Читать книгу: «Danke, dass wir hier weiterleben dürfen»

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Inhalt

Impressum 3

Zitat 4

Widmung 5

Danksagung 6

Einleitung 8

Vorwort 16

TEIL 1 20

Kapitel eins 21

Kapitel zwei 30

Kapitel drei 59

TEIL 2 64

Kapitel eins 65

Kapitel zwei 82

Kapitel drei 101

Kapitel vier 109

Kapitel fünf 122

TEIL 3 128

Kinderbetreuung Beruf 129

Der Kurs 131

Professionelle Entwicklung 146

Die Projekte 149

Männer 160

Konzeption 163

Exemplarischer Tagesablauf 176

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-793-0

ISBN e-book: 978-3-99107-794-7

Lektorat: Leon Haußmann

Umschlagfoto: Arevikdav, Krystsina Kvilis, Daria Ustiugova, Miriam Shagal | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Zitat

Danke

dass wir hier weiterleben dürfen

„Wer nicht dankt, denkt nicht.

Wer nicht denkt, dankt nicht“

(Unbekannt)

Widmung

Die dunklen Wolken des Lebens sind flüchtig.

Die Sonne wird immer für jemand aufgehen, der seinen Blick auf das Positive im Leben richtet und sich ein Herz voller Dankbarkeit bewahrt.

Ich widme das Buch meiner Familie, die mich inspiriert hat, es zu schreiben. Meinem treuen, lieben Mann Michael, der mir in siebzehn Jahren, in guten und schlechten Zeiten, beigestanden hat.

Joy und Lucien, unseren Kindern, meinen Gefährten in allen Höhen und Tiefen, die unser Leben mit Liebe und Schönheit erfüllen.

Luc, unserem Enkelkind, der uns mit seiner Lebensfreude angesteckt und bereichert hat.

Ich liebe euch. Ich schätze euch. Schön, dass es euch gibt.

Danksagung

Meine tiefe Dankbarkeit gebührt meinem Gott und himmlischen Vater. Er hat uns geholfen, zu überleben.

Er hat seine starke Hand über unsere Köpfe gehalten. Er hat uns geschützt, getröstet und Hoffnung gegeben.

Er hat den Witwenschleier auf meinem Kopf entfernt.

Er hat die Halbwaisen-Wolke über Joys und Lyciens Köpfen weggescheucht.

Er hat uns eine wundervolle geistige Familie, wahre Freunde und ein Gastland geschenkt.

Einen unbeschreiblichen Dank an meine Cousine Elvira. Sie hat ihr Leben und das ihrer Familie riskiert, um uns ein Jahr lang ein Zuhause zu ermöglichen.

Einen herzlichen Dank an dich Frau Herz. Du bist uns Mutter und Freundin gewesen.

du begleitetest uns gerne und unermüdlich überall hin; in allen Angelegenheiten.

Du organisiertest unseren Umzug vom Container zu unserem neuen Wohnort allein.

Einen herzlichen Dank an Frau Gerecht und ihre Partner. Sie haben uns Freundlichkeit geschenkt. Nur mit ihrer Hilfe konnten wir den Container verlassen. Sie schrieb für uns einen Brief an die Behörde, um unsere Situation zu erklären. Wir lebten schon ein Jahr lang im Container, hatten aber schon nach drei Wochen unseres Asyls eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommen.

Einen herzlichen Dank an Herr Mitgefühl. Er ist ein Mann mit Herz. Ohne uns zu kennen, suchte er für uns eine Wohnung.

Einen herzlichen Dank an die deutsche Regierung und das Land für ihre freundliche Aufnahme.

Einen herzlichen Dank an die lieben Menschen, die mir geholfen haben, den wahren Gott kennenzulernen.

Einen herzlichen Dank richte ich an meine Schwiegereltern, Renate und Günther, ebenso an die ganze Familie. Ihr habt uns mit wahrer Liebe, Achtung und Würde aufgenommen. Selbstwertgefühl ist, was man als Flüchtling zuerst verliert. Ihr habt uns die familiäre Wärme und den Schatz der Zugehörigkeit geschenkt.

Danke euch lieben Menschen, die ihr Joy und Lucien Spielzeuge geschenkt und sie zum Spielen eingeladen habt.

Danke euch lieben Menschen, die ihr uns auf unserem holprigen Weg begegnet seid und uns auf die eine oder andere Art und Weise Hilfe geleistet habt.

Ihr, die uns einen Schlafplatz geschafft habt, eine Mahlzeit gegeben oder ein Glas Wasser überreicht habt.

Danke an euch liebe Menschen, die ihr uns ein gutes Wort oder ein Lächeln geschenkt habt. Ihr, die mit uns geweint und uns getröstet habt.

Danke an euch liebe Menschen, die ihr Joy, Lucien und mir geholfen habt – aus der Nähe oder aus der Ferne, die uns bekannt oder unbekannt sind.

Dank an das Team des Vereins, der mich zur Kindertagespflegerin ausgebildet hat.

Einleitung

Das ist ein Buch, das über die sensible und komplexe Situation berichtet, „Flüchtling“ zu sein.

Es gibt unterschiedliche Meinungen und Gefühle dazu, was Konflikte auslöst.

Im Moment verlassen auf der ganzen Welt Millionen von Menschen ihre Heimat. Sie fliehen oder sind gezwungen, ihr Heimatland aus verschiedenen Gründen zu verlassen.

Meine Kinder und ich waren vor paar Jahren in der gleichen Situation.

Manche Einheimische fühlen sich in ihrem Land gestört. Sie haben das Recht dazu. Die Flüchtlinge fühlen sich zurückgestoßen. Diese Gefühle kennt jeder, wenn man sich auf die Seite geschoben fühlt. Es ist menschlich.

Alle können nichts ändern, sie müssen zusammenleben, miteinander auskommen.

Das aktuelle Geschehen ist einer von den zwei Hauptgründen, die mich hoch motiviert haben, meine Erlebnisse als Flüchtling niederzuschreiben.

Der erste Grund, unsere Geschichte bis ins Detail zu erzählen, ist meine Familie. Nach mir gibt es niemanden, der diese Informationen geben kann. Irgendwann im Leben entstehen Fragen, ob man es will oder nicht. Jeder möchte über seine Herkunft, Familie, Ereignisse in seinem Leben Informationen haben.

Der zweite Grund ist, den Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, von meinen Leben zu erzählen. Ich möchte sie Mut machen und zeigen, dass man weiterleben kann. Es war nicht leicht, aber möglich, weil wir uns auf das Positive konzentrieren wollten. Wir haben uns von dem Frieden und der Freude, ein Gastland gefunden zu haben, antreiben lassen. Der Humor und das Lachen haben uns unheimlich getragen. Das Schauspielern ist in uns inszeniert. Es ist heute noch ein Bestandteil unser Treffen.

Wenn man sich übt, wie ein Thermometer zu leben, kann man es schaffen.

Das Thermometer passt sich der örtlichen Temperatur ständig an. Wir haben es immer wieder und wieder geübt. Mit der Zeit gelungen es uns viel besser.

Alles, was ein Mensch will, kann er erreichen, wenn er nicht aufgibt. Einen großen Fehler, den man machen kann, ist, sich an seine Vergangenheit und alles, was dazu gehört, zu klammern. Das bringt einen nicht weiter. Die Vergangenheit bleibt nur Gedanken, aber helfen kann sie nicht. Sie bewirken das Gegenteil, nämlich Nostalgie und Ängste, die krank machen.

Sie können auch Auslöser von Aggressivität und dem Gefühl von Unzufriedenheit werden.

Auch für euch liebe Menschen, die ihr euren Nächsten von Herzen liebt. Ihr wollt gerne helfen. Ich habe dieses Buch geschrieben, um euch verstehen zu helfen, wie man sich in der Situation fühlt. Warum ihr vielleicht komische Reaktionen oder ungewohntes Verhalten beobachten konntet. Ich weiß, dass manche von euch an ihre Grenzen stoßen. Meine Erfahrungen können vielleicht als Stütze dienen, um eine effektive Hilfe zu leisten.

Mein Herzenswunsch ist, dass das Buch auch in die Hände von jungen Leuten gelangt. Ihr jungen Leute, die ihr heute in Deutschland angekommen seid. Mit Familie oder unbegleitet. Ihr, die hier geboren und aufgewachsen seid; ihr seid die zukünftige Generation.

Ihr, die hier neu seid, ermuntere ich euch, immer wieder, zu üben, mit euren Mitmenschen in Frieden zu leben. Euch in jeder Situation im Alltag durch Persönlichen Begegnungen und zwischenmenschliche Kontakte zu bemühen. So wird euch die Integration gelingen was dazu bei trägt, eine friedliche zukünftige Generation aufzubauen. Fragen stellen, euch zu informieren, die Mittel, die euch zur Verfügung stehen, zu nutzen, trägt zu einem soliden Wachstum bei in der Gesellschaft, in der ihr lebt.

Dankbarkeit, zufrieden sein mit dem, was ihr hier bekommt, ist ein wichtiger Faktor, um euch richtig zu integrieren. Ihr, die hier aufgewachsen seid, könntet eine große Hilfe für andere sein.

Eltern, vermeidet bitte, die Konflikte, vor denen ihr geflohen seid, im Herzen euren Kindern einzupflanzen. Sie sind Gift für ihren Geist und Körper. Diese Konflikte vergiften das Verhältnis zu ihren Mitmenschen. Besser, sie beschäftigen sich mit positiven Dingen. Zum Beispiel, das Land, in dem sie leben, kennenlernen, die Landessprache lernen. Was wichtig für eure Kinder ist, in Ruhe zu wachsen. Bitte helfen sie ihnen, mit eurem guten Beispiel. Fleiß zu üben, das Gastland, in dem sie leben, zu akzeptieren und den Menschen mit Toleranz zu begegnen. So werden sich beide Seiten wohlfühlen. Das macht das Leben miteinander angenehmer.

Wenn man die ganzen Danksagungen, die ich bis ins Detail geschrieben liest, könnten sie schon als übertrieben angesehen werden.

Aber jede Geste und jedes Wort ist wie ein Blütenblatt, das die wunderschöne Rose ausmacht; „Unser Überleben“.

Jede Geste und jedes Wort, egal wie klein, hat zu unserem Überleben beigetragen. Jeder Dank ist mit einer bestimmten Erinnerung verknüpft. Um es richtig zu verstehen, sollte man die Situation erlebt haben. Eine kleine Geste oder ein Wort bleiben im Alltag oft unbemerkt. Doch die negativen markieren dich dein ganzes Leben lang, wie ein Stich von einem heißen Eisen.

Diese schmerzhaften, außergewöhnlichen, herausfordernden Erlebnisse haben meine Kinder und mich gelehrt, die Menschen und das Land, die uns ermöglicht haben, einen Neuanfang im Leben zu haben, mit dem Herzen zu lieben. So könnten wir uns reibungslos richtig integrieren. Das wünsche ich vom Herzen jedem der sich bemüht es zu erreichen.

Identitätskrise

Die Identitätskrise trifft sowohl Teenager, junge Leute wie auch Erwachsene.

Definition: Eine Identität ist die Gesamtheit der Eigentümlichkeiten, die eine Entität, einen Gegenstand oder ein Objekt kennzeichnen und als Individuum von anderen unterscheidet.

Eine Identitätskrise ist eine Krise, die durch ein unsicheres Selbstbild verursacht wird und dazu führt, dass die Wahrnehmung der Identität hinterfragt wird. (Google)

Die Identität eines Menschen schließt viel mehr ein als nur sein Aussehen.

Sie beinhaltet auch Werte, Überzeugungen und Charakterzüge. Die Identität umfasst alles, was einen Menschen ausmacht, sowohl innerlich als auch äußerlich.

Wer bin ich?

Diese Frage taucht irgendwann, nach einiger Zeit, im Leben von Menschen auf, die ihr Land verlassen haben.

Die Identität kann sich im Laufe des Lebens ändern, aber nicht die Gesamtheit.

Es gibt Situationen, in denen man seine Identität verliert, beispielsweise wenn man krank wird und alles vergisst oder als Folge eines traumatischen Schocks, schwerer seelischer Erschütterungen. Solche Fälle gibt es oft in Fluchtsituationen. Viele sind jahrelang unterwegs, von Ort zu Ort, von Land zu Land, unter unmenschlichen Bedingungen.

Sie erleben Foltergefängnisse, Schläge, Vergewaltigungen, Hunger und andere schwierige Lebensumstände. Irgendwann verschwinden die Erinnerungen.

Es gibt eine nationale Identität, die man für kurze Zeit verlieren kann.

In manchen Ländern hat jeder Bürger eine „Identitätskarte“. Das war damals in Ruanda der Fall. Darin stehen die persönlichen Daten geschrieben, die jemanden von anderen Menschen unterscheidet. Wenn sie verloren gehen, hat die Person für kurze Zeit keine Identität, bis sie eine neue bekommt. In diesem Fall kann jemand vorgeben, ein anderer zu sein.

Wenn ich mich frage: „Wer bin ich eigentlich?“, ist ein Durcheinander von Gefühlen für mich selbst und ganz wichtig von dem, was andere sagen.

„Wir haben Identität auf Zeit, dass wir uns für kurze Zeit zu etwas zugehörig fühlen, aber immer die Freiheit haben, in eine andere zu switchen, auch was uns selbst anbelangt.“ (Die Suche nach der eigenen Identität von Andrea und Justin Westhoff).

Man kann mehr als eine Identität haben, das hängt davon ab wie man sich definiert und in welcher Situation jemand sich befindet. z. B.: Ich bin Mutter, Lehrerin, Schriftstellerin, Übersetzerin, Kindertagespflegeperson.

Die Frage, „wer bin ich? wer bist du?“ ist außerordentlich wichtig geworden.

Die Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und in einem anderen sozialen, kulturellen Umfeld leben müssen, müssen sich integrieren. In diesen Kampf lernt man eine andere Art zu denken, zu leben, sich zu verhalten, dazu kommt die einheimische Sprache. Wenn man sich bemüht, dieser Sprache zu erlernen, rückt mit der Zeit die Muttersprache in den Hintergrund. Der Wille, seine eigene Sprache lebendig zu behalten, ist stark, aber die Umstände lassen das nicht zu. In meinen Fall höre ich kaum jemand, der meine Muttersprache spricht. Wenige Menschen aus meinem Heimatland wohnen in Deutschland. Diese Minderheit ist zerstreut. So geht einem ein Stück von der Sprache verloren. Wenn sich eine Möglichkeit ergibt, die Sprache zu sprechen, stellt man fest, dass der Klang nicht mehr derselben ist, ein gewisser Akzent hat sich schön rein geschlichen. Beim Sprechen sucht man die Worte oder es springen die Worte der erlernten Sprache rein. Man bemerkt es und schämt sich. Dann kommt das Gefühl, sich selbst zu verleugnen. Man ist „eingedeutscht“, wie es heute umgangssprachlich heißt.

Für die Menschen in dem Land, in dem man lebt, ist man „Ausländer“, obwohl man sich ändert. Mein Frühstück besteht nicht mehr aus Bohnen oder Süßkartoffeln. Ich ziehe eine Hose an, was ich in meinem Heimatland nie gemacht hätte. Grüßen ist nicht mehr selbstverständlich, wie es früher war, weil viele auf Grüßen nicht reagieren, und vieles mehr. Bei aller Mühe passt man doch nicht in das Klischee. Das Gefühl des „Nicht-dazu-gehörens“ löst ein unbeschreibliches Gefühlschaos aus. In diesen Momenten muss man aufpassen. Die Gefühle müssen wahrgenommen und sortiert werden, um sie in eine bewusste, gute Orientierung zu lenken. Wenn man diesen Raum gibt, ist es äußerst gefährlich, weil man resignieren und sich verlieren kann. Das Selbstwertgefühl geht verloren, was zu Depressionen und anderen Krankheiten führen kann.

Die familiäre Dislokation

Die Kinder, die Fluchtsituationen erlebt haben und die als Flüchtlinge aufwachsen, haben besonders vieles zu meistern. Im Gastland sind sie mit allen Arten von Diskriminierung konfrontiert: Hautfarbe, Aussehen, Religion, Herkunft, Sprache, etc.

Sie wollen akzeptiert werden, um jeden Preis. Sie wollen Freunde haben. Die meisten wollen die Schule schaffen. Um das zu erreichen, müssen sie die Sprache lernen, anders aussehen, ihr Verhalten anpassen, kurz gesagt, „alles mitmachen, alles ausprobieren“.

An diesem Punkt entsteht der „Gruppenzwang“. Wenn man nicht mitmachen will, ist man aus der Gruppe ausgeschlossen was besonders für die Junge Leute frustrierend ist.

Die meisten Eltern erwarten von ihren Kindern, dass sie gute Noten nach Hause bringen. Sie wollen, dass das kulturelle Verhalten, die Muttersprache, beibehalten werden. Die Kinder geraten in einen Konflikt. Sie wollen von anderen akzeptiert werden, auf der anderen Seite wollen sie auch ihre Eltern nicht enttäuschen. Beide geht aber nicht. Sie entscheiden sich früher oder später für die Mitschüler, Mitstudenten oder Arbeitskollegen. Die Eltern sind fassungslos, wenn ein Kind mit rosa gefärbten Haaren, Piercing, Tattoo, etc. nach Hause kommt. Sie sind nicht gewohnt, auf ein Kind bis spät in der Nacht zu warten. Die Eltern fühlen sich in ihrer Autorität mit Füßen getreten und als Versager. Die Kinder fühlen sich nicht verstanden. Dann beginnen endlose Streitigkeiten. Je mehr die Kinder beim Sprachlernen vorstritte machen, desto mehr rückt ihre Muttersprache im Hintergrund. Mit der Zeit sprechen und verstehen die Kinder mehr Deutsch als ihre Sprache. Es ist so, dass die Kinder oder jungen Leute schnell alles lernen. Bei den Erwachsenen dauert alles seine Zeit. Manchmal ist man auch aus unterschiedlichen Gründen nicht unbedingt motiviert, die einheimische Sprache zu erlernen. Es gibt auch Fälle, wo man es nicht kann oder nicht dazu in der Lage ist. Dann wird nach und nach die Kommunikation schwieriger. Mit der Zeit bricht die Brücke zusammen. Es entsteht zwischen Eltern und Kinder eine Kluft. Dann die Kinder ziehen von Zuhause weg. Die andere wollen nicht mehr die Schule besuchen. Die familiären Verhältnisse sind gestört. Oft ist es schwierig, überhaupt eine gute Beziehung über Jahre hinweg in der Familie wieder herzustellen.

Es gibt Kinder, die sich bemühen, weiter auf ihre Eltern zu hören. Sie sind willig, die Muttersprache zu erlernen. Es gibt auch jungen Leute, die die Muttersprache schon sprechen, und wollen sich bemühen sie zu behalten. Es ist meistens so, dass mehrere Fremdsprachen im Gastland nicht gesprochen werden. Oft, weil es vor Ort wenige Menschen gibt, die diese Sprache sprechen. Sie richtig zu erlernen, ist schwer, weil man kaum Gebrauchsmöglichkeit im Alltag hat. Nur zu Hause, unter Verwandten und Bekannten, ist unzureichend. Im deutschen Schulsystem gibt es neben Englisch noch eine Fremdsprache. Wenn die Kinder, Teenager, jungen Leute diese Sprachen lernen müssen und dazu die Muttersprache, dann beherrschen sie keine Sprache richtig. Für ihre Zukunft ist das sehr schlecht. Einen Ausbildungsplatz, einen Job zu finden, ist äußerst schwer. Das bringt Entmutigung mit sich.

Im dritten Teil des Buches erzähle ich von meinen Erfahrungen in der Kindertagespflege. Es ist ein Beruf, den jeder ausüben kann. Abgesehen von Geschlecht, Alter, Herkunft, Familienstand. Man muss nicht die Sprache beherrschen. Ich habe ausführlich davon berichtet, um viele Menschen zu ermuntern, sich für diesen Beruf zu interessieren. Ich habe spät von diesem Beruf erfahren. Zahlreiche Menschen wissen nicht, dass es gibt. Es ist aber nie zu spät, einen neuen Anfang zu machen oder was Neues zu erlernen. Das ist eine Tätigkeit, der befriedigend ist. Geld ist nützlich, aber was im Leben wirklich glücklich macht, ist, unsere Mitmenschen zu helfen. Jemand würde vielleicht sagen, na ja, sie werden dafür bezahlt. Es ist richtig. Es ist aber so, dass nicht alles, wofür man einen Lohn kriegt, den gleichen Sinn hat. Im Kindertagespflegeberuf ist man mit kleinen Kindern beschäftigt und arbeitet mit den Eltern zusammen, zum Wohl des Kindes. Es geht um Menschen. Abgesehen vom Geld es ist eine Möglichkeit, in der Liebe und im Beruf zu wachsen.

In den letzten Jahren sind die Betreuungszahlen in der Kindertagespflege gestiegen. Das gut ausgebildete Personal wird zunehmend gesucht. Als Kindertagespflegeperson können Sie selbstständig oder im Auftrag des Jugendamtes tätig werden. Dazu gibt es auch den Einsatz bei Familien und die Betreuung von Kindern in deren privaten Räumlichkeiten. Interessierte Personen werden ständig gesucht. Die Nachfrage ist groß.

Sind Sie neu hier? Es ist ein lobenswertes Ziel. Sind Sie hier aufgewachsen? Sind Sie Eltern? Sind Sie ledig? Üben Sie einen anderen Beruf aus? Kindertagespflege ist eine schöne Möglichkeit für Sie. Verpassen Sie sie nicht. Warten Sie nicht, jetzt ist die Zeit, tätig zu werden.

Vorwort

Ich wurde 1960 in Ruanda geboren und bin auf dem Land aufgewachsen.

Ruanda ist ein idyllisches Fleckchen. Ein zentralafrikanisches Land, im Herzen der Region der großen Seen. Kigali ist die Hauptstadt.

Es ist ein Binnenland mit einer Fläche von 26.338 Quadratkilometern.

Einwohnerzahl: 12.187.400 (Stand 2018, „de.m.wikipedia.org“).

Ich bin Lehrerin von Beruf (Technische Pädagogische Schule).

Fünf Jahre habe ich an einer Schule unterrichtet.

Später machte ich eine Ausbildung zur Sekretärin. Neun Jahre habe ich im Ministerium gearbeitet, bis zum Ausbruch des Völkermordes.

Ich schreibe dieses Buch in Form von Briefen an meine beste Freundin Ciana. Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen. Der Bürgerkrieg hat uns getrennt. Die Wurzeln des Konfliktes reichen weit in die vorkoloniale Geschichte zurück. Drei Ethnien bilden Ruandas Bevölkerung. Hutus ca. 85 %, Tutsis 14 % und Twa (Pygmäen-Waldbewohner) 1 % („en.m.wikipedia.org“). Ursprünglich waren Hutu und Tutsi keine getrennten Ethnien, sondern bildeten unterschiedliche soziale Gruppen: Tutsi waren Rinderzüchter und gehörten zur Aristokratie. Hutu lebten vom Ackerbau und waren von den Tutsi abhängig. Eingeführt wurde die Unterscheidung zwischen Hutu und Tutsi von den ersten Missionaren und Kolonialherren. Diese letzteren lassen diese in den Ausweisen schreiben.

Ciana und ich sind zusammen groß geworden. Später haben wir beide geheiratet.

Wir wohnten beide mit unseren Familien in der ruandischen Hauptstadt Kigali. Sie und ihr Mann Charles bekamen zwei Kinder. In das Jahr 1994 war ihre Tochter Beatrice fünf Jahre alt und ihr Sohn Fabrice drei. Ich heiratete Marc. In das Jahr 1994 hatten wir ein Kind, Lucien, der zwei Jahre alt war. Ich war im zweiten Monat schwanger mit Joy.

Ich erzähle meine Freundin, was ich von 1994 bis 2020 erlebt habe. Ich nehme sie mit in mein Tagesgeschehen. Was Kigali betrifft, ist jetzt bekannt für ihrer Sauberkeit – nach außen – für die Touristen. Ansonsten nach fünfundzwanzig Jahre ist der Präsident immer noch derselbe. Der Vorhergehende war ebenfalls lange an der Macht. Er regierte von 1973 bis 1994. Ich habe die Jahre vor und nach dem Völkermord erlebt.

In der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober 1990 begannen vom Nachbarland Uganda, aus bewaffnete Exil-Ruander, einen militärischen Feldzug zum Sturz des seit 1973 herrschenden Habyarimana-Regimes. Es dauerte noch vier Jahre bis zum Ausbruch des Völkermords. Es war eine sehr unruhige Zeit. Viele unschuldige Menschen verloren ihr Leben. In dieser Zeit arbeitete ich als Sekretärin in einem Ministerium. Ich war schon acht Jahre mit Marc verheiratet, der beim Militär war. Wir wohnten im Militärlager.

Am 19. Juli 1994 kam das aktuell herrschende Regime an die Macht. Ich habe auch vier Jahre unter dieser Regierung gelebt. Ich verließ Ruanda mit meinen beiden Kindern Lucien und Joy im März 1999.

Ich gehöre keinem Stamm an. Meine Mutter gehörte zum Stamm der Tutsi und mein Vater zum Stamm der Hutu. Aus diesem Grund gehörte ich von Anfang an in diesem Konflikt nirgendwohin. Ich habe auch nicht versucht, irgendwo hinzugehören. Mein verstorbener Mann Marc, der Vater meiner Kinder, gehörte zum Stamm der Hutu. Wir sind in diesem Konflikt neutral geblieben. Obwohl er Soldat war, blieb er neutral, wodurch er sein Leben riskierte. Die Neutralität hat das Leben meiner Kinder und meines gerettet, aber leider nicht seins!

Ich verteidige weder die damalige noch die jetzige Regierung. Dieses Buch ist ein Ausdruck meiner persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen in diesen unterschiedlichen Zeitperioden. Das Buch ist politisch neutral. Aus meiner Sicht fasst ein Satz das Geschehene treffend zusammen: „Das Lied ist das gleiche – nur die Tänzer haben gewechselt.“

Die stärkste Motivation, dieses Buch zu schreiben, ist meine Kinder Lucien und Joy, einen Teil ihrer Kindheit zu erzählen. Ein Teil ihres Lebens ist auch meines und ein Teil meines ist ihres. Mein liebevoller Mann, den ich später heiratete, ist ein Teil unseres Lebens und wir sind ein Teil seines Lebens geworden. Er weiß schon vieles, aber nicht alles ins Detail. Bei unserer Hochzeit war Lucien elf Jahre alt und Joy neun. Für ihn sind Lucien und Joy seine Kinder. Für Lucien und Joy, ist er ihr Vater. Er heißt für sie „Papa“. Von meiner Kindheit hat mir niemand erzählt.

Ich habe auch nie gefragt. Ich habe mich nicht dafür interessiert. Ich wuchs bei den Großeltern auf. Ich hatte keinen Eltern. Ich bin die älteste von fünf Kindern. Meiner Mutter starb früh, ich war acht Jahre alt. Mein Vater ist direkt danach ausgewandert. Ich habe mir gesagt: „Schau nach vorne, baue deine Zukunft auf. Die Vergangenheit ist nicht wichtig!“

Nichts über meine frühe Kindheit erfahren zu wollen, ist einer der größten Fehler, die ich in meinem Leben machen konnte.

Kein Lehrer hat mir gesagt, dass meine Kindheit das Fundament für mein zukünftiges Leben ist. Niemand hat mir gesagt, dass meine Kindheit meine Gesundheit und mein Verhältnis zu meinen Mitmenschen stark beeinflussen wird.

So gut wie nichts zu wissen, hat mir sehr geschadet und später im Leben sehr weh getan. Später tauchten Fragen über mein Leben auf, aber ich konnte keine Antwort finden. Die, die Antworten auf meine Frage hatten, waren entweder geflohen oder tot. Das will ich auf jeden Fall meinen Kindern ersparen. Wenn sie irgendwann in ihrem Leben etwas wissen wollen, haben sie eine Quelle für Informationen. Für meinen Ehemann und jetzigen Vater meiner Kinder sollen diese Details dazu beitragen, die Grenze jedes Einzelnen zu erkennen und zu verstehen. Außer mir gibt es keinen, der diese Informationen geben kann. Ich bin die Einzige, die die Antworten besitzt auf die Fragen, die auftauchen könnten. Bücher sind gute und treue Freunde. Nicht nur unsere Kinder werden von ihrem Leben erfahren, sondern auch die zukünftige Generation.

TEIL 1

Unsichere und besorgniserregende Zeit

Kapitel eins

Ausbruch des Völkermords

Liebe Ciana!

Ich habe alles versucht, was ich konnte, um Auskunft über dich und deine Familie zu bekommen. Ohne Erfolg. Ich hoffe, dass du irgendwo auf dieser Welt mit deiner Familie noch lebst. Heute nehme ich einen Stift, ein Blatt Papier und schreibe dir. Du fehlst mir so sehr! Du wirst diesen Brief bekommen. Ich werde ihn bewahren, bis ich von dir höre. Ich möchte dir gerne erzählen, was alles geschehen ist, seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben.

Jetzt sind fünfundzwanzig Jahren vergangen seit unserer Trennung. Beim Ausbruch des Völkermordes, in der Nacht vom 6.4.1994, sind alle Menschen chaotisch, in allen Richtungen geflohen. Sie sind überall auf der Welt verstreut. Seitdem habe ich nichts mehr von dir und deine Familie gehört.

Marc und alle Soldaten müssen so schnell wie möglich das Kanombe-Militärlager erreichen. Sie sind einberufen worden. Marc hat einen Bekannten, der einen Pick-up hat. Er hat ihn gefragt, ob er uns dort absetzen kann. Ich suche schnell zusammen was wir mitnehmen können. Marc sagt: „Du brauchst nichts mitzunehmen. Wir sind spätestens nach einer Woche wieder hier“. Ich sehe die Situation anders, aber ich sage mir: „Na gut, ich kann sowieso nicht viel mitnehmen, weil ich es allein schleppen muss“. Das geht sowieso mit Lucien nicht! Marc muss in den Krieg ziehen. Ich nehme wenigstens Fotos mit, sie sind wertvolle Erinnerungen. Wir sind losgefahren. Während der Fahrt weine ich bitterlich. Wie wissen nicht, ob meine Schwester Pauline, ihr Mann Sylvestre und ihre beiden Kinder, Laurent und Julie noch am Leben sind. Obwohl nur in fünf Minuten von uns entfernt wohnen, es ist unmöglich was von denen zu erfahren. Sie ist hochschwanger und mehrmals haben die Extremisten angedeutet, dass sie sterben muss. Marc ist Soldat und besitz ein Gewehr, trotzdem kann er unser Viertel nicht verlassen. Die Militärs haben keinen Einfluss über das Geschehen. Die Milizen haben die Führung übernommen. Soldat sein ist kein Schütz, er könnt sterben, wenn es darauf ankommt. Im ganzen Land ist Ausgangssperre angeordnet worden, um Tutsis und alle gemäßigten Hutus zu töten. Von den Hutu-Milizen sind schon mehrere Barrikaden aufgestellt worden. So können sie jeden stoppen, der sich nach draußen traut. Wer nicht im Haus stirbt, stirbt auf der Straße. Um die Fahrt zu schützen, muss Marc sein Gewehr durch den Autofenstern bereithalten! Der Bekannte hat uns am Kanombe-Militärlager abgesetzt. Es ist morgens. Es herrscht Chaos. Man sieht und trifft am Eingang des Lagers jede Menge Leute. Soldaten, Zivilisten, Frauen, Kinder. Manche gehen raus, andere kommen rein, ohne oder mit Auto. Die Autos sind voll beladen wie bei einem Umzug. Die anderen Leute tragen alle möglichen Sachen auf den Armen, auf dem Kopf oder auf dem Rücken! Es ist beängstigend. Mir ist kalt im Bauch! Marc beobachtet die Szene. Er schaut mich verblüfft an und kriegt kein Wort raus.

Wir sind bei unseren Bekannten angekommen. Marie und Charles haben zwei Kindern.

„Wie habt ihr bis hier geschafft?“

Kurz danach wird Marc einberufen. Er soll nach Camp Kigali, Hauptquartier fahren, um sich da zu melden. Der Abschied ist schwer. Am frühen Nachmittag kommt jemand mit einer Nachricht von Marc. Auf den Zettel steht: „Fahr bitte mit der Person, die dir diesen Zettel bringt, bis zum Camp Kigali. Dort findest du einen Bus, der nach Cyangugu fährt. Fahr bitte mit“. Ich muss mich von den Bekannten verabschieden und Camp Kanombe verlassen. Lucien klebt an meinem Rücken. Er weigert sich, die Füße auf den Boden zu setzen. Von da nach Camp Kigali, in Innenstadt, die Fahrt dauert dreißig Minuten. Der besagte Bus ist fast voll. Marc kommt angelaufen, um zu sehen, ob wir drin sind. Wieder verabschieden wir uns voneinander. Er sagt: „Überlege während der Fahrt, wo du mit Lucien hingehen kannst“. Es besteht die Möglichkeit, zu meiner Familie oder zu seiner zu gehen, aber ich weiß nicht, ob sie noch leben oder schon geflüchtet sind. Meine Cousine Elvira wohnt dort, genau da, wo der Bus uns absetzen muss. Zu meiner Familie oder seiner zu gehen bedeutet für uns, vorher noch irgendwo übernachten zu müssen. Die beiden Familien wohnen weit weg, von dem Dorf wo der Bus uns absetzen wird. Wo können wir übernachten? Ich vertraue niemandem mehr. Ich weiß nicht mehr, wer ist Freund oder nicht. Ich vertraue mir selbst nicht mehr. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich muss nur funktionieren. Ich fürchte mich zu den Familien zu gehen. Du weißt ja, Marc ist in seinem Geburtsort sehr bekannt. Ich habe Angst um unsere Leben. Ich bin entschlossen erst bei Elvira zu versuchen. Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen.

Unsere Zufluchtsstadt

Der Bus erreicht Cyangugu am Abend, um achtzehn Uhr. In dieser Uhrzeit wird plötzlich dunkel. Der Tod schwebt in der Luft. Die Angst herrscht überall. Sie bedeckt das Land wie eine dicke schwarze Wolke an einem April-Unwettertag, die kein Licht durchlässt.

Glücklicherweise wohnt Elvira fünfhundert Meter entfernt von der Haltestelle, wo uns der Bus absetzt. Bei mir habe ich nur meine beiden Kinder. Eins auf dem Rücken, das andere im Bauch. Kein Mensch auf der Straße. Das Haus steht direkt an der Hauptstraße. Ich schaue nach oben, um zu sehen, ob zufällig jemand durch das Fenster guckt. Die Gardinen sind zugezogen. Keine Bewegung, kein Licht.

Ich gehe hin und klingle. Keine Reaktion! Ich bekomme unbeschreibliche Angst. Ich klingle wieder. Nichts!

Nach dem dritten Mal höre ich schleichende Schritte und eine leise Stimme: „Wer ist denn da?“ Ich antworte: „Deine Cousine Jada und ihr Kind“. Die Eingangstür öffnet sich einen Spalt. „Schnell, schnell, schnell!“, flüstert Elvira. Da ich schwanger bin und Lucien auf meinen Rücken trage, kann ich nicht schnell laufen. Dazu kommen Hunger, Angst, Müdigkeit. Ich ziehe mich wie eine Schlange hinein. Sie bietet uns einen Tee an. Ich kann nichts essen, kein Appetit. Lucien wird nur noch gestillt, so konnte er überleben.

Es gibt keine Geschäfte mehr, keinen Markt, keine Lokale. Und auch wenn es sie geben würden – ohne Geld nutzt alles nichts.

Elvira sagt: „Ihr dürft bei uns bleiben. Wir werden zusammen sterben oder überleben.“

Oh Ciana! Dieser ist einer von den Momenten, die für immer in mir geschrieben sind.

Die Momente, wo keine Worte und keine Geste der Dankbarkeit Ausdruck verleihen kann. Ich bin äußerst erleichtert und vom Herzen Dankbar.

Die Türen sind permanent geschlossen. Zwei Monate sind jetzt vergangen. Elvira hat ein kleines Lebensmittelgeschäft. Davon ernähren wir uns, jeden Tag ein bisschen. In zwischen es ist erschöpft. An dauernd hören wir eine Mischung aus Schreien, Hilferufe, Weinen von Menschen, die zum Töten fortgebracht werden. Rund um die Uhr, hören wir Lärme und Schreien von Milizen, die zu den Bewohnern marschieren, um sie fortzuschleppen und töten. Durch einen Zentimeter Vorhangöffnung können wir auf die Straße schauen. Wir sehen die immensen Flüchtlingsströme aus dem Inneren des Landes in das angrenzende Demokratische Republik Kongo. Es ist ein schrecklicher Anblick. Am Rand der Straße sitzen kleine Kinder, die von den Eltern verlassen worden sind. Die älteren Menschen liegen auf der Straße, weil sie nicht mehr laufen können. Die Entfernung ist für die kleinen Kinder zu Fuß nicht zu schaffen. Die Füße tun weh und bluten. Die Eltern basteln aus trockenen Bananenblättern eine Art Sandalen und laufen darauf! Alle möglichen Sachen liegen überall auf den Straßen. Die Toten liegen traurigerweise auch da! Ciana, ich sehe es, aber ich verstehe es nicht. Man kann es auch kaum verstehen. Mein Verstand kann es nicht erfassen. Menschen sind in dieser Zeit schlimmer als Tiere. Ich frage mich, was ist der Sinn der Bildung, wenn ein gebildeter Mensch keine Wertschätzung für das Leben anderer hat! Die Leute mit allen möglichen akademischen Titeln, die in hohen Positionen waren, die Führer des Volkes, haben diesem grausamen Schlachten ihrer Mitmenschen zugestimmt. Mitorganisiert und mitgemacht! Und die Geistlichen? Viele Menschen sind zu Kirchen geflohen. Sie hofften, dass ihnen dort nichts passieren würde. Man hat ihnen gesagt: „Wenn sie zur Kirche gehen, wird Ihnen kein Feind dorthin folgen“. Sie wurden dort von Milizen niedergemetzelt. Wir sitzen da. Plötzlich ein unbeschreibliches Geschrei! Die Milizen ziehen zur Kirche, sagt Elvira. Die Kirche ist hier hinten, nicht weit. Das Ganze dauert ewige Minuten. Die Gruppe nähert sich der Hauptstraße. Elvira traut sich einen Blick durch das Fenster zu werfen. Sie lässt einen kurzen Schrei los. Da ist unsere bekannter! Wir haben uns angeschaut und nur geweint. Wir kannten uns von klein auf! Der Cousin meines Vaters, seine Frau und seine Kinder sind auch so schrecklich getötet worden. Er baute am Haus und hatte ein tiefes Loch im Hof gegraben. Die Milizen haben die siebenköpfige Familie hineingeworfen und dann lebendig begraben. Schrecklich! Die vier Jahre, die ich in Kigali gewohnt habe, habe ich keinen Mut gefunden, zu ihrem Grab zu gehen. Ich könnte es nicht ertragen. Meine Patentante ist mit ihrer neunköpfigen Familie mit Macheten ermordet worden. Sie sind nur einige von vielen, die uns nahestanden und die wir kannten. Ciana, unser Wiedersehen wird erst einmal nur traurig sein.

Du hast bestimmt auch fürchterliche Dinge erlebt!

Marc wusste nicht, wo wir sind. Er hat nach uns gesucht und uns schließlich bei Elvira gefunden. Er hat gerade die vollständige Evakuierung der Hauptstadt Kigali überlebt. Er erzählt mir, dass er mit ein paar anderen noch im Kigali war, als sie feststellten, dass sie den Krieg verloren haben. Sie hatten keine Munition mehr. Da der Strom ausgefallen war, lag die ganze Hauptstadt im Dunkeln. Sie fürchteten den Überfall der oppositionellen Armee. Sie sind einfach losgelaufen. Jeder seinen eigenen Weg. Er ist gelaufen, ohne zu wissen, wohin der Weg wirklich führte. Er lief einfach weiter und weiter. Er wusste nicht, wer neben, vor, hinter, rechts, links von ihm lief. Die Soldaten des abgesetzten Regimes, die Menschen, die in den Städten geblieben waren, die Soldaten der oppositionellen Armee, alle liefen durcheinander. Er versuchte, sich zu orientieren. Plötzlich hörte er das Rauschen eines Flusses. Er befand sich an der Nyabarongo Brücke. Tage und Nächte ist er 240 Km zu Fuß gelaufen, bis er Cyangugu erreichte. Dank des milden ruandischen Klimas konnte er seine Uniform ausziehen, um nicht aufzufallen. Tagsüber im Busch, die Nacht auf der Straße. Das war Ende April 1994. Ein paar Wochen sind schon vergangen.

Die oppositionelle Armee hat den Krieg gewonnen. Wir hängen die ganze Zeit am Radio. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Ciana, jetzt, ist es neunzehn Uhr. Die Nachricht lautet, dass sich die Soldaten der abgesetzten Regierung, die noch im Land sind, an bestimmten Orten sich melden müssen! Die Liste der Orte wird im Radio vorgelesen. Sie müssen so schnell wie möglich dahin kommen. Marc muss nach Rubona. Ciana, kannst du dir vorstellen, wie es mir geht! Ein kalter Strom fließt durch meinen ganzen Körper. Mein Mund trocknet aus, kein Speichel mehr. Wir haben uns alle angeschaut, kein Wort. Panik in den Augen. Meine Liebe, ich kann nicht mal weinen. Es ist, als würde mir die ganze Welt auf den Kopf fallen. Die Erde rutscht unter meinen Füßen. Marc richtet seinen Blick auf Lucien, auf meinen Bauch, auf mich, kein Wort. Elvira, ihr Mann Onesphore, schauen uns an, kein Wort. Wir wissen nicht, was auf ihn wartet, ob er jemals zurückkommt. Eigentlich wissen wir es schon. Jeder weiß, was dieser dringende Appell bedeutet. Vier Jahre lang haben wir schon beobachtet, wie die Rebellen die Menschen behandelten, die in ihre Armen gefallen waren. Erneut, mit schwerem Herzen, nimmt er Abschied von uns.

Tage, Monate vergehen. Keine Nachricht.

Das Kind in meinem Bauch wächst. Glücklicherweise ohne Schwierigkeiten. Ciana, ein Wunder ist geschehen. Herr Doktor, mein Gynäkologe ist hier. Es beruhigt mich. Ich bin sehr erleichtert. Die Ärzte ohne Grenzen haben zusammen mit dem Roten Kreuz ein provisorisches Krankenhaus errichtet. Ich habe mich da untersuchen lassen. Ich habe am 22.11.1994 einen Entbindungstermin bekommen. Du weißt, dass ich immer ernste Probleme mit der Schwangerschaft hatte, überraschungsweise, dieses Mal nicht. Die Geburt ist mit Kaiserschnitt. Ich möchte keinen Kampf mit Wehen führen. Kämpfe habe ich mehr als genug. Ich habe keine Kraft dafür. Es so weit, heute ist der Tag. Ich habe bis heute nichts von Marc gehört. In einem kleinen Raum. Rechts und links von mir stehen Ständer, an denen ein weißes Tuch festgebunden ist. Es soll verhindern, dass ich sehe wie die Operation durchgeführt. Ich habe eine PDA bekommen. Die untere Partie wird betäubt. Ich kann alle Gesten des Gynäkologen sehen. Nach einer Weile merkte ich, dass er das Baby aus dem Bauch zieht. Es schreit laut. Der Gynäkologe sagt: „Sie haben ein Mädchen geboren“. Ciana, ich bin glücklich, dass es gesund ist. Ich freue mich so sehr trotz, die schwierige Situation. Es ist eine unbeschreibliche Überraschung. Lucien hat eine kleine süße Schwester bekommen und ich ein gesundes Töchterchen! Alles ist gut gegangen. Ich bin entschlossen, meine beiden Kinder zu beschützen, egal was kommen mag. Niemals ohne sie! Marcs Situation sieht nicht gut aus!

Heute noch bin ich sehr dankbar, dass es solche Menschen gibt, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um anderen zu helfen. Es ist sehr gefährlich. Der Krieg ist noch nicht zu Ende, die Bomben und Kugeln fliegen plötzlich in alle Ecken.

Elvira hat Lucien gebracht, um seine Schwester zu sehen. Er will unbedingt an meine Brust. Ich habe ihn während der ganz Schwangerschaft gestillt. Er versteht die Situation nicht, aber er merkt, dass etwas anders ist und klebt an mir. Ich erkläre ihm, dass jetzt die kleine Schwester gestillt wird und er nicht mehr, weil er jetzt ein großer Junge geworden ist. Er ist richtig sauer und will nicht mehr zu mir kommen! Nach einer Weile lässt er sich trösten.

Nur diese Nacht bleibe ich im Krankenhaus. Die Hygiene ist prekär. Heute bin ich zu Elvira zurück. Die Schmerzen sind groß. Die Wunde ist noch frisch. Der Kaiserschnitt heilt glücklicherweise schnell und ohne Komplikationen.

Elvira hat gute Kenntnisse im medizinischen Bereich, sie steht mir bei. Es ist angenehm, mit Elviras Familie zusammen zu wohnen. Ein Jahr lang haben wir bei ihnen gewohnt. Ich habe nicht ein einziges Mal ein negatives Wort oder eine unangebrachte Bemerkung. Elvira und ich führen tiefe und intensive Gespräche. Sehr bereichernd. Ein wunderschönes Geschenk. Es ist tröstend für mich, in so einer merkwürdigen Zeit bei einer solchen Familie wohnen zu dürfen.

Das Baby ist ein Monat alt. Marc ist überraschend wieder da. Er wusste ungefähr, wann das Baby kommen sollte. Er hat versucht ein paar Tage Urlaub zu bekommen. Er hat ausnahmsweise drei Tage erhalten. Alles könnte passieren. Es gibt keine Kommunikationsmöglichkeit. Er erzählt, dass die Soldaten von der abgesetzten Regierung in einem Internierungslager eingesammelt wurden. Sie dürfen nicht rausgehen. Es ist in Wirklichkeit ein Gefängnis. Er freut sich, Lucien und das Baby gesund zu sehen. Lucien kann schon ein bisschen sprechen. Das Baby hat jetzt einen Familiennamen bekommen. Gewöhnlich, in Ruanda der Vater ist der Namensgeber. Bis dahin hatte es keinen. Marc macht mir eine große Freude, ich darf ihr einen Vornamen geben. Ich möchte sie, „Joy“ nennen. Die drei Tage sind schnell vorbeigeflogen. Er muss uns leider wieder verlassen. Mit schwerem Herzen verabschiedet er sich wieder von uns. Er ist mit dem Bus weggefahren. Das Leben im Lager ist jeden Tag unsicher. Er fürchtet um sein Leben.

Wir haben nichts außer den Klamotten, die wir anhaben. Elvira hat für alles gesorgt, so gut wie es möglich ist in diesen schwierigen Zeiten. Möge Gott ihr und ihrer Familie die Güte, die Liebe, die sie uns für längere Zeit geschenkt haben, vergelten. Die wahre Liebe ist selten, aber es gibt sie noch! Ich erlebe sie deutlich in dieser Zeit. Ich habe eine Zeit lang schon daran gezweifelt, dass sie wirklich existiert. Von jetzt an schwöre ich mir, auch anderen zu helfen. Wenn sich eine Situation ergibt, in der ich helfen kann, will ich es tun, ohne auf die Materialmenge und die Länge der Zeit zu gucken. Geduld zu üben ist auch ein Lernprozess, dem ich mich widme.

Sechs Monate sind schon vergangen nach Joys Geburt. Ich bin fest entschlossen, nach Kigali zurückzukehren. Wir können nicht ewig bei Elvira wohnen. Ich bin von Angst voll beladen. Da mein Mann bei Militär war, weiß ich nicht, wie die überlebenden die uns kennen, auf uns reagieren werden. Wir sind mehr als drei. In der Zwischenzeit habe ich erfahren, dass meine Schwester Monique und ihre Tochter Evelyn noch am Leben sind. Elvira hat sich bereit erklärt, sie auch in ihrem Haus aufzunehmen. Wir wohnen alle fünf bei Ihr! Zurück nach Kigali bedeutet, für fünf zu sorgen. Ich habe keine Arbeit. Wo werden wir wohnen mit zwei Kindern und einem Baby? Wovon werden wir leben? Eine außergewöhnliche Herausforderung! Trotzdem, Hand auf das Herz. Ich möchte versuchen, in einem normalen Leben zurückzukehren. Also verabschiede ich mich von Elvira, ihrem Mann und ihren lieben Kindern.

Was ist eine medizinische PDA?

Die PDA ist ein Betäubungsverfahren, das häufig bei Geburten eingesetzt wird, um die oft sehr intensiven Schmerzen der Frauen zu lindern. Der Arzt spritzt ein Medikament nahe dem Rückenmark ein und unterdrückt so für eine gewisse Zeit die Signalweiterleitung der Nerven. (www.netdoktor.de)

Kapitel zwei

Abenteuer in der Hölle

Zurück nach Kigali – 1 Jahr später

Wir sind heute am frühen Morgen gefahren. Die Fahrt dauert fünfeinhalb Stunden. Auf der langen Fahrt realisiere ich, wie schwer das Land vom Krieg geschädigt ist. Das Land ist verwüstet! Seit einem Jahr bin ich nirgendwo gewesen!

Ich muss mich um eine Übernachtungsmöglichkeit bemühen. Zufällig haben wir erfahren, dass Marianne und ihr Mann Jean und ihre Kinder in Kigali sind. Freundlicherweise nehmen sie uns für ein paar Tage auf, während ich versuche, nach unserem Haus zu fragen. In unserem Haus wohnt ein Soldat, der aus Uganda kam.

Das Land.

Tränen über meine Heimat.

Requiem an das Land, das mich zu Welt kommen sah.

Requiem an das Land, das mich aufwachsen sah.

Blauer Kivu See – adieu den Spaziergängen an deinen Ufern. Du verlorst deine Schönheit an dem Tag, an dem du das Blut deiner eigenen Kinder trankst und ihre Leichen in deinem Inneren behalten hast.

Adieu, Frieden und Harmonie.

Adieu, Lachen und freudige Schreie der Kinder, die in den Straßen der Nachbarschaft spielten.

Adieu, Sommerabende, draußen im Mondlicht.

Der Tag in deinen tausend Hügeln wacht nicht mehr mit Vogelgezwitscher auf.

Die Hähne krähen nicht mehr in deinen Höfen.

Ruanda, du traumatisiertes Land.

Ruanda, du Stadt im Chaos.

Ruanda, menschenleere Stadt.

Ruanda, du Land des Grauens und Schreckens.

Eine Stadt, in Blut und Leichen.

Eine Stadt, voller Hunde!

Bomben, Waffen und Geschreie versetzen die Tiere in Angst und sie fliehen. Die Hunde sind die einzigen Tiere, die übrig geblieben sind.

Du kannst es dir nicht vorstellen, Ciana. Der Gestank von toten Menschen. Das Geräusch von Hunden, die sie fressen. Ihr Geheul Nacht für Nacht. Unerträglich! Es macht das Herz krank und frisst mich innerlich auf! Die Bewohner jagen die unermüdlich, um die auszurotten.

Eine Stadt des Schreins. Hilferufe von unschuldigen Kindern, Frauen und Männern. Die Flüchtlinge, die nach und nach zurückgekehrt sind, steht der Schrecken noch auf ihrer Stirn gemalt. Sie sind obdachlos. Ihre Häuser sind von Bomben weggefegt oder von Extremisten, Ziegelstein für Ziegelstein, abgebaut worden bis zum Fundament. Viele Häuser sind von den Menschen, die neu ins Land gekommen sind, besetzt. Sie kamen mit dem Militär, die das Land eroberte. Der Tod ist überall präsent, wie ein Schatten am sonnigen Tag, der jemand die ganze Zeit begleitet. Das Land ist voller Kinder jeden Alters. Manche sind Waisen. Andere sind von den Eltern während der Flucht getrennt worden. Von anderen sind die Eltern im Gefängnis.

An Kirchen gehen Witwen mit Kindern auf dem Rücken umher. Sie haben nichts mehr. Kein Zuhause, keinen Mann, keine Familie. Viele Menschen haben erschreckende Verletzungen. Anderen fehlen Körperteile, amputiert von Macheten oder Bomben. Ein schmerzen Augenblick.

Das Land ist voller Soldaten, darunter auch Kindersoldaten, so genannt „kadogo“. In Wirklichkeit weiß Man nicht genau, wer ist ein staatlich anerkannter Soldat. Eine Uniform kann sich jeder besorgen. Die, die andere entführen haben nichts zu beweisen, dass sie auf eine Arbeitsmission sind. Hauptsache „Macht“, „Autorität“. Ständisch verschwinden unzählbare Menschen ohne jede Spur. Etwas zu besitzen ist eine Gefahr für jemanden, der vor dem Krieg im Land lebte. Jeder mit Uniform kann kommen und befehlen, ihm zu folgen. „Nein“ könnte jederzeit zu Tod führen. Es gibt kein Gesetz. Sie nehmen in allen Geschäften, Cafés, Restaurants, usw. alles, was sie wollen, ohne Bezahlung. Soviel sie wollen. Dazu gehören Frauen. Sie übernachten, bei wem sie wollen. Sie kommen unangemeldet! Es gibt keine Moral mehr. Unzählige Menschen sterben an HIV. Viele Frauen nehmen andere Männer und dann kommen ihre Ehemänner aus dem Exil zurück. Es führt zu bitteren Auseinandersetzungen, Mord oder Gefängnis. Bloß nicht nach seinem Besitz fragen. Die Menschen, die auf dem Land wohnen, wollen nicht mehr dort leben und Landwirtschaft betreiben. Sie wollen in den Städten leben. So bleiben viele Landgrundstücke unbearbeitet. Infolgedessen sind vermehrt gefährliche Krankheiten wie Malaria aufgetaucht. Der Alkoholkonsum ist nicht mehr zu kontrollieren. Die Überlebenden trinken und essen nach dem Motto: „Wir haben es geschafft! Wer weiß, vielleicht sind wir morgen nicht mehr da!“

Es gibt keine Dokumente, keine Bücher über irgendwas. Sie sind entweder von der abgesetzten Regierung mitgenommen oder von den Eroberern vernichtet worden! Obwohl ich jetzt wieder vier Jahre in Kigali wohne, kann ich keine Dokumente bekommen, um meine schulische Laufbahn nachzuweisen.

Das Land ist ins Chaos gesunken! Viele, die an hohen Posten in verschiedenen Bereichen sitzen, sind nicht ausgebildet. Es ist erschreckend, zu sehen, dass viele weder schreiben noch lesen können.

Die Straßen sind sehr schmutzig. Unkraut wächst wild überall.

Die offiziellen Gefängnisse sind überfüllt. Jedes Haus, jeder Keller, jede versteckte Ecke ist ein improvisiertes Gefängnis. Die Konzentration von Millionen Flüchtlingen inklusive Milizen in den Lagern bei Bukavu und Goma (Zaire) bedroht die Stabilität und Ruhe. Sie kommen schleichend ins Land und suchen Personen, die sie schon früher kannten. Sie zwingen sie, mit ihnen zu kooperieren, um die Regierung zu destabilisieren. Wenn sie im Land sind, brauchen sie Platz, zu schlafen, etwas zu essen, wo ihr Material verstecken und sie brauchen über alles Informationen. Sie suchen hauptsächlich die Frauen von früheren Militärs. Sie wissen schon, dass sie im Land im Visier der neuen Regierung sind. Sie werden von den neuen Landbewohnern bedroht. Aufgrund dessen würden sie die neue Regierung hassen und würden mit denen kooperieren, um Unruhe zu stiften. Wenn jemand ahnt, dass du Kontakt mit denen hast, dein Tod ist sicher. Ebenfalls, wenn du mit Milizen nicht kooperieren willst, dein Tod ist garantiert. Sie haben oft Menschen mit Öl verbrannt. Vorher war ich weder von Tutsis noch von Hutus akzeptiert. Heute das gleiche, ich bin im Visier der Regierung und der Milizen. Was dann?

Weißt du, Ciana, ich habe schreckliche Angst, dass sie mich finden. Ich versuche, jeden Kontakt zu vermeiden, außer mit meiner Familie. Ich muss ständig überlegen, wie ich mich verstecken kann, um von wenigen Leuten gesehen zu werden. Sie wissen nicht, wer in Ruanda ist, sie müssen suchen. Nicht wenige haben die Suche zu ihrem Hobby gemacht. Die hassen die Menschen, die im Land geblieben sind. Wir sind Verräter, sagen sie. Am liebsten würden sie alle töten. Die Soldaten der neuen Regierung durchsuchen Häuser von bestimmten Personen oft und überraschend. Die Durchsuchungen werden sehr früh am Morgen durchgeführt.

Ich besitze fast nichts mehr, aber immer wieder taucht etwas auf, was darauf hindeutet, dass ich mit einem Militär zu tun hatte. Wenn so eine Kleinigkeit bei jemand gefunden wird, ist das Gefängnis die nächste Station. Die Hoffnung, da rauszukommen, ist sehr gering. Die Gefängniswächter sind meistens Kindersoldaten. Die Frauen, die da hingebracht werden, bleiben nicht von Vergewaltigungen verschont. Das ist für mich ein zusätzlicher beunruhigender Faktor.

Die Angst, die in mir wohnt, ist wie ein Mammutbaum mit unzähligen Ästen. Sie meiner permanenten Begleiter.

Die Menschen

Ciana, ob du es glaubst oder nicht, ich suche eine Arbeit. Ich bin den ganzen Tag in verschiedene Viertel gelaufen und habe keinen Menschen getroffen, den ich kenne! Sie sind alle Fremde. Sie sind von verschiedenen Ländern zurückgekommen. Sie sind in anderen Ländern geboren und aufgewachsen. Das macht die Lage noch schlimmer! Sie sprechen verschiedene Sprachen. Die großen gesprochenen Sprachen sind: Englisch, Swahili, Französisch, Lingala, Luganda, Kirundi. Die militärische Umgangssprache kommt dazu, sie ist eine Mischung aus allen. Aus diesen verschiedenen Sprachen entsteht eine neue Kinyarwanda Sprache. Ich nenne die Pidgin Kinyarwanda, weil sie von allen diesen verschiedenen Sprachen abgefärbt worden ist.

Ciana, jetzt ist die französische Sprache nicht mehr die Bürokratie- und Bildungssprache. Sie wird langsam, aber sicher durch Englisch ersetzt.

Es gibt keine Kultur mehr. Die gebildeten, intelligenten Menschen sind fast alle ermordet worden. Es gibt aktuell keine Künstler, Musiker, Autoren, Lehrer, … Es ist alles fremd, ich denke bei mir: „Das ist ein fremdes Land, das ist nicht meine Heimat“. Wie du weißt Ciana, ich gehöre zu keinem Stamm! Wie vor dem Völkermord, ich war weder von Tutsi noch von Hutu akzeptiert! Das gleiche Szenario wiederholt sich.

Habgier, Unehrlichkeit, Bosheit, Gewalt, Rache herrschen in allen Lebensbereichen. Das sind Hauptgründe dafür, dass viele Menschen verschwinden oder tot gefunden werden. Für viele Menschen ist es grausam, jemand nicht begraben zu haben. Sie wissen nicht, ob er gestorben ist oder noch lebt. Sie warten, warten, aber bis wann?

Jetzt, im Oktober 1996, startet die Ruandische Patriotische Front (FPR) eine Offensive gegen die ruandischen Flüchtlinge an der Westgrenze des Landes. Ciana, sie sind umgeben, sie sind gezwungen, nach Ruanda zurückzukehren. Sie müssen nach dem Völkermord beurteilt werden. So eine Menschenmenge erinnert mich an den Exodus im Juni 1994 nach der Einnahme von Kigali. Hast du es gesehen oder miterlebt? Von allen Ecken, auf all den kleinen Wegen, die sich um die Hügel Ruandas schlängeln, läuft eine Menschenmenge in gemischter Formation wie Ameisen. Es ist unmöglich, jemandem zu erkennen! Stelle dir vor, manche sind über zwei Jahre hin und her gelaufen, ohne zu wissen, wohin. Viele sind in den Wäldern tot zurückgeblieben. Die anderen fielen nachts in die Sümpfe. Von Hunger, Krankheiten, Kälte, Hitze, Ängste, Müdigkeit. Sie sind Lebende Tote.

Bei der Ankunft dürfen sie sich nicht mit den anderen Menschen vermischen, die auf dem Land leben. Sie müssen zuerst an einen besonderen Ort, in bestimmte Räume.

Da werden sie mit DDT desinfiziert. Haare werden wegrasiert, Nägeln geschnitten, eine lange Dusche wird genommen. Ihre Klamotten werden gesammelt und an einem geeigneten abgelegenen Ort verbrannt. Das sind die Vorsichtsmaßnahmen, die von der Regierung getroffen worden sind. Diese Menschen so zu sehen und unter denen, die man schon vor dieser Tragödie kannte, ist für mich ein zusätzliches Trauma!

Es gibt jetzt landesweit eingerichtet Dorfgerichte, die sogenannten „Gacaca“. Da trifft sich die Dorfgemeinschaft. Die Täter müssen ihre Taten öffentlich zugeben und die Überlebenden um Vergebung bitten. Wer neu im Dorf ankommt, muss sich beim Dorfvorsteher melden. Wir mussten uns auch melden. Den folgenden handgeschrieben Bescheid haben wir erhalten:

Bescheid

Die Verantwortlichen der Gikomero Zelle bestätigen, dass die Frau Jada Grisky vor April 1994 in der Gikomero Zelle, Sektor Remera, wohnte. Sie und ihre zwei Kinder Lucien Shimwa und Joy Gihozo sind noch am Leben.

Nyumbakumi - Zonenaufseher - Aufseher - Remera Sektorrat

Unterschrift - Unterschrift - Unterschrift - Unterschrift

den 10.6.95

Ich habe versucht, den Bescheid genauso wiederzugeben, wie wir ihn bekommen haben. Es ist mit der Hand geschrieben. Es dient auch als unser Ausweis.

Im Gacaca endet nicht alles. Es gibt diejenigen, die vor Gericht erscheinen müssen. Wie kann man an das Ganze glauben, vorgeben, gerecht zu sein, wenn die Gerechtigkeit nicht auf einem Gesetz, auf sicheren und fundierten Beweisen beruht? Manche, die diese Gacaca-Dorfgerichte bilden, waren während der Kriegszeit nicht da. Andere, die in dieser Zeit im Land waren, sind absolut nicht geeignet, so eine schwierige, bedeutungsvolle Aufgabe zu übernehmen. Letztendlich entscheiden sie über jemandes Leben oder Tod, Freiheit oder Gefängnis. Das Geschehen zeigt jeden Tag, dass es vor allem darum geht, den Besitz von anderen zu behalten oder den Arbeitsplatz. Vorzugsweise Häuser, Grundstücke, Geschäfte, Autos, Last Kraft Wagen … Das ist ein Teufelskreis. Die ethnischen Konfliktsituationen gab es schon 1959 und wieder 1973. Die Frage bleibt: „Ist die Versöhnung unter dem ruandischen Volk möglich?“

DDT: Dichlordiphenyltrichlorethan ist ein Insektizid, das seit Anfang der 1940er-Jahre als Kontakt- und Fraßgift eingesetzt wird.

(de.m.wikipedia.org)

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