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Jens Rübner
AKTE „M-S-K“
Leipziger Geschichten
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
2015 – Auf ein Neues
Akte „M-S-K“
Einblick in die Szenen vergangener Zeiten
Der fahrende Oberförster
Aufgehoben
Farrokh Bulsara, der große Blender?
Ein Visionär aus Leipzig
Ein „Tastenficker“ in Leipzig
Passion. Power. Pole-Position
Man wird doch wohl mal träumen dürfen
Berufswunsch Henker
Leiden, Lubbe, Leipzig
Abschiedsdisco
Akte „Fan“
Der geheimnisvolle Ort
Tränen, Tote, Tötungsmaschine
Ungesühnte Verbrechen oder liebevolle Feindschaften
Mein Herz muss barfuß gehen
Kinopropaganda gegen unheilbar Kranke
Ein Stück ungeschöntes Leben
Das geheimnisvolle „M“
„Café Capa“ und Gerta, die „kleine Blonde“ aus Gohlis
Was wäre, wenn
Fernab der Großstadt
Schlüsselnummer 635
Formel 1 im Osten?
Rollende Bahngeschichte
Ein Schatz von Leipzigs Flohmarkt
Heimatkunde
Ein Löwe namens Jackie
Ein Schatz wird aus dem Archiv gehoben
In Bohmte sind die Igel los!
Jeden Tag ein Tänzchen
Das letzte Wort
Quellen
Weitere Bücher
2015 – Auf ein Neues
Leipzig – die Messe- und Handelsstadt steht 2015 im Zeichen von großen Jubiläen. Die Messe Leipzig feiert ihren 850. Geburtstag und die Ersterwähnung der Stadt jährt sich zum 1000. Mal.
Wie jedes Jahr, hoffen alle Menschen, dass es ein gutes wird. Manchmal erfüllt sich dieser Wunsch; manchmal müssen wir aber auch erleben, wie wir in unseren Bemühungen, vernünftig, friedlich und rücksichtsvoll miteinander zu leben um Jahre zurückgeworfen werden. Und auch derzeit schaut sich wohl kaum jemand mit gutem Gefühl die Nachrichten im Fernsehen an … und viele fragen sich, warum spielen die Menschen schon wieder solche wahnwitzigen Spiele, anstatt sich einzubringen für das gemeinsame Gelingen einer Welt, in der jeder Mensch in seiner Würde geachtet und in seinen Bedürfnissen ernst genommen wird.
So wünsche ich Ihnen von Herzen ein gutes Jahr, und dass Sie sich nicht entmutigen lassen, sondern mit guten Ideen dort einbringen können, wo Sie leben und wirken und sich Menschen finden, die sich ebenfalls einzubringen versuchen, damit es ein lebenswertes und zukunftsverheißendes Jahr wird.
Ich habe nicht im Kaffeesatz gelesen, um zu wissen, dass 2015 für mich ein gutes Jahr wird. Denn für mich gilt noch immer: Selbst ist der Mann. Der bedeutende Dichter Friedrich Hölderlin meinte einst: „Ein König ist der Mensch, wenn er träumt; ein Bettler, wenn er denkt.“ Träumen und Denken – das ist für mich das Salz des Lebens. Ich lasse es mir gutgehen, genieße ausdrucksstarke und inhaltsreiche Filme, ab und zu einen guten Tropfen, liebe meine Frau, arbeite, wenn ich Lust dazu verspüre, weiter an neuen Projekten.
Auf jeden Fall aber muss man als Leipziger viel erzählen. Wo auch immer man unterwegs ist. Über die Geschichte von ’89, die Kultur, den Brause-Klub RB, den Aufschwung und über die vielen positiv verrückten, kreativen Menschen in meiner Stadt. Ich glaube, die Mischung macht’s! Leipzig als kulturelles Top-Ziel für reisefreudige Menschen …
Trotz alledem ist auch Vorsicht, Aufmerksamkeit geboten. In Zeiten von PEGIDA, LEGIDA und anderen skurrilen Erscheinungen, sei es hinsichtlich fast als gezielt anzusehender Verblödungs-Formate im Unterhaltungsangebot mancher Fernsehsender, sei es im Blick auf die tagtäglich zu erlebende Überschüttung mit schrecklichen Ereignissen aus aller Welt, auf die der normale Bürger kaum Einfluss nehmen kann, sondern eher dazu gebracht wird, mit seinen etwas trotz allem ihn umgebenden Wohlstand dürftigen Verhältnissen zufrieden zu sein, sei es durch nicht Beachtung bestimmter kritischer Positionen und anderer Dinge.
Irgendetwas läuft hier falsch. Oder wie sagte schon Shakespeare: „Es ist was faul im Staate Dänemark“. Aber das musste man letztlich ja auch bei der NSU-Sache feststellen. Woran soll der Bürger sich noch zuverlässig orientieren? Ja, liebe Leute, werte Leser, so sieht die Realität aus.
Schon klar, dass ist eine Menge, und manches wird vielleicht im Reich der Träume bleiben. Aber zu träumen war schon immer nicht die schlechteste Voraussetzung für Veränderung.
Akte „M-S-K“
Ich habe mir mal etwas Zeit genommen um Ihnen den Begriff Akte etwas näher zu erläutern, denn nicht jeder ist eine ‚Sprachnudel‘, ein Wortakrobat, ein eingefleischter Deutsch-Lehrer, Pädagoge oder Dozent.
Das Wort Akte der Singular abgeleitet aus dem Lateinischen acta, deutet „die Geschehnisse“´ oder vielmehr „die Aufzeichnungen“ an. Die freie Enzyklopädie-Wikipedia, verrät weiter, dass Akte vom Wortstamm her auch, „das Vollbrachte, die Handlung“ ausdrücken, wiedergeben kann. Das Synonym, ein sprachlicher Ausdruck mit annähernd gleicher Bedeutung für das Wort Akte bezeichnet auch eine Niederschrift, ein Dokument, ein Schreiben.
In ‚meinem‘ Fall stehen die Kürzel, das M für Menschen, das S für Schicksale und das K für Kuriositäten. Ich möchte Sie hier und jetzt einladen, zu einem Streifzug durch Raum und Zeit. Erzählen von Geschichte und Geschichten über Menschen, Schicksale und Kuriositäten, die das eine oder andere geheimnisvolle Bild im „Kopfkino“ entstehen lassen.
Einblick in die Szenen vergangener Zeiten
Wir schreiben das Jahr 1950. Auf deutschen Boden existieren zwei Staaten, der eine unter der Kontrolle westlicher Demokraten, der andere unter dem Diktat der kommunistischen Sowjetunion. Im Februar besagten Jahres wird das Ministerium für Staatssicherheit gegründet und fünf Monate später beginnt die Ära des Leipziger „Spitzbartes“-Walter Ulbricht.
Am 4. Oktober erblickt in einem Leipziger Krankenhaus ein Junge, der auf den Namen Michael hören wird, das Licht der Welt. Michael Heubach wächst in Leipzig-Reudnitz zu einer Zeit heran, als die Stadt noch grau in grau und nicht multikulti durchwachsen ist. Es war die Zeit, als Videorekorder, Internet, Smartphone, CD, DVD oder auch USB-Stick noch Fremdwörter waren. Andererseits gehörte ein Kinobesuch in den 1950er Jahren zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Beliebt sind vor allem unterhaltende Filme wie Komödien, Musik- oder Liebesfilme. Erinnert sei an die Filmkomödie Alles für Papa, 1953 oder die Premiere des ersten DEFA-Farbfilmes im Dezember 1950 Das kalte Herz, der mit fantastischen Trickaufnahmen das Publikum begeisterte. Ich glaube, die meisten Menschen waren in dieser Zeit, fünf Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, zufrieden und glücklich. Peter Gotthardt, dessen Kompositionen „Geh zu ihr“ und „Wenn ein Mensch lebt“ durch den Film Die Legende von Paul und Paula einen Kultstatus erlangt haben, oder Frank Schöbel, einer der erfolgreichsten Schlagersänger der DDR, sowie „Tote Hosen“-Sänger Campino, haben familiäre Wurzeln in Leipzig. Wie schon erwähnt, ist auch Michael Heubach ein gebürtiger Sachse, ein Leipziger. Die Älteren kennen ihn noch als Keyboarder in verschiedenen Bands, als Komponist von „Du hast den Farbfilm vergessen“, „Wasser und Wein“ und „Tagesreise“, aus Sendungen des DDR-Fernsehens, von Aufnahmen des Plattenlabels AMIGA oder als den musikalischen Vater des deutschen Märchenfilms Die Geschichte vom goldenen Taler, 1985 sowie des Kinderfilms Die Weihnachtsgans Auguste aus dem Erscheinungsjahr 1988.
Es ist schon interessant, so ein Musikerleben, und selbstverständlich hat es auch eine eigene Vorgeschichte. So wie im Sport oder in der Mode, beim Film oder beim Fußball verdient auch nicht alles auf dem Gebiet der DDR-Musik, im tiefen See des Vergessens versenkt zu werden. So darf ich nun hier und jetzt an einen kreativen Kopf, einen Vollblutmusiker aus Saggsn-Leibzsch erinnern, der am 4. Oktober dieses Jahres seinen 65. Geburtstag feiert und damit offiziell Anspruch auf Regelaltersrente hat.
Im Westen hieß es Gig, im Osten sprachen wir eher von einer Mugge und meinten dennoch dasselbe – ein Musikalisches Gelegenheitsgeschäft.
Fernab von der großen Mehrheit gab es in der DDR, ich nenne es mal etwas lakonisch „eine Spezies von Menschen“, die auf der Suche nach einem Ventil waren, um dem Alltag im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat zu entfliehen. Anderssein als die anderen, das war’s? – aufbegehren, Flagge zeigen, Revoluzzer spielen. Ein Heranwachsender musste gegen etwas sein, sonst war er kein echter Junge …
Micha war so einer, er war anders als die graue Masse. Dies äußerte sich schon frühzeitig, denn Familie Heubach war eine durch und durch musikalische Familie. Die Mutter zielstrebig, resolut, wies Micha oft den Weg, hielt aber immer zu ihm, auch wenn sie zum wiederholten Male in die Schule bestellt wurde. Denn Micha war durchaus kein bequemer, ordentlicher Schüler. Jedoch nicht nur das musikalische Improvisationstalent, das man bei ihm schon frühzeitig erkannte, nein, auch sein musikalisches Talent überhaupt, das man brauchte und auch von Jahr zu Jahr mehr zu schätzen, zu achten wusste.
Der aufgeweckte Junge rebellierte anfänglich nur im Kleinen zu Hause, später, als die Veränderungen auch körperlicherseits spürbar und obendrein auch deutlich sichtbar wurden, sprich die pubertäre Phase anrollte, mit all ihren positiven und negativen Auswirkungen, bekamen dies zusätzlich die Lehrer und kurze Zeit später auch die gesamte Gesellschaft zu spüren. Oder anders ausgedrückt, wenn die Musik keinen so breit ausgefüllten Platz in Anspruch genommen hätte, wenn alles so weitergelaufen wäre, hätte er es mit Sicherheit zum „Al Capone des Ostens“ gebracht … Zum Glück kam es anders.
Die Älteren unter Ihnen erinnern sich sicherlich noch an die Zeit, als schon lange Haare und teilweise auch das Outfit, der Klamottenstil für Aufsehen oder Unbehagen bei einigen Menschen sorgen konnten. Es war die Zeit der „Kunden“, Tramper, Blueser, Punker, das sogenannte unterdrückte Jungvolk, das gegen die schnöde bürgerlich-spießige Welt aufbegehrte. Das Ausbrechen, das Entfliehen, das wahre Leben in der Musik zu finden versuchte. Dazu gehörten eben lange Haare, Bärte, Studentenkutten, Fleischerhemden, Tramper oder die legendären Jesuslatschen. So ging an den Wochenenden auf Dorffesten, in Hinterhöfen oder Kellern die Post ab. … Als ein gebürtiger Leipziger, der Herr „Niemand-hat-die-Absicht-eine-Mauer-zu-errichten“-Ulbricht, 1965 das Beatverbot durchsetzt, das alle Gruppen einschloss, die eine solche Stilrichtung verfolgten, beeinflusste dies auch Michas politische Haltung dem Staat gegenüber sehr stark. In Leipzig betraf das unter anderem die „Butlers“, aus denen dann nach erzwungener Umbenennung die „Klaus-Renft-Combo“ wurde.
1970 kurz vor Beendigung seines Studiums lernte Micha genau diese Band kennen, deren Namen er schon mal im Zusammenhang mit dem „Beat-Aufstand“ gehört hatte. Die Muggerei ließ sich mit seinem Studium vereinbaren, es war ja nicht mehr lang, bis er endlich ein „freier Mensch“ war. Diese Combo passte genau in die Zeit der „Kunden“ – Schlaghosen und Bärte waren angesagt und der Mann von Welt rauchte filterlose Zigaretten der Billigmarke KARO, die einen widerlichen Gestank in der Wohnung hinterließ und draußen als Unkrautvernichtungsmittel gut einsetzbar gewesen wäre.
1971 beendete Micha sein Studium an der Leipziger Musikhochschule und war offiziell als Keyboarder fortan Mitglied der Combo. Als elektronischer Tastenmusiker arrangierte er auch einen Teil der Originalfassung von „Wer die Rose ehrt“, das dem Interpreten „Cäsar“ alias Peter-Michael Gläser, der damals ebenfalls in der Klaus Renft Combo spielte, viel Geld und Ruhm einbrachte. Obwohl „Cäsar“ Michas künstlerischen Anteil mit keiner Silbe jemals erwähnte, war dieser trotzdem 2008 auf dem Leipziger-Südfriedhof zu dessen Begräbnis und habe ihm verziehen. „So ist es halt in der Kunst, wenn der eine gibt und der andere nimmt.“
Seine kurze Zeit mit der Renft-Combo bezeichnete Micha teilweise als sehr chaotisch. „Renft war eine, was Ordnung und Sauberkeit anbetraf, sehr unkonventionelle Band – und das ist noch sehr vorsichtig ausgedrückt.“ Aufgrund der textlichen Aussagen und des Bühnenverhaltens der Musiker wurde Renft im Frühjahr 1976 wieder einmal verboten. Jentzsch, Kuhnert und der Texter Gerulf Pannach gingen nach Westberlin. Schoppe folgte später. „Cäsar“ und Hohl gingen zur Gruppe „Karussell“, aber das nur nebenbei. Bereits ein Jahr später, 1972, wechselte Heubach zur „Bürkholz-Formation“, wo er bis zu deren Verbot 1973 blieb. Danach stieg er bei der „Horst-Krüger-Band“ ein und komponierte den Rockklassiker „Die Tagesreise“. Es war die Zeit der Siebziger – Ulbricht ging, Honecker kam. Ende Mai 1971 fand das erste Mal ein Dixieland-Festival statt, das fortan jährlich von Mal zu Mal mehr Besucher in die Elbmetropole Dresden lockte. Im Jahr 1974 kam ein Stück Westen in den Osten, seit dem 1. Februar durfte man offiziell Devisen besitzen und im „Intershop“ einkaufen.
Micha gründete im beschrieben Jahr die Gruppe „Automobil“, seine erste eigene Band. Man engagierte als Sängerin, die junge flotte Nina Hagen, die in der DDR ursprünglich Schauspielerin werden wollte. Da sie allerdings 1971 durch die Aufnahmeprüfung fiel, nahm ihr Lebensweg eine ganz andere Richtung. Die quirlige, lebensfrohe Nina hatte nicht nur eine berühmte Mutter (Eva-Maria, die Schauspielerin) und einen berühmten Vater (Regisseur Hans-Oliver Hagen) sowie einen Ziehvater namens Wolf Biermann – das Licht ihrer Herkunft ging Micha erst später auf. Nein, sie war auch eine heiße Flamme, hatte nicht nur große Augen und lange Beine. Sie konnte auch singen, texten, Pläne schmieden und vieles mehr.
Mit dem „Farbfilm“ landete Micha den nächsten großen Hit. Sie erinnern sich, im Refrain lautet eine Textzeile – Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael. Da Nina und Micha zu dieser Zeit tatsächlich ein Verhältnis hatten, darf man annehmen, dass Kurt Demmler, der deutsche Liedermacher und Texter, ihn als Vorbild für den „Michael“ nahm. Der Rest, was den Text betrifft, entstammt komplett dem Reich der Fantasie.
Vielleicht ist der Menge auf Anhieb nicht so bekannt, dass der Umgang mit Nina auf Dauer ganz schön anstrengend sein konnte. „Hatte sie montags eine Idee, die sie solange verteidigte, bis auch die anderen Gruppenmitglieder daran glaubten, wollte sie schon am Dienstag nichts mehr davon wissen, denn der nächste Einfall wartete bereits. Da gehörte schon viel psychologisches Einfühlungsvermögen dazu, um das auf die Dauer auszuhalten“. (Zitat: Michael Heubach – deutsche-mugge.de) Die Geschichte zeigt ja, dass die Zusammenarbeit mit ihr nicht von allzu langer Dauer war. 1975 verließ sie „Automobil“ und wechselte zu „Fritzens Dampferband“. Eine öffentliche Solidaritätsbekundung für den unbequemen Sänger, ihren Ziehvater, Wolf Biermann, der 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde, brachte Hagen ins Abseits, so dass sie am 28. Dezember des gleichen Jahres die Chance nutzte, in den Westen zu emigrieren. Zugegeben, die extrovertierte Musikerin ist nicht jedermanns Sache, doch Catharina Hagen, die jeder nur als Nina kennt, schaffte es neue Musiktrends zu setzen.
Eine sehr gelungene Ehrerbietung auf eine außerordentliche Persönlichkeit, der sich der Urheber so oder so immer noch verbunden fühlt, schrieb in einer Tageszeitung anlässlich ihres 60. Geburtstages (* 11. März 1955 in Ost-Berlin): „Liebe Nina, weißt du noch, als du mit 19 Jahren Schlager trällernd vor einer Bigband standst, als dich so ein Langhaariger ansprach und fragte, ob du nicht in seine Rockband einsteigen wolltest? Ich wusste damals, dass du neben einer Rockstimme auch einen Hang zum Komödiantischen hattest. Die Erfahrung mit ersten eigenen Texten kam dir später zugute. Schon deine Handschrift und deine Zeichnungen hatten einen unverwechselbaren Stil. Ich hatte den Einfall zu dem Song „Du hast den Farbfilm vergessen“, die Parodie auf den deutschen Schlager. Er galt für uns als Außenseiter, wollten wir doch als Rockband berühmt werden. Du wurdest durch ihn zum Popstar und der „Farbfilm“ ein Gassenhauer, der noch heute zum Kulturgut der DDR gehört. Du hattest viele Ideen, die sich aus materiellen und politischen Gegebenheiten nicht verwirklichen ließen. Nach der Ausbürgerung deines Ziehvaters Wolf Biermann folgtest du ihm nach, landetest in Westberlin und machtest mit einer exzellenten Band Punkmusik auf höchstem Niveau. Dabei schöpftest du alle stimmlichen Möglichkeiten aus. So wurdest du für viele Sängerinnen zum Vorbild. Europäische und amerikanische Bühnen waren dir nicht fremd und du teiltest sie mit prominenten Musikern. Du wurdest zu der ausgefallenen Persönlichkeit, die du noch heute bist. Mit zunehmender persönlicher Reife suchtest du nach deinem Ich. Dabei führten dich deine Wege durch verschiedene Länder, Philosophien und Religionen, die auch vor UFOs nicht Halt machten. Am Ende fandst du dich dort wieder, wo du glaubtest begonnen zu haben – beim Christentum. Mögen die kommenden Jahre deine kreativen Fähigkeiten, deine Fantasie und vor allem die Künstlerin in dir erhalten bleiben“.
Michas Wandern und die Suche nach dem ICH, ging weiter. Im Oktober 1975 wechselte er zur Dresdner Band „Lift“. Bei „Lift“ landete er gleich mehrere Erfolgstitel. Des Weiteren arrangierte er die „Tagesreise“ neu. Drei Jahre später, 1978 zog er von Leipzig nach Berlin. Dies war das Jahr, als der Sachse, unser Sigmund Jähn, als erster Deutscher mit dem Russen Bykowski ins All flogen. Doch bedauernswerter Weise geschah am 15. November 1978 bei Kalisz in Polen auch etwas sehr Trauriges, Unfassbares, das nicht nur in der Historie der Bandgeschichte „Lift“ für viel Leid und Kummer sorgte.
Plötzlich und völlig unerwartet klopfte das Schicksal an die eigene Tür, wird Micha von der Realität eingeholt: Während einer Tournee durch die Volksrepublik Polen kam es zu einem Autounfall, bei dem Michaels Kollegen Gerhard Zachar und Henry Pacholski tödlich verunglückten und er selbst, der am Lenkrad des Wagens saß, schwer verletzt wurde. Nach einem Jahr Genesungspause mit viel Reha und Physiotherapie kehrte Micha ins viel beschriebene zweite Leben zurück. Es war im 30. Jubiläumsjahr der DDR. Viele Künstler hatten mittlerweile das Land verlassen oder erhielten wegen zu kritischer Äußerungen Auftritts-Berufsverbot. Einige Ostkünstler und ihre Lieder schafften es aber auch nach Drüben, zu Konzerten oder gar auf Westplatten (Puhdys, City oder beispielsweise Karat). Andere Künstler wiederum schafften es nicht einmal auf eine Single, geschweige denn auf eine Langspielplatte.
Micha spielte und komponierte nach seiner Genesung und in der Folgezeit noch für Veronika Fischer und Ute Freudenberg. Bevor er 1984 nochmals für ein Jahr zu „Lift“, jener Band, mit der er am ehesten seine eigenen musikalischen Vorstellungen verwirklichen konnte, zurückkehrte.
Das Lied „Am Abend mancher Tage“ der Gruppe „Lift“ in dem die tragischen Ereignisse von 1978 musikalisch verarbeitet wurden, stammt aus der Feder des damals 34-jährigen Rocktexters, Joachim Krause, die Musik dazu komponierte Wolfgang Scheffler. Der Titel hat in der DDR Musikgeschichte geschrieben und ist zugleich auch ein Beispiel dafür, wie man durch Musik Trauer verarbeiten und sogar neue Kraft daraus schöpfen kann.
Im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat deuteten sich nicht nur musikalisch Veränderungen an. Mitte der 1980er Jahre sendete der „Buschfunk“, dass ein Filmkollektiv an einer Dokumentation, einem Rockreport aus der DDR über die Musikszene im Underground recherchiert und arbeitet. Als der Film Flüstern und Schreien dann in die Kinos kam und gar auf den Filmfestspielen in Westberlin lief, da merkte man schon, dass hier was passiert beziehungsweise demnächst passieren wird. Kurze Zeit später gab die Berliner Bluesrockband „Engerling“ einen realen Einblick in die Szene jener Zeit. Mit dem Lied LEGOLAND vermittelte sie wie kaum eine andere die Atmosphäre während der (Wieder-) Vereinigung; es interessierte die Welt leider nur nicht, weil es wohl auf Deutsch interpretiert wurde.
Ob von der DDR-Rockmusik etwas bleiben wird, das eventuell kreative, junge Bands musikalisch beeinflussen könnte? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, da es auch eine Generationsfrage, ein Generationsproblem ist. Doch was ich definitiv sagen kann, dass es auch in der DDR Musik Musiker und Bands gab, die versucht haben, das Lebensgefühl musikalisch widerzuspiegeln, und damit meine ich nicht nur die Unzufriedenheit mit dem System. Denke ich an die lyrischen Texte, die durch Alltagspoesie ersetzt wurden, durch Liedermacher wie Demmler, Gruppen wie City, Lift, Silly oder Pankow.
Der 64-jährige Michael Heubach, der heute in Berlin-Mitte wohnt ist seinem Beruf, seiner Berufung treu geblieben. Er ist zwar nicht mehr live präsent, arbeitet jedoch weiterhin als Komponist und freier Musikproduzent.

Portrait Michael Heubach
Der fahrende Oberförster
Wenn man es ganz genau nimmt, muss die Geschichte der frühen Luftfahrt umgeschrieben werden. Denn ein sächsischer Luftfahrtpionier erfand, lange vor Graf Zeppelin, das erste lenkbare Luftschiff, und zwar mit sehr bescheidenen finanziellen und technischen Möglichkeiten. Leider ist dies in der Öffentlichkeit recht unbekannt.
Dass Graf Zeppelin der Erfinder ist, denken viele, weil dieser Luftschiff-Typ ein riesengroßer Erfolg war. Somit wird der Begriff „Zeppelin“ heute häufig synonym als Gattungsname für alle Arten von Luftschiffen angewandt. Richtig ist aber, dass bereits 21 Jahre zuvor, also 1879, der königlichsächsische Oberförster und „Freizeit-Aeronaut“, Ernst Georg August Baumgarten, aus Johanngeorgenstadt im Westerzgebirgees mit seinem fünften ausgeklügelten eiförmigen und circa zwanzig Meter langen Luftschiff schaffte, vom Boden abzuheben und somit der wirkliche Erfinder des lenkbaren Luftschiffes war. Sowohl diesen als auch in dem Zusammenhang unbedingt nennens- und erwähnenswerten anderen sächsischen Luftschiffpionier, Dr. Friedrich Hermann Wölfert, einen Verlagsbuchhändler aus Leipzig, kennt heutzutage ebenfalls kaum noch jemand. Beide wurden in ihrer Zeit verkannt, weil ihre Gedanken zu weit vorauseilten.
Der königlich sächsische Oberförster Baumgarten hatte, damals unvorstellbar, autodidaktisch die konstruktive Lösung des lenkbaren Luftschiffes gefunden. Seine ersten erfolgreichen Aufstiege mit seinem „Flügelluftschiff” fanden 1879 in Grüna (heute ein Stadtteil von Chemnitz) statt. Im gleichen Jahr traf er mit Dr. Wölfert zusammen. Begeistert von Baumgartens Luftschiffideen bot er finanzielle Hilfe und Zusammenarbeit an.
Ermutigend waren die erfolgreichen Aufstiege in Leipzig und Berlin, leider gab es auch immer wieder Rückschläge. So untersagte 1881 Baumgartens vorgesetzte Behörde, alle weiteren „unsinnigen Luftschiffexperimente“ zu unterlassen, und entließ ein Jahr darauf den heimlich Forschenden aus dem Amt. Nachdem er in einer Auseinandersetzung, in der es um seine Luftschiffe ging, zum Gewehr gegriffen hatte, wurde er im Januar 1883 in die Landesirrenanstalt Colditz eingeliefert. Man erklärte ihn kurz gesagt für geisteskrank. Wenig Zeit später musste Baumgarten erleben, wie seine verarmte Familie, Frau und acht Kinder, unter Vormundschaft gestellt wurden. Im Alter von 47 Jahren starb er mittellos, verkannt und depressiv in der Nervenheilanstalt in Zschadraß bei Colditz.

Das lenkbare Luftschiff
Dr. Wölfert – Holzstich von 1896
Wölfert führte die Arbeiten kurzzeitig allein weiter. Erst die Zusammenarbeit mit dem deutschen Ingenieur, Konstrukteur und Industriellen, Gottlieb Daimler, dem Erfinder des Benzinmotors und des ersten vierrädrigen Kraftfahrzeuges mit Verbrennungsmotor, der über einen Zeitungsartikel auf Wölfert aufmerksam wird, brachte schließlich einen weiteren Erfolg. Fortan fahren Wölferts Luftschiffe mit dem dringend benötigten Daimler-Benzinmotor. Am 12. Juni 1897 stirbt auch er beim Absturz seines neuen Luftschiffs „Deutschland“.
Wölferts Ideen greift Ferdinand Graf von Zeppelin auf und wird später der Begründer des Starrluftschiffbaus, seiner Zeppeline. Als dann gar seine Luftschiffe in den 1930er Jahren mehrmals im Jahr als Post- und Passagierluftschiffe eingesetzt und benutzt werden, sind die Namen Baumgarten und Dr. Wölfert längst in Vergessenheit geraten.
Doch die Welt-Geschichte verweist auf weitere Luftschiff- Bezüge zu meiner Heimatstadt. Als Luftschiffhafen und Fliegerstation wurde der Flughafen Leipzig-Mockau am 22. Juni 1913 eröffnet. Zur Einweihung der bis dato größten Luftschiffhalle der Welt reiste eigens Graf Zeppelin von Potsdam kommend, mit dem Luftschiff LZ 17 „Sachsen“ an, wo er vom sächsischen König Friedrich August III erwartet wurde. In den Jahren danach starteten von hier einige hundert Zeppeline und Flugzeuge. Somit war Leipzig-Mockau zudem weit über die 20er Jahre hinaus das mitteldeutsche Luftdrehkreuz.
In Anlehnung an die nur circa 100 Meter von der jetzigen Glashalle der Neuen Leipziger Messe entfernte, einst befindliche, größte Luftschiffhalle der Welt und eben auch an den Leipziger Hauptbahnhof wählten die Messe-Architekten das gläserne Halbrund.
Aufgehoben
Geschichte und Geschichten um das Phänomen Zeit. Nicht in dem Sinne „alte Zeit“, sondern: dass mal etwas gewesen ist, was nicht mehr da ist. Also nicht die Vergangenheit – die Vergänglichkeit, dies interessiert und fasziniert mich.
An einer ganz besonderen Geschichte möchte ich Sie teilhaben lassen. Eine Alltagsgeschichte, die als Notizen einer Leipziger Schrankenwärterin daherkommt, welche nach 1945 ihre Tagesabläufe auf Fahrkarten, Lotteriescheinen und Zetteln notierte. Ein halbes Arbeiter-Leben lang hatte Martha Lehmann, die Mutter dreier Söhne, auf ihrem einsamen Posten inmitten der Kleinstadt Taucha ihren Dienst getan. Tagtäglich und präzise wie ein Uhrwerk erfüllte die Schrankenwärterin auf ihrem Posten 46 (Überweg Graßdorfer Straße) ihre Pflicht.
Früher kannte man noch den Schrankenwärter, der die Schranken mit der Hand nach oben oder unten kurbelte – heute so gut wie verschwunden. Ein Glockenwerk kündigte durch eine unterschiedliche Anzahl von Schlägen das Dampfross von A nach B und B nach A an. Ein Blick auf die 50er Jahre aus einem Schrankenwärterhäuschen in Ostdeutschland – am Stadtrand von Leipzig. Hier hat sie, die Arbeiterin, Trümmerfau und Eisenbahnerin das vergangene Jahrhundert erlebt und durchlitten. All die Jahre, die sie lebte und ihren Dienst an der Bahnstrecke versah, gab es eigentlich nichts Besonderes an ihr – der bescheidenen alten Frau. Nun ist sie tot (1888 - 1971) und niemand hat sie nach ihrer Erinnerung befragt.
Als sie starb, hinterließ sie jedoch etwas Bemerkenswertes – eine Sammlung eigenartiger Aufzeichnungen. Denn wenn ihr Arbeitsalltag seine stillen Minuten hatte, nahm sie gelegentlich einen Zettel und schrieb darauf, was die Zeit gerade so brachte und was ihr Gemüt bewegte. Und weil sie das über Jahrzehnte beharrlich tat, sind es sehr viele Zettel geworden. Das winzige Format beschränkte ihre Aufzeichnungen auf wenige Worte. So dass auf diesen Zetteln nur das steht, was ihr, Martha Lehmann, wichtig genug schien, festgehalten zu werden. Ein Beispiel: 7. Juli 1952, Posten 46, Taucha. Einige Tage sehr heißes Wetter. Himbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren, eine Pracht! Von den 12 Küken sind 7 Hähne. Hoffentlich kommt kein 3. Krieg. (Vgl.: Dokumentarfilm „Martha Lehmann“, Peter Voigt, 1972)
Aufgehoben, im wahrsten Sinne des Wortes hat sie unzählige Papierschnipsel – Rückseiten von Einzahlungsbelegen für Miete oder Solidaritätsspenden – auf denen sie über Jahre ihre Gedanken festgehalten hat, das, was ihren Alltag ausmachte und das, woran sie sich erinnerte. Dies wiederum war dem Dokumentaristen Peter Voigt († 12. März 2015 in Berlin) einen Kurzfilm wert. Im Jahre 1971 entstehen einfache, klare Bilder, in dem das Leben und ihr Charakter, durch Kargheit sichtbar werden.
Heute erinnert dieser fast in Vergessenheit geratene Dokumentarfilm „Martha Lehmann“ an eine verschwundene Gesellschaft und an eine Biographie, die von ihr geformt wurde. Als Gedächtnismedium bewahrt er Vergessenes und fordert zum Erinnern heraus. In keinem anderen Genre, hätte man über diese Frau einen Film gemacht. Da man sie wohl kaum irgendwo anders als bildgewaltig eingestuft hätte.
Martha Lehmann erlebte die Premiere des Filmes im April 1972 leider nicht mehr.
Farrokh Bulsara, der große Blender?
So absurd es für einige klingen mag, ich gehe gern auf Friedhöfen spazieren, besonders auf der mit 78 Hektar größten Friedhofsanlage in Leipzig, dem Südfriedhof, der zu Recht als einer der größten und schönsten Parkfriedhöfe in Deutschland zählt. An diesem Ort kann man bei einem Spaziergang so herrlich seinen Gedanken nachhängen, die Seele baumeln lassen und so viel Normales entdecken, wenn man die Augen aufmacht und sich die Zeit dafür nimmt. Plötzlich sieht man den Marienkäfer, der ein Blatt nach Läusen absucht, oder findet die Ameise, die an einem Stielchen hochkrabbelt, und nur ein paar Meter weiter entdeckt man auf einem Grabstein in Form eines Notenschlüssels eine kleine Eidechse, die sich auf ihm sonnt.
Diese Ruhe, diese Stille, dieses Zurückfahren, Besinnen aufs Wesentliche – herrlich und gar nicht makaber! Der Besuch von Friedhöfen ist auch immer ein Blick in die Vergangenheit, in die Geschichte. So erinnere ich mich an frühere Zeiten, als in den 1970er und 1980er Jahren ein Mann und seine Band in der Musikbranche für Begeisterung sorgten und viele bis dahin bestehende Rekorde brachen. Auf dem Heimweg besuchte ich das neu erschaffene Trauer-Cafe am Südfriedhof, einen besonderen Ort der Einkehr, das aus dem ehemaligen Pförtnergebäude am Westtor zum Leben erweckt wurde. Bei einem Stück selbst gebackenen Mohnkuchen und einer frischen Tasse Kaffee ließ ich meiner Erinnerung freien Lauf.
Vor langer Zeit lebte ein Junge mit dem Namen Farrokh Bulsara. Farrokh bedeutet „glücklich und froh“. Diese Vorzüge wünschte ihm jeder, als er zur Welt kam. Bulsara war der Name der Familie, in die er geboren wurde. Seine Ahnen hatten in der Stadt Bulsar gelebt. Einer von ihnen, ein Magier, zauberte Farrokh in dessen Geburtsstunde als Geschenk einen Stern an den Himmel, den Stern Mercury. Er sollte dem Jungen sein ganzes Leben zur Seite stehen.
Zu den hübschesten Menschen auf diesem Planeten gehörte er nicht, dafür sorgten sein Zahnstand sowie sein hervorstehendes Gebiss, eines seiner Markenzeichen, für das er sich aber zeit seines Lebens schämte. Aus Angst, es könnte seine Stimme, seinen Gesang beeinflussen, ließ er es aber nicht korrigieren. Trotz dieses kleinen Makels schaffte es der schüchterne Junge von der Tropeninsel, eine Legende zu werden. Seine Musik, seine Stimme, sein Auftreten, seine Bühnenpräsenz verhalfen ihm dazu. Bis heute (2015) – vierundzwanzig Jahre nach seinem Tod – schwören ihm Millionen Fans ihre Treue. Ihnen allen widme ich diese Geschichte.
Freddie Mercurys Leben glich einem Märchen, ja, das kann man von außen so sehen, so beschreiben. Aber wir alle wissen: Letztendlich fordert jedes Märchen zum Nachdenken auf – jeden, der es liest oder hört! Er war eine ganz GROSSER, einer der bedeutendsten Rocksänger der 1970er und 1980er Jahre. Er wurde als Mitbegründer, Komponist und Leadsänger der Band „Queen“ weltbekannt. Beruhigend: Auch er fing einmal ganz KLEIN an … 1958, mit ungefähr zwölf Jahren wurde er Mitglied der aus fünf Musikern bestehenden Band „The Hectics“, deren Auftritte vor allem im Rahmen von Schulveranstaltungen stattfanden. Eine kleine Ewigkeit später gelang ihm mit der britischen Rockband „QUEEN“ der internationale Durchbruch. Von da an ging es fast nur noch bergauf und fortan füllte er, die „singende Geldmaschine“, bei seinen Tourneen die größten Konzerthallen und Stadien der Welt.
Freddie Mercury war mysteriös und rätselhaft, ein Mensch, der über die Grenzen hinausging. Er liebte es, mit relativ häufig wechselnden verschiedenen Partnern oder parallel mit mehreren Partnern sexuelle Kontakte einzugehen, was ihm letztendlich zum Verhängnis wurde. Er infizierte sich mit dem Aids-Virus und starb am 24. November 1991 in seiner Londoner Villa an den Folgen einer Lungenentzündung.
Freddie hasste es, Interviews zu geben und Songtexte zu schreiben. Ein fast schüchterner Mann, der auf der Bühne zum Orkan wurde. Vor allem aber war er eine der charismatischsten und facettenreichsten Figuren des britischen Rock: Er war eine Persönlichkeit – zugegeben, keine normale … Er war sehr frivol und amüsierte sich gern. Und wo ginge das besser als vor einer Masse von Leuten, während eines Konzertes. Da lief er zu Hochform auf, liebte den Kontakt mit dem Publikum (aber wehe, wenn es nicht mitspielte). Vielleicht rührte es daher, dass auch er mal ein Fan war, ein Fan vom „Gitarren-Gott“ Jimi Hendrix. Der hatte ihm in seinem Konzert gezeigt, wie man mit Publikum umgeht, dass alles möglich ist. Wenn Freddie auf der Bühne stand und performte und seine Show abzog, hatte man das Gefühl, man wäre ein Teil dieses leicht tuntigen abgedrehten Spektakels, über das sich manche Leute so aufregten. Wer im Publikum war, dem gab der „Meister“ das Gefühl, zu den Auserwählten zu gehören.
Andere sagen über ihn, er wäre ein großer Blender, ein Heuchler gewesen, wie er es eindrucksvoll und überzeugend im Video zu „The Great Pretender“ darbietet: „ … tue so, als ginge es mir gut. Bin einsam, aber keiner merkt es. Zu wahr ist dieses Gefühl, in einer Scheinwelt zu leben. Zu wahr, wenn ich fühle, was mein Herz nicht verbergen kann … “
Für mich persönlich war er mehr als nur der Frontmann der erfolgreichen Band. Mercury machte mehr als nur Rockmusik. So tanzte er 1979 für ein Wohltätigkeitskonzert mit dem Royal Ballet, trat mit seiner Band „Queen“ im Juli 1985 beim bis dahin größten Rockkonzert der Geschichte auf – Live Aid war der Name des Benefizkonzertes. Zwei Jahre später sang er das Lied „Barcelona“ mit der spanischen Operndiva Montserrat Caballé, zu Ehren der Olympischen Sommerspiele 1992. Des Weiteren arbeitete er an einem Album mit dem zwölf Jahre jüngeren Michael Jackson, dass nie veröffentlicht wurde. In München nahm er sein Solo-Album „Mr. Bad Guy“ auf, das sich zu seiner großen Enttäuschung schlecht verkaufte.
Er hatte nicht viele echte, wahre Freunde, er machte viel mit sich alleine aus, vielleicht zu viel. Seine Musik war dem Anschein nach einer seiner besten Freunde. In einem Interview sagte er einmal, dass er kein John Lennon sei, der eine Message für die Menschheit habe. Er habe nur ein Gefühl, aus dem heraus er seine Lieder schreibe: LIEBE.
Der Song, „Bohemian Rhapsody“, der 1975 von Freddie Mercury geschrieben wurde und in poetischer Weise das Coming Out des Künstlers beschreibt, war in Europa wie in den USA überaus erfolgreich. Die Single verkaufte sich weltweit über fünf Millionen Mal und wurde der erste Nummer-Eins-Hit von „Queen“. Seine Fans liebten und lieben ihn mit und ohne „Queen“. Wie lautet eine Textzeile in „Bohemian Rhapsody“ so treffend: „Is this the real life, is this just fantasy?” – Ist dies das wirkliche Leben oder ist es bloß Phantasie?
Die Zeit ist vergangen, ich muss mich langsam auf den Heimweg machen, Stück für Stück wieder ins wirkliche Leben zurückkehren, ins Hier und Jetzt, diese Erinnerungen hinter mir lassen. Eines steht aber für mich persönlich fest, von den „Höfen des Friedens“ mit ihren aufwendig gestalteten Grabsteinen, alten Grabanlagen oder den historischen Friedhofskapellen geht allemal eine eigene, besondere Faszination aus, die meine Gedanken und Erinnerungen schweifen lassen. Die Spekulationen um Freddie gehen selbst nach seinem Tod weiter. Die britische Tageszeitung „Mirror“ gab Anfang des Jahres 2012 bekannt, dass auf dem Friedhof eines Londoner Krematoriums eine Gedenktafel mit seinem bürgerlichen Namen an einer Säule entdeckt wurde. Der 2010 gestorbene Lebensgefährte Mercurys, Jim Hutton, glaubte dagegen, dass sein Freund auf dessen Grundstück in der Garden Lodge in Kensington beerdigt wurde. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich seine letzte Ruhestätte am Fuße des Kirschbaums befindet, um alles überblicken zu können“, sagte Hutton 1994. Und wieder andere munkeln, dass die Asche auf die Insel Sansibar, Mercurys Geburtsort, überführt wurde. Ferner gibt es Gerüchte, dass sie aber in Montreux in den Genfer See gestreut wurde. Das soll auch der Grund sein, warum an dieser Stelle eine überlebensgroße Statue des Musikers steht, die ihn in bekannt starker Pose zeigt. Diese Statue existiert wirklich.
Ein guter Freund und eingefleischter Queen-Fan besuchte im Frühjahr 2015 die Stadt London und fand tatsächlich im Londoner Stadtteil Kensal Green, die Stele mit den besagten Hinweisen auf einer angebrachten Tafel. Er stellte mir folgendes Foto zur Verfügung.

Foto: Kai Heimann, April 2015
Die Inschrift auf der Tafel lautet ins Deutsche übersetzt: „In liebender Erinnerung an Farrokh Bulsara. 5 Sept. 1946 – 24. Nov. 1991. Um dir immer mit all meiner Liebe nahe zu sein.“ Signiert ist die Widmung allein mit „M.“ Mercurys Geburtsname und seine Lebensdaten stimmen. Mit „M“ ist mit höchster Wahrscheinlichkeit seine Freundin Mary Austin gemeint, Freddie nannte sie „seine Frau“ und hinterließ ihr sein zig Millionen Euro teures Anwesen in Kensington und einige Rechte an seinen Songs.
Wahrheit, Aberglaube, Spekulationen hin und her. Er war, er ist und wird immer ein außergewöhnlicher Künstler und Mensch bleiben, der mit seiner Musik polarisierte und berührte. Nur mit ihr gelang es ihm, in unbekannte Welten zu fliegen, in Weiten vorzudringen, wo sie ihn liebten, achteten und Respekt zollten. Eine Legende, die bis heute unvergessen ist. DANKE, FREDDIE!
Ein Visionär aus Leipzig
„Sachsenhöhe“, „Sächsischer Hof“, „Sächsischer Modellbau“ oder die „Sachsenklinik“. Sachsen im Stadtbild, in Straßennamen, alten und neuen Unternehmensbezeichnungen. Doch um derartige Dinge soll es hier gar nicht gehen, sondern um einen Sachsen. Genau genommen um Friedrich Gottlob Hoffmann (1741 - 1806).
Es ist nicht verwunderlich, wenn Sie den Namen (noch) nicht kennen, denn die Arbeit des Leipziger Kunsttischlers ist der breiten Masse bisher nicht bekannt. Dabei ist sein Leben und Wirken allemal interessant und ein Teil der sächsischen und vor allem Leipziger Geschichte.
Der spätere Kunsttischler ist auf dem Rittergut Puschwitz bei Belgern in Sachsen geboren und kommt 1758 als 17jähriger Tischlergeselle nach Leipzig. Währenddessen findet er im Barfußmühlhaus auf dem Fleischerplatz vor dem Ranstädter Tor Unterkunft. Der Sachse entwickelt sich schnell zu einem Propheten des neuen Stils: Er wandelt die nach französischem Vorbild entworfenen Barock- und Rokokomöbel um, indem er den Protz reduziert und nach englischem Vorbild einfacher und klassischer gestaltet. So nimmt er beispielsweise schlichtes Birnbaumholz, wertet es optisch durch edle Furnierung auf. Damit genügt es repräsentativen Ansprüchen, schont aber den Geldbeutel. Dies kommt bei den solventen Bürgern gut an.
Im 18. Jahrhundert gibt es noch keine Versandhäuser, die Möbel nach Hause liefern. Das bringt den Leipziger Kunsttischler Friedrich Gottlob Hoffmann auf eine Idee. 1789 lässt er den ersten Möbelkatalog im deutschsprachigen Raum drucken und bringt ihn während der dreimal im Jahr stattfindenden Messen an den Mann. Was wir heute als selbstverständlich hinnehmen, war zur damaligen Zeit ein absoluter Coup. Die aufwendig illustrierten Verzeichnisse kosteten in der Herstellung zwischen ein bis drei Taler. Doch anders als heute wanderten diese nicht kostenlos in die Briefkästen der Kunden, sondern konnten gegen bar gekauft werden. Dieser Schachzug machte Hoffmann zu einem der erfolgreichsten deutschen Möbelhersteller.
Eine weitere geniale Idee war, dass Hoffmann, anders als zur damaligen Zeit üblich, auf Vorrat produzierte und nicht nur einzelne Auftragsstücke anfertigen ließ. In seiner Werkstatt am Thomaskirchhof, nahe seinem neuen Familienheim erfand er immer wieder neue Funktionselemente und ging dabei vor allem auf die Bedürfnisse seiner Kunden ein. Seine hilfreichen Methoden, Verfahren und Handlungsoptionen sind groß. Elegant sind seine Werke und haben das gewisse Etwas. So wirkt beispielsweise eine vermeintliche Kommode nach außen weltmännisch repräsentativ. Doch wer sie öffnet, findet im Inneren, höchst privat und intim, Bad, WC und Bidet. Die verborgene Raffinesse – ein Markenzeichen von Friedrich Gottlob Hoffmann.
Hoffmanns fortschrittliche Arbeitsweise und der weltumspannende Ruf der Leipziger Messestadt brachten ihm zahlreiche Kunden sowohl im Bürgertum als auch aus dem Adel. Ja, selbst der Dichterfürst von Goethe kaufte bei ihm. Doch heute wie auch damals hat alles seine zwei Seiten. So hatte Tischlermeister Hoffmann nämlich auch Widersacher unter den Handwerkern in der Stadt der Linden und immerzu Ärger mit der Leipziger Tischlerinnung. Man warf ihm unter anderem vor, dass er sich nicht an die (Spiel)Regeln hält und auch mehr Gesellen beschäftigte, als erlaubt waren.
Abhilfe schuf seine Ernennung zum „chursächsischen Hoftischler“, die ihn fortan von allen Einschränkungen befreite.
Ich hatte das große Glück, mich im Grassi-Museum für angewandte Kunst vor Ort im Rahmen einer Sonderausstellung über die Visionen und die Kreativität des Hoftischlers und Unternehmers Friedrich Gottlob Hoffmann überzeugen zu dürfen. Zumal sich ein großer Teil der Exponate in Privatbesitz befindet und bisher noch nie öffentlich zugänglich waren.
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