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Der letzte Funke Licht

1. Auflage, erschienen 5-2021

Umschlaggestaltung: Romeon Verlag

Text: Jana Pöchmann

Layout: Romeon Verlag

ISBN (E-Book): 978-3-96229-809-8

www.romeon-verlag.de

Copyright © Romeon Verlag, Jüchen

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Jana Pöchmann

Der letzte Funke Licht

Für meine Oma, die immer für mich da war und mich immer unterstützt hat.

Ehringshausen 2021 - Jana Pöchmann

Kapitel 1

Es war Freitag und wir hatten nur noch zehn Minuten Unterricht. Eigentlich mochte ich Freitage immer sehr, denn danach stand das Wochenende vor der Tür. Aber seit diesem Schuljahr hasste ich Freitage. Warum?

Wir hatten in den letzten beiden Stunden Deutsch, und wenn ich ein Fach wirklich aus tiefstem Herzen verabscheute, dann war es DEUTSCH!

„Avery, komm bitte an die Tafel und sag uns, was du bei der letzten Aufgabe hast“, rief mich meine Lehrerin an die Tafel. Wir hatten auch seit diesem Jahr eine neue Deutschlehrerin, da unsere vorherige schwanger geworden war.

Unsere neue Lehrerin hieß Frau Meier und konnte mich nicht leiden. Ich war mir todsicher, dass sie mich nicht leiden konnte. Sie wusste genau, dass ich eine Niete in Deutsch war und dann rief sie mich immer wieder an die Tafel - so wie jetzt - und ich konnte mich vor der ganzen Klasse in Grund und Boden schämen. Unser neues Thema war Kommasetzung. Ich konnte ein Augenrollen nicht unterdrücken. Dies sah meine Lehrerin zum Glück nicht.

Ähm, was bei der letzten Aufgabe hinkommt? Gute Frage. Ich musste wie immer, wenn ich vor der ganzen Klasse stand, raten. In 20 Prozent der Fälle lag ich richtig, da es meistens nur Fragen waren wie: Kommt dort ein Komma hin oder nicht? Dieses Mal war es zum Glück auch wieder so eine Aufgabe. „Dort kommt kein Komma hin“, sagte ich zögernd zu der Klasse.

„Richtig Avery, kannst du uns auch sagen, warum?“, fragte meine Lehrerin mich. Das hasste ich, diese eine Frage, die mich noch mehr blamierte, als wenn ich falsch lag.

„Ähm, weil dort ein ‚und‘ steht?“, sagte ich zu meiner Lehrerin. Es war aber eher eine Frage und das bemerkte sie sofort.

„Bist du dir sicher?“, fragte sie mich wieder. „Ja, das bin ich, dort kommt kein Komma hin!“, antwortete ich mit fester Stimme und sah ihr dabei direkt in die Augen.

„Richtig Avery. Vielleicht wirst du doch irgendwann mal besser in Deutsch“, sagte sie zu mir und das ging wirklich zu weit! Die ganze Klasse, außer meiner Freundin Sky, fing an, zu lachen. Aber wenn ich jetzt irgendetwas sagen würde, gäbe das nur wieder mehr Ärger. Also ließ ich das Gelächter der ganzen Klasse über mich ergehen.

„Bearbeitet als Hausaufgabe bitte die Seiten 145 und 146 im Buch. Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende“, hallte die Stimme meiner Deutschlehrerin Frau Meier durch den Raum. Endlich war Wochenende.

Ich würde morgen mit meiner Mutter zum See fahren, schwimmen gehen, wir würden uns gegenseitig Witze erzählen, angeln gehen und ein leckeres Picknick machen.

„Hey, sehen wir uns so um drei Uhr bei dir?“, fragte meine beste Freundin Sky. Sie war nicht nur meine beste Freundin, sondern auch meine einzige. Ich hatte schon immer Probleme gehabt, Leuten zu vertrauen und mich anzufreunden, da ich generell eher zu den schüchternen Schülerinnen gehörte.

Aber mit Sky war das alles ganz leicht. Wir lernten uns schon im Kindergarten kennen und von der ersten Sekunde an waren wir unzertrennlich. Es fühlte sich toll an, eine Freundin zu haben, mit der man über alles reden konnte. Sie war genauso wie ich: nett, lustig und verrückt. Das liebte ich an ihr.

„Klar, wir haben noch ein Stück von dem leckeren Erdbeerkuchen von gestern übrig. Vielleicht lasse ich ja ein Stück für dich übrig“, antwortete ich und konnte ein Grinsen nicht verbergen.

„Hey, wehe, wenn du alles aufisst, dann bekommst du nie wieder was von meinen leckeren Muffins ab“, konterte sie. Die Muffins, die ihre Mutter immer backte, waren so lecker, so süß und sahen auch noch perfekt aus. Das Risiko konnte ich nicht eingehen.

Wir drückten uns noch einmal und verabschiedeten uns. Als ich den Weg zum Parkplatz der Schule einschlug, fiel mir ein Schatten hinter der Cafeteria auf. Ich hatte, obwohl ich schon sechzehn Jahre alt war, eine sehr blühende Fantasie und das ungute Gefühl, beobachtet zu werden. Deswegen lief ich ein bisschen schneller zum Parkplatz, wo mich meine Mutter immer abholte. Der Schatten war immer noch hinter mir und jetzt hörte ich hinter den Büschen auch noch Geräusche.

Ich bekam es langsam mit der Angst zu tun. Da kam eine Gestalt aus dem Busch.

Sie war schwarz gekleidet und sah aus, als ob sie ein Messer in der Hand hätte. Da sie direkt auf mich zuging, fing ich an, um Hilfe zu schreien, aber es war weit und breit niemand auf dem Parkplatz, geschweige denn auf dem Schulhof zu sehen.

Die Gestalt kam immer näher. Endlich sah ich ihr Gesicht. Vor mir stand eine Frau.

Sie hatte schon ein paar Falten im Gesicht und ein paar graue Haare. Als sie direkt vor mir stand, sah ich, dass das angebliche Messer in ihrer Hand nur ein kleiner Regenschirm war. Da hatte ich ja nochmal Glück gehabt.

Ich schätzte die Frau um die 60 Jahre. Sie sah zwar nett aus, aber mir war immer noch nicht wohl bei der Sache, dass ich hier ganz alleine mit ihr auf diesem Parkplatz stand, wo niemand zu sehen war.

„Hallo Avery, Kindchen, erschrecke dich doch nicht, du siehst so aus, als ob du einen Geist gesehen hättest“, sagte die Frau mit rauer Stimme. Jetzt bekam ich noch mehr Angst. Woher kannte sie meinen Namen? Ich hatte diese Frau noch nie in meinem ganzen Leben gesehen!

„Wer, ... wer sind Sie?“, fragte ich. Die Frau wirkte kurz erschrocken und traurig zugleich. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Sollte ich diese Frau kennen?

„Es tut mir leid, ich dachte du kennst mich, ich ... ich bin deine Großmutter. Mein Name ist Layla“, sagte sie und ich konnte es nicht glauben. Warum auch sollte ich jetzt plötzlich eine Großmutter haben? Warum sollte meine Mutter mir nie etwas von ihr erzählt haben? Das konnte nicht sein! Das musste ein schlechter Witz sein.

„Wer sind Sie? Ich habe keine Großmutter. Meine Mutter hat mir nie etwas von einer Großmutter, geschweige denn von dir erzählt!“ Meine Stimme zitterte: „Was, … was wollen Sie von mir?“ Meine Stimme wurde immer lauter, ich wollte eigentlich nicht so schnell die Geduld verlieren. Ich wusste auch nicht, was jetzt mit mir los war, aber diese Frau konnte mir nicht einfach auf dem Parkplatz meiner Schule erzählen, sie sei meine Großmutter.

„Ich habe dir die Wahrheit gesagt Avery, ich bin deine Großmutter. Ich weiß, es ist schwer zu glauben, aber ich …“, versuchte meine angebliche Großmutter zu erklären, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Es konnte nicht wahr sein.

„Warum sollte ich dir glauben?“ Ich wollte einfach zu meiner Mutter, weg von dieser verrückten Frau!

„Deine Mutter und ich haben den Kontakt abgebrochen, nachdem sie deinen Vater geheiratet hatte. Ich wusste, dass er sie irgendwann verletzen und verlassen würde. Das wollte deine Mutter aber nicht wahrhaben. Doch dann - wie ich es vorher gesagt hatte - verließ er sie. Seitdem haben wir nie wieder Kontakt aufgebaut“, sagte sie zu mir und hoffte wohl noch, dass ich ihr glauben würde.

„Warum sollte meine Mutter aber nie etwas von dir erzählt haben? Denn, wenn das alles stimmen sollte, was es aber nicht tut, bist du schließlich meine Großmutter. Ich glaube dir immer noch nicht. Warum auch? Du tauchst einfach an einem ganz normalen Tag vor meiner Schule auf und …“, meine Stimme brach ab.

Das war alles viel zu lächerlich. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte ich mich um und lief weiter zum Parkplatz. Ich suchte das Auto meiner Mutter, fand es aber leider nicht. Sie kam nie zu spät. Es waren ja schließlich schon zehn Minuten vergangen, seit die Schule zu Ende war.

Also wollte ich meine Mutter schnell anrufen, bevor diese ältere Frau wieder ein Gespräch mit mir anfangen wollte. Ich holte mein Handy aus dem Schulranzen und wählte die Handynummer meiner Mutter und das altbekannte Tuten ertönte. Nach zehn Sekunden ertönte endlich eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Es war aber nicht die Stimme meiner Mutter, sondern...

Nein, das konnte nicht sein, hatte ich schon Halluzinationen?

„Glaubst du mir jetzt?“, ertönte die Stimme aus dem Telefon. Ich drehte mich um und hinter mir stand diese ältere Frau. Warum hatte sie das Handy meiner Mutter? „Okay, was ist hier los? Lassen Sie einfach meine Mutter und mich in Ruhe. Bitte, woher haben Sie ihr Handy und warum kommt sie so spät? Sie wissen irgendwas! Was ist los? Wer sind Sie?“

Ich war kurz davor, sie einfach so lange anzuschreien, bis sie endlich ging. Erst dachte ich, sie sei eine normale Frau, dann behauptete sie, sie sei meine Großmutter und jetzt hatte sie auch noch das Telefon meiner Mutter.

„Ich habe die Wahrheit gesagt, ich bin deine Großmutter. Deine Mutter liegt …“

Sie fing an zu schluchzen und brach mitten im Satz ab: „Deine Mutter hatte einen Unfall. Ein Auto ist von der Seite in ihr Auto reingerast. Sie ist im Krankenhaus und liegt im Koma …“ Sie fing an zu weinen.

Bitte was? Ich konnte es nicht glauben. Meine Mutter konnte doch nicht im Koma liegen! Was sollte ich jetzt nur machen, ich war ganz alleine. Hatte keinen Vater.

Hilfe! Nein, ich wollte es nicht wahrhaben!

„Hör zu Avery, wir rufen jetzt das Krankenhaus an und sie erklären es dir auch noch

mal genau. Danach wirst du mir glauben. Sie haben mich direkt kontaktiert. Ich war völlig außer Rand und Band, als ich das mit deiner Mutter hörte.“

Das konnte nicht sein, meine Mutter war der Fels in meiner Brandung. Wir haben alles gemeinsam gemacht, ohne sie gab es kein Ich. Und was sollte ich dann nur machen? „Okay, ich rufe dort an. Das kann nicht sein, aber wenn es wahr ist, will ich …“, ich musste erst einmal kräftig Luft holen, um nicht schon wieder in Tränen auszubrechen.

„... will ich sie gleich sehen!“, beendete ich meinen Satz. Eine halbe Stunde später dachte ich, dass ich keinen Moment länger mehr auf dieser Welt leben könnte. Was hatte ich denn noch zu verlieren! Meine Mutter lag wirklich im Koma und diese Frau namens Layla war wirklich meine Großmutter!

„Was, ... was machen wir jetzt? Ich will sofort zu meiner Mutter!“, brachte ich unter Tränen und mit zitternder Stimme an meine Großmutter gewandt hervor. Es war seltsam, zu realisieren, dass ich jetzt plötzlich eine Großmutter hatte und ich erstmal notgedrungen bei ihr leben musste. Ich konnte mich immer noch nicht mit dem Gedanken anfreunden. Aber das war jetzt mein kleinstes Problem!

Ich musste mich um meine Mutter kümmern. Ich wusste zwar, dass man mit Leuten, die im Koma lagen, nicht reden konnte. Doch in der Schule hatten wir gelernt, dass diese Menschen einen vielleicht trotzdem verstehen können. Vielleicht würde sie aufwachen, wenn ich bei ihr wäre.

„Wir werden jetzt zu mir nach Hause fahren, du wirst dich erstmal beruhigen, dann fahren wir zu deiner Mutter ins Krankenhaus! Du wirst die nächsten Monate erstmal bei mir bleiben!“, antwortete Layla auf meine Frage. Wow, auf keinen Fall! Warum sollte ich denn bei meiner Großmutter wohnen, die ich erst seit einer Stunde kannte? Das wollte ich nicht.

„Ich werde bei meiner Freundin bleiben. Ich habe ihr vorhin eine Nachricht geschickt, eigentlich wollte sie heute zu mir kommen. Ich habe ihr gesagt, was passiert ist und sie hat angeboten, dass ich bei ihr wohnen kann. Ich kenne dich schließlich nicht lange“, sagte ich mit einigermaßen fester Stimme und wollte mich nicht einschüchtern lassen.

„Das werden wir später in Ruhe bereden, wenn du bei deiner Mutter warst. Die Ärzte haben in ihrer Jackentasche einen Brief gefunden. Darauf steht dein Name.“

Was stand auf dem Brief drauf? Da musste doch irgendwas dran sein! Es konnte doch kein Zufall sein, dass meine Mutter einen Autounfall hatte und ganz zufällig ein Brief für mich in ihrer Jackentasche steckte.

Irgendetwas wurde vor mir verheimlicht. Ich musste es herausfinden!

„Müssen wir jetzt unbedingt zu dir nach Hause? Kann ich nicht sofort zu meiner Mutter?“, fragte ich, da ich wenig Interesse hatte, mit zu meiner Großmutter zu gehen. Vielleicht war meine Mutter wieder wach? Das bezweifelte ich zwar sehr, es war aber besser als der Gedanke, dass ich die nächsten Monate bei meiner Großmutter verbringen sollte, noch dazu in ihrer Wohnung!

Sie hatte sich so lange nicht blicken lassen! Ich wusste bis vor Kurzem nicht einmal, dass es sie gab. Diese Frau sollte sich gefälligst von mir fernhalten!

„Nein, du kommst erst mit zu mir nach Hause. Dort essen wir erst noch eine Kleinigkeit und trinken einen Tee. Wir dürfen jetzt noch nicht zu deiner Mutter. Es gibt nämlich bestimmte Besuchszeiten. Komm, wir gehen“, sagte sie.

Doch in diesem Moment bekam sie plötzlich einen Anruf auf ihr Handy. Sie starrte den Bildschirm wie paralysiert an, bevor sie abhob. Als meine Großmutter das Telefon endlich ans Ohr hielt, wurde sie ganz blass im Gesicht.

„Hallo, ... ist irgendetwas passiert ... ist sie ... ist sie aufgewacht?“ Ihre Stimme zitterte. Das musste das Krankenhaus sein. Um was sollte es denn sonst gehen! Plötzlich war ich ganz hibbelig. Was wäre, wenn meine Mutter aufgewacht war. Alles würde gut werden, aber wenn...

„Nein …“, rief meine Großmutter und sank auf die Knie.

„Nein, das darf nicht wahr sein!“ Sie legte auf und schluchzte.

„Was, ... was ist passiert?“, fragte ich mit bebender Stimme. Eins war mir klar, es war nichts Gutes.

„Die Ärzte haben festgestellt, dass sie in keinem normalen Koma liegt. Sie sollte eigentlich nach ein paar Tagen oder Wochen aufwachen, aber ihre Schädeldecke wurde bei dem Unfall so schlimm zertrümmert, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie jemals wieder aufwachen wird, sehr gering ist. Wir …“ Sie brach mitten im Satz ab.

„Die Ärzte müssen sie noch gründlich auf andere Verletzungen untersuchen und wir können sie erst in zwei Stunden besuchen.“

Das konnte nicht wahr sein! Erst in zwei Stunden? Nein, bitte nicht! Ich musste sie sehen, wollte ihr sagen dass ich sie liebte und dass sie nicht gehen durfte, mich nicht alleine lassen durfte! Sie und ich waren ein Herz und eine Seele. Was sollte ich nur ohne sie machen?

„Komm, setz dich ins Auto. Wir fahren zu mir nach Hause, trinken und essen etwas und dann geht es dir eventuell ein bisschen besser“, versuchte es meine Großmutter bei mir. Als sie dies sagte, klang sie ein bisschen nervös. Warum denn das jetzt? Aus ihr würde und wollte ich nicht schlau werden.

„Das kann nicht dein Ernst sein! Du denkst, dass es mir nach ein paar Keksen und einer Tasse Tee besser gehen wird? Meine Mutter liegt im Koma! Ich werde mich ganz sicher nicht bei einer Tasse Tee mit meiner Großmutter, die ich erst seit einer Stunde kenne, besser fühlen! Ich kenne dich doch noch nicht mal. Früher habe ich immer gedacht, meine Familie wäre perfekt, da es nur meine Mutter und mich gab. Das war das, was ich wollte, nicht mehr und nicht weniger. Früher war dies der Fall. Aber jetzt habe ich auf einmal eine Großmutter und …“ Es kam einfach so aus mir heraus.

„Es tut mir leid. Ich habe ein bisschen überreagiert, aber das ist mir alles zu viel“, sagte ich kleinlaut.

Meine Großmutter wirkte gerade sehr gebrochen, verzweifelt und einfach nur müde, traurig.

„Schon okay. Ich habe es ja nicht anders verdient. Ich kann es nachvollziehen, schließlich lernst du mich auch nicht gerade in einer schönen Situation kennen. Es ist einfach falsch, dass ich mich trotz des Streits nicht habe blicken lassen. Du bist schließlich mein Enkelkind!“

Ich ging mit ihr. Ich wollte nicht, dass sie noch trauriger wurde. Mir war schon klar, wir würden nicht die besten Freunde werden. Aber ich konnte ihr wenigstens eine Chance geben.

Kapitel 2

Ein paar Minuten später saß ich in dem Auto meiner Großmutter auf dem Weg zu ihr nach Hause. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass meine Mutter jetzt im Krankenhaus lag. Ich wollte es nicht wahrhaben.

Ich musste gerade an ein Lied von Kayef denken. Es drehte sich um eine Person, die einem immer hilft, wenn man am Boden zerstört ist. Dieses Lied war mein Lieblingslied. Es passte so gut zu meiner Mutter und mir.

„Ja, weil du mich rausholst, immer wenn ich down bin …“

Dieses Lied hatte ich die ganze Autofahrt über schon im Kopf. Ich würde nie wieder eine Person haben, die mich trösten kann, wenn ich traurig bin oder mich einfach in den Arm nehmen würde, wenn es mir schlecht ging.

Ich sah aus dem Fenster. Wir waren gerade mal drei Minuten unterwegs und schon wünschte ich mir so viel Abstand von meiner Großmutter wie nur möglich.

Ja, ich wollte ihr eine Chance geben, aber ich konnte es nicht. Sie hatte sich nie blicken lassen. Ich hatte niemanden außer meine Mutter und das war ihr bewusst. Ich hätte meine Großmutter früher vielleicht gebraucht, aber jetzt wollte ich sie nicht in meinem Leben haben.

Jetzt musste ich bei ihr wohnen, sie jeden Tag sehen und mit ihr reden, als kennten wir uns schon ewig. Das konnte ich nicht.

„Avery, ich muss dir etwas sagen“, fing meine Großmutter plötzlich an mich gewandt an zu reden. Ich wollte kein Gespräch mit ihr anfangen, sondern nur so schnell wie möglich zu meiner Mutter.

„Was denn?“, fragte ich stattdessen.

„Ich habe ja gesagt, wir fahren erst einmal zu mir nach Hause, trinken und essen etwas“, fing sie an, zu erzählen. Ja, natürlich hatte sie das gesagt und gedacht, mir würde es danach besser gehen.

„Ja“, sagte ich stattdessen nur, da ich keine Lust hatte, großartig mit ihr zu reden. Ich hatte so eine Scheißangst um meine Mutter, da konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich würde sie vielleicht verlieren und sie nie wiedersehen. „Das war gelogen ...“, drang die Stimme meiner Großmutter durch meine Gedanken. Warte, was? Sie hatte sich nicht nur noch nie blicken lassen, sondern mich auch noch bei unserer ersten Begegnung angelogen?

Das konnte nicht wahr sein. Ich dachte, ihr lag etwas an mir und sie wollte, dass ich ihr vertraute, aber jetzt!?

„Bitte was? Erst lässt du dich nie blicken und jetzt lügst du mich auch noch an?“

Ich konnte meine Gedanken nicht mehr zurückhalten: „Ich wollte dir eine Chance geben, aber egal, worum es sich bei dieser Lüge genau handelt, ich kann es einfach nicht und werde dir nie vertrauen können!“, schrie ich sie an.

„Avery, ich kann dich …“, weiter kam sie nicht, denn ich unterbrach sie sofort.

„Komm mir nicht immer mit deinem: Avery, aber Avery … Nein! Ich kenne dich erst seit einer knappen Stunde und kann es nicht länger mit dir aushalten.“

Meine Großmutter wirkte sehr traurig und musste einmal tief Luft holen, um nicht anzufangen, zu weinen, doch das war mir gerade egal.

„Ich kann dich verstehen, doch du musst mit zu mir kommen, bitte. Ich brauche dich und du brauchst mich. Aber die Wahrheit ist, ich wohne in Norddeich, an der Nordseeküste, das ist ungefähr fünf Stunden von hier entfernt“, versuchte sie mir zu erklären. Warte, was? Sie wohnte in Norddeich? Wo war das denn bitte? Ja klar, es war an der Nordsee, aber fünf Stunden weit entfernt? Das konnte einfach nicht wahr sein!

„Eins ist schonmal klar, ich werde dann nicht bei dir wohnen. Fünf Stunden von Sky entfernt, das kann ich einfach nicht und bei dir wohnen, das kann ich genauso wenig!“, brach es aus mir heraus. Ich konnte meine Worte nicht stoppen, denn ich musste meiner Großmutter sagen, was ich wollte und ich wollte nicht bei ihr zu Hause wohnen! Das musste ich ihr klarmachen.

„Ich weiß, dass du das nicht willst, aber deine Mutter hatte doch diesen Brief in ihrer Jackentasche. Die Ärzte haben mir am Telefon erzählt, dass darin steht,

du sollst bei mir wohnen, wenn deiner Mutter etwas passieren sollte“, beendete sie ihren Satz.

Warte, hatte ich das gerade richtig verstanden? Die Ärzte hatten einfach so den Brief meiner Mutter, der für mich bestimmt war, geöffnet?

Das konnte ich nicht glauben! Doch als die Worte meiner Großmutter langsam in mein Bewusstsein einsickerten, fragte ich mich nur, warum sollte mir meine Mutter so was antun?

Aber die größte Frage, die mir am meisten Angst machte, war, dass sie diesen Brief bei sich trug, als der Unfall passierte. Das konnte doch kein Zufall sein, oder? Wusste sie, was passieren würde? Und wenn ja, warum hatte sie mich nicht vorgewarnt? Mir wurde etwas verheimlicht und ich musste herausfinden, was!

Doch eins war mir bewusst: Ich liebte meine Mutter und wenn es ihr letzter Wunsch wäre, dass ich bei meiner Großmutter lebte, wenn ihr etwas passierte, würde ich dies machen. Aber nur wegen ihr. Ich würde dies für niemand anderen auf der Welt machen.

„Ach komm schon, das ist nicht ihr Ernst. Meine Mutter war immer für eine Überraschung gut“, sagte ich zu mir selber.

„Ja, da hast du recht. Als deine Mutter acht Jahre alt war …“ Meine Großmutter dachte wohl, dass ich anfangen würde, sie zu mögen.

„Ich habe nicht mit dir geredet“, unterbrach ich sie heftig. Sie konnte sich abschminken, dass ich mich mit ihr unterhalten würde, wenn es nicht nötig ist. „Schon gut … ich will aber, dass du weißt, wenn du mit jemandem über deine Mutter reden möchtest, ich bin immer für dich da“, sagte sie zu mir.

Das war nur gut gemeint, das wusste ich, aber ich hatte nicht gerade viel Lust, mich mit ihr anzufreunden.

„Was machen wir jetzt?“, fragte ich mit einem genervten Unterton.

„Jetzt gehen wir erstmal anstatt zu mir nach Hause, in ein Café und trinken einen Tee und essen etwas. Ich habe dich vorhin angelogen, das tut mir sehr leid, deswegen soll ein Teil wenigstens der Wahrheit entsprechen“, sagte sie und versuchte, mich wohl damit aufzuheitern. Vergeblich.

Ich hatte immer noch keine Lust mich zusammen mit ihr an einen Tisch zu setzen und mit ihr zu unterhalten. Aber wenn meine Mutter wollte, dass ich bei ihr wohnte, würde sie bestimmt auch wollen, dass ich mich mit ihr verstand.

„Okay“, gab ich schließlich widerwillig nach, denn eins war mir klar: Wenn ich meine Mutter nie mehr sehen würde, wollte ich ihr wenigstens ihren letzten Wunsch erfüllen.

Das erste Mal seit ich sie kannte, also noch nicht sehr lange, sah ich einen etwas entspannteren Ausdruck in dem Gesicht meiner Großmutter.

„Okay, das freut mich. In welchem Café gibt es die besten Kekse?“, fragte sie mich und grinste über beide Ohren. Vielleicht war sie doch nicht so unausstehlich, wie ich dachte. Ein Teil von mir wollte sich mit ihr verstehen. Das aber nur wegen meiner Mutter! Aber ein anderer Teil von mir konnte ihr einfach nicht verzeihen, dass sie sich so lange nicht hatte blicken lassen.

„Das Café Vetter, dies ist mein Lieblingscafé“, antwortete ich und musste daran denken, dass meine Mutter und ich gestern erst dort zusammen Kuchen gegessen hatten. In dem Moment hätte ich nie gedacht, dass dies das letzte gemeinsame Essen mit ihr sein könnte. Mir wurde schon wieder ganz mulmig zumute und ich musste mich bemühen, bei dem Gedanken nicht sofort in Tränen auszubrechen.

Ein paar Minuten später saßen wir im Café Vetter. Ich liebte es so, da es erstens sehr schön eingerichtet war und es zweitens hier die besten Kekse und Kuchen der Welt gab.

Wenn meine Mutter und ich genügend Geld gehabt hätten, wäre ich jeden Tag hierhin gegangen und hätte das ganze Café leergekauft.

„Also Avery, was isst oder trinkst du hier am liebsten?“, fragte meine Großmutter mich. „Cookies und Erdbeertee“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen.

Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Dieses Grinsen kam aus tiefsten Herzen. Als sie mich ansah, wurde mir warm ums Herz, denn ihr Blick bestand aus Sorge um mich und meine Mutter, aus Traurigkeit, mich erst jetzt kennengelernt zu haben und aus Liebe. Vielleicht sollte ich ihr doch eine Chance geben.

Es dauerte nicht lange, bis die Kellnerin an unseren Tisch kam. Ich kannte sie, denn als meine Mutter und ich hier immer gegessen haben, hat sie auch oft unsere Bestellung aufgenommen.

Sie war sehr nett und hatte rote, schulterlange Haare. Ich mochte die Farbe Rot. Aber nicht so sehr wie die Farbe Grün. Ich liebte diese Farbe einfach, denn ich fand sie mysteriös. Früher, als ich kleiner war, waren alle Farben meine Lieblingsfarben. Ich konnte mich, als ich fünf Jahre alt war, nie zwischen etwas entscheiden. Beim Kauf meines ersten Schulranzens, gab es einmal die Auswahl blau oder gelb und ich hatte meine Mutter ernsthaft gefragt, ob ich nicht beide haben durfte.

Die Farbe Grün wurde für mich erst seit ein paar Jahren richtig besonders. Besonders dunkelgrün. Meine Mutter liebte diese Farbe auch. Der Gedanke an sie versetzte mir einen Stich. Deshalb versuchte ich, mich ganz auf meine Bestellung zu konzentrieren: „Hallo, ich würde gerne Cookies und Erdbeertee nehmen.“

Die Kellnerin nickte und wandte sich meiner Großmutter zu: „Was möchten Sie haben, Miss?“

„Ich nehme das gleiche wie Avery. Sie sagte, die Cookies und der Tee seien sehr gut“, antwortete sie mit einem Blick in meine Richtung.

„Oh ja, da kann ich ihr nur zustimmen. Die Cookies sind echt grandios“, sagte die Kellnerin zu ihr und ging anschließend in Richtung Küche.

Einen Moment sagte niemand von uns beiden etwas. Mir war dieses Schweigen unangenehm, ich wollte etwas sagen, fand jedoch einfach nicht die passenden Worte.

„Avery, erzähle mir mal etwas über dich. Ich weiß nicht viel über dich und dass würde ich gerne ändern“, sagte meine Großmutter zu mir. Endlich wurde die Stille unterbrochen. Obwohl ich nicht gerade Lust hatte, etwas über mich zu erzählen, sondern eher gerne etwas über sie erfahren hätte, sagte ich: „Ich bin in der Schule eigentlich sehr gut, Mathe ist mein Lieblingsfach. Dafür hasse ich Deutsch. Meiner Meinung nach das schrecklichste Fach auf der Welt! Meine beste Freundin ist Sky. Sie ist so ein toller Mensch. Sie hat braune kurze Haare und ein Pony. Sie ist einfach wunderbar.“

Beim nächsten Satz biss ich mir auf die Lippe: „Sie ist auch meine einzige Freundin und wenn ich mit dir nach Norddeich gehen muss, werde ich sie nie wieder sehen.“ Warte …

„Was wird mit meiner Mutter geschehen? Werde ich sie auch nicht mehr sehen?“, fragte ich meine Großmutter in einem scharfen Tonfall.

Eigentlich wollte ich nicht so feindselig klingen, aber diese Worte verließen meinen Mund schneller als beabsichtigt. Es kam einfach alles zusammen und wurde mir viel zu viel. Der Verlust von Sky, die ich nicht mehr sehen werde, nur noch über Videoanrufe, die Tatsache, dass ich jetzt eine Großmutter hatte, der Gedanke, ich würde meine Mutter nie wiedersehen und vieles mehr. Es war noch schlimmer als der Moment, in dem mein Kater gestorben ist. Ich dachte damals, dass dies der schlimmste Moment meines Lebens wäre, aber der war es nicht. Dies hier fühlte sich noch tausendmal schlimmer an. Ich wünschte einfach, das wäre alles nur ein Traum. Ein schrecklicher Albtraum.

Ich hoffte, ich würde bald aufwachen, meine Mutter und ich würden einfach im Garten sitzen und uns Witze erzählen. Aber es war kein Traum. Es war die Realität. „Nein, du wirst deine Mutter jeden Tag sehen können. Die Ärzte haben gesagt, dass deine Mutter zwar Ruhe brauche, aber sie spüre deine Anwesenheit und diese wird viel wichtiger sein als Ruhe. Sie verlegen sie morgen schon in das Krankenhaus nach Norden.“

Wenigstens eine einigermaßen gute Nachricht für heute.

Endlich kamen die Cookies und der Tee. Mein Magen knurrte. Ich hatte sehr viel Hunger, da ich seit heute Morgen nichts mehr gegessen hatte.

In der Schule aß ich so gut wie nie etwas. Also biss ich direkt von dem erstbesten Cookie ab. Mhhh, er schmeckte köstlich. Der Tee schmeckte auch fabelhaft, das wusste ich ja, da ich ihn auch sonst immer trank. Doch ich wartete lieber noch ein bisschen, da der Tee immer sehr …

„Ahhh, verdammt ist der heiß“, fluchte meine Großmutter und musste dennoch lachen. Ich konnte mir ein Grinsen auch nicht verkneifen. Ich hatte sie eigentlich warnen wollen, aber anscheinend hatte sie es eilig, den Tee zu probieren.

„Achtung, heiß“, lachte ich und sie grinste mir schief zu. Ich glaubte, diese herzliche Frau vor mir hatte sich schon vor ein paar Stunden nach und nach in mein Herz geschlichen. Wenn ich ehrlich zu mir selber war, war mir klar: Diese Frau war eine gute Frau.

Ich hatte dies zwar nicht erwartet, schließlich dachte ich, als ich sie das erste Mal vor ein paar Stunden sah, dass sie eine Mörderin wäre, die mich mit einem Messer bedrohen will. Doch sie hatte sich von Moment zu Moment mehr Mühe gegeben, mich zu verstehen und mir immer mehr Gründe gegeben, sie zu mögen. Auf jeden Fall würde ich ihr eine Chance geben!

„Hör zu, wir kennen uns noch nicht sehr gut. Hättest du was dagegen, wenn wir ein kleines Spiel spielen würden? Um uns besser kennen zu lernen?“, fragte mich meine Großmutter und um ihr eine Chance zu geben, stimmte ich mit einem Nicken zu.

„Also, wir dürfen dem anderen immer eine Frage stellen, die er dann beantworten muss. Das ist ganz einfach. Ok, ich muss zugeben, es ist eigentlich kein Spiel, aber ich wollte ein bisschen Spaß in diese Unterhaltung bringen. Ist das für dich in Ordnung?“, fragte sie mich und ihre Mundwinkel zuckten. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

„Ok, ich fange an“, sagte ich und stellte ihr die erste Frage.

„Wie alt bist du?“ Meine Großmutter grinste: „Also eigentlich bin ich 63, aber ich sehe aus wie 40, oder?“

Ich musste laut loslachen: „Ähmm, eher weniger.“

Wir stellten uns noch viele Fragen. Über unsere Lieblingsaktivitäten, was unser Wunschtier ist, was wir alles noch erreichen wollten und über vieles mehr. Es war das erste Mal, seit ich die schreckliche Nachricht über meine Mutter erhalten hatte, dass ich mich wieder wohlfühlte, geborgen und sicher. Wir unterhielten uns noch ein bisschen, auch über Norddeich und ihre Wohnung. Dann klingelte ihr Handy und sie ging ran.

„Hallo“, meldete sie sich. Ich wusste nicht, mit wem, geschweige denn über was sie sprach, da ich schließlich nur ihre Antworten und Fragen verstand: „Ja, ich bin es … okay … was? Erst dann? ... okay, ich werde es ihr sagen.“

Dann legte sie auf und sah mich besorgt an. „Das war die Klinik. Die Herzschläge deiner Mutter sind jetzt noch einigermaßen stabil. Deshalb soll sie jetzt gleich ins Krankenhaus nach Norden verlegt werden. Wir sollen direkt nachkommen. Das heißt, wir können deine Mutter erst in circa fünf Stunden sehen. Die Ärzte bieten uns jedoch an, dass wir im Krankenwagen mitfahren könnten. Dies könnte für uns und besonders für dich sehr schwierig sein, denn deine Mutter liegt zwar neben dir, aber du kannst dich nicht mit ihr unterhalten und an ihrem Zustand kann sich jeder Zeit etwas ändern Doch dann könntest du sie sofort sehen und nicht erst, wenn wir in Norden angekommen sind. Du musst jetzt entscheiden, was du machen möchtest, aber eins ist klar: Ich bleibe bei dir“, erklärte meine Großmutter und ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich war echt froh, dass sie bei mir war. Zum Glück musste ich das alles nicht alleine durchstehen. Ich wollte meine Mutter schleunigst sehen, also gab es nur eine Möglichkeit.

„Okay, wir fahren im Krankenwagen mit!“

Kapitel 3

Eine halbe Stunde später standen wir vor dem Krankenhaus, in dem meine Mutter eingeliefert worden war. Ich konnte es immer noch nicht glauben, dass sie bald wahrscheinlich nicht mehr in meinem Leben sein würde. Ich liebte sie. Ich wollte sie endlich sehen, bei ihr sein und ihre Hand halten, einfach nur noch einmal mit ihr sprechen. Ich hatte sie jetzt einen halben Tag nicht mehr gesehen und ich vermisste sie jetzt schon so sehr. Ganz unbewusst griff ich nach der Hand meiner Großmutter und entspannte mich ein wenig.

„Also, gehen wir rein?“, fragte sie mich und ich nickte nur, da ich kein Wort herausbrachte. Meine Kehle war wie zugeschnürt. Als wir reingingen, roch es nach Desinfektionsmittel und als ich den weißen Empfangstresen sah, stieg eine Erinnerung in mir hoch.

Es war an einem Samstagmittag und ich war erst fünf Jahre alt. Ich hielt die Hand meiner Mutter, die mich traurig anlächelte. Sie drückte meine Hand noch fester und eine Träne lief ihr über die Wange.

„Schatz, alles wird gut werden, Opa schläft nur ein bisschen. Wir besuchen ihn und du kannst ihm deine selbstgebastelte Schneekugel geben. Wenn er dann aufwacht, wird er sich über dein Weihnachtsgeschenk sehr freuen.“ Ich lächelte meine Mutter an und sie gab mir einen Kuss.

Warum konnte ich mich zuvor nie an diesen Augenblick erinnern? Doch jetzt fiel er mir wieder ein. Ich wusste früher, dass ich einen Großvater hatte, aber warum hatte ich ihn einfach vergessen? Diese schlimmen Tage und Wochen als mein Großvater im Koma lag, waren einfach nur schrecklich. Meine Mutter hatte immer so getan, als würde sie das alles aushalten, aber sie musste innerlich zerbrochen sein. Ich habe mit ihr noch nicht mal halb so viele Jahre verbracht wie sie mit ihrem Vater. Mir ging der wahrscheinliche Verlust meiner Mutter schon jetzt sehr nahe und ich hatte das Gefühl, nicht mehr weiterleben zu können. Wie hatte meine Mutter dies denn bei meinem Großvater verkraftet, der ihr ganzes Leben an ihrer Seite war? Ich hatte die Situation damals nicht ganz verstanden. Meine Mutter hatte ja nur gesagt, dass Opa schliefe. Dass er ein paar Wochen später im Koma sterben würde, hätte ich nie im Leben gedacht.

„Es tut mir so leid“, platzte es aus mir heraus. Ich wusste nicht, warum ich es jetzt sagte. Es war gerade eine Scheißsituation an einem Scheißort, an dem Menschen starben.

„Was denn genau?“, fragte mich meine Großmutter und runzelte die Stirn, „du musst dich für nichts entschuldigen. Ich muss mich entschuldigen, dass ich dich all die Jahre lang im Stich gelassen habe.“

„Nein, mir tut es leid, dass ich vorhin so dumm war und dir direkt Vorwürfe gemacht habe, dir nicht vertraut habe. Ich hätte dir erst zuhören müssen. Aber es tut mir auch leid wegen …“ Weiter kam ich nicht, denn ich schluckte schwer und es fühlte sich an, als ob ein Kloß in meinem Hals steckte.

Meine Großmutter nahm mich in den Arm und das tat so gut. Noch nie konnte mich jemand so schnell trösten, Sky nicht und meine Mutter überraschenderweise auch nicht. Wenn ich zum Beispiel früher geweint habe, wenn meine Keksdose leer oder mein Lieblingsgeschäft geschlossen war, brauchte sie immer sehr lange, um mich zu trösten, aber bei meiner Großmutter, die ich gerade mal ein paar Stunden kannte, ging das gerade sehr schnell.

Ich fühlte mich ein bisschen stärker und nicht mehr so klein und alleine. Diese Umarmung fühlte sich richtig an und ich wollte solche noch sehr oft erleben.

Meiner Großmutter, die mich in den Armen hielt, war ich gerade so dankbar. Ich musste es ihr sagen. Ich wollte keine Geheimnisse vor ihr haben und ich wollte auch, dass sie keine vor mir hatte: „Es tut mir so leid … wegen Opa. Ich hatte diese Erinnerungen an die schlimmen Wochen mit ihm verdrängt, als er im Krankenhaus war und starb. Ich war erst fünf, aber ich weiß nicht, warum ich das alles einfach ganz vergessen hatte. Dieser Anblick des Empfangstresens hat die Erinnerung wieder hervorgehoben. Opa hat dir so viel bedeutet. Wenn ich diese Erinnerung nicht vergessen hätte, hätte ich meine Mutter schon längst nach dir gefragt.“

Mir liefen die Tränen nur so über die Wangen. Es war, als ob ein Damm gebrochen wäre. Ich erwartete schon, dass meine Großmutter streng zu mir sein würde, da ich tief in meinem Herzen wusste, dass es sie gibt, aber trotzdem nie nach ihr gefragt, es einfach vergessen hatte.

Stattdessen sah sie mir direkt in die Augen und sagte: „Hey, obwohl wir uns erst seit heute kennen, liebe ich dich und du wirst mich nicht los, egal was du machst, sagst oder vergisst. Ich werde dir nicht mehr von der Seite weichen.“

Ich war so gerührt und wollte mich nie mehr aus ihrer Umarmung lösen. Ich wollte, dass sie wirklich bei mir blieb, für immer! Diese Frau wurde mir, obwohl sie mich angelogen und nie besucht hatte, immer wichtiger und nun war sie ein großer Teil meines Herzens. Wie konnte das denn nur so schnell passieren?

Auf einmal hörten wir eine junge Frauenstimme durch den Raum hallen: „ Frau Clark, sind sie schon hier?“ Endlich durften wir zu meiner Mutter. Ich riss die Hand hoch und rannte mit meiner Großmutter der jungen Ärztin entgegen.

„Der Krankenwagen ist draußen schon abfahrbereit“, sagte sie mit freundlicher Stimme zu uns, „aber erschrecken sie sich nicht. Der Anblick Ihrer Tochter beziehungsweise Mutter kann sehr beängstigend auf Sie wirken.“

Dabei sah die junge Ärztin mich besonders lange an und auf ihrem Gesicht lag ein trauriges Lächeln. Ich hatte Angst vor dem, was ich gleich zu Gesicht kriegen würde. Aber ich wollte meine Mutter endlich wiedersehen, egal was kommt! Also machten wir uns auf den Weg nach draußen. Aus hygienischen Gründen mussten wir einen Mundschutz und Einmalhandschuhe anziehen. Wir standen nun direkt vor dem Krankenwagen und uns wurde gerade die Tür aufgemacht. Meine Großmutter hielt mich ganz fest an der Hand und ich erwiderte den Händedruck.

Ich hatte nicht nur ein bisschen Angst. Nein, ich hatte eine beschissen große Angst vor dem, was jetzt auf mich zukommen würde. Dieser Moment gleich könnte einer der letzten sein, in dem ich meine Mutter sah. Ich musste ihn nutzen. Ihr sagen, dass ich sie liebte. Sagen, dass sie das Beste war, was mir je passiert ist und ich ohne sie nicht würde leben können. Ich wollte ihr sagen, dass ich es jedoch versuchen würde, wenn es dazu käme. Ich würde ohne sie nicht mehr ich sein, aber ich würde es irgendwie aushalten. Mit meiner Großmutter an der Seite.

Die Tür des Krankenwagens war nun ganz offen. Ein Arzt um die sechzig stieg hinein und ich ging ihm mit meiner Großmutter nach.

Und da lag sie. Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich hatte das Gefühl, ich könnte nicht mehr atmen und die Tränen liefen mir nur so über die Wangen. Ich war vorher alles durchgegangen, was ich sagen und machen wollte. Aber jetzt, wie ich meine Mutter so da liegen sah, brachte ich kein Wort mehr heraus. Sie lag dort mit tausend Kabeln in Mund, Nase und Haut. Man hörte die Maschinen sehr laut arbeiten und ich sah das langsame, aber beständige Heben und Senken ihres Brustkorbs. Das war das einzig Gute. Sie lebte noch.

Ich wusste nicht, wo ich mich hinstellen sollte oder geschweige denn, was ich sagen wollte. Alles hatte ich vergessen, auch, wie man atmet. Ich wurde hektisch und klammerte mich an dem Arm meiner Großmutter fest.

Es war wie in einem Albtraum und ich wollte einfach nur aufwachen.

„Schh, alles gut Avery, es wird alles gut“, versuchte meine Großmutter mich zu beruhigen, aber ihre Stimme bebte. Sie ließ meine Hand nicht los und ging mit mir näher an die Liege, auf der meine Mutter lag. Ich hatte noch nie in meinem Leben so viel Angst wie jetzt. Ich hatte Angst, meine Mutter zu verlieren und nie wiederzusehen. Ich ging Hand in Hand mit meiner Großmutter zu ihr und legte meine noch freie Hand ganz langsam auf ihre Liege. Ich hatte Angst, sie zu berühren und gleichzeitig hatte ich Angst, sie würde aufhören zu atmen. Letzteres wäre natürlich noch viel schlimmer. Meine Großmutter sah mich an und nickte mir aufmunternd zu. Ich wusste, ich konnte mit meiner Mutter reden, ihre Hand halten und einfach neben ihr stehen. Aber ich war wie zur Salzsäule erstarrt. Vielleicht war es mir auch unangenehm, dass ein Arzt im Wagen saß, aber tief im Inneren wusste ich, es würde vielleicht unser letztes Gespräch miteinander sein, deswegen musste ich etwas zu ihr sagen. Sie musste wissen, wie sehr ich sie liebte. So konnte ich mir später keine Vorwürfe darüber machen, dass ich ihr nicht mehr gesagt hatte, wie wunderbar sie war.

„Hallo Mama“, sagte ich zu ihr und die Tränen liefen mir nur so über die Wangen, „ich liebe dich! Mehr als alles andere auf der Welt. Du bist die Beste.“ Meine Großmutter setzte sich neben mich.

„Mein Kleines, ich liebe dich auch und es tut mir leid. Ich hoffe so sehr, du verzeihst mir. Das ist mein größter Wunsch, dass du mir verzeihst. Ich verspreche dir, dass ich immer für Avery da sein werde. Ich werde ihr nie wieder von der Seite weichen“, sagte meine Großmutter mit brüchiger Stimme zu meiner Mutter. Diese Worte waren nichts anderes als die Wahrheit. Ich kannte meine Großmutter zwar noch nicht sehr gut, aber ich war mir mehr als sicher, dass sie immer bei mir bleiben würde. Ich hatte ihr verziehen. Ich wollte es zwar nicht zugeben, aber ich brauchte meine Großmutter. Ihre Anwesenheit war das Einzig, was mich gerade tröstete und vor dem Zusammenbruch bewahrte.

„Mama, du bist das Beste auf der Welt. Danke für alles. Es gibt so vieles, was ich noch mit dir teilen und mit dir erleben möchte, aber ich weiß, wenn wir es nicht mehr gemeinsam erleben können, bist du trotzdem immer bei mir. In meinem Herzen.“ Ich sagte dies voller Liebe und Verzweiflung. Bildete ich mir nur ein, ein leichtes Zucken in den Zügen meiner Mutter zu erkennen? Ich wusste es nicht hundertprozentig, aber glaubte fest daran, dass sie mich hörte.

„Geht es dir jetzt ein bisschen besser?“, fragte mich meine Großmutter sanft, strich mir beruhigend über den Rücken und sah mich traurig an. Wir blieben die ganze Fahrt neben meiner Mutter sitzen und sagten abwechselnd liebe Worte zu ihr. Wir weinten, aber erzählten uns gegenseitig auch lustige Momente, die wir mit meiner Mutter erlebt hatten und die uns immer zum Lachen brachten. Obwohl es eine sehr schwere Zeit war, war ich so froh, jemanden an meiner Seite zu haben, mit dem ich über alles reden konnte. Das fühlte sich gut an.

„Guck mal, wo wir schon sind“, sagte meine Großmutter und zeigte aus dem Fenster nach draußen. Dort konnte ich schon das Ortsschild von Norden sehen.

„Wir sind da, bitte aussteigen“, sagte der etwas ältere Arzt, der die ganze Zeit bei uns gesessen hatte und ich bewegte mich auf meinen Beinen, die sich wie Pudding anfühlten, nach draußen. Ich war um die fünf Stunden nicht mehr draußen gewesen und die Sonne strahlte so hell, dass mir meine Augen wehtaten. Die Luft roch nach Meerwasser und es wehte ein angenehmes Lüftchen. Das Wetter war schon einmal sehr gut. Als ich mich umdrehte, sah ich etwas, das mir den Atem raubte: Eine Klinik, riesengroß und gefühlt hunderte Stockwerke hoch.

Der Anblick dieser Klinik gab mir Hoffnung. Hoffnung, dass alles gut werden würde.

Aber es war nicht nur die Klinik, die mir den Atem raubte. Die ganze Gegend hier sah einfach wunderschön aus.

„Ich weiß nicht warum, aber ich liebe diesen Ort. Er fühlt sich irgendwie besonders an“, sagte ich zu meiner Großmutter, die mich daraufhin unsicher anlächelte. Danach bedankten wir beide uns noch schnell bei den Sanitätern, die uns gefahren hatten und während meine Großmutter diese noch etwas fragte, blieb ich bei meiner Mutter. Sie lag ruhig auf ihrer Liege und es sah eigentlich so aus, als ob sie nur friedlich schliefe. Ich nahm ihre Hand und drückte sie vorsichtig. Ihre Haut fühlte sich rau an und war viel kälter als vorher.

Ich sah, wie ihre Kräfte langsam immer weniger wurden und ihr Gesicht, sofern das noch ging, immer blasser. Mir kamen schon wieder die Tränen und ich sagte: „Mama, ich liebe dich!“ Ich sagte es aus tiefstem Herzen und betrachtete meine Mutter noch ein paar Sekunden lang.

In diesem Moment spannten sich ihre Gesichtszüge merklich an und man hörte, wie ihre Atemzüge immer kürzer und die Atempausen immer länger wurden.

Das Piepen der Maschinen wurde immer lauter.

Ich wusste nicht, was ich machen sollte, ich fühlte mich in dem Moment so hilflos wie noch nie in meinem Leben. Ich hatte das Gefühl, meine Mutter würde gerade vor meinen Augen sterben. Jetzt verlief für mich plötzlich alles wie in Zeitlupe: Ich nahm einen Brief unter der Liege meiner Mutter wahr und griff automatisch danach.

Es war aus reinem Reflex, aber ich spürte, es war das Einzige und Richtige, was ich in diesem Moment tun konnte.

Die Sanitäter kamen direkt danach ganz schnell zu uns geeilt, meine Großmutter, die auch direkt zu mir gelaufen kam, hielt mich ganz nah an sich gedrückt und schluchzte. Ich war wie gelähmt. Gerade noch hatte ich gehofft, alles könnte gut werden und dann … Die Sanitäter eilten hin und her und schließlich kam einer langsam auf mich und meine Großmutter zu und sagte traurig: „Es tut mir leid, wir konnten nichts mehr tun.“

Danach brach ich zusammen.

Kapitel 4

3 Monate später.

So, da stand ich also, in meinem neuen Zimmer in einem ganz neuen Haus und einem ganz neuen Dorf. Neben mir standen haufenweise Umzugskartons. In manchen waren Kleider, in anderen Schulsachen, Deko und noch viel mehr. Nach dem schlimmen Ereignis vor drei Monaten waren meine Großmutter und ich nur noch ein einziges Mal in meiner Heimatstadt gewesen und hatten meine Sachen aus unserem alten Haus geholt. Aus dem alten Haus von mir und meiner Mutter. Ich hatte nicht viel Zeit gehabt, genau zu überlegen, welche Sachen ich mitnehmen mochte und welche nicht. Deshalb hatte ich alles Mögliche in die Kartons gestopft und jetzt sollte ich alles in meinem neuen Zimmer einräumen. Ich hatte keine Ahnung, wo ich was reintuen oder hinlegen, geschweige denn, welche Bilder ich an die Wände hängen sollte. Meine Großmutter hatte mir zwar angeboten, zu helfen, aber ich wollte mein Zimmer alleine gestalten und einrichten. Ich trank einen Schluck von meinem Wasser, machte Musik an und atmete einmal ganz tief durch. Jetzt konnte es losgehen. Also, als erstes legte ich alle Klamotten, die ich mitgenommen hatte, in den Kleiderschrank. Ich achtete nie so richtig auf Ordnung, also legte ich die Klamotten einfach kreuz und quer in den Schrank. So, das hätten wir schon mal. Der erste Karton ist erfolgreich ausgepackt worden. Also fehlten nur noch 14 Kartons. Das konnte ja noch spaßig werden!

Als nächstes nahm ich mir vor, die Schulsachen auf meinen Schreibtisch zu legen und die Bücher in das Regal rechts neben meinem Bett zu stellen. Ich liebte Bücher. Wenn es mir nicht so gut ging oder mir viele Gedanken durch den Kopf gingen, lenkten mich Bücher immer ab. Sie entführten mich in eine Welt, in der ich meine Gedanken und Sorgen einfach vergessen konnte. Für den Moment, in dem ich las, stieg ich einfach in eine neue Welt und erst nach ein paar Stunden hörte ich immer auf zu lesen.

In letzter Zeit las ich sehr viel, da ich auf andere Hobbys oder auf neue Freunde keine große Lust hatte. Zum Glück musste ich in den vergangenen drei Monaten nicht zur Schule, da ich andere Sorgen hatte …

Aber dies war der letzte Tag, an dem ich mich noch einmal ausruhen und einfach nichts tun konnte. Ich musste nur noch mein Zimmer einräumen ...

Jetzt, da ich meine Sachen endlich alle in meine Schränke und Regale geräumt hatte, war ich stolz auf mich, dass ich mein Zimmer alleine so toll hatte einrichten können - mit schöner Deko und vielen Kerzen.

„Hey Avery, wie weit bist du denn?“, hörte ich draußen die Stimme meiner Großmutter fragen und antwortete mit einem kurzen: „Komm rein!“

Die Tür ging langsam auf und meine Großmutter trat ins Zimmer- „Wow, das ist ja wunderschön geworden“, sagte sie und brachte mich dabei zum Lächeln: „Ja, ich habe dir ja gesagt, es wird noch was, selbst wenn ich es auf den letzten Tag schiebe.“

„Ich muss zugeben, ich bin sehr stolz auf dich. Das hast du wirklich toll gemacht“, lobte sie mich und fragte anschließend: „In einer Viertelstunde gibt es Essen, in Ordnung?“

Ich hatte solchen Hunger und mein Bauch knurrte schon die ganze Zeit. „Ja, klar. Bis gleich“, antwortete ich und wandte mich meinem Schreibtisch zu. Darauf lagen ein paar Blätter Papier und mein Schulmäppchen. Es war bestimmt schon Jahre her, dass ich das letzte Mal gezeichnet hatte, aber früher konnte ich es ganz gut. Also änderte ich die Musik auf Spotify zu der Playlist „Ruhige Musik“ und begann zu zeichnen. Ich malte einfach drauflos. Stellte mir einen Jungen in meinem Alter mit grünen Augen und schwarzen Haaren vor. Früher, in Kunst, hatte ich ein Bild schon immer viel schneller fertig gemalt, als jeder andere. Ich hatte immer höchstens zwei Doppelstunden für ein Bild mit allem Drum und Dran gebraucht, während meine Mitschüler immer vier oder mehr Doppelstunden gebraucht hatten. So bekam ich meinen um die siebzehn Jahre alten gezeichneten Jungen, mit allen Einzelheiten, wie Konturen im Gesicht und Falten auf dem Pullover, in weniger als zehn Minuten fertig und als ich mein Bild genauer betrachtete, fiel mir auf, dass ich immer noch ziemlich gut zeichnen konnte. Sofort wollte ich das Bild an meine Wand hängen, brauchte aber dafür noch Reißzwecken. Mit viel Glück hatte Großmutter sogar welche für mich bereitgelegt. Sie hatte mir nämlich eine Kiste ins Zimmer gestellt, in der lauter neue Schulsachen, wie Hefte, Mappen oder Schreibutensilien waren.

Ich stöberte kurz in der Kiste rum und BINGO, da war eine ganze Schachtel voller Reißzwecken. Also beeilte ich mich und hing mein Bild an die Wand.

Da wir in weniger als fünf Minuten essen würden, beschloss ich, mich schon mal in die Küche zu begeben und meiner Großmutter noch bei den restlichen Essensvorbereitungen zu helfen. „Und, soll ich schon mal den Tisch decken oder eine Gurke schneiden?“, fragte ich meine Großmutter, die gerade Paprika wusch. „Ja, du kannst gerne schon mal eine Gurke schneiden. Sie liegt …“, weiter kam sie nicht, da ich ihren Satz zu Ende brachte, „… unten im Kühlschrank, ja Oma, ich weiß, ich wohne hier schon seit drei Monaten. Ich kenne mich hier aus.“ Meine Großmutter musste schmunzeln. „Ja, stimmt, ich vergesse immer wieder, dass du schon so lange bei mir wohnst. Die vergangenen drei Monate haben sich irgendwie wie drei Wochen angefühlt. Geht es dir auch so oder bin ich da die Einzige?“

„Ja, das stimmt. Aber es waren schöne drei Monate, ich konnte dich kennenlernen, musste nicht zur Schule, konnte den ganzen Tag lesen und mit Sky telefonieren und konnte meinen kleinen Cassi kennenlernen.“ Bei seinem Namen musste ich lachen. Ich liebte es, ihn so zu nennen. „Du weißt genau, dass er es hasst, so von dir genannt zu werden, oder?“, fragte meine Großmutter mich, konnte ein Grinsen aber nicht unterdrücken. „Nein, seit wann hasst er denn seinen tollen Spitznamen?“, fragte ich ironisch. Plötzlich klingelte es an der Haustür und ich sagte nur: „Wenn man vom Teufel spricht. Ich geh schon.“

Ich öffnete die Tür und davor stand er, der Grund, der mich vor drei Monaten endgültig überzeugt hatte, hierher zu ziehen. Mein kleiner Bruder Cassius, den ich natürlich immer Cass nannte. Obwohl, um ihn zu ärgern, nannte ich ihn „kleiner Cassi“. Ich kannte ihn zwar erst genauso lange wie meine Großmutter, nämlich seit drei Monaten, aber mit seiner ganz eigenen Art, konnte ich ihn innerhalb von ein paar Stunden schon in mein Herz schließen. Er ist erst acht Jahre alt und an dem Tag, als unsere Mutter von uns gegangen ist, kam er gerade vom Fußballtraining zurück. Meine Großmutter hat Cass einen Tag nach meinem Zusammenbruch alles erzählt. Alles über mich und dass unsere Mutter jetzt nicht mehr da sei. Er kannte unsere Mutter auch.

Unsere Großmutter hat ihm immer von ihr erzählt und als meine Mutter ab und zu wegen ihrer „Arbeit“ wegfahren musste, ist sie immer zu Cass gefahren, hat ein Wochenende mit ihm verbracht. Meine Großmutter ist an solchen Wochenenden immer zum Wellness gefahren, da sie genau wusste, dass meine Mutter den Kontakt mit ihr für immer abgebrochen hatte.

Cass ist aber genauer gesagt mein Halbbruder, da meine Mutter an einem Abend mal wieder einen Rückfall und viel zu viel getrunken hatte. Sie war an jenem Abend in einer Bar und dann ist es passiert. Mit einem Barkeeper. Danach musste sie für mehrere Monate zu einem „Arbeitsausflug nach New York - das hatte sie mir auf jeden Fall gesagt. So entstand Cass, der von meiner Großmutter aufgenommen wurde, nachdem meine Mutter widerwillig bei ihr angerufen hatte. Meine Großmutter dachte, ihre Tochter würde wieder Kontakt wollen und sie könnte mich endlich kennenlernen, aber meine Mutter wollte nur, dass meine Großmutter Cass zu sich nahm. Als sie dies getan hat, konnte meine Großmutter meine Mutter nie wiedersehen. Nur über Kurznachrichten hatten meine Mutter und sie sich immer wieder mal geschrieben, aber diese Nachrichten lauteten fast immer gleich: „Ich bin nächste Woche bei Cass … du hast ja bestimmt was vor.“

Das machte meine Großmutter immer wieder sehr traurig, aber sie freute sich auch für Cass, dass er seine Mutter sehen konnte. Die ersten Tage nach deren Tod wollte ich meiner Großmutter das alles nicht glauben, aber nach und nach sah ich ein, dass meine Mutter nur mit mir alles geteilt hatte und nur mir gegenüber sie selbst sein konnte. Sie hatte nur mir vertraut, aber hatte trotzdem ein großes Geheimnis vor mir gehabt. Cass.

Nachdem mein Vater sie verlassen hatte, konnte sie niemandem mehr vertrauen. Niemandem mehr. Aber obwohl Cass bis vor drei Monaten auch nichts von meiner Existenz wusste und eigentlich genauso in Vertrauensangelegenheiten war, wie ich und unsere Mutter und all das für ihn sehr schwer zu glauben war, kam er einen Tag nach dem Tod unserer Mutter von selber zu mir ins Zimmer und versuchte, auf seine eigene Art, mir zu helfen. Das hieß, er kam zu mir, kuschelte sich einfach neben mich ins Bett und erzählte mir von sich, von seinen Freunden und von unserer Mutter und unserer Großmutter.

Cass lag bestimmt mehrere Stunden einfach neben mir und erzählte mir aus seinem Leben. Ihn störte es auch nicht, dass ich nicht antwortete. Nein, im Gegenteil. Er konnte nicht mehr aufhören zu erzählen.

Es dauerte noch nicht mal einen Tag, bis ich ihm auch vertraute. Schon am nächsten Morgen schlich ich mich in Cass‘ Zimmer und erzählte ihm von mir. Ich konnte mich noch nie so schnell einem Menschen anvertrauen wie ihm. Er war der Grund, warum ich jetzt hier in Norddeich lebte und diese Entscheidung, hier zu wohnen, die richtige war.

Cass umarmte mich, ich gab ihm einen Kuss auf die Wange und sagte: „Hallo kleiner Cassi, wie war die Schule?“

„Gut, wir schreiben in zwei Wochen Mathe, du musst mir bei dem Thema helfen“, antwortete er und ich nickte ihm zu. „Übrigens, nenn mich nicht immer so!“

Diesen Kommentar quittierte ich mit einem Lächeln. Dann stürmte er in die Küche und fragte unsere Großmutter, was es zu essen gebe. Dieser kleine Rabauke wollte, im Gegensatz zu mir, eine Woche nach dem Tod unserer Mutter wieder direkt in die Schule gehen.

Er wollte, dass ich auch in die Schule gehe, aber ich war noch nicht bereit dazu. Das war ich zwar jetzt immer noch nicht ganz, aber ich würde es morgen durchziehen. Ehe ich noch einen weiteren Gedanken an morgen verschwendete, ging ich auch in die Küche und aß mit meiner neuen kleinen Familie zusammen zu Mittag. Cass erzählte uns wieder, wie jeden Mittag, etwas über die Schule, schwärmte von einer Schulfreundin und regte sich über seine Lehrer auf.

Den restlichen Tag lag ich in meinem Bett und las in meinem Buch. Am Abend spielten Cass und ich Karten und ich sagte ihm, dass ich Angst vor morgen hätte. Daraufhin sagte er: „Hey, Ave, du schaffst das. Wenn nicht du, wer dann? Du bist die beste Schwester der ganzen Welt und bestimmt auch die beste und coolste Schülerin. Das schaffst du. Ich hab dich lieb!“ Danach war ich so gerührt, dass ich ihn in eine lange Umarmung schloss. Ich gab ihm einen Kuss und wir wünschten uns Gute Nacht. Er war einfach der Beste und ich bin so dankbar, dass ich ihn als kleinen Bruder habe. Ich wüsste ganz ehrlich nicht, was ich ohne ihn tun sollte.

Da ich am nächsten Morgen schon um sechs Uhr aufstehen musste, sagte ich meiner Großmutter noch schnell Gute Nacht und ging ins Bett.

Kapitel 5

Als ich um sechs Uhr von einem schrillen Piepen neben meinem Bett geweckt wurde, wollte ich es einfach nur abstellen und mich noch weitere fünf Stunden in mein Bett legen, so wie die letzten drei Wochen.

Aber ich hatte heute meinen ersten Schultag in der neuen Schule und wusste, dass ich keine andere Wahl hatte. Ich musste hingehen, ob ich wollte oder nicht. Also stand ich widerwillig auf und zog mich an. Ich entschied mich heute für ein schlichtes weißes Champion T-Shirt, eine schwarze Hose und eine schwarze Lederjacke. Meine Haare trug ich offen und als Accessoire band ich eine Kette mit silbernen Engelsflügeln um, die mir meine Mutter zu meinem 14. Geburtstag geschenkt hatte. Damals hatte sie gesagt, diese Kette würde mich immer beschützen und mir immer Glück bringen. Heute musste dies einfach stimmen, denn wenn ich gleich am ersten Tag negativ auffallen würde, wäre ich der Loser der Schule und darauf hatte ich wirklich keine Lust.

Ich ging in die Küche und begrüßte meine Großmutter: „Morgen, wie lange bist du denn schon wach?“ Meine Großmutter antwortete mit einem Gähnen: „Ich stehe jeden Morgen um halb sechs auf, was du auch schon wissen würdest, wenn du nicht immer bis elf geschlafen hättest.“ Wie konnte sie immer nur so früh aufstehen? Menschen, die freiwillig so früh aufstanden, hatte ich noch nie verstanden.

„Wo ist Cass? Soll ich ihn wecken?“, fragte ich sie mit einem unterdrückten Gähnen. Diese antwortete mit einem Grinsen im Gesicht: „Nein, er ist schon seit zwanzig Minuten wach.“

„Er möchte nicht gestört werden, hat er gesagt“, setzte sie hinzu und ich musste augenblicklich anfangen zu grinsen. Ich machte das Radio an und aß Müsli.

Gerade als ich fertig gegessen hatte, kam Cass in die Küche. Er hatte heute ein schwarzes T-Shirt von Star Wars an und eine blaue Jeanshose. Er sah mit seinen verwuschelten Haaren einfach zum Anbeißen aus. „Morgen“, sagte Cass fröhlich und umarmte erst unsere Großmutter und danach mich. Er nahm sich schnell einen Müsliriegel aus dem Kühlschrank und sagte zu mir: „Ave, ich muss dir etwas zeigen!“ Er nahm mich an der Hand und zog mich aus der Küche in sein Zimmer. Ich war gespannt, was Cass mir zeigen wollte.

„Mach die Augen zu“, verlangte er von mir und ich gehorchte ihm. „Jetzt mach sie wieder auf“, sagte er voller Vorfreude. Als ich die Augen öffnete, konnte ich nicht anders als zu lächeln. Cass war zwar noch sehr jung, konnte aber schon, genauso wie ich, sehr gut zeichnen. Wieder eine Gemeinsamkeit von uns beiden. Cass hatte mir ein Bild gemalt, auf dem wir beide Hand in Hand am Strand vor dem Sonnenuntergang saßen. Sofort fiel ich Cass in die Arme und quietschte: „Danke Cass, das ist so toll. Ich hab dich so lieb.“

Cass erwiderte meine Umarmung und als ich ihm direkt in die Augen sah, sah ich, dass seine Augen glitzerten. Waren das etwa Tränen? „Cass, was ist los? Warum weinst du denn?“, fragte ich ihn verwundert. Cass wischte sich schnell die Tränen weg, aber sah mir weiterhin ganz tief in die Augen: „Ich habe Angst, dass du, wenn du in die neue Schule gehst, Freunde findest, mit denen du dann viel mehr machst, als mit mir und dass ich dir dann nicht mehr so wichtig bin wie jetzt.“

Jetzt traten mir doch tatsächlich auch Tränen in die Augen, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, egal was passiert, an meinem ersten Schultag nicht zu weinen. „Cass, eins musst du wissen: Du bist der wichtigste Mensch für mich und ich werde immer für dich da sein, egal was passiert. Ich werde ganz sicher nicht, wenn ich neue Freunde finden sollte, mehr mit ihnen machen, denn du bist mein Ein und Alles und du wirst immer meine Nummer eins sein. Egal, was passiert. Ich liebe dich so sehr und du bist der beste kleine Bruder auf Erden! Das musst du mir glauben, okay?“ Cass umarmte mich noch ein zweites Mal und ich merkte, wie er sich langsam beruhigte. „Hey, nicht mehr weinen, okay?“

Ich wischte ihm die Tränen aus den Augen und er nickte tapfer. Er nahm mich an der Hand und kurz bevor wir aus seinem Zimmer gingen, sagte er zu mir: „Ave, du bist auch die beste Schwester und ich hab dich auch lieb!“ Damit mir nicht wieder die Tränen kamen, nickte ich nur, drückte seine Hand fester und mit dem Bild in der anderen Hand gingen wir aus seinem Zimmer zurück in die Küche. Ich zeigte meiner Großmutter schnell das Bild und hing es direkt in meinem Zimmer auf, putzte mir noch schnell meine Zähne, zog meine Schuhe an und dann stand ich vor meiner Haustür.

Meine Großmutter wünschte mir viel Glück und sagte, ich würde das rocken.

Dann liefen mein Bruder und ich Hand in Hand zur Bushaltestelle, wo wir noch zehn Minuten warten mussten. Mein Bruder hatte einen besten Freund. Sein Name war Connor und als er Cass und mich sah, kam er zu uns. „Hi Cass und du bist Avery?“, fragte er mich. „Ja, das bin ich. Und du musst wohl Connor sein, Cass´ bester Freund?“, antwortete ich mit einer Gegenfrage. „Ja, das bin ich“, antwortete er mir mit einem verschmitzten Lächeln.

„Connor, willst du dich neben uns setzten?“, fragte mein Bruder ihn und dieser nickte. Als der Bus endlich kam und wir uns hinsetzten, erzählte Connor mir etwas über sich und seine Hobbys. Er redete sehr viel. Ich hörte ihm zu und fand ihn sehr süß. Obwohl es eventuell ein bisschen seltsam aussah, eine Sechszehnjährige alleine neben zwei Achtjährigen im Bus sitzen zu sehen, war es mir egal. Die Fahrt dauerte circa zehn Minuten und als wir ausstiegen, umarmte ich Cass noch ein letztes Mal, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und sagte: „Denk dran, nach der Sechsten treffen wir uns wieder hier.“ Er antwortete mir mit einem: „Ja, hab dich lieb Ave!“

„Ich dich auch“, flüsterte ich ihm ins Ohr und verabschiedete mich noch kurz von Connor.

Jetzt war ich also auf mich allein gestellt, aber ich würde es schaffen. Ich würde den Tag hier überstehen! Ich lief also zum Sekretariat, um meinen neuen Stundenplan abzuholen und die restlichen Sachen zu klären. Den Weg ins Sekretariat kannte ich auswendig, da Cass ihn mir zu Hause gefühlte hunderte Male erklärt hatte. Als ich vor der Tür stand, atmete ich noch einmal kräftig ein und aus und klopfte schließlich.

Von drinnen erklang eine nette Stimme: „Herein!“ Ich trat ins Sekretariat ein und sah einen schlichten schönen Raum. Hinter dem weißen Tresen saß eine schlanke Frau, mit langen braunen Haaren und blauen Augen. Diese strahlte mich herzlich an. „Hallo, du musst bestimmt Avery sein, die Neue?“ Ich antwortete ihr schüchtern: „Ja, genau die bin ich.“ Die Dame stellte sich kurz vor: Sie heiße Rose und sei die Sekretären an dieser Schule. Sie gab mir meinen Stundenplan und sagte mir, in welchen Raum ich als erstes müsse. Ich bedankte mich schnell und machte mich eilig auf den Weg zu Raum 116. Obwohl wir erst in 20 Minuten Unterricht hatten, war die Schule schon sehr voll. Ich lief an einem Jungen vorbei, der gerade versehentlich seine Bücher fallen ließ. Ich war hin- und hergerissen, einfach dran vorbeizugehen oder zu helfen. Aber da ich nicht unhöflich sein wollte, entschied ich mich für Letzteres. Ich ging in die Knie und half dem Jungen, seine Bücher aufzuheben. Als wir aufstanden und ich ihm die Bücher geben wollte, sah ich ihm direkt in die Augen.

Wer ist das denn?, hörte ich eine Stimme. „Ich bin Avery, neu an der Schule“, sagte ich verwirrt und gab ihm seine Bücher. Er antwortete: „Ähm, hi, danke. Ich bin Niclas.“

Avery, schöner Name … „Ähh, was hast du gesagt?“, fragte ich ihn verwirrt. „Nichts“, erwiderte er und wurde ein bisschen rot. Dann lächelte er mich an und ich wandte meinen Blick ab. „In welche Klasse kommst du?“, erkundigte er sich bei mir. „Ich gehe in die 10b“, offenbarte ich ihm und als ich dies sagte, lächelte er mich an: „Ich auch, komm, wir können zusammen zur Klasse laufen und in der nächsten Pause zeig ich dir alles.“ Er setzte etwas schüchterner hinzu: „Natürlich nur, wenn du willst.“ Ich war darüber zwar sehr überrascht, nickte jedoch zögernd.

Also gingen wir schnell, ohne uns noch lange zu unterhalten, in die Klasse. Als wir den Raum betraten, war ich überrascht. In meiner alten Schule waren die Klassen immer mit circa 30 Schülern besetzt. Im Gegensatz dazu war meine neue Klasse sehr klein. Mit mir waren wir gerade mal 20 Schüler. Das beruhigte mich etwas. Ich war keine, die sich gerne unter Menschen mischte und ich stand auch nicht gerne im Mittelpunkt. Niclas ging zu seinem Platz und ich lief ihm hinterher. Er sagte zu mir: „Du kannst dich gerne neben mich setzen. Am Tisch neben dir nimmt noch meine Schwester Riley Platz. Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich.“ Als ich zögernd nickte, lächelte er mir noch einmal zu und nahm Platz.

Ich holte meine Schulsachen für die erste Stunde heraus. Da ich morgens noch nicht wusste, was wir für Stunden haben würden, hatte ich mir einfach mal zwei karierte und zwei linierte Hefte mitgenommen und vier einfache Schnellhefter. Meine Bücher würde ich heute in der ersten Pause in der Bücherei abholen können. Als ich einen Blick auf den Stundenplan warf, stellte ich fest, dass heute ein recht leichter Schultag für mich sein würde, da wir Mathe, Musik und Chemie hatten. Alle Fächer fand ich sehr leicht. In meiner früheren Klasse kam ich in diesen Fächern sehr gut mit und schrieb meistens Einser und Zweier. Als ich alle meine Schulsachen auf dem Tisch hatte, kam ein Mädchen mit schulterlangen braunen Haaren in die Klasse.

Sie hatte Sommersprossen und eine Brille. Das Mädchen kam auf mich und Niclas zu und begrüßte ihn: „Hi Niclas, kannst du nicht einmal auf mich warten?“

Als er nur schief grinste, schüttelte sie den Kopf. „Hi, wer bist du?“, fragte mich das Mädchen voller Interesse. „Hallo, ich bin Avery. Ich bin neu auf der Schule. Niclas hat gesagt, ich darf mich zu euch setzen, aber wenn du das nicht möchtest, kann ich mich natürlich auch woandershin setzen“, antwortete ich mit einem schuldbewussten Blick.

Das Mädchen weitete die Augen: „Nein, nein! Setz dich gerne neben uns, ich freue mich, wenn mal jemand außer Niclas neben mir sitzt. Ich heiße übrigens Riley und wie du eventuell schon mitbekommen hast, bin ich Niclas´ Zwillingsschwester.“ Stimmt, wenn man näher hinsah, sahen sich die beiden wirklich ziemlich ähnlich. „Ich will Avery später noch die Schule zeigen, wenn du willst und wenn Avery es auch will, kannst du ja vielleicht mitkommen“, sagte Niclas an seine Schwester gewandt und sah mich anschließend fragend an. „Na klar kann sie mitkommen, ich würde mich sehr freuen“, sagte ich und Riley antwortete mit einem aufgeregten: „Jippi!“

Ich war froh, dass ich so leicht zwei Menschen gefunden hatte, die mich anscheinend mochten. Ich mochte die beiden auch und fand sie direkt sympathisch, jedoch wollte und konnte ich sie noch nicht meine Freunde nennen, denn ich hatte bis jetzt gerade mal um die zehn Minuten mit ihnen verbracht. Außerdem konnte ich Leuten immer noch nicht leicht vertrauen.

Es dauerte nicht lange und dann kam unsere Mathelehrerin herein. Sie hieß Frau Masadri und war außerdem noch unsere Klassenlehrerin. Natürlich sagte sie direkt nach der Begrüßung: „Wie manche vielleicht schon mitbekommen haben, haben wir seit heute eine neue Schülerin in unserer Klasse“, und setzte mit einem Lächeln an mich gewandt hinzu, „Avery, schön dich kennenzulernen. Willst du dich einmal kurz der Klasse vorstellen?“

Da ich nicht unhöflich rüberkommen wollte, stand ich auf und ging vor die Tafel. Als ich einmal tief ein- und ausgeatmet hatte, fing ich an, ein bisschen über mich zu erzählen: „Hallo, mein Name ist Avery Kingston, ich bin sechzehn Jahre alt und lebe seit drei Monaten in Norddeich. Früher habe ich in Ehringshausen gewohnt, ich weiß nicht, ob es jemand kennt. Ehringshausen ist circa fünf Stunden von Norddeich entfernt.“ Als ich fertig gesprochen hatte, setzte leises Gemurmel ein und ein Junge in der ersten Reihe hob die Hand. Als die Lehrerin den Jungen drannahm fragte er: „Hallo, darf ich fragen, warum du hierhin gezogen bist?“ Ich biss mir auf die Zunge. Ich wusste zwar, dass diese Frage irgendwann kommen würde, aber dass sie so früh gestellt werden würde, hätte ich nicht gedacht.

Als ich gerade antworten wollte, wurde die Klassenzimmertür aufgerissen. Als ich meinen Blick in Richtung Tür warf, kam ein Junge herein. Er hatte schwarze Haare und grüne Augen. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden, denn er strahlte eine gewisse Autorität aus.

Er wirkte stark und mysteriös. Als er in der Klasse stand, murmelte er nur: „‘Schuldigung für die Verspätung“ und lief zu seinem Platz. Er setzte sich neben ein Mädchen mit hellblonden Haaren und gab ihr erstmal einen Kuss. Diese schlang die Arme um ihn und es kam ein tiefes Seufzen aus ihrer Kehle. Meine Lehrerin räusperte sich: „Grace, es wäre vielleicht besser, wenn du dich mal genauso gut auf den Unterricht konzentrieren würdest wie auf Knox.“

Eins war mir klar, ich hasste diese Grace jetzt schon.

Kapitel 6

Als die Stunde endlich rum war, wollten mir Niclas und Riley gerne die Schule zeigen. Ich fand die beiden wirklich nett und freute mich tatsächlich darauf, mir die Schule von ihnen zeigen zu lassen.

Als erstes führten die beiden mich in die Cafeteria. „Dieser Ort ist der Wichtigste, das musst du dir merken. Hier ist das Essen einfach wunderbar“, sagte Riley zu mir und ihr Bauch fing an zu knurren. Daraufhin mussten wir laut loslachen. „Du musst wissen, dass Riley ein Vielfraß ist. Sie frisst mir noch die Haare vom Kopf“, sagte Niclas. „Hey, das stimmt gar nicht!“, widersprach Riley und schlug ihm gespielt auf die Schulter. Ich musste schon wieder lachen.

Obwohl ich Menschen nicht so leicht vertraute und ich mich auch nicht so gerne mit anderen anfreundete, war es mit den beiden genauso wie mit Cass. Die beiden waren witzig und hatten mich direkt so akzeptiert, wie ich war. Sie wussten zwar noch nicht so viel über mich, aber sie wollten trotzdem etwas mit mir unternehmen und wenn sie mir eine Chance gaben, wollte ich ihnen auch eine geben.

Als nächstes bekam ich von den beiden noch die Sporthalle, die Toiletten, die Aula und vieles mehr gezeigt. Nach unserem Rundgang hatten wir noch fünf Minuten Pause. Da wir in der Nähe des Sekretariats standen, holten wir noch schnell die Schulbücher für mich ab, bevor wir zurück in die Klasse gingen. Die letzten vier Schulstunden gingen recht schnell um. Ich musste mich zwar bei jedem neuen Lehrer kurz vorstellen, aber das machte mir nicht mehr so viel aus. Ich musste schließlich nicht mehr vor der ganzen Klasse vor der Tafel reden.

Als die letzte Stunde endlich vorbei war, packte ich schnell meine Sachen zusammen und Riley fragte mich, ob ich heute Mittag mit ihr und Niclas an den Strand gehen mochte. Ich war überrascht, sagte aber: „Ja, gerne. Wann?“ Daraufhin sagte Riley, sie und Niclas würden mich um halb drei abholen. Ich gab den beiden meine Telefonnummer und schickte ihnen meine Adresse. Danach verabschiedeten wir uns und ich ging aus dem Klassenraum.

Als ich schnell nochmal auf dem Weg zur Toilette war, rempelte mich jemand von links an. „Mann ey, kannst du nicht aufpassen?“, blaffte der Typ mich an und als er mich ansah, bemerkte ich, dass es dieser Knox aus meiner Klasse war. Eins war mir jetzt klar, er war ein arrogantes Arschloch!

Ich schüttelte nur ärgerlich den Kopf, da es nichts bringen würde, einen Streit mit ihm vom Zaun zu brechen. Ich sah ihm noch einen Moment nach, bis er zu Grace lief und diese ihm wieder um den Hals fiel. Ich konnte da nicht mehr zusehen. Die beiden passten perfekt zusammen: Ein arrogantes Arschloch und eine eingebildete Zicke.

Als ich ein paar Minuten später an der Bushaltestelle stand und auf Cass wartete, kam ein Junge aus meiner neuen Klasse auf mich zu. Es war der Junge, von dem ich mich den ganzen Tag schon beobachtet gefühlt hatte. Nicht das noch! Auf ein Gespräch mit ihm hatte ich jetzt gar keine Lust. „Ähm, hallo, ich bin Jack aus deiner Klasse“, stotterte er vor sich hin und versuchte sich an einem Lächeln. Ich nickte nur kurz und er ergriff leider wieder das Wort: „Ich bin Jack und möchte nur sagen, dass du voll korrekt rüberkommst und dich fragen, ob du Lust hast, morgen mit mir Eis ...“

Weiter kam er zum Glück nicht, da Cass ihn unterbrach: „Hi Ave!“ Ich war gerade echt froh, dass mein Bruder genau in diesem Moment auftauchte, deshalb sagte ich schnell: „Jack, darf ich vorstellen, das ist Cass, mein kleiner Bruder. Cass, das ist Jack, mein Klassenkamerad.“ Ich setzte noch schnell hinzu: „Wir sehen uns dann ja morgen in der Schule, hat mich gefreut dich kennenzulernen Jack.“ Auch wenn Jack mir zwar nichts getan hatte, fand ich ihn trotzdem nicht sehr sympathisch. Deshalb war es mir gerade auch sowas von egal, das ich ihm einen Korb gegeben hatte.

„So, Cass, wie war dein Tag?“, fragte ich ihn und dieser erzählte mir: „Heute war eigentlich ein ganz toller Tag, wir hatten heute Mathe, Sport und Kunst. Obwohl das zwar, außer Mathe, nur Nebenfächer sind, haben wir allerdings richtig viele Hausaufgaben auf. In Mathe müssen wir zwei ganze Seiten in unserem Arbeitsheft erledigen, in Sport sollen wir etwas zu unserer Lieblingssportart recherchieren, was total unnötig ist und in Musik ein Plakat machen.“ Wenn ich ihm jetzt sagen würde, dass er später in den höheren Klassen noch viel mehr aufbekommen würde, wäre er noch deprimierter, also antwortete ich nur: „Das ist ja nicht so toll.“ Daraufhin nickte Cass nur und umarmte mich erst einmal.

„Wie war dein Tag so?“ Ich antwortete ihm mit einem Grinsen im Gesicht: „Nicht so anstrengend wie deiner, aber die Einzelheiten erzähle ich dir und Oma beim Mittagessen. Eins kann ich dir aber schon mal sagen, ich habe bereits zwei Freunde gefunden.“ Cass freute sich für mich und als der Bus kam, setzten wir uns ganz hinten in die Sitzreihen, da Cass es immer sehr cool fand, hinten zu sitzen.

Warum? Keine Ahnung.

Als wir nach circa zehn Minuten Busfahrt wieder zu Hause waren, klingelte Cass an der Haustür und unsere Großmutter machte auf. Sie hatte heute mein Lieblingsessen gemacht: Pellkartoffeln mit Quark. Als wir endlich am Tisch saßen, verlangte Cass von mir eine ausführliche Zusammenfassung meines ersten Schultags.

Ich erzählte von Riley und Niclas, daraufhin sagte meine Großmutter: „Ich kenne die beiden. Ihre Großmutter, Sahra, ging früher auch in meinen Buchclub.“ Ich erzählte noch von meinen neuen Lehrern und von Jack, Grace und Knox. Ich ließ jedoch aus, dass ich Knox und Grace nicht leiden konnte. Anschließend fragte ich meine Großmutter, ob ich mit Niclas und Riley zum Strand dürfe. „Natürlich darfst du, amüsiere dich ruhig mit den beiden“, antwortete sie. Als wir alle fertig gegessen hatten, half ich noch schnell, den Tisch abzuräumen.

Pünktlich halb drei klingelte es an der Haustür. Ich zog mir schnell eine Jacke und meine Schuhe an, sagte meiner Großmutter und Cass, das ich jetzt weg sei und ging nach draußen. „Hey“, begrüßten mich die beiden. „Ist es nicht ein bisschen zu warm für eine Jacke?“, fragte mich Riley. Tatsächlich, es war bestimmt um die dreißig Grad und ich Idiot hatte eine Jacke mitgenommen. Ich antwortete mit gespielter Stimme: „Nein, es ist doch voll kalt.“ Danach lief ich schnell rein und hing die Jacke wieder an den Kleiderständer zurück.

Niclas, Riley und ich gingen am Strand entlang und aßen Eis. „Avery, ich habe da mal eine Frage“, sagte Riley zu mir. Ich hatte schon so ein Gefühl, was sie mich jetzt fragen würde, jedoch sagte ich zu ihr: „Egal, was es ist, frag mich.“ Und setzte dabei ein gezwungenes Lächeln auf. Wie ich mir schon denken konnte, kam genau die Frage, von der ich gehofft hatte, sie nicht beantworten zu müssen: „Okay, also du hast ja zu uns in der Klasse gesagt, du seist von Ehringshausen hierher gezogen. Warum, wenn ich es wissen darf?“

Ich biss mir auf die Zunge: „Ähm, also, … meine Mutter hatte vor drei Monaten einen Unfall und kam dabei ums Leben.“ Niclas ergriff als erster das Wort: „Das tut mir schrecklich leid, wenn wir irgendetwas für dich tun können … Eins musst du wissen: Obwohl wir dich nicht lange kennen, wir sind immer für dich da.“ Riley griff nach meiner Hand und drückte sie liebevoll: „Weißt du, unser Opa ist auch vor ein paar Monaten gestorben und er war immer für uns da. Nach seinem Tod dachten wir, das Leben hätte keinen Sinn mehr, aber unsere Familie war für uns da und hat uns geholfen, den Schmerz zu verkraften. Genauso wie unsere Familie uns geholfen hat, werden wir dir helfen.“ Ich war so dankbar, diese beiden kennengelernt und gerade an meiner Seite zu haben, aber eine wichtige Frage hatte ich ebenfalls. Nachdem ich mich bei ihnen für ihre Hilfsbereitschaft bedankt hatte und wir noch fünf Minuten am Deich entlanggelaufen waren, fragte ich: „Aber eins verstehe ich nicht. Ich bin ja neu in der Schule und ihr seid schon viel länger hier, warum wollt ihr eher etwas mit mir unternehmen als mit euren Freunden?“ Niclas guckte ein bisschen traurig und antwortete: „Wir haben nicht viele Freunde. Wir sind nicht so perfekt wie unsere Klassenkameraden … Als du kamst, hatten wir gehofft, dass wir vielleicht bei dir eine Chance als Freunde bekommen würden, denn du kamst uns direkt sympathisch vor und nicht so arrogant und eingebildet wie die meisten aus unserer Schule.“

Wow, ich hatte eigentlich gedacht, dass die beiden echt beliebt wären, aber das hatte ich jetzt eher weniger erwartet. Natürlich war ich sehr gerührt von ihrem Geständnis. So quatschten wir noch ein bisschen. Ich erzählte den beiden etwas über Cass und meine Großmutter, über Sky und dass es mir immer schwer falle, Menschen zu vertrauen. Daraufhin sagte Riley zu mir: „Okay, wir spielen ein Spiel, damit du weißt, dass du uns vertrauen kannst.“ Sie war ganz aufgeregt: „Zuerst stehe ich in der Mitte von euch beiden, schließe meine Augen und lasse mich abwechselnd nach vorne und nach hinten fallen. Vorne fängt mich immer Niclas auf und hinten immer du. Nach einer Zeit wechseln wir, dann stellst du dich und dann Niclas sich in die Mitte. Dann kannst du dir nämlich sicher sein, dass du uns vertrauen kannst.“

Ich fand es echt süß, dass Riley mein Vertrauen gerne gewinnen mochte und stimmte deshalb zu. Das Spiel machte echt Spaß und kein einziges Mal ließ mich einer der anderen fallen. Als wir alle einmal in der Mitte gewesen waren, legten wir uns lachend auf die Dünen. Es war schon halb sechs. Ich musste jetzt schon gleich gehen. Da Riley und Niclas darauf bestanden, mich nach Hause zu begleiten, nahmen wir uns alle noch schnell ein Eis mit und machten uns auf den Weg. Als wir vor meiner Haustür standen, verabschiedeten wir uns. „Es hat sehr großen Spaß gemacht, ich hoffe, das können wir bald wiederholen“, sagte Riley zu mir und umarmte mich. Niclas gab mir ein High Five und sagte: „Bis morgen in der Schule.“ Ich verabschiedete mich auch mit einem „Bis morgen“ und schloss die Tür auf. Als ich drinnen war, stieg mir der Geruch von Toast in die Nase. Obwohl ich schon zwei Kugeln Eis gegessen hatte, hatte ich immer noch Hunger. Ich zog meine Schuhe schnell aus, ging in die Küche und begrüßte meine Großmutter und Cass. Die beiden umarmten mich und ich nahm mir eine Scheibe Toast aus dem Toaster und bestrich sie mit Butter und Nutella. Das schmeckte köstlich.

Später, um circa sieben Uhr, spielte ich mit Cass Mau-Mau und rief noch einmal Sky an. Es klingelte … Nach dem fünften Klingeln ging sie endlich ran. „Hallo“, begrüßte sie mich, „wie war dein erster Schultag?“ „Hi, eigentlich ganz in Ordnung“, sagte ich, um sie ein bisschen auf die Folter zu spannen.

„Na sag schon, ich will jedes Detail erfahren. Hast du schon ein paar hotte Jungs kennengelernt?“ Das klang ganz nach Sky. Ich war froh, ihre Stimme zu hören. Also erzählte ich ihr nach und nach von Niclas und Riley, von unserem Treffen, von Jack und Knox und Grace. Wir plauderten noch ein bisschen über Sky´s Tag und danach verabschiedeten wir uns. Ich las noch ein bisschen in meinem Buch und fiel danach in einen unruhigen Schlaf.

Vor mir stand ein Mann, ich würde ihn um die 45 schätzen. Er ähnelte mir sehr: wir hatten die gleichen Gesichtszüge, die gleiche Haar- und Augenfarbe. Das war sehr beängstigend. Der Mann kam auf mich zu und sagte mit einer angenehm weichen Stimme zu mir: „Nimm dich vor ihnen in Acht, ich habe dich verlassen, da ich keine andere Wahl hatte, ich bin aber immer für dich da, genauso wie das Licht.“

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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261 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783962298098
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