Читать книгу: «Erscheinungen»
Statt des Vorwortes
Jedes wirkliche Kunsterzeugniß soll für sich selbst reden, auf eigenen Füßen stehen – und bedarf daher keiner vorläufigen Erklärungen und Erörterungen. Da mir indeß die Ueberzeugung fehlt, daß meine »Erscheinungen« auf den Rang einer wirklichen Kunstschöpfung Anspruch machen können, so entschließ’ ich mich zu der Bitte an den Leser, der vielleicht ein Recht hat von mir etwas Ernsteres zu erwarten, in den folgenden Blättern keinerlei Allegorie oder versteckte Anspielungen zu suchen, sondern einfach darin eine Reihe von Bildern zu sehen, welche oberflächlich genug mit einander in Zusammenhang gebracht sind.
I. T.
I
Ich konnte lange nicht einschlafen und wälzte mich unaufhörlich von einer Seite auf die andere. »Der Teufel hole diese Dummheit mit den drehenden Tischen!« dachte ich – »sie greifen nur die Nerven an . . . « Endlich überwältigte mich doch die Müdigkeit. Plötzlich kam es mir vor als erklänge im Zimmer eine Saite leise und klagend.
Ich erhob den Kopf. Der Mond stand niedrig am Himmel und schaute mir gerade in die Augen. Wie ein kreideweißer Streifen lag sein Licht auf den Dielen . . . Deutlich wiederholte sich der seltsame Klang.
Ich lehnte mich auf die Ellenbogen. Ein leiser Schauder schnürte mir das Herz zusammen. – Eine Minute verging; noch eine . . . irgendwo in der Ferne krähte ein Hahn; in noch weiterer Ferne antwortete ein anderer. Ich ließ den Kopf auf das Kissen zurücksinken. »Wohin es doch mit Einem kommen kann« – dacht’ ich wieder; – »in den Ohren fängt’s mir an zu klingen.«
Nach einiger Zeit überwältigte mich der Schlaf wieder, oder es war mir so als ob ich einschliefe. Ein ungewöhnliches Traumgesicht stieg vor mir auf. Mir schien, ich läge in meinem Schlafzimmer, in meinem Bette – und könnte nicht schlafen, nicht einmal die Augen schließen. Da ertönt wieder der Klang . . . Ich wende mich um . . . Die Spur des Mondes auf den Dielen beginnt sich leise zu erheben, aufrechtzustehen und sich oben leicht abzurunden. – Vor mir, wie ein Nebelgebild, steht unbeweglich eine bleiche Frau.
– Wer bist Du? frage ich mit Anstrengung.
Eine Stimme antwortet, ähnlich wie Blättergesäusel:
– Ich bin es. . . ich. . . ich. . . Ich bin Deinetwegen gekommen.
– Meinetwegen? Aber wer bist Du?
– Komm zur Nacht an die Ecke des Waldes, wo die alte Eiche steht. Dort wirst Du mich finden.
Ich will in die Züge der geheimnißvollen Frau blicken – und plötzlich fang’ ich unwillkürlich an zu beben: es überrieselt mich kalt. Und ich liege nicht mehr, ich sitze auf meinem Bette – und da, wo die bleiche Frau zu stehen schien, glänzt der Mond in langen, weißen Streifen über den Fußboden hin.
II
Der folgende Tag verging, ich weiß nicht mehr wie. Ich erinnere mich, daß ich versuchte zu lesen, zu arbeiten . . . allein nichts wollte recht von statten gehen. Und wieder brach die Nacht an. Das Herz schlug in mir, als ob es etwas erwartete. Ich legte mich nieder, das Gesicht gegen die Wand gekehrt.
– Warum bist Du nicht gekommen? ließ sich im Zimmer ein deutliches Flüstern vernehmen.
Jählings blickt’ ich auf.
Da stand sie wieder, die geheimnißvolle Erscheinung – mit den unbeweglichen Augen in dem unbeweglichen Antlitz und dem stehenden Blicke.
– Komm! ließ das Geflüster sieh auf’s Neue vernehmen.
–– Ich werde kommen, erwiderte ich mit unwillkürlichem Schauder.
Die Erscheinung schwebte leise vorwärts und verschwamm dann ganz vor meinen Blicken, leicht wie feiner Rauch entwallend. Und wiederum goß der Mond friedlich sein bleiches Licht über die blanken Dielen.
III
Ich verbrachte den Tag in Aufregung. Nach dem Abendessen trank ich fast eine ganze Flasche Wein, ging auf die Freitreppe hinaus, lehrte aber zurück und warf mich auf’s Bett. Das Blut rollte schwer in mir.
Wiederum ließ der Klang sich vernehmen . . . Ich erzitterte, blickte aber nicht auf. Plötzlich fühlte ich, daß Jemand dicht hinter mir mich umfaßte und mir in’s Ohr rannte: »Komm, komm, komm!« . . . Vor Schrecken bebend stöhnte ich: – Ich werde kommen! – und richtete mich auf.
Die Frau stand, sich über mich neigend, dicht neben meinem Kopfkissen. Sie lächelte leise und verschwand. Dennoch gelang es mir, ihr Gesicht in’s Auge zu fassen. Mir schien, als hätt’ ich es schon früher gesehen; – aber wo, wann? Ich stand spät auf und schweifte den ganzen Tag im Freien umher, ging zu der alten Eiche am Saume des Waldes und spähete aufmerksam in die Runde.
Gegen Abend saß ich am offenen Fenster in meinem Kabinette. Meine alte Haushalterin stellte eine Tasse Thee vor mich hin – aber ich rührte sie nicht an . . . Ich wurde völlig an mir selbst irre und fragte mich, ob ich nicht auf dem besten Wege sei, den Verstand zu verlieren. Die Sonne war eben untergegangen – und nicht blos der Himmel stand in Glut – die ganze Luft erglühte plötzlich von einer fast unnatürlichen Röthe: die Blätter und Kräuter schimmerten wie von frischem Firniß überzogen, ohne sich zu regen. In ihrer gleichsam steinernen Unbeweglichkeit, in der scharfen Deutlichkeit ihrer Umrisse, in dieser Vereinigung kräftigen Glanzes mit Todesstille lag etwas Seltsames, Räthselhaftes. Plötzlich kam ein ziemlich großer, grauer Vogel geräuschlos herbeigeflogen und setzte sich auf den äußersten Rand des offenstehenden Fensters. Ich sah ihn an und er richtete sein rundes, dunkles Auge seitwärts auf mich. »Ist er nicht zu Dir gesandt, Dich zu erinnern?« dachte ich.
Sofort erhob der Vogel seine weichen Flügel und flog so geräuschlos davon wie er gekommen war. Ich saß noch lange am Fenster – aber ich gab mich nicht länger dem Zweifel hin: ich war wie in einen Zauberkreis gefallen – und eine unüberwindliche, wenn auch stille Kraft, riß mich fort, ähnlich der Strömung des Gießbachs, die noch weit vom Wasserfälle den Kahn fortreißt. Endlich rafft’ ich mich auf. Die purpurne Röthe der Luft war längst verschwunden; die Farben dunkelten und die zauberhafte Ruhe war zu Ende. Ein Luftzug erhob sich, der Mond stieg immer heller aus dem tiefblauen Himmel hervor – und bald spielten die Blätter der Bäume silbern und schwarz in seinem kalten Glanze. Meine alte Haushälterin trat in’s Kabinet mit angezündetem Lichte, aber der Luftzug vom offenen Fenster her blies die Flamme aus. Länger konnt’ ich’s nicht aushalten; ich sprang auf, griff nach meiner Mütze und machte mich auf den Weg nach dem Saume des Waldes zu der alten Eiche.
IV
In diese Eiche hatte vor vielen Jahren der Blitz eingeschlagen. Der Wipfel war zerschmettert und verdorrt, aber im Stamme war noch Leben auf Jahrhunderte geblieben. Als ich mich ihr näherte, flog ein Wölkchen über den Mond; unter den weitausgestreckten Zweigen lag tiefes Dunkel. Anfangs fiel mir nichts Besonderes auf; aber ich blickte zur Seite – und das Herz sank mir in der Brust: die weiße Gestalt stand unbeweglich neben einem hohen Strauche, zwischen der Eiche und dem Walde. Die Haare sträubten sich mir leicht auf dem Kopfe; doch ich faßte mir ein Herz und ging auf den Wald zu.
Ja, sie war es, meine nächtliche Erscheinung. Als ich näher an sie herantrat, erglänzte der Mond wieder. Sie sah aus wie aus halbdurchsichtigem, milchweißen Nebel gebildet; durch ihr Gesicht hindurch konnte ich einen leise vom Winde bewegten Zweig sehen – nur die Haare und Augen dunkelten ein wenig und an einem Finger ihrer zusammengelegten Hände glänzte ein schmaler Ring von mattem Golde. Ich blieb vor ihr stehen und wollte sie anreden; allein die Stimme erstarb mir in der Brust, obwohl ich durchaus keine besondere Furcht mehr fühlte. Ihre Augen hefteten sich auf mich: in dem Blicke lag weder Gram noch Freude, aber eine gewisse leblose Aufmerksamkeit. Ich wartete, ob sie nicht reden werde, aber sie stand unbeweglich und stumm, mich unausgesetzt mit ihrem starren Blicke ansehend. Mir wurde wieder unheimlich zu Muthe.
– Ich bin gekommen! rief ich endlich mit Anstrengung. Meine Stimme ertönte dumpf und seltsam.
– Ich liebe Dich – ließ sieh ein Geflüster vernehmen.
– Du liebst mich? wiederholte ich verwundert.
– Gehöre mir an! gab das Geflüster zur Antwort.
– Ich Dir angehören? Aber Du bist ein Gespenst – ohne Körper. – Ich fühlte mich seltsam bewegt und belebt. – Was bist Du, Rauch, Luft, Dampf? Ich dir angehören? Zuvor sag mir, wer Du bist. Hast Du auf Erden gelebt? Woher bist Du gekommen?
– Gehöre mir an. Ich werde Dir kein Leides zufügen. Sag nur diese drei Worte: nimm mich hin!
Ich sah sie an. »Was redet sie da?« dachte ich. »Was bedeutet dies Alles? Und wie will sie mich nehmen? Oder gilt’s einen Versuch?«
– Nun wohlan, sprach ich deutlich, ja unerwartet laut, als ob Jemand von hinten mich stieße: Nimm mich hin!
Kaum hatt’ ich diese Worte ausgesprochen, als die geheimnißvolle Gestalt, mit einem innern Lachen, von welchem auf einen Augenblick ihr Gesicht erbebte, vorwärts schwebte, ihre Hände löste und nach mir ausstreckte . . . Ich wollte entfliehen, allein ich war schon in ihrer Gewalt. Sie umschlang mich, mein Körper erhob sich eine halbe Elle über die Erde – und wir wurden beide leicht und nicht allzurasch über den unbeweglichen feuchten Rasen hinweggetragen.
V
Anfangs wirbelte mir der Kopf – und unfreiwillig schloß ich die Augen; nach etwa einer Minute schlug ich sie wieder auf. Wir schwebten wie früher dahin. Aber der Wald war schon nicht mehr zu sehen: unter uns dehnte sich eine Ebene aus, mit schwarzen Punkten besprengt. Mit Schrecken nahm ich wahr, daß wir uns zu einer schauerlichen Höhe erhoben hatten.
»Ich bin verloren, ich bin in der Gewalt des Bösen,« durchzuckt’ es mich wie ein Blitz. Bis zu diesem Augenblicke war mir der Gedanke von der Obmacht dämonischer Kräfte, von der Möglichkeit des Verderbens nicht in den Kopf gekommen. Wir schwebten unaufhaltsam weiter und schienen uns immer mehr zu erheben.
– Wohin trägst Du mich? stöhnte ich endlich.
– Wohin Du willst, erwiderte meine Gefährtin. Sie preßte sich fest an mich; ihr Antlitz berührte fast das meinige. Uebrigens fühlte ich ihre Berührung kaum.
– Laß mich nieder zur Erde; mir schwindelt in dieser Höhe.
– Gut; schließ nur die Augen und athme nicht.
Ich gehorchte – und fühlte mich sofort-niederfallen wie einen geschleuderten Stein . . . die Luft pfiff nur so durch meine Haare. Als ich zur Besinnung kam, schwebten wir wieder über dem Erdboden, so daß wir die Spitzen der Kräuter des hohen Rasens berührten.
– Stell mich auf die Füße, hub ich an. – Was ist das für ein Vergnügen zu fliegen? Ich bin kein Vogel.
– Ich dachte, daß es Dir angenehm sein würde; wir haben keinen anderen Zeitvertreib.
– Ihr? Aber wer seid Ihr denn eigentlich?
Es erfolgte keine Antwort.
– Du wagst es mir nicht zu gestehen?
– Ein klagender Ton, dem ähnlich, der mich in der ersten Nacht weckte, dröhnte mir durch die Ohren. In- zwischen schwebten wir unmerklich weiter durch die feuchte Nachtluft.
– Laß mich! rief ich. Meine Gefährtin bog sich etwas zurück – und ich stand wieder auf den Beinen.
Sie stellte sich vor mich hin und legte aufs Neue die Hände zusammen. Ich beruhigte mich und faßte sie in’s Auge: ihr Antlitz zeigte wie früher den Ausdruck stummer Unterwürfigkeit.
– Wo sind wir? fragte ich. Ich erkannte die umliegenden Orte nicht.
– Fern von Deinem Hause, aber Du kannst im Augenblick da sein.
– Auf dieselbe Art, wie ich hergekommen? Muß ich mich Dir wieder anvertrauen?
– Ich habe Dir kein Leides zugefügt und werd’ es nicht thun! Ich fliege mit Dir umher bis zur Morgenröthe; das ist Alles. Ich kann Dich tragen wohin Dein Gedanke nur strebt – in alle Länder der Erde. Gehöre mir an! Sag wieder: nimm mich hin!
– Wohlan . . . nimm mich hin!l Wieder umschlang sie mich, wieder enthoben sich meine Füße der Erde – und wir flogen.
VI
– Wohin? fragte sie mich.
– Gerade aus, immer gerade aus.
– Aber dort ist ein Wald.
– Erheben wir uns über den Wald hin – aber sanft.
Wir schwebten zur Höhe wie Waldschnepfen, die auf eine Birke fliegen – und wurden weiter getragen in gerader Richtung. Statt der Kräuter zitterten setzt die Wipfel der Bäume unter unsern Füßen. Der Wald war wundersam aus der Höhe herab anzuschauen mit seinem stachlichten Rücken, vom Monde beleuchtet. Er sah aus wie ein vorsindflutliches, schlummerndes Ungeheuer und wir vernahmen sein weitgedehntes, unaufhörliches Rauschen, das wie undeutliches Brummen erscholl.
Hin und wieder öffnete sich eine kleine Lichtung und der gezackte Streifen des Schattens lag schwarz auf der einen Seite. . . Tief unten ließ sich zuweilen der klagende Schrei eines Hasen vernehmen; oben ertönte der ebenfalls klagende Schrei einer Eule. Die Luft roch nach Schwämmen, Knospen und Kräutern. Das Mondlicht ergoß sich nach allen Seiten hin, kalt und streng. Der große Bär erglänzte uns oben zu Häuptern. Plötzlich verschwand der Wald hinter uns; über das Feld spannen sich Nebelstreifen hin; da zog ein Fluß. Wir schwebten, eines seiner Ufer entlang, über Sträucher hin, welche vor Feuchtigkeit schwer unbeweglich dastanden. Die Wellen des Flusses erschimmerten bald in blauem Glanze, bald wälzten sie sich finster und wie heimtückisch dahin. Hier und dort bewegte sich seltsam ein feiner Dampf über ihnen – und die Kelche der Wasserlilien erglänzten jungfräulich und üppig in voller Entfaltung ihrer Blumenblätter, gleich als ob sie wüßten, daß es unmöglich sei, sie zu erreichen. Es wandelte mich die Lust an eine zu pflücken – und schon berührte ich die Wasserfläche. . . eine böse Feuchtigkeit schlug mir in’s Gesicht, als ich den zähen Stengel der großen Blume brach. Wir flogen dann von einem Ufer zum andern hinüber wie Wasserschnepfen, welche wir hin und wieder in der That aufscheuchten und verfolgten. Mehr als einmal geschah es, daß wir auf eine Kette wilder Enten stießen, welche sich im Kreise an einem freien Plätzchen zwischen Binsen niedergelassen hatten. Sie blieben unbeweglich sitzen; nur eine streckte hastig den Hals unter dem Flügel hervor, blickte spähend aus und barg dann geschäftig wieder den Schnabel im flaumigen Gefieders während eine andere ein kurzes leises Schnattern ausstieß, wobei ihr ganzer Körper ein wenig erzitterte. Wir scheuchten auch einen Reiher aus, der sich mit schwerfälliger Beinbewegung und unbeholfenem Flügelschlagen mühsam aus dem Gebüsch erhob. Fische schnalzten nirgends im Wasser auf – sie schliefen alle. Ich sing au, mich an die Empfindung des Fliegens zu gewöhnen und dieses sogar angenehm zu finden. Jeder, wer jemals im Traume geflogen, wird mich verstehen. Mit absonderlicher Aufmerksamkeit faßt’ ich das seltsame Wesen in’s Auge, welches solche Wunder an mir wirkte.
VII
Es war eine Frau mit einem kleinen, nicht russischem Gesichte. Dieses erinnerte in seinem feinen Gemisch von Hellgrau und Weiß mit weichen Schatten an alabasterne, inwendig beleuchtete Vasen. Und wiederum kam es mir bekannt vor.
– Kann man reden mit Dir? fragte ich.
– Rede nur.
– Ich gewahr’ einen Ring an Deinem Finger; Du scheinst auf Erden gelebt zu haben – warst Du verheirathet?
Ich hielt inne . . . es erfolgte keine Antwort.
– Wie heißest Du – oder vielmehr wie war Dein Name?
– Nenne mich Ellis.
– Alice! Das ist ein englischer Name! Bist Du eine Engländerin? Kanntest Du mich früher schon?
– Nein.
– Warum bist Du denn gerade mir erschienen?
– Ich liebe Dich.
– Und Du bist zufrieden?
– Ja; ich schwebe, ich kreise mit Dir in der reinen Luft umher!
– Ellis! sagte ich plötzlich – Du bist vielleicht eine Verbrecherin, eine gerichtete Seele?
Meine Gefährtin senkte ihr Haupt. – Ich verstehe Dich nicht, flüsterte sie.
– Ich beschwöre Dich im Namen Gottes, hub ich wieder an . . .
– Was sagst Du? murmelte sie verwundert. Ich verstehe Dich nicht.
Mir schien, als ob ihr Arm, der mich wie ein kalter Gürtel umschlang, sich leise bewegte.
– Fürchte Dich nicht, sagte Ellis, fürchte Dich nicht, mein Lieber! – Ihr Gesicht wandte sich und legte sich an das meine . . . Ihre Berührung erzeugte auf meinen Lippen eine seltsame Empfindung, wie von einem feinen, weichen Stachel.
VIII
Ich blickte unter mich und gewahrte, daß wir uns schon wieder zu einer beträchtlichen Höhe erhoben hatten. Wir flogen über eine unbekannte Stadt hin, welche sich auf dem Abhange eines breiten Hügels ausdehnte. Kirchen erhoben sich ans dunklen Massen von Holzdächern und Fruchtgärten; eine lange Brücke spannte sich finster über die Krümmung eines Flusses. Alles schwieg, wie im Banne des Schlafes. Selbst die Kuppeln und Kreuze glänzten in mattem, schläfrigen Glanze. Die weißliche Heerstraße schoß lautlos wie ein Pfeil in ein Ende der Stadt hinein und kam lautlos am entgegengesetzten Ende wieder zum Vorscheine in der dunklen Weite der einförmigen Felder.
– Was ist das für eine Stadt? fragte ich.
Meine Gefährtin nannte mir einen bekannten vaterländischen Namen.
– Da sind wir weit von Haus!
–– Für uns gibt es keine Entfernung.
– Wirklich nicht? So trage mich nach dem südlichen Amerika! rief ich mit plötzlichem kühnen Entschluß.
– Nach Amerika kann ich Dich nicht tragen. Dort ist es jetzt Tag.
– Ich begreife – wir sind blos Nachtvögel. Nun, so trag mich wohin Du kannst, nur etwas weiter.
– Schließ die Augen und athme nicht, antwortete Ellis – und wir flogen davon schnell wie die Windsbraut.
Mit erschütterndem Geräusch drang die Luft mir in die Ohren.
Wir hielten an, allein das Geräusch ließ nicht nach.
Im Gegentheil: es verwandelte sich in ein entsetzliches Brüllen, in ein donnergleiches Heulen . . .
– Jetzt kannst Du die Augen öffnen, sagte Ellis . . .
IX
Ich that nach ihren Worten . . . Himmel, wo war ich? Mir zu Häupten wogten schwere, rauchige Wollens sie drängten sich zusammen wie ein Heerde tückischer Ungeheuer . . . und unter mir, tief unten dort drohte ein anderes Ungeheuer: das grimmige, wirklich grimmige Meer . . . Der weiße Schaum blitzt und zischt krampfhaft auf seinen Wasserhügeln und ihre zottigen Wogen hocherhebend, schlägt die Flut mit lautschallendem Getöse gegen mächtige, pechschwarze Felsen. Das Sturmgeheul, der eisige Hauch des schwankenden Abgrundes, der schwerfällige Reigen der Brandung, aus welcher es bald herschallt wie wimmerndes Wehklagen, bald wie ferner Kauonendonner, bald wie Glockenklang – das Knirschen und Knarren der vom Sturm und Wellenschlag gepeitschten Kiesel am Strande, das plötzliche Schreien einer unsichtbaren Möve, am finstern Horizont das schwankende Skelett oder Wrack eines Schiffes – Alles dringt wirr auf mich ein . . . der Kopf beginnt mir zu schwindeln und auf’s Neue schließ’ ich die Augen.
– Was ist das? Wo sind wir?
– Am südlichen Ufer der Insel Wight, vor dem Felsen Blackgany, wo so oft die Schiffe zerschellen – erwiderte Ellis diesmal mit voller Deutlichkeit und, wie mir schien, nicht ohne Schadenfreude.
– Trag mich fort, fort von hier . . . nach Hause! nach Hause!
Ich zog mich ganz zusammen, preßte mein Gesicht in die Hände . . . Ich fühlte, daß wir noch schneller als vorher flogen; der Wind wimmerte und pfiff nicht blos mehr – er fuhr mir nur so heulend durch Haare und Kleider . . . mir war, als ob die Kehle sich mir zuschnürte . . .
– Stell Dich auf die Füße, ertönte Ellis’ Stimme.
Ich strengte mich an, mich zu beherrschen, das Bewußtsein wieder zu gewinnen . . . Ich fühlte festen Boden unter mir, aber hörte nichts . . . Alles schien ringsum wie ausgestorben . . . Das Blut stieg mir zu Kopfe, es sauste mir in den Ohren vor innerer Aufregung, ich war immer noch nicht schwindelfrei.
Ich richtete mich empor und öffnete die Augen.
X
Wir befanden uns auf dem Damme meines Teiches. Gerade vor mir, durch die spitzigen Blätter der Weiden erglänzte seine weite Fläche, theilweise übersponnen von flaumigem Nebel. Zur Rechten erschimmerte matt ein Roggenfeld; zur Linken erhoben sich die Bäume des Gartens, in langen Reihen, unbeweglich und feuchtglänzend . . . Der Hauch des Morgens berührte sie schon. Am reinen, grauen Himmel zogen sich, wie Streifen Rauchs, zwei oder drei wunderlich geformte Wolken hin; der erste schwache Glanz der Morgenröthe fiel auf sie und gab ihnen einen gelblichen Anflug. Die Morgenröthe selbst war noch unsichtbar; mein Auge konnte am bleichen Horizonte den Ort entdecken, wo sie erscheinen sollte. Die Sterne verschwanden; Nichts regte sich noch, obgleich Alles schon erwachte in der bezaubernden Stille der Morgendämmernng.
– Der Morgen bricht an! – rief Ellis mir dicht in’s Ohr . . . Lebwohl! Auf Wiedersehen morgen!
Ich wandte mich . . . Leicht von der Erde sich emporhebend schwebte sie an mir vorüber – und plötzlich erhob sie beide Hände über den Kopf. Dieser Kopf, diese Hände und Schultern erglühten plötzlich in einem warmen Fleischton; in den dunklen Augen sprühten lebendige Funken; ein geheimes Lächeln der Zärtlichkeit bewegte die erröthenden Lippen . . . Ich sah ein reizendes Weib vor mir . . . aber als ob sie in Ohnmacht fiele, schlug sie plötzlich zurück und zerfloß wie Dampf . . .
Ich blieb unbeweglich stehen.
Als ich wieder zur Besinnung kam und umherblickte, schien es mir, daß die warme Fleischfarbe, welche das Antlitz meiner Erscheinung umglühte, noch nicht verschwunden sei, sondern in der Lust zerfließend mich umgehe . . . Das war das Morgenroth. Mich überfiel jählings eine außerordentliche Müdigkeit und ich ging meinem Hause zu. An dem Vogelhofe vorüberkommend hörte ich das erste Morgenschnattern der jungen Gänse (kein Vogel erwacht früher als sie). Auf den Kanten der Dächer saßen eine Menge Dohlen, geschäftig, aber geräuschlos an sich herumschnäbelnd, um sich zu reinigen; scharf zeichneten sich ihre Umrisse am milchhellen Himmel ab. Zuweilen flatterten sie zusammen auf – dann, nach kurzem Fliegen, setzten sie sich wieder in langer Reihe hin, ohne zu krächzen . . . Aus dem nahen Gehölze erschallte zweimal der heisere morgenfrische Laut des Auerhahns, welcher eben in das thauige, Erdbeerendurchwachsene Gras heruntergeflogen war . . .
Von leisem Beben durchfröstelt erreichte ich mein Bett und lag bald in tiefem Schlafe.
XI
Als ich mich in der folgenden Nacht wieder auf den Weg machte zur alten Eiche, kam mir Ellis wie einem Bekannten entgegen. Statt mich vor ihr zu fürchten, wie gestern, freute ich mich beinahe über sie; ich dachte selbst nicht daran über das mit mir Vorgegangene Aufklärung zu verlangen; ich wollte nur weiter fliegen nach merkwürdigen Orten.
Ellis schlang ihren Arm um mich – und wir schwebten wieder davon.
– Nach Italien! flüsterte ich ihr in’s Ohr.
– Wohin Du willst, Geliebter, erwiderte sie feierlich und ruhig, und ruhig und feierlich kehrte sie mir ihr Antlitz zu. Es schien mir nicht so durchsichtig zu sein wie Nachts vorher; weiblicher und ernster im Ausdruck, erinnerte es mich an jenes herrliche Geschöpf, welches vor dem Scheiben beim Morgenglühen einen Augenblick vor mir erschien.
– Die heutige Nacht ist eine große Nacht, fuhr Ellis fort. Sie kommt nur selten – wenn sieben mal dreizehn . . .
Einige Worte konnte ich nicht mehr hören.
– In dieser Nacht kann man sehen, was sonst verhüllt bleibt.
– Ellis! rief ich, wer bist Du denn? sag’ mir’s doch endlich!
Schweigend erhob sie ihren langen weißen Arm.
Am dunklen Himmel, dort, wohin ihr Zeigefinger wies, zwischen kleinen Sternen, schimmerte mit röthlichem Schweif ein Komet.
– Wie soll ich Dich verstehen? hub ich wieder an. Oder schwebst Du – wie dieser Komet zwischen Planeten und Sonnen hindurchzieht – als ein Mittelding zwischen den Menschen und . . . welchen andern Wesen umher?
Aber Ellis’ Hand legte sich plötzlich auf meine Augen . . . wie weißer Nebel aus feuchter Ebene umfing es mich . . .
– Nach Italien! nach Italien! hört’ ich sie s flüstern. – Diese Nacht ist eine große Nacht!
XII
Der Nebel vor meinen Augen theilte sich, und ich sah unter mir eine endlose Ebene. Aber ans der warmen und weichen Luft, welche meine Wangen umfächelte, konnt’ ich entnehmen, dass ich nicht mehr in Rußland war; auch diese Ebene sah unsern russischen Ebenen nicht ähnlich. Es war das eine ungeheure trübe Fläche, augenscheinlich ohne Vegatation, ganz öde. Hier und da erglänzten, über die ganze Ausdehnung hin, wie Spiegelscherben, stehende Wasser; in der Ferne zeigten sich die unbestimmten Umrisse des nicht hörbaren und unbeweglichen Meeres. Aus den Zwischenräumen, welche die mächtigen, schönen Wolken ließen, erglänzten groß und hell die Sterne; ein tausendstimmiges, unaufhörliches, aber nicht lautes Trillern erscholl von allen Seiten – und einen wunderbaren Eindruck machte dieses durchdringende und doch schläfrige Getöse, diese nächtliche Stimme der Wüste . . .
– Das sind die pontinischen Sümpfe, flüsterte Ellis – Hörst Du die Frösche? Riechst Du die Schwefeldünste?
– Die pontinischen Sümpfe . . . wiederholte ich, und ein Gefühl großartiger Traurigkeit überkam mich. – Aber warum hast Du mich hierher gebracht, in dieses traurige, verworfene Land? Fliegen wir lieber nach Rom.
– Rom ist nahe, antwortete Ellis . . . Mach Dich bereit!
Wir erhoben uns und flogen die alte Römerstraße entlang. Ein Büffel erhob langsam aus dem schlammigen Moor seinen zottigen, ungeheuerlichen Kopf, mit den kurzen, borstigen Schöpfen zwischen den schief zurückgebogenen Hörnern. Er zeigte das Weiße seiner stumpfsinnig bösen Augen und schnaubte, schwer mit den feuchten Nasenlöchern, gleich als ob er uns röche.
– Rom, Rom ist nahe . . . flüsterte Ellis. – Schau vorwärts, vorwärts . . .
Ich erhob die Augen.
Was dunkelt dort am Saume des nächtlichen Himmels? Sind das die Bogen einer kolossalen Brücke? Ueber welchen Strom führt sie? Warum ist sie stellenweise unterbrochen? Nein, das ist keine Brücke, sondern eine alte Wasserleitung. Rings dehnt sich der geheiligte Boden der Campagna aus; dort fern erheben sich die Albanischen Berge – ihre Gipfel und der graue Rücken der alten Wasserleitung erglänzen matt in den Strahlen des eben erst aufgehenden Mondes . . .
Plötzlich schwangen wir uns hoch durch die Luft und blieben schweben vor einer einsamen Ruine. Niemand vermöchte zu sagen was sie früher war: ein Grabmal, ein Palast oder Thurm . . . Dunkler Epheu umramte sie mit all seiner tödtlichen Gewalt – unten aber gähnte wie ein Nachen ein halbeingefallenes Gewölbe. Schwerer Grabesgeruch wehete mir aus der Brust dieser kleinen, dicht zusammengefügten Steine entgegen, mit welchen die marmorne Bekleidung der Mauer längst abgebröckelt war.
– Hier, rief Ellis und erhob die Hand: Hier! – Sprich laut, dreimal nach einander den Namen eines großen Römers aus.
– Was wird dann geschehen?
– Das wirst Du sehen.
Ich dachte ein wenig nach. – Divus Cajus Julius Caesar! rief ich plötzlich. Divus Cajus Julius Caesar! wiederholte ich gedehnt; – Caesar!
XIII
Die letzten Klänge meiner Stimme waren kaum verhallt, als ich vernahm . . .
Es ist schwer genau zu beschreiben was ich hörte. Anfangs klang es wie dumpfes, dem Ohr kaum vernehmbares, aber sich immer wiederholendes Drommetengesehmetter und Händeklatschen. Es war, als ob irgendwo, in grauer Ferne, in bodenloser Tiefe plötzlich eine zahllose Menschenmenge sich in Bewegung setzte – und aufsteigend, vordrängend, durcheinander woge, sich untereinander zurufe, kaum hörbar wie im Traume, nach tiefem, vieljahrhundertlangem Schlafe. Dann wirbelte und dunkelte die Luft über dem Abgrunde . . . Undeutlich tauchten vor mir in der Ferne Myriaden Schatten aus, Millionen Umrisse, da abgerundet wie Helme, dort spitz aufstarrend wie Spieße; die Strahlen des Mondes stoben wie schnellverglimmende bläuliche Funken auf diesen Spießen und Helmen umher – und diese ganze Heerschaar, diese wogende Masse bewegte sich näher und näher, immer wachsend und anschwellend . . . Eine unbeschreibliche Anstrengung trieb sie vorwärts, eine Anstrengung, als ob sie sich stark genug fühlten die ganze Welt aus den Fugen zu heben; aber keine Gestalt war deutlich zu erkennen . . . Und plötzlich erschien es mir, als geschehe ein Zittern und Beben weitum, als ob gewaltige Wogen zurückprallend sich theilten . . . Caesar, Caesar venit!« erschollen Stimmen, ähnlich dem Rauschen der Blätter, durch welche jählings der Sturm braust . . . ein dumpfer Schlag erdröhnte, und ein bleiches, strenges Haupt, mit einem Lorbeerkranze, die Augenlider gesenkt, das Haupt des Imperators erhob sich langsam aus dem Abgrunde . . .
Die Sprache hat keinen Ausdruck für den Schrecken, der mir bei diesem Anblick das Herz zusammenschnürte.
Mir war es als ob ich aus der Stelle sterben müßte, wenn dieser Kopf seine Augen ausschlüge, seine Lippen öffnete.
– Ellis! stöhnte ich – ich will, ich mag nicht länger weilen, ich mag dieses Rom, dieses rauhe, furchtbare Rom nicht . . . fort, fort von hier!
– Kleinmüthiger! flüsterte sie – und wir flogen weiter. Ich hörte noch hinter mir den eisern dröhnenden, diesmal lauten Ruf der Legionen . . . dann wurde Alles finster und still.
XIV
– Sieh Dich um – sagte Ellis – und beruhige Dich.
Ich gehorchte – und, ich erinnere mich: der erste Eindruck war so süß, daß ich nur seufzen konnte. Ein bläulich rauchfarbiges, silbernweiches Etwas – es war weder Licht noch Nebel – umhüllte mich von allen Seiten. Anfangs unterschied ich nichts; mich blendete dieser himmelblaue Glanz – aber nach und nach traten die Umrisse prächtiger Berge und Wälder hervor; ein See wogte unter mir mit in der Tiefe zitternden Sternen, mit dem schmeichelnden Rauschen der Brandung. Orangenduft drang mir entgegen wie eine Welle und mit ihm zugleich kamen an mein Ohr die reinen Töne einer jugendlich weiblichen Stimme. Dieser Duft, diese Töne zogen mich nur so zur Erde, und ich fing an herunterzuschweben, herunter einem prachtvollen marmornen Schlosse zu, welches gastlich einladend zwischen Cypressenhainen schimmerte. Die Töne stoßen aus seinen weitgeöffneten Fenstern; die Wogen des Sees, mit Blumenstaub übersäet, plätscherten an seine Mauern – und gerade gegenüber, ganz umkleidet vom dunklen Grün der Pomeranzen und Lorbeerbäume, ganz umflossen von glänzendem Duft, ganz übersäet mit Statuen, edelgeformten Säulen und Tempelhallen, erhob sich aus dem Schoße des Wassers eine hohe, runde Insel . . .
– Isola Bella! sagte Ellis . . . Lago Maggiore . . .
Ich erwiderte nur: Ah! und fuhr fort mich herabzulassen. Die weibliche Stimme ertönte immer lauter, immer heller im Schlosses unwiderstehlich zog es mich hin zu ihr; ich wollte in das Antlitz der Sängerin sehen, welche solche Nacht durch solche Töne beseelte. Wir hielten vor dem Fenster an. In der Mitte des Zimmers, welches im pompejanischen Geschmack eingerichtet war und überhaupt mehr einer antiken Halle als einem modernen Salon ähnlich sah, umringt von griechischen Bildsäulen, etruskischen Vasen, seltenen Gewächsen, Geweben, von oben beleuchtet durch die sanften Strahlen zweier Lampen in kristallenen Kugeln – saß am Flügel eine junge Frau. Den Kopf leicht zurückgebogen und die Augen halbgeschlossen, sang sie eine italienische Arie; sie sang und lächelte – Sie lächelte . . . und der Faun des Praxiteles, träge, jung wie sie, verzärtelt, wollüstig, schien ihr entgegenzulächeln aus seiner Ecke, hinter den Zweigen des Oleander her, durch den feinen Rauch, der aus dein bronzenen Räucherfaß, auf alterthümlichem Dreifuß ruhend, sich erhob. Die junge Schöne war allein. Bezaubert von den Tönen, der Schönheit, dem Glanze und Wohlgeruche der Nacht, bis in’s innerste Herz bewegt von dem Schauspiel dieses jungen, friedlichen, lichten Glücks, vergaß ich gänzlich meine Gefährtin, vergaß in welcher wundersamen Weise ich Zeuge dieses mir so fernen, so fremdartigen Lebens geworden – und ich wollte mich schon der Sängerin nähern, sie anreden . . .
Plötzlich erdröhnte mein ganzer Körper von einem heftigen Stoße. Ich sah mich um . . . Ellis’ Gesicht war – bei all seiner Durchsichtigkeit – finster und drohend; in ihren jäh aufgeschlagenen Augen brannte unheimliche Bosheit . . .
– Fort! flüsterte sie ingrimmig, und wieder spürt’ ich Wirbelwind, Finsterniß und Schwindel . . . Nur klang mir diesmal nicht der Ruf der Legionen, sondern die Stimme der Sängerin, auf einer hohen Note aushaltend, in den Ohren nach . . .
Wir hielten an. Dieselbe Note klang immer noch fort, ich konnte ganz deutlich wahrnehmen, daß es dieselbe war, obgleich ich eine ganz andere Luft, einen ganz anderen Geruch um mich spürte . . . Mich umwehete eine stärkende Frische, wie von einem großen Strome kommend – und es roch nach Heu, Rauch, Hanf. Einer langgedehnten Note folgte eine zweite, dann eine dritte, aber mit so unzweifelhafter Schattirung, mit so bekannten, heimathlichen Läufen, daß ich mir gleich sagte: »Das ist ein Russe, der ein russisches Lied singt« – und in demselben Augenblick wurde Alles um mich hell.
XV
Wir befanden uns an einem flachen Ufer. Zur Linken dehnten sich in endloser Weite abgemähte Wiesen aus, mit hochaufgeschichteten Heuhaufen; zur Rechten zog sich in ebenso endloser Weite der glatte Spiegel des wasserreichen Stromes hin. Unfern des Ufers wiegten sich große, dunkle, vor Anker liegende Barken leise hin und her, ihre schlank zugespitzten Masten wie Zeigefinger bewegend. Aus einer dieser Barken drangen zu mir die Töne einer klangvollen Stimme herüber und es flackerte darin ein kleines Feuer, dessen langer, rother Wiederschein sich zitternd im Wasser spiegelte. Hin und wieder, sowohl auf dem Wasser wie auf dem Felde, aber nicht deutlich zu unterscheiden, ob nah oder fern, schimmerten andere kleine Feuer, bald scheinbar verschwindend, bald wieder große Strahlen schießend; die zahllosen Grashüpfer mit ihrem unaufhörlichen Geschwirre machten einen Lärm, der dem Gequäcke der Frösche in den pontinischen Sümpfen nichts nachgab – und unter dem wolkenlosen, aber tiefhängenden, dunkeln Himmelsgewölbe schrieen hin und wieder Vögel, die sich den Blicken entzogen.
– Wir sind in Rußland? fragte ich Ellis.
– Dies ist die Wolga, antwortete sie.
Wir schwebten das Ufer entlang. – Warum hast Du mich hinweggetragen von dort, ans jenem herrlichen Lande? fragte ich. – Mißgönntest Du mir mein Glück, oder ist nicht die Eifersucht in Dir erwacht.«
Die Lippen Ellis’ erzitterten leise und in ihren Augen funkelte wieder der Zorn, aber bald nahm ihr Gesicht auf’s Neue den Ausdruck völliger Starrheit an.
– Mich verlangt nach Hause, sagte ich.
– Wart, wart, erwiderte Ellis. – Die heutige Nacht – ist eine große Nacht. Sie kehrt sobald nicht wieder. Du kannst Zeuge sein . . . warte noch! – Und wir flogen plötzlich über die Wolga, in schräger Richtung dicht über die Wasserfläche hin, niedrig und stoßweise, wie die Schwalben vor dem Gewitter. Breite Wellen leuchten schwer unter uns, der schneidende Stromwind schlug uns mit seinem kalten, kräftigen Flügel . . . Das hohe rechte Ufer begann sich im Halbdunkel vor uns zu erheben. Es zeigten sich uns steile Berge mit mächtigen Spalten und Rissen. Wir näherten uns ihnen.
– Ruf: Sarin Nakischko! flüsterte Ellis mir zu.
Ich erinnerte mich des Grausens, das über mich kam beim Erscheinen der römischen Legionen, ich fühlte eine Müdigkeit und eine seltsame Wehmuth, das Herz schmolz mir gleichsam in der Brust – ich wollte die verhängnißvollen Worte nicht aussprechen, ich wußte vorher, daß auf meinen Ruf (wie in der Wolfsschlucht des »Freischütz«) etwas Ungeheuerliches erscheinen werde – allein meine Lippen öffneten sich gegen meinen Willen und, ebenfalls gegen meinen Willen, rief ich mit schwacher, angestrengter Stimme: Sarin Nakischko!1
XVI
Erst blieb Alles still, gerade wie damals vor der römischen Vision – aber plötzlich schlug an meine Ohren ein ganz nahes rohes, bäurisches Gelächter – und irgend ein Körper fiel stöhnend in’s Wasser und fing an zu glucksen . . . Ich schaute mich um nirgends war etwas zu sehen – aber vom Ufer sprang das Echo zurück; und zu gleicher Zeit erhob sich jählings von allen Seiten ein betäubender Lärm. Was scholl Alles in diesem Chaos von Tönen durcheinander! Schreien und Wimmern, wüthendes Schimpfen und maßloses Lachen (dieses Lachen übertönte Alles), Ruder- und Beilschläge, ein Krachen wie von gesprengten Thüren und aufgebrochenen Koffern, Knarren von Takelwerk und Rädern, Hufschlag rennender Pferde, Sturmläuten und Kettengerassel, das dumpfe Tosen, Knistern und Brausen einer Feuersbrunst, das Singen Betrunkener und wirrer Wortstreit, trostloses Weinen, jammervolles Flehen Verzweifelnder – und befehlende Rufe, das Röcheln Sterbender und keckes Pfeifen, Kreischen und Stampfen Tanzender . . . »Schlag ihn todt! Hängt ihn! Ersäuft ihn! Schlag ihm den Kopf ab! Gleich! Gleich! So recht! Kein Mitleid!« – Diese Worte konnt ich deutlich hören – ich hörte sogar das stoßweiße, heftige Athmen der Erschöpften – und inzwischen war ringsum, soweit die Augen reichten, nichts zu sehen, nichts hatte sich verändert: der Strom floß dicht an uns vorüber, geheimnißvoll, fast drohend; selbst das Ufer sah noch öder und verwildeter aus als früher – das war Alles.
Ich wandte mich um zu Ellis, aber sie legte den Finger an die Lippen . . .
– Stephan Timoféitsch!2 Stephan Timoféitsch kommt! – erscholl es ringsum – unser Väterchen kommt, unser Ataman, unser Ernährer! – Erst sah ich so wenig wie vorher, dann schien es mir ich fühlte, als ob eine mächtige Gestalt sich gerade auf mich zu bewege. . . – Frolka! wo bist Du, Hund? – erdröhnte eine fürchterliche Stimme . . . Zünde an von allen Seiten – unter das Beil mit den Weißhändigen!
Mich berührte es wie die Glut einer nahen Flamme, ein bitter-brandiger Geruch drang mir in die Nase, und in demselben Augenblicke spritzte mir etwas Warmes, wie Blut, in’s Gesicht und auf die Hände . . . Ringsum gellte ein wildes Lachen . . .
Ich verlor das Bewußtsein – und als ich wieder zu mir kam, schwebt’ ich mit Ellis den bekannten Saum meines Waldes entlang, gerade auf die alte Eiche zu . . .
– Siehst Du den Weg? sagte Ellis . . . Dort wo der Mond trübe scheint und die zwei Birken stehen? . . . Willst Du dorthin?
Ich fühlte mich so zerschlagen und erschöpft, daß ich zur Antwort nichts murmeln konnte, als: »Nach Hause . . . nach Hause.«
– Du bist zu Hause, entgegnete Ellis.
Ich stand in der That gerade vor der Thüre s meines Hauses – allein. Ellis war verschwunden. Der herbeigelaufene Hofhund umschnüffelte und betrachtete mich argwöhnisch – und lief dann bellend wieder davon.
Ich schleppte mich mit Mühe an’s Bett, und schlief unausgekleidet ein.
XVII
Am folgenden Morgen hatte ich Kopfschmerz und konnte kaum auf den Füßen stehen; doch beachtete ich meine körperlichen Zustände wenig: die Reue zernagte mich, ich erstickte vor Aerger.
, Ich war im höchsten Grade mit mir unzufrieden.
»Kleinmüthiger! – wiederholt’ ich mir unaufhörlich: ja – Ellis hatte Recht.
Weshalb fürchtete ich mich?« Wie konnt’ ich nur solche Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lassen! . . . Ich hätte Cäsar selbst sehen können und ich kam um vor Furcht, zitterte und scheute zurück wie ein Kind vor der Ruthe. Stenko Rasin das war freilich etwas ganz Anderes. Als Edelmann und Landbesitzer. Uebrigens, warum blieb ich auch dabei nicht ohne furchtsame Anwandlungen? Kleinmüthiger! Kleinmüthiger! . . .
– »Aber hab’ ich das Alles nicht etwa blos im Traume gesehen,« fragte ich mich endlich. Ich rief meine Haushälterin.
Marfa, um welche Stunde hab’ ich mich gestern schlafen gelegt? Erinnerst Du Dich wohl?
– Ja, wer kennt sich bei Dir aus, mein Ernährer . . . Es war schon spät. In der Dämmerung bist Du fortgegangen von Haus; aber es war schon nach Mitternacht als ich das Schallen Deiner Stiefelabsätze im Schlafzimmer hörte. Es ging schon stark auf den Morgen zu – wahrhaftig. In der vorhergehenden Nacht war’s ebenso. Dich haben gewiß Sorgen umhergetrieben.
– Also – dachte ich – unterliegt mein Fliegen wirklich keinem Zweifel! Nun, wie seh’ ich denn heute aus? fügte ich laut hinzu.
– Wie Du heute aussiehst? Wart, ich werde Dich genauer betrachten. Du bist ein wenig abgemagert und bleich geworden, mein Ernährer: es ist als hättest Du auch nicht Einen Tropfen Bluts im Gesichte.
Mich schauderte ein wenig bei diesen Worten . . . Ich entließ Marfa.
»Das ist zum Sterben oder – um den Verstand zu verlieren,« sagte ich zu mir selbst, nachdenklich am Fenster sitzend. »Das kann und darf so nicht fortdauern. Das ist gefährlich. Und wie mir das Herz! so seltsam schlägt! Wenn ich fliege, ist es mir immer als ob Jemand mir am Herzen sauge, oder als ob etwas herausträufle, etwa wie im Frühling der Saft aus den Birken, wenn ein Beilhieb sie trifft, oder ein Loch hineingebohrt wird. Das ist traurig und geht nicht mit rechten Dingen zu. Und nun gar Ellis! Sie spielt mit mir wie die Katze mit der Maus . . . übrigens wird sie es kaum böse mit mir meinen. Ich werde mich ihr zum letztenmal anvertrauen und mich satt sehen. Wenn sie aber mein Blut trinkt? Das wäre fürchterlich. Außerdem kann dieses so rasche Schweden von einem Orte zum andern nicht unschädlich sein. Sagt man doch, daß es in England verboten sei, mehr als Werste auf der Eisenbahn in einer Stunde zurückzulegen . . .«
So grübelte ich für mich hin und her – allein in der zehnten Stunde Abends stand ich schon wieder vor der alten Eiche.
XVIII
Die Nacht war düster, kalt und feucht; in der Luft roch es nach Regen. Ich war erstaunt, Niemand unter der Eiche zu finden; ich umschritt sie einige Male, ging bis dicht zum Saume des Waldes, ließ die Augen spähend durch das Dunkel umherschweifen . . . Alles war öde. Ich wartete ein wenig, dann rief ich einige Male hintereinander Ellis, immer lauter und lauter . . . allein sie erschien nicht. Mir wurde traurig zu Muthe, ich fühlte mich wie gekränkt; alle meine früheren Befürchtungen waren verschwunden; ich konnte mich in den Gedanken nicht finden, daß meine geheimnißvolle Gefährtin nicht zu mir zurückkehren werde.
– Ellis! Ellis! Komm! Wär es möglich, daß Du nicht wieder zu mir kämest? rief ich zum letzten Male.
Ein Rabe, den mein Rufen geweckt hatte, schwang sich plötzlich in den Gipfel des benachbarten Baumes und schlug heftig mit den Flügeln, sich in den Zweigen verwirrend . . . Aber Ellis erschien nicht.
Mit gesenktem Haupte machte ich mich auf den Weg nach Hause. Vor mir dunkelten schon die Weiden auf dem Damme des Teiches, und das Licht in meinem Zimmer glitzerte zwischen den Apfelbäumen des Gartens, es glitzerte und verbarg sich abwechselnd wie ein über mich wachendes Menschenauge – da plötzlich vernahm ich ein feines Pfeifen hinter mit in der schneidenden Luft, und fühlte mich mit Einemmale von oben bis unten umfaßt und umschlungen . . . So packt der Bienenfalke mit den Klauen eine Wachtel, auf die er gestoßen . . . Ellis war es, die sich so an mich geschwungen hatte. Ich fühlte ihre Wange an meiner Wange, den Ring ihres Arm’s um mich geschlungen, und wie ein scharfer, kalter Luftzug drang mir ihr Geflüster in’s Ohr: »Da bin ich auch.« Furcht und Freude bewegten mich zu gleicher Zeit . . Wir erhoben uns nur wenig über die Erde.
– Du wolltest heute nicht kommen? fragte ich.
– Und hast Du Dich wirklich nach mir gesehnt? Liebst Du mich? O Du bist mein!
Ellis’ letzte Worte beunruhigten mich . . . Ich wußte nicht was ich sagen sollte.
– Man hat mich zurückgehalten – fuhr sie fort – man hat mich bewacht.
– Wer kann Dich zurückhalten?
– Wohin willst Du? fragte Ellis, wie gewöhnlich auf meine Frage nicht antwortend.
– Trag mich nach Italien, auf jene Insel – Du erinnerst Dich?
Ellis bog sich leicht zurück und schüttelte abweisend den Kopf.
Da bemerkte ich zum Erstenmale, daß sie aufgehört hatte durchsichtig zu sein. Und es kam mir vor, als sei ihr Gesicht körperlicher und lebensvoller geworden. Ueber das neblige Weiß hatte sich in seiner Schattirung eine helle Röthe ergossen. Ich sah ihr in die Augen, und es überrieselte mich: in diesen Augen bewegte sich etwas, langsam, aber ununterbrochen, unheimlich – der Bewegung einer erstarrten Schlange ähnlich, welche in der Sonne wieder warm wird.
– Ellis! rief ich; wer bist Du? Sag mir, wer bist Du?
Sie zuckte blos die Achsel.
7 Ich wurde ärgerlich – ich wollte mich an ihr rächen, – und plötzlich fuhr es mir durch den Kopf ihr zu befehlen mich geradeswegs nach Paris zu tragen. Da wird Nahrung für Deine Eifersucht sein – dachte ich. – Ellis! sprach ich laut: Fürchtest Du die großen Städte nicht? Paris, zum Beispiele?
– Nein.
– Nicht? Auch die Plätze nicht, wo es so hell ist wie auf den Boulevard?
– Das ist kein Tageslicht.
– Vortrefflich! So trag mich gleich auf den Boulevard des Italiens!
Ellis warf mir das Ende ihres langherabhängenden Aermels über den Kopf. Sogleich umgab mich eine Art lichten Dunkels, mit einschläferndem Mohnduft. Alles verschwand mit Einemmale: jedes Licht,· jeder Ton – und bis aus ein Geringes auch das Selbstbewußtsein. Nur ein allgemeines Gefühl des Lebens blieb zurück – und das war durchaus nicht unangenehm.
Plötzlich verschwand die Finsterniß; Ellis nahm mir den Aermel vom Kopfe und ich erblickte unter mir ein Labyrinth von Gebäuden, voll Glanz, Leben und Lärm . . . Ich sah Paris.
XIX
– Ich war früher schon öfter in Paris gewesen und erkannte deshalb auf der Stelle den Ort wohin Ellis ihren Flug genommen hatte. Es war der Tuileriengarten, mit seinen alten Kastanienbäumen, eisernen Gittern, festungsähnlichem Aussehen und mit seinen thierähnlichen Zuaven als Wachen. Vorüberschwebend an dem Schlosse, vorüberschwebend an der Kirche St. Roq, auf deren Stufen der erste Napoleon zum Erstenmale französischer Blut vergoß, hielten wir hoch über dem Boulevard des Italiens an, wo der dritte Napoleon nach dem Beispiele des ersten handelte, und mit gleichem Erfolge. Haufen Volkes, junge und alte Stutzer, Blousenmänner, Frauen in prächtigen Kleidern drängten sich durcheinander; vergoldete Restaurants und Cafes erschimmerten lichterhell; Omnibusse, Wagen jeder Art und jeden Ansehens rollten den Boulevard entlang; ein buntes Schimmern, Lärmen und Drängen überall wohin das Auge schweifte . . . Aber seltsam! ich führte nicht das mindeste Verlangen, meine reine, dunkle, lustige Höhe zu verlassen, um mich diesem menschlichen Ameisenhaufen zu nähern. Es schien als ob ein heißer, schwerer, betäubender Dunst von dort aufstiege, weder gerade wohlriechend, noch widerwärtig. Ich schwankte . . . da plötzlich drang schrill wie das Klirren von Eisenstangen die Stimme einer Straßenlorette zu mir herauf; wie eine freche Zunge streckte sich mir gleichsam diese Stimme entgegen; sie berührte mich wie der Stachel irgendwelchen Ungeziefers. Ich stellte mir danach sofort ein steinernes, starkbackenknochiges, gieriges, gemeines Pariser Gesicht vor, wuchernde Augen, weiße und rothe Schminke, hochtoupirtes Haar und ein Bouquet heller künstlicher Blumen unter dem zugespitzten Hute, abgeschabte Nägel wie Krallen, eine unförmliche Krinoline . . . Ich stellte mir zu gleicher Zeit auch unsern Bruder aus der Steppe vor, wie er der feilen Puppe auf Schritt und Tritt folgt . . . Ich stellte ihn mir vor, wie er, seine äußerste Confusion unter dem Anschein der Grobheit bergend, gewaltsam schnarrend beim Sprechen, die Manieren eines Pariser Gercon nachzuahmen sucht, wie er pfeift, grunzend lächelt, schmeichelt, und schwänzelt – und ein Gefühl des Ekels überkam mich . . . »Nein,« dachte ich, »hier wird Ellis nicht eifersüchtig werden . . .«
Inzwischen bemerkt’ ich, daß wir uns allmählig der Erde mehr näherten . . . Paris kam uns mit all seinem Lärm und Qualm entgegen . . .
– Halt! wandte ich mich zu Ellis. Es ist unmöglich, daß es Dir hier nicht schwül und übel zu Muthe wird.
– Du hast mich selbst gebeten, Dich hierher zu tragen.
– Ich gesteh’ es Dir, die Schuld liegt an mir, ich nehme mein Wort zurück. Trag mich fort von hier, Ellis, ich bitte Dich. Sieh nur – wahrhaftig, da hinkt auch der Fürst Kulmametow auf dem Boulevard herum, und sein Freund Sergius Waraxin winkt ihm mit der Hand und ruft: Iwan Stepanitsch, allons souper! j’ai engagé Rigolboche selbst!l« Trag mich schnell hinweg von diesen Mabile– und Maison dorée, von diesem Jockeyclub und Figaro, von diesen rasirten Soldatenstirnen und übertünchten Kasernen, von diesen sergeants de ville mit ihren Knebelbärten und Gläsern trüben Absynths, von diesem Dominospiel in den Cafés und dem Spiel an der Börse, von diesen rothen Bändchen, die nicht blos im Knopfloche der Fracks und Röcke, sondern sogar im Knopfloche des Ueberrocks schimmern, von Monsieur de Foua, dem Erfinder »de la spécialité du mirage« und von den Gratis-Consultationen des Dr. Charles Albert, von den liberalen Vorlesungen und den officiellen Brochüren, von den Pariser Komödien und Pariser Opern, von dem Pariser Witz und der Pariser Unwissenheit . . . fort! fort! Fort!
– Blick nieder, antwortete Ellis: Du bist schon nicht mehr über Paris.
Ich senkte das Auge . . . richtig: Eine dunkele Ebene, hier und da von hellen Wegfluren durchschnitten, dehnte sich unter uns, und nur hinten am Horizonte, der Röthe einer ungeheuern Feuersbrunst ähnlich, glänzte der Wiederschein der zahllosen Lichter der Hauptstadt der Welt.
XX
Wieder fiel eine Hülle über meine Augen . . . wieder verlor ich das Bewußtsein. Endlich sank die Hülle.
Was seh’ ich dort unter mir? Was für ein Park ist das mit zugestutzten Lindenalleen, mit abgerundeten Rothtannen wie Sonnenschirme, mit Säulenhallen und Tempeln im Pompadour-Geschmacke, mit Bildsäulen von Satyrn und Nymphen aus der Schule Bernini’s, mit Rococo-Tritonen in der Mitte gewundener Teiche, mit diesen verzierten niedrigen Geländern aus geschwärztem Marmor? Ist das nicht Versailles? Nein, es ist nicht Versailles. Ein kleines Schloß, ebenfalls Rococo, lugt dort hinter der Menge krauser Eichen hervor. Der Mond scheint trübe, von Dünsten verhüllt, und auch über der Erde ein feiner Dampf ausgebreitet. Das Auge vermag nicht zu unterscheiden, ob es Mondschein oder Nebel ist, was sich da zeigt. Dort auf einem der Teiche schläft ein Schwan; sein langer Rücken schimmert wie gefrorener Steppenschnee, und dort funkeln Leuchtwürmchen wie Diamanten im bläulichen Schatten zu Füßen der Statuen.
– Wir sind in der Nähe von Mannheim, sagte Ellis: – das da ist der Schwetzinger Garten.
– So sind wir in Deutschlands dachte ich und fing an zu lauschen. Alles war still; nur von einer Seite her, einsam und unsichtbar, plätscherte eine Quelle. Es war, als ob sie immer ein und dasselbe Wort wiederholte: »Ja, ja, immer ja!l« Und plötzlich schien es mir, als ob gerade in der Mitte einer der Alleen, zwischen Mauern beschnittenen Grüns, ein Kavalier auf hohen, rothen Absätzen, in goldgesticktem Gewande und mit gekräuselten Manschetten, einen leichten Stahldegen an der Seite, einherschreitend, einer Dame mit gepuderter Thurmfrisur und Schönpflästerchen geziert, die Hand reiche . . . Seltsame, bleiche Gesichter! . . . Ich will sie mir näher ansehen – aber sie sind schon verschwunden. Nur das Wasser plätschert weiter in seiner einförmigen Weise.
– Das sind Träume, die dort umgehen, flüsterte Ellis – gestern waren ihrer viele zu sehen . . . viele. Heute lassen sich kaum diese Träume noch von dem menschlichen Auge sehen, Vorwärts! vorwärts! Wir schwangen uns höher empor und flogen weiter. So eben und gleichmäßig war unser Flug, daß es schien, als ob wir uns selbst nicht bewegten, sondern umgekehrt Alles sich uns entgegen bewegte. Dunkle, wogenförmig geschwungene waldbedeckte Berge tauchten auf; sie wuchsen und streckten sich zu uns empor. Da sehen wir sie schon dicht unter uns mit all ihren Krümmungen, Wendungen, Einschnitten, schmalen Wiesen, mit Feuerpunkten in den schlummernden Dörfern und raschen Bächen in den Thalgründen; aber vorn tauchen wieder andere Berge auf . . . Wir sind im Herzen des Schwarzwaldes.
Berge, lauter Berge . . . und Waldung, prächtige, alte, mächtige Waldung. Der nächtliche Himmel ist klar: ich kann jede Art von Bäumen unterscheiden, besonders die majestätischen Silbertannen mit ihren weißen, schlanken Schäften. Hier und da am Saume der Waldung zeigen sich Rehe; zierlich und leicht stehen sie da auf ihren dünnen Beinen, allerliebst die Köpfe drehend und ihre großen rohrförmigen Ohren aufrichtend. Die Ruinen eines Thurmes strecken traurig vom Gipfel eines nackten Felsen ihre halbzertrümmerten Zacken empor; über dem alten, verwitterten Gemäuer schimmern jetzt friedlich die goldenen Sterne. Von einem kleinen, beinahe schwarzen See erschaut, wie eine geheimnißvolle Klage, stöhnender Unkenruf. Noch andere, langgezogene, wehmüthige Laute, den Tönen der Aeolsharfe gleich, klangen in mein Ohr . . . Da ist es, das wundersame Land der Sagen! Derselbe feingewobene Mondnebel, der mich in Schwetzingen umwallte, fließt hier überall, und je weiter die Berge sich erstrecken, desto dichter wird er. Ich kann fünf – sechs – zehn verschiedene Abstufungen, Töne und Schattirungen des Schattens auf den Vorsprüngen der Berge unterscheiden und über all dieser schweigenden Abwechselung herrscht träumerisch der Mond. Die Luft weht lind und leise. Es wird mir selbst lind und leicht zu Muth . . .
– Ellis! Du liebst gewiß dieses Land?
– Ich liebe Nichts!
– Wie so? Aber mich doch?
– Ja, Dich! antwortete sie gleichmülthig.
Es schien mir, daß ihr Arm mich enger als vorher umschlinge.
– Vorwärts! Vorwärts! rief Ellis mit zugleich hinreißendem und kalten Ausdruck.
XXI
Ein starkes, schillerndes, weithin tönendes Geschrei erschallte plötzlich über uns und wiederholte sich dann sofort schon ein wenig vor uns.
– Das sind verspätete Kraniche, die zu uns nach dem Norden fliegen, sagte Ellis; – willst Du Dich ihnen anschließen?
– Ja, ja! Wir wollen mit ihnen fliegen.
Wir erhoben uns und befanden uns im Augenblick in gleicher Reihe mit dem fliegenden Schwarm.
Die starken schönen Vögel (es waren ihrer dreizehn) flogen im Dreieck, nur selten mächtig mit den gewölbten Flügeln die Luft durchschneidend Steif streckten sie den Kopf und die Beine, gleichmäßig hielten sie die Brust vor, sie flogen unaufhaltsam und mit so stürmischer Schnelligkeit, daß die Luft umher pfiff. Wundersam war es, in solcher Höhe, in solcher Entfernung von allem Lebendigen solch ein glühendes, kräftiges Leben, solch unbeugsamen Willen zu sehen. Ohne Rast und Ruhe, siegreich den Raum durchschneidend, wechselten die Kraniche doch hin und wieder bedeutungsvolle Laute mit ihrem voranfliegenden Genossen, ihrem Führer, und es lag etwas Stolzes, Wichtiges, gleichsam der Ausdruck eines unerschütterlichen Selbstvertrauens in diesen grellen Lauten, in dieser lustigen Unterhaltung – »Wir werden ankommen, wie es auch sei, obgleich voll Mühe!« schienen sie zu sagen, einander ermuthigend. Und da fuhr mir’s durch den Kopf, daß in Rußland – ja was sage ich? in der ganzen Welt sehr wenig Menschen vom Schlage dieser Vögel zu finden sein dürften.
– Wir fliegen jetzt nach Rußland! flüsterte Ellis . . . Ich bemerkte hierbei nicht zum Erstenmale, daß sie beinah immer wußte, woran ich dachte. – Willst Du umkehren? fuhr sie fort. «
– Kehren wir um . . . oder auch nicht. Ich war in Paris; trag mich nach Petersburg.
– Jetzt?
– Sogleich . . . Nur verhülle mir den Kopf mit Deinem Aermel, sonst wird mir’s übel.
Ellis erhob ihren Arm . . . aber bevor mich noch das Dunkel wieder umfing, spürte ich auf meinen Lippen die Berührung jenes weichen stumpfen Stachels . . .
XXII
Aufgepaßt!3 erschallte in meinen Ohren ein gedehnter Ruf. – Aufgepaßt! erschallt’ es wie verzweiflungsvoll aus der Ferne zurück. Aufgepaßt! schien es irgendwo in der weitesten Ferne zu ersterben. Ich schüttelte mich. Eine hohe goldene Nabel fiel mir in die Augen; ich erkannte die Festung Petropawlowsk.
Nordische bleiche Nacht! Ist dieß auch eine Nacht zu nennen? Ist es nicht vielmehr ein bleicher kranker Tag? Ich liebte die Petersburger Nächte nie, aber dieses Mal wurde es mir fast grausig dabei zu Muthe: die Gestalt Ellis verschwand vollständig, löste sich auf wie der Morgennebel in der Julisonne und ich sah deutlich meinen ganzen Körper, wie er schwerfällig und einsam in gleicher Höhe mit der Alexandersäule schwebte. Da ist also Petersburg! Ja, das ist es. Diese öden, breiten, grauen Straßen; diese grauweißen, gelblichgrauen, grauröthlichen, mit Stuck verzierten und theilweise abgebröckelten Häuser mit ihren eingefallenen Fenstern, grellen Aushängeschildern, eisernen Schutzdächern über den Freitreppen und schmutzigen Obstbuden; diese Giebel, Aufschristen, Läden, Buden; die goldene Kuppel der Isaakskirche; die unnütze, buntscheckige Börse, die granitnen Festungsmauern, das schadhafte hölzerne Straßenpflaster; diese Barken mit Heu und Holz beladen; dieser Geruch von Staub, Kohlen, Matten und Ställen; diese in Schaffelle gehüllten, wie versteinert aussehenden Thürhüter an den Pforten; diese wie im Todesschlaf zusammengekrümmten Kutscher auf ihren ausgesessenen Droschkensitzen; ja, das ist es, unser nordisches Palmyra! Alles ist sichtbar ringsum mitten in der Nacht; Alles hell, bis zum Unheimlichen lesbar und hell, und Alles schläft trist, sich seltsam in der trübdurchsichtigen Luft erhebend und abzeichnend. Die Röthe des Abendglühens – eine schwindsüchtige Röthe! – ist noch nicht vergangen und wird bis zum Morgen nicht vergehen am bleichen sternlosen Himmel; sie wirft glühende Streifen über die seiden schimmernde Fläche der Newa, welche nur leise murmelt und sich nur leise bewegt im Vorwärts streben ihrer kalten blauen Fluten . . .
– Laß uns weiter fliegen! flüsterte Ellis.
Und ohne meine Antwort abzuwarten, trug sie mich über die Newa, über den Schloßplatz nach Liteina. Unten hörte man Schritte und Stimmen: über die Straße ging ein Haufen junger Leute mit wüsten Gesichtern; sie unterhielten sieh von der »Tanzstunde.« »Fähnrich Stolpakow der Siebente!« rief plötzlich schlaftrunken ein Soldat, der auf der Wache stand vor einer Pyramide rostiger Kanonenkugeln, und etwas weiter, am offenen Fenster eines hohen Hauses, bemerkte ich ein Mädchen in zerknittertem seidenen Kleide ohne Aermel, mit einem Perlennetze auf den Haaren und einer Cigarrette im Munde. Sie las andächtig in einem Buche: es war das die letzte Schöpfung eines unserer modernsten Juvenale.
– Laß uns weiter fliegen! sagte ich zu Ellis. Nach einer Minute waren schon unter uns die faulenden Tannenwälder und moosigen Sümpfe verschwunden, welche Petersburg umgeben. Wir nahmen unsere Richtung gerade nach Süden: Himmel und Erde, Alles wurde ein wenig dunkler und immer dunkler. Die kranke Nacht, der kranke Tag, die kranke Stadt – Alles blieb hinter uns zurück.
XXIII
Wir flogen ruhiger als gewöhnlich, und ich konnte mit den Augen die weite Ausdehnung des Heimatlandes Strich für Strich überblicken, als ob ein sich endlos fortsetzendes Panorama nach und nach vor mir entrollt würde. Wälder, Sträucher, Felder, Schluchten, Flüsse – zuweilen einmal ein Dorf und eine Kirche – und dann wieder Wälder, Felder, Sträucher und Schluchten . . . es wurde mir traurig dabei zu Muth und dann überkam mich eine gleichmüthige Langeweile. Und nicht etwa deshalb war ich traurig und gelangweilt, weil ich flog und gerade über Rußland flog. Nein! die Erde selbst, diese endlose Fläche, welche sich unter mir dehnte, die ganze Erdkugel mit ihrer vergänglichen, siechen, durch Noth, Kummer, Krankheiten bedrängten Bevölkerung, wie sie an die Scholle verächtlichen Staubes festgebannt ist, diese zerbrechliche, rauhe Rinde, die Hülle dieses feurigen Sandkorns von einem Planeten, dieses bischen Schimmel, welches wir hochtönend Pflanzen- und Thierreich tituliren; diese Menschen-Fliegen, tausendmal nichtiger als wirkliche Fliegen, ihre aus Lehm und Kalk zusammengeklebten Wohnungen, die winzigen Spuren ihres kleinlichen einförmigen Thuns und Treibens, ihre kindischen Kämpfe mit dem Unwandelbaren und Unentfliehbaren – wie alles das mir plötzlich zuwider war! Das Herz drehte sich mir im Leibe um und ich mochte nicht länger hinblicken auf diese nichtigen Bilder, auf diese abgeschmackte Ausstattung. Ja, es wurde mir langweilig zu Muthe – schlimmer als langweilig. Ich fühlte selbst kein Mitleid mehr mit meinen Nebenmenschen. Alle Gefühle in mir gingen unter in dem einen, welches ich das Gefühl des Ekels nennen möchte – und am stärksten wandte sich dieses Gefühl – gegen mich selbst.
– Halt an! flüsterte Ellis; – halt an, ich kann Dich sonst nicht weiter tragen. Du fängst an schwer zu werden.
– Fort, nach Hause! antwortete ich ihr mit derselben Stimme, mit welcher ich meinem Kutscher diese Worte zuzurufen pflegte, wenn ich in der vierten Stunde Morgens mich trennte von meinen moskauischen Freunden, mit welchen ich seit dem Diner des vorigen Tages mich unausgesetzt unterhalten hatte über die Zukunft Rußlands und die Bedeutung der Gemeinde. – Fort, nach Hause! wiederholte ich und schloß die Augen.
XXIV
Aber bald öffnete ich sie wieder. Ellis hatte sich so unheimlich an mich gepreßt; sie erdrückte mich fast. Ich sah auf sie hin – und das Blut gerann in mir. Wer jemals im Gesichte eines Andern den plötzlichen Ausdruck tiefen Grauens gesehen hat, dessen Grund er nicht begreifen konnte – der wird mich verstehen. Grausen, qualvolles Grausen verzerrte und entstellte die bleichen, fast verwischten Züge Ellis’. Nie hatte ich etwas Aehnliches an einem lebendigen Menschenantlitze gesehen. Eine leblos nebelhafte Erscheinung, ein Schatten . . . und diese erstarrende Furcht . . .
– Ellis, was ist mit Dir? fragte ich endlich.
– Sie! . . . sie . . . antwortete sie mit Anstrengung . . .Sie!
– Sie? Wer ist diese Sie?
– Nenne sie nicht! nenne sie nicht! flüsterte hastig Ellis – ich muß auf Rettung bedacht sein, sonst ist’s mit Allem vorbei – und auf immer . . . Sieh nur, sieh da! Ich wandte den Kopf zur Seite, wohin mich ihre zitternde Hand wies, und sah etwas . . . etwas in der That Grausenhaftes.
Dieses Etwas war um so grausiger, als es keine bestimmte Form hatte. Es war etwas Schwerfälliges, Finsteres, Gelblich-schwarzes, Geflecktes, wie der Bauch einer Eidechse, weder Rauch noch Wolke, langsam mit schlangenhafter Bewegung über der Erde sich windend. Das gleichmäßige breite Schaukeln von oben nach unten und von unten nach oben einmal, dieses Schaukeln, welches an einen mit ausgebreiteten Flügeln schwebenden Raubvogel erinnerte, der nach Beute späht, um plötzlich herunterzuschießen, ein anderes Mal das unsäglich ekelhafte Ansaugen an die Erde gleich dem der Spinne an eine gefangene Fliege . . . wer bist du, was bist du, grauenhafte Masse? Unter ihrem Einfluß – das sah ich, das fühlte ich – wurde Alles vernichtet, verstummte Alles . . . Eine faule verderbliche Kälte ging von ihr aus, die Ekel erregte, Uebelkeit erzeugte, die Augen verfinsterte und die Haare sich sträuben machte. Eine Kraft offenbarte sich, jene Kraft, der nichts widersteht, welcher Alles unterthan ist, welche ohne Gesicht, ohne Gestalt, ohne Sinne – Alles sieht, Alles weiß und wie ein Raubvogel sich ihre Opfer erkürt, wie eine Schlange sie erwürgt und leckt mit ihrer frostigen Zunge . . .
– Ellis, Ellis! rief ich wie betäubt – das ist die Vernichtung, das ist der Tod selbst!
Der klagende Laut, den ich schon früher gehört hatte, drang wieder aus Ellis’ Munde, aber diesmal glich er mehr dem Ausbruch menschlicher Verzweiflung – und wir stürzten uns weiter. Aber unser Flug war wunderlich und grausenhaft ungleich; Ellis überschlug sich in der Luft und schwankte heftig von einer Seite zur andern, wie ein Rebhuhn, das tödtlich verwundet ist oder den Hund von der Spur seiner Jungen abzubringen sucht. Inzwischen, hinter uns, sich absondernd von jener unerklärbar grausigen Masse, wälzten sich gewisse wässerige Glieder wie ausgestreckte Krallen . . . eine riesige verhüllte Gestalt auf bleichem Roß zuckte für einen Augenblick bis zum Himmel hinan . . . noch verzweifelnder rief Ellis: »Sie hat’s gesehen, sie hat’s gesehen! Es ist Alles aus! Ich bin verloren!« . . . Dann hört’ ich sie noch murmeln: »O ich Unglückliche! Ich hätte können die Gelegenheit benutzen, mich wieder mit Leben zu füllen . . . Aber jetzt Vernichtung! Vernichtung!«
Mir wurd’ es unerträglich zu Muthe, . . . ich verlor das Bewußtsein.
XXV
Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Rücken im Rasen und fühlte im ganzen Körper einen dumpfen Schmerz wie von einer heftigen Verletzung. Am Himmel dämmerte der Morgen; ich konnte deutlich alle Gegenstände unterscheiden.
Nicht weit von mir, das Birkenwäldchen entlang, lief ein Weg hin, zu beiden Seiten mit Weiden bepflanzt; diese Gegend schien mir bekannt. Ich fing an mich zu erinnern, was mit mir vorgegangen war und zitterte vom Wirbel bis zur Zehe bei dem Gedanken an die letzte unförmliche Erscheinung . . .
»Aber warum erschrak Ellis nur so! dachte ich; – ist auch sie dieser Macht unterthan? Ist sie etwa nicht unsterblich? Ist auch sie der Vernichtung preisgegeben? Wie ist es möglich.
In der Nähe ließ sich ein leises Seufzen hören. Ich wandte den Kopf. Etwa zwei Schritte von mir lag unbeweglich ausgestreckt eine junge Frau in weißem Gewande mit aufgelöstem dichten Haar und mit entblößter Schulter. Ein Arm war hinter den Kopf zurückgeworfen, der andere lag auf der Brust. Die Augen waren geschlossen und auf den zusammengegepreßten Lippen zeigte sich ein leichter, hellrother Schaum. Ist das nicht Ellis? Aber Ellis – ist ein Gespenst, und ich sehe vor mir ein lebendiges Weib. Ich kroch zu ihr hin und beugte mich über sie . . .
– Ellis, bist Du das? rief ich.
Plötzlich leise erzitternd öffnete sie die langen Augenlider; dunkle durchdringende Augen saugten sich in mich – und in dem Augenblicke saugten sich auch die warmen, feuchten, noch nach Blut riechenden Lippen in mich, weiche Armes wanden sich fest um meinen Hals, eine glühende volle Brust preßte sich krampfhaft an die meine. – Leb wohl, leb wohl auf ewig! rief deutlich eine ersterbende Stimme – und im Nu war Alles verschwunden.
Ich erhob mich mühsam, auf den Beinen schwankend wie ein Betrunkener – und das Gesicht zu wiederholten Malen mit den Händen berührend, spähte ich aufmerksam umher. Ich befand mich nahe der großen Heerstraße, etwa zwei Werst von meiner Wohnung. Die Sonne war schon aufgegangen, als ich den Heimweg suchte.
*
* *
Alle folgenden Nächte erwartete ich – und ehrlich gestanden, nicht ohne Furcht – das Erscheinen meines Gespenstes; allein es zeigte sich nicht mehr. Ich ging sogar einmal in der Dämmerung nach der alten Eiche, aber auch dort fand sich nichts Ungewöhnliches vor. Uebrigens beklagte ich das Aufhören dieser wundersamen Bekanntschaft nicht allzu sehr. Ich habe viel und lange nachgedacht über diesen unbegreiflichen, fast albernen Fall – und ich habe mich überzeugt, daß nicht nur die Wissenschaft ihn nicht zu erklären vermag, sondern daß sich auch in den Sagen und Legenden nichts Aehnliches findet. Wer in der That konnte diese Ellis sein? Eine Erscheinung, eine umirrende Seele, ein böser Geist, eine Sylphide, oder endlich ein Vampyr? Zuweilen erschien es mir gar, daß Ellis eine Frau sei, welche ich einst gekannt habe, und ich machte die entsetzlichsten Anstrengungen, um mich zu erinnern, wo ich sie gesehen . . . Zuweilen glaubte ich der Sache auf den Grund zu kommen – erst eben in dieser Stunde, in dieser Minute schien es mir so . . . da plötzlich war Alles wieder wie ein Traumbild verschwunden. Ja, ich habe viel darüber gegrübelt, und doch, wie es so zu gehen pflegt, nichts ergrübelt. Die Meinung oder den Rath anderer Leute darüber zu erfragen, konnte ich mich nicht entschließen. Ich fürchtete, daß sie mich für närrisch halten würden. Endlich habe ich alles Nachdenken darüber aufgegeben, und die Wahrheit zu sagen – es wurde mir nicht schwer. Einerseits hatte ich mich mit der Emancipation, dem Gemeinwohl u.s.w. u.s.w. zu beschäftigen, anderseits mußte ich an die Herstellung meiner Gesundheit denken. Die Brust that mir weh, ich litt an Schlaflosigkeit und Husten. Der ganze Körper war mir wie ausgedörrt, das Gesicht gelb wie bei einem Leichnam. Der Arzt sagte mir, daß ich zu wenig Blut habe, er gibt meiner Krankheit einen griechischen Namen: Anämia, und schickt mich nach Gastein. Aber mein Intendant schwört, daß er ohne mich mit den Bauern nicht »überlegen« könne.
So bleibe dann und überlege.
Aber was bedeuten jene hellen und durchdringenden Töne, jene harmonischen Töne, welche ich höre, wenn bei mir von irgend welchem Todesfalle die Rede ist? Sie werden immer lauter, immer durchdringender . . . Und warum schüttelt es mich so qualvoll beim bloßen Gedanken an die Vernichtung?
Baden-Baden, 1863.
