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Martin Dolfen Thomas Strehl

... und am Ende wird alles gut

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Inhaltsverzeichnis

Titel

… und am Ende wird alles gut

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Impressum neobooks

… und am Ende wird alles gut

Es gibt Lebensgeschichten voller Sonne und Glück und andere voller Regen und Tränen. Wie die meine.

Doch das war nicht immer so. Eigentlich hatte doch alles so gut begonnen …

Was hatten wir für eine wunderschöne Kindheit und Jugend. Wir besaßen kein Internet, kein Handy, nicht einmal Farbfernsehen. Wir redeten, spielten, kämpften, durften wild sein und toben. Wir konnten uns nach Herzenslust kaputtlachen, ohne dass jemand dachte, wir wären nicht richtig im Kopf. Das alles galt damals als völlig normal.

Wir waren Krieger, manchmal Feinde und manchmal Verbündete. Die Waffen unserer Banden bestanden aus Worten und Fäusten, statt Messern und Schusswaffen. Lag jemand auf dem Boden, war der Kampf beendet. Danach tranken wir gemeinsam auf das Leben. Respekt war kein Fremdwort, sondern unsere alltägliche Umgangsform, unser Passus, der ungeschrieben in unseren Köpfen verankert war. Und wenn wir uns verliebt hatten, stammelten wir mit hochrotem Kopf sinnlose Worte und fielen abends beschämt und verwirrt in einen traumreichen Schlaf. Denn unsere Gedanken konnte uns niemand stehlen. Ja, tatsächlich. Es gab sie noch. Geheimnisse! Echte Hüter unserer eigenen Vorstellung. Die Wächter, die vor unserer Stirn patrouillierten und nichts und niemanden durchdringen ließen, es sei denn wir öffneten die Tore.

Seinerzeit hätte ich niemals gedacht, dass es so kommen würde wie es gekommen ist. Und auch wenn sich allgemein alles verändert hat, so ist es doch meine ureigene Geschichte, die mich in Scham und hoffnungsloser Zukunft zurücklässt. Dieser Blick zurück und das Wissen, dass sich die Zeit nicht mehr zurückdrehen lässt, haben mich in eine Umlaufbahn aus Melancholie und Depressionen katapultiert. Was immer ich da umkreise, es gibt keinen Ausweg mehr. Konstanter Orbit, um eine leblose Hülle.

Dieser ganze Mist begann mit zwei Liebeleien.

Unsterblich hatte ich mich in eine Studentin verliebt. Ich, der Klempner und die unbeschreiblich hübsche Jurastudentin. Irgendwas stimmte in der Gleichung nicht und meine Minderwertigkeitskomplexe schossen wie Fontänen in meine Synapsen. Nach Wochen der Unentschlossenheit sprach ich sie an. Marlene. Witzigerweise hatte ich mir in den letzten Tagen der Vorbereitung noch ein paar Kilo heruntergehungert, damit ich nicht ganz so moppelig daherkam. Es kam, wie es kommen musste. Das Gespräch wurde zu einem Desaster. Sie gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass sie nichts von mir wollte. Dies leider gespielt nett, was die Angelegenheit noch schlimmer machte.

Dann gab es da noch eine Sache in meiner frühen Jugend. Ute, meine Ostseeliebe. Auch dort war ich verknallt bis über beide Ohren, aber meine eigene Dummheit und der fehlende Mut etwas zu riskieren, spielten mir einen Streich.

Danach plätscherte mein Leben irgendwie ohne Höhen und Tiefen dahin. Meinen Frust über meinen ungeliebten Job und meine Schüchternheit fraß ich in mich hinein. Dies führte zu Übergewicht und einer Diabeteserkrankung. Also spritzte ich täglich Insulin. Dazu kam lebensbedrohlicher Bluthochdruck. Also nahm ich Tabletten dagegen. Dies verkraftete meine Leber scheinbar nicht. Also rannte ich mit einer sogenannten Fettleber herum. Egal! Genug Freunde hatte ich schließlich, die mir Halt gaben. Magier, Zwerge, Elfen und Hexer, die ich in der allumfassenden Welt des Spieleuniversums für mich entdeckt hatte. Ich war öfter krank, als dass ich zur Arbeit ging. Folglich blieb genug Zeit, um mich meinem Hobby zu widmen. Ich spielte Tage und Nächte durch, vergaß die Zeit und auch die wenigen Freunde, die mir in der wahren Welt geblieben waren, bis ich schließlich vom Stuhl kippte und für mehrere Stunden auf dem kalten Laminat liegenblieb. Der Anruf meines Arbeitgebers holte mich an jenem Morgen ins Leben zurück. Wie sich herausstellen sollte, hatte ich einen Herzinfarkt, mit gerade einmal achtunddreißig Jahren.

Es wurde alles versucht, um mich wieder in ein normales Leben zurückzuholen, und ich bin weiß Gott dankbar für die versuchte und wahrscheinlich bestmögliche Unterstützung. Aber manchmal schreibt das Schicksal halt seine eigene Geschichte - ohne Happy End. Keine Standing Ovations, kein Applaus!

Nach zehn Jahren erfolgloser Therapie, den ständigen Auf- und Abs, hervorgerufen durch hunderte verschiedener Antidepressiva, bin ich an einem Punkt angelangt, an dem alles für mich keinen Sinn mehr ergibt. Ich schaffe es nicht mehr aus diesem Strudel aus Vergangenheitssehnsucht, Selbstmitleid und Selbsthass auszubrechen.

Ich bedanke mich bei allen, die an mich geglaubt haben. Die in mir ein Talent sahen und in mir einen Funken entfachen wollten, der nach ihrer Ansicht einen Großbrand zur Folge haben sollte.

Bitte verzeiht mir, dass ich mit dem Löschzug über eure Bemühungen gefahren bin.

Ich werde an den Ort zurückkehren, der mir in meiner Kindheit alles an Freude gegeben hat. Nun darf er mir alles nehmen.

Danke für Alles…

Simon

Kapitel 1

Ich erwachte am anderen Morgen. Mit dem Kopf auf meinen Zeilen. Ich hatte den Brief im Wohnzimmer am PC geschrieben, ihn dann ausgedruckt und mit in die Küche genommen. Dort hatte ich ihn immer und immer wieder gelesen. Warum schrieb ich etwas über meine Liebschaften oder meine Jugend? Gehörte so etwas in einen Abschiedsbrief? Egal. Es war mein Abschied. Nach der x-ten Flasche Bier war ich darüber eingeschlafen.

Ich rieb mir den schmerzenden Nacken. Eines der wenigen Körperteile, das mir noch nie Schwierigkeiten bereitet hatte. Jetzt meldete es sich eindrucksvoll zu Wort. Öfter mal was Neues.

Ich blinzelte und blickte aus dem Fenster. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und lachte mich aus. Der strahlend blaue Himmel schien das Tiefschwarz in mir zu verhöhnen.

Mein Blick fiel noch einmal auf die Worte. Ich las sie erneut und nickte mir zu. So schlecht war er nicht, befand ich. Ich hatte nicht viele Talente, aber Abschiedsbriefe schreiben konnte ich. Vielleicht gab es Verwendung dafür. So eine Art Industrie und ich konnte mich damit selbstständig machen. Ich schreibe Ihre letzten Worte, Sie brauchen sich dann nur noch umzubringen. Früher hätte ich wahrscheinlich bei solchen Gedanken gelächelt, aber die letzten Jahre hatten selbst meinen schwarzen Humor immer mehr verdrängt.

Nur der Anfangssatz: und am Ende wird alles gut, gefiel mir nicht mehr.

Dem Typen, der dieses Ding zum ersten Mal rausgehauen hatte, würde ich gerne mal die Meinung sagen.

Ich war am Ende und irgendwie war gar nichts gut.

Stöhnend erhob ich mich und sah auf die Küchenuhr. Es war bereits Viertel nach neun und ich musste mich sputen, wenn ich noch alles erledigen wollte, was ich mir für den letzten Tag auf Erden vorgenommen hatte.

Ich schlurfte ins Badezimmer, machte mich ein wenig frisch, dann nahm ich die Kuverts vom PC-Tisch, die dort schon auf mich warteten.

Es waren im Großen und Ganzen Kündigungen. Ich war ein ordentlicher Mensch und wollte geregelt aus dem Leben scheiden.

Meine Versicherungen wussten wahrscheinlich gar nicht, dass es mich gab, also verloren sie einen guten Kunden. Mein Chef, der mich in den letzten drei Jahren vielleicht einen Monat lang gesehen hatte, würde drei Kreuzzeichen machen, dass er mich endlich von der Backe hatte. Und mein Vermieter würde eine Flasche Sekt köpfen, denn irgendwie hatte er sein Geld in letzter Zeit auch sehr unregelmäßig bekommen. Da war bei mir so ein bisschen der Schlendrian eingekehrt.

Egal. Ich griff nach meiner Jacke, ließ sie dann aber doch am Haken. Wir hatten Mai und wenn der Tag mit dem gestrigen mithalten konnte, dann hatten wir jetzt bestimmt schon über zwanzig Grad.

Also nur Schuhe, Schlüssel in die Tasche, Portemonnaie und ab dafür.

Ich hatte die Haustüre noch in der Hand, als eine Person in meinem Rücken auftauchte.

Es war Sascha, der Sohn meines Vermieters und er zog gerade sein sündhaft teures E-Bike aus der Garage. Inklusive Minihänger.

Ich wusste, was er vorhatte, schließlich kannten wir uns lange genug. Und ich wusste auch, dass er sich ärgern würde, wenn ich ihn darauf ansprach.

Also musste ich es tun.

»Na, bringt uns der Postbote die neusten Blättchen und Angebotsflyer vorbei«, sagte ich und putzte ihm damit kurzfristig das überhebliche Grinsen aus dem Gesicht.

Eigentlich war es Blödsinn, was ich hier machte, schließlich war ich ein Erwachsener, der mitten daneben stand und der Typ vor mir nur ein siebzehnjähriges Pubertier.

»Mein Alter will eben, dass ich ein wenig mein Taschengeld aufbessere«, sagte er, ein wenig zerknirscht.

Weil es die halbe Wahrheit war. Sein Taschengeld war mehr als üppig und hätte für wesentlich mehr als einen Monat gereicht. Er musste nichts dazuverdienen. Aber sein alter Herr bestand darauf. »Arbeit hat noch niemandem geschadet«, war seine Devise und deshalb musste sich sein armer, reicher Sohn jetzt mit Zeitung austragen, den Tag versauen.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte mein jugendlicher Freund. »Ich bin in spätestens einer Viertelstunde wieder da.«

Leider wusste ich, dass auch dies stimmte. Der Vogel holte die Zeitungen an der Sammelstelle ab, dann fuhr er, ohne sich die Mühe zu machen auch nur eine auszuliefern, zu einem Altpapiercontainer und warf die gesammelten Werke hinein.

Eine Beschwerde würde nicht kommen, denn sowohl der Auftraggeber als auch alle Empfänger des kostenlosen Blättchens wussten, wer die Zeitungen nicht lieferte. Sie kannten den nachtragenden Vater des Filius und wollten alle ihre Wohnungen behalten. Denn Herrn Baumeister, Saschas Vater, gehörte die komplette Siedlung.

Mich konnte das nicht mehr belasten und ich wollte schon eine weitere bissige Bemerkung loswerden, doch der Jugendliche kam mir zuvor.

Auch sein überhebliches Grinsen war wieder da und spätestens das hätte mich warnen sollen.

»Ach übrigens«, sagte Baumeister Junior. »Schön, dass wir beiden mal so nett plaudern.« Das Grinsen wurde breiter. »Hat mein Alter eigentlich schon mit dir gesprochen?«

Ich wusste nicht, worauf er hinauswollte und zuckte nur blöd die Achseln.

»Ich werde ja bald achtzehn, weißt du«, fuhr er fort, als wäre sein Geburtstag ein gesetzlicher Feiertag und bei jedem fest im Kalender verankert. »Und da brauche ich ja ne eigene Bude. Leider ist bei uns gerade nichts frei und da dachte mein Lieblingsdad, dass ich deine haben könnte. Schließlich zahlst du die Miete nicht pünktlich und dann gibt es ja noch Eigenbedarf und so.« Wenn er keine Ohren hätte, dann hätte er jetzt im Kreis gegrinst.

Ich hatte die Kündigung für die Bude im Umschlag in meiner Hand, trotzdem begann ich mich kurzfristig zu ärgern. Sollte ich meine Pläne ändern und mich in meinen bisherigen vier Wänden umbringen? Alles so richtig schön versauen und meinen Abschiedsbrief noch einmal ändern? Mit dem Passus: Ihr wolltet mir meine Heimat wegnehmen, meine Wohnung, meinen Anker und Lebensmittelpunkt.

Ich blickte in das Gesicht vor mir und wusste, dass es diesen Typen keine schlaflose Minute gekostet hätte.

Es war schwer, meine Wut niederzuringen. Weil ich ihn in diesem Moment hasste. Vielleicht für sein Glück aus reichem Haus zu kommen, von Beruf Sohn sozusagen. Oder für seine Jugend, seine Gesundheit. Oder einfach für sein gutes Aussehen und dafür, dass er jedes Wochenende mit einem anderen Mädel im Arm erschien. Wahrscheinlich war es, wie es Dieter Bohlen ausdrücken würde, das Gesamtpaket.

»Hat es dir die Stimme verschlagen«, hetzte der Junge vor mir und plötzlich war ich wieder die Ruhe selbst.

Ich hatte alles geregelt und einen unumstößlichen Plan, den ich sicherlich nicht für diesen Idioten ändern würde.

Ich sah in den Packen Briefumschläge, reichte ihm den mit der Kündigung und jetzt war ich es, der lächelte.

»Weißt du was?«, fragte ich ihn. »Wie wäre es, wenn du schon morgen einziehst?«

Und damit ging ich und ließ ihn verwirrt zurück.

Meine Schritte führten mich auf alt bekannte Pfade. Der kleine Schlenker zum Briefkasten war neu, aber die restliche Wegstrecke kannte ich genau. Jede Bürgersteigplatte, jede Bodenunebenheit, denn diese Straße hatte ich tausendmal beschritten. Ich endete vor einem großen, weißen Klinkerbau mit dem nicht zu übersehenden Messingschild.

»Dr. med. Markus Winzen« war darauf zu lesen. Mein Hausarzt, mein Vertrauter und fast so etwas wie ein Freund. Jedenfalls sah ich ihn öfter, als jeden anderen meiner Bekannten.

Ich öffnete die Tür, ging den Hausflur entlang und schnurstracks auf den Eingang der Praxis zu.

Am Empfang saß Melanie, sie konnte mich nicht leiden, wahrscheinlich hielt sie mich für einen Simulanten. Und seitdem sie mich irgendwie herablassend behandelte, beruhte die Abneigung auf Gegenseitigkeit.

»Ach, der Herr Winkel beehrt uns mal wieder«, empfing sie mich süffisant. »Wo drückt denn diesmal der Schuh?«

»Das würde ich doch lieber mit einem Doktor besprechen«, meinte ich nur.

Das Wartezimmer war tatsächlich leer. Ich hatte einen guten Zeitpunkt erwischt. Als wüsste das Schicksal, dass ich es heute eilig hatte.

»Dann setzen Sie sich doch erst einmal ins Warte ...«

Ich ließ sie nicht aussprechen. »Machen Sie sich mal keine Umstände. Ich gehe direkt durch.«

Ich pokerte hoch. Es hätte auch noch ein Patient im Behandlungsraum sein können, doch ich riss einfach die Tür auf und trat ein.

Markus Winzen saß auf seinem Ledersessel, die Füße auf dem Schreibtisch und schlürfte geräuschvoll Kaffee. Als er die Türe hörte, drehte sich sein Kopf schnell in meine Richtung und beinahe wäre ihm die Tasse aus der Hand gefallen.

»Simon«, begrüßte er mich. »Haben wir heute einen Termin?« Sein Blick fiel auf den Computermonitor. »Ich dachte eigentlich, ich hätte jetzt eine halbe Stunde Pause.«

Ich wartete nicht darauf, dass er mich dazu aufforderte, sondern setzte mich auf den Stuhl, auf der anderen Seite des Schreibtisches. Mein Arzt nahm die Füße vom Tisch, stellte die Tasse weg und sah mich mit sorgenvoller Miene an.

»Was ist los?«, fragte er dann nur.

»Nichts«, sagte ich und versuchte ein unbekümmertes Gesicht zu machen. »Ich wollte nur noch einmal vorbeikommen.«

Falsche Wortwahl. Die Sorgenfalten beim Doc wurden tiefer.

»Noch einmal vorbeikommen?«, wiederholte er misstrauisch. »Bevor...«

War ich so leicht zu durchschauen?

»Bevor ich in Urlaub fahre«, entgegnete ich.

»Urlaub?«

Wie gesagt, wir kannten uns lange, waren ungefähr im gleichen Alter und ich hatte ihm, zusätzlich zu meinen Krankheiten, oft mein Herz ausgeschüttet. Er war mein Arzt und Psychiater in einem. Oder sogar ein Freund.

Er hatte mir oft zu Urlauben geraten, aber ich hatte immer abgeblockt, weil ich mich körperlich nicht in der Lage fühlte. Natürlich wurde er jetzt stutzig. Und mein nächster Satz, der wahre Grund, warum ich eigentlich gekommen war, machte die Lage nicht besser.

»Hör mal«, sagte ich vorsichtig. »Ich würde gerne einen Organspenderausweis bekommen. Krieg ich den bei dir?«

Er sagte Sekunden lang nichts, beobachtete mich nur und ich fühlte mich immer unwohler. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, hierher zu kommen.

»Den kann man sich sogar im Internet runterladen«, meinte er dann nur.

»Mein Drucker ist kaputt«, schaltete ich wirklich schnell.

Der Doc öffnete eine Schublade und schob mir ein buntes Kärtchen über den Tisch. Ich wollte danach greifen, doch er zog es wieder weg.

»Sollte ich irgendetwas wissen?«, fragte er nur.

Ich schüttelte den Kopf. »Alles gut«, sagte ich. »Ich habe schon lange darüber nachgedacht und jetzt war ich einfach zufällig in der Gegend.«

Er schob die Karte weiter und ich nahm sie an mich. Nicht ohne tatsächlich ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

»Ich danke dir«, meinte ich und erhob mich. »Wir sehen uns dann in zwei Wochen, wenn ich neue Rezepte brauche.« Die Lüge kam mir nicht leicht über die Lippen.

Er stand auf und reichte mir die Hand.

»Wo soll es denn hingehen?«, fragte er.

»An die Ostsee«, meinte ich. »Alte Erinnerungen aufleben lassen.«

»Dann wünsche ich dir viel Spaß.«

Sein Händedruck war ein bisschen zu lang, sein Blick zu besorgt.

»Mach keinen Unsinn, Simon«, sagte er leise und ich schüttelte schnell den Kopf. »Ich doch nicht«, doch ich fürchtete, dass mich mein falsches Lächeln verriet. Also verließ ich fluchtartig die Praxis.

Draußen atmete ich tief durch. Das war schwerer gewesen, als gedacht. Es schien tatsächlich Menschen zu geben, denen ich etwas bedeutete.

Oder er wollte einfach als Arzt keinen Patienten verlieren. Machte sich schlecht in der Statistik.

Noch ein tiefer Atemzug, dann hatte ich mich soweit gefangen, dass ich meine Mission wieder aufnehmen konnte. Die nächsten Etappen würden einfacher werden.

Drei Straßenecken weiter hatte ich die Sparkasse erreicht. Ich ging ins Foyer und holte meine Karte aus der Brieftasche. Kontostand abfragen, Geld abheben, dann zum Bahnhof und eine Fahrkarte kaufen. Ab nach Hause, eine kleine Tasche packen und meine letzte Reise konnte beginnen.

Ich tippte den Code in den Kasten und mein Guthaben leuchte mir in großen Zahlen entgegen.

Dann wurde mir schwindelig.

Die Zahlen verschwommen vor meinen Augen und ich registrierte erst nicht, dass Tränen daran schuld waren.

Ich blinzelte sie weg, doch die Zahl änderte sich nicht.

54 Euro war alles, was mir an Geld noch zur Verfügung stand.

Und die Fahrkarte allein kostete fünfundneunzig Euro.

Mein gut durchdachter Plan geriet zum ersten Mal ins Wanken.

Gut, ich könnte meinen Dispo belasten, aber dann würde ich mit Schulden aus dem Leben scheiden und das kam mir seltsamerweise nicht richtig vor.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen, doch weil sich hinter mir schon eine Schlange bildete, blieb keine Zeit für längeres Nachdenken. Ich hob nicht alles ab, sondern nur fünfzig Euro, weil es immer gut war, etwas Reserve auf der hohen Kante zu haben, dann verließ ich das Gebäude und setzte mich wieder dem Sonnenschein aus.

Inzwischen war es richtig heiß, vielleicht kletterte das Thermometer wieder über dreißig Grad. An der Klimaerwärmung schien doch etwas dran zu sein, doch das sollte bald nicht mehr mein Problem sein.

Ich bemerkte, dass ich immer noch den Fünfziger in der Hand hielt und ich verspürte eine gewisse Fassungslosigkeit. Natürlich war ich nicht der große Sparfuchs und es war bereits Ende des Monats. Aber dass ich so blank war, damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich ging ein paar Schritte und setzte mich erstmal auf eine Bank.

Mein toller Plan rann mir durch die Finger. Frustriert schloss ich die Augen.

Ich wollte doch heute noch losfahren. Ein Auto hatte ich nicht, auf Grund meiner Krankheiten wollte ich nicht mehr fahren und meine finanzielle Situation tat ihr Übriges dazu. Das Krankengeld reichte gerade für die Miete, einen vollen Kühlschrank und den Luxus einer schnellen Internetverbindung nebst Sky, Netflix und den anderen üblichen Verdächtigen.

Mit dem Zug wollte ich mein Ziel erreichen und nun das.

Dabei hatte ich gestern, als ich den Brief schrieb, förmlich das Meer gerochen. Das Haus meiner Großeltern gesehen, in dem ich meine unbeschwerte Kindheit verbracht hatte.

Dann sind meine Eltern, wegen eines Jobangebotes, nach Mönchengladbach gezogen und ich wurde, ob ich wollte oder nicht, mit verschleppt.

Einige Sommerferien verblieben mir noch, bis Opa und Oma verstarben, seitdem hatte ich die Insel gemieden. Fast dreißig Jahre war ich nicht mehr dort gewesen. Nun gab es auch meine Eltern nicht mehr, ihr Tod hatte zu meiner Abwärtsspirale nicht unwesentlich beigetragen.

Hier hielt mich nichts mehr. Ich konnte mein Leben gar nicht wegwerfen, weil ich schon lange keins mehr hatte.

Aber das Bedürfnis noch einmal das Fleckchen Erde zu sehen, auf dem ich, wie es mir schien, zum letzten Mal so richtig glücklich gewesen bin, wurde riesengroß.

Noch ein letztes Mal das Meer sehen und riechen und dann eins mit ihm werden.

Ich öffnete die Augen. Gestern klang die Idee so einfach. Heute Abend hätte schon alles vorbei sein können und jetzt scheiterte ich am schnöden Mammon. Ich hätte kotzen können.

Langsam erhob ich mich und schlurfte niedergeschlagen nach Hause.

Musste der Plan halt noch ein paar Tage warten, bis neues Geld auf dem Konto war.

Aber ich wollte nicht warten, konnte es nicht. Ich musste aufbrechen, etwas tun. Weitere Stunden allein in meiner Bude würde ich nicht aushalten.

Zum Glück war niemand auf der Straße, als ich meine Wohnung erreichte. Von Sascha war nichts zu sehen, nur sein Fahrrad stand vor der Tür. Er hatte seine Runde, die eigentlich keine war, schon beendet.

Ich schloss auf, ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und entnahm ihm eine letzte Flasche Bier.

Langsam sah ich mich um. Würde ich mich in ein paar Tagen noch einmal aufraffen können?

Seltsamerweise hatte ich mich, nachdem ich meinen Entschluss gefasst hatte, so gut gefühlt, wie lange nicht mehr. Jetzt verflog die Euphorie mit jeder Minute und depressive Gedanken übernahmen die Vorherrschaft.

Also doch die Badewanne statt der Ostsee?

Nein, ein letztes Mal wollte ich etwas richtig machen. Und mein Vorhaben erschien mir richtig. Plötzlich wusste ich wie.

Ich holte eine Tasche aus meinem Schlafzimmerschrank, warf Ersatzklamotten hinein, ein paar Kekse, Deo und zwei Flaschen Wasser. Mein Blick fiel auf meine Medikamente. Sollte ich sie mitnehmen, damit ich mich gesund und munter umbringen konnte?

Ich schaffte es tatsächlich zu lächeln, als ich die Pillen in die Tasche warf. Dann ging ich wieder hinaus, schloss ein letztes Mal die Türe ab und warf den Schlüssel in den Briefkasten.

Ich hatte vorhin, als hätte ich da schon gewusst was ich vorhatte, registriert, dass Saschas E-Bike nicht abgeschlossen war.

Jetzt schaute ich mich nur kurz um, warf meine Tasche in den kleinen Anhänger, den Gedanken an Diebstahl über Bord und schwang mich in den Sattel.

Ein letzter Blick zurück, ein Tritt in die Pedale und meine letzte Reise begann...

Kapitel 2

Knapp sechshundert Kilometer mit dem E-Bike zurückzulegen war eine ziemlich verrückte Idee. Aber allein, um Sohnemann eins auszuwischen und bis zum nächsten Bahnhof zu fahren, war es allemal den Spaß wert.

Vorher hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie etwas geklaut. Nicht einmal als Kind. Und dies, obwohl meine Freunde aus Kindertagen bergeweise Wassereis hatten mitgehen lassen.

Ich befürchtete immer drakonische Strafen meiner Eltern. Dabei waren sie nie streng gewesen. Aber dieses Gefasel (Du sollst ein guter anständiger Junge werden) hatte sich in meinem Kopf festgesetzt. So blieb ich brav, anständig und unglücklich.

Der altbekannte Weg Richtung Stadt flog an mir vorbei. Entlang des vermüllten Feldwegs donnerten Gedanken meines vergangenen Lebens wild hin und her und ließen mich die Fahrt vergessen. Ich dachte an meine Kindheit, Jugend und die Zeit danach.

Alles begann doch so wunderbar. Wie konnte sich alles dermaßen geändert haben? Warum bestimmte das Schicksal über Wege, Planungen und Ereignisse? Der Hilferuf der Schwachen war stets nur ein Flüstern. Ein leiser Hauch, der das Mitleid derer hervorrief, die stark und vor allen Dingen gesund waren. Natürlich ist jeder seines Glückes Schmied, aber nur, solange das Feuer in der Esse brennt. Wenn die Glut nur noch ein Häufchen Asche war, war es das mit dem Glück.

Was für ein blöder Spruch, dachte ich und fuhr schnurstracks über eine rote Ampel. Ein silberner Toyota kam mit quietschenden Reifen kurz vor meinem geklauten E-Bike zum Stehen.

»Haben Sie noch alle Latten am Zaun?« Ein kräftiger Mann mit buntem T-Shirt und Bermuda-Jeans fiel förmlich aus der Tür und brüllte mir die Worte mit hochrotem Kopf entgegen.

»Sorry, nicht gesehen,« stammelte ich und versuchte mich vom Schreck zu erholen.

»Nicht gesehen, dass die Ampel rot ist?«, fragte der Mann und schoss direkt hinterher: »Sie können froh sein, dass ich noch rechtzeitig bremsen konnte.«

Wäre auch nicht schlimm gewesen, hätte ich beinahe gesagt, schluckte die Bemerkung allerdings herunter. »Alles gut. Tut mir leid. Das haben Sie ganz toll gemacht,« sagte ich und überschüttete den Kerl, der mir gerade das Leben gerettet hatte, mit einer gehörigen Portion Zynismus.

»Wollen Sie mich etwa verarschen?« Der Mann kam näher. Er war mindestens einen Kopf größer als ich, hatte eine Glatze und wirkte, trotz des bekloppten bunten Hemdes, recht durchtrainiert. Dass sich hinter seinem Wagen eine Schlange bildete und die ersten Ungeduldigen hupten und weiterfahren wollten, schien ihn nicht wirklich zu stören.

Ich weiß nicht was mich geritten hatte, doch mit einem Mal wurde ich ungewohnt selbstsicher. Mit dem Gefühl, dass mir eigentlich alles völlig egal sein konnte, antwortete ich ihm: »Und jetzt? Wollen Sie mir eine reinhauen?«

»Was? Hör mal, du wabbeliger Fettsack. Ich habe es eilig. Normal hau ich dich so um, dass es für dich kein Morgen mehr gibt.«

Welch eine Ironie. Ich lächelte und die Glatze wurde langsam unsicher.

»Sag mal, bist du besoffen?«

Ich antwortete ihm nicht, lächelte nur und fuhr weiter. Möglich, dass er heute noch da steht. Es war doch alles so belanglos. Was sollte schon passieren?

In der Nachbetrachtung wäre ich bei meinem Glück, an jedem anderen Tag wahrscheinlich im Krankenhaus gelandet. Querschnittsgelähmt, unfähig mich umzubringen. Der Worst Case. Das wäre typisch gewesen. Herrgott, es gab wirklich Leute, denen es noch dreckiger ging. Wahrscheinlich aber waren diese Leute nicht so depressiv. Wie sonst hätte man mit so einem Schicksalsschlag umgehen können? Und da waren sie wieder, die Starken und die Schwachen. Leider gehörte ich zur letzteren Kategorie.

Die Sonne brannte vom Himmel. Ein Vormittag im Mai glich inzwischen einem Vormittag im Hochsommer. Nicht einmal eine Kappe hatte ich eingepackt. Meine dichte schwarze Haarpracht, die mir sonst immer ziemlich auf den Wecker ging, weil sie so schlecht zu bändigen war, rettete mich davor, dass ich mir den Schädel verbrannte.

Eigentlich wäre dies ein perfekter Tag gewesen, um einen Ausflug zu starten, ließ man die Umstände außer Acht. Sonne, ein leichter Wind, Wiesen, Felder, kleine Wäldchen, alles was mir in den letzten Jahren verborgen geblieben war, lachte mich nun an. Vielleicht aber lachte mich die Natur auch nur aus. Haha, guck dir mal den Dicken auf dem Fahrrad an. Meine leicht halluzinierenden Gedanken führten dazu, dass ich glaubte, in einiger Entfernung Bäume zu sehen, die ihre Krone zusammenschoben und über mich redeten. Ich musste diesen Verfolgungswahn loswerden, dieses Gefühl ständig beobachtet zu werden. Immer die Ahnung zu haben, dass irgendjemand, der mich sah, lästerte, sich hinter meinem Rücken gnadenlos schlecht über mich ausließ. Aber es war so oder so zu spät. Mir konnte jegliches Lästern, jede Beobachtung meiner Person vollkommen gleichgültig sein, denn schließlich würde ich nicht mehr lange auf dieser kaputten Welt verweilen.

Ich fuhr, wie ich annahm, Richtung Nordosten, Richtung Ostsee. Mein Ziel: Je weiter ich in diese Richtung fahre, umso günstiger würde das Zugticket werden. Mein Handy, der moderne Kompass, beließ ich in der Hosentasche.

Inzwischen kannte ich die umliegenden Feldwege nicht mehr. Plötzlich lief mir ein Mann in grüner Latzhose schreiend entgegen. »Die Kuh, verdammt! Ich brauche Ihr Rad.«

»Die Kuh?«, wiederholte ich verdutzt.

»Meine Kuh, die gerade an Ihnen vorbeigerannt ist.«

Nachdenklich sah ich mich um und sah in einiger Entfernung eine Kuh, die sich in gemäßigtem Trab immer weiter von uns entfernte. »Oh«, fiel mir als einzig Sinnvolles ein.

»Kann ich Ihr Fahrrad haben?«

»Ähh, klar«, antwortete ich, mit der Situation immer noch überfordert. Ich stieg ab und drückte der Latzhose das E-Bike in die Hand.

Ohne ein weiteres Wort packte der Mann das Rad und nahm die Verfolgung auf. Kurz blickte ich ihm hinterher und hoffte, dass er die Kuh irgendwie zum Stillstand bekommen würde.

Dann tippte mich jemand an. Ich drehte mich um und blickte in glückliche, dankbare Augen.

»Lieb von Ihnen, dass Sie meinem Mann ihr Fahrrad geliehen haben.« Eine kleine rundliche Frau mit einer hellblauen Schürze stand vor mir.

»Kein Problem, das ist doch selbstverständlich«, meinte ich ehrlich.

»Das glaube ich Ihnen. Sie haben treue Augen.«

Treue Augen? Das hatte noch nie jemand zu mir gesagt. Ich glaubte ihr trotzdem, mir jedoch weniger. Treue? Ich bin nie in die Verlegenheit gekommen untreu zu werden. Vielleicht meinem Arbeitgeber, weil ich ihn durch meine Krankheit im Stich gelassen hatte, aber war das Untreue? Ich fühlte mich dadurch schlecht, das stimmte. Schließlich und insoweit konnte ich die Aussage der Frau bestätigen, besaß ich ein wenig Anstand. Aber wirklich treu?

»Wollen Sie auf ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee reinkommen?«

Überrascht sah ich mich um, was sie sofort bemerkte. »Wir haben einen Bauernhof, direkt hier am Feld.«

Sie zeigte zur Seite, drehte sich um und ging los. »Kommen Sie!«, sagte sie lachend. Diese Frau hatte die Lebensfreude, die mir abhandengekommen war. Sie schien nicht viel auf Äußerlichkeiten zu geben. War mit dem zufrieden, was sie hatte, wahrscheinlich frei von jeglichem medialen Einfluss und sämtlichen Süchten und Beeinflussungen, die damit einhergingen. Zumindest war dies mein Eindruck.

Ich folgte ihr.

Nach etwa hundert Metern standen wir mitten in einem wunderschönen Gutshof. Kühe muhten aus einem Stall in der Nähe und ein paar Hühner liefen frei umher und pickten auf dem Boden herum.

»Urig«, befand ich.

»Schöner ist es nirgendwo.«

Mein Eindruck schien sich zu bestätigen. Die Bäuerin war das Paradebeispiel eines zufriedenen Menschen und ein Leuchtturm mitten in rauer See, auf der sich Leute wie ich befanden, die ziellos auf ihrem alten Kahn dem Untergang geweiht waren. Leider, und so viel stand fest, würde ihr Licht mich nicht davon abhalten an den Klippen zu zerschellen.

»Das glaube ich Ihnen.«

Sie ging voran. Ich folgte ihr, durch eine offenstehende Holztür, in ein rot verklinkertes Haus, an dessen Fensterbänken herrlich bunte Blumen in grünen Kästen ausufernd nach unten rankten.

»Setzen Sie sich doch.«

»Danke!« Ich nahm an einem alten, grob behauenem Holztisch Platz, auf dem ebenfalls bunte Blumen in bauchigen Vasen blühten. »Sie scheinen Blumen zu lieben«, rief ich der Bäuerin hinterher, die in einem Nebenraum verschwunden war.

»Oh ja. Alles was leuchtet, was Farbe hat, liebe ich.«

Klirrendes Geschirr verriet mir, dass die gute Dame dabei war mir etwas Gutes zu tun.

»Sie brauchen sich wegen mir keine Umstände zu machen.«

»Aber das mache ich doch gerne«, sagte sie und betrat den Raum mit einem übergroßen Stück Apfelstreusel und einer dampfenden Tasse Kaffee, serviert auf, wie sollte es anders sein, knallbuntem Porzellan.

»Hui«, sagte ich erstaunt. »Das am Vormittag.«

»Ist es Ihnen nicht recht?«

Ich zögerte etwas. Mein Zuckerwert würde in astronomische Höhen schießen, aber auch das war völlig egal. Also antwortete ich: »Alles bestens. Das sieht sehr, sehr lecker aus.«

Nun lachte die Frau. »Ich fasse das mal als Kompliment auf. Hoffentlich schmeckt es auch so gut, wie es aussieht.«

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, verschwand meine Kuchengabel mit dem ersten dicken Stück in meinem Mund. Ich neigte oft zu Übertreibungen und mir gingen wirklich nicht schnell die Superlative aus, aber zu diesem Kuchen fiel mir kaum noch etwas ein. Sensation, wäre wohl passend gewesen, doch selbst das war eine maßlose Untertreibung. Noch nie hatte ich einen so leckeren Kuchen gegessen.

»Und, schmeckt es Ihnen?«, fragte sie und sah mich mit erwartungsvollen Augen an.

Ich war kaum in der Lage einen ordentlichen Satz zu formulieren. Als hätte man einen Schalter umgelegt, hatte ich in den Genießermodus umgeschaltet, beinah unfähig zu sprechen.

»Un-glaub-lich!«, jubelte ich als Meister der Silbentrennung mit vollem Mund.

Wieder lachte die Frau und wies daraufhin, dass ich auch noch eine Kanne Kaffee auf dem Tablett stehen hatte. Also schenkte ich mir aus dem bunten Porzellan einen Kaffee in die Tasse und veredelte ihn üppig mit Kondensmilch und Zucker.

Höchstwahrscheinlich hätte mich mein Diabetologe erschlagen, was man in meiner Situation allerdings als Sterbehilfe hätte durchgehen lassen können.

»Darf ich fragen, was sie hier in diese Gegend treibt?« Die Dame des Hauses setzte sich mir gegenüber an den Tisch.

»Nun«, nur ungern wollte ich die nette Frau belügen. »Ich hatte mich zu einer Radtour aufgemacht und da ich heute nichts Besseres vorhatte, bin ich einfach drauflos gefahren und hier gelandet.« Naja, es war die ein wenig ausgeschmückte Wahrheit, aber ich wollte eine so freundliche Person nicht verunsichern.

Sie nickte lächelnd. »Ich hatte eben gesagt, dass Sie treue Augen haben. Ihre Augen sagen aber auch etwas von Trauer. Ich hoffe, Ihnen geht es gut.«

Zugegeben, es wurde ein wenig spooky. Dass sie den besten Kuchen gebacken hatte, schien mir schon ein kleines Wunder zu sein. Dass sie über hellseherische Fähigkeiten verfügte, versetzte mich in Erstaunen.

»Danke, es geht mir gut«, log ich nun doch. Sie nickte und verschwand wieder in der Küche.

Genüsslich ließ ich mir den Streuselkuchen schmecken, als plötzlich der Mann den Raum betrat, der eben noch mit dem E-Bike die Kuh verfolgt hatte. Ohne ein Wort zu sagen, ging er an mir vorbei und verschwand in einem Raum hinter dem Esszimmer. Verdutzt hörte ich damit auf, den Kuchen in mich hineinzuschaufeln. Hatte ich etwas Falsches getan?

Nach ein paar Sekunden betrat der Mann mit der Latzhose wieder das Zimmer und setzte sich mir gegenüber an den Tisch.

»Danke, dass sie mir ihr Rad geliehen haben. Die Kuh ist wieder auf der Wiese.«

Das Alter des Mannes war schwer zu schätzen. Alles an ihm sah nach harter Arbeit aus. Die sonnengegerbte Haut, das breite Kreuz und die kräftigen, Schwielen behafteten Hände, die er mir entgegenstreckte. »Mein Name ist Ansgar Waldhaus und wie ich sehe haben Sie sich schon mit meiner Frau Sandra bekannt gemacht.« Er deutete auf das Stück Kuchen und grinste, wobei sich die Falten um seine Augen wie eine Ziehharmonika zusammenzogen.

Ich stand auf und drückte seine Hand. Wobei ich genauso gut ein Stück Stahl hätte drücken können. »Sehr erfreut, Simon Winkel mein Name«, stellte ich mich vor.

Sandra kam aus der Küche gerannt und stellte Ansgar ein Stück Kuchen vor die Nase, welches ähnliche Ausmaße hatte wie das, welches ich gerade aß. Mir kam es so vor als hätte der Herr des Hauses jahrelang gehungert, so schnell schlang er den Kuchen hinunter. »Gerne noch eins«, sagte er zu Sandra und reichte ihr den Teller entgegen, während ich mit dem ersten Stück immer noch zu kämpfen hatte. Etwas überrascht nahm ich zur Kenntnis, dass Ansgar kein Gramm zu viel auf den Rippen hatte, was man von mir wahrlich nicht behaupten konnte.

»Sie haben aber einen gesegneten Appetit.«

»Wer viel arbeitet, darf auch viel essen«, antwortete er mir knapp und das nächste Stück landete, wie von Zauberhand, vor seiner Nase. Es war ähnlich schnell in seinem Mund verschwunden, wie das Erste. Dann atmete er tief ein und aus und ließ sich gegen die Rückwand fallen. »Das war lecker.« Ansgar musterte mich kurz. »Simon, darf ich Simon sagen?«

»Natürlich.«

»Simon, Sie haben eine meiner Kühe gerettet. Ohne Sie wäre das Tier vermutlich bis zur naheliegenden Landstraße gelaufen und dann …« Er schüttelte den Kopf. » … dann hätte es einen Unfall geben können.«

»Nun ja, ich habe schon zu Ihrer Frau gesagt, dass es eine Selbstverständlichkeit ist.«

»Sagen Sie bitte Ansgar.«

Nickend nahm ich sein Angebot zur Kenntnis.

»Noch jemand einen Kaffee?«, rief Sandra aus der Küche.

Aus Anstand sagte ich nichts, doch Ansgars zustimmendes Grinsen ließ mich rufen: »Natürlich, sehr gerne.«

»Für mich auch,« sagte der Hagere und rieb sich die Hände. »Ich habe ihren Akku in den Nebenraum gelegt.«

Fragend schaute ich ihn an.

»Ihr Akku. Er war so gut wie leer. Ich lade ihn gerade für Sie auf, Simon.«

Der Akku. Soweit hatte ich gar nicht gedacht. Wahrscheinlich hätte ich in einigen Kilometern richtig treten müssen.

»Okay, das ist aber sehr aufmerksam von Ihnen, Ansgar.«

»Das ist ein außergewöhnlich gutes E-Bike. Sandra und ich haben auch welche, aber bei weitem nicht diese Qualität. Wenn ich unsere Akkus auflade, dann braucht das eine ganze Zeit und wir können etwa fünfzig Kilometer fahren. Bei Ihnen, Simon, lädt der Akku vielleicht eine Stunde bei der doppelten Reichweite.«

Verblüfft hob ich die Augenbrauen. »Sie scheinen sich ja gut mit E-Bikes auszukennen.«

»Nun, bevor wir uns welche gekauft haben, habe ich mich gründlich informiert.«

»Klar, dass sollte man auch«, antwortete ich scheinheilig. Es sollte nicht unbedingt auffallen, dass ich nicht über technisches Wissen verfügte. Zum Glück ging Ansgar nicht weiter darauf ein.

Nachdem wir unseren Kaffee getrunken hatten und Sandra mit dem Wegräumen des Geschirrs beschäftigt war, nahm mich Ansgar mit und zeigte mir den Hof der Waldhausens.

Das Anwesen hatte einiges zu bieten. Neben Kühen, Schweinen und ein paar Hühnern bewirtschaftete die Familie auch noch zwei große Felder, die in diesem Jahr Weizen und Roggen trugen. Außerdem, so erfuhr ich, hatten sie eine Tochter und einen Sohn, die beide allerdings schon vor Jahren ausgezogen waren. Der Sohn lebte in Amerika. Er hatte hier Medizin studiert und arbeitete dort nun in einem großen Labor, das sich mit den Auswirkungen pandemischer Prozesse befasste. Die Tochter wohnte in Berlin und arbeitete dort als Vermögensberaterin. Sie hatte ebenfalls studiert, erzählte mir Ansgar stolz.

Natürlich stellte er mir persönliche Fragen, aber ich versuchte meine Antworten weitestgehend zu umschreiben. Ich log. Aber ich log milde und schon gar nicht großkotzig oder bösartig. Was hätte ich ihm auch erzählen sollen? Ich bin ein kranker Diabetiker, der schon seit Jahren nicht mehr arbeitet und nun mit einem geklauten E-Bike Richtung Ostsee fährt, um sich umzubringen? Das hörte sich wirklich zu doof an. Außerdem … alles was dieser Mann geschaffen hatte, blieb mir verwehrt. Gab es da nicht diesen Spruch? Du sollst ein Haus bauen, einen Baum Pflanzen und Kinder in die Welt setzen. Nichts von dem hatte ich auch nur im Ansatz geschafft. Ich war ein Taugenichts und so nett wie diese Bauernfamilie sich gab, mir ging das alles zu weit. Ich fühlte keinen Neid, aber eine Ablehnung jeglichen Erfolgs. Wenn Leute mit ihren Kindern prahlten, schaltete ich auf Durchzug. Mir war es schlichtweg gleichgültig. Jegliche Form von Statussymbolen war mir fremd. Die ganzen Autoposer, Firmenbesitzer. Die, die jemanden Besonderen kannten und damit hausieren gingen. All das fand ich abstoßend.

Somit hatte Ansgar, ohne es zu wollen, bei mir einen wunden Punkt getroffen. Ich spielte weiter den netten Gast, ließ ihn reden, wobei ich mir wirklich Mühe gab, seine Errungenschaften als erreichtes Ziel zu würdigen. Doch wie so oft sprach mein Kopf eine andere Sprache wie die, die aus meinem Mund kam. Und in diesem Fall tat es mir leid, weil sich die beiden wirklich Mühe gaben gute Gastgeber zu sein. Mir wurde mit einem Schlag bewusst, warum ich diese Reise angetreten hatte und warum ich dem Ganzen ein Ende setzen musste. Ich war einfach ein Griesgram, sah nur das Schlechte und bemühte mich gut zu sein. Alles verstellt, nicht echt. Ich lebte eine Lüge.

Als ich wieder losfuhr, standen Sandra und Ansgar eng umschlungen vor der Haustür und winkten mir zum Abschied.

»Vielen Dank für den Kuchen, den Kaffee und das Aufladen«, rief ich zurück.

Der Weg Richtung Ende hatte mich wieder. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, einmal das Gute im Menschen zu sehen, hatte sich durch meine schlechten Gedanken in Luft aufgelöst. Gedanken: Schranken in meinem Kopf. Die mein Leben bestimmten und mir nicht die Wahl ließen, frei oder einfach nur ich zu sein.

Kapitel 3

Ich trat kräftig in die Pedale, um möglichst viel Raum zwischen mich und die Waldhausens zu bringen. Ich floh förmlich aus ihrer heilen Welt, die mir all das gezeigt hatte, was ich nicht hatte und nie haben würde.

Meter um Meter brachten mich weg von Dingen, die sich mir nie erschlossen hatten.

War es doch Neid? Warum hatten manche Menschen einfach nur Glück und anderen schien das Pech für immer an den Schuhen zu kleben?

Mir fiel dieses blödsinnige Märchen ein, indem Goldmarie und Pechmarie ihr Unwesen trieben. War es Frau Holle gewesen? Ich konnte es nicht mehr genau sagen. Ich wusste nur noch, dass die Moral der Geschichte war, dass man sich Glück erarbeiten musste.

Aber war das wirklich so? Hatte ich nicht alles versucht, um ein brauchbares Mitglied dieser Gesellschaft zu werden?

Oder war uns alles vorbestimmt? War unser Weg von unserer Geburt an festgelegt? Ein schöner und einfacher Gedanke. Denn wenn es so wäre, dann könnte man die Hände in den Schoß legen und sagen: Ich kann überhaupt nichts für meine Misere. Dieses miese Schicksal ist schuld.

Doch so war ich nicht. Im Gegenteil. Jede meiner Handlungen, die zu meinem traurigen Dasein geführt hatten, hatte ich tausendfach hinterfragt. Und mir immer wieder eingestehen müssen, dass ich an Weggabelungen oft die falsche Abzweigung genommen hatte.

Der Gedanke erinnerte mich an mein aktuelles Problem. Ich hatte meine Flucht vor der heilen Welt recht kopflos angetreten und als ich jetzt etwas langsamer fuhr, bemerkte ich, dass ich nicht den kleinsten Schimmer hatte, wo ich mich befand.

Ich hielt an und blickte mich um.

Aber auch das brachte mich nicht weiter. Keine Schilder in Sicht, nur ein asphaltierter Feldweg, Felder, Wiesen und ein kleines Wäldchen.

Ich stieg vom Rad und bemerkte erstaunt, dass mir jetzt schon mein verlängertes Rückgrat wehtat. Dabei war ich, summa summarum, noch keine zwei Stunden im Sattel. Wie hielten das diese Irren bei der Tour de France eigentlich aus? Klar, Doping. Eine Sache, die mir, trotz aller Medikamente, die ich mit mir führte, nicht zur Verfügung stand.

Ich angelte meine Tasche aus dem Fahrradanhänger, nahm eine Flasche Wasser heraus und tat einen kräftigen Schluck. Dann blickte ich mich noch einmal um.

Was, zum Henker, tat ich hier eigentlich? Welcher Wahnsinn hatte von mir Besitz ergriffen? Wollte ich tatsächlich 600 Kilometer bis zur Ostsee radeln?

Es dauerte einen Moment, bis ich mich wieder im Griff hatte.

Nein, diese Distanz wollte ich nicht auf diesem unbequemen Sattel zurücklegen. Ich hatte nur einfach losgewollt und mich unüberlegt auf den Weg gemacht.

In zwei oder drei Tagen würde neues Geld auf meinem Konto sein und dann würde ich die restliche Strecke mit der Bahn zurücklegen.

Was in meiner jetzigen Situation aber bedeutete, dass ich noch mindestens zwei Tage und, was noch viel schlimmer war, zwei Nächte unterwegs sein würde.

Was hatte ich mir nur dabei gedacht?

Um bei der Wahrheit zu bleiben: Nichts!

Trotzdem wollte ich erfahren, wo ich mich eigentlich befand und angelte mein Handy aus der Tasche.

Es war ein relativ neues Modell, erst drei Monate alt und die Akkulaufzeit war zum Glück noch in Ordnung. Stand jetzt 94%. Aber ich hatte auch noch eine Powerbank bei mir, die mir noch drei oder viermaliges Aufladen gestattete. Des Handys natürlich, für das E-Bike würde es nicht reichen.

Ich schaltete Google Maps, nebst GPS ein und erfuhr schnell, dass ich mich auf dem Weg nach Krefeld befand.

Okay, dafür musste ich noch fünfzehn Kilometer hinter mich bringen, aber die grobe Richtung stimmte schon mal.

Und von Krefeld an die Ostsee war es ja quasi nur noch ein Katzensprung.

Ich durchsuchte noch einmal meine hastig gepackte Tasche. Zwei T-Shirts, eine kurze Hose, Unterwäsche, Ladegerät fürs Handy, eine Jacke, Kekse und jetzt nur noch eineinhalb Flaschen Wasser.

Ich überlegte kurz, ob ich meine lange Jeans gegen die kurze Hose tauschen sollte, entschied mich aber dagegen.

Noch ein kurzer Schluck aus der Flasche und dann wieder zurück in den Sattel.

Mein Hintern protestierte sofort, aber auf Einzelschicksale konnte ich keine Rücksicht nehmen.

Mein Handy gab die Richtung vor und ich folgte.

Ich achtete nicht darauf wie viele Kilometer ich schaffte, wollte mich nicht selbst entmutigen. Natürlich war ein E-Bike bequemer zu fahren als ein gewöhnlicher Drahtesel, aber ich musste mir selbst eingestehen, dass mich dennoch jeder Tritt anstrengte. In den letzten Jahren war die größte Entfernung, die ich zurückgelegt hatte, die Meter zwischen Couch und Kühlschrank gewesen. Kondition hatte ich dabei nicht aufgebaut.

Eine Dame mit Hund kam mir entgegen und sie musste schon von weitem mein Keuchen gehört haben. Sie hielt sich nicht mit einer Begrüßung auf, sondern rief mir nur ein besorgtes: »Geht es Ihnen gut?«, zu.

Ich winkte nur, unfähig zu sprechen und quälte mich an ihr und ihrem mitleidig blickenden Hund vorbei.

Was hätte ich ihr auch sagen sollen? Bin unterwegs zur Ostsee, um mein Leben zu beenden?

Sie hätte mir nicht geglaubt. Sah ich doch eher danach aus als würde ich schon in den nächsten fünf Minuten tot vom Fahrrad fallen.

Als die Dame nicht mehr zu sehen war, ging ich noch weiter vom Gas.

Nur ganz anhalten wollte ich nicht, weil mir klar war, dass ich dann nie wieder weiterfahren würde.

Trotzdem wurde mein Gehirn wieder etwas besser mit Sauerstoff versorgt und sofort meldete es Probleme an.

Es konnte nicht ewig dauern, bis es dunkel wurde und ich musste eine billige Unterkunft finden. Mit fünfzig Euro schied eine Suite im Hilton jedenfalls aus.

Ich kam jetzt an vereinzelten Häusern vorbei, Vorboten vom wunderschönen Krefeld Forstwald.

Ich war noch niemals hier gewesen, es sah jedoch nicht so aus, als würde hier Gasthaus an Gasthaus und Hotel an Hotel stehen. Ich fürchtete es gab nicht einmal eine Jugendherberge.

Mir war allerdings auch klar, dass ich heute nicht weiterkommen würde. Meine Oberschenkel schmerzten. Meine Arme zitterten so stark, dass ich Schlangenlinien fuhr und mein Gesicht brannte von Sonne und Fahrtwind. Nur mein Hintern meldete sich seit gut einer Stunde nicht mehr. Wahrscheinlich war er abgestorben.

Sollte ich einfach anhalten, an einer Tür klingeln und nach einer Bleibe für eine Nacht fragen?

Die würde ich sicherlich bekommen. Allerdings in einer Polizeizelle.

Schon wurden die Häuser wieder spärlicher und ich durchfuhr ein kleines Waldstück. Der Schatten tat gut, ein kühles Lüftchen wehte, nur die Sicht war nicht besonders gut, weil sich helle und dunkle Flecken stetig abwechselten.

Oder mein Kreislauf versagte schon.

So genau konnte ich es nicht sagen, aber es war wenigstens eine kleine Entschuldigung dafür, dass ich beinahe einen Mann umfuhr.

Ich bremste, hätte es aber nicht mehr geschafft, rechtzeitig zum Stehen zu kommen, doch der Mann hatte hervorragende Reflexe und sprang von der Straße ins Unterholz.

Als das Fahrrad endlich anhielt, sprang ich ab und wollte nach dem Rechten sehen, doch meine Beine machten nicht mehr mit.

Plötzlich hatte ich stechende Schmerzen und schien keinen Schritt mehr machen zu können.

Meine Augen flimmerten und die hellen und dunklen Flecken blieben. Schien vielleicht doch der Kreislauf zu sein.

Der Mann kam wieder auf die Straße und jetzt bemerkte ich erst, dass es zwei waren. Oder sah ich schon doppelt oder halluzinierte?

Ich richtete mich auf Ärger ein, wollte eine Entschuldigung brabbeln, aber mein Mund war plötzlich so ausgetrocknet wie die Wüste Gobi und meine Zunge schien auf die doppelte Größe angewachsen zu sein.

»Ich, also ich...«, schaffte ich doch noch irgendwie, dann versagten mir meine Beine völlig den Dienst.

Ich sah noch den staubigen Asphalt auf mich zukommen, dann wurde es dunkel.

Ich erwachte. Jedenfalls glaubte ich es. Vorsichtig öffnete ich die Augen, doch die Dunkelheit blieb.

Ich bemerkte, dass ich nicht mehr auf dem asphaltierten Feldweg lag, sondern auf weichem Waldboden. Jemand hatte mir meine Tasche als Kissen unter meinen Kopf geschoben und mich mit meiner Jacke zugedeckt.

Eigentlich ganz gemütlich, trotzdem wollte irgendetwas in mir wissen, was hier vor sich ging.

Vorsichtig richtete ich mich auf und sah nicht weit von mir zwei Gestalten sitzen. Offensichtlich hatte man nicht vor, mich zu berauben, denn auch mein Fahrrad stand in der Nähe.

Ich zog die Beine an und ging in die Hocke. Es war Nacht, aber Sterne und Mond lugten durch Baumkronen und ich konnte die Szenerie überblicken.

Mein Stöhnen blieb nicht ungehört und einer der Männer blickte zu mir herüber.

»Oh«, machte er nur und stupste seinen Kameraden an. »Unser Patient ist erwacht.« Er grinste und im Mondlicht blitzten seine strahlend weißen Zähne.

»Komm rüber, setz dich zu uns«, forderte der andere mich auf und ich kam seinem Wunsch nach.

Wieder stöhnte ich, als meine Knie knackend protestierten und meine Oberschenkelmuskulatur in Flammen aufging.

Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, schleppte mich näher an die beiden heran und ließ mich sofort wieder fallen, wie ein nasser Sack.

»Wie geht es dir?«, fragte einer der beiden und ich versuchte cool abzuwinken. »Muss«, sagte ich knapp, aber sie brauchten keine Hellseher zu sein, um meine Lüge zu durchschauen.

Ich musterte meine Retter und wunderte mich gleichzeitig über diese völlig irreale Situation. Normalerweise hätte mir die Begegnung mit Fremden Unbehagen bereiten müssen. Noch vor ein paar Stunden hätte ich vermutlich Angst gehabt. Jetzt war ich vollkommen ruhig. Was sollte mir auch schon passieren? Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen. Nichts konnte mir etwas anhaben. War das eine seltsame Art von Freiheit?

Mir fiel ein alter Song ein. Me and Bobby McGee von der genialen, viel zu früh verstorbenen Janis Joplin. Okay, eigentlich hatte Kris Kristofferson das Ding verbrochen, aber die Version von Janis war die bekanntere. Schwamm drüber!

Freedom's just another word for nothing left to lose, heißt es darin.

Hatte ich diese Freiheit erreicht, weil ich wirklich nichts mehr zu verlieren hatte? Außer dem bisschen Leben natürlich.

Meine Gedanken kreisten.

»Kannst du auch reden?«, wurde ich wieder angesprochen. Ich war in letzter Zeit so wenig unter Leuten gewesen, dass es mir gar nicht mehr auffiel, dass ich nur in Gedanken unterwegs war.

»Doch, doch«, machte ich dann nur und blickte mich um. Jetzt erst bemerkte ich vier Balken, die senkrecht in die Höhe wuchsen und weit über mir eine Decke aus Holzbrettern.

»Das ist ein Hochstand, für die Jagd«, meinte einer meiner neuen Freunde, der meinen ratlosen Blick bemerkt hatte.

Langsam fand ich meine Stimme wieder. »Danke, dass ihr mir geholfen habt«, sagte ich und fand es gar nicht mehr seltsam wildfremde Menschen zu duzen.

Jetzt hatte ich die Gelegenheit, meine Retter näher zu betrachten. Der eine war klein, aber unglaublich kräftig gebaut. Mit blonden kurzen Haaren und einem gestutzten Vollbart. Der Zweite war hager und groß, mit einer lockigen Matte, wie Wolle Petry zu seinen besten Zeiten und einem wilden Vollbart, der ihm bis auf die Brust fiel. Beide trugen schwarze Cordhosen, weiße Hemden unter einer schwarzen Weste, grobe Schuhe und breitkrempige Hüte lagen an ihren Seiten.

»Ihr seid auf der Walz«, es war keine Frage von mir, sondern eine Feststellung und ich war verdammt stolz auf meine Scharfsinnigkeit.

Der Blonde nickte und zeigte wieder sein Zahnpastalächeln. »Wenn das die eine Million Euro Frage gewesen wäre, dann bräuchtest du dir über deine finanzielle Situation jetzt keine Gedanken mehr zu machen.«

»Ich dachte so etwas gibt es gar nicht mehr«, meinte ich und fühlte mich sofort gar nicht mehr so klug.

»Ist ein aussterbender Brauch«, meinte der Lockige mit einer tiefen Bassstimme. »Aber wir halten die Fahne hoch.« Er streckte mir die Hand hin. »Ich bin Hans Zimmer, der Zimmermann«, meinte er und bellte lachend.

»Hans Zimmer, der Zimmermann«, wiederholte ich doof.

»Ist tatsächlich wahr«, meinte sein Kumpel. »Und er hängt den Zimmermann immer an, damit er nicht mit dem erfolgreichen Filmkomponisten verwechselt wird.«

Okay, von dem hatte sogar ich schon mal gehört.

»Ich bin übrigens Franz Heese«, ergänzte der Blonde und jetzt musste ich tatsächlich schmunzeln.

»Hans und Franz«, ich konnte es kaum fassen.

»Ja«, grinste der Schlacks. »Wie die Möpse von Heidi Klum.« Und wieder ließ er sein bellendes Lachen hören.

Wenigstens würde er damit eventuelle wilde Tiere in die Flucht jagen.

»Ich bin Simon«, stellte ich mich vor. »Simon Winkel.«

Ich schüttelte beiden die Hand.

Der Blonde zeigte auf einen kleinen Gaskocher, der vor ihm stand und hielt plötzlich, wie von Geisterhand, eine kleine Dose Ravioli in den Fingern.

»Hunger?«

Mein Magen knurrte zur Antwort, lauter als das Lachen des Lockigen. Mein letztes Mahl war der Kuchen der netten Bauersleute gewesen und das schien Jahre her.

Er öffnete die Dose, schnippte den Gaskocher an und platzierte den Blechbehälter darauf.

»Du bist auf der Reise?«, keine Frage des Blonden, sondern ebenfalls eine Feststellung. Er deutete auf meine Tasche. »Sorry«, sagte er, »aber wir haben deine Sachen durchsucht, weil wir wissen wollten, ob du irgendwelche Krankheiten hast und Tabletten brauchst.« Sein Kumpel lachte. »Dann haben wir dein Medikamentensammelsurium entdeckt und, da wir beide nicht Medizin studiert haben, beschlossen wir, dir nichts zu geben.« Er wurde ernst. »Aber du solltest vielleicht mal deinen Zucker messen.« Hans zuckte die Achseln. »Meine Mutter ist auch Diabetikerin und ich weiß, dass damit nicht zu spaßen ist.«

»Nach dem Essen«, meinte ich und erinnerte meine Freunde an die Dose, die mittlerweile einen angenehmen Geruch verströmte.

Franz stellte den Kocher aus, wickelte das heiße Blech in einen Lappen und reichte es mir, nebst Löffel.

»Ist meiner«, sagte er entschuldigend, »wir waren nicht auf Besuch eingestellt, sonst hätten wir das gute Porzellan mitgenommen.« Er grinste wieder. »Ich hab keine ansteckende Krankheiten«, meinte er noch.

Ich nickte nur freundlich und begann damit, die Nudeltaschen in mich hineinzuschaufeln. Es war kein First-Class Menü, aber es war warm und sättigte. Herz, was willst du mehr.

»Verpfeif uns bloß nicht bei der Innung«, meinte Hans dann. »Ein Gaskocher ist eigentlich nicht erlaubt.«

»So strenge Regeln?«, fragte ich nur und hatte damit einen wahren Redefluss angestoßen.

Während ich mir die Ravioli einverleibte, bekam ich einen kleinen Einblick des Lebens auf der Walz. Es war schwer Arbeit zu finden, Geld war immer knapp, nur wenige Gasthäuser nahmen Handwerker auf und ließen sie gegen kleine Reparaturarbeiten bei sich wohnen. Die beiden Männer, die allenfalls Mitte Zwanzig waren, trauerten der guten alten Zeit nach. Echt witzig.

»Und trotzdem zieht ihr es durch?«

»Klar. Wir sind schon zweieinhalb Jahre unterwegs. Den Rest der drei Jahre und einen Tag schaffen wir auch noch. Dann geht es ab nach Hause.«

»Und das ist wo?«

»In der Nähe von Bremen.«

Ich zuckte ein wenig und Hans deutete es richtig. »Liegt das auf deiner Route?«

»Irgendwie schon. Ich will an die Ostsee.«

»Mit dem Fahrrad? Mit Verlaub gesagt, du siehst jetzt nicht wie der geborene Sportler aus.«

»Ich wollte auch eigentlich die Bahn nehmen«, meinte ich nur und wunderte mich, dass ich wildfremden Menschen mein Herz ausschüttete.

»Und das hat nicht funktioniert?«

Ich überlegte, wie viel ich erzählen konnte, doch der alte, verschlossene Simon kam wieder durch und ich winkte nur ab. »Lange Geschichte«, sagte ich nur und mein Tonfall schien weiteres Nachfragen zu verbieten.

»Was habt ihr für einen Weg?«

»Weiter nach Süden. Immer der Nase nach.«

Ich bewunderte die Zimmermänner, die scheinbar in den Tag leben konnten, ohne Angst vor dem morgen.

»Ich hoffe, ihr findet Arbeit«, sagte ich nur.

»Mach dir um uns keine Sorgen«, meinte der Lockige. »Wir kommen schon klar. Wir haben ein Dach über dem Kopf«, er deutete auf die Bretter über uns, »etwas zu essen, und ...«, er zwinkerte Franz zu, »... und wir haben uns.«

Wie meinte er das? Waren die beiden am Ende mehr als Freunde auf der Walz?

Ich wusste es nicht und fragte auch nicht nach. Es war mir auch völlig schnuppe. Die beiden hatten mich in meiner Notlage unterstützt und das Herz auf dem rechten Fleck.

»Nimm es uns nicht übel«, meinte der Blonde dann. »Aber wir sind seit fünf Uhr auf den Beinen. Wir hauen uns jetzt hin.« Er sah mich an. »Mit dir ist wirklich wieder alles in Ordnung?«

»Alles bestens«, meinte ich. Was für eine Lüge.

»Wir schlafen oben«, sagte er dann und deutete auf den Hochstand. »Willst du auch hinauf?«

Ich betrachtete die morsche Leiter und schüttelte schnell den Kopf.

»Ist ganz gemütlich hier unten.«

Sie erhoben sich und kletterten hinauf. »Danke nochmal«, sagte ich, doch sie winkten nur ab.

Einige Sekunden später knarrten die Bretter über mir, dann wurde es ruhig und ich war mit den Geräuschen des Waldes allein.

Ich machte tatsächlich eine Zuckermessung und spritzte Insulin. Pure Gewohnheit. Aber auch weil ich ein Dickschädel und eigen war. Ja, ich wollte sterben, aber zu meinen Bedingungen. Ich spülte zusätzlich meine Tablettenration mit dem letzten Schluck der ersten Wasserflasche herunter und legte mich wieder hin.

Das Gezirpe und Gepiepse um mich herum war ungewohnt, das Knacken im Unterholz im ersten Moment ein wenig unheimlich, doch ich hatte ja noch meine Schutzengel in der ersten Etage.

Dicke Freunde oder mehr.

Ich dachte an das Bauernehepaar und an die beiden Zimmermänner. Niemand dieser Personen hatte es zu Reichtum und Ruhm gebracht und es würde in diesem Leben wahrscheinlich auch nichts mehr werden. Trotzdem schienen sie zufrieden, nein, mehr, sie waren glücklich.

Ich vergaß den Wald. Dunkelheit umfing mich und es war nicht die Nacht.

Plötzlich waren sie wieder da. Die schweren Gedanken, die ich mit in meinen Traum nahm.

Als ich erwachte, spürte ich sofort, dass ich allein war. Hans und Franz waren früh aufgebrochen, aber sie hatten mir eine Nachricht hinterlassen. Und nicht nur das.

Der Gaskocher und ein paar Dosen lagen in meinem Fahrradanhänger, geschmückt mit einem Zettel.

»Moin Simon. Nimm den Kocher, du brauchst ihn mehr als wir. Und die Verpflegung, damit du nicht vom Fleisch fällst (Zwinkersmily). Wir wünschen dir alles Gute auf deiner Reise und wenn du in der Nähe von Bremen eine Unterkunft brauchst, dann melde dich bei unserem ehemaligen WG-Genossen. Er wird dir Unterkunft gewähren. Gruß Hans und Franz. «

Darunter befand sich eine Adresse.

Ich würde mit dem Zug an Bremen vorbeifliegen, soviel war für mich klar. Trotzdem steckte ich die nette Nachricht in meine Tasche.

Ein kurzer Check, ob ich schon neue Penunsen auf dem Konto hatte, verlief negativ.

Also noch ein Tag im Sattel.

Der Wahnsinn hatte von mir Besitz ergriffen.

Gestern hatte ich über dreißig Kilometer geschafft, nicht schlecht für einen übergewichtigen Hobbit. Mal sehen, wie weit mich der Wind heute trieb.

Ich orientierte mich auf meinem Handydisplay neu, schob das Fahrrad zurück auf den Feldweg und quälte mich in den Sattel. Meine Beine wollten mir den Dienst verweigern, mein Hintern fragte mich, ob ich noch ganz dicht wäre, doch ich ignorierte alles und fuhr einfach los.

Weg von dem Ort, an dem ich mich nie zu Hause gefühlt hatte, einfach nur weg ...

Kapitel 4

Kamp-Lintfort. Das war mein Ziel. Knapp über dreißig Kilometer entfernt. Man sollte eigentlich glauben, dass Fahrrad fahren mit einem E-Bike nicht unbedingt als anstrengend zu bezeichnen ist. Stimmt. Doch als herzkranker, übergewichtiger Diabetiker, der die letzten Jahre eigentlich nur in der Bude gehockt hatte, verhielt sich das anders. Außerdem wusste ich nicht mehr, dass das Ignorieren körperlicher Einschränkungen zu weiteren körperlichen Einschränkungen führte. Schon nach wenigen weiteren Kilometern gab es kein Körperteil mehr, dass nicht schmerzte. Ich war einfach nichts mehr gewohnt. Trotzdem, ich wollte mein Vorhaben in die Tat umsetzen. Also: schön weiterbewegen.

Die Feldwege waren verwaist. Das ein oder andere Rentnerpaar oder ab und an mal ein Trecker, dem ich ausweichen musste, kreuzten meinen Weg. Klar, es war ein stinknormaler Wochentag und wer machte da vormittags schon eine Radtour durchs Feld?

Ich kam zügig voran. Es erstaunte mich, dass in unserem modernen voll bebautem Bundesland noch so viele Felder existierten. Dass einsame Weiten in buntesten Farben zu bestaunen waren. Aus einem mir unerfindlichen Grund machten meine Beobachtungen die Reise interessanter und ich vergaß, weswegen ich eigentlich aufgebrochen war.

Ich roch frisch gemähtes Gras, sah Korn, das im Wind hin und her wippte und nahm den durchdringenden Geruch der hellgelben Rapsblüten wahr. Und ich roch etwas, dass die Urinstinkte des Menschen ansprach. Freiheit!

Jeder wird diesen Duft anders beschreiben. Für den einen ist es womöglich die Seeluft. Für den anderen sind es die Gerüche der Stadt. Wieder andere werden den Wald nennen. Doch für mich war es in dem Augenblick das Feld und der Weg, den ich fuhr, auch wenn er nur aus Asphalt und getrocknetem Kuhmist bestand.

Immer wieder hielt ich an und kontrollierte mit dem Handy, wo ich mich aktuell befand. Ich kam gut voran und das Wetter spielte ebenfalls mit. Sonnig und warm.

Dreieinhalb Stunden vergingen und ich hatte die Ortsgrenze von Kamp-Lintfort erreicht. Ich schwitzte stark und leider stank ich auch. Zum Glück hatte ich die Dose Deospray mit in die Tasche gepackt. Ich hielt an, schaute mich um und als ich sah, dass niemand in der Nähe war, schob ich mein T-Shirt hoch und versprühte das Deo unter meinen Armen und auf meinem Oberkörper. So sollte es gehen. Im Zug konnte ich ja noch einmal nachlegen. Ich fuhr noch ein paar Meter bis zu einer Siedlung. Um mich zu orientieren schaute ich wieder auf mein Handy. War das möglich? Kamp-Lintfort war die nächstmögliche etwas größere Stadt auf meiner Route gewesen. Von daher nahm ich an, dass es hier einen Bahnhof gab. Gab es aber nicht. Erst im April 2020 zur Landesgartenschau sollte eine Bahnverbindung reaktiviert werden. Ziemlich bedröppelt schob ich das E-Bike ein paar Meter weiter. Erst jetzt fiel mir auf, dass sich am Straßenrand jede Menge Leute versammelt hatten. An einer Parkbank lehnte ich das Rad an. Eine ältere Dame saß am Rand der Bank und starrte auf die Straße.

„»Darf ich?«, fragte ich vorsichtig.

»Bitte, junger Mann,« sagte die Frau, die mit großem Hut und ihrem eleganten Kleid aussah, als wäre sie gerade einem Film aus den Dreißigern entsprungen. Mit einer einladenden Geste deutete sie auf den Platz neben sich, ohne dabei den Blick von der Straße zu nehmen.

»Danke!«

Sie nickte nur beiläufig und behielt ihr Ziel im Auge.

Ich lehnte mich zurück, schaute mich um und endlich wurde mir klar, warum die Menge am Straßenrand verharrte und die Dame neben mir wie gebannt auf einen Punkt schaute.

Gegenüber der Parkanlage, auf einem mehrstöckigen Haus, turnte ein Mann auf dem Dach herum. Warum auch immer … Ich war der Meinung, es müsste sich um einen Künstler handeln. Entspannt betrachtete ich den Kerl auf dem Dach und grub mich noch ein wenig tiefer in das leicht vermoderte Holz.

»Meinen Sie, er springt?«

Mit Unverständnis betrachtete ich die Alte. Mir war die Frage suspekt.

»Er springt?«, flüsterte ich fragend.

Gerade, als sie antworten wollte, ertönten Sirenen. Kurze Zeit später wimmelte es nur so von Feuerwehrautos und Polizeiwagen. Die Straße wurde abgeriegelt und die protestierende Menge in den Park verwiesen. Uns sagte man nichts. Wahrscheinlich waren wir tarnfarben. Man ließ uns einfach auf der Parkbank sitzen. Quasi in der ersten Reihe, so als hätten wir die besten Plätze reserviert. Erst jetzt fiel mir auf, was es denn mit dem ganzen Tohuwabohu auf sich und was die Frau mir zu erklären versucht hatte.

Der Mann dort oben war kein Künstler. Niemand, der den Leuten zum Gefallen etwas präsentieren wollte. Der Typ hatte schlichtweg vor, sich das Leben zu nehmen.

Was für eine Ironie, schoss es mir durch den Kopf.

Der lange Mantel des Mannes auf dem Dach flog wie der Muleta eines Toreros hin und her. Nur dass der Mensch dort oben kein Matador war, sondern ein vor Aufregung zappelndes Nervenbündel.

»Mein Gott. Wie lange steht der denn schon da oben?«, fragte ich die Frau.

Sie schaute mich aus kleinen weisen Augen an, an deren Seiten sich tiefe Falten gebildet hatten.

»Ich sitze hier jeden Tag, junger Mann. Jeden Tag«, wiederholte sie. »So etwas habe ich noch nie gesehen.«

Da war es wieder, dieses junger Mann. Als Endvierziger war ich mit Sicherheit kein junger Mann mehr, aber aus ihrer Sicht vielleicht schon. Auf jeden Fall hatte sie vergessen, meine Frage zu beantworten. Behutsam, um ihr nicht zu nahe zu treten, wiederholte ich freundlich die Frage: »Das glaube ich Ihnen gern. Wissen Sie denn, wie lange er schon da oben steht?«

»Ein paar Minuten.« Ihr Blick blieb auf mir haften.

Ich nickte und lächelte unsicher.

»Wieso?«, meinte sie.

Ich hatte immer gelernt, dass es keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten gab. Für den Moment begann ich daran zu zweifeln. Die Frage, warum ich fragte, machte doch gar keinen Sinn. Ich riss mich zusammen und antwortete: »Selbstmörder, die ihren Suizid als klares Vorhaben einstufen, beenden ihr Leben meistens direkt, ohne zu zögern. Der da«, ich deutete auf das Haus gegenüber, »macht mir nicht den Eindruck.«

Es war völlig verrückt. Jemand der einen Suizid begehen wollte, belehrte gerade eine alte Frau, dass Selbstmörder oft in Kurzschlussreaktionen handeln und das durch Zögern Denkmuster entstehen, die Zweifel hegen. Hätte ich ihr erzählt, dass ich gerade mit einem Fahrrad zur Ostsee fahre, um genau das Gleiche zu tun, wäre sie wahrscheinlich direkt gegangen. Ich verschwieg mein Vorhaben. Es tat eh nichts zur Sache.

»Sie kennen sich ja aus.«

»Nein. Ich finde nur, dass es logisch klingt.«

»Logisch?«, fragte sie entrüstet. »Sein Leben zu beenden ist nicht logisch. Es ist krank.«

Krank? Ich kannte sie nicht. Folglich konnte ich mir kein Urteil erlauben. Ich tippte einfach darauf, dass sie ein glückliches Leben geführt hatte.

»Ich bin mir nicht sicher, ob man das als krank bezeichnen kann.«

Als sie gerade erneut etwas sagen wollte, kam Bewegung in die Szenerie. Auf dem Balkon, direkt unter dem Dach, sprach eine Frau mit dem gewillten Selbstmörder. Immer wieder hob und senkte sie die Arme. Man sah, dass der Mantelträger auf die Frau reagierte. Ständig unterbrach er seinen Gang und rief ihr etwas zu. Plötzlich tauchte ein Polizist hinter dem Mann auf. Ich fragte mich, wie dieser so schnell dort hingekommen war. Er war quasi aus dem Nichts aufgetaucht. Dann packte er den Mann am Kragen und zog ihn zurück auf das Flachdach. Andere Polizisten eilten herbei und hielten den Mann fest. Die Frau verschwand vom Balkon und auch die Beamten waren mit einem Mal nicht mehr zu sehen. Ebenso der Suizidgefährdete. Der Spuk war vorbei. Ein erleichtertes Aufatmen ging durch die Menge hinter uns. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass ein paar anwesende Sensationstouristen gerne einen Sprung gesehen hätten. Einfach, um sich daran aufzugeilen. Um zu sehen, wie der Körper auf den Asphalt kracht. Die Menschheit war durchzogen von Verdorbenheit.

»Zum Glück. Der arme Mann.« Die elegante alte Dame fiel förmlich in sich zusammen. Sie brach in Tränen aus.

»Hören Sie. Es ist alles gut. Alles ist gut«, erklärte ich ihr. Doch sie ließ ihrer Trauer freien Lauf. Und als sich die Menschenmassen schon längst verzogen hatten, saß ich immer noch neben ihr, den Arm um ihre Schulter gelegt und versuchte sie zu beruhigen.

»Es ist so schrecklich«, schluchzte sie, wobei ihr der weiße Hut vom Kopf fiel.

Ich hob ihn auf und klopfte ihn an meiner Jeans ab. Dann gab ich ihn ihr zurück und betrachtete sie genauer. Vor dreißig Jahren sah sie bestimmt wunderschön aus, dachte ich und riss mich damit selbst wieder in mein gewohnheitstypisches Loch.

»Danke!«

Sie nahm den Hut wieder an sich, steckte die Haare hoch und ließ sie unter der Kopfbedeckung wieder verschwinden. »Niemand sollte sein Leben so beenden.«

Im Grunde hatte sie mit dieser Aussage recht. Aber sie kannte den Mann nicht. Hinterfragte nicht seine Intention. Das Warum war hier von entscheidender Bedeutung. Dennoch wollte ich sie weder belehren noch eine Grundsatzdiskussion über Suizid anfangen.

»Ja,« sagte ich zögerlich. Aber wahrscheinlich so zögerlich, dass es ihr auffiel.

»Das klingt so, als hätten Sie eine andere Meinung.«

Fordernd schaute sie mich an. Die Trauer hatte einer gewissen Wut Platz gemacht.

»Grundsätzlich nicht, aber man muss immer sehen, was zu dieser Situation geführt hat.« Nun ließ ich mich dummerweise doch auf eine Diskussion ein.

»Die Situation kann noch so bedrückend sein. Wir haben einmal das Geschenk bekommen, auf diesem wundervollen Planeten sein zu dürfen. Ein zweites Mal wird es nicht geben.«

Da hatte sie recht. Ich war immer Realist gewesen. Zeit meines Lebens. An eine Wiedergeburt, das Leben nach dem Tod, in einem ach so schönen Paradies, glaubte ich nicht. Wer starb, der starb. Der Gedanke, dass die Seele ewig weiterleben würde, war mir suspekt.

»Gut«, gab ich zu. »Das kann natürlich sein, aber wer sich in den Tod stürzen will, der wird das nicht grundlos tun.«

Sie antwortete nicht, sondern grub ihr Gesicht wieder in die faltigen Hände.

»Okay. Natürlich ist es ein Fehler«, log ich, um die Dame zu beruhigen. Als sie weiter in dieser Position verharrte, legte ich nach. »Nicht immer hält die Ellenbogengesellschaft einen Platz für die bereit, die durchs Raster gefallen sind. Wer weiß, vielleicht war dieser Mann einer von denen, die es nicht geschafft haben, sich einen Platz zu sichern. Oh«, stockte ich. »Ist dieser Mann, muss es natürlich heißen, nicht war. Es ist glücklicherweise nichts passiert.«

Endlich ließ die Frau ihre Hände sinken. Sie starrte geradewegs auf das Haus, auf dem eben noch der Mann stand. Sie hielt die Augen offen, ohne zu zwinkern, als wäre sie mit ihren Erinnerungen in einer anderen Zeit.

Mir war klar, dass ihre Gedanken nicht mehr dem unbekannten Mann galten, der sich beinahe umgebracht hatte, sondern dass ihre Trauer viel tiefer ging.

»Wissen Sie«, begann sie zaghaft. »Ich war vierzig Jahre verheiratet. Edgar, mein Mann, und ich führten eine glückliche Ehe.« Sie richtete sich auf. »Das kann ich ganz bestimmt sagen. Und wie ein gemeinsames Leben halt so abläuft, so war es auch bei uns. Am Anfang ist alles wie ein Traum. Ein kleines Märchen, dessen Geschichte du selbst schreibst. Man liebt sich, will am besten gar nicht voneinander los. Alle Termine, die man eigentlich alleine wahrnehmen sollte, sind zu viel, weil man bei seinem Partner sein möchte.« Das erste Mal, seit wir auf der Bank saßen, begann sie zu lächeln. Es war ein zauberhaftes Lächeln und ich konnte erahnen, welch wacher, frohsinniger Geist einst in dieser Frau gelebt hatte. Ganz war er noch nicht gestorben. Doch die Boten der Gegenwart zeichneten Spuren in ihr Gesicht und ihre Gedanken. Gebannt hing ich an ihren Lippen. Ohne Zweifel hatte sie etwas Interessantes aus ihrem Leben zu berichten.

»Edgar wollte immer Kinder. Ja, er liebte Kinder. Sobald er ein kleines Mädchen irgendwo sah, musste er sich zurückhalten, um es nicht in den Arm zu nehmen und zu knuddeln. So war er halt. Dann wurde unser Traum wahr. Nach einem Jahr wurde ich schwanger. Wir heirateten. Das Märchen lebte weiter. Unsere Hochzeitsreise nach Andalusien war wunderschön. Fast schon zu prunkvoll für unser bescheidenes Einkommen. Aber hallo.« Sie hob den Zeigefinger in die Luft. »Man heiratet schließlich nur einmal, zumindest die meisten.

Die Schwangerschaft verlief komplikationslos. Und als es endlich so weit war und ich in den Wehen lag, stand Edgar neben mir und hielt meine Hand. Wir wussten zu dem Zeitpunkt, dass es ein Mädchen werden würde. Pamela. Den Namen hatte sich Edgar ausgesucht, weil es der Zweitname seiner Mutter war und weil sie diesen Namen hasste. Und Edgar mochte seine Mutter nicht. Die kleine Rache war perfekt.

Ich hatte nichts dagegen. Der Name gefiel mir.

Kurz bevor Pamela das Licht der Welt erblickte, bemerkte der Arzt das sich die Nabelschnur um den Hals des kleinen Bündels gewickelt hatte. Eile war geboten, denn die Herztöne wurden immer schwächer. Als Pamela dann da war, war es bereits zu spät. Alle Versuche, die Kleine wiederzubeleben, scheiterten.«

Wieder benetzten Tränen die trüben Augen. Nun schaute sie mich an. Ein Blick so voller Trauer, dass ich beinahe angefangen hätte zu weinen.

»Keiner, der dies nicht erlebt hat, kann sich vorstellen wie es ist, sein totes Kind auf dem Bauch liegen zu haben. Den schockierten Ehemann noch an seiner Seite. Die Kleine sah aus, als würde sie schlafen, ganz friedlich. Ich weinte nicht einmal. Ich streichelte meiner Tochter über den Kopf, froh, dass sie endlich da war. Alle versuchten mir zu erklären, was passiert war, doch ich strich ihr behutsam weiter über das kleine Köpfchen. Es vergingen Minuten, vielleicht sogar Stunden. Es war der zweitschwärzeste Tag meines Lebens.«

Durch den salzigen Geschmack an meinen Lippen fiel mir nun erst auf, dass ich tatsächlich weinte. Dass sie sagte „Zweitschwärzeste“ ließ mich leicht geschockt erahnen, was folgen würde. Ich schwieg mit offenem Mund.

»Der Tag, dieses Ereignis, änderte alles. Während ich mich, durch psychologische Betreuung, wieder an ein halbwegs normales Leben herantastete, fiel Edgar in ein Loch.«

Sie hob den Mundwinkel an. Ein angedeutetes, eher ironisches Lächeln. »Natürlich hatten Sie eben recht, junger Mann.«

Da war es wieder, aber in diesem emotional, dermaßen aufgeladenen Augenblick, erschien es mir belanglos.

»Es gibt Dinge, die keiner von uns vergisst. Keiner. Immer wieder werden Menschen mit Aufgaben konfrontiert. Kaum lösbare Aufgaben. Aber wir müssen uns stellen.«

Kräftig ballte sie die Hände zu Fäusten. Sie kämpfte. Mit sich, mit ihrer Trauer und ihrer erschütternden Vergangenheit.

»Edgar versuchte, dieser Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Er begann zu trinken. Wein, Whiskey, Korn, egal. Hauptsache, es war hochprozentig und er konnte dadurch die Bilder aus seinem Kopf vertreiben. Betrunken fiel er jede Nacht in einen unruhigen Schlaf und schrie ab und an. Verstehen konnte ich nie, was er dort von sich gab. Aber er muss schreckliche Alpträume gehabt haben. Es ging ihm immer schlechter. Später ging er nicht einmal mehr arbeiten und lag den ganzen Tag auf der Couch. Meine Versuche, ihn dazu zu bewegen, etwas zu unternehmen, irgendwie wieder am Leben teilzuhaben, scheiterten kläglich. Glauben Sie mir, ich habe mein Bestes versucht.«

Schluchzend ließ sie sich an meine Schulter fallen. Ich heulte mit ihr. So, als hätte ich das Ganze selbst erlebt. Die Umgebung existierte nicht mehr. Was blieb, waren ich, die alte Frau und die Parkbank, auf der wir saßen. Langsam richtete sie sich wieder auf, hob entschuldigend die Hand und fuhr fort: »Er war nicht mehr der Mann, der er einmal war und ich nicht mehr die Frau von damals. In der Zeit vor Pamela. Aber ich hatte gelernt, was es bedeutet, zu leben. Einfach zu leben. Und wenn man dieses Leben als Geschenk betrachtet, fällt vieles leichter. Edgar konnte das nicht. Er wurde immer depressiver. Eines Tages ging er aus dem Haus.« Wieder lachte sie kurz auf, doch in ihrem Gesicht spiegelte sich keine Freude wider.

»Ich kann mich noch gut daran erinnern. Es war ein Samstag. Im Fernsehen lief gerade die Sportschau. Fast das Einzige, was er noch mit Verstand schaute. Ich dachte er sei auf dem Sofa. Doch als ich ins Wohnzimmer ging, lief der Fernseher und die sonst chaotisch umherfliegenden Alkoholflaschen standen sauber aufgereiht auf dem Tisch. Die Sachen meines Mannes waren fein säuberlich gefaltet. Die Kissen an den richtigen Positionen und die Decke glattgestrichen. Auf dem Couchtisch lag ein Brief. Handgeschrieben. Eigentlich schrieb Edgar grauenvoll. Manche würden sagen, er hatte eine Sauklaue. Doch diesmal waren die Buchstaben wie gemalt. Wunderschön geschrieben. Der Inhalt jedoch war das Traurigste, was ich je gelesen habe.«

Sie machte eine Pause und blickte mich verzeihend an.

»Ich will Sie nicht mit jedem einzelnen Wort belästigen«

Ich nickte und lächelte vorsichtig.

»Er ging zu seiner Mutter. Die alte Gertrud war schwer dement. Sie hatte keine Ahnung, was ihr Sohn veranstaltete. Er holte sich einen Holzkohlegrill vom Balkon und schloss sich in der Abstellkammer ein. Von innen klebte er die Türschlitze mit Kreppband ab. Dann zündete er die Holzkohle an und wartete auf den Tod.«

Ihre Stimme wurde brüchiger. Mit jedem Wort grub sich die schmerzende Erinnerung weiter in ihre Stimmbänder.

»Von außen hatte er vorher einen Zettel an die Tür geheftet. Daran kann ich mich noch gut erinnern, weil es das wiedergab, wie er eigentlich war. Dort stand: Liebe Feuerwehrleute! Passt auf! Beim Öffnen der Tür besteht die Gefahr einer Vergiftung! Er hatte sie gewarnt, damit ihnen nichts passiert, in solch einem Moment.« Ihre Stimme brach endgültig. Tränen liefen ihr über die Wangen.

Ich schluckte schwer und traute mich kaum etwas zu sagen, sah, wie diese kämpferische Frau mit Tränen, Wut und Verzweiflung rang. Dann schüttelte ich den Kopf, nahm ihre Hand in meine und flüsterte: »Das tut mir unglaublich leid.«

Ich glaube, dass es keinen besseren Augenblick in meinem Leben gab, um ehrliche Traurigkeit auszudrücken. Nicht aufgesetzt, sondern von Herzen.

»Danke!« Ihre tränenerstickte Stimme war ernst und doch mit so viel Dankbarkeit erfüllt, dass mir ein Schauer über den Körper lief. Dann begann sie erneut. Ihre Worte wurden wieder klarer und deutlicher. »Das, was ich nach Pamela durchmachte, erlebte ich nun noch einmal. Wieder suchte ich mir Hilfe, wieder bemühte ich mich, meinem Leben trotz aller Hindernisse einen Sinn zu geben. Es dauerte lange. Sehr lange. Irgendwann aber sah ich spielende Kinder. Sah ihre Lebensfreude. Eine Freude, die Erwachsenen abhandenkommt.« Sie wischte sich hastig ein paar Tränen fort. »Ja, das Leben kann ein Kampf sein, aber am Ende bist du der Krieger, der die Waffen wählt.«

Überrascht von den doch etwas martialischen Worten, rieb ich mir mein Kinn und versuchte meine Sicht der Dinge zu erklären. »Ab und an sind es halt stumpfe Waffen. Ich will nichts schönreden, dafür ist ihre Geschichte zu tragisch und ich kann kaum erahnen, was sie durchgemacht haben, aber nicht jeder schafft den Weg aus solch einer Krise.«

Ich wollte mich nicht auf Edgars Seite begeben. Was für einen Grund hätte ich gehabt? Die einzige Gemeinsamkeit unseres Weges war das Ziel, aber das durfte ich hier auf keinen Fall erwähnen.

Die Frau erhob sich, klopfte sich ihr Kleid ab und drehte sich zu mir um. »Danke. Sie waren ein guter Zuhörer. Darüber reden tut immer noch weh, aber es hilft mir auch.«

Sie bedankte sich noch einmal, trotzdem glaubte ich, etwas Falsches gesagt und sie verärgert zu haben. Es war ein sensibles Thema, aber ich hatte mir Mühe gegeben.

Doch sie war mir nicht böse, viel schlimmer, sie hatte mich durchschaut.

»Bitte tun Sie mir den Gefallen und begehen nicht den gleichen Fehler wie mein Mann. Sie sind ein wertvoller Mensch. Glauben Sie mir das.«

Und mit diesen Worten ließ sie mich allein und nachdenklich auf der Parkbank zurück. Fieberhaft überlegte ich, ob ich irgendetwas von meinem Vorhaben Preis gegeben hatte. Doch ich war mir sicher, dass dem nicht so war. Nicht eine Silbe. Verdammt! Wie hatte sie das wissen können? Ein Deja vu. Die Bauersfrau hatte sich ähnlich ausgedrückt. Mir wurde immer bewusster, dass Frauen scheinbar die Gabe hatten, ins tiefste Innere eines Menschen zu blicken. Ein Talent, das den meisten Männern nicht gegeben war. Was für ein seltsamer Tag, dachte ich, schnappte mir das Fahrrad und machte mich auf zu den Ufern der Ewigkeit. Vielleicht sogar zu Edgar.

Kapitel 5

Die Geschichte der alten Dame hatte mich sehr bewegt, wirklich mitgenommen und es fiel mir unglaublich schwer, mich wieder zu sammeln.

Es war erst Nachmittag, eigentlich hätte ich noch ein paar Stunden fahren können, doch mein Körper schmerzte und die Unterhaltung und die Reise in die Vergangenheit der Lady schienen alle Kraft aus mir herausgesaugt zu haben.

Trotzdem trat ich in die Pedale, weil ich die Stadt hinter mir lassen wollte. Mit all ihren Menschen und Schicksalen.

Ich wollte alleine sein, mir Gedanken um mich selbst machen, schließlich hatte ich damit wirklich genug zu tun.

Die Häuser wurden flacher, standen weiter auseinander. Reihenhäuser wichen freistehenden Gebäuden mit großen Gärten, dann hatte mich die Natur wieder. Fast jedenfalls, denn ich radelte auf ein riesiges Kieswerk zu.

Und überall, wo etwas dem Boden von Mutter Erde entrissen wurde, entstanden Narben, tiefe Löcher, in denen sich Grundwasser sammelte.

Ich ließ den See, an dem die Bagger scheinbar noch in Betrieb waren, rechts liegen und sah mich genauer um.

Ein Schild verkündete, dass ich mich am Rossenrayer See befand, an dem es sogar Boote und einen Tauchverein gab.

Doch ich setzte meinen Weg fort, fuhr unter einer Autobahnbrücke hindurch und hielt kurz an.

Noch mehr künstliche Seen, kleine und große und ich verspürte plötzlich die unbändige Lust, meine müden Beine ins kalte Wasser zu halten.

Das nächste Gewässer hörte auf den wunderschönen Namen Haferbruchsee und ich stieg vom Rad, schob es eine Weile und versuchte, durch die dichte Böschung einen Weg ans Ufer zu finden.

Ein kleiner Trampelpfad führte mich durch dorniges Gestrüpp und endete an einem zehn Meter langen Uferstreifen, den Menschen, mit ähnlicher Passion wie ich, gewaltsam freigetreten hatten.

Ich sah leere Bierdosen und Zigarettenstummel, stumme Zeugen ehemaliger Besucher.

Ich lehnte mein Rad vorsichtig gegen einen Busch und grinste dabei.

Ich hatte tatsächlich »mein Rad« gedacht, den Diebstahl schon fast aus meinem Gedächtnis getilgt.

Dann sah ich mich gründlich um und stellte zufrieden fest, dass dieses Stückchen Erde im Moment mir allein gehörte. Ich begann damit, mich auszuziehen.

Gut, ich hatte keine Badehose dabei, sondern nur meine normalen Shorts. Egal. Auf meine alten Tage wurde ich echt zum Revoluzzer.

Ich legte meine Sachen in den Anhänger und schritt vorsichtig zum Wasser. Als ich den ersten Fuß hineinsetzte, hätte ich beinahe laut aufgeschrien. Entweder war ich so erhitzt, von meiner ungewöhnlich sportlichen Tätigkeit oder das Wasser war wirklich kurz vor dem Gefrierpunkt.

Beim zweiten Fuß wurde es nicht besser, ich überlegte bereits, ob es nicht schon genug Abkühlung für heute war, als ich im Schlick des Ufers ausrutschte und schmerzhaft auf meinem, sowieso schon misshandelten, Hinterteil landete.

Diesmal entfuhr mir ein lautes »Scheiße« und ich sah mich sofort um, ob mich jemand beobachtete.

Alles blieb ruhig.

Bis auf das Klappern meiner Zähne, denn das eiskalte Wasser fraß sich durch Haut und Haar und schien direkt an meinen ungeschützten Knochen zu nagen.

Genug Gefrierbrand für heute, beschloss ich, rappelte mich mühsam auf und kroch beinahe auf allen Vieren zurück ans Ufer.

Ich setzte mich ins Gras, und die Nachmittagssonne brauchte nur Minuten, um mich wieder aufzutauen.

Dann kam der Hunger und ich lernte die Vorzüge des geschenkten Campingkochers und einer Dose Erbsensuppe kennen.

Mit vollem Bauch, von innen und außen erwärmt, ließ ich mich ins Gras sinken.

Die Müdigkeit kam auf mich zugerast wie ein ungebremster ICE. Ich hatte keine Chance mehr darüber nachzudenken, ob es eine weise Entscheidung war, hier, völlig ungeschützt, ein Nickerchen zu halten. Meine Augen klappten einfach zu und ich versank in Morpheus Armen.

Als ich erwachte, war es bereits dunkel. Sterne standen am Himmel und spiegelten sich im ruhig daliegenden See. Doch für Romantik war hier der falsche Platz, denn sofort hatte mich Panik fest im Griff.

Es war ein Gefühl, als läge ich nicht am Ufer, sondern wäre zurück im Wasser. Die Fluten klatschten über mir zusammen, ich sank immer tiefer, unfähig noch Luft zu bekommen. Mein Herz begann zu rasen und mir war plötzlich klar, dass ich einen Infarkt bekam. Dass ich hier und heute in den nächsten Minuten tot zusammenbrechen würde. Ja, ich wollte sterben, aber nicht jetzt und nicht so.

Verzweifelt versuchte ich mich zu beruhigen. Spulte alle guten Empfehlungen ab, die man mir in tausend Therapiesitzungen beigebracht hatte.

Leider war das immer nur Theorie. Keiner, oder die wenigsten, der Professoren oder Doktoren hatten Depressionen und Angstzustände selbst erlebt. Es war keine Krankheit, gegen die man einfach eine Tablette nahm und ein paar Tage später war man wieder gesund. Man wurde völlig vereinnahmt. In diesen Momenten war ich die Depression und die Depression war ich.

Natürlich gab es chemische Mittel, die einem halfen, die Angst zu unterdrücken und ich hatte einige davon dabei. Doch bei meinem tollen Ausflug, in den letzten Tagen, hatte ich nicht wirklich auf regelmäßige Einnahme geachtet.

Jetzt bekam ich die Quittung. Schweiß brach mir am ganzen Körper aus und ich begann unkontrolliert zu zittern.

Alles wird gut, sagte ich mir.

Mein Gott, wie ich diesen Spruch hasste. Manche Dinge, manche Leben kamen nicht wieder in Ordnung und genau deshalb war ich unterwegs.

Deshalb gibt es Suizide, deshalb beendeten Menschen ihr Leben.

Weil es keinen Lichtstrahl am Ende des Tunnels gab. Weil alle Mühe vergebens ist.

Plötzlich ging mir der Mann von heute Mittag durch den Kopf. Der springen wollte und gerettet wurde.

Wirklich gerettet? Oder hatte man nur dafür gesorgt, dass sich sein Elend verlängerte?

Ich wusste nicht warum, aber ich beruhigte mich langsam.

Mein Puls ging Richtung normal und mein Herz setzte doch nicht aus. Nur das Zittern blieb, weil die Nacht eine gewisse Kühle mitgebracht hatte und mein T-Shirt durchgeschwitzt war.

Gut, wenigstens da konnte ich Abhilfe schaffen. Ich hatte ein zweites dabei.

Ich blieb noch gefühlte fünf Minuten sitzen, bekam die Panikattacke noch etwas weiter in die Ecke gedrängt, dann schaffte ich es auf wackeligen Beinen zu meinem Anhänger zu gehen.

Ich öffnete meine Tasche und durchwühlte die wenigen Dinge, die ich eingepackt hatte. Ich sah das frische Shirt, konnte mich aber nicht dazu durchringen, es anzuziehen.

Plötzlich waren da tausend Gedanken in meinem Kopf.

Die meisten davon beschäftigen sich mit der Frage, was ich hier eigentlich machte. Was hatte mich geritten, diese Reise anzutreten?

Noch dazu, so schlecht vorbereitet.

Ja, ich wollte zur Ostsee. Aber mit dem Fahrrad? Keine Kohle, um unterwegs vernünftig zu übernachten und keinen Schlafsack oder eine Decke, fürs Rasten unter freiem Himmel.

Natürlich war alles anders geplant gewesen. Und wie so oft, waren meine Pläne gescheitert.

Ich ließ mich vor dem Fahrrad auf den Boden sinken und spürte Tränen aufsteigen.

Es war wie immer. Nichts funktionierte wirklich.

Diesmal begleiteten meine Gedanken keine Angstzustände, doch die Depression griff auch so nach mir. Heimtückisch hatte sie sich in meinem Rücken angeschlichen und gnadenlos aus der Dunkelheit zugepackt. Aber ich konnte sie abschütteln, hatte jahrelang dafür trainiert.

Früher hätten solche Momente Stunden, Tage, manchmal Wochen angehalten. Zeit, in der ich zu nichts anderem fähig gewesen wäre, als zu Hause zu sitzen und Löcher in die Wand zu starren. Damals waren mir zum ersten Mal Selbstmordgedanken gekommen, doch ich hatte, dank fremder Hilfe, wieder herausgefunden.

Wie? Indem ich mit jemandem redete.

Frauen haben deutlich häufiger Depressionen als Männer. Trotzdem ist die Suizidrate beim »stärkeren« Geschlecht deutlich höher?

Warum? Weil Frauen sich ihren Ängsten stellen, weil Frauen reden und eben keine Angst haben, als schwach zu gelten.

Männern wird von klein auf erzählt, dass sie richtige Kerle sein müssen. Da kann man sich keiner Krankheit hingeben, die keine äußeren Symptome hat.

Ein gebrochenes Bein beim Sport, klasse. Beim Heimwerken in die Hand gesägt, super. Aber Depressionen? Nein, nicht mit uns.

Ich hatte lange gekämpft, bis ich mich in Behandlung begab und da war es beinahe zu spät. Doch ich hatte immer wieder einen Weg aus der Krankheit gefunden. Mich zurück ins Leben gekämpft, bis ich mir, vor nicht allzu langer Zeit, eingestehen musste, dass ich dieses Leben gar nicht wollte.

Jetzt, nachdem ich mir alles noch einmal eingestand, konnte ich endlich mein T-Shirt wechseln.

Wieder ein Blick zum See. Das Wasser war so nah? Warum bis zur Ostsee warten? Warum nicht hier einfach allem ein Ende bereiten?

Die Antwort war einfach. Viele Menschen sind als Kind schon depressiv, auch wenn es nicht oft erkannt wird. Werden gemobbt oder fühlen sich nicht geliebt oder nicht gut genug.

Bei mir war das anders. Ich hatte eine mehr als glückliche Kindheit gehabt. Mit Eltern und Großeltern, die mir das Aufwachsen leicht machten.

Dorthin wollte ich zurück. Einmal noch eine Reise in die Vergangenheit. Zu Plätzen, an denen ich glücklich war.

Und dann mit einem Lächeln auf dem Gesicht sterben. Das hatte ich mir verdient.

Ich nahm meine Tasche, ging drei Schritte zurück zum Ufer, drapierte sie als Kopfkissen und meine Jacke als Decke. Legte mich hin und blickte in die Sterne.

Doch Schlaf wollte sich keiner mehr einstellen. Immer wieder liefen die letzten Begegnungen wie ein Film in meinem Kopf ab. Das Bauernehepaar, die Handwerker auf der Walz, die alte Lady. Alle hatten mir deutlich gezeigt, warum mein Leben nicht lebenswert war. Ich hatte keine Familie mehr, keine Freunde und niemanden, der mich liebte. Nur einen Job, der mir zum Hals heraushing, einen Körper, der nach und nach versagte und Freizeit, mit der ich nichts anzufangen wusste.

Anhedonie war der Fachbegriff, wenn man sich an nichts mehr erfreuen konnte. Aber zu wissen, wie man den Feind benennt, macht es nicht besser.

Check dein Bankkonto. Vielleicht ist dein Geld drauf und du kannst mit der Bahn weiterfahren. Vorausgesetzt, du findest eine Stadt mit fertigem Bahnhof.

Ich hatte es eilig damit, meinen Plan auszuführen. Ich wollte keine weiteren, einsamen Nächte.

Ich griff nach meinem Handy, wollte schon den Explorer öffnen, als ich plötzlich eine Stimme vernahm. Eine unverkennbar weibliche Stimme.

Schrill und aufgeregt.

»Hey, Finger weg, du Arsch, das sind meine Sachen.«

Dann war es wieder ruhig.

Jetzt bekommst du auch noch Halluzinationen. Bildest dir Stimmen ein, wo gar keine sind. Eine imaginäre Freundin, um nicht länger einsam zu sein.

Aber warum hatte sie mich direkt als Arsch beschimpft? Wir kannten uns doch noch keine fünf Sekunden.

Als ich gerade wieder die Augen schließen wollte, hörte ich die Stimme erneut.

»Das ist meine Tasche. Gib sie sofort wieder her.«

Dann eine männliche Stimme. »Und wenn nicht? Was willst du dann tun, Zuckerschnecke?«

Ich wollte die Ohren verschließen, zurück in das schwarze Loch der Depression. Nichts hören und sehen. Keinen Kontakt mehr mit der Umwelt haben. Doch das konnte man sich nicht aussuchen. Ich war voll da und bekam jedes Wort des Streits mit.

Die Personen konnten nicht weit von mir entfernt sein. Etwas weiter links an der nächsten Lichtung im Ufergestrüpp. Ich konnte jedenfalls, obwohl beide Personen noch nicht schrien, jedes Wort verstehen.

Was genau zu meiner Misere führte.

Unweit von mir war eine Frau in Schwierigkeiten und ich lag hier einfach nur herum.

Eine holde Maid in der Bredouille, sagte eine spöttische Stimme in meinem Kopf. Klappt das Visier herunter, Ritter Simon, legt die Lanze in Anschlag und reitet los.

Doch ich war kein mutiger Streiter, kein Held. Eigentlich war ich, selbst in meiner Jugend, jeder Konfrontation aus dem Weg gegangen. Frei nach dem Motto: Lieber fünf Minuten feige, als ein Leben lang tot.

Ich beschloss für mich, dass mich der Streit nichts anging,

wollte meine Ohren auf Durchzug schalten, doch ob ich wollte oder nicht, ich hörte einen kurzen Schrei, gefolgt von höhnischem Gelächter.

Ich erhob mich. Automatisch, als hätte sich mein Körper selbstständig gemacht.

Nur mal nachgucken, was los war, dachte ich. Dann konnte ich immer noch entscheiden, wie es weitergehen sollte.

Ich stolperte den Weg zurück zur Straße, fand schnell den nächsten Trampelpfad zum Ufer und folgte ihm.

»Hört auf mit der Scheiße«, hörte ich, diesmal viel näher, die Frauenstimme.

Ich wollte weitergehen bis ich etwas sehen konnte, lief um den nächsten Strauch und stand plötzlich mitten drin im Geschehen.

Ich brauchte nur Sekunden, um die Situation zu erfassen. Mein Gehirn arbeitete ausnahmsweise mal auf Hochtouren.

Eine Frau stand auf der Mitte der Rasenfläche, doch sie hatte keinen Ärger mit einem Mann, sondern mit dreien.

Einer davon hatte mich wohl kommen hören und machte die anderen auf mich aufmerksam.

Es waren Jugendliche, sechzehn, siebzehn Jahre alt.

Mit Sporthosen, Muskelshirts und Chucks. Und der Gewissheit unsterblich und mir gnadenlos überlegen zu sein.

Gut, dass mit dem unsterblich stimmte nicht und das Leben würde sie diese Lektion früher oder später lehren. Der Rest des Satzes stimmte leider. Ich würde nichts gegen sie ausrichten können.

Mir wurde schlagartig noch etwas anderes klar: Es war auch zu spät den Rückzug anzutreten. Also musste ich mich stellen, das Beste aus der Situation machen.

John Wick hätte die drei jetzt mit einem Bleistift bewaffnet ins Nirvana geschickt, aber ich hatte keinen dabei.

Jack Reacher hätte noch drei weitere Typen angefordert, damit er auch ein bisschen Spaß bekam. Und Denzel Washington hätte als Equalizer genau berechnet, wie lange er brauchen würde, um die Typen ins Gras zu schicken.

Aber ich war keiner von den dreien. Ich war nur eine Wurst. Eine dämliche noch dazu, so ins Elend zu rennen.

»Na Dicker«, meinte der Vogel, der mir am nächsten stand. »Willst den Helden spielen?«

Ich wollte etwas sagen, irgendwas cooles, doch ich stand nur da, festgenagelt, unfähig mich zu bewegen.

Mein Blick fiel auf die Frau, die mir hoffnungsvolle Blicke zuwarf, allerdings nicht lange, denn sie schien zu ahnen, dass nicht der Held gekommen war, den sie sich erbeten hatte.

Eigenartig, das machte mich wütend.

Ich hatte schließlich nicht nur eine Menge Action Filme gesehen, sondern auch alle Rocky Verfilmungen, inklusive der Creed Ableger.

Also stellte ich mich in eine Boxpose oder etwas, was ich dafür hielt.

Die Jugendlichen ließen sich nicht wirklich davon beeindrucken.

»Was hast du vor, alter Mann?«, sagte der eine nur lässig. »Mach weiter so und mit viel Glück sterben wir vor Lachen.«

Ich wusste nicht mehr, was ich empfinden sollte. Wut, weil man mich nicht für voll nahm, Angst, weil ich kein Kämpfer war?

Ich brauchte aber nicht lange über meine Gefühlslage nachdenken, denn das nächste, was ich empfand, war Schmerz.

Der Typ, der mich zuerst angesprochen hatte, wirbelte plötzlich herum und trat mir, mit einem herrlichen, olympiareifen Sidekick, in die Rippen.

Er wollte scheinbar nicht nur aussehen, wie ein Action Held, nein, er war die Reinkarnation von Bruce Lee.

Ich klappte zusammen, unfähig etwas zu sagen oder nur zu atmen, dann war mein Angreifer schon wieder da, trat mir vor die Brust und ich fiel, wie ein zappelnder Maikäfer, auf den Rücken.

Alle drei Jugendlichen schauten mich an, mit einem dreisten Lachen auf dem Gesicht und sie vergaßen, für eine Millisekunde, das eigentliche Ziel ihres Angriffs.

Und das sollte sich aufs Übelste rächen.

Einer der Jungs klappte plötzlich noch schneller zusammen als ich, weil ihm schmerzhaft und mit viel Elan in die Weichteile getreten wurde.

Der zweite bekam eine Tasche gegen den Hinterkopf geschleudert und er sackte zusammen, als wäre ein Hinkelstein der Inhalt des Beutels.

Dem dritten, der sich mit mir befasste, sprang die Frau auf den Rücken und lange Nägel zerkratzen sein Gesicht.

»Meine Augen, meine Augen«, schrie er, auch wenn die Kratzer nur über seine Wangen gingen.

Die Frau sprang von seinem Rücken und hieb ihm mit der Faust vor die Schläfe. Sofort gaben auch seine Beine nach und er landete auf den Knien.

Innerhalb von Sekunden hatte sich das Bild gewandelt. Jetzt knieten die drei vor mir, denn inzwischen hatte ich mich mühsam wieder aufgerappelt.

Okay, genauer gesagt knieten sie vor der Rachelady, die einem Quentin Tarantino Film entsprungen zu sein schien.

Sie hob die Fäuste und ging auf einen der Männer zu, die sich mühsam und schwankend aufrichteten.

Ein schneller Schritt, ein »Wollt ihr noch mehr?« und die Angreifer schwankten, sich schmerzende Körperteile haltend, von dannen.

»Die Schlampe war sowieso viel zu alt für uns«, trat noch einer der »Helden« nach.

Dann ein letztes Rascheln und es wurde schlagartig ruhig.

Ich sah die Frau nur an und rieb mir die pochenden Rippen. Ich wollte etwas sagen, aber wie immer, fiel mir nichts Brauchbares ein.

Das Reden übernahm sie. »Vielen Dank, für Ihre Hilfe«, sagte sie und ich musste tatsächlich lachen.

»Keine Ursache. Ich glaube, als ich im Dreck lag, haben sie vor Angst die Flucht ergriffen.«

»Ihr Auftritt war die Ablenkung, die ich gebraucht habe«, sagte sie. »Und es ist schon ungewöhnlich genug, dass sie überhaupt versucht haben, einzugreifen.«

Sie reichte mir die Hand. »Hallo. Ich bin Bibiana Deichmann und ich habe weder mit der Schiedsrichterin, noch mit dem Schuhhaus irgendetwas zu tun.«

Mein Gesicht schien ein einziges Fragezeichen zu sein. Mein Gegenüber lachte laut auf.

»Oh, habe ich sie überfordert?« Ich konnte sie jetzt genauer betrachten und bemerkte, dass sie nicht das junge Mädchen war, für das ich sie ursprünglich gehalten hatte, und musste im Nachhinein den Jugendlichen recht geben. Ja, sie war zu alt. Zu alt für diese Kinder, nur das mit der Schlampe hätte ich weggelassen.

Eigentlich musste sie sich ungefähr in meinem Alter befinden. Nur hatte sie sich wesentlich besser gehalten. Einige Lachfalten zierten ihr Gesicht und die Stupsnase war besetzt mit Sommersprossen.

So würde Pipi Langstrumpf aussehen, wenn sie je in mein Alter käme, soviel war klar.

Endlich fand ich meine Stimme wieder. »Ich bin Simon«, sagte ich und rieb mir wieder die schmerzenden Rippen. »Simon Winkel.«

»Freut mich«, sagte sie und griff nach meiner Hand. »Verzeihen sie meine Vorstellung«, meinte sie dann lachend. »Aber ich glaube manchmal, dass diese Schiedsrichterin und ich die einzigen in Deutschland sind, die diesen lustigen Vornamen tragen. Und die Frage, ob ich etwas mit dem Schuhhaus zu tun habe, kommt direkt danach.«

»Und? Haben sie wirklich nicht?«

Jetzt lachte sie laut auf. »Schön wäre es. Nein, da muss ich sie enttäuschen. Gibt keine große Belohnung von meinem superreichen Opa für Ihre heldenhafte Aktion. Ich bin arm, wie eine Kirchenmaus.«

»Dann können wir einen Club aufmachen«, meinte ich trocken. »Und eine Belohnung hätte ich sowieso nicht verdient. Ich glaube, Sie können sich ganz gut selbst zur Wehr setzen.«

»Eigentlich schon«, sagte sie grinsend. »Aber diese Arschlöcher haben mich überrascht. Ich war schon kurz vorm wegduseln, als Sie mich gefunden haben.«

Als sie die Typen erwähnte, rann mir eine Gänsehaut den Rücken herunter. »Meinen sie, die kommen wieder?«

Sie schüttelte den Kopf und ihre langen, lockigen Haare wirbelten herum. »Das waren nur Maulhelden«, meinte sie. »Gegen richtige Arschlöcher hätte ich keine Chance gehabt.«

Sekundenlang kehrte Ruhe ein. Das Zwitschern von Vögeln und das Summen von Insekten war zu hören. »Wo kommen Sie eigentlich so schnell her?«, fragte sie dann.

Ich zeigte mit einer Kopfbewegung nach links. »Ich habe ein paar Meter weiter mein Nachtquartier aufgeschlagen«, sagte ich dann und mir fiel siedend heiß ein, dass meine Sachen unbeobachtet in der Gegend herumlagen. Nicht, dass diese Idioten nun mich beklauten. »Ich glaube, ich muss da mal nach dem Rechten gucken«, sagte ich sofort.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mitkomme?«

Es überraschte mich, aber ich schüttelte nur den Kopf. »Gehen wir«, sagte ich und sie kramte ihre Sachen zusammen, nahm ihre Tasche und wir gingen ein paar Meter durchs Unterholz, bis wir meinen Rastplatz erreicht hatten. Mit einem Blick stellte ich fest, dass sich noch alles am richtigen Fleck befand.

»Wollten Sie hier schlafen?«, fragte sie und ich wusste, dass eine Antwort darauf weitere Fragen nach sich ziehen würde.

»Ja«, meinte ich nur. »Etwas Besseres habe ich auf die Schnelle nicht gefunden.«

»Dann können wir wieder einen Club aufmachen«, sagte die Frau, stellte ihre Tasche ab und betrachtete mein Fahrrad. Für einen winzigen Augenblick hatte ich die Befürchtung, dass sie mich jetzt ausrauben würde, schließlich hatte sie eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass ich keine Chance gegen sie haben würde, doch das war natürlich Unsinn. Manchmal litt ich, neben all meinen anderen Psychosen, auch noch unter Verfolgungswahn.

»Schickes Teil«, sagte sie, ließ dann ihre Tasche auf die Wiese fallen und setzte sich im Schneidersitz daneben. »Machen sie eine Fahrradtour?«

»Könnte man so sagen«, wich ich aus und schob ein: »Ich habe ein paar Tage frei und wollte mal ausprobieren, wie weit ich so komme.«

»Kein Ziel vor Augen?«

Was sollte ich darauf sagen? Wie viel konnte ich von meinem Vorhaben Preis geben?

Ich zuckte innerlich mit den Schultern. Die Situation war seltsam genug, also konnte ich auch riskieren, dass sie mich auslachte.

»Eigentlich will ich bis zur Ostsee«, meinte ich. »Aber es war eine Zugfahrt geplant und dann ist plötzlich alles ganz anders gekommen.«

Sie lachte nicht, sondern sah mich nur an. »Das kenne ich«, meinte sie dann nur.

Sie hatte meinen Campingkocher entdeckt. »Würden Sie mich auf ein Abendessen einladen?«, fragte sie und schlug sich direkt danach die Hand vor den Mund. »Verflucht, das habe ich jetzt nicht wirklich gesagt, oder? Klingt ein wenig nach Bettelei.« Ihr Magen knurrte lauter als das Vogelgezwitscher und Insektengebrumme und wir mussten beide lachen.

»Kein Problem.« Ich nahm die restlichen Dosen aus meiner Tasche. »Linsen- oder Erbsensuppe. Oder Ravioli?«

Sie entschied sich für Ravioli und ich stellte die Dose auf den Gasbrenner.

»Bei mir ist auch alles anders gekommen, als geplant«, meinte sie, als wir darauf warteten, dass das Gericht warm wurde. »Wobei … eigentlich plane ich nie, aber die letzten Entwicklungen haben mich ein bisschen überrascht.«

Ich sagte nichts, wartete darauf, dass sie weitersprach und das tat sie dann auch.

»Ich komme aus der Nähe von Köln«, sagte sie dann. »Bin seit zwei Jahren geschieden und schlage mich mehr schlecht als recht durchs Leben.« Sie lächelte schief. »Oh mein Gott, erst schnorre ich eine Suppe und jetzt erzähle ich Ihnen meine Lebensgeschichte.«

»Nur zu. Ich habe gerade nichts anderes zu tun.« Außerdem stellte sie keine Fragen und ich musste nicht erklären, warum ich zur Ostsee unterwegs war.

»Ich habe gekellnert, an Supermarktkassen gesessen, was man halt so macht, wenn man keine andere Möglichkeit hat. Der Rubel muss schließlich rollen, die Miete will bezahlt werden, der Kühlschrank füllt sich nicht von alleine …« Wieder lächelte sie. »Ich schweife ab. Einer meiner großen Fehler.« Ich reichte ihr die Dose und einen Löffel und sie begann zu essen. Dann, als sie die Hälfte verdrückt hatte, wandte sie sich wieder mir zu. »Das tut gut«, sagte sie nur. »Vielleicht hätte ich meine Reise auch besser vorbereiten sollen.«

Oder einfach ein paar nette Leute treffen, die einem aus der Patsche halfen, dachte ich, aber ich wollte sie nicht unterbrechen.

»Vorgestern, nein, noch am Tag davor, erreichte mich plötzlich ein Brief. Von einer Anwaltskanzlei an der Ostsee. Meine Tante ist verstorben und sie hat mich in ihrem Testament bedacht. Keine Ahnung, was es ist, wir standen uns nicht besonders nah, ich habe sie zum letzten Mal gesehen, als ich ganz klein war. Aber irgendwie hat sie sich an mich erinnert und vererbt mir etwas.« Sie widmete sich den letzten Ravioli und sprach erst weiter, als sie auch noch den letzten Rest Soße aus der Dose gekratzt hatte. »Persönliche Anwesenheit ist erforderlich, steht in diesem Schreiben. Und in Ermangelung von Bargeld für eine Zugfahrkarte, habe ich mich per Anhalter auf den Weg gemacht.« Sie schüttelte den Kopf. »Wie blöd muss man sein. Ich dachte, der nächste LKW mit Ziel Ostsee hält sofort neben mir und bringt mich an mein Ziel. Stattdessen treffe ich nur auf Leute, die mich von einer Stadt in die nächste mitnehmen.« Sie stellte die Dose weg, ließ sich auf den Rücken sinken. »Na immerhin habe ich es schon bis hierher geschafft. Der Rest ist nur noch ein Katzensprung.«

»Das sage ich mir auch.«

Jetzt sah sie mich zum ersten Mal lange an. »Was treibt Sie an die See?«

War es wieder dieser weibliche Instinkt, der ihr verriet, was ich vorhatte? Oder stand es mir mittlerweile, für alle lesbar, auf der Stirn geschrieben? „Simon Winkel, Selbstmörder“

»Jugenderinnerungen«, sagte ich kurz angebunden.

Sie überraschte mich mit ihrem nächsten Satz. »Ein Ausflug in die Vergangenheit, wo das Leben noch unbeschwert war.«

Es war keine Frage, nur eine Feststellung und sie ging nicht weiter darauf ein und bedrängte mich auch nicht mit weiteren Fragen. Stattdessen ließ sie ihren Kopf auf ihre Tasche sinken. »Wäre es ihnen sehr unangenehm, wenn ich hier bei ihnen schlafe?« fragte sie dann.

Ich deutete auf die Wiese. »Mi Casa es su casa«, sagte ich nur.

Sie lachte. »Oh, Sie sprechen ja perfekt auswärts.«

Ich räumte die leere Dose in meinen Anhänger, spülte den Löffel im See ab und als ich zu meinen Sachen zurückging, hörte ich regelmäßige Atemzüge. Bibiana Deichmann hatte schon der Schlaf übermannt.

Wie leichtsinnig in Gegenwart eines völlig Fremden, dachte ich. Doch ich hatte nichts Bedrohliches an mir, das musste ich mir selbst eingestehen.

Leise richtete ich mein bescheidenes Lager, bettete meinen Kopf auf meine Tasche und deckte mich mit der Jacke zu.

Hoffentlich würde ich nicht schnarchen. Ein letzter Blick auf Bibiana und ich schlief ein.

Es war schon hell, als mich Geräusche weckten. Als erstes bemerkte ich zahlreiche Mückenstiche, dann, als mein Gehirn sich langsam aus der Schlafwatte packte, fiel mir der gestrige Abend ein und als ich es schließlich schaffte, die Augen zu öffnen, sah ich meine »Mitbewohnerin«, die hektisch ihre Sachen packte.

»Oh«, meinte sie nur. »Ich wollte Sie nicht wecken. Aber ich muss los. Ich war schon oben an der Straße und hatte Glück. Keine dreihundert Meter von hier ist ein Rastplatz und einer der Brummifahrer nimmt mich mit Richtung Norden.« Sie schulterte ihren Rucksack und sah mich an. »Oh, ich hätte vielleicht fragen sollen, ob er auch Platz für ein Fahrrad und eine weitere Person hat.«

Ich winkte ab. »Nein, nein. Alles gut.« Mir wäre nicht wohl bei dem Gedanken, zu einem Fremden ins Auto zu steigen.

»Passen Sie auf sich auf«, sagte ich und meinte es ehrlich. Irgendwie begann jeder zweite Horrorfilm mit einer Anhalterin, aber Frau Deichmann schien diese Art Filme nicht zu kennen.

»Du auch, Simon Winkel«, sagte sie und zeigte wieder ihr spitzbübisches Lächeln. »Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.«

Sie reichte mir die Hand. »Und vielen Dank für das romantischen Abendessen.« Sie zwinkerte mir zu und ich wurde tatsächlich rot.

Ein paar Schritte die Böschung hoch, ein letztes Winken, dann war sie verschwunden.

»Vielleicht sieht man sich ja mal wieder«, hallte es in meinem Schädel nach, doch wir wussten beide, dass die Chancen dazu Richtung Null gingen.

Schließlich war die Welt groß und meine Zeit darauf nur noch sehr begrenzt.

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320 стр. 1 иллюстрация
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9783753197005
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