Читать книгу: «Pechschwarzer Sand»

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Das Buch

Die E-Mail eines alten Schulfreundes reißt den Umweltberater Eric Bergmann aus seiner täglichen Routine. Chris und seine Frau Rena sind ins Visier des einflussreichen Ölkonzerns ENTAL geraten und gezwungen aus Kanada zu fliehen. Entschlossen, etwas gegen ENTAL zu unternehmen, reist Eric nach Fort McMurray, dem Herz der Ölsandförderung. Er trifft sich mit Umweltaktivisten und traut seinen Augen nicht. Zu ihnen gehört Isabella Filanders, die Frau, in die er sich vor Jahren verliebt hat und die auf einmal spurlos verschwand. Isabella lebt im Verborgenen, denn in einer Zeit, in der Öl kostbar wie Gold ist, kommt die Kritik an einem Ölkonzern einem Verbrechen gleich. Gemeinsam versuchen sie, die Produktion zu stören und den guten Ruf der Firma in Zweifel zu ziehen. So einfach lässt sich ENTAL allerdings nicht in die Knie zwingen. Sie kommen Isabella auf die Spur und ihnen ist jedes Mittel recht, um die notwendigen Antworten von ihr zu erhalten.

»Pechschwarzer Sand« ist nach »Eiskalte Energie« der zweite Roman von Liv-Malin Winter.

Die Autorin

Liv-Malin Winter studierte Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Umweltökonomie und hat mehrere Jahre in diesem Bereich gearbeitet. Ihre Leidenschaft gilt dem Lesen und Schreiben. Die Natur ist ihre Inspirationsquelle. Hier findet sie Entspannung und neue Ideen für ihre Bücher.

Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg.

Liv-Malin Winter

Pechschwarzer Sand

Roman

Prolog

Rena kämpfte sich durch den Wald. Der strömende Regen beeinträchtigte ihre Sicht. Doch sie folgte den kaum erkennbaren Pfaden, die sie seit ihrer Kindheit kannte. Plötzlich ragte die Silhouette eines Mannes vor ihr auf. Rena blieb stehen.

»Was ist so dringend, dass wir uns ausgerechnet heute Abend treffen müssen?« Ihre Stimme übertönte kaum den Regen. Die Gereiztheit, die in der Frage lag, war dennoch unüberhörbar.

Der Mann drückte ihr einen Speicherchip in die Hand. »Es musste heute sein. Ich habe in den nächsten Wochen keinen freien Tag. Du musst das unbedingt veröffentlichen, sobald ihr Fort Chipewyan verlassen habt.«

»Gut, ich kümmere mich darum«, lenkte Rena ein.

»Danke.«

»Sei vorsichtig und pass auf dich auf.« Sie umarmte ihn kurz.

»Du auch.« Der Mann hob zum Abschied kurz die Hand.

Rena warf ihm noch einen Blick zu. Sie zog sich ihre Kapuze tiefer ins Gesicht und ging durch den Wald zurück nach Fort Chipewyan.

Sie hatte den Ort erreicht und hastete durch den Regen. Sie verfluchte ihre Schwerfälligkeit. Vor ein paar Monaten wäre sie einfach gerannt, doch nun ließ ihre Schwangerschaft nur noch zügiges Gehen zu. Sie musste unbedingt das Material in Sicherheit bringen. Bald würde sie mit ihrem Mann aus Fort Chipewyan wegziehen und dann konnte sie es veröffentlichen. Hier, wo ENTAL alles kontrollierte und überwachte, war das unmöglich.

Hinter ihr tauchten Scheinwerfer und die Reflexe eines Blaulichtes auf. Rena verlangsamte ihren Schritt. Dem Auto konnte sie nicht entkommen. Der Streifenwagen hielt neben ihr an und ein Polizist stieg aus. Es war dieser Cop, der erst kürzlich nach Fort Chipewyan versetzt worden war.

»Wohin wollen Sie?«, fragte der Polizist. Er musterte die schwangere Frau misstrauisch.

»Ich mache einen Abendspaziergang«, antwortete Rena.

Der Polizist sah bedeutungsvoll auf ihren gerundeten Bauch.

»Meine Hebamme hat mir Spaziergänge empfohlen. Sie sollen gegen die Schlaflosigkeit helfen, unter der ich leide.«

»Bei diesem Wetter macht kein Mensch freiwillig einen Abendspaziergang«, bemerkte er. »Heute haben die Umweltschützer eine illegale Veranstaltung abgehalten. Ich habe die Anweisung bekommen, alle zu verhaften, die dort waren.«

»Ich habe an keiner illegalen Veranstaltung teilgenommen. Ich gehe spazieren«, verteidigte sich Rena.

»Sie kommen mit auf die Polizeiwache!« Der Polizist ergriff Renas Arm. Sie versuchte sich loszumachen.

»Wenn Sie sich widersetzen, werde ich Ihnen Handschellen anlegen.«

»Wie können Sie es wagen eine schwangere Frau derartig zu schikanieren!«, empörte sich Rena.

»Wenn Sie nicht in Handschellen abgeführt werden wollen, steigen Sie sofort ins Auto.«

Rena gab sich geschlagen und befolgte seine Anweisung.

Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie fragte sich, wie sie sich aus der Affäre ziehen konnte. Der Polizist hatte Recht. Niemand ging in diesem strömenden Regen freiwillig spazieren. Die Einzigen, die unterwegs waren, waren auf einer Versammlung gewesen, die sich gegen ENTAL richtete. Das Unternehmen baute in großem Stil Ölsande ab. Seit der dritten Ölkrise war das Geschäft noch profitabler geworden, denn Öl war eine Mangelware. Die Gewinne von ENTAL waren Jahr für Jahr gestiegen und für das aktuelle Jahr 2030 hatte das Unternehmen den höchsten Gewinn seit der Firmengründung prognostiziert. Die Bewohner von Fort Chipewyan litten an den verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt. Doch sich dagegen zu engagieren stand unter Strafe.

Nach wenigen Minuten hatten sie die Polizeiwache erreicht. Der Polizist befahl ihr auszusteigen. Er führte sie in das Gebäude und brachte sie in einen kahlen Raum, in dem nur ein Tisch und zwei Stühle standen. Er ließ Rena alleine. Sie war müde, erschöpft und fror in ihren klammen Sachen. Sie zog die tropfende Regenjacke aus und setzte sich, um ihre schmerzenden Rückenmuskeln zu entspannen. Ihre Gedanken kreisten um die Frage, wie sie ihren Kopf aus der Schlinge ziehen könnte. Auf keinen Fall durften die Polizisten das belastende Material finden, das sie bei sich trug.

Rena hörte, wie die Tür geöffnet wurde und sah auf. Der Polizist trat ein und setzte sich. Er musterte die Frau mit den langen schwarzen Haaren und den dunkelbraunen Augen schweigend. Rena erwiderte seinen Blick und tat ihr Bestes, um ihre Nervosität zu verbergen.

»Wie ist Ihr Name?«, brach der Polizist schließlich das Schweigen.

»Sie wissen, dass mein Name Rena Siebach ist.« Fort Chipewyan war ein kleiner Ort. Hier kannten sich die Leute.

Der Polizist ließ sich nicht beirren. Er erkundigte sich nach ihrer Adresse und fragte erneut, warum sie bei diesem Wetter unterwegs war. Rena antwortete das Gleiche wie zuvor, aber es war klar, dass der Polizist ihr nicht glaubte. Er beobachtete sie schon eine Zeit lang, hatte ihr bisher jedoch nichts nachweisen können. Anscheinend hatte jemand die Umweltschützer verraten. Rena steckte in einer Zwickmühle. Sie konnte unmöglich den wahren Grund für ihren Ausflug nennen. Das Material, das sie bei sich trug, war weitaus belastender als die Teilnahme an einer illegalen Versammlung.

Der Polizist drang mit seinen bohrenden Fragen immer weiter in sie. Renas Antworten waren mehr als unbefriedigend für ihn und das ließ er sie deutlich spüren.

Rena ließ erschöpft ihren Kopf in die Hände sinken. Der Polizist nahm ihr ihre Lügen nicht ab. Sie war gefangen in einer ausweglosen Situation. Sie spürte das Baby in ihrem Bauch treten, als wäre es empört über die Behandlung, die seiner Mutter zuteilwurde. Durch diese Bewegungen wurde der Druck auf ihre Blase größer.

»Ich muss auf die Toilette«, erklärte sie dem Polizisten unvermittelt.

»Das können Sie machen, wenn Sie meine Fragen beantwortet haben.«

»So können Sie mich nicht behandeln! Ich bin schwanger!« Rena schleuderte ihm die Worte erbost entgegen.

Der Polizist schien zu ahnen, dass Rena einen Riesenaufstand machen würde, wenn er nicht nachgab. Er erhob sich und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Er öffnete die Tür und ließ ihr den Vortritt. Ein Ziehen in ihrem Bauch ließ sie innehalten. Sie stützte sich mit der Hand an der Wand ab und schloss für einen Moment die Augen.

»Rena, ist alles in Ordnung?« Ein junger Polizist eilte besorgt zu ihr.

Rena öffnete die Augen »Hey, Colin«, antwortete sie matt.

Rena und Colin waren in Fort Chipewyan aufgewachsen. Sie hätten Freunde sein können, wenn sie durch die Lebensumstände nicht in verfeindete Lager geraten wären.

Rena überlief ein kalter Schauer und sie zitterte.

»Geht es dir nicht gut? Ist mit dem Baby etwas nicht in Ordnung?« Colin nahm sie am Arm und Rena erkannte, dass sie vielleicht einen Ausweg gefunden hatte.

1. Moonwatch

Eric ging über den Vorplatz des Jugendklubs und sah sich interessiert um. Sein erster Besuch hatte während der Schulzeit stattgefunden und der Komplex war ruhig und verlassen gewesen. Heute herrschte hier Leben. Ein paar Jugendliche spielten Basketball. Unter ihnen war ein Mädchen, das verbissen um den Ball kämpfte. Sie machte ihre fehlende Körpergröße durch Geschwindigkeit und Wendigkeit wett. Eric blieb stehen und beobachtete das Spiel. Er erinnerte sich an seine Schulzeit. Damals war er ein begeisterter Basketballspieler gewesen, doch die dritte Ölkrise vor dreizehn Jahren hatte dem ein Ende gesetzt. Der Ölpreis war in die Höhe geschossen und hatte überall zu Versorgungsengpässen geführt. Seine Eltern waren mit ihm zu Verwandten nach Norwegen geflohen. Als die Lage sich in Berlin wieder beruhigt hatte, waren sie zurückgekehrt. In der Zwischenzeit hatte Erics Basketballteam sich aufgelöst. Es gab Wichtigeres als das Spiel. Der Ölpreis war nie wieder auf das alte Niveau zurückgekehrt und das Leben hatte sich grundlegend geändert. Die Menschen mussten lernen ohne billiges Öl zurechtzukommen.

»Ey, was willst du?«, wurde Eric von einem schwarzhaarigen Teenager angesprochen, der langsam auf Eric zukam. Sein Gang hatte etwas Herausforderndes. Nun waren auch die Augen der anderen auf Eric gerichtet.

»Mein Name ist Eric. Ich habe einen Termin mit euch.«

»Bist du der Umweltfuzzi?«

Eric musste über diese Bezeichnung lächeln. »Genau der bin ich.«

Eine kleine zierliche Frau kam aus dem Gebäude.

»Hallo Nina«, begrüßte Eric sie.

»Hallo Eric.« Die Leiterin des Jugendzentrums schüttelte ihm die Hand. »Komm herein«, forderte sie ihn auf. »Ihr auch«, wandte sie sich an die Jugendlichen. Trotz ihres äußeren Erscheinungsbildes besaß sie die notwendige Durchsetzungskraft für ihren Job.

Sie gingen in einen Raum mit bunt zusammengewürfelten Sitzgelegenheiten. Die Couch schien der beliebteste Platz zu sein. Drei Mitarbeiter des Jugendklubs gesellten sich zu ihnen.

»Wir sind schon neugierig auf die Ideen, die du uns mitbringst«, eröffnete Nina das Gespräch, nachdem sich alle gesetzt hatten.

»Ich freue mich hier zu sein und finde es toll, dass ihr euch an dem Projekt beteiligt«, wandte Eric sich an die Jugendlichen.

»Ist doch logisch, Mann«, entgegnete ein Junge mit lockigen braunen Haaren, der auf der Couch lümmelte.

»Ich habe ein paar Vorschläge mitgebracht, wie euer Jugendklub energieeffizient saniert werden kann. Die wichtigste Maßnahme ist die Dämmung des Gebäudes. Dazu werden an den Fassaden Dämmplatten angebracht, die Wärmeverluste reduzieren sollen. Auch das Dach muss gedämmt werden, denn dieses Gebäude ist schon ziemlich alt. Ihr habt hier ein Flachdach, das verschiedene Möglichkeiten bietet. Eine Variante ist, das Dach weiterhin für die Stromerzeugung mit Solarzellen zu nutzen. Eine andere Idee ist jedoch, nur auf einem Teil des Daches Solarzellen zu installieren und auf dem Rest einen Dachgarten anzulegen.«

Eric konnte das Interesse der Teenager spüren.

»Wenn ihr euch für den Dachgarten entscheidet, könnt ihr darauf Obst und Gemüse anbauen und verkaufen«, fuhr er fort.

»Cool, dann haben wir endlich Geld«, stellte der schwarzhaarige Junge fest.

»Ist das Dach stabil genug für einen Garten?«, erkundigte sich ein Mädchen mit langen Haaren und aufwändigem Make-up.

»Ein Architekt hat das Dach begutachtet. Er hat mir versichert, dass sich das Dach für einen Garten eignet«, sagte Eric.

»Das war der Typ von letzter Woche«, warf ein Junge ein.

»Der Dachgarten hat den Vorteil, dass es im Sommer im Gebäude nicht zu heiß wird. Ich denke, das ist hier ein Problem?« Fragend sah Eric in die Runde.

Die Teenager nickten zustimmend.

»Ich kenne einen Landschaftsgärtner, der sich auf das Anlegen von Dachgärten spezialisiert hat. Er hat für euch einen Vorschlag erarbeitet.«

Eric öffnete seinen Laptop und zeigte einen Entwurf.

»Die Solarzellen auf eurem Dach nehmen derzeit sehr viel Raum ein. Das möchte ich ändern. Wenn man sie wie auf dieser Grafik gruppiert, bleibt viel mehr Platz übrig. Dann ist es möglich Grünflächen anzulegen. Außerdem gibt es Platz für eine Chillout-Ecke. Statt einen Sonnenschirm aufzustellen, können wir einen kleinen Pavillon bauen, auf dem Solarzellen installiert werden. An den Seitenwänden können Kletterpflanzen wachsen.« Eric deutete auf einen anderen Bereich des Gartens. »Hier sollten größere Büsche stehen, um den anderen Pflanzen etwas Schatten zu bieten. Bei der Auswahl der Pflanzen kann euch der Landschaftsgärtner beraten.«

»Wieso sind auf der Grafik weniger Solarmodule als wir auf unserem Dach haben?«, fragte die Basketballspielerin skeptisch.

»Eure Solarmodule sind schon über zehn Jahre alt. Inzwischen gibt es wesentlich effizientere. Wenn wir die austauschen, bleibt mehr Platz für Grünflächen«, antwortete Eric. »Im Gebäudeinneren werden wir auch noch ein paar Veränderungen vornehmen. Wassersparsysteme habt ihr bereits. Aber ich möchte zusätzlich ein Brauchwassersystem installieren, das zur Bewässerung eures Dachgartens genutzt werden kann. Außerdem ist die Beleuchtung noch nicht vollständig auf LED Lampen umgestellt. Das muss geändert werden.«

»Also, ich finde die Ideen super«, schaltete sich die Leiterin ein.

»Ich wollte schon immer einen Garten haben«, sagte ein Mädchen mit strohblonden Haaren und schaute sehnsüchtig auf den Entwurf.

In diesem Teil der Stadt lebten die Menschen in Wohnungen. Einfamilienhäuser mit Gärten waren eine Rarität.

»Das klingt teuer. Konntest du so viel Kohle bei der Stadt lockermachen?«, wandte sich ein Junge an die Leiterin des Jugendzentrums.

»Eric hat mir einen Kostenvoranschlag gemacht. Wenn ihr beim Anlegen des Dachgartens helft, reicht unser Budget aus«, antwortete diese.

»Also, wer ist dafür?«, fragte der Schwarzhaarige und hob seine Hand. Auffordernd sah er in die Runde.

Nach und nach hoben alle ihre Hand. Der Vorschlag war angenommen.

»Ich freue mich, dass es euch gefällt. Wenn ihr mit dem Landschaftsgärtner arbeitet, wird er euch erklären, wie ihr die Pflanzen pflegen müsst, damit ihr lange etwas davon habt«, sagte Eric. Er lächelte zufrieden. Es freute ihn, dass seine Idee so gut angekommen war.

Er verabschiedete sich und fuhr mit seinem Fahrrad nach Hause. Der Auftrag brachte ihm nicht viel ein, doch die Begeisterung dieser Teenager zu erleben, war viel mehr wert. Dieses Projekt war wesentlich befriedigender als das, was ihm vor ein paar Wochen angeboten worden war. Ein Supermarktbesitzer wollte von Eric beraten werden. Zunächst war Eric angetan von der Herausforderung, die sich ihm bot. Nach ein wenig Recherche war ihm klar geworden, dass dieser Mann einen sehr schlechten Ruf hatte. Er versuchte seinen Kunden minderwertige Ware zu verkaufen, behandelte seine Angestellten schlecht und nutzte sie nach Strich und Faden aus. Einige kündigten daraufhin und suchten sich neue Jobs. Doch es gab auch Leute, die keine Wahl hatten. Sie waren nicht in der Lage sich zu wehren. Alfred Edelmann hatte an der Idee Gefallen gefunden, dass er durch eine Umweltberatung sein Image aufpolieren könnte. Er wollte Eric engagieren. Eric hatte lange darüber nachgedacht, ob er den Auftrag annehmen sollte. Er kam finanziell inzwischen halbwegs über die Runden und entschied sich abzulehnen. Mit diesem Halsabschneider wollte er nichts zu tun haben.

Er stellte sein Fahrrad ab und stieg die Treppen zu seiner Wohnung in den dritten Stock hinauf. Einige Stufen knarrten unter seinem Gewicht. Dieser Altbau war etwas völlig anderes als das schicke Penthouse, in dem er früher gewohnt hatte. Doch mit seinem Job hatte er vor einigen Jahren auch seine teure Wohnung verloren. Er war gezwungen gewesen, wieder zu einem einfacheren Lebensstil zurückzukehren. Er hatte sich eine günstige Wohnung in Berlin Kreuzberg gesucht. Hier hatte er schon während seiner Studienzeit gewohnt und nun überrascht festgestellt, dass er sich in dieser Gegend immer noch wohlfühlte. Auch beruflich hatte Eric sich verändert. Er hatte seine eigene Firma gegründet. »Bergmann Umweltberatung«. Diese unterstützte Firmen bei der Suche und Umsetzung von umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Möglichkeiten der Unternehmensführung.

Als er die Tür aufschloss, umfing ihn Stille. Er ging in sein Büro, das sich neben einer gemütlichen Wohnküche, seinem Schlafzimmer und einem kleinen Gästezimmer in seiner Wohnung befand. Zunächst kontaktierte er den Landschaftsgärtner. Er teilte ihm mit, dass sie den Auftrag im Jugendklub wie geplant durchführen würden. Er sah seine E-Mails durch und stutzte. Er war auf eine E-Mail-Adresse gestoßen, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er fühlte sich in seine Schulzeit zurückversetzt. Sein Freund Chris hatte diese Adresse damals verwendet. Doch seit er nach Kanada gezogen war, hatte er sie nicht mehr benutzt. Neugierig öffnete Eric die E-Mail und begann zu lesen. Chris bat ihn um Hilfe. Er benötigte Geld, um mit seiner Frau Kanada zu verlassen. Die E-Mail war sehr kurz gehalten, doch Eric spürte die Dringlichkeit.

Er lehnte sich zurück und fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Chris musste in ernsten Schwierigkeiten stecken. Anders konnte Eric sich diese E-Mail nicht erklären. Sein Freund setzte sich für den Erhalt des Wood Buffalo Nationalparks ein. Wahrscheinlich war er mit seinem Engagement jemandem in die Quere gekommen. Chris war in seiner Mail sehr vage geblieben, also hielt er die Kommunikation nicht für sicher. Eric würde keine Fragen stellen.

Er sah im Internet nach, was eine Schiffspassage von Halifax nach Deutschland kostete. Er suchte nach dem günstigsten Angebot, doch die Preise der verschiedenen Anbieter unterschieden sich nicht wesentlich. Rund 2500 Euro musste man für diese Reise bezahlen. Er fragte sich, wie er auf die Schnelle 5000 Euro für Chris und seine Frau auftreiben sollte. Früher, als er noch bei der renommierten Firma Niesing & Hamilton Consulting gearbeitet hatte, wäre das kein Problem gewesen. Diesen Job hatte er jedoch verloren, ebenso wie den Kontakt zu vielen seiner damaligen Bekannten. Er passte nicht mehr in ein Leben, in dem der Schein das Wichtigste war. Er hatte seine eigene Firma eröffnet und hart daran gearbeitet, sie aufzubauen. Inzwischen war er so weit, dass er von den Einnahmen bescheiden leben konnte. Bisher war er aber noch nicht in der Lage gewesen, größere Reserven für Notfälle zu bilden. Im letzten Jahr hatte er sich mühsam 2000 Euro zusammengespart. Die Aufträge, die er bisher bekommen hatte, waren eher klein. Sie brachten nicht viel Geld ein. Große Firmen beauftragten etablierte Beratungsunternehmen wie Niesing & Hamilton Consulting.

Eric sah auf sein Handgelenk und betrachtete seine Uhr. Es war eine Omega Speedmaster Moonwatch Professional. Diese Uhr hatte er sich in seiner Zeit bei Niesing & Hamilton Consulting gekauft. Er hatte diese Uhr schon seit Jahren bewundert. Buzz Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond, hatte eine Uhr getragen, in der dieses Uhrwerk verwendet worden war. Seitdem war sie als Moonwatch bekannt. Eric liebte das Design. Das schwarze Ziffernblatt und die silbernen Akzente strahlten eine Eleganz aus, die er bewunderte. Diese Uhr hatte seinen Erfolg symbolisiert. Er war mit der Arbeitsweise bei Niesing & Hamilton Consulting nicht immer einverstanden gewesen. Doch die Statussymbole, die er sich dank des großzügigen Gehaltes leisten konnte, hatten ihm gefallen.

Schweren Herzens dachte er darüber nach, dass er seine Moonwatch verkaufen musste, wenn er Chris helfen wollte. Neu hatte sie 4800 Euro gekostet. Eric hatte sie seinerzeit für 2500 Euro gekauft. Nun würde er wahrscheinlich um die 1500 Euro bekommen. Doch auch mit seiner Notfallreserve von 2000 Euro würde das Geld nicht ausreichen, um die Überfahrt für Chris und seine Frau zu bezahlen. Er brauchte noch eine andere Geldquelle. Wenn er einen lukrativen Auftrag an Land ziehen könnte, wäre sein Problem gelöst. Das war aber alles andere als einfach. Obwohl Eric sich im Business gut auskannte, war es meistens ein langwieriges Ringen, neue Kunden zu finden. Er sah nur eine Möglichkeit, schnell an Geld zu kommen. Es gab einen Auftrag, den er vor kurzem abgelehnt hatte. Der Supermarktbesitzer hatte noch mehrmals nachgefragt, ob er seine Meinung nicht ändern wollte, doch Eric war bei seiner Entscheidung geblieben. Dieser Mann wollte keine solide Beratung. Er hatte herausgefunden, dass Eric früher bei Niesing & Hamilton Consulting gearbeitet hatte und nun wollte er von dem damit verbundenen Image profitieren.

Eric widerstrebte der Gedanke, doch das könnte die Lösung für sein Problem sein. Er würde diesen Supermarktbesitzer beraten und dafür würde dieser ordentlich bezahlen.

Er schrieb eine kurze Nachricht an Chris. Er würde ihm helfen, aber er benötigte ein paar Tage Zeit.

Eric kontaktierte Alfred Edelmann und teilte ihm mit, dass er seine Meinung geändert hatte. Er wollte den Termin so schnell wie möglich hinter sich bringen und vereinbarte, dass sie sich in einer Stunde treffen würden.

Wahrscheinlich würde er seine Uhr heute zum letzten Mal tragen. Mit einem Anflug von Wehmut betrachtete er das edle Stück bester Schweizer Uhrmacherkunst. Dann ging er in sein Schlafzimmer und zog sich seinen teuersten Anzug an.

Eric betrachtete das Gebäude skeptisch. Es war einer dieser alten Supermärkte, an dem bisher kaum etwas erneuert worden war. Er ging hinein und suchte nach dem Besitzer. Nach einigem Herumfragen fand er ihn schließlich in seinem Büro.

»Hallo, Herr Edelmann«, begrüßte Eric sein Gegenüber und schüttelte ihm die Hand.

Er fragte sich, ob das wirklich sein richtiger Name war.

»Herr Bergmann, es freut mich Sie zu sehen. Wie ich sehe, haben Sie noch einmal über mein Angebot nachgedacht«, stellte Alfred Edelmann großspurig fest.

»Nachdem Sie mich zum dritten Mal gebeten haben, den Auftrag zu übernehmen, konnte ich nicht mehr ablehnen.« Eric bedachte den Mann mit einem unverbindlichen Lächeln.

»Bitte setzen Sie sich. Möchten Sie einen Kaffee?«

»Vielen Dank, gerne«, antwortete Eric höflich. Er hatte in seiner Laufbahn schon häufiger mit unsympathischen Kunden zu tun gehabt und wusste, wie er sich verhalten musste.

Der Supermarktbesitzer drückte einen Knopf an einem Kaffeeautomaten. Das Brummen der Maschine erfüllte den Raum, gefolgt von dem intensiven Aroma des Getränks. Er reichte Eric die Tasse und dieser nahm einen Schluck. Der Kaffee schmeckte überraschend gut. Er war stark, aber nicht bitter und hatte eine feine Kakaonote.

»Guter Kaffee«, lobte Eric. »Verkaufen Sie den in Ihrem Laden?«

Alfred Edelmann schüttelte den Kopf. »Nein, diese Sorte gibt es hier nicht«, erwiderte er lachend. »Das Sortiment im Edelmarkt ist eher einfach gehalten. Aber jetzt erzählen Sie mal, was wollen Sie in meinem Laden verändern?«

»Bevor wir über Veränderungen sprechen, sollten wir die finanzielle Seite klären«, erwiderte Eric. »Ich verlange eine Vorauszahlung von 3000 Euro. Dafür erstelle ich Ihnen ein umfassendes Sanierungskonzept und vermittle Ihnen Handwerker, die die notwendigen Arbeiten ausführen. Wenn Sie möchten, dass ich die Arbeiten selbst überwache, werde ich die dafür benötigte Zeit stundenweise mit Ihnen abrechnen.«

»3000 Euro finde ich reichlich übertrieben. Ich hatte an 500 gedacht.«

»Herr Edelmann, für 500 Euro schalte ich nicht einmal meinen Computer an. 3000 sind ein Freundschaftspreis. Bei Niesing & Hamilton Consulting habe ich das Doppelte verlangt«. Eric blickte den Mann mit der überlegenen Arroganz an, die die Mitarbeiter des renommierten Beratungsunternehmens häufig an sich hatten. Er griff nach der Kaffeetasse und nahm einen Schluck. Alfreds Blick fiel auf Erics Uhr.

»Eine schöne Uhr haben Sie da«, sagte er, um Zeit zu gewinnen.

»Ja, das ist eine Omega Speedmaster Moonwatch Professional«, antwortete Eric und seine Stimme klang fast eine Spur herablassend.

Alfreds Augen blitzten begehrlich auf. Er ahnte, was so ein Modell wert sein musste.

»Die erste Uhr auf dem Mond, fantastisch.« Alfred Edelmann hatte von der Legende dieser Uhr gehört. »Bestimmt ist es schwer eines dieser Modelle zu finden.« Lauernd beobachtete er Erics Reaktion.

»Hören Sie, ich bin nicht hier, um über Uhren zu philosophieren. Entweder wir reden über das Geschäft oder ich gehe. Meine Zeit ist kostbar«, wies Eric den Mann zurecht.

»Wie wäre es, wenn ich Ihnen 1000 Euro bezahle?«, schlug Edelmann vor.

»Dieses Angebot ist inakzeptabel. Aber damit dieser Schandfleck von einem Laden endlich renoviert wird, bin ich bereit, die Arbeit für 2800 Euro zu erledigen.«

Nach langem Feilschen einigten sie sich schließlich auf 2300 Euro.

»Ich werde meinen Anwalt beauftragen, die Papiere fertig zu machen. Die Summe wird bei Vertragsunterzeichnung fällig. Sobald ich das Geld erhalten habe, werde ich mit der Arbeit beginnen«, sagte Eric.

Er verabschiedete sich und verließ das Büro. Ein ungutes Gefühl nagte an ihm. Er hoffte, dass sich Alfred Edelmann an die Vereinbarung halten und ihm das Geld pünktlich zahlen würde. Erics Anwalt würde den Vertrag absolut wasserfest gestalten müssen, damit Edelmann ihn nicht über den Tisch ziehen konnte.

»Wir haben das Geld. Ich habe eine E-Mail von Eric erhalten«, berichtete Chris erleichtert.

Rena sah von dem Dokument auf, das sie gerade las. Chris saß ihr gegenüber am Esstisch. Sie lebten in einem Holzhaus, das neben einem Wohnzimmer und einem Schlafzimmer nur noch über einen kleinen weiteren Raum verfügte. Die Einrichtung war in Naturtönen gehalten. Die warmen Farben des Holzes, das in Wänden und Böden verarbeitet war, harmonierten mit der grünen Couch, die zum Entspannen einlud. Ein paar farbige Akzente verliehen dem Haus Behaglichkeit. Sie sah ihren Mann an. Er war groß und hatte rotblondes Haar. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Seine Augen waren so strahlend blau wie der Himmel an dem schönen Sommertag, als ihr Chris als neuer Ranger vorgestellt worden war. Inzwischen hatten sich Sorgenfalten in sein Gesicht eingegraben. In den letzten Tagen hatte er sich ständig mit der Frage gequält, ob Eric ihnen helfen konnte.

»Wenn wir die billigsten Zugtickets nehmen, kommen wir mit unserem Geld bis nach Halifax.« Rena hatte viel Zeit damit zugebracht, die günstigsten Angebote für ihre Reise zu finden.

»Wäre es nicht besser, eine Kabine mit Bett zu nehmen? In deinem Zustand ist es nicht ratsam, mehrere Nächte in einem Zugsitz zu verbringen.« Chris warf seiner Frau einen besorgten Blick zu.

»Chris, das können wir uns nicht aussuchen. Wir haben nur noch 4000 Dollar. Alles andere ist für die Behandlungskosten meiner Mutter draufgegangen. Wenn wir die günstigsten Plätze im Zug nehmen, kostet das knapp 2000 Dollar. Außerdem brauchen wir Geld für Hotels. Wir haben zwischen den einzelnen Stationen unserer Reise an die Küste immer wieder ein paar Tage Aufenthalt.«

»Wie teuer ist eine Kabine?«

»Wenn wir eine Kabine für zwei Personen buchen, kostet uns die Zugfahrt 3400 Dollar. Die Reserve, die uns dann bleibt, ist zu gering. Glaub mir, ich hätte auf dieser Fahrt auch gerne ein Bett. Aber es muss leider ohne gehen. Ich werde das schon irgendwie schaffen.« Rena sah ihn entschlossen an.

»Ich habe gehofft, dass es diesem Polizisten nach ein paar Tagen langweilig wird, dich zu beobachten. Aber das ist nicht der Fall. Wir müssen uns irgendetwas einfallen lassen, wie wir unbemerkt verschwinden können.«

Rena hatte auf der Polizeiwache Krämpfe vorgetäuscht. Chris war zunächst nicht klar gewesen, dass diese Probleme nur gespielt waren. Er dachte mit Schaudern daran, wie das Telefon geklingelt hatte. Die 81jährige Rebekka hatte beobachtet, wie ein Polizist Rena genötigt hatte, in einen Streifenwagen zu steigen.

Chris war sofort zur Polizeiwache geeilt. Der wachhabende Polizist war Colin. Er kannte den Mann, so wie er fast jeden in Fort Chipewyan kannte.

»Ist meine Frau hier?« Noch immer hatte Chris an eine Verwechslung geglaubt.

»Ja«, hatte Colin geantwortet.

»Ich will sie sehen.«

»Das geht nicht. Sie wird gerade verhört.«

»Was wird ihr vorgeworfen?«

»Darüber darf ich im Moment keine Auskunft geben.«

»Was kann eine Frau, die im sechsten Monat schwanger ist für ein Verbrechen begangen haben?« Der große Deutsche hatte sich bedrohlich vor dem Polizisten aufgebaut.

»Bitte geh jetzt, Chris!«

»Ich gehe erst, wenn ich mich davon überzeugt habe, dass es ihr gut geht!«, hatte Chris stur erwidert. Er hatte versucht sein Gegenüber mit purer Willenskraft zum Einlenken zu bewegen. Colin hatte den unverwandten Blick erwidert, mit dem Chris ihn bedacht hatte. Dann hatte er nachgegeben.

»Warte hier«, hatte er zu Chris gesagt und war um die Ecke verschwunden.

Einen Moment später hatte Chris Colins besorgte Stimme gehört, gefolgt vom schmerzhaften Aufstöhnen einer Frau. Das musste Rena sein.

Chris war zu ihr geeilt und hatte Colin beiseitegeschoben. Er hatte sie fürsorglich gestützt. »Was ist mit dir?« Seine Stimme hatte vor Besorgnis gezittert.

»Rena hatte die Augen geschlossen. »Das Baby«, hatte sie geflüstert.

»Sie muss sich hinlegen. Außerdem brauchen wir die Hebamme!« Chris hatte sich an Colin gewandt. Mit dem anderen Polizisten hatte er sich nicht abgegeben. Er wusste, dass dieser Mann kein Funken Mitleid besaß.

»Das Verhör ist noch nicht beendet.« Der Polizist war verärgert gewesen, dass seine Autorität untergraben worden war.

»Das ist ein medizinischer Notfall!«, hatte Chris ihn angeherrscht. Er hatte Rena auf die Arme gehoben und trug sie zum Ausgang.

»Bleiben Sie sofort stehen!«, hatte der Polizist ihm nachgerufen.

»Ich werde meine Frau nach Hause bringen und dafür sorgen, dass die Hebamme sich um sie kümmert. Danach können Sie mich verhaften, wenn Sie ernsthaft der Meinung sind, dass ich gegen ein Gesetz verstoßen habe«, antwortete Chris über die Schulter hinweg.

»Ich werde euch nach Hause fahren.« Colin hatte sich den Autoschlüssel des Streifenwagens geschnappt und war Chris und Rena nach draußen gefolgt.

Die Hebamme des Ortes hatte Rena gedeckt. Sie hatte bestätigt, dass die Schwangerschaft in Gefahr war. Sie verordnete ihr Bettruhe und verbot jegliche Aufregung. Das schloss Verhöre durch die Polizei aus. Seitdem konnte Rena das Haus nicht mehr verlassen. Besucher durften sie nur auf der Couch oder im Bett antreffen. Ihr fiel es schwer die kranke Frau zu mimen. Sie fühlte sich eingesperrt und zur Untätigkeit verdammt.

»Ich muss zur Arbeit«, bemerkte Chris. »Pass gut auf unser Baby auf und mach keine Dummheiten.«

Rena musste lächeln. So verabschiedete er sich in den letzten Tagen immer von ihr. Er gab ihr einen Kuss und streichelte sanft ihren Bauch. Sein Gesichtsausdruck wurde weich und zärtlich, als er eine Bewegung des Babys spürte.

Unvermittelt klopfte es. Erschrocken sah Rena ihren Mann an. Sie erwarteten keinen Besuch.

»Leg dich auf die Couch«, flüsterte Chris ihr zu.

Eilig erhob sie sich von ihrem Stuhl und ging die wenigen Schritte durch den Raum. Anspannung war in Chris Gesicht zu erkennen, als er die Tür öffnete.

»Hallo Ivy«, begrüßte er dann die Hebamme erleichtert. Chris lebte seit Tagen in der Angst, dass die Polizei sich nicht mehr länger vertrösten lassen würde.

»Hast du ein paar Minuten Zeit?«, erkundigte sich Ivy, während sie eintrat.

Chris nickte und schloss die Tür hinter ihr.

»Wie geht es dir?«, fragte Ivy, an Rena gerichtet.

»Gut«, erwiderte diese. Die Müdigkeit hatte allerdings deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Vor wenigen Tagen hatte sie erfahren, dass ihr Vater schwer krank war. Er hatte Krebs. Es war ein Schock gewesen, das zu erfahren. Ihre Mutter war erst vor wenigen Monaten an dieser Krankheit gestorben. Die Sorge um ihren Vater und ihre eigene Sicherheit hielten sie nachts oft für viele Stunden wach.

Ivy nickte nach einem wissenden Blick in Renas Gesicht.

»Habt ihr euch Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll?«, fragte sie. Die Hebamme war eine resolute Frau. Sie war schlank und wirkte beinahe drahtig. Ihr schwarzes Haar war von grauen Strähnen durchzogen.

»Ja«, antwortete Rena. Sie zögerte einen Moment, bevor sie weitersprach. »Wir wollen so schnell wie möglich aus Fort Chipewyan weg.«

»Das Problem ist, dass wir unter Polizeibeobachtung stehen. Wir wissen nicht, wie wir den Ort unbemerkt verlassen können«, ergänzte Chris.

»Ihr müsst weiter abwarten. Irgendwann werden sie es leid sein, eine bettlägerige Frau zu observieren. Wisst ihr, wo ihr untertauchen könnt?«, fragte Ivy.

»Vielleicht bei Tyrell«, überlegte Rena.

»Bei deinem Cousin?«, fragte Chris ungläubig.

»Tyrell ist als Unruhestifter bekannt. Ich glaube nicht, dass ihr bei ihm sicher seid«, gab Ivy zu bedenken.

»Aber möglicherweise kennt er jemanden, bei dem wir für eine Weile bleiben können«, warf Rena ein. »Außerdem könnte er uns ein Boot besorgen. Ich werde ihn anrufen.«

»Nein, lass mich das machen«, schaltete sich Ivy ein. »Du stehst unter Beobachtung und mit Sicherheit werden auch deine Telefongespräche überwacht.«

»Ich denke, inzwischen trauen sie dir auch nicht mehr über den Weg. Sie wissen nicht, ob du in Bezug auf Rena die Wahrheit sagst oder sie nur decken willst«, bemerkte Chris.

»Das ist richtig, aber ich habe meine eigenen Wege, um mit Leuten wie Tyrell Kontakt aufzunehmen, ohne dass ENTAL davon Wind bekommt. Tyrell hat regelmäßig Kontakt mit einem meiner Neffen. Wenn ich dem eine Nachricht hinterlasse, wird Tyrell mich auf dem Handy meines Neffen zurückrufen. Dann klingt das Ganze nach einem Telefongespräch, in dem eine Tante ihren Neffen fragt, wann er sie mal wieder besuchen kommt.«

»Also gut«, willigte Chris ein. Die Anspannung war ihm deutlich anzumerken. »Ich muss zur Arbeit. Ich bin schon ziemlich spät dran.« Er gab Rena einen Kuss, verabschiedete sich von Ivy und verließ das Haus.

»Nun wollen wir mal sehen, wie es dem Baby geht«, sagte Ivy an Rena gewandt.

Chris öffnete die Haustür und spähte in die Dunkelheit. Der große Wanderrucksack auf seinem Rücken versperrte Rena die Sicht nach draußen. Er gab ihr ein Zeichen und sie verließen lautlos ihr Haus. Die beiden eilten durch den Ort und verbargen sich in den Schatten der Häuser. Obwohl es mitten in der Nacht war, war es um diese Jahreszeit nicht so dunkel, wie sie es sich gewünscht hätten. Einen ungünstigeren Zeitpunkt für eine Flucht hätte man nicht wählen können. Doch Chris und Rena blieb keine Wahl. Sie hofften, dass die Leute im Ort jetzt tief und fest schliefen. Die Aufmerksamkeit der Polizei hatte in der letzten Woche endlich nachgelassen. In diesem Punkt hatte Ivy Recht behalten. Vor drei Tagen hatte Rena sich von ihrem Vater verabschiedet. Es ging ihm immer schlechter und er hatte nicht mehr die Kraft, sie jeden Tag zu besuchen. Chris hatte vermutet, dass sie nach einem Treffen mit Renas Vater wieder genauer beobachtet werden würden. Aus diesem Grund hatten sie ein paar Tage verstreichen lassen, bevor sie die Flucht wagten. Rena war es unglaublich schwer gefallen weiterhin Schwangerschaftsprobleme vorzutäuschen. Ihr Vater benötigte ihre Hilfe, doch sie war zur Passivität verdammt. Dieser Abschied lastete sehr schwer auf ihr, denn sie wusste, dass es ein Abschied für immer war.

Sie kamen am Friedhof vorbei und Rena blieb stehen.

»Was ist?«, wisperte Chris.

»Ich brauche einen Moment«, flüsterte Rena und betrat den Friedhof.

Die Morgendämmerung kam unaufhaltsam näher und sie war in der Lage die Grabinschriften zu lesen. Sie ging zum Grab ihrer Mutter und berührte mit der Hand den kleinen weißen Zaun, der das Grab umgab. In einem stummen Zwiegespräch verabschiedete sie sich ein letztes Mal. Sie ließ ihren Blick über die anderen Gräber schweifen. Viele der Menschen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden hatten, hatte Rena gekannt. Mit einigen war sie befreundet gewesen.

»Wir müssen weiter. Es ist schon fast hell«, erinnerte Chris seine Frau und nahm ihre Hand.

Rena wandte dem Friedhof den Rücken zu und sie eilten weiter. Nachdem sie das letzte Haus passiert hatten, sahen sie eine Gestalt in den dunklen Schatten der Bäume. Rena hielt unwillkürlich den Atem an. Chris trat beschützend vor sie. Vorsichtig näherten sie sich. Dann erkannten sie Tyrell. Sie begrüßten den jungen Mann und folgten ihm.

»Ich habe das Boot am Ufer versteckt. Wir müssen eine halbe Stunde laufen. Näher wollte ich nicht an den Ort heranfahren. Sonst hätte der Motor uns verraten «, sagte Tyrell.

Sie fuhren in dieser Nacht nur ein Stück des Weges und versteckten sich am Tag im Wald. In der nächsten Nacht würden sie auf dem Athabasca River das Firmengelände von ENTAL passieren.

Isabella schreckte aus dem Schlaf hoch. Sie brauchte einen Moment, um sich in der Dunkelheit zurechtzufinden. Dann hörte sie das Geräusch wieder. Jemand hämmerte an die Tür. Sie spürte eine Bewegung neben sich im Bett.

»Zieh dich an«, wisperte sie dem Mädchen zu, das neben ihr geschlafen hatte.

Lautlos glitt Isabella aus dem Bett und schlüpfte in ihre Sachen. Sie öffnete die Tür des Schlafzimmers und sah auf dem Flur Tom, ihren Mitbewohner.

»Erwartest du jemanden?«, erkundigte sie sich flüsternd.

»Nein«, antwortete Tom ebenso leise.

Isabella schlich ins Büro und überprüfte an ihrem Computer die Bilder, die die Überwachungskamera an der Tür ihr lieferten. Sie sah drei Personen. Zwei davon hatte sie noch nie gesehen. Denjenigen, der an die Tür hämmerte, kannte sie.

»Du kannst aufmachen, es ist Tyrell«, rief sie Tom zu. Sie überprüfte die Bilder der Infrarotkameras, die sie im Wald verteilt hatte. Niemand schien die drei zu verfolgen. Isabella ging in den Flur, um ihre nächtlichen Besucher näher in Augenschein zu nehmen.

Eine hochschwangere Frau und ein Mann mit rotblonden Haaren hatten die Hütte betreten. Tyrell folgte ihnen und stellte die Besucher als Chris und Rena vor.

Rena schwankte vor Erschöpfung und Isabella beeilte sich, sie in das winzige Gästezimmer zu bringen. Sie zog ihr die Schuhe aus. Rena ließ sich ansonsten voll bekleidet auf das Bett sinken.

»Danke«, murmelte Rena und versuchte ihre Augen aufzuhalten, um die blonde Frau näher in Augenschein zu nehmen.

»Schlaf erst einmal. Alles andere hat bis morgen Zeit«, sagte Isabella und deckte Rena zu.

»Wie heißt du?«

»Mein Name ist Amy«, antwortete Isabella und nannte den Namen, den sie sich an dem Tag zugelegt hatte, als sie kanadischen Boden betreten hatte.

Rena schloss erschöpft ihre Augen und war fast im selben Moment eingeschlafen.

Nachdem Rena sich ausgeschlafen hatte, versorgte Isabella sie mit Essen.

Fragend sah Rena sich um. Isabella verstand ihren Blick richtig. »Tom und Chris sind nach Fort McMurray gefahren. Chris wollte Kontakt mit einem Freund aufnehmen und wir hielten es für sicherer, wenn er es an einem belebten Ort tut, an dem viele Leute das Internet nutzen.«

»Und wo ist Tyrell?« Rena nippte an ihrem Tee und aß den Haferbrei, den Isabella für sie gemacht hatte.

»Er bringt das Boot zurück.«

Rena nahm ihr Gegenüber genauer in Augenschein. Die Frau hatte grüne Augen und musste um die 30 Jahre alt sein.

»Kommst du aus Deutschland?«, fragte Rena unvermittelt und griff nach dem Apfel, der vor ihr auf dem Tisch lag.

»Wie kommst du darauf?«

Rena glaubte einen Anflug von Besorgnis aus ihrer Stimme herauszuhören.

»Dein Akzent erinnert mich an den meines Mannes. Er ist vor einigen Jahren aus Deutschland nach Kanada gekommen.«

»Meine Eltern sind aus Schweden eingewandert, als ich noch ein Kind war. Ich bin meinen Akzent nie richtig losgeworden«, erklärte Isabella beiläufig.

Rena wusste nicht, wie Schwedisch klang. Doch sie würde Chris fragen, ob es dem Deutschen ähnlich war.

Am Nachmittag kehrten die Männer zurück. Chris hatte eine merkwürdige Nachricht von Eric erhalten.

»Unser Freund hat mir nahegelegt, in einem Onlineshop eine Publikation zu kaufen«, berichtete Chris seiner Frau. Sie hatten beschlossen, keine Namen zu nennen und auch ihr Reiseziel nicht zu verraten. »Ich habe sie gekauft, aber ich verstehe nicht, was das soll. Ich habe gedacht, darin will er mir irgendwelche Informationen weitergeben. Doch ich kann nichts entdecken.«

»Zeig mal«. Rena streckte die Hand aus. Sie studierte den Text intensiv, doch auch sie konnte keine tiefere Bedeutung erkennen.

»Kann ich es mir einmal ansehen?«, fragte Isabella.

Sie überflog das Geschriebene. »Das ist eine Branchenstudie über erneuerbare Energien in Kanada. Es gibt keinen Grund, für diese Informationen Geld zu bezahlen. Die kann man auch kostenlos herunterladen.« Chris und Rena sahen sich ratlos an. »Wie hast du bezahlt?«, fragte sie weiter.

»Es gab nur die Möglichkeit, per Bankeinzug zu zahlen«, antwortete Chris.

»Wenn der Onlineshop eurem Freund gehört, hat er auf diese Weise eure Kontodaten erhalten«, stellte sie fest.

»Natürlich, das ist es. Jetzt kann er uns das Geld überweisen, ohne dass wir unsere Bankverbindung per E-Mail verschicken müssen«, sagte Chris erleichtert.

Nachdem sie die Gastfreundschaft von Tom und Isabella eine weitere Nacht in Anspruch genommen hatten, nahmen Rena und Chris den Bus nach Edmonton. Sie verbrachten einen Großteil des warmen sonnigen Tages in einem der vielen Parks der Stadt. Am Abend begaben sie sich zum Bahnhof. Sie waren nervös, aber die Polizei schien den Bahnhof nicht zu überwachen. Der Zug nach Toronto fuhr kurz vor Mitternacht.

Rena verbrachte drei unbequeme Nächte auf ihrem Sitz und hätte alles für ein Bett gegeben. Sie war erleichtert, als sie Toronto erreichten und sie den Zug verlassen konnte. In Toronto wollten sie Geld von der Bank abholen. Falls die Polizei diese Transaktion beobachtete, hätte sie einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort. Aus diesem Grund wollten sie nach dem Termin bei der Bank unverzüglich in den nächsten Zug steigen und die Stadt verlassen. Toronto bot viele Reisemöglichkeiten in verschiedene Richtungen und sie hofften, so ihre Spur verwischen zu können.

Chris prüfte den Kontostand und musste feststellen, dass das Geld nicht da war. Sie waren gezwungen sich ein Hotel zu suchen und zu warten. Rena war zunächst erleichtert, dass sie die Nacht in einem richtigen Bett verbringen konnte, doch die unbequeme Matratze in dem billigen Hotel brachte nicht die gewünschte Erleichterung. Auch am nächsten Tag war das Geld nicht eingetroffen. Die beiden wurden immer nervöser und beratschlagten, was sie tun sollten. Sie beschlossen, noch einen Tag abzuwarten. Wenn sich in dieser Zeit nichts tat, würden sie das Risiko eingehen und Eric kontaktieren.

Am nächsten Nachmittag war das Geld endlich eingetroffen. Chris holte es von der Bank ab und sie setzten ihre Reise nach Montreal fort. Ihren Anschlusszug nach Halifax verpassten sie um eine halbe Stunde. Sie mussten drei Tage in Montreal verbringen, bis der nächste Zug nach Halifax ging.

Noch einmal stand Rena eine unbequeme Nacht in einem Zug bevor, dann hatten sie endlich die Küste erreicht. Sie hatten durch ihre ungeplanten Aufenthalte fünf Tage verloren. Das Schiff, das sie nach Deutschland bringen sollte, hatten sie verpasst.

Sie fuhren zum Hafen, um ein anderes Schiff zu finden. Sie erfuhren, dass in vier Tagen das nächste Schiff einlief, das Passagiere mit nach Europa nahm. Wieder waren sie gezwungen sich ein Hotel zu suchen. Ungeduldig erwarteten sie die Ankunft des Schiffes, das sie endlich aus Kanada wegbringen würde.

Vier Tage später gingen sie zum Hafen, um mit dem Kapitän den Preis für die Überfahrt auszuhandeln. Doch nach einem Blick auf Renas dicken Bauch lehnte er es ab, sie mitzunehmen. Er wollte keine Probleme mit einer Schwangeren haben. Das Schiff verließ den Hafen ohne sie. Sie mussten eine weitere Woche abwarten, bis sich ihre nächste Chance bot. Diesmal blieb Rena im Hotel, während Chris die Passage buchte.

Als sie gemeinsam an Bord gingen, trafen sie nur ein paar Mannschaftsangehörige an. Einer kontrollierte ihr Ticket. Ansonsten bedachte er sie nur mit einem flüchtigen Blick. Vorsichtshalber blieben sie in ihrer Kabine, bis das Schiff den Hafen verlassen hatte. Nun gab es für den Kapitän keine Möglichkeit mehr, ihnen die Überfahrt zu verweigern.

2. Ein schwieriges Projekt

Eric sah noch einmal seine Unterlagen für das Gespräch mit Alfred Edelmann durch, doch immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Seit Wochen hatte er nichts mehr von Chris gehört. Er fragte sich, was passiert war. Er konnte Chris keine E-Mail schicken, denn er befürchtete, dass er Chris damit in Schwierigkeiten bringen würde. Eric war sehr vorsichtig gewesen. Er hatte sich von Hank, einem befreundeten Computerspezialisten, in Windeseile einen Onlineshop einrichten lassen, um Chris' Kontoverbindung zu erhalten. Sein Freund Marc hatte das Geld an Chris überwiesen. Marc leitete eine Umweltorganisation und lebte in Brüssel. Auf diese Weise führte keine Spur nach Berlin.

Eric riss seine Gedanken mühsam von diesem Thema los. Er musste sich darauf konzentrieren, Edelmann das Konzept für seinen Supermarkt vorzustellen. Es war an der Zeit, das Geld zu verdienen, das er Chris bereits überwiesen hatte. Er würde seine ganze Konzentration brauchen, damit Edelmann ihn nicht übervorteilte. Er packte seinen Laptop ein und zog seinen Anzug an. Er bemühte sich, mit dem Anzug auch wieder in die Rolle des arroganten Beraters zu schlüpfen. Seine Moonwatch hatte er verkauft. Sein Handgelenk fühlte sich ohne die Uhr nackt an.

Eric ging die zehn Minuten zum Edelmarkt zu Fuß. Er schritt durch den Laden und sah sich um. Er hatte das Gebäude in den letzten Wochen intensiv besichtigt und viele Verbesserungsmöglichkeiten erarbeitet, die sowohl den Energieverbrauch reduzieren würden, als auch ein angenehmeres Ambiente schaffen konnten.

Eric betrat das Büro des Besitzers. Er stellte seinen Laptop auf den Schreibtisch, begrüßte Edelmann und rief eine Animation des Supermarktes auf.

»Beginnen wir mit der Gebäudehülle Ihres Ladens. Diese ist bisher nicht gedämmt worden. Im Winter muss deutlich mehr geheizt und im Sommer stärker gekühlt werden, als es mit einer guten Außendämmung notwendig wäre. Außerdem sind die Fenster hier sehr alt. Ich schlage Ihnen vor, neue Dreischeiben-Wärmeschutzglasfenster zu installieren.«

»Das klingt aber ziemlich teuer«, warf Edelmann ablehnend ein.

»Durch diese Maßnahmen können Sie viel Geld für Heizung und Kühlung Ihres Ladens einsparen«, entgegnete Eric. Dann fuhr er mit seinem Konzept weiter fort. »Auf dem großen Flachdach können Sonnenkollektoren installiert werden, um Strom zu produzieren. Die Stromproduktion kann durch kleine Windturbinen auf dem Parkplatz ergänzt werden.«

»Windturbinen auf dem Parkplatz, das gefällt mir.« Edelmann nickte zustimmend.

»Ein Gebäude wie dieses verschlingt viel Energie für die Beleuchtung. Ich nehme an, dass Sie bereits alles auf LED-Lampen umgestellt haben?«

»Natürlich«, sagte Edelmann herablassend. Das Einsparpotenzial dieser Maßnahme hatte er selbst erkannt.

»Allerdings müssen Sie fast den gesamten Innenbereich künstlich beleuchten, da es nicht ausreichend Fenster gibt. Durch einen Einbau von Oberlichtern im Dach wird das Tageslicht besser genutzt und viele Ihrer Lampen sind dann überflüssig.«

»Sie wollen Löcher in mein Dach bohren?«, bemerkte Edelmann skeptisch. »Nicht, dass es dann undicht wird.«

»Ich versichere Ihnen, dass es Firmen gibt, die in der Lage sind Oberlichter einzubauen, ohne dass es hinterher in Ihren Laden tropft.« Eric war genervt von diesem Mann. »Oberlichter, die natürliches Licht in das Gebäude lassen, schaffen außerdem ein angenehmeres Ambiente. Das wäre gut für Ihre Mitarbeiter.«

»Ich gebe doch kein Geld aus, damit sich die Mitarbeiter hier wohl fühlen. Die sollen arbeiten. Mein Laden ist keine Wellnessoase!«

»Studien haben ergeben, dass Angestellte produktiver sind, wenn sie nicht den ganzen Tag in künstlicher Beleuchtung arbeiten müssen, sondern in Räumen tätig sind, in denen Tageslicht vorhanden ist. Außerdem wäre es für die Kunden angenehmer, sie würden länger im Laden verweilen und mehr kaufen.« Dieses Argument gab Alfred Edelmann zu denken. »Für die Bereiche, die weiterhin künstlich beleuchtet werden müssen, ist es ratsam, Anwesenheitssensoren einzubauen, so dass das Licht gedimmt oder abgeschaltet wird, wenn sich niemand dort aufhält.«

Dagegen sagte Edelmann zur Abwechslung einmal nichts.

Eric fuhr weiter fort. »Die Überprüfung des Leitungssystems von Heizungen und Klimaanlagen hat ergeben, dass diese schlecht isoliert sind. Hier müssen die Lecks beseitigt werden.«

»Die Heizung und die Klimaanlage des Ladens funktionieren tadellos. Da ist absolut nichts kaputt!«, erwiderte Edelmann aufgebracht.

»Ich habe nicht gesagt, dass sie nicht funktionieren. Aber sie könnten effizienter arbeiten, wenn sie besser isoliert wären«, erwiderte Eric geduldig. »Bleibt noch ein Punkt. Die Kühlschränke für die Milchprodukte im Laden haben keine Türen. Sie benötigen viel Energie, um die Waren kalt zu halten. Die anderen Bereiche müssen Sie dagegen stärker heizen. Wenn Sie Kühlschränke mit Türen anschaffen, können Sie auch hier noch einmal sparen. Außerdem empfehle ich Ihnen, in Zukunft Ökostrom zu beziehen«, schloss Eric seine Vorschläge ab.

»Das klingt ja sehr interessant, aber ich glaube nicht, dass derartig umfassende Veränderungen notwendig sind«, sagte Alfred Edelmann ablehnend.

»Mit diesen Maßnahmen kommt der Edelmarkt auf den aktuellen technischen Stand. Im Moment ist das Gebäude hoffnungslos veraltet.«

»Die Idee mit den Windturbinen finde ich gut. Die Anwesenheitssensoren für das Licht und neue Kühlschränke sind auch in Ordnung. Über die Oberlichter werde ich noch einmal nachdenken, aber den Rest finde ich übertrieben.« Alfred Edelmann hatte sich die Maßnahmen herausgesucht, die für die Kunden eine offensichtliche Veränderung darstellten. Dem Mann ging es nicht um tatsächliche Verbesserungen. Er wollte sich nur einen ökologischen Anstrich geben.

»Eine detaillierte Kosten-Nutzenanalyse habe ich hier.« Eric erläuterte ausführlich, wie hoch die einzelnen Kosten der Maßnahmen waren und wie schnell sich diese amortisieren würden.

»Ich bin sicher, dass die von mir ausgewählten Veränderungen ausreichend sind. Den Rest brauche ich nicht«, lehnte Edelmann kategorisch ab.

»Wenn es das ist, was Sie wollen, werde ich Ihre Wünsche in Auftrag geben.« Eric sehnte das Ende dieses Termins herbei.

»Da Sie viele Vorschläge gemacht haben, die ich nicht benötige und ich nur einen kleinen Teil ihrer Ideen umsetzen werde, verlange ich einen Teil des Honorars zurück«, stellte Edelmann unverschämt fest.

Eric hätte sich denken können, dass der Mann versuchte, ihn um sein Geld zu betrügen.

»Herr Edelmann, die bisher vereinbarte Bezahlung hängt nicht davon ab, wie viele meiner Vorschläge Sie annehmen oder ablehnen. Sie bezahlen mich dafür, dass ich Ihnen ein Konzept erstellt habe, wie der Laden energieeffizienter gestaltet werden kann und das habe ich getan. Für den Fall, dass ich Ihr Projekt weiterhin betreuen soll, werden zusätzliche Zahlungen fällig. Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie Ihr Geld zurück haben wollen, weil Ihnen meine Ideen nicht zusagen, sollten Sie unseren Vertrag noch einmal intensiv studieren. Diese Möglichkeit ist darin ausdrücklich ausgeschlossen. Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder Sie sprechen mit meinem Anwalt oder wir setzen die von Ihnen gewünschten Maßnahmen um«, wies Eric den Mann in seine Grenzen.

Alfred Edelmann sah sein Gegenüber grimmig an. Er hatte die Zähne fest aufeinander gebissen und schien vor Wut zu kochen.

Eric stand auf und nahm sein Laptop. »Geben Sie mir Bescheid, wofür Sie sich entschieden haben«, sagte er kühl und verließ den Raum.

Innerlich schäumte er. Er hatte schon viele unangenehme Kunden erlebt, doch dieser Mann war der Schlimmste von allen. Eiligen Schrittes verließ er den Laden und ging aufgebracht nach Hause. Den Auftrag würde er so schnell wie möglich hinter sich bringen, denn mit diesem schmierigen Halsabschneider wollte er so wenig wie möglich zu tun haben. Ihm taten die Leute leid, die im Edelmarkt angestellt waren.

Der Termin hatte länger gedauert, als Eric gedacht hatte. Inzwischen war es bereits Nachmittag. Die Sonne schien und es war drückend heiß. Eric kam an einem Café vorbei. Ihm fiel auf, dass nur die Plätze unter den Sonnenschirmen belegt waren. Die Menschen suchten im Schatten nach ein wenig Abkühlung. Sein Blick blieb zufällig an einem Schopf auffällig rotblonder Haare hängen. Er zögerte und nahm den Mann genauer in Augenschein. Dieser musterte Eric ebenfalls.

»Chris?« fragte Eric.

Der Angesprochene stand auf und grinste Eric breit an. Eric drängelte sich an ein paar anderen Gästen vorbei zu Chris. Die beiden Männer umarmten sich und klopften sich gegenseitig auf den Rücken.

»Ihr seid da. Ist alles in Ordnung mit euch?« Eric blickte von Chris zu der schwarzhaarigen Frau, die an dem kleinen Kaffeetisch saß. Sie hielt ein Baby im Arm.

»Ja, die Reise hat länger gedauert als geplant, aber wir sind endlich da«, erwiderte Chris. In seiner Stimme schwang Freude und Erleichterung mit. »Das ist meine Frau Rena.«

»Es freut mich, dich kennen zu lernen.«

»Nice to meet you«, erwiderte Rena lächelnd.

»Ich wusste nicht, dass euer Baby schon da ist«, sagte Eric verwundert.

»Sie ist auf dem Schiff zur Welt gekommen, vier Wochen zu früh«, erklärte Rena in überraschend gutem Deutsch.

Chris wurde bei der Erinnerung daran blass.

»Geht es euch gut?«, Eric sah Rena besorgt an.

Rena nickte. »Ja, ich habe schon ein paarmal bei Geburten mitgeholfen. Außerdem hat meine Hebamme mir für den Notfall erklärt, was wir beachten müssen.«

»Ich fand das schrecklich. So etwas möchte ich nie wieder erleben. Falls wir jemals wieder ein Kind bekommen, möchte ich, dass es in einem Krankenhaus mit ganz vielen Hebammen und Ärzten geboren wird, die sich um alles kümmern«, sagte Chris schaudernd. Die Geburt seiner Tochter hatte ihn sichtlich mitgenommen.

»Man braucht keine Ärzte, um ein Kind zu bekommen. Zu Hause hatten die meisten Frauen auch keinen Arzt. Solange es keine Komplikationen gibt, können Frauen das alleine und Komplikationen hatten wir nicht.« Rena legte Chris besänftigend ihre Hand auf den Arm. Sie schien das Erlebnis deutlich besser verarbeitet zu haben als ihr Mann.

»Zum Glück! Denn mitten auf dem Atlantik hätte uns niemand helfen können«, stellte Chris fest.

Eric hatte der Unterhaltung fasziniert gelauscht. »Wie heißt eure Tochter denn?«

»Sie heißt Melissa«, antwortete Chris mit einem stolzen Blick auf das Baby.

»Ihr seid bestimmt müde. Lasst uns in meine Wohnung gehen«, schlug Eric vor.

Die drei verließen das Café.

»Wie lange wartet ihr schon?«, fragte Eric.

»Wir sind seit ungefähr einer Stunde da. Wir haben bei dir geklingelt, aber es hat keiner aufgemacht. Also haben wir uns in das Café gesetzt und gehofft, dass wir dich sehen, wenn du nach Hause kommst«, erklärte Chris.

Sie betraten die Wohnung und Eric zeigte ihnen das Schlafzimmer, das sie in Zukunft bewohnen würden.

»Wollt ihr euch ausruhen, während ich etwas zu essen besorge?«, erkundigte sich Eric. Ihm war die Erschöpfung nicht entgangen, die sich in Renas Gesicht abzeichnete.

»Ja, gerne«, antwortete Rena verhalten.

Eric schulterte einen großen Rucksack und ging zur Markthalle. Auf dem flachen Gebäude thronte ein riesiges Gewächshaus. Eric wusste, dass es nicht nur ein simples Gewächshaus war. In diesem Bauwerk wurden Pflanzen mittels Hydrophonik angebaut. Dank dieser Technologie benötigten sie keine Erde, so dass eine Menge Gewicht gespart werden konnte. Das war wichtig, um die Traglast des Daches nicht zu überschreiten. Die Hydrophonik bot außerdem noch weitere Vorteile. Die Pflanzen benötigten weniger Wasser und es mussten keine Pestizide eingesetzt werden. Um Blattläuse zu bekämpfen wurden einfach Marienkäfer im Gewächshaus ausgesetzt. Eric blickte stolz auf die Konstruktion. Es war eines seiner Projekte.

Eric ging in die Markthalle und erstand Zucchini, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und frische Kräuter, die am Morgen auf dem Dach geerntet worden waren. Damit würde er eine Nudel-Zucchini-Pfanne zubereiten. Dann besorgte er alles andere, was sie in den nächsten Tagen benötigen würden.

»Jetzt erzählt doch mal, warum ihr so lange nach Deutschland gebraucht habt«, erkundigte sich Eric, während sie in seiner geräumigen Wohnküche aßen. Vor der dritten Ölkrise, als Flugzeuge noch allgegenwärtig gewesen waren, hätte die Reise nur einen Tag gedauert und sich nicht über Wochen hingezogen. Inzwischen standen Flugzeuge nur noch Privilegierten zur Verfügung.

»Eigentlich wollten wir das Geld, das du uns überwiesen hast, in Toronto von der Bank abholen. Wir haben diese Stadt dafür ausgewählt, weil wir hofften, dass es dort schwierig sein würde, unsere Spur zu verfolgen. Doch als wir in Toronto angekommen waren, war das Geld noch nicht da. Wir mussten zwei Tage in der Stadt warten. Als wir das Geld endlich hatten, sind wir weiter gefahren. Allerdings haben wir unseren Anschlusszug nicht mehr erreicht und dadurch insgesamt fünf Tage verloren«, erzählte Chris und schob sich eine Gabel mit Nudeln in den Mund.

»Ich hatte die Zusage eines Kunden für die Anzahlung eines Auftrages. Allerdings hat er nicht pünktlich gezahlt. Es hat ein paar Tage gedauert, an das Geld zu kommen«, erklärte Eric bedauernd.

»Als wir in Halifax angekommen sind, war das Schiff fort, mit dem wir fahren wollten. Das nächste hat uns nicht mitgenommen, weil ich schwanger war.« Rena aß mit Appetit weiter.

»Dieser Mistkerl von Kapitän hat uns einfach stehen gelassen«, sagte Chris und fuchtelte erbost mit der Gabel in der Luft. »Seinetwegen mussten wir noch eine Woche warten, bis das nächste Schiff ankam, auf dem wir mitfahren konnten. Dieses Mal sind wir kein Risiko eingegangen. Ich bin alleine zum Hafen gegangen, um unsere Passage zu buchen. Dann haben wir abgewartet, bis der Kapitän anderweitig beschäftigt war, um an Bord zu gehen. Zum Glück hat es geklappt. Sonst würden wir wahrscheinlich jetzt noch in Halifax festsitzen«, sagte er grimmig. »Insgesamt haben wir zwei Wochen verloren und wenn das nicht passiert wäre, wäre unser Kind in einem anständigen Krankenhaus in Deutschland geboren worden.«

Eric wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Schließlich hatte er einen Teil zu der Verzögerung beigetragen. Rena bemerkte seine Verlegenheit.

»Wir danken dir, dass du uns geholfen hast. Das war sehr großzügig von dir und es war bestimmt nicht einfach«, sagte sie an Eric gewandt.

»Ich bin froh, dass ich euch helfen konnte. Aber warum musstet ihr Kanada so überstürzt verlassen?«

»Als wir erfahren haben, dass Rena schwanger ist, haben wir beschlossen aus Fort Chipewyan wegzuziehen. Es gibt in der Gegend sehr viele Krebsfälle und wir wollten, dass unser Kind gesund aufwachsen kann«, sagte Chris, der sich wieder beruhigt hatte.

»Meine Mutter ist vor einigen Monaten gestorben. Sie hatte Krebs«, erklärte Rena. »Mein Vater ist auch an Krebs erkrankt «, fügte sie leiser hinzu.

»Das tut mir leid«, sagte Eric betroffen.

»Wir wollten nicht, dass Melissa krank wird und das wäre bestimmt passiert, wenn wir geblieben wären.«

»Das liegt an dieser verdammten Ölfirma. Die sind nur darauf fixiert, wie sie ihren Gewinn steigern können. Was sie dabei anrichten, ist ihnen egal.« Wut klang in Chris' Stimme mit. »Beim Ölsandabbau wird das Wasser vergiftet. Die giftigen Abwässer, die die Ölfirma verursacht, gelangen in das Grundwasser und in den Athabasca River. Kein Wunder, dass die Menschen Krebs bekommen. Es ist inzwischen fast unmöglich an sauberes Trinkwasser zu gelangen und die Fische aus dem Athabasca River sind ungenießbar.«

Chris war Ranger im Wood Buffalo National Park gewesen. Er hatte viele Jahre Arbeit in den Erhalt und Schutz dieses Nationalparks investiert. Nun musste er mit ansehen, wie der Nationalpark immer weiter zerstört wurde. Er und seine Frau hatten versucht, sich gegen die Ölfirma zu wehren, doch sie war zu mächtig.

»Wir wollten aus Fort Chipewyan wegziehen. Ich habe mich um einen Job in einem anderen Nationalpark bemüht. Im Jasper Nationalpark sah es sehr gut aus, aber dann wurde Rena verhaftet.«

»Verhaftet?« Eric sah die Frau erstaunt an.

»Eigentlich war es eine Verwechslung, doch ich hatte brisantes Material bei mir, das die Polizei nicht finden durfte.«

»Rena hat Probleme mit dem Baby vorgetäuscht, um einem Verhör zu entgehen. Sie wurde nach Hause gebracht, allerdings stand sie unter Beobachtung. Die Hebamme hat jegliche Befragung durch die Polizei untersagt. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie Rena wieder in Gewahrsam genommen hätten. Sie hatte kein Alibi. Deshalb mussten wir Kanada auf dem schnellsten Wege verlassen«, erklärte Chris die Situation.

»Mein Vater hat uns dazu gedrängt, nach Deutschland zu gehen«, ergänzte Rena. »Er hat darauf bestanden. Er ist krank und braucht unsere Hilfe. Aber er sagte, dass Melissa wichtiger ist …« Renas Stimme versagte und Tränen traten ihr in die Augen. Sie wusste, dass sie ihren Vater nie wieder sehen würde. Chris nahm sie tröstend in den Arm.

Eric hatte ihrem Bericht betroffen gelauscht. Nun verstand er den Grund für Chris' Eile. Er wollte seine Familie in Sicherheit bringen.

Chris und Eric kannten sich bereits seit ihrer Schulzeit. Chris hatte immer davon geträumt in Kanada zu leben. Nach seinem Schulabschluss hatte er die Gelegenheit ergriffen, dort Ranger zu werden.

Nachdenklich betrachtete Eric das unruhige Baby in Renas Armen.

»Ich werde mich mal um Melissa kümmern«, sagte Rena und erhob sich. Chris sah den beiden nach, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Eric.

»Eric…«, begann er unbehaglich, »…ich habe da eine Bitte.«

»Worum geht's denn?«

»Wir haben kaum Sachen für die Kleine. Ich weiß, das ist viel verlangt. Schließlich hast du uns schon die Reise bezahlt, aber wir haben kaum noch Geld. Sobald ich einen Job habe, werde ich dir alles zurückzahlen«, Chris zögerte, bevor er weiter sprach. »Allerdings glaube ich kaum, dass in Berlin jemand einen Ranger braucht.«

»Das kriegen wir schon irgendwie hin. Ich werde mich mal umhören, wo wir günstige Babysachen bekommen können. Beruflich könnte ich wahrscheinlich bald Unterstützung gebrauchen. Ich bin gerade dabei, einen Auftrag von Retramo, einer Textilfirma, an Land zu ziehen. Wenn das gelingt, gibt es hier eine Menge zu tun.«

»Ich dachte, in Deutschland gibt es gar keine Textilindustrie mehr«, erkundigte sich Chris verwundert.

»Vor der dritten Ölkrise war das der Fall. Zu dieser Zeit wurden nur noch fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Textilien auch in Deutschland hergestellt. Aber in den letzten dreizehn Jahren hat sich vieles verändert. Seit der dritten Ölkrise haben die verbliebenen Unternehmen ihre Produktion stark ausgebaut. Kleidung aus Asien ist wegen der hohen Transportkosten auf dem deutschen Markt nicht mehr konkurrenzfähig. Die Firma Retramo hat sich lange mit der Herstellung von Trachtenmode über Wasser gehalten. Nach der Ölkrise haben sie vermehrt einfache und funktionale Kleidung hergestellt und sich damit dem Bedarf der Menschen angepasst.«

»Ich hoffe, ich kann dir dabei helfen. In der Textilindustrie kenne ich mich überhaupt nicht aus«, bemerkte Chris skeptisch.

»Dafür habe ich umso mehr Ahnung von dem Metier«, beruhigte ihn Eric.

»Okay, wenn du meinst, dass ich dir behilflich sein kann, freue ich mich auf unsere Zusammenarbeit«, entgegnete Chris zuversichtlicher.

Eric sah auf die Uhr, die an der Küchenwand hing.

»In einer Stunde habe ich einen Termin bei Retramo. Sie wollen heute darüber entscheiden, ob ich den Zuschlag bekomme. Drück mir die Daumen und wünsch mir Glück.«

Chris grinste. In der Schule war das vor jeder Prüfung sein Spruch gewesen. Eric hatte kein Glück nötig gehabt.

Eric eilte in sein Büro, packte seine Unterlagen zusammen und zog sich seinen dunkelgrauen Anzug an. Er verabschiedete sich von Chris, eilte die Treppen hinunter und schwang sich auf sein Fahrrad.

Verschwitzt und müde verließ Eric die Firmenzentrale von Retramo. Er lockerte seine Krawatte, aber das brachte ihm nicht die erhoffte Erleichterung. In dieser Sommerhitze sollte man einfach keinen Anzug tragen. Doch die Mühe hatte sich gelohnt. Nach langen zähen Verhandlungen hatte er die Firmenleitung von Retramo überzeugt, dass er ihnen bei der Lösung ihrer Probleme helfen konnte. Bei der Textilfirma handelte es sich um ein Familienunternehmen, das Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet worden war und nun in der vierten Generation geführt wurde. In seiner Anfangszeit als Umweltberater hatte Eric bereits für Retramo gearbeitet. Damals hatte die unsichere Energieversorgung dem Unternehmen Probleme bereitet. Durch eine eigene Solaranlage und eine Biogasanlage konnte die Energieversorgung gesichert werden. Das Unternehmen war in der Lage kontinuierlich zu produzieren und zugesagte Liefertermine einzuhalten, was nach der dritten Ölkrise keine Selbstverständlichkeit mehr war. Seitdem war das Unternehmen gewachsen und hatte seine Kapazität ausgeweitet. Doch seit einiger Zeit wurde die Beschaffung von Rohstoffen wie Baumwolle immer problematischer. Retramo hatte sich schon vor geraumer Zeit auf die Nutzung traditioneller Materialien wie Leinen und Wolle spezialisiert, aber für moderne Kollektionen war Baumwolle unverzichtbar. Aus diesem Grund hatte die Geschäftsführung Eric engagiert, um in den nächsten Monaten ein System zum Baumwollrecycling auf die Beine zu stellen.

Eric erreichte sein Fahrrad. Beim Nachhausefahren würde er in seinem Anzug noch mehr schwitzen. Er schwang sich auf sein Rad und fuhr gemächlich los. Von der hektischen Betriebsamkeit der anderen Radfahrer ließ er sich nicht anstecken. Viele versuchten eilig ihr Ziel zu erreichen und machten von ihren Klingeln reichlich Gebrauch. Autos waren mittlerweile fast völlig aus dem Straßenverkehr verschwunden. Radfahrer hatten die Herrschaft über die Straßen übernommen und bevölkerten sie mit hektischer Betriebsamkeit.

Schließlich verließ Eric die belebte Hauptstraße und bog in die ruhige Seitenstraße ein, in der er wohnte.

In der Wohnung angekommen entledigte Eric sich als erstes seines Anzugs. Renas und Chris' Stimmen waren vom Balkon zu hören. Er machte sich frisch und schlüpfte in bequeme Shorts und ein T-Shirt. So fühlte er sich schon viel wohler. Barfuß ging er in die Küche und genoss das angenehm kühle Gefühl der Holzdielen unter seinen Füßen. Er ließ sich aus dem Wasserhahn ein Glas Wasser einlaufen und trank es gierig aus. Beim zweiten Glas ließ er sich etwas mehr Zeit.

»Ziemlich heiß, was?«, fragte Chris, der in die Küche gekommen war. Eric nickte zustimmend.

»Ich hatte vergessen, wie heiß es hier in der Stadt werden kann«, stellte Chris fest. »In Kanada war es nie so warm.«

Rena war ihrem Mann in die Küche gefolgt. Sie lächelte wehmütig, als sie an ihre kühle Heimat dachte.

»Keine Sorge, ihr werdet euch daran gewöhnen. In ein paar Tagen wird es schon besser sein«, munterte Eric sie auf.

»Hast du den Auftrag bekommen?«, erkundigte sich Chris.

»Ja, in den nächsten Monaten wird eine Menge Arbeit auf uns zukommen«, antwortete Eric grinsend.

»Ich werde tun, was ich kann, um dich zu unterstützen«, versprach Chris.

Rena lehnte ihren Kopf an Chris Schulter. Auf dem Arm hielt sie Melissa. Mit der freien Hand aß sie einen Apfel. Eric sah die drei an. Sie wirkten so zufrieden, trotz der Strapazen, die sie hinter sich hatten. Einsamkeit durchzog Eric. Auch er hatte sich mit der Frau, die er liebte, eine Familie gewünscht. Doch es war anders gekommen. Immer noch blickte Eric die drei gedankenverloren an. Dann bemerkte er, dass das Baby unruhig geworden war. Rena legte den Apfel beiseite, um es zu beruhigen.

»Gib mir die Kleine«, bot Eric an.

»Danke, das ist lieb«, sagte Rena.

Eric nahm das Baby von Rena entgegen und ging mit dem kleinen Bündel auf den Balkon. Schnell hatte sich Melissa wieder beruhigt und lag zufrieden in Erics Armen. Eric blickte in die Ferne und dachte an Isabella. Mit ihr hatte er eine gemeinsame Zukunft geplant. Sie hatte ihn mit ihrem Mut und ihrem Durchhaltewillen beeindruckt. Außerdem war sie eine warmherzige schöne Frau und Eric hatte sich hoffnungslos in sie verliebt. Er hatte sie vor etwas mehr als drei Jahren kennen gelernt. Sie hatte ihn um Hilfe gebeten, um den Abbau von Methanhydrat zu verhindern. Zunächst hatte er ihr seine Unterstützung verweigert, aber sie war hartnäckig geblieben und letztendlich hatte er seine Meinung geändert. Eric lächelte bei der Erinnerung. Sein Lächeln schwand, als er an den Preis für ihren Erfolg dachte. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie sich gerade gegen einen Mann zur Wehr gesetzt, der sie entführen wollte. Seitdem war sie spurlos verschwunden. Eric hatte ein Jahr nach ihr gesucht, doch alle seine Bemühungen waren erfolglos geblieben. Er wusste nicht einmal, ob sie noch lebte.

»Alles klar hier draußen?«, fragte Chris, der auf den Balkon getreten war. »Melissa scheint sich bei dir richtig wohl zu fühlen.« Chris betrachtete seine kleine Tochter, die zufrieden in Erics Armen lag.

»Die Kleine ist wirklich süß. Die dunklen Haare hat sie eindeutig von ihrer Mutter«, stellte Eric fest und sah seinen Freund an. Mit seinen blauen Augen und den rotblonden Haaren sah er seiner Tochter nicht ähnlich.

»Ja, sie ist wunderschön.« Chris streichelte sanft die weiche Babywange.

»Ich werde mich jetzt nach einer Hebamme umhören. Danach können wir Sachen für Melissa besorgen.«

»Super«, antwortete Chris. Er ging zurück in die Küche. »Willst du mitkommen oder lieber hierbleiben, um dich auszuruhen?«, fragte er Rena.

»Ich bleibe mit Melissa hier. Uns beiden wird Ruhe gut tun.«

Eric und Chris betraten den Secondhandladen. Der Laden hatte einen rustikalen Dielenboden und an den Wänden zogen sich Regale entlang, in denen Baby- und Kindersachen lagen. Am Eingang stand ein Tresen, auf dem besonders hübsche Stücke präsentiert wurden. Sie wurden von der quirligen Ladenbesitzerin begrüßt, die die beiden Männer neugierig betrachtete. Normalerweise waren es hauptsächlich Frauen, die in ihren Laden kamen.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Wir suchen Sachen für meine Tochter«, antwortete Chris, während sein Blick ein wenig ratlos über die vielen Kleidungsstücke schweifte.

»Wie alt ist denn Ihre Tochter?«, erkundigte sich die Ladenbesitzerin.

»Sie wird morgen eine Woche alt.« Ein Strahlen erhellte Chris Gesicht.

»Was brauchen Sie denn für die Kleine?«

»Eigentlich so ziemlich alles«, gestand Chris.

Mit Hilfe der Ladenbesitzerin begannen sie Bodys, kleine niedliche Strampler, Babysöckchen sowie Jacken und Babymützen, für etwas kühlere Tage, auszusuchen. Sie empfahl ihnen wiederverwendbare Windeln, die auf Dauer deutlich günstiger wären als die teuren Wegwerfwindeln.

»Dann nehmen wir noch das Babybett.« Eric deutete auf ein weißes Bett mit Himmel, an dem eine rosa Spieluhr befestigt war. »Und dann noch den hier.« Er nahm einen vanillefarbenen Plüschhund mit langen Schlappohren und einem großen freundlichen Lächeln in die Hand.

»Das Bett brauchen wir nicht, Eric. Die Kleine kann doch bei uns im Bett schlafen«, wendete Chris ein. »Das können wir uns nicht leisten«, zischte er Eric zu und hoffte, dass die Frau ihn nicht hörte. Es war ihm unangenehm, dass er nicht in der Lage war, für seine Familie zu sorgen.

»Keine Sorge, Chris, das Bett und den kleinen Hund schenke ich Melissa zur Geburt.«

»Das können wir nicht annehmen! Du hast schon so viel für uns getan.«

Eric grinste seinen Freund an. »Ich werde dich in den nächsten Wochen so viel arbeiten lassen, dass ich das Geld doppelt und dreifach herausbekomme.«

»Du willst, dass ich in deiner Schuld stehe, damit ich wie ein Sklave für dich schufte?«

»Genau«, sagte Eric herausfordernd. »Wozu sind Freunde sonst da?«

Chris ließ sich von Erics Gerede nicht täuschen. Dieser wollte es ihm leichter machen, das Geschenk anzunehmen.

»Danke.« Chris war froh, dass sie ein Bettchen für Melissa hatten. Bisher hatte er sehr unruhig geschlafen. Immer wieder wachte er nachts auf, weil er befürchtete sich aus Versehen auf das Baby zu legen.

Gemeinsam brachten Eric und Chris die Sachen nach Hause. Renas Augen strahlten, als sie die Einkäufe sah. Endlich hatte sie Sachen für ihre kleine Tochter. Während sie sich begeistert ans Auspacken machte, begaben sich Eric und Chris mit Fahrrad und einem Fahrradanhänger noch einmal zum Laden zurück, um das Babybett zu holen. Sie luden das Bettchen wie es war auf den Anhänger. Da das Bett für Erics kleinen Fahrradanhänger zu groß war, musste Chris es halten, während Eric das Fahrrad schob. Die neugierigen Blicke der Passanten folgten ihnen und als sie mit ihrem Gefährt ein Straßencafé durchquerten, das auf beiden Seiten des Wegs seine Tische aufgestellt hatte, war ihnen die Aufmerksamkeit aller sicher.

3. Paradies und Hölle

In den nächsten Tagen arbeitete Eric unablässig am Auftrag von Retramo. Das Unternehmen litt immer wieder unter Engpässen bei der Rohstoffbeschaffung. Eric sah die Lösung dieses Problems darin, recycelte Baumwolle für die Produktion zu verwenden. Die Leute brachten ihre alten, abgetragenen Sachen zu einer Sammelstelle und erhielten etwas Geld dafür. So hatten sie einen Ansporn, der Textilfirma ihre alten Kleider zurückzugeben. Für das Unternehmen war dieses Vorgehen billiger als neue Baumwolle zu importieren. Erics Aufgabe war es, die Logistik für die Firma aufzubauen. Er musste Annahmestellen einrichten, die für die Kunden einfach zu erreichen waren. Die alten Kleider mussten von diesen Annahmestellen zu den Produktionshallen des Unternehmens transportiert werden. Die Organisation dieses Systems bedeutete viel Arbeit. Eric konnte die Hilfe seines Freundes Chris gut gebrauchen.

Babygeschrei riss Eric aus seiner Konzentration. Er stand auf und öffnete die Tür. Chris ging mit seiner Tochter im Flur auf und ab. Er erzählte etwas, doch das Schreien des Babys übertönte seine Stimme.

»Hey, was fehlt dir denn, Kleines?«

»Haben wir dich gestört?«, fragte Chris entschuldigend. »Ich versuche sie schon die ganze Zeit zu beruhigen, aber es klappt einfach nicht.«

»Tja, die Kleine braucht ihre Mami.«

»Rena ist so müde, sie muss sich mal eine Weile ausruhen. Deshalb habe ich Melissa genommen.«

»Du siehst aber auch nicht gerade frisch aus. Dir würde ein bisschen Schlaf ebenfalls gut tun. Gib sie mir mal«, forderte Eric seinen Freund auf und streckte ihm die Arme entgegen, um das Baby in Empfang zu nehmen. »Und jetzt hol mir ein getragenes T-Shirt von Rena.«

Chris kam Erics Aufforderung verwundert nach. Eric ging in die Küche, breitete das T-Shirt auf dem Tisch aus und wickelte das Baby darin ein.

»So, hier hast du deine Mami«, sagte er zu Melissa.

Nachdem er einige Minuten mit ihr in der Küche auf und ab gegangen war, beruhigte sich das Baby.

»Wo hast du denn diesen Trick her?«, fragte Chris erstaunt.

»Kurz nachdem meine kleine Cousine geboren wurde, habe ich meinen Onkel und meine Tante besucht. Ich wollte die Kleine so gerne mal halten, aber sie wollte nur bei ihrer Mama sein. Da hat meine Tante sie in eins ihrer T-Shirts gewickelt. Die Kleine hatte den vertrauten Geruch ihrer Mutter und war zufrieden. «

»Waren das deine Verwandten in Norwegen?«

»Ja«, bestätigte Eric.

»Ich habe dich schon immer um das gute Verhältnis zu deiner Familie beneidet. Ich wünschte, ich hätte auch so eine Familie.«

»Hat sich das Verhältnis zu deinen Eltern immer noch nicht gebessert?«

»Nein, mein Vater hat nie akzeptiert, dass ich nach Kanada gegangen bin, um Ranger zu werden. Die Hochzeit mit Rena hat alles noch schlimmer gemacht. Er fand es nicht akzeptabel, dass ich eine ›Indianerin‹ geheiratet habe. So hat er Rena genannt. Die ›Indianerin‹.«

»Wahrscheinlich ist ihm durch die Hochzeit klar geworden, dass du nicht nach Deutschland zurückkommen willst, um in seine Fußstapfen zu treten.«

»Wahrscheinlich. Aber man sollte doch meinen, dass der eigene Vater einem ein bisschen Glück gönnt. Wenigstens hat meine Mutter in all den Jahren zu mir gestanden. Sie wird sich freuen, Rena endlich kennen zu lernen und von ihrer kleinen Enkeltochter wird sie bestimmt ganz entzückt sein.«

»Ja, das glaube ich auch. Ich wette, früher oder später lässt sich sogar dein Vater von Melissa um den Finger wickeln.«

»Ich hoffe, du hast recht. Es wäre schön, mal wieder unser Haus zu sehen. Außerdem würde ich Rena gern zeigen, wo ich aufgewachsen bin. Zumindest hat mein Vater schon zum Teil seinen Willen bekommen, denn schließlich sind wir jetzt in Berlin, wenn auch nicht ganz freiwillig.«

Chris gähnte herzhaft.

»Ab ins Bett mit dir. Du hast ein bisschen Schlaf dringend nötig«, forderte Eric ihn auf.

»Okay, gute Nacht.«

Chris verschwand im Schlafzimmer und Eric ging mit Melissa in sein Büro. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Notizen zu seinem Projekt, doch zum Arbeiten hatte er keine Lust mehr.

»Wie wäre es, wenn wir uns zusammen Kanada ansehen?«, fragte er Melissa. Das Baby sah ihn aufmerksam an. »Ich glaube, das heißt ja«, stellte er fest und begann im Internet die schönsten Plätze von Kanada zu suchen.

Sie sahen sich Bilder von Toronto an. Alte Gebäude waren von spiegelnden Wolkenkratzern umgeben und vereinten Vergangenheit und Gegenwart. Die Skyline von Vancouver faszinierte ihn mit ihren modernen Wolkenkratzern. Aber auch in Vancouver gab es historische Gebäude wie die Steam Clock, die das Stadtbild aus vergangenen Zeiten heraufbeschwor.

»Aber deine Eltern kommen aus keiner dieser Städte, nicht wahr, Kleines?«, fragte Eric Melissa. »Sie kommen aus Alberta.«

Alberta wurde beherrscht von atemberaubender Natur wie dem jadegrünen Lake Louise und dem wunderschönen türkisfarbenen Moraine Lake. In ihm befand sich eine kleine baumbestandene Insel namens Spirit Island. Glasklare sprudelnde Bäche ergossen sich und all diese Naturwunder waren eingebettet in hohe Berge mit eisblauen Gletschern. Dieses fantastische Naturparadies bot vielen Tieren einen Lebensraum. Schwarzbären, Wapitis, Wildgänse und Streifenhörnchen hatten hier ihre Heimat. Eric reizte es, in dieser wunderschönen Gegend zu wandern und sie in aller Ruhe zu entdecken.

Als nächstes sah sich Eric das Gebiet an, in dem Ölsand abgebaut wurde.

Es gab keinen Baum, kein Strauch, die ganze Landschaft war komplett verschwunden. Tiefe Löcher von gigantischem Ausmaß waren in die Erde gegraben worden. Abraumhalden türmten sich schwarz auf. Statt türkisblauer Seen gab es Tümpel, die mit dunkler Giftbrühe gefüllt waren. Inmitten dieser dunklen verwüsteten Landschaft lagen riesige Industrieanlagen, die ihre Abgase in den Himmel schickten und die Luft verpesteten.

Eric sah fassungslos auf die Bilder. Er konnte nicht begreifen, dass diese beiden Gebiete in derselben Gegend lagen. Es war, als würde das Paradies direkt an die Hölle grenzen. Nachdenklich sah er zu dem Baby in seinem Arm. Nun konnte er die Wut, die Chris antrieb, besser nachvollziehen. Er verstand, warum Rena so viel riskiert hatte.

Melissa war inzwischen eingeschlafen und Eric brachte sie leise in das Zimmer ihrer Eltern. Behutsam legte er sie in ihr Bettchen und schlich wieder hinaus. Er setzte sich an seinen Computer und begann zu recherchieren.

Er erfuhr, dass sich der Ölsand unter der Erde befand und ausgebaggert wurde. Dabei wurde die komplette Landschaft zerstört. Bei Ölsand handelte es sich um Sandkörner, die von einer Schicht aus Wasser und Bitumen umgeben waren. Der Ölsand wurde mit heißem Wasser vermischt. Dann sanken die schweren Sandkörner zu Boden und das leichtere Bitumen schwamm an der Oberfläche. Im Upgrader, einer Aufbereitungsanlage, wurden die langen Kohlenstoffketten gespalten. Schwefel und Schwermetalle wurden entfernt und so wurde aus zähem Bitumen flüssiges Rohöl. Dieser Prozess verschlang immense Mengen an Wasser und Energie. Das verwendete Wasser reicherte sich immer stärker mit giftigen Chemikalien an und wurde nach der Verwendung in offene Becken geleitet. Dort stellte es eine Gefahr für die Umwelt dar.

Betrieben wurden diese Anlagen von einer Firma namens ENTAL, ein milliardenschweres Unternehmen. ENTAL vertrat die Ansicht, dass die Umweltprobleme stark übertrieben wurden. Auf das Öl aus Kanada könne die Welt unmöglich verzichten. Außerdem werde ständig an umweltverträglicheren Lösungen geforscht.

Nach Ansicht aller Umweltorganisationen war der Ölsandabbau absolut unverantwortlich. Die Schäden standen in keinem Verhältnis zum Nutzen, den das gewonnene Öl bot. Doch nicht nur Verbrechen an der Umwelt wurden angeprangert, sondern auch soziale Probleme. Der Ölsandabbau raubte vielen Menschen ihre Lebensgrundlage. Sie wurden durch die freigesetzten Gifte krank und starben.

Eric stieß auf zwei interessante Internetseiten. Die eine gehörte einer kleinen unbekannten Organisation. Auf dieser Seite wurden die Verfahren des Ölsandabbaus akribisch und detailliert beschrieben. Es wurde erklärt, wie es zu den Umweltschäden kam. Eric beschloss, in den nächsten Tagen mit den Verfassern dieser Seite Kontakt aufzunehmen. Diese Leute schienen über ein tiefgehendes technisches Wissen zu verfügen.

Bei der anderen Seite handelte es sich um die Website eines Biokunststoffherstellers namens Leander Klaas, der außerdem Kunststoffe recycelte. Er unterstützte ein Projekt zur Reinigung der Ozeane, das vor einigen Jahren von einem neunzehnjährigen Studenten vorgestellt worden war. Dieser hatte eine effiziente Methode gefunden, wie Plastikmüll mithilfe von schwimmenden Barrieren aus den großen Ozeanstrudeln gesammelt werden konnte. Dabei hatte sich der Erfinder die natürlichen Meeresströmungen zu Nutze gemacht. So konnten die Plastikstrudel vom Abfall befreit und der Zerfall in Mikroplastik verhindert werden. Die Frage, wie Mikroplastik aus den Ozeanen gefiltert werden konnte, war hingegen noch nicht gelöst.

Zudem engagierte sich Leander Klaas gegen die Ölindustrie und pries sein umweltfreundliches Verfahren als Alternative an. Der Verbrauch an Kunststoffen war in den letzten Jahren bereits stark zurückgegangen. Die Leute bekamen nicht mehr bei jedem Einkauf eine Plastiktüte, sondern brachten ihre eigenen Beutel, Taschen oder Körbe mit. Auch die Produkte wurden nicht mehr unnötigerweise in Plastik verpackt. Doch immer noch schien Öl als Rohstoff unabdingbar zu sein.

Eric schrieb seinem Freund Marc eine Mail. Er informierte ihn darüber, dass Chris und Rena bei ihm angekommen waren und erkundigte sich, wann Marc Zeit hatte, nach Berlin zu kommen.

»Prost!« Marc stieß mit Rena, Chris und Eric an. Sie saßen im Außenbereich eines kleinen Restaurants in der Nähe von Erics Wohnung. Die Abenddämmerung war angebrochen und ein lauer Wind bot endlich etwas Abkühlung von der Hitze des Tages. »Schön, dass ihr da seid. Ich habe ja schon ein bisschen von eurer abenteuerlichen Reise gehört. Aber warum hattet ihr es denn so eilig, aus Kanada wegzukommen?«

Rena und Chris berichteten ihm vom Abbau der Ölsande und den verheerenden Folgen für die Umwelt und die Menschen, die dort lebten.

»Das ist auch der Grund, warum ich mich mit dir unterhalten wollte«, schaltete sich Eric in das Gespräch ein. »Das wäre doch ein Projekt für dich.«

»Klingt nach einer ziemlich aussichtslosen Sache«, bemerkte Marc trocken. »Nun ja, was soll’s. Die aussichtslosen Projekte sind immer die spannendsten.«

»Aber wo hat eine mächtige Ölfirma ihren Schwachpunkt?«, stellte Chris die entscheidende Frage.

Die drei Männer diskutierten viele Möglichkeiten. Die Ideen reichten von Boykott des Öls aus Kanada über einen Generalstreik der Belegschaft bis zur Sabotage der Anlagen. Doch keine dieser Ideen erschien auch nur ansatzweise umsetzbar.

»Was haltet ihr von der Idee, ihre Zulieferkette zu stören?«, warf Rena ein.

Sie rückte das Baby auf ihrem Schoß zurecht, bevor sie weitersprach. »Oft sind es nicht die großen Aktionen, die zum Erfolg führen. Viele Projekte scheitern an Kleinigkeiten. Ihr müsst nur ein kleines Bauteil finden, für das es schwer Ersatz gibt. Wenn die Ölfirma nicht mehr an dieses Bauteil kommt, kann sie auch nicht mehr produzieren.«

Die drei Männer sahen sie verdutzt an.

»Das ist genial!«, rief Marc.

Chris lächelte seine Frau begeistert an.

»Ich werde mich mal umhören, ob mir jemand bei der Suche nach diesem Bauteil helfen kann. Ich…« Eric verstummte mitten im Satz.

Sein Blick war starr ins Innere des Restaurants gerichtet. Chris sah sich um. Er wollte ergründen, was da drinnen so interessant war. Eric stand wortlos auf und ging hinein.

»Nicht schon wieder«, murmelte Marc.

Eric ging auf eine blonde Frau zu, die an der Bar stand. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Je näher Eric ihr kam, desto langsamer wurden seine Schritte. Man konnte das Zögern förmlich spüren. Schließlich trat er neben sie. Marc, Rena und Chris beobachteten, wie Eric die Frau ansprach. Sie drehte sich um und Eric schien förmlich in sich zusammen zu sinken. Er sprach noch kurz mit ihr, dann wandte er sich ab.

»Was ist denn los?«, erkundigte sich Chris.

»Eric hat geglaubt, dass er Isabella gesehen hat.«

»Wer ist Isabella?«, fragte Rena.

»Eric und Isabella haben gemeinsam den Abbau von Methanhydrat verhindert. Isabella hat in einem Forschungsinstitut gearbeitet. Dort ist sie auf brisante Informationen gestoßen. Eric hat ihr geholfen, diese Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie waren gemeinsam in Brüssel bei einer Anhörung und daraufhin wurde der Abbau von Methanhydrat verboten. Nach der Anhörung ist Isabella spurlos verschwunden. Eric befürchtet, dass ihr etwas Schlimmes passiert ist, denn sie hat die Karrieren einiger mächtiger Männer ruiniert«, erklärte Marc.

»Der Abbau von Methanhydrat war eine große Sache. Die Nachrichten davon sind sogar bis nach Alberta gedrungen«, stellte Chris fest.

»Glaubt Eric, dass er schuld ist, weil diese Isabella verschwunden ist?«, fragte Rena.

»Das sicherlich auch, aber das Hauptproblem ist, dass er sich in sie verliebt hat. Ein Jahr lang hat er überall nach Isabella gesucht. Er hat seinen Job verloren und seine Ersparnisse für diese Suche aufgebraucht. Schließlich war er gezwungen wieder zu arbeiten und seine Suche aufzugeben. Er hat schon ein paarmal geglaubt, Isabella irgendwo entdeckt zu haben. Aber bisher hat er sich jedes Mal geirrt.«

»Der Arme. Was für eine tragische Geschichte«, flüsterte Rena betroffen.

Den restlichen Abend vergrub sich Eric in Arbeit. Wieder einmal hatte er für einen Moment Hoffnung geschöpft, doch sie war sofort zerstört worden. Ihm war klar, dass er Isabella wahrscheinlich nicht einfach in einem Restaurant um die Ecke treffen würde. Dennoch hatte er sich nicht bremsen können. Er hatte diese blonde Frau gesehen und sofort war die Illusion in ihm aufgestiegen, dass es sich um Isabella handelte. Er war geradezu gezwungen gewesen, zu ihr zu gehen und sich zu vergewissern. Der Augenblick, in dem er erkannte, dass er nicht Isabellas vertrautes Gesicht vor sich sah, hatte ihn in tiefe Enttäuschung gestürzt. Als er aus dem Restaurant geeilt war, waren ihm die mitleidigen Blicke seiner Freunde gefolgt. Derartige Blicke verfolgten ihn nun schon seit drei Jahren und er konnte sie nicht mehr ertragen.

Nachdem Eric die Arbeit am Projekt von Retramo für diesen Tag beendet hatte, wandte er sich der Internetseite zu, die sich mit dem Abbau von Ölsanden beschäftigte. Sie war auf Englisch verfasst und Eric vermutete, dass sie von Leuten in Kanada betrieben wurde. Er entschloss sich Kontakt aufzunehmen.

»Eine sehr interessante Seite habt ihr. Sie ist sehr detailliert und trotzdem verständlich«, schrieb Eric auf Englisch in das Kontaktfeld.

»Vielen Dank, es war uns wichtig, die Fakten über den Ölsandabbau so darzustellen, dass sie nicht nur Experten verstehen. Ich freue mich, dass das gelungen ist«, kam die Antwort kurz darauf.

Eric überlegte, wie er weiter vorgehen sollte. Er hielt es nicht für ratsam, sofort mit der Tür ins Haus zu fallen.

»Ich arbeite in einer Umweltschutzorganisation in Europa und das Thema Ölsande steht bei uns zur Zeit im Fokus.« Die Frage ›Wer seid ihr?‹ ließ er bewusst unausgesprochen.

Doch sie wurde auch so verstanden. »Wir sind nur ein kleiner, loser Zusammenschluss von Umweltschützern, die sich ebenfalls gegen den Abbau von Ölsanden engagieren. Können wir euch bei eurer Arbeit irgendwie unterstützen? Unser Schwerpunkt liegt vor allem im technischen Bereich, wie du ja bereits bemerkt hast.«

Eric überlegte. Das war die perfekte Vorlage. Er beschloss es zu riskieren.

»Wir sind auf der Suche nach einem Bauteil, das für die Anlagen der Ölkonzerne notwendig ist und für das es nur schwer Ersatz gibt.«

»Du suchst die Achillesferse?«

»Ja.«

Ungeduldig wartete Eric auf eine Antwort, aber sie ließ auf sich warten. Er surfte im Netz, um sich abzulenken. Dann ging er in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen. Als er zurückkam, hatte er eine Antwort erhalten.

»Das Wasserrecyclingsystem ist eine Schwachstelle. Für die Wasseraufbereitung wird ein Hydrozyklon genutzt. In dieser Anlage werden die Sandkörner unter Ausnutzung der Zentrifugalkraft vom Wasser getrennt. Ein Hydrozyklon besteht aus mehreren Segmenten. Das verschmutzte Wasser wird in ein zylindrisches Segment geleitet, wobei die Flüssigkeit in einem abwärts gerichteten Wirbel nach unten strömt. An das zylindrische Segment schließt sich ein konisches Segment an. Dieses verjüngt sich und erzeugt so aufwärtsgerichtete Wirbel. Das saubere Wasser kann durch den Oberlauf entweichen, während der Sand an der Wand des Zyklon abgeschieden und durch den Unterlauf ausgetragen wird. Durch die Härte der Sandpartikel werden die Bauteile schnell beschädigt und müssen oft ersetzt werden. Es gibt nur zwei Firmen, die Hydrozyklone herstellen. Eine sitzt in Deutschland. Von denen bezieht ENTAL seine Teile. Die andere befindet sich in China. Soweit ich weiß, sind die chinesischen Teile nicht so robust und verschleißen schneller. Wenn die deutsche Firma nicht mehr liefert, kann es Monate dauern, bis der Ölkonzern einen zuverlässigen Ersatz findet.«

»Das klingt hochinteressant. Woher weißt du so etwas?«

»Es ist mein Job, so etwas zu wissen.«

Eric bedankte sich für die Auskünfte und verabschiedete sich. Dann grübelte er darüber nach, auf wen er da getroffen war. Musste eine Person, die sich so detailliert mit dieser Art von Technik auskannte, nicht bei ENTAL arbeiten?

»Gut, dass du noch einmal vorbeigekommen bist.«

»Was gibt es denn?«, erkundigte sich Marc.

Doch statt sich mit einer Antwort aufzuhalten, schob Eric seinen Freund direkt in sein Arbeitszimmer.

»Sieh dir das an«, sagte er und zeigte auf dem Bildschirm. Die Homepage der Firma Zeishold & Tölkes war geöffnet. »Das sind die Bauteile, die wir brauchen! Sie werden in Deutschland hergestellt. Anscheinend bezieht ENTAL sie nur von dieser Firma«, erklärte Eric begeistert.

»Wie hast du das so schnell herausgefunden? Ich habe vorher noch nie etwas von Hydrozyklonen gehört.«

»Ich habe einen Kontakt im Internet aufgetan. Es sind ein paar Umweltschützer, die vermutlich in Kanada sitzen. Die haben mich auf die Hydrozyklone aufmerksam gemacht. Allerdings müssen wir uns überlegen, was wir mit diesem Wissen anfangen. Wir können die Firma ja schlecht bitten, freundlicherweise damit aufzuhören, nach Kanada zu liefern.«

Marc überlegte einen Moment und plötzlich hellte sich sein Gesicht auf. Eric sah seinem Freund an, dass ihm eine Idee gekommen war.

»Ich glaube, ich muss mich mal mit Hank unterhalten, sobald ich wieder in Brüssel bin.«

Eric hatte Hank kennen gelernt, nachdem Isabella in Brüssel verschwunden war. Hank hatte ihm bei der Suche nach Isabella geholfen. Wenn sie im Internet Spuren hinterlassen hätte, dann hätte Hank sie gefunden. Leider war er erfolglos geblieben. Eric dachte nur ungern an die Verzweiflung zurück, die ihn in jenen Tagen zu ersticken drohte. Er schüttelte seine trübsinnigen Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf das eigentliche Thema.

»Es gibt eine Sache, die mich stutzig macht. Wie kann es sein, dass jemand, der angeblich nicht bei ENTAL arbeitet, so genau über deren Technik Bescheid weiß?«

»Eine gute Frage. Vielleicht kann Hank uns sagen, ob diese Umweltschützer echt sind oder nicht. Vielleicht hat er auch eine Idee, wie wir die Lieferung dieses Bauteils nach Kanada stoppen können. Bevor wir etwas unternehmen können, muss aber jemand nach Kanada fahren und sich die Lage vor Ort ansehen.«

»Wer soll das übernehmen?«

»Du hast im Moment genug mit deinem Auftrag bei Retramo zu tun und ich habe in den nächsten Wochen auch keine Zeit für eine so weite Reise«, überlegte Marc. »Pierre könnte das erledigen. Er ist einer meiner engsten Mitarbeiter. Ihm kann ich diese Aufgabe anvertrauen.«

»Das stimmt. Der Retramo-Auftrag muss gut laufen, sonst kann ich meine Firma dichtmachen.«

»Ich muss jetzt zum Bahnhof, damit ich meinen Zug noch erwische. Ich halte dich auf dem Laufenden.« Marc und Eric gingen in den Flur. Sie verabschiedeten sich und Marc verließ die Wohnung.

Rena wiegte das Baby sanft, um es zu beruhigen. Erics aufgebrachte Worte waren dabei nicht hilfreich. Sie beobachtete, wie er in der Küche hin und her lief. Sein Gesicht war während des Telefonats mit Marc zunehmend finsterer geworden und seine Antworten immer einsilbiger. Er beendete das Telefonat.

»Was ist los?«, erkundigte sie sich.

»Pierre kann nicht nach Kanada fahren. Seine Freundin hatte einen Unfall mit dem Fahrrad. Sie hat einen komplizierten Armbruch und jetzt muss er bei ihr bleiben und sich um sie kümmern. Marc hat niemand anderen, den er nach Kanada schicken könnte. So ein Mist!«, fluchte Eric. »Wir haben ENTALs Schwachstelle gefunden und Hank hat tatsächlich einen Plan, wie wir das ausnutzen können. Jetzt müssen wir alles wieder abblasen.« Frustriert sah Eric in die Dunkelheit hinaus.

Hank hatte eine Idee, wie sie die Firma Zeishold & Tölkes unter ihre Kontrolle bringen konnten. Marc hatte Eric berichtet, dass Hank irgendwas von Optionsscheinen gemurmelt und sich bei Marc erkundigt hatte, wie viel Geld er auftreiben könne. Das mit dem Geld war ein Problem, aber Eric sollte sich nach geeigneten Sponsoren umsehen, während Pierre in Kanada war. Nun schien diese Idee bereits im Keim erstickt, weil Pierre die Reise nach Kanada nicht antreten konnte.

»Warum fährst du nicht nach Kanada?«, fragte Rena.

»Erstens muss ich mich um den Auftrag von Retramo kümmern und außerdem legt das Schiff bereits morgen in Rotterdam ab.«

»Um das Projekt können wir uns kümmern«, schlug Rena vor.

»Meinst du das ernst?« Eric sah sie überrascht an.

»Sicher, du hast Chris schon in die praktischen Sachen eingewiesen und am Computer kenne ich mich sowieso besser aus als er. Du kannst mir jetzt die notwendigen Dokumente zeigen. So wie ich Melissa kenne, wird sie in der nächsten Stunde ohnehin nicht in ihrem Bett liegen wollen. Während du unterwegs bist, können wir per E-Mail in Kontakt bleiben«, schlug Rena vor. »Die Frage ist nur, ob du es schaffst, bis morgen in Rotterdam zu sein. Ich weiß nicht genau, wo Rotterdam liegt.«

»Ich rufe Marc an.«

Eric erfuhr, dass das Schiff erst morgen Abend ablegen würde. Allerdings musste er einen Zwischenhalt in Brüssel einlegen und sich mit Marc treffen. Marc würde ihm die Informationen weitergeben, die er in Kanada benötigte. Diese Informationen waren streng vertraulich und konnten nicht via Internet verschickt werden.

Den Nachtzug nach Brüssel würde Eric nicht mehr erreichen. Er fand eine Zugverbindung, die es ihm ermöglichte, rechtzeitig am Hafen zu sein. Er buchte sich ein Ticket für den ersten Zug am nächsten Morgen. Am frühen Nachmittag wäre er in Brüssel und hatte zwei Stunden Zeit, um sich mit Marc zu treffen.

»Hier ist dein Ticket für das Schiff. Es legt um 20:00 Uhr ab, also sieh zu, dass du pünktlich bist. Es ist ein Frachtschiff und wird nicht auf dich warten«, sagte Marc.

»Wirklich nicht?«, antwortete Eric ironisch.

Marc lachte, doch er wurde schnell wieder ernst.

»Hier ist die Adresse, wo sich Pierre mit den Umweltschützern treffen sollte. Hank hat nichts über sie herausgefunden. Sie sind sehr vorsichtig. Wir haben beschlossen, ihnen zu vertrauen.« Marc reichte Eric einen Zettel mit der Adresse. Dieses Detail wollte er nicht per Mail verschicken. »Wenn du in Kanada bist, musst du nach weiteren Schwachstellen bei der Ölfirma suchen. Ich glaube, die Hydrozyklone allein werden nicht genügen, um ENTAL aufzuhalten.«

Marc und Eric saßen in der Ecke eines Cafés und besprachen die Strategien für Kanada. Sie unterhielten sich sehr leise, damit keiner der anderen Gäste ihr Gespräch mithören konnte. Eric trank währenddessen einen Kaffee und aß etwas, denn seit seinem hastigen Frühstück kurz vor fünf Uhr am Morgen hatte er nichts mehr zu sich genommen.

»Ich habe mir über das Problem Gedanken gemacht, wie wir Geld auftreiben können. Hier ist die Internetadresse eines Biokunststoffherstellers. Vielleicht kann er uns helfen.«

»Alles klar. Ich werde mich darum kümmern. Du musst jetzt los!«, sagte Marc.

Eric trank hastig den Rest seines Kaffees aus. Dann eilte er zum Bahnhof. Ihm blieben dreieinhalb Stunden, um mit dem Zug nach Rotterdam zu fahren und in Europas größtem Hafen den Anlegeplatz seines Schiffes zu finden.

4. Geschichten aus einer anderen Welt

Die Überfahrt mit dem Frachtschiff verlief unspektakulär. Das Wetter war gut und Eric arbeitete die meiste Zeit. Im Fitnessstudio des Schiffes glich er den Bewegungsmangel aus. Seine Mahlzeiten nahm er gemeinsam mit den Offizieren des Schiffs ein. Nach zwölf Tagen erreichte er Halifax in Kanada. Dort hatte er einen Tag Pause. Diese Zeit nutzte er, um sich bei Chris und Rena über den Stand des Retramo-Projekts zu erkundigen und ihnen die Arbeit der letzten zwölf Tage zu schicken, denn auf dem Schiff hatte es keine Internetverbindung gegeben. Am nächsten Tag setzte er seine Reise in der kanadischen Eisenbahn fort. Vier Tage brauchte der Zug von Halifax nach Edmonton. Morgens um halb sieben hatte er die Stadt erreicht. Eric machte sich müde auf die Suche nach dem Bus, der ihn nach Fort McMurray bringen sollte. Im Bus holte er etwas Schlaf nach.

Als sie Fort McMurray erreichten, war er wach. Ihn beflügelte der Gedanke, dass er endlich am Ziel war. Er schaute aus dem Fenster und sah sich die Stadt an. Ein anderer Bus fuhr langsam an seinem vorbei und versperrte ihm die Sicht auf die Gebäude. Der Verkehr stockte und die beiden Busse blieben nebeneinander stehen.

Da sah er sie.

Keinen Meter von ihm entfernt saß Isabella. Schon häufiger hatte Eric geglaubt, sie zu erkennen, doch es war immer ein Irrtum gewesen. Diesmal war es anders. Sie sah ihn an und er konnte ihre Gefühle förmlich von ihrem Gesicht ablesen. Erst war es Erstaunen, dann wandelte sich ihr Ausdruck in Erschrecken.

Eric streckte die Hand aus, als könnte er sie durch die Scheibe berühren, als wollte er sich vergewissern, dass er sie wirklich vor sich hatte. In diesem Moment fuhren die beiden Busse an und sie verschwand aus seinem Blickfeld.

Isabella betrat das Burger-Restaurant durch die Hintertür. Sie war immer noch geschockt. Zunächst hatte sie geglaubt, ihre Fantasie würde ihr einen Streich spielen. Doch dann hatte sie erkannt, dass es sich bei dem Mann, den sie gesehen hatte, nicht um ein Trugbild handelte. Eric hatte sie in diesem entlegenen Zipfel von Kanada gefunden. Pures Glücksgefühl hatte sie bei seinem unerwarteten Anblick durchströmt. Doch dann wurden ihr die Konsequenzen dieser Begegnung klar. Wenn Eric es geschafft hatte, sie aufzuspüren, dann würde das auch anderen gelingen. Waren ihre Verfolger aus Brüssel ihr wieder auf den Fersen? Isabella konnte es nicht fassen. Sie war sich sicher gewesen, dass sie diesmal keine Spuren hinterlassen hatte.

Langsam ging sie den schmalen Gang entlang, der an den Toiletten vorbeiführte und spähte um die Ecke. Sie wollte sehen, ob Tom schon im Restaurant war. Sie arbeitete schon seit einiger Zeit mit Tom zusammen. In regelmäßigen Abständen trafen sie andere engagierte Umweltschützer oder Reporter, die sich für ihre Sicht über den Ölsandabbau interessierten. Dabei waren sie immer sehr vorsichtig. Niemand sollte wissen, wo sie wohnten. Sie trafen den Umweltschützer, der aus Europa gekommen war, in Fort McMurray und wollten ihm gründlich auf den Zahn fühlen.

Isabella entdeckte Tom an einem Tisch in der Ecke. Bei ihm saß ein Mann. Es war Eric. Isabella lehnte sich an die Wand und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Natürlich war es Eric. Er war der Umweltschützer, mit dem sie verabredet waren!

»Geht es Ihnen gut?«

Isabella riss die Augen auf. Vor ihr stand ein Mann, der sie musterte.

»Ja, es ist alles in Ordnung«, antwortete Isabella hastig.

Der Mann nickte und ging weiter.

Isabella atmete tief durch. Sie straffte die Schultern und ging entschlossen auf den Tisch zu. Ihr stand ein heikles Gespräch bevor. Tom wusste nichts von ihrer Vergangenheit. Er wusste nicht einmal, dass sie vor einigen Jahren aus Deutschland nach Kanada gekommen war und wenn es nach ihr ging, sollte das auch so bleiben.

»Hallo.« Sie zwang sich zu lächeln.

Sie warf einen Blick auf Eric. Es war deutlich zu erkennen, wie fassungslos er über diese Begegnung war.

»Eric, das ist meine Partnerin Amy Brown. Amy, das ist Eric Bergmann. Er kommt aus Deutschland«, ergriff Tom das Wort, da keiner der beiden etwas sagte.

»Es freut mich, dich kennen zu lernen«, sagte Isabella auf Englisch und reichte ihm die Hand. Sie zitterte leicht. Eric ergriff sie. Ein warmes Gefühl durchströmte Isabella.

»Ja, mich auch«, antwortete Eric mechanisch in derselben Sprache. Sein intensiver Blick ruhte auf ihr. Isabella verlor sich in den Tiefen seiner braunen Augen. Sie musterte sein vertrautes Gesicht und wurde von Erinnerungen geradezu überflutet. Erinnerungen an sein zärtliches Lächeln, sein freches Grinsen, wenn er sie neckte, wie sich seine Wange an ihrer anfühlte, seine Lippen, die über ihren Hals strichen, an ihrem Ohr knabberten und sie mal zärtlich, mal leidenschaftlich küssten.

Ein lautes Klirren riss sie aus ihrer Versunkenheit. Irgendwo war ein Glas zu Bruch gegangen. Sie registrierte, dass sie immer noch seine Hand in ihrer hielt und ließ sie los.

Sie erinnerte sich, dass Tom anwesend war. Sie wandte ihren Blick von Eric ab, damit sie sich konzentrieren konnte.

Tom schien nichts von dem mitbekommen zu haben, was sich gerade zwischen Isabella und Eric abspielte. Er begann Eric über seine Motive und Absichten zu befragen. Sie führten das Gespräch auf Englisch. Eric hatte in der Vergangenheit häufig internationale Kunden betreut und die Sprache bereitete ihm keine Mühe. Nach ein paar Minuten hatte sich Isabella so weit gefangen, dass sie ihren Teil beisteuern konnte. Isabella spürte Erics Blick auf sich ruhen. Doch sie vermied es ihn zu erwidern, um nicht aus dem Konzept zu geraten. Ihr war klar, dass Eric die Situation nicht verstand, doch er spielte mit. Schließlich nickte sie zufrieden. Sie hoffte, dass es für Tom so aussah, als ob auch sie Eric gründlich ausgehorcht hatte.

»Ich denke, es ist am besten, wenn Eric mit zu uns kommt«, wandte sie sich an Tom.

Dieser sah sie erstaunt an. Sie hatten noch nie einem Außenstehenden ihr Haus gezeigt. Bisher war es immer Isabella gewesen, die vehement dagegen war, Fremde in ihren Schlupfwinkel zu lassen.

»Warum?«, fragte Tom.

Isabella wusste genau, was er dachte.

»Wir werden viel mit Eric besprechen müssen. Wenn wir das jedes Mal in der Öffentlichkeit tun, könnten die falschen Leute auf uns aufmerksam werden«, antwortete sie.

»Bist du dir sicher?« Tom sah sie eindringlich an. Isabella erwiderte seinen Blick.

»Ja.«

»Also gut.« Tom stand auf.

Sie verließen das Restaurant und nahmen einen Bus, der Fort McMurray durchquerte. In einem der westlichen Außenbezirke stiegen sie aus.

»Ich gehe Sunny abholen«, sagte Isabella und ging zu einem Haus in der Nähe. Es war ein Waisenhaus.

Sie unterhielt sich kurz mit einer Frau und kam dann mit einem Mädchen an der Hand zu Tom und Eric zurück. Eric schätzte, dass das Mädchen fünf oder sechs Jahre alt war. Es hatte braune lockige Haare.

»Das ist Sunny«, stellte Isabella ihm das Mädchen vor. »Sunny, das ist Eric. Er wird ein paar Tage bei uns wohnen.«

Eric lächelte das Mädchen an, während Sunny ihn skeptisch musterte.

»Lasst uns gehen. Wir haben noch eine halbe Stunde Fußmarsch vor uns und ich habe Hunger«, forderte Tom die anderen auf.

Sie erreichten ein Holzhaus, das einsam im Wald stand.

»Hier wohnen wir«, bemerkte Isabella, während sie die Tür öffnete und eintrat. »Das ist unser Büro«, sie deutete auf einen Raum, der gleich rechts vom Flur abging.

Eric folgte ihr und sah sich in dem kleinen Raum um. Es passten nur zwei Schreibtische und ein paar Regale hinein.

Isabellas Blick fiel auf die Tasche, die Eric in seiner Hand trug.

»Ich zeige dir, wo du deine Sachen abstellen kannst«, sagte sie und verließ das Büro.

Sie durchquerten den Flur und Isabella öffnete eine Tür.

»Hier ist dein Zimmer. Ich hoffe, es ist in Ordnung für dich.« Isabella sprach immer noch Englisch.

»Sicher«, antwortete Eric und ging hinein.

Das Zimmer war sehr klein. Die Möblierung bestand aus einem Doppelstockbett, an das sich ein schmales Regal anschloss. Ein paar Haken an der Wand vervollständigten die Einrichtung. Eric ließ seine Tasche auf den Boden fallen. Dann sah er Isabella an. Sie war es wirklich. Er konnte es kaum glauben.

»Wie hast du mich gefunden?«, fragte sie leise. Nun wechselte sie ins Deutsche.

Die verschiedensten Gefühle waren in ihrem Gesicht zu lesen. Verwirrung, Freude und Angst. Angst? Er verstand nicht, warum sie Angst vor ihm haben sollte.

»Ich habe dich nicht gefunden«, beantwortete er ihre Frage. »Ich bin zufällig hier. Ich wusste nicht, dass du dich in Alberta aufhältst.«

Mit einem Schritt war er bei ihr. Er umschlang sie und zog sie an sich. Die andere Hand legte er an ihre Wange. Er lehnte seine Stirn an ihre und sah in die Tiefen ihrer grünen Augen.

»Oh Isa, ich bin so froh, dass es dir gut geht. Ich habe dich so lange gesucht, aber es gab keine Spur von dir. Es tut mir so leid«, murmelte er. Er senkte seinen Mund zu ihren Lippen. Isabella befreite sich hastig aus seiner Umarmung. Eric hörte Schritte und einen Moment später erschien Tom.

»Alles in Ordnung hier?«, erkundigte er sich.

»Ja, alles in Ordnung«, antwortete Isabella.

»Eric, hast du Hunger?«, fragte Tom.

»Ja«, antwortete Eric mit einem zwanglosen Lächeln.

»Dann werde ich mal was vorbereiten. Amy, hilfst du mir?«

»Ja, natürlich.«

Eric sah Isabella nach und fragte sich, in welcher Beziehung die drei Menschen, die hier lebten, zueinander standen.

Eine Stunde später saßen sie gemeinsam am Tisch und ließen sich einen kräftigen Eintopf schmecken.

»Warum wohnt ihr alleine im Wald?«, erkundigte sich Eric.

»ENTAL macht uns das Leben sehr schwer. Wir sind vielen Anfeindungen ausgesetzt und müssen uns vor Übergriffen schützen. Deshalb leben wir sehr zurückgezogen«, beantwortete Isabella seine Frage.

»Ich habe schon gehört, dass es hier gefährlich werden kann«, bemerkte er und widmete sich wieder seiner Suppe.

Tom sah ihn misstrauisch an. »Von wem hast du das gehört?«

»Freunde von mir haben bis vor kurzem in Alberta gelebt. Sie mussten das Land verlassen, weil der Druck, den ENTAL auf sie ausgeübt hat, zu groß geworden ist.«

»Wie heißen deine Freunde?«, kam es sofort von Tom.

Eric musterte Tom einen Moment und überlegte, ob er die Namen preisgeben sollte. Er warf Isabella einen kurzen Blick zu. Auch sie schien sehr interessiert an seiner Antwort zu sein. »Es sind Chris und Rena Siebach.«

Toms Gesicht hellte sich bei dieser Antwort auf. »So klein ist die Welt«, stellte er lachend fest.

»Chris und Rena haben während ihrer Flucht bei uns Station gemacht«, erklärte Isabella. »Wie geht es ihnen?«

»Gut. Sie wohnen bei mir in Berlin.«

Bei dieser Antwort überkam Isabella plötzlich heftiges Heimweh. Sie spürte Erics warmen Blick auf sich und ihr war schmerzlich bewusst, wie viel sie durch ihr Engagement gegen den Abbau von Methanhydrat verloren hatte.

Eric riss seinen Blick von Isabella los. »Ich muss Renas Vater besuchen. Wie ihr sicher wisst, wohnt er in Fort Chipewyan. Ich will ihm mitteilen, dass Chris und Rena wohlbehalten in Berlin angekommen sind. Außerdem habe ich ein Foto von seiner Enkeltochter.«

»Es wird nicht einfach sein, dort hinzukommen«, bemerkte Tom. »Fort Chipewyan ist 280 km von hier entfernt und im Sommer gibt es keine befestigte Straße. Im Winter, wenn hier alles gefroren ist, kommt man leichter dorthin.«

»Und was machen die Leute, die im Sommer nach Fort Chipewyan wollen? Es muss doch auch zu dieser Jahreszeit Möglichkeiten geben?«, hakte Eric nach.

»Klar gibt es die«, antwortete Tom. »Man kann sich ein kleines Flugzeug chartern, aber das kostet natürlich. Außerdem kontrolliert ENTAL, wer über die Abbaugebiete fliegt. Sie wollen nicht, dass Fotos von dieser verpesteten Mondlandschaft gemacht und veröffentlicht werden«, bemerkte er verächtlich. »Ich werde mich nach einer anderen Mitfahrgelegenheit für dich umhören.«

»Vielen Dank.«

»Eric, hat Amy dir schon von unserem Treffen morgen erzählt?«

Eric schüttelte den Kopf.

»Morgen wollen sich alle Umweltschützer aus der Gegend treffen. Wir wollen versuchen unser Vorgehen besser zu koordinieren. Du bist also genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen.«

Tom berichtete Eric von den Aktionen, die in der Gegend liefen. Isabella beteiligte sich kaum an dem Gespräch und Sunny begnügte sich damit, Eric hin und wieder misstrauische Blicke zuzuwerfen.

»Zeit fürs Bett«, erinnerte Isabella Sunny schließlich.

Diese stand ohne Widerrede auf und verließ die Küche. Isabella folgte ihr. Aus dem Bad hörten sie Wasserrauschen. Isabella ging ins Schlafzimmer und schlug die Bettdecke zurück. Dann erschien Sunny, zog sich ihren Schlafanzug an und schlüpfte ins Bett.

»Erzählst du mir eine Geschichte?« Erwartungsvoll sah sie Isabella an. »Oder hast du keine Zeit?«, fragte sie unsicher.

»Auf jeden Fall habe ich Zeit für eine Gutenachtgeschichte«, erwiderte Isabella. »Welche möchtest du hören?«

»Eine von Lilly und Ole.«

Natürlich, dachte Isabella lächelnd. Sie kuschelte sich mit Sunny ins Bett und begann zu erzählen.

Sie erzählte von einem weit entfernten Land, ein Land, in dem es riesige Wälder gab, hohe Berge, unzählige Seen und sprudelnde Gebirgsbäche. Diese Geschichte handelte von einem Mädchen namens Lilly und ihrem besten Freund Ole. Ole war ein Trolljunge. Sie erzählte Sunny, wie die beiden durch den Wald streiften, Blaubeeren aßen und spannende Abenteuer erlebten. In jedem ihrer Worte lag eine tiefe Sehnsucht nach diesem Land, das unerreichbar schien.

»So, und nun schlaf schön, mein Schatz.« Isabella umarmte Sunny liebevoll. Dann erhob sie sich vom Bett und ging hinaus. Die kleine Nachttischlampe ließ sie brennen, wie sie es immer tat.

Richard Sullivan nippte an seinem Champagner. Seine Frau Leanne sah im weichen Kerzenlicht beinahe aus wie vor 26 Jahren, als er sie kennen gelernt hatte. Das dunkelblaue Abendkleid umschmeichelte ihre schlanke Figur. Ihre platinblonden Haare waren zu einer eleganten Hochsteckfrisur arrangiert und das Saphircollier, das er ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, stand ihr ausgezeichnet.

Leanne musterte seine Erscheinung. Er hatte eine sportliche Figur, die in dem Smoking gut zu Geltung kam. Seine von silbernen Strähnen durchzogenen braunen Haare waren akkurat frisiert und verbargen die allmählich entstehenden Geheimratsecken. Zufrieden mit dieser Bestandsaufnahme sah sich Leanne im Saal um. Die Organisation dieser Benefizveranstaltung hatte sie in den letzten Wochen sehr in Anspruch genommen. Der Erlös der Veranstaltung sollte dem Kampf gegen Krebs zugutekommen.

Leanne machte ihren Mann auf die gemeinsame Tochter aufmerksam. Richard beobachtete, wie ihre Tochter charmant mit einer älteren Dame plauderte.

»Lindsay weiß, wie man sich auf dem gesellschaftlichen Parkett bewegt und auch den knauserigsten Zeitgenossen eine Spende entlockt«, bemerkte Leanne stolz.

»Sie macht sich wirklich gut«, stimmte Richard seiner Frau zu.

»Entschuldige mich bitte kurz. Ich muss Gwen begrüßen.«

Richard blieb alleine zurück und nippte an seinem Champagner.

»Guten Abend, Mr. Sullivan«, vernahm er hinter sich eine vertraute Stimme.

»Guten Abend, Mr. Baxter. Schön, dass Sie es einrichten konnten.«

Die beiden Männer plauderten einige Minuten über die Abendveranstaltung, doch schnell wendete sich das Gespräch der gemeinsamen Arbeit zu.

»Unserer Geologen haben ergiebige Vorkommen im Herzen des Wood Buffalo Nationalparks entdeckt. Wenn wir die ausbeuten, können wir Milliarden Gewinne machen«, sagte Richard Sullivan.

»Der Nationalpark ist per Gesetz vor unserem Zugriff geschützt«, gab Charles Baxter zu bedenken.

»Dann müssen die Gesetze geändert werden. Sie sind der Anwalt. Wenn jemand das kann, dann Sie.«

Charles überlegte, wie er das ermöglichen könnte.

»Wir können eine Ausnahmegenehmigung erwirken. Doch dafür müssen Sie die Politiker auf unserer Gehaltsliste erinnern, wem ihre Loyalität gilt.«

»Ich werde mich darum kümmern«, erwiderte Richard Sullivan, der Vorstandsvorsitzende von ENTAL.

»Dann gehen wir den üblichen Weg. Wir konsultieren die First Nations. Dieses Mal muss ich die Unterlagen allerdings noch umfangreicher und komplizierter gestalten lassen. Im letzten Jahr haben sie häufiger die kritischen Punkte gefunden.«

»Das darf nicht geschehen.«

»Keine Sorge, das wird es nicht. Selbst wenn sie Klage einreichen, werden wir das Verfahren in die Länge ziehen. Währenddessen fördern wir weiter. Das neue Gesetz, das auf unsere Initiative hin verabschiedet wurde, macht es möglich.«

Richard nickte zufrieden.

»Letztendlich werden wir den Prozess gewinnen, so wie immer«, bemerkte Charles Baxter.

»Redet ihr schon wieder über die Arbeit?«, wurden sie von Leanne unterbrochen. Sie sprach leise, damit die Umstehenden sie nicht hörten. »Ich habe dich mehr als einmal darum gebeten, auf unseren Benefizveranstaltungen nicht darüber zu sprechen.« Der scharfe Unterton in ihrer Stimme strafte das Lächeln Lügen, das sie aufgesetzt hatte.

Richard wusste, dass seiner Frau die Art, wie er sein Vermögen gemacht hatte, nicht gefiel. Doch ihre moralischen Bedenken hielten sie nicht davon ab, den Lebensstil einer wohlhabenden Frau zu genießen.

»Guten Morgen«, begrüßte Eric Isabella.

Sie bereitete das Frühstück vor. Er beobachtete ihre schnellen routinierten Bewegungen, immer noch ungläubig und staunend, dass sie leibhaftig vor ihm stand. Er wollte nichts lieber als ungestört mit ihr reden, sie in seine Arme schließen, sein Gesicht in ihrem Hals vergraben, sie küssen und nie wieder loslassen. Doch die Gelegenheit für ein ungestörtes Gespräch hatte sich noch nicht ergeben. Ständig war Tom in der Nähe.

»Guten Morgen«, hörte Eric Toms Stimme hinter sich. Er begrüßte ihn ebenfalls und wandte sich dann an Isabella.

»Kann ich dir helfen?«

»Ja, du kannst den Tisch decken.«

Sie zeigte ihm, wo sich das Geschirr befand.

»Tom, kannst du bitte nach Sunny sehen?«

Kaum hatte Tom die Küche verlassen, fasste Eric Isabella eindringlich am Arm: »Wir müssen reden!«

»Ja, ich weiß, aber nicht jetzt«, wich Isabella ihm aus.

Eric nickte und half ihr weiter bei den Frühstücksvorbereitungen. Immer noch kämpften unterschiedliche Gefühle in ihm. Er war froh und erleichtert, dass es ihr gut ging. Doch er empfand auch Enttäuschung und Eifersucht, weil Isabella mit einem anderen Mann zusammenlebte.

Nach dem Frühstück begaben sie sich auf den Weg zum Treffen der Umweltschützer. Es war ein Fußmarsch von einer Stunde. Sie bewegten sich nur auf schmalen Waldpfaden. Als Umweltschützer musste man in dieser Gegend sehr vorsichtig sein. ENTAL verfolgte jeden, der ein vermeintlicher Gegner war und das konnte sehr gefährlich werden.

Isabella ging mit Sunny voran, Tom und Eric folgten ihnen.

»Hallo Amy, hallo Tom«, wurden sie begrüßt, als sie in das Haus eintraten, in dem die Versammlung stattfand. Sie betraten das große Wohnzimmer. Es hatten sich bereits einige Personen eingefunden.

»Wer ist das?«, fragte ein junger Mann mit schwarzen Haaren misstrauisch und deutete auf Eric.

»Das ist Eric. Er ist aus Europa gekommen, um uns zu unterstützen«, antwortete Isabella.

»Woher sollen wir wissen, dass er kein Spitzel ist?« Der junge Mann funkelte Eric unfreundlich an.

»Er ist kein Spitzel. Ich verbürge mich für ihn.« Isabella trat einen Schritt näher an den Mann, der sich vor ihr aufgebaut hatte und sah ihm mit festem Blick in die Augen.

Der junge Mann wollte etwas entgegnen, aber ein älterer kam ihm zuvor. Er hatte graue Haare, die zu einem langen Pferdeschwanz zusammengebunden waren.

»Eric, es freut mich, dich kennen zu lernen. Ich bin James. Setzt euch und lasst uns anfangen.«

Zu Beginn der Versammlung gab es eine kurze Diskussion darüber, wie die Lebensverhältnisse in der Gegend verbessert werden konnten. Dann gingen sie zu der Frage über, wie der Abbau von Ölsand gestoppt werden könnte, wobei letzteres mehrere Nummern zu groß für die hier Anwesenden war. Isabella und James vertraten eine gemäßigte praktische Position, die die ohnehin schon prekäre Situation der Umweltschützer nicht unnötig verschlimmerte. Die radikaleren, allen voran der junge Tyrell, waren der Meinung, man solle am besten die Anlagen von ENTAL in Brand setzen. Daraufhin erklärte Isabella, welche furchtbaren Folgen so eine Aktion haben würde. Eric bewunderte sie für ihre Geduld mit diesem Wichtigtuer.

»Dann müssen wir die Zufahrten blockieren«, rief Tyrell.

»Und was soll das bringen?«, fragte Isabella.

»Was willst du eigentlich hier, wenn du alle Vorschläge nur schlecht machst?«, fragte eine junge Frau, die begeistert von Tyrells Vorschlägen war.

»Nun mal sachte. Es ist völlig legitim, wenn Amy ihre Meinung sagt. Ihre Einwände sind schließlich nicht unbegründet«, schaltete James sich ein, in dem Versuch die Wogen zu glätten. »Wir haben schon häufiger versucht, die Zufahrten zu blockieren. Spätestens nach einer halben Stunde taucht der Sicherheitsdienst auf und die Aktion ist beendet. Dann findest du dich im Gefängnis wieder.«

»Wir könnten ein Video von der Blockade ins Internet stellen«, überging Tyrell die Einwände.

Tyrell fand mehrere Unterstützer für seine Idee und schließlich fragte er jeden Einzelnen, ob er bei der Aktion mitmachte. Als er bei Isabella ankam, verneinte diese und erklärte noch einmal, warum sie die Idee für schlecht hielt. Tyrell wollte davon jedoch nichts hören.

»Du kannst dich nicht immer nur in deiner Hütte verstecken und darauf warten, dass sich die Probleme von alleine lösen. Manchmal muss man auch ein Wagnis eingehen. Aber dazu bist du wohl zu feige!«

Eric ballte wütend die Fäuste. Wie konnte dieser Spinner Isabella vorwerfen, dass sie feige war. Schließlich hatte sie sich vor drei Jahren einem mächtigen Energiekonzern entgegengestellt und war mehr als einmal bedroht worden. Sie wusste genau, wovon sie sprach. Es folgte betretenes Schweigen auf Tyrells Vorwurf.

»Es kann eben nicht jeder so mutig sein wie du, Tyrell«, antwortete Isabella ruhig. Sie stand auf und verließ den Raum. Alle sahen ihr hinterher. Nach einem kurzen Moment des Schweigens ging die Diskussion weiter. Eric hatte keine Lust mehr, sich das weiter anzuhören und folgte Isabella.

Vor dem Haus angekommen, atmete Isabella tief durch. Sie ging vom Eingang weg in Richtung Wald. Eric hatte sie schnell eingeholt.

»Wie kannst du dich von diesem Grünschnabel so beleidigen lassen?«, fragte er erbost.

»Was sollte ich denn machen? Ihn verprügeln? Ich habe gesehen, wie du mit geballten Fäusten dagesessen hast.«

»Dieser respektlose Kerl hätte eine Abreibung wirklich verdient.«

»Die wird er ja bald bekommen. Wenn er versucht die Zufahrtswege zum Firmengelände von ENTAL zu blockieren, wird sich der Sicherheitsdienst um ihn kümmern.«

»Ich habe gestaunt, wie ruhig du geblieben bist. Früher warst du impulsiver. Wenn ich daran denke, was du mir so an den Kopf geworfen hast...«, erinnerte sich Eric mit einem melancholischen Lächeln.

»Ich habe gelernt, mich zu beherrschen. Schließlich hängt mein Leben davon ab, ruhig und unauffällig zu sein.« Isabella wich Erics Blick aus und sah zum Haus. »Da kommen Tom und Sunny«, sagte sie leise.

Eric verstand und ließ das Thema fallen. Sie ging den beiden entgegen. Sunny kam sofort zu Isabella und Isabella umarmte sie liebevoll. Sie nahm Sunny nicht gerne mit zu solchen Veranstaltungen, doch sie allein in der Hütte zu lassen kam auch nicht infrage und die Strecke zum Waisenhaus wäre ein zu großer Umweg gewesen.

»Bei euch geht es ja ganz schön heiß her«, sagte Eric zu Tom.

»Ja, Tyrell schießt manchmal über das Ziel hinaus, aber er hat das Herz am richtigen Fleck.«

Sie machten sich auf den Rückweg und Tom berichtete Eric einiges über die Leute auf der Versammlung. Isabella blieb mit Sunny etwas hinter den beiden zurück und erzählte ihr eine neue Geschichte von Lilly und Ole, dem Troll, um das Mädchen von der unerfreulichen Versammlung abzulenken.

»Wie können wir Tyrell von seinem verrückten Plan abbringen?«, fragte Tom.

Sie saßen in der Küche und hatten gerade ihr Mittagessen beendet. Isabella ließ das Gesicht in die Hände sinken.

»Ich weiß es nicht«, murmelte sie resigniert. Die ganze Situation brachte sie an ihre Grenzen. Sie hatte es mit Mühe geschafft, ihr Leben halbwegs auf die Reihe zu bringen und nun war Eric aufgetaucht. Alle Sehnsüchte und Hoffnungen regten sich wieder in ihr. Sie hatte drei Jahre versucht sie zu unterdrücken.

»Warum könnt ihr diesen Typen nicht einfach machen lassen?«, fragte Eric.

»Weil es dann gefährlicher für uns alle wird. ENTAL wird nach so einem Vorfall wesentlich wachsamer sein«, erklärte Tom.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Eric Isabella und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Toms Augen verengten sich, als er die Berührung sah. Isabella sah Eric an.

»Ja, sicher«, antwortete sie wenig überzeugend. Sie stand auf und Erics Hand glitt von ihrer Schulter. Sie räumte die Teller vom Tisch und begann zu spülen. »Sunny, trocknest du ab?«

»Ja, mache ich.« Das Mädchen stand auf und gesellte sich zu Isabella.

»Ihr könnt schon mal ins Büro gehen. Ich komme nach, wenn ich hier fertig bin.« Isabella wollte die Männer für ein paar Minuten loswerden. Sie brauchte ein bisschen Zeit für sich.

Sie begann mit Sunny zu plaudern. Isabella bedauerte, dass sie nicht mehr Zeit für sie hatte. Doch Sunny nahm das klaglos hin. Sie hatte schon Schlimmeres erlebt.

»Ich habe dir ein neues Malbuch mitgebracht«, bemerkte Isabella, während sie sich die Hände abtrocknete. Sie ging zu ihrer Tasche und nahm das Malbuch heraus. Sie überreichte es Sunny, die sich sichtlich darüber freute. »Ich hoffe, morgen habe ich wieder Zeit zum Lesen üben.«

Sunny war sehr wissbegierig und wollte in der Lage sein, ihre Lieblingsbücher selbst zu lesen. Deshalb hatte Isabella beschlossen, ihr das Lesen beizubringen. Sunny war sechs Jahre alt und müsste eigentlich in ein paar Wochen eingeschult werden. Doch das war problematisch. Isabella konnte sie nicht jeden Tag nach Fort McMurray zur Schule bringen. Das würde zu viele Fragen aufwerfen. Außerdem hatte Sunny alleine unter Fremden Angst. Als Isabella das Thema einmal aufgebracht hatte, hatte das Mädchen sich vehement geweigert darüber zu sprechen. Isabella versuchte Sunny zu Hause zu unterrichten, doch es war schwierig diese Aufgabe mit ihrem Engagement gegen ENTAL zu vereinen.

»Okay, wie können wir dir helfen, Eric?«, erkundigte sich Isabella entschlossen, als sie sich zu den Männern gesellte.

»Wir haben eventuell eine Möglichkeit gefunden, wie wir die Lieferung dieses Bauteils nach Kanada unterbrechen können«, informierte Eric die beiden.

Tom sah verwirrt aus, doch Isabella lächelte, als sie das hörte. Eric hatte sich gewundert, wie jemand so genau über die technische Seite der Ölsandförderung Bescheid wissen konnte. Als er Isabella getroffen hatte, war diese Frage beantwortet worden. Sie war eine Spezialistin im Bereich Wechselwirkungen von Klima und Technologie. Mit solchen Sachen kannte sie sich aus.

»Könnte mich jemand darüber aufklären, worüber ihr redet?«, erkundigte sich Tom.

»Eric hat sich vor einigen Wochen bei mir nach der Achillesferse von ENTAL erkundigt. Zumindest denke ich, dass du es warst?« Fragend sah sie ihn an.

Eric nickte zustimmend.

»Ich habe ihm von den Hydrozyklonen berichtet, die ENTAL aus Deutschland bezieht. Wenn die nicht mehr geliefert werden, wird es für die Ölfirma sehr schwer einen adäquaten Ersatz zu finden«, erklärte sie.

»Die Idee ist gut, aber ich denke, das allein wird nicht ausreichen«, sagte Eric. »Wir brauchen noch mehr Munition.«

»Du willst den Abbau der Ölsande komplett stoppen?«, fragte Isabella und sah Eric erstaunt an.

»Ja, ich will das Unmögliche möglich machen.« Eric lächelte Isabella an. Ihre Blicke verfingen sich und für einen Moment gab es nur sie beide.

»Hast du Erfahrung damit?«, unterbrach Tom ihr stummes Zwiegespräch.

»Ein bisschen«, erwiderte Eric mit einem kurzen Seitenblick zu Isabella, der Tom nicht entging.

»Bisher wurden immer wieder Missstände an die Öffentlichkeit gebracht. Es wurde über die Zerstörung der Natur, den immensen Verbrauch von Wasser und Erdgas berichtet. Es ist bekannt, dass durch den Ölsandabbau Schadstoffe ins Wasser gelangen, die Krebs auslösen. Es gab in den letzten 30 Jahren viele Leute, die versucht haben, die Probleme ans Licht zu bringen. Aber den Abbau von Ölsanden konnte das nicht stoppen«, entgegnete Isabella.

Sie diskutierten den ganzen Nachmittag über mögliche Vorgehensweisen. Tom bemerkte zwischen Eric und Isabella eine Vertrautheit, die für zwei Leute, die sich gerade erst kennen gelernt hatten, nicht normal war. Das gefiel ihm nicht.

Nach dem Abendessen brachte Isabella Sunny ins Bett. Sie war froh, der spannungsgeladenen Atmosphäre eine Weile zu entkommen. Sie erzählte Sunny eine besonders lange Gutenachtgeschichte. Sie hatte es nicht eilig sich wieder zu den Männern zu gesellen. Sie gab Sunny einen Kuss auf die Wange und stand auf. Das Mädchen lag warm zugedeckt im Bett und hielt ihren Kuschelbären im Arm. Unwillkürlich musste Isabella bei diesem Anblick lächeln. Sie liebte Sunny wie eine eigene Tochter und würde alles tun, um das Mädchen zu beschützen.

Sie verließ das Schlafzimmer und stieß beinahe mit Tom zusammen. Er war ihr so leise gefolgt, dass sie ihn nicht gehört hatte.

»Du hast mich erschreckt«, sagte sie lächelnd und legte die Hand auf ihr Herz.

»Kennst du Eric von früher?«.

Isabellas Lächeln schwand. Tom sah sie forschend an.

»Wie kommst du darauf?«

»War nur so ein Gedanke.«

Isabella sah Tom unbewegt an. Tom wurde unbehaglich unter diesem Blick. »Ihr macht so einen Eindruck«, versuchte er zu erklären.

Isabella schüttelte den Kopf. »Du kommst auf Ideen«, sagte sie beiläufig.

Im Inneren war sie jedoch alles andere als ruhig. Wie war es möglich, dass Tom die Vertrautheit zwischen Eric und ihr so schnell bemerkt hatte? Sie hatte sich viel Mühe gegeben, Eric wie einen Fremden zu behandeln. Bis jetzt wusste Tom nicht einmal, dass sie erst vor drei Jahren aus Europa gekommen war. Er glaubte, dass sie schon seit ihrer Kindheit in Kanada lebte. Eine Verbindung zu Eric würde zu viele ihrer Geheimnisse offenbaren. Sie zwang sich Tom ruhig anzusehen.

»Wollen wir weitermachen?«, fragte sie.

»Sicher, geh schon mal zu Eric. Ich bin in ein paar Minuten da.«

Isabella ging wieder in die Küche. Eric stand auf und kam zu ihr. Endlich war er mit ihr allein.

»Isa, wir müssen reden«, sagte er ernst und legte seine Hände auf ihre Schultern.

»Das geht jetzt nicht«, wehrte Isabella ab und machte sich los.

»Du vertröstest mich, seit ich hier bin. Mir reicht es jetzt. Ich will wissen, warum du spurlos verschwunden bist und es nicht für nötig gehalten hast, dich bei mir zu melden.« Eric war aufgebracht.

»Weil ich Angst um mein Leben hatte«, flüsterte Isabella.

Tom betrat den Raum. Er hatte ihren Wortwechsel gehört, aber nicht verstanden, was sie gesagt hatten. Sie hatten ihre Unterhaltung auf Deutsch geführt. Doch ihm war die Angst in Isabellas Stimme nicht entgangen.

»Was ist hier los?«, griff er ein.

Eric ignorierte Tom einfach. »Ich will mit dir allein sprechen und zwar sofort!«, forderte er aufgebracht.

»Also gut«, seufzte Isabella resigniert und machte Anstalten mit Eric nach draußen zu gehen. Tom hielt sie am Arm fest.

»Amy, du musst nicht … «, setzte er an.

»Du verstehst das nicht, Tom«, sagte sie erschöpft. »Lass mich bitte los.«

Tom reagierte nicht und hielt ihren Arm weiterhin fest.

»Lass mich sofort los!«, befahl sie. Doch sie gab ihm keine Zeit zu reagieren. Mit einer schnellen Bewegung befreite sie sich aus Toms Griff. Dieser sah sie überrascht an. Kommentarlos verließ sie die Hütte und lief los. Eric musste sich beeilen, um an ihr dran zu bleiben. Nach ein paar Minuten bog sie in den Wald ab und folgte einem kaum sichtbaren Pfad.

Schließlich blieb sie stehen, wandte sich zu Eric und sah ihn abwartend an. Eric betrachtete schweigend die Frau, die er die letzten drei Jahre so schmerzlich vermisst hatte, von der er so oft geträumt und um die er getrauert hatte, weil er dachte, er hätte sie für immer verloren.

»Isabella, ich...«, begann er. Doch dann verfiel er wieder in Schweigen. Er wollte ihr so viel sagen und sie so viel fragen, dass er nicht wusste, wo er anfangen sollte. »Isa, ich habe dich schrecklich vermisst. Ich habe mir große Sorgen um dich gemacht. Ich dachte sogar, du wärst vielleicht...« Diesen Gedanken sprach er nicht zu Ende aus. »Warum hast du dich in Brüssel nicht wie verabredet mit mir getroffen? Wenn du deine eigenen Wege gehen willst, ist das in Ordnung, aber ich finde es nicht fair, dass du mich im Ungewissen lässt und einfach verschwindest.« Anklagend sah er Isabella an.

»Eric, so war es nicht«, entgegnete Isabella traurig.

»Dann erklär mir doch bitte endlich, wie ich dein Verschwinden richtig verstehen soll!«, rief Eric gereizt.

Isabella sank erschöpft zu Boden. »Ich hätte nichts lieber getan, als mich in Brüssel mit dir zu treffen«, begann sie leise und sah zu Boden. »Aber ich konnte nicht. Die haben mich verfolgt. Ich bin aus Versehen in den falschen Bus gestiegen. Mir war der Rückweg versperrt. Wäre ich zurückgefahren, wäre ich denen geradewegs in die Arme gelaufen. Ich wollte dich anrufen.« Tränen standen ihr in den Augen, als sie Eric ansah. » Glaub mir, ich hätte dich so gerne angerufen, aber es ging nicht.« Sie hielt kurz inne. »Ich vermute, die haben mich über mein Handy geortet. Wie hätten sie mich sonst so schnell finden können? Ich dachte, wenn ich dich anrufe, hören die uns ab. Also habe ich es ausgemacht, in der Hoffnung zu entkommen.«

»Das wusste ich nicht.« Eric hockte sich zu ihr und nahm ihre Hand in seine. »Aber warum hast du dich nicht später gemeldet, als du außer Gefahr warst?«

»Ich hatte zu große Angst«, gestand Isabella. »Diese Typen haben uns immer wieder aufgespürt, egal, wo wir uns versteckt haben. Ich wollte sie nicht wieder durch einen dummen Fehler auf meine Spur führen. Also habe ich die Einzelteile meines Handys im Atlantik versenkt, um nicht irgendwann in Versuchung zu kommen. Außerdem...«, fügte sie zögernd hinzu, »was hätte es genützt, wenn du gewusst hättest, wo ich bin? Du hast...«

Eric ließ sie nicht weiterreden.

»Was es genutzt hätte?«, fragte er aufgebracht und sprang auf. »Ich habe dich überall auf der Welt gesucht! Ich habe mich schuldig gefühlt, weil ich dachte, dir ist etwas Schreckliches zugestoßen. Wenn ich gewusst hätte, wo du bist, hätte ich sofort alles stehen und liegen gelassen und wäre zu dir gekommen. Verdammt, Isabella, ich liebe dich!«

Isabella starrte Eric sprachlos an. Sie war überrascht, sowohl von Erics Liebeserklärung als auch von deren Heftigkeit. Sie waren nur kurz zusammen gewesen, zu kurz für Liebeserklärungen.

Eric interpretierte Isabellas Schweigen falsch.

»Es tut mir leid. Du hast jetzt ein anderes Leben. Darin ist offensichtlich kein Platz mehr für mich. Sobald ich meine Arbeit hier erledigt habe, werde ich verschwinden.« Er wandte sich um und wollte fortgehen.

»Nein!« Isabella sprang erschrocken auf.

Eric drehte sich wieder zu ihr. Isabella lief zu ihm.

»Nein«, wiederholte sie etwas sanfter und ergriff Erics Hand. »Du verstehst das falsch. Ich habe dich schrecklich vermisst. Es ist so schön, dass du da bist. Für mich ist es ein Wunder, dass wir uns hier am anderen Ende der Welt begegnet sind. Eric, ich liebe dich auch.«

»Was ist mit Tom?«, fragte Eric skeptisch.

»Was meinst du? Was soll mit Tom sein?«

»Du bist jetzt mit Tom zusammen.« Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Nein, bin ich nicht.«

»Er verhält sich aber so.«

»Ich weiß, er ist ziemlich besitzergreifend. Aber wir sind nicht zusammen.« Isabella strich mit ihrer Hand sanft Erics Wange entlang. Sie konnte immer noch Zweifel in Erics Augen erkennen. Ihre Hand glitt in seinen Nacken. Sie spürte seine warme Haut unter ihren Fingern. Sie zog sein Gesicht zu sich und küsste ihn zärtlich. Eric wollte den Kuss vertiefen, doch Isabella legte eine Hand auf seine Brust und schob ihn ein paar Zentimeter von sich.

»Ich liebe dich. Ich bin mit keinem anderen zusammen. Hast du das verstanden?«, erklärte sie nachdrücklich.

Ein Grinsen blitzte in Erics Gesicht auf.

»Yes, Ma‘am.« Er zog sie an sich und küsste sie wieder. Ihre Zungen verschmolzen miteinander. Isabella ließ ihre Hände über seinen Körper gleiten. Sie konnte nicht genug von ihm bekommen, er fühlte sich so unglaublich gut an. Ihr Kuss wurde leidenschaftlicher und es schien, als würde die Last der letzten drei Jahre einfach von ihnen abfallen.

»Ich habe dich so vermisst«, murmelte Eric in Isabellas Ohr.

Die beiden schienen alles um sich herum vergessen zu haben. Sie bemerkten nicht, wie der Wind auffrischte und das leise Wispern der Bäume sich in ein Rauschen verwandelte. Sie wurden von Regentropfen aus ihrer Zweisamkeit gerissen. Lachend liefen sie tiefer in den Wald hinein und suchten Schutz vor dem Regen.

»Wir sollten wieder zurückgehen. Tom ist bestimmt schon ganz krank vor Sorge«, bemerkte Isabella widerstrebend. Sie gab die Zweisamkeit mit Eric nur ungern auf.

»Ich habe das Gefühl, Tom mag mich nicht besonders. Er benimmt sich, als ob ich dir etwas Schlimmes angetan hätte.«

Isabella blickte verlegen zu Boden. Das entging Eric nicht.

»Was hast du ihm über mich erzählt?«

»Ich habe ihm gar nichts über dich erzählt«, verteidigte sie sich.

»Wie erklärst du dir dann sein Verhalten? Er führt sich auf wie der große Beschützer, der dich vor einem bösen Exfreund retten will.« Auf einmal ging Eric ein Licht auf. »Ist es das?«

»Irgendwie musste ich mein Verhalten erklären«, antwortete Isabella verhalten. »Er hat gemerkt, dass ich oft traurig war und Liebeskummer ist eine gute Erklärung dafür.«

»Also denkt er, dass ich dein Exfreund bin? Wie kommt er darauf?«

»Er hat gemerkt, dass wir uns nicht zum ersten Mal begegnet sind. Unser Gespräch in der Küche hat wahrscheinlich sein Übriges dazu beigetragen, diesen Eindruck zu bekräftigen. Tom ist ein guter Freund. Allerdings weiß er nichts von meinem früheren Leben. Er weiß nicht mal, dass ich aus Deutschland bin.«

»Warum? Vertraust du ihm nicht?«

»Ich vertraue niemandem mehr. Alle hier kennen mich unter dem Namen Amy Brown. Sie denken, ich komme aus Toronto. Bis jetzt habe ich es geschafft unerkannt zu bleiben. Ich habe mich immer im Hintergrund gehalten, habe es vermieden fotografiert oder gefilmt zu werden, damit die Leute von Veller Energy nicht wieder auf mich aufmerksam werden. Du weißt sicherlich noch, was in Norwegen passiert ist. Dort bin ich nur durch eine Mautstation gefahren und schon haben die uns aufgespürt. Ich versuche einfach jeden Fehler zu vermeiden und dazu gehört auch, alle Verbindungen zu meinem alten Leben zu verbergen.«

»Du erwartest aber hoffentlich nicht, dass ich jetzt den bösen Exfreund spiele.«

»Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird. So wie ich Tom kenne, wird er eine Erklärung verlangen.«

»Du könntest lügen«, schlug Eric vor.

»Nein, das kann ich Tom nicht antun. Ich bin ihm die Wahrheit schuldig.« Isabella wischte sich ein paar Regentropfen aus dem Gesicht.

»Also vertraust du ihm doch«, stellte Eric fest.

»Ja, sieht so aus«, murmelte Isabella. Sie hauchte Eric einen Kuss auf den Mund. »Lass uns gehen, bevor Tom anfängt den Wald nach uns abzusuchen.«

»Da bist du ja!« Die Erleichterung in Toms Stimme war unüberhörbar.

Isabella stand tropfend nass in der Eingangstür.

»Geht es dir gut?«, fragte er besorgt.

»Ja, es ist alles in Ordnung«, beruhigte sie ihn. »Ich muss mir etwas Trockenes anziehen.« Sie ging an Tom vorbei.

Nun geriet Eric in Toms Blickfeld, doch er begnügte sich mit einem bösen Blick in Erics Richtung.

Isabella ging leise in ihr Schlafzimmer, um Sunny nicht zu wecken. Diese Mühe hätte sie sich sparen können, denn Sunny saß ängstlich zusammengekauert am Kopfende ihres Bettes.

»Sunny, was ist los?«, fragte Isabella besorgt und eilte zu dem Kind. Sie nahm Sunny in die Arme. Vergessen waren ihre nassen Sachen und auch Sunny schienen sie nicht zu stören.

»Sunny, was ist passiert? Wovor hast du solche Angst?«, fragte Isabella noch einmal.

»Ich habe gehört, wie ihr euch gestritten habt und dann bist du plötzlich mit diesem Mann verschwunden …«

»Ach Kleines, es tut mir leid, dass ich dir Angst gemacht habe. Ich glaube, ich bin dir eine Erklärung schuldig und Tom auch«, stellte Isabella seufzend fest. »Aber vorher brauche ich ein paar trockene Sachen, denn das wird länger dauern.« Sie zog sich um.

»Komm, Sunny.« Auffordernd hielt Isabella dem Mädchen ihre Hand hin. Sunny krabbelte aus dem Bett und ergriff die Hand. Isabella nahm die Bettdecke. Gemeinsam gingen sie in die Küche. Tom lief unruhig hin und her und blickte Isabella ärgerlich an, als sie den Raum betrat.

»Wir müssen reden«, sagte Isabella leise.

»Das glaube ich allerdings auch!«, sagte Tom aufgebracht.

Nun kam auch Eric in die Küche. Er hatte sich ebenfalls umgezogen. Tom funkelte ihn wütend an.

»Setzt euch«, sagte Isabella so ruhig wie möglich.

Sie nahm mit Sunny auf der Eckbank Platz und wickelte das Mädchen fürsorglich in die Decke. Ihren Arm schlang sie um Sunnys Schulter.

»Ich denke, ich bin euch eine Erklärung schuldig«, wandte sie sich an Sunny und Tom.

Sunny sah sie abwartend an, Tom wirkte immer noch aufgebracht.

»Du hattest mit deiner Vermutung recht, Tom. Ich kenne Eric von früher. Allerdings ist er nicht mein Exfreund. Ich bin vor drei Jahren aus Deutschland nach Kanada gekommen. In Deutschland habe ich in einem Umweltforschungsinstitut gearbeitet. Dort bin ich auf die Gefahren aufmerksam geworden, die der Abbau von Methanhydrat mit sich bringt. Ich wollte die Öffentlichkeit warnen, damit der Abbau von Methanhydrat verboten wird. Dabei hat Eric mir geholfen.«

»Du warst an dem Gesetz gegen den Abbau von Methanhydrat beteiligt?«, fragte Tom ungläubig. Staunend sah er Isabella an. Inzwischen hatten auch Kanada und die USA ein Abkommen unterzeichnet, das den Abbau von Methanhydrat an ihren Küsten verbot.

»Ja«, bestätigte Isabella. »Ich musste nach Brüssel zu einer Anhörung. Nur so konnte ein Gesetz verabschiedet werden. Dort erwarteten mich die Gegner des Vorhabens. Sie wollten verhindern, dass ich an dieser Anhörung teilnahm. Ich habe es geschafft, unbehelligt zu der Versammlung zu gelangen und von den Gefahren zu berichten, die der Abbau von Methanhydrat mit sich bringt. Danach haben sie mir aufgelauert. Ich wollte mich mit Eric treffen, der mich in Sicherheit bringen sollte. Aber unsere Verfolger haben mich in die Enge getrieben und mir den Weg zu Eric abgeschnitten. Ich bin Hals über Kopf aus Brüssel geflohen und schließlich hier in Kanada gelandet.«

»Warum hast du nichts davon erzählt? Vertraust du mir etwa nicht?« Tom sah sie gekränkt an.

»Wenn ich dir nicht vertrauen würde, hätte ich schon längst meine Sachen gepackt und wäre mit Sunny verschwunden.« Isabella ergriff Toms Hand. »Ich habe noch nie jemandem davon erzählt, denn ich hatte Angst.« Eindringlich sah sie Tom an.

»Wie ist dein richtiger Name?«

Isabella ließ Toms Hand los. »Ich heiße Isabella.« Eric konnte sehen, wie sie mit sich rang. »Isabella Filanders«, sagte sie leise.

Tom nahm diese Erklärung schweigend zur Kenntnis.

»Sollen wir dich jetzt Isabella nennen?«, erkundigte sich Sunny sachlich. Sie hatte Isabellas Erklärungen bis jetzt gleichmütig gelauscht.

»Nein, ich bin weiterhin Amy.«

»Warum?«, fragte Tom scharf.

»Ich habe immer noch Angst davor, dass diese Männer mich wieder aufspüren könnten«, gab Isabella zu.

»Was hat das für Konsequenzen?«, erkundigte sich Tom.

»Alles geht weiter wie geplant«, erwiderte Isabella. »Wir werden Eric helfen, so gut wir können. Vielleicht ist er in der Lage, etwas gegen ENTAL zu erreichen.«

Beide Männer sahen sie vorwurfsvoll an. Tom war gekränkt, weil sie ihm nicht eher von ihrer Vergangenheit erzählt hatte und Eric war verärgert, weil sie den Eindruck erweckte, er wäre nur ein Bekannter aus früheren Tagen.

5. Fort Chipewyan

Am nächsten Morgen saß Eric im Bus nach Fort McKay. Bei diesem Ort handelte es sich um eine kleine Gemeinde, die mitten im Abbaugebiet für Ölsande lag. Der Bus war bevölkert von Arbeitern. Einige unterhielten sich, doch die meisten blickten müde vor sich hin.

Eric hingegen sog den Anblick der vorbeiziehenden Landschaft in sich auf. Zunächst fuhren sie durch endlos erscheinende Wälder. Dann änderte sich die Szenerie schlagartig. Der Bus verließ den Wald und sie befanden sich in einer Wüste aus grauem Sand. Es gab keinen einzigen Baum. Am Horizont erblickte Eric ein merkwürdiges gelbes Gebilde. Er konnte sich nicht erklären, was das war. Fabrikschlote kamen in sein Blickfeld. Sie gehörten zu riesigen Industrieanlagen und waren in ein Gewirr aus Rohren eingebettet. Aus den Schornsteinen quoll dunkler Qualm in den Himmel und schien sich mit den Wolken zu vermischen. Etwas Oranges zog Erics Blick auf sich. Er sah eine Warnweste aufleuchten. Doch diese Weste trug kein Mensch, wie er zunächst erwartet hatte. Sie hing an einer Vogelscheuche. In regelmäßigem Abstand waren solche Vogelscheuchen aufgestellt worden. Sie passierten einen See. Auch auf diesem befanden sich Vogelscheuchen. Sie waren auf Ölfässern befestigt und schwankten im Wind hin und her.

Schließlich erreichten sie Fort McKay. Der Bus leerte sich und auch Eric stieg aus. Er blickte sich neugierig um und sah einen Mann auf sich zukommen. Er hatte braunes Haar, das schon etwas schütter wurde und von grauen Strähnen durchzogen war.

»Sie müssen Eric Bergmann sein«, begrüßte er Eric mit einem interessierten Blick aus braunen Augen und schüttelte ihm die Hand.

»Es freut mich, Sie kennen zu lernen. Sie sind Dr. Lamers?«

»Ja, der bin ich, aber nennen Sie mich bitte William. Kommen Sie, gehen wir zu meinem Boot. Wir haben heute noch eine weite Reise vor uns.«

Die beiden Männer verließen den Busbahnhof von Fort McKay. Einige misstrauische Blicke folgten ihnen.

»Da wären wir, am wunderschönen Athabasca River«, bemerkte Willam Lamers.

Eric betrachtete das schmutzig braune Wasser skeptisch.

»Na ja, vielleicht war er das mal, als meine Großeltern jung waren«, lenkte William ein.

Eric überlegte, wie alt der Arzt wohl sein mochte. Er schätzte ihn auf Mitte 40. William betrat ein gepflegtes Holzboot mit einem Segel. Er forderte Eric auf, die Leinen loszumachen, um abzulegen. Er manövrierte das Boot in die Strömung und setzte das Segel. Erics Hilfe schien er dabei nicht zu benötigen. Sie waren den ganzen Tag flussabwärts unterwegs, bis sie am Abend Fort Chipewyan erreichten.

Eric folgte dem Arzt in das Dämmerlicht der Hütte. William durchquerte das kleine Wohnzimmer und öffnete die Tür zu einem weiteren Raum. Eric blickte dem Arzt über die Schulter und sah ein kleines Schlafzimmer. In einem Doppelbett lag ein ausgezehrter Mann, der sehr krank zu sein schien.

»Hallo Harvey. Ich habe dir Besuch mitgebracht«, sagte der Arzt sanft.

Eric trat an das Bett. »Ich bin Eric. Ich komme aus Berlin. Ihre Tochter und Ihr Schwiegersohn wohnen bei mir.«

Eric konnte sehen, wie die Augen des kranken Mannes aufleuchteten.

»Sie sind also in Sicherheit?«, erkundigte er sich mit leiser Stimme.

»Ja, es geht ihnen gut und sie haben eine kleine Tochter.« Eric war näher an das Bett getreten. »Ich habe ein paar Bilder für Sie, warten Sie einen Moment.« Eric suchte in seinem Rucksack nach den Fotos, die sie extra für Renas Vater gemacht und ausgedruckt hatten. Er reichte sie Harvey und dieser schien den Anblick geradezu in sich aufzusaugen. Eine Träne stahl sich aus seinem Augenwinkel. Schließlich sah er Eric an.

»Ich danke Ihnen.«

»Das habe ich gerne gemacht. Chris ist einer meiner ältesten Freunde. Ich kenne ihn schon seit meiner Schulzeit. Ihre Tochter ist wirklich eine liebenswerte Frau und die kleine Melissa ist das niedlichste Baby, das ich seit langem gesehen habe.«

»Melissa heißt sie? Wie meine Frau«, sagte Harvey scheinbar zu sich selbst. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Eric. »Was machen Sie in Kanada? Sie sind doch bestimmt nicht den weiten Weg hierhergekommen, um mir ein paar Fotos und Grüße von meiner Familie zu bringen.«

»Chris und Rena haben mir von den Problemen erzählt, die der Abbau der Ölsande mit sich bringt. Ein Freund von mir leitet eine Umweltorganisation. In dessen Auftrag bin ich hier. Wir wollen sehen, ob wir helfen können.«

»ENTAL ist sehr mächtig. Schon viele Menschen haben versucht, diese Firma davon zu überzeugen, sich aus dem Gebiet zurückzuziehen. Auch ich habe viele Jahre meines Lebens mit dem Kampf gegen die Ölfirma zugebracht. Chris und Rena haben sich engagiert. Sie waren denen ein Dorn im Auge, denn sie haben den Touristen, die ins Land gekommen sind, die Missstände hier vor Augen geführt. Aber bis jetzt konnte niemand ENTAL zum Rückzug zwingen. Ich will nicht unhöflich sein, denn ich bin Ihnen für Ihren Besuch wirklich dankbar, aber warum glauben Sie, dass Sie etwas ausrichten können?«

Eric mochte diesen Mann. Er sprach aus, was er dachte.

»Ich denke, es ist wichtig, niemals aufzugeben. ENTAL soll wissen, dass es Menschen gibt, die sich nicht alles gefallen lassen«, antwortete Eric.

»Harvey, es ist an der Zeit, dass ich dich untersuche«, schaltete sich der Arzt ein. »Eric, wären Sie so freundlich, im Wohnzimmer zu warten?«

Eric verließ das Schlafzimmer und ging ins Wohnzimmer. Er setzte sich auf die Couch und sah sich um. Der Raum strahlte eine rustikale Gemütlichkeit aus. Er war aufgeräumt und sauber, also musste Harvey jemanden haben, der sich um ihn kümmerte. Eric war erleichtert, dass er Renas Vater noch lebend angetroffen hatte.

Eric dachte darüber nach, wie der Ölsandabbau diese Familie zerstört hatte. Doch es war nicht nur diese eine Familie. Dieses Schicksal teilten viele.

Erics grüblerische Gedanken wurden unterbrochen, als der Arzt das Wohnzimmer betrat. Er setzte sich auf einen Sessel.

»Es ist gut, dass Sie Harvey Nachricht von seiner Familie gebracht haben. Es ist sehr wichtig für ihn zu wissen, dass es ihnen gut geht und sie in Sicherheit sind.«

»Wie geht es ihm? Wird er wieder gesund?«, fragte Eric zögernd.

William Lamers schüttelte bedauernd den Kopf. »Er hat Gallenblasenkrebs. Das ist eine sehr tückische Art von Krebs, denn er bildet schnell Metastasen in den umliegenden Organen. Die Symptome treten erst auf, wenn es zu spät ist. Gallenblasenkrebs ist fast immer tödlich.«

»Kann man ihm denn gar nicht helfen?«, fragte Eric, schockiert über diese düstere Prognose.

»Das Einzige, womit man ihm noch helfen kann, sind starke Schmerzmittel, damit er nicht zu sehr leiden muss.«

William erhob sich. »Ich muss jetzt weiter. Ich habe noch andere Patienten, die auf mich warten. Harvey möchte Sie noch einmal sprechen, aber machen Sie nicht mehr zu lange. Er braucht viel Ruhe.« Der Arzt verließ das Haus.

Durch das Fenster sah Eric ihn die Straße entlang eilen. Er schaute William Lamers nach, bis dieser aus seinem Blickfeld verschwand. Dann betrat er das Schlafzimmer.

»Eric, da sind Sie ja. Nehmen Sie Platz.«

Eric setzte sich auf einen Holzstuhl, der neben dem Bett stand.

»Wie lange werden Sie in Fort Chipewyan bleiben?«, erkundigte sich Harvey.

»Das weiß ich noch nicht so genau. Es kommt darauf an, wann ich eine Rückfahrgelegenheit finde.«

»Können Sie morgen noch einmal zu mir kommen? Ich möchte Ihnen einen Brief für meine Tochter mitgeben.«

»Natürlich«, willigte Eric ein.

Er verabschiedete sich und ließ Harvey allein, damit dieser sich ausruhen konnte.

Eric verließ die kleine Pension, in der er ein Zimmer bezogen hatte. Es war die einzige ihrer Art in Fort Chipewyan und genügte für die wenigen Fremden, die sich noch in diese Gegend verirrten. Er brauchte nur einige Minuten, um Harveys Haus zu erreichen. Er klopfte an die Tür und vernahm eine Frauenstimme, die ihn herein bat.

Im Wohnzimmer traf er auf eine Frau, die geschäftig hin und her eilte. Sie hielt kurz inne und musterte den Gast.

»Hallo, ich bin Eric.«

»Ich habe schon von Ihnen gehört. Ich bin Ivy. Eigentlich bin ich Hebamme, aber ich kümmere mich mehr und mehr um die Kranken, wenn kein Arzt vor Ort ist«, stellte die Frau sich vor. »Harvey erwartet Sie.«

»Guten Morgen. Wie geht es Ihnen heute?«, erkundigte sich Eric, nachdem er das Schlafzimmer betreten hatte.

Das traurige Lächeln, das er auf dem Gesicht des kranken Mannes sah, war Antwort genug.

»Nehmen Sie Platz«, forderte Harvey seinen Gast auf. Eric setzte sich auf den einfachen Holzstuhl und sah den Mann unsicher an, der im Bett vor ihm lag. Er fragte sich, worüber er sprechen konnte. Harvey nahm ihm diese Mühe ab.

»Ich habe Sie noch einmal zu mir gebeten, weil ich Sie besser kennen lernen wollte. Sie haben meiner Tochter und ihrer Familie sehr geholfen und sie bei sich aufgenommen.«

»Das habe ich gern gemacht.«

»Warum sind Sie nach Alberta gekommen?«

»Ich wollte Rena helfen. Ich hoffe, dass es für Sie etwas leichter ist, wenn Sie wissen, dass es ihr gut geht. Außerdem sollten Sie Ihre Enkelin wenigstens einmal auf einem Foto sehen.«

»Sie haben gestern angedeutet, dass Sie uns gegen ENTAL unterstützen wollen. Haben Sie eine Idee, was man unternehmen könnte?«

»Wir haben noch keine genaue Strategie. Ich bin hier, um Fakten zu sammeln und Eindrücke vor Ort zu gewinnen. Ich hoffe, dass wir dann eine Idee bekommen, was wir unternehmen können.«

»Warum interessieren Sie sich dafür, was am anderen Ende der Welt vor sich geht? Ob hier Ölsand abgebaut wird oder nicht, berührt Ihr Leben in Berlin nicht.«

»Es hat das Leben meines Freundes und seiner Familie beeinflusst. Deshalb ist es mir nicht egal«, erklärte Eric nachdrücklich.

»Vor Ihnen sind schon andere Umweltschützer aus Europa gekommen. Jeder von ihnen dachte, er habe die richtige Idee, um ENTAL zum Aufhören zu bewegen. Doch bisher hat es keiner geschafft und alle sind nach einiger Zeit wieder verschwunden. Aber wir mussten bleiben mit dem Dreck, dem Gift, den Krankheiten und dem Tod, der allgegenwärtig ist.«

»Ich behaupte nicht, dass ich die Situation besser verstehe als die Menschen, die hier leben. Ich bin nur gekommen, um meine Hilfe anzubieten. So wie ich es in der Vergangenheit schon häufiger getan habe. Es geht darum, sich zusammenzuschließen und die Kräfte zu bündeln. Es geht darum Gedanken auszutauschen, um gemeinsam bessere Ideen zu entwickeln und wirksamer zuzuschlagen«, sagte Eric eindringlich. »Außerdem kostet alles Geld und das ist in Europa vielleicht leichter zu beschaffen als bei den Menschen, die hier leben.« Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

»Ich verstehe«, sagte Harvey nachdenklich. »Wenn das so ist, dann sollten wir tatsächlich unsere Kräfte bündeln.«

Sie wurden von einem leisen Klopfen unterbrochen.

Dr. Lamers betrat das Zimmer und begrüßte sie. Eric erhob sich von seinem Stuhl, um Harvey mit seinem Arzt allein zu lassen.

Eric verließ das Haus. Er schlenderte durch den Ort und gelangte schließlich an einen See. Er setzte sich ins Gras, lehnte sich an einen Baum und beobachtete, wie die Sonne im Wasser glitzerte. Es war ein friedlicher Anblick. Doch dieses Wasser hatte bereits vielen Menschen den Tod gebracht, denn es führte Gift mit sich.

»Hallo Harvey. Haben Sie Lust auf ein bisschen Gesellschaft?«, fragte Eric.

Zunächst hatte er geplant, ein bisschen in der Umgebung von Fort Chipewyan zu wandern. Doch er hatte das Gespräch mit Harvey nicht aus dem Kopf bekommen und wollte diesen Mann näher kennen lernen.

»Wie war Chris eigentlich als Junge?«, erkundigte sich Harvey.

»Er war ein großer, schlaksiger Bursche mit roten Haaren. Er war draufgängerisch und abenteuerlustig. Kanada verkörperte für ihn Freiheit. Während unserer Schulzeit hat er immer davon geredet, wie es wäre, hier zu leben. Seine Eltern waren nicht begeistert von dieser Idee. Vor allem sein Vater war dagegen. Sobald er seinen Schulabschluss in der Tasche hatte, kehrte er Deutschland den Rücken.«

»Als meine Tochter Chris zum ersten Mal mit nach Hause gebracht hat, habe ich mich gefragt, was sie bloß an diesem großen, blassen Deutschen findet. Es hat nicht lange gedauert und ich habe es verstanden. Er ist warmherzig und fröhlich. Er hat die Natur hier geliebt. Er hat dafür gekämpft, sie zu erhalten. Doch er stand auf verlorenem Posten, so wie wir alle«, sagte Harvey traurig.

»Es ist wirklich eine Schande, dass schon so viel unberührte Natur dem Ölsandabbau zum Opfer gefallen ist.«

»Ja, das ist wahr«, sagte Harvey in sich gekehrt.

Eric sah aus dem Fenster und beobachtete ein Streifenhörnchen, das von Ast zu Ast hüpfte.

Er hörte einen undefinierbaren Laut und löste seinen Blick von dem Streifenhörnchen. Harvey krümmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht in seinem Bett.

»Was ist los?«, fragte Eric erschrocken. »Wie kann ich Ihnen helfen?« Doch Harvey war nicht in der Lage zu antworten.

»Soll ich den Arzt holen?«

Eric glaubte, ein leichtes Nicken zu erkennen und rannte los.

Zehn Minuten später kam er mit William Lamers im Schlepptau wieder in das Zimmer geeilt. Der Arzt holte sofort eine Spritze aus seiner Tasche und gab sie Harvey. Kurze Zeit später begann dieser, sich zu entspannen.

»Es ist alles gut. Ruh dich jetzt ein wenig aus«, sprach der Arzt beruhigend auf Harvey ein. Dann bedeutete er Eric, ihm zu folgen.

»Was war los mit ihm?«, fragte Eric immer noch erschrocken.

»Der Krebs löst bei Harvey immer wieder sehr schwere Schmerzattacken aus. Ich tue, was ich kann, aber es reicht einfach nicht«, sagte der Arzt resigniert. »So viele Menschen sind hier krank, aber ich kann ihnen nicht helfen.« Er setzte sich auf das Sofa und schloss für einen Moment erschöpft seine Augen.

»Wir sollten aufbrechen. Ich muss heute noch zurück nach Fort McKay«, sagte der Arzt nach einigen Minuten des Schweigens.

»Okay«, willigte Eric ein.

Beide verließen das Haus und Eric ging zur Pension, um sein Gepäck zu holen. Doch plötzlich erschien ihm der Gedanke unerträglich, Renas Vater allein zu lassen.

In Harveys Haus traf er den Arzt wieder.

»Ich werde hierbleiben«, sagte Eric.

»Ich muss Fort Chipewyan heute verlassen. Ich habe auch in Fort McKay Patienten, die auf mich warten.«

»Ich weiß, aber ich bleibe.«

»Die Leute hier im Ort kümmern sich um Harvey. Aber wenn Sie bei ihm sind, sollten Sie wissen, wie Sie mit den Medikamenten umgehen müssen.« Er erklärte Eric die richtige Handhabung der Medikamente.

»Können Sie…« Eric brauchte einen Moment bis ihm Isabellas Deckname einfiel. »Können Sie Amy und Tom Bescheid geben, dass ich noch eine Weile bleibe?«

»Natürlich, das mache ich. Eric, es hat mich gefreut Ihre Bekanntschaft zu machen«, verabschiedete sich der Arzt.

»Mich hat es auch gefreut«, antwortete Eric. Er war tief beeindruckt von William, der sich so engagiert um die vielen kranken Menschen kümmerte.

»Was machen Sie denn noch hier? Sie sollten doch schon längst mit William davongesegelt sein«, erkundigte sich Harvey.

»Ich wollte noch ein bisschen Ihre Gesellschaft genießen«, antwortete Eric und bemühte sich um einen lockeren Ton.

»Das freut mich. Ich mag Sie. Erzählen Sie mir etwas über sich, Eric«, forderte Harvey ihn auf.

Eric berichtete ihm von seiner Arbeit als Umweltberater, von seinem Leben in Berlin und von seinen geheimen Projekten, die er in regelmäßigen Abständen für Marc ausführte.

»Warum haben Sie sich für den Umweltschutz entschieden?«, fragte Harvey.

Darüber musste Eric nachdenken. Schließlich antwortete er: »Ein Teil meiner Familie kommt aus Norwegen. Das ist ein wunderschönes Land. In den Ferien habe ich regelmäßig meine Verwandten besucht. Wir sind gewandert, Kanu gefahren, haben geangelt und uns die Fische am Lagerfeuer gebraten. Danach sind wir in unsere Schlafsäcke gekrochen und haben uns die Sterne angesehen, bis wir eingeschlafen sind. Ich habe dort eine Freiheit gespürt, wie ich sie in der Stadt niemals gefunden habe. Kanada erinnert mich an Norwegen. Nur dass hier alles größer und gewaltiger ist. Ich wollte die Natur schützen und ihre ursprüngliche Schönheit bewahren. Aber das ist nicht alles«, sagte er nachdenklich. »Unter der Zerstörung der Umwelt leiden Menschen und Tiere und denen möchte ich helfen.«

»Ein guter Grund. Ich wollte einfach nur meine Heimat bewahren und unsere althergebrachten Traditionen und Bräuche fortführen. Ich wollte das Land, das meiner Familie schon seit Generationen gehört, an meine Tochter und meine Enkelin weitergeben. Doch sie mussten fliehen, denn das Land hätte ihnen sonst den Tod gebracht. ENTAL rückt immer näher und wir sind machtlos. Egal, was wir tun, wir können sie nicht aufhalten. Ich habe es schon mein Leben lang gehasst, schwach zu sein und nichts gegen die Ölfirma unternehmen zu können. Jetzt weiß ich, was schwach sein wirklich bedeutet. Ich kann kaum noch aus diesem Bett aufstehen, weil ich zu krank dafür bin. Die Gifte, die aus den Ölfeldern in den Athabasca River gespült werden, haben mich krank und gebrechlich gemacht. Ich bin 58 Jahre. In diesem Alter war mein Vater ein stolzer Mann in seinen besten Jahren. Ich bin nur noch ein schwacher gebrechlicher Schatten«, erklärte Harvey bitter.

Eric war entsetzt. Er hatte sich bisher keine Gedanken über Harveys Alter gemacht. Dieser Mann war jünger als Erics Vater und sein Vater ging immer noch wandern, wenn sie gemeinsam in Norwegen waren.

Die Tage vergingen und Eric verbrachte viel Zeit mit Renas Vater. Wenn Harvey wach war, unterhielten sie sich. Wenn er seine Ruhepausen brauchte, ging Eric im Ort spazieren und kam mit den Einheimischen in Kontakt. Ihm fiel auf, dass regelmäßig jemand nach Harvey sah. Besonders häufig traf er Harveys besten Freund Fred an.

Eric begann ab und zu auf Harveys Sofa zu schlafen. Ihm behagte der Gedanke nicht, den kranken Mann in der Nacht mehrere Stunden alleine zu lassen. Fred schien es ähnlich zu gehen. Er versuchte Harvey immer wieder davon zu überzeugen, zu ihm zu ziehen. Doch Harvey lehnte dieses Angebot vehement ab. Er wollte sein Haus nicht verlassen. Eric löste das Problem, indem er die Pension verließ und bei Harvey übernachtete.

Sie sprachen noch häufiger über den Ölsandabbau und ENTAL. In Erics Gegenwart konnte Harvey endlich seinem Ärger und seiner Wut Luft machen. In Anwesenheit seiner Familie und seiner Freunde hatte er das nie gewagt. Sie sprachen über Rena und Harvey berichtete Eric aus ihrer Kindheit. Er erzählte ihm von seiner Frau Melissa und davon, wie das Leben mit ihr gewesen war. Eric beschrieb ihm im Gegenzug seine Enkelin Melissa in allen Einzelheiten, die ihm einfielen. Manchmal plauderten sie über das Wetter oder über die schönsten Plätze, die sie kannten. Die Ruhepausen, die Harvey benötigte, wurden von Tag zu Tag länger. Eines Morgens betrat Eric Harveys Schlafzimmer, um nach ihm zu sehen. Dieser lag reglos in seinem Bett. Eric berührte ihn an der Schulter und sprach ihn an, aber Harvey reagierte nicht. Eric überprüfte hektisch Atmung und Puls des Mannes. Doch Harvey atmete nicht mehr. Er war in der Nacht gestorben.

Eric setzte sich an das Bett und weinte. Er trauerte um diesen großartigen Mann, der in den letzten Tagen zu einem Freund geworden war.

Nach Harveys Tod wurde Eric auf einmal von Eile getrieben. Er wollte so schnell wie möglich zurück zu Isabella. Doch es gab nicht jeden Tag Mitfahrgelegenheiten von Fort Chipewyan nach Fort McKay und Eric war zu ungeduldig, darauf zu warten. Er entschloss sich, zu Fuß zurück nach Fort McKay zu gehen. Fred besorgte ihm einen Schlafsack, ein Zelt und was er sonst noch für eine mehrtägige Wanderung benötigte. Als Eric bezahlen wollte, weigerte Fred sich, das Geld anzunehmen. Eric hatte so viel für seinen Freund Harvey getan. Ihm die Ausrüstung für seinen Rückweg zu geben, war das mindeste, was Fred tun konnte, um seinen Dank zu zeigen.

Eric wanderte durch einen lichten Nadelwald. Die Einsamkeit tat ihm gut. Endlich hatte er Zeit, um über die letzten Wochen nachzudenken und das Geschehene zu verarbeiten. Er hatte sich hilflos gefühlt und war traurig, dass er nur so wenig für Renas Vater hatte tun können. Doch mit den Tagen begriff er, dass er alles getan hatte, was in seiner Macht stand. Er hatte Harveys Schmerzen gelindert, so dass er nicht mehr leiden musste und Harvey hatte die Möglichkeit gehabt noch einmal offen über alle seine Gedanken und Gefühle zu sprechen.

Als Eric Fort McKay erreichte, hatte er seine Trauerphase beendet. Nun brannte er darauf, Harveys Lebenswerk fortzusetzen. Er wollte gegen ENTAL kämpfen und er war entschlossen dieser Firma das Handwerk zu legen.

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9783742735836
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