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Die Zwangsjacke
Jack London
Inhaltsverzeichnis
Die Zwangsjacke
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Impressum
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Mein ganzes Leben bin ich mir anderer Zeiten, anderer Orte bewußt gewesen. Ich bin mir anderer Personen in mir selber bewußt gewesen. – Und glauben Sie mir, das müssen Sie, lieber Leser, auch sein. Denken Sie an Ihre Kindheit zurück, und Sie werden finden, daß das Gefühl dieses Bewußtseins mit zu den Erlebnissen Ihrer Kindheit gehört. Ihre Persönlichkeit war damals noch elastisch, hatte keine feste Form angenommen, sich nicht kristallisiert. Sie waren eine Seele im Werden, ein Bewußtsein und eine Wesenseinheit, im Begriff, sich zu formen und zu vergessen.
Sie haben vieles vergessen, lieber Leser, und doch, wenn Sie diese Zeilen lesen, werden Sie sich vage der verschwommenen Visionen anderer Zeiten und anderer Orte erinnern, die Ihre Kinderaugen erblickt haben. Jetzt erscheinen sie Ihnen wie Träume. Aber – wenn sie damals geträumte Träume waren – woher hätten Sie dann den Stoff dafür nehmen sollen? Unsere Träume sind grotesk zusammengesetzt aus den Dingen, die wir kennen. Selbst unserm einfachsten Traum liegt der Stoff unserer Erfahrung zugrunde. Als kleines Kind träumten Sie, daß Sie von großen Höhen herabfielen, Sie träumten, daß Sie wie flugbegabte Wesen durch die Luft flögen; Sie wurden von kriechenden Spinnen und tausendfüßigen Geschöpfen des Schlammes gequält; Sie hörten andere Stimmen und sahen andere Schrecken, die Ihnen wohlbekannt erschienen, wie böse Träume es sein können; Sie sahen Sonnenauf- und -untergänge, anders als die, welche je gesehen zu haben Sie sich erinnern.
Schön. Diese kindlichen Visionen stammen aus andern Welten, von andern Existenzen, von Dingen, die Sie damals nicht kannten. Aber woher kamen sie? Was heißt »andere Welten«? Andere Existenzen? Ja, vielleicht werden Sie – wenn Sie gelesen haben, was ich schreibe – eine Antwort auf die Probleme wissen, die ich Ihnen gestellt habe und die Sie sich selbst stellten, ehe Sie mein Buch lasen.
Als wir neugeboren waren, erinnerten wir uns noch anderer Zeiten und anderer Orte. Wir hilflosen Kinder, die auf dem Arm getragen wurden oder auf allen vieren wie Tiere über den Fußboden krochen, wir träumten unsere Träume von einem Flug durch die Luft. Ja, wir mußten die Qualen und Schrecken traumhafter, finsterer, grauenhafter Dinge erdulden. Uns Neugeborenen, Unerfahrenen, war die Furcht angeboren, wir kamen zur Welt mit der Erinnerung an Furcht und vergessen sie nicht: Erinnerung ist Erfahrung.
Was mich selbst betrifft, so wußte ich schon, ehe ich sprechen konnte, in dem zarten Alter, als ich vor Hunger und Schlaf wimmerte, daß ich ein Sternenwanderer gewesen war.
Im Alter von drei, vier und fünf Jahren war ich noch nicht ich. Ich war nur ein Anfang, ein Strom von Leben, der noch nicht in der Gußform meines Fleisches, der Zeit und des Ortes erstarrt war. In dieser Periode kämpfte ja in mir noch alles, was ich in den Zehntausenden von Daseinsformen zuvor gewesen war, um sich in meinem Wesen zu verkörpern und Ich zu werden.
Verrückt, nicht wahr? Aber vergessen Sie nicht, lieber Leser, mit dem ich lange durch Zeit und Raum zu reisen hoffe – vergessen Sie nicht, daß ich außerordentlich viel über alles dies nachgedacht habe, daß ich in blutigen Nächten, jahrelanger Finsternis und Einsamkeit Angesicht zu Angesicht mit der Erinnerung an meine vielen Existenzen stand. Ich bin durch die Hölle aller Existenzen gewandert, um alles das erzählen zu können, was Sie jetzt mit mir teilen sollen, wenn Sie in einer müßigen Stunde lesen, was ich schrieb.
Ich wiederhole also, im Alter von drei, vier und fünf Jahren war ich noch nicht ich. Ich war damals, als ich in diesen Körper geformt wurde, erst im Werden begriffen, und die ganze mächtige, unausrottbare Vergangenheit wand sich in der gärenden Mischung meines Wesens, um zu entscheiden, was das Ergebnis dieses Werdens sein sollte. Es war nicht meine Stimme, die des Nachts vor Schrecken vor unbekannten Dingen schrie, die ich wahrlich weder kannte noch kennen konnte. Und ebenso war es mit meinem kindlichen Zorn, meiner Liebe, meinen Freuden. Es waren andere Stimmen, die schrien, wenn ich schrie – Stimmen, die Männern und Frauen früherer Zeiten, dem ganzen Schattenheer meiner Vorfahren, angehörten. Und in meinem Wutgeheul tönte das wilde Tier, das älter ist als die Welt, die wir kennen – und wenn ich in der blinden, hysterischen Sinnlosigkeit meines Kinderzorns Blut sah, war meine Stimme abgestimmt auf das seelenlose, stupide Tiergebrüll vor Beginn der Zeiten.
Und darin eben liegt das Geheimnis: Blut sehen! Das ist es, was mein Leben, mein jetziges Leben vernichtet hat. Das ist der Grund, daß ich in wenigen Wochen aus dieser Zelle auf eine hohe Plattform mit schwankendem Boden geführt werde, die oben mit einem gutgestreckten Strick geschmückt ist – und dort werden sie mich an meinem Halse aufhängen, bis ich tot bin. Das »Blutsehen« hat all meine Existenzen vernichtet, denn diese Eigenschaft ist mein verhängnisvolles Erbe gewesen, seit der Zeit des Schlammes und des Gewürms, als die Welt noch jung war.
Es wird Zeit, daß ich mich vorstelle. Ich bin weder ein Narr noch ein Verrückter. Dies sollen Sie wissen, damit Sie glauben, was ich Ihnen erzähle. Ich heiße Darrell Standing. Einige wenige werden damit wissen, wer ich bin. Den meisten aber, die natürlich nichts von mir wissen, muß ich mich näher erklären. Vor acht Jahren war ich Professor der Landwirtschaft an der Universität von Kalifornien. Vor acht Jahren wurde die kleine Universitätsstadt Berkeley durch die Ermordung Professor Haskells in einem Laboratorium der Bergbauschule aufgeschreckt. Darrell Standing war der Mörder.
Ich bin Darrell Standing. Ich wurde auf frischer Tat ergriffen. Ich will jetzt nicht über Recht oder Unrecht in der Sache Professor Haskell streiten. Es war eine vollkommene Privatangelegenheit. Das, worauf es ankommt, ist, daß ich in einem Wutanfall Blut sah und, in einem verhängnisvollen Besessensein, das mein Fluch in allen Zeitaltern gewesen ist, meinen Kollegen tötete. Die Gerichtsprotokolle beweisen, daß ich es tat, und ausnahmsweise bin ich hierin mit der Justiz einig.
Nein, wegen dieses Mordes soll ich nicht gehängt werden. Meine Strafe lautete auf lebenslängliches Zuchthaus – damals war ich sechsunddreißig Jahre alt – jetzt bin ich vierundvierzig. Diese acht Jahre habe ich im Zuchthaus von Kalifornien, in San Quentin, verbracht, und von diesen acht Jahren fünf im Dunkeln. Einzelhaft nennen sie es. Die Männer, die es durchmachen, nennen es: lebendig begraben sein. Aber in diesen fünf Jahren Lebendigbegrabenseins ist es mir geglückt, eine Freiheit zu erringen, die nur wenige Menschen gekannt haben. Obwohl ich am strengsten von allen Gefangenen eingesperrt war, habe ich nicht nur die Welt, sondern auch die Zeit durchschweift. Die, welche mich vor diesen wenigen Jahren einmauerten, schenkten mir, ohne es zu wissen, Jahrhunderte. Ja, wahrlich, dank Ed Morrell bin ich fünf Jahre lang Sternenwanderer gewesen. Aber Ed Morrell – das ist eine andere Geschichte, auf die ich bald zurückkommen werde. Ich habe so viel zu erzählen, daß ich kaum weiß, wo anfangen.
Nun, ich fange an. Ich bin auf einem Bauernhof in Minnesota geboren. Meine Mutter war die Tochter eines eingewanderten Schweden. Sie hieß Hilda Tonnesson. Mein Vater hieß Chauncey Standing und war aus einer alten amerikanischen Familie. Er stammte von Alfred Standing ab, einem Kontraktarbeiter oder Sklaven, wie Sie wollen, der von England nach den Plantagen in Virginia transportiert war, in den Tagen, die schon Vergangenheit waren, als der junge Washington die Wildnis Pennsylvaniens vermaß.
Ein Sohn Alfred Standings kämpfte im Unabhängigkeitskrieg, ein Enkel im Kriege 1812. Seither hat es keinen Krieg gegeben, ohne daß die Familie Standing mit dabei war. Ich, der letzte Standing, der bald ohne Nachkommen sterben wird, habe als Gemeiner den Krieg auf den Philippinen, unsern letzten Krieg, mitgemacht, und um das zu können, verzichtete ich mitten in meiner Laufbahn auf meinen Lehrstuhl an der Universität Nebraska. Du lieber Gott, als ich meinen Abschied nahm, war ich zum Rektor am landwirtschaftlichen Kolleg ebendort ausersehen – ich, der Sternenwanderer, der Abenteurer, welcher Blut sah, der ruhelose Kain der Jahrhunderte, der kriegerische Priester der fernsten Zeiten, ein mondsüchtiger Dichter vergangener und in der Geschichte der Menschheit nicht verzeichneter Zeiten.
Und hier bin ich nun, mit blutgetränkten Händen, in der Zelle am Gang der zum Tode Verurteilten, im Zuchthaus von Folsom, und warte auf den Tag, den die Staatsmaschinerie bestimmt hat, damit die Diener des Staates mich in das führen sollen, was sie für das ewige Dunkel halten – das Dunkel, vor dem sie sich fürchten; das Dunkel, das sie mit furchtsamen und abergläubischen Vorstellungen erfüllt; das Dunkel, das sie zwingt, sabbernd und jammernd vor den furchtgeborenen Göttern zu knien, die sie in ihrem eigenen Bilde erschaffen haben.
Nein, ich soll nie Rektor einer landwirtschaftlichen Hochschule werden. Und doch war ich eine Autorität in landwirtschaftlichen Fragen. Es war mein Beruf. Ich war dazu geboren, darin aufgewachsen, ein Meister darin. Mein Genius führte mich. Mit dem Auge allein kann ich die Kuh herausfinden, die den größten Prozentsatz Butter ergibt, und hinterher durch die Babcock-Methode beweisen, daß mein Auge recht hatte. Wenn ich nur eine Landschaft ansehe, kann ich mich über die Vorzüge und Mängel des Bodens aussprechen. Lackmuspapier ist nicht nötig, wenn ich entscheiden soll, ob der Boden sauer oder kalkhaltig ist. Ich wiederhole: Landwirtschaft in wissenschaftlichem Sinne war und ist meine Spezialität. Und doch meint der Staat oder, was dasselbe ist, meinen alle Bürger des Staates, daß man mein Wissen mittels eines Strickes um meinen Hals und eines plötzlichen Falles verlöschen kann, dies mein Wissen, das in Jahrtausenden gewachsen ist, das es schon gab, ehe das Gras auf den Äckern bei Troja je von den Herden der Nomaden abgeweidet wurde.
Getreide? Wer sollte sonst etwas von Getreide verstehen? Da sind zum Beispiel meine Versuche in Wistar, durch die ich die jährliche Ernte in jedem Kreis von Iowa um eine halbe Million Dollar erhöhte. Das ist eine historische Tatsache. Mancher Farmer, der heute in seinem eigenen Automobil fährt, weiß gut, wem er das zu verdanken hat. Manch reizendes junges Mädchen und manch tüchtiger junger Kerl, der über den Universitätslehrbüchern büffelt, läßt sich nicht träumen, daß ich ihm erst durch meine Getreideforschungen in Wistar die Universitätsbildung ermöglicht habe.
Und landwirtschaftliche Verwaltung? Ich kenne die Verschwendung überflüssiger Arbeitskraft, ohne erst eine Filmaufnahme studieren zu müssen, ob sie nun den Bodenbau betrifft oder die Anlage von Gebäuden oder die Berechnung der Arbeit von Tagelöhnern. Meine Handbücher und Tabellen hierüber liegen vor. Es herrscht nicht der Schatten eines Zweifels, daß Hunderttausende von Landwirten in eben diesem Augenblick meine Bücher und Tabellen lesen, ehe sie ihre Abendpfeife ausklopfen und zu Bett gehen. Und doch war ich meinen Tabellen so weit voraus, daß ich einen Mann nur anzusehen brauchte, um gleich seine Voraussetzungen und seine Arbeitsfähigkeit zu kennen und berechnen zu können, wieviel Arbeitszeit damit gewonnen werden konnte, wenn er meine Arbeitsmethode lernte.
Und hier muß ich mein erstes Kapitel schließen. Es ist neun Uhr, und das bedeutet, daß das Licht im Gang der zum Tode Verurteilten ausgelöscht wird. Eben jetzt höre ich die leisen Gummischritte des Wärters. Er kommt, um mich zu rügen, daß meine Petroleumlampe immer noch brennt. Als ob die, welche nur leben, die rügen können, welche verurteilt sind, zu sterben!
Ich bin Darrell Standing. Bald kommen sie, um mich an meinem Halse aufzuhängen. Unterdessen aber schreibe ich das, was mir am Herzen liegt, schreibe diese Blätter über andere Zeiten und andere Orte.
Nach meiner Verurteilung wurde ich in das Zuchthaus von San Quentin gebracht, um hier den »Rest meines natürlichen Lebens« zu verbringen. Es zeigte sich, daß ich »unverbesserlich« war. Und unverbesserlich sein ist etwas Furchtbares, jedenfalls nach Auffassung der Gefängnisbehörden. Ich meinerseits kam in die Kategorie »unverbesserlich« wegen meines – Abscheus vor unnützer Arbeit. In bezug auf vergeudete Arbeit war das Gefängnis hier wie alle Gefängnisse ein Skandal und eine Schande. Sie setzten mich in die Jutefabrik, wo das verbrecherische Vergeuden von Zeit und Kraft mich naturgemäß irritieren mußte. Gerade die Ausrottung unnützer Arbeit war ja meine Spezialität. Schon vor drei Jahrtausenden, ehe Dampfmaschine und mechanische Webstühle erfunden waren, hatte ich die Gefängnisse im alten Babylon kennengelernt, und glauben Sie mir, damals webten wir Gefangenen auf unseren Handwebstühlen besser als die Gefangenen in den Dampfwebereien von San Quentin.
Die verbrecherische Verschwendung war entsetzlich. Ich mußte mich dagegen auflehnen. Ich versuchte, die Wärter Dutzende von besseren Methoden zu lehren. Sie zeigten mich deswegen an. Ich wurde in eine Dunkelzelle mit Kostentziehung gesperrt. Ich kam wieder heraus und versuchte, unter den unmöglichen Verhältnissen in den Webstuben zu arbeiten. Ich empörte mich. Ich wurde wieder in die Zelle geworfen und bekam die Zwangsjacke. Ich wurde auf eine Pritsche geschnallt und erhielt die Peitsche. Man legte mir Daumschrauben an. Ich wurde »unter der Hand« von den dummen Gefängniswärtern geprügelt, die gerade klug genug waren, um zu verstehen, daß ich anders als sie und nicht so dumm war.
Zwei Jahre lang ertrug ich diese geistlose Verfolgung. Es ist furchtbar für einen Mann, an Händen und Füßen gebunden zu sein und von Ratten angenagt zu werden. Die dummen Tiere von Wärtern waren Ratten, und sie nagten den Verstand aus mir heraus; sie zernagten alle feinen Nerven der Empfindsamkeit und des Selbstgefühls. Und ich, der ich in meinen früheren Existenzen kriegerisch genug gewesen bin, hatte in meinem jetzigen Leben nicht die Spur von Kampflust mehr. Ich war Landwirt, Agronom, ein Bücherwurm, ein Laboratoriumsarbeiter, mit Interesse allein für den Erdboden und seine Produktivität.
Ich machte den Krieg auf den Philippinen mit, weil es nun einmal Tradition in der Familie Standing war, zu kämpfen. Ich hatte keine Anlage dazu. Es war wirklich zu lächerlich, kleine schwarze Menschen zu vernichten, indem man mit Gewalt fremde, zerreißende Substanzen in ihre armseligen Körper einführte. Es war lächerlich zu sehen, wie die Wissenschaft alle ihre Mittel entfaltete und sich selbst und die Geschicklichkeit der Erfinder prostituierte, nur in der Absicht, sie zur Vernichtung von Schwarzen zu verwenden.
Ich machte also den Krieg mit Rücksicht auf die Tradition der Familie Standing mit und fand bald heraus, daß ich keine Anlage dazu hatte. Das fanden meine Offiziere auch, und deshalb verwandten sie mich als Schreiber in einer Intendantur, und auf diese Weise kämpfte ich mich an einem Schreibtisch durch den spanisch-amerikanischen Krieg hindurch. Deshalb war es nicht meine Kampflust, sondern meine Eigenschaft als Denker, die mich gegen das Vergeuden von Arbeitskraft in den Webstuben wüten ließ, so daß die Wärter mich verfolgten, bis ich ein »Unverbesserlicher« wurde. Ein Menschenhirn muß arbeiten, und ich wurde bestraft, weil mein Hirn arbeitete. Es war so, wie ich zu Direktor Atherton sagte, als meine Unverbesserlichkeit so notorisch geworden war, daß er mich in sein Privatbüro rief, um mit mir zu »reden«:
»Es ist absurd, lieber Herr Direktor, zu glauben, daß Ihre Rattenfänger von Wärtern alles das, was so klar und scharf in meinem Gehirn steht, herausschütteln könnten. Die ganze Organisation des Gefängnisses ist blödsinnig. Sie sind Politiker, Sie können ein prachtvolles politisches Netz weben und mit einem Haufen von Wirtshausagitatoren in San Franzisko manövrieren, so daß Sie dabei eine feste Stellung wie die, welche Sie hier haben, herausbekommen, aber Jute weben können Sie nicht. Ihre Webstühle sind fünfzig Jahre hinter der Zeit zurück ...«
Aber warum diese Tirade fortsetzen; denn etwas anderes als eine Tirade war es nicht. Ich zeigte ihm, welch ein Dummkopf er war, und die Folge war, daß er meine hoffnungslose Unverbesserlichkeit feststellte.
Schön. Wer für einen Frühaufsteher gilt, kann bis mittags im Bette liegen – Sie kennen das Sprichwort. Direktor Atherton stellte nämlich fest, daß ich einen schlechten Ruf bekommen hatte. Jeder konnte mit mir machen, was er wollte. Mehr als einmal geschah es, daß die Vergehen eines anderen Gefangenen mir zur Last gelegt wurden. Ich mußte sie dann verbüßen, entweder in einer Zelle bei Wasser und Brot, oder ich wurde an den Daumen hochgezogen, bis ich gerade noch mit den Zehenspitzen den Fußboden berührte – und dann stand ich lange Stunden so. Jede dieser Stunden war länger als irgendein Leben, das ich je gelebt habe.
Intelligente Menschen sind grausam. Stumpfsinnige Menschen sind unsagbar grausam. Die Wärter und die Menschen, die über mir standen, vom Direktor abwärts, waren stumpfsinnige Ungeheuer. Ja, ja, hören Sie nur, wie sie mich behandelten. Im Gefängnis war ein Dichter, ein Strafgefangener, ein degenerierter Typ mit fliehendem Kinn und niedriger Stirn. Er war ein Fälscher. Er war ein Feigling. Er war ein Spitzel. Er war eine Locktaube – merkwürdige Worte im Munde eines Professors der Landwirtschaft, aber selbst ein Professor der Landwirtschaft kann merkwürdige Worte lernen, wenn er auf Lebenszeit in einem Zuchthaus eingesperrt ist.
Dieser Dichter-Fälscher hieß Cecil Winwood. Er war vorbestraft, aber, weil er ein schleimiger Köter war, lautete sein letztes Urteil nur auf sieben Jahre. Ein gutes Führungszeugnis konnte diese Strafzeit verkürzen. Meine Strafe war lebenslängliches Zuchthaus, und doch glückte es diesem elenden Schwächling, meine Strafzeit noch um ein ansehnliches Teil der Ewigkeit zu verlängern, um selbst einige kurze Jahre Freiheit zu gewinnen.
Wie das zuging, werde ich in der richtigen Reihenfolge der Ereignisse erzählen, denn erst nach einer schlimmen Periode erfuhr ich es selber. Um sich bei dem Inspektor, dem Direktor, der ganzen Gefängnisleitung und selbst dem Gouverneur von Kalifornien einzuschmeicheln, erfand dieser Cecil Winwood einen Fluchtversuch großen Stils aus dem Gefängnis. Ich bitte Sie nun, dreierlei zu beachten: Erstens wurde Winwood von seinen Mitgefangenen so verabscheut, daß sie ihm nicht erlaubt hätten, auch nur ein Gramm Bull Durham-Tabak bei einem Wanzenrennen zu halten – und Wanzenrennen war ein beliebter Sport unter den Gefangenen; zweitens war ich äußerst schlecht bei den Machthabern angeschrieben, und drittens brauchte Cecil Winwood für seinen Plan gerade die Schlechtangeschriebenen, die Lebenslänglichen, Desperaten, Unverbesserlichen.
Aber die Lebenslänglichen verabscheuten Winwood, und als er ihnen seinen Plan zu einer Engrosflucht aus dem Gefängnis vorlegte, lachten sie ihn aus und wandten sich von ihm ab als dem Spitzel, der er war. Aber er führte sie schließlich an – vierzig von den Ausgekochtesten im Zuchthaus. Immer wieder kam er zu ihnen. Er erzählte ihnen von der Macht, die er im Gefängnis hatte, sowohl weil er Schreiber im Direktionsbüro war, als auch weil er Zugang zur Apotheke hatte.
»Zeig, was du kannst«, sagte der lange Bill Hodge, ein Gebirgsler, Lebenslänglicher wegen eines Eisenbahnraubes, dessen ganze Seele seit Jahren danach dürstete, zu entkommen und den Kameraden zu erschlagen, der als Kronzeuge gegen ihn aufgetreten war.
Cecil Winwood nahm die Herausforderung an. Er erklärte, dafür sorgen zu wollen, daß die Wärter in der Fluchtnacht ein Schlafmittel bekämen.
»Reden ist leicht«, sagte Bill Hodge. »Gib du einem Wärter heute nacht ein Schlafpulver. Da ist zum Beispiel Barnum, der Lump. Er hat vorgestern den blöden Chink im Hofe verprügelt – und dabei hatte er nicht einmal Wache. Er hat heute nacht Wache. Laß ihn pennen, daß er seinen Posten verliert. Zeig uns, was du kannst – dann werden wir weiter drüber reden.«
Alles dies erzählte mir der lange Bill später in den Zellen Cecil Winwood erhob Einspruch gegen die kurze Frist – er müsse Zeit haben, um sich das Schlafmittel aus der Apotheke zu besorgen, sagte er. So gaben sie ihm denn Zeit, und eine Woche darauf meldete er, daß alles bereit sei. Vierzig verhärtete Lebenslängliche warteten darauf, daß Gefängniswärter Barnum auf seiner Wache einschlafen sollte. Und das tat er. Er wurde schlafend angetroffen und entlassen, weil er auf Posten geschlafen hatte.
Selbstverständlich überzeugte das die Gefangenen. Aber es galt auch, den Inspektor zu überzeugen. Ihm berichtete Cecil Winwood täglich, welche Fortschritte der Fluchtversuch machte – alles Erfindungen seiner Phantasie. Der Inspektor verlangte Beweise. Und die gab Winwood ihm, aber die Einzelheiten erfuhr ich erst ein Jahr darauf – so lange brauchen die Geheimnisse von Gefängnisintrigen, um durchzusickern.
Winwood erzählte, daß die vierzig Ausbrecher, deren Vertrauen er besaß, schon so große Macht im Gefängnis hatten, daß sie im Begriff standen, mit Hilfe bestochener Wärter Pistolen einzuschmuggeln. »Zeig es mir«, hat der Inspektor wohl gesagt.
Und der Fälscher-Dichter zeigte es ihm. In der Bäckerei gab es selbstverständlich Nachtarbeit. Einer der Gefangenen, ein Bäcker, gehörte zur ersten Nachtschicht. Er war einer von den Spitzeln des Inspektors, und das wußte Winwood.
»Heute nacht schmuggelt Summerface ein Dutzend Pistolen ein. Wenn er das nächstemal Ausgang hat, bringt er Munition. Aber heute abend wird er mir die Waffen in der Bäckerei abliefern. Dort haben Sie ja einen guten Spitzel. Er wird Ihnen morgen Bericht erstatten.«
Nun war Summerface ein vierschrötiger, bäurischer Wärter aus Humboldt County, einfältig und brav und nicht darüber erhaben, sich auf ehrliche Art einen Dollar zu verdienen und Tabak für die Gefangenen einzuschmuggeln. An diesem Abend brachte er fünfzehn Pfund Zigarettentabak von San Franzisko mit. Das hatte er früher schon getan, und er pflegte es Winwood abzuliefern. Ohne etwas Böses zu ahnen, gab er auch an diesem Abend Winwood den Tabak, ein großes, festes Papierpaket, in der Bäckerei. Der Bäckerspitzel sah, wie das Paket Winwood übergeben wurde und meldete es am Morgen dem Inspektor.
Aber unterdessen war die Phantasie des Dichters mit ihm durchgegangen. Er beging einen Fehler, der mich fünf Jahre Einzelhaft kostete und in die Zelle der zum Tode Verurteilten brachte, wo ich dieses jetzt schreibe. Und die ganze Zeit ahnte ich nichts von alledem. Ich wußte nicht einmal etwas von dem großen Fluchtversuch, in den er die vierzig Lebenslänglichen verwickelt hatte. Ich wußte nichts, nicht das Geringste. Und die übrigen wußten nur wenig. Die Lebenslänglichen ahnten nicht, daß er sie an der Nase geführt hatte. Der Inspektor wußte auch nicht, daß er selbst hinters Licht geführt worden war. Summerface war der Unschuldigste von allen. Er konnte höchstens Gewissensbisse haben, weil er den unschuldigen Tabak eingeschmuggelt hatte.
Und nun zurück zu dem dummen, blöden, melodramatischen Irrtum Winwoods. Als er sich am nächsten Morgen bei dem Inspektor meldete, strahlte er vor Triumph. Seine Phantasie ging völlig mit ihm durch.
»Nun, das Zeug kam ja richtig, wie du gesagt hast«, meinte der Inspektor.
»Ja – und sogar genug, um das halbe Gefängnis in die Luft zu sprengen«, warf Winwood ein.
»Genug wovon?« fragte der Inspektor.
»Dynamit und Sprengpatronen«, schwätzte der Esel weiter. »Fünfunddreißig Pfund im ganzen. Ihr Spitzel sah, wie Summerface es mir gab.«
Der Inspektor hätte fast einen Herzschlag bekommen, was ich ihm nicht verdenken kann: fünfunddreißig Pfund Dynamit im Gefängnis! Man erzählt, daß Jamie, dies war der Spitzname des Inspektors, sich hinsetzte und den Kopf zwischen beide Hände nahm.
»Wo ist es denn jetzt?« schrie er. »Ich will es haben, zeig es mir gleich.«
»Ich habe es versteckt«, log Winwood. Er mußte ja lügen, da die kleinen Päckchen Tabak längst auf den üblichen Wegen unter den Gefangenen verteilt waren.
»Nun, dann zeig mir die Stelle«, sagte Jamie und nahm sich zusammen. »Aber gleich!«
Aber es gab ja kein Paket mit Sprengstoff, das er ihm hätte zeigen können, da es nie anderswo existiert hatte als in der Phantasie des elenden Winwood.
In einem großen Gefängnis wie San Quentin gibt es immer Verstecke genug. Und während Winwood mit Jamie loszog, muß er wohl in aller Eile nachgedacht haben. Wie der Inspektor vor der Direktion bezeugte, und wie Winwood auch selbst erklärte, erzählte er auf dem Wege zum Versteck, daß er und ich das Dynamit zusammen versteckt hätten. Und dabei war ich eben erst fünf Tage in der Dunkelzelle und achtzig Stunden in der Zwangsjacke gewesen – was selbst der dümmste Wärter sehen konnte – und war zu schwach, um in der Webstube zu arbeiten, hatte ich doch erst an diesem Tage die entsetzliche Strafe überstanden und sollte mich erholen – und nun sollte ich es gewesen sein, der geholfen hatte, die gar nicht existierenden fünfunddreißig Pfund Sprengstoff zu verstecken.
Winwood führte Jamie zu dem angegebenen Versteck. Selbstverständlich war kein Dynamit da.
»Großer Gott!« log Winwood. »Standing hat mich angeführt. Er hat es wieder herausgenommen und anderswo versteckt.«
Der Inspektor begnügte sich sicher nicht damit zu sagen: »Großer Gott!« Ganz kaltblütig nahm er Winwood mit in sein Privatbüro, verschloß die Tür und verprügelte ihn auf das schrecklichste – alles das kam in der Direktionssitzung heraus. Aber das war erst später. In der Zwischenzeit – selbst als er geprügelt wurde – schwor Winwood darauf, daß das, was er erzählt hatte, wahr sei.
Was sollte Inspektor Jamie jetzt tun? Er war überzeugt, daß fünfunddreißig Pfund Dynamit im Gefängnis und daß vierzig desperate Lebenslängliche zu Meuterei und Flucht bereit wären. Ja, er verhörte Summerface, und obwohl dieser dabei blieb, daß das Paket nur Tabak enthalten hätte, schwor Winwood immer nur auf das Dynamit, und man glaubte ihm.
In diesem Stadium der Sache gerate ich hinein, oder vielmehr, ich nehme von ihr Abschied, denn sie schafften mich von Sonnenschein und Tageslicht in die Dunkelzelle, wo ich fünf Jahre faulte.
Ich verstand nichts von allem. Ich war gerade aus der Dunkelzelle gekommen und lag, steif vor Schmerz, in meiner gewöhnlichen Zelle, als sie mich wieder in die Finsternis brachten.
»Wenn wir auch nicht wissen, wo das Dynamit liegt, so sind wir doch jetzt in Sicherheit«, sagte Winwood zu Inspektor Jamie, »denn Standing ist der einzige, der es weiß, und er kann es nicht erzählen, wenn er unten im Loch liegt. Die Leute sind bereit zu ihrem Fluchtversuch. Wir können sie auf frischer Tat erwischen. Ich bin es, der den Augenblick bestimmt. Und ich will ihnen jetzt erzählen, daß es heute nacht um zwei Uhr losgeht, und daß ich, wenn die Wärter betäubt sind, die Zellen öffnen und ihnen die Pistolen geben werde. Wenn Sie, Herr Inspektor, dann nicht alle vierzig, die ich nenne, angekleidet und wach finden, dann dürfen Sie mich für den Rest meiner Strafzeit in die Einzelzelle sperren. Und wenn Standing und die vierzig andern erst in Nummer Sicher sind, dann haben wir Zeit genug, das Dynamit zu suchen.«
»Ja, und wenn wir das Gefängnis Stein für Stein abreißen sollen«, fügte Jamie tapfer hinzu.
Das ist jetzt sechs Jahre her. In der ganzen seitdem verstrichenen Zeit hat man den nicht existierenden Sprengstoff nicht gefunden. Tausendmal haben sie das Gefängnis durchsucht. Nichtsdestoweniger glaubte Direktor Atherton bis zu seinem letzten Atemzuge an das Dynamit. Inspektor Jamie, der noch Inspektor ist, glaubt immer noch, daß das Dynamit sich irgendwo im Gefängnis befindet. Erst vor wenigen Tagen machte er die ganze weite Reise von San Quentin nach Folsom, um noch einmal den Versuch zu machen, mich zur Angabe des Verstecks zu bewegen. Ich weiß, daß er aufatmen wird, wenn sie mich gehängt haben.
Den ganzen Tag lag ich in der Zelle und zerfolterte mir den Kopf, um zu begreifen, welchen Grund diese neue, unerklärliche Strafe haben konnte. Ich war mir lediglich darüber klar, daß irgendein Spitzel mich eines Bruchs der Gefängnisregeln beschuldigt haben mußte, um sich bei den Wärtern lieb Kind zu machen.
Unterdessen grübelte Inspektor Jamie und machte alles für die Nacht fertig, während Winwood den vierzig Lebenslänglichen das verabredete Zeichen gab, daß sie sich bereit halten sollten, auszubrechen. Zwei Stunden nach Mitternacht war jeder Wärter bereit, auch die Tageswache eingerechnet, die jetzt hätte schlafen sollen. Um zwei Uhr brachen sie gleichzeitig in die vierzig Zellen ein.
Ausnahmslos wurde jeder Mann, den Winwood genannt hatte, voll angekleidet, gleich hinter der Tür kauernd, angetroffen. Selbstverständlich wurde das als Beweis dafür genommen, daß das Lügengewebe des Dichter-Fälschers eitel Wahrheit war. Die vierzig waren auf frischer Tat ergriffen – bei einem Ausbruchsversuch. Was half es, daß alle wie einer erklärten, Winwood hätte alles geplant? Die Direktion glaubte, daß die vierzig logen, um sich selbst zu retten. Die Begnadigungskommission glaubte offenbar dasselbe, denn ehe drei Monate vergangen waren, war Cecil Winwood, der Fälscher und Dichter, der verächtlichste von allen Menschen, begnadigt.
Das Gefängnis ist eine gute Schule in der Philosophie. Kein Gefangener kann jahrelang dort leben, ohne daß seine teuersten Illusionen und seine hellsten metaphysischen Glaubenssätze wie Seifenblasen platzen. Ehrlich währt am längsten, lehrt man uns; jeder Mord kommt früher oder später an den Tag. Ja, schönen Dank, hier ein Beispiel, daß ein Mord nicht an den Tag kommt. Der Inspektor, der frühere Direktor Atherton, die Verwaltung – alle glauben selbst jetzt noch an die Existenz dieses Dynamits, und doch fand es sich nur in dem durchgegangenen und verschrobenen Hirn Cecil Winwoods, dieses degenerierten Fälschers. Und er selbst lebt immer noch, während ich, von allen in die Sache verwickelten Personen der Allerunschuldigste, in wenigen kurzen Wochen aufs Schafott geschleppt werden soll.
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Und jetzt muß ich erzählen, wie die vierzig Lebenslänglichen in die Stille meiner Zelle einbrachen. Ich schlief, als die Tür zum Korridor aufgerissen und ich dadurch geweckt wurde. »Irgendein armer Teufel«, dachte ich, und mein nächster Gedanke war, daß er sicher mehr bekam, als ihm gut tat, als ich auf die schleppenden Schritte, das dumpfe Klatschen von Schlägen auf den bloßen Körper und plötzliche Schmerzensschreie, schmutzige Flüche und das Geräusch von fortgeschleppten Körpern hörte. Jeder Mann wurde nämlich den ganzen Weg getragen oder geschleppt.
Eine Zellentür nach der andern wurde aufgerissen und ein Körper nach dem andern hineingeschoben, -geworfen oder -geschleppt. Beständig kamen neue Gruppen von Wärtern mit ausgepeitschten Gefangenen, die immer noch geprügelt wurden, und immer mehr Zellentüren öffneten sich, um die blutigen Körper von Männern aufzunehmen, die sich der Sehnsucht nach ihrer Freiheit schuldig gemacht hatten.
Ja, wenn ich daran zurückdenke – ein Mann muß ein gut Teil von einem Philosophen sein, um jahrelang Gegenstand einer so tierischen Behandlung sein zu können und es zu überleben. Ich bin ein solcher Philosoph. Ich habe ihre Peinigungen acht Jahre lang ertragen, und jetzt zuletzt, da es ihnen nicht geglückt ist, mich auf andere Art loszuwerden, lassen sie die Staatsmaschinerie einen Strick um meinen Hals legen und mir die Kehle durch das Gewicht meines eigenen Körpers zuschnüren. Oh, ich kenne schon das sachkundige Urteil, das die Sachverständigen abgegeben haben, wie der Fall durch die Falltür dem Opfer den Hals bricht. Und diese Opfer kommen ja, wie der Reisende bei Shakespeare, nie wieder, um das Gegenteil zu beweisen. Wir aber, die im Gefängnis gelebt haben, wir kennen Fälle, die verschwiegen werden – Fälle, in denen der Hals des Opfers nicht gebrochen wurde.
Es ist eine komische Sache, einen Menschen zu hängen. Ich habe nie einer Hinrichtung beigewohnt, aber ich habe von Augenzeugen Einzelheiten über ein Dutzend erfahren, so daß ich weiß, was mit mir geschehen wird. Wenn ich, an Armen und Beinen gebunden, den Knoten im Nacken und die schwarze Kapuze über dem Gesicht, auf der Falltür stehe, werden sie mich stürzen lassen, bis der Fall plötzlich durch das Straffen des Stricks unterbrochen wird. Dann scharen sich die Ärzte um mich, und einer nach dem andern wird der Reihe nach auf einen Stuhl steigen und, die Arme um mich geschlungen, damit ich nicht wie ein Pendel hin- und herschwinge, das Ohr dicht an meine Brust pressen und meine verlöschenden Herzschläge zählen; zuweilen vergehen, nachdem die Falltür sich geöffnet hat, zwanzig Minuten, ehe das Herz zu schlagen aufhört. Ja, glauben Sie mir, auf die wissenschaftlichste Methode vergewissert man sich, daß ein Mann wirklich tot ist, wenn man ihn erst am Ende eines Stricks angebracht hat.
Ich schweife immer wieder von meiner Erzählung ab, um der menschlichen Gesellschaft diese oder jene Frage zu stellen. Ich muß doch das Recht haben zu fragen, denn binnen kurzem holen sie mich heraus und tun dies mit mir. Wenn wirklich der Halswirbel des Opfers durch dieses geschickte Arrangement mit Knoten und Schlinge und durch die schlaue Berechnung vom Gewicht des Opfers und der Länge des Falles gebrochen wird, warum binden sie dann die Arme des Opfers? Die Gesellschaft kann diese Frage nicht beantworten. Aber ich weiß, warum es geschieht, und das weiß auch jeder Amateur, der dabei war, wenn ein Mann gelyncht wurde, und gesehen hat, wie das Opfer die Hände hob, den Strick faßte und dadurch die Schlinge um seinen Hals lockerte, so daß er atmen konnte.
Noch eine Frage will ich an das gutsituierte, gut konservierte Mitglied der Gesellschaft stellen, dessen Seele sich nie in die roten Höllen verirrt hat: Warum zieht man dem Opfer die schwarze Kapuze über Kopf und Gesicht, ehe man es durch die Falltür fallen läßt? Seien Sie so gut und erinnern Sie sich, daß man binnen kurzem die schwarze Kapuze über meinen Kopf ziehen wird. Ich habe also ein Recht zu fragen. Ob das, mein verdienstvoller Mitbürger, wohl daher kommt, daß Ihre Henkersknechte sich davor fürchten, das Entsetzen im Gesicht des Opfers vor dem Grauenhaften zu sehen, das sie für Sie und in Ihrem Namen betreiben?
Seien Sie so freundlich und erinnern Sie sich, daß ich diese Frage nicht im zwölften Jahrhundert nach Christus oder zur Zeit Christi oder zwölf Jahrhunderte vor Christus stelle. Ich, der im Jahre 1913 nach Christus gehängt werden soll, stelle diese Frage an Sie, die vermutlich Christen sind, an Sie, deren Henkersknechte mich hinausführen und mein Gesicht mit einer schwarzen Kapuze verhüllen, weil sie das Entsetzliche, das sie mir antun, nicht zu sehen wagen, wenn ich noch am Leben bin.
Und nun zurück zu der Situation in dem Gefängniskeller. Als der letzte Wärter ging und die Korridortür zuschlug, begannen alle die vierzig verprügelten und enttäuschten Männer zu reden und zu fragen. Aber beinah im selben Augenblick gebot Skysegel-Jack, ein riesiger Seemann, mit seiner Donnerstimme Schweigen, damit eine Zählung abgehalten werden könnte. Die Gefängniskeller waren voll, und aus Zelle auf Zelle ertönte nacheinander das Hier! der Gefangenen. Auf die Art wurde man sich darüber klar, daß die Zellen nur von Gefangenen besetzt waren, auf die man sich verlassen konnte, und daß kein Spitzel irgendwo versteckt liegen und lauschen konnte.
Nur über mich herrschte Zweifel, denn ich war der einzige, der das Komplott nicht mitgemacht hatte. Ich mußte ein genaues Examen über mich ergehen lassen. Ich konnte ihnen nur erzählen, wie ich am selben Morgen aus Einzelzelle und Zwangsjacke herausgekommen und ohne weiteres, ohne einen mir bekannten Grund, nach nur wenigen Stunden wieder hinuntergebracht war. Mein Ruf als Unverbesserlicher nützte mir hier, und bald begannen sie zu reden.
Wie ich da lag und lauschte, hörte ich zum erstenmal von dem beabsichtigten Fluchtversuch. »Wer hat uns verpfiffen?« lautete ihre einzige Frage, und die ganze Nacht wurde die Frage erörtert. Cecil Winwood fehlte, und der Verdacht richtete sich allgemein gegen ihn.
»Es ist nur eins zu machen, Jungens«, sagte Skysegel-Jack schließlich. »Es ist bald Morgen, und dann holen sie uns und machen uns die Hölle heiß. Wir sind auf frischer Tat, voll angekleidet, erwischt. Winwood hat uns zum Narren gehalten und uns verpfiffen. Sie werden uns, einen nach dem andern, vernehmen und uns vertrimmen. Wir sind vierzig. Jede Lüge wird bald herauskommen. Jeder von uns muß deshalb, wenn sie ihn verhören, alles sagen, wie es ist, ohne Umschweife – die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr Gott ihm helfe!«
Und in diesem finstern, von der Unmenschlichkeit von Menschen geschaffenen Loch schwuren diese vierzig Lebenslänglichen, die Lippen gegen das eiserne Gitter gepreßt, einander ihren heiligsten Eid, nur die Wahrheit zu sagen.
Nur wenig half ihnen ihre Wahrheitsliebe. Um neun Uhr kamen die Wärter; ausgeschlafen und vollgefressen waren sie, diese Banditen, die von den satten Bürgern bezahlt sind, welche den Staat ausmachen. Wir hatten kein Frühstück bekommen, nicht einmal Wasser. Und geprügelte Männer bekommen leicht Fieber. Gott weiß, ob jemand von Ihnen, liebe Leser, auch nur ahnt, was es heißt, hier im Gefängnis geprügelt zu werden. Aber nein, ich will nicht davon reden. Lassen Sie sich damit begnügen, wenn Sie wissen, daß diese geprügelten, fiebernden Männer sieben Stunden lang ohne Wasser lagen.
Um neun Uhr kamen die Wärter. Es waren nicht viele. Das war nicht nötig, da sie immer nur einen Käfig auf einmal öffneten. Sie waren mit eisernen Haken versehen – ein praktisches Werkzeug, um einem hilflosen Mann »Disziplin beizubringen«. Aus einem Käfig nach dem andern holten sie die Gefangenen heraus und verprügelten sie. Sie waren unparteiisch. Ich erhielt dieselbe Behandlung wie die andern. Und das war nur der Anfang, das Vorspiel zu der Untersuchung, die jeder für sich allein von den bezahlten Bestien des Staates über sich ergehen lassen mußte. Es war ein Vorgeschmack dessen, was eines jeden im Untersuchungsraum wartete.
Ich bin durch die meisten roten Höllen des Gefängnislebens gegangen, aber am schlimmsten von allem, weit schlimmer als das, was sie binnen kurzem mit mir zu tun gedenken, war die Hölle der Gefängniskeller in den jetzt folgenden Tagen. Der lange Bill Hodge, der harte Gebirgsler, war der erste, der zum Verhör kam. Zwei Stunden darauf kam er wieder, oder vielmehr, sie brachten ihn wieder und warfen ihn auf den steinernen Fußboden der Zelle. Dann holten sie Luigi Polazzo, einen San Franziskoer Vagabunden, Sohn italienischer Einwanderer, und er verhöhnte sie und forderte sie auf, das Schlimmste mit ihm zu tun.
Es dauerte eine Weile, ehe Bill Hodge soweit Herr über seine Schmerzen war, daß er zusammenhängend reden konnte.
»Was ist das mit dem Dynamit?« fragte er. »Wer hat etwas von Dynamit gehört?«
Natürlich wußte keiner etwas davon, obwohl es der ewige Kehrreim des Verhörs gewesen war.
Als kaum zwei Stunden vergangen waren, kam Luigi Polazzo wieder, und er kam als ein im Fieberrausch lallendes Wrack, unfähig, die Fragen zu beantworten, die den widerhallenden Gefängniskorridor entlang auf ihn herabhagelten von Männern, die noch zugute hatten, was er bekommen hatte, und die wissen wollten, was mit ihm geschehen war und welche Fragen man an ihn gestellt hatte.
Zweimal in den nächsten achtundvierzig Stunden wurde Luigi hinaufgeholt und verhört. Danach kam er als sabbelnder Idiot nach Bughouse Alley. Er hat eine starke Konstitution. Seine Schultern sind breit, seine Brust ist hoch, sein Blut ist gesund; er wird noch lange, nachdem ich meine Luftfahrt gemacht und von den Foltern in den Strafanstalten Kaliforniens befreit bin, in Bughouse Alley sabbeln und lallen.
Mann auf Mann wurde geholt, immer einer auf einmal, und Menschenwracks wurden wiedergebracht, eines nach dem andern, um in der Finsternis zu toben und zu heulen.
Unterdessen wuchsen die Schrecken der Gefängniskeller nach der Entdeckung des Fluchtkomplotts. Und nicht einen Augenblick verließ mich in diesen unendlichen Wartestunden der Gedanke, daß ich all diesen andern Gefangenen folgen, dieselbe Inquisitionshölle wie sie erleben und als Wrack zurückgebracht und auf den steinernen Fußboden meiner Zelle mit den Steinwänden hinter der eisernen Tür geworfen werden sollte.
Sie kamen. Mit Knüffen und Flüchen zogen sie mich fort, und dann stand ich Angesicht zu Angesicht mit Inspektor Jamie und Direktor Atherton, von einem halben Dutzend dieser gekauften, mit Steuern bezahlten Hunden von Wächtern des Staates umgeben, die zugegen waren, um zur Hand zu sein. Aber es war nicht nötig.
»Setz dich«, sagte Direktor Atherton und zeigte auf einen bequemen Armlehnstuhl.
Ich war zerschlagen, und alle Glieder schmerzten mir, ich hatte eine ganze Nacht und einen ganzen Tag kein Wasser bekommen, war schwach vor Hunger, geschwächt durch Peitschen als Zulage zu fünf Tagen Dunkelzelle und achtzig Stunden Zwangsjacke, niedergeschlagen vom Unglück und besorgt bei dem Gedanken, was jetzt mit mir geschehen sollte nach dem, was ich mit den andern hatte geschehen hören – ich, ein armer Heimatloser, früherer Professor der Landwirtschaft in einer ruhigen Universitätsstadt, und ich zögerte, der Aufforderung zu folgen und mich zu setzen.
Direktor Atherton war ein großer, sehr kräftiger Mann. Seine Hände packten meine Schultern. Ich war wie ein Strohhalm in seiner Macht. Er hob mich hoch und schleuderte mich auf den Stuhl.
»So«, sagte er, während ich nach Atem rang und meinen Schmerz verbiß, »nun erzähle mir alles, Standing, heraus damit, wenn du dir klar darüber bist, was dir frommt.«
»Ich weiß ja gar nicht, was vorgegangen ist ...«, begann ich.
Weiter kam ich nicht. Mit einem Gebrüll und einem Sprung war er über mir. Wieder hob er mich hoch und schleuderte mich auf den Stuhl.
»Keine Ausflüchte, Standing«, warnte er mich. »Erzähle lieber alles. Wo ist das Dynamit?«
»Ich weiß nichts von Dynamit«, protestierte ich. Wieder wurde ich hochgehoben und auf den Stuhl geschleudert.
Ich habe mancherlei Torturen erduldet, wenn ich aber jetzt, in meinen letzten Stunden, in Ruhe darüber nachdenke, so bin ich sicher, daß keine Tortur dieser gleichkam. Aus dem schweren Stuhl hämmerte mein Körper jede Ähnlichkeit mit einem Stuhl heraus. Ein anderer Stuhl wurde hingesetzt und allmählich ebenso zerstört. Aber es wurden immer neue Stühle gebracht, während man das ewige Ausfragen nach dem Dynamit fortsetzte. Als der Direktor müde war, sprang der Inspektor für ihn ein, dann löste Schutzmann Monohan Inspektor Jamie ab, und immer wieder wurde ich auf den Stuhl geschleudert. Unaufhörlich lautete es: Dynamit, Dynamit! Wo ist das Dynamit? – Und es gab ja gar kein Dynamit. Ja – zuletzt würde ich einen großen Teil meiner unsterblichen Seele für ein paar Pfund Dynamit ausgeliefert haben, wenn ich sein Vorhandensein hätte gestehen können.
Ich weiß nicht, wieviel Stühle unter meinem Körper zerbrachen. Immer wieder wurde ich ohnmächtig, und schließlich war mir alles wie ein böser Traum. Dann wurde ich in die Dunkelheit zurück halb getragen, halb geschleppt. Dort fand ich, als ich endlich wieder zum Bewußtsein kam, einen Spitzel in der Zelle. Es war ein kleiner blasser Opiumfresser, der nur kurze Zeit zu sitzen hatte, einer von denen, die glauben, für ein bißchen von ihrem Gift alles bekommen zu können. Sobald ich ihn erkannte, kroch ich an das Gitter und rief in den Korridor hinaus:
»Ein Spitzel ist bei mir, Jungens! Ignatius Irvine! Paßt auf, was ihr sagt!«
Das Gebrüll der Erbitterung, das sich erhob, hätte einen tapfereren Mann als Ignatius Irvine erschüttert. Er war kläglich in seiner Angst, während alle die gefolterten Lebenslänglichen ringsum wie die wilden Tiere heulend riefen, was sie mit ihm machen würden, wenn sie ihn einmal zu fassen kriegten.
Hätte ein Geheimnis vorgelegen, so würde die Gegenwart eines Spitzels in den Strafzellen sie zum Schweigen gebracht haben. Da sie ja aber alle geschworen hatten, die Wahrheit zu sagen, so sprachen sie frei heraus, trotz seiner Gegenwart. Das große Rätsel war das Dynamit, von dem sie ebensowenig etwas ahnten wie ich. Sie baten mich, bettelten mich an, zu gestehen, falls ich etwas von dem Sprengstoff wüßte, und sie dadurch alle aus ihrem Elend zu erretten. Ich konnte nur wahrheitsgetreu antworten, daß ich nichts davon ahnte.
Eines erzählte der Spitzel mir, ehe er fortgebracht wurde, und das zeigte, wie ernst die Geschichte war. Selbstverständlich erzählte ich es weiter: Nicht eine Maschine im ganzen Gefängnis lief an diesem Tage. All die Tausende von Sträflingen blieben in ihren Zellen eingeschlossen, und man meinte, daß nicht eine einzige Werkstatt des Gefängnisses wieder eröffnet würde, ehe das Dynamit gefunden war, das irgend jemand im Gefängnis versteckt hatte.
Und die Verhöre gingen weiter. Immer wieder wurden die Gefangenen, einer nach dem andern, durch den Korridor hinausgezogen und wieder zurückgeschleppt oder -getragen. Sie erzählten, daß der Direktor und der Inspektor sich in ihrer Erschöpfung alle anderthalb Stunden ablösten. Wenn der eine schlief, verhörte der andere. Sie schliefen angekleidet in demselben Zimmer, wo große starke Männer, einer nach dem andern, mißhandelt wurden.
Mit jeder Stunde stieg der Schrecken unserer Qual in den dunklen Strafzellen. Ja, glauben Sie mir, denn ich weiß es – gehängt zu werden, ist eine Kleinigkeit gegen alles das, was einem lebenden Menschen angetan werden kann, ohne ihm das Leben zu nehmen. Ich litt dieselbe Qual und denselben Durst wie die andern, und dazu kam, daß ich auch noch mit meinen Leidensgefährten fühlte. Seit zwei Jahren gehörte ich zu den Unverbesserlichen, und meine Nerven und mein Gehirn waren daher im Dulden und Ertragen geübt. Es ist schrecklich zu sehen, wie ein stärker Mann geknickt wird und zusammenbricht. Und ich sah vierzig starke Männer unter ihren Leiden zusammenbrechen. Immer wieder hörte man nach Wasser rufen, und der Ort wurde wie ein Tollhaus, das von dem Weinen und Jammern, dem Lallen und Rasen delirierender Menschen widerhallte.
Eben der Umstand, daß wir die Wahrheit sprachen, war es, was uns verurteilte. Wenn vierzig Männer einstimmig dasselbe sagten, so konnten sie ja daraus nur schließen, daß alles eine Lüge war, die jeder einzelne auswendig gelernt hatte und jetzt wie ein Papagei herplapperte.
Vom Standpunkt der Behörden aus muß man sagen, daß ihre Lage ebenso verzweifelt war wie die unsere. Wie ich später erfuhr, hatte man die ganze Verwaltung telegraphisch hinberufen und zwei Kompanien Miliz in aller Eile nach dem Gefängnis geschickt.
Es war Winter, und der Frost kann selbst in Kalifornien schlimm sein. Decken hatten wir nicht in unseren Zellen. Und denken Sie, wie schrecklich es ist, seine zerschlagenen Glieder auf einem eiskalten Fußboden auszustrecken. Schließlich gaben sie uns wirklich Wasser. Unter Flüchen und Drohungen kamen die Wärter mit Spritzenschläuchen gelaufen und ließen die dicken eiskalten Wasserstrahlen auf uns herabsausen – in eine Zelle nach der andern – bis unsere wunden Glieder wieder mürbe wurden durch die Heftigkeit, womit die Wasserstrahlen uns trafen, und wir bis zu den Knien in dem Wasser standen, nach dem wir zuvor geschrien hatten, und von dem uns zu befreien, wir jetzt heulend flehten.
Was weiter im Gefängniskeller geschah, will ich übergehen. Ich will nur erzählen, daß nicht ein einziger von den vierzig je wieder der alte wurde. Luigi Polazzo bekam seinen Verstand nie wieder. Auch Bill Hodge verlor allmählich den Verstand, bis er, wie der andere, ein Jahr darauf nach Bughouse Alley geschafft wurde. Und noch weitere folgten den beiden, während andere, in ihrem Lebensmark getroffen, der Gefängnistuberkulose zum Opfer fielen. Ganze fünfundzwanzig Prozent von den vierzig starben im Laufe der folgenden sechs Jahre.
Nach meinen fünf Jahren Einzelhaft – seit dem Tage, als sie mich von San Quentin fortschafften, um mich wieder abzuurteilen – sah ich Skysegel-Jack wieder. Sehr viel konnte ich nicht sehen, denn meine Augen blinzelten in der Sonne wie die einer Eule nach den fünf Jahren Dunkelheit, aber ich sah doch genug, daß mein Herz dabei litt. Ich ging gerade über den Gefängnishof, als ich ihn sah. Sein Haar war weiß geworden. Er war vor der Zeit gealtert. Seine Brust war hohl, seine Wangen waren eingefallen, seine Hände zitterten, und die Beine baumelten unter ihm. Und seine Augen wurden von Tränen verschleiert, als er mich erkannte, denn auch ich war ein trauriges Wrack dessen, was einst ein Mann gewesen. Ich wog nur siebenundachtzig Pfund, mein graues Haar war seit fünf Jahren nicht geschnitten – mein Bart auch nicht. Und ich taumelte auch beim Gehen, so daß der Wärter mich stützen mußte, als er mich über den sonnigen Hof führte. Jack und ich starrten uns an, und wir erkannten uns, obwohl wir beide Wracks waren. Männer wie er besitzen selbst im Gefängnis gewisse Privilegien, so daß er das Reglement zu durchbrechen wagte und mich mit gebrochener, zitternder Stimme ansprach.
»Du bist ein braver Kerl, Standing«, kicherte er. »Du hast nicht aus der Schule geschwatzt.«
»Ich hatte ja auch nichts zu erzählen«, flüsterte ich. Laut sprechen konnte ich nicht, denn ich hatte in dem fünfjährigen Schweigen meine Stimme so gut wie verloren. »Ich glaube überhaupt nicht, daß es Dynamit gab.«
»Das ist recht«, kicherte er und nickte kindlich. »Bleib nur dabei. Sag es ihnen nie. Du bist ein braver Kerl. Ich ziehe meinen Hut vor dir, Standing – du hast nicht aus der Schule geschwatzt.«
Die Wärter führten mich weiter, und es war das letzte Mal, daß ich Jack sah. Offenbar glaubte er jetzt selbst an das Dynamit.
Zweimal nahm die gesamte Verwaltung mich vor. Ich wurde abwechselnd mit Brutalität und mit Überredungsversuchen behandelt. Zwei Vorschläge machten sie mir. Wenn ich das Dynamit auslieferte, wollten sie mir eine nominelle Strafe von dreißig Tagen Einzelarrest geben und mich dann durch eine Anstellung in der Gefängnisbibliothek belohnen. Wenn ich in meiner Verstocktheit beharrte und das Dynamit nicht angab, wollten sie mich für den Rest meiner Strafzeit in eine finstere Einzelzelle sperren. Da ich Lebenslänglicher war, hieß das, mich auf Lebenszeit zu finsterer Einzelhaft zu verurteilen.
Nein, gewiß: Kalifornien ist ein zivilisiertes Land. Es gibt keine derartige Bestimmung in den Gesetzbüchern. Es ist eine grausame, unnütze Strafe, und kein modernes Land würde ein solches Gesetz erlassen. Aber doch bin ich der dritte in der Geschichte Kaliforniens, der zu Einzelhaft für Lebenszeit verurteilt wird. Die beiden andern waren Jake Oppenheimer und Ed Morrell. Von ihnen werde ich gelegentlich erzählen, denn jahrelang faulte ich in demselben Gefängniskeller wie sie.
Und noch eins. Wenn man mich binnen kurzem hängt – dann tut man es nicht deshalb, weil ich Professor Haskell erschlug. O nein, dafür erhielt ich lebenslängliches Zuchthaus. Nein, sie wollen mich hängen, weil ich eines Überfalls für schuldig befunden bin. Und es gibt keine Disziplinarbestimmungen im Gefängnis. Nein, es ist Gesetz – und der Paragraph ist im Strafgesetzbuch zu finden.
Ich glaube zwar, daß ich die Nase eines Mannes bluten machte. Ich sah nicht, daß sie blutete, aber die Anklage lautete so. Thurston hieß er. Er war Wärter in San Quentin. Er wog hundertundsiebzig Pfund und war in bester Form. Ich wog weniger als neunzig Pfund, war blind wie eine Fledermaus nach der langen Dunkelheit und hatte so lange hinter engen Wänden gesessen, daß der bloße Anblick eines freien Platzes mich schwindeln machte. Mein Fall war ein einwandfreies, gut entwickeltes Beispiel von Agoraphobie, was ich an dem Tag, als ich aus meiner Zelle entkam und Wärter Thurston auf die Nase schlug, entdeckte. Er versperrte mir den Weg und versuchte, mich zu halten. Da schlug ich ihn auf die Nase – und dafür hängen sie mich. Es ist Gesetz in Kalifornien, daß ein Lebenslänglicher wie ich ein Verbrechen begeht, das mit dem Tode bestraft wird, wenn er einen Gefängnisbeamten schlägt. Sicher hat ihn seine blutige Nase nur eine halbe Stunde gestört – und doch – mich hängen sie dafür.
Obendrein ist dieses Gesetz, was mich betrifft, ex post facto. Als ich Professor Haskell tötete, war es nicht Gesetz. Es ging erst durch, nachdem ich mein Urteil erhalten hatte. Und das ist gerade der Witz: Meine Verurteilung hat mich unter dieses Gesetz gestellt, das damals noch nicht Gesetz war. Und in meiner Eigenschaft als Lebenslänglicher soll ich nun wegen des Überfalls auf Wärter Thurston gehängt werden. Das ist ganz offensichtlich ex post facto und steht deshalb im Widerspruch mit der Verfassung.
Aber welchen Einfluß hat wohl die Verfassung auf die verfassungsmäßigen Gesetzesausüber, wenn sie Lust dazu haben, den berüchtigten Professor Darrell Standing aus dem Wege zu schaffen. Und ich bin nicht einmal der erste, dem es so geht. Vor einem Jahr wurde Jake Oppenheimer – wie jeder Zeitungsleser weiß – wegen eines ganz ähnlichen Verbrechens hier in Folsom gehängt. Nur war es nicht die Nase eines Gefängnisbeamten, die er zum Bluten brachte. Er ritzte versehentlich einen andern Gefangenen mit einem Brotmesser.
Ja, merkwürdig ist das Leben, merkwürdig sind die Gesetze der Menschen und ihre dornigen Pfade. Ich schreibe dies in derselben Zelle am Mördergang, wo Jake Oppenheimer saß, als sie ihn holten und mit ihm taten, was sie mit mir tun wollen.
Ich sagte euch ja im voraus, daß ich über vieles zu schreiben hätte. Jetzt will ich zu meiner Erzählung zurückkehren. Die Direktion ließ mir die Wahl zwischen einem Vorzugsplatz im Gefängnis mit Befreiung von der Arbeit in der Juteweberei, wenn ich das eingebildete Dynamit auslieferte, oder Einzelzelle auf Lebenszeit, wenn ich in meiner Verstocktheit beharrte.
Um besser über die Sache nachdenken zu können, bekam ich vierundzwanzig Stunden lang die Zwangsjacke. Dann wurde ich wieder vorgeführt. Ja, was sollte ich tun? Ich konnte sie doch nicht zu dem Dynamit führen, das es gar nicht gab. Das sagte ich, und sie antworteten, ich löge. Sie sagten, ich sei moralisch degeneriert, sei der schlimmste Verbrecher des Jahrhunderts. Vieles andere erzählten sie mir noch, und dann wurde ich in die Einzelzelle gebracht. Ich bekam Nummer eins. In Nummer fünf lag Ed Morrell, in Nummer zwölf Jake Oppenheimer, und er hatte zehn Jahre hier verbracht. Ed Morrell war erst seit einem Jahr in seiner Zelle. Seine Strafe lautete auf fünfzig Jahre. Jake Oppenheimer war Lebenslänglicher. Auch ich war Lebenslänglicher. Wir hatten deshalb alle drei Aussicht, lange Zeit hier zu verbringen. Und doch sind nur sechs Jahre vergangen, und keiner von uns ist mehr dort. Jake Oppenheimer wurde gehängt. Ed Morrell wurde zum Obervertrauensmann in San Quentin gemacht und vor einigen Tagen losgelassen. Und ich sitze hier in Folsom und warte auf den Tag, den Richter Morgan zu meinem letzten in diesem Leben bestimmt hat.
Die Toren! Als ob sie durch ihre plumpe Einrichtung mit Strick und Schafott meine Unsterblichkeit erwürgen könnten! Immer wieder, ach, unzählige Male, werde ich auf dieser lichten Erde wandern. Und ich werde im Fleische wandern, werde Fürst und Bauer, Gelehrter und Stümper sein, auf dem Hochsitz sitzen und unter dem Joche seufzen.
Es war anfangs sehr einsam in der Einzelzelle, und die Stunden waren lang. Ich kontrollierte die Zeit mit Hilfe der regelmäßigen Ablösung der Wache und durch den Wechsel von Tag und Nacht. Der Tag bedeutete nur ein klein wenig Licht, war aber doch besser als das Grabesdunkel der Nacht. In unseren Zellen war der Tag Dämmerung, ein schimmliger Schein von der helleren Welt draußen. Nie war das Licht stark genug, um dabei lesen zu können. Übrigens gab es auch nichts zu lesen. Man konnte nur liegen, denken und denken. Ich war Lebenslänglicher, und es war gegeben, daß alle Jahre meines Lebens in diesem schweigenden Dunkel verrinnen sollten, wenn ich nicht das Wunder tun konnte, fünfunddreißig Pfund Dynamit aus dem Nichts hervorzuzaubern.
Mein Lager war eine dünne, muffige Strohmatratze auf dem Boden der Zelle. Eine dünne, schmutzige Decke war alles, mich zu bedecken. Es gab keinen Stuhl, keinen Tisch – nichts außer der Strohmatratze und der dünnen, verschlissenen Decke. Ich bin nie gewohnt gewesen, lange zu schlafen, und mein Gehirn war stets sehr geschäftig gewesen. In der Einzelzelle wird man seiner selbst so zum Sterben überdrüssig, und das einzige Mittel, sich zu entgehen, ist der Schlaf. Ich machte es zu einer Wissenschaft. Ich war schließlich imstande, zehn Stunden, dann zwölf täglich zu schlafen, und allmählich kam ich auf vierzehn und fünfzehn. Aber weiter brachte ich es nicht und war deshalb gezwungen, wach zu liegen, zu denken und zu denken. Und gerade hierin lauerte der Wahnsinn auf einen Mann mit einem tätigen Hirn.
Ich versuchte, Mittel zu finden, die mich in den Stand setzen konnten, meine wachen Stunden zu ertragen. Ich hob ganze Serien von Zahlen in die zweite und dritte Potenz, und durch Anspannung von Gedanken und Willen stellte ich die erstaunlichsten geometrischen Reihen auf. Ja, ich experimentierte sogar mit der Quadratur des Kreises – bis ich entdeckte, daß ich selbst schon an die Lösung dieses Problems zu glauben begann. Erst als ich sah, daß der Wahnsinn auf mich lauerte, schob ich das Problem beiseite, obwohl ich versichere, daß es ein großes Opfer für mich war, denn es war ein prachtvoller Zeitvertreib, das Gehirn auf diese Aufgaben zu konzentrieren.
Nur mit Hilfe meines inneren Auges baute ich Schachbretter und spielte ganze Partien bis zum Schachmatt. Als ich aber eine richtige Fertigkeit hierin erlangt hatte, verlor das Spiel seine Anziehungskraft für mich. Es war nur Hirngymnastik, es konnte nie ein richtiges Spiel daraus werden, wenn derselbe Spieler auf beiden Seiten spielte. Ich versuchte – und versuchte es vergebens – meine Persönlichkeit in zwei zu zersplittern und die eine gegen die andere aufzustellen. Aber ich blieb immer der eine Spieler, der keine Kriegslist erdenken konnte, ohne daß der Gegenspieler es gleich wußte.
Und die Zeit war sehr träge und sehr lang. Ich spielte mit Fliegen, gewöhnlichen Zimmerfliegen, die mit dem grauen Licht in meine Zelle kamen, und fand heraus, daß sie Spielsinn hatten. Zum Beispiel zog ich, wenn ich auf dem Steinboden lag, eine eingebildete Scheidelinie über die Wand, etwa drei Fuß über dem Boden. Solange die Fliegen über diesem Strich, blieben, ließ ich sie in Frieden. Im selben Augenblick aber, wenn sie sich unter dem Strich auf die Wand setzten, versuchte ich, sie zu fangen. Ich achtete sorgfältig darauf, daß ich ihnen nichts tat, und allmählich wußten sie ebensogut wie ich selber, wo der eingebildete Strich gezogen war. Wenn sie Lust zum Spiel hatten, setzten sie sich unter den Strich, und oft konnte eine Fliege diesen Sport eine ganze Stunde hintereinander betreiben. Wenn sie müde wurde, setzte sie sich zum Ausruhen nach oben.
Von einem Dutzend Fliegen oder mehr, die bei mir waren, machte sich nur eine einzige nichts aus dem Spiel. Sie weigerte sich standhaft, mitzuspielen, und als sie gelernt hatte, welche Strafe es für das Überschreiten des Strichs gab, mied sie das gefährliche Terrain sorgfältig. Diese Fliege war ein richtiger Querkopf. Sie hatte, wie die Gefangenen sagen, eine Pike auf die Welt. Sie spielte nie mit den andern Fliegen. Sie war im übrigen gesund und kräftig – ich studierte sie lange, um klug aus ihr zu werden. Ihr Unwille gegen alles Spiel war ausschließlich eine Folge ihres Temperaments und in keiner Weise in physischer Indisposition begründet.
Glauben Sie mir, ich kannte meine Fliegen. Es war überraschend, welche Menge individueller Eigentümlichkeiten ich bei ihnen entdeckte. Jede einzelne von ihnen war durchaus ein Individuum für sich, verschieden von den andern nicht nur in Größe und Aussehen, Stärke und Fluggeschwindigkeit, in der Art zu fliegen und der Art zu spielen, sich zu drehen und aufzusteigen, herumzuschnurren und wiederzukommen, zu kreisen und fortzufliegen, über die Wand in die Gefahrenzone zu laufen oder sich narren zu lassen und anderswo innerhalb der verbotenen Zone zu landen – auch in Temperament und Charakter gab es große Unterschiede. Ich kannte Nervöse und Phlegmatische. Da war eine kleine Unterernährte, die gleichsam in Raserei fliegen konnte, wütend bald auf mich, bald auf eine andere Fliege. Haben Sie je eine Stute oder ein Kalb mit den Hinterbeinen ausschlagen und wie rasend über die Weide schießen sehen, einzig und allein aus überströmender Kraft und Lebenslust? So war auch eine Fliege – die eifrigste im Spiel von allen – die, wenn es mir drei- oder viermal geglückt war, sie anzuführen, so jubelnd begeistert war, daß sie mir wie verrückt um den Kopf schnurrte.
Ich konnte lange im voraus sehen, wenn eine bestimmte Fliege Lust zum Spielen bekam. Es gibt allein in diesem Gegenstand tausend Einzelheiten, mit denen ich Sie nicht ermüden will, obwohl gerade diese Einzelheiten mir in dieser ersten Periode meiner Einsamkeit halfen, nicht ganz zu Tode müde und überdrüssig zu werden. Aber eines muß ich erzählen. Mir ist es höchst erzählenswert. Das war, wie der Querkopf sich in der Zerstreutheit eines Augenblicks unter den Strich setzte und gleich von mir gefangen wurde. Er schmollte eine ganze Stunde mit mir.
Und die Stunden sind lang in der einsamen Zelle. Ich konnte sie nicht alle zerschlafen. Und ich konnte ihnen auch nicht mit Hilfe meiner Fliegen fortfliegen, so intelligent sie auch waren. Fliegen sind ja nur Fliegen, und ich war ein Mensch mit einem Menschenhirn. Und mein Hirn war geübt und tätig, angefüllt mit Kultur und Wissenschaft und unter Hochdruck.
Und es gab nichts zu tun, während meine Gedanken wirr in fruchtlosen Spekulationen liefen. Da waren zum Beispiel meine Nachweise von Pentose und Methyl-Pentose in Weintrauben und Wein, deren Studium ich meine letzten Sommerferien in den Weinbergen von Asti widmete. Ich hatte meine Experimente gerade abgeschlossen. Ob wohl ein anderer jetzt die Arbeit fortsetzt, dachte ich – und wenn, ob mit Erfolg?
Sie werden verstehen, daß die Welt für mich tot war. Keine Neuigkeit von draußen gelangte zu mir. Die Geschichte der Wissenschaft hat schnelle Füße, und ich hatte Interesse für tausend Themen. Da war meine Theorie von der Hydrolysis von Kasein und Trypsin, womit Professor Walters in seinem Laboratorium arbeitete. Professor Schleimer hatte ebenfalls mit mir zusammen an der Entdeckung von Phytosterol in der Vermischung tierischer und vegetabilischer Fettstoffe gearbeitet. Natürlich wurde die Arbeit fortgesetzt – aber mit welchen Ergebnissen? Der Gedanke an all diese Tätigkeit, die eben außerhalb der Gefängnismauern erfolgte, und an der ich nicht teilnehmen und von der ich nie etwas hören sollte, war, um wahnsinnig zu werden. Und ich lag auf dem Fußboden in einer Zelle und spielte mit Fliegen.
Und doch war nicht nur Schweigen in meiner einsamen Zelle. Schon sehr bald merkte ich schwaches, leises Klopfen mit unregelmäßigen Zwischenräumen. Aus der Ferne hörte ich auch Klopfen, noch schwächer und leiser. Immer wurden diese Geräusche durch die gereizten Rufe der Wärter unterbrochen. Bei einer Gelegenheit, als das Klopfen zu lange andauerte, wurden Hilfswärter gerufen, und aus dem Geräusch wurde mir klar, daß Männern die Zwangsjacke angelegt wurde.
Das war leicht zu erklären. Wie jeder Gefangene in San Quentin wußte auch ich, daß die zwei Männer in den Einzelzellen Ed Morrell und Jake Oppenheimer waren. Und ich wußte, daß es diese beiden waren, die einander mit den Knöcheln Worte und Sätze zuklopften und dafür bestraft wurden. Daß der Code, den sie benutzten, ganz einfach war, bezweifelte ich nicht im geringsten, aber es dauerte doch viele Stunden, bis ich ihn lernte. Gott mag wissen, daß er einfach war, und doch wurde es mir unendlich schwer, ihn herauszufinden. Als einfach erwies er sich denn auch, als ich ihn endlich gelernt hatte; am allereinfachsten war der Trick, den sie anwandten und der mir so viel Kopfzerbrechen verursacht hatte. Nicht nur wechselten sie täglich den Buchstaben im Alphabet, bei dem der Code begann, sie wechselten ihn sogar bei jeder Unterhaltung, ja, oft sogar mitten in einer Unterhaltung. So fing ich eines Tages den Code beim richtigen Buchstaben an, verstand ganze zehn Sätze, und das nächste Mal, als sie miteinander sprachen, nicht einen Ton. Aber ich vergesse nie das erstemal, als ich verstand, was sie sagten! »Nun – Ed – was – würdest – du – jetzt – für Zigarettenpapier – und – eine – Tüte – Bull – Durham – geben?« fragte der Entferntere von den beiden.
Ich hätte vor Freude beinahe laut geschrien. Hier hatte ich ja Gesellschaft. Hier hatte ich Leidensgefährten! Ich lauschte gespannt, und der Nähere von den beiden, also Ed Morrell, antwortete:
»Ich – nähme – gern – zwanzig – Stunden – Zwangsjacke – für – eine – fünf – Cent –Tüte.« Dann unterbrach der Wärter sie fauchend:
»Hör auf, Morrell!«
Man wird vielleicht meinen, daß man, wenn man einen Mann zu Einzelhaft auf Lebenszeit verurteilt hat, ihm schon das Schlimmste angetan hat, und daß ein Wärter deshalb kein Mittel hat, ihn zu zwingen, das Klopfen zu unterlassen. Aber er hat ja die Zwangsjacke! Und den Hunger! Und den Durst! Und die Prügel! Wahrlich, ein Mann in einer Einzelzelle ist hilflos.
In dieser Nacht hörte das Klopfen auf, und als es wieder anfing, war ich ganz verwirrt. Bisher hatten sie es so gemacht, daß sie den Anfangsbuchstaben im Code wechselten. Aber den Schlüssel hatte ich doch gefunden, und im Laufe weniger Tage kam dasselbe System wieder, das ich erfaßt hatte. Ich wartete nicht, sondern fing gleich an.
»Hallo«, klopfte ich.
»Hallo, Fremder«, antwortete Morrell, und von Oppenheimer kam: »Willkommen in unserer Stadt.«
Sie waren neugierig, wer ich sei und auf wie lange und warum ich verurteilt wäre. Aber alles schob ich beiseite, um zuerst ihr System mit Bezug auf die Veränderung des Anfangsbuchstabens zu lernen. Erst dann unterhielten wir uns. Es war ein großer Tag – die zwei Lebenslänglichen waren drei geworden, wenn sie mich auch nur auf Probe aufnahmen. Wie sie mir lange nachher erzählten, fürchteten sie, ich könnte ein Spitzel sein. Das war nämlich früher schon vorgekommen, und Oppenheimer hatte teuer für das bezahlen müssen, was er dem Spitzel Direktor Athertons anvertraut hatte.
Zu meiner Überraschung – ja, laßt mich sagen, zu meinem Jubel – kannten die beiden mich in meiner Eigenschaft als Unverbesserlicher. Selbst in das lebende Grab, wo Oppenheimer zehn Jahre verbracht hatte, war mein Ruhm oder vielmehr mein schlechter Ruf gedrungen.
Ich hatte vieles zu erzählen, das im Gefängnis und in der Welt draußen geschehen war. Der Fluchtversuch der vierzig, das Dynamit und der Verrat Cecil Winwoods waren Neuigkeiten für sie. Wie sie mir sagten, sickerten zuweilen Neuigkeiten durch die Wärter zu ihnen durch, aber seit einigen Monaten hatten sie nichts gehört. Die Wärter, die jetzt unten postiert waren, waren eine besonders bösartige und rachgierige Gesellschaft.
Immer wieder wurden wir an diesem Tage wegen unseres Knöchelklopfens ausgescholten. Aber wir konnten es nicht lassen. Die zwei lebendig Begrabenen waren drei geworden, und wir hatten uns so viel zu erzählen, und dazu war die Art und Weise, wie wir es uns sagen konnten, so empörend langsam und ich zudem noch nicht so geübt wie sie darin.
»Warte, bis die Puddingfratze heute abend kommt«, klopfte Morrell. »Er verschläft den größten Teil seiner Wache, und dann können wir miteinander reden.«
Wie wir doch in dieser Nacht redeten! Kein Schlaf kam in unsere Augen. Puddingfratzen-Jones war ein säuerlicher, verbitterter Mann trotz all seinem Fett; aber wir segneten das Fett, denn es trug dazu bei, daß er dem Schlaf nicht widerstehen konnte. Nichtsdestoweniger störte unser anhaltendes Klopfen seinen guten Schlaf, so daß er uns wiederholt ausschalt. Und von den andern Nachtwachen bekamen wir ununterbrochen Flüche zu hören. Am Morgen erstatteten sie Rapport über das viele Klopfen, und wir mußten für unser kleines Schwatzfest büßen, denn um neun kam Inspektor Jamie mit mehreren Wärtern, um uns die Zwangsjacke anzulegen. Bis neun Uhr am nächsten Morgen – volle vierundzwanzig Stunden – mußten wir eingeschnürt und hilflos, ohne Essen und Trinken auf dem Fußboden liegend, den Preis für unsere Unterhaltung bezahlen.
Oh, unsere Wärter waren Untiere. Und bei ihrer Behandlung mußten wir notgedrungen selbst zu Untieren werden, um es ertragen zu können. Schwere Arbeit gibt rauhe Hände. Harte Wärter schaffen harte Gefangene. Wir redeten weiter und bekamen weiter gelegentlich die Zwangsjacke als Strafe. Die Nacht war unsere beste Zeit, und wenn hin und wieder Hilfswärter auf Posten waren, schwatzten wir oft die ganze Nacht hindurch.
Sonst waren Tag und Nacht gleich für uns in der Dunkelheit. Wir konnten schlafen, wann wir wollten, aber mittels unserer Knöchel miteinander reden konnten wir nur ganz gelegentlich. Wir erzählten uns unsere Lebensgeschichte, und lange Stunden lagen Morrell und ich schweigend da, während Oppenheimer uns langsam seine Geschichte buchstabierte, uns von seinen frühesten Jahren im Armenviertel San Franziskos, von seinem Training auf der Verbrecherlaufbahn, von seiner Einweihung in alle Laster erzählte, wie er als vierzehnjähriger Bursche sich sein Geld als Botenjunge in einem der verrufensten Stadtteile verdiente, wie er zum erstenmal bei einer Gesetzesübertretung ergriffen wurde – und weiter, immer weiter, durch Diebstahl und Raub bis zum Verrat durch einen Kameraden und zu blutigen Tragödien hinter Gefängnismauern.
Jake Oppenheimer trug den Beinamen: der Menschentiger. Irgendein blöder Reporter hatte diesen Namen erfunden, der länger leben wird als der Mann, an den er sich heftete. Und doch fand ich an Jake Oppenheimer alle Hauptcharakterzüge eines guten Menschen. Er war treu und gerecht. Ich weiß, daß er sich lieber begraben ließ, als daß er einen Kameraden verpfiff. Er war tapfer. Er war geduldig. Er war aufopferungsfähig – darüber könnte ich eine Geschichte erzählen, aber es ist keine Zeit dazu. Und Gerechtigkeit war eine Leidenschaft für ihn. Die Morde, die er hinter den Mauern des Gefängnisses beging, waren gerade durch sein unbeugsames Gerechtigkeitsgefühl verursacht. Und er hatte einen glänzenden Kopf. Ein Leben im Gefängnis, zehn Jahre in der Einzelzelle, hatten seinen Verstand nicht abgestumpft.
Auch Morrell hatte einen ausgezeichneten Verstand. Tatsache ist – und ich, der ich bald sterben soll, habe ein Recht, das zu sagen, ohne der Unbescheidenheit geziehen zu werden – Tatsache ist, daß die drei besten Köpfe in San Quentin, vom Direktor abwärts, die drei waren, welche in den Einzelzellen miteinander verwesten. Und hier, am Ende meiner Tage, muß ich sagen, daß ich zu dem Schluß gekommen bin, daß starke Geister sich nie beugen lassen. Die Dummen, die Ängstlichen, die, welche nicht die Gabe des leidenschaftlichen Gerechtigkeitsgefühls und der furchtlosen Kampflust haben – das sind die Männer, die Mustergefangene werden. Ich danke allen Göttern, daß Jake Oppenheimer, Ed Morrell und ich selbst keine Mustergefangenen waren.
Es ist mehr als der Keim der Wahrheit in irrigen Dingen, in der Definition des Kindes vom Gedächtnis als dem, womit man vergißt. Die Fähigkeit, vergessen zu können, bedeutet Gesundheit. Sich unaufhörlich zu erinnern, erinnert zu werden, führt zu fixen Ideen, zum Wahnsinn. Die Aufgabe, die ich mir in der einsamen Zelle stellte, wo Erinnerungen sich unaufhörlich aufdrängten, um sich meiner zu bemächtigen, war deshalb, auch, die Gabe des Vergessens zu gewinnen. Wenn ich mit Fliegen spielte oder mit mir selber Schach spielte oder mich mit den andern mit Hilfe meiner Knöchel unterhielt, so glückte es mir – teilweise – zu vergessen. Aber was ich wünschte, war, ganz vergessen zu können.
Da waren Kindheitserinnerungen aus andern Zeiten und andern Orten – »ziehende Wolken früherer Herrlichkeit«, wie Wordsworth sagt. Ob die wohl, wenn ein Knabe sie gehabt hatte, hoffnungslos vergessen und verloren waren, wenn er zum Manne herangewachsen war? Konnte dieser spezielle Inhalt seines Knabenhirns wohl vollkommen ausgerottet werden? Oder vegetierten diese Erinnerungen an andere Zeiten anderswo, aber verborgen, schlummernd, eingemauert in einem einsamen Gefängnis, in tiefen und entlegenen Hirnzellen, so wie ich in der Zelle in San Quentin lag?
Aber man kennt ja Beispiele, daß Gefangene, die zur Einzelhaft auf Lebenszeit verurteilt waren, aus dem Dunkel auferstanden und die Sonne wiedersahen. Warum sollten dann nicht auch diese Erinnerungen eines Knaben an andere Welten auferstehen können?
Aber wie? Meiner Meinung nach dadurch, daß man völliges Vergessen der Gegenwart und des vergangenen Mannesalters erlangte.
Und wiederum: wie? Hypnotismus! Wenn das Bewußtsein mit Hilfe von Hypnose eingeschläfert und das Unterbewußtsein zum Leben erweckt wurde, dann war es vollbracht, dann mußten alle Gefängnistore des Gehirns weit aufgerissen werden, so daß die Gefangenen von drinnen ans Licht der Sonne traten.
So überlegte ich – und Sie werden sehen, mit welchem Erfolg. Zuerst aber muß ich erzählen, wie ich als Knabe diese Erinnerungen an andere Welten gehabt habe. Wie jeder andere Knabe hatte ich in den Wolken der früheren Herrlichkeit gelebt, hatte Besuch von Gespenstervisionen aus anderen Zeiten, da ich selbst ein anderer gewesen, gehabt. Das war in der Zeit geschehen, als mein Wesen im Werden begriffen war, ehe der Strom all dessen, was ich je gewesen, in der Gußform der einen Persönlichkeit erstarrt war, die die Menschen einige wenige Jahre lang als Darrell Standing kannten.
Laßt mich nur ein Vorkommnis erzählen. Es war auf dem alten Hof in Minnesota. Ich war etwa sechs Jahre alt. Ein Chinesenmissionar, der zurückgekehrt war und jetzt Missionsbeiträge bei den Farmern sammeln sollte, verbrachte die Nacht in unserm Hause. Was ich hier erzähle, geschah in der Küche, wo der Missionar uns Photographien vom Heiligen Lande zeigte, während meine Mutter mich auszog.
Und das, was ich jetzt erzählen will, würde ich sicher längst vergessen haben, hätte ich nicht oft in meiner Kindheit meinen Vater es verwunderten Zuhörern erzählen hören.
Als ich eines der Bilder erblickte, wurde ich zuerst ganz eifrig und dann enttäuscht. Im ersten Augenblick war es mir so bekannt vorgekommen, ebenso bekannt, wie eine Photographie aus Vaters Schublade mir gewesen wäre. Und dann erschien es mir ganz fremd. Als ich es weiter ansah, kam wieder dies nicht abzuschüttelnde Gefühl, daß ich es kennen müßte.
»Der Turm Davids«, sagte der Missionar zu meiner Mutter.
»Nein, das ist er nicht!« rief ich sehr bestimmt.
»Meinst du, daß er nicht so heißt?« fragte der Missionar.
Ich nickte nur.
»Wie heißt er denn, mein Junge?«
Er heißt ...«, begann ich, fuhr dann aber etwas verlegen fort: »Ich habe es vergessen.«
Nach kurzem Schweigen begann ich wieder: »Er sieht jetzt nicht so aus ... man hat ihn wohl verändert.«
Der Missionar reichte meiner Mutter eine andere Photographie, die er herausgesucht hatte.
»Dort war ich selbst vor einem halben Jahr, Frau Standing.« Er zeigte darauf. »Das ist das Jaffa-Tor, und dort rechts im Hintergrund liegt der Turm Davids. Die Autoritäten sind ihrer Sache sicher. El Kul'ah, wie er genannt wird ...«
Hier unterbrach ich ihn und wies auf einige Mauerreste links.
»Ja, ungefähr dort«, sagte ich. »Den Namen, den Sie eben nannten, gebrauchten die Juden. Aber wir nannten ihn etwas anders. Ich weiß nicht mehr, wie wir ihn nannten.«
»Hört nur«, lachte mein Vater, »man sollte glauben, er wäre dort gewesen.«
Ich nickte, denn in diesem Augenblick wußte ich, daß ich dort gewesen war, obwohl alles so anders aussah. Mein Vater lachte laut, aber der Missionar glaubte, daß ich mich über ihn lustig machte. Er reichte mir ein anderes Bild. Es war eine öde Landschaft, ohne Bäume und Pflanzenwuchs, eine kahle Schlucht mit schwach geneigten steilen Wänden. In der Mitte sah man einen Haufen elender Hütten mit flachen Dächern.
»Nun – was stellt das vor, mein Junge?« fragte der Missionar, um mich zu necken.
»Samaria«, sagte ich sofort.
Mein Vater klatschte in die Hände, meine Mutter war verblüfft, während der Missionar eher irritiert zu sein schien.
»Er hat recht«, sagte er. »Es ist ein Dorf in Samaria. Ich bin selbst dort gewesen; deshalb kaufte ich das Bild. Und das beweist, daß der Junge ähnliche Bilder früher schon gesehen haben muß.« Das leugneten meine Eltern beide.
»Aber etwas an dem Bild ist anders«, bemerkte ich. Die ganze Zeit hatte sich mein Gehirn damit beschäftigt, die Photographie zu rekonstruieren. Die allgemeinen Linien der Landschaft waren dieselben. Auf die Abweichungen wies ich bin.
»Es waren viel mehr Bäume und Gras und viele Ziegen. Ich kann sie jetzt sehen – da sind zwei Knaben, die mit ihnen gehen. Und dort ist eine Schar Männer, die hinter einem einzelnen Manne hergehen. Und dort« – ich zeigte auf die Stelle, wo meiner Meinung nach das Dorf stand –, »dort sind einige Landstreicher – nur in Lumpen gekleidet. Und sie sind krank – oh – ihre Gesichter, ihre Beine und Hände bilden eine einzige Wunde.«
»Er hat die Geschichte in der Kirche oder anderswo gehört. Sie erinnern sich wohl der Heilung der Aussätzigen in Luke«, sagte der Missionar mit einem zufriedenen Lächeln.
»Wieviel Landstreicher sind da, mein Junge?«
Ich hatte, als ich fünf Jahre alt war, gelernt, bis hundert zu zählen. Ich sah die Gruppe genauer an und antwortete dann:
»Es sind zehn. Sie schwenken die Arme und rufen den andern Männern etwas zu.«
»Aber sie kommen nicht zu ihnen?« fragte er.
»Nein, sie stehen nur da und rufen, als wären sie in Not.«
»Weiter!« sagte der Missionar. »Was dann? Was tut der Mann, der vor den andern geht?«
»Er spricht zu den Kranken. Und die Knaben mit den Ziegen stehen auch still. Sie sehen alle den Mann an.«
»Und dann?«
»Weiter ist nichts mehr. Die Kranken kehren in ihre Häuser zurück. Sie rufen nicht mehr, und sie sehen nicht mehr krank aus. Und ich sitze auf meinem Pferd und sehe zu.«
Darüber mußten meine drei Zuhörer alle lachen.
»Aber ich bin ein großer Mann«, rief ich zornig, »und ich habe einen großen Säbel.«
»Es sind die zehn Aussätzigen, die Jesus heilte, ehe er durch Jericho nach Jerusalem zog«, erklärte der Missionar meinen Eltern. »Der Junge hat offenbar Reproduktionen berühmter Bilder in irgendeiner Laterna magica gesehen.«
Aber weder mein Vater noch meine Mutter konnten sich erinnern, daß ich je eine Laterna magica gesehen hatte.
»Wir wollen es mit einem andern Bild versuchen«, sagte mein Vater.
»Ach – das ist alles ganz anders«, sagte ich, als ich das Bild untersucht hatte, das der Missionar mir reichte. »Da ist ja nur die Anhöhe hier und die andern Anhöhen. Hier irgendwo müßte eine Landstraße sein. Und dort sollten Gärten und Bäume und Häuser mit großen steinernen Mauern sein. Und dort hinten sollten einige Höhlen in den Felsen sein, wo man Tote begrub. Und seht dort! Dort pflegten sie die Leute mit Steinen zu werfen, bis sie tot waren. Ich habe es nie selber gesehen, aber sie erzählten es mir.«
»Und die Anhöhe dort?« fragte der Missionar und zeigte auf den Hügel in der Mitte des Bildes, um dessentwillen die Photographie aufgenommen zu sein schien. »Wie heißt diese Anhöhe wohl?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Die hat keinen Namen. Dort schlugen sie Leute tot. Ich habe es mehr als einmal gesehen.«
»Diesmal ist er mit dem größten Teil der Autoritäten einig«, meinte der Missionar. »Die Anhöhe ist Golgatha, die Schädelstätte, wie sie genannt wird, weil ihre Form der einer Hirnschale gleicht. Dort war es, wo sie kreuzigten –«, er wandte sich zu mir. »Ja, wen kreuzigten sie dort? Erzähle mir, was du weiter siehst.«
Ach, ich sah ... Mein Vater hat erzählt, daß mir die Augen starr im Kopfe lagen. Aber ich schüttelte trotzig den Kopf und sagte:
»Das sage ich Ihnen nicht, denn Sie lachen mich ja doch nur aus. Ich habe gesehen, wie viele Leute totgeschlagen wurden. Sie nagelten sie fest, aber es dauerte lange. Ich habe gesehen ... aber ich erzähle es nicht! Ich lüge nicht. Fragen Sie nur Vater und Mutter, ob ich je lüge. Ich will mich selbst verprügeln, wenn ich lüge. Fragen Sie sie nur.«
Und der Missionar bekam kein Wort mehr aus mir heraus, obwohl er mich mit mehreren Photographien in Versuchung führte, die eine Menge Erinnerungsbilder vor meinem inneren Auge aufsteigen ließen und mir eine Flut von Worten auf die Zunge legten, aber ich war ärgerlich und zwang sie zurück.
»Er wird sicher ein guter Bibelkenner werden«, sagte der Missionar hinterher, als ich Vater und Mutter den Gutenachtkuß gegeben und zu Bett gegangen war. »Oder er muß mit seiner Phantasie ein berühmter Schriftsteller werden können.«
Was den Wert von Prophezeiungen beweist. Hier sitze ich nun in einer Zelle am Mördergang und schreibe diese Zeilen in meinen letzten Lebenstagen – oder vielmehr in den letzten Tagen Darrell Standings, ehe sie ihn herausholen und am Ende eines Stricks in die Finsternis schleudern –, und ich lächle bei mir. Ich wurde weder Bibelkenner noch Schriftsteller. Im Gegenteil – ehe sie mich fünf lange Jahre lang lebendig hier begruben, war ich alles mögliche, nur nicht das, was der Missionar voraussagte –, landwirtschaftlicher Sachverständiger, Professor, Spezialist in der Wissenschaft, den Mißbrauch von Arbeitskraft zu verhindern, Meister in der Ausnutzung des Bodens, ein Forscher, dem Genauigkeit und Akkuratesse bei der Wiedergabe mikroskopischer Untersuchungen eine unumgängliche Notwendigkeit waren.
Und jetzt lasse ich an dem schwülen Nachmittag die Feder ruhen, um auf das beruhigende Summen der Fliegen in der stillen Luft und auf die halb geflüsterte Unterhaltung zwischen Josephus Jackson, dem schwarzen Mörder rechts von mir, und Bambeccio, dem italienischen Mörder in der Zelle links von mir, zu lauschen; sie streiten durch die Gittertür, an meiner Gittertür vorbei, ob Kautabak wirklich heilenden Einfluß auf Fleischwunden habe.
In der Hand halte ich meinen Füllfederhalter, und während ich mich erinnere, daß meine Hand in den entschwundenen fernen Zeiten den Tuschpinsel, die Gänsefeder und den Griffel geführt hat, habe ich auch Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob jener Missionar je als Knabe den leuchtenden Schimmer vergangener Sternwanderungszeiten gesehen hat.
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