu Didrik, jedoch den Blick fest auf Hagen gerichtet: „Ich habe getan, was ihr, Oheim, von mir verlangt habt. Ich tat es, so gut ich es vermochte. Aber euer Freund wird an dieser Wunde sterben. Das weiß er selbst, so sicher wie ihr und ich. Auch den zweiten Wunsch werde ich erfüllen und die Nacht hier bei ihm bleiben. Geht nun bitte und lasst uns allein.“
„Ich lasse euch noch Kräuterwein und etwas zu essen bringen“, sagte Didrik. „Lebt wohl“. Sich vor dem Verwundeten und Märeth verneigend, verließ er die Kammer.
„Du weißt, dass ich Irung, deinen Vater, im Kampf tötete“ fragte Hagen, als sie allein waren, und schaute Märeth forschend ins Gesicht.
„Ich weiß“, antwortete die junge Frau ruhig. „Erstens ist es kein Unrecht aus einem ehrenhaften Kampf als Sieger hervorzugehen und zweitens werde ich meinen Vater nicht vermissen. Er hat sich schon lange mehr um Grimhild gekümmert, als um Mutter und mich.“
„Du bist eine schöne Frau. Und du bist kundig und stark“, fuhr er fort. „Was hat dich bewogen, meinem Wunsch aus freien Stücken nachzugeben?“
„Ja, Hagen“, erwiderte Märeth. „Gegen meinen Willen würde ich nicht hier stehen. Aber ihr seid ein bedeutender Krieger. Sollte diese Nacht nicht folgenlos bleiben, so trage ich ein Kind von edelmütigem Blut, mit einer großen Aufgabe. Denn ich habe ebenfalls einen Auftrag für ihn: Er soll der Vollstrecker auch meiner Rache sein.“
Hagen schaute verwundert auf:
„Was hast du zu vergelten?“
„Attalo hat mich als Kind vergewaltigt“, antwortete sie leise mit gesenktem Kopf.
Hagen pfiff überrascht durch seine gespitzten Lippen und schaute sie durchdringend an.
„Das also hat dich bewogen. Du spielst ein gewagtes Spiel, Frau.“
„Das weiß ich“, entgegnete Märeth wieder erhobenen Hauptes, „aber du hast es schon selbst gesagt: Ich bin kundig und stark“, ergänzte sie mit einem stolzen Lächeln. Wie selbstverständlich hatte sie auf das vertraute ‚Du‘ gewechselt, nachdem sie ihm so tiefen Einblick in ihr Gemüt erlaubt hatte.
„Uns beide hat unser Schicksal widerstandsfähig gemacht“, pflichtete ihr Hagen bei. „Ich bin der Spross aus einer Vergewaltigung und du eine Vergewaltigte! Ich denke, wir sollten in der Lage sein einen würdigen Bluträcher zu zeugen!“
Es klopfte. Ein Bursche mit einer Fackel in der Hand erschien und eine Magd folgte ihm, ein Servierbrett tragend. Auf diesem fanden sich Brotfladen, Kornbrei, Fleisch und eine kleine Schale mit frischen Walderdbeeren, wohl die ersten des Jahres. Ein Krug mit Kräuterwein, einer mit Wasser und zwei Becher waren auch darauf angerichtet.
„König Didrik schickt euch dies“, sagte das Mädchen, indem sie das Brett abstellte. Der Sklave entzündete mit seiner Fackel eine zweite, welche in einem Halter an der Wand steckte und noch eine in einem weiteren Ringhaken. Dann schürte er das Feuer und legte Scheite nach. Bald prasselte es erneut und erwärmte zumindest diese Ecke des Raumes. Zwar war es ein lauer Spätfrühlingsabend, aber die Steinbauten Susats brauchten lange, bis sie die Winterkälte zur Gänze ausgeatmet hatten. Nach einer Verbeugung entfernten sich die beiden wieder unauffällig mit gesenkten Köpfen.
Märeth schenkte Kräuterwein in einen Becher, betrachtete nachdenklich den Inhalt im Schein des Fackellichtes und sagte zu Hagen: „Ich habe einen Trank in meiner Truhe, der könnte dir das Leiden nehmen. Wenn ich diesen in deinen Wein mische, hast du keine Schmerzen mehr. Du wirst müde werden und bald einschlafen – und vermutlich nicht mehr aufwachen, bis du vor Hel stehst.“
Hagen schüttelte den Kopf:
„Nein“, sagte er entschieden. „Solange meine Wunden schmerzen, weiß ich, dass ich noch lebe! Ich bin noch nicht fertig. Es gibt noch etwas zu erledigen.“ Er versuchte, sich aufzusetzen, um bequemer essen zu können, und verzog dabei sofort wieder das Gesicht. Märeth kam ihm zu Hilfe und stützte ihm den Rücken mit einer Deckenrolle. Eine Weile aßen und tranken sie schweigend. Nur einmal sagte Hagen, als er Märeth zuprostete:
„Auf Hel, die mich bald empfangen wird!“
Sobald sie fertig waren mit dem Mahl – beide hatten sie nicht viel gegessen – räumte die Frau das Brett zur Seite und bettete Hagen um. Der Wein und ihre Pflege hatten ihm gutgetan, er bekam wieder etwas Farbe im Gesicht und sein Herzschlag wurde ruhiger.
Sie stand vor seinem Lager, auf dem er auf Fellen und Decken ausgestreckt und mit geschlossenem Auge lag. Langsam griff sie sich ins Haar und holte die Spangen und Bänder heraus, die die Frisur zusammenhielten. Ihre vollen Locken fielen über Schultern und Rücken bis zu ihren Hüften. Sie nahm den Gürtel ab, der die beiden Hälften des Peplos verband. Zuletzt griff sie zu den zwei Fibeln an den Schultern und öffnete sie. Die Stoffbahnen glitten zusammen mit dem Unterkleid zu Boden. Das Fackellicht umschmeichelte ihren nackten Körper und verlieh der Haut einen seidigen Glanz.
Hagen hatte das Rascheln des fallenden Stoffes vernommen und öffnete das Auge. Was er sah, ließ sein Herz augenblicklich wieder schneller schlagen. Die Fackeln konnten den Hintergrund des Raumes nicht ausleuchten. So sah er Märeth vor einem dunklen Nichts fast schwebend, in ihrer, durch unruhiges Licht konturenbetonten Nacktheit, vor sich stehen.
„So wund kann ein Mann nicht sein“, flüsterte Hagen, „dass sich bei diesem Anblick nicht Leben in ihm regt“. Er streckte seine Hand der Frau entgegen, schlug mit der anderen die Bettdecke zurück und lud sie damit ein, sich zu ihm zu legen. Nicht nur die freundliche Geste, auch die Kälte des Raumes scheuchte Märeth unter die Decke.
Eine Weile lag sie seitlich ruhig in Hagens Arm, lediglich ihre Hand lag auf seiner Brust. Dort fing sie an, ihn zu liebkosen, denn es war, geschützt durch das Lederwams, der Teil seines Körpers mit den wenigsten Wunden.
Hagen wurde unruhig und wollte sich ächzend auf sie wälzen, aber Märeth verwehrte ihm dies.
„Lass gut sein“, sagte sie, „bleib einfach ruhig liegen und tue gar nichts.“ Hagen sah sie fragend an, aber da hatte sie sich schon rittlings auf ihn gesetzt und begann mit sanften Schaukelbewegungen ihres Unterleibs ihn zu erregen. Dem Haudegen war diese Art fremd. Im Allgemeinen hatte er sich auf die Frauen geworfen und nicht lange gefackelt. Aber jetzt empfand er es durchaus als entspannend, sich nicht anstrengen zu müssen. Der Genuss steigerte sich sogar zur Erregung, die ihn seine Schmerzen völlig vergessen ließ.
Auch Märeth genoss die Wogen der Lust sichtbar; ihr Atem ging rasch und die rosigen Knospen ihrer Brüste waren aufgerichtet. Als sie Hagen schließlich in sich eindringen ließ, konnte er ihre Erregung spüren – er glitt gleichsam in ein warmes feuchtes Kissen. Märeth änderte die Hin-und-her-Bewegung ihres Beckens in ein Auf-und-ab, welches beide rasch zum Höhepunkt kommen ließ. Zuletzt bäumte sich Hagen keuchend auf und presste sein Gesicht zwischen Märeths Brüste, die sie ihm, ebenfalls sich aufbäumend, entgegenstreckte.
Schweißgebadet sank Hagen ächzend zurück und Märeth glitt von ihm herunter. Als sie ihn mit ihrem Arm umfasste, griff sie in frisches Blut, welches aus dem Verband an seiner Flanke hervordrang. Erneut machte sie sich daran, die Wunde zu verbinden. Hagen ließ es ruhig geschehen und schien diesmal kaum Schmerzen zu haben. Die Erregung, die durch seinen Körper pulsierte, hatte jede Pein betäubt. Als Märeth fertig war, deckte sie Hagen sorgfältig zu. Dabei bemerkte sie, dass sie immer noch nackt war und fror. Sie nahm eine Decke, rollte sich in sie ein, schürte das Feuer und legte nach. Dann setzte sie sich zu Hagens Füßen auf sein Lager, da sie dort näher zu den wärmenden Flammen saß.
„Wäre doch schade gewesen“, sagte Hagen mit einem Lächeln auf den Lippen, „wenn du mich mit deinem Trank betäubt hättest.“ Plötzlich fixierte er die junge Frau mit seinem einzelnen Auge. Sein Blick durchbohrte sie geradezu. Er atmete tief und die Stimme wechselte, wurde rauer, als er sagte:
„Diese Nacht ist unser Brautlauf und ich schenke dir meiner Braut drei Dinge. Das Erste hast du eben erhalten. Wenn du in der Zeit einen Sohn gebären wirst, sollst du ihn Aldrian nennen. Hörst du! Aldrian soll er heißen“, betonte Hagen eindringlich.
„Ich will tun, was du sagst“, antwortete Märeth. Dann sah sie ihr Gegenüber nur fragend an; sich nach den anderen Geschenken zu erkundigen verbot ihr der Anstand.
„Des Weiteren erhältst du von mir noch eine Geschichte und einen Schlüssel“, sagte Hagen. „Genauer gesagt: meine Geschichte. Sie ist sowohl für dich, damit du weißt, wer dein Gatte war, als auch für Aldrian, der, falls er geboren werden sollte, seinen Vater nie zu Gesicht bekommen wird. Durch die Saga, die du ihm erzählen sollst, wird er wissen, wessen Blut in ihm fließt – und was er zu rächen hat.“
Er legte sich zurück in die Kissen und halb sitzend, halb liegend, machte er es sich so bequem, wie es ihm seine Wunden und Verbände erlaubten.
Und während draußen die Stadt von den Ereignissen der letzten Tage summte wie ein aufgescheuchter Bienenstock, saßen in der Kammer Hagen und Märeth beisammen. Nur der flackernde Schein des Kaminfeuers warf durch das Fenster einen schmalen Pfad des Lichts in die auf der Rückseite von Didriks Haus ruhig sich ausbreitende Dunkelheit.
Was hier in Susat in den letzten zwei Tagen zum tragischen Höhepunkt gekommen war, das hatte schon etwa vierzig Jahre vorher seinen Anfang genommen, als ein kleiner Knabe von seiner Herkunft erfuhr.
TEIL I – Der Verrat
Die frühen Jahre
Er war anders, ganz anders! Das Knäblein, das da in den Armen seiner Mutter lag, konnte unmöglich sein Bruder sein! Er hatte eine rosige Haut, einen weißblonden Schopf aus seidig weichen Haaren, ein rundes Gesicht und eine kleine Stupsnase. Hagen kannte mit seinen vier Jahren sein Spiegelbild gut. Eben war er wieder von einer Schlägerei heimgekehrt, weil sie ihn wegen seines Äußeren geneckt hatten – wie so oft. Schon vielmals hatte er im Teich oder im Silberspiegel der Mutter sein Gesicht betrachtet.
Er hatte schwarze strähnige Haare, die Haut war bleich und sein Blick, trotz der kindlich-großen Augen stechend. Und zwischen diesen saß eine gebogene, für ein Kind ungewöhnlich scharfkantige Nase, die seinem Antlitz den Ausdruck eines kleinen Raubvogels gab.
Eines Tages hatte ihm Oda erzählt, dass er ein Geschwisterchen bekommen würde. Lange hat es gedauert und seine Geduld auf eine arge Probe gestellt. Das Einzige, was sich verändert hatte, war Mutters Bauch, der anschwoll, dass er langsam befürchtete, sie würde bald platzen. Aber als er nun zerrissen und zerschrammt von einem Kampf mit seinen Spielkameraden nachhause kam, riefen ihn die Mägde in die Kammer der Mutter, er könne jetzt den Bruder ansehen.
Ein Bruder! So hatte er gehofft, dass es ein Bruder werden würde! Er wüsste wirklich nicht, was er mit einem Mädchen anfangen hätte sollen. Und so trat er in Erwartung eines ausgewachsenen Spielkameraden an das Bett seiner Mutter. Diese begrüßte ihn lächelnd:
„Mein Kind, heiße dein Geschwisterchen Gunter willkommen!“
Aber was war das!
Ein kleines Bündel mit zappelndem und schreiendem Inhalt, der aber sicher nicht zum Spielen geeignet war. Und vor allem: Er war anders! Hagen hatte so gehofft, dass sein Bruder wäre wie er selbst, aber er glich eher seinen Spielkameraden als ihm. Er fühlte sich verraten; in seiner Enttäuschung schrie er die Mutter an:
„Wieso ist er so anders?“
Vielleicht war es die Erschöpfung nach der Geburt, möglicherweise schien es Oda auch der richtige Augenblick zu sein ihm die Wahrheit zu sagen. Wie auch immer, es fuhr aus ihr heraus:
„Weil ihr nicht dieselben Väter habt, mein Sohn!“
Hagen hörte zwar die Antwort und gab sich damit zufrieden, aber er verstand sie nicht in ihrer vollen Bedeutung. Irgendwie dämmerte es ihm jedoch, dass nicht sein Bruder, sondern er anders geartet war. Gunter war wie alle anderen Kinder, aber er stand allein da. Die Erwiderung seiner Mutter bezüglich ‚der Väter‘ war nicht vollständig bei ihm angekommen.
Es wunderte Hagen nur, was für ein Aufheben um seinen Bruder gemacht wurde. Wie der Häuptling kurz nach ihm die Kammer betrat, Oda den Säugling aus dem Arm nahm und das Bündel, wie ein rohes Ei haltend, in die Halle trug. Dort waren alle aus Vernica zusammengerufen worden. Der Saal war brechend voll. Aldrian stellte sich vor seinen Hochsitz, hob das Neugeborene in die Höhe und rief:
„Ich habe einen Sohn! Ehrt Gunter! Er wird einmal euer Häuptling sein!“
Die Menge schrie:
„Heil Gunter! Heil Aldrian!“ Und die Edlen schlugen mit den Schwertern auf die Schilde. Der Lärm verschreckte den Säugling in Aldrians Arm und er begann fürchterlich zu schreien. Rasch gab der Häuptling Gunter einer Magd, welche ihn zurück zu seiner Mutter in die Kammer brachte.
Hagen wunderte sich aber, warum sein Vater der Menge zugerufen hat, er habe einen Sohn, wo seine Mutter ihm eröffnet hatte, sie hätten nicht ein und denselben Vater. Und wieso Gunter Häuptling werden sollte, wo er doch nach ihm geboren worden war. Seine Verwirrung konnte nicht größer sein und dies beschäftigte ihn lange. Er hatte dazu jedoch genügend Zeit, denn es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bevor sein Bruder halbwegs als Spielkamerad zu gebrauchen war. Erst nachdem sie noch eine Schwester, welche den Namen Grimhild erhielt, bekommen hatten und die Obsorge der Eltern und Mägde sich auf das neugeborene Mädchen konzentrierte, war Gunter so weit, dass Hagen ihn auch einmal etwas fester anpacken konnte, ohne dafür gleich eine Rüge der Erwachsenen einstecken zu müssen. Aber es blieb eine für ihn unverkennbare und rätselhafte Tatsache, dass Gunter mehr Aufmerksamkeit bekam, als er. In anderen Familien war das nicht so. Immer der Älteste der Knaben war der Bevorzugte.
Als Hagen sechs Lenze zählte und aus der Obhut seiner Mutter, in die eines Lehrmeisters gekommen war, wollte er endlich Antworten auf die Fragen bekommen, die ihn beschäftigten. Er trat hin zu der Magd seiner Mutter und bat, Frau Oda sprechen zu dürfen. Die Zeiten, wo er ungerufen und unangemeldet zur Mutter in die Kammer stürmen durfte, waren vorbei – das hatte der Knabe schon gelernt. Als er vorgelassen wurde, setzte er sich neben sie und kam unmittelbar auf den Grund seines Besuches zu sprechen:
„Mutter, wer ist Gunters Vater?“
Verdutzt sah ihn Oda an und antwortete:
„Hagen, das weißt du doch. Aldrian, unser Häuptling, ist sein Vater.“
„Aber du hast gesagt, er und ich hätten nicht denselben Vater!“ Die Verwirrung des Knaben konnte kaum noch größer werden.
„Das ist richtig.“ Jetzt erkannte Oda, was den Jungen in den letzten Monden so beschäftigt hatte. „Hör mir zu, ich erzähle dir eine Geschichte. Es ist die Saga unserer Familie und sie wird dir auch deine Frage beantworten. Manches wirst du zurzeit noch nicht verstehen, aber höre dennoch zu und versuche dir die Worte zu merken.
Dein Großvater Irian, mein Vater, war der Häuptling unseres Stammes. Wir sind Ubier, aber er war auch in den Diensten der römischen Legion im Rang eines Dux. Das bedeutete, dass er und seine Männer Teil der Legion waren. Das nannte man Foederaten. Er hatte ein Mädchen aus der römischen Sippe des Mutius Scaevola geheiratet, meine Mutter – sie starb früh – und er residierte in Irianiacum, der Villa rustica nicht weit von hier. Du kennst sie – sie ist jetzt verlassen, wie auch die Römer schon vor Jahren aus dieser Gegend abgezogen sind.
Der Häuptling, Aldrian, aber ist ein Franke und kam als junger Krieger mit einer kleinen Gruppe Auswanderer aus Gallien in unser Land und bot deinem Großvater Irian seine Dienste an. Im Gegenzug erhielt er dafür die Erlaubnis, im alten Römerkastell Verniacum siedeln zu dürfen. Schon bald hatte er sich sehr verdient um das Land gemacht. Viele unserer Edlen mochten Aldrian, denn er kam mit fast allen gut aus. Aber es gab auch einige Neider in unserem Volk, die ihm seine Stellung beim Häuptling nicht gönnten.
In dieser Zeit war Aldrian oft bei uns in Irianiacum, denn er war ja in meines Vaters Diensten. Dabei lernten wir einander kennen und es dauerte nicht lange, da hatte Aldrian das Brautgeld zusammen. Ich war noch sehr jung, gerade einmal zwölf Jahre alt, aber mein Vater war schon alt und sah seine Kräfte schwinden. Daher gestattete er Aldrian, als dieser ihn um Erlaubnis bat, mit mir Brautlauf zu feiern. Am Tag als die Vermählung stattfand, schlug dein Großvater Aldrian den Edlen unseres Stammes als seinen Nachfolger vor und ein daraufhin einberufenes Thing bestätigte ihn. Bald darauf starb Irian.“
Oda hielt in Gedenken an ihren Vater inne, aber Hagen drängte sie weiterzuerzählen. Eine Antwort auf seine Fragen hatte er aus dem bisherigen Bericht nicht heraushören können. Er liebte Geschichten, aber diese dauerte ihm zu lange.
„Und …“, riss er seine Mutter aus ihren Gedanken.
„Der neue Häuptling reiste viel durchs Land, wie es ein Landesherr tun muss. Ich war damals oft allein. Eines Tages, etwa ein Jahr nach unserem Brautlauf, lag ich im Garten und hatte etwas getrunken. Plötzlich wurde mir übel und alles drehte sich. Dann weiß ich nichts mehr, bis mich meine Magd weckte, weil es dunkel zu werden begann. Ich wusste lange Zeit nicht, wo ich war, aber ich glaubte, mich zu erinnern, dass Aldrian bei mir gewesen wäre. Aber das hatte nicht sein können, denn der Häuptling war, wie ich dir schon erzählt habe, im Land unterwegs. Nach zwei, drei Monden war mir klar, dass ich ein Kind in mir trug.
Eines Tages, es ging mir nicht gut und ich saß am Fenster, tauchte vor diesem ein fremder Mann auf. Er war vom Gürtel aufwärts nackt, bis zur Unkenntlichkeit mit Zeichen und Ornamenten in blauer Farbe bemalt, trug einen schweren Torq aus Messing um den Hals und gab sich als ‚ein Albe‘ zu erkennen. In einem halb gereimten Singsang eröffnete er mir, er wäre der Vater des Kindes, das ich in mir tragen würde.“ Hier machte Oda wieder eine Pause, von der Erinnerung an diesen Vorfall überwältigt. Hagens Interesse an der Geschichte begann deutlich zuzunehmen. Er rückte auf der Bank nach vorne und drängte mit bohrendem Blick seine Mutter, weiter zu berichten.
„Dann gebot er mir noch“, fuhr Oda schließlich fort, „niemanden von unserer Begegnung zu erzählen, aber dass er dem Kind, wenn es denn in Not gerate, beistehen würde. Danach verschwand er so plötzlich, wie gekommen.
Ich war verschreckt und verängstigt“, Odas Stimme zitterte wieder in Erinnerung an damals. „Weder wusste ich, was da mit mir geschah, noch wie ich es dem Häuptling beibringen sollte. Eine qualvolle Zeit folgte, bis du auf die Welt kamst. Als du dann geboren warst, wurde es offensichtlich, dass Aldrian nicht dein Vater sein konnte.“
Oda standen bei der Erinnerung an dieses Geschehen aufs Neue die Tränen in den Augen, aber Hagen war wie vom Donner gerührt. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass Aldrian nicht sein Vater wäre! Wieder machte Oda eine kleine Pause, die aber von Hagen nicht geduldet wurde:
„Wer war er? Was passierte weiter“, drängte er.
„Wer er war? Vermutlich einer der Neider des Häuptlings. Aldrian war fürchterlich zornig, als er dich gesehen hatte und die Geschichte von mir erfuhr. Er fragte mich über alles aus, was ich zu berichten wusste; was wenig genug war: Ein Albe, also ein Mann aus Albiniacum, mit einem Torq um den Hals. Er hatte seltsam gesprochen, in Reimen und in einem eigenartigen Singsang. Mit diesen Informationen ritt der Häuptling mit zwanzig Kriegern nach Albiniacum. Es war der dortige Gode gewesen, ein fanatischer Ubier, der das Blut seines Volkes weiterhin an der Macht sehen wollte. Aldrian fand ihn. Als er mit ihm fertig war… Nun, die Strafe dafür, dass er sich an der Familie des Häuptlings vergriffen hatte, war Vierteilen. Erwarte nicht die Hilfe von ihm, die er dir versprochen hatte, als er sich mir am Fenster als dein Vater zu erkennen gab, denn er wird sie dir nie geben können. Die Strafe hat ihn ereilt und seine Leichenteile baumelten schließlich an der Wegkreuzung nach Anis-amina, den Vögeln zum Fraß“, schloss Oda trocken.
„Er ist viel zu schnell gestorben. Ich hätte ihn tagelang leiden lassen, diesen Frevler“ schrie Hagen empört. „Aber kann der Häuptling nicht trotzdem mein Vater sein?“
„Nein, mein Sohn, das kann er nicht. Das erste was er tat, als er nach dem Gericht über den Goden wieder nach Vernica kam, war, meine Zofe ebenfalls zu verurteilen. Ich hatte sie so gern, sie war mir wie eine Mutter. Ich flehte und bettelte um ihr Leben, aber Aldrian war unerbittlich. Er sagte, wenn sie das Leid, das über seine Familie gekommen war, auch nicht verursacht hatte, so hatte sie es auch nicht verhindert, wie es ihre Aufgabe gewesen wäre. Sie wurde unmittelbar nach dem Urteilsspruch vor der Halle erdrosselt. Vor allen Versammelten verkündete Aldrian sodann, dass du nicht sein Sohn bist und ihm nicht als Häuptling nachfolgen wirst. Das Erbe ist nur dem Blut vorbehalten und du bist nun einmal nicht seines Blutes.“ Tröstend strich Oda über sein Haar.
„Er ist gut zu dir, wie ein Vater.“ Sie fasste Hagen am Kinn, hob seinen Kopf und sah ihm direkt in die Augen. „Was willst du mehr? Du hast keinen Nachteil daraus, außer dass du nie Häuptling werden wirst. Aber auf einen Schild erhoben zu werden allein bedeutet noch nicht, ein Land auch zu regieren.“
Diese Worte brannten sich Hagen ins Gedächtnis ein und bestimmten von da an sein Handeln. Nun wusste er, warum er anders war und er nie würde die Stellung des Erstgeborenen einnehmen dürfen.
Gunter war ein schönes Kind; mit blonden Locken und wohlgeformten Gesichtszügen das exakte Gegenteil von seinem älteren Halbbruder Hagen. Er wurde von allen Frauen geliebt und verhätschelt und mit Aufmerksamkeiten bis zum Überdruss bedacht. Dadurch wurde der Knabe ein etwas verwöhntes Kind; ein netter Junge zwar, aber schwach. Schon bald stand er unter dem Einfluss Hagens. Der hatte einen Weg gefunden, sich den Bruder gefügig zu machen. Er stachelte immer wieder die Spielkameraden gegen Gunter auf und wenn dieser in Bedrängnis war, eilte er ihm zu Hilfe. Dafür verehrte, ja vergötterte sein kleiner Bruder ihn.
Zwei Jahre nach Gunters Geburt wurde Oda neuerlich schwanger und gebar nach der Zeit dem Häuptling ein Mädchen. Das Kind bekam den Namen Grimhild. Auch sie war ein entzückendes Kind mit braunem Haar, großen Augen und einer Stupsnase. Sofort wurde Grimhild der Liebling der gesamten Sippe. Sie wurde verwöhnt und mit Zuwendungen bedacht, mehr noch als Gunter und viel mehr, als ihrem Charakter förderlich war.
Vor allem die ständigen Begeisterungsrufe der Frauen „Oh, wie bist du heute wieder hübsch“ oder „Wer kommt denn da? Ist das nicht die wunderschöne Grimhild“, ließen sie in der Sicherheit heranwachsen, allein durch ihre Schönheit alles bekommen zu können, was sie sich erträumte. Aber wehe, es ging etwas nicht nach ihrem Willen. Die Tobsuchtsanfälle der Kleinen waren legendär in Vernica.
Vernica! Die Burg, die Aldrian sich gebaut hatte, war sein ganzer Stolz…
„Aber das wirst du selbst wissen; du kamst mit der Familie deines Vaters ja ebenfalls von dort.“ Hagen unterbrach seine Schilderung, um einen Schluck Wasser zu trinken.
„Nein, bitte!“ Märeth beugte sich vor und goss ihm den Becher neuerlich voll. „Ich weiß nicht viel. Mein Vater war nie zuhause und meine Mutter hat sich immer nur um Alltäglichkeiten gekümmert. Berichte mir alles, was dir einfällt. Nimm keine Rücksicht auf das, was ich schon wissen könnte oder nicht.
Aber eine Frage habe ich: Hätte Aldrian, der Häuptling, Oda nicht töten müssen, als er von der Schändung erfuhr? Dankrun, meine Lehrerin sagte mir nach meiner Vergewaltigung, ich müsse darüber schweigen, sonst drohe mir der Tod?“
„Nach dem alten Stammesrecht wohl“, antwortete Hagen, „aber als die Römer über Jahrhunderte unser Land besetzt hielten, galt deren Recht. Nach ihrem Abzug hatte Irian die römische Rechtsprechung beibehalten und Aldrian sie weitergeführt. Daher kam meine Mutter und wahrscheinlich auch ich mit dem Leben davon.“
„Ich verstehe. Bitte, fahre fort.“
Nach einem weiteren Schluck Wasser begann Hagen wieder zu erzählen und Märeth versank neuerlich in der Geschichte.
In den Anfängen aus den Resten des römischen Kastells Verniacum, aus dem ersten Lager der Einwanderer in ihrer neuen Heimat errichtet, wuchs die Burg Vernica nach und nach, bis sie sich zu einer ansehnlichen Festung entwickelt hatte. An wichtigen Verbindungsstraßen gelegen, flossen die Schatzungen reichlich und der Häuptling nutzte diese, nicht zuletzt, um sein Domizil zu erweitern. Die Anlage bestand nun aus dem Wohnturm, welchen Aldrian mit Oda bewohnte. In dessen unmittelbarer Umgebung befanden sich die Halle und das Kochhaus, daneben die Brunnenstube und nahebei die Schmiede. Die Langhäuser, in denen die Sippen der Edlen wohnten, waren im umfriedeten Areal inzwischen auf sechs Gebäude angewachsen und so verteilt, dass sie einen großen Platz einschlossen, an dessen Scheitelpunkt die Halle und der Turm standen. Und noch ein weiteres Gebäude wurde nach Aldrians Idee hinter der Schmiede errichtet. Die Burg bekam einen gedeckten Stall für die Reitpferde der Edlen mit einem Stallmeister. Damit mussten sich die Recken nicht mehr selber und im eigenen Langhaus um die Tiere kümmern, sondern dies nahm ihnen der Stallmeister mit seinen Knechten ab.
All das, umgeben von einem Wallgraben, wurde von einem Palisadenzaun gesichert. Dieser hatte beidseits des Haupttores zwei Wachtürme und an der Rückseite der Burg befanden sich zusätzlich drei überdachte Podeste für einen besseren Überblick rund um die ganze Festung. Ein Wehrgang auf der Innenseite des Zaunes vervollständigte die Verteidigungsanlage.
Außerhalb der Burg, entlang der Ausfallstraße, siedelten die Unfreien in ihren Behausungen und die Niederlassung war bereits zu beträchtlicher Größe angewachsen. Die Rodungsarbeiten für das Baumaterial der Burg und des Dorfes hatten den Waldrand aus der näheren in die weitere Umgebung zurückgedrängt. An seine Stelle traten neben den Wiesen, die schon die Römer vor ihren Palisaden frei von Bäumen hielten, um Angreifern keine Deckung zu bieten, auch beackerte Felder, die nun das Landschaftsbild um Vernica prägten.
Schließlich wurde die gesamte Anlage so groß, dass sie einen Nährhof benötigte, dessen Gründung mit der Geburt Gunters zusammengefallen war. Als dieser fertig war, nannte Aldrian das Gut voll Stolz ‚Gunters Meierei‘ und setzte seinen Truchsess als Verwalter des Gehöfts ein. Das bewog Hagen ihn zu fragen, wo denn ‚seine Meierei‘ stünde? Der Häuptling sah den Jungen nur an, verzog keine Miene und wandte sich ab. Hagen dachte damals, die Frage wäre zu kindisch gewesen und Aldrian wäre die Beantwortung derselben den Aufwand nicht wert. Wie falsch er seinen Stiefvater einschätzte! Im Gegenteil hatte sie ihn tief getroffen.
Nach und nach verteilte Häuptling Aldrian die Gutshöfe seines Landes unter den Edlen aber auch unter den verdienten und loyalen Recken der Einheimischen. Manche Familien zogen fort aus Vernica und einige neue kamen durch Brautläufe dazu. Die Volksgruppen durchmischten sich und weil das Land gedieh, sprachen mit der Zeit immer weniger Menschen von ‚den Alteingesessenen‘ und ‚den Fremden‘, sondern fühlten sich bald alle als ein Volk. Aldrian gab dem Land den Namen ‚Niflunga‘, nach dem Bach Nifl. Dieser wiederum wurde so genannt, weil oft Nebel über den sauren Wiesen und Auen lag, durch die er floss. So war es naheliegend, dass sich das Volk von da an die Niflungen nannte. Der Ruf von dem kleinen, aufstrebend Reich verbreitete sich und sogar in Gallien erzählte man von den ‚Franci nebulones‘.
Hagen war zehn, als Oda einen dritten Knaben gebar, der den Namen Gernholt erhielt. Als er noch an der Brust der Mutter saugte, bekam er eines Tages hohes Fieber. Es hielt drei Tage an und während dieser Zeit schüttelte es den Säugling nahezu ununterbrochen. Dabei verdrehte er die Augen und es trat ihm milchweißer Schaum aus dem Mund. Oda und Aldrian holten den Goden, damit er Hilfe brächte, aber der zuckte nur mit den Achseln, als er den krampfenden Knaben sah und sagte:
„Das Kind wird sterben“. Der heilige Mann behielt Unrecht, denn Gernholt starb nicht, jedoch die Fallsucht blieb ihm zeit seines Lebens. Aber etwas Gutes tat der Gode doch an dem Kind. Als er die Verzweiflung der Mutter sah, empfahl er, dem Säugling einen Sud vom Kraut der weißbeerigen Mistel einzuflößen. Schaden könne er ihm nicht, meinte er. Tatsächlich brach dieses Konzentrat die Anfälle ab oder verkürzte sie deutlich. Seither trug Gernholt immer eine Phiole des Saftes mit sich. Und seine Geschwister lernten, ihm die heilbringende Tinktur zu verabreichen, wenn er wieder einmal zuckend zusammenbrach.
Gernholt war ein unscheinbares Kind, kaum, dass ihn die Familie und die Gesellschaft wahrnahmen. Meistens lief er nur den anderen spielenden Sprösslingen hinterher, aber holte sie sprichwörtlich nie ein. Wenn er fiel, sich wehtat und weinte, nahm keiner von seinen Spielkameraden Notiz davon; oft nicht einmal die Erwachsenen. Zwar stand er als Sohn des Häuptlings in der Rangfolge hinter Gunter, wurde aber von der Umgebung kaum registriert.
Die Kinder wuchsen gemeinsam auf, selbst Hagen war ein vollwertiges Mitglied der Familie. Aldrian mochte ihn, weil er eher seiner Vorstellung von einem Thronerben entsprach, als dies Gunter tat. Aber es war ihm nicht möglich, die Umstände seiner Zeugung zu vergessen. Die Blutlinie zu wahren ging für ihn als Häuptling über die persönlichen Vorlieben. Ihm eine Erziehung zukommen zu lassen, als wäre er ein gebürtiger Häuptlingssohn, war das Einzige, was er für den Ziehsohn tun konnte.
Im Zuge seiner Unterweisungen sandte Aldrian Hagen, im Alter von zehn Jahren – Gernholt war gerade geboren – nach Susat, ins Land der Hunen, um die restliche Lehrzeit bis zur Mannbarwerdung abzuschließen.
Susat! Diese Siedlung inmitten Germaniens, war die erste, die den Namen Stadt rechts des Rhins verdiente. Nicht zuletzt, weil sie auch aus Stein gefügte Bauwerke hatte. Attalo, der dort residierende König, legte seinen Ehrgeiz darein, sich damit ein Ansehen zu schaffen. Als Hagen nach Susat kam, war die Burg schon fast fertig.
König Attalo herrschte damals über eines der größten Reiche rechts des Rhins. Er selbst stammte aus Frisia, von wo er, da zweitgeboren, mit einem Teil seines Stammes ausgezogen war, um sich eigenes Land zu erobern. Die Region um Susat wurde sein Stammesgebiet und über die Jahre erweiterte er seinen Machtbereich in zahlreichen Schlachten und Heerzügen.
Solcher Reichtum und solche Machtfülle weckten Begehrlichkeiten unter den Nachbarn, weswegen sich Attalo einer Methode besann, die immer schon geeignet war, diese an ihre Loyalität zu erinnern. Er nahm Mitglieder aus den Familien der benachbarten Häuptlinge und Vasallen an seinem Hof auf. Dort erhielten sie einen Teil ihrer Ausbildung, waren aber auch Geiseln, denn ihr Wohlergehen auf Attalos Hof hing vom Wohlverhalten ihrer Heimatländer ab. Diese Art der Bindung von nächstgelegen oder untergebenen Stämmen war für alle dennoch von Vorteil. Die jungen Leute lernten, über ihren Tellerrand hinauszublicken, und bekamen eine Unterweisung, wie sie nur ein solches Machtzentrum bieten konnte. Außerdem hatten sie Gelegenheit, Bande zu knüpfen, die oft noch viel länger hielten, als die Zeit der Geiselnahme in Susat dauerte. Nur wenn man die geforderte Loyalität nicht zeigte, zog man sich Attalos Zorn zu.
Und so ein Mangel an Wohlverhalten spielte auch bei dem Ereignis eine Rolle, welches für Hagen einschneidende Auswirkungen haben sollte: sein erster bedeutender Kampf nach der Mannbarwerdung. Dieser kostete ihn beinahe das Leben und dessen Folgen bestimmten sein weiteres Schicksal.
An dem großen Hof Attalos gab es noch zahlreiche andere Edle, die dort ihre Ausbildung erhielten. Mit einem jungen Mann namens Waltar von Waldsken freundete er sich bald an, obwohl dieser um einiges älter und schon für mannbar erklärt worden war, kurz nachdem Hagen nach Susat kam. Fast zur selben Zeit wie er traf dort ein sehr junges Mädchen ein: Hildegund, die Tochter eines tributpflichtigen Grafen.
Schließlich hatte auch Hagen seine Mannbarwerdung erhalten und Attalo ernannte ihn zum Führer einer Rotte. Der Jüngling war überaus stolz auf die Beförderung und nahm die Aufgabe sehr ernst. Endlich einmal sah er sich legitim an der Spitze einer Schar und keiner konnte ihm diese Stellung streitig machen.
Eines Tages herrschte große Aufregung in Attalos Burg. Waltar war verschwunden und mit ihm Hildegund. Nachdem ganz Susat erfolglos nach dem Paar abgesucht worden war, wurde klar, dass sie durchgebrannt waren. Attalo wurde zornig und schickte Hagen mit seiner Rotte aus, die beiden zurückzuholen. Er war nicht gewillt hinzunehmen, von einem jungen Recken gleich um zwei Geiseln gebracht zu werden.
Zu sechst galoppierten sie dem fliehenden Paar hinterher. Dieses hatte es eilig gehabt; an einem Tag konnte die Truppe die Flüchtenden nicht einholen. Als Hagen und seine Rotte sie fanden und Waltar sah, dass er nicht mehr ausweichen konnte, gebot er dem Mädchen, in Sicherheit zu bleiben, und stellte sich den Verfolgern. Als Rottenführer trat Hagen ihm zuerst entgegen.
„Muss so unsere Freundschaft enden“, fragte Waltar, als sie sich mit gezückten Schwertern gegenüberstanden.
„Du hast den König mit deiner Flucht und Hildegunds Entführung beleidigt, obwohl du ihm Dank geschuldet hättest“ entgegnete ihm Hagen.
„Ich habe Hildegund nicht entführt. Sie ist freiwillig mit mir gekommen, denn wir lieben uns. Und ich schulde Attalo nichts. Ich habe ihm so manches Jahr treu gedient.“
„Aber Attalo hat dich nicht aus seinen Diensten entlassen. Und er hat das Recht über Hildegund. Ihr werdet daher mit uns zurückkehren.“
„Dann wirst du mich und sie töten müssen.“
„So sei es“, rief Hagen und stürzte sich auf Waltar.
Hagen war kein schlechter Kämpfer, aber im Vergleich zu seinem Gegner doch recht unerfahren. Denn dieser war einer der Besten, älter und eben dadurch schon erfahrener. Aber Waltar war ihm immer noch freundschaftlich zugetan und wollte ihn nicht töten. Daher hieb er ihm lediglich mit der Breitseite seines Schwertes auf den Kopf. Hagen sah nur mehr, wie sein Gegner langsam hinter einem schwarzen Nebel verschwand, dann fiel er bewusstlos zur Erde.
Als er wieder zu sich kam, waren Waltar und Hildegund verschwunden. Sein Trupp bestand nicht mehr. Er lag zwar benommen und mit Kopfschmerzen, aber bis auf eine große Beule an der Schläfe unverletzt, inmitten von fünf Leichen. Damit wurde die Sache aber für Hagen persönlich. Waltar hatte ihm ‚seine‘ Rotte erschlagen! Zornig konnte der junge Mann immer schon werden, aber nun packte ihn die schiere Wut. Er bestieg sein Pferd und galoppierte den beiden Fliehenden hinterher. Am Ende des Tages holte er sie neuerlich ein. Waltar, in der Meinung seinen Verfolger abgeschüttelt zu haben, hatte ein Lager errichtet und war dabei, die Keule eines Ebers herzurichten, um sie über dem Feuer zu braten.
Hagen war von seinem Pferd abgestiegen und pirschte sich an. Hildegund bemerkte ihn als erste und schrie entsetzt auf, um ihren Liebsten zu warnen. Da sprang Hagen aus der Deckung hervor und lief, brüllend wie ein wildes Tier, die letzten Schritte auf Waltar zu. Dieser, unbewaffnet, wusste sich nicht anders zu wehren, als reflexartig die Wildschweinkeule zu packen und sie ihm ins Gesicht zu schmettern. Diesmal sah Hagen keinen schwarzen Nebel, sondern sein rechtes Gesichtsfeld explodierte buchstäblich in unsäglichem Schmerz. Dann versank er in absoluter Dunkelheit.
Die ganze Nacht lag Hagen bewusstlos dort, wo ihn Waltars Schlag niedergestreckt hatte. Erst als der Morgen graute, kam er wieder zu sich. Ihn fröstelte und sein Kopf pulsierte in wahnsinniger Pein. Er öffnete die Augen und sofort durchzuckte ihn ein zusätzlicher Schmerz, als ob jemand ihm ein Messer durchs rechte Auge ins Gehirn stoßen und dort umrühren würde. Panik erfasste ihn! Er tastete seinen Kopf ab – die rechte Gesichtshälfte war zu Brei geschlagen. Durch verkrustetes Blut griff er in eine große klaffende Wunde, welche sich von der Stirn über das rechte Auge zu seiner Wange zog. Die Lippe war weit eingerissen und er hatte rasende Schmerzen im Kiefer, der zweifellos gebrochen war. Im Mund hatte er das Gefühl, als würden dort Steine liegen – es waren jedoch nur sechs ausgeschlagene Backenzähne, die er jetzt langsam und vorsichtig ausspuckte. Am meisten aber irritierte ihn sein Auge. Er hatte erwartet, dass es zugeschwollen wäre, aber im Gegenteil – die Augenhöhle war leer. Hagen hatte sein rechtes Auge verloren!
Nun war ihm die Lust auf eine weitere Verfolgung von Waltar und Hildegund vergangen. Er suchte sein Pferd, saß mühsam auf und machte sich auf den Heimweg nach Susat. Am ersten Tag musste er sich viele Male übergeben, denn sein Kopf dröhnte und pochte wie wild. Diese Kopfschmerzen und das Schaukeln auf dem Rücken seines Pferdes erregten eine furchtbare Übelkeit in ihm. Er versuchte daher, ob es im Gehen leichter sein würde. Aber die Beine knickten ihm ein, sodass er wieder aufsaß und den Brechreiz in Kauf nahm. Am schlimmsten waren allerdings die Brechattacken, da er dabei den Mund aufmachen musste, was ihm extreme Schmerzen im gebrochenen Kiefer verursachte.
Die Blutung aus der Wunde quer über sein Gesicht, war zwar nach dem Zustand seiner Kleidung und seines Lagers auf dem Waldboden offenbar heftig gewesen. Aber schon am Morgen, als er das Bewusstsein wiedererlangt hatte, war sie zum Stillstand gekommen. Was ihn aber während des Heimrittes mächtig irritierte, war ein seltsamer Fluss aus der Nase. Es rann ununterbrochen zunächst reichlich Blut, dann aber nur mehr eine gelbliche Flüssigkeit aus dem rechten Nasenloch. Als er sich daraufhin schnäuzte, flatterten die Lider der leeren Augenhöhle im Luftstrom, begleitet von einem unmittelbar einsetzenden Schmerz hinter seiner Stirn. Das kam derart unerwartet und war ihm so unerklärlich, dass er dieses unheimliche Vorkommnis nicht noch einmal erleben wollte und es künftig unterließ, sich die Nase zu putzen und den Fluss daraus ignorierte.
So saß er bald nur mehr dahindämmernd auf seinem Pferd, hoffend, dass dieses den Heimweg allein finden würde. Als das Ross in Susat im Hof der Burg schließlich stehen blieb, merkte Hagen gerade noch, wie er hoch fiebernd seitlich vom Pferd fiel, dem ihn empfangenden Stallknecht in die Arme. Dann umfing ihn gnädige Bewusstlosigkeit.
Fast einen ganzen Mond lang lag er auf seinem Lager und war kaum ansprechbar. Wenn er manchmal das Bewusstsein für kurze Zeit erlangte, litt er immer unter rasenden Kopfschmerzen, erbrach zwei oder drei Mal und versank bald darauf wieder in einen Dämmerzustand. Der Wundarzt des Königs hatte die entstellende Platzwunde über seiner rechten Gesichtshälfte versorgt und die leere Augenhöhle verschlossen. Dem König berichtete er, dass Hagen zeit seines Lebens entstellt bleiben würde, vorausgesetzt er überlebte das Wundfieber, das ihn gepackt hatte. Und dieses wäre, aufgrund der Schwere sowohl der Verletzung als auch des Fiebers, äußerst fraglich. Das einzig Gute, das er zu berichten wusste, war, dass der gebrochene Kiefer bis zu seiner möglichen, wenn auch unwahrscheinlichen Genesung wieder geheilt sein würde. Frau Ercha, die Königin, kümmerte sich aufopfernd um ihn. Sie stellte ihre besten Zofen zu seiner Pflege ab und saß sogar selbst das eine oder andere Mal an seinem Lager, um die fiebernde Stirn des jungen Mannes mit feuchten Tüchern zu kühlen.
Nach und nach wurde absehbar, dass Hel ihn nicht empfangen würde. Als ein Mond durchs Land gegangen war, konnte Hagen das Bett das erste Mal verlassen. Schwach und abgemagert wurde er von zwei Zofen mehr getragen, als selbst einen Fuß vor den anderen setzen zu können. Die Wunden und der gebrochene Kiefer verheilten, aber eine schreckliche Narbe verunstaltete seine rechte Gesichtshälfte. Viel mehr machte dem jungen Recken aber der Verlust seines rechten Auges zu schaffen, denn es war ein arger Nachteil beim Kämpfen nicht erkennen zu können, was von dieser Seite auf ihn zukam. Oft packte ihn sein Zorn über diese Unzulänglichkeit und er musste sich eine neue Kampftechnik antrainieren, um den Mangel auszugleichen. Einer, der ihm mit viel Geduld dabei half, war der Schwager des Königs, Markgraf Rodinger.
Das war aber nicht alles. Frau Ercha war die Erste, der die Veränderung in Hagens Wesen auffiel. Er war stets ungeduldig und aufbrausend gewesen. Aber seit er die verletzungsbedingte Umnachtung hinter sich gelassen hatte, kam es immer wieder zu völlig überraschenden und unangebrachten Zornesausbrüchen, die seine Umgebung das Fürchten lehrte. In Susat munkelte man, das Fieber hätte ihm diese unbändige Wut ins Gemüt gesenkt. Ercha, die um den Frieden ihres Haushaltes bangte, bat Attalo, er möge ihn aus dem Dienst entlassen. So kehrte Hagen, als er seine Kräfte vollkommen wiedererlangt hatte, mit Attalos Segen als junger Krieger nach Vernica zurück.
Dort wurde ihm, nachdem sich der Schreck über sein entstelltes Gesicht gelegt hatte, ein freundlicher Empfang zuteil. Aldrian wollte dem Ziehsohn eine besondere Überraschung anlässlich seiner Rückkehr bereiten. Während Hagens Aufenthaltes in Susat hatte er in einem verfallenen römischen Landgut, Trovia mit Namen, Bauern angesiedelt, die das Gut in Stand setzten und die Felder wieder urbar machten.
Am Tag nach seiner Heimkehr ließ der Häuptling sein und Hagens Pferd satteln, rief nach ihm und lud ihn ein:
„Komm, Hagen, lass uns ausreiten.“
Erstaunt aber freudig überrascht sprang der junge Mann in den Sattel und ritt an der Seite seines Stiefvaters aus der Burg. Es war Sommer und der Tag war jung. Die beiden ritten im Galopp über die Felder an Gunters Meierei vorbei und etwa noch einmal so weit in dieselbe Richtung. Am Rand eines Ackers auf einem Hügelkamm zog der Häuptling die Zügel an und wartete, bis Hagen an seine Seite gekommen war. Vor ihnen lagen eine grüne fruchtbare Senke und in deren Zentrum ein römisches Landhaus, nicht ganz so groß wie Irianiacum, aber weil neu hergerichtet in reinstem Weiß erstrahlend.
„Hagen“, Aldrian ließ die rechte Hand auf die Schulter des Jungen fallen, um die Bedeutung seiner Worte zu unterstreichen, „du kennst dieses Gut aus Kindertagen nur als Ruine. Jetzt ist das Landhaus wiederaufgebaut und ein ertragreicher Hof. Dies ist Trovia und es soll dir gehören! Was sagst du dazu, Hagen von Trovia?“
Der junge Mann riss die Augen auf. Vor lauter Aufregung wusste er gar nicht, was er sagen sollte. Dann wandte er sich direkt dem Häuptling zu.
„Habt heißen Dank für dieses große Geschenk, Herr. Aber lieber als ‚Herr von Trovia‘ wäre mir, ich könnte mich ‚Hagen, Aldrians Sohn‘ nennen.“
Des Häuptlings Miene verfinsterte sich. Er verstand diese Worte Hagens fälschlicherweise als Zurückweisung.
„Du weißt, dass das nicht sein kann“, entgegnete er und wendete seinen Hengst mit einem Schenkeldruck. „Ach übrigens, du musst mit dem Ertrag deines Hofes zum Erhalt von Vernica natürlich beitragen, Herr von Trovia.“ Verärgert gab er dem Pferd die Sporen und galoppierte zurück zur Burg.
Hagen folgte ihm verdrossen und enttäuscht. Es war ihm in seiner Überraschung gar nicht bewusst geworden, was diese Ernennung zum ‚Herrn von Trovia‘ bedeutete. Sein Stiefvater hatte ihn damit in den Kreis der Edlen des Volkes erhoben und den Makel des Bastards von ihm genommen. Und jetzt war Aldrian gekränkt, dass Hagen dies offenbar nicht zu würdigen wusste. Dabei wollte er nur zum Ausdruck bringen, dass ihm die Anerkennung seines Stiefvaters wichtiger war als jeder Titel. So ritten sie beide schweigend nebeneinander nachhause und es war ein Sinnbild der zwischen ihnen herrschenden Gefühle, dass ein Sommergewitter sie völlig durchnässte, bevor sie im Burghof absaßen.
Erst dort fiel Hagen, weil sie exakt an derselben Stelle zu stehen kamen wie damals, wieder der Vorfall ein, als er als Sechsjähriger den Häuptling gefragt hatte, wo ‚Hagens Meierei‘ stünde. Jetzt hatte Aldrian ihm mit Trovia seinen Hof geschenkt und er hatte es nicht zu würdigen gewusst!
Die Jahre darauf wurde Aldrian siech und als Gunter fünfzehn Lenze zählte und der Sommer sich dem Ende zuneigte, verstarb der Häuptling. Als Hel, die Todesgöttin, ihn empfangen und er auf seinem Lager den letzten Atemzug gemacht hatte, begab sich Gunter umgehend in die Halle. Vor der Stufe zum Hochsitz blieb er stehen und schaute hinauf zum Thron, über den noch Aldrians Mantel wie ein Symbol der verwaisten Herrschaft gebreitet war.
„Wenn du dich nicht getraust, den Sitz einzunehmen – soll ich es machen“, stichelte Hagen, der hinter Gunter, ohne dass dieser es bemerkt hatte, in die Halle getreten war.
„Was glaubst du, Hagen, werde ich mich als Häuptling meines Vaters würdig erweisen?“ Gunter war seine Unsicherheit anzumerken.
„Wenn ich dir helfe, kann noch etwas aus dir werden“, ätzte Hagen, um Gunter gleich von vorneherein klar zu machen, wie unverzichtbar er für seine Regentschaft sein würde.
„Aber du entschuldigst mich jetzt, mein zukünftiger Häuptling, wenn ich dich mit deinen Träumen allein lasse. Ich habe ein Thing zu der Schilderhebung vorzubereiten.“ Damit verbeugte er sich in gespielter Unterwürfigkeit und verließ die Halle, mit einem ironischen Lächeln auf den Lippen. Aber unmittelbar hinter dem geschlossenen Tor blieb er stehen. Hagen ahnte etwas und er sah darin eine Gelegenheit, seinen Bruder zu demütigen.
Als Gunter in der Halle allein war, ging er die Stufe hoch und stand einige Augenblicke vor dem Thron. Schließlich warf er sich den Mantel des Häuptlings um, holte tief Luft und setzte sich aufrecht in den Hochsitz.
„Mein geliebtes Volk… nein… ich, euer Häuptling…!“ Mit großartigen Gesten wollte Gunter sein Auftreten als neuer Herrscher üben. In dem Augenblick, in dem er eine theatralische Bewegung mit dem Arm vollführte, stieß Hagen das Tor der Halle wieder auf und stand nun breit grinsend darin. Gunter fror vor Scham in seiner Haltung ein – es war ihm unsagbar peinlich, dass sein Bruder ihn dabei ertappt hatte, wie er übte ‚Häuptling Gunter‘ zu sein. Genau diese Demütigung hatte Hagen bezweckt. Sein Halbbruder sollte sich einer Sache sicher sein: Dass es noch jemanden gibt, der über ihm steht.
„Übernimm dich nicht, kleiner Bruder. Du hast noch ein paar Tage Zeit zu üben, bis das Thing stattfindet.“ Lauthals lachend verließ Hagen endgültig die Halle. Der Gedemütigte sackte im Hochstuhl zusammen. Von ‚Häuptling Gunter‘ war nichts übriggeblieben als ein geschmähtes Häufchen Elend.
Hagen übernahm nun die Aufgabe, das Erhebungsthing zu organisieren. Auf seinem Weg über den Burghof traf er auf den Herrn von Gunters Meierei, den alten Freund und Mitstreiter Aldrians.
„Truchsess!“ Hagen trat dem, mit gebeugtem Haupt einhergehenden Recken in den Weg. „Wollt ihr dem alten Häuptling einen Dienst erweisen und das Amt des Thing-Grafen zu der Schilderhebung seines Nachfolgers übernehmen?“
„Ah, Hagen“, dem Mann war die Trauer um den verstorbenen Weggefährten anzusehen und er wirkte wie aus seinen Erinnerungen in die Gegenwart zurückgeholt. „Es ehrt Euch, dass ihr mich noch ‚Truchsess‘ nennt, aber das bin ich nicht mehr. Die rechte Hand des neuen Häuptlings seid jetzt ihr. Aber eurer Bitte entspreche ich gerne und werde das Amt des Thing-Grafen übernehmen. Wir sehen uns dann auf der Versammlung zum nächsten Vollmond.“ Damit stieg er auf sein Pferd und trottete, mit gebrochener Stimme ein altes Heldenlied zu Ehren seines verstorbenen Freundes Aldrian singend, aus Vernica hinaus.
Seinen ganzen Ehrgeiz legte Hagen in den kommenden Tagen darein, ein Fest auszurichten, von dem man noch lange reden würde. Er sandte Boten über das Land, welche zur Schilderhebung rufen sollten, und ließ den Thingplatz vorbereiten. Dieser lag auf Scaevolas Heide nach Sonnenaufgang von Tolbiacum. Der flache Hügel bot eine gute Fernsicht die Römerstraße entlang und gegen Mittag in das bewaldete Hügelland. Dies wussten auch die Römer zu schätzen und hatten auf seiner höchsten Stelle einen hölzernen Wachtturm gebaut. Derselbe war aber schon völlig zerfallen und den Einheimischen ohnehin ein Dorn im Auge. Hagen gab den Befehl, die Reste des Turmes gänzlich abzutragen und als Brennmaterial für die Lagerfeuer des Things zu verwenden.
Dadurch kam die alte, große Linde auf dem Hügel im Zentrum des Heidefeldes wieder zur Geltung. Der Thingstein unter ihr wurde von den Goden sorgfältig vom Vogelmist gereinigt mit Wein und Milch besprengt und gesegnet und das ganze Areal mit heiligen Haselruten eingezäunt. An die umliegenden Gutshöfe erging der Befehl, die Verpflegung für die Thingmänner bereitzustellen. Dazu wurden die Geldtruhen Vernicas geöffnet und die Höfe für ihre Dienste entschädigt.
Beim nächsten Vollmond versammelten sich alle Edlen und freien Männer des Reiches zu dem gebotenen Thing auf Scaevolas Heide.
Nachdem die Goden die notwendigen Segenssprüche und Dankopfer dargebracht hatten, kletterte der Thing-Graf auf den Stein unter der Linde. Er winkte Gunter heran und deutete ihm, sich neben ihn zu stellen. Nächst dem alten Kämpen wirkte jener so zart wie ein kleines Birkenbäumchen im Schatten einer uralten Eiche.
„Niflungen! Ethelinge und Leudes!“ Der Ruf aus seiner breiten Brust hatte keine Mühe, sich bei allen Gehör zu verschaffen. „Wir sind hier zusammengekommen, um als freie Männer unseren Anführer zu wählen. Gunter, Aldrians Sohn, der Erbe dessen, der zu den Ahnen gegangen ist, hat als erster Anspruch darauf, wie es bei uns gute Sitte ist. Aber es ist ebenso Brauch, dass das Thing berechtigt ist, ihm die Gefolgschaft zu versagen, wenn es gewichtige Gründe dafür gibt. Bedenkt wohl, denn es ist die letzte Gelegenheit dazu.
Wenn ihr ihn auf den Schild gehoben habt, dann seid ihr ihm bis zum Ende zur Treue verpflichtet. Ihr habt einen Tag Zeit das Für und Wider abzuwägen. Heute könnt ihr mit freier Zunge sprechen, während Wein, Met und Bier euch dieselben lockern und ihr euch die Bäuche füllt. Keinem soll aus seiner Rede ein Nachteil erwachsen. Jeder kann noch seine Meinung kundtun oder auch ändern. Morgen aber, wenn die Sonne im Zenit steht und ihr wieder nüchtern seid, wird die Wahl stattfinden. Und wie immer sie ausgeht – wir alle sind daran gebunden!“
Lauter Jubel und das Dröhnen von auf die Schilde geschlagenen Schwertern bedankten den Alten für seine Worte. Dann begann das eintägige Gelage, mit dem das Erhebungsthing eingeleitet wurde. Die Männer lagerten auf der Heide, dort wo es ihnen gut schien. An mehreren Stellen waren große Zeltplanen gespannt, für den Fall, dass es die Götter des Regens und des Windes nicht gut mit der Versammlung meinen würden. Zum Glück wurden diese aber nicht benötigt.
Über der Glut der Kochfeuer drehten sich die riesigen Spieße mit den Ochsenhälften schon seit den frühen Morgenstunden. Auch manches Schwein oder Huhn und manche Gans hatten ihr Leben lassen müssen. Daneben wurden Körbe mit Äpfeln, Hasel- und Walnüssen gereicht. Hagen hatte sogar aus der Gegend von Treviri rhinaufwärts an der Mosella Trauben und von weiter gegen Mittag aus Germania prima nahe dem Land der Alamannen Maronen bringen lassen. Allerlei Gemüse wie Zwiebeln, Rüben und Kohl wurden gedünstet und mit einer Vielzahl von Kräutern zu schmackhaften Beilagen verarbeitet. Käselaibe sowie Schalen mit geronnener Milch standen auf jedem Tisch, daneben Körbe mit Fladen von duftendem Brot. Zwischen den Feuern waren die Fässer mit den Getränken aufgestellt, denn ein durstiger Mann redet nicht gerne. Alle ergingen sich in Debatten zur Wahl, erst ernsthaft und sachlich, dann mit zunehmend durch Bier, Wein und Met gelösten Zungen lautstark und hemmungslos. Das Gelage dauerte bis spät in die Nacht. Als die Kochstellen nicht mehr gebraucht wurden, entzündete man an den Holzkohlen wieder große Lagerfeuer, welche die Männer wärmten, bis auch diese Feuer niedergebrannt waren. Nach und nach wurden dann aber allen die Lider schwer und einer nach dem anderen legte sich schlafen.
Am nächsten Morgen, als sich die Nebel über der Heide langsam hoben, schälten sich die Schläfer aus ihren Decken. Mancher versuchte, die steifen Glieder wieder an die alte Beweglichkeit zu erinnern. Wer Hunger hatte, konnte sich an den Resten des Mahles vom Tag zuvor laben, dazu gab es aber diesmal nur Wasser aus den Krügen. Die darüber streng wachenden Ältesten der Edlen gingen durch die Menge und fingen die Stimmung ein. Sodann trafen sie sich mit dem Truchsess unter der Linde.
„Wir haben keinen gewichtigen Grund gehört, warum Aldrians Blutlinie auf dem Thron nicht fortgeführt werden soll.“ „Gunter ist wohl noch jung, aber es wurden auch schon jüngere Knaben auf den Schild gehoben.“ „Er wird in seine Würde allemal hineinwachsen“, waren die Meldungen, die dem Thing-Grafen zu Ohren gebracht wurden.
„So sei es denn.“ Der Truchsess erklomm, wie am Vortag, den Thingstein.
„Niflungen“, tönte er. „Ihr habt als Freie unter Freien den Ältesten keinen triftigen Grund genannt, der gegen Gunter als unseren neuen Häuptling spräche. Aber noch einmal frage ich euch alle, damit keine Stimme womöglich überhört worden sei: Gibt es einen unter euch, der Gewichtiges gegen Gunters Erhebung vorzubringen hätte! Nein? Dann geschehe es, wie angekündigt!“
Der Truchsess ließ sich die Insignien reichen und setzte zuerst Gunter den Stirnreif aufs Haupt.
„Möge das Gold dieses Reifens dich an die Spitze deines Volkes erheben und das Gewicht desselben an die Verantwortung gemahnen, die du nun trägst! Reiche mir die Hand deines Herzens.“
Gunter streckte ihm seine linke Hand entgegen und der alte Truchsess steckte ihm den Siegelring an den Zeigefinger.
„Der Ring soll zeigen, wer du bist und wer die Macht hat Recht zu sprechen in diesem Land!“
Zuletzt drückte er ihm den Wurfspeer in die rechte Hand.
„Und mit der Waffe in der Hand verteidige dein Land und Volk! Ich als der Thing-Graf erhebe dich, Gunter, Aldrians Sohn, zum Oberhaupt unseres Volkes. Heil Gunter! Hebt ihn, den neuen Häuptling, auf den Schild und leistet ihm den Eid der Treue!“
Erneut begleitete tosendes Dröhnen aufeinandergeschlagener Waffen die Worte des Zeremonienmeisters. Vier Männer, einer davon Hagen, hoben einen großen Schild empor, dass Gunter direkt von dem Thingstein auf diesen steigen konnte. Auf der Runde um die Linde, mit der der frisch gekürte Häuptling dem Thingvolk gezeigt wurde, rutschte Hagen, war es Zufall oder Absicht, die Hand vom Schildrand ab, worauf derselbe etwas kippte. Beinahe wäre Gunter vom Schild gefallen. Das hätten alle mit Sicherheit als böses Omen gedeutet. Blitzartig griff Hagen nach seines Bruders Hand und gab ihm damit den nötigen Halt wieder. Ein kurzer Blick von ihm hinauf zu Gunter, bedeutete diesem: Gib gut acht, ich kann dich stürzen oder stützen, ganz wie es mir beliebt.
Mit dieser Zeremonie folgte Gunter, Aldrians Sohn, seinem Vater auf dem Thron des Stammesführers nach und regierte von da an über Niflunga.
Das Gastmahl zu Bern
Es war früh im Jahreskreis und die Sonne hatte eben erst die letzten Flecken Schnee aus den schattigen Niederungen schmelzen lassen, als ein Bote in die Burg Vernica kam. Rasch begaben sich der Häuptling und sein Truchsess in die Halle, um zu hören, welche Nachricht jener bringen sollte.
Gunter hatte im Hochstuhl Platz genommen und Hagen stand, wie er es sich angewöhnt hatte, zur rechten Hand hinter ihm. Der Bote, von den Wachen eingelassen, trat an den Thron und grüßte ehrerbietig:
„Heil, König Gunter und auch Euch, Hagen von Trovia, entbiete ich den Gruß meines Herrn. Euer Nachbar, König Didrik von Aumlunga, der in Verona residiert, welches wir Bern nennen und den man deshalb auch ‚den Berner‘ nennt, sendet Euch diese Nachricht: Er lädt König Gunter und Hagen von Trovia zu sich, um mit Euch und anderen Gefährten zum Einzug des Frühlings ein großes Fest zu feiern. Dazu bittet er Euch, die Reise zu ihm nicht zu scheuen und zum nächsten Vollmond nach Bern zu kommen.“
Gunter warf einen erfreuten Seitenblick auf Hagen und antwortete:
„Berichtet eurem Herrn, König Didrik, dass wir ihm aufrichtig für die Einladung danken und den Tag unserer Zusammenkunft mit Ungeduld herbeisehnen. Euch selbst sei gedankt für die Übermittlung dieser guten Botschaft. Ihr werdet heute Gast in unserer Burg sein. Esst und trinkt, so viel ihr wollt. Ihr sollt ein bequemes Lager für die Nacht erhalten und morgen meine Antwort nach Bern überbringen.“ Damit entließ er den Boten.
„Das nenne ich eine freudige Nachricht“. Gunter sprang auf, als das Tor der Halle sich hinter dem Kurier geschlossen hatte. „Es ist schon so lange her, dass wir Didrik gesehen haben. Als wir ihn zuletzt trafen, war er noch nicht einmal mannbar, geschweige denn … König. Nennt er sich jetzt tatsächlich König? Oder habe ich mich da verhört?“
„Nein, du hast dich nicht verhört und er hat auch dich König genannt! Soll zuletzt weit verbreitet sein, dass sich die Häuptlinge neuerdings mit ‚König‘ anreden lassen. Aber an die Art, wie man sich standesgemäß unterhalten und Nachrichten zukommen lassen muss, werde ich mich nicht gewöhnen. Früher haben wir uns zugerufen »Komm, reiten wir aus« und jetzt sitzt er auf einem erhöhten Stuhl und es heißt »Er bittet euch, die Reise zu ihm nicht zu scheuen«. Warum können Männer, wenn sie eine gehobene Position eingenommen haben, nicht mehr normal reden“, knurrte Hagen.
„Vielleicht sollte ich mich ab nun auch König rufen lassen, wenn mich Didrik schon so bezeichnet.“ Gunter schien durchaus Gefallen an der bedeutsameren Titulierung zu finden.
„Didrik war immer schon ein wenig überheblich. Sein krankhafter Ehrgeiz niemanden über sich zu dulden, dürfte ihn zu dieser Beförderung seiner selbst verleitet haben“. Hagen konnte sich den sarkastischen Unterton nicht verkneifen.
„Da hast du Recht, aber ich mag ihn dennoch. Wenn er König sein will, wollen wir uns auf die Reise machen und unseren Nachbarn ‚den König‘ besuchen.“
„Ich habe auch nichts gegen diese Fahrt einzuwenden“, gestand Hagen. „Der Winter war lang und finster. Es wird uns guttun, unsere Knochen bei einem schönen Ritt und einem Fest mit Freunden auszulüften.“
Als sie sich auf den Weg machten, schien die Sonne bereits mit der Kraft des Frühlings von einem strahlend blauen Himmel. Da es zwar ein offizieller Besuch, aber einer unter Freunden war, ritten Gunter und Hagen nur mit je einem Diener und einem Waffenknecht, denn die Zeiten waren ausnahmsweise einmal eher ruhig. Sie alle genossen die Schönheit und Kraft der sich vor ihnen entfaltenden Natur und waren guter Laune; sogar Hagen, der für derlei Eindrücke sonst weniger empfänglich war. Gunter nutzte dies aus.
„Hagen, kannst du mir etwas über die Herkunft Didriks erzählen. Wir haben uns zwar schon über die Jahre öfter gesehen und miteinander gespielt und gerungen. Aber wir waren Kinder, da interessiert man sich nicht dafür woher der Spielgefährte kommt. Als Häuptling sollte ich aber, wie ich finde, um die Verhältnisse im Nachbarreich Bescheid wissen. Was weißt du über Didriks Sippe und sein Land?“
„Ein löblicher Vorsatz – aber vergiss nicht, dass du durch Didriks Gnaden jetzt zum König aufgerückt bist.“ Für Hagens Sarkasmus war des Berners Neigung zur Großspurigkeit ein ständiger Quell für ätzende Bemerkungen. Aber es freute ihn, dass sein jüngerer Halbbruder es anerkannte, dass er, der Bastard, den größeren Weitblick hatte. Nicht zuletzt, weil Hagen durch die Unterweisung am Hofe Attalos seinen Horizont stärker erweitern hatte können, als der Häuptlingssohn, der kaum aus Vernica herausgekommen war.
„Die Sippe Didriks sind die Aumlungen. Du solltest sie nicht mit der Ostgotensippe der Amaler, die auch Amelungen genannt werden, verwechseln. Deren augenblicklicher König heißt interessanterweise auch Theoderich, was nur eine andere Form der Aussprache von Didrik ist. Aber die Gelegenheit für peinliche Verwechslungen wirst du nicht haben, denn Didrik kennst du und Theoderich wirst du vermutlich nie kennen lernen – es sei denn, du reist nach Italia. Dort verwaltet er in Ravenna für den Kaiser in Konstantinopel das, was vom weströmischen Reich noch übriggeblieben ist.
Didriks Vater war Thetmar und sein Großvater Samson – beides gewaltige Recken ihrer Zeit. Samson stammte aus Hespanga und war, fast gleichzeitig wie unser Vater Aldrian nach Sonnenaufgang gezogen, um neues Land zu erobern.“ Hagen war es mittlerweile, trotz der seinerzeitigen ausdrücklichen Ablehnung durch den Stiefvater, zur Gewohnheit geworden, sich als ‚Aldrians Sohn‘ zu bezeichnen, selbst gegenüber seiner Verwandtschaft, die ja wohl wusste, dass dies nicht der Wahrheit entsprach.
„Thetmar, Didriks Vater, hatte Bern und Aumlunga geerbt und sein Vaterbruder Ermenrik schließlich Treviri, die Kaiserstadt an der Mosella, die sie auch das zweite Rom nennen. Auch deren Umland eroberte er.
Didrik selbst brauche ich dir nicht vorzustellen. Auch seinen Ehrgeiz, niemanden über sich zu dulden, kennst du. Aber einen hast du bisher kaum wahrgenommen, denn er hält sich immer bescheiden im Hintergrund: Seinen Waffenmeister Hillebrand, den er wie einen Vater liebt.“
„Doch“, entgegnete ihm Gunter, „den kenne ich. Er hat blondgelocktes Haar und ebensolchen Bart und ist von kräftiger Statur. Aber wie du sagst, er steht zurückhaltend hinter Didrik und tut sich nie hervor.“
„Ja, das ist Hillebrand. Und Bescheidenheit ist eine seiner größten Tugenden. Geboren als Sohn des Grafen Ragbald von Venedi ging er im Alter von dreißig Jahren nach Bern, um Didriks Vater Thetmar zu dienen. Didrik, damals sechs Lenze alt, schloss ihn sofort ins Herz und so wurde Hillebrand sein Lehr- und als er mit zwölf Jahren mannbar wurde, sein Waffenmeister. Im Grunde ist er ein sanftmütiger Mann, aber wenn es zum Kampf kommt, nahezu unbezwingbar. Zusätzlich zeichnet ihn ein hoher Sinn für Gerechtigkeit und ein großes Verhandlungsgeschick aus. Und er ist ehrlich und aufrichtig bis zur Unbequemlichkeit. Wenn man einen Mann einen ‚Freund‘ nennen kann, dann ist Hillebrand ein solcher für den Berner. Und jeder sollte Didrik darum beneiden!“
Mit derlei Gesprächen vertrieben sie sich die Zeit bis sie nach Bern kamen. Unter großen Freudenrufen wurden sie dort von Didrik empfangen und der Gastgeber machte seine Gäste untereinander bekannt.
Außer den Niflungen-Brüdern, Gunter und Hagen, hatte Didrik noch zahlreiche andere Gefährten eingeladen, welche er seit seiner Mannbarwerdung, vier Jahre zuvor, als Freunde oder Vasallen gewonnen hatte. Einer dieser Gefährten war Heim, der Suebe. Ein kleiner, vierschrötiger und streitsüchtiger Bursche mit einem jähzornigen Charakter, dessen größte Lust es war, sich im Zweikampf zu messen. Er hatte mehrere Zöpfe in seinen Bart geflochten und ebenso wie seine Haare, welche er nach alter, fast aus der Mode gekommener Suebenart am rechten Scheitel geknotet trug, war dieser von rotblonder Farbe. Seine lebhaften Augen suchten immer die Umgebung ab, ob es etwas zu erleben gäbe. Heims Vater bewirtschaftete ein Waldgestüt in Svava und zog dort die edelsten Pferde, die weit und breit zu haben waren. Eines dieser Rosse gehörte Heim selbst und wurde ‚Rispa‘ gerufen. Und er besaß ein berühmtes Schwert, welches ‚Blutgang‘ hieß. Mit diesem grimmigen Namen machte es dem Beinamen seines Trägers alle Ehre, denn der vierschrötige Suebe wurde auch ‚der Grimme‘ genannt.
Als Heim siebzehn Lenze zählte, hörte er von Didrik, der soeben mannbar geworden war und dessen Ruf damals schon begann über die Lande zu dringen. Er teilte seinem Vater mit, dass er sich mit Didrik messen wolle, und ritt nach Bern. Der Zweikampf ging zu Didriks Gunsten aus und Heim musste ihm den Treueeid schwören. Er war der erste Vasall des Berners. Nachdem er ihm den Schwur geleistet hatte, schenkte Heim König Didrik das Ross ‚Falke‘. Es war der Bruder Rispas und wurde Didriks Ross für viele Jahre.
Noch zahlreiche andere Helden aus dieser Zeit, die sich einen Namen gemacht hatten, waren eingetroffen: Graf Hornboge und sein Sohn Amlung, Sintram und Fasold, Detzlef der Däne und Wildefer.
Ein Recke namens Wideke befand sich ebenfalls unter den Gesellen. Er war der Sohn des weithin berühmten Schmieds Weland. Von seinem Vater hatte er das Schwert ‚Mimung‘ erhalten. Dieser hatte von dessen Lehrmeister Mime eine geheime Technik gelernt, wie man besonders scharfe Klingen schmieden konnte. Und Weland hatte diese Kunst nochmals verbessert. So gab es keine zweite Waffe, wie dieses, denn sie durchdrang jede Brünne, spaltete jeden Helm und machte jeden Schild zu Kleinholz.
Didrik war mächtig stolz auf diese hochkarätige Kampfgemeinschaft. Der Tag der Ankunft der Männer verging wie im Flug mit Geschichten und Gelächter und manche Freundschaft wurde besiegelt. Als die Sonne sich dem Horizont näherte, klatschte Didrik in die Hände:
„Freunde! Auf in die Halle! Was die Keller und Vorratskammern von Bern hergeben, wird heute aufgetragen. Esst und trinkt, so viel ihr wollt und könnt. Aber wenn euer Bauch zu platzen droht und ihr Raum für mehr schaffen wollt, dann tut das bitte nicht in der Halle, sondern übergebt euch hinter dem Haus. Jetzt kommt und lasst uns feiern!“
Tatsächlich hatte der junge König nicht übertrieben und die Tische bogen sich unter dem Gewicht der vollen Schüsseln, Platten und Krüge, die auf ihnen standen. Es war offensichtlich ein Ausdruck seiner Großspurigkeit, dass man mit der Menge drei- oder sogar fünfmal so viele Menschen mehr als satt bekommen hätte. Niemals könnten die Anwesenden das alles allein bewältigen. Die Sklaven und Diener würden am späteren Abend ebenfalls zu einem üppigen Festschmaus kommen, wenn sie die Reste abservierten.
Als sie schon eine Weile zusammengesessen und sich an Speis und Trank reichlich gelabt hatten, ließ sich Didrik eine große Trinkschale gefüllt mit dem besten Wein, den seine Burg hergab, bringen. Die Schale in der Hand stand er auf und rief:
„Freunde! Ich trinke auf euch und diese meine Kämpferschar. Auf dass der Friede in unserer Gemeinschaft immer währt.“
Daraufhin erhoben sie sich alle. Didrik nahm einen Schluck und reichte das Gefäß weiter an Hillebrand. Auch der nahm einen kräftigen Zug, nachdem er mit dem Ruf
„Auf Heil und Frieden!“, die Schale zum Gruß hebend, der Runde seine Ehrenbezeichnung erwiesen hatte. Das Schwurtrinken setzte sich fort, bis der letzte der Gemeinschaft eingeschworen und der Kelch wieder beim Berner gelandet war. Alle Anwesenden waren sich der Größe des Augenblickes bewusst – als eine im wahrsten Sinn des Wortes verschworene Schar, war ab nun jeder dem anderen auf Leben und Tod verpflichtet.
Didrik, dem der Wein schon etwas zu Kopf gestiegen war, setzte das Loblied auf sich selbst, nachdem die Trinkschale die Runde gegangen war, fort:
„Wir sind wohl die weithin einzige unbesiegbare Kampfgemeinschaft, von der ich weiß. Ich denke, keiner, der nur ein bisschen Verstand hat, würde es wagen, uns zum Kampf zu fordern.“ Beifälliges Murmeln von den jungen Männern vergewisserte ihn des Umstandes, dass sie das ebenso einschätzten.
Jetzt sah sich Hillebrand aber doch in der Pflicht, das hochfliegende Eigenlob seines Königs etwas zu bremsen:
„Ich weiß von einem Häuptling, Isung mit Namen, der wohnt viele Tagesreisen nach Mitternacht in einem Land, welches Bertanga genannt wird. Dieser hat elf Söhne und sie sind noch nie besiegt worden. Seit einigen Monden wird Isungs Kampfgemeinschaft noch verstärkt durch einen nahezu unbesiegbaren Helden, der Sigfrid heißt. Es geht das Gerücht, er habe einen Drachen getötet und sei unverwundbar. Der ist jetzt deren Bannerträger. Du siehst, mein König, es gibt deiner durchaus ebenbürtige Heldenrunden und es mindert nicht deine Ehre dies anzuerkennen.“
Didrik gefiel diese Art der Zurechtweisung gar nicht. Während er jedoch noch überlegte, wie er Hillebrand auf die Ungebührlichkeit seiner Wortwahl hinweisen sollte, ohne es dem Älteren gegenüber an Respekt fehlen zu lassen, hob Heim der Suebe den Kopf aus seinem Bierhumpen und murrte, mit auch schon recht schwerer Zunge:
„Isung und seine Söhne kenne ich nicht, aber Sigfrid ist mir vor Jahren über den Weg gelaufen. Eine gereizte Viper war ein Kinderspielzeug gegen diesen Knaben. Dabei war er damals gerade in dem Alter, in dem unsereins mannbar wird.“
„Du willst doch nicht sagen, dass du dich vor einem Knaben gefürchtet hast“, neckte ihn Wideke.
Ohne die Frage zu beantworten redete der Grimme in seinen Bierkrug starrend weiter, wie um etwas loszuwerden:
„Ich lebte damals, das ist schon einige Winter her, auf dem Gestüt Seegard meiner Base Brunhild. Sie ist die Tochter des ehemaligen Häuptlings von Svava, und mein Vater war nach dem Tod ihrer Eltern als ihr Mutterbruder ihr Vormund. Ihre Leidenschaft ist die Pferdezucht und die Tiere aus Seegard sind weit über die Grenzen ihres Landes berühmt. Ich reite selbst ein Pferd aus diesem Gestüt und König Didrik auch.“
Heim nahm einen Schluck aus seinem Krug und fuhr fort:
„Eines Tages kam wie aus dem Nichts ein Knabe vor die Tore des Hofes. Er machte einen fast lächerlichen Eindruck, denn er trug ein Kettenhemd, das ihm noch deutlich zu groß war. Es war ihm auch sichtlich warm von der Schlepperei und mit knallrotem Kopf und verschwitztem Haar begehrte er eher unwirsch Einlass und wollte die Herrin sprechen. Die Torwachen, zugegeben nur dazu eingesetzte Stallknechte und keine Kämpen, erheiterten sich über den komischen Knaben und gaben ihm den Rat, er solle sich davonmachen. Während noch der eine mit dem anderen über den Burschen lachte, verfinsterte sich dessen Miene und er wurde noch röter, als er schon war. Und plötzlich legte er los in einer derartigen Raserei, dass die beiden Wachen zwar noch einen Warnruf ausstoßen konnten, aber zu einer effektiven Gegenwehr gar nicht mehr kamen. Zuerst stieß er dem einen mit der Schildkante gegen die Gurgel. Um den zweiten lief er herum und hieb ihm mit der Spatha von hinten auf die Unterschenkel, sodass dieser, seiner Sehnen beraubt, vor ihm auf die Knie fiel. Abermals vor dem ersten angelangt rammte er ihm, welcher sich röchelnd den Hals hielt, die Schwertspitze in den Mund, dass sie zum Nacken wieder hinausfuhr. Noch während der Körper leblos zusammensackte, setzte er den Fuß auf dessen Brust und zog das Schwert heraus. Die Zähne des Unglückseligen erzeugten auf der Klinge ein weithin hörbares hässliches Kreischen. Zuletzt flog die Schneide dem auf den Knien liegenden Wächter an den Hals, dass sein Geschrei augenblicklich verstummte, als der Kopf fast abgetrennt zur Seite kippte.
Durch den Lärm alarmiert kamen weitere fünf Knechte gelaufen. Aber als der tobende Eindringling den Hof durchschritten hatte, stand keiner mehr von ihnen. In diesem Moment trat die junge Herrin aus dem Haus, aufrecht und furchtlos, wie sie sich auch den Hengsten gegenüber immer zeigte. Sie fragte ihn nach seinem Begehr und wisst ihr, was der Knabe antwortete…?“ Hier machte Heim eine Kunstpause – er tat dies gerne, um die Zuhörerschaft neuerlich in seinen Bann zu ziehen. Das aber war bei dieser Geschichte nicht notwendig, denn die ganze Tafelrunde hing dem Sueben voll Interesse und Aufmerksamkeit an den Lippen.
„»Ich bin Sigfrid, Mimes Sohn, und hole das Pferd Grane, das mein Vater mir versprach«, sagte er! Ein Pferd! Sieben zumindest kampfunfähige Männer für einen Gaul! Er hätte ja auch ein zweites Mal fragen können. Aber nein, lieber schlägt er sieben zur Hel, als noch einmal den Mund aufzutun.“ Nach einem neuerlichen Schluck aus dem Krug fuhr Heim fort:
„Brunhild entgegnete ihm: »Wenn du den Hengst Grane fangen kannst, gehört er dir«. Dieser war nämlich unter den Pferden ein ebensolcher Tollkopf wie Sigfrid. Sie rief mich und befahl mir, das Tier in die Koppel zu führen. Das war leichter gesagt als getan; Grane ließ sich nicht führen, geschweige denn reiten. So trieben wir zu sechst das Ross in den Pferch. Dann kam der Junge hinzu, der zwischenzeitlich ruhig und fast freundschaftlich mit der Herrin geredet hatte. Er setzte sich auf die Umzäunung und sah das Tier nur an. Zunächst tänzelte Grane nervös, beruhigte sich aber zusehends. Nur seine Ohren bewegten sich in alle Richtungen. Der Junge stieg sodann in die Koppel und ging, ständig leise murmelnd, langsam auf das Tier zu. Wieder schnaubte Grane angespannt und begann neuerlich zu tänzeln, aber da war Sigfrid schon bei ihm und legte behutsam dem Hengst die Hand auf die Nüstern. Immer noch beruhigend auf ihn einredend streichelte er ihm den Kopf, kraulte ihm die Mähne und tätschelte dem Tier Hals und Flanken. Alsdann legte er seine Hand auf Granes Widerrist und begann vorwärtszugehen und … das Pferd ging mit ihm! Was soll ich euch sagen, Gefährten? Es dauerte kaum länger, als ich euch davon erzählt habe, und der Knabe saß auf dem Rücken des Rosses, das niemand jemals geritten hatte. Und das ohne Zaumzeug und Sattel. Das machte sogar in Seegard Eindruck und die verstehen dort etwas von Pferden!“
„Nach dieser Darbietung ritt er fort“, ergänzte Heim seine Schilderung, „aber er kam noch oft vorbei, denn er und Brunhild wurden gute Freunde. Sie erzählte mir eines Tages auch die Geschichte seiner Abstammung und was ihn an diesem Tag nach Seegard geführt hatte.“
„Erzähl sie uns“ – „Los mach den Mund auf“ – „Lass dich nicht so lange bitten“; alle waren gespannt auf die Fortführung der Schilderung Heims.
Sigfrids Jugend
So öffnete Heim kurz seinen Haarknoten, der bereits in Auflösung begriffen war. Mit geübter Hand wand er einen Neuen, nach der kaum noch gepflegten Tradition der Sueben, aus seinen langen roten Haaren. Dann begann er zu reden, nachdem er sich der Wirkung dieser Pause, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, versichert hatte:
„Die Geschichte ist nicht weit verbreitet“, sagte er, „denn sie ist von einer gewissen Peinlichkeit für Sigmund, den Häuptling von Tarlunga. Sigfrids Eltern waren eben jener besagte Sigmund und seine Gemahlin Sisibe. Sisibe war die Tochter des fränkischen Häuptlings Nidung von Hespanga, Richtung Sonnenuntergang von Niflunga“, sagte er und blickte dabei kurz in die Richtung, wo Gunter und Hagen saßen und, wie alle anderen auch, in gespannter Aufmerksamkeit Heims Bericht folgten. Diese nickten bestätigend; Sisibes Bruder, Ortwangeris, der jetzige Häuptling von Hespanga und ihr Nachbar, war ihnen gut bekannt.
„Kurz nach dem Brautlauf“, fuhr Heim, diesmal ohne Pause fort, „bei der Sigmund einen Teil von Hespanga als Sisibes Mitgift erhielt, wurde der frisch vermählte Häuptling zum Kriegsbeistand gebeten. So musste er die junge Frau auf seiner Burg für lange Zeit zurücklassen. Er empfahl sie der Obhut zweier ihm ergebener Grafen, Hartwin und Hermen.
Aber als Sigmund in den Krieg gezogen war, begann Hartwin der Herrin nachzustellen und wollte ihr beiliegen. Entrüstet wies diese ihn zurück, vor allem, weil sie inzwischen erkannt hatte von ihrem Mann schwanger zu sein und gebot ihm, ihr nie wieder zu nahe zu treten. Aber Hartwin stellte ihr weiterhin nach, doch Sisibe blieb standhaft. Als sich die Rückkehr des Häuptlings ankündigte, hegte Hartwin die nicht unberechtigte Befürchtung, die kurz vor der Geburt stehende Herrin könnte ihn und Hermen verraten. Also ritten die beiden Ungetreuen Sigmund entgegen und verleumdeten sein Weib bei ihm, sie hätte einem Knecht beigelegen und wäre von diesem schwanger.
Der Häuptling war voll Zorn und gebot den Grafen, die vermeintlich untreue Frau in den Wald zu führen und dort zu töten. Die beiden Schurken kehrten um und lockten Sisibe, unter dem Vorwand, sie zu Sigmund bringen zu wollen, in den Wald. Als sie dort ankamen und von einem Kriegstross und ihrem Mann keine Spur zu sehen war, erkannte Sisibe das Komplott. In ihrer Angst setzten die Wehen ein. Hartwin wollte sie umbringen, wie sein Herr es befohlen hatte, aber Hermen bekam ein schlechtes Gewissen. Er versuchte, Hartwin daran zu hindern und es entbrannte ein Kampf, bei dem Hermen seinen Kumpan tötete. Aber auch Sisibe lag, nachdem sie einem Knaben in einer überstürzten Geburt das Leben geschenkt hatte, durch den Blutverlust im Sterben. Als Hermen sich zu ihr und dem Neugeborenen hinunterbeugte, bettelte sie ihn an, das Kind zu verschonen; dann verschied sie.
Hermen stand auf der Waldlichtung zwischen der Leiche seiner Herrin und der Hartwins. Zu seinen Füßen zappelte ein kleines zitterndes Wesen und schrie sich die Seele aus dem Leib. Was sollte er tun? Er musste befürchten, dass das Komplott gegen Sisibe ruchbar würde, sobald Sigmund heimkehrt. Das kostete ihm unweigerlich den Kopf, selbst wenn er nur ein Mitläufer war. Aber weglaufen wäre unehrenhaft und außerdem er dann vogelfrei, was ebenso den sicheren Tod bedeutete. Die einzige Möglichkeit, mit dem Leben davon zu kommen war, in die Höhle des Löwen zu gehen – aber mit einem Faustpfand.
Er zückte seinen Dolch und beugte sich hinab zu dem neugeborenen Kind, das zwischen den Beinen der Mutter auf dem, mit Blut und Fruchtwasser durchtränkten Waldboden lag. Mit einem kurzen Schnitt durchtrennte er die Nabelschnur, die es immer noch mit der Toten verband. Hermen nahm den Knaben hoch, wickelte ihn in den Überwurf seiner Mutter und machte sich auf den Weg zu einem Schmied, namens Mime, welcher in eben diesem Wald seine Werkstatt hatte. Er und sein Weib wünschten sich schon lange ein Kind, konnten jedoch keines bekommen. So gab er diesen beiden ein paar Kupfermünzen und befahl ihnen, auf das Kind aufzupassen. Es wäre vielleicht noch mehr Geld an der Sache, denn der Balg sei, sagte er, indem er auf den Mantel Sisibes wies, edlen Geblütes. Dann machte er sich auf zur Burg.
Dort angekommen wurde er sofort vor den, von den wahren Umständen mittlerweile in Kenntnis gesetzten Häuptling gezerrt, welcher ihn in heller Wut mit dem Vorwurf konfrontierte, ein Verräter zu sein. Der Graf gestand und Sigmund griff schon zu seinem Schwert, um ihn eigenhändig niederzustrecken. Aber hastig erzählte Hermen seinem Herrn, dass seine Frau einen Sohn geboren hatte, bevor sie starb. Er würde den Aufenthalt des Neugeborenen nur gegen die Zusicherung von freiem Geleit verraten. Der Häuptling willigte scheinbar in den Handel ein. Der Lump wies ihm den Weg zu Mimes Schmiede und bestieg sein Pferd, um das Land zu verlassen.
Die Tore von Sigmunds Burg hatte Hermen bereits eine gute Weile hinter sich gelassen. Er ahnte, wie knapp er dem Tod entronnen war, doch freute er sich, dass sein Plan so reibungslos aufgegangen war. Irgendein Häuptling würde schon für seine Dienste Verwendung haben, da war sich Hermen sicher. Eben ritt er auf die Wegkreuzung zu, an der er auf den Fernhandelsweg nach Mittag einbiegen wollte, als ein Mann etwa zwanzig Schritte vor ihm mit einem Bogen in der Hand auf den Weg trat. Dann ging alles so schnell, dass Hermen nicht einmal mehr dazu kam, seinen Schild vom Rücken zu nehmen.
Mit dem Ruf: »Das büßt du für Sisibe!« streifte sich der Mann seine Kapuze vom Kopf – es war Sigmund! Er war im Galopp zu Mime geritten und hatte sich vergewissert, dass der Säugling tatsächlich bei ihm war. Aber umgehend jagte er weiter und schnitt Hermen den Weg ab. Jetzt stand er vor ihm und war nicht gewillt, ihn ungestraft davonkommen zu lassen. Die Hand glitt von der Kapuze zum Köcher, vom Köcher zum Pfeil, mit dem Pfeil zur Bogensehne und mit dieser zur Schulter. Dann streckten sich die Finger und die gespannte Sehne schnellte nach vorn. Als würde er von Sigmunds Rache gelenkt, flog der Pfeil auf Hermen zu und die Spitze bohrte sich exakt durch die Mitte der Grube zwischen Gurgel und Brustbein in den Hals des Verräters.
Langsam fiel Hermen seitlich vom Pferd. Schon als er auf dem Boden aufschlug, rührte er sich nicht mehr. Der Pfeil hatte zwischen Hermens Wirbelknochen seinen Weg zum Rückenmark gefunden, dieses durchtrennt und ihn auf der Stelle gelähmt. Sigmund trat an ihn heran:
»Glaubst du, ich lasse dich ziehen für den Frevel, den du und Hartwin an meinem Weib begangen habt? Wie sie auf dem nackten Waldboden ihr Schicksal ereilt hat, sollst auch du sterben – nur langsamer.« Damit ging er zur Wegkreuzung, holte sein Pferd, welches er dort angebunden hatte, saß auf und ließ den Sterbenden, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, zurück.
Nachdem er seine Rache vollstreckt hatte, ritt Sigmund zu Mime – auf dem Weg aber überlegte er, was zu tun wäre. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er Sisibe so wenig vertraut und sie ohne angehört zu haben, ihren Verleumdern ausgeliefert hatte. Andererseits konnte er nicht völlig sicher sein, dass Hermen die Wahrheit gesagt hatte und der Knabe bei Mime tatsächlich sein Spross war. Daher beschloss er und einigte sich dann auch mit Mime darüber, dem Knaben einen Namen – Sigfrid – zu geben, der ihn als Sohn Sigmunds erkenntlich macht, ihn aber bei Mime zu belassen. Dieser solle ihn, gegen ein heimliches Entgelt, großziehen, bis Häuptling Sigmund den Knaben zu sich holen würde.“
Heim machte neuerlich eine Kunstpause:
„Nicht besonders rühmlich das Verhalten von Sigmund, wenn ihr mich fragt“, meinte er. Da sprang Didrik auf, der schon einiges getrunken hatte, und fuhr Heim an:
„Danach fragt dich aber keiner“, fauchte er. „Was bildest du dir ein, über einen Häupt…, einen König zu urteilen!“ Der Grimme knallte den Humpen auf den Tisch und wollte sich erheben, denn er war keiner, der einer Aufforderung zu einem Raufhandel aus dem Weg ging. Da fiel die Hand Widekes, der neben ihm saß, schwer auf seine Schulter und drückte ihn auf die Bank zurück.
„Wir würden die Geschichte gerne zu Ende hören. Bitte, Heim, berichte weiter.“
Auch Didrik wurde von Hillebrand zurückgehalten und so fuhr der Suebe nach einer kurzen Atempause und einem großen Schluck aus dem Bierhumpen fort zu erzählen.
„Sigfrid wuchs bei Mime in der Waldschmiede auf, ohne von seiner Abstammung zu wissen. Mimes Weib starb, als Sigfrid noch klein war und der Knabe entwickelte sich außergewöhnlich. Er wurde stark – weit über seine Jahre hinaus. Davon wurde er streitsüchtig und quälte und verprügelte die Knechte und Gesellen Mimes. Eines Tages aber, als er wieder einen von ihnen zu Boden geworfen hatte und dort festhielt, drohte ihm dieser, ihn beim Meister anzuschwärzen. »Du kannst es ruhig meinem Vater sagen«, höhnte Sigfrid. Da rutschte es dem Gesellen heraus: »Mime ist gar nicht dein Vater«. Völlig verdutzt ließ Sigfrid ihn augenblicklich laufen und suchte irritiert Mime auf. »Was meint er damit«, fragte er den Schmied. Mime sah ihn erschrocken an, dann schrie er: »Ich kann das nicht zulassen, dass du meine Gesellen immer misshandelst. Du schlägst sie so fest auf den Kopf, dass sie verrückt werden und nicht mehr wissen was sie reden!« Sigfrid gelobte Besserung – die er nicht einhielt – und gab sich mit dieser Antwort zufrieden. Vor allem da es dem Gesellen tatsächlich schlecht ging und er sich bis zum Abend mehrmals übergeben musste. Es war jedoch seltsam, dass der Bursche am nächsten Morgen nicht mehr in der Schmiede gesehen wurde und Mime erklärte, dass er seinen Dienst quittiert hätte.
AlsSigfrid etwa vierzehn Lenze zählte und es wieder einmal arg getrieben hatte, beschloss Mime, der ihn trotz seiner Kräfte bisher immer wie ein rohes Ei behandelt hatte, nun doch, ihm Nützliches beizubringen. Er gab ihm einen Hammer in die Hand und ein Stück Eisen zum Schmieden. Sigfrid holte aus – er wollte es für seinen Vater besonders gut machen – und beim ersten Schlag zerbarst der Ambossklotz unter seinem Hieb. Der Amboss selbst fuhr in die Erde, der Hammerstiel zersplitterte und das glühende Eisen flog flirrend an Mimes Kopf vorbei und blieb im Gebälk stecken. Dort setzte es beinahe das Dach in Brand, wenn der Meister nicht geistesgegenwärtig mit einem Lederlappen danach gegriffen und es herausgezogen hätte. Da erkannte Mime, dass aus dem Knaben nie ein Schmied werden würde und bekam Angst vor ihm.
Aber Sigmund machte keine Anstalten ihn von diesem grobschlächtigen Kerl befreien zu wollen. Daher fasste er einen Plan, wie er Sigfrid loswerden könnte. Der Schmied hatte einen Bruder, Regin, der in der weiteren Umgebung als Räuber und Wegelagerer sein Unwesen trieb. Mime hatte ihm einst einen Helm in Form eines Drachenkopfes geschmiedet und mit diesem und allerlei zusätzlichen Täuschungskünsten erschreckte er seine Opfer. Die Leute nannten ihn deshalb einen elenden Wurm oder einen Drachen, denn Regin tötete alles, was in seine Umgebung kam, außer seinen Bruder Mime. Die beiden kamen überein, dass Regin Sigfrid töten solle.
Mime schickte daraufhin Sigfrid in den Wald Kohlen zu brennen. Dagegen sträubte sich der Knabe nicht, denn durch den Wald zu streifen war von frühester Jugend an seine liebste Beschäftigung – und Wald gab es in der Umgebung der Schmiede wahrlich genug. Oft blieb er mehrere Tage fort, ohne dass er in der Werkstatt arg vermisst wurde. Dort ging alles einen ruhigeren Gang, wenn Sigfrid nicht da war.
Aber diesmal kam der Knabe bereits nach zwei Tagen zurück. Die Holzkohlen konnten unmöglich fertig sein und Mime wollte den Burschen darüber zornig anfahren. Man weiß nicht, was danach geschah. Es machte nur die Runde, dass Mime enthauptet in seiner Schmiede aufgefunden und später der stark verweste Leichnam des Wegelagerers Regin von Reisenden entdeckt worden war. Man erkannte ihn nur mehr daran, dass sein weithin bekannter Drachenhelm neben dem geköpften Rumpf lag. Sein Kopf lag wundersamerweise neben der Leiche seines Bruders Mime in dessen Werkstatt.
Offensichtlich hatte Sigfrid gründlich aufgeräumt. Danach machte er sich auf den Weg nach Seegard, dem Hof Brunhilds, da, wie er uns später dort mitteilte, Mime ihm das Pferd Grane zum Geschenk versprochen hätte. Was im Gestüt sonst noch geschah, habe ich schon zu Beginn geschildert“, beendete Heim seinen Bericht.
„Brunhild erzählte ihm dann noch von seiner wahren Herkunft“ ergänzte er. „Die Geschichte um das Verschwinden der hochschwangeren Sisibe hatte seinerzeit natürlich, wenn auch nur unter vorgehaltener Hand und nur innerhalb der edlen Kreise, die Runde gemacht. Just zur selben Zeit bekam Mime einen Knaben, ohne dass seine Frau schwanger gewesen wäre. Ein Mädchen mit ihrer Intuition konnte zwei und zwei zusammenzählen. Sie hatte es zwar nur später durch Klatsch und Geschichten gehört, aber eben auch die Schlussfolgerungen daraus gezogen. Mime wiederum hatte von Sigfrid alles ferngehalten, was auf seine Abstammung hindeuten hätte können.
Als sie ihm nun eröffnet hatte, wessen Sohn und dass er edlen Geblütes sei, verließ er sie und ritt zu seinem Vater Sigmund an den benachbarten Hof. Der Häuptling konnte sich, direkt vom Sohn zur Rede gestellt, der Vaterrolle nun nicht mehr entziehen, aber besonders herzlich wurde das Verhältnis der beiden zueinander nicht mehr. Jedoch lebte Sigfrid die nächsten Jahre an Sigmunds Hof und erfuhr dort die ihm zustehende Erziehung eines Edelmannes. Während dieser Zeit kamen er und Brunhild sich näher, denn er besuchte sie häufig.
Später zog Sigfrid aber an einen anderen Hof zur Beendigung der Ausbildung. So kam er zu Isung und seinen Söhnen und wurde schließlich dort mannbar gesprochen. Danach wurde er Isungs Bannerträger.“
Damit beendete Heim die Geschichte endgültig, die von allen Anwesenden aufmerksam verfolgt worden war.
Da wandte sich Hillebrand, der Waffenmeister, an Didrik:
„Ihr seht, mein König, Isung und seine Söhne waren schon eine nahezu unbezwingbare Schar. Wenn sie jetzt aber noch durch Jungherrn Sigfrid verstärkt werden, so sind sie sicher als deinem Trupp ebenbürtig zu bezeichnen. Es geziemt sich durchaus für einen König, einem gleichwertigen Gegner auch den notwendigen Respekt zu zollen.“
Didrik hatte während Heims Ausführungen tüchtig dem Wein zugesprochen und war einigermaßen betrunken. Diese neuerliche Zurechtweisung erzürnte ihn, dessen Laune seit Heims Seitenhieb auf seinen Stand ohnehin gedämpft war, dermaßen, dass er aufsprang, den Becher gegen die Wand schleuderte und lallend schrie:
„Dieses Festmahl ist zu Ende. Ich werde nicht ruhen und rasten, bis im Zweikampf entschieden wurde, wer die bessere Schar hat, Isung oder ich. Ich hoffe, ihr habt die nächsten Tage nichts weiter vor, denn ihr werdet mich alle, als meine Waffenbrüder zu diesem Turnier begleiten!“ Sprach es, ließ sich sein Pferd bringen, sprang in den Sattel, blieb sogar sitzen – eine hervorragende Leistung im Vollrausch – und ritt schwankend und wild gestikulierend aus der Burg in die eben einsetzende Morgendämmerung. Es war ein lustig anzusehendes Bild, das er bot. Aber die anderen hatten dennoch nichts zu lachen, denn sie mussten, eingedenk ihres Schwures, wohl oder übel ebenfalls die Pferde satteln und schauen, dass sie hinter dem König herkamen. Hillebrand befahl hastig, Reisewagen zusammenzustellen, und rief Koch und Knechte herbei. In Windeseile gab er ihnen den Befehl so rasch als möglich nachzukommen, sie führen nach Bertanga.
Wideke murmelte in sich hinein:
„Ein zorniger kleiner Trotzkopf und kein König ist er“. Hillebrand, der trachtete Didrik einzuholen und neben ihm ritt, blickte ihn an, räusperte sich, sagte aber kein Wort, sondern gab nur seinem Pferd die Sporen und ritt dem Berner hinterher. Wideke blieb nichts anderes übrig, als seinen Schwurbrüdern einen resignierenden Blick zuzuwerfen und mit ihnen Didrik und dem Waffenmeister zu folgen.
Der Vasall
So ritten sie ihrem Freund, Herrn und König hinterher und zogen gegen Bertanga. Didrik war bald wieder nüchtern, denn Falke, sein Pferd, hatte ihn mit seinem anbefohlenen Trab zu einem Opfer an Gott Bacchus gezwungen und den überschüssigen Wein am oberen Ende wieder hinausbefördert. Sowie des Berners erste Wut verraucht war, lagerten sie sich, um den versäumten Schlaf der vergangenen durchzechten Nacht nachzuholen und auf den Reisewagen und die Knechte zu warten. Der damit vollständige Zug folgte dem Rhin flussabwärts. Bei Colonia überquerten sie auf der Römerbrücke den Fluss und wandten sich auf dem bekannten Herweg Richtung Morgengrauen. Nachdem sie zwischenzeitlich die Stadt Susat passiert hatten und viele Tage durch dichte Wälder geritten waren, öffnete sich mit einem Mal das Gehölz und sie erreichten eine endlos scheinende Heidelandschaft.
Vor ihnen lag ein bunter Blütenteppich, der sich bis zum Horizont ausbreitete. Jetzt im Frühling konkurrierten, wie es schien, die einzelnen Blumen mit ihren Blüten um die wärmsten Sonnenstrahlen. Dazwischen lagen Gruppen von Büschen, die eben das erste zarte Grün der hervorbrechenden Blattspitzen sehen ließen. Immer wieder ritten sie an Traubeneichen- und Buchenwäldchen vorbei, die kleinere und größere Inseln im unüberblickbaren Heidemeer bildeten. Vereinzelt trafen sie auf mächtige Felsblöcke, die moosbewachsen und unverrückbar die Landschaft beherrschten, sodass sich die Wege um sie herumschlängeln mussten. Schafe genossen die schmackhaften Blüten der Heidekräuter und das zarte Grün der jungen Triebe. Viele Monde hatten sie sich mit den verholzten Stängeln aus dem Vorjahr, hervorgescharrt unter dem Schnee, begnügen müssen. Dazwischen lagen Moore und Sümpfe, dass der Tross streng darauf achtete auf den Sandwegen zu bleiben. Die Schäfer aber trieben, sowie sie die ihnen fremde Reiterschar bemerkten, ihre Herden ab von den Wegen, in die unwegsame Heide hinein und versuchten sich hinter Buschwerk oder Felsgruppen unsichtbar zu machen. Die Reisenden zeigten sich von dieser Zurückhaltung der Einheimischen unbeeindruckt. Sie genossen die sonnige Wärme der offenen Landschaft, die ihr Gemüt erhellte und sie in Erwartung des bevorstehenden Kräftemessens in Hochstimmung versetzte.
Zum Mittag des zweiten Tages ihres Rittes durch die Heide sahen sie am Horizont einen großen Felsenberg aufragen. Bis sie am Fuße desselben angelangt waren, leuchtete der helle Mond vom nachtblauen Himmel. Der Kalkfelsen mit der Burg stand als schwarzer Klotz vor ihnen. Lediglich die Konturen waren vom Mondlicht mit einem silbernen Glanz belegt. Hillebrand hieß sie alle absitzen und sie warteten um das schnell entfachte Feuer, bis das Lager von den Knechten errichtet war.
Schon als der Tross im Mondschein in Sichtweite der Wächter gekommen war, hörten sie Hornsignale und Rufe. Nach Errichtung des Lagerplatzes wurden nochmals Meldungen hinter den Wallanlagen der Burg vernehmbar. Lichter gingen aus und an und huschten flackernd in den Fenstern und auf den Palisaden hin und her, aber kein Mensch ließ sich vor der Umfriedung blicken. Hillebrand, der Waffenmeister, teilte noch die Wachen ein, dann legten sie sich alle, müde und erschöpft von dem langen Ritt, schlafen.
Früh am nächsten Morgen rief der Posten sie aus ihren Decken. Von der Burg herunter näherte sich langsam ein Reiter. Als dieser im Lager eintraf, hatten sie sich schon alle gerüstet aufgestellt.
„Ihr befindet euch auf Grund und Boden von Häuptling Isung“, redete sie der Berittener aus seinem Sattel herab an „und es ist guter Brauch in Bertanga, dafür Schatzung zu geben.“
Didrik trat vor und antwortete dem Boten:
„Der König wird von uns den Wegzoll erhalten, den er verlangt. Wir sind aus Aumlunga und ich bin Didrik von Bern. Unsere Reise hierher hat nur den einen Zweck: Wir wollen uns mit Isung, seinen Söhnen und seinem Bannerträger Sigfrid messen. Denn wir haben schon viele Geschichten von seiner legendären Kampfkraft gehört. Nun will ich ihn zum Kampf fordern, damit es für die Zukunft feststeht, wer die besseren Recken um sich geschart hat.“ Didrik war ein bisschen in Verlegenheit. Einerseits wollte er bei seinem selbst verliehenen Titel ‚König‘ bleiben, andererseits wollte er den viel älteren, aber weniger eitlen Isung neben sich nicht zum Häuptling ‚degradieren‘. So beförderte er kurzer Hand Isung ebenfalls zum König und konnte damit auch noch seine Großzügigkeit demonstrieren.
„Ich bin Sigfrid“, antwortete der Bote, indem er vom Pferd sprang und vor den Berner hintrat. „Und ich werde meinem Herrn euren Wunsch vorbringen. Ich selbst wäre erfreut, würde er diese Herausforderung annehmen.“
Das gewinnende Wesen des Bannerträgers beeindruckte die Recken und Didrik lud ihn ins Lager ein. Er aber wollte die Nachricht sofort seinem Herrn unterbreiten. Der alte Isung war, wie Sigfrid später erzählte, sehr erheitert von dem jungen Herausforderer plötzlich zum König ernannt worden zu sein und er erklärte sich in guter Laune einverstanden, zusammen mit seinen Söhnen und Sigfrid Didriks Mannen im freundschaftlichen Zweikampf entgegenzutreten. Das Turnier sollte am Fuße des Burgberges stattfinden.
Didrik und seine Schar erhielten umgehend die Nachricht, dass ihre Herausforderung akzeptiert und der Beginn der Kämpfe für den nächsten Tag angesetzt wurde. Den Rest des Tages vertrieben sie sich die Zeit hauptsächlich damit, den Knechten Isungs beim Aufbau des Kampfplatzes zuzusehen. Eine dreistufige, treppenförmige Geländekante am Fuße des Kalkfelsens der Burg, wurde zur Tribüne erklärt. Der davorliegende ebene Platz wurde mit zahleichen Pfosten, Stangen und Latten eingezäunt, so großzügig, dass den Kämpen genügend Bewegungsspielraum bleiben würde.
Am nächsten Tag begannen die Zweikämpfe. Sie zogen sich über zwei Tage hin und gingen nicht sehr rühmlich für Didriks Mannen aus. Von elf Duellen gewannen sie lediglich zwei für sich. Die Verlierer mussten es sich gefallen lassen, gebunden zu werden. Dann allerdings kämpfte Wideke mit seinem legendären Schwert Mimung gegen den ältesten Sohn Isungs. Welands Sohn war zornig über den schlechten Verlauf des Turniers. Deshalb ging er mit solcher Brutalität vor, dass es kaum ein Dutzend Hiebe brauchte, bis der gewiss nicht schwache Gegner vor ihm auf dem Boden lag.
Wideke setzte seinen Fuß auf die Brust des Häuptlingssohns, hielt ihm Mimungs Spitze an die Gurgel und rief Isung am Rand des Turnierfeldes zu:
„Entweder ihr entbindet alle meine Gefährten oder euer Sohn stirbt!“ Der Wettkampf war eigentlich nicht bis zum Tod vereinbart, aber es hatten alle vergessen, das bittere Ende auszuschließen. So war es jedem Kämpfer selbst überlassen, wie weit er gehen wollte. Wideke hatte eben beschlossen, mit hohem Einsatz zu spielen. Und er gewann. Aus Angst um das Leben seines Sohnes gab Isung diesem Verlangen nach. Damit stand es wieder unentschieden.
Die Einwohner von Isungs Burg und dem näheren Umland hatten von diesem Turnier erfahren und sich um den Kampfplatz gelagert. Es war daraus ein richtiges Volksfest entstanden. Die Anfeuerungsrufe richteten sich großteils nicht an die Gäste. Und der bis zum Kampf Widekes für Isung und seine Söhne so günstige Hergang wurde mit großem Hurra begrüßt. Die Umkehrung des Turnierverlaufes und die Pattstellung danach quittierten die Zuschauer mit lautem Murren.
Zuletzt focht Didrik gegen Sigfrid den entscheidenden Kampf. Sie waren beide ebenbürtige Gegner und gleich gut gerüstet, sodass keiner einen Vorteil erringen konnte. Didriks Ekkisax traf auf Sigfrids Gram – beide berühmte Schwerter, aber gleichwertig. Und Didrik hielt mit Schnelligkeit eben noch Sigfrids Kraft stand. Die Füße der Recken stampften im Staub des Kampfplatzes, dass man sie zeitweise kaum sah. Lediglich das Klirren ihrer Schwertklingen und das Stöhnen der Kämpfer waren immer vernehmbar. Am Nachmittag entlud sich ein Gewitter über ihnen und ein heftiger Platzregen sorgte wiederum für klare Luft. Dafür verwandelte sich die Arena in eine Schlammgrube und man konnte die beiden Kontrahenten kaum voneinander unterscheiden, da sie vom Helm bis zu den Füßen in Lehm gebacken waren.
So wogte dieser Kampf unentschieden über zwei Tage hin und her. In der Nacht nach dem insgesamt vierten Kampftag saßen Didrik und Wideke beisammen:
„Ich weiß nicht, wie das zugeht. Diesem Teufelskerl ist einfach nicht beizukommen“, zeigte sich der Berner unzufrieden mit seinem Kampfverlauf.
„Sigfrid ist ein untadeliger Kämpfer. Es würde euch nicht zur Schande gereichen dies anzuerkennen“, entgegnete ihm Wideke.
Aber Didrik war ganz und gar nicht dieser Meinung. Einen anderen auch nur als ebenbürtigen Gegner anzusehen kam für ihn überhaupt nicht in Frage. Darum erwiderte er Wideke mit einem Kopfschütteln:
„Nie und nimmer. Außerdem ist unser Rüstzeug nicht ausgewogen. Ich blute schon aus etlichen Wunden und ihn macht sein Kettenhemd nahezu unverwundbar. Ich will die Mittel in die Waage bringen: Borge mir dein Schwert Mimung und ich werde ihm beweisen, dass ich der bessere Kämpfer bin.“
Wideke sträubte sich:
„Damit beweist ihr nur, dass Mimung das bessere Schwert ist – was ohnehin alle wissen. Aber Heim hat mir einmal meine Waffe entwendet und damals habe ich mir geschworen, dass diese Klinge niemals mehr ein anderer Mann am Griff berühren soll.“
Da wurde Didrik wieder einmal zornig:
„Wenn dein König und Schwurbruder dich um etwas bittet, vergleichst du ihn mit dem Stallburschen? Von einem Freund hätte ich mir anderes erwartet.“
Das war äußerst unfreundlich formuliert, denn der Suebe war nichts weniger als sein Stallbursche. Ja, er war der, der ihm eines der edelsten Rosse, welches in weitem Umkreis zu finden war, geschenkt hatte. Der Berner konnte von Glück sagen, dass der Grimme diese Bemerkung nicht gehört hatte, sonst hätte er am selben Tag einen weiteren Zweikampf ausfechten müssen. Aber als ihn Didrik derart auf seine Stellung als Gefolgsmann verwies und an seinen Schwur erinnerte, konnte Wideke nicht anders als klein beigeben:
„Meinetwegen, ihr sollt das Schwert haben; aber das muss unter uns bleiben.“
Damit war Didrik einverstanden und sie legten sich schlafen.
Als Isung und seine Mannen zusammen mit Sigfrid am nächsten Morgen auf dem Kampfplatz erschienen, erwartete sie Didrik schon. Lässig, mit überkreuzten Armen stand er gegen das Schwert gelehnt, welches er in den Boden gesteckt hatte.
„Wollen wir es heute zu Ende bringen“, rief ihm Sigfrid entgegen, die Arena betretend, indem er den Schild von der Schulter nahm und das Schwert zog.
„Oh ja, das wollen wir“, antwortete ihm Didrik, ohne sich zu rühren.
Sigfrid ahnte etwas und war vorsichtig.
„Schwört mir“, rief er Didrik zu, „dass ihr nicht Widekes Schwert Mimung habt. Gegen dieses will ich nicht kämpfen.“
„Ich weiß Mimungs Spitze nicht über der Erde und seinen Griff nicht in eines Mannes Hand“, entgegnete ihm Didrik, was in diesem Augenblick ja der Wahrheit entsprach.
Das akzeptierte Sigfrid und sie traten gegeneinander an. Als Isungs Bannerträger auf seinen Gegner losstürmte, nahm dieser seinen Schild auf, griff hinter sich und zog die Klinge aus der Erde. Schon nach den ersten paar Hieben, wusste Sigfrid, dass der Berner ihn hintergangen hatte und tatsächlich mit Mimung gegen ihn kämpfte. Denn kein anderes Schwert war in der Lage sein Kettenhemd zu sprengen, aber die Klinge, die Didrik heute führte, schien bei der leisesten Berührung die Ringe zu zerschneiden. Eine Weile versuchte sich Sigfrid, gegen die Niederlage zu sträuben, aber nachdem er fünf Wunden empfangen hatte, gab er auf.
Бесплатный фрагмент закончился.
