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Kjersti Scheen
Ein einziger Tag
Aus dem Norwegischen
von Maike Dörries
Saga
Erschlug die Augen auf.
Über ihm flimmerte es hell. Im ersten Moment wusste er nicht, wo er war, aber dann fiel es ihm wieder ein. Er fuhr sich vorsichtig mit dem Finger über den Mund. Die Oberlippe war leicht geschwollen und im Mundwinkel klebte Schorf.
Jede Bewegung tat weh. Er lag unbequem und hatte völlig steife Knochen; sah um sich. Er war zwischen ein paar Haselsträuchern gelandet. Unter ihm eine Schicht aus verdorrtem Vorjahreslaub und alten Nussschalen, über ihm riesige Baumkronen, deren Äste sich mit unbewegten Blättern vor dem hellen Himmel ausbreiteten. Außer einer Möwe, die weit oben ihre Kreise zog und spitze Schreie ausstieß, die klangen, als ob Eisen über Eisen quietschte, bewegte sich nichts. Er befühlte erneut seinen Mund und fuhr mit den Fingern durchs Haar, bis er das Loch am Hinterkopf fand. Die Stelle war extrem empfindlich. Eine Gehirnerschütterung hatte er wohl nicht, obwohl er heute Nacht, als er sich hier verkrochen hatte, fast sicher gewesen war. Ein flaues Gefühl in der Magengegend, angeschlagen und benommen, hatte er mit geschlossenen Augen dagelegen und gedacht, in den großen Schlaf hinüberzugleiten und nie wieder daraus zu erwachen.
Der Gedanke war nicht einmal unangenehm gewesen.
Er hatte ihn nicht zum ersten Mal gedacht, aber es war das erste Mal, dass er sich wohl dabei gefühlt hatte. Endlich Schluss, hatte er gedacht. Endlich frei.
Danach hatte er einen Filmriss gehabt. Aber ganz offensichtlich hatte er nur einfach tief geschlafen. Ihm war nicht mehr schwindelig, höchstens noch ein bisschen übel. Und unendlich müde war er. Er spürte jeden Knochen im Leib, als er sich auf die Seite wälzte und die Jacke, mit der er sich zugedeckt hatte, auf den Boden rutschte.
Über ihm schrie die Möwe. Wie aus dem Nichts kam Wind auf und fuhr raschelnd durch die Blätter der hohen Baumkronen. Er hob den Arm und sah auf seine Uhr: Halb fünf, fast Morgen. Ihm fiel wieder ein, dass heute Johannis war. Sie hatten gestern Abend ein Lagerfeuer gemacht. Seine Kleider stanken immer noch nach Rauch. Im nächsten Moment entdeckte er die Brandlöcher in seinem Jackenärmel. Er stemmte sich vorsichtig auf den Ellbogen hoch und fragte sich gerade, wo die anderen wohl abgeblieben waren, als er die Mädchen entdeckte. Sie lagen nur wenige Meter von ihm entfernt, dicht nebeneinander, und schienen tief und fest zu schlafen. Die Jungen waren nirgends zu sehen, wahrscheinlich hatten sie auf dem Boot übernachtet.
Inzwischen zogen dort oben immer mehr Möwen ihre Kreise, die Schreie wurden immer schriller. Der Himmel war milchig und leuchtete wie von innen heraus. Die Sonne war schon vor einiger Zeit aufgegangen, aber die Bucht lag noch im Schatten.
Die Äste schwankten und bogen sich in dem stärker werdenden Wind und erst jetzt hörte er unterhalb des Dickichts den Wellenschlag. Wenn sie sich beeilen würden ins Boot zu kommen und so schnell wie möglich ablegten, hätten sie eine Chance, es bei gutem Wind bis nach Hause zu schaffen. Er war wahrlich kein Fachmann, was Segeln anging, aber selbst er wusste, dass es etwas gab, das sich Seebrise nannte. Eine Seebrise kam morgens auf, flaute danach für ein paar Stunden ab, um am späteren Nachmittag noch einmal aufzufrischen.
Aber er dachte überhaupt nicht daran, die anderen zu wecken.
Sie hatten ihn in der letzten Nacht fast erschlagen. Er war fest davon überzeugt gewesen, dass sie es tun würden. Er legte den Arm über die Augen, als die Übelkeit erneut in ihm aufwallte.
1
»Ey, du Idiot, ich fall gleich raus!«
Bille klammerte sich an der Reling fest. Fredrik ließ sein T-Shirt los und lachte. Er setzte sich und griff wieder nach der Ruderpinne, was völlig überflüssig war, weil sie ohne Wind auch keine Fahrt draufhatten. Das Segelboot trieb langsam aber sicher seitwärts ab, so langsam, dass man es kaum merkte, wenn man nicht ständig den Streifen Land am Horizont im Auge behielt.
Vibeke und Susanne saßen auf dem Vordeck. Vibeke hatte sich an den Mast gelehnt und sah aus, als ob sie schliefe.
Susanne stützte das Kinn auf die angezogenen Knie und starrte vor sich hin. Das flachsblonde Haar hatte sich wie eine Gardine vor ihre Wangen gelegt. Ihre Nase war gerötet und pellte sich.
Nils fummelte an einer Packung Kekse herum, die schon einmal die Runde gemacht hatte. Keiner von ihnen hatte sonderlich Appetit, obwohl sie kurz vorm Verhungern waren. Das Paket lag offensichtlich schon seit einer ganzen Weile im Boot, wahrscheinlich ein Überbleibsel aus dem letzten Jahr, die Kekse waren jedenfalls völlig aufgeweicht und schmeckten muffig.
Martin hatte die Hände zwischen die Knie geschoben und starrte über das ölige Wasser. Es war genauso gekommen, wie er vermutet hatte: Der Wind war rasch wieder abgeflaut und nun war es mindestens genauso windstill wie gestern Abend, wenn nicht noch stiller. Inzwischen war nämlich leichter Dunst aufgezogen und hatte sich vor die Sonne geschoben, die wie ein silbrig weißes Zehnkronenstück glänzte. Es war unerträglich schwül.
Er warf einen Blick auf die Uhr: Zwölf. Sie waren nun schon fast achtzehn Stunden unterwegs.
Susanne schien seine Gedanken gelesen zu haben.
»Meine Mutter bringt mich um! Ich musste sie ewig lange bearbeiten, damit ich überhaupt mitdurfte, und das auch nur unter der Bedingung vor Mitternacht zu Hause zu sein, Johannisnacht hin oder her. Und jetzt ist schon der nächste Tag! Die glaubt doch garantiert, dass wir gekentert und allesamt abgesoffen sind!«
»Kentern, bei diesem Wetter ...«, sagte Bille und sah sich um.
»Das Wetter ist meiner Mutter doch scheißegal«, fuhr Susanne ihn an. Ihr Gesicht war gerötet und ihre Augen verquollen. Martin fragte sich, ob sie vielleicht geweint hatte. Aber wahrscheinlich war das nur ihr Sonnenbrand, er konnte sich Susanne heulend überhaupt nicht vorstellen. Zum Heulen brachte sie höchstens andere. Er legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. In seinem Schädel pochte es dumpf, vielleicht hatte er ja doch eine Gehirnerschütterung. Das Licht stach in seinen Augen. Die Segel hingen schlaff am Mast, nicht der kleinste Windhauch bewegte das Segeltuch. Vor Håøya lagen zwei Motorkreuzer, die heute Morgen, als Fredrik die Anker gelichtet hatte, noch nicht dort gewesen waren.
Am Anfang hatten sie wenigstens noch etwas Wind gehabt, aber der hatte sich bald gelegt. Das Festland – Hurum, wie Martin vermutete – war im Laufe der letzten Stunde kein Stück näher gerückt. Anstatt darauf zuzutreiben, trieben sie immer weiter nach Norden ab. Wenn sie diese Richtung lange genug beibehielten, würden sie irgendwann ganz von allein die Stadt erreichen, die weit weg am Fuß der Berge lag.
In zehn Stunden vielleicht.
Das war ihm völlig egal. Sein Schädel dröhnte und es war ihm egal.
Bille hing schon wieder über der Reling und fuchtelte mit dem Bootshaken im Wasser herum, was zwar wild spritzte, aber natürlich nichts nutzte. »Warum hast du keine Ruder dabei?«, fragte er ächzend.
»Weil das Teil einen Motor hat, du Hirni«, entgegnete Fredrik.
»Für den Fall, dass der streikt!«
»Solche großen Boote kann man nicht rudern«, sagte Nils.
»Das müsstest selbst du kapieren.« Er sah zu den schlaffen Segeln hoch.
»Und was ist mit dem Motor?«, fragte Bille und stützte sich auf den Bootshaken.
»Das hast du in der letzten Stunde schon viermal gefragt«, sagte Fredrik, und Martin sah, dass es ihm unsäglich peinlich war, nicht sagen zu können, warum der Motor streikte. Fredrik hatte gestern Ewigkeiten daran herumgefummelt, während die Mädchen rumgemotzt und sich über die Flaute beschwert hatten, und darüber, dass sie es so nie pünktlich nach Hause schaffen würden. Zu Anfang hatte Martin noch geglaubt, das mit dem streikenden Motor wäre ein Scherz. Er hatte gedacht, dass Fredrik und die anderen sich das nur ausgedacht hätten, um die Mädchen dazu zu bringen, auf der Insel zu übernachten.
Aber die Motorpanne schien echt zu sein.
Immerhin waren sie kurz vorm Verhungern, jedenfalls kam es ihm so vor. Außer Kartoffelchips und Erdnüssen hatten sie nichts dabeigehabt, weil ursprünglich nur geplant gewesen war, ein paar Stunden durch die Gegend zu schippern und sich die Johannisfeuer auf den umliegenden Inseln in der Nähe der Stadt anzugucken. Bis Fredrik plötzlich auf die Idee gekommen war, weiter raus zu fahren: nach Håøya. Wo doch der Wind schon mal so günstig war ...
Als sie gestern Abend gestartet waren, hatten sie nämlich guten Wind gehabt. Wind und Sonne. Martin hatte auf dem schwimmenden Anlegesteg gesessen und Fredrik und Nils dabei zugeschaut, wie sie das Boot startklar machten, während sie noch auf die beiden Mädchen und Bille warteten. Sie hatten sogar ordentlich Wind gehabt, der Steg war auf und ab geschwankt, alles war in Bewegung gewesen, eine unruhige Welt aus Lichtern und Geräuschen: das Glitzern auf dem Wasser, das Knarren der Boote, die auf und ab geschaukelt und hin und her gezerrt wurden, die knirschenden Fender der dicht nebeneinander vertäuten Boote. Der Mastenwald wogte, ihm war allein vom Hinsehen schon ganz schwindelig geworden, und bei dem Gedanken mit dem Boot rauszufahren war ihm gar nicht wohl gewesen. Er hasste schnelles Segeln, worauf es bei diesem Wind garantiert hinauslaufen würde. Das schräge Deck, das krängende Boot, der schwingende Baum, die Angst zu versagen, wenn Fredrik kommandierte.
Martin wäre niemals auf die Idee gekommen mitzufahren, wenn sie ihn nicht überrumpelt hätten. Indem sie Susanne bei ihm hatten anrufen lassen.
Seine Eltern, Hanne und er hatten gerade beim Abendessen gesessen, als das Telefon klingelte. Hanne hatte abgenommen. »Für dich«, hatte sie gesagt, als sie wieder in die Küche kam. »Ein Mädchen.«
Alle drei hatten sie ihn angestarrt. Martin bekam nie Anrufe von Mädchen.
Er war knallrot geworden und hatte beim Rausgehen irgendetwas Unverständliches vor sich hin gemurmelt. Und es war noch schlimmer geworden, als ihm klar wurde, dass Susanne am Apparat war. Er bekam kaum mit, was sie sagte, weil sein Herz so laut pochte und der Pulsschlag in seinen Ohren rauschte.
»... wird bestimmt genial! Es ist doch Johannis. Und Fredrik hat so ein geiles Boot.«
»Ja«, hatte er gesagt ohne zu wissen, worauf er eigentlich antwortete.
»Er hat gesagt ... Warte mal kurz!« Susanne hatte den Hörer beiseite gelegt und er hörte Gemurmel im Hintergrund. Dann war sie wieder am Apparat gewesen und hatte gesagt, dass Martin Chips oder so was in der Art mitbringen und gegen fünf Uhr auf dem Bootsanleger beim Frognerstranda Kro sein sollte.
Er hätte merken müssen, dass das eine Falle war.
Auch wenn es Susanne war, die angerufen hatte.
Aber vielleicht hatte sie gar nichts davon gewusst.
Vielleicht war es gar nicht geplant gewesen und hatte sich ganz zufällig so entwickelt.
Vielleicht. Aber aus welchem Grund hätten sie ihn sonst mitnehmen sollen?
Weil Fredrik mein Vetter ist, dachte Martin. Fredrik ist mein Vetter und der Schlimmste von allen.
Aber das wussten weder seine Mutter noch sein Vater.
Das konnte er ihnen doch nicht ohne weiteres erzählen.
»Das ist aber wirklich nett von Fredrik«, hatte seine Mutter gesagt und ihn im gleichen Atemzug ermahnt einen Pullover mitzunehmen, weil es draußen auf dem Wasser nach Sonnenuntergang ziemlich abkühlen könne, selbst wenn es sonst schon sehr warm war.
Er hätte es wissen müssen. Er hätte zu Hause bleiben sollen. Aber da war immer wieder dieses Fünkchen Hoffnung in seinem tiefsten Innern. Die Hoffnung, dass es irgendwann einmal besser werden würde. Das hoffte er nun schon seit Jahren. Wenn ich nur erst älter bin. Wenn wir nur erst in die Fünfte oder Sechste kommen. Wenn nur erst die Grundschule rum ist und wir in die Mittelstufe kommen ... So hatte er gedacht. Aber nichts wurde besser, nichts änderte sich. Sie hackten weiter auf ihm herum und machten sich lustig über ihn, sie schubsten ihn und stellten ihm ein Bein, nahmen ihm den Rucksack weg, um den Inhalt aus dem Fenster zu kippen. Er war und blieb derjenige, den sie aus Gründen, die er nicht nachvollziehen konnte, verachteten und hassten.
Denn das taten sie doch, oder?
Warum sonst sollten sie sich ihm gegenüber so benehmen?
Er hatte viel Zeit darauf verwendet, herauszufinden, was die anderen derart reizte ihn so zu behandeln. Aber er war der Lösung keinen Schritt näher gekommen.
Er hatte ihnen nie etwas getan.
Er trug noch nicht einmal eine Brille. In den Büchern wurden immer die Brillenträger und diejenigen, die einen komischen Dialekt sprachen, gemobbt. Oder die Dicken. Wenn überhaupt, war er zu dünn. Aber deswegen hatte ihn noch nie jemand aufgezogen. Es war ein bisschen so, als ob sie sich einfach daran gewöhnt hätten, mit Martin umspringen zu können, wie sie wollten.
Wenn er sie sagte, meinte er zuallererst Fredrik und mit ihm seine Anhängerschaft. Fredrik schaffte es immer wieder, Leute um sich zu scharen und dazu zu bringen, nach seiner Pfeife zu tanzen. Er war groß und kräftig gebaut, ein echter Sportfreak, außerdem waren seine Eltern ziemlich wohlhabend. Fredrik spielte Tennis und Fredrik segelte, er hatte sogar schon Pokale bei Regatten gewonnen. Es gab also genügend Gründe, Fredrik zu bewundern.
Dass er, nebenbei gesagt, ein echter Scheißkerl war, damit fanden die meisten sich ab. Bille fand sich damit ab, Nils fand sich damit ab, die Mädchen, alle fanden sie sich damit ab, von Fredrik schikaniert zu werden. Er kaufte sich sozusagen frei mit seinem Segelboot und Megafeten in dem großen Haus am Hang, mit Cola und Bier und Snacks und Videofilmen.
»Fredrik kann einem wirklich Leid tun«, sagte Martins Mutter häufig. »Seine Eltern haben so wenig Zeit für ihn. Aber es hilft ja nichts, Cathrine darauf anzusprechen.«
Cathrine war die Schwester von Martins Mutter. Sie besaß eine Boutique in einer Seitenstraße vom Frognerveien. So einen kleinen Laden mit teuren Designerklamotten.
Onkel Johan war Offizier bei der Luftwaffe. Sie waren bestimmt hundertmal umgezogen, bevor sie sich endgültig in Åsen niederließen. Martin kannte seinen Onkel kaum, weil er nur selten zu Hause war. Und wenn er dann einmal da war, saß er mit einem Becher Kaffee und einem seiner dünnen, starken Zigarillos im Wohnzimmer und wollte seine Ruhe haben.
»Macht, dass ihr rauskommt, Jungs«, sagte er jedes Mal.
»Ich brauche meine Ruhe!«
Früher, als Martin noch kleiner war, fand er es klasse einen Onkel zu haben, der so spannend vom Fliegen erzählen konnte. An Fredriks neuntem Geburtstag durften die Geburtstagsgäste statt Donald Duck und dem Dschungelbuch einen Werbefilm über den F16-Bomber anschauen. Sie hatten auf den Fingern gepfiffen und vor Begeisterung geschrien.
»Hat denn wirklich keiner mehr was Essbares dabei?«
Vibeke war aufgestanden, jetzt zog sie den Kopf ein und verschwand unter Deck. Die anderen hörten ein paar Schranktüren knallen.
»Gib’s auf, da is nix!«, rief Fredrik ihr nach. »Ein bisschen später im Jahr hättest du vielleicht ’ne Chance gehabt. Aber bis jetzt sind wir noch nicht richtig mit dem Boot unterwegs gewesen.«
»Ha!«, tönte Vibekes triumphierender Ruf nach oben. Gleich darauf tauchte sie mit einer Konserve in der Hand auf. »Ananas!«
Sie tauchte wieder in die Kajüte ab, die anderen hörten sie Schubladen aufziehen und mit Besteck klappern. Dann kam sie mit der offenen Dose und einer Gabel zurück.
Als die Dose bei Martin ankam, stach er die Gabel hinein und fischte einen Ananasring heraus. Der klebrige Saft tropfte ihm aufs T-Shirt, das noch von der letzten Nacht schmuddelig war. Er wischte sich mit der Hand übers Kinn. Die Ananas schmeckte lauwarm und sehr süß. Er schluckte. »Vielleicht ist es ja der Ölfilter. Oder die Lenzpumpe.«
Fredrik dachte an den Motor. Er gab sich jedenfalls Mühe so zu tun, als ob er ahnte, wo der Fehler steckte.
Sie sahen einen Motorkreuzer auf sich zurasen. »Warum lassen wir uns nicht einfach abschleppen?«, fragte Nils. Eine Sekunde später war er auf den Beinen und fuchtelte wild mit den Armen. Der Mann hinter dem Steuer des Motorkreuzers winkte. »Idiot!«, schrie Nils. »Glaubt der vielleicht, dass wir hier zum Vergnügen auf dem Wasser rumtreiben und ihm zuwinken? Hast du was zum Krachmachen?«
»Die Hupe«, sagte Fredrik und zeigte zur Backbordwand. Nils streckte den Arm aus und drückte auf die Hupe, worauf ein lautes Heulen ertönte. Der Mann auf dem Motorkreuzer antwortete mit einem wütenden Hupen, beschleunigte und verschwand in nördlicher Richtung.
»So ein Trottel!«, schimpfte Susanne. »Der muss doch gesehen haben, dass wir Hilfe brauchen. Es treibt doch niemand aus Spaß an der Freude auf dem Meer herum! Hast du keine Leuchtraketen?«
Fredrik zuckte mit den Schultern. »Die sind bei dem Licht nicht zu erkennen. Und außerdem sind wir nicht direkt in Lebensgefahr!«
Martin würgte den Ananassaft hinunter. Jetzt war ihm noch schlechter als vorher. Konnte man bei so glatter und unbewegter See seekrank werden?
Wahrscheinlich lag es daran, dass er Hunger hatte.
Und übermüdet war.
Und genervt, weil er immer gleich so angespannt und panisch wurde.
Hatten sie etwa vergessen, was heute Nacht passiert war?
Wie lange würde es dauern, bis es wieder von vorne losging?
Ihm fiel auf, dass er die Zähne zusammenbiss und hektisch atmete, obwohl es im Moment ganz ruhig war. Er war ein Schisshase. Scheißegal.
»Der kommt schon zurecht«, sagte sein Vater, womit er Martin meinte.
Der kommt schon zurecht.
Aber er kam nicht zurecht.
Er schaffte es nicht! Er konnte nicht mehr. Auf einem Segelboot, anderthalb Kilometer östlich von Hurum und drei Kilometer nördlich von Håøya, wurde Martin klar, dass er am Ende seiner Kräfte war. Es musste endlich Schluss damit sein. Egal wie.
Nils hatte einen Tampen entdeckt und spielte damit herum. »Guckt mal, ein Kreuzknoten«, sagte er und hielt den Knoten hoch, damit die anderen ihn sehen konnten.
»Das ist kein Kreuzknoten«, sagte Fredrik.
»Und was soll das sonst sein?«
»Keine Ahnung, ein Altweiberknoten vielleicht.«
Fredrik lehnte sich zu Nils rüber und nahm ihm den Tampen aus der Hand. Er zog daran und wickelte mehr Tau von der Taurolle unter der Bank ab. Dann saß er konzentriert über den Knoten gebeugt und lachte leise vor sich hin. Die Mädchen beobachteten ihn jetzt beide und Bille hatte sogar die Ananasdose aus der Hand gestellt.
»Da«, sagte Fredrik und warf Martin das Tauende zu.
»Eine Schlinge. Jetzt kannst du dich aufhängen!«
2
Skogens Grundschule lag am Hang wie ein Schloss. Die Schule war ziemlich alt; ein Jahr vor Martins Einschulung war hundertjähriges Jubiläum gefeiert worden. Seine Mutter und Tante Cathrine waren auch schon auf dieser Schule gewesen. Früher, wenn er mit seinem Vater oder seiner Mutter zur Straßenbahnhaltestelle gegangen war, war ihm der Schulhof immer so verlockend vorgekommen. Nachmittags nach Schulschluss spielten die größeren Kinder dort Ball oder fuhren Achten auf ihren Rädern, immer einen Fuß am Boden.
Am Ende hatte er es kaum erwarten können, endlich in die Schule zu kommen. Endlich größer zu werden. Freunde zu haben.
In der Straße, in der er wohnte, gab es niemanden in seinem Alter. Ihr Haus war der einzige Neubau in einer Straße, wo sonst nur herrschaftliche Villen in großen Gärten standen, in denen alte Leute ohne Kinder lebten.
Sein Vetter Fredrik hatte damals noch in Bodø gewohnt, weil der Onkel in einem Ausbildungslager bei Bodin gearbeitet hatte. Sie waren erst im Sommer vor der Einschulung nach Åsen gezogen. Und obwohl sie weiter unten am Hang wohnten, war Fredrik auf die gleiche Schule gekommen wie Martin.
»Ist das nicht toll?«, hatte seine Mutter gesagt.
Doch, das hatte Martin auch gedacht, obwohl er Fredrik kaum kannte.
Fredrik mit seinen fast acht Jahren hätte eigentlich schon längst in der Schule sein müssen, aber seine Eltern hatten mit seiner Einschulung gewartet, damit er nicht schon nach dem ersten Jahr die Schule wechseln musste.
So hatte seine Mutter es ihm jedenfalls erklärt.
Und dann standen sie also endlich auf dem großen Schulhof, nachdem alle Schüler aufgerufen worden waren. Fredrik und Martin waren in dieselbe Klasse gekommen und standen mit zwei Jungen zusammen, mit denen Fredrik sich bereits angefreundet hatte, obwohl das der erste Tag war. Martins Mutter und Tante Cathrine hatten ein wenig abseits gestanden und sich mit der Klassenlehrerin unterhalten, als Fredrik plötzlich sagte: »Guckt euch mal den Ranzen von Martin Mausemann an! Der hat genau die gleiche Farbe wie Hundescheiße!«
Die beiden anderen Jungen sahen Martin an und prusteten los. Der eine, Nils, konnte sich gar nicht wieder beruhigen: »Die gleiche Farbe wie Hundescheiße! Die gleiche Farbe wie Hundescheiße!«
Zuerst hatte Martin noch regungslos dagestanden, aber dann war er losgerannt. Zu seiner Mutter. Aber er hatte nichts gesagt.
Er hatte sich den Ranzen selbst ausgesucht und im Laden hatte das dunkle Orange total erwachsen und klasse ausgesehen. Und Martin Mausemann wurde er immer von seinem Vater genannt, wenn sie es sich gemütlich machten. Aber bei Fredrik klang das wie ein Schimpfname.
Er erzählte seiner Mutter nichts davon.
Als sie endlich zu Hause waren, konnte er sich nicht mehr beherrschen und heulte los. Seiner Mutter sagte er, dass er Magenkneifen hätte.
Er wollte ein großer Junge sein. Er wollte nicht petzen. Und als sein Vater fragte, wie der erste Schultag gewesen wäre, antwortete seine Mutter: »Ganz toll, nicht wahr, Martin?« Und er hatte gelächelt. Die ganze Zeit gelächelt. Und sich vor dem nächsten Tag gefürchtet.
Und daran hatte sich seitdem nichts geändert.
Acht Jahre lang.
Es war nicht immer gleich schlimm gewesen. Die fünfte und sechste Klasse hatte er in verhältnismäßig guter Erinnerung. Fredrik war in der Zeit völlig vom Sport absorbiert gewesen. Im Sommer segelte er und im Winter schleppte Tante Cathrine ihn mit auf die Skipisten. Martin war in dieser Zeit häufig mit einem ruhigen und netten Jungen aus der Klasse zusammen gewesen, der Lasse hieß. Sie hatten sich alle möglichen verrückten Sachen ausgedacht. Zum Beispiel das mit dem Kassettenrekorder, mit dem sie Radiosendung gespielt hatten. Lasse spielte mit Begeisterung Reporter; sobald sie unter sich waren, redete er nur noch mit seiner Reporterstimme. In der Schule war er eher zurückhaltend, genau wie Martin. Und wenn Fredrik oder die anderen kamen, machte er sich eiligst aus dem Staub. Seine Freundschaft hatte ihre Grenzen.
Irgendwie konnte Martin ihn sogar verstehen. Er war zwar enttäuscht, aber er fand sich damit ab. Er wusste schließlich am besten, wie es war, sie auf sich zukommen zu sehen und genau zu wissen, was als Nächstes passieren würde. Wenn er gekonnt hätte, wäre er auch abgehauen. Aber er konnte nicht. Und normalerweise hatten sie es auf ihn und nicht auf Lasse abgesehen.
Als sie in die Siebte kamen, war Lasse plötzlich nicht mehr da. Zwei Monate später war Bille in ihre Klasse gekommen, worauf sich Martins Situation schlagartig verschlimmerte. Bille machte Martin noch mehr Angst als Fredrik: Auf der einen Seite war Bille ein wenig wie Martin, aber gleichzeitig um Längen schlimmer als Fredrik, wenn es ums Ärgern und Quälen ging.
Bille war ein blasser, introvertierter Typ und roch immer etwas streng, ein Geruch, den Martin nicht genau definieren konnte. Säuerlich. Abstoßend. Martin versuchte Bille aus dem Weg zu gehen, was nicht immer einfach war. Bille hängte sich an ihn ran, fragte, ob sie nach der Schule was unternehmen würden, wollte wissen, was Martin las, wie viel seine Joggingschuhe gekostet hatten, und so weiter.
Martin traute Bille nicht über den Weg, hätte ihm am liebsten nicht geantwortet, aber irgendetwas musste er schließlich sagen. Bille hing an ihm wie eine Klette und kam oft mit zu ihm nach Hause. Und Martin, der hungrig war und was essen wollte, blieb nichts anderes übrig, als Bille auch etwas anzubieten. Martin sah seiner Mutter an, dass sie Bille nicht sonderlich mochte. Aber sie war immer nett zu ihm, so wie sie zu jedem nett war.
Und aus eben diesem Grund schien Bille Martin zu hassen: Weil er eine nette Mutter hatte.
Wenn Martins Mutter mal wieder besonders freundlich zu Bille gewesen war, war Bille hinterher jedes Mal besonders fies zu Martin.
Gleichzeitig scharwenzelte er um Fredrik herum und tat so, als ob er Martin überhaupt nicht kennen würde, als ob er nie bei ihm zu Hause gewesen wäre. Er wurde Fredriks Schatten und tat alles, was Fredrik von ihm verlangte.
Bille schien noch mehr Angst vor Fredrik zu haben als Martin.
»Jetzt ist es bald zwölf«, sagte Susanne. »Was sollen wir denn bloß machen?«
»Verdammt noch mal«, schnaubte Fredrik verächtlich. »Was ist denn so schlimm daran, ein bisschen zu spät nach Hause zu kommen?«
»Ein bisschen zu spät? Nennst du das ein bisschen zu spät, wenn wir gestern Abend zu Hause sein sollten und es jetzt kurz nach zwölf am nächsten Tag ist?«
Susanne schüttelte sich die Haare aus dem Gesicht und funkelte ihn wütend an.
»Ach, Weiber!«
Fredrik schaute übers Wasser und zog eine Augenbraue hoch. Martin kannte diesen Gesichtsausdruck nur zu gut: von Fredriks Vater.
Vibeke war noch mal unter Deck gegangen und kam gerade wieder nach oben. »Habt ihr eigentlich kein Funkgerät? Ich dachte, jedes ordentliche Boot hätte eins?«
»Wir nehmen es im Herbst immer mit an Land«, sagte Fredrik unwirsch. »Und ich hab’s euch doch schon gesagt, verdammt noch mal, wir haben in diesem Jahr noch keine richtige Tour gemacht, weil mein Alter keine Zeit hatte! Das Boot ist noch nicht so lange auf dem Wasser, wann rafft ihr das endlich?«
Susanne setzte sich auf die Bank und legte die Ellbogen hinter sich auf die Reling. Da saß sie nun, mit sonnenverbrannten Schultern und Oberschenkeln, in einem engen Baumwollpulli und Shorts. Sie lehnte den Oberkörper zurück und starrte mürrisch und erschöpft vor sich hin. Martins Blick wurde magisch von ihren großen Brüsten angezogen, die sie aufreizend nach vorne streckte.
Er konnte ihre Nippel erkennen, oder wie die Dinger hießen.
Er wandte den Blick schnell ab, bevor die anderen sich über ihn hermachten, weil er sich für Susannes Brüste interessierte. Obwohl es ja stimmte. Eigentlich. Dabei war Vibeke die Hübschere von beiden. Oder jedenfalls diejenige, mit der die meisten zusammen sein wollten.
Vibeke mit den kurzen schwarzen Haaren und der frechen Klappe, die im totalen Kontrast zu ihrem püppchenhaften Gesicht stand. Vibeke mit der Villa in Åsen. Ihre Eltern waren reich. Nicht nur wohlhabend, sondern stinkreich. Susanne war ... die Stillere von beiden? Martin war sich nicht sicher. Sie stand meist in Vibekes Schatten, fiel nicht weiter auf. Bis sie plötzlich zuschlug. Oder so wie in diesem Augenblick mürrisch vor sich hinstarrte und den Oberkörper nach hinten bog, sodass ihre Brüste sich deutlich unter ihrem Pulli abzeichneten.
Was Fredrik anscheinend auch nicht entgangen war, weil er sagte: »Na, da werden wir wohl noch ein zweites Mal übernachten müssen! Aber dann lässt du dich doch hoffentlich überreden, mit auf dem Boot zu schlafen, oder?«
Sie würdigte ihn keines Blickes.
Vibeke beugte sich vor. »Hör auf zu labern, Fredrik! Ich will nach Hause! Und wenn ich schwimmen muss!«
In dem Augenblick wurden sie von einem Geräusch abgelenkt und drehten allesamt die Köpfe in die Richtung, aus der es kam; ein abgehacktes, stotterndes Motorenbrummen. Sie konnten nicht gleich erkennen, woher es rührte, weil das Focksegel die Sicht versperrte, aber kurz darauf entdeckten sie in einiger Entfernung einen alten Kahn, der direkt auf sie zuhielt.
Fredrik stellte sich hin und fuchtelte wild mit den Armen.
»Hallo!«, rief er.
Der Mann in dem alten Kahn legte das Steuer um und trat gegen einen Kasten vor seinen Füßen, worauf der Motor einen Gang runterschaltete. Er hielt sich mit seiner breiten Hand an der Reling des Segelbootes fest.
»Na, habt ihr eine Motorpanne?«
Wie sich rausstellte, hatte er sie von seinem Steg aus beobachtet.
»Hab gedacht, ich geb euch noch ’ne Stunde, wenn ihr dann immer noch nicht gestartet und aus der Bruthitze raus seid, dann stimmt was nicht mit dem Motor!«
Er grinste. Er war schätzungsweise Anfang dreißig, sein nackter Oberkörper war braun gebrannt. Er trug ein Goldkettchen um den Hals und ausgewaschene Jeans. Fredrik sagte knapp: »Stimmt. Irgendwas ist mit dem Motor nicht in Ordnung.«
»Soll ich mal ’n Blick drauf werfen?«, fragte der Mann, während seine strahlend blauen Augen die sechs auf dem Boot neugierig abcheckten. Fredrik zuckte die Achseln. Martin sah auf einen Blick, dass ihm diese Situation absolut gegen den Strich ging. Der Mann wartete die Antwort gar nicht erst ab, warf eine Leine über die Reling und sprang direkt hinterher. Bevor er unter Deck verschwand, legte er mit einem kurzen Handgriff die Leine seines immer noch leise vor sich hintuckernden Kahns um eine Klampe.
Keiner sagte etwas, bis Susanne die Stille durchbrach. »Na super!« Sie lachte laut los.
Vibeke sah sie an und fiel in ihr Lachen ein. »Gerettet«, sagte sie.
Nils hangelte sich die schmale Treppe nach unten, um ihren Retter aus der Nähe zu betrachten. Bille rutschte nervös hin und her, den Blick starr auf Fredrik gerichtet.
Fredrik hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ins Leere. Schließlich sagte er mit übertrieben arroganter Stimme: »Sieh einer an. Die Eingeborenen machen sich nützlich.« Er lachte los.
Und Bille lachte mit.
Martin holte tief Luft. Der mit dem Kahn würde den Fehler bestimmt finden. Er sah aus, als ob er Ahnung von so was hätte.
Aber als der Braungebrannte kurz darauf aus der Kajüte hochkam und sich die ölverschmierten Hände an einem Stück Papier abgewischt hatte, sagte er: »Nichts zu machen. Das Ding muss in die Werkstatt. Ich könnte euch bis zum Ufer abschleppen. Von da aus müsstet ihr dann allerdings mit dem Bus weiterfahren.«
Er setzte sich neben Susanne und sah sie der Reihe nach an, zog ein Päckchen Tabak aus der Tasche und drehte sich eine. »Na?«, sagte er, als er die Zigarette anzündete. »Wo kommt ihr her?«
»Oslo«, sagte Fredrik mürrisch.
»Das hab ich mir schon gedacht«, sagte der Mann. »Ich wollte wissen, wo euer Anlegeplatz ist?«
»Frognerkilen«, sagte Fredrik.
»Ah ja«, sagte der Mann und nahm einen tiefen Lungenzug, hustete und spuckte in einem hohen Bogen ins Wasser. »Wie gesagt, bis zum Ufer könnte ich euch abschleppen. Übrigens, ich heiße Sigge. Sigge Stiansen.«
Er machte eine übertriebene Verbeugung, lehnte sich an die Reling und blies Rauch aus. Er schien sich pudelwohl zu fühlen, war völlig entspannt, hatte alles unter Kontrolle; ein rascher Seitenblick auf Susanne, ein rascher Seitenblick auf Vibeke.
Da Fredrik keine Anstalten machte, etwas zu sagen, ergriff Nils das Wort. »Also, wir ... Ich heiße Nils. Das hier ist Fredrik, dem gehört das Boot. Das ist Bille, und die beiden Mädchen heißen Vibeke und Susanne.«
»Und wer bist du?«, fragte Sigge und sah Martin an, der ein kaum hörbares »Martin« murmelte.
»Na dann«, sagte Sigge. »Habt ihr denn wenigstens ordentlich Johannis gefeiert?«
»Ja, schon«, sagte Nils. »Aber dann hatten wir die Motorpanne.«
»Die könnte ja auch vorgetäuscht gewesen sein!«
Sigge lachte heiser, wobei er die Mädchen ansah. Fredrik verzog den Mund. »Also gut. Wenn du uns abschleppen willst, lass es uns am besten gleich erledigen.«
Sigge Stiansen warf ihm einen kurzen Blick zu, nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette und schnipste die Kippe ins Wasser. »Dann wollen wir mal«, sagte er gelangweilt. »Wir machen das Boot am besten an meiner Boje fest, dann könnt ihr mit zu mir kommen. Ich wohne nämlich gleich da oben am Hang. Falls ihr zu Hause anrufen wollt oder so. Unter der Woche fahren die Busse stündlich, an Feiertagen sieht’s wahrscheinlich etwas schlechter aus. Aber das lässt sich rauskriegen, ich hab einen Fahrplan zu Hause.«
Er legte die Hand auf die Reling und schwang sich elegant in seinen kleinen Kahn. Martin folgte ihm mit dem Blick. Erwachsen sein schien nicht das Schlechteste zu sein. Sigge ließ sich von Fredriks überlegener und mürrischer Fratze nicht aus der Ruhe bringen. Fredrik war ihm scheißegal. Beneidenswert.
3
Sigge Stiansen hatte richtig vermutet: An Feiertagen fuhren kaum Busse in Richtung Stadt.
Drei Stunden bis zum nächsten.
Die Mädchen riefen zu Hause an. Martin rief zu Hause an. Nach einigem Hin und Her rief Nils ebenfalls zu Hause an. Bille sagte, dass er nirgendwo anrufen müsse, weil bei ihm alle mit der Dänemarkfähre unterwegs seien und eh nicht vor Abend zurück wären. Fredrik rief nicht zu Hause an. Als Nils ihn deswegen ansprach, erntete er einen wütenden Blick. »Das hat keine Eile«, sagte er nur.
Sigge Stiansen erkundigte sich, ob sie was gegessen hätten. Sie sahen sich an.
»Ananas«, sagte Vibeke. »Eine Dose. So gegen elf Uhr.«
»Und Chips und Bier«, sagte Nils. »Aber das war gestern Abend.«
»Meine Güte«, sagte Sigge Stiansen. »Gut, dass ich Brot im Eisfach hab.«
Er ging in die Küche und steckte gleich darauf wieder den Kopf zur Tür herein. »Kann mir vielleicht jemand helfen? Wie wär’s mit dir?«, sagte er und nickte Susanne zu, die sonnenverbrannt auf der vorderen Kante eines altmodischen Sessels mit zerschlissenem Wollbezug saß und mit der Hitze kämpfte. Sie erhob sich langsam und ging zu Sigge in die Küche.
Die anderen gingen auf die kleine Terrasse raus.
Sigge Stiansen hatte ihnen erzählt, dass er die Hütte vor ein paar Jahren ausgebaut hatte. Er hatte sie winterfest gemacht und ans Stromnetz angeschlossen. Der Terrassenboden war mit einer dünnen Metallschicht überzogen, an der man sich die Fußsohlen versengte, wenn man barfuß darüberlief. Die einzige erträgliche Stelle war eine alte Binsenmatte.
Nils sah sich suchend um und entdeckte einen ausgebleichten Sonnenschirm. Als er ihn aufspannte, rieselten vertrocknete Fliegen und Mücken auf ihn herunter. Er schüttelte sich angeekelt.
Danach schleppten sie mit lautem Geschepper ein paar klapprige Liegestühle über den Metallboden um sich in den Schatten des Sonnenschirms zu setzen. Vibekes Blick wanderte immer wieder zur Küchentür, die im Halbdunkel des Wohnzimmers kaum zu sehen war.
Martin und Fredrik ging es nicht anders.
Nils und Bille machten es sich bequem und legten die Füße auf das Geländer. Sahen auf den diesigen, spiegelblanken Fjord hinaus. Im Hintergrund lagen die blau schimmernden Hügel von Nesodden, vor Fagerstrand ankerten ein paar Boote. Fredrik konnte nicht still sitzen und lief rastlos zwischen Wohnzimmer und Terrasse hin und her, sah abwechselnd auf die Uhr und zum Boot, das an der Boje vertäut war, griff nach einem Fernglas auf der Fensterbank, stellte es scharf, schaute übers Wasser, legte es wieder auf die Fensterbank zurück, wobei er die Küchentür immer im Auge behielt.
Martin hatte keine Lust, in die Hitze rauszugehen. Er war auf dem verschlissenen Sofa sitzen geblieben und der grobe, senfgelbe Wollbezug kratzte an der Unterseite seiner Oberschenkel. Fredrik hatte bestimmt Schiss seinem Vater zu beichten, dass der Motor im Eimer war. Vielleicht hatte er ja wirklich nicht um Erlaubnis gefragt, ob er mit dem Boot rausfahren durfte. Immerhin wussten Martins Eltern jetzt, wo sie waren, falls Tante Cathrine also mit seiner Mutter telefonierte ...
Fredrik hatte ein zerlesenes Taschenbuch aus dem Regal gezogen.
»Sieh dir das mal an«, flüsterte er und zeigte Martin den Einband, auf dem eine schwarzhaarige Frau mit üppiger Oberweite zu sehen war, die in den Armen eines Mannes lag, der wie Morgan Kane aussah. Der Mann hatte ihr ein Messer an den Hals gelegt, aber die Frau lächelte, als ob sie es völlig in Ordnung fände, dass ihr gerade jemand die Kehle durchschneiden wollte.
»Guck mal, was der für Bücher liest!«
Das muss Fredrik gerade sagen, dachte Martin. Was hat er denn erwartet? Dostojewski? Fredrik las auch ausschließlich Comics.
Aber Martin sagte nichts. Zuckte nur mit den Schultern. Sicherheitshalber.
Vibeke steckte den Kopf zur Terrassentür herein. »Gibt’s bald was zu essen, oder was treiben die da drinnen?«
Fredrik drehte sich ruckartig zu ihr um.
»Guck nicht so«, sagte sie. »Ich mach doch nur Spaß.«
Aus der Küche drangen jetzt leise Geräusche zu ihnen heraus, die nach Essensvorbereitung klangen. Schubladen, die aufgezogen und wieder zugeschoben wurden, scheppernde Schranktüren, Wasser, das in einen Kessel lief. Martin merkte, dass er Hunger hatte. Großen Hunger.
Jetzt brutzelte es dort drinnen und gleich darauf zog der verführerische Duft gebratenen Specks durch den Raum bis auf die Terrasse hinaus.
»Mann«, sagte Nils laut. »Ich hab vielleicht einen Kohldampf!«
Sie waren mit dem Essen fertig. Martin hatte die erste Scheibe Brot gierig heruntergeschlungen, als plötzlich nichts mehr ging. Die Übelkeit vom Morgen war mit einem Schlag wieder da. Er starrte auf seinen Teller, auf dem das flüssige Eigelb sich mit den Schinkenstreifen vermischte. Vielleicht hatte er ja doch eine Gehirnerschütterung. Er schob die Gabel über den Teller und tat so, als ob er genauso eifrig wie die anderen mit dem Essen beschäftigt wäre. Er wollte sich ihre blöden Kommentare ersparen.
Obwohl es wahrscheinlich sowieso niemanden interessierte.
Bille und Nils schmatzten, Vibeke schmierte Butter auf ihre Brotscheibe, Fredrik hatte das halbe Ei auf die Gabel gespießt und war gerade dabei, es in den Mund zu schieben, wobei er den Gastgeber nicht aus den Augen ließ. Der hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und sah Susanne an. Ungeniert. Was Vibeke sehr wohl registrierte, genau wie Fredrik. Susanne saß mit roten Wangen am Tisch und schnitt ihr Ei in kleine Stückchen, bevor sie etwas davon aß. Susanne.
In gewisser Weise hatte Martin vor Susanne fast genauso viel Angst wie vor Fredrik. Sie war zwar nicht so schlagfertig wie Vibeke, aber irgendwie gefährlicher. Tief in ihr drin brannte ein Feuer, an dem man sich gewaltig die Finger verbrennen konnte, wenn man nicht aufpasste. Erst lockte sie einen und dann schlug sie zu. Nicht physisch, aber so war es fast noch schlimmer. Früher war Martin ihr so weit wie möglich aus dem Weg gegangen.
Sie war mitten in der Achten in die Klasse gekommen. Sie sprach Dialekt, womit man an der Schule in Åsen gleich unten durch war. Aber komischerweise hatte sich niemand deswegen über sie lustig gemacht. Nicht einmal Fredrik. Manchmal kam es Martin fast so vor, als ob Fredrik sich von ihr verunsichert fühlte.
Jetzt saß sie da, Schweißperlen auf der Oberlippe, das weißblonde Haar über den sonnenverbrannten Wangen, und verdrehte einem alten Knacker mit selbst gedrehten Zigaretten und breiten Schultern den Kopf.
Es war zum Lachen.
Aber Martin konnte nicht sehen, dass einer von ihnen lachte. Ihm selbst war auch eher zum Heulen zu Mute. Er schluckte. Er war ziemlich sicher, dass er Fredriks Blick richtig deutete: Fredrik war eifersüchtig. Verdammt eifersüchtig. Zuerst hatte er sich mit der Motorpanne zum Idioten gemacht, und nun saß auch noch Susanne da, streckte ihre Brüste vor und hatte dieses klitzekleine Lächeln in den strahlend blauen Augen. Wahrscheinlich war sie sich nur allzu bewusst, was sich da anbahnte. Sie streckte sich nach dem Brotkorb aus, sodass ihre Haare Sigges Arm streiften, sie leckte die Finger ab und fuhr sich mit der rosa Zungenspitze über die Lippen. Und als Sigge seinen braun gebrannten Arm auf ihrer Rückenlehne ablegte, lehnte sie sich zurück. Martin spürte ein Ziehen im Zwerchfell und konnte sich lebhaft vorstellen, was Sigge jetzt fühlte: Susannes weiches Haar und darunter ihre sonnenheiße Haut.
Martin war das letzte bisschen Appetit vergangen. Er legte die Gabel beiseite.
Fredrik sah auf seine Armbanduhr.
»Scheiße, und wir hocken hier am Arsch der Welt! Du hast nicht zufällig ein Auto?«
»Doch«, sagte Sigge und drückte die selbst gedrehte Zigarette in einem randvollen Aschenbecher aus. »Aber das leihe ich dir sicher nicht, Bürschchen.«
Bürschchen.
Als ob Fredrik ein Hosenscheißer wäre. Was er unbestritten war. Auf alle Fälle würde es noch ein paar Jährchen dauern, bis er seinen Lappen in der Tasche hatte.
Fredrik räusperte sich.
»Könntest du uns nicht vielleicht fahren?«
»Ganz sicher nicht«, sagte Sigge. »Bei der Hitze. Nein, ihr müsst schon den Bus nehmen. Ihr könnt aber auch gern hier bleiben und heute Abend den Bus nehmen. Bis dahin steht die Sonne auch etwas tiefer und es ist nicht mehr ganz so warm. Wir können ja auf den Steg umziehen, um zu schwimmen, und dort unseren Nachtisch essen. Ich hab Eis im Kühlfach.«
Vibeke und Susanne sahen sich an. »Die bringen mich um«, sagte Vibeke. »Meine Alten.«
»Wir können doch noch mal anrufen«, meinte Susanne.
»Und sagen, dass vor heute Abend kein Bus fährt. Dass wir falsch geguckt hätten.«
»Ich weiß nicht«, sagte Vibeke gedehnt und suchte Fredriks Blick.
»Nix da«, sagte Fredrik. »Und was soll mit dem Boot passieren?«
»Da wird wohl morgen jemand vorbeikommen müssen um es abzuschleppen«, sagte Sigge. »Keine Bange, das liegt hier sicher.«
Fredrik sah aus, als ob er nachdachte.
Nein!, schrie es in Martin. Nein!
Es wurde gefährlich, die Sache geriet aus dem Ruder. Der gestrige Abend war noch nicht ausgestanden und jetzt war noch etwas Neues hinzugekommen.
Er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als Susanne plötzlich aufstand und sagte: »Okay, ich rufe an. Wir bleiben.«
Fredrik streckte den Arm nach der Butter aus und stieß dabei gegen Martins Teller, sodass der ganze Mist auf Martins Beinen landete.
»Oje«, sagte Fredrik knapp.
Martin sah an sich runter. Das Eigelb lief langsam über seine braun gebrannten Oberschenkel. Er hob den Kopf und begegnete Fredriks Blick. Schwarz und hasserfüllt. Fredrik fühlte sich ausgebootet und musste seinen Frust an irgendjemandem auslassen.
Sie riefen wieder der Reihe nach an. Als Martin dran war, war nur Hanne im Haus. Seine Eltern waren im Garten.
»Ich komme mit dem Abendbus. Vorher fährt keiner. Wir sind so lange bei einem Typen, der uns was zu essen gemacht hat. Sag ihnen das. Tschüss!«
Er ging langsam zurück ins Wohnzimmer.
Sigge hatte eine Packung Erdbeereis aus dem Eisfach geholt und suchte nach Teelöffeln. Susanne spülte die Teller unterm Wasserhahn ab. Sie wischte die Hände an ihrer Shorts trocken und warf das Haar über die Schulter. Nahm die Plastiktüte mit Papptellern, die Sigge ihr reichte.
Wie machten Mädchen das?
Dass plötzlich völlig klar war, zu wem sie gehörten?
Es sah aus, als ob sie und Sigge schon monatelang ein Paar wären, obwohl sie doch nur ein paar Spiegeleier zusammen gebraten hatten. Martin verstand das nicht. Aber neben seiner Katastrophenstimmung konnte er sich der Schadenfreude darüber, dass Fredrik endlich mal eins aufs Dach bekam, nicht erwehren: erst die Sache mit dem Boot und jetzt das hier.
Als sie den schmalen Pfad zum Steg runtergingen, dachte Martin, dass er doch eigentlich mit dem Nachmittagsbus nach Hause fahren könnte. Er bräuchte nur seine Tasche zu nehmen und zu gehen. Sich in die flimmrige Hitze rauszubegeben. Die Bushaltestelle zu suchen und zu warten. Sich aus dem Staub zu machen, bevor es zu spät war.
Er bräuchte nur zu gehen.
Aber so einfach war das nicht und er hatte nicht die Kraft zu überlegen, warum es so war. Er fühlte sich wie eine Marionette, die an lauter Schnüren hing, die Fredrik in der Hand hielt. Fredrik und manchmal auch Nils oder Bille. Und Susanne. Eigentlich alle. Es war, als ob er die Fähigkeit verloren hätte, sich aus eigener Kraft zu bewegen und in Sicherheit zu bringen.
Es entlockte ihm noch nicht einmal einen Seufzer, er ging widerspruchslos hinter den anderen her, einen Pfad entlang, der voller Fichtenzapfen und knorriger Baumwurzeln war. Es duftete nach trockenem Waldboden und Meerwasser. Susanne und Vibeke waren am Steg angekommen und lachten und schrien, während sie ihre Taschen nach dem Badezeug durchwühlten. Sigge Stiansen hatte sich schnell aus seiner Jeans gepellt und stand breitbeinig und braun gebrannt in einer hellblauen Badehose am Ende des Stegs.
Die drei Jungen zogen umständlich ihre Badehosen an und fühlten sich neben Sigge ganz bleich und schmächtig, als sie so im Schatten des windschiefen Bootshauses standen, dessen Farbe überall abblätterte.
»Verdammt, jetzt seht euch den mal an«, sagte Nils. »Was hat der denn in der Hose?«
Fredrik sah kurz hoch und widmete sich gleich darauf wieder dem sorgfältigen Zusammenlegen seiner langen Bermudashorts. »Hat wahrscheinlich seine Socken da reingesteckt«, sagte er. Im nächsten Moment schrie er: »Wer ist Erster!«, und machte seinen berühmten flachen Kopfsprung in das türkisgrüne Wasser (es gab viele Algen in diesem Sommer). Vibeke, die auf dem Steg saß und mit den Beinen baumelte, folgte ihm mit dem Blick.
Susanne stand in ihrem rosa Mini-Bikini da. Plötzlich zog sie das Oberteil aus. Das hatte sie noch nie getan. Ihre Brüste mit den dunkelrosa Brustwarzen ragten weißer als der Rest nach vorn.
Fredrik tauchte aus dem Wasser auf, schüttelte die Haare aus den Augen und hustete.
Alle sahen zu, als Sigge Stiansen zu Susanne ging und ihr die Hand auf den Rücken legte.
»Na komm, du willst doch bestimmt auch baden, oder nicht?«
Sie drehte den Kopf so schnell zur Seite, dass ihr Haar wippte.
»Aber klar doch.«
Martin legte den Kopf auf die Knie.
Hinter seiner Stirn dröhnte und hämmerte es.
4
Wie lange war Martin jetzt schon in Susanne verliebt?
Wahrscheinlich genauso lange wie Fredrik, das heißt, seit sie in der Achten in ihre Klasse gekommen war. Mit dem Unterschied, dass Fredrik bei ihr zu landen versucht hatte, und Martin nicht.
Martin hatte keine Ahnung, ob Fredrik erfolgreich gewesen war. Er hatte sie in den Pausen zusammen gesehen, aber sie waren nie allein gewesen. Anfang des Jahres hatte er die beiden im Saga-Kino getroffen. Es lief ein schwedischer Film, einer von denen, die man unbedingt gesehen haben musste. Er hatte Fredrik und Susanne erst kurz vor Schluss entdeckt. Er selbst war allein dort gewesen und hatte ein flaches Bonbon gegen den Gaumen gedrückt ohne zu lutschen. Ein Mädchen stand auf einem Friedhof und sang »Nur ein einziger Tag, ein Augenblick«. Er war kurz vorm Heulen gewesen und hatte sich anders hingesetzt, um das aufsteigende Weinen besser unterdrücken zu können.
Susanne und Fredrik saßen zwei Reihen hinter ihm, aber viel weiter rechts, er hatte sie sofort erkannt. Fredrik und Susanne nebeneinander zwischen lauter Erwachsenen. Fredriks Arm auf ihrer Rückenlehne, während sie kerzengerade auf ihrem Sitz saß. Im Flimmerlicht der Leinwand hatte Martin gesehen, wie gebannt sie gewesen war – fast in Trance. Sie beachtete Fredriks Arm überhaupt nicht. Genauso wenig wie Fredrik den Film beachtete.
Am nächsten Tag hatte Martin versucht rauszukriegen, ob sie zusammen waren oder nicht, und sie den ganzen Tag im Auge behalten.
Sie hatten sich nicht anders benommen als sonst auch. Fredrik hing in den Pausen mit Nils und Bille rum, Susanne mit Vibeke.
Eigentlich war es seltsam, dass Fredrik in Susanne verknallt war. Fredrik, der alte Snob, hielt sich normalerweise an Mädchen wie Vibeke: Puppenschönheiten in Jeans mit Bügelfalte und teuren Jacken. Susanne hatte keine solchen Klamotten. Sie lief in rosa Angorapullover und schwarzen Leggins rum und – die absolute Todsünde auf der Schule in Åsen – sie hatte ihre weißen Tennissocken über die Leggins gezogen. Dazu trug sie Joggingschuhe.
Und dann ihr Fredriksstad-Slang, den sie lange nicht loswurde.
Er wusste nicht, was passiert war, aber irgendwann gegen Ende des Schuljahres war Susanne plötzlich in den harten Kern der Clique aufgenommen worden. Der Clique, die Fredrik anführte. Ohne dass sie ihren Kleiderstil oder ihr Auftreten nennenswert verändert hätte.
Und Vibeke war plötzlich ihre beste Freundin.
Martin rechnete sowieso nicht damit, jemals eine Freundin zu haben. Natürlich hatte er seine Tagträume, abends im Bett, nachdem er das Licht ausgeknipst hatte, die Arme hinterm Kopf verschränkt. Alles würde anders werden, wenn er erst erwachsen wäre und die Schule weit hinter sich gelassen hätte.
In seinen Tagträumen hatte er einen Job und eine Freundin.
Zwar nicht Susanne, aber trotzdem.
Hauptsache, eine Freundin.
Und Kinder. Natürlich nicht gleich am Anfang. Vater sein. Ein Haus haben und jemanden, der einen zu Hause erwartet. Schluss mit der Angst. Schluss mit dem Kernseifengeruch auf Schulfluren, dem Pissegestank auf Jungenklos, der kalten Dusche nach dem Sportunterricht, vergammelten Essenspaketen, dem Rauschen im Ohr während des Unterrichts, an dem er erkannte, dass sein Nacken wieder so verkrampft war, dass er nicht mehr klar denken konnte.
Seine Eltern hatten ihn zum Optiker geschleppt, weil sie meinten, er brauchte eine Brille. Aber das war nicht das Problem. Trotzdem konnte er die Tafel nicht richtig erkennen. Jedenfalls nicht an den schlimmeren Tagen, wenn er sich so verkrampfte, dass sein Blickfeld sich verzerrte und er nur noch wie durch einen Nebel sah. Und dazu immer dieses Rauschen in seinen Ohren.
Das Problem war, dass er ständig auf der Hut sein, immer mit dem Schlimmsten rechnen musste, das dann oft genug auch eintraf. Er wusste nie, was passieren würde, manchmal waren es Bagatellen, manchmal ausgewachsene Katastrophen, bei denen er in Tränen auszubrechen drohte, seine Kieferknochen schmerzten und er sich vor Angst und Erniedrigung fast in die Hose machte.
Fredrik und die anderen brauchten sich noch nicht einmal sonderlich anzustrengen. Ein kurzer Blick von Bille auf seinem Weg in die Pause genügte vollkommen, damit sein Magen sich zusammenkrampfte.
Er hatte inzwischen begriffen, dass sie gar nicht so viel an ihn dachten, wie er immer geglaubt hatte. Sie saßen nicht zu Hause und schmiedeten Pläne, wie sie ihn am besten fertig machen konnten. Er war nicht mehr als eine nervige Fliege: Manchmal schlägt man nach ihr, manchmal nicht. Die anderen waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, die Fliege war nur eine lästige Randerscheinung.
Aber für Martin war dies das einzige Leben, das er hatte. Und Susanne würde für ihn immer unerreichbar sein. Bis auf das eine Mal im Winter. Das eine Mal, das er nicht vergessen konnte, obwohl er oft genug versucht hatte, die Erinnerung aus seinem Gedächtnis zu streichen, um sich keine falschen Hoffnungen zu machen. Es machte ihn nämlich todunglücklich, daran zu denken, aber bleiben lassen konnte er es deswegen noch lange nicht.
Er war tanzen gegangen. Zum ersten Mal in seinem Leben, in der Stadt, mit DJ und allem Drum und Dran. Bille war schuld. Das heißt: Bille hatte einen plötzlichen Anfall von Nächstenliebe gehabt. Normalerweise läuteten bei Martin in solchen Fällen alle Alarmglocken Sturm, aber an diesem tristen, nebligen Freitag Ende Februar hatte er sich blenden lassen und alle Vorsicht vergessen.
Sie waren nach der Schule zusammen nach Hause gegangen. Die Villenstraße war voller Schneematsch gewesen. Die beiden Jungen waren mit tief in den Jackentaschen vergrabenen Händen und über den Schultern hängenden Rucksäcken über die alte wulstige Eisschicht geschlittert. Plötzlich hatte Bille sich zu Martin umgedreht und gesagt: »Wie sieht’s aus, kommst du heute Abend mit ins Meyers?« Martin hatte ihn erstaunt angesehen und mit den Schultern gezuckt. Er war noch nie im Meyers gewesen, der Kneipe im Zentrum, die in letzter Zeit der Renner bei den Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen war. Er hatte nur davon gehört, wenn die anderen in der Klasse montags damit prahlten, wie betrunken sie am Wochenende gewesen waren. Obwohl im Meyers striktes Alkoholverbot herrschte. Darum traf man sich vorher auch zum Vorspiel. Außerdem hatte jeder was in der Jackentasche dabei. Und hinterher gings dann weiter.
»Na, kommst du mit oder nicht?«
»Nein, eher nicht«, hatte Martin geantwortet.
»Mach schon«, sagte Bille. »Wir treffen uns vorher bei Fredrik. Nur wir Jungs. Wir wollen uns Evil Dead, Teil I, auf Video angucken und ein paar Pils kippen.«
Martin bekam plötzlich unsägliche Lust wegzugehen. Solche Filme hatte er noch nie gesehen. Und es hätte ja auch was, zu Hause ausnahmsweise mal sagen zu können, dass er verabredet war. »Du kannst doch nicht immer nur mit uns Alten rumhocken«, hatte seine Mutter am letzten Wochenende mit sorgenvoller Miene zu ihm gesagt. Ja, er hockte mit seinen Alten zu Hause und langweilte sich derartig, dass es kaum zu ertragen war und er meistens schon um neun Uhr in sein Zimmer hochging. Wo er bis tief in die Nacht am Computer saß und darüber nachdachte, dass er es wahrscheinlich nie schaffen würde, aus seinem Gefängnis auszubrechen.
»Also gut«, sagte er zu Bille. »Vielleicht komm ich ja doch mit.«
Bille hielt ihm die offene Hand entgegen. »Lass ein paar Kröten rüberwachsen, dann besorg ich Bier für uns beide.« Martin wühlte in seinen Taschen. Fand fünfzig Kronen. Bille sah den Fünfziger an, zuckte mit den Schultern und knüllte ihn in der Hand zusammen. »Okay«, sagte er. »Ich komm so um sieben bei dir vorbei.«
Und Bille war tatsächlich gekommen. Sie waren gemeinsam zu Fredrik gegangen. Und Martin, der seine Zusage schon fast wieder bereut hatte, schob alle Zweifel beiseite und lief mit Bille durch den Nebel, der inzwischen noch dichter geworden war. Er fühlte das feuchte Prickeln auf der Haut und hörte das Klirren in der Plastiktüte, die er trug. Es war ein irres Gefühl, dabei zu sein.
Der Film war gut. Ein bisschen brutal vielleicht, sehr brutal sogar, selbst Fredrik hatte es an den schlimmsten Stellen die Sprache verschlagen, aber sie hatten auch viel gelacht. Manche Sachen waren so grauenvoll gewesen, dass sie schon wieder komisch waren. Martin hatte keine Miene verzogen, als ob er den anderen beweisen wollte, dass er Ahnung hatte und ihnen in nichts nachstand. Und er hatte Bier getrunken. Das hatte er zwar früher auch schon getan, aber ...
Nicht in den Mengen.
Er hatte sich benebelt und berauscht gefühlt, als Nils auf die Uhr geschaut hatte und meinte, dass es höchste Zeit wäre, sich auf den Weg zu machen.
Beim Aufstehen hatte er leicht geschwankt. Fredrik hatte ihn angesehen und gesagt: »Na, Vetter, genug getankt?«
Martin hatte mit den Schultern gezuckt und gelacht. Ein lautes und dämliches Lachen, aber zu etwas anderem war er nicht in der Lage gewesen. Und dann hatte er gesagt: »Genug? Verdammt, ich hatte bloß nicht mehr Knete!«
Da hatte Fredrik sich auf die Tasche geklopft. »Warte ab, bis wir in der Straßenbahn sitzen!«
Und als die Straßenbahn kam und sie sich laut grölend und lachend hineingedrängelt und die hintere Bankreihe mit Beschlag belegt hatten, zeigte Fredrik, was er in der Innentasche seiner Jacke dabeihatte: Wodka. In einem Flachmann. Und Martin bekam auch etwas ab, zwei große Schluck, so groß, dass er zu husten begann. Danach wurde es noch nebliger, innerhalb und außerhalb des Straßenbahnwagens. Sie schwebten durch Åsen, die Stadt schien kaum beleuchtet, nur der Ringveien strahlte giftig gelb. Danach schossen sie durch Majorstua, den Tunnel und die Dunkelheit.
Als sie bei Stortinget ausstiegen, schwankte alles.
Am nächsten Tag konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wie sie von Stortinget ins Meyers gekommen waren. Sie waren unterwegs irgendwo reingegangen und da hatte er die anderen dann verloren. Er hatte eine ganz vage Erinnerung daran, dass er auf einer Bank hinter der Staatsbibliothek gesessen und sich den Arsch abgefroren hatte. Da war er allein gewesen. Es konnte natürlich auch sein, dass das bereits nach dem Meyers gewesen war. Da war er sich nicht ganz sicher. Er wusste nur noch, dass er plötzlich vor dem Eingang des schnupftabakbraunen Cafés gestanden hatte, das an den Wochenenden als Diskothek für die Unter-Achtzehnjährigen zur Verfügung gestellt wurde. Er hatte die Tür nicht aufbekommen und einen Augenblick lang geglaubt, es wäre geschlossen, als er drinnen das Dröhnen der Musik hörte und kapierte, dass er gezogen hatte anstatt zu drücken. Mit einem Mal öffnete sich die Tür wie von Wunderhand und Martin trat ein.
Drinnen war es ziemlich verqualmt, dichte Rauchschwaden füllten den Raum. Überhaupt ist das ein vernebelter Abend, dachte Martin und grinste hingerissen über seinen eigenen Wortwitz. Er sah verschwommene Gestalten, die sich durch den Nebel bewegten oder an den Tischen saßen; die quadratische Tanzfläche war momentan leer und glühte in violettem Spotlight. An der Theke drängten sich die Jugendlichen, irgendwo klingelte eine Kasse und aus der Küche drang plötzlich eine fettige Dunstwolke. Ein Mädchen mit weißem Gesicht und einem Pappbecher Cola in der Hand schoss an ihm vorbei.
Hinter der dunklen Scheibe an der Tanzfläche sah er den DJ an etwas herumfummeln, es flackerte kurz auf, danach war nur noch ein kleiner orangefarbener Punkt zu sehen: Der DJ hatte sich eine Zigarette angezündet. Das hieß, dass jetzt Pause war, folgerte Martin clever. Darum wurde auch gerade keine Musik gespielt. Schlau kombiniert. Gelbe und weiße Lichtflecken schoben sich träge über die leere Tanzfläche, während aus den Lautsprechern langsame sphärische Musik tröpfelte. Nichts zum Tanzen. Pause. Aha, dachte Martin. Und fragte sich, wo die anderen abgeblieben waren.
Er bahnte sich einen Weg bis zur Theke.
Wusste plötzlich in seinem Rausch, dass sie ihm nichts ausschenken würden, wenn sie merkten, wie voll er war.
Dabei war er eigentlich gar nicht so voll!
Nur ... nur so verzweifelt!
Als er den Gedanken zu Ende gedacht hatte, legte er ihn im hintersten Winkel seines Hirns ab. So ein Quatsch, er war doch überhaupt nicht verzweifelt!
Er riss sich zusammen und fokussierte den Mann hinter der Theke.
»Eine Pommes«, sagte er deutlich und ganz beiläufig. »Und eine Cola.«
Wo waren die anderen?
Bei dem Qualm und der spärlichen Beleuchtung über der Tanzfläche und der Theke war kaum was zu erkennen.
Er bekam eine Pappschale mit Pommes frites. Und eine Cola. Er schaffte es sogar zu bezahlen, fummelte das Geld aus der Tasche und legte es auf die Theke. »Da«, sagte er.
»Bitte schön.«
»Stimmt so«, fügte er noch hinzu, als der Mann hinter der Theke ihm das Wechselgeld rausgeben wollte.
Zwanzig Kronen Trinkgeld.
Na prima.
Er drehte sich um, die Pommes-frites-Schale in der einen Hand, und begann langsam und konzentriert zu essen. Hoffte, dass die Kartoffeln den Alkohol in seinem Magen aufsaugen würden. Aß sie bis auf den letzten Krümel auf, zerknüllte die Schale und legte sie hinter sich auf die Theke. Nahm einen Schluck kalte Cola. Wurde etwas lockerer, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Messingkante der Theke und nahm noch einen Schluck Cola, wischte sich über die Oberlippe und atmete aus.
Ob sie überhaupt hier waren?
Er blinzelte. Die Lichtbündel zerschnitten die Dunkelheit in kleine Stückchen. Bei dem Geflimmer war es unmöglich, jemanden zu erkennen. Er nahm noch einen Schluck. Hätte gern noch mehr von dem Zeug getrunken, das Fredrik dabeigehabt hatte. Vielleicht hätte das sein flatterndes Zwerchfell etwas beruhigt.
Er kannte hier niemanden und niemand kannte ihn.
So war es nun mal.
Die Cola tat gut. Ehrlich gesagt, war ihm ziemlich übel gewesen, bevor er die Pommes gegessen hatte. Bei dem Gedanken daran wurde ihm gleich wieder schlecht, also dachte er schnell an was anderes. Atmete so ruhig er konnte.
Lehnte sich gegen die Theke. Strich sich mit der Hand durchs Haar.
Der DJ sah durch die Scheibe nach draußen. Bestimmt dachte er, dass es jetzt langsam Zeit war, weiterzumachen. Martin hatte das Gefühl, als ob der DJ ihn fragend anguckte, also nickte er: Yes! Es ist Zeit, weiterzumachen! Martin Strøm ist startbereit!
Бесплатный фрагмент закончился.
