Читать книгу: «Die bedeutendsten Österreicher»
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Über den Autor
Über den Autor
Dr. Isabella Ackerl, geboren 1940 in Wien, Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Wien, Promotion zum Dr. phil.; seit 1971 wissenschaftliche Sekretärin der »Wissenschaftlichen Kommission des Theodor-Körner-Stiftungsfonds und des Leopold-Kunschak-Preises zur Erforschung der Geschichte der Ersten Republik«. Seit Dezember 1981 Bundespressedienst in Wien. Zahlreiche Lexikonartikel und Publikationen, u.a. bei marixwissen: Die bedeutendsten Staatsmänner; Die Staaten der Erde: Europa und Asien; Die Staaten der Erde: Afrika, Amerika und Australien; Geschichte Österreichs in Daten. Von der Urzeit bis 1804; Geschichte Österreichs in Daten. Von 1804 bis heute.
Zum Buch
Zum Buch
Sigmund Freud, Ingeborg Bachmann, Herbert von Karajan, Romy Schneider, Falco …: Das 19. und 20. Jahrhundert hat in Österreich viele bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht, deren Bedeutung weit über die Grenzen des Landes hinausreicht. Ihr Talent war eine Bereicherung für die Kunst, ihr wissenschaftlicher Forschungsdrang half der Allgemeinheit in vielen Disziplinen, so etwa der psychologischen. Ihre Namen sind in aller Munde, ein komprimiertes Wissen über ihr Leben und Wirken fehlt jedoch zumeist. Wer waren und wie lebten die Persönlichkeiten, denen wir bedeutende künstlerische und naturwissenschaftliche Beiträge verdanken?
Der vorliegende Band stellt dem Leser diese herausragenden Menschen vor, vermittelt ihm Details zu ihrer Herkunft und ihren genauen Lebensumständen.
Haupttitel
Impressum
| Editorische Notiz: Die Reihung der Biographien erfolgte chronologisch nach dem Geburtsjahrgang |
| Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. |
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| Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Projektbetreuung: Verlagsagentur Mag. Michael Hlatky, A–8071 Vasoldsberg Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH nach der Gestaltung von Thomas Jarzina, Köln Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin / Erich Lessing Lektorat: Stefanie Evita Schaefer, marixverlag GmbH und Dr. Bruno Kern, Mainz eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0251-2 www.marixverlag.de |
Inhalt
Über den Autor
Zum Buch
Ludwig van Beethoven
Werke
Michael Thonet
Franz Schubert
Auswahlbibliographie von Schuberts Werken
Christian Doppler
Die Strauss-Dynastie
Johann Baptist Strauss Vater
Johann Baptist Strauss Sohn
Josef Strauss
Eduard Strauss
Ignaz Philipp Semmelweis
Gregor Mendel
Otto Wagner
Wichtigste Bauten in Wien
Bertha von Suttner
Sigmund Freud
Anna Freud
Auswahlbibliographie von Sigmund Freuds Werken
Auswahlbibliographie von Anna Freuds Werken
Julius Wagner-Jauregg
Carl Auer von Welsbach
Theodor Herzl
Gustav Mahler
Werke
Arthur Schnitzler
Auswahlbibliographie von Schnitzlers Werken
Prosa
Theaterstücke
Gustav Klimt
Auswahl aus Klimts Werken
Alfred Hermann Fried
Auswahlbibliographie von Frieds Schriften
Richard Adolf Zsigmondy
Werke von Zsigmondy
Karl Landsteiner
Fritz Pregl
Alfred Adler
Werke u. a.
Adolf Loos
Otto Loewi
Max Reinhardt
Hugo von Hofmannsthal
Auswahlbibliographie von Hofmannsthals Werken
Opernlibretti für Richard Strauss
Arnold Schönberg
Werke
Robert Bárány
Viktor Kaplan
Lise Meitner
Hans Moser (eigentlich Johann Julier)
Hildegard Burjan
Josef Alois Schumpeter
Auswahlbibliographie von Schumpeters Werken
Victor Franz Hess
Anton Webern
Werke
Alban Berg
Werke u. a.
Grete Wiesenthal
Oskar Kokoschka
Karl Ritter von Frisch
Auswahlbibliographie von Frischs Werken
Erwin Rudolf Josef Alexander Schrödinger
Auswahlbibliographie von Schrödingers Werken
Ludwig Wittgenstein
Egon Schiele
Werke (kursorisch)
Paul Hörbiger
Attila Hörbiger
Karl Böhm
Richard Coudenhove-Kalergi
Werke
Hans List
Friedrich August von Hayek
Auswahlbibliographie von Hayeks Werken
Wolfgang Pauli
Werke u. a.
Richard Kuhn
Sir Karl Raimund Popper
Werke
Konrad Zacharias Lorenz
Auswahlbibliographie von Lorenz’ Werken
Viktor Emil Frankl
Auswahlbibliographie von Frankls Werken
Franz König
Werke
Erwin Chargaff
Werke
Kurt Friedrich Gödel
Billy Wilder
Weitere wichtige Filme von Wilder
Herbert von Karajan
Simon Wiesenthal
Werke
Bruno Kreisky
Werke
Otto Habsburg-Lothringen
Max Ferdinand Perutz
Hermann Gmeiner
Ingeborg Bachmann
Werke
Peter Alexander
Thomas Bernhard
Auswahlbibliographie von Bernhards Werken
Josef (Joe) Zawinul
Romy Schneider
Karl Jochen Rindt
Johannes Hölzel (»Falco«)
Kontakt zum Verlag
Ludwig van Beethoven
* 17. Dezember 1770 (getauft) Bonn (Kurköln), † 26. März 1827 Wien
Klaviervirtuose und Komponist
Der »titanische« Musiker unter den drei Heroen der Wiener Klassik wurde zwar in der Kleinstadt Bonn am Rhein geboren, doch seine musikalische Heimat fand der Rheinländer in Wien und seiner Umgebung. Das Donautal bei Wien und die Landschaft der Voralpen wurden ihm für sein musikalisches Schaffen Inspirationsquelle. In Wien fand er die nötige Anerkennung und Unterstützung, die es ihm ermöglichte, mit seinen Kompositionen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Beethovens Vorfahren waren flämischer Abkunft, die sich seit 1733 in Bonn niedergelassen hatten. Beethovens Großvater war Hofkapellmeister, sein Vater Tenor im kurfürstlichen Chor. Schon als Kind zum Wunderkind am Klavier gedrillt, bekleidete er bereits mit 14 Jahren die Stelle eines Hoforganisten. Beethovens Vater, selbst nur mittelmäßig begabt, erzog seine Kinder in unerbittlicher Strenge, die Mutter – kaum verwunderlich an der Seite des trunksüchtigen Vaters – neigte zur Schwermut. Diese familiäre Situation zwang den Heranwachsenden zu einem unbeugsamen Pflichtbewusstsein. Er erlernte neben dem Klavier noch Violine und Bratsche, mit elf Jahren begann er die Orgel zu spielen. Ein Jahr später entstanden seine ersten Klaviersonaten. Mit 14 Jahren spielte er brillant Bachs »Wohltemperiertes Klavier« und schrieb selbst meisterliche Klavierquartette.
Kaum 17-jährig kam Beethoven für fünf Wochen das erste Mal nach Wien, wo er mit seinem brillanten Klavierspiel Mozart so begeisterte, dass dieser ausrief: »Auf den gebt Acht, der wird einmal in der Welt von sich reden machen!«
Der Tod der Mutter an Schwindsucht und die Entlassung des stets betrunkenen Vaters aus dem Chor zwangen Beethoven zur eiligen Rückkehr nach Bonn. Er musste nun allein den Vater und seine beiden Brüder mit seinen Einkünften über Wasser halten.
Die familiäre Geborgenheit und Harmonie, die ihm daheim fehlte, fand Beethoven bei der Familie Breuning, die ihn unauffällig jenen gesellschaftlichen Schliff lehrte, der für eine künftige Karriere erforderlich war. Schon damals gab es romantische Jugendlieben, die aber kaum über ein gesellschaftlich gestattetes Schwärmen hinausgingen. Bei den Breunings lernte er, wie er am besten in seiner Profession zu einem anständigen Unterhalt kommen könnte.
1792 war er ein bereits anerkannter Klaviervirtuose, hatte eine Reihe von Werken komponiert und wusste inzwischen auch seine beiden Brüder versorgt. Daher entschloss er sich, Bonn zu verlassen, um nach Wien zu gehen und dort bei großen Meistern, wie Joseph Haydn, zu studieren. Er lernte bei dem damals sehr erfolgreichen Singspielkomponisten Johann Schenk, beim Meister des Kontrapunkts Johann Georg Albrechtsberger und beim Opernkomponisten und Liebling der Wiener Antonio Salieri. Sein virtuoses Klavierspiel öffnete ihm die Salons der vornehmen Häuser, seine Improvisationskunst wurde bestaunt. Ein zeitgenössischer Klaviervirtuose meinte zu ihm: »Ach, das ist kein Mensch, das ist ein Teufel: Der spielt mich und uns alle todt!«
Finanziell ging es ihm besser als manch anderem Kollegen; sein unglaublicher Fleiß füllte seinen Tag völlig mit Stundengeben, Proben, Komponieren, eifrigem Korrespondieren mit Musikverlegern und dem Bei-Laune-Halten seiner Gönner.
Beethoven fand schnell eine Reihe adeliger Gönner, u.a. Erzherzog Rudolf, den jüngsten Sohn von Kaiser Leopold II. und Kardinal-Erzbischof von Olmütz, sowie Karl Fürst Lichnowsky, Franz Joseph Max Fürst Lobkowitz und Ferdinand Fürst Kinsky. Gemeinsam konnten diese 1808 verhindern, dass Beethoven ein Angebot des Königs Jerome von Westfalen annahm; damit blieb er Wien erhalten. Sie garantierten dem Komponisten eine Pension, die ihm die finanzielle Unabhängigkeit sicherte. Er war damit der erste »freischaffende« Komponist.
Im Laufe der Jahre wurde der Komponist ein »echter Wiener«, sagte selten etwas Freundliches über die Stadt, äußerte sich eher spitz und kritisch, »grantelte« und war selten zufrieden, wofür auch seine zahlreichen Übersiedlungen Zeugnis ablegen. Trotz seiner zahlreichen Grobheiten über die Wiener Aristokraten schätzte man ihn wegen seines musikalischen Genies.
Am Beginn seiner Wiener Zeit wurde er hauptsächlich als Klaviervirtuose gefeiert. Als etwa um 1800 sein Gehör immer schlechter wurde, gab er kaum mehr Solokonzerte. Auch seine Dirigate eigener Werke gerieten mit zunehmender Taubheit zu seltsamen und nicht koordinierten wilden Bewegungsstürmen seiner Arme und Hände.
Sein schlechtes Hörvermögen veranlasste ihn 1802 im Alter von 32 Jahren (!) zur Abfassung des »Heiligenstädter Testaments« – möglicherweise war es an seine beiden Brüder gerichtet, wurde aber niemals abgeschickt –, in dem er Selbstmordgedanken niederschrieb. Es war die Musik, die ihn daran hinderte, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Er schrieb: »Ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich alles das hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete ich dieses elende Leben, wahrhaft elend, …« Um 1814 konnte Beethoven nicht mehr unterscheiden, ob er laut oder leise spielte; damit ging seine Pianistenlaufbahn zu Ende. Auch das Dirigieren bereitete ihm zunehmend Schwierigkeiten. Ab etwa 1818 mussten sich seine Freunde mit ihm schriftlich verständigen. Wenn er gelegentlich einen Einfall oder eine Tonfolge zu singen versuchte, artete dies oft in Gebrüll aus; angeblich hatte er damit sogar ein Ochsengespann scheuen lassen, das daraufhin wie in Panik eine Straße hinabjagte.
Als sich 1814/1815 die Mächtigen Europas beim Friedenskongress zur Neuordnung des Kontinents trafen, gehörte Beethoven zu jenen Berühmtheiten, deren Begegnung gesucht wurde. Im November 1814 dirigierte er eine Akademie im Redoutensaal, bei der die 7. Symphonie, die Schlachtenmusik »Wellingtons Sieg« und die Kantate »Der glorreiche Augenblick« zur Aufführung gelangten. Zu diesem Zeitpunkt war Beethoven, ein zutiefst überzeugter Demokrat, ja längst in das Lager der restaurativen Kräfte gewechselt. Noch um 1800 hatte er Napoleon Bonaparte bewundert und ihm seine 3. Symphonie »Eroica« gewidmet; nach der Kaiserkrönung des Korsen löschte er eigenhändig die Widmung auf der Titelseite der originalen Notenhandschrift.
Bereits im Mai 1814 hatte Beethovens Oper »Fidelio« die dritte und nunmehr erfolgreiche Aufführung im Kärntnertortheater erlebt. Sie wurde von den Zeitgenossen als »Manifest der Hoffnung auf Liebe und Freiheit« interpretiert. Weitere Opernpläne konnte der Komponist nicht realisieren.
Im Mai 1824 erlebte Beethovens 9. Symphonie ihre Uraufführung. Vorerst lehnten die Zeitgenossen das Finale, in dem er Schillers Ode an die Freude vertonte, als »geschmacklos« und »monströs« ab. Inzwischen gehört dieser letzte Satz zu den weltweit bekanntesten Musikstücken mit hochgradigen emotionalen Konnotationen. Schon früher war Beethovens Klangsprache von den Zeitgenossen nicht immer verstanden worden, was den Komponisten aber überhaupt nicht kümmerte. Er machte Musik »für eine spätere Zeit«:
Je älter und schwerhöriger er wurde, desto mehr zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück, er wurde unordentlich, ja verwahrloste. Seine jeweiligen Wohnungen glichen einem Chaos. Misstrauisch und gewalttätig strapazierte er die Geduld seiner Freunde bis aufs Äußerste. Seine Brüder und deren Ehefrauen drangsalierte er und zog sie in jahrelange Rechtstreitereien. Seinen Neffen Karl, einen netten, aber trägen Jungen, trieb er fast in den Selbstmord.
Rätselhaft bleiben seine Beziehungen zu den Frauen. Viele verehrte er schwärmerisch, manche wollte er heiraten, wurde aber stets zurückgewiesen. Seine »unsterbliche Geliebte« konnte die Beethoven-Forschung bis heute nicht mit absoluter Sicherheit entschlüsseln.
Seine letzten beiden Lebensjahre wohnte Beethoven im Schwarzspanierhof im 9. Bezirk, der 1903 abgerissen wurde. Seine letzten Stunden verbrachte er im Kreise seiner engsten Freunde. An seiner Beisetzung nahm die gesamte kulturelle Prominenz Wiens teil, mehr als 15.000 Menschen gaben ihm das letzte Geleit auf den Währinger Ortsfriedhof. Der Schauspieler Heinrich Anschütz hielt eine von Franz Grillparzer verfasste Trauerrede. Wenige Tage später erklang zum Gedenken an den großen Tondichter Mozarts Requiem in der Augustinerkirche.
Schon bald wurde Beethoven zum Sinnbild romantischer Künstlerverehrung, zum Prototyp des einsamen Genies, dessen Leben von Leid geprägt und von dessen Überwindung überhöht wurde. Höhepunkt dieser Mythisierung ist Max Klingers Beethovenstatue, die Gustav Klimts Beethovenfries zu einem Gesamtkunstwerk umrahmen sollte.
Beethovens gewaltiges Oeuvre leitete die Wende von der Wiener Klassik zur Romantik ein. In seinen neun Symphonien führte er den klassischen Aufbau dieses Genres zu einer ersten Vollendung. Er setzte Poesie in Töne um; mit ihm, dem Bewunderer von Gottes Walten in der Natur, begann die Tondichtung.
Werke:
108 Werke mit Opuszahlen, weitere 205 ohne Opuszahlen; darunter 9 Symphonien, Solokonzerte, Kammermusik, Klaviersonaten, eine Oper, zwei Messen und ein Oratorium.
Michael Thonet
* 2. Juli 1796 Boppard am Rhein, † 3. März 1871 Wien
Möbeldesigner
Michael Thonet wurde als Sohn eines Gerbers im Rheinland geboren; bereits 1819 machte er sich als Kunsttischler selbstständig. Um 1830 stellte er erste Versuche an, Möbelteile aus miteinander verleimten Furnieren herzustellen. Dabei wurde das Holz in siedendem Wasser gekocht, mit Biegeformen zur gewünschten Gestalt gebogen und anschließend getrocknet. Später verwendete er zu Bündeln verleimte Stäbe, die sich in sich verwinden ließen, wodurch er dreidimensionale Schweifungen erzielte.
Im Jahre 1841 stellte der bislang unbekannte Tischlermeister dem österreichischen Staatskanzler Clemens Fürst Metternich auf dessen Stammschloss Johannisberg bei Koblenz seine Erzeugnisse aus gebogenem Holz vor. Es handelte sich in erster Linie um Stühle und Bänke, die aus verleimten und danach durch Feuchtigkeit und Hitzeeinwirkung gebogenem Schichtholz hergestellt waren. Der als durchaus konservativ bekannte Staatskanzler erkannte den zukunftsweisenden Wert dieser Technik und lud den nicht mehr so jungen Michael Thonet ein, sich in Wien niederzulassen.
Eine Übersiedlung nach Wien wollte sich Thonet reiflich überlegen, aber er nahm Metternichs Angebot, den »Cabinettscourier« zur Gratisreise von Frankfurt nach Wien zu nutzen, gerne an. In Wien liefen allerdings die Genehmigungsverfahren für eine Niederlassung gewohnt langsam. Fast hätte ihn dieses Abenteuer schon zu Beginn seiner Karriere in den Ruin getrieben, denn seine Gläubiger ließen die in Frankfurt zwischengelagerten Möbel, die als Schaustücke für den Wiener Hof bestimmt waren, vorsorglich beschlagnahmen. Am 16. Juli 1842 erhielt Thonet schließlich ein Privilegium der k. k. Hofkammer in Wien für die industrielle Fertigung von Bugholzmöbeln. Eine Genehmigung für einen Handwerksbetrieb strebte Thonet bewusst nicht an, da er sich den für Ausländer besonders engen Zunftregeln nicht unterwerfen wollte. Seitens der Regierung wiederum bestand damals großes Interesse, ausländische Unternehmer nach Österreich zu holen, einerseits, um zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, anderseits, um der Nachfrage der Bevölkerung nach billigeren Industrieprodukten zu entsprechen. So ließ Thonet seine ganze Familie nach Wien nachkommen – er hatte immerhin fünf Söhne –, konnte aber zunächst noch keine eigene Werkstatt eröffnen, sondern verdingte sich in der sehr renommierten Werkstatt von Carl Leistler, wo er von 1843 bis 1846 an der Erneuerung der Innenausstattung des Stadtpalais Liechtenstein in der Bankgasse mitarbeitete. Dieser Auftrag, der von dem englischen Architekten Peter Hubert Devigny geleitet wurde, stellte Thonets künstlerische Meisterschaft im Umgang mit Holz unter Beweis. Er zeichnete bei diesem Projekt für die erlesenen Parkettböden in Einlegearbeit und für fünf Stuhlmodelle verantwortlich.
1849 eröffnete Thonet eine eigene Werkstatt in der Mollardgasse in der Wiener Vorstadt Gumpendorf. Der erste große Auftrag kam vom beliebten Café Daum am Kohlmarkt, Ecke Wallnerstraße. Für Daum entwarf Thonet den Sessel Nr. 4. Schon damals zeigten sich seine unternehmerischen Qualitäten. Jeder Entwurf, der in Produktion ging, wurde archiviert, mit einer Nummer versehen und auch entsprechend beworben. Einen triumphalen Erfolg erntete Thonet auf der Londoner Weltausstellung von 1851, wo er Luxusmöbel aus Palisanderholz präsentierte.
Zwei Jahre später übergab Thonet die von ihm aufgebaute Firma an seine Söhne; »Gebrüder Thonet« wurde als Industriebetrieb protokolliert, das Grundkapital betrug 10.000 Gulden. Sein Sohn Franz übernahm den Außenhandel, Michael leitete später die mährischen Fabriken, August – dem Vater an Erfindungsreichtum am ähnlichsten – übernahm den Bereich Konstruktion und Technik, Josef leitete den Verkauf in Wien, der jüngste Sohn Jakob übernahm schließlich in späteren Jahren die gesamte Unternehmensleitung. Natürlich stellte Michael Thonet sein Wissen und seine Fähigkeiten weiter in den Dienst des Unternehmens.
1855 kamen erste Aufträge aus Südamerika, 1856 eröffnete Thonet die erste Fabrik. Bewusst wählte man eine Region, in der das hauptsächlich verwendete Holz, nämlich die Rotbuche, vorhanden war. In Koritschan in Mähren gab es nicht nur Holz in Unmengen, sondern auch handwerklich geschickte Arbeitskräfte.
Thonet und seine Söhne entwickelten nicht nur immer feinere und subtilere Formen des Holzbiegens, sondern sie konstruierten auch die entsprechenden Maschinen für die industrielle Fertigung von Massenartikeln. Im Zeitalter der Dampfmaschine bedienten sie sich dieses Hilfsmittels, um schneller und mehr produzieren zu können. Ein Kritiker meinte dazu: »He made it dirt-cheap, he made it by the million.« Im Jahr 1859 wurde der berühmte Sessel Nr. 14 kreiert – von ihm wurden bis zum Jahr 1930 etwa 50 Millionen Stück produziert. Dieser Sessel bestand aus sechs Holzteilen, zehn Schrauben und zwei Schraubenmuttern. Für den Transport konnten 36 Stück Sessel in eine Holzkiste von einem Kubikmeter verpackt werden.
Worin lag das Besondere von Thonets Entwürfen? Es war nicht nur die künstlerische Meisterschaft, das Auge für Formen und Proportionen, sondern dazu kamen zusätzlich viele praktische Erwägungen. Thonets Sessel waren leicht und wurden aus wenigen Einzelteilen verschraubt. Der Transport erfolgte in zerlegtem Zustand in eigens dafür konstruierten Behältern. Da die Sessel industriell gefertigt waren, blieben sie auch für bescheidenere Geldbörsen erschwinglich. Trotzdem waren Thonets Sessel sehr widerstandsfähig. Generationen von Kaffeehausbesuchern konnten sie nicht ruinieren. Sie waren billige Konsumware und doch von hervorragender Qualität. Ihr spezifisches Design machte sie spontan wiedererkennbar.
1861 wurde eine weitere Fabrik in Bistritz/Mähren eröffnet, vier Jahre später ein Betrieb in Groß-Ugrócz in Ungarn. Im Laufe der Jahre erwarb die Familie auch die Wälder, aus denen sie das Buchenholz bezog, und die Sägewerke zur Verarbeitung des Holzes. Die wirtschaftliche Kraft der Betriebe verlieh den Eignern auch politisches Gewicht: August Thonet war Bürgermeister von Bistritz, wenige Jahre später löste ihn sein jüngerer Bruder Jakob ab. Als Großunternehmer der Region wirkten sie auch beispielgebend mit sozialen Einrichtungen für die Arbeiterschaft. Sie errichteten Wohnhäuser und Fabrikschulen, gründeten Spar- und Konsumvereine und riefen Krankenkassen für ihre Beschäftigten ins Leben.
In den späten 1860er Jahren lief das seinerzeit gewährte Patent für das Biegen von Holz ab, die Konkurrenz drängte auf den Markt. Um Absatzmärkte vor Zollschranken zu schützen, errichteten die Thonets in der Folge Produktionsstätten in Deutschland und Russland. Der Firmengründer Michael Thonet starb am 3. März 1871 in Wien.
Der Einfallsreichtum der Gebrüder Thonet blieb noch immer unerreicht. 1898 registrierte ein Katalog den Sessel Nr. 221! Es war vor allem die Form der Vermarktung, die die Gebrüder Thonet zu den erklärten Marktführern machte. Sie eröffneten nicht nur weltweit Niederlassungen, sondern sie publizierten auch Firmenkataloge, die in einer Reihe von Fremdsprachen über die lieferbare Kollektion informierten. Um die Jahrhundertwende beschäftigte das Haus Thonet 6000 Mitarbeiter, die täglich 4000 Möbelstücke produzierten; davon gingen zwei Drittel in den Export. »Gebrüder Thonet« war damit von einer kleinen Werkstatt zu einer Weltfirma aufgestiegen.
Die Firma Thonet ging mit den künstlerischen Tendenzen der Zeit mit. Sie bot nicht nur »Selbstentworfenes«, sondern beauftragte große Designer wie Otto Wagner oder Adolf Loos mit Entwürfen. Prestigebauten wie der Hofpavillon Otto Wagners und das Café Museum von Adolf Loos wären ohne von Thonet produzierte Möbel nicht denkbar, Thonet’sche Sitzmöbel zierten das Sanatorium Purkersdorf von Josef Hoffmann und die Postsparkasse von Otto Wagner.
Die Jahre des Ersten Weltkrieges brachten den Verlust der Auslandsmärkte. 1921 wurde die Firma zwecks Kapitalaufstockung in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Mit der Konzernbildung von 1923 entstand ein Bugholzimperium mit zwanzig Fabriken und 10.000 Arbeitern. Bauhausarchitekten, der Schweizer Le Corbusier und die Designer des Werkbundes entwarfen für das Unternehmen, und 1929 begann man mit der Stahlrohrmöbelproduktion. Erwähnt sei der dynamische Entwurf eines Sessels von Marcel Breuer.
Bugholzmöbel aus der Produktion der Firma Thonet sind heute weltweit gesuchte Antiquitäten. Der Hollywood-Regisseur Billy Wilder (→ siehe dort) soll sich mit sieben Jahren in einen Schaukelstuhl verliebt haben; er brachte es zu einer Sammlung von mehr als 120 echten »Thonets«. Kaum ein Industrieprodukt des 19. Jahrhunderts hat eine derartig weite Verbreitung gefunden wie die in Millionen Stücken hergestellten Sessel des Michael Thonet.
Franz Schubert
* 31. Januar 1797 Wien, † 19. November 1828 Wien
Komponist
Schubert wurde im Haus »Zum roten Krebsen« als zwölftes Kind eines aus Mähren stammenden Schulgehilfen und späteren Schulleiters geboren. Nur fünf seiner Geschwister überlebten das Kleinkindalter. Seine Kindheit war, wie üblich im Hause eines Schulmeisters, von Musik geprägt. Mit acht Jahren begann er Geige zu spielen und konnte bald kleine Duette ausführen. Der ältere Bruder Ignaz (* 1785), der bereits den Lehrerberuf ausübte, unterwies den kleinen Franz im Klavierspiel. Michael Holzer, der Chordirigent der Lichtentaler Pfarrkirche, erteilte ihm Unterricht in Gesang, Orgelspiel und Generalbass. Sonntags sang er bei der Messe die Solosopranpartien. Außerdem wurden im Hause Schubert regelmäßig Streichquartette aufgeführt. Der Vater von Franz Schubert spielte bei diesen Aufführungen Cello, sein Sohn Franz Bratsche und die beiden Brüder Ferdinand und Ignaz die erste und zweite Geige.
1808 schickte der Vater den kleinen Franz zum Probesingen in die k. k. Hofkapelle, wo zwei Sängerknabenstellen ausgeschrieben waren. Infolge seiner schönen und gut ausgebildeten Stimme erhielt er einen Stiftungsplatz im k. k. Stadtkonvikt, das sich in einem Gebäude der alten Universität neben der Jesuitenkirche befand. Für Schubert war es eine harte und entbehrungsreiche Zeit, bei der viele Unterrichtsstunden und karge Mahlzeiten an der Tagesordnung waren. Mit seinen Konviktskameraden und späteren Freunden Josef Spaun, Albert Stadler und Anton Holzapfel besuchte er das nahe Akademische Gymnasium. Den Musikunterricht im Konvikt leitete Antonio Salieri, der auch für die Aufführungen in der Hofkapelle zuständig war. Dabei lernte Schubert vor allem die Messen von Haydn, Mozart und Albrechtsberger kennen. Außerdem spielte er im Konviktsorchester Geige. Da sein herausragendes Talent schnell erkannt wurde, erhielt er ab 1811 von Salieri auch Kompositionsunterricht. Dieser Unterricht dauerte bis 1816. In späteren Jahren schrieb er zuweilen auf seine Kompositionen Schüler Salieris.
In der Konviktszeit entstanden bereits viele kleinere Kompositionen, die anfänglich noch von seinem Lehrer geprägt waren, während Schubert später seine eine eigene musikalische Sprache entwickelte. Es waren vor allem Klavier- und Kammermusikwerke und nur vereinzelte Lieder. Auch mit der Komposition einer ersten Symphonie begann er im Konvikt. Manche dieser Werke sind leider verlorenen gegangen. Schuberts Komponierleidenschaft wirkte sich negativ auf seine Schulnoten aus, was zu Konflikten mit dem Vater führte, der ihm das Komponieren verbieten wollte. Schubert setzte seine kompositorische Tätigkeit jedoch heimlich fort und wurde dabei von seinem Freund Spaun mit Notenpapier ausgestattet. Sein Freundeskreis, der sich in den Jahren im Konvikt noch um Johann Nestroy und Joseph Rauscher, den späteren Kardinal von Wien, erweiterte, wurde für ihn lebenswichtig, denn er bot ihm die für ihn notwendige emotionale, aber auch materielle Unterstützung. So wohnte Schubert beispielsweise eine Zeitlang bei Franz Schober, dem späteren Weimarer Legationsrat und Reisebegleiter von Franz Liszt. Eine besonders enge Freundschaft verband den Komponisten mit dem romantischen Maler Moritz von Schwind. Ihm und dem Maler Leopold Kupelwieser verdanken wir großartige Bildzeugnisse aus Schuberts Leben. So manche Beziehung aus diesem Kreis ermöglichte dem Musiker Zugang in wohlhabende Häuser, wo zu seinen Ehren musikalische Zusammenkünfte, so genannte »Schubertiaden«, abgehalten wurden. Hinzu kamen Landpartien in die Umgebung Wiens, für die Schubert eigens fröhliche Tänze und Lieder für den Männerchor schrieb.
Nur in den Sommerferien war es ihm möglich, die Hofoper zu besuchen und dort Werke von Mozart, Gluck oder Cherubini kennenzulernen.
1813 verließ Schubert das Konvikt und kehrte in sein Elternhaus zurück. Nach dem Tod der Mutter hatte der Vater noch einmal geheiratet, seine Stiefmutter, die selbst noch fünf Kinder gebar, wurde den älteren Kindern eine gute Mutter. Schubert absolvierte rasch die Lehrerbildungsanstalt für Schulgehilfen und übernahm eine Klasse in der Schule des Vaters. Daneben komponierte er fleißig; seine F-Dur-Messe wurde 1814 zum 100-jährigen Jubiläum der Pfarrei Lichtental uraufgeführt. In rascher Folge schuf er die 2. und 3. Symphonie und die Zauberoper Des Teufels Lustschloß. Daneben entstanden weitere Opern wie Die Zauberharfe, Alfonso und Estrella und Der häusliche Krieg. Leider blieb Schuberts Opern der Erfolg versagt, was teils an den ungelenken Libretti, teils an der zu lyrischen Musik des Komponisten lag. Im Repertoire hat sich lediglich Rosamunde behaupten können. Eine zeitgenössische Kritik beschrieb Die Zauberharfe sogar als unsinnig und langweilig, obwohl dem jungen Komponisten Talent bescheinigt wurde.
Insgesamt schrieb Schubert sieben Symphonien, eine achte, äußerst dramatische, blieb unvollendet. Diese Partitur lag mehr als 40 Jahre im Schreibtisch seines Freundes Hüttenbrenner und wurde erst 1865 von den Wiener Philharmonikern uraufgeführt. Beispiellos und höchst virtuos in ihrer gestalterischen Kraft sind Schuberts Lieder, die für die nachkommenden Generationen zukunftsweisend wurden. Insgesamt 600 Lieder entstammen seiner Feder, vor allem die bedeutenden Zyklen Die schöne Müllerin und Die Winterreise nach Texten von Wilhelm Müller. Schuberts Gesamtwerk umfasst etwa 1000 Opuszahlen. Mit seinen Liedern war der Komponist auch bei seinen Zeitgenossen sehr erfolgreich, wie eine Besprechung der Schönen Müllerin in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode aus dem Jahr 1828 belegt: »Mit vieler Freude nehmen wir die Anzeige dieses schönen, interessanten Werkes vor, in dem das Genie des Tonsetzers mit wirklicher Weihe die herrlichen Lieder des edelsten Dichters zur Verklärung bringt.«
Nach drei Jahren Schuldienst hatte Schubert die Lehrtätigkeit aufgegeben. Unterstützt von seinem Freund Schober konnte er sich nun ausschließlich seinen Kompositionen widmen. Eine Position als Musiklehrer in Laibach wurde ihm verwehrt, zwei Sommer lang (1818 und 1824) unterrichtete er die beiden Töchter des Grafen Esterházy, wobei er am Sommersitz Zelesz mit ungarischer Musik in Kontakt kam. Eine regelmäßig dotierte Stelle konnte er jedoch nicht finden.
Vermutlich bereits ab 1823 ist bei ihm eine damals unheilbare venerische Krankheit ausgebrochen, von der er sich nur kurz auf einer Erholungs- und Konzertreise nach Oberösterreich, die er gemeinsam mit dem Liedersänger Johann Michael Vogl antrat, erholen konnte. Noch im März 1827 nahm er an Beethovens (→ siehe dort) Beisetzung am Währinger Ortsfriedhof teil. Im November 1828 erkrankte er an Typhus, dem sein geschwächter Körper nicht mehr standhalten konnte. Sein Freund Schwind schrieb: »[…] Schubert ist tot und mit ihm das heiterste und schönste, das wir hatten.« Er wurde auf dem Währinger Ortsfriedhof beigesetzt, sein Grabstein lag unweit der letzten Ruhestätte von Beethoven. Die Grabinschrift verfasste Franz Grillparzer: »Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen.« Erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erhielt er ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof.
Werke u.a.:
Ca. 600 Lieder, darunter Die schöne Müllerin und Winterreise; 12 Symphonien (davon fünf unvollendet); sechs lateinische Messen; die Deutsche Messe; Kammermusik (z. B. das Forellenquintett); Klaviermusik; Bühnenwerke.
Christian Doppler
* 29. November 1803 Salzburg, † 17. März 1853 Venedig
Physiker
Der aus einer Salzburger Steinmetzfamilie stammende Christian Andreas Doppler war von zarter Statur und daher für die Arbeit im väterlichen Betrieb nicht geeignet. Sein Mathematiklehrer am Salzburger Lyzeum, Simon Stampfer, der Entdecker des Lebensrades, das als Erstes bewegte Bilder darstellen konnte, riet Dopplers Eltern für den begabten jungen Mann zu einem Physikstudium in Wien. Doppler belegte also Vorlesungen in Mathematik, Physik und Mechanik und holte daneben die Matura an einem Salzburger Gymnasium als Privatier nach.
Nach bestandener Matura ging Doppler 1829 wieder nach Wien und arbeitete vier Jahre als Assistent für höhere Mathematik am Wiener Polytechnikum. Er veröffentlichte wissenschaftliche Arbeiten, doch eine fixe Anstellung zu erhalten erwies sich als mühsam. Erst 1835 wurde er an einer Realschule in Prag angestellt. Zwei Jahre später erhielt er endlich eine Professur für Mathematik und Physik am Technischen Institut der Prager Karlsuniversität.
In dieser Zeit widmete er sich intensiv der Beobachtung der Sterne. Vor allem faszinierten ihn die unterschiedlichen Farbnuancen der Doppelsterne. Damals waren bereits mehr als 2700 Doppelsterne bekannt. Doppler entdeckte, dass fast gesetzmäßig ein Stern dem unteren Teil des Farbspektrums angehörte, während der zweite Stern dem oberen Abschnitt des Farbspektrums zuzuordnen war. 1842 erschien seine Abhandlung »Über das farbige Licht der Doppelsterne und einiger anderer Gestirne des Himmels«, die er als außerordentliches Mitglied der königlich-böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften in den Schriften dieser Gesellschaft publizierte.
Später stellte sich heraus, dass seine Beobachtung auf einer Sinnestäuschung beruhte, wofür er auch von den Astronomen heftig getadelt wurde. Doch Doppler vermutete richtig, dass seine Beobachtung auch mit Schallwellen funktionieren würde. So ist der von ihm beschriebene »Doppler-Effekt« eine bei allen Wellenvorgängen feststellbare Erscheinung, die die Frequenz beeinflusst, wenn Ausgangspunkt der Welle und Beobachter sich aufeinander zubewegen oder sich voneinander entfernen. So ist etwa zu beobachten, dass der Pfeifton einer Lokomotive beim Herannahen höher ist als bei einer sich entfernenden Lokomotive.
Dieses als Doppler-Effekt bekannte Phänomen findet vielfach in der medizinischen Technik Anwendung, vor allem beim Einsatz von Ultraschalluntersuchungen der Blutgefäße (zur Darstellung der Blutstromgeschwindigkeit). In der Astronomie wird der Doppler-Effekt zur Bewegungsmessung von Sternen eingesetzt, auch in der Luftfahrt-Navigation und bei der Geschwindigkeitsmessung bewegter Ziele wird Dopplers Entdeckung genutzt.
Nach Ausbruch der Märzrevolution 1848 zog Doppler mit seiner Familie nach Wien; 1850 erhielt er eine Berufung an das Physikalische Institut der Wiener Universität. Er war der erste Ordinarius, der Experimentalphysik lehrte. 1853 starb Doppler an einem infektiösen Lungenleiden in Venedig, wo er auf dem Friedhof San Michele beigesetzt wurde.
Dopplers Wirken wurde nach seinem Tod vielfach gewürdigt. An seinem Geburtshaus in Salzburg wurde eine Tafel angebracht, ebenso an seinem Prager Wohnhaus. In der Folge wurden zahlreiche physikalische Einrichtungen nach Doppler benannt. Weltweit gibt es eine ganze Reihe von medizinischen Instituten, die seinen Namen tragen. Im Salzburger Haus der Natur präsentiert man eine ständige Gedenkschau an den berühmten Sohn der Stadt, ja sogar ein Krater auf der Rückseite des Mondes wurde nach Doppler benannt.
Die Strauss-Dynastie
Johann Baptist Strauss Vater
* 14. März 1804 Wien, † 25. September 1849 Wien
Johann Baptist Strauss Sohn
* 25. Oktober 1825 Wien, † 3. Juni 1899 Wien
Josef Strauss
* 20. August 1827 Wien, † 22. Juli 1870 Wien
Eduard Strauss
* 15. März 1835 Wien, † 28. Dezember 1916 Wien
Dirigenten und Komponisten
Der 1804 geborene ältere Johann Strauss wuchs als Sohn eines Bierwirtes auf, der an der Schlagbrücke am Donaukanal das Gasthaus Zum guten Hirten betrieb. Er erlernte zunächst das Buchbinderhandwerk, nahm aber auch Violinunterricht und studierte Musiktheorie. Er spielte zusammen mit dem späteren Komponisten und Geiger Joseph Lanner in der Kapelle der Brüder Scholl, die sie zunächst gemeinsam übernahmen. Ab 1827 gingen beide jedoch in jeweils eigenen Kapellen getrennte Wege. Bereits im Alter von 22 Jahren war Strauss mit eigenen Kompositionen an die Öffentlichkeit getreten und zehn Jahre später erhielt er den eigens für ihn geschaffenen Titel »Hofball-Musikdirektor«.
Johann Strauss’ Ehefrau Maria Anna Streim entstammte ebenfalls einer Gastwirtsfamilie. Ihre Mutter war gebürtige Spanierin, eine Abkunft, auf die die Familie sehr stolz war und mit der man den südlichen Typus der zwei Musiker-Generationen zu erklären pflegte. 1834 mietete Johann Strauss Vater in der Leopoldstadt im »Hirschenhaus« vier Wohnungen für die Familie.
Johann Strauss Vater schuf mit seinen Walzern eine völlig neue Musik, die die Menschen faszinierte. Der 19-jährige Richard Wagner charakterisierte Johann Strauss als einen »[…] zauberische[n] Vorgeiger, […] einen Dämon des Wiener musikalischen Volksgeistes beim Beginn eines neuen Walzers«. Johann Strauss Vaters Naturell könnte man als »unbürgerlich« bezeichnen, denn er war sehr romantisch veranlagt und liebte es, zu reisen, so dass ihn seine Konzertreisen bis nach Frankreich und England führten. Sein Ruf soll sogar bis nach St. Petersburg vorgedrungen sein, wenngleich Johann Strauss die Reise nach Russland mangels Zeit nicht antreten konnte und der Zarin Alexandra Fjodorowna deshalb den Alexandra-Walzer widmete.
Vergöttert von seinem Wiener Publikum, stand der Komponist in stetem Wettbewerb mit seinem großen Konkurrenten Joseph Lanner.
Sein Familienleben war alles andere als geordnet, lebte er doch in einer Zweitfamilie mit der Modistin Emilie Trampusch. Aus dieser Beziehung stammten acht Kinder. Die Belastungen und der große Erfolgsdruck, die das unstete Musikerleben mit sich brachten, wollte Johann Strauss seinem Sohn unbedingt ersparen: »Es brauchen nur zwei Werke zu missfallen, zwei Walzer zu missglücken – gleich heißt’s: dem Strauß fällt auch nichts mehr ein!« Man könnte Johann Strauss Vater als den Begründer der gehobenen Unterhaltungsmusik bezeichnen.
Trotz Widerstand des Vaters konnte das väterliche Beispiel für seinen gleichnamigen Sohn aus der Ehe mit Maria Anna Streim nicht ohne Folgen bleiben und so überrascht es nicht, dass der talentierte Johann bereits im zarten Alter von sechs Jahren zu komponieren begann. Er schuf einen kleinen, ein wenig unbeholfen anmutenden Walzer, den er er mit Erste Gedanken betitelte. Doch sein Vater wollte, dass die Beherrschung des Klaviers und der Geige für seinen Sohn lediglich den Stellenwert des harmlosen Amüsements einnahm und Johann stattdessen »etwas Vernünftiges« studierte. Aus diesem Grund wurde er im Alter von elf Jahren zum Besuch des Schottengymnasiums genötigt, das ihm eine solide Beamtenkarriere ermöglichen sollte.
Mit 16 Jahren wurde er zum Besuch des Polytechnikums gezwungen, wo er durch sein Gesangstalent auffiel, jedoch nicht durch Lerneifer. Mit der Unterstützung von seiner Mutter, die, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte die alleinige Entscheidungsbefugnis hatte, durfte Johann sich in der Folge dem Musikstudium widmen. Seine Mutter hegte dabei die Hoffnung, dass anstelle ihres untreuen Mannes nun ihr Sohn die Familie ernähren würde. So studierte Johann der Jüngere Violine beim Ballettkorrepetitor des Kärntnertortheaters Kehlmann und Theorie bei Josef Drechsler, Kapellmeister am Leopoldstädter Theater. Mit 19 Jahren bewarb er sich um die Lizenz zur Leitung eines Wirtshausorchesters. Nach der Anwerbung einiger Musiker und der Komposition zahlreicher Werke, wie Walzer, Quadrillen und Polkas, debütierte Johann Strauss Sohn am 15. Oktober 1844 in Dommayers Kasino in Hietzing. Für Wien war das musikalische Duell zwischen dem erfolgreichen Vater und dem hochbegabten Sohn ein höchst abwechslungsreicher Gesprächsstoff, gewährte doch die Enge der vormärzlichen Zensur nur wenig geistigen Austausch. Der Sohn erwies sich als noch temperamentvoller als der Vater und Dommayers Lokal wurde von Musikbegeisterten geradezu gestürmt. Das junge Talent wurde frenetisch gefeiert und musste seine Walzer mehrfach wiederholen, angeblich sollen es mitunter bis zu neunzehn Zugaben gewesen sein. Ein Zeitungsbericht zu Strauss Debüt lässt die Begeisterung jener Tage wiederaufleben: »Das Talent […] kann sich vererben, […]; der Junge ist ein ganz tüchtiges Direktionstalent; […], dieselbe pikante, effektvolle Instrumentation wie beim Vater […], trotzdem kein sklavischer Nachahmer..«
Der erfolgreiche Sohn verweigerte dem Vater den Eintritt in dessen Orchester, denn er wollte auf eigenen Beinen stehen. Er spielte in anderen beliebten Konzertsälen wie dem Kasino Zögernitz. 1848 unternahm er seine erste Konzertreise nach Rumänien.
Zurück in Wien, wurde er zum Vertreter der Jugend, zum Sprachrohr einer neuen liberaleren Epoche hochstilisiert. Die Titel seiner Werke aus diesen Umbruchsjahren 1848/49 lauten Freiheitslieder, Studentenmarsch und Revolutionsmarsch. Der Vater verherrlichte hingegen mit der Komposition des Radetzkymarsches, der dem bedeutenden österreichischen Heerführer Josef Wenzel Radetzky anlässlich seines Sieges über die revolutionären Truppen in Italien gewidmet war, die restaurativen Kräfte. Im selben Jahr infizierte sich Strauss Vater bei einem seiner illegitimen Kinder aus der Beziehung mit Emilie Trampusch mit Scharlach und starb nach wenigen Tagen in seinem Haus in der Kumpfgasse. Sein Begräbnis wurde eine pompöse Leichenfeier, wie sie die Wiener lieben.
Johann Strauss Sohn erlangte in der Folgezeit eine immer größere Berühmtheit. Täglich gastierte er in mehreren Tanzsälen und erwies sich dabei als genialer Komponist, der zwischen zwei Auftritten auf die Tanz- oder gar Speisekarte eine neue Walzermelodie kritzelte. Aus den Titeln seiner musikalischen Eingebungen spricht jedoch ganz der verträumt-romantische Schöngeist, denn sie vermitteln spontane Stimmungen und wurden aus der Euphorie oder Melancholie des Augenblicks geboren: Nachtfalter, Idyllen, Lavaströme, Liebeslieder. Melodisch, verzaubernd und dabei dem Dämonischen trotzdem Raum gebend: diese Musik liebten die Wiener. Poetischer, kontrastreicher und ausladender führte der Sohn auf diese Weise die Vorgaben des Vaters weiter. Seine Musik strotzte von Lebensfreude, war dynamisch und witzig. Nicht ohne Grund nannte Richard Wagner ihn den »musikalischesten Schädel Europas«.
Johann Strauss Sohn war nicht nur höchst kreativ, er war auch außergewöhnlich fleißig, denn zwischen den Jahren 1844 und 1864 komponierte er mehr als 300 Tanzwerke. Das Wien dieser Epoche mit seinen unglaublichen Veränderungen lieferte ihm zahllose Themen. Ob anlässlich der Schleifung der Stadtmauern die Demoliererpolka erklang, ob Strauss Bürgerweisen komponierte oder für den Eröffnungsball der Gesellschaft der Musikfreunde die Polka Freut Euch des Lebens! schuf: seine Musik gab den Stimmungen seiner Zeit einen Ausdruck.
Den heute weltweit bekannten und als heimliche Hymne von Österreich geltenden Donauwalzer komponierte Johann Strauss für den Männergesangsverein, wo er am 15. Februar 1867 uraufgeführt wurde, allerdings mit einem anderen als dem uns heute bekannten Text, der von einem Männerchor gesungen wurde und hinsichtlich seines Aussagegehalts äußerst banal anmutete. Noch im selben Jahr dirigierte Strauss den Donauwalzer bei der Pariser Weltausstellung mit sensationellem Erfolg. Die Walzer von Johann Strauss Sohn wurden so gleichsam zu einem Sprachrohr von Wien, denn sie transportierten die landschaftliche Umgebung seiner geliebten österreichischen Hauptstadt, wie sie etwa im Titel der Frühlingsstimmen oder der Geschichten aus dem Wienerwald anklingt.
Im Sommer 1855 wurde Johann Strauss von einem Agenten der österreichischen Eisenbahngesellschaft, die eine Trasse in die russische Stadt Pawlowsk nahe St. Petersburg erbaut hatte, ein Engagement in der damals beliebten Sommerresidenz russischer Zaren angetragen. Im Zuge dieser Sommerengagements reiste Strauss mit dem gesamten Orchester nach Russland und komponierte eine beträchtliche Anzahl von Tanzmelodien speziell für das russische Publikum. Von Mai bis Oktober musste Strauss in Pawlowsk täglich Konzerte geben, wobei diese derart erfolgreich waren, dass sich das Honorar für ihn und sein Orchester im Laufe der Jahre nahezu verdoppelte. Den Weißen Nächten von Pawlowsk setzte Strauss in der Operette Die Fledermaus im zweiten Akt ein bleibendes Denkmal.
In seinen Konzerten, die im Casino Dommayer, im Volksgarten, in den Redoutensälen oder in den Sophiensälen stattfanden, präsentierte Strauss seinem Publikum auch die neueste Musik von anderen Komponisten. So erklangen Potpourrien – heute würden wir sie Medleys nennen – von Richard Wagners Opern, lange, bevor diese an der Hofoper aufgeführt wurden. 1864 wurde Johann Strauss Sohn zum Hofball-Musikdirektor ernannt, eine Ernennung, die verhältnismäßig spät erfolgte, jedoch dem Umstand zugeschrieben werden kann, dass man bei Hof seine Begeisterung für die 1848er Revolution nicht vergessen hatte und ihm diese lange nachtrug.
In Wien und an allen Orten seiner Gastspiele wurde der begnadete Wiener Komponist von den Frauen umschwärmt und verlor immer wieder sein Herz an attraktive Damen. Selten wurde eine dieser Beziehungen jedoch ernsthafter, mit Ausnahme der Beziehung zu Olga Smirnitskaja in Pawlowsk. Eine Heirat wusste seine Mutter indes zu verhindern. 1862 war Strauss seine erste Ehe mit der um acht Jahre älteren, ehemaligen Sängerin Henriette Treffz eingegangen. Zuvor war sie die langjährige Partnerin des jüdischen Industriellen und Bankiers Moritz Todesco gewesen, mit dem sie zwei offiziell anerkannte Kinder hatte. Für Strauss hatte die Liebesbeziehung zu Henriette den Charakter einer Amour fou, denn seinetwegen verließ die Sopranistin den wohl begüterten und einflussreichen Bankier. Ihr verdankte Strauss die Einführung in die erlauchten Kreise der gehobenen Wiener Gesellschaft und nicht zuletzt auch so manche hierfür notwendige Benimmregel. Außerdem war sie ihm eine perfekte Managerin seiner zahlreichen Tourneen.
Als Henriette Treffz 1878 in ihrem Haus in Hietzing an einem Schlaganfall starb, heiratete Strauss die Schauspielerin Angelika Dittrich, mit der er eine unglückliche Ehe führte und die ihn 1882 verließ. Diese Ehe wurde von Tisch und Bett getrennt. Die neue Liebe des »Walzerkönigs«, die Beständigkeit in sein Leben brachte, war die verwitwete Adele Strauss, die er jedoch erst nach der Annahme der sächsischen Staatsbürgerschaft heiraten konnte. Die im Jahr 1930 verstorbene Adele Strauss überlebte ihren Mann um Jahrzehnte und verwaltete seinen Nachlass äußerst loyal.
Mitte der 1860er Jahre kam Strauss mit Jacques Offenbach in Kontakt, der ihn zur Komposition von Operetten anregte. Wie alle Komponisten litt Strauss unter der schlechten Qualität der Libretti, doch sein erstes Werk Indigo und die 40 Räuber, das am Theater an der Wien uraufgeführt wurde, trug ihm bereits große Anerkennung ein. Einen noch größeren Erfolg feierte die Operette Die Fledermaus, die ebenfalls im Theater an der Wien uraufgeführt und zu einem bleibenden Welterfolg wurde. Es ist auch die einzige Operette, die an der Wiener Staatsoper aufgeführt wird, meist als Silvestervorstellung. Elf Jahr danach gelang es Strauss mit der Operette Der Zigeunerbaron an den Erfolg der Fledermaus anzuknüpfen. Der Sänger der Titelrolle war der bei den Wienern äußerst beliebte Alexander Girardi.
Insgesamt komponierte Johann Strauss 20 Operetten, einige davon hatten nur mäßigen Erfolg. Seine letzte Operette Wiener Blut wurde im Jahr 1899 erst nach seinem Tod im Carltheater in der Leopoldstadt uraufgeführt.
Neben den Operetten hinterließ Strauss Sohn nahezu 500 Kompositionen, darunter Walzer, Märsche, Quadrillen und Polkas. Seine einzige Oper Ritter Pázmán wird hingegen nur äußerst selten gespielt. Der legendäre Musiker starb in seinem von Baumeister Heymann im 4. Bezirk in der heutigen Johann Strauss-Gasse errichteten Palais an einer Lungenentzündung. Er wurde in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Sein Begräbnis am 6. Juni 1899 war ein gesellschaftliches Ereignis, hunderte Menschen erwiesen ihm die letzte Ehre.
Johann Strauss jüngerer Bruder Josef wollte ursprünglich gar nicht in das Musikgeschäft der Familie einsteigen. Er studierte am Polytechnikum und wurde Bauleiter. Offizielle Biographien bezeichnen ihn sogar als Architekten und Erfinder. Die Konstruktion einer Straßenkehrmaschine wurde ihm zugeschrieben. Eine Wende seiner Karriere als Architekt und Erfinder brachte das Jahr 1852, in dem sein erfolgreicher Bruder Johann eines Tages zutiefst erschöpft von einem längeren Gastspiel nach Wien zurückkehrte und sich außer Stande sah, die musikalischen Verpflichtungen in seiner Heimatstadt zu übernehmen. Um das finanzielle Überleben der Familie Strauss und der Familien aller Orchestermitglieder zu garantieren, wurde Josef gedrängt, den Posten des Kapellmeisters zu übernehmen. Er erlernte daraufhin das Geigenspiel und wechselte sich bald mit seinem jüngeren Bruder Eduard in der Leitung des Orchesters ab, vor allem, wenn sich Johann zu Gastspielen im Ausland aufhielt. Der hochbegabte Josef überraschte mit meisterhaften, schwermütig-schönen Kompositionen: Walzer wie Sphärenklänge, Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust, Dorfschwalben aus Österreich oder die Pizzicato-Polka nehmen einen festen Platz im Repertoire der Konzertbühnen ein und werden nicht zuletzt durch das jährlich weltweit übertragene Neujahrskonzert aus Wien Millionen Menschen vor dem Fernsehbildschirm immer wieder nahegebracht.
Der jüngste Bruder Eduard, der interessanterweise als einziges Familienmitglied seinen Nachnamen mit »ß«, anstatt mit doppeltem »s« schrieb, studierte Harfe und Musiktheorie und spielte anfangs im Orchester seines Bruders. Nach dem Tod von Josef Strauss übernahm er die Orchesterdirigate. Von seinen zu Schlagern gewordenen Kompositionen sind Titel wie Wein, Weib und Gesang oder Morgenblätter aus Wiener Ballsälen nicht wegzudenken. Eduard war sehr reisefreudig und unternahm mit dem Orchester zahlreiche Gastspielreisen. So soll er in insgesamt 840 Städten in Europa und in Übersee Konzerte gegeben haben. 1882 wurde ihm die Funktion des Hofball-Musikdirektors übertragen, die sein Bruder Johann bereits 1871 abgegeben hatte. Er übte dieses Amt bis 1901 aus, dann zog er sich aus dem öffentlichen Musikleben zurück. Eduard war mit Maria Klenkhart verheiratet, aus dieser Ehe stammten zwei Söhne, Johann Strauss Enkel (1866–1939) und Josef Eduard Strauss (1868–1940), ersterer widmete sich ebenfalls der Musik. Deren Nachkommen leben heute noch in Wien.
War Johann Strauss Vater noch ein populärer Volksmusiker, könnte man bei seinem Sohn in der Diktion unserer Tage von einem »Popidol« sprechen. Johann Strauss Sohn stilisierte sich zur Musikikone, sein unstetes Privatleben lieferte immer wieder öffentlichen Gesprächsstoff. Jedenfalls baute die Familie Strauss in zwei Generationen einen Musikkonzern auf, der damals seinesgleichen suchte. Doch nicht nur der bekannteste Repräsentant der Strauss-Dynastie beherrschte die Kunst der Stilisierung: in nur zwei Generationen baute Österreichs bedeutendste Komponisten-Familie einen Musikkonzern auf, der damals seinesgleichen suchte.
Ignaz Philipp Semmelweis
* 1. Juli 1818 Ofen (heute Budapest), † 13. August 1865 Oberdöbling (heute Wien)
Arzt
Semmelweis wurde als Sohn eines Kaufmannes in Ofen geboren. Nach Besuch des Piaristengymnasiums studierte er an der Universität in Pest (heute ebenfalls Budapest). 1837 kam er nach Wien, um Jura zu studieren, wechselte aber ein Jahr später das Fach und nahm ein Medizinstudium auf. Nach seiner 1844 erfolgenden Promotion arbeitete er als Arzt im Allgemeinen Krankenhaus und an der pathologischen Anatomie. Zwei Jahre später wechselte er als Assistenzarzt in die Abteilung Geburtshilfe. Zu dieser Zeit lag die postnatale Sterblichkeitsrate durch Kindbettfieber zwischen 5 und 15 %, teilweise sogar bei 30 %. Die Geburt von Kindern stellte folglich ein großes Risiko dar.
Semmelweis entdeckte durch Beobachtungen, dass in jenen Orten, in denen Studenten und Ärzte sowohl in der Pathologie als auch in der Geburtshilfe tätig waren, die Sterblichkeit höher war, als in den Abteilungen, in denen ausschließlich Hebammenschülerinnen ausgebildet wurden, die nicht in der Pathologie arbeiteten. Daher untersuchte Semmelweis die Mütter noch gründlicher, was jedoch zu einem weiteren Anstieg der Todesfälle führte. Erst der Todesfall eines anderen Mediziners, der sich bei einer Leichensektion verletzt hatte und an Blutvergiftung starb, brachte Semmelweis auf die Ursache: Ärzte und Studenten sezierten täglich die an Kindbettfieber verstorbenen Frauen und gingen unmittelbar danach zu weiteren Geburten, ohne zwischendurch ihre Hände zu desinfizieren. Daher instruierte Semmelweis seine Studenten, sich nach den Leichensektionen mit Chlorkalk zu desinfizieren, wodurch die Todesrate merklich sank. Semmelweis entdeckte darüber hinaus, dass nicht allein die Leichensektion, sondern bereits der Kontakt mit anderen septischen Patienten zu Ansteckungen führen kann. Daher verlangte er von seinen Mitarbeitern, sich nach jeder Untersuchung zu desinfizieren. Der Erfolg war groß, die Sterblichkeitsrate sank auf 1,3 %. Doch die Anerkennung für seine Entdeckung blieb ihm verwehrt. Die konservativen Kollegen machten nicht die fehlende Sauberkeit sondern »Miasmen« für das Kindbettfieber verantwortlich.
1849 wurde Semmelweis Assistenzstelle nicht verlängert, da die Kollegenschaft mehrheitlich gegen ihn stimmte. Nur der Internist Josef Skoda soll sich auf seine Seite gestellt haben, jedoch überstimmt worden sein. Semmelweis reagierte mit Empörung und heftigen Anwürfen gegen die Kollegen, wurde sogar ausfallend und nannte sie Mörder vor Gott und der Welt. Offenkundig trug dieses Verhalten nicht zu einer Entspannung seiner misslichen Lage bei und zu alldem erschwerend hinzu trat die Tatsache, dass die Einsetzung einer Untersuchungskommission über seine Ergebnisse von seinen Kollegen verhindert wurde. Der Arzt verließ Wien daraufhin voller Wut und ging an die Universitätsklinik in Pest, die heute seinen Namen trägt. Auch in Ungarn fand er kaum Unterstützung, denn Hygienemaßnahmen wurden als Zeitverschwendung betrachtet. Semmelweis verfasste in Reaktion darauf polemische offene Briefe, in denen er an seinen Kollegen kein gutes Haar ließ. 1865 eskalierte die Situation in Budapest: Semmelweis erkrankte psychisch und wurde durch den Antrag von Kollegen in die Irrenanstalt in Oberdöbling eingeliefert. Zwei Wochen nach seiner Einweisung starb er an einer Blutvergiftung. Er wurde in Budapest beigesetzt.
Semmelweis Bedeutung wurde lange nicht erkannt, erst in den 1880er Jahren setzte die öffentliche Anerkennung langsam ein und es begannen dramatische Gerüchte um seinen frühen Tod zu kursieren, die von verweigerter Hilfeleistung bis zu seiner Ermordung reichten. Tatsächlich wurde erst ein Jahrhundert später entdeckt, dass Semmelweis lange vor seinem Tod an Syphilis litt, eine Krankheit, die bei Frauenärzten vielfach aus ihrer beruflichen Tätigkeit und nicht aus einem ausschweifenden Lebenswandel resultierte. Obwohl die damalige Diagnose »Blutvergiftung infolge eines Abszesses« korrekt war, befand sich seine Paralyse unmittelbar vor seinem Tod bereits in einem sehr fortgeschrittenen Stadium, was auch seine hohe Aggressivität und die starken Stimmungsschwankungen erklären.
Gregor Mendel
* 20. Juli 1822 Heinzendorf (heute Vražné, Österreichisch-Schlesien), † 6. Januar 1884 Brünn
Naturforscher und Pionier der Vererbungslehre
Der Kleinbauernsohn half schon im elterlichen Garten bei der Veredelung von Obstbäumen. Wegen seiner guten Schulerfolge durfte er das Gymnasium in Troppau besuchen; in den Oberklassen musste er sich dort seinen Lebensunterhalt als Privatlehrer verdienen. Da seine jüngere Schwester zu seinen Gunsten auf ihr Erbteil verzichtete, konnte er drei Jahre die Universität in Olmütz besuchen. Doch dann musste er mangels irgendeines Unterhalts sein Studium abbrechen. Mendel entschloss sich, Mönch zu werden, und trat in die Augustinerabtei St. Thomas in Brünn ein. Zwischen 1845 und 1848 studierte er Theologie und Landwirtschaft in Brünn. 1847 erfolgte seine Priesterweihe. Seine Ordensoberen erkannten rasch seine wissenschaftliche Neigung und Begabung und setzten ihn als Hilfslehrer am Gymnasium ein. Da er die Lehramtsprüfung für Naturgeschichte und Physik nicht bestand, erlaubte ihm der Orden, diese Fächer ihn Wien zu studieren. Er studierte Experimentelle Physik bei Christian Doppler (→ siehe dort) und Pflanzenphysiologie bei Franz Unger. Ab 1854 wurde er wieder als Lehrer in Brünn eingesetzt. 1856 scheiterte er aber aus unbekannten Gründen noch einmal an der Lehramtsprüfung.
Unterstützt von seinem Abt Cyrill Franz Napp, der an der Naturwissenschaft, speziell am Obstbau, sehr interessiert war, begann er im Klostergarten mit seinen systematischen Experimenten mit Erbsen. Seine Kreuzungen mit Erbsen hatte er sorgfältig geplant. Er unterschied die Pflanzen nach Blütenfarbe bzw. nach Samenfarbe und -form. Er kreuzte die Sorten, indem er Pollen der einen Sorte auf die Narben der anderen Sorte aufbrachte, wobei er eine Fremdbestäubung durch Entfernung der Staubblätter und Verhüllung der Blüten verhinderte. Er unternahm 335 künstliche Befruchtungen und konnte aus den fast 13.000 entstandenen Pflanzen eine nach klaren Regeln verlaufende Vererbung der Merkmale beweisen. Innerhalb von acht Jahren zog er insgesamt 28.000 Erbsenpflanzen, die ihn zu drei allgemeinen Gesetzen führten, die heute als Mendel’sche Regeln bekannt sind. Er entdeckte das Uniformitätsgesetz, das Spaltungsgesetz und die Unabhängigkeitsregel.
Seine Forschungen präsentierte Mendel erstmals in einem Vortrag im Februar und im März 1865 im Naturforschenden Verein in Brünn. 1866 publizierte er »Versuche über Pflanzenhybriden« und 1870 einen Artikel mit dem Titel »Über einige aus künstlicher Befruchtung gewonnene Hieracium-Bastarde«. Die Rezeption seiner Entdeckungen fiel mager aus. Vermutlich waren seine Erkenntnisse für die damalige Zeit zu revolutionär. Sein Artikel wurde kaum gelesen, selbst der damals bedeutende Botaniker Carl Nägeli, dem Mendel ein Exemplar übersandt hatte und mit dem er eine längere Korrespondenz führte, erkannte nicht die Bedeutung von Mendels Forschungsergebnissen. Dass ihn 1868 seine Mitbrüder zum Abt wählten, konnte die Enttäuschung über die geringe Resonanz auf seine Forschungen kaum wettmachen. Die starke Inanspruchnahme durch sein neues Amt verhinderte weiterführende Forschungen. 1883 erkrankte Mendel an einem Nierenleiden, an dem er schließlich verstarb.
Erst um 1900 erkannten die Botaniker Hugo de Vries, Carl Correns und Erich Tschermak-Seysenegg, die selbst eine Reihe von Experimenten durchgeführt hatten, die große Bedeutung der Mendel’schen Forschungen. Mendel entdeckte, dass ein Organismus zahlreiche Merkmale aufweist, die sich unabhängig voneinander vererben lassen. Davor meinte man, dass sich nur die Gesamtgestalt einer Pflanze vererbe. So bewies er, dass Lebewesen aus Genen zusammengesetzt sind, die eine Gesamtinformation zu einem Lebewesen darstellen. Damit bestätigte er auch Darwins Selektionstheorie und legte die Grundlagen für die Genetik als eigenständiges Wissensgebiet, die erst zu Ende des 20. Jahrhunderts eine ungeahnte Blüte erlebte.
Otto Wagner
* 13. Juli 1841 Wien, † 11. April 1918 Wien
Architekt und Stadtplaner
Otto Wagner wurde in Penzing, einem damaligen Vorort der Kaisermetropole, als Sohn eines begüterten königlich-ungarischen Hofnotars geboren. Von Hofmeistern und französischen Gouvernanten in den klassischen Fächern erzogen, begann er ein Architekturstudium am Wiener Polytechnikum; außerdem besuchte er ein Jahr lang die Bauakademie in Berlin. 1862 beendete er als Schüler von Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg, den beiden Erbauern der Wiener Staatsoper, seine Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste.
Seinen ersten Wettbewerb gewann Wagner mit einem Entwurf für den Kursalon im Wiener Stadtpark, erhielt aber nicht den damit verbundenen Bauauftrag. Gemeinsam mit seinem Studienkollegen Otto Thienemann erbaute er 1874 den noch heute bestehenden Grabenhof. Nun konnte Wagner ein eigenes Büro eröffnen, und sein Ruf als innovativer Architekt verbreitete sich rasch. Wahrscheinlich errichtete er mehr als dreißig Wohnhäuser, die er oft als selbstständiger Bauherr erbaute, manche selbst bewohnte und dann an Private weitergab. Sein damaliger Baustil befand sich durchaus im Mainstream der Zeit und garantierte seinen Kunden einen hohen Grad an technischer Perfektion. Auch seine Planungen für den zeitlichen Ablauf der Bauprojekte waren geradezu perfekt. So gelang es ihm, das Festzelt für den Festzug anlässlich der Silbernen Hochzeit des Kaiserpaares Franz Joseph I. und Elisabeth binnen weniger Stunden zu errichten.
Um etwa 1890 fand er im Zug des Auftrags für einen »Generalregulierungsplan« für Wien zu seinem unverwechselbaren Stil. Er verfasste dazu eine theoretische Schrift mit dem Titel »Die Großstadt – Eine Studie über diese«, in der er seine Grundgedanken zu Städtebau, aber auch zur Gestaltung eines einzelnen Objekts formulierte. Darin schrieb er Sätze wie: »Der Architekt hat immer aus der Konstruktion die Kunstform zu entwickeln«, oder: »Die Kunst hat daher die Aufgabe, das Stadtbild der jeweiligen Menschheit anzupassen.« Dieser Funktionalismus wurde die Basis für den qualitätsvollen Städtebau des 20. Jahrhunderts.
Formalistisch fühlte sich Wagner den Grundsätzen von Symmetrie und Achsialität verbunden, eine geistige Verwandtschaft mit den Monumentalentwürfen eines Johann Bernhard Fischer von Erlach ist nicht zu leugnen. Otto Wagners Schüler – er lehrte seit 1894 an der Akademie der bildenden Künste – errichteten in seinem Sinne zahlreiche Bauten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hervorzuheben sind dabei die monumentalen Bauten des »roten Wien« der Zwischenkriegszeit, welche die Formen der Herrschaftsarchitektur in den sozialen Wohnbau übernahmen.
Im Jahrzehnt zwischen 1880 und 1890 errichtete Wagner in öffentlichem Auftrag nur das überaus qualitätsvolle Verwaltungsgebäude der Länderbank in der Hohenstaufengasse, das durch seine kühne Lösung für eine verschobene Achse für den Kassensaal überrascht. Zukunftsweisend bei diesem Bau war, dass Otto Wagner erstmals ein Skelettbausystem aus Stahl, das mit Platten ausgefüllt wurde, verwendete – wie er sich überhaupt zunehmend den neuen Materialien, nämlich Stahl und Aluminium, zuwandte.
1894 erhielt er den Großauftrag für die Planung und Erbauung der Stadtbahn und der Vorortelinie. Auch die künstlerische Gestaltung dieses damals europaweit größten Bauauftrages wurde Wagner übertragen. Schon in seinem Generalregulierungsprogramm hatte er sich mit der Steuerung von Verkehrsflüssen beschäftigt. Für ihn war die Einbeziehung des Wiener Donaukanals und der Donau in ein Gesamtverkehrskonzept wesentlich. So ist die Planung und Ausführung des Nußdorfer Wehrs am Donaukanal als ein Tor in die Stadt zu begreifen. Eine generelle Neuplanung der städtischen Verkehrsströme war 1890 durch die Eingemeindung der Vororte Wiens notwendig geworden. Wagners Konzept beruhte auf dem Gedanken der Kreuzungsfreiheit für den Verkehr, was bei der Gestaltung etwa der Stadtbahn hervorragend gelang. Seine Trassierung hat noch immer Gültigkeit, wurde sie doch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Streckenführung der Wiener U-Bahnlinien übernommen.
Für die Detailplanung dieses riesigen Bauvorhabens baute Wagner ein Büro mit siebzig Mitarbeitern auf. Seine begabtesten Schüler, u.a. Joseph Maria Olbrich, Josef Hoffmann oder Max Fabiani, hatten wesentlichen Anteil an den künstlerischen Details. Er schuf für seine Bauten eine Unverkennbarkeit, die man heute als Corporate Identity bezeichnen würde. Der große Architekt starb 1918 wenige Monate vor Ende des Ersten Weltkrieges.
Internationale Bewunderung erregten Wagners Bauwerke nach 1900. Mit ihnen erwies er sich als radikaler Wegbereiter der Moderne. Das Gebäude der Postsparkasse und die Kirche St. Leopold am Steinhof überzeugen sowohl ästhetisch wie funktional.
Wagners letztes Lebensjahrzehnt war überschattet von der peinlichen Diskussion um die Errichtung eines Neubaues für ein historisches Museum der Stadt Wien. Vor allem konservative Kreise um den Thronfolger Franz Ferdinand und um die das Wiener Kulturleben nachhaltig beeinflussende Fürstin Pauline Metternich lehnten Wagners Projekt vehement ab. Lediglich der Wiener Bürgermeister Karl Lueger unterstützte ihn. Das Scheitern dieses Projekts wurde zum Symbol des Untergangs der Wiener Moderne. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte in der Zeit der völligen Verarmung aller Bevölkerungskreise nicht mehr an diese künstlerischen Großtaten angeschlossen werden.
Wichtigste Bauten in Wien:
Grabenhof (1873), Bürgerhaus Schottenring 23 (1877), Familiengruft Hietzinger Friedhof (1881), Länderbank (1881), Bürgerhaus Stadiongasse 6–8 (1882), Große Wagner-Villa Hüttelbergstraße 28 (1886), Bürgerhaus Universitätsstraße 12 (1887), Wohnhaus Rennweg 3 (1889), Wehranlage am Donaukanal (1894), Stadtbahn (1894–1900), Bürgerhaus Spiegelgasse 2 (1894), St. Johannes-Kapelle Währinger Gürtel (1895), Bürgerhäuser Linke Wienzeile 38 und 40 (1898), St. Leopold am Steinhof (1902–1904), Postsparkassengebäude (1903–1910), Kleine Wagner-Villa Hüttelbergstraße 28 (1912).
Bertha von Suttner
* 9. Juni 1843 Prag, † 21. Juni 1914 Wien
Schriftstellerin und Pazifistin
Als Bertha Sophia Felicitas Gräfin Kinsky von Chinic und Tettau am 9. Juni 1843 in Prag geboren wurde, war ihr Vater Feldmarschall-Leutnant Graf Kinsky, der einem alten böhmischen Adelsgeschlecht entstammte, bereits verstorben. Ihre 50 Jahre jüngere Mutter war ihrem Mann keine ebenbürtige Ehepartnerin gewesen. Da Graf Kinsky nicht Majoratsherr war, verfügte die Familie lediglich über ein bescheidenes Vermögen. Obgleich Berthas Vormund, Friedrich Graf Fürstenberg, der jungen Frau eine gute Erziehung angedeihen ließ, litt sie zeitlebens am »Makel« ihrer Geburt. Berthas Mutter versuchte das Vermögen der Familie durch Spielen in Europas Casinos zu vermehren, scheiterte jedoch naturgemäß. Als Bertha 18 Jahre alt war, wurde sie in die Gesellschaft eingeführt, damit möglichst schnell ein wohlhabender Mann für sie gefunden würde. Zwar fand sie viele Bewunderer, ein seriöser Ehemann war jedoch nicht auszumachen. Aus diesem Grund musste die junge Frau sich für den Beruf einer Gouvernante oder Gesellschaftsdame entscheiden, was bei ihrer ausgeprägten Bildung jedoch kein Problem darstellte: sie beherrschte drei Fremdsprachen, konnte singen und Klavier spielen und war sehr belesen.
Im Jahr 1873 trat Bertha eine Stelle im Haus von Carl von Suttner an, wo sie dessen vier Töchter beaufsichtigte. Im Hause Suttner entspann sich zwischen dem jüngsten Sohn der Familie Arthur Gundaccar – er war um sieben Jahre jünger als Bertha – und Bertha eine Liebesbeziehung, die das Paar drei Jahre geheim halten konnten. Letztlich verweigerte die Familie ihre Zustimmung zu einer Eheschließung und Bertha war gezwungen, ihre Stelle aufzugeben. Über Baronin Suttner erhielt sie den Hinweis, dass in Paris ein älterer Herr eine sprachenkundige Sekretärin suche. Sie bewarb sich um diesen Posten und wurde von Alfred Nobel angestellt. So sehr ihr die Arbeit auch gefiel und sie Nobel als intelligenten und kongenialen Gesprächspartner schätzte, arbeitete sie doch nur kurz in Paris, denn sie wurde von Heimweh und Liebeskummer geplagt. So kehrte sie nach Wien zurück, blieb aber weiterhin mit Nobel in Kontakt.
1876 heirateten Bertha und der junge Gundaccar heimlich in der Vorstadtkirche von Gumpendorf und brachen dann beinahe fluchtartig nach Georgien auf. Sie wählten dieses Land als Exilstätte, weil Bertha von Suttner die verwitwete Fürstin Ekaterina Dadiani von Mingrelien aus früheren Jahren kannte. Von ihr erhoffte sie sich eine Stellung, von der ihr Mann und sie leben könnten. Daraus wurde jedoch nichts und das Ehepaar erteilte anfangs Musik- und Französischunterricht. Nach Ausbruch des russisch-türkischen Krieges verschlimmerte sich die wirtschaftliche Lage allerdings zunehmend und niemand wollte mehr die französische Sprache erlernen. Daher versuchte sich Arthur Suttner als Schriftsteller. Er berichtete für westeuropäische Zeitungen über Georgien und auch vom Kriegsschauplatz. Bertha von Suttner verlegte sich ebenso auf das Schreiben, ihre Romane erschienen in Fortsetzungen in verschiedenen Zeitschriften. Als sich die finanzielle Lage des Ehepaares noch mehr verschlechterte, kehrten sie beide nach Österreich zurück. Die Aussöhnung mit Arthurs Familie war inzwischen erfolgt. Das Ehepaar ließ sich in Harmannsdorf, im Suttnerschen Schloss nieder und beide verdienten sich weiterhin ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben.
1889 erschien Berthas erstes bedeutendes Buch Das Maschinenzeitalter, in dem sie sich mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandersetzte. Sie kritisierte darin die Nationalismen, tadelte das Schulsystem, das technischen Neuerungen gegenüber nicht aufgeschlossen war und beklagte die schlechtere Stellung der Frau in der Gesellschaft. 1887 erhielt sie in Paris Kenntnis von der Existenz einer internationalen Friedensbewegung, für die sie das Buch Die Waffen nieder! schrieb. Dieser 1889 erschienene Tendenzroman wurde ein Bestseller und wurde innerhalb von nur vier Jahren in zwölf Auflagen publiziert. Bis zu Suttners Tod wurde dieses Buch in 12 Sprachen übersetzt und machte die Österreicherin zu einer der führenden Vertreterinnen der Friedensbewegung. Mit dem aus der Ich-Perspektive geschriebenen Bericht einer Gräfin, die innerhalb eines Zeitraums von knapp zehn Jahren durch die Erfahrung von vier Kriegen zur überzeugten Pazifistin wird, traf Bertha von Suttner den Nerv der Zeit, der einerseits durch einen schrankenlosen Imperialismus und hemmungslosen Nationalismus gekennzeichnet war, andererseits durch linke Massenparteien, die sich vehement für die Rechte der Menschen einsetzten. Im September 1891 wurde die Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde als eine Sektion der Internationalen Friedensgesellschaft gegründet und Bertha von Suttner widmete ihr ganzes künftiges Leben dieser hehren Idee. Sie schrieb hunderte Artikel und Abhandlungen, hielt Vorträge und nahm an Tagungen teil. Einen Mitstreiter fand sie in ihrem österreichischen Landsmann Alfred Fried (→ siehe dort) und auch Schriftsteller wie Leo Tolstoi oder Peter Rosegger unterstützten sie. Ab 1892 gab sie die Zeitschrift Die Waffen nieder heraus und gründete die Deutsche Friedensgesellschaft, die innerhalb kürzester Zeit mehrere Tausend Mitglieder hatte.
Zur Förderung der Friedensidee fanden Weltfriedenskonferenzen statt, so 1889 zum ersten Mal in Paris. Einen wesentlichen Impuls für die Friedensbewegung bedeutete die testamentarische Verfügung von Alfred Nobel, aus den Zinsen seines Vermögens einen Preis für Verdienste um die Friedensbewegung zu stiften. Bertha von Suttners Mann war seinerseits pazifistisch eingestellt und engagierte sich im Verein zur Abwehr des Antisemitismus. 1905 wurde Bertha von Suttner für ihr unermüdliches Wirken für die Friedensidee als erste Frau in der Geschichte mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Dennoch blieb ihre Arbeit nicht von Kritik verschont. Man unterstellte der Österreicherin eine naive Gesinnung und versuchte sie mit allen Mitteln der Lächerlichkeit preis zu geben. Unzählige Karikaturen der »Friedensbertha« machten sich über ihren Optimismus lustig.
Sie starb am 21. Juni 1914, wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, mitten in den Vorbereitungen für einen weiteren Weltfriedenskongress, der in Wien stattfinden sollte, an einer Krebserkrankung.
Sigmund Freud
* 6. Mai 1856 Freiberg (Mähren), † 23. September 1939 London
Anna Freud
* 3. Dezember 1895 Wien, † 9. Oktober 1982 London
Psychiater
Ende der 1850er Jahre betrieben Sigmund Freuds Eltern einen kleinen Textilhandel, der jedoch drei Jahre nach Geburt des Sohnes zu Grunde ging. Die Familie war gezwungen, nach Wien zu übersiedeln. Er wuchs im »Mazzesviertel«, dem überwiegend jüdischen 2. Bezirk auf. Hier wurden auch seine sechs jüngeren Geschwister geboren. Freud konnte ein fortschrittliches Gymnasium besuchen, wo er 1873, im Jahr der Weltausstellung und großen Wirtschaftskrise, die Matura ablegte. Er studierte zunächst Philosophie und Biologie und wandte sich dann, fasziniert von den neuen Erkenntnissen Darwins, der Medizin zu. Bereits 1877 veröffentlichte er eine wissenschaftliche Arbeit über Aale. Seine liebste Wirkungsstätte an der Universität war das physiologische Institut, damals von Professor Ernst Brücke geleitet. Sigmund und Anna Freud
1881 beendete Freud sein Studium, ein Jahr später lernte er Martha Bernays, seine spätere Frau kennen. Um heiraten zu können, musste er zunächst die Träume von einer wissenschaftlichen Karriere aufgeben und mit Eröffnung einer medizinischen Praxis sein Leben auf eine solide wirtschaftliche Basis stellen. Er konzentrierte sich auf die Behandlung von Erkrankungen des menschlichen Nervensystems, zumal damals Kokain als neuer und effektiver Wirkstoff bekannt wurde, wenngleich man dessen Suchtcharakter noch nicht einschätzen konnte. Freud machte Selbstversuche, in denen er Kokain als Mittel zur Schmerzbekämpfung erprobte. Rasch festigte sich sein Ruf in Kollegenkreisen. Ihm wurden eine gute Allgemeinbildung, ein ruhiger und ernster Charakter sowie ein klarer Blick bescheinigt. 1885 habilitierte sich Freud und konnte ein Jahr später heiraten und eine eigene Praxis eröffnen.
Während seiner Fachausbildungszeit hatte er im Pariser Hôpital Salpêtrière bei Jean-Martin Charcot, einem auf dem Gebiet der Hysterie weltweit anerkannter Spezialisten, einige Studienmonate absolviert. Dabei hatte er auch die Hypnose als eine mögliche Behandlungsmethode von Nervenkrankheiten kennen gelernt. Zwar wurde sie von den Fachkollegen als unwissenschaftlich abgetan, doch in hoffnungslosen Fällen schien dieses »kathartische« Verfahren, wie Freud es in einer 1895 mit seinem Kollegen und Freund Josef Breuer veröffentlichten Studie über Hysterie nannte, Heilungsmöglichkeiten zu bieten. Freud entdeckte hierbei, dass die Ursache für die Hysterie vielfach in seelisch krank machenden Konflikten zwischen inneren sexuellen Wünschen und der offiziell eingeforderten Moral lag. Es waren verdrängte Phantasien, Wunschvorstellungen und Träume seiner Patienten, die Freud mit den Begriffen Verdrängung und Ödipuskomplex belegte, wobei letzterer den kindlichen Wunsch nach der Beseitigung des gleichgeschlechtlichen Elternteils mit dem Ziel, den andersgeschlechtlichen Elternteil für sich allein zu besitzen, bezeichnet.
In dem Jahrzehnt zwischen 1895 und 1905 entwickelte Freud sein Lehrgebäude der Psychoanalyse. Einen Eckpfeiler dieser Lehre legte er in seinem bereits 1899 erschienenen, aus kommerziellen Erwägungen auf 1900 datierten Werk Die Traumdeutung nieder. 1910 gründete er die Internationale Psychoanalytische Vereinigung.
Bis zum Ausbruch seiner Krebserkrankung im Jahr 1923 – Freud hatte Mundhöhlenkrebs und musste über 30 Operationen über sich ergehen lassen – war Freuds Praxis gut besucht. Der Analytiker war eine international angesehene Koryphäe und verdiente äußerst gut, was bei der Größe seines Haushalts dringend nötig war, lebten doch in seinem Haus nicht nur seine Ehefrau und seine Kinder, sondern auch seine Schwestern und zahlreiches Personal. Nach 1923 reiste er immer wieder zu Kongressen und Tagungen, zumeist begleitet von seiner jüngsten Tochter Anna, die mit den Jahren die eigentliche Bewahrerin seines Erbes wurde.
Freuds Lehre war von Anfang an heftig umstritten und im Zuge dessen bildeten sich Schulen, die ihr entweder die Treue hielten oder auf ihrer Basis eine Gegenlehre entwickelten, zu letzteren gehörte etwa der Psychotherapeut Alfred Adler (→ siehe dort). Auch Carl Gustav Jung, Freuds langjähriger Schüler und Vertrauter, den er als seinen eigentlichen Nachfolger ansah, distanzierte sich und schlug einen eigenen Weg ein. So bildeten sich schließlich eine Reihe von Schulen, die zwar alle auf Freud zurückgehen, sich in Theorie und Praxis aber von den Positionen des Analytikers unterscheiden.
Bis zu Freuds erzwungener Emigration nach London im Jahr 1938 war Wien das geistige Zentrum der Psychoanalyse. Aus der ganzen Welt kamen Heilung Suchende zu Freud, wobei seine Erfolgsquote aufgrund der langen zeitlichen Dauer der Analyse jedoch nicht besonders hoch war. 1938 wurde die Psychoanalyse gewaltsam aus Wien verbannt. Bereits 1933 waren Freuds Werke bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten der Bücherverbrennung zum Opfer gefallen. Freud erkannte nur allzu deutlich, welche gefährliche politische Entwicklung Deutschland nahm, konnte sich aber lange nicht zur Emigration entscheiden. Ins Londoner Exil ging er, um »in Freiheit zu sterben«. Seine Krebserkrankung war bereits sehr weit fortgeschritten, so dass ihm nur noch wenige Monate Lebenszeit blieben. Kurz vor seinem Tod gab ihm sein langjähriger Arzt Dr. Max Schur, der ihm ins Exil gefolgt war, auf eigenen Wunsch schmerzlindernde Morphiumspritzen, in deren Folge er ins Koma fiel und nicht mehr erwachte.
Mittlerweile ist Freuds Lehre in vielerlei Hinsicht überholt. Der Analytiker vertrat Ansichten, die heute z.T. äußerst fragwürdig sind, wie etwa die, dass man Homosexualität heilen müsse. Andererseits prägte er mit Begriffen wie Verdrängung, Fehlleistung oder Ödipuskomplex eine Terminologie, die aus unserem Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken ist. Seine Leistung bestand darin, dass er eine Sprache für die inneren Vorgänge des Individuums fand, die der Wiener Analytiker Richard Picker als eine »Art Psychosprache« bezeichnet. Freuds kulturtheoretische Ansätze sind hingegen nach wie vor höchst angesehen.
Anna Freud wurde als sechstes Kind von Sigmund und Martha Freud in Wien geboren. Sie war ihr Leben lang die Lieblingstochter und Vertraute des Vaters. Nach Besuch des Cottage Lyceums begann sie eine Ausbildung als Volksschullehrerin, die sie 1914 mit dem ersten Staatsexamen abschloss. Ihr Vater schenkte ihr im Sommer 1914 eine Englandreise, von der sie nach Ausbruch des Krieges nur dank der Intervention von Freunden nach Österreich zurückkehren konnte. Nach Ablegung des zweiten Staatsexamens im Jahr 1916 unterrichtete sie zwischen 1917 und 1920 an ihrer alten Schule. Neben ihrer Lehrerausbildung absolvierte sie eine informelle Ausbildung als Psychoanalytikerin, indem sie die Vorlesungen ihres Vaters an der Wiener Universität besuchte und von Anfang an seine fachliche Vertraute war. Auch ihre Lehranalyse absolvierte sie von 1918 bis 1921 beim Vater, was bei dem engen verwandtschaftlichen Verhältnis nicht ohne Probleme und Folgen war und vor allem von Außenstehenden kritisiert wurde. Möglicherweise resultierte gerade aus dieser Lehranalyse ihr sehr enges Verhältnis zum Vater.
Nach dem Ersten Weltkrieg waren die fünf anderen Geschwister alle aus dem Haus, so dass Anna die einzige intellektuelle Bezugsperson für den Vater wurde. Mit der Mutter hielt sie den Freudschen Haushalt aufrecht und sorgte dafür, dass ihr Vater sich ganz seiner Arbeit widmen konnte.
Im Juni 1922 nahm Freud sie in die Psychoanalytische Vereinigung auf; sie hielt bei dieser Gelegenheit einen viel beachteten Vortrag mit dem Titel Schlagphantasien und Tagtraum. Ein Jahr später eröffnete sie ihre eigene Praxis in der Berggasse 19, wo sie vorwiegend Kinder analysierte und therapierte. Ab 1918 nahm sie auch regelmäßig an den jeweils mittwochs stattfindenden Diskussionsrunden ihres Vaters teil. Wenn Sigmund Freud zu Kongressen reiste, befand sie sich immer in seiner Begleitung.
1925 begegnete sie Dorothy Tiffany Burlingham, die aus der amerikanischen Tiffany-Glas- und Schmuckdynastie stammte. Sie war mit ihren vier Kindern nach Wien in die Praxis von Sigmund Freud gekommen. Dorothy Burlingham war fünf Jahre älter als Anna und seit 1911 verheiratet, lebte jedoch bereits seit Jahren von ihrem Mann getrennt. In ihr fand Anna ihre Lebenspartnerin. Burlingham begann ebenfalls eine Ausbildung als Psychoanalytikerin. Sie und Anna Freud gestalteten ihr Leben gemeinsam, zogen Dorothys Kinder auf und erwarben 1932 als Wochenend- und Sommerhaus ein Bauernhaus in Hochrotherd.
Über den Vater lernte Anna 1921 die um mehr als 30 Jahre ältere Lou Andreas-Salomé kennen, die als Muse berühmter Männer wie Rainer Maria Rilke und Friedrich Nietzsche bereits internationale Bekanntheit genoss. Die Begegnung mit der intellektuell anregenden Lou, die ebenfalls eine analytische Ausbildung hatte, war für Anna prägend. Sigmund Freud bezeichnete Lou Andreas-Salomé als ein Frauenzimmer von gefährlicher Intelligenz.
Bei den Mittwochgesellschaften ihres Vaters traf Anna Freud Muriel Gardiner, Erbin eines Chicagoer Fleischimperiums. Gardiner, die eng mit der Society of Friends verbunden war, verbrachte einige Jahre in Wien. So lange sie konnte, versuchte sie Freunden zu helfen Sie war auch an der Verschickung von Freuds Antiquitätensammlung beteiligt.
Bereits die Berufswahl von Anna Freud verdeutlichte, auf welches tiefenpsychologische Gebiet sich ihre fachlichen Interessen richten würden: die psychische, physische und geistige Entwicklung des Kindes. Stets hatte sie Kinder beobachtet, ihre individuelle Entwicklung verfolgt und vor allem der Kindlichkeit und den verschiedenen Formen ihrer Äußerungen verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet. Die Erziehung war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom Gegenbild der Erziehungsmethoden des 19. Jahrhundert geprägt, denen man unterstellte, dass sie die kindliche Unschuld durch von außen aufoktroyierte Zwänge zerstört hätten. Die Psychoanalyse wies hier einen anderen, differenzierteren Weg, indem sie von der empirisch bewiesenen Erkenntnis ausging, dass alle Versuche des Kindes, die Erwachsenenwelt kennen zu lernen, ihrerseits einen rücksichtslosen und grausamen Akt darstellten. Aus diesen Erfahrungen bildeten sich zwei Schulen: diejenige von Anna Freud und eine weitere unter der Anhängerschaft von Melanie Klein, mit der Anna in erstaunlicher Direktheit einen Grundsatzstreit austrug. Sie war der Auffassung, dass Melanie Kleins Deutungen das Kind zu sehr überforderten und wollte daher nur neurotisch gestörte Kinder therapieren, während Melanie Klein der Ansicht war, dass jedes Kind einer psychoanalytischen Therapie bedürfe.
Anna Freuds kinderpsychologische Ansätze standen auch im Gegensatz zur Theorie von Alfred Adler (→ siehe dort), der als Individualpsychologe die soziale Komponente in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen betonte. 1927 veröffentlichte Anna Freud ihre erste große Arbeit, die Einführung in die Technik der Kinderanalyse. Im Auftrag des Jugendamtes der Stadt Wien verfasste sie 1930 eine Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen.
Als die Ärzte Sigmund Freud 1923 Kieferkrebs diagnostizierten, wurde Anna Freud für den Vater unentbehrlich: sie arbeitete für ihn als Sekretärin, als Vertraute und als Pflegerin. Da er bereits Schwierigkeiten mit dem Sprechen hatte und keine Reisen mehr unternehmen wollte, erledigte sie alles für ihn. So verlas sie beim Psychoanalytischen Kongress in Homburg im Jahr 1925 Freuds Beitrag Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunterschieds. 1930 nahm sie für den Vater den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt entgegen. Anna Freud bezog Stärke aus der zunehmenden Hinfälligkeit des Vaters und ihre Auftritte in der Öffentlichkeit wurden immer souveräner.
Die politische Entwicklung in Österreich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland erfüllte die Mitglieder der Psychoanalytischen Vereinigung und sowohl Vater als auch Tochter Freud mit Sorge. Deutlich war spürbar, dass nicht nur die persönliche Lebenssituation des Einzelnen einer stetig zunehmenden Bedrohung unterlag, sondern auch die psychoanalytische Theorie immer mehr von der Politik bedroht erschien. Die letzte Sitzung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung fand am 13. März 1938 statt. Bei dieser Sitzung wurde beschlossen, dass angesichts der Erfahrung in Deutschland, jeder, dem es nur irgend möglich war, aus Österreich fliehen sollte. Zahlreiche ausländische Kollegen wie der Amerikaner Walter C. Langer oder die französische Prinzessin Marie Bonaparte bemühten sich, Sigmund Freud aus Österreich herauszuhelfen bzw. ein britisches Visum zu erhalten.
Unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs wurde Anna Freud zur Gestapo zitiert und konnte sie erst Stunden später verlassen. Was dort tatsächlich passierte, bleibt ungeklärt. Der Hausarzt der Familie, der um die Bedrohung der Freuds wusste, hatte Anna für den Fall, dass sie bei der Gestapo gefoltert werden sollte, Veronal gegeben. Anfang Juni 1938 konnten Sigmund Freund, seine Frau, Anna Freud und auch Dr. Schur, der Arzt der Familie, Österreich schließlich verlassen. Auch Dorothy Burlingham wählte das britische Exil. Die Exilanten reisten über Paris, wo sie von Marie Bonaparte erwartet wurden, nach London. Im September bezogen sie ein Haus in Hampstead, in dem Freud ein Jahr später verstarb. Unmittelbar nach ihrem Eintreffen in London wurden Vater und Tochter in die Britische Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Nach dem Tod des Vaters wurde Anna Freud zur Testamentsvollstreckerin des Vaters.
1940 gründete Anna Freud das Kriegskinderheim Hampstead Nurseries, um für ihr Gastland Großbritannien in der schweren Kriegssituation einen Beitrag zu leisten. In dieser Kinderkolonie wurden etwa 80 Kriegswaisen betreut. Nach dem Krieg kümmerte sich Anna zunächst um Waisenkinder aus dem KZ Theresienstadt. 1947 wurde daraus ein Ausbildungszentrum für Kinderanalyse. In diese Institutionen brachte Anna ihre gesamten Kenntnisse und all ihre Energie ein. Von London aus baute sie die Psychoanalytische Vereinigung wieder auf und knüpfte an alle alten Kontakte an, um die Lehren des Vaters weltweit zu verbreiten. 1965 wurde Anna Freud mit dem Titel Commander of the Order of the British Empire ausgezeichnet. Sie unternahm zahlreiche Vortragsreisen und beteiligte sich an internationalen Kongressen. Vor allem in den USA gibt es viele bedingungslose Anhänger des Freudschen Denkgebäudes.
Obgleich sie einen großartigen und wesentlichen Beitrag zur Kinderanalyse leistete, hatte Anna Freud selbst keine Kinder. Der Vater war und blieb die dominierende Persönlichkeit in ihrem Leben. An eine Eheschließung hatte sie nie gedacht. Anna Freuds Leben beherrschten ein Mann, ihr Vater und eine Reihe von Frauen, darunter ältere Vorbilder wie Lou Andreas-Salomé und Marie Bonaparte, ihre Lebenspartnerin Dorothy Burlingham, sowie die engen Freundinnen und Fachkolleginnen Jeanne Lampl-de Groot und Marianne Rie-Kris. Nach Österreich kehrte sie erst im Jahr 1971 anlässlich der Teilnahme am 27. Psychoanalytischen Kongress in Wien zurück. Sie hielt dort einen Vortrag in englischer Sprache.
Anna Freud, die sich bis zu ihrem Lebensende für ihre Kinderklinik einsetzte, starb, nachdem sie im Frühjahr 1982 einen Schlaganfall erlitten hatte, am 9. Oktober desselben Jahres in London. Sie hatte wesentliche Charakterzüge ihres Vaters geerbt: wie er war sie sehr genau, sehr pünktlich und sorgfältig. Im Umgang mit Menschen generell distanziert, ließen beide nur wenige Menschen nahe an sich heran. Am Anfang ihrer Karriere und solange der Vater lebte, stand sie immer in seinem Schatten, was wohl daran liegen mochte, dass sie nicht akademisch ausgebildet, sondern nur beim Vater in die Lehre gegangen war. Sie verhielt sich daher in allen Gremien äußerst scheu und zurückhaltend. So ambivalent der Vater seine emotionalen Stimmungen lebte, so konstant erscheint dagegen die Tochter in ihrer Lebensführung: Weder war sie eitel wie ihr Vater, noch besaß sie sein Savoir vivre, war im Gegenteil äußerst asketisch und auch nicht fähig, wie er ihr Leben in der Spannweite zwischen intensivster Arbeit und exzessiver Freizeit zu leben. Ihr Arbeitsdrang kam nie zur Ruhe, sie soll sogar beim Zuhören geradezu manisch mit Stricken beschäftigt gewesen sein. Schon in Hochrotherd und später im englischen Walberswick pflegte sie ihren Garten leidenschaftlich. Sie las viel, liebte Rainer Maria Rilke und war von der Musik von Richard Wagner und Gustav Mahler begeistert. Anna Freud war kein religiöser Mensch, sie glaubte jedoch an Gerechtigkeit.
Auswahlbibliographie von Sigmund Freuds Werken:
Drei Abhandlungen zur Sexualtherapie (1905), Der Witz und seine Beziehung zum Unterbewusstsein (1905), Totem und Tabu (1913), Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1917), Jenseits des Lustprinzips (1919), Das Ich und das Es (1923), Das Unbehagen in der Kultur (1930), Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939).
Auswahlbibliographie von Anna Freuds Werken:
Einführung in die Technik der Kinderanalyse (1927); Einführung in die Psychoanalyse für Pädagogen (1930); Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936); Kriegskinder (1942, deutsch 1949); Anstaltskinder (1942, deutsch 1950); Normality and Pathology in Childhood. Assessments of Development (1965), dt.: Wege und Irrwege in der Kinderentwicklung (1968); Jenseits des Kindeswohles (1974); Diesseits des Kindeswohles (1979); In the best Interest of the Child (posthum 1985).
Julius Wagner-Jauregg
* 7. März 1857 Wels, † 27. September 1940 Wien
Neurologe und Psychiater
Der Sohn eines Juristen und Finanzrates wurde noch während des Medizinstudiums Assistent bei dem österreichischen Pathologen und Histologen Professor Salomon Stricker in allgemeiner und experimenteller Pathologie. 1883 nahm Wagner-Jauregg eine frei werdende Stelle in der psychiatrischen Klinik in Wien an. Bereits 1885 wurde er habilitiert. Zwei Jahre später übernahm er die Leitung der Klinik von Max Leidesdorf. Zwischen den Jahren 1889 und 1893 hatte er eine außerordentliche Professur für Nerven- und Geisteskrankheiten in Graz inne. 1893 kehrte er als Ordinarius und Klinikdirektor nach Wien zurück. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1928 wirkte er an der Wiener Psychiatrischen Klinik.
Wagner-Jaureggs erfolgreiche Versuche, die durch Syphilis hervorgerufene progressive Paralyse mit einer künstlich herbeigeführten Malariainfektion zu bekämpfen, beruhten auf Beobachtungen, über die bereits Hippokrates berichtete. Bereits 1887 begann er mit ersten Experimenten mit Tuberkulosebakterien. Erst dreißig Jahre später stellte sich jedoch ein durchschlagender Erfolg ein, nachdem er einem Patienten das Blut eines Tertiana-Malariakranken injiziert hatte. Andere Versuche mit Malaria tropica gingen hingegen tödlich aus, weswegen der Österreicher schweren Anschuldigungen ausgesetzt wurde. Letzten Endes etablierte sich die Malaria-Impfung jedoch als die klassische Therapie für Paralyse und andere schwere Psychosen und trug dem Wiener Neurologen 1927 den Nobelpreis für Medizin ein. Damit ist er der einzige Psychiater, dem der Nobelpreis für Medizin verliehen wurde. Durch die Anwendung der neu entdeckten Antibiotika in den 1940er Jahren wurden seine Forschungsergebnisse allerdings obsolet.
Wagner-Jauregg beschäftigte sich darüber hinaus mit der Schilddrüsenerkrankung des Kretinismus, die infolge von Jodmangel Entwicklungsstörungen des Skelett- und Nervensystems hervorruft. Als Vorbeugung initiierte er die Trinkwasserjodierung, die heutzutage noch immer üblich ist. Auch war der Neurologe vielfach als Gerichtssachverständiger in Fragen der Zurechnungsfähigkeit von Straftätern im Einsatz.
An der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert wurde Wagner-Jauregg wegen seiner rassehygienischen Ansichten vermehrt angegriffen, eine Aberkennung des Ehrengrabes der Stadt Wien bzw. eine erläuternde Ergänzungstafel zu seiner Büste im Arkadenhof der Wiener Universität werden erwogen.
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