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Jakob Streit

Milon und der Löwe

Eine Erzählung

aus der Zeit des frühen Christentums

Mit Zeichnungen von

Henriette Sauvant



Inhalt

Abschied von Athen

Auf dem Schiff «Augusta»

Geheime Fracht

Ankunft in Stabiae

Einkäufe in Pompeji

Vesuvius regiert

Der Untergang

Die tote Stadt

Der tanzende Faun

Neue Ziele

Der goldene Titus

Fahrten nach Leptis Magna und Portus Augusti

Wiedersehen in Rom

Die Rückfahrt

Im Sturm

Ein neuer Herr

Eine seltsame Begegnung

Die Rückkehr

Veränderter Dienst

Am Tag der Löwenjagd

Betrogen und geschlagen

Auf dem Sklavenmarkt in Alexandria

Ankunft in Rom

Die großen Spiele

In die Freiheit

Wiedersehen im Haus des Andarius

Letzte Löwenfahrt

Begegnung in Alexandria

Nächtliches Alexandria

Milon holt seine Gäste

Das belauschte Gespräch

Es wird gebaut

Auch ein Sklave ist ein Mensch

Heimfahrt mit Hindernissen

Leier und Reigen

Abschied von Athen

Über die Stadt Athen und ihre hellen Tempel auf dem Hügel der Akropolis senkten sich die Strahlen der späten Nachmittagssonne. In ungestümem Lauf jagte ein Jüngling durch die Gassen, bis er vor dem hohen, verschlossenen Tor eines Hofes ankam. Heftig hämmerte er mit der Faust gegen die hölzernen Bretter. Auf das dumpfe Poltern regten sich drinnen schlurfende Schritte. Eine Frauenstimme fragte:

«Wer ist der ungestüme Bote? Was gibt’s?»

«Ich bin’s, Tyrios! Schließe mir auf, Agaja!»

Das Tor knarrte. Der Bursche stand vor der alten Dienerin des Herrschaftshauses, die an seiner Aufgeregtheit sichtlich Spaß hatte.

«Warum so eilig? Beinah hättest du das Tor in Stücke zerschlagen. Bei der Arbeit geht’s weniger flink!»

«Wo ist Milon? Ich muss ihn sprechen. Ich habe eine wichtige Neuigkeit. Ich weiß, wo wir hingebracht werden!»

Die alte Dienerin deutete gegen den hinteren Garten.

«Er pflückt Trauben. Sage mir, Tyrios, was hast du erfahren?»

Den Schluss der Frage hörte der Jüngling schon nicht mehr, so eilig hatte er’s, seinem Gefährten Botschaft zu bringen, mit dem er bald die Stadt für immer verlassen sollte. Er fand ihn im Reblaub beim Pflücken der ersten reifen Trauben, die er sorgsam in einen Korb legte. Milon war Altersgenosse von Tyrios und wie dieser ein junger Sklave. Wirre dunkelblonde Haare gaben ihm ein wilderes Aussehen, als seine feinen Gesichtszüge zeigten.

«Milon, wir fahren nach Rom! Das Gepäck, das ich zum Hafen von Piräus brachte, musste ich auf ein Schiff tragen, das schon morgen die Segel setzt und übers Meer zur großen Stadt der Römer fährt. Es ist ein mächtiges Schiff und scheint kostbare Ladung zu bergen. Wachtposten verwehrten mir den Zutritt zum Hinterdeck.»

Tyrios schnappte nach Luft. Der schnelle Lauf, das hastige Sprechen hatten ihm den Atem vollends genommen. Milon reichte ihm eine große Traube. Zögernd fragte er:

«Dann schlafen wir heute Nacht zum letzten Male in Athen?»

Tyrios nickte lebhaft. Fast war er enttäuscht, dass Milon nicht in seine Freude einstimmte. Für eine Weile verstummten beide. Tyrios langte nach einer neuen Traube und schlürfte gierig den Saft der Beeren in seine durstige Kehle. Milon war über die unerwarteten Neuigkeiten aus Piräus erschrocken; doch ließ er sich nichts anmerken. Wortlos hob sich sein Blick über die Gartenmauer hinweg zum Hügel der Akropolis, wo die blendenden Sonnenstrahlen die hellen Marmortempel erglänzen ließen.

«Tyrios», presste er schließlich leise hervor, «würdest du für mich den Korb hier mit Trauben füllen und ihn zu Agaja tragen? Ich muss noch einmal auf die Akropolis steigen zu den Tempeln und Abschied nehmen von Alkides und von Athen.»

«Freust du dich denn gar nicht, von unsern alten Weibern wegzukommen, für deren Launen wir von früh bis spät arbeiten müssen? Oh, Milon, bald sind wir auf einem Schiff, fahren in die große, weite Welt! In Rom sollen wir Dienst in einem vornehmen Hause antreten, hat der Händler gesagt.»

«Füllst du bitte meinen Korb, Tyrios?», wiederholte Milon unbeirrt seine Frage.

«Ja, geh nur zu deinen Tempeln und Göttern! Du hast ihnen so viele Bürden Holz zum Opferfeuer hinaufgeschleppt, dass sie es dir wohl danken könnten!»

«Tyrios, wenn ich mich heute etwas verspäte, besänftige Agaja!»

«Das will ich wie üblich besorgen; auf ihren Liebling Milon kann sie ja nicht böse werden.»

Bald darauf öffnete sich das große Tor. Der Junge schlüpfte durch und, es in den Angeln etwas aufstemmend, zog er es sachte hinter sich zu, damit das Knarren ausbliebe. Eigentlich durfte er das Haus heute nicht mehr verlassen, so hatte der Händler befohlen, der sie beide gekauft hatte. Behände durcheilte Milon Gassen und Straßen, die ihn in die Richtung der Akropolis führten. Als er den felsigen Hügel zwischen Zypressen und Olivengärten aufwärts wanderte, überglänzte ein abendlich goldfarbenes Licht die Tempel, die sich vom blauen Himmel wie eine leuchtende Stadt der Götter abhoben. Milon blieb einen Augenblick gebannt stehen. Ihm war, als sähe er die Akropolis zum ersten Mal in ihrer ganzen erhabenen Schönheit, jetzt, da er Abschied von Athen nehmen musste. In seiner Brust hämmerte das Herz vom schnellen Laufen. In das Pochen und Pulsen mischten sich Bewunderung und Abschiedsschmerz. Mit diesen Säulen und Bauten war er groß geworden. Dort drüben an der Mauer hatte er jedes Frühjahr mit einem Stein ein heimliches, nur ihm bekanntes Zeichen eingeritzt, damit er wusste, wie viel er Jahr für Jahr gewachsen war. Im Weitergehen verlangsamte er unwillkürlich seine Schritte, wie um die Zeit des Abschieds auszudehnen. Als er zum letzten Aufgang kam, der zu den großen Hallen der Propyläen hinaufführte, blickte er rückwärts auf die Stadt mit den dämmernden Gassen. In der Ferne glitzerte das Meer, das ihn morgen in unbekannte Zukunft tragen sollte. Bedächtig, beinahe feierlich erstieg er die letzten Stufen, die ihn zu den wuchtigen Säulen hinauf brachten. Milon achtete nicht auf die Menschen, die an ihm vorübergingen. Er trat zu einer Säule, die das Licht des Tages getrunken hatte, und schob beide Hände aufwärts durch ihre Rillen. Er fühlte die rückstrahlende Sonnenglut. Da presste er auch die Stirn an den warmen Stein. Er schloss die Augen, flüsterte Worte und wusste nicht was.

Plötzlich hörte er seinen Namen rufen. Erschrocken löste er sich von der Säule. Vor ihm stand eine hohe Gestalt in weißem Überwurf. Es war Alkides, der junge Priester. Milon hatte sich vor längerer Zeit mit ihm angefreundet, da er als Holzträger für die Opferfeuer dreimal die Woche hier oben diente, wie sein Herr es ihm anbefohlen hatte.

«Ist dir elend, Milon? – Du bist verspätet. Das abendliche Opfer ist vorüber. Komm mit mir, begleite mich in die Stadt zurück!»

«Ehrwürdiger Alkides, ich bin verkauft worden … Es ist das letzte Mal, dass ich zur Akropolis komme … Abschied zu nehmen. Morgen muss ich auf einem Schiff Griechenland verlassen. Ein römischer Händler … Italien!»

Erstaunt, ja ungläubig blickte der junge Priester auf Milon, fasste ihn am Arm.


«Wie ist das möglich? Was hat sich zugetragen, dass dein Herr dich so plötzlich weggeben will? Hast du seinen Zorn entfacht?»

«Nein, edler Alkides. Mein Herr ist unterwegs auf einer Reise nach Eleusis unglücklich vom Pferde gestürzt und auf der Stelle gestorben. Seine Frau, meine Herrin, verkauft nun Haus und Sklaven und zieht zu ihrem Sohne nach Olympia. Tyrios und ich sind gestern von einem Römer erworben worden.»

Milon hatte im Erzählen das Haupt gesenkt, und Alkides bemerkte, wie Verzweiflung sich über das Antlitz des Jünglings legte, der ihm so oft bei den Verrichtungen des Opfers die niedere Arbeit abgenommen hatte. Er fühlte, wie schwer ihm der Abschied von Athen fallen musste. Einen Augenblick sann er nach, dann machte er einen ungewöhnlichen Vorschlag:

«Komm, Milon, lass uns zum Tempel der Göttin gehen, um für dich den Abschiedssegen zu erflehen!»

Als sie die letzten Stufen zum Eingangstor gemeinsam erstiegen, rötete der Glanz des Abends die Säulenhallen. Stumm schritten die beiden weiter hinauf zum Parthenon-Tempel. In der Vorhalle breitete Alkides seine Arme aus und sprach für Milon ein Gebet. Danach setzten sie sich draußen auf die oberste Stufe des Tempels zu Füßen einer der riesigen Säulen. Das Bild des sinkenden Sonnenwagens lag vor ihnen.

«Erzähle», sprach Alkides, «wie kam es, dass du so weit weg ins römische Land verkauft worden bist? Fand sich hier in Athen kein neuer Herr für dich?»

«Gestern brachte der Sohn meiner Herrin einen Händler von Piräus herauf. Der kauft junge griechische Sklaven, um sie nach Rom zu bringen. Sein Schiff liegt im Hafen zur Abfahrt bereit. Er schien gute Preise zu bieten. Tyrios und ich wurden vom Fleck verkauft. Du weißt ja, edler Alkides, Sklaven werden nicht befragt, was mit ihnen zu geschehen habe. Morgen früh werden wir abgeholt. Mir selber ist bange vor den Römern. Wie ich hörte, tragen sie in ihrem Wappen als Zeichen den Wolf. Es heißt, fast alle Völker der Erde seien ihnen untertan. Alkides, du musst es wissen: Wie ist es mit den Römern? Vielleicht kannst du meine Furcht zerstreuen?»

Fragend schaute Milon auf den Priester, als ob seine Zukunft auf dessen Lippen ruhe.

«Junger Freund», begann dieser, «gerne hätte ich dir vergönnt, hier in Athen bleiben zu dürfen. Lieber ein Sklave in Athen als ein Freier in Rom! Wir Griechen sehen in den Römern unsere stolzen Besieger, denen wir Tribut zahlen müssen. Die Gunst der Götter ist von uns gewichen, da sie uns besiegten. Unsere Tempel haben sie in Rom nachgebildet und Götterbilder darin aufgestellt, die sie uns raubten. Unser Dienst an den Göttern ist bei ihnen ein äußerliches, abergläubisches Treiben geworden. Sei aber nicht bange, Milon: So die Göttin des Schicksals deinen Weg nach Rom lenkt, geh ihn getrost. Wo du auch sein wirst, die vielen Opferfeuer, die du hier an den Altären mitgefeiert hast als wackerer Holzträger, werden dir auch in Rom weiterleuchten. Die Tempel und Säulen der Akropolis bleiben in deinem Innern aufgerichtet. Wenn du einmal in schwere Bedrängnis und Trübsal gerätst, dann schließe deine Augen; lass in dir die Tempel Athens im Bilde aufleuchten. Mut und Zuversicht werden sich in dein Herz senken; denn über allem Menschlichen walten die ewigen Götter!»

Alkides hielt inne. Seine Hände tasteten in die Falten des Priesterkleides und brachten eine bronzene Schaumünze zum Vorschein mit dem Haupt der Göttin Athene.

«Hier, Milon, nimm dies als Andenken; dann trägst du immer ein Stück Athen mit dir.»

Als ob er eine große Kostbarkeit mit seiner Hand umschlösse, presste Milon das Geschenk gegen seine Brust:

«Ich danke dir, Alkides! Du machst mir den Abschied schwer und leichter zugleich. Leuchtet nicht dieselbe Sonne über Athen und Rom? Kreisen nicht dieselben Sterne über der weiten Erde?»

«So ist es», bestätigte Alkides.

«Ich sehe, du wirst nicht verzagen im fremden Lande. Lass uns jetzt gemeinsam den Weg zur Stadt hinunterschreiten und im Wandern Abschied nehmen. Es beginnt zu dunkeln. Schon glänzen die ersten Sterne. Sieh dort drüben, der Abendstern! Das Gestirn der Göttin Aphrodite steht über dem Meere, ein gutes Vorzeichen für deine Fahrt!»

Als Milon in der Abenddämmerung heimkehrte, fand er das Hoftor unverschlossen. Sachte stieß er es auf, doch Agaja, die auf das Heimkommen des Ausreißers harrte, nahm das leise Knarren wahr. Ihre aufgeregte Stimme wurde laut. Sie eilte aus dem Hause. Kaum erblickte sie Milon, stürzten ihr die Tränen in die Augen:

«Tyrios ist schon fort, nach Piräus. Der römische Händler war hier und wollte auch dich gleich mit auf das Schiff bringen.»

«Er hat uns doch auf morgen früh bestellt, warum die plötzliche Eile?», entgegnete Milon erschrocken.

Agaja fasste seine Rechte, presste sie zwischen ihre alten, abgearbeiteten Hände und redete beschwörend auf ihn ein:

«Milon, der Händler war sehr zornig, weil er dich nicht vorfand. Ich fürchte, man wird dich morgen früh auspeitschen, wenn du verspätet aufs Schiff kommst. Ich rate dir, Milon, geh nicht nach Piräus, geh nicht zu den Römern! Verlasse heimlich Athen, flieh in die Berge zu meinem Bruder, der über Delphi die Schafherden weidet. Dort sucht man dich nicht. Du kennst den Weg. Dort bist du sicher vor Häschern. Du kannst wieder Schafhirte sein, wie du es als kleiner Knabe warst. Später, wenn alles vergessen ist, kehrst du wieder nach Athen zurück als freier Mann!»

Agaja bewegte zitternd die Lippen, auch als sie nicht mehr sprach. Sie heftete ihre sorgenden Augen auf den Jüngling, sein Einverständnis erwartend. In der stummen Pause fiel Milons Blick über die Gartenmauer auf den Stern, der über dem Meere glänzte. Er hörte des Alkides Abschiedsworte:

«Das Gestirn der Aphrodite, ein gutes Vorzeichen für deine Fahrt!»

Ja, er hatte Abschied von Athen genommen. Er wollte den Weg gehen, der ihm vorgezeichnet war: mit Tyrios über das Meer nach Rom! In einer plötzlichen Regung strich er der guten Agaja über die weißen Haare, hielt ihren Kopf zwischen seinen Händen, sprach fest und bestimmt:

«Agaja, die Welt öffnet sich vor mir! Ich werde das Schiff noch heute Abend besteigen und mit der römischen Wölfin fahren. Liebe Agaja, du warst mir stets wie eine Mutter. Ich werde dich auch in fernen Ländern nicht vergessen. Geh hin und wieder hinauf zur Akropolis, bete für mich beim Parthenon!»

Nach diesen Worten löste er seine Hände von Agajas Haupt und fuhr fort:

«Damit der römische Händler nicht zu böse wird, binde ich sogleich meine kleine Habe in das Reisetuch, das du mir gegeben hast, und eile unverzüglich zu dem römischen Schiff.»

Wie auch Agaja leise für sich jammerte, sie spürte, Milon war fest entschlossen, und so half sie mit, seine geringe Habe einzupacken, der sie Früchte und Honigbrot beifügte.

Als Milon nach einer kurzen Weile das Hoftor öffnete, fiel sein langer Schatten hinaus auf die Pflasterung der Gasse. Agaja hob die Ampel gegen sein Antlitz, sich sein Bild ein letztes Mal einzuprägen, und legte ihm zärtlich eine Hand auf die Schulter. Sie hatte an ihm in ihren alten Tagen einen Sohn gefunden und ihm während sieben Jahren ihre Liebe gegeben.

«Ich werde früh morgens ans Meer hinunterkommen und deine Abfahrt segnen!», sprach sie bestimmt.

Milon wehrte es ihr nicht, und so fügte sie bei:

«Dein Schiff werde ich finden. Schaue nach mir aus; es soll dir Glück bringen!»

Es war ein weiter Weg, den Milon in der Nacht bis ans Meer zu gehen hatte. Als leichtfüßiger Läufer kam er bald auf die breite Straße, die die Stadt Athen mit dem Meere verband. Noch befanden sich im dämmrigen Dunkel Eselskarren und beladene Maultiere unterwegs, die Waren vom Meerhafen hinauf in die Stadt brachten. Hinter sich vernahm Milon plötzlich das Rattern eines größeren Gefährtes. Ein Pferdegespann, begleitet von vier fackeltragenden Läufern, fuhr einen vornehmen Wagen in Richtung Piräus. Eine günstige Gelegenheit mitzuhalten, dachte Milon, und er eilte kurz hinter dem Wagen her. So kam er viel rascher vorwärts, weil er immerzu dem Schimmer der Fackeln folgen konnte. Milon fühlte sich glücklich im leichten Laufen, da er ohne besondere Anstrengung mit den geübten Fackelträgern Schritt zu halten vermochte. Ihm war plötzlich, die Lichter gäben ihm selbst das Geleit, und wiederum sah er vorne den Abendstern über dem Meere glänzen, dem er entgegeneilte. Athen im Rücken und im Feuerlauf in ein neues Leben! – Das Traben der Pferde über die Pflasterung fuhr ihm in die Glieder und berauschte ihn. Jubel durchzog seine schnell atmende Brust. Immer wieder musste er von Zeit zu Zeit einen Sprung hochauf in die Luft nehmen. Vergessen war sein Sklavensein, das ihn bis jetzt noch kaum bedrückt hatte unter der Obhut der guten Agaja. Vergessen, dass Rom die Wölfin im Wappen führte. Vor ihm unbekannte, ferne Ufer, in sich den Mut, sich in die Welt zu wagen.


Auf dem Schiff «Augusta»

Der Hafen von Piräus war noch nicht zur Ruhe gekommen, als Milon, sein römisches Schiff suchend, am dunklen Gestade umherirrte. Schiffsleute kehrten aus Weinstuben zurück auf ihre Schiffe. Zwei Betrunkene torkelten fluchend durch die Finsternis, weil sie ihr Boot nicht fanden. Vorbeihuschende Fackeln erhellten für Augenblicke einzelne Gesichter. Wo sollte Milon, der nicht einmal den Namen des gesuchten Schiffes kannte, es jetzt in der Nacht finden? Als wiederum ein Fackelträger ihm entgegenkam, redete er ihn an:

«Kannst du mir sagen, wo ich das römische Schiff finde, das morgen nach Rom ausfährt?»

Der Angesprochene, ein älterer Seemann, antwortete:

«Die Römerschiffe fahren zumeist im vorderen Hafen ab, da sie größer sind als die Fischerboote, die hier im hinteren Hafen anlegen. Geh nach vorne!»

So begab sich Milon weiter meerwärts; doch war nur langsames Gehen möglich, da man auf Schritt und Tritt über Steine, Pflöcke und Taue stolperte. Von hinten nahte eine Gruppe Männer mit Fackeln.

Denen schließe ich mich an, dachte Milon.

Er ließ die Schar Seeleute an sich vorüberziehen. Ihm fiel auf, wie stumm diese meist jungen Leute daherkamen, eine Schar von Sklaven, mit Gepäck, wohl an die dreißig. Plötzlich gewahrte er in ihrer Mitte seinen Freund Tyrios, den er längst auf dem römischen Schiff wähnte. Im Augenblick war er neben ihm her und flüsterte: «Tyrios, ich bin da!»

Der Angesprochene wendete rasch den Kopf. Ein Freudenschimmer überflog sein Antlitz. Mit gedämpfter Stimme antwortete er:

«Milon, den Göttern sei Dank, dass du gekommen bist! Halte dich dicht bei mir. Der Händler kommt mit den Aufsehern kurz hinter uns nach. Er ist schlecht gelaunt, weil du und zwei andere nicht zu Hause vorgefunden wurden. Nun muss er morgen früh nach den Vermissten aussenden. Vorher kann das Schiff nicht ausfahren. Den Kaufpreis hat er für alle schon bezahlt.»

«So laufe ich jetzt mit dir und schleiche mich ein mit euch allen.»

«Das geht nicht», versetzte Tyrios, «unsere Namen sind auf einer Wachstafel aufgeschrieben worden. Sobald wir zum Schiff kommen, melde dich beim Händler an. Wir mussten lange warten in der Stadt beim Marktplatz, bis alle zusammengebracht waren. Nun bist du uns gar zuvorgekommen. Pass auf! Wir nähern uns dem Schiff. Die vordersten Fackelträger sind stehen geblieben.»

Ein breit ausladendes Segelschiff ragte aus dem Dunkel empor, vom Fackelschein dürftig beleuchtet. Rufe erschollen, eine Leiter wurde herabgelassen. Die Sklavenschar erstieg auf angelegten schiefen Balken den Schiffsbauch, indes vorn ein Aufseher einen jeden nach der Wachstafel verzeichnete.

«Jetzt ist der Augenblick», sagte Tyrios zu Milon, «dass du dich hinten beim Händler und Schiffsherrn anmeldest. Ich komme mit dir.»

Die beiden begaben sich unauffällig an das hintere Ende der Sklavenschar. Tyrios trat mit Milon zu dem römisch gekleideten Kaufmann und grüßte ergeben.


«Edler Herr», redete er ihn an, «hier ist mein Gefährte aus dem Hause des Midias, der eben auf einem Botengang unterwegs war, als du uns beide abholen wolltest. Nun ist er in aller Eile zum Hafen gekommen und bittet um Verzeihung für die ungewollte Säumnis.»

Nach Sklavenart warf sich jetzt Milon vor seinem neuen Gebieter nieder. Vor Erstaunen über die Höflichkeit und Wortgewandtheit des Tyrios blieb dem Händler der Mund offen. Er vergaß, seine Lederpeitsche zu ziehen, die ihm im Gürtel steckte, und meinte schließlich:

«Und wo sind die zwei anderen?»

Prompt erwiderte Tyrios:

«Darüber ist mir nichts bekannt.»

«Verdammte Kerle!», zischte der Händler. «Dieser da lasse sich auf der Wachstafel eintragen!»

Mit einer winkenden Gebärde des Händlers waren sie entlassen. Erleichtert begaben sich beide zum Einstieg, um sich den letzten Sklaven anzuschließen.

Vom Verdeck des Schiffes mussten sie sich alsbald über eine Art von Treppe in das Schiffsinnere hinablassen, wo ein nackter Holzboden und gähnende Finsternis die Sklaven zur Nachtruhe erwartete. Das mitgebrachte Kleiderbündel diente als Kopfkissen. Beim Aufsuchen eines freien Platzes hielten sich Milon und Tyrios bei der Hand, um einander nicht zu verlieren. Bei jedem zweiten Schritt stießen sie an Menschenkörper. Da und dort setzte es einen Fausthieb und einen Fluch, wenn ein Nachtwandler einem Liegenden auf den Magen trat. Endlich hatten alle sich in die Kreuz und Quere gelagert. Das Reden und Fluchen verstummte. Erste Schnarcher gaben ihre Geräusche von sich. Der Geruch von Schweiß und Pech durchdrang stickend die Luft. Milon flüsterte Tyrios zu:

«Unsere Reise beginnt in der Unterwelt; fehlt nur der Höllenhund Kerberos mit den drei Köpfen und dem Schlangenschwanz!»

Die ungewohnte, missliche Lage vermochte nicht, den beiden Jünglingen den Humor zu nehmen. Milon nestelte aus seinem Bündel zwei Honigbrote, die Agaja ihm eingepackt hatte, und reichte eines seinem Gefährten:

«Hier, nimm etwas Götterspeise, so weißt du auch, dass der Hades uns noch nicht verschlungen hat!»

Nach einer Weile flüsterte Tyrios:

«Milon, hast du die Buchstaben lesen können, die auf das Schiff geschrieben sind? Du hast doch bei Alkides die griechischen und die römischen Zeichen gelernt.»

«Ja, ich sah sie wohl, aber ich weiß nicht, was der Name bedeutet. Das Schiff heißt ‹Augusta›. Vielleicht ist es der Name einer römischen Göttin. Vielleicht führt sie uns vom Hades ins Elysium, in die Welt der Seligen.»

Eintönig plätscherten die Wellen ans Schiff; bald breitete sich Schlaf über die müden Sklavenaugen.

Am frühen Morgen herrschte in Piräus ein reges Treiben. Mit der ersten Morgendämmerung war von der «Augusta» ein Aufseher mit zwei Gehilfen an Land gegangen, um oben in Athen die vermissten Sklaven abzuholen. Als sie mit ihnen zurückkehrten, stand die Sonne schon hoch am Horizont. Eine günstige Brise wehte, sodass sich die aufgezogenen Vorsegel meerwärts blähten. An eine Kette gefesselt erstiegen die beiden Verspäteten die Schiffsleiter. Oben wurden sie mit Peitschenhieben empfangen. Der Schiffsherr schnaubte vor Wut und gebot, dass die Geprügelten für die ganze Dauer der Meerfahrt unten im dunklen Schiffsraum angebunden würden. Milon erschauerte bei dem Gedanken, dass er jetzt der Dritte an der Kette sein könnte. Voll Mitleid sah er die Unglücklichen auf einer Leiter ins Dunkle hinuntersteigen.

Wie immer, wenn ein größeres Schiff ausfahren will, versammelte sich eine Menge von Neugierigen in der Schiffsnähe. Rufe ertönten, letzte Kommandos zum Lösen der Taue wurden erteilt. Als das Schiff schon ablegte, eilte ein altes Weib herbei, schwarz gekleidet und hager. Sie goss beim Schiff aus einem kleinen Tongefäß etwas Öl ins Wasser und murmelte Worte in einer halb singenden Weise. Dazu schlug sie beschwörende Zeichen vor sich in die Luft und über das Wasser. Sie flehte zu den Göttern des Windes für gutes Geleit. Das geweihte Öl, das sie ins Wasser goss, sollte den Meergott Poseidon gnädig stimmen, dass er sturmfreie Fahrt gewähre. Dann trat die Alte einige Schritte vom Ufer zurück, beschattete mit der Hand die Augen vor den hellen Morgenstrahlen und rief mit kreischender Stimme zum Römerschiff hinauf:

«Milon! Milon!»

Da löste sich oben aus dem Schiffsvolk die Gestalt eines Jünglings, der behände am hinteren Mast mannshoch emporkletterte und mit einem hellen Tuch winkte, indem er es über seinem Kopf im Halbkreis hin und her flattern ließ.

Das letzte Segel ward aufgezogen, der Anker gelichtet, und sachte glitt die «Augusta» hinaus, dem offenen Meere zu. Die Alte schluchzte einen Augenblick auf, lief einige Schritte dem Schiffe nach, der Ufermauer entlang und flüsterte:

«Armer Milon, wo werden sie dich hinbringen? Deine Agaja wird dich nie mehr sehen.»

Das weiße Tuch erlosch auf dem Schiff. Da sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, setzte sich die Trauernde auf ein Gewirr von Schiffstauen nieder und jammerte still in sich hinein. Jedes Mal, wenn sie das Haupt erhob und auf das Meer schaute, war die «Augusta» ferner und kleiner geworden. Ein Fischerweib, das eben mit einem ledernen Beutel voller Fische vorüberging, die sie in Athen verkaufen wollte, erkannte in der Alten eine ihrer Kundinnen. Sie trat zu ihr:

«Agaja, was tust du hier im Piräus und weinst? Wollen deine Füße dich nicht mehr heimtragen? Komm, Agaja, ich geleite dich. Wir haben denselben Weg.»

Etwas beschämt, dass eine Bekannte sie hier in ihrer Erbärmlichkeit erkannte, erhob sich die Alte. Die Anteilnahme des Fischerweibes an ihrem Schmerz besänftigte sie, und sie erklärte:

«Ich habe unsere Knaben Milon und Tyrios zum Schiff gebracht. Sieben Jahre habe ich Milon auferzogen wie mein eigen Kind. Nun hat ihn unsere Herrin nach Rom verkauft. Dort fährt er auf dem Schiff dahin. Ich selber bin als Dienerin bei meinem verstorbenen Herrn alt geworden und kehre wieder zurück nach Delphi, woher ich stamme, zu meinem Bruder.»

Während sie sich auf den Weg machten, fuhr Agaja fort:

«Gerne geh ich mit dir zusammen nach Athen zurück. Lass mich zuvor in meinem kleinen Ölgefäß etwas von dem Wasser des Meeres mitnehmen, auf dem Milon jetzt seine weite Reise tut. Ich werde es täglich mit betenden Händen umschlingen.»

Mit diesen Worten begab sie sich wenige Schritte ans Ufer hin, tauchte das Gefäß ein und schob es wie ein kostbares Andenken unter ihren Arm. So wanderte Agaja mit dem Fischweib Richtung Athen. Von Zeit zu Zeit hielt sie an, um auf dem Meere das immer ferner schimmernde Segelschiff zu erspähen, bis es sich im letzten Glitzern der Wellen auflöste.

Geheime Fracht

Tagelang war die «Augusta» unterwegs und segelte mit guten Winden um die Küsten des Peloponnes. Milon und Tyrios wurden mit einigen anderen Sklaven angelernt, an Masten und Tauen hochzuklettern, um die Segel bei wechselnden Winden anders zu legen oder einzuziehen. Dadurch bekamen sie auch Zutritt zum ständig bewachten Hinterdeck, wo die großen, rätselhaften Ballen, mit Tüchern und Stricken zusammengebunden, lagen. Niemand wollte wissen, was sie verhüllten. Verschiedene Vermutungen wurden geäußert. In einem war man sich einig, dass es kostbares Raubgut der Römer war, das sie aus Griechenland entführten. Waren es doch kaiserliche Soldaten, die sowohl am Tage wie in der Nacht Wache hielten.

Eines Abends, als Tyrios und Milon auf ihren Holzpritschen lagen im Innern des Schiffes, flüsterte Tyrios seinem Freund zu: «Die Nacht ist vom Mond erhellt, da ist’s mir nicht ums Schlafen. Wollen wir versuchen, auf das Hinterdeck zu schleichen, um zu erforschen, was sich in den Ballen für geheime Fracht befindet? Ich bin mehr als neugierig, was in diesen Tüchern und Fellen verhüllt mit uns übers Meer fährt.»

«Wir könnten durch die hintere Luke hinaufsteigen, die der Steuermann benutzt», schlug Milon vor. «Er sitzt aber auch zur Nachtzeit, wenn nicht alle Segel eingezogen sind, am Steuer. Er könnte uns bemerken beim Aussteigen.»

Tyrios erwiderte:

«Einer von uns müsste zuerst nur den Kopf zur Luke hinausschieben, um den Steuermann eine Weile zu beobachten. Er geht doch auch am Tage, bei Windstille, öfters hin und her und sitzt gern weiter vorn beim Wächter. Komm, Milon, wir wollen eine erste Erkundung unternehmen. Meine Haare sind dunkel. Ich strecke meinen Kopf ohne viel Gefahr, gesehen zu werden, zur Luke hinauf.»

Tyrios kroch von seiner Lagerstatt in den hinteren Schiffsraum, Milon ihm nach. Da es im Schiff alleweil irgendwo knackte und ächzte im Holzwerk, achtete niemand darauf, wenn die beiden gelegentlich im Vorwärtstasten an ein Brett oder an einen Pfosten stießen. Ein schwacher Schimmer verriet die Luke des Steuermanns. Tyrios stemmte sich aufwärts. Milon gewahrte, wie er sich plötzlich hinaufschwang. Nach einer kurzen Weile streckte Tyrios den Kopf durch die Öffnung hinab und flüsterte: «Komm nach! Der Steuermann ist weiter vorn beim Wächter!»

Als sich nun auch Milon hinaufschwang und in der kühlen, frischen Nachtluft auf Deck kauerte, überzeugte er sich ebenfalls, dass der Wächter und der Steuermann weiter vorn auf den Planken saßen und plauderten. So schien keine Gefahr zu bestehen, die geheimen Schätze anzuschleichen und zu erforschen. Die beiden drängten sich zwischen die mächtigen Ballen. Sie begannen, die Knoten der festverschnürten Stricke zu lösen, die grobes Gewebe und Lederhäute um die verborgenen Gegenstände zusammenhielten. Zwischendurch vergewisserte sich Tyrios, ob von Steuermann und Wächter keine Störung ihres Unternehmens zu befürchten sei. Milon hatte einen länglichen Ballen von mäßiger Größe erwählt, und den knüpften sie nun auf. Als von einem rundlichen Vorsprung die letzte Hülle sich löste, wäre ihnen beinahe ein leiser Aufschrei entfahren. Beim Glanz des Mondes erblickten sie das ernste, weiße Antlitz einer Marmorstatue, einer göttlichen Frau.

«Aphrodite», flüsterte Milon, «in schmutzige Tücher gehüllt, geraubt und entführt von den Römern!»

Die mondumschimmerte Schönheit des Antlitzes ergriff all seine Gefühle. Selbstvergessen umschlang er ehrfürchtig den kalten Stein. In seiner Erinnerung sah er Aphrodite, die Göttin der Schönheit, in einem kleinen Tempel Athens, von Säulen umgeben, Blumen zu ihren Füßen. Mitleid, Schmerz und Zorn stiegen in ihm auf, das Bild der Gottheit so frevelhaft erniedrigt zu sehen.

Indes hatte Tyrios bei einem andern Ballen die eine Hand unter die Hüllen schieben können und meldete:

«Auch hier, ein Kopf, ein Arm. Ich glaube, das Schiff ist voll geraubter Götter. Ich habe gehört, der römische Kaiser liebe es, in den Gärten seiner Villen und Paläste Götterfiguren aufzustellen.»

Stumm betrachteten die beiden eine Weile das marmorschimmernde Bildnis der Göttin, das Milon nun völlig von den Tüchern befreit hatte. Antlitz und Blick richtete die liegende Figur starr aufwärts zu den nächtlichen Gestirnen und dem hellen Mond.

«Aphrodite muss in Griechenland bleiben», sprach plötzlich Milon in das leise Rauschen der Wellen. «Was glaubst du, Tyrios, sind wir beide stark genug, sie unbemerkt über Bord ins Meer zu werfen, hier vor der Küste Griechenlands? Kein Römer soll ihre Gestalt mit höhnischem Blick entweihen!»

«Ich bin dabei!», flüsterte Tyrios, «doch wenn man uns entdeckt, wird es uns schlimm ergehen! Lass mich vorerst nach Wächter und Steuermann Ausschau halten!»

Behende wie eine Katze kroch Tyrios zwischen den verhüllten Figuren hindurch und kam bald mit dem Bescheid zurück:

«Die beiden liegen auf Schaffellen und reichen sich wechselweise den Weinkrug, lachen, grunzen und reden dummes Zeug. Sie sind vollauf beschäftigt. Wir können’s wagen.»

Das Standbild hatte nicht ganz die Größe eines natürlichen Menschen, und da die beiden Burschen sehr kräftig waren, gelang es ihnen ohne viel Mühe, es aufzurichten, wobei die untergeschobenen Tücher verhinderten, dass es auf dem Schiffsboden ein Geräusch gab. Einen Teil der schmutzigen Hüllen warf Tyrios vorab über Bord. Für ihn war das ein willkommener Streich. Für Milon jedoch schimmerte um das Götterbild etwas von erlebter Opferheiligkeit, und ihm war, als ob er für Griechenland und seine Götter eine gute und wichtige Tat verrichte: Aphrodite dem Meer und den Küsten des Peloponnes zu übergeben. Er entsann sich, wie Alkides ihm von der Göttin der Schönheit erzählt hatte, wie sie aus den Schaumfluten des Meeres aufgetaucht sei und Griechenlands Künstler zu schönen Werken inspiriert hätte.

«Aus griechischen Fluten stammst du, in griechische Fluten kehre zurück!», flüsterte Milon bei sich selbst.

Wie die Marmorgöttin nun leicht mit dem Schiffe schwankend in ihrer weißen Schönheit im Mondlichte stand, war er nahe daran, vor dem Bild in Anbetung niederzusinken; doch er fürchtete den Spott des Tyrios. Kräftig umschlossen jetzt die Jünglingsarme die Statue. Vorsichtig, halb schiebend, halb drehend, jedes Geräusch durch die Tücher dämpfend, brachten sie sie an den Schiffsrand heran. Sachte kippten sie die Figur über die Brüstung. Einen Augenblick lag sie in der Waage; dann stürzte sie abwärts in die nächtlichen Fluten. Beim Gleitsturz über den Schiffsrand schlug der Marmorsockel, auf dem die Göttin stand, aufs Holz. Ein lautes Poltern fuhr durch das Schiff zum Entsetzen der beiden Burschen. Wächter und Steuermann sprangen auf. Sie eilten zum Hinterdeck, von wo der Lärm gekommen war. Noch eben konnte Tyrios Milon niederreißen und mit ihm ins Dunkle zwischen die anderen Ballen kriechen. Das mitgezogene Tuch breitete er blitzschnell über sich und seinen Freund. Da standen auch schon Wächter und Steuermann ihnen so nah, dass sie ihre Füße hätten berühren können. Aufgeregt meinte der Wächter:

«Was mag dieser Lärm gewesen sein? Es dröhnte, als ob ein Mast bräche, und geht doch kein Wind.»

Der Steuermann antwortete:

«Kein Mensch hat diesen Lärm verursachen können. Ist wohl eine der Steinfiguren zur Seite gekippt? Aber dann müsste der Wellengang doch viel stärker sein und da liegen sie alle wie … – beim Orkus? Was ist hier? Ein leerer Platz! Lag da nicht heute Abend noch eine der Statuen? – Beim Orkus, hier spukt’s, die ist weg! Ich will ein Licht holen und die Sache näher untersuchen.»

Mit abergläubischem Schreck fiel der Wächter ein:

«Ich gehe mit dir ein Licht holen, hier hat sich was Unheimliches ereignet!»

Also eilten die beiden nach vorn, um dort unter Deck, wo stets zwei Ampeln brannten, Licht zu holen. Diesen Augenblick benutzten Tyrios und Milon, um in der Steuermannsluke zu verschwinden, wobei sie nicht vergaßen, den Rest der Tücher über Bord zu werfen, um alle Spuren ihrer Tat zu verwischen.

Als sie unten in Sicherheit lagen, schlugen ihre Herzen bis zum Hals. Tyrios war von unbändiger Freude über das gelungene verwegene Abenteuer erfüllt, sodass er vor Übermut seinem Freund noch einige Rippenstöße mit Faust und Ellenbogen versetzte. Milon war, als sich seine Aufregung langsam beruhigte, von tiefem Glück durchdrungen, die Göttin der Schönheit für Griechenland gerettet zu haben.

Droben auf dem Hinterdeck irrten noch eine Weile zwei Gestalten mit einem schwankenden Licht umher, leuchteten jeden Winkel aus und hielten wiederum am leeren Platze der entflohenen Göttin an. Scheu umherblickend meinte der Wächter:

«Sie ist weg und bleibt weg! Ich glaube, hier lag Aphrodite, die als besonders kostbar bezeichnet wurde. Mir ahnt nichts Gutes für unsere Überfahrt. Mit Korn und Öl, mit Wein und Hölzern bin ich oftmals übers Meer gefahren, doch nie mit Götterbildern. Mir bangt um unsere Ankunft in Italien.»

Der Steuermann fügte bei:

«Beim Orkus und dem Höllenhund Cerberus, das ist nicht mit natürlichen Dingen zugegangen. Wer weiß, ob uns nicht jede Nacht so einer aus den Tüchern auf und davon geht! Mir ist schon bange für morgen Abend. Lass uns wieder nach vorne gehen; das Steuer ist befestigt und bedarf keiner Wartung. Komm, lass die Ampel brennen. Ich fülle einen frischen Krug mit Wein.»

«Einverstanden», meinte der Wächter; «aber das versprich mir, dass von dieser Sache niemand etwas erfährt. Ich meine, eine Göttin mehr oder weniger, darauf kommt’s nicht an, und es wird wohl keiner merken, wenn’s bei dieser einen bleibt. Hilf mir, jene hölzerne Bank von da drüben hierher zu stellen auf den leer gewordenen Platz. So wird auch dem Schiffspatron die Flucht Aphrodites verborgen bleiben. Wenn man in Rom die Tücher abnimmt: wir wissen von nichts!»

Dabei blieb es. Wo Aphrodite geruht hatte, wurde eine roh gezimmerte Bank hingestellt. Abgetakelte Segeltücher fanden darauf Platz, die zuzeiten wieder gehisst wurden, wenn es lauere Winde gab, und niemand bemerkte die Flucht der Göttin.


Ankunft in Stabiae

Die «Augusta» fuhr mit gutem Winde übers Meer und blieb von Unwetter verschont. Als sie sich der großen Insel Sicilia näherte, um durch die Meerenge von Messina zu fahren, blickten die Seeleute immer wieder hinüber zu dem hohen Berg dieser Insel, auf dessen Gipfel, trotz wolkenlosem Himmel, eine mächtige Rauchsäule stand. Tyrios hörte zufällig, wie der Schiffspatron zu einem Aufseher äußerte:

«Das innere Feuer der Erde ist unruhig. Vulcanus schmiedet wacker in der Unterwelt.»

Als er kurz danach zu Milon trat, der ganz in den Anblick des mächtig rauchenden Berges versunken war, wiederholte er die gehörten Worte, die er nicht zu deuten wusste. Milon versetzte: «Ich kann nur sagen, was ich von Alkides weiß, dass Hephaistos, den die Römer Vulcanus nennen, der Schmied der Götter ist, der im Feuer der Erde wohnt. Dieser Berg muss ein Heiligtum des Hephaistos sein. Hier in der Nähe befinden sich die Inseln und Klippen, die der berühmte Odysseus auf seinen Irrfahrten durch die Meere besucht hat.»

Bald erschien zur Rechten der Küstenstreifen Italiens. Als die «Augusta» durch die Meerenge fuhr, war es Milon, als ob er jetzt durch das Tor zu einem neuen Leben einfahre. Athen lag in weiter Ferne. Ein Meer trennte ihn von seinem Heimatland. Das Tor ins Reich der Römer war es, das auf tiefblauem Wassergrund sich vor ihm öffnete.

Milon hatte Auftrag bekommen, verschlungene Segeltaue voneinander zu trennen und harte Knoten aufzuknüpfen. Er arbeitete auf Deck daran und konnte zwischendurch auf das azurne Meer hinter sich und vor sich blicken und auf die sonnenbeschienenen grün-braunen Küsten. Eine Weile später tauchte Tyrios wieder auf, der es verstand, sich neugierig immer wieder irgendwo anzuschleichen, wo man aus Gesprächen Neuigkeiten erfahren konnte. Da er zum Wasser- und Weinschenken bestimmt war, der mit dem Krug zu gewissen Zeiten der römischen Schiffsbesatzung einen Trunk anbieten musste, kam er überall herum und vernahm manches, was den Sklavenohren sonst verborgen blieb. Als er plötzlich mit wichtiger Miene bei Milon erschien, wusste dieser, dass sein Freund etwas Besonderes erfahren hatte.

«Milon», flüsterte er aufgeregt, «ich habe eben hinten beim Steuermann eine wichtige Neuigkeit vernommen. ‹Da wir auf der Fahrt so gute Winde haben›, sprach dieser zu dem Schiffspatron, ‹werden wir morgen schon an Land setzen.› Bevor wir gegen Rom weiterfahren, soll es in einem Hafen namens Stabiae eine Zwischenlandung geben. Der Besitzer der ‹Augusta› wohnt dort und wird unser Schiff und die mitgeführten Waren besichtigen. Er heißt Pomponianus und soll ein fürstlich reicher Herr sein. Er besitzt viele Schiffe und bewohnt eine Villa nahe am Meer. Er muss selbst mit dem Kaiser vertraut sein, da er kaiserliche Güter geladen hat.»

Milon wusste nicht, ob er sich an dieser Neuigkeit freuen sollte. Ihm war bange davor, dass bald ein ungewisses römisches Sklavenleben beginnen würde und dass er auch von Tyrios, seinem jetzt einzig Vertrauten, getrennt werden könnte. Er antwortete daher:

«Tyrios, du bist so geschickt im Umgang mit Vorgesetzten. Wenn es dir gelingen sollte, dass wir zusammenbleiben dürfen, würde ich die römischen Dienste viel besser ertragen.»

«Das werde ich versuchen, Milon. Ich kann mir nicht denken, dass wir zwei getrennt werden sollten», meinte Tyrios. «Wenn nur dieser Pomponianus nicht merkt, dass die Statue der Aphrodite fehlt. Er könnte schlechte Laune kriegen und uns Sklaven alle als Ruderer auf eine Kriegsgaleere verkaufen. Dann wäre unser Leben zunichte. – Milon, übermorgen sind wir vielleicht in Rom!»

Am anderen Morgen wurde das Leben und Treiben auf dem Schiff immer aufgeregter. Der Schiffspatron erteilte brüllend seine Befehle, wo etwas noch zu reinigen und in Ordnung zu bringen war. Geflickte und schmutzige Segelstücke wurden ausgewechselt; das Deck gescheuert. Danach mussten die Sklaven sich waschen und reine Tücher um ihre Lenden binden. Als das Schiff endlich vor Stabiae anlief, war alles in festlicher Reinlichkeit und bereit, Pomponianus zu empfangen.

Als der hohe Herr mit Gefolge von der Villa die Stufen seiner Gärten zum Schiff herabstieg, mussten ihm die aufgestellte Mannschaft und die Sklaven ihr dreifaches «Vivat Pomponianus» entgegenrufen. Auf dem Schiff händigte ihm der Patron drei Pergamentrollen aus; auf einer waren die Sklaven, auf der anderen die Handelsware und auf der dritten die geheime Fracht verzeichnet.

Nachdem der Herr die Sklaven gemustert und dem Patron ein Kompliment gemacht hatte, dass so viele junge Leute dabei wären, die in Rom besonders gute Preise hätten, begab er sich in den Schiffsbauch, um die Öl- und Weinfässer zu besichtigen. Zuletzt setzte er sich mit seinem Gefolge auf das Hinterdeck, wo die Statuen gelagert waren. Nun hatte der Schiffspatron Tyrios beauftragt, sich dort mit Krug, Bechern und süßem griechischen Wein bereitzuhalten und Pomponianus und seinem Gefolge gleich beim Betreten des Hinterdecks Wein anzubieten. Tyrios hatte Milon als Schankgehilfen mitgenommen. Während Letzterer den Krug halten und die Becher füllen musste, brachte Tyrios sie zu den Besuchern und verneigte sich beim Anbieten anmutig vor Pomponianus und den Seinen, wie er es in Athen gelernt hatte. Der Trunk schmeckte den Gästen vorzüglich, immer wieder musste Milon nachfüllen.

Plötzlich zeigte der hohe Herr auf die verhüllten Statuen und begehrte eine zu sehen. Nach dem Aufknüpfen der Stricke und dem Entfernen der Tücher kam eine Faungestalt zum Vorschein, oben Mensch, unten Ziegenbock, ein Bein zum Tanze erhoben. Seine Hände hielten eine Flöte vor den Mund. Pomponianus, vom Wein schon in gute Laune versetzt, brach in schallendes Gelächter aus und rief:

«Diesen Kerl lass ich dem römischen Kaiser nicht! Der bleibt in Stabiae und kommt in meinen Garten. Da kann er meinen Fischen im Teich zum Tanze blasen!»

Beflissen ließ der Schiffspatron die Figur wieder in die schützenden Tücher wickeln und sie zum Ausladen an den Rand des Schiffes tragen. Unter Verwendung von Stricken, Brettern und Stangen mussten starke Sklaven das Paket an Land schaffen und es zur Villa hinaufbefördern. Andere trugen ein Fass mit griechischem Wein nach. Dieses Schauspiel lenkte Pomponianus von einer Kontrolle der Liste der Statuen ab, und er bemerkte nichts von der verschwundenen Göttin Aphrodite.

Bevor Pomponianus von Bord ging, ließ er den Patron wissen, dass er in seine Dienerschaft gern noch ein oder zwei junge Sklaven aufgenommen hätte. Er bemerkte, dass die beiden Weinschenken ihm gefielen. Er nehme sie gleich mit. So kam es, dass im Gefolge des Zuges der Herrschaft, die Treppen aufwärts, auch Tyrios und Milon mit dabei waren. Ihre geringen Habseligkeiten trugen sie in einem Bündel auf dem Rücken. Auf einer Terrasse angekommen, wendete sich Pomponianus noch einmal zurück, um die Abfahrt des Schiffes zu verfolgen. Gehisste Segel, winkende Flagge, es stach in See, Richtung Rom. Tyrios flüsterte Milon zu:

«Schade, ich wäre lieber mitgefahren, hätt’ ich mich doch auf dem Schiff versteckt gehalten!»

Milon antwortete:

«Dieser Herr ist gutartig, die Gegend wundervoll. Dort hinten die Stadt am Fuß des Berges erinnert mich ein wenig an Athen. Ich bin mit meinem Los zufrieden. Vor Rom hegte ich ein unheimliches Gefühl, eine unerklärliche Furcht.»

In diesem Augenblick trat aus dem Gefolge ein dicker, kleiner Mann zu den beiden Neulingen und redete sie auf Griechisch an:

«Nun, meine Burschen, ich bin der Aufseher der Sklaven, auch in Griechenland geboren. Ihr nennt mich Fuscus. Von heute ab lernt ihr die römische Sprache. Arbeit werde ich euch anweisen. Seid ihr fleißig und brav, soll’s euch gut gehen. Seid ihr faul und widerborstig, so gibt es schmiegsame römische Peitschen.»

Bei diesen Worten rollte Fuscus seine Augen, dass die Athener kaum das Lachen verbergen konnten. Doch Tyrios lenkte sogleich ab:

«Verehrter Fuscus, wir werden uns alle Mühe geben, deine Zufriedenheit zu verdienen; aber sage mir, wie heißt dort drüben die große Stadt?»

«Was, ihr kennt Pompeji nicht, die Blüte der römischen Städte? Vor sechzehn Jahren ist ein Teil durch Erdbeben verwüstet worden, nun aber neu und schöner erstanden als zuvor.»

Fuscus schien durch den süßen griechischen Wein gesprächig geworden zu sein. Er fuhr fort:

«In den nächsten Tagen gehen wir einkaufen nach Pompeji; da könnt ihr als Träger mitkommen. Ihr werdet staunen, was es alles in Pompeji gibt, Kaufläden, Handwerker und Weinschenken. Zwanzigtausend Seelen bewohnen die Stadt!»

Mittlerweile begab sich Pomponianus mit den Faunträgern zum Fischteich, einem großen steinernen Becken, in dem prächtige Fische umherschwammen. Die Statue des Tänzers wurde aus ihren Tüchern befreit und am Uferrand auf eine Mauer gestellt. Sie spiegelte sich in der leicht bewegten Wasserfläche, sodass es schien, als ob sie sich bewegte. Wohlgefällig betrachtete ihr Besitzer den Tiermenschen, der grinsend, auf einem Fuß stehend, immerzu die Flöte blies. Milon meinte zu Tyrios:

«Wie gut, dass nicht Aphrodite hier den Römern preisgegeben ist und begafft wird. Der Faun passt besser zu ihnen; sie nehmen das Leben wohl auch wie ein leichtes Glücksspiel.»

Für sich dachte er weiter: «Aphrodite schläft verborgen in den ionischen Fluten vor dem Peloponnes; vielleicht wird sie von glänzenden Fischen umschwommen, die sie bewundern.»

Tyrios zog Milon am Arm und weckte ihn aus seinen Träumen:

«Komm, Fuscus winkt. Er rollt schon wieder die Augen. Er will uns Arbeit anweisen.»


Einkäufe in Pompeji

Über zwei Wochen waren im Hausdienst beim reichen Pomponianus vergangen, den die Neulinge als freundlichen älteren Herrn achteten. Sie hatten mit Fuscus und dem Gärtner zu seiner Zufriedenheit dem Faun beim Fischteich eine erhöhte Mauer gebaut, und es verging kein Tag, an dem Pomponianus nicht unter einem Schattenbaum in der Nähe ruhte. Der Dienst in Haus und Garten war angenehm, nur etwas eintönig nach dem Leben in Athen und der erlebnisreichen Meerfahrt. Oft schauten sie hinüber nach Pompeji und zu dem dahinter liegenden Hügelberg Vesuvius hin. Gar zu gerne hätten sie schon längst diese Stadt besucht; aber diese Gelegenheit mussten sie abwarten. Endlich kam der Tag, wo Fuscus ihnen unvermittelt verkündigte:

«Heute geht’s nach Pompeji. Die vier jüngsten Burschen rudern das Boot. Unser Herr kommt auch mit. Rüstet Körbe und Krüge. Es gibt mancherlei einzukaufen.»

Bei den Jüngsten waren natürlich auch Tyrios und Milon dabei. Unten am Flusse Sarnus bestiegen sie das Vierruderboot, das Pomponianus für solche Fahrten nach Pompeji benutzte. Es war mit bunten Farben bemalt, hatte am Bug eine vergoldete Schnitzerei und sah sehr stattlich aus.

Es ging gegen Ende des heißen Monats August. Aus dem Gespräch zwischen Fuscus und Pomponianus war zu entnehmen, dass der Herr die Fahrt deshalb für heute angeordnet hatte, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass am Vortage in Pompeji einige Häuser Schaden genommen hätten durch ein leichtes Erdbeben, das man auch in Stabiae verspürte. Den Fluss Sarnus, der unweit Pompeji ins Meer führt, hatte man vor der Stadt zu einem Bootshafen erweitert, wo nach kurzer Überfahrt das Vierruderboot angebunden wurde. Nach dem Aussteigen gebot Pomponianus:

«Wenn du deine Einkäufe in der Stadt besorgt hast, Fuscus, kommst du mit den Burschen wieder hierher. Gönne dir aber in den Thermen ein Bad. Es mag mehrere Stunden dauern, bis ich vom Besuch meiner Freunde zurück bin.»

Der Herr wollte allein seiner Wege gehen, und so nahm Fuscus alle vier mit sich, die Einkäufe zu besorgen.

Vor dem Weggehen vom Flusshafen betrachtete Milon die Fischerboote und kleinen Warenschiffe. Am meisten aber erregten einzelne vergoldete Ruderschiffe sein Interesse, die reichen Bürgern von Pompeji gehörten.

Bald betraten sie die Innenstadt durch ein hohes Tor. Verglichen mit den Straßen Athens kamen Milon die pompejanischen mit ihrer großen Pflasterung eher schmal vor. Wenn ein Wagen herannahte, musste man auf den fast kniehohen Bürgersteig hinaufspringen, da der Fahrweg viel tiefer lag und der Wagen nicht ausweichen konnte. Nach den Straßen zu lagen offene Kaufläden, und überall waren Handwerker fleißig bei ihrer Arbeit. Hier wurde Leder genäht und zu Gürteln und Schuhen verarbeitet. In einer Metallwerkstätte sah man Kupfer hämmern, und in den Auslagen waren die schönsten Gürtelschnallen, Haarfibeln, aber auch Ringe und Ketten ausgestellt. Schenkwirte schöpften aus riesigen Steinkrügen roten und goldgelben Wein in Trinkschalen und boten dazu Brot mit gebratenen Hühnchen oder gebackenen Fischen an. Hier waren Öllampen in verschiedenen Größen zu kaufen, und ein Töpferweib saß nebenan in einem Heer von Vasen und Töpfen, die sie mit lauter Stimme anpries. Ein geschäftiger Verkäufer schwenkte bunte Tücher in der Luft herum und reichte sie bereitwillig neugierigen Damen, sie an sich selber auszuprobieren.

Bei einem Ziehbrunnen hatten sich mit Krügen und Eimern ärmere Frauen versammelt, in deren Häuser keine Wasserleitung fließendes Wasser herantrug. Milon hörte, wie sie erregt die Schäden des gestrigen Erdbebens besprachen. Eine wies dabei angstvoll auf eine Rauchwolke, die über dem Berg Vesuvius erschienen war. Eselskarren führten vom Lande Gemüse und Früchte herbei, die in der Markthalle auf grobe Tücher ausgebreitet und feilgehalten wurden. Bei einem Händler ließ Fuscus einen Krug mit Fischtunke füllen, bei einem andern kaufte er Mehl. Milon bekam in seinen Korb eine große Zahl von Eiern, die zwischen Weinblättern weich gelagert wurden. Tyrios trug zwei schwere Krüge mit Öl, die man bei einer Ölmühle hatte auffüllen lassen.

Als Fuscus mit seinen Burschen beim großen Platz des Forums ankam, durften sie einen Augenblick die Lasten ablegen und die Tempel und andere Gebäude betrachten. Tatsächlich, da und dort lagen als Zeugen des gestrigen Erdbebens herausgebrochene Steine umher. In einer Seitenmauer des Gebäudes der Stadtregierung klaffte ein Riss von oben bis unten. Milon war nicht erstaunt, bei den Tempeln griechische Säulen zu finden; hatte ihm doch Alkides berichtet, wie die Römer dies von den Griechen übernommen hätten.

Fuscus winkte, begab sich mit ihnen hinüber zur Markthalle an einen schattigen Platz und sprach:

«Legt hier alles auf den Boden. Ich begebe mich für eine gute Weile in ein Badehaus. Die zwei Neulinge dürfen sich die Stadt ansehen. Vesonius und Vargo, bleibt bei unseren Waren und ruht euch aus, bis ich zurück bin!»

So begaben sich Milon und Tyrios auf Entdeckungen und schlenderten durch die belebten Straßen. Sie bewunderten schön bemalte Häuserfassaden, wie sie sie von Athen nicht kannten. Aus dem hohen Portal einer Villa traten eben prächtig gekleidete Menschen heraus, die Damen in Gold- und Silberschmuck und buntfarbigen Tüchern. Übermütiges Lachen hallte von den Hauswänden wider. Die beiden Freunde traten in eine Mauernische zurück, von wo aus sie die schönen, glücklichen Menschen beobachten konnten, die vor das Portal strömten. Kinder mit Körbchen waren dabei, die einem eben heraustretenden Paar Blumen zuwarfen, sodass das Steinpflaster wie ein Blütenteppich aussah.

«Eine Hochzeit!», bemerkte Tyrios; «in solchem Glück und Reichtum möcht’ ich auch Bräutigam sein!»

Der Zug setzte sich Richtung Forum in Bewegung. Im Vorbeiziehen verbreiteten sich Wohlgerüche von Duftwässern, mit denen man die Gewänder besprengt hatte. Aus den wieder gefüllten Körben streuten die lieblichen Kinder unermüdlich nach allen Seiten Blüten. Eine Rose fiel vor Tyrios’ Füße. Rasch hob er sie auf und sog ihren Duft ein. Dann wendete er sich zu Milon:

«Arme Teufel sind wir! Welch ein Glück, reich zu sein!»

«Es gibt ärmere als wir», versetzte dieser. «Sieh, wie hinter dem Zuge Krüppel und elende Bettlergestalten nachhinken, um da und dort eine Bronzemünze vom Boden aufzuheben, die die Hochzeitsgäste übermütig in die Luft werfen.»

Eine Weile verfolgten ihre Blicke den schwindenden Festzug; dann setzten die beiden ihren Entdeckungsweg fort. Sie gelangten in eine Gasse, wo der Geruch frischen Brotes ihnen entgegenwehte; zugleich ließ sich ein merkwürdiges Knirschen vernehmen, das immer lauter wurde, je weiter sie gingen. Als sie um eine Hausecke bogen, bot sich ihnen ein seltsamer Anblick: Bei hohen Steinzylindern gewahrten sie Männer, die mit eingesteckten Stangen eine Art von Steinhauben drehten, wobei das laute Knirschen erzeugt wurde.

«Das sind Mühlen!», rief Milon. «Sieh unten das weiße Mehl!»

Da vier der Müllerburschen eben eine kurze Drehpause machten, indes ein fünfter oben frisches Korn einschüttete, fragte Tyrios:

«Wie lange dreht ihr diese Ungetüme?»

«Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Die Pompejaner vertilgen Berge von Brot!»

Ganz nah hinter diesen Mühlen zog eben der Bäcker aus einem riesigen Steinofen dampfende Brote heraus, die seine Gehilfen in verschiedene Körbe warfen, je nach Größe.

«Ich kaufe ein kleines», sprach Tyrios.

Und wirklich, er klaubte eine Münze aus seinem Gürtel und handelte beim Bäcker rasch ein frisches Brot ein.

«Wo hat er wohl wieder das Geld her?», dachte Milon. «Bei ihm steckt immer wieder etwas im Gürtel.»

Bereitwillig teilte Tyrios mit seinem Freund das Gebäck und meinte:

«Herrlich ist frisches Pompejanerbrot, wenn man sich auch beim Abbeißen das Maul verbrennen kann!»

So kehrten sie, Brot kauend und genießend, zurück zum Forum, wo sie Fuscus erwarten sollten, bis er vom Besuch des Badehauses zurück wäre.

Auf einem Platze, den die beiden überquerten, blieb Milon vor einer Hauswand stehen. Auf dem Kalkverputz war mit roter Farbe eine Inschrift angemalt, die er entzifferte. Plötzlich begann er schallend zu lachen. Tyrios, der nicht lesen konnte, fragte:

«Was gibt es Lustiges? Schreiben die Pompejaner Witze an ihre Häuser?»

Milon erklärte:

«Du siehst hier zweierlei Inschriften. Die obere, groß und schön geschrieben, meldet, dass demnächst in der Arena der berühmte Gladiator Satrius Valens kämpfen wird, der bis jetzt als unbesiegbarer Liebling der Götter jeden Feind niederkämpfte. Darunter steht mit ungelenken Buchstaben eine zweite Inschrift als Kommentar dazu: ‹Es ist ein Wunder, o Mauer, dass du unter der Last dieses geschriebenen Unsinns nicht einstürzest!› – Sicher hat dies ein Feind von Satrius Valens daruntergeschrieben, um ihn beim Publikum lächerlich zu machen. – Diese zwei möchte ich kämpfen sehn in der Arena! Es sind Ringkämpfer.»

Inzwischen war das warme Brot verzehrt, und die beiden gelangten wieder zum Forum zurück, an dessen Säulenhallen sie entlangschlenderten. Auf schattigen Treppenstufen sah Milon einige vornehme Jünglinge sitzen; vor ihnen saß ein Magister, der sie offenbar unterrichtete. Zu Tyrios meinte er:

«Schleichen wir uns hinter die Säulen, dann können wir vernehmen, was sie lernen!»

«Mich interessiert das nicht. Ich gehe zurück zur Markthalle, zu den anderen. Fuscus kann bald vom Bade zurückkehren. Vale Milon!»

Als Tyrios wegging, dachte Milon: Pompeji hat ihm wohl mächtig imponiert, dass er mich plötzlich mit römischem Gruß verabschiedet.

Unauffällig schlich er in die Nähe der Treppenschule hinter eine der hohen Säulen. Eben vernahm er, wie der Magister vom Kampf der Römer gegen die Barbaren erzählte.

«Wir Römer sind dazu berufen, alle Völker der Erde unter unsere Macht zu zwingen. Ein Volk, das Rom gehorcht, ist wie ein Schiff, das vom wilden Meer in den Hafen zurückkehrt. Rom ist von den Göttern dazu bestimmt, die Erde zu beherrschen. Jeder Römer muss wissen, dass dies unser Stolz, unser täglicher Gedanke sein muss: das große, ewige Rom!»

Milon hatte genug gehört. Versonnen schritt er die Säulenhalle entlang in Richtung des Apollo-Tempels, von wo ihn griechische Säulen grüßten. Als er auf den Vorplatz kam, bemerkte er eine Gruppe von Händlern, die miteinander feilschten. Elende Bettlergestalten lungerten auf den Treppenstufen. Einige spielten mit Würfeln und kreischten gelegentlich auf. Weiber gingen herum und priesen Wein und Essbares aus Krügen und Körben zum Verkauf an. Hinter diesem Wirrwarr erhoben sich die schlanken Säulen, die Milon an die Akropolis denken ließen. Aber dort hatten sich nur stille, verhaltene Schritte dem Tempel genähert; niemand wäre es eingefallen, vor einem Tempel zu zechen, zu würfeln, zu handeln. Auf einmal ließ sich der Klang von Bronze vernehmen. Zwei dicke Priester erschienen auf der Tempeltreppe, den Beginn des Opfers zu melden. Nur wenige erhoben sich lässig aus der Menge und erstiegen die Stufen. Nicht Andacht, eine gewisse Neugier ließ Milon in den Vorraum des Tempels treten. Zu gern hätte er einen Blick in den inneren Raum der Celia geworfen, die Marmorgestalt des Apollo von Weitem zu schauen. Er hatte Glück. Die beiden hohen Tore zur Celia standen offen. Er begab sich etwas näher hinzu, als auch in Pompeji üblich war. Aus dem Halbdunkel schimmerte eine weiße Marmorfigur hervor. Es war eine wundervolle griechische Götterstatue, die die Römer sicher aus Griechenland hierher entführt hatten. Nun stand Apollo da drinnen, gefangen in der Dunkelheit, vergessen im geschäftigen Treiben der Stadt.

«Fort mit dir, elender Sklave!», herrschte ihn plötzlich die Stimme eines Tempeldieners an. Eine Faust stieß in seine Seite. Milon torkelte zwischen den Säulen durch und sprang fluchtartig die Treppenstufen hinunter zurück zum Forum.

Als er bei seinen Gefährten ankam, zeigten sie schon Unruhe über sein Ausbleiben. Jeden Moment war Fuscus zu erwarten.

Plötzlich, was war das? Ein dumpfes Rollen wurde hörbar. Milon und Tyrios, die sich auf den Rand eines Brunnens gesetzt hatten, verspürten ein Zittern unter sich. Schon erschollen laute Schreie. Die Erde bebte wieder. Menschen stürzten aus den Häusern. Weiber verließen ihre Verkaufsstände und eilten zu den Tempeln, da sie sich auf geweihtem Boden sicher glaubten. Das Beben wiederholte sich stärker. Allgemeiner Tumult. Durch das dumpfe Rollen der Erde und Schreien der Menschen tönten Aufschläge niederfallender Steine, die aus den Fassaden der Häuser brachen. Fuscus, der gerade zurückkam, rief seinen Sklaven zu:

«Rettet euch zum Schiff! Fort zum Hafen!»

Es war kein Leichtes, durch die aufgewühlte, vor Angst rasende Menschenmenge und die verstopften Gassen hindurchzukommen. Als seitlich aus einem Hause ein dicker Wirt herausstürzte, warf er Milon samt seinem Eierkorb um. Schnell wieder auf den Beinen, bemerkte der Jüngling hinter sich eine gelbe Eierspur auf der Pflasterung. Aber was lag an einigen Eiern, wo es jetzt um Leben und Tod ging! Milon hatte die andern Gefährten verloren und musste sich allein zum Hafen durchkämpfen; den Korb ließ er nicht fahren, wie oft er auch seinetwegen stecken blieb. Endlich erreichte er den Hafen. Fuscus und die anderen drei hatten das Boot zur Abfahrt gerichtet; aber der Herr war noch nicht da. Aufgeregte Schiffer stießen ihre Fahrzeuge vom Ufer, um aufs offene Meer hinaus zu fahren. Hie und da sprangen wild Flüchtende in wegfahrende Boote, um sich zu retten. Das Warten war für Fuscus und die vier Sklaven eine harte Geduldsprobe; aber es war ganz unmöglich, jetzt Pomponianus irgendwo suchen zu gehen. Endlich tauchte er auf. Atemlos kam er dahergelaufen, das Gesicht so von Schweiß und Staub bedeckt, dass er kaum zu erkennen war. Mühsam unterdrückte er seine Aufregung. Mit beherrschender Ruhe befahl er:

«Losbinden, wegfahren!»

Vesuvius regiert

Vorn im Schiff saß der Herr mit erstarrtem Antlitz. Niemand redete ein Wort; nur das Knirschen und rhythmische Klatschen der Ruder beim Eintauchen ins Wasser mischte sich in das ferner werdende Getöse von der Stadt her. Pomponianus beobachtete vom Heck des Schiffes, rückwärts zur Stadt gewendet, den dahinter aufragenden Berghügel des Vesuvius. Eine riesige Wolke hatte sich wie eine mächtige Baumkrone über dem Gipfel gebildet und breitete sich mit Windeseile immer weiter aus. Die Wolke erschien bald weiß, bald schmutzig und fleckig, als ob sie mit Asche und Erde beladen wäre. Wiederum schienen Flammen aus dem Krater zu züngeln, und Blitzschein erhellte gewisse Partien. Milon, dessen Blicke beim Rudern dieselbe Richtung hatten, schaute gebannt auf das unheimliche Geschehen über dem Berge, der, unten von Rauch und Dampf verhüllt, Feuer zu speien schien. Die Wolke näherte sich Pompeji. Plötzlich rief Fuscus, der am Steuer saß, Pomponianus zu:

«Herr, da fällt Asche in unser Boot; wenn nur nicht Feuer nachfolgt!»

Tatsächlich fielen leichte und schwere Flocken wie grauer Schnee. Auf der Hand konnte man sie zu Aschenmehl zerreiben. Auf einmal, als ob Hagel fiele, spritzte ums Boot herum Wasser auf. Kleinere Steinstücke prasselten ins Schiff. Bald konnte man drüben am Ufer von Stabiae anlegen neben einem größeren Schiff, das ebenfalls Pomponianus gehörte. Der Herr hatte seine anfängliche Beherrschtheit und Ruhe verloren. Er befahl aufgeregt:

«Rasch hinauf zur Villa! Wenn die Feuersteine noch heißer und größer fallen, brennt mein ganzes Gut nieder. Helft heruntertragen hier in mein Schiff, was zu retten ist. Wir werden aufs Meer hinausfahren!»


Oben in der Villa war ein wirres Durcheinander unter der Familie und Dienerschaft des Pomponianus. Seine Frau stürzte ihm weinend in die Arme, da sie schon um sein Leben gebangt hatte. Er aber wiederholte seine Befehle. Sogleich wurden Kisten und Kasten, Vorräte, Tuchballen und Teppiche hinunter ans Meer in das Schiff getragen. Die Träger mussten ihr Haupt zudecken, da mit der warmen Asche immer mehr Steine herabfielen. Milon bückte sich nach einem größeren Stück, das dicht vor ihm zu Boden fiel. Er nahm es in die Hand und fühlte die verglühende Hitze. Trotz seiner Größe war es seltsam leicht und roch schwefelig. Das war kein gewöhnlicher Stein, von einem Felsen gebrochen, das waren Schlacken aus dem Erdfeuer der Unterwelt, aus der Feuerwerkstatt des Hephaistos. Indes war nicht Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen. Als er eben seine Bürde ins Schiff hineintrug, bemerkte er, dass ein Vierruderboot, vom Meer herkommend, in der Nähe anlegte. Die Insassen stiegen aus und näherten sich mit raschen Schritten dem Schiff des Pomponianus.

Ein würdiger älterer Herr rief ihn an:

«Ist Pomponianus oben im Hause?»

Da Milon bejahte, begab sich der Fremde mit seinen Begleitern den Treppenweg hinauf zur Villa. Als Milon sich auf dem Schiff seiner Ladung entledigte, sah er, dass die beiden Schiffswächter lange Besen in Wasserkübel steckten und die Bretter des Schiffes bespritzten, wo die heiße Asche mit dem Wasser einen grauen dampfenden Brei bildete. Auf dem Rückweg hinauf zur Villa stülpte er sich eine Lederschürze über den Kopf, um sich vor Steinschlag zu schützen. Er kam oben an, als Pomponianus gerade aus dem Hause unter das Vordach trat, um den unerwarteten Gast aus dem Vierruderboot zu begrüßen. Sie mussten alte Freunde sein; denn Pomponianus schloss ihn in die Arme und rief:

«Plinius, du bist es! Die Götter senden dich in dieser schlimmen Stunde zu mir.»

Der Fremde, der von hoher, gebieterischer Gestalt war, lächelte, machte mit der Hand eine beruhigende Gebärde:

«Was seid ihr alle so außer Rand und Band geraten? Wenn ein Berg etwas Asche und Unrat ausspuckt, geht die Welt noch nicht unter! Mein Freund, du willst doch jetzt nicht durch den Sarnus auf das Meer hinausfahren, um nach einigen Stunden des Herumirrens zurückzukehren?»

Pomponianus stammelte einige verlegene Worte. Da sprach der Gast weiter:

«Lieber Freund, ich wollte flussaufwärts zum Hofe des Cessus Bassus fahren; aber der Steinhagel hat mich zu dir getrieben. Lass uns zusammen essen und trinken und der Ruhe pflegen, bis sich Vesuvius wieder beruhigt hat.»

Diese Worte wirkten Wunder. Pomponianus verlor seine Aufgeregtheit und gebot Fuscus, das Hinuntertragen ins Schiff abzubrechen. Dann wendete er sich wieder seinem Gast zu:

«Mein Freund Plinius, ich wähnte dich in Rom. Was führt dich in diese Gegend?»

«Ich bin als Befehlshaber der kaiserlichen Flotte drüben in Misenum und habe Muße, alte Freunde zu besuchen, um sie vor Torheiten zu bewahren!»

Damit verschwanden die Herrschaften im Inneren des Hauses. Fuscus, der in der Nähe mit den Sklaven das Gespräch belauscht hatte, meldete wichtig:

«Das ist einer der mächtigsten Römer. Er gebietet über Tausende und fürchtet sich vor nichts; und wenn der Schlund der Erde vor ihm aufbräche, der kennt kein Zittern.»

Kaum hatte Fuscus diese Worte zu den Umstehenden gesprochen, verstärkte sich das Prasseln der Steine wieder, sodass schon Ziegel auf dem Dach zerbrachen. Auf Fuscus’ Befehl begab sich Milon in die Küche, da er mit Tyrios die Tafel für den hohen Gast zu richten hatte.

Der Untergang

Nach Beendigung des ausgiebigen Gastmahls fand Milon Gelegenheit, unter das Vordach des Hauses hinauszutreten und den drohenden Berg zu beobachten. Über den Gärten der Villa lag knöcheltief Asche. Es war sehr dunkel geworden, obwohl es erst Nachmittag war. Vom Vesuvius flammte es durch die Rauchnebel wie eine gewaltige Feuersbrunst. Nach dem Mahle traten auch Pomponianus, seine Angehörigen und der Befehlshaber Plinius unter das Vordach heraus. Ein Ausruf des Entsetzens wurde laut:

«Der ganze Berg brennt!»

Doch Plinius beruhigte:

«Das sind nur einige Bauernhäuser, die brennen, da sie nahe am Berge stehen. Lasst uns jetzt für eine Weile der Ruhe pflegen. Einmal wird der Berg ausgetobt haben. Der Zorn der Götter ist wie der Zorn der Menschen von kurzer Dauer.»

Also begaben sich die Herrschaften wieder ins Innere des Hauses. Plinius legte sich in eine Kammer, die vom Hof aus zu betreten war, um Mittagsschlaf zu halten. Der Regen von Asche und Steinchen ging unaufhörlich weiter.

Etwa nach einer Stunde begann ein so heftiges Beben der Erde, dass man glauben konnte, die Mauern der Gebäude rutschten auf dem Boden dahin. Dazu ertönte ein so entsetzliches Krachen, dass sich die ganze Bewohnerschaft, von Angst ergriffen, wieder unter dem Vordach einfand. Man ging Plinius wecken und musste schon Gewalt anwenden, um die Tür, die nach dem Hofe aufging, zu öffnen, da Asche und Steine bereits ein Hindernis bildeten. Als Plinius die Verschlimmerung der Lage nun auch gewahrte und vor allem die Gefahr, weiter im Hause zu verbleiben, das einstürzen konnte, erwog er mit Pomponianus ernsthaft, wohin man am besten fliehen könnte. Vom Sarnus her kam die Meldung, dass mit größeren Schiffen auf dem Fluss kein Durchkommen mehr sei, da die seichten Stellen bereits verstopft wären vom Schlamm der Asche und vom Steinregen. Es sei auch heftiger Gegenwind ausgebrochen, der eine Ausfahrt aufs Meer selbst für kleinere Boote verhindere.

Als plötzlich einige Balken und Ziegel des Daches herabstürzten, beschloss man nach aufgeregtem Hin und Her, in dem nur Plinius seine unerschütterliche Ruhe bewahrte, in die Felder südostwärts zu flüchten, möglichst weit weg von dem tobenden Berge.

«Stürzt das Haus ein, so sind wir lebendig begraben!», rief Pomponianus.

Nun banden sich die meisten ein Kissen auf den Kopf oder stülpten sich Körbe über, um vor dem Steinregen geschützt zu sein. Die Sklaven wurden angewiesen, Speise, Trank und Decken mitzunehmen. Es war dunkle Nacht geworden, als der geisterhafte Zug die Villa verließ, von schwankenden Windlichtern angeführt. Als er am Fischteich vorbeikam, leuchtete ein ferner Blitzstrahl auf. Milon gewahrte für einen Augenblick den in der Asche tanzenden Faun, immer noch Flöte spielend. Ihm schien, er grinse über die von Furcht ergriffenen, flüchtenden Menschen.

Das Vorwärtskommen über die zerbröckelnden, aschegetränkten Steinfelder war mühsam. Manch einer rutschte aus, stürzte und bedurfte der Hilfe, um sich wieder aufzurichten. Weinen und Jammern der Kinder, mitunter Schreie der Angst durchzitterten das unaufhörliche Prasseln der Schlackensteine. Alle hielten sich möglichst dicht hintereinander, da jeder fürchtete, den Anschluss zu verlieren und in die Irre zu gehen.

Fuscus führte, nach Anweisung des Plinius, den Zug etwas südlich auf die Küste zu, wo sich vielleicht die Gelegenheit einer Rettung aufs Wasser ergeben könnte. Es ging immer langsamer vorwärts, da zu allen Hindernissen die staubige Aschenluft das Atmen zu erschweren begann.

Plötzlich sank Plinius erschöpft zu Boden. Tyrios musste für ihn eine Decke ausbreiten. Er verlangte nach kaltem Wasser, das man ihm aus einem Krug reichte. Er trank zweimal. Bald aber trieb der heiße Wind einen stechenden Schwefelgeruch heran, der zu weiterer Flucht zwang. Auf Tyrios und Milon gestützt, richtete sich Plinius auf, brach aber im selben Augenblick tot zusammen.

Verwirrung und Entsetzen der Fliehenden waren nun vollkommen. Da es für sie jetzt nur ein Vorwärts gab, blieb der hohe Tote ohne Wächter in der Nähe des Meeresufers liegen, mit einer Decke zugedeckt. Durch die gewonnene Entfernung hatte der Steinregen nachgelassen; aber die Asche fiel wie Schnee im Winter. Neue Aufregung entstand, als die Frau des Pomponianus hinfiel, obgleich sie von ihrem Mann und einer Sklavin gestützt wurde. Sie verlor die Fassung und schrie auf:

«Es gibt keine Götter im Himmel! Die letzte Nacht ist angebrochen, die ewige Nacht, die unsere Erde verschlingt!»

Schließlich bettete man sie auf eine schwere Decke. Vier Sklaven hoben sie auf und trugen die Jammernde weiter. Pomponianus, mit seinen zwei Töchtern nebenhergehend, versuchte sie zu besänftigen, damit sie nicht ganz von Sinnen käme. Endlich lichteten sich langsam die dunklen Ballungen des Aschengewölks. Ein Schimmer von Tageslicht drang durch, und nach einer Weile leuchtete eine helle Stelle auf, wo die späte Nachmittagssonne am Himmel stand. Grau verstaubte Gestalten, wankten die Flüchtenden durch die weißlich tote Welt. Wohl lebte mit dem Hellerwerden ein Schimmer Hoffnung in den Geängstigten auf; aber das Beben der Erde setzte immer wieder von Zeit zu Zeit ein. Rückwärts, in Richtung Pompeji, war die ganze Gegend weiterhin in Finsternis gehüllt. Fernes Grollen ließ die Schrecken des Untergangs der blühenden Stadt ahnen.

Vor den Augen der Fliehenden erhob sich plötzlich in dunklen Umrissen gespenstisch ein Orangenbaum, aus dessen grauem Laubwerk goldgelbe Früchte wie aus einer unwirklichen Vergangenheit herunterleuchteten. Eine Scheune stand in der Nähe. Ihre festen Pfähle hatten dem Wanken der Erde widerstanden. Pomponianus ließ den Zug anhalten und gebot:

«Hier bleiben wir. Richtet drinnen ein Lager für die Herrschaft. Wir werden hier über Nacht bleiben. Vielleicht ist frühmorgens eine Rückkehr möglich.»

Um in die Hütte hineinzukommen, musste durch Asche und Steine der Zugang frei gemacht werden. Über dem Meer brach auf einmal die niedere Abendsonne unter der Wolkendecke durch und zauberte eine unwirklich rotglühende Landschaft aus Asche und Rauchschwaden hervor. Tyrios kletterte in den Orangenbaum, schüttelte das Geäst. Eine dicke Staubwolke fuhr daraus und eine Anzahl Früchte fielen nieder. Behände sammelte er sie in einen Korb, den er über sich getragen hatte, und rieb mit einem Tuch die Schalen sauber. Dann brachte er seine Gabe zu den Herrschaften, die dankbar danach griffen und die seltenen Früchte als unerwartetes Geschenk der zur Hölle gewordenen Erde verzehrten.

«Tyrios versteht es immer wieder, sich bei den Herrschaften angenehm zu machen», dachte Milon.

Er hatte inzwischen für das Gesinde ein Strohlager auf dem Aschenboden im Freien hergerichtet. Das Stroh hatte man in der Scheune vorgefunden. Plötzlich trat Fuscus zu ihm und sagte:

«Milon, du gehörst zu der Gruppe, die heute Abend mit mir zurück nach Stabiae muss. Pomponianus will das Schiff mit seinen Gütern nicht unbewacht lassen. Bereite dich zum Rückweg! In Kürze brechen wir auf.»

Wie gerne hätte sich Milon auf das eben bereitete Strohlager hingestreckt nach all den überstandenen Strapazen!

Eine Weile später wanderte Fuscus mit sechs jüngeren Sklaven in Richtung des Meeres, da man dem Ufer entlang den Weg in der Nacht besser zu finden hoffte. Die Sonne sank ins Wasser und erlosch. Fuscus trug die einzige brennende Ampel, deren gläserne Hülle das Ölflämmchen vor den Winden schützte. Am Meerufer lagen viele tote Fische, die von den Wellen über die vom Himmel gefallenen Schlackensteine aufs Trockene geworfen worden waren. Dieses Gestein hatte breite Streifen des Wassers zurückgedrängt und ausgefüllt. Tyrios war zur Bedienung der Herrschaft zurückbehalten worden, und so vermisste Milon seinen Kameraden, mit dem er bis jetzt Freud und Leid geteilt hatte. Wortlos schritten die Sklaven der Ampel nach. Der Stein und Aschenregen hatte ganz aufgehört, nur hin und wieder wirbelte der Wind vom Lande hertreibend Staubwolken auf, die zeitweise das Atmen behinderten. Die Müdigkeit hatte Milon dermaßen überwältigt, dass er oft glaubte, im Gehen einzuschlafen und umzusinken, und doch ging’s unaufhörlich weiter. Einmal wurden sie durch Menschen aufgeschreckt, die das Meerufer als Fluchtweg benutzten. Fuscus hielt die Gruppe an. Was sie erzählten, war entsetzlich.

«Pompeji ist über und über verschüttet! Die Stadt mit einem Leichentuch von Asche bedeckt. Keine lebende Seele ist dort mehr anzutreffen. Tausende sind unter den Trümmern der Häuser begraben. Flüssiges Feuer floss in breiten Strömen vom Vesuvius bis in die Stadt.»

Kein Wunder, dass die Flüchtenden Fuscus abrieten weiterzugehen: «Zurück! Da hinten ist nur Tod und Verderben!»

Fuscus erkundigte sich nach dem Flusse Sarnus. Ein Flüchtling erklärte:

«Über den Sarnus konnten wir uns zu Fuß aus der Stadt retten. Das Flussbett ist vom Steinregen ausgefüllt worden. Das war unsere Rettung. Wir blieben zu lange im Hause, das in der Nähe des Flusses stand und zugeschüttet wurde. Schließlich konnten wir uns einen Ausweg schaffen und uns hinüberretten.»

Fuscus versuchte, sich Mut zu machen:

«Keine Stunde mehr und wir sind bei unserem Schiff. Dort finden wir gute und sichere Lagerstätten!»

Wer beschreibt den Schreck des Fuscus und seiner Leute, als sie sich den Gärten und der Villa des Pomponianus näherten. Mannshoch lagen Asche und Steine. Die Mauern des Hauses auf einer Seite eingestürzt, das Dach völlig in Trümmern. Von Fischteich und Faun nichts mehr zu erblicken. Als sie hinunter zum Schiff kamen, erkannte man es nur an zwei hölzernen Masten, die aus einem riesigen Schutthaufen ragten. Ein einziger Stein- und Aschenhügel hatte sich vom Ufer über das Deck des Schiffes gebildet. Jenseits des Sarnus, wo die Stadt lag, flackerten da und dort noch immer Flammen von ausbrennenden Gebäuden. Glücklicherweise wehte der Wind den Rauch in andere Richtung. Fuscus konnte mit seinen Helfern beginnen, einen Zugang zum Schiff frei zu machen, was beim Schein des spärlichen Windlichtes mühsam vor sich ging.

Es mochte gegen Mitternacht gehen, als sie durch eine Falltür in den Rumpf des Schiffes einsteigen konnten. Im Innern war es völlig unversehrt. Unberührt lagen die Güter und Waren des Pomponianus an ihrem Ort. Kurzerhand legte sich die todmüde Mannschaft auf Säcke und Teppiche, als Letzter Fuscus, der in das Windlicht Öl nachfüllte.

Milon fand nicht so rasch den Schlaf wie seine Genossen, zu sehr bewegte das Erlebte seine Gedanken. Er klaubte aus seinem Gürtel die Münze hervor, die Alkides ihm auf der Akropolis zum Abschied geschenkt hatte, und drückte sie gegen seine Stirn. Seine Lippen wollten danken für die Errettung aus den Schrecken dieses Tages; aber sie fanden die Worte nicht. Ihm war, als wären die Götter Athens nicht mit ihm hierher gezogen. Die Götter der Römer erschienen ihm als Feinde der Menschen, da sie so Entsetzliches zuließen, wie er es heute erfahren hatte. Er versuchte, abgerissene Sätze, die bei den Opfern auf der Akropolis sich in sein Gedächtnis geprägt hatten, zu flüstern. Da stiegen für einen Augenblick die hellen Tempel vor seinem inneren Auge auf. Sachte schob er die Münze in die Gürteltasche zurück. Er fühlte, das Römerreich konnte ihm keine neue Heimat geben. Mit dem Geschmack bitterer Asche auf der Zunge schlief Milon ein.


Die tote Stadt

Fuscus, der oftmals gefürchtete Aufseher der Sklaven, war seit dem gestrigen Erlebnis merkwürdig still und freundlicher geworden. Sonst weckte er mit einem Stockschlag die schlafenden Sklaven. Heute begnügte er sich, dem nächstliegenden seine schmutzige Fußsohle in die Seite zu drücken und ein kameradschaftliches: «Auf, auf, ihr Burschen!» zu schnarren. Aus dem Schiffsvorrat gab es hartes Brot mit getrocknetem Fisch zum Frühstück und Wasser aus einem Fass, das erst am Vortage aufgefüllt worden war. Danach befahl er den Sklaven:

«Eure erste Aufgabe ist, das Schiff von Steinen und Asche zu befreien. Ausfahren kann es nicht mehr. Wenn Pomponianus zurückkehrt, was heute der Fall ist, wird er mit seiner Familie hier im Schiff Unterkunft nehmen müssen. Oben in der Villa können nur Ratten und Mäuse wohnen. Auf, an die Arbeit!»

Werkzeug, Körbe und Besen waren auf dem Schiff genügend vorhanden, und bald fing auf Deck ein Schaufeln und Räumen an. Schlackensteine und Asche wurden in das Flussbett geworfen, sodass um das Schiff herum ein Wall von Gesteinen hochwuchs. Da das ausgeglühte Vulkangestein fünfmal leichter ist als gewöhnliche Steine, machte das Räumen rasche Fortschritte. Zu Mittag war das ganze Verdeck des Schiffes gesäubert und bis zum Ufer ein kleiner Damm als Zuweg aufgeschüttet. Nach kurzem Mahl gewährte Fuscus eine längere Mittagsrast. Er selber ließ sich einen Krug herrschaftlichen Weines schmecken und legte sich aufs Ohr. Milon fragte einen der Mitsklaven namens Vargo:

«Kommst du mit mir über den Sarnus, um einen Blick auf Pompeji zu werfen? Fuscus wird sich einen langen Schlaf gönnen.»

«Gerne komme ich mit», erwiderte dieser.

Mit Stöcken bewaffnet, um mehr Sicherheit im Gehen zu haben, überquerten sie das Flussbett des Sarnus. Spärlich nur sickerte Wasser durch, verborgen unter der hohen, durchlässigen Steinschicht, die das Flussbett ausfüllte. Als sie drüben am Ufer mühsam eine Schutthalde erstiegen hatten, entfuhr Milon ein Schreckensruf. Wo früher die Stadt gewesen war, dehnte sich eine zum Teil noch rauchende, graue Steinwüste aus. Kein Haus, kein Lebewesen, soweit das Auge reichte. Der Vesuvius im Hintergrund war mächtig gewachsen. Eine weiße Rauchfahne zog sich von seinem Gipfel weit ins Hinterland. Bei näherem Hinschauen bemerkte Milon, dass die Steinwüste Unebenheiten hatte. Wo früher Gassen und Straßen durchführten, waren längliche Steingräben zu sehen. Wo größere Häuser gestanden hatten, erhoben sich höhere Steinhügel.

«Horch! Hörst du den Hund bellen?», sagte Vargo.

Wirklich, auch Milon hörte zeitweise ein gar nicht so fernes, dumpfes Bellen.

«Ist der arme Kerl irgendwo verschüttet und eingeschlossen?», vermutete Vargo.

«Komm, wir suchen ihn!»

Vorsichtig einen Graben entlanggehend, spürten die beiden, wie von unten her immer noch Wärme durch Gestein und Asche heraufglühte. Unheimlich, dieser Gang durch die Totenstadt. Gestern noch buntes Leben und Treiben! Erschrocken hielten sie an, als plötzlich neben ihnen ein kleiner Steinhügel einbrach und Qualm herausschoss. Ein Dach war eingestürzt, dessen ausgeglühte Balken dem Druck der Steinmasse nachgegeben hatten. Näher und lauter ließ sich jetzt das Gebell vernehmen, und als der Steingrabenweg in einem Winkel umbog, sahen die beiden den Hund, der an einer bestimmten Stelle scharrte und wieder hilflos bellte. Vargo rief:

«Der sucht hier jemand, ob tot oder lebendig; vielleicht ist sein Herr da unten begraben.»

Das Tier ließ sich durch die Angekommenen nicht vertreiben und fuhr in seinem Gebaren fort.

«Ich hole Schaufeln und bin gleich zurück!», rief Milon. Als er nach einem kurzen Lauf zurückkam, hatte er auch Stricke, einen Krug mit Wasser und etwas Brot mitgebracht, wovon er dem Hund ein Stück zuwarf. Heißhungrig stürzte dieser sich auf den Bissen. Vargo erklärte:

«Ich habe inzwischen diese Stelle mit einem Stock untersucht und schon eine Reihe von Steinen weggeräumt. Den Eingang von der Gasse her freizuschaufeln ist viel zu langwierig, da beim Graben immer wieder Steine nachrutschen. Hingegen kann man eine Ecke des Daches freilegen, Ziegel abdecken und versuchen, ins Innere zu steigen.»

Fieberhaft gingen sie ans Werk. Es war, als ob das Tier den Helferwillen der Männer verstünde. Sein Bellen wurde ruhiger. Nicht lange ging’s, so waren Steine und Asche bei einer Hausecke in den Gassengraben hinuntergeworfen. Die Ziegel ließen sich leicht abdecken, und durchs offene Gebälk sah man in eine Halle hinunter. Milon und Vargo streckten ihre Köpfe in die Öffnung. Vargo rief ins Dunkle:

«Ist hier unten jemand?» Wie aus Kellertiefe kam als schwache Antwort ein unverständliches, jammerndes Rufen. Der Hund hatte sich neben die beiden zur Öffnung hingedrängt und bellte wieder.

«Da unten ist noch ein menschliches Wesen am Leben», sagte Vargo. «Milon, du bist schlank und leicht. Ich lasse dich am Seil hinunter und ziehe dich wieder herauf, wenn du den Überlebenden gefunden hast.»

Vargo knüpfte sogleich das Seil an einem Dachpfosten fest. Milon ließ sich daran hinunter. Als er Boden unter den Füßen verspürte, mussten sich seine Augen zunächst an die Dunkelheit gewöhnen. Die Luft roch hier immer noch dick und schweflig. Vargo brach einige weitere Ziegel weg, damit es unten um einen Schimmer heller wurde. Milon schrak zusammen, als seine Augen richtig wahrnehmen konnten. Auf dem Boden lagen reglose Gestalten, erstickt vom schwefligen Rauch. Durch eine Türöffnung, die mit einem dicken Wandteppich verhängt und zugeknöpft war, hörte Milon nun deutlich jammernde Laute eines Kindes. Unter Toten noch eine lebendige Seele! Er knüpfte den Vorhang frei und schob ihn zur Seite. In das finstere Gemach rief er gedämpft:

«Wo bist du? Komm zu mir!»

Da umschlangen ihn plötzlich die Ärmchen eines kleinen Knaben, der schluchzte und am ganzen Leibe zitterte. Milon hob ihn auf an seine Brust und versuchte, ihn zu trösten. Da Tränen seine Augen füllten, erkannte der Knabe die Leichen seiner Eltern nicht. Aufwärts richtete sich sein Blick, dem Tageslicht zu, woher das Winseln des Hundes herunterdrang. Mit seinem Gürtel band Milon den Knaben, der etwa siebenjährig sein mochte, auf seinen Rücken und ließ sich von dem starken Vargo hochziehen. Ein Griff ins Gebälk, die Füße an der Mauer aufgestützt – und Vargo konnte ihm den Knaben vom Rücken nehmen. Im schmerzlich blendenden Mittagslicht deckte er seine Augen mit beiden Händen zu. Gleich machte der Hund sich an ihn heran, winselte freudig und beleckte seine Arme und Beine. Jetzt löste der Knabe die eine Hand, umschlang den Hund und nannte ihn bei seinem Namen:

«Carus!»

Milon war nun ebenfalls herausgeklettert und sah den Hund mit dem Knaben vereint. Vargo meinte:

«Gewiss ist der Hund bei Ausbruch des Erdbebens aus der Stadt entlaufen und hat heute, als das Schlimmste vorüber war, seinen Unterschlupf wieder verlassen, um seine Leute hier aufzusuchen.»

Er langte nach den Ziegelsteinen und deckte die Dachöffnung wieder zu, indes Milon dem Knaben, der sich Florus nannte, den Krug zum Wassertrinken bot. Gierig schlürfte er in langen Zügen. Dankbar nahm er einen Brocken Brot. Als sich seine Augen allmählich ans Tageslicht zu gewöhnen begannen, schweiften seine Blicke wie erstarrt und voll Angst über die Steinwüste. Er erfasste nicht, was sich zugetragen hatte und wo er sich befand. Er erinnerte sich nur an einen schrecklichen Lärm und an die Finsternis. Er musste lange in Ohnmacht gelegen haben.

«Wir müssen zu Fuscus zurück», sagte jetzt Vargo. «Milon, trag du den Knaben, ich nehme den Hund an den Strick.»

Als die vier zum Schiff an den Sarnus kamen, war Fuscus kurz zuvor vom Mittagsschlaf erwacht. Er hatte zornig das Fehlen der beiden Sklaven bemerkt. Da sie nun mit einem Hund und dem geretteten Pompejanerknaben zurückkehrten, vergaß er das Schelten. Als er von dem Knaben hörte, dass sein Name auf den einer bekannten, vornehmen Familie lautete, lobte er Milon und Vargo für ihre Tapferkeit. Der Hund wurde auf dem Schiff angebunden. Florus folgte Milon auf Schritt und Tritt, weil er ihn aus der Düsternis befreit hatte; aber bald legte ihn dieser im Inneren des Schiffes auf eine Decke, wo er sogleich in tiefen Schlaf fiel.

Vargo und Milon mussten auf dem Schiff bleiben und alles zum Empfang des Pomponianus in Ordnung bringen. Fuscus begab sich mit den vier anderen Sklaven zur Villa hinauf, um aus Schutt und Gemäuer zu retten, was noch brauchbar war. Am späten Nachmittag meldete ein Bote die baldige Ankunft der Herrschaft. Vargo überbrachte die Meldung Fuscus, der sogleich mit seinen Helfern, die mit Geräten und Säcken beladen waren, zum Schiff zurückkehrte.

Müde schleppte sich der Zug mit Pomponianus und seinem Gefolge auf das Schiff zu. Vor Furcht, Trostlosigkeit und Erschöpfung waren ihre Gestalten gebeugt. Irr schauten die Augen umher. Als Pomponianus das Schiff betrat und die eingerichtete Wohnlichkeit wahrnahm, hellte sich sein Antlitz etwas auf. Erschöpft ließen sich die Seinen auf die bequemen Lagerstätten nieder. Pomponianus konnte Fuscus nicht genug loben, wie gut er alles hergerichtet hatte. Im vorderen Schiffsteil mit den kleinen Fensterluken war Raum für die Herrschaften; unter dem hinteren Deck, im Lagerraum, gab es Schlafstätten für das Gesinde und ihre Kinder.

Auf einem späteren Rundgang durch das Schiff führte Fuscus seinen Herrn zu dem Knaben mit dem Hund, die schlafend in einer Ecke des Hinterdecks beieinander lagen. Er berichtete über die wunderbare Errettung. Als der Knabe etwas später aufwachte und nun an Deck gebracht wurde, rief Pomponianus:

«Bist du nicht Florus, der Sohn des Attikus? Gestern noch war ich bei euch in Pompeji zu Gast.»

Der Knabe nickte. Tränen schossen ihm in die Augen; auch er erkannte jetzt den Freund seines Vaters. Pomponianus nahm ihn gerührt auf seine Arme und versuchte, ihn zu trösten. Sogleich begab er sich mit dem Kleinen in den Herrschaftsraum, um ihn seiner Frau und den beiden Töchtern zu bringen. Nachdem er ihnen die Entdeckung des Verschütteten geschildert hatte, schloss er mit den Worten:

«Der Untergang von Pompeji hat mir einen Sohn und euch einen Bruder beschert. Er soll von nun an immer bei uns bleiben!»

«Der Hund aber auch!», meinte Lulla, die jüngere Tochter.

Und so geschah es.


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